Kaltes Land - Norbert Horst - ebook

Kaltes Land ebook

Norbert Horst

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Opis

Er hat Macht, er hat Geld, doch seine Identität kennt niemand. Aus dem Dunkel zieht er die Fäden und handelt mit allem, was viel Geld bringt: Drogen, Waffen und Menschen. Sein Glück: Mit dem Flüchtlingsstrom kommen viele Verzweifelte nach Deutschland und müssen abtauchen. Unter ihnen findet er die willfährigen Handlanger für seine Geschäfte. Als einer von ihnen an einem verschluckten Päckchen Kokain stirbt, ermittelt Kommissar Steiger. Steiger, der sich mit seinen Chefs anlegt, der aber Gerechtigkeit will um jeden Preis, auch für die, die offiziell gar nicht existieren. Er wird nicht aufgeben, bis er ihn gefunden hat – den Mann im Hintergrund.

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Buch

Er hat Macht, er hat Geld, doch seine Identität kennt niemand. Aus dem Dunkel zieht er die Fäden und handelt mit allem, was viel Geld bringt: Drogen, Waffen und Menschen. Sein Glück: Mit dem Flüchtlingsstrom kommen viele Verzweifelte nach Deutschland und müssen abtauchen. Unter ihnen findet er die willfährigen Handlanger für seine Geschäfte. Als einer von ihnen an einem verschluckten Päckchen Kokain stirbt, ermittelt Kommissar Steiger. Steiger, der sich mit seinen Chefs anlegt, der aber Gerechtigkeit will um jeden Preis, auch für die, die offiziell gar nicht existieren. Er wird nicht aufgeben, bis er ihn gefunden hat – den Mann im Hintergrund.

Weitere Informationen zu Norbert Horst sowie zu lieferbaren Titeln des Autors finden Sie am Ende des Buches.

Autor

Norbert Horst ist im Hauptberuf Kriminalhauptkommissar und hat in zahlreichen Mordkommissionen ermittelt. Der Autor ist verheiratet und hat zwei Kinder. Für seinen ersten Roman, »Leichensache«, erhielt er den Friedrich-Glauser-Preis für das beste Krimidebüt; »Todesmuster« wurde mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnet. »Splitter im Auge«, den ersten Roman aus der Serie um Kommissar Steiger, zählte die KrimiZEIT-Bestenliste zu den zehn besten Spannungsromanen des Jahres 2012.

Norbert Horst im Goldmann Verlag:

Die Kriminalromane mit Kommissar Kirchenberg

Leichensache ( auch als E-Book erhältlich)

Todesmuster ( auch als E-Book erhältlich)

Blutskizzen ( nur als E-Book erhältlich)

Sterbezeit ( auch als E-Book erhältlich)

Die Kriminalromane mit Kommissar Adam, genannt Steiger:

Splitter im Auge ( auch als E-Book erhältlich)

Mädchenware ( auch als E-Book erhältlich)

Für meine Kolleginnen und Kollegenbei der Polizei

Norbert Horst

Kaltes Land

Kriminalroman

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1. Auflage

Originalausgabe Oktober 2017

Copyright © 2017 by Wilhelm Goldmann Verlag

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30827 Garbsen.

Gestaltung des Umschlags: UNO Werbeagentur München

Umschlagfoto: Istockphoto / Getty Images / Giorgio Fochesato

Redaktion: Gerhard Seidl

BH · Herstellung: kw

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN: 978-3-641-20501-0V001

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1

August 2010

Er erwachte von dem Geräusch.

Ein paar Augenblicke klang es noch in ihm nach, dann verlor es die Lebendigkeit, die ihm der Traum gegeben hatte, und glitt in die Erinnerung. Aus der konnte er es jetzt wieder hervorholen, konnte sich vorstellen, wie es sich anhörte, wenn ein Geschoss auf einen Körper trifft, aber dann kam dieses kleine, dünn klingende Klopfen aus der Vergangenheit. Im Traum war es Gegenwart gewesen, nah und da und unmittelbar, so wie jetzt das leise Rascheln der Zeltplane und der Klang der irakischen Wüste dahinter. Wobei es ein Unterschied war, ob das Geschoss den Körper dort traf, wo Kleidung es dumpfer, fast milder machte, sodass es noch unbedeutender schien und ihm auch diese kleine, helle Schärfe genommen wurde, wenn es direkt auf die Haut traf, wie auf das Gesicht seines Vaters, als er an einem sonnigen Nachmittag mit ihm durch die Straßen Richtung Minutkaplatz gegangen war. Er hatte das Geräusch gehört, noch bevor er in der großen, warmen Hand das kurze Beben spürte. Sein Vater war gestürzt, ohne ein Wort, einen Laut von sich zu geben, und hatte dagelegen mit diesem Trichter im Hinterkopf, aus dem Knochensplitter ragten und aus dem Blut und eine rote Masse flossen.

Später, in den Jahren des Kampfes im zweiten Krieg, war dieser Anblick alltäglich gewesen, die geschundenen Körper, die zerschossenen Gesichter, die herrenlosen Glieder. Aber an dem Tag war dieses Bild so bizarr und fremd gewesen, dass ein Dreizehnjähriger es ebenso wenig begreifen konnte wie jenes ein paar Wochen zuvor, als er seinen Vater in der Ruine suchte, in deren Keller er und seine Kämpfer für eine gewisse Zeit ihren Posten eingerichtet hatten. Die Wachen kannten ihn, machten freundliche Scherze und tätschelten ihm im Vorbeigehen den Kopf. Einer der beiden russischen Soldaten hatte schon im Kellergang gelegen, sein Gesicht war eine rote, schmutzige, verkrustete Fläche gewesen, und seine Finger waren unnatürlich verdreht. Den Schuss hatte er gehört in dem Augenblick, als er die Tür zu dem Raum öffnete, aus dem der Lichtschein kam. Sein Vater hatte mit der Pistole in der Hand neben dem Mann gestanden, der gefesselt und vornübergebeugt auf dem Stuhl saß. Sein Kopf hing so weit herunter, dass eine Haarsträhne die Knie berührte, und über dem Ohr war dieselbe Wunde gewesen. Sein Vater hatte ihn lange angesehen, sich schließlich vor ihn hingekniet und ihn umarmt. Es ist furchtbar, hatte er gesagt, ich weiß, doch manchmal muss man furchtbare Dinge tun. Und wenn eine Sache gerecht ist, sind es auch die Dinge, die wir dafür tun. Unsere Sache ist gerecht, vergiss das nie. Du bist sehr klug, mein Junge, du wirst es verstehen. Und jetzt geh!

Nicht den Tag, auch nicht den Monat hätte er nennen können, wann es angefangen hatte, dass sich diese Bilder vor dem Schlaf in sein Bewusstsein zwängten und er dann davon träumte, erst hin und wieder, dann immer öfter, und mittlerweile bestanden all seine Nächte schon lange aus diesen Träumen und all seine Träume aus diesen Bildern. Er sah das tote Gesicht seines Vaters, die abgerissenen Hände und Arme, er roch den süßlichen Duft, der im heißen tschetschenischen Sommer bald durch die Mauern der zerbombten Häuser geweht hatte. Aber aus seinen Träumen gestoßen wurde er immer von diesem Geräusch, das so belanglos war, wenn der Schuss von weit her kam und man ihn nicht hörte, das man, hätte man es für sich allein in einer Hotellobby oder auf der Straße gehört, wahrscheinlich gar nicht wahrgenommen hätte, weil es so klein und grau war. Aber wenn man seinen Ursprung kannte, seine Bedeutung, überhörte man es auch in einem Inferno nicht.

Erst ganz leise, dann immer deutlicher drängte sich in dieses Gemisch aus Vorstellung und Realität das Surren und Heulen eines Motors, das lauter wurde und schließlich in direkter Nähe des Zelts stoppte. Türen schlugen, er hörte Stimmen, die aufgebracht arabische Worte sprachen, und sein Arabisch war auch nach den wenigen Monaten so gut, dass er es verstand.

Ahmed auf der Liege neben ihm war ebenfalls erwacht und hatte sich mit der Waffe in der Hand aufgesetzt. Dzhamal stand auf, schob die Plane ein Stück zur Seite und sah einen Mann im Scheinwerferlicht vor dem Jeep knien. Die Haltung seiner Arme verriet auf den ersten Blick, dass seine Hände auf dem Rücken gefesselt waren.

»Hol den Tschetschenen«, sagte Hassan zu Habib, dem Dritten von ihnen, der auch über Nacht bei den Laborzelten blieb.

Dzhamal verließ den Eingang des Zelts und ging auf Hassan zu, der sich hier Abu Ali nannte.

»Du brauchst niemanden holen zu lassen, Abu Ali, hier bin ich.«

Hassan stieß den Knienden im Vorbeigehen mit dem AK 47, dass er einen Moment sein Gleichgewicht verlor, sich aber wieder fing.

»Kennst du ihn?«

Jetzt, aus unmittelbarer Nähe erkannte Dzhamal, was er nach dem ersten Blick geahnt hatte. Der Mann, der dort im Staub kniete, war Ramzan.

»Du weißt, dass ich ihn kenne.«

»Wie lange kennst du ihn schon?«

»Viele Jahre, wir haben zusammen in Tschetschenien gekämpft. Du weißt auch das.«

Hassan hielt sein Gewehr schräg vor der Brust gekreuzt und trat bis auf einen halben Meter an Dzhamal heran.

»Dann wusstest du auch, dass er es mit Männern macht?«

Dzhamal versuchte, Ramzan anzusehen, konnte aber dessen Augen nicht erkennen, weil die Scheinwerfer in seinem Rücken das nicht zuließen. Sie waren befreundet seit ihrer Kindheit, und er wusste, dass Ramzan Männer mochte. Gesehen hatte er es nie, und Ramzan war ihm auch nie zu nah gekommen, aber darüber gesprochen hatten sie in all den Jahren nicht.

»Wer sagt das?«

»Die Brüder, die ihn mit einem Mann erwischt haben.«

Der kniende Schatten bewegte sich und hob den Kopf, aber es war im hellen Gegenlicht auch keine Regung in Ramzans Gesicht zu erkennen. Ein leichter Wind bewegte eine Haarsträhne und trug vom Chemiezelt den leichten Geruch von Essigsäure mit sich.

Sie hatten sich hier wiedergesehen. Ramzan und andere Kämpfer waren aus den Rückzugsgebieten in den Tälern des Kaukasus gekommen, als es auch dort zu unsicher wurde; er war nach Jahren aus Deutschland hierhergekommen, um wieder mit der Waffe zu kämpfen. Nach ihrer Ankunft waren sie eine Zeit gemeinsam in einigen Lagern gewesen und hatten zusammen an Aktionen teilgenommen, bis sich vor zwei Monaten ihre Wege trennten. Sein Wissen sei zu wertvoll, hatten sie gesagt und ihn zu diesem Labor gebracht. Seither hatte er Ramzan nicht mehr gesehen.

»Und das ist noch nicht alles. Er ist ein verdammter Deserteur.« Hassan nahm ein Mobiltelefon aus seiner Tasche, rief etwas auf und reichte es Dzhamal. »Sieh selbst, Tschetschene.«

Dzhamal erkannte die Lage sofort, in der Ramzan sich befand, denn dieses war eines der Worte, die nur eines zur Folge haben konnten. Es waren in den Monaten, seit sie hier waren, immer wieder Kämpfer überführt und verdächtigt worden, desertieren zu wollen, und es gab immer nur ein Urteil, das sie erwartete. Er blickte auf das kleine Display, aber seine Gedanken erfassten nicht die Worte, die dort standen.

Zuletzt hatte Ramzan Zweifel gehabt, Dzhamal wusste das, sie hatten darüber gesprochen nach Aktionen, bei denen es viele Tote gegeben hatte, auch Frauen und Kinder. Und ihm war klar, es konnte nur einen Grund geben, warum Hassan einen Verurteilten zu diesem versteckten Ort brachte, warum er ihn zu ihm brachte.

»Wer hat es entschieden?«, fragte Dzhamal, obwohl er es wusste. Vielleicht hatte Hassan es auch selbst entschieden, er gehörte zum Sicherheitsdienst und hatte die Macht dazu.

»Es ist entschieden …« Hassan machte eine Pause und kam noch ein paar Zentimeter näher. »Und du hast die ehrenvolle Pflicht.«

Er trat einen Schritt zurück und änderte ein wenig die Haltung seiner Kalaschnikow. Dzhamal kannte nicht den Grund, aber Hassans Abneigung ihm gegenüber war von Anfang an zu spüren gewesen.

»Jetzt. Hol deine Waffe!«

Dzhamal ließ den Blick langsam zu Ramzan wandern und sah ihn für einen kurzen Moment an, aber immer noch konnte er das Gesicht nicht erkennen. Mit kleinen Schritten ging er ins Zelt, blieb lange vor seinem Lager stehen und fasste dann die Heckler & Koch, die daran lehnte. Er nahm den Aufruhr in sich wahr, der heftiger und ein anderer war, als jener in den Momenten, wenn er im Kampf auf einen Menschen anlegte in dem sicheren Wissen, dass sein Schuss töten würde, aber er konnte nichts dagegen tun. Für einen kurzen Augenblick suchte etwas in ihm nach einem Ausweg aus der Situation, aber als ihm klar wurde, dass es keinen gab, dachte er an seinen Vater, wie er vor ihm kniete und zu ihm sprach.

Mit zügigen Schritten ging er nach draußen, drückte den Sicherungshebel nach unten und legte schnell an. Er zielte nicht aus dieser Entfernung, blickte über das Dioptervisier hinweg und hielt auf die Schattenfigur. Aber seine Hand war wie gelähmt, und er war nicht imstande, den Finger zu krümmen.

»Du kannst ihn nicht retten, Tschetschene, erfüll deine Pflicht«, sagte Hassan, als er das Zögern wahrnahm.

Aber das Inferno in seinem Innern erfasste seinen Arm, seine Hand, seinen Körper und ließ die Waffe beben.

»Er wird sterben«, sagte Hassan, »so oder so. Du kannst nur sein Leiden verkürzen.«

Mit diesen Worten hob er die Kalaschnikow ein wenig an und schoss Ramzan in den Oberschenkel.

Der schrie auf, kippte zur Seite und versuchte, mit den gefesselten Händen das Bein zu fassen, was nicht gelang.

Dzhamal nahm die Stille wahr, die nach einem Schuss immer größer zu sein schien als davor, roch wieder den essigsauren Wind und konnte sein Zittern kaum noch beherrschen.

Mit einer kaum wahrnehmbaren Bewegung schoss Hassan ein zweites Mal und traf den Liegenden wieder an den Beinen. Erneut schrie Ramzan auf, dass seine Stimme sich überschlug, aber bald wurde aus dem Schreien ein Stöhnen, ein gepresstes Gurgeln.

Obwohl Dzhamal seine Augen nicht von dem sich windenden Bündel nahm, war er sicher, dass Hassan ihn ansah, als er ein drittes Mal schoss. Jetzt schrie Ramzan nicht mehr, nur sein Stöhnen wurde für einen Augenblick höher und lauter, und dann hörte Dzhamal in diesem Stöhnen ganz leise wie von weit her seinen Namen, und es klang sanft und verstehend und voller Hoffnung.

Ganz langsam, als legte sich eine Hand auf die seine, verebbte das Beben in seinen Gliedern, beruhigte sich das glühende Wirbeln in ihm, versiegte das Schreien. Dann schoss er Ramzan zweimal in die Brust.

Er nahm wahr, dass der zitternde Körper sich nicht mehr regte, dass die beiden Kämpfer, die mit Hassan gekommen waren, ihn auf die Ladefläche des Pick-ups luden, dass alle davonfuhren.

Lange sah er dem Wagen hinterher, auch dann noch, als die Lichter längst verschwunden waren. Schließlich ging er ins Zelt, legte sich auf das Klappbett und starrte auf die Plane, die sich leicht im Wind bewegte.

Am Morgen würde ein Lkw mit einer großen Ladung kommen, die verarbeitet und verpackt werden musste.

Irgendwann schloss er die Augen.

Es waren keine Bilder mehr da.

2

August 2016

Jana fuhr den Zafira, und als am Funk ein Streifenwagen irgendwelche arabischen Personalien überprüfte, drehte sie die Lautstärke herunter, damit er nicht mithören konnte. Sie hatten darauf verzichtet, ihn zu fesseln, weil nichts an ihm einen Zweifel daran aufkommen ließ, dass er seine Zusage einhalten würde.

Steiger konnte sich nicht erinnern, wann er zuletzt einen so schönen Menschen gesehen hatte. Nicht, dass er für so etwas bei Männern besonders empfänglich war, aber dieser junge Bursche, der jetzt auf dem Rücksitz des Dienstwagens neben ihm saß, schien zu leuchten selbst in seiner Resignation. Sein Haar war kastanienbraun mit tief in den Nacken laufendem Haaransatz, und er hatte eine Frisur, die Steiger an James Dean erinnerte, das Haar nur ein wenig welliger, sodass ihm eine verdrehte Strähne in die Stirn fiel. Steiger dachte daran, irgendwo gelesen zu haben, dass Symmetrie ein wichtiger Faktor ist, wenn Menschen ein Gesicht als schön empfinden, und er tastete mit seinem Blick unauffällig die Linien und Schwünge ab. War dieses Gesicht symmetrisch? Seine Mutter hatte früher immer davon gesprochen, dass jemand ein ebenmäßiges Gesicht besaß. Was immer sie damit gemeint haben mochte, aber es war so etwas wie die Krönung der Schönheit und hatte in ihrer Welt für Menschen wie Grace Kelly oder Ingrid Bergman gegolten. Hätte sie auch das Gesicht dieses Jungen ebenmäßig empfunden? Am ungewöhnlichsten waren seine Augen. Sie waren hell, in nordischen Breiten nichts Ungewöhnliches, aber diese Augen waren hellbraun, sie hatten fast die Farbe von Sand. Nie hatte er jemals solche Augen gesehen, da war er sich sicher.

Auf dem Weg vom Parkplatz zum Präsidium nahmen sie ihn nicht wie üblich eng in die Mitte, weil es ihm aus jeder Pore rann, dass er aufgegeben hatte.

Bei einer Kontoeröffnung war sein falscher bulgarischer Pass aufgefallen, und die Bank hatte ihnen den Termin für das nächste Gespräch mitgeteilt. Sie hatten gewartet, und er war gekommen.

Im Büro schob Steiger ihm einen Stuhl hin, setzte sich gegenüber und sah ihn einen längeren Moment an.

»Warum sprichst du so gut deutsch?«

»Ich hab hier mal länger gelebt.« Er sprach nur mit leichtem Akzent, der sich fast ein wenig bayerisch anhörte.

»Bevor wir weiterreden, muss ich dich belehren. Du bist Beschuldigter in einem Strafverfahren, weil du illegal hier bist, jedenfalls ist das unser Verdacht. Und als Beschuldigter musst du bei der Polizei nichts sagen. Du kannst vorher einen Anwalt fragen oder sogar die ganze Sache darüber laufen lassen, Beweisanträge kannst du auch noch stellen, aber die Sache mit der Aussage ist das Wichtigste. Du musst hier nichts sagen, verstanden?«

Schon bei Steigers letzten Worten schüttelte er den Kopf.

»Nein, es ist eh vorbei, und ich bin irgendwie froh, dass es vorbei ist. Schon als ich heute zur Bank ging, wusste ich es, war so ein Gefühl. Ich sag Ihnen alles, was Sie wissen wollen.« Er stützte sich mit den Ellbogen auf den Knien ab und sah zu Boden.

»Du bist kein Bulgare, stimmt’s?«

»Ja.« Ohne hochzusehen.

»Was bist du dann? Albaner?«

Er nickte schwach.

Steiger sah Jana an, die auf dem Aktenbock saß, die Arme ausbreitete und die Handflächen nach oben drehte.

»Du hast hier mal gelebt, sagst du. Wann?«

Er richtete sich wieder auf und sah Steiger an.

»Als ich ein halbes Jahr alt war, sind meine Eltern nach Deutschland gegangen, nach Rosenheim, ich war da im Kindergarten und in der Schule, bis zur vierten Klasse.«

»Und dann?«

»Dann sind meine Eltern wieder zurück nach Albanien, weil hier alles nicht so funktionierte, wie sie sich das vorgestellt hatten. Und ich musste mit, obwohl ich nicht wollte. Aber wird man gefragt als Zehnjähriger? Ich hatte alle meine Freunde hier, war in einer Fußballmannschaft, ach …«

Für ein paar Sekunden vertrieb der Zorn die Resignation aus seinem Gesicht.

»Und irgendwann bist du zurückgekommen. Wie lange bist du jetzt hier?«

»Ein halbes Jahr ungefähr. Bin erst wieder nach Rosenheim gegangen, weil das doch meine Stadt ist. Aber da war nichts zu machen. Asyl gibt es hier eh nicht für Albaner und eine Aufenthaltsgenehmigung schon gar nicht. Ich hatte mir schon eine Wohnung gesucht bei einem Landsmann, den ich kennengelernt hatte, der ist mit einer Deutschen verheiratet. Und bei der Ausländerbehörde habe ich ihnen erzählt, dass ich da zur Schule gegangen bin, dass ich doch gut genug deutsch spreche, um überall zu arbeiten, was ich auch wollte, ich wollte keine Sozialhilfe. Ich hab ihnen gesagt, dass das doch meine Stadt ist.« Er hob den Kopf, sah aus dem Fenster, und sein Kampf gegen die Tränen war tapfer, aber verloren. »Aber sie wollten mich da einfach nicht.«

Einen Moment war nur das harte Ticken der Schalke-Uhr über der Tür zu hören.

»Und dann hast du dir gedacht, scheiß auf Gesetze, bleibe ich einfach illegal hier und besorg mir einen falschen Pass?«

Jana erwiderte Steigers Blick nicht, sondern behielt nach ihren Worten nur ihn im Auge.

Sie kannten sich jetzt vier Jahre, fuhren im Einsatztrupp meistens miteinander, immer dann, wenn es ging, und Steiger hatte sich schon lange eingestanden, dass sie ein Glücksfall war, für das Team und für ihn, weil sie ihn mit einigem versöhnt hatte. Es passte einfach, und er wusste, dass sie es ähnlich sah. Sie hatten sich viele Nächte vor irgendwelchen Objekten um die Ohren geschlagen und dabei geschwiegen und geredet, was beides irgendwie verband. Er wusste manches von ihr. Dass ihr die russische Herkunft manchmal peinlich war, wenn ihre Mutter immer noch mit breitem Akzent die Vokale zog. Er wusste von den Problemen einer ihrer Brüder, auch mit der Polizei. Er wusste, dass sie etwas werden wollte bei der Polizei und sich selbst verachtete, wenn sie deshalb in manchen Situationen den Mund hielt. Aber warum sie keine Traurigkeit ertrug, nicht bei sich und nicht bei anderen, das hatte er noch nicht herausgefunden.

Er nahm den Pass und blätterte.

»Georgi Kostadinow … Wie ist dein wirklicher Name?«

»Amir Berisha.«

»Und wie alt bist du, Amir?«

»Das Geburtsdatum stimmt.«

»Dann bist du neunzehn.« Steiger sah auf die Finger Amir Berishas, die dieser unentwegt bog und knetete. Ihm kam die Textzeile aus einem Lied aus der Schulzeit hoch, irgendein Protestsong, in dem es um einen fast neunzehnjährigen Soldaten ging, in dessen Grab vielleicht nur eine Hand lag oder ein Bein, aber ihm fiel der Titel nicht ein. »Woher hast du den Pass?«

»Aus München, vom Hauptbahnhof. Ein Bekannter kannte da jemanden.«

»Was hast du dafür bezahlt?«

»Fünfzehnhundert Euro. Da waren noch ein Führerschein und eine bulgarische Identitätskarte dabei.«

Steiger schüttelte den Kopf und warf den Pass auf den Tisch. »Dafür hättest du keinen Fuffi bezahlen dürfen. Es ist eine ziemlich beschissene Fälschung mit heftigen Fehlern, darum bist du auch aufgeflogen. Tausendfünfhundert sind ein Witz dafür.«

Amir Berisha richtete sich auf und zuckte mit den Schultern. »Was hätte ich machen sollen, das war meine letzte Hoffnung. Und ich habe keine Ahnung von solchen Dingen. Ich habe ihm die Hälfte des Geldes gegeben, er hat Bilder gemacht, und nach zehn Tagen waren die Sachen fertig.«

Jana erhob sich vom Aktenbock, setzte sich an ihren Schreibtisch und startete den Rechner. »Ich schreib das mal so auf, okay.« Ihr Ton war wieder sanfter, aber sein kleiner Anfall von Traurigkeit war ja auch vorüber.

»Wo wohnst du hier?«, fragte Steiger.

»Ich habe ein möbliertes Zimmer in der Uhlandstraße, erst mal, weil es preiswert war. Hätte mir jetzt was anderes gesucht, nachdem ich den Job im Krankenhaus hatte.« Amir Berisha machte eine kleine Pause und zog die Stirn kraus. »Kann ich da mal anrufen, die warten nämlich gleich auf mich, weil mein Dienst beginnt. Eigentlich.«

Jana begann zu schreiben, und für einen Moment lenkte das Prasseln der Tasten seinen Blick ab, aber die Hände kämpften weiter miteinander. Sie waren schlank, und Steiger fiel auf, dass sie nicht nur sauber waren, sondern dass er gepflegte Nägel hatte, die absolute Rarität bei ihrer Kundschaft.

»Wie bist du an den Job im Krankenhaus gekommen, und was ist das überhaupt für eine Arbeit?«

»Ich habe mich auf eine Internetanzeige gemeldet. Am Anfang habe ich nur so mitgeholfen bei allem Möglichen, zum Schluss habe ich die Instrumente für die Operationen gereinigt.«

»Und für dein Gehalt brauchtest du das Konto?«

»Ja, ohne Konto ging es nicht.«

Er hat einen Job und eine Wohnung, er spricht perfekt Deutsch, und er kämpft mit aufrechter Seele um sein Glück, aber er wird dieses Land genauso verlassen wie die Seriendiebe und Dealer mit fünf Aliasnamen, die sonst ihre Kunden waren und denen deutsche Gesetze so scheißegal waren wie irgendein Gott, wie immer er heißen mochte, dachte Steiger, als er Ben Strecker anrief. Sie würden ihn ausweisen, das war klar, und wenn er ging und nicht untertauchte, konnte er es in drei Jahren wieder mit einem Visum versuchen.

Jana fragte Amir Berisha nach seinen Daten, trug sie in den Personalbogen ein, und der Chef der Ausländerbehörde bestätigte am Telefon Steigers Vermutungen, was ihn nicht überraschte, so lief es eben.

Auf dem Weg zum Auto machten sie einen kleinen Umweg über den Erkennungsdienst, um noch Amirs Fingerabdrücke zu nehmen und seine Schönheit für spätere Polizistengenerationen festzuhalten.

»Gibt es denn keine Chance?«, fragte er zum Schluss. »Ich kann da nicht hin zurück, das geht nicht.«

»Wenn du keinen Scheiß machst, kannst du es in drei Jahren mit einem Visum versuchen«, sagte Steiger, als er neben ihnen den endlosen Flur entlangging, »und wenn dein Chef im Krankenhaus so große Stücke auf dich hält, kannst du doch vielleicht einen Deal mit ihm machen, da sind die Chancen dann gar nicht so schlecht.«

Amir sagte nichts, sah nicht einmal hoch, sondern ging still weiter.

Irgendwo schlug eine Tür.

3

April 2016

Nach Urin stank es schon seit Stunden, aber jetzt hatte sich auch jemand vollkommen entleert, das war deutlich zu riechen. Wer es war, ließ sich kaum feststellen, dafür saßen die gut zwanzig Menschen zu dicht gedrängt auf der Ladefläche des kleinen Kastenwagens, und es spielte auch keine Rolle.

Am Anfang war die Enge angenehm gewesen, weil es kalt war. Jetzt hoffte Arjun, dass es nicht von irgendwoher unter ihm feucht wurde. Hin und wieder nahm er die Hände aus seinen Handschuhen und tastete vorsichtig das Blech unter ihm ab. Er hatte seit Stunden nichts getrunken, und die Männer hatten ihnen auch nur vier Flaschen Wasser für alle gegeben, weil sie wussten, dass es eine lange Fahrt ohne Stopp werden würde.

Zweimal war er schon eingenickt, und all die Jahre hatte er dann immer diese Szene geträumt, wie sein Vater ihm zuwinkte, lachend, das hatte er sehen können auch auf die Entfernung, und im nächsten Moment war dort nur Staub gewesen, von einem Moment auf den anderen, als habe da nie jemand gestanden, weggezaubert, blitzschnell, und noch bevor er den Knall gehört hatte, spürte er einen Wind im Gesicht. Es war das letzte Bild seines Vaters, das er in sich trug seit damals. Denn danach hatten sie ihn nicht zu ihm gelassen, obwohl die Männer Tücher genäht hatten, in denen sie das, was noch zu finden gewesen war, eingesammelt hatten. Aber seinen Vater ließen sie ihn nicht mehr sehen.

Jetzt, vor diesem Erwachen war ihm dann das Bild von Nesrin erschienen, wie sie weinte, wenn er sie in den Tagen vor dem Abschied an sich drückte und den schmalen Kopf in seinen Händen hielt. Wohin willst du?, hatte sie gefragt, und er hatte ihr gesagt, nach Deutschland. Als sie ihn fragte, warum, hatte er gesagt, weil es dort sicherer ist und keinen Krieg gibt, und für alle von allem genug. Ob es dort warm ist, warm wie in Afghanistan, hatte sie wissen wollen. Ganz sicher wird es dort warm sein, hatte er geantwortet, und wenn es kalt ist, machen sie es warm. Und warum nimmst du mich nicht mit?, war ihre letzte Frage gewesen, und er hatte ihr etwas vom langen, beschwerlichen und gefährlichen Weg erzählt und dass sie noch zu jung sei mit ihren elf Jahren.

Dass das Geld von Onkel Belal zunächst nur für einen weiteren aus der Familie reichte und der Onkel ihn mitnehmen wollte, sagte er nicht.

Wieder tastete er, ob es feucht unter ihm wurde, aber so genau konnte er es gar nicht fühlen, weil sich in der klammen, atmenden Kälte alles feucht anfühlte.

Sie hatten mehrere solcher Gespräche geführt, seit Nesrin gehört hatte, dass er fortgehen würde, und am Ende musste er ihr immer versprechen, dass er zurückkommen und sie holen würde, beim Namen seines toten Vaters musste er ihr das versprechen.

Er wischte der kleinen Schwester die Tränen von der Wange, und sie begann zu lachen.

»Ach, da bist du ja, du holst mich schon.«

Sie stand auf, nahm ihn bei der Hand, und sie gingen durch die Tür ihres Hauses in den Hof, wo in der gleißenden Sonne ein Pferd mit sandfarbenem Fell stand, das auf seinem Rücken einen Sattel trug, an dem bunte Bänder wehten. Er hob sie hinein, fast schwerelos sank sie in den Sitz, der so groß war, dass vor ihr noch Platz für ihn war. Sie lächelte immer noch und sagte: »Komm …«

Er öffnete die Augen und hatte wie immer keinerlei Gefühl dafür, wie lange er geschlafen hatte. Es war still, wahrscheinlich war er davon erwacht. Kein Ruckeln der Straße mehr, kein Dröhnen des Motors, nur der Atem der Menschen neben ihm, ein paar Huster dazwischen.

Jemand öffnete von außen die Tür, und Arjun konnte sehen, dass es Abend oder Nacht war. Einer der Männer rief etwas in einer Sprache, die er nicht verstand, dann sagte ein anderer in Paschtu, dass sie aussteigen sollten. Arjun sprang von der Ladefläche, hüpfte, trampelte und rieb sich die Beine, um wieder etwas Leben in sie hinein zu bekommen. Dann stellte er sich in die Reihe der anderen Männer und entleerte seine Blase. Die Frauen und auch einige Männer waren einige Meter weiter ins Gebüsch gegangen, wo man sie in der Dunkelheit nicht sehen und nur jene Geräusche hören konnte, die so würdelos klangen, wenn sie in dieser Weise öffentlich wurden. Er sah sich um und erkannte ringsum schwarze Wipfel vor dem nicht ganz so schwarzen Himmel.

»Kann ich etwas Wasser haben?«, fragte er den Mann, der Paschtu gesprochen hatte.

»Ich habe kein Wasser. Was glaubst du, wo du hier bist? Ich bin nicht deine Mutter.«

Er sagte es, ohne Arjun anzusehen.

Eine Hand auf seiner Schulter ließ ihn erschrecken, aber sie gehörte einem der anderen Männer, der ihm eine Plastikflasche mit einem Rest Wasser gab. Arjun bedankte sich und trank es schneller, als er es sich vorgenommen hatte. Wenn du großen Durst hast, trink langsam, hatte seine Mutter immer gesagt, erst recht, wenn das Wasser knapp ist.

Dann trieben die Männer zur Eile, weil man die Dunkelheit ausnutzen müsse, sagte der Paschtune. Arjun nahm seinen Rucksack, in dem noch drei Unterhosen, ein T-Shirt und die neuen Adidas-Turnschuhe waren, die er sich für Deutschland aufheben wollte. Er suchte sich einen Platz in der langen Reihe, die der Taschenlampe folgte. Wieder gingen sie durch einen Wald.

Er hatte aufgehört, die Tage zu zählen, wie lange er unterwegs war, aber es war der zehnte Tag ohne Onkel Belal. An der iranischen Grenze hatte man sie hektisch in mehrere Gruppen aufgeteilt, weil Soldaten kamen, und sie waren getrennt worden. Seitdem hatte er Onkel Belal nicht wiedergesehen. Er betete zu Gott, dass er lebte, dass er in einer anderen Gruppe ging und sie sich wiederfinden würden. Die Gruppe war seit ihrem Start nicht mehr dieselbe, an manchen Stopps kamen Menschen hinzu, manchmal fiel ihm auf, dass er andere tagelang nicht gesehen hatte. Er hatte die Männer gefragt, die sie führten, aber das war sinnlos gewesen. Seit sie in Kabul in den Lkw gestiegen waren, hatten sie verschiedene Begleiter gehabt, aber alle waren hart und streng und ungnädig gewesen. In manchen Situationen, wenn jemand zu sehr aufbegehrte, hatten einige der Begleiter sogar geschlagen. Onkel Belal hatte es ihm nicht erzählt, aber im Lauf der Reise war ihm von anderen gesagt worden, wie viel Geld sie alle für diese Reise bezahlt hatten, und Arjun fragte sich, warum sie sich dann behandeln lassen mussten, als stählen sie diesen Männern ihre Zeit und täten ihnen etwas Schlimmes an.

Er trottete weiter durch die Dunkelheit und hatte sich angewöhnt, bei diesen Märschen nicht auf seine Angst zu achten, nicht auf die Müdigkeit, sondern alles in sich abzuschalten, was nicht notwendig dafür war, einen Fuß vor den anderen zu setzen und dem Vordermann zu folgen, auch wenn seine Beine vom langen Sitzen immer noch schmerzten und nicht richtig zu funktionieren schienen.

Der Mann, der ihm das Wasser gegeben hatte, war der Meinung gewesen, sie müssten bald in der Türkei sein, und Arjun hoffte, dass dieser Marsch nicht so lang sein würde wie andere. Manchmal waren sie mehrere Tage und Nächte unterwegs gewesen, und er hatte sogar Leichen entlang des Weges liegen sehen, die an ihrer Kleidung und den Rucksäcken als Flüchtlinge wie sie zu erkennen gewesen waren. Man hatte sie einfach liegen lassen, und auch sie hatten sich immer so beeilen müssen, dass er in manchen Momenten kurz davor gewesen war aufzugeben, und seit er Onkel Belal verloren hatte, war sein Mut und seine Kraft immer geringer geworden. Er fragte sich, ob der Onkel noch lebte oder ob er auch irgendwo am Wegesrand oder in einer Schlucht in den Bergen liegen geblieben war. Aber weil ihm solche Gedanken noch mehr Angst machten und die letzte Kraft zu nehmen schienen, ließ er sie und versuchte, an gar nichts zu denken.

Hin und wieder tastete er nach seinem Gürtel, in den seine Mutter ihm mit der Hand und sehr viel Mühe ein Geheimfach genäht hatte, in dem sich vierhundert Euro befanden, acht Scheine des Geldes, mit dem man in Europa Dinge bezahlen konnte. Er wusste nicht, warum, aber es gab ihm bei all der Angst ein gutes Gefühl zu wissen, dass sie da waren.

Dann achtete er wieder nur auf den Trott, sah manchmal für einen kurzen Moment das Licht an der Spitze der kleinen Karawane aufblitzen, aber die meiste Zeit folgte er nur den weißen Turnschuhen seines Vordermanns, die sich in der Dunkelheit vor ihm bewegten wie kleine Geister in der Nacht.

4

August 2016

»Danke.«

»Wofür?«

»Wie Sie mich behandelt haben, anders als in Rosenheim.«

Er sagte es mit einem Gesicht, als wolle er lächeln, und sah Jana dabei an. Dann nahm er seinen Rucksack, stieg aus und ging in der sengenden Sonne Richtung Eingang. Auch jetzt verzichteten sie darauf, ihn zu begleiten, wie sie es sonst immer taten, damit sie sich nicht auf den letzten Metern aus dem Staub machten und untertauchten, bevor sie sich bei der Ausländerbehörde gegen Quittung die Dokumente für ihren Rausschmiss abgeholt hatten. Kurz vor der Glastür blieb er stehen und sah sich noch einmal um. Steiger öffnete das Fenster.

»Drei Jahre, Amir.«

Amir Berisha verschwand ohne eine Reaktion.

Jana fuhr los und bog auf den Südwall ab.

Am Funk vergab die Leitstelle zwei Unfälle, danach forderte eine Streife Unterstützung bei einem Raub in der U-Bahnstation am Borsigplatz. Sofort meldeten sich drei Wagen an, obwohl die Stimme der Kollegin entspannt geklungen hatte. »Unterstützung« war eines der Wörter am Funk, mit denen man einen roten Knopf bei den Kollegen drückte. Steiger spürte an der leisen Unruhe, dass er auch in ihm noch existierte, und er fragte sich, warum ihn das beruhigte. Auch wenn ihm vieles verloren gegangen war in den einunddreißig Jahren, das offensichtlich nicht. Wahrscheinlich hinterließ es doch andere innere Spuren, wenn man sich in vielen Situationen bis ins Letzte einander anvertrauen musste, damit man am Ende heil nach Hause kam, als wenn man gemeinsam Schränke baute oder Kinder unterrichtete.

Auch Jana bog in die Hansastraße ab und fuhr etwas schneller Richtung Norden. Als die Kollegin am Funk Entwarnung gab, ging sie vom Gas.

»Ich glaub, den sehen wir nicht wieder«, sagte sie, ohne den Blick von der Straße zu nehmen.

»Mag wohl sein.«

»Und die Nummer mit den drei Jahren? War das mehr zur Beruhigung? Das glaubst du doch selbst nicht.«

»Ganz unmöglich ist es nicht, und wer weiß schon, was in drei Jahren ist.«

Er ließ die Seitenscheibe ein Stück nach unten gleiten, weil ihm der Fahrtwind angenehmer war als die Luft der Klimaanlage, auch wenn das bei der Hitze kaum kühlte.

Sein Handy vibrierte, es war Gisa.

»Was gibt’s, meine Führungsoffizierin?«

»Lass den Scheiß, Steiger, ich kann nichts dafür, dass du nichts geworden bist. Ingo vom Elf rief grad an, die haben einen eigenartigen Hinweis auf eine Leichensache in der Nordstraße. Ist die vierte Leiche in den letzten anderthalb Stunden, sie haben keinen mehr frei, die K-Wache auch nicht, und die Wache hat einen schweren Unfall mit mehreren Beteiligten und einem Toten auf der Bornstraße. Könnt ihr da mal nachsehen?«

»Können wir. Wer ist der Anrufer?«

»Das meinte er mit eigenartig, war anonym per Handy, und die Nummer ist auf ’ne Fantasiepersonalie ausgegeben. Der Anrufer sprach mit Akzent, sagt Ingo, und er meint, das Haus könnte eines von den Schrotthäusern sein.«

»Wollte die Stadt die in der Nordstraße nicht dichtmachen?«

»Keine Ahnung, seht es euch mal an, ob da was dran ist, könnte in der dritten Etage sein, wenn die Vermittlung es richtig verstanden hat. Kam nicht über 110, darum konnten sie es nicht noch mal anhören.«

Steiger teilte Jana die Adresse mit, sie blieb auf der Straße und gab Gas, die Richtung stimmte ja. Er war sich nicht sicher, ob es eines der Häuser war, bis sie davor parkten.

»Dacht ich mir doch.«

Es gab einige davon im Dortmunder Norden, und die Mehrzahl kannten sie.

Das Schloss der Eingangstür fehlte, er schob sie auf. Die meisten der kleinen Drahtglasscheiben hatten diese Schäden, die Steiger immer an kleine Einschüsse erinnerten. Nach zwei Schritten begann knöchelhoch der Müll, und er schaltete seine Taschenlampe ein, weil selbst das Licht eines gleißenden Sommertags hier die Düsternis nicht so weit vertrieb, dass man sicher sein konnte, nicht in irgendwas zu treten, was am Schuh kleben blieb oder stank.

Die Tür der ersten Wohnung war angelehnt, ein paar aufgeschlitzte Sessel lagen übereinander, daneben Spanplattenmöbel mit alten Bruchkanten.

In der zweiten Wohnung sah Steiger zuerst den Hund, der etwas vom Boden aufleckte. Als er erkannte, dass es Erbrochenes war, bemerkte er den Mann dazu auf dem Sofa unter einer alten Steppdecke, deren ursprüngliche Farbe kaum noch zu erkennen war.

»Ach du Scheiße.« Jana zog sich Latexhandschuhe an, ging an Steiger vorbei und zog die Decke weg. Eine Flasche fiel herunter und erschreckte den Hund, der sich verkroch. »Ist zumindest nicht unsere Leiche, riecht aber ungefähr so.«

Der Mann hob kaum den Kopf, grunzte etwas durch seinen Bart, in dem noch ein paar helle Brocken hingen, und blinzelte benommen.

»Hast du einen Ausweis?« Sie sagte es wie zu einem Kind.

Seine Reaktion war ein weiteres Grunzen, und Jana wiederholte es noch lauter.

»Komm, vergiss es. Und fürs Krankenhaus ist er zu nüchtern«, sagte Steiger und fand es schon bemerkenswert, dass man in dem Zustand noch für etwas zu nüchtern sein konnte.

Sie gingen, und der Hund kam wieder an seinen Platz zurück.

Auf halber Treppe zum ersten Stock blieb Steiger stehen und sog zweimal kurz die Luft durch die Nase ein.

»Es riecht zumindest nicht nach Leiche, oder?«

»Es riecht nach Scheiße, Muff, feuchten Steppdecken, vielleicht noch ein bisschen Pisse, Schimmel und Kotze«, sie ging an ihm vorbei, »aber Leiche ist bis jetzt nicht dabei. Vielleicht ist sie ja auch noch nicht so alt.«

»Dann muss sie aber ziemlich frisch sein bei der Hitze.«

Auf der oberen Stufe blieb sie stehen und hob die Hand. Es waren leise Stimmen zu hören. Steiger horchte einen Moment, trat dann auf den Flur.

»Polizei, ist da jemand?« Mit mehr Lautstärke.

Das Reden verstummte, und die übernächste Tür öffnete sich. Der Mann sah arabisch aus, war jung, schlank und ging zurück ins Zimmer, als sie eintraten.

»Polizei.« Steiger hielt ihnen den Ausweis hin. »Spricht einer von euch deutsch?«

Der drahtige Jüngere schüttelte den Kopf und nahm einen Zug von der Zigarette. Er trug ein T-Shirt, Jogginghose und Flipflops. Der zweite saß auf drei übereinandergestapelten Matratzen, war älter und dicker, trug Shorts und ein Benatia-Trikot der Münchner Bayern. Beide waren offensichtlich Nordafrikaner, da war Steiger sicher, und beide wirkten völlig gelassen, fast desinteressiert. Der Raum sah nicht anders aus als der Rest der Wohnungen, nur dass auf dem Tisch zwei Pizzakartons mit Resten von Thunfisch und Pilzen standen. Auf den Pilzen war leichter Schimmel erkennbar, was Steiger logisch fand, war es biologisch doch eine Art Verwandtschaft. Aus einer Coladose daneben stieg Qualm auf.

»Passport.«

Der Jüngere fingerte eine Duldung der Stadt Dortmund aus der Hosentasche, die nicht nur gültig war, sondern auch sonst aussah, als sei sie in Ordnung.

Die Bescheinigung über die Meldung als Asylsuchender des Benatia-Fans war ziemlich mitgenommen und seit einer Woche abgelaufen. Jana hielt sie Steiger hin.

»Vergiss es. Heute nicht unsere Baustelle. Und er kriegt sie eh verlängert.«

Der zweite Stock bot kein anderes Bild. Einer der Räume war fast schulterhoch mit Müll angefüllt, und Steiger fragte sich, wie man das praktisch hinbekam.

Eine eingeschlagene Scheibe des Fensters nach hinten raus machte im dritten den Muff erträglicher. Obwohl in den beiden vorderen Wohnungen dasselbe Chaos herrschte, reichte ein kurzer Durchgang, um auszuschließen, dass darin ein Toter lag.

Die letzte Tür war verschlossen. Jana rüttelte am Knauf und sah Steiger an.

»Schon eigenartig, oder. Und dass es überhaupt noch eine mit intaktem Schloss gibt.«

»Ja, kann aber auch Zufall sein.«

Steiger ging dicht heran, stellte sich auf die Zehenspitzen, um das Türblatt so weit oben wie möglich nach innen zu drücken, und sog am entstandenen Spalt die Luft durch die Nase ein. Er winkte Jana mit einer Kopfbewegung heran und drückte noch einmal. Sie roch und nickte.

»Wenn es keine kaputte Kühltruhe ist oder ’ne tote Töle, könnte der Anrufer recht haben.«

»Holen wir einen Schlüsseldienst?«

»Hier?« Er machte eine ausladende Handbewegung. »Hier nehmen wir heute mal Schlüsseldienst Adam.«

»Aber …«

Mit einem Schritt Anlauf trat er in Schlossnähe gegen die Tür. Das Türblatt schlug auf, traf auf irgendetwas Weiches im Zimmer und federte sofort in seine alte Stellung zurück.

Ein paar Augenblicke war nur das Geräusch des Windes an der fehlenden Scheibe zu hören und das Summen der Fliegen, die sich in der Sekunde in den Flur befreit hatten.

»Scheiße, hast du das auch gesehen?« Jana sagte es, ohne Steiger anzusehen.

Er ging zwei Schritte nach vorn, zog sich erst jetzt auch seine Latexhandschuhe an und drückte die Tür behutsam auf.

Zuerst kam der Kopf des Mannes ins Bild, der noch normal aussah. Jung und arabisch und unversehrt, und obwohl seine Haut dunkel war, hatte sein Gesicht die unverwechselbare Blässe des Todes. Er lag auf einem alten Tisch, den jemand mal weiß angestrichen hatte, und mit jedem Zentimeter mehr, auf den die Tür vom Hals abwärts den Blick freigab, wurde das Bild unwirklicher. Der rechte Arm lag parallel zum Körper auf dem Tisch, der linke hing auf der anderen Seite herab. Dazwischen war nichts mehr, wie es einmal gewesen war. Der Torso war bis an die Kinnspitze aufgebrochen und erinnerte Steiger an einen Krater, weil das meiste entnommen worden war. Überall war schwarzes, geronnenes Blut, in der Lache unter dem Tisch lag etwas, das aussah wie die Leber. Die Tischplatte war breit und ließ neben der Leiche etwas Platz, der mit blutigem Zeugs voll lag, einer der Brocken konnte das Herz sein. Was der Szene aber ihre wahre Fremdheit gab, war der Darm, der überall herabhing, als habe man eine Mumie von ihren Bandagen befreit.

Das mit den Fliegen hielt sich für so eine Leiche bei der Witterung noch in Grenzen, fand Steiger, was wahrscheinlich an den geschlossenen Fenstern lag.

»Gibt es irgendeinen Grund, dass wir da jetzt reinmüssten?«

Jana überlegte einen Augenblick. »Nein. Es sei denn, da liegt noch einer.«

»Und wenn schon, der läuft auch nicht mehr weg.«

Er zog die Tür wieder zu, so weit es ging, das zersplitterte Schloss verhinderte, dass sie einrastete. Dann nahm er sein Handy, aber Jana hatte die Leitstelle schon am Draht.

5

Steiger sah dem Hund hinterher, wie er der Frau vom Tierheim an der Leine folgte, als habe er nie zu jemand anderem gehört.

Aber wenn man sonst Ausgekotztes fressen musste, war man da vielleicht nicht so wählerisch, auch nicht als Hund.

Sie bückte sich unter dem Flatterband durch, mit dem eine Fläche vor dem Haus abgesperrt worden war. Innerhalb des Rechtecks standen nur der Sprinter von den Spurensicherern, der Zafira und der Krankenwagen. Der Rest der Polizeifahrzeuge machte außerhalb davon die Nordstraße für den Verkehr dicht.

Sebastian Fromm trat aus der Tür, kam auf Steiger zu und steckte sich eine Zigarette an.

»Wir machen erst mal den Raum und die dritte Etage«, er sah am Haus hoch und machte eine Geste mit der Zigarettenhand, »warten die Obduktion ab und schauen dann weiter. Wenn wir in der Hütte jeden Raum machen müssen, da bewahre uns Gott davor, dann sind wir hier Monate unterwegs.«

Fromm war in der Bereitschaft der Mordkommission als Leiter vorgeplant gewesen. Im KK 11 war er einer der Jüngeren, und Steiger kannte ihn kaum, hatte aber Gutes über ihn gehört.

Jana war mit den beiden Marokkanern ins Präsidium gefahren, um mit der Vernehmung zu beginnen, und Steiger hoffte, sie hatte einen guten Dolmetscher für Arabisch erwischt, weil Ira, ihre etatmäßige Übersetzerin, für vier Wochen zu ihrem krebskranken Vater nach Ägypten geflogen war.

»Und Werner hatte oben noch ein paar Fragen an dich wegen der Auffindesituation. Es reicht, wenn du dir was über die Schuhe ziehst, und du warst ja eh schon mal oben.«

Steiger ging hinein. Im ersten Raum hatten sie das Polstermöbelgebirge notdürftig in einer Ecke verstaut, einen Tisch mit Folie belegt und einige ihrer Sachen untergebracht. Er nahm sich aus der Schachtel ein paar blaue Überzieher.

Im zweiten Raum war der Bärtige mittlerweile in der Senkrechten, und die Sanitäter versuchten, ihn irgendwie fit zu bekommen. Bis man etwas einigermaßen Brauchbares aus ihm herausbekam, würde aber noch eine Zeit vergehen.

Auf der letzten Stufe vor der dritten Etage blieb Steiger stehen, blickte den Flur entlang und gab Werner Korte ein Zeichen. Wie die beiden anderen von der KTU und die Fotografin war er vollkommen weiß vermummt und kam den Flur entlang. Steiger sah den Schweiß auf seiner Stirn.

»Noch mal kurz zu der Situation, als ihr angekommen seid, Thomas. Ihr wart nicht im Raum, das ist richtig?«

»Das ist richtig. Wir waren vorher natürlich an der Tür, ich hab sie auch mit beiden Händen berührt, vielleicht auch mit dem Gesicht, weil ich am Spalt gerochen habe, aber drin waren wir nicht.«

»Und als ihr kamt, war das Schloss noch intakt?«

Steiger zog die Brauen hoch und stieß kurz Luft durch die Nase aus.

»Ja, es war noch in Ordnung, und die Tür war auch verschlossen. Schon klar, ein Schlüsseldienst wäre besser gewesen, aber wer rechnet denn in diesem Drecksloch mit so was. Ich hab im schlimmsten Fall an einen toten Penner gedacht, aber eigentlich mehr an irgendein verrecktes Vieh oder vergammeltes Fleisch.«

»Ist nicht so prickelnd mit dem Schloss, aber so wild auch wieder nicht. Klar wäre es besser, wenn es noch okay wäre, aber wichtig ist, dass es vorher in Ordnung und vor allem verschlossen war. Der Schuhabdruck neben dem Schloss ist deiner, oder?«

»Ja, das muss meiner sein.«

»Wie war euer Weg?«

»Eigentlich ganz normal, war ja kaum was anderes möglich. Wir sind erst hintereinander gegangen, waren in den beiden ersten Wohnungen da rechts, aber nur kurz. Ich glaube, in der ersten war ich sogar allein, weil es ja nur zwei Räume sind, und die war auch nicht so zugemüllt wie die anderen. Unsere Info war: Es könnte in der dritten Etage sein. Und vor der Tür haben wir dann nebeneinandergestanden.« Er versuchte, auf die Entfernung ihre Standpunkte zu zeigen.

»Ach, so ist das blöd, komm mit nach vorn, du warst eh schon hier. Pass ein bisschen auf, dass du nichts berührst. Und geh am besten so, wie vorhin auch.«

Steiger versuchte, dieselben Schritte zu machen, und blieb vor der Tür stehen.

»Hier ungefähr. Hab dann relativ weit oben mit der Hand das Blatt nach innen gedrückt und bin mit dem Gesicht ganz dicht rangegangen, weil der Fäulnisgeruch im Flur nur schwach war.« Er hielt die Hand etwa an die Stelle, an der er vorher gedrückt hatte. »Als klar war, dass der Geruch von hier kam, bin ich einen Schritt zurück und habe einmal zugetreten.« Neben dem Schloss war das schwarze verwischte Muster seiner Sohle erkennbar. »Und der ist sicher von mir.«

Er hob den linken Fuß, zog das blaue Plastik ein wenig zurück und zeigte das Profil seiner Sohle.

»Und Jana?«

»Die hat etwa da gestanden, wo du jetzt stehst.« Einen Moment versuchte er, sich zu erinnern. »Ja, ungefähr da. Und sie war nicht an der Tür.«

»Hallo.«

Beide drehten sich um, am Ende des Flurs stand Frau Dr. Brunner, die Obduzentin, und versuchte, ihre Haare unter der Kapuze des weißen Overalls zu verstauen.

»Kann ich schon kommen?«

»Frau Doktor, natürlich.« Korte winkte sie heran.

»Wundern Sie sich nicht über meinen Aufzug. Herr Fromm war so frei, mich unten aus ihrem Fahrzeug mit allem zu versorgen.«

Sie zog das Gummi des Mundschutzes hinters rechte Ohr und reichte beiden die Latexhand.

»Da drin? Kann man schon rein?«

»Ich glaub schon.«

Korte ging zur Tür und schob sie vorsichtig auf. »Frau Doktor Brunner ist hier.«

Marlies Nolting, die Fotografin, ließ die Kamera sinken, nickte zur Begrüßung und trat einen Schritt zur Seite. Auch ihre Stirn glänzte.

»Uiiih, sieht ja so aus, als hätte da schon jemand mit meiner Arbeit begonnen.«

Die Obduzentin ging näher heran und vermied es, in das Blut unter dem Tisch zu treten. Ohne etwas zu berühren, inspizierte sie die Leiche genau, fasste sie dann vorsichtig an manchen Stellen an, drückte im Torso etwas Fleisch zur Seite, untersuchte ein Stück herabhängenden Darm.

»Keine Einblutungen«, sagte sie.

»Was heißt das?«, fragte Korte.

»Dass die Verletzungen postmortal entstanden sind.«

»Das heißt, er war schon tot?«

»Ja, mit ziemlicher Sicherheit.«

Sie bückte sich und zog unter dem Tisch vorsichtig das dunkle Stück ein wenig zu sich, das aussah wie die Leber, hob es ein paar Zentimeter an, stand wieder auf und fingerte an den Brocken herum, die auf dem Tisch neben der Leiche lagen. Erst jetzt erkannte Steiger den Madenbefall, der ihm vorher nicht aufgefallen war. Sie nahm etwas auf, was er als den Magen erkannte, auch wenn er kein Arzt war, dafür hatte er genug Obduktionen gesehen. Dieser war allerdings aufgeschnitten und erinnerte ihn an einen kaputten Turnbeutel, wie er ihn früher für seine Turnschuhe mit zur Schule genommen hatte.

Mit erkennbarer Vorsicht betastete die Ärztin weiter die Leiche und wirkte dabei in ihrer stillen Konzentration auf Steiger, als übertrage sich etwas von der Fremdheit des Anblicks dieses Leichnams auf sie, als wäre sie Teil eines Bildes, das eine Szene aus einer anderen Zeit in die Realität transportierte.

»Brauchst du mich noch?«, fragte er. »Sonst fahre ich zur Dienststelle.«

Korte schüttelte den Kopf. »Nein, ich weiß alles, was ich wissen muss.«

Steiger ging die Treppe nach unten.

»Bis auf den Verdauungstrakt sind alle anderen Organe unangetastet«, hörte er die Obduzentin noch sagen, »das legt zumindest einen Verdacht nahe …«

Im Erdgeschoss angekommen lief er im Flur auf die beiden Sanitäter auf, die den Bärtigen auf einer Trage an die Sonne brachten.

Am Wagen der Spurensicherer besprach Fromm mit Hellmann und Finke, die das erste Bereitschaftsteam bildeten, die Lage und zeigte dabei auf eine Karte auf seinem Klemmbrett. Die beiden grüßten Steiger kurz und gingen.

»Wenn du mich hier nicht mehr brauchst, fahre ich rein und nehme Jana einen der beiden Marokkaner ab.«

»Ja, mach das, Thomas. Ich weiß noch gar nicht, wie die MK personell ausgestattet wird, aber wenn ihr die beiden vernehmt, hilft uns das erst mal sehr.«

Steiger startete den Zafira, aus der Gruppe der Zuschauer jenseits des Flatterbands hoben es, als er darauf zurollte, zwei ältere Männer mit türkischem Aussehen so weit an, dass er durchfahren konnte.

Am Ende der Nordstraße schnitt ihn ein Mini-Cabrio, zwang ihn zu einer heftigen Bremsung, und er erkannte den Wagen sofort. Er sah im Rückspiegel, dass das Auto auf dem Bürgersteig parkte, legte den Rückwärtsgang ein und fuhr die zwanzig Meter zurück. Antonia Sawitzki stieg aus, die Kamera in der Hand, eine Tasche über der Schulter und lächelte, als sie ihn sah.

Er ließ die Scheibe nach unten gleiten.

»Du meine Güte, Steiger. Hab ich dich geschnitten? Sorry, wollte ich nicht.«

»Schon gut. Du bist ziemlich spät.«

»Ja, ich war noch in Witten bei einem Brand, und du hast mich ja nicht angerufen …« Hochgezogene Brauen. »Was ist denn los?«

»Ein Leichenfund, sieht ziemlich eigenartig aus.«

»Mann oder Frau?«

»Mann.«

»Ist er ermordet worden.«

»Wahrscheinlich.«

»Ich nehme an, schreiben darf ich das alles noch nicht. Kriege ich Bilder?«

»Nein, schreiben darfst du das noch nicht, und Bilder kriegst du auch keine, jedenfalls nicht von der Leiche, obwohl die spektakulär wären, zu spektakulär, als dass du sie an seriöse Adressen verkaufen könntest.«

»Rufst du mich später mal an?«

»Okay, ich schau mal.«

Sie grüßte, und Steiger fuhr los.

Im Rückspiegel sah er, wie sie Richtung Tatort ging.

6

Als Steiger dem Benatia-Trikot durch den Qualm seines Zigarillos hinterhersah, bis es in der U-Bahnstation Markgrafenstraße verschwand, hatte er den Marokkaner fast drei Stunden vernommen und zwischendurch dessen Zimmer in der Asylunterkunft durchsucht. Er wusste nicht, ob Abdelmajid Hassan Ali sein wirklicher Name war und ob er tatsächlich in Meknès das dort gleißende Licht der Welt erblickt hatte, aber er war sich sicher, dass dieser Mann nichts mit der Leiche im dritten Stock zu tun hatte, dass er nicht mal von ihr gewusst hatte. Dazu passte auch das Verhalten bei der Überprüfung.

Jana war wie immer sehr sorgfältig und hatte den jüngeren der beiden noch in der Mangel, aber nach einem ersten Eindruck, den sie ihm vor einer Stunde bei einem Toilettengang geschildert hatte, sah es da nicht anders aus.

Die Sonne war längst hinter dem Westflügel des Polizeipräsidiums verschwunden, und ein Flugzeug kondensierte lautlos seine weiße Spur in das Blau, das auch über Meknès heute Abend nicht reiner und klarer sein konnte, dachte Steiger. Er erkannte den Rumpf des Fliegers, in dem sich für einen Moment das Sonnenlicht spiegelte.

Einen letzten Zug inhalierte er tief und genoss die sanfte Wucht des Nikotins.

Das Haus in der Nordstraße war den typischen Weg solcher Immobilien gegangen, so hatte er es zuletzt immer häufiger erlebt. Als letzte Möglichkeit, noch für einige Zeit Reibach damit zu machen, stopften die Besitzer es mit Asylbewerbern und anderen Flüchtlingen voll, weil das für eine abgewrackte Bleibe viel mehr Kohle brachte, als daraus Wohnungen für Leute zu machen, die sich über undichte Fenster oder feuchte Wände beschwerten. Die neuen Mieter stellten keine Ansprüche, aber gewöhnt an die Verhältnisse in den Slums von Freetown oder Conakry und zusammengewürfelt mit Menschen, denen in Afghanistan beim Wasserholen der Arsch weggeschossen wurde, gaben sie dem Ganzen früher oder später den Rest.

Er ging zurück, und als die Fahrstuhltür sich öffnete, traf er auf Jana. Sie begleitete den zweiten Nordafrikaner zum Ausgang, und Steiger hielt den Fahrstuhl fest, bis sie ihn durch die Pforte gebracht hatte und zurück war.

»Und?«, fragte er, während sie nach oben fuhren.

»Nichts wirklich Interessantes. Sie treffen sich da schon mal, manchmal auch zum Kiffen. Heute waren sie seit drei Stunden da, sagt er, haben aber nur geraucht und gelabert, und außer einem Algerier und einem Deutschen, die sie vom Sehen kennen und von denen sie nur die Vornamen wissen, haben sie niemanden gesehen.«

»So ungefähr hat es meiner auch erzählt, das Kiffen hat er weggelassen. Aber er hat noch Angaben zu den beiden anderen gemacht, mit denen wir vielleicht was anfangen können.«

»Und mit Frauen können die es echt nicht. So eine kleine Ratte, musste echt erst mal einen auf Macker machen, das hättest du erleben müssen, ts …« Leichtes Kopfschütteln. »Aber das hat ihn nicht dümmer gemacht.«

Sie stiegen aus, und Jana ging in ihr Büro, um mit dem Dolmetscher abzurechnen.

Die Mordkommission hatte sich im Besprechungsraum des KK 11 niedergelassen, aber bisher war dort nur Gustav Wolf, der Aktenführer, damit beschäftigt, dem üblichen Anfangsdurcheinander ein wenig Richtung zu geben.

Er schrieb etwas am Rechner und blickte weiter auf den Bildschirm, als Steiger eintrat.

»Eure Vernehmungen sind fertig?«

»Ja, beide, sind schon im System.«

»Hast du sie ausgedruckt, zweimal?«

»Hab ich noch bei mir, hole ich gleich.«

»Du weißt, ich habe das gern ganz zeitnah, Thomas, sonst kriegst du von Anfang an keinen Grund rein.«