Der Kastanienmann - Søren Sveistrup - ebook

Der Kastanienmann ebook

Soren Sveistrup

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Opis

Der Nr.1-Bestseller aus Dänemark – vom Macher der Erfolgsserie THE KILLING (Kommissarin Lund).

Es ist ein stürmischer Tag in Kopenhagen, als die Polizei an einen grauenvollen Tatort gerufen wird. Auf einem Spielplatz liegt die entstellte Leiche einer jungen Frau. Und der Täter hat eine unheimliche Botschaft hinterlassen: Über dem leblosen Körper schwingt eine kleine Puppe aus Kastanien im Wind. Kommissarin Naia Thulin und ihr Partner Mark Hess stehen vor einem Rätsel. Denn die Figur trägt den Fingerabdruck eines Mädchens, das ein Jahr zuvor ermordet wurde – die Tochter der Politikerin Rosa Hartung. Und dann taucht ein zweites Kastanienmännchen auf …

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Buch

Eine niedrige Decke aus dunkelgrauen Wolken hängt über der Stadt, als Kommissarin Naia Thulin und ihr neuer Partner Mark Hess an einen entsetzlichen Tatort gerufen werden: einen Spielplatz, auf dem eine leblose Frauengestalt im Gras sitzt, an den Pfosten eines Kletterhäuschens gelehnt, zusammengesunken wie eine Stoffpuppe. Sie hat nur eine Unterhose an und ein Hemd, das von Regen durchnässt und mit dunklen Blutflecken übersät ist. Der Frau fehlt eine Hand, und an einem Balken hinter ihr hängt eine kleine Figur aus Kastanien, die vom Wind hin- und hergeschaukelt wird. Als Thulin diese scheinbar harmlose Figur sieht, bleibt ihr instinktiv für einen Augenblick das Herz stehen. Nicht zu Unrecht, wie sich später herausstellen wird, denn sie entdecken einen Fingerabdruck an dem Kastanienmännchen, der von einem Mädchen stammt, das ein Jahr zuvor verschwunden ist und als tot gilt – die Tochter der Politikerin Rosa Hartung. Kurz darauf wird eine weitere Frau ermordet aufgefunden, zusammen mit einem weiteren Kastanienmann. Thulin und Hess kämpfen gegen die Zeit, denn es ist klar, dass der Mörder auf einer Mission ist, die noch lange nicht vorbei ist ...

Autor

Søren Sveistrup ist ein dänischer Drehbuchautor. Bekannt wurde er durch die Serie ›Nikolaj und Julie‹ und den mehrteiligen TV-Thriller ›Kommissarin Lund: Das Verbrechen‹, der unter dem Namen ›The Killing‹ für den US-Markt adaptiert wurde, zahlreiche Preise gewann und zu einem weltweiten Phänomen wurde.

Søren Sveistrup

Der Kastanienmann

THRILLER

Aus dem Dänischen von Susanne Dahmann

Die dänische Originalausgabe erschien 2018 unter dem Titel »Kastanjemanden« bei Politikens Forlag, Kopenhagen.

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Deutsche Erstveröffentlichung August 2019

Copyright © der Originalausgabe 2018 by Søren Sveistrup and JP/Politikens Hus A/S

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2019 by Wilhelm Goldmann Verlag, München, in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München

Dieses Buch wurde vermittelt von Politiken Literary Agency.

Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur, München

Umschlagmotiv: nach einer Gestaltung von Kenneth Schultz

Redaktion: Gabriele Zigldrum

AG · Herstellung: Han

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN: 978-3-641-24051-6V005

www.goldmann-verlag.de

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Für meine geliebten Söhne Silas und Sylvester

Dienstag, 31. Oktober 1989

1

Gelbe und rote Blätter segeln durch das Sonnenlicht auf den feuchten Asphalt, der wie ein dunkler, spiegelglatter Fluss den Wald durchschneidet. Als der weiße Dienstwagen vorüberfährt, werden sie für einen kurzen Moment durch die Luft gewirbelt, um sich dann auf zusammengeklebten Haufen entlang der Straße zurechtzulegen.

Marius Larsen nimmt den Fuß vom Gas, geht langsamer in die Kurve und versucht sich zu merken, dass er dem Straßenamt der Gemeinde Bescheid geben sollte, dass sie mal mit der Kehrmaschine hier rauskommen müssen. Wenn die Blätter zu lange liegen bleiben, hat man keinen sicheren Grip auf der Straße, und so was kann Leben kosten. Marius hat das schon oft gesagt. Seit 41 Jahren ist er im Dienst, die letzten 17 als Leiter des Polizeireviers, und in jedem Spätherbst muss er sie daran erinnern. Doch heute wird nichts daraus, denn heute muss er sich auf das Gespräch konzentrieren.

Marius Larsen dreht verärgert am Sender des Autoradios, kann aber nicht finden, was er sucht. Nur Nachrichten über Gorbatschow und Reagan und Spekulationen über den Mauerfall in Berlin. Er stehe kurz bevor, heißt es. Möglicherweise bricht eine völlig neue Epoche an.

Er hat schon lange gewusst, dass dieses Gespräch kommen muss, und trotzdem hat er sich bisher nicht dazu durchringen können. Jetzt ist es nur noch eine Woche, bis er, so denkt seine Frau, in Pension geht, es ist also höchste Zeit, ihr die Wahrheit zu sagen. Dass er nicht ohne seine Arbeit sein kann. Dass er das Praktische schon geregelt und die Entscheidung rausgeschoben hat. Dass er noch nicht bereit ist, nach Hause aufs Ecksofa zu kommen und »Glücksrad« zu kucken, im Garten die Blätter zusammenzufegen oder mit den Enkelkindern Schwarzer Peter zu spielen.

Wenn er das Gespräch in seinem Kopf durchspielt, ist alles ganz einfach, aber Marius weiß nur zu gut, dass sie traurig sein wird. Sie wird sich betrogen fühlen, vom Tisch aufstehen und rausgehen. Den Herd in der Küche wischen, ihm den Rücken zudrehen und sagen, dass sie das gut verstehen kann. Doch das kann sie nicht. Deshalb hat er, als vor zehn Minuten die Meldung über den Polizeifunk kam, im Revier Bescheid gegeben, dass er die Sache selbst übernehmen wird. So kann er das Gespräch noch ein wenig rausschieben. Normalerweise wäre er verärgert darüber, den ganzen langen Weg durch Felder und Wald zu Ørums Hof fahren zu müssen, um denen da zu sagen, dass sie besser auf ihre Tiere aufpassen müssen. Schon mehrmals ­waren entweder Schweine oder Kühe aus der Umzäunung ausgebrochen und über die Felder der Nachbarn gestreift, bis Marius selbst oder einer seiner Leute Ørum dazu gebracht hatte, sich darum zu kümmern. Doch heute macht ihm das nichts aus. Selbstverständlich hat er das Revier angewiesen, erst einmal anzurufen, sowohl bei Ørum zu Hause als auch bei seinem Teilzeitjob an der Fähre, doch da bisher keine Rückmeldung kam, hat er oben auf der Hauptstraße gewendet, um persönlich hinzufahren.

Marius landet bei einem Sender mit alter Schlagermusik. »Ein knallrotes Gummiboot« tönt in den Fond des alten Ford Escort hinaus, und Marius dreht auf. Er genießt den Spätherbst und die Straße da draußen. Der Wald mit den gelben, roten und braunen Blättern, vermischt mit dem Immergrün. Die Vorfreude auf die bevorstehende Jagdsaison. Er kurbelt die Fensterscheibe herunter, die Sonne wirft ihr fleckiges Licht durch die Baumkronen auf die Straße, und für einen Moment vergisst Marius, wie alt er ist.

Auf dem Hof ist es still, als er ankommt. Er steigt aus und schlägt die Autotür zu, und mit einem Mal fällt ihm ein, dass es lange her ist, seit er das letzte Mal hier draußen war. Der große Hof wirkt vernachlässigt. Die Stallfenster sind zerbrochen, an den Hauswänden ist der Putz abgeblättert, und das leere Schaukelgestell im hohen Gras des Rasens scheint von den großen Kastanienbäumen, die das Grundstück säumen, fast verschluckt zu werden.

Nachdem Marius dreimal geklopft und nach Ørum gerufen hat, sieht er ein, dass ihm keiner öffnen wird. Er kann auch kein Lebenszeichen entdecken, und so zieht er einen Block heraus, schreibt einen Zettel und schiebt ihn in den Briefschlitz, während ein paar Krähen über den Hof fliegen und hinter dem Ferguson-Traktor verschwinden, der vor dem Schuppen steht. Nun ist Marius den ganzen Weg hierhergefahren und muss den Hof unverrichteter Dinge wieder verlassen und auch noch den Umweg zum Fähranleger machen, um Ørum zu erwischen. Doch das kann ihn nicht betrüben. Auf dem Weg zurück zum Auto kommt ihm eine Idee. Diese Sorte Ideen hat Marius eigentlich nie, es muss also eine glückliche Fügung sein, dass er hier rausgefahren ist anstatt gleich zum Gespräch nach Hause. Wie ein Pflaster auf die Wunde will er seiner Frau eine Reise nach Berlin anbieten. Sie könnten sich eine Woche dafür nehmen, ja, oder zumindest ein Wochenende, sobald er frei machen kann. Selbst hinfahren, den Flügelschlag der Geschichte verspüren, die neue Epoche, Knödel mit Sauerkraut essen, wie sie es damals vor allzu langer Zeit getan haben, auf der Campingtour mit den Kindern im Harz. Erst als er fast wieder am Auto ist, entdeckt er, warum die Krähen hinter dem Traktor hocken. Sie trippeln um etwas Weißes und Bleiches und Unförmiges herum, und als er näher kommt, wird ihm klar, dass es sich um ein Schwein handelt. Die Augen sind tot, doch der Körper zittert und strampelt, als wolle er versuchen, die Krähen zu erschrecken, die dahocken und aus der großen, offenen Schusswunde im Hinterkopf picken.

Marius öffnet die Haustür. Im Flur ist es dunkel, und er vernimmt einen Geruch von Feuchtigkeit und Schimmel und noch von etwas anderem, von dem er nicht so richtig sagen kann, was es ist.

»Ørum, hier ist die Polizei.«

Es kommt keine Antwort, aber er kann weiter drinnen im Haus das Wasser laufen hören und betritt die Küche. Das Mädchen ist ein Teenager. Vielleicht 16 oder 17 Jahre alt. Ihr Körper sitzt immer noch auf dem Stuhl am Esstisch, und das, was von ihrem zerschossenen Gesicht übrig ist, liegt in einer Schale mit Haferbrei. Auf der anderen Seite des Esstischs kauert auf dem Linoleumfußboden noch ein lebloses Wesen. Ein Junge, auch Teenager, etwas älter, mit einer großen, klaffenden Schusswunde in der Brust, sein Hinterkopf lehnt linkisch am Herd. Marius Larsen erstarrt. Natürlich hat er schon öfter Tote gesehen, aber noch niemals etwas wie das hier, und einen kurzen Augenblick ist er gelähmt, bis er seine Dienstwaffe aus dem Holster im Gürtel holt.

»Ørum?«

Marius geht weiter, während er ruft, jetzt hält er die Pistole vor sich. Immer noch keine Antwort. Die nächste Leiche findet er im Badezimmer, und diesmal muss er sich die Hand vor den Mund halten, um sich nicht zu übergeben. Das Wasser läuft aus dem Hahn in die Badewanne, die schon längst bis an den Rand gefüllt ist. Es fließt weiter auf den Terrazzofußboden zum Ablauf und vermischt sich mit dem Blut. Die nackte Frau, vielleicht die Mutter, liegt in einer verdrehten Stellung auf dem Fußboden. Ein Arm und ein Bein sind vom Torso abgetrennt. Später im Obduktionsbericht wird stehen, dass sie mit einer Axt abgeschlagen wurden, die sie mehrmals getroffen hat. Erst, während sie in der Badewanne gelegen hat, und danach, als sie in dem Versuch wegzukommen, auf dem Boden gekrochen ist. Dort wird auch stehen, dass sie anfänglich versucht hat, sich mit Händen und Füßen zu verteidigen, die deshalb große Wunden aufweisen. Ihr Gesicht ist nicht mehr zu erkennen, weil die Axt benutzt wurde, um ihr den Schädel zu zerschmettern.

Marius erstarrt beinahe bei dem Anblick, doch plötzlich nimmt er aus dem Augenwinkel eine schwache Bewegung wahr. Halb unter einem Duschvorhang verborgen, der in die Ecke geworfen ist, erahnt er einen Menschen. Marius zieht den Vorhang ein klein wenig beiseite. Es ist ein Junge. Zerzaustes Haar, ungefähr zehn, elf Jahre alt. Er liegt leblos im Blut, aber ein Fetzen vom Vorhang bedeckt den Mund des Jungen und vibriert schwach und stoßweise.

Marius beugt sich schnell über den Jungen, entfernt den Vorhang ganz, nimmt seinen leblosen Arm und sucht nach einem Puls. Der Junge hat Schnittwunden und Kratzer an Armen und Beinen, T-Shirt und Unterhose sind blutig, und direkt bei seinem Kopf liegt eine Axt. Marius findet den Puls des Jungen und erhebt sich rasch.

In der Wohnstube sucht er fieberhaft das Telefon und findet es neben dem vollen Aschenbecher, der auf den Teppich fällt, aber da hat er schon das Revier dran, und er ist klar genug im Kopf, um einen ordentlichen Bericht durchzugeben. Ambulanz. Verstärkung. Eile. Keine Spur von Ørum, macht den Leuten Beine. Sofort! Als er auflegt, ist sein erster Gedanke, schnell wieder zu dem Jungen zu kommen, als ihm plötzlich klar wird, dass da noch ein Kind sein muss, denn der Junge hatte doch eine Zwillingsschwester.

Marius sieht sich um und geht zum Eingang und der Treppe zum oberen Stockwerk zurück. Als er an der Küche und der offenen Tür zum Keller vorbeikommt, hält er abrupt an und sieht nach unten. Da war ein Geräusch. Schritte oder ein Kratzen, aber jetzt ist es still. Marius holt seine Dienstwaffe wieder hervor. Öffnet die Tür sperrangelweit und bewegt sich vorsichtig die Stufen hinunter, bis seine Füße behutsam auf dem Betonboden landen. Seine Augen müssen sich erst an die Dunkelheit gewöhnen, und dann sieht er die ­offene Tür am Ende des Ganges. Sein Körper zögert und sagt ihm, dass er hier stehen bleiben sollte. Auf die Ambulanz und die Kollegen warten, aber Marius denkt an das Mädchen.

Als er sich der Tür nähert, kann er sehen, dass sie gewaltsam aufgebrochen wurde. Schloss und Stahlbeschläge liegen auf dem Boden. Marius betritt einen Raum, der von den schmutzigen Kellerfenstern nur schwach erhellt ist. Dennoch ahnt er mit einem Mal das kleine Wesen, das sich ganz hinten unter einem Tisch in einer Ecke versteckt. Marius eilt hin, senkt die Pistole, beugt sich herab und sieht unter den Tisch.

»Es ist okay. Es passiert nichts mehr.«

Das Mädchen kauert zitternd in der Ecke und verbirgt sein Gesicht in den Händen.

»Ich heiße Marius. Ich bin von der Polizei, und ich bin hier, um dir zu helfen.«

Das Mädchen bleibt ängstlich hocken, als würde es ihn nicht hören, und plötzlich wird Marius auf den Raum aufmerksam. Er sieht sich um, und ihm geht allmählich auf, wofür er benutzt worden ist. Marius erschauert. Da fällt sein Blick durch die Tür auf die schiefen Holzregale im angrenzenden Raum. Für einen Augenblick vergisst er das Mädchen und tritt über die Schwelle. Er kann nicht abschätzen, wie viele es sind, aber es sind viele, mehr als er zählen kann. Kastanienmänner und Kastanienfrauen. Auch Tiere. Große und kleine, kindliche und gruselige, viele von ihnen unfertig und deformiert. Marius starrt sie an, ihre Anzahl und Verschiedenheit, und die kleinen Figuren auf den Regalen verwirren ihn für einen Moment, als der Junge hinter ihm durch die Tür tritt.

Im Bruchteil einer Sekunde denkt Marius, dass er nicht vergessen darf, die Techniker untersuchen zu lassen, ob die Tür zum Keller von außen oder von innen aufgebrochen wurde. Im Bruchteil einer Sekunde erkennt er, dass hier etwas Schreckliches ausgebrochen sein könnte, wie die Tiere aus ihrer Umhegung, aber als er sich dem Jungen zuwendet, flimmern seine Gedanken nur vorbei wie kleine, verwirrte Wölkchen am Himmel. Und dann trifft die Axt seinen Kiefer, und alles wird schwarz.

Montag, 5. Oktober, Gegenwart

2

Die Stimme ist überall in der Dunkelheit. Sie flüstert leise und verhöhnt sie – sie hebt sie auf, wenn sie fällt, und wirbelt sie im Wind herum. Laura Kjær kann nicht mehr sehen. Sie kann nicht mehr das Rascheln der Blätter in den Bäumen hören oder das kalte Gras unter ihren Füßen spüren. Sie hört nur noch die Stimme, die zwischen den Schlägen mit dem Stock und der Kugel flüstert. Sie denkt, wenn sie aufhört Widerstand zu leisten, dann wird die Stimme doch irgendwann schweigen, doch das tut sie nicht. Die Stimme bleibt, und die Schläge gehen weiter, und am Ende kann sie sich nicht mehr rühren. Zu spät bemerkt sie die scharfen Zacken von einem Werkzeug auf ihrem Handgelenk, und bevor sie das Bewusstsein verliert, hört sie das elektrische Geräusch der Säge, die angeworfen wird und beginnt, durch ihren Knochen zu schneiden.

Hinterher weiß sie nicht, wie lange sie weg war. Es ist immer noch dunkel. Dieselbe Stimme, und es ist, als habe sie darauf gewartet, dass Laura wieder bei Bewusstsein ist.

»Laura, bist du okay?«

Der Klang ist sanft und zärtlich und viel zu dicht an ihrem Ohr. Doch die Stimme wartet nicht auf Antwort. Vor einer Weile ist das entfernt worden, was über ihrem Mund klebte, und Laura Kjær hört sich selbst bitten und flehen. Sie versteht nichts. Sie will alles tun. Warum sie – was hat sie denn nur getan?

Die Stimme sagt, das wüsste sie sehr genau. Sie beugt sich herab, ganz dicht, und flüstert es in ihr Ohr, und Laura kann spüren, dass die Stimme sich auf diesen besonderen Augenblick gefreut hat. Sie muss sich konzentrieren, um die Worte zu hören. Sie versteht, was die Stimme sagt, doch sie kann es nicht glauben. Der Schmerz ist größer als alle Qualen zusammengenommen. Das kann es nicht sein. Das darf es nicht sein.

Sie schiebt die Worte weg, als wären sie ein Teil des Wahnsinns, der sie umgibt. Sie will aufstehen und weiterkämpfen, aber ihr Körper gibt auf, und sie schluchzt hysterisch. Sie hat es schon eine Weile gewusst, aber irgendwie auch nicht, und erst jetzt, als die Stimme es ihr zugeflüstert hat, begreift sie, dass es wahr ist. Sie will schreien, wie sie nur kann, aber ihre Eingeweide sind bereits auf dem Weg hinauf durch ihren Hals, und als sie spürt, wie der Stock ihre Wange streichelt, stößt sie sich mit aller Kraft ab und stolpert weiter in die Dunkelheit hinaus.

Dienstag, 6. Oktober, Gegenwart

3

Draußen wird es schon hell, aber als Naia Thulin nach unten greift und ihn in sich einführt, ist er erst allmählich auf dem Weg aus dem Schlaf. Sie spürt ihn in sich und beginnt, vor- und zurückzugleiten. Packt fest seine Schultern, und seine Hände wachen auf, aber nur langsam und linkisch.

»He, warte …«

Er ist immer noch schlaftrunken, doch Naia wartet nicht. Das hier, darauf hatte sie in dem Moment, als sie die Augen aufschlug, Lust, und ihre Bewegungen werden fordernder, sie gleitet mit größerer Kraft zurück und stützt sich mit der einen Hand an der Wand ab. Sie merkt, dass er ungeschickt liegt und dass sein Kopf an den Bettrahmen stößt, und sie hört das Geräusch des Bettgestells, das an die Wand schlägt, doch das ist ihr egal. Sie macht weiter und spürt, wie er nachgibt, und als sie kommt, krallt sie ihre Nägel in seine Brust und verspürt seinen Schmerz und die Befriedigung.

Danach liegt sie einen Moment lang außer Atem da und horcht auf das Müllauto im Hinterhof. Dann rollt sie sich weg und steigt aus dem Bett, während er immer noch dabei ist, ihren Rücken zu streicheln.

»Es ist am besten, wenn du gehst, ehe sie aufwacht.«

»Warum? Sie hat nichts dagegen, dass ich hier bin.«

»Komm schon, hoch mit dir.«

»Nur, wenn ihr mit mir zusammenzieht.«

Sie wirft ihm sein Hemd an den Kopf und verschwindet im Badezimmer, während er sich mit einem Lächeln wieder in die Kissen fallen lässt.

4

Es ist der erste Dienstag im Oktober. Der Herbst ist spät gekommen, aber heute hängt eine niedrige Decke aus dunkelgrauen Wolken über der Stadt, und es hat angefangen zu schütten, als Naia Thulin vom Auto durch den Verkehr über die Straße läuft. Sie hört zwar ihr Handy klingeln, greift aber nicht in die Manteltasche. Ihre Hand ruht auf dem Rücken der Tochter, um sie schnell durch die kleinen Lücken im Morgenverkehr schieben zu können. Der Morgen war stressig. Le war hauptsächlich damit beschäftigt, von dem Videospiel League of Legends zu erzählen, von dem sie alles zu wissen scheint, obwohl sie dazu eigentlich noch viel zu klein ist, und nun hat sie auch noch einen koreanischen Teenager namens Park Su zu ihrem großen Idol erklärt.

»Du hast Gummistiefel mit, falls ihr in den Park geht. Und denk dran, heute holt der Opa dich ab, aber du sollst selbst über die Straße gehen. Du kuckst nach links, dann nach rechts …«

»… und dann wieder nach links, und ich denk dran, meine Jacke anzuziehen, damit man meine Reflektoren sehen kann.«

»Steh still, damit ich dir den Schnürsenkel binden kann.«

Sie haben das Dach über dem Fahrradständer vor der Schule erreicht, und Thulin beugt sich herab, während Le versucht, mit den Schuhen in den Wasserpfützen still zu ­stehen.

»Wann ziehen wir mit Sebastian zusammen?«

»Ich habe nie gesagt, dass wir mit Sebastian zusammenziehen.«

»Warum ist er morgens nicht da, wenn er doch abends da war?«

»Morgens haben es die Erwachsenen eilig, und Sebastian muss früh zur Arbeit.«

»Ramazan hat einen kleinen Bruder bekommen und hat jetzt 15 Bilder auf dem Stammbaum, und ich hab nur drei.«

Thulin schaut kurz zu ihrer Tochter hoch und verflucht innerlich die süßen Bildchen mit den Stammbäumen, die von der Klassenlehrerin mit Herbstblättern dekoriert und an die Wand im Klassenzimmer gehängt werden, sodass Kinder wie Eltern davor stehen bleiben und sie betrachten können. Andererseits ist sie immer dankbar, dass Le ganz selbstverständlich den Opa zur Familie zählt, auch wenn er rein biologisch gar nicht ihr Großvater ist.

»Darauf kommt es nicht an. Und du hast fünf Bilder auf dem Stammbaum, wenn man den Wellensittich und den Hamster mitzählt.«

»Die anderen haben keine Tiere auf ihren Stammbäumen.«

»Nein, so gut haben es die anderen Kinder nicht.«

Le antwortet nicht, und Thulin steht auf.

»Wir sind vielleicht nicht viele, aber wir haben es gut, und das ist das Wichtigste. Okay?«

»Kann ich noch einen Wellensittich kriegen?«

Thulin überlegt, welchen Verlauf dieses Gespräch genommen hat und ob ihre Tochter vielleicht viel schlauer ist, als sie denkt.

»Darüber reden wir ein andermal. Warte kurz.«

Ihr Handy hat schon wieder angefangen zu klingeln, und sie weiß, dass sie diesmal rangehen muss.

»Ich bin in einer Viertelstunde da.«

»Keine Eile«, erwidert die Stimme am anderen Ende, die sie als eine der Sekretärinnen von Nylander erkennt.

»Nylander schafft es heute Morgen nicht zu eurem Treffen, es wird nächste Woche Dienstag draus. Aber ich soll dir Bescheid sagen, er hätte gerne, dass du heute mit dem Neuen fährst, damit er auch zu was nutze ist, wenn er schon mal da ist.«

»Mama, ich geh mit Ramazan rein!«

Thulin sieht, wie die Tochter zu dem Jungen rennt, der Ramazan heißt. Völlig selbstverständlich reiht sie sich in die ­syrische Familie ein, eine Frau und ein Mann, dazu noch zwei andere Kinder; der Mann hat ein Neugeborenes auf dem Arm. Thulin kommt es vor, als seien sie alle aus einem Frauenzeitungsdossier zum Thema Musterfamilie ausgeschnitten.

»Aber das ist jetzt schon das zweite Mal, dass Nylander absagt, und dabei würde die ganze Sache nur fünf Minuten dauern. Wo ist er denn diesmal?«

»Tut mir leid, er ist auf dem Weg zur Budgetkonferenz. Übrigens wüsste er gern, worum es in eurem Gespräch denn gehen soll.«

Thulin erwägt einen Moment lang zu erzählen, dass ihre neun Monate in der Abteilung für Kapitalverbrechen, der so genannten Mordkommission, ungefähr so spannend waren wie ein Besuch im Polizeimuseum. Dass die Arbeitsaufgaben unerträglich langweilig sind, die technische Ausrüstung der Abteilung so beeindruckend wie ein Commodore 64, und dass sie sich wie blöd freuen würde, wenn sie dort wegkommen könnte.

»Nur Kleinigkeiten, danke.«

Sie beendet das Gespräch und winkt ihrer Tochter, die in die Schule läuft. Sie merkt, dass der Regen langsam durch den Mantel sickert, und als sie wieder auf der Straße ist, wird ihr klar, dass sie nicht bis Dienstag mit diesem Termin warten kann.

Sie rennt durch den Verkehr, und als sie an ihrem Auto ankommt und die Tür öffnet, hat sie plötzlich das Gefühl, beobachtet zu werden. Auf der anderen Seite der Kreuzung, hinter der endlosen Reihe von Autos und Lastwagen, kann sie die Andeutung einer Gestalt erkennen. Doch als die Auto­schlange vorüber ist, ist auch die Gestalt verschwunden. ­Thulin schüttelt das Gefühl ab und setzt sich hinters Steuer.

5

Die breiten Gänge des Polizeipräsidiums hallen von den Schritten der beiden Männer wider. Jetzt kommt ihnen auch noch eine Gruppe Kriminalassistenten entgegen, die in die andere Richtung unterwegs ist. Der Leiter der Mordkommission, Nylander, hasst Gespräche wie diese, doch er weiß, dass es wahrscheinlich die einzige Chance ist, die sich ihm heute bieten wird, und deshalb schluckt er die Demütigung herunter und hält mit dem Vizepolizeipräsidenten Schritt, während ein unerfreulicher Satz auf den nächsten folgt.

»Nylander, wir sind gezwungen, den Gürtel enger zu schnallen. Und das gilt für alle Abteilungen.«

»Es waren mir mehr Leute in Aussicht gestellt worden …«

»Das ist eine Frage des Timings. Momentan priorisiert das Justizministerium andere Abteilungen als Ihre. Man hat den Ehrgeiz, das NC3 zur besten Cyberabteilung Europas zu machen, und deshalb werden an anderen Stellen Ressourcen abgezogen.«

»Das darf nicht an meiner Abteilung ausgelassen werden. Wir brauchen doppelt so viele Leute, und das nicht erst …«

»Ich verfolge es ja weiter, und schließlich haben Sie auch schon Entlastung bekommen.«

»Ich habe keine Entlastung bekommen. Einen einzigen Ermittler, der ein paar Tage hier sein wird, weil er bei Euro­pol hochkant rausgeflogen ist, wollen wir mal nicht mitrechnen.«

»Er wird durchaus ein bisschen länger bleiben, je nachdem, wie die Situation ist. Aber das Ministerium hätte Ihre Mannschaft genauso gut auch reduzieren können, im Moment ist also angeraten, sich über das zu freuen, was man hat. Okay?«

Der Vizepolizeipräsident ist stehen geblieben und hat sich Nylander zugewandt, um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, und dieser würde am liebsten antworten, dass verdammt noch mal nichts okay ist. Er hat zu wenig Leute, und ihm war eine Lösung dieses Problems in Aussicht gestellt worden, doch stattdessen ist er zugunsten des fucking NC3, wie die scheißvornehme Abkürzung für das so genannte National Cyber Crime Center lautet, übergangen worden. Und außerdem ist es ein monumentaler bürokratischer Hohn, dass er sich mit einem ausgebrannten Ermittler begnügen soll, der in Den Haag in Ungnade gefallen ist.

»Hast du einen Moment Zeit?« Im Hintergrund ist ­Thulin aufgetaucht, und der Vizepolizeipräsident nutzt die Gelegenheit, um durch die Tür zum Besprechungszimmer zu gleiten und diese hinter sich zu schließen. Nylander starrt ihm kurz hinterher, dann macht er kehrt und geht in die Richtung zurück, aus der er gekommen ist.

»Im Moment habe ich keine Zeit und du auch nicht. Check mit dem Diensthabenden die Anzeige, die von draußen aus Husum reingekommen ist, und dann nimmst du den Europol-Typen mit und bringst den mal in Gang.«

»Aber wegen …«

»Ich habe jetzt keine Zeit für dieses Gespräch. Ich sehe deine Qualitäten, aber du bist die Jüngste, die jemals einen Fuß in diese Abteilung gesetzt hat, deshalb solltest du nicht den Hals danach recken, Dienstgruppenleiterin zu werden, oder was es auch immer ist, worüber du mit mir reden willst.«

»Ich will nicht Dienstgruppenleiterin werden. Ich hätte gern eine Versetzung zum NC3.«

Nylander hält auf der Schwelle zu einer der Rotunden inne und sieht sie an.

»NC3. Die Abteilung für Cyberkriminalität …«, fügt Thulin hinzu.

»Ich weiß sehr gut, was für eine Abteilung das ist. Warum?«

»Weil ich glaube, dass die Aufgaben im NC3 interessant sind.«

»Im Gegensatz zu?«

»Nicht im Gegensatz zu irgendwas. Ich möchte einfach gern …«

»Du bist im Prinzip noch eine Anfängerin. Das NC3 stellt keine Leute ein, die da einfach so reinkommen wollen, es macht also überhaupt keinen Sinn, sich da für irgendetwas zu bewerben.«

»Die haben mich selbst aufgefordert, mich zu bewerben.«

Nylander versucht, seine Überraschung zu verbergen, doch er weiß gleichzeitig, dass sie die Wahrheit sagt. Er betrachtet die kleine Gestalt, die vor ihm steht. Wie alt ist sie? 29, vielleicht 30? Ein kleiner, fremder Vogel, der nach nichts aussieht, und er erinnert sich sehr wohl daran, wie er sie unterschätzt hat, aber inzwischen ist er klüger. Zur Bewertung seiner Leute hat er kürzlich die Ermittler der Abteilung in eine A- und eine B-Gruppe eingeteilt, und Thulin war trotz ihres jungen Alters einer der ersten Namen, die er, zusammen mit hartgesottenen Ermittlern wie Jansen und Ricks, auf der A-Seite notiert hatte, um die herum sich die Abteilung konsolidieren sollte. Und in der Tat hatte Nylander sie für eine Position als Dienstgruppenleiterin in Erwägung gezogen. Er war kein großer Anhänger von weiblichen Ermittlern, und ihr unnahbares Wesen machte es ihm nicht leichter, doch sie war intelligenter als die meisten, und ihre Fälle waren in einem Tempo gelöst, das selbst erfahrene Ermittler so wirken ließ, als träten sie auf der Stelle. Vermutlich betrachtet Thulin das technologische Niveau der Abteilung als ein Fossil aus der Steinzeit, und da er ihre Auffassung teilt, weiß er, wie dringend sein Bedarf an solchen Net-Nerds wie ihr ist, damit die Abteilung mit der Zeit gehen kann. Deswegen hat er auch bei einigen Gelegenheiten fallen lassen, dass sie immer noch grün hinter den Ohren ist, und zwar genau deshalb, damit sie nicht einfach davonrennt.

»Wer hat dich aufgefordert?«

»Der Chef, wie heißt er doch noch gleich? Isak Wenger.«

Ein Schatten huscht über Nylanders Gesicht.

»Ich war gerne hier, aber ich würde mich trotzdem spätestens Ende der Woche gern wegbewerben.«

»Ich denke mal darüber nach.«

»Sagen wir Freitag?«

Nylander geht weiter. Einen kurzen Moment spürt er ihren Blick im Nacken und weiß, dass sie ihn am Freitag aufsuchen wird, um diese Empfehlung zu erhalten. So weit ist es also schon gekommen. Seine Abteilung ist zum Brutkasten für die Eliten geworden, für das neue Lieblingsspielzeug des Ministeriums, das NC3. Und wenn er gleich die Budgetbesprechung seiner Abteilung betreten wird, dann wird man ihm in Form von Zahlen diese Priorisierung wieder einmal bestätigen. Weihnachten sind es drei Jahre, dass Nylander die Leitung der Mordkommission übernommen hat, doch die Dinge sind zum Stillstand gekommen, und wenn nicht bald etwas passiert, dann wird dies nicht das Karrieresprungbrett sein, das er sich erhofft hat.

6

Die Scheibenwischer schleudern die Wassermassen auf die Seite. Als die Ampel auf Grün springt, schert der Polizeiwagen aus der Schlange aus, weg von den Werbeaufdrucken des Busses mit den Angeboten der Privatklinik für neue Brüste, Botox und Fettabsaugung, und nimmt Kurs auf die Vororte.

Das Radio ist eingeschaltet. Das Geplapper der Moderatoren und die neuesten Popsongs werden für einen Moment von den Nachrichten abgelöst, in denen der Sprecher berichtet, dass am heutigen ersten Dienstag im Oktober das Parlament eröffnet wird. Es ist keine Überraschung, dass die Topstory Sozialministerin Rosa Hartung zum Thema hat, die nun, nach der tragischen und von allen mit angehaltenem Atem verfolgten Geschichte um ihre Tochter, nach einem Jahr wieder auf ihren Posten zurückkehrt. Doch als der Nachrichtensprecher weiterredet, dreht der Fremde ­neben Thulin die Lautstärke herunter.

»Du hast nicht zufällig eine Schere oder so?«

»Nein, ich habe keine Schere.«

Für einen Moment nimmt Thulin den Blick vom Verkehr und mustert den Mann, der neben ihr sitzt und hartnäckig versucht, die Verpackung eines neuen Handys zu öffnen. Als sie in die Garage des Polizeipräsidiums gekommen war, hatte er neben dem Wagen gestanden und geraucht. Groß, schlank, aber auch ein bisschen verwahrlost. Nass vom Regen, strähniges Haar, durchnässte, zerschlissene Nikes, dünne, tütige Hosen, kurze schwarze Thermojacke, die auch so aussah, als habe sie schon eine längere Wanderung durch den Regen hinter sich. Der Mann war nicht passend für das hiesige Klima angezogen, und Thulin hatte den Eindruck, als sei er direkt in den Klamotten, die er am Leib hatte, aus Den Haag gekommen. Eine kleine, in sich zusammengesunkene Reisetasche, die neben ihm stand, verstärkte dieses Bild. Thulin wusste, dass er am Vortag im Poli­zeipräsidium aufgetaucht war, denn als sie sich eben in der Kantine einen Morgenkaffee holte, hatte sie schon ein paar Kollegen über ihn sprechen hören. Ein so genannter Verbindungsoffizier, ins Hauptquartier von Europol in Den Haag ausgeliehen, der plötzlich vom Dienst freigestellt und nach Kopenhagen zurückbeordert worden war, um dort Rede und Antwort zu stehen, weil er sich auf irgendeine Weise danebenbenommen hatte. Was Anlass für höhnische Kommentare der Kollegen war, denn die Beziehung der Kopenhagener Polizei zu Europol war ohnehin von einem dänischen Nein nach einer Volksabstimmung vor einigen Jahren belastet, wo man sich gegen die Abschaffung einiger Rechtsvorbehalte ausgesprochen hatte.

Als Thulin in der Garage auf ihn traf, war er tief in eigene Gedanken versunken gewesen, und als sie sich vorstellte, hatte er nur ihre Hand gedrückt und »Hess« gemurmelt. Sonderlich redselig zeigte er sich nicht. Das war sie normalerweise auch nicht, doch das Gespräch mit Nylander war gut verlaufen. Ihre Zugehörigkeit zu dieser Abteilung würde bald Vergangenheit sein, davon war sie überzeugt, und deshalb brach sie sich keinen Zacken aus der Krone, wenn sie sich gegenüber einem Kollegen, der in die Kritik geraten war, entgegenkommend verhielt. Als sie im Auto ­saßen, hatte sie skizziert, was sie über den Fall, zu dem sie unterwegs waren, wusste, aber der Typ nickte nur, ohne großes Interesse zu zeigen.

Sie schätzt ihn auf Ende 30, und mit seinem halb lässigen Straßenjungen-Look erinnert er sie an irgendeinen Schauspieler, sie kommt aber nicht auf den Namen. Er trägt einen Ring am Finger, möglicherweise einen Ehering, doch instinktiv denkt sie, dass der Mann längst geschieden ist oder zumindest dabei, es zu werden. Sie hat das dringende Gefühl, gegen eine Wand zu reden, doch selbst das kann ihr die Laune nicht verderben, und schließlich ist sie ja auch an der internationalen Polizeiarbeit interessiert, von der Hess kommt.

»Wie lange wirst du in Kopenhagen sein?«

»Nur ein paar Tage. Sie haben sich noch nicht festgelegt.«

»Aber du bist gern bei Europol?«

»Ja. Da ist das Wetter besser.«

»Stimmt es, dass die Cyber-Crime-Abteilung dort Hacker rekrutiert, die sie selbst aufgespürt haben?«

»Keine Ahnung, nicht meine Abteilung. Ist es okay, wenn ich kurz abhaue, wenn wir mit dem Tatort fertig sind?«

»Abhauen?«

»Nur so eine Stunde. Ich muss die Schlüssel zu meiner Wohnung holen.«

»Ja, klar.«

»Danke.«

»Aber du wohnst eigentlich in Den Haag?«

»Ja, oder woanders, wo sie mich brauchen können.«

»Wo zum Beispiel?«

»Alles Mögliche. Marseille, Genf, Amsterdam, Lissabon …«

Der Mann konzentriert sich wieder auf die widerspenstige Handyverpackung. Thulin denkt sich, dass die Reihe von Orten wohl noch lange weitergehen könnte. Er hat etwas Kosmopolitisches. Eine Art Reisender ohne Gepäck, aber der Glanz der großen Städte und der fernen Hemisphären ist längst von ihm abgeblättert. Wenn es ihn je gab.

»Wie lange warst du weg?«

»Knapp fünf Jahre. Ich leih mir den mal.«

Hess nimmt einen Kugelschreiber aus dem Tassenhalter zwischen den Sitzen, um die Verpackung damit ­aufzuknacken.

»Fünf Jahre?«

Thulin ist überrascht. Die meisten Verbindungsoffiziere, von denen sie gehört hat, haben einen Vertrag über zwei Jahre. Manche verlängern dann um eine weitere Periode auf insgesamt vier Jahre. Aber von einem, der fünf Jahre lang weg war, hat sie noch nie gehört.

»Die Zeit rast.«

»Dann war also die Polizeireform der Grund?«

»Wofür?«

»Dass du gegangen bist. Ich habe gehört, dass viele die Abteilung verlassen haben, weil sie unzufrieden waren mit …«

»Nein.«

»Was dann?«

»Ich hab es einfach gemacht.«

Sie sieht ihn an. Er erwidert ihren Blick kurz, und zum ersten Mal bemerkt sie seine Augen. Das linke ist grün, das rechte blau. Er ist nicht unfreundlich, als er ihr antwortet, aber sehr deutlich. Er wird nicht mehr darüber sagen. ­Thulin setzt den Blinker und biegt in eine Siedlung ab. Soll ihr auch recht sein, wenn er den Macho-Agenten mit rätselhafter Vergangenheit geben will. Von denen haben sie im Poli­zeipräsidium so viele, dass die ihre eigene Fußballmannschaft stellen könnten.

Es ist ein gepflegtes, weißes Haus mit dazugehöriger Garage und liegt mitten in einem Familienviertel im Kopenhagener Vorort Husum mit Ligusterhecken und adretten Reihen von Briefkästen an der Straße. Hierher ziehen die Leute mit mittlerem Einkommen, wenn die Kernfamilie Wirklichkeit wird und die Finanzen ausreichen. Jede Menge Sicherheit und hohe Fahrthindernisse auf der Straße, sodass man auch nicht über 30 Stundenkilometer fährt. In den Gärten Trampoline, und auf dem feuchten Asphalt Reste von Straßenkreide. Ein paar Schulkinder mit Helmen und Reflektoren radeln im Regen vorbei, als Thulin rechts ranfährt und neben den Streifenwagen und den Fahrzeugen der Spurensicherung parkt. Ein Stück entfernt stehen hinter einer Absperrung einzelne Bewohner der Siedlung unter Regenschirmen und tuscheln miteinander.

»Ich geh da mal eben ran.« Vor weniger als zwei Minuten hat Hess eine Sim-Karte in das Handy geschoben und eine SMS geschickt, und nun tönt es schon.

»Ist okay, lass dir Zeit.«

Thulin steigt aus in den Regen, und Hess bleibt sitzen und beginnt ein Telefongespräch auf Französisch. Während sie über den kleinen Gartenweg mit den traditionellen Betonplatten läuft, kommt ihr der Gedanke, dass sie mög­licherweise noch einen Grund gefunden hat, sich darüber zu freuen, dass sie die Abteilung verlassen kann.

7

Die Stimmen der beiden Fernsehmoderatoren hallen in der großen, mondänen Villa in Ydre Østerbro vor den Toren Kopenhagens wider, als sie einen weiteren Interviewgast auf dem Ecksofa im Fernsehstudio begrüßen.

»Heute findet also die Parlamentseröffnung statt, und das neue politische Jahr beginnt. Das ist immer ein besonderer Tag, doch diesmal vor allem für eine bestimmte Politikerin, nämlich Sozialministerin Rosa Hartung, die am 18. Oktober letzten Jahres ihre 12-jährige Tochter verloren hat. Rosa Hartung war beurlaubt, seit ihre Tochter …«

Steen Hartung schaltet den Flachbildschirm aus, der neben dem Kühlschrank an der Wand hängt. Dann sammelt er seine Architekturzeichnungen und die Schreibgeräte vom Dielenfußboden in der großen, französisch inspirierten Landküche auf, wo sie ihm eben aus der Hand gefallen sind.

»Komm jetzt, mach fertig. Wir fahren, sowie Mama auch los ist.«

Der Sohn sitzt immer noch umgeben von den Resten des Frühstücks am großen Esstisch und schreibt in sein Mathe­matikheft. Jeden Dienstag taucht Gustav erst kurz nach neun Uhr auf, und jeden Dienstag muss Steen ihm sagen, dass dies der falsche Zeitpunkt ist, um Hausaufgaben zu machen.

»Aber warum darf ich nicht selbst mit dem Rad fahren?«

»Es ist Dienstag, und nach der Schule gehst du zum Tennis, also hole ich dich ab. Hast du deine Sachen gepackt?«

»I have it.«

Das zierliche philippinische Au-pair-Mädchen kommt herein und stellt eine Sporttasche bereit, und Steen sieht ihr dankbar nach, als sie mit dem Abräumen beginnt.

»Danke, Alice. Jetzt komm, Gustav.«

»Alle anderen Kinder fahren mit dem Rad.«

Durchs Fenster sieht Steen den großen, schwarzen Wagen in die Einfahrt biegen und vor der Tür in den Regenpfützen halten.

»Papa, bitte, nur heute?«

»Nein, wir machen es wie immer. Da kommt das Auto. Wo ist Mama?«

8

Steen ist auf dem Weg die Treppe hinauf in den ersten Stock und ruft sie. Die hundert Jahre alte Patriziervilla hat fast 400 Quadratmeter, und er kennt jeden einzelnen Winkel, denn er hat sie selbst renoviert. Als sie das Haus kauften und einzogen, war es wichtig, massenhaft Platz zu haben, doch jetzt ist es zu groß geworden. Viel zu groß. Er sucht sie im Schlafzimmer und im Badezimmer, als er bemerkt, dass die Tür gegenüber nur angelehnt ist. Er zögert einen Moment, dann schiebt er die Tür auf und schaut in das Zimmer, das einmal seiner Tochter gehörte.

Seine Frau sitzt fertig angezogen auf der nackten Matratze des Bettes an der Wand. Er lässt den Blick durch das Zimmer wandern, über die leeren Wände und die Umzugskartons, die in der Ecke stehen. Dann sieht er sie wieder an.

»Der Wagen ist da.«

»Danke …«

Sie nickt kurz, bleibt aber sitzen. Steen tritt ein und spürt die Kälte des Zimmers. Erst jetzt bemerkt er, dass sie ein gelbes T-Shirt mit ihren Händen umklammert.

»Bist du okay?«

Die Frage ist dumm, denn sie sieht nicht so aus, als wäre sie okay.

»Ich habe gestern das Fenster aufgemacht, und dann habe ich vergessen, es wieder zu schließen, und ich hab es eben erst gemerkt.«

Er nickt verständnisvoll, auch wenn ihr Satz keine Antwort auf seine Frage ist. Von weit unten aus der Diele können sie den Sohn rufen hören, dass Vogel gekommen sei, doch keiner von beiden reagiert.

»Ich kann mich nicht mehr an ihren Duft erinnern.«

Ihre Hände reiben den gelben Stoff des T-Shirts, und sie schaut darauf, als würde sie nach etwas suchen, was sich zwischen den Fäden des Stoffes versteckt.

»Ihr Duft ist nicht mehr da. Und auch nicht in den anderen Sachen.«

Er setzt sich neben sie.

»Vielleicht ist das gut so. Vielleicht ist es so am besten.«

»Warum sagst du das? Das stimmt doch gar nicht …«

Er antwortet nicht und merkt, dass sie die harsche Erwiderung bereut, denn ihre Stimme wird sanfter.

»Ich weiß nicht, ob ich das kann … Es kommt mir verkehrt vor.«

»Es ist nicht verkehrt. Es ist das einzig Richtige. Das hast du mir selbst gesagt.«

Der Sohn ruft wieder.

»Sie würde dir sagen, dass du rausgehen sollst. Sie würde sagen, dass es schon irgendwie gehen wird. Sie würde sagen, dass du krass gut bist.«

Rosa antwortet nicht. Einen Moment lang sitzt sie einfach nur mit dem T-Shirt da. Dann nimmt sie seine Hand, drückt sie und versucht ein Lächeln.

»Okay, super, bis gleich.« Der persönliche Assistent von Rosa Hartung drückt das Gespräch auf seinem Handy weg, als sie die Treppe in die Diele hinunterkommt.

»Bin ich zu früh? Soll ich das Königshaus bitten, mit der Parlamentseröffnung bis morgen zu warten?«

Rosa muss über Frederik Vogels Energie lächeln und denkt, dass er einen seltenen Kontrast im Haus schafft. Wenn Vogel in der Nähe ist, gibt es keinen Raum für Sentimentalitäten.

»Nein, ich bin fertig.«

»Gut. Dann gehen wir noch mal das Programm durch. Es sind eine Menge Anfragen gekommen – ein paar davon gut, ein paar vorhersehbar und boulevardmäßig …«

»Das besprechen wir im Wagen. Gustav, vergiss nicht, dass heute Dienstag ist und Papa dich abholt, und ruf an, wenn irgendwas ist. Okay, mein Schatz?«

»Jaja.«

Der Junge nickt müde, und Rosa schafft es noch, ihm die Haare zu zerzausen, ehe Vogel die Autotür für sie öffnet.

»Und das ist unser neuer Chauffeur, und dann müssen wir noch über die Reihenfolge der Besprechungen zu den Verhandlungen reden …«

Steen sieht ihnen durch das Küchenfenster nach und versucht, seiner Frau aufmunternd zuzulächeln, als sie den neuen Chauffeur begrüßt und in den Fond des Wagens einsteigt. Als das Auto die Einfahrt verlässt, empfindet Steen das als Erleichterung.

»Fahren wir jetzt, oder was?«

Es ist sein Sohn, der da fragt, und Steen kann hören, dass er schon dabei ist, draußen in der Diele Jacke und Stiefel anzuziehen.

»Ja, ich komme.«

Steen öffnet den Kühlschrank, nimmt die Packung mit den kleinen Fläschchen Kräuterschnaps heraus, schraubt von einer den Deckel ab und leert sie in seinen Mund. Er spürt, wie sich der Alkohol den Weg durch die Speiseröhre und in den Magen brennt. Die restlichen kleinen Fläschchen schiebt er in seine Tasche, knallt die Kühlschranktür zu und greift sich vom Küchentisch die Autoschlüssel.

9

Es ist etwas mit dem Haus, was Thulin nicht gefällt. Das Gefühl stellt sich schon ein, als sie sich mit Handschuhen und blauen Plastiküberschuhen durch den dunklen Flur bewegt, wo die Schuhe der Familie unter der Garderobenstange mit Jacken aufgereiht sind. An der Wand hängen schön gerahmte Bilder mit Blumenmotiven, und als sie das Schlafzimmer betritt, begegnet ihr eine feminine, unschuldige Atmosphäre. Abgesehen von einem hellroten, heruntergezogenen Faltrollo ist der Raum ganz in weißen Tönen gehalten.

»Das Opfer heißt Laura Kjær, 37 Jahre, MTA in einer Zahnarztpraxis im Zentrum von Kopenhagen. Es sieht so aus, als wäre sie zu Bett gegangen und dann überrascht worden. Ihr neunjähriger Sohn hat im Zimmer am Ende des Flurs geschlafen, aber er hat offensichtlich weder etwas gesehen noch gehört.«

Thulin steht da und blickt auf das Doppelbett, das nur auf einer Seite benutzt ist, während der ältere uniformierte Kollege ihr kurz Bericht erstattet. Eine Lampe ist vom Nachttisch gerissen worden und weich auf dem langhaarigen weißen Teppich gelandet.

»Der Junge ist aufgewacht, und niemand war da. Er hat sich dann selbst Frühstück gemacht, sich angezogen und auf die Mutter gewartet, doch als sie nicht auftauchte, ist er zur Nachbarin gegangen. Die ist dann wieder ins Haus, hat es leer vorgefunden, dann aber draußen beim Spielplatz einen Hund bellen hören. Da hat sie dann das Opfer gefunden und uns angerufen.«

»Wurde der Vater schon benachrichtigt?«

Thulin geht an dem Kollegen vorbei, schaut kurz in das Kinderzimmer und kehrt dann mit dem Kollegen hinter sich wieder in den Flur zurück.

»Die Nachbarin sagt, dass der Vater vor ein paar Jahren an Krebs gestorben ist. Das Opfer hat ein halbes Jahr später einen neuen Mann kennengelernt, und sie sind hier in ihrem Haus zusammengezogen. Der Typ ist auf einer Messe in Sjælland. Wir haben ihn angerufen, als wir ankamen, er sollte also bald hier sein.«

Durch die Türöffnung zum Badezimmer kann Thulin drei elektrische Zahnbürsten erkennen, die nebeneinanderhängen, dazu ein Paar Pantoffeln, die auf dem Fliesenboden bereitstehen, und zwei gleiche Morgenmäntel, die an Haken hängen. Sie tritt aus dem Flur in die offene Küche, die in ein Wohnzimmer übergeht, wo weißgekleidete Techniker gerade dabei sind, mit Hilfe der Ausrüstung in ihren Pilotenkoffern Spuren und Fingerabdrücke zu sichern. Die Einrichtung des Hauses ist genauso gewöhnlich wie das Viertel, in dem das Haus steht. Skandinavisches Design, zumeist von Ikea oder dem dänischen Pendant Ilva, drei leere Platzsets auf dem Tisch, ein kleiner Herbstblumenstrauß mit Ziersträuchern in einer Vase, Kissen auf dem Sofa, und auf der Arbeitsfläche mit Spüle ein einzelner, tiefer Teller mit Resten von Milch und Cornflakes, der wohl von dem Jungen stammt. Im Wohnzimmer steht ein digitaler Fotorahmen, der in Richtung auf den leeren Lehnstuhl, der daneben steht, in konstantem Fluss Bilder von der kleinen Familie zeigt. Mutter, Sohn und wahrscheinlich der Lebensgefährte. Sie lächeln und sehen froh aus. Laura Kjær ist eine flotte, schlanke Frau mit langen, roten Haaren, doch in ihrem warmen, sympathischen Blick ist eine gewisse Verletzlichkeit zu erkennen. Es ist ein nettes Zuhause, und trotzdem gibt es da etwas, was Thulin nicht gefällt.

»Hinweise auf Einbruch?«

»Nein. Wir haben Fenster und Türen gecheckt. Sieht so aus, als hätte sie ferngesehen und Tee getrunken und sei dann ins Bett.«

Thulin betrachtet die Pinnwand in der Küche, doch da hängen nur Stundenplan, Jahreskalender, die Öffnungszeiten der Schwimmhalle, ein Angebot für Baumschneidearbeiten, eine Einladung zu einem Halloween-Fest der Eigentümergemeinschaft und eine Erinnerung an einen Untersuchungstermin auf der Kinderstation im Rigshospital. Normalerweise ist das etwas, was Thulin besonders gut kann: die kleinen Dinge bemerken, die von Bedeutung sein könnten. Weil sie das selbst einmal gewohnt war. Nach Hause zu kommen, die Eingangstür aufzuschließen und die Zeichen zu lesen, die darüber entschieden, ob es ein guter oder ein schlechter Tag werden würde. Doch in diesem Fall gibt es nichts zu bemerken. Einfach nur Kernfamilie und Alltagsidylle. Von der Sorte, wie sie selbst sie niemals haben will, und einen Moment lang versucht sie, sich einzureden, dass es wahrscheinlich das ist, was ihr an diesem Haus nicht gefällt.

»Was ist mit Computern, Tablets, Handys?«

»Soweit wir erkennen können, ist nichts gestohlen, und die Leute von Genz haben schon alles verpackt und eingeschickt.«

Thulin nickt. Die meisten Gewalt- und Mordfälle kann man auf diese Weise aufklären. Oft geben Kurznachrichten, Verlaufsinformationen, Mails oder Facebook-Korrespondenzen darüber Aufschluss, warum etwas geschehen ist, und sie freut sich schon darauf, dieses Material in die Finger zu kriegen.

»Was riecht denn hier so? Erbrochenes?«

Mit einem Mal wird Thulin der strenge, unbehagliche Geruch bewusst, der sie schon im ganzen Haus verfolgt. Der ältere Kollege macht ein schuldbewusstes Gesicht, und erst jetzt merkt Thulin, dass er ganz bleich ist.

»Tut mir leid. Ich komme gerade vom Tatort. Ich dachte, ich wäre daran gewöhnt … Aber jetzt zeige ich Ihnen den Weg.«

»Ich finde es schon. Sagen Sie mir nur Bescheid, wenn der Lebensgefährte auftaucht.«

Sie öffnet die Terrassentür zum Garten hinter dem Haus, und der Kollege nickt dankbar.

10

Das Trampolin hat schon bessere Tage gesehen, und dasselbe gilt für das kleine zugewachsene Gewächshaus, das links von der Terrassentür steht. Nach rechts grenzt das nasse Gras an die Rückwand einer glänzenden Blechgarage, die sicherlich enorm praktisch ist, aber in keiner Weise zu dem klassisch-modernistischen, weißen Funkishaus passt. Thulin geht zum hintersten Teil des Gartens. Auf der anderen Seite der Hecke kann man Scheinwerfer, uniformierte Polizisten und weißgekleidete Techniker erahnen, und sie schiebt sich zwischen Bäumen und Büschen mit gelben und grellroten Blättern hindurch und kommt auf einen Naturspielplatz. Ein Blitz scheint bei einem ramponierten Spielhäuschen im Regen auf, und aus der Entfernung sieht sie die energischen Bewegungen von Genz, der mit seiner Kamera Details des Tatorts festhält, während er gleichzeitig sein weißgekleidetes Volk dirigiert.

»Wie weit seid ihr?«

Simon Genz sieht vom Sucher der Kamera auf. Sein Blick ist ernst, doch als er sie erkennt, geht ein kurzes Lächeln über sein Gesicht. Genz ist wahrscheinlich Ende 30, ­adretter Typ, und die Gerüchte sagen, er sei allein in diesem Jahr schon fünf Marathons gelaufen. Außerdem ist er der jüngste Chef, den die Kriminaltechnische Abteilung der Polizei jemals gehabt hat, und Thulin hat ihn als einen der wenigen schätzen gelernt, auf deren Kompetenz sie sich verlassen kann. Scharfsichtig, fokussiert und im Besitz einer Urteilskraft, der sie vertraut. Wenn sie ihn trotzdem auf Abstand hält, dann deswegen, weil er sie gefragt hat, ob sie nicht mal zusammen eine Laufrunde drehen sollen, und das sollen sie nicht. Genz ist der Einzige, zu dem Thulin in ihren neun Monaten bei der Mordkommission annähernd so etwas wie eine Beziehung aufgebaut hat, doch das Abtörnendste, was sie sich vorstellen kann, ist eine amouröse Beziehung zu einem Kollegen.

»Hallo Thulin. Noch nicht sehr weit. Es regnet, und es ist schon eine ganze Weile vergangen, seit das hier passiert ist.«

»Haben die Forensiker etwas zu einem Zeitpunkt gesagt?«

»Noch nicht. Die stehen da hinten um die Ecke. Aber es hat kurz vor Mitternacht angefangen zu regnen, und meine Vermutung ist, dass es ungefähr um die Zeit herum geschehen ist. Wenn es in der Umgebung irgendwelche Spuren gegeben hat, dann sind sie gründlich weggespült, aber wir geben nicht auf. Willst du sie sehen?«

»Ja, danke.«

Die leblose Gestalt sitzt mit einem weißen Tuch von der Spurensicherung bedeckt im Gras. Sie ist an einen der beiden Pfosten gelehnt, die das Dach der Spielhaus-Veranda tragen, und das Szenario wirkt fast friedlich mit den roten und gelben Farben, die das Gebüsch im Hintergrund dominieren. Genz hebt vorsichtig das weiße Tuch und legt die Frau frei. Sie sitzt zusammengesunken wie eine Stoffpuppe und hat nichts an, abgesehen von einer Unterhose und einem Hemd, das einmal beige war, aber jetzt vom Regen durchnässt und mit dunklen Blutflecken übersät ist. Thulin tritt näher und geht in die Hocke, um besser sehen zu können. Um Laura Kjærs Kopf ist schwarzes Gafferband gewickelt. Es schneidet in den erstarrten, offenen Mund und ist mehrere Male um den Hinterkopf und das nasse rote Haar gewickelt. Das eine Auge ist eingeschlagen, sodass man bis in die Augenhöhle hineinsehen kann, das andere starrt blind vor sich hin. Die nackte, bläuliche Haut ist von einer Unzahl Schrammen, Kratzer und blauer Flecken übersät, und die nackten Füße sind blutig. Die Hände sind mit Kabelbindern über den Handgelenken fest zusammengebunden und in einem kleinen Haufen Blätter vor ihrem Schoß begraben. Thulin genügt ein einziger Blick auf die Leiche, um zu verstehen, warum der ältere Kollege zusammengeklappt ist. Normalerweise macht es ihr nichts aus, tote Menschen zu sehen. Die Arbeit bei der Mordkommission erfordert einen unsentimentalen Zugang zum Tod, und wenn man das nicht kann, dann sollte man sich einen anderen Job suchen. Doch noch niemals hat Thulin jemanden gesehen, der so misshandelt wurde wie die Frau, die hier an dem Pfosten des Spielhäuschens lehnt.

»Du musst natürlich die Forensiker fragen, aber meiner Meinung nach deuten einige der Verletzungen darauf hin, dass sie zu irgendeinem Zeitpunkt versucht hat, zwischen den Bäumen hindurch vor dem Täter zu fliehen. Entweder vom Haus weg oder zum Haus zurück. Aber es war stockfinster, und sie war nach der Amputation sicher ernsthaft geschwächt, denn die ist ziemlich sicher vorgenommen worden, bevor das Opfer am Ende am Spielhäuschen installiert wurde.«

»Amputation?«

»Halt das mal.«

Genz reicht ihr zerstreut die große Kamera mit dem Blitzgerät. Er geht zu der Leiche, hockt sich hin und benutzt seine Stabtaschenlampe als Hebewerkzeug, um die zusammengebundenen Handgelenke der Frau ein wenig anzuheben. Die Totenstarre hat bereits eingesetzt, und die steifen Arme folgen Genz mechanisch, als er sie hochhebt, und jetzt sieht Thulin, dass Laura Kjærs rechte Hand nicht in den Blättern begraben ist, wie sie dachte. Der Arm hört groteskerweise unter dem Handgelenk auf, wo ein schräger, unebener Schnitt Knöchel und Sehnen freilegt.

»Wir nehmen vorerst mal an, dass es hier draußen geschehen ist, denn wir haben weder in der Garage noch im Haus Blutspuren gefunden. Natürlich habe ich meine Leute gebeten, die Garage gründlich nach Tape, Kabelbindern, Garten- oder Arbeitsgeräten zu durchsuchen, doch bis auf Weiteres ohne eindeutiges Ergebnis. Ebenso wie wir uns natürlich darüber wundern, dass wir die Hand noch nicht gefunden haben, doch da müssen wir weitersuchen.«

»Vielleicht ist ein Hund damit abgehauen.«

Das sagt Hess, der durch den Garten und die Hecke herausgekommen ist. Er sieht sich kurz um, während er sich im Regen schüttelt, und Genz sieht ihn überrascht an. Aus irgendeinem Grund ist Thulin über die Bemerkung verärgert, auch wenn sie weiß, dass er möglicherweise recht hat.

»Genz, das hier ist Hess. Er unterstützt uns für ein paar Tage.«

»Guten Morgen. Willkommen.« Genz macht Anstalten, Hess die Hand zu geben, doch der nickt nur zu dem Haus nebenan hin.

»Hat jemand was gehört? Nachbarn?«

Ein langsames Grummeln nähert sich, und plötzlich rauscht ein S-Bahn-Zug auf nassen Schienen über das Gleisbett auf der anderen Seite des Spielplatzes, und Genz muss seine Antwort laut rufen.

»Nein, soweit ich weiß, hat niemand was gehört! Die S-Bahnen fahren nachts ja nicht so oft, aber dann sind es stattdessen die Güterzüge!«

Der Lärm des Zuges verklingt, und Genz sieht wieder Thulin an.

»Ich wünschte, ich hätte eine Menge Hinweise für dich, aber im Moment kann ich nicht mehr sagen. Außer dass ich noch niemals jemanden gesehen habe, der so misshandelt wurde.«

»Was ist das?«

»Was?«

»Das hier?«

Thulin hockt noch bei der Leiche und zeigt jetzt auf etwas, was Genz erst sieht, als er sich umdreht. Hinter der toten Frau, am Balken über der Veranda des Spielhäuschens, kann man etwas erahnen, das im Wind baumelt und in eine Schnur verwickelt zu sein scheint. Genz greift unter den Balken und wickelt den Gegenstand aus, sodass er frei hängt und hin und her schwingen kann. Die zwei dunkelbraunen Kastanien sind übereinandergesteckt. Die obere ist klein, die untere etwas größer. In die obere Kastanie sind zwei Löcher als Augen in das Kastanienfleisch geritzt. In der unteren stecken Zahnstocher als Arme und Beine. Es ist eine einfache Figur, bestehend aus zwei Kugeln und vier Hölzchen, ganz gewöhnlich, doch für einen Moment bleibt Thulin das Herz stehen, und sie weiß nicht warum.

»Ein Kastanienmännchen. Sollten wir das zum Verhör bitten?«

Hess sieht sie unschuldig an. Bei Europol ist offenbar Poli­zeihumor von der klassischen Sorte hoch im Kurs, und Thulin antwortet nicht. Genz und sie schaffen es noch, einen Blick auszutauschen, ehe dieser von einem seiner Leute mit einer Frage abgelenkt wird. Hess greift in die Tasche nach seinem Handy, das wieder angefangen hat zu klingeln, und im selben Augenblick pfeift es vom Haus. Es ist der Kollege mit der Übelkeit, der Thulin in den Garten hinaus ein Zeichen gibt. Sie erhebt sich. Schaut über den von Bäumen mit bronzefarbenen Blättern umgebenen Spielplatz, doch mehr ist nicht zu erkennen. Nur nasse Schaukeln, Klettergerüste und eine Parcours-Bahn, die trotz der vielen Polizisten und Techniker, die im Regen herumwandern und die Gegend absuchen, trist und verloren wirken. Thulin geht zum Haus zurück. Als sie an Hess vorbeikommt, steht er schon wieder da und redet Französisch, während eine weitere S-Bahn vorbeidonnert.

11

Auf der Fahrt in die Innenstadt geht Vogel mit Rosa das Tagesprogramm durch. Die Minister der Regierung treffen in Christiansborg, dem Parlamentsgebäude, zusammen, danach gehen sie gemeinsam in die Schlosskirche, um am traditionellen Gottesdienst teilzunehmen. Wenn der absolviert ist, wird Rosa im Sozialministerium, das gegenüber auf dem Schlossplatz von Christiansborg am Holmens Kanal liegt, ihr Personal begrüßen, und danach wird sie rechtzeitig zur offiziellen Parlamentseröffnung wieder zurück in Christiansborg sein.

Auch der Rest des Tages ist bereits gründlich verplant, doch Rosa bringt einige Veränderungen ein, die sie dann in den Kalender auf ihrem iPhone einträgt. Eigentlich muss sie das nicht tun, denn ihre Sekretärin kümmert sich um alles, doch Rosa ist es so lieber. Dann kann sie sich besser in die Details einarbeiten, verliert den Kontakt zur Wirklichkeit nicht und bewahrt sich das Gefühl einer gewissen Kontrolle. Vor allem an einem Tag wie heute. Doch als der Wagen auf den Hof des Reichstags einbiegt, hört sie Vogel nicht mehr zu. Der dänische Dannebrog flattert auf dem Turm des Gebäudes und überall sind Medienwagen geparkt, und sie sieht die Gestalten, die da stehen und sich vorbereiten oder unter ihren Regenschirmen im Licht der Fotografen Beiträge sprechen.

»Asger, wir fahren weiter und nehmen den Hintereingang.«

Der neue Chauffeur nickt bei Vogels Worten, doch Rosa gefällt die Idee nicht.

»Nein. Setzen Sie mich hier ab.«

Vogel wendet sich überrascht zu ihr, und der Fahrer schaut sie im Rückspiegel an. Erst jetzt bemerkt sie, dass er trotz seines jungen Alters einen ernsten Zug um den Mund trägt.

»Wenn ich es jetzt nicht mache, dann bleiben sie den ganzen Tag da. Fahren Sie bitte vor den Eingang und setzen Sie mich dort ab.«

»Rosa, bist du sicher?«

»Ich bin sicher.«

Der Wagen gleitet an die Bordsteinkante, und der Fahrer springt heraus und öffnet die Autotür für sie. Als sie aussteigt und auf die breite Treppe vor dem Parlament zugeht, bewegt sich plötzlich alles wie in Zeitlupe: die Kameraleute, die sich umwenden, die Journalisten, die sich auf sie zubewegen, die Gesichter mit offenen Mündern und verzerrte Worte.

»Rosa Hartung, einen Moment bitte!«

Die Wirklichkeit trifft sie mit voller Kraft. Die Menge vor ihr explodiert, Kameras stürzen vor ihr Gesicht, und die Fragen der Journalisten prasseln auf sie ein. Rosa nimmt zwei Stufen der Treppe, dann sieht sie über die Menge und registriert alles. Die Stimmen, das Licht und die Mikrofone, eine blaue Mütze über einer gerunzelten Stirn, einen winkenden Arm, ein Paar dunkle Augen, die aus der hintersten Reihe zu folgen versuchen.

»Frau Hartung, einen Kommentar, bitte!«

»Wie ist es, wieder zurück zu sein?«

»Können wir zwei Minuten bekommen?«

»Rosa Hartung, schauen Sie hierher!«

Rosa weiß, dass sie in den vergangenen Monaten und nicht zuletzt während der letzten Tage ein Punkt auf der Agenda diverser Redaktionskonferenzen gewesen ist, doch niemand hat mit dieser Gelegenheit gerechnet, deshalb sind sie unvorbereitet, und genau das war Rosas Absicht.

»Treten Sie zurück! Die Ministerin gibt einen Kommentar.«

Das ist Vogel, der sich vor sie gedrängelt hat, um dafür zu sorgen, dass die Leute Abstand halten. Die meisten tun, was er sagt, und Rosa sieht in die Gesichter, von denen sie viele schon von früher kennt.

»Wie Sie alle wissen, war es eine schwere Zeit. Meine Familie und ich sind froh über die Unterstützung, die wir dabei erfahren haben. Jetzt beginnt ein neues Parlamentsjahr, und es ist an der Zeit, nach vorn zu blicken. Ich danke dem Ministerpräsidenten für sein Vertrauen, und ich freue mich darauf, mich den politischen Aufgaben zu widmen, die vor uns liegen. Ich hoffe, Sie alle werden das respektieren. Danke.«

Rosa Hartung geht hinter Vogel, der versucht, einen Weg zu bahnen, weiter die Stufen hinauf.

»Aber, Frau Hartung, sind Sie denn so weit, dass Sie wieder zurückkommen können?«

»Wie geht es Ihnen?«

»Wie fühlt es sich an, dass der Täter nicht gesagt hat, wo Ihre Tochter …«

Vogel gelingt es, sie zu der großen Tür zu bringen, und als ihre Sekretärin an der Schwelle steht und ihr die Hand reicht, ist es, als hätte sie sich aus einem tosenden Meer an Land gerettet.

12

»Wie Sie sehen, haben wir die Einrichtung ein bisschen verändert, es sind nämlich neue Sofas gekommen, aber wenn Sie gern das alte zurückhaben möchten …«

»Nein, alles gut. Ich finde es schön, dass es neu ist.«

Rosa ist gerade durch die Tür zu ihrem Büro im vierten Stock des Sozialministeriums gekommen. Die Ankunft in Christiansborg und der darauffolgende Gottesdienst ­haben viele Begegnungen mit sich gebracht, und sie ist erleichtert, die geballte Aufmerksamkeit abschütteln zu können. Die Kollegen aus den Nachbarbüros haben sie umarmt oder freundlich und mitleidig genickt, und sie hat dafür gesorgt, in Bewegung zu bleiben, abgesehen von dem Gottesdienst, wo sie versucht hat, sich auf die Predigt des Bischofs zu konzentrieren. Vogel musste danach mit diversen Abgeordneten sprechen, und Rosa war zusammen mit ihrer Sekretärin und ein paar Assistenten, die auf sie warteten, über den Schlossplatz zum großen, graubraunen Gebäude des Sozialministeriums gegangen. Es passt ihr gut, dass Vogel jetzt woanders ist, denn so kann sie sich darauf konzentrieren, das Personal zu treffen und mit der Sekretärin zu sprechen.

»Rosa, ich weiß nicht, wie ich es ausdrücken soll, also muss ich ganz einfach fragen: Wie geht es Ihnen?«

Bisher hat es keine Zeit und keinen Ort gegeben, um so zu reden, und Rosa kennt ihre Sekretärin gut genug, um zu wissen, dass sie nur das Beste für sie möchte. Liu ist chinesischer Herkunft, mit einem Dänen verheiratet, Mutter von zwei Kindern und darüber hinaus der gutherzigste Mensch, den Rosa kennt. Dennoch muss sie auch hier der persön­lichen Frage genauso ausweichen, wie sie es in Christiansborg und in der Kirche getan hat.

»Es ist ganz in Ordnung, dass Sie fragen. Es geht mir den Umständen entsprechend gut, und jetzt freue ich mich darauf, wieder zu starten. Wie geht es bei euch?«

»Doch, alles gut. Der Kleine hat sich irgendeinen Magenvirus eingefangen. Und der Große … Aber alles ist gut.«

»Die Wand da hinten wirkt ein bisschen kahl.«

Rosa streckt die Hand aus und merkt, wie Liu sich windet.