Seelentot - Anna Simons - ebook
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Seelentot ebook

Anna Simons

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Opis

Ihr Beruf: Ärztin. Ihre Patienten: Kriminelle. Ihr neuer Fall: Eine Mauer aus Schweigen.

In der JVA München-Wiesheim wird ein Inhaftierter erhängt aufgefunden. Alles deutet auf Selbstmord hin. Allein Gefängnisärztin Eva, die den Totenschein ausstellen soll, hat Zweifel: Der Mann stand kurz vor der Entlassung, warum sollte er sich gerade jetzt das Leben nehmen? Gemeinsam mit Hauptkommissar Lars Brüggemann beginnt sie zu ermitteln, doch bei den Angestellten der Haftanstalt stößt sie auf Schweigen. Als Eva einen Briefumschlag mit einem Trauerflor in ihrer Post vorfindet und nachts heimlich Dateien von ihrem Computer gelöscht werden, ist klar: Jemand versucht mit allen Mitteln zu verhindern, dass die Wahrheit ans Licht kommt. Und plötzlich kann Eva sogar Lars nicht mehr trauen ...

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ANNA SIMONS ist das Pseudonym einer erfolgreichen deutschen Autorin, die 1966 in Bergneustadt geboren wurde. Die promovierte Betriebswirtschaftlerin arbeitete viele Jahre bei einer Großbank in Frankfurt. Vor einiger Zeit wechselte sie ins erzählerische Fach: 2008 gewann sie den Women’s Edition Kurzkrimi-Preis, 2015 war sie für den UH!-Literaturpreis des Ulla-Hahn-Hauses in Monheim nominiert. Die Autorin lebt mit Mann und Kindern im Münchner Umland. ­Seelentot ist ihr zweiter Roman um die Gefängnisärztin Eva Hanssen.

Außerdem von Anna Simons lieferbar:

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ANNA SIMONS

SEELEN-TOT

Ein Fall für die Gefängnisärztin

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Copyright © 2019 by Penguin Verlag

in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München

Umschlag: favoritbüro

Umschlagmotiv: © plainpicture / VCreative; amyrxa, Valeriy Boyarskiy, Ensuper / Shutterstock

Redaktion: Carlos Westerkamp

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-24301-2V001

www.penguin-verlag.de

Die in diesem Roman beschriebenen Personen und ­Ereignisse sowie die genannte Haftanstalt sind Fiktion und frei erfunden. Jegliche Übereinstimmung oder Ähnlichkeit mit lebenden oder toten Personen sowie mit realen Begebenheiten ist rein zufällig und nicht ­beabsichtigt.

Prolog

An der Decke, direkt über mir, sehe ich verwaschenes, lichtes Grau. Vielleicht ist es nur Dreck, gar keine echte Farbe. Was nicht verwunderlich wäre. In diesem Loch ist alles grau.

Ich habe vorher nicht geahnt, wie viele Grautöne es gibt: warm und kalt, hell und dunkel, blaustichig oder mit einem Hauch Violett, fast schwarz. In diesem Gebäude findet man sie alle, jede Schattierung. Und mindestens ebenso viele Abartigkeiten. Hier drinnen wird beobachtet, abgeschätzt, betrogen, gelogen, gedemütigt, geschlagen, getreten. Niemand traut dem anderen. Jeder kann dich ans Messer liefern. Immer. Ohne Zögern. Wer zuvor nicht schon Täter war, der muss es hier werden. Falls er sich weigert, wird er das Opfer von denen, die weniger Skrupel haben. Raushalten kann sich jedenfalls kaum einer.

Für all das gibt es ein treffendes Wort: Grau-sam-keit.

Ich starre weiter nach oben. Die Kerben und Schlieren, auch den Rostfleck ignoriere ich. Irgendwann nehme ich sie nicht mehr wahr. Dann reicht die Fläche für die Bilder, die meine Fantasie darauf projiziert. Jeden Tag. In jeder freien Minute, in der ich nichts tun kann, außer zu starren. Selbst in der Nacht, wenn ich nicht zur Ruhe komme, wenn die unnatürliche Stille durchbrochen wird von den Echos der anderen, die auch keinen Schlaf finden. Von ihrem Schnarchen und Stöhnen, ihren Schreien.

Dort oben ist meine Flucht, mein Ausweg. Ich muss nur lange genug warten. Den Blick nicht abwenden. Bis alles verschwimmt. Irgendwann sehe ich es dann. Wie einen Film. An der Decke über mir. Sie sind nicht wirklich da, diese Bilder. Das weiß ich. Sie sind nur in meinem Kopf, Spiegel einer anderen Zeit.

Der glücklichen Tage. Damals konnte ich es nicht spüren. Die anderen konnten es, das sah ich an ihrer Miene. Ich konnte es nie. Ich hatte immer gedacht, es müsste sich anders anfühlen. Spektakulärer. Ich habe nicht begriffen, dass es längst da war, das Glück. Stattdessen habe ich mich ständig beschwert. Wollte mehr. Nie war es genug, immer wünschte ich mir etwas anderes. Vielleicht weil alles zu leicht war, zu selbstverständlich. Oder ich einfach zu blöd. Ignorant.

Heute kann ich es fühlen. Seit das Glück weg ist, weiß ich genau, wo es war. Ich spüre deutlich die Konturen dessen, was jetzt fehlt. Für immer. Diese Leere füllt alles in mir aus. Nimmt mir den Atem, liegt bleiern auf meiner Brust, tötet jedes Gefühl. So als wäre man innerlich gestorben.

Nur eines bleibt: die Sehnsucht.

Sie gaukelt mir vor, dass es irgendwo dort draußen noch mehr gibt, etwas viel Schöneres. Doch das ist nicht wahr. Ich weiß, dass diese Zeit nicht wiederkommen wird. Nie mehr. Auf Gutes folgt das Schlechte. Früher oder später. Das hat mich das Leben gelehrt. Es gibt keine Alternative. Und keine Möglichkeit, die Zeiger zurückzudrehen, egal wie sehr ich es mir wünsche.

Es war immer so. Und so wird es bleiben.

Dennoch mischen sich ständig neue Bilder in meine Träume. Es ist diese verdammte Hoffnung, die mir keine Ruhe lässt …

Ich schließe die Augen, will heute nichts sehen. Ich halte die Bilder nicht aus. Doch sie laufen weiter. Meine Finger krallen sich in die Handflächen. Die Wunde dort ist noch nicht verheilt, der Schmerz pocht. Gut so. Ich will nicht mehr hoffen, will in der Realität bleiben. In der bitteren Wirklichkeit. Wenn ich die Bilder nicht sehe, dann fühle ich sie sofort: die Ein-sam-keit. Sie hat genauso viele Nuancen wie das Grau. Und ist ebenso kalt.

Ein Geräusch holt mich aus meinen Gedanken. Ich erstarre. Schlagartig verschwinden alle meine Bilder. Das Grau ist wieder grau, der Rost, die Risse, sie bleiben. Sind real. Kein Traum. Keine Hoffnung.

Die Laute kommen von draußen. Etwas scharrt auf dem Boden. Dann ein Lufthauch.

Ich schließe meine Augen, lockere meine Gesichtsmuskeln, lasse den Kiefer hängen. Drehe den Kopf zur Wand, als würde ich mich im Traum bewegen. Tief atmen, ruhig und gleichmäßig. Ich schlafe. Natürlich. Es ist mitten in der Nacht, was sollte ich sonst tun.

Die Geräusche sind jetzt ganz nah, fressen sich in mein Gehör, bleiben darin haften, hallen nach. Meine Hände krampfen, so sehr muss ich mich zurückhalten, sie nicht auf meine Ohren zu pressen. Ich drücke mich enger an die Wand, atme flach, rühre mich nicht.

Kleidung knistert. Ein sachtes Wischen, etwas fällt zu Boden. Ganz luftig leicht. Ein Kichern. Gleich werden Bewe­gungen und Geräusche in einen gemeinsamen Rhythmus kommen. Dann bin ich nicht mehr von Bedeutung.

Ich muss nur warten, still liegen. Wie versteinert.

Doch etwas ist anders. Jemand steht dicht bei mir. Ich spüre die Wärme eines Körpers. Das Blut in meinen Ohren dröhnt, ich beginne zu schwitzen, versuche mich zu beruhigen. Meine Lage nicht zu verändern.

Die Person ist immer noch da, reglos, starrt mich an.

Meine Haut kribbelt unter dem Blick, ich will die Bettdecke über mich ziehen, mich wegdrehen, irgendwas tun. Aber ich darf mich nicht rühren. Auf keinen Fall. Immer tiefer bohren sich meine Nägel in mein eigenes Fleisch. Ich spüre Feuchtigkeit. Vielleicht Blut. Das wird mich verraten!

Verdammt.

Dann höre ich Stimmen. Aufgeregt. Es sind mehrere. Ich verstehe sie nicht. Sie schreien etwas – wütend, unbarmherzig, seelentot.

Mit einem Mal weiß ich es: Ich kann der Vergangenheit nicht entfliehen. Sosehr ich es wünschte. Alles hätte ein Ende: die Träume, die Qual und die Einsamkeit.

Diese Nacht wird meine letzte sein.

1.

Eva Hanssen* bog mit ihrem Volvo gerade auf den Parkplatz der JVA München-Wiesheim ein, als sich ein Platzregen aus düsteren Wolken entlud. Während sie einparkte, klatschten mächtige Regengüsse auf ihr Wagendach.

Der gesamte Platz war in wenigen Sekunden überspült, deshalb zog sie es vor, noch einen Moment im Auto zu bleiben und abzuwarten, bis das Wetter sich etwas beruhigt hatte.

Eine weiße Plastiktüte wirbelte mit einer Böe durch die Luft, stieg höher, verfing sich im Stacheldraht oben auf der Gefängnismauer und peitschte dort im Wind wie eine Fahne hin und her. Eva betrachtete die graue Fassade, das eiserne Tor. An diesem Novemberdienstag wirkte die Haftanstalt noch mehr wie eine düstere Festung.

Mit einem Mal wurde ihr bewusst, wie sehr sie sich in den fünf Wochen, die sie nun hier arbeitete, an diese trostlose Umgebung gewöhnt hatte, sie kaum mehr wahrnahm.

Der Regen ging in Hagel über. Sie schlug den Kragen hoch, im Wagen schien es kälter zu werden. Fröstelnd rieb sie ihre Arme. Dann wandte sie den Blick von den emporragenden Mauern ab und beobachtete stattdessen die schmalen, hohen Bäume, die den Parkplatz begrenzten und die der Wind wie Gummispielzeuge verbog. Zweige und Blätter lösten sich dabei und flogen durch die Luft.

Der Herbst hatte in diesem Jahr ungewöhnlich viele Stürme mit sich gebracht, und jedes Mal schien ihre Inten­sität zuzunehmen. Genauso wie die Menschen in Evas Wahrnehmung auch ständig aufbrausender und rücksichtsloser wurden. Alles war hektischer und lauter geworden, und sie sehnte sich nach Ruhe und einer kleinen Auszeit. Vielleicht sollte sie am Wochenende in die Berge fahren, die nur einen Katzensprung entfernt waren. Weg von allem, in die Einsamkeit der Natur. Oder nach Salzburg. In Mozarts Geburts­stadt. Das wäre ein gelungener Kontrast zu ihrem täglichen Umfeld.

Ein riesiger Blitz zuckte über den Himmel und setzte die Szenerie für einen Moment in ein gespenstisches Licht. Dann war es fast so dunkel wie mitten in der Nacht. Der krachend laute Donner ließ die Scheiben des Wagens klirren. Sie schob sich tiefer in ihren Sitz. Das Gewitter befand sich jetzt direkt über ihr. Sie hasste Unwetter, wurde immer unruhig, so als würde sie die elektrische Ladung der Luft in sich aufnehmen. Nur die klare Frische und die eigentüm­liche Stille danach, wenn das Wetter sich ebenso schlagartig wieder normalisierte, die mochte sie. Eva schaute auf die Uhr und wischte einmal liebevoll über das Glas des Ziffernblattes, legte ihre Hand schützend über das Andenken an ihren Vater und lugte dann erneut aus dem Fenster.

Erleichtert bemerkte sie, dass sich der Himmel hinter dem Wachtturm bereits aufhellte. Entschlossen zog sie ihr Handy aus der Tasche, um ihrem Bruder Patrick via WhatsApp einen guten Tag zu wünschen und ihre Mails zu ­checken, während der Regen rhythmisch auf das Wagendach trommelte. Eine Nachricht von ihrer besten Freundin Ann-Kathrin Delgado war eingegangen, die sich am Abend mit ihr treffen wollte. Eva lächelte und verteufelte den ­Gedanken, dass das Gewitter ein böses Omen wäre.

Es gab keine schlechten Nachrichten. Alles war gut.

Wie auf Kommando ließ der Regen nach, prasselte sanft und gleichförmig auf die Scheibe. Eva sagte rasch für das Abendessen zu, dann schlüpfte sie in ihre Winterjacke, kramte in ihrer Tasche nach dem riesigen Schlüsselbund, mit dem sie insgesamt acht Türen im Inneren auf- und wieder zuschließen musste, bevor sie die Krankenstation erreichte.

Eilig stieg sie aus, übersprang mit großen Sätzen ein paar Pfützen und stellte sich unter das schützende Vordach, bis sich das riesige graue Metalltor zur Seite geschoben hatte. Sie hielt ihren Ausweis zur Kamera, grüßte den Wachhabenden und verschwand dann hinter den Mauern, die sie in eine andere Welt führten.

Als sie sich wenige Minuten später in ihrem Dienstzimmer ihre kurzen blonden Haare trocken gerubbelt hatte und sich gerade dem Aktenstapel der Patienten widmen wollte, die für den heutigen Vormittag angemeldet waren, räusperte sich jemand an der Tür. Eva hatte sie ausnahmsweise offen gelassen, um kurz durchzulüften, da die Luft im Zimmer stickig gewesen war und Gefangene um diese Zeit noch keinen Zutritt zur Station hatten.

Lisbeth Haberer, ihre fähigste Mitarbeiterin, trat ­zögernd in den Raum. Eva sah kurz auf und bedeutete ihr mit einem Lächeln, vor dem Schreibtisch Platz zu nehmen.

»Ich weiß, Sie sind in Eile, aber ich muss dringend etwas mit Ihnen besprechen, Frau Dr. Hanssen«, sagte Lisbeth ­zögerlich.

Sofort schob Eva die Unterlagen zur Seite. Eigentlich hätte sie längst beginnen müssen, die Patienten zu priorisieren, da ihre Sprechstunde bald anfing. Aber sie kannte Lisbeth als tüchtige und sehr selbstbewusste Pflegekraft, zu der diese Zurückhaltung gar nicht passte. Sie musste etwas Wichtiges auf dem Herzen haben, wenn sie sich so verhielt.

Eva hoffte inständig, sie würde nicht kündigen. Oder hätte ein Problem und würde um eine Freistellung bitten, denn das wäre ein Albtraum. Eva hatte immer noch jede Menge Fragen zu den Abläufen und Gepflogenheiten in der JVA und schätzte Lisbeths langjährige Erfahrung.

Außerdem war Evas Team sehr jung und mit nur acht Krankenpflegern, die nicht alle in Vollzeit und obendrein in Schicht arbeiteten, ohnehin viel zu dünn besetzt. Sie konnte sich nicht vorstellen, wie sie die ganze Arbeit ohne die Unterstützung von Lisbeth Haberer schaffen sollte. Sie war ihre wichtigste Kraft und hielt alles zusammen.

»Schießen Sie los, Lisbeth. Wo drückt der Schuh?«, fragte Eva und versuchte sich ihre Sorge nicht anmerken zu lassen.

»Wir haben einen Neuzugang im Krankentrakt«, antwortete Lisbeth und strich mit dem Zeigefinger über den Schreibtischrand.

Eva sank erleichtert gegen die Stuhllehne. Auch wenn das erst der Beginn von Lisbeths Geschichte war, konnte sie ihre schlimmste Befürchtung erst einmal zur Seite schieben.

»Es ist gerade niemand dort untergebracht. Deshalb … wie soll ich sagen … dieser Häftling ist nicht krank … na ja, das heißt, eigentlich ist er das schon, nur nicht im üblichen Sinn …« Sie seufzte. Dann sah sie Eva direkt ins Gesicht und raunte: »Er ist ein Sittich.«

»Der Mann ist ein … was? Das müssen Sie mir übersetzen, Lisbeth.«

»Ein Sittlichkeitsverbrecher, ein Pädophiler. Die Gefangenen nennen die hier Sittiche. Oder noch abfälliger ­Kifis. Der Mann hat gestern am Nachmittag seine Haftstrafe angetreten. Fragen Sie mich nicht warum, aber in seiner Zugangs­zelle haben die vier anderen nach kürzester Zeit den Grund für seine Inhaftierung herausgefunden, obwohl der Beamte ihn zuvor umfassend aufgeklärt und mehrmals gewarnt hat, nicht damit hausieren zu gehen. Aber er hatte keinen Haftzettel dabei …«

»… und da haben die cleveren Jungs gleich geahnt, was dahintersteckte, und ihm gezeigt, was sie von dieser Sorte von Verbrechern halten«, setzte Eva den Satz fort.

Lisbeth nickte bestätigend und atmete laut aus.

Eva war zwar noch nicht lange Gefängnisärztin, aber es war nicht das erste Mal, dass ein Gefangener zusammengeschlagen wurde. Sie konnte nicht verstehen, wie die Beam­ten jemanden ohne den üblichen Haftzettel, auf dem die Haftbedingungen und der Grund für die Inhaftierung konkret aufgeführt wurden, in eine Mehrpersonenzelle ­schicken konnten. Wenn der fehlte, war eigentlich klar, was damit vertuscht werden sollte. Man hätte es dem Mann im Grunde gleich auf die Stirn schreiben können.

»Wie geht es ihm jetzt? Soll ich ihn mir ansehen?« Eva war schon halb aufgestanden, als Lisbeth ihr bedeutete, Ruhe zu bewahren.

»Nicht nötig, Frau Hanssen.« Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. »Er ist wortwörtlich mit einem blauen Auge und ein paar Prellungen davongekommen. Er hat laut geschrien, und der Angriff passierte zum Glück so schnell, dass der Beamte, der ihn gebracht hatte, umgehend wieder bei der Zelle war, um ihn da rauszuholen.«

Oder er hatte einfach einen Moment vor der Tür gewartet, damit der Mann seine Tracht Prügel erhielt. Vielleicht war diese Unterstellung ungerecht, aber auch unter den ­Beschäftigten gab es immer wieder mal ein schwarzes Schaf. Wenn dieser Beamte selbst Familienvater war und kleine Kinder hatte, hielt er es vielleicht für vollkommen richtig, dem Sittich einen Denkzettel zu verpassen.

»Warum ist der Gefangene eigentlich nicht in einer Einzel­zelle untergebracht worden? Darauf hat er doch einen Anspruch.«

Lisbeth wiegte den Kopf bedächtig hin und her. »Ja, das ist absolut korrekt. Offiziell wird den Neulingen gesagt, man wolle sie davor bewahren, in der Isolation total durchzudrehen.«

Eva nickte. In einem engen Raum eingeschlossen zu sein, war gerade für die Neuen besonders schwer zu ertragen: die Ausweglosigkeit, Einsamkeit und Langeweile genauso wie der Kontrollverlust. Die Hafträume hatten keine Klinke an der Tür, womit sich jeder Strafgefangene völlig in die Hand fremder Menschen begeben musste. Gerade in der Untersuchungshaft, wo die Inhaftierten nicht arbeiten durften und stundenlang alleine ohne jede Ablenkung in ihrer Zelle saßen, wog das besonders schwer. Manche Menschen reagier­ten darauf lediglich depressiv oder klaustrophobisch, andere konnte die Situation bis zum Suizid führen. Deshalb wurden die Gefangenen für die Eingewöhnung bevorzugt zu zweit untergebracht.

»Inoffiziell ist es aber gerade so«, fuhr Lisbeth fort, »dass wir einfach zu viele Gefangene aufnehmen mussten und gar nicht für jeden eine Einzelzelle bereitstellen könnten. Vor allem in der U-Haft sind wir heillos überbelegt. Aber auch sonst gibt es nicht viel Auswahl, deshalb konnten wir den Mann nirgends unterbringen, wo seine Sicherheit gewährleistet war.«

»Und da kam jemand auf die Idee, ihm hier eines der freien Krankenzimmer zu geben«, folgerte Eva.

Lisbeth nickte und lugte vorsichtig unter ihrem schrägen Pony hervor, der in der Mitte durch eine blonde Strähne aufgepeppt war.

»Nur über Nacht natürlich. Sophie hatte freiwillig eine zweite Schicht übernommen, um regelmäßig nach ihm zu sehen. Bei der Nachtschicht sind wir ja immer bewaffnet, zu unserem Schutz. Und die Sophie ist echt gut an der Waffe. Die Beamten haben wohl gedacht, es wäre die beste Alternative, um während der Schlafenszeit keinen weiteren Krawall zu riskieren.«

Eva nickte. Sie fand die Idee ausgesprochen clever, denn in jeder anderen Zelle wäre es dem Häftling vermutlich nicht anders ergangen als in der, der er mit knapper Not entronnen war. Auch unter den Straftätern gab es eine feste Hierarchie. Und Männer, die Kindern etwas antaten, waren definitiv auf der niedrigsten Stufe angesiedelt. Niemand wollte mit Pädophilen etwas zu tun haben und begegnete ihnen mit Verachtung.

»Was hat der Mann eigentlich genau gemacht? Hat er ein Kind missbraucht?« Eva schluckte und musste sich zwingen, nicht an ihre Nichte Lilly zu denken. Es war ihre Pflicht, allen Gefangenen vorbehaltlos und mit Respekt gegenüberzutreten. Egal was sie verbrochen hatten. Doch gerade fiel es selbst ihr enorm schwer, das Bild des schönen, blond ­gelockten Kindes abzuschütteln und diesem Mann gegenüber wirklich unvoreingenommen zu sein.

Lisbeth zuckte die Schultern. »Ich glaube nicht. Warten Sie, ich kann gleich seine Akte holen …«

Schnell winkte Eva ab. »Schon gut, das müssen Sie nicht. Es tut im Grunde nichts zur Sache.«

Lisbeth fuhr sich immer wieder nervös mit dem Daumen über den Handrücken und schaute zum Fenster. Etwas schien sie weiterhin zu bedrücken. Eva schwieg und wartete geduldig ab, was sie ihr sonst noch zu sagen hatte.

Sie betrachtete Lisbeth und bemerkte erst jetzt, dass der Haaransatz an ihrem Scheitel ergraut war. Ihre Mitarbeiterin trat immer so dynamisch und agil auf, deshalb hatte Eva beinahe vergessen, dass ein Altersunterschied von fast zwanzig Jahren zwischen ihnen lag.

»Ich weiß, wir haben damit eindeutig unsere Kompetenzen überschritten. Wir hätten Sie anrufen müssen …«, murmelte Lisbeth nun weiter. »Aber in den letzten Monaten, in denen wir hier ohne einen Arzt klarkommen mussten … Wissen Sie, und auch davor … Ihr Vorgänger …« Lisbeth stockte, und ein Schatten huschte über ihr Gesicht.

In dem Moment zerriss das Klingeln des Telefons die Stille. Es war die Nummer des anderen Pflegers, Hamid ­Erdem, der sie sicher nicht unterbrochen hätte, wenn es keinen triftigen Grund dafür gäbe. Mit einem Schulterzucken nahm sie den Anruf entgegen. Es ging um einen Notfall in Haus III. Im ersten Stock wälzte sich ein ­Insasse schreiend im Flur auf dem Boden und klagte über starke Schmerzen und Krämpfe im Bauchraum.

»Wir kommen sofort«, entgegnete Eva und erhob sich von ihrem Platz.

Lisbeth blinzelte kurz, fuhr sich einmal durch ihre Haare, wie ein Hund, der die Nässe kurz aus dem Fell geschüttelt hatte. Dann stand sie mit entschlossener Miene auf, griff nach Evas Arzttasche neben dem Schreibtisch und wartete, bis Eva die Tür hinter sich verriegelt hatte.

»Der Gefangene kann erst einmal hier auf der Krankenstation bleiben«, sagte Eva im Weggehen. »Ich habe damit kein Problem und finde, Sie haben genau richtig gehandelt. Falls es das war, was Sie fragen wollten.«

Lisbeth nickte und lächelte dankbar, während sie den Gang entlangeilten.

Dann fügte Eva noch hinzu: »Es geht doch darum, dass die uns anvertrauten Leute gesund bleiben. Dafür haben Sie gesorgt.«

Auch wenn Lisbeth nun aufrecht und mit gestrafften Schultern vor ihr die Treppe hinunterlief, war Eva sicher, dass sie sich die Veränderung in ihrem Gesichtsausdruck vorhin nicht eingebildet hatte. Jetzt war nicht der richtige Moment, um das Thema aufzugreifen. Aber sie musste heraus­finden, was Lisbeth ihr noch hatte sagen wollen.

Bislang hatte Eva nie viel über ihren Vorgänger nachgedacht. Doch der Schatten auf Lisbeths Gesicht hatte Bände gesprochen. Erstmals fragte sie sich, aus welchem Grund er eigentlich den Dienst in der Anstalt vorzeitig beendet hatte.

* Aus juristischen Gründen musste der Name der Figur geändert werden. Wir bitten dies zu entschuldigen.

2.

Schon nach kurzer Zeit hatte Eva den Patienten, der auf Druck im gesamten Bauchraum reagierte und sich mehrfach übergeben hatte, zur Sicherheit in ein Krankenhaus überstellen lassen. Zwar konnte sie den Schmerz nicht eindeutig lokalisieren, der Mann hatte auch kein Fieber, dennoch konnten die Symptome auf eine akute Blinddarmentzündung hindeuten. Um eine klare Diagnose stellen zu können, waren weitere Untersuchungen nötig, die sie in ihren Praxisräumen nicht durchführen konnte. Im Krankenhaus war er deshalb besser aufgehoben und konnte dort im Zweifel gleich operiert werden.

Als alle Papiere für die Überstellung ausgefüllt und der Patient in Begleitung eines Vollzugsbeamten in den Rettungswagen verfrachtet worden war, konnten Eva und ­Lisbeth endlich ihre normale Arbeit aufnehmen. Der Zwischenfall hatte sie zwar nur weniger als eine Stunde gekostet, dennoch wollte Lisbeth ihrer Kollegin Jasmin bei der Methadonausgabe zur Hand gehen, um zügig damit fertig zu werden, und blieb deshalb im Erdgeschoss der Krankenstation.

Eva hatte gehofft, noch einmal mit ihrer Mitarbeiterin sprechen zu können. Ihr erster Patient musste noch von einem Beamten abgeholt werden, was erfahrungsgemäß eine Weile dauern würde und ihr etwas Zeit verschafft hätte. Doch sie hielt sich zurück und ging alleine nach oben. Schließlich konnte sie die Sprechstunde ohne Weiteres mit Hamid bestreiten.

Als Eva gerade die oberste Akte vom Stapel nahm und sie aufschlug, um sich ein Bild von dem Gesundheits­status und der kriminellen Vergangenheit des Patienten zu machen, unterbrach sie erneut das Klingeln des Telefons.

»Brielbeck. Entschuldigen Sie die Störung, Frau Dr. Hans­sen. Wir haben hier einen Toten. Selbstmord. Könn­ten Sie bitte gleich vorbeikommen, um den Tod zu bescheinigen? Im Männertrakt, Haus III, zweiter Stock. In der Gemeinschaftsdusche.«

Eva schnappte kurz nach Luft. Obwohl der Beamte den Sachverhalt völlig gleichmütig und nüchtern geschildert hatte, überlief sie eine Gänsehaut. Ein Todesfall löste jedes Mal eine Flut von Gefühlen bei ihr aus. Vermutlich trug ihre eigene Geschichte dazu bei, denn sie hatte schon früh durch einen Unfall ihre Eltern verloren. Doch sie wollte sich dem Beamten gegenüber nichts davon anmerken lassen, denn schließlich gehörte auch das zu ihrem Job. ­»Natürlich. Ich bin schon unterwegs!«, antwortete sie deshalb nur knapp und griff nach ihrer Arzttasche.

Ein seltsamer Vormittag. Schon wieder betraf es Haus III, dachte Eva, nachdem sie sich von Hamid ein Klemmbrett und die entsprechenden Formulare hatte geben lassen. Offenbar war das Gewitter vorhin doch ein schlechtes Omen gewesen.

Ihr war mulmig zumute, denn es war das erste Mal, dass sie eine solche Begutachtung vornehmen musste. Natürlich waren auch in ihrer Klinikzeit Patienten verstorben, aber ein Suizid war dort nie vorgekommen.

In Wiesheim wunderte sie es jedoch nicht, dass jemand dieses Leben nicht aushielt. Sie musste daran denken, wie frustrierend die Anstalt noch am Morgen auf sie selbst ­gewirkt hatte. Dabei konnte sie Abend für Abend nach Hause und raus aus dieser Trostlosigkeit.

Die Gefangenen hingegen waren von ihrem ersten Tag an einem System ausgeliefert, in dem der immer gleiche Rhythmus von Schlaf, Arbeit, Essen herrschte. Ohne Ausnahme und völlig fremdbestimmt. Hinzu kamen Langeweile und Einsamkeit.

Nicht einmal ihre Zellenmitbewohner konnten die Häftlinge sich aussuchen – oder die Art des Zusammenlebens. Das alles konnte einem labilen Menschen sicher zusetzen.

Und noch eines hatte Eva in den wenigen Wochen ihrer Dienstzeit begriffen: Mit der Inhaftierung im Knast wurde man für die Welt draußen unsichtbar. Die Gefangenen verschwanden hinter dem Bollwerk dicker Mauern – und ­befanden sich damit außerhalb der Gesellschaft. Sobald sie keine akute Gefahr mehr darstellten, interessierte sich niemand für ihr Schicksal. Außer ein Häftling türmte und ­bedrohte damit erneut die Sicherheit.

Genauso waren auch einige Menschen von ihr abgerückt und auf Distanz gegangen, wenn sie erzählte, wo sie praktizierte. Nur Victor, der Mann ihrer besten Freundin, war fasziniert von ihrem Job.

Mit einem beklommenen Gefühl durchquerte Eva den riesigen Innenhof, der rundum von den vierstöckigen Haftgebäuden eingeschlossen war. Niemand war zu sehen. Die Bäume reckten ihre kahlen Äste in die Luft. Tristesse hing wie Dunst in der Luft. Angespannt packte Eva ihre Tasche fester, eilte in das Gebäude und nahm im Laufschritt die Treppen nach oben.

Schon beim Betreten des Flurs entdeckte sie an dessen Ende zwei Vollzugsbeamte, die ihr gestikulierend bedeuteten, wohin sie kommen musste, und dann zur Seite traten, um ihr Platz zu machen. Die Stille fiel ihr als Erstes auf – ganz anders als bei ihrem ersten Besuch an diesem Morgen, bei dem der Vorfall einen Stock tiefer für allgemeine Unruhe gesorgt hatte und einige Gefangene neugierig aus ihren Zellen geschaut hatten. Jetzt waren bereits alle an ihren Arbeits­plätzen, und es war nichts zu hören. Die einzigen Geräusche waren ihr Atem, der sich langsam von dem kurzen Lauf beruhigte, und ihre Schritte auf dem Lino­leumboden. Die Atmosphäre war unheimlich.

Als sie die Beamten erreicht hatte, stellte Eva sich kurz vor, woraufhin diese ihr sofort die Türe öffneten, um sie in den Duschraum zu lassen.

Der Tote war nackt und lag unterhalb eines geöffneten Fensters, hatte noch den gezwirbelten Streifen eines zerrissenen Bettlakens um den Hals. Es war wohl in der Mitte durchtrennt worden, denn das andere Stück hing darüber am Gitter, an dem ein Beamter sich gerade zu schaffen machte.

Der Raum war groß, von oben bis unten mit hellgrauen Kacheln gefliest, der Boden eine Nuance dunkler. Jedes ­Geräusch hallte und es war ausgesprochen kalt. Eva zog ihre Jacke enger um sich. An den Wänden erhoben sich flache Auslässe für das Wasser, darunter waren Temperaturregler angebracht. Sechs Personen konnten hier gleichzeitig ­duschen, ohne jede Trennwand, nur knapp einen Meter voneinander entfernt.

Auf der gegenüberliegenden Seite des Raumes befanden sich links und rechts der Tür zwei Bänke, wo die Inhaftierten ihre Kleidung ablegen konnten. Dort lag ein einziges unordentliches Knäuel, ein Paar Schuhe stand direkt daneben.

Als sie eintrat, hielt der Vollzugsbeamte in seiner Tätig­keit inne und wischte sich die Hände an seiner Hose ab, bevor er Haltung annahm. Der Mann war etwa genauso groß wie sie selbst, hatte braunes Haar und einen Schnurrbart. »Sie sind die Ärztin?«, fragte er und nickte zur Begrüßung. »Brielbeck, ich hatte Sie angerufen. Das ist der Mann: ­Harald Winkler, aus Zelle 218. Wir gehen davon aus, dass er die allgemeine Unruhe vorhin hier im Block genutzt hat, um sich das Leben zu nehmen. Wir haben ihn losgeschnitten, aber … wir kamen wohl zu spät.«

Eva kniete nieder und betrachtete den Toten eingehend und ließ die Szenerie auf sich wirken.

Die Nacktheit des Mannes in dem eisigen, schmuck­losen Raum hatte etwas Trauriges und erschien ihr würdelos. Sie sah sich um, konnte aber kein Handtuch oder Ähnliches finden, mit dem sie seinen Körper hätte bedecken können, außer den Kleidern, die vermutlich ihm selbst gehört hatten.

Eva wollte schon zu der Bank hinübergehen, zögerte ­jedoch und betrachtete den Raum noch einmal eingehend. Dann entschied sie, alle Dinge genau so zu belassen, wie sie jetzt dalagen. Auch wenn sie nicht sagen konnte, was es war, aber etwas irritiere sie.

Sie musterte zunächst das Gesicht des Toten, den sie unge­fähr auf Mitte vierzig schätzte. Vielleicht auch etwas jünger, denn er war groß und sehr dünn, fast mager, was seine Züge eventuell älter wirken ließ. Seine Rippen standen weit hervor. Auf seiner blassen Haut fielen Eva sofort einige Hämatome auf.

Genauestens studierte sie seinen Körper, prägte sich jede Feinheit ein, die für ihr Protokoll später wichtig sein könnte. Die Lage der Totenflecken, seinen Allgemeinzustand, Verletzungen. Sein Körper war wie eine Landkarte, die einiges über die letzten Tage in seinem Leben aussagte. Eva nahm ein Thermometer aus ihrer Tasche, maß seine Körpertemperatur und notierte das Ergebnis, alle anderen Auffälligkeiten sowie die genaue Uhrzeit.

»Wer hat ihn gefunden?«, fragte Eva den Beamten.

»Das war ich«, antwortete dieser. »Als wir nach dem Vorfall mit dem Kranken einen Stock tiefer wieder für Ruhe gesorgt hatten, wollte ich die Putzkolonne anweisen, hier sauber zu machen. Und als ich die Tür öffnete, da hing er eben hier.« Er deutete auf das Gitter, schüttelte den Kopf und wandte sich dann schnell wieder ab.

»Um welche Uhrzeit werden die Gefangenen normalerweise in die Duschräume gelassen?«

Brielbeck stemmte die Arme in die Seite. »Wieso …« Er zögerte, fuhr dann aber sachlich fort: »Das ist unterschiedlich. Je nach Haus und Stockwerk.«

»Ich bin mit den Abläufen hier noch nicht vertraut, aber wie konnte es passieren, dass er alleine hier drin war? Muss nicht immer mindestens ein Beamter bei den Gefangenen sein, wenn sie duschen?«

Brielbeck runzelte die Stirn. »Die Männer dürfen aus rechtlichen Gründen beim Duschen nicht beobachtet werden. Privatsphäre, Sie wissen schon. Aber ich verstehe Ihre Frage nicht. Der Winkler war ja ganz offensichtlich nicht zum Duschen hier. Wie schon gesagt, er hat sich wohl in dem ganzen Durcheinander am Morgen heimlich hier reingeschlichen, um … na ja, Sie sehen es ja selbst.«

Ein Nackter in einem Duschraum legte für sie schon diese Vermutung nahe, aber sie verkniff sich einen Kommentar und fragte stattdessen: »Meinen Sie mit Durcheinander die Sache mit dem Häftling, den wir vorhin ins Krankenhaus eingeliefert haben? Oder gab es noch einen anderen Zwischenfall?«

Er nickte. »Genau das meine ich.«

Eva betrachtete den Toten und versuchte den zeitlichen Ablauf zu rekonstruieren. »Winkler hätte doch um diese Zeit bereits mit einem Beamten auf dem Weg zu seinem Arbeitsplatz gewesen sein müssen. Ist sein Fehlen denn niemandem aufgefallen? Zum Beispiel seinen Zellengenossen, einem Arbeitskollegen oder dem Beamten, der ihn zur ­Arbeit begleitet. Gab es vielleicht eine entsprechende Meldung?«, hakte sie nach.

Brielbeck verschränkte die Arme vor der Brust. »Nicht, dass ich wüsste. Aber wir sind im Kontrollraum momentan nur zu dritt. Unser Bereich umfasst dreißig Kameras und ­exakt genauso viele Bildschirme. Bei so einem Fall wie heute Morgen … Wir müssen ja immer mindestens zu zweit los, wenn so was passiert. Natürlich herrschte hier totales Chaos, weil zu dem Zeitpunkt alle Arbeitstrupps aus­rücken mussten. Da war ein Großteil unserer Kollegen schon unterwegs zu den Werkstätten. In diesem Durcheinander scheint das keiner gemerkt zu haben – und der Winkler hat das halt für seine Zwecke ausgenutzt«, antwortete Brielbeck knapp, als würde das alles erklären.

Eva versuchte sich zu erinnern, wie viele Beamte vorhin in der Zelle gewesen waren, als sie den Kranken behandelt hatte, es fiel ihr aber beim besten Willen nicht mehr ein. Sie hatte sich völlig auf ihren Schmerzpatienten konzentriert und darüber ihre Umgebung vernachlässigt, worüber sie sich jetzt ärgerte. Und anders als für Brielbeck erschien es ihr nicht normal, dass jemand eine Gelegenheit abpasste, um sich mal eben schnell das Leben zu nehmen. Das war etwas anderes als ein Fluchtversuch, für den man einen ­Tumult brauchte, diesen vielleicht sogar bewusst insze­nierte. Wegen des morgendlichen Chaos hätte hingegen jederzeit die Tür zum Duschraum aufgehen können und Winkler wäre früher gefunden worden.

Sie spürte genau, dass etwas nicht stimmte, auch wenn sie nicht in Worte fassen konnte, was es war. »Ich frage mich ja nur, warum das niemand bemerkt hat«, murmelte sie.

»Ich weiß nicht, worauf Sie mit Ihren Fragen hinauswollen, Frau Hanssen!«, sagte Brielbeck barsch. »Meinen Sie etwa, es wäre meine Schuld, dass der Winkler sich hier aufgehängt hat? Oder die eines Kollegen? Ist es das, was Sie sagen wollen?«

Eva schüttelte den Kopf. Offenbar ging dem Mann die ganze Sache doch näher, als sie vermutet hatte, und sie wollte ihn keineswegs verärgern. Schließlich würde sie keine sinnvolle Information mehr von ihm bekommen, wenn er sich in die Ecke gedrängt fühlte. Rasch lenkte sie deshalb ein. »Ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten, Herr Brielbeck, wirklich nicht. Mir liegt es fern, Ihnen irgendetwas zu unterstellen. Ich bin noch neu hier, wie Sie sicher wissen. Mich interessieren einfach nur die genauen Hintergründe dieses … Unfalls.«

Eva legte eine besondere Betonung auf das letzte Wort. Sie wollte es Brielbeck gegenüber nicht zugeben, aber sie hatte schon beim Eintreten in den Raum Zweifel daran ­gehabt, dass der Mann, der vor ihr lag, sich wirklich selbst das Leben genommen hatte. Doch sie brauchte erst Fakten, um es zu belegen.

Sie wandte sich wieder ihrer Arbeit zu, entnahm ihrer Tasche ein Paar Handschuhe und zog sie über. Dann hob sie den Arm des Toten an, blickte ihm unter die Achseln, öffnete behutsam seine Handfläche und untersuchte die Innenseite. Vorsichtig legte sie den Arm danach wieder ab, hielt jedoch für einen Moment seine Hand und schloss kurz die Augen, versuchte sich ganz auf den Menschen, der vor ihr lag, zu konzentrieren, alles andere zu vergessen.

Sie hatte einmal gelesen, dass Tote noch einige Stunden lang Berührungen spüren und Worte hören konnten. Ob es stimmte, wusste sie nicht, aber falls es etwas wie die Seele gab, war ihr diese Geste wichtig. Wenigstens das wollte sie Harald Winkler an diesem furchtbaren Ort gewähren. Einen kurzen Abschied. Eine letzte Würdigung.

Dann öffnete sie ihre Augen wieder und legte Winklers Hand behutsam auf den Boden.

Brielbeck machte sich von Neuem an dem Knoten zu schaffen, mit dem das Bettlaken an den Gitterstäben befestigt war.

»Würden Sie das bitte dort belassen?«, sagte Eva so neutral wie möglich, um ihn nicht erneut zu provozieren, und leuchtete dem Toten mit einer Lampe in die Augen. Wieder machte sie sich eine Notiz. »Alles hier.«

Der Beamte drehte sich ruckartig um, stemmte seine Arme in die Seite, sah sie jedoch nicht an, sondern in Richtung der Tür und rollte die Augen.

Erst jetzt bemerkte Eva, dass Brielbecks Kollegen mittlerweile gespannt ihrem Wortwechsel folgten.

Eva verkniff sich die Frage, warum sie untätig in der ­Gegend herumstanden, denn nun war der Überwachungsraum erneut unbesetzt. Aber sie wollte die Stimmung nicht unnötig aufheizen.

»Hier muss jetzt endlich sauber gemacht werden, Frau Hanssen. Sonst kommen unsere Leute mit ihrer Arbeit nicht mehr hinterher, wir sind sowieso schon zu spät dran«, verteidigte sich Brielbeck. Er nahm Haltung an, als er ­erneut zu seinen Kollegen schaute, und fügte dann hinzu: »Außerdem wollen wir ja nicht, dass sich jemand ein Beispiel an dem Winkler nimmt, oder? Nachahmung heißt das doch im Fachjargon, wenn ich richtig informiert bin. Insofern sollte die Leiche doch so schnell wie möglich abtransportiert werden, meine ich.«

»An diesem Vormittag wird das vermutlich nichts mehr mit dem Putzen, Herr Brielbeck«, konterte Eva sachlich. Sie notierte sich die Verletzungen von Winklers Hand, in der sie eine nässende ältere Wunde, frische Blutungen und ­Abschürfungen gesehen hatte. Dann zog sie ihre Handschuhe aus und verstaute sie wieder in ihrer Tasche.

»Brauchen Sie denn noch lange, um diese Bescheinigung auszufüllen? Vorher kann die Leiche nicht abtransportiert werden, müssen Sie wissen. Ihr Vorgänger … «

»Ich bin nicht mein Vorgänger, Herr Brielbeck, daher gehe ich so vor, wie ich es für richtig halte. Genau wie Sie es bei Ihrer eigenen Arbeit tun. Und deshalb möchte ich Sie jetzt alle bitten, den Raum zu verlassen, bis die Kripo hier eintrifft.«

Brielbeck schüttelte den Kopf, blinzelte kurz und schaute Eva dann mit gerunzelter Stirn an. »Die Kripo? Das ist ja wohl ein Scherz! Frau Hanssen, wir kennen die Abläufe. Sie müssen niemanden rufen, wir hatten das schon häufiger und …«

»Das will ich nicht hoffen, Herr Brielbeck. Denn ich bezweifele stark, dass Herr Winkler sich selbst das Leben genommen hat. Und schon gar nicht während der letzten Stunde, sondern bereits einige Zeit vorher. Ich bin keine Rechtsmedizinerin, aber die Kollegen dort werden Ihnen das sicher genauer sagen können, wenn sie die Leiche untersucht haben.«

»Sie meinen …« Brielbeck bewegte sich nicht, schaute nur zwischen ihr und den Kollegen hin und her, die sich etwas zuraunten.

Eva ging nicht weiter darauf ein. Sie hatte ohnehin schon viel zu viel gesagt.

»Wenn Sie die Polizei unterstützen wollen, dann wäre es hilfreich, in der Zwischenzeit festzustellen, welche Ihrer Kollegen in der letzten Nacht Dienst hatten. Denn mit denjenigen werden die Beamten sicher sprechen wollen, um abzuklären, ob ihnen vielleicht in den Stunden zuvor etwas aufgefallen ist. Und natürlich mit den Zellengenossen von Herrn Winkler, falls er welche hatte.«

Brielbeck ging auf seine Kollegen zu, drehte sich aber noch einmal herum und sagte: »Ich denke, zuerst sollte unsere Direktorin über den Vorfall informiert werden.«

»Das ist eine ausgezeichnete Idee, Herr Brielbeck. Sagen Sie ihr Bescheid? Und vergessen Sie bitte nicht, jemanden vor der Tür zu postieren, der auf die Beamten wartet und sicherstellt, dass bis dahin niemand diesen Raum betritt und etwas verändert.«

Brielbeck nickte, aber ihr entging nicht, dass er seine Lippen zusammenpresste und sich nur mit Mühe einen Kommentar verkneifen konnte.

Auch gut, dachte Eva, während sie mit festem Schritt den Raum verließ, ohne einen Blick zurückzuwerfen. Sie konnte damit leben, wenn die Beamten Vorbehalte gegen sie hatten. Sie hatte sich bereits in ihrer ersten Woche in der JVA durch ihre kritische Art bei den Wachhabenden nicht besonders beliebt gemacht. Aber sie war nicht hier, um gemocht zu werden, sondern um ihre Arbeit so gewissenhaft wie möglich zu erledigen. Ihre Zweifel als unwichtig abzutun, nur um niemandem auf die Füße zu treten, wäre ihr hingegen nicht in den Sinn gekommen. Ganz im Gegenteil.

Sie lief die Treppe hinunter, schloss mit dem entsprechenden Schlüssel die Tür zum Innenhof auf und holte tief Luft. Noch immer jagten graue Wolken über den Himmel, und der Wind wehte ihr eisig entgegen.

So hatte sie sich ihren Morgen nicht vorgestellt. Sie seufzte. Aber wenigstens würde sie auf diese Weise Hauptkommissar Lars Brüggemann von der Kripo München wiedersehen. Sie hatte schon länger nach einem Grund gesucht, mit ihm in Kontakt zu treten, es dann aber doch immer wieder gelassen.

Unweigerlich tastete Eva nach der mittlerweile verheilten Narbe an der Schläfe, schlug den Kragen ihrer Jacke hoch und eilte weiter zu ihrer Station, um umgehend im K11 anzurufen.

3.

Nachdem Eva mit Aleksandra Jovic, der jungen Kollegin des Kommissars, telefoniert hatte, die ihr sofortiges Kommen zusagte, ging sie zwei Türen weiter zum Zimmer der Pflegekräfte. Sie wollte schnellstmöglich in Haus III zurückkehren, zuvor aber noch einen Blick in Winklers Akte werfen.

Zu ihrer Erleichterung war Lisbeth schon wieder an ihrem Platz und sah ihr erwartungsvoll entgegen.

»Ich habe schon gehört, was passiert ist. Soll ich nachher den Abtransport beaufsichtigen, wenn Sie den Totenschein ausgefüllt haben? Die nötigen Durchschläge liegen bei. Und Winklers Akte ist gleich darunter. Für die persönlichen Angaben.«

Eva seufzte erleichtert. »Vielen Dank, Lisbeth. Es ist wirklich großartig, dass Sie immer bei allem mitdenken.«

Ihre Mitarbeiterin errötete leicht bei ihren Worten.

»Aber die Leiche wird zunächst hier im Gefängnis bleiben. Ich gehe gleich noch mal rüber und warte dort, bis die Kripo eintrifft. Würden Sie bitte für heute Vormittag alle Termine absagen und auf den Nachmittag verschieben?«

Lisbeth nickte und griff zu einer Liste, auf der die Patienten des heutigen Tages vermerkt waren. Wie erwartet ging ihre Mitarbeiterin sofort an die Arbeit, ohne nachzufragen, warum die Kripo benachrichtigt worden war. Eva beschloss deshalb, ihr mehr Informationen zukommen zu lassen, als zuvor den Wärtern.

»Ich habe die Vermutung, dass Winkler sich nicht selbst getötet hat. Allerdings wollte jemand uns genau das glauben machen.«

Lisbeth musterte sie mit zusammengekniffenen Augen. »Wirklich? Sind Sie sich da ganz sicher? Das wäre dann ja …«

Eva nickte. »Natürlich habe ich keine Beweise. Und eigentlich scheint alles zu passen: Es gab Punktblutungen auf den Lidern und der Bindehaut, und tatsächlich deuten alle Merkmale darauf hin, dass die Strangulation die Todes­ursache ist. Aber Herr Winkler war völlig nackt. Vielleicht bin ich auch bloß prüde, aber das passt für mich nicht. Er konnte schließlich nicht wissen, wer ihn findet. Trotzdem zeigte er sich ohne einen Fetzen am Leib, völlig unge­schützt und irgendwie verletzlich … So würde man sich doch nicht endgültig von der Welt verabschieden.«

Lisbeth wiegte nachdenklich ihren Kopf.

»Hm. Darüber habe ich noch nie nachgedacht. Aber vom Gefühl her stimme ich Ihnen zu. Was glauben Sie denn, was geschehen ist?«

Nachdenklich zuckte Eva die Schultern. »Wenn ich das bloß wüsste. Ganz ehrlich: Ich habe absolut keine Ahnung. Sein Körper wies zwar einige Verletzungen auf, aber die sahen für mich nicht nach einem Kampf aus. Dennoch werde ich das Gefühl nicht los, dass irgendjemand bei ihm war …«

»Sie meinen, es gab jemanden, der ein wenig nachgeholfen hat?«

Eva schaute Lisbeth an. Das hieß, es ginge um einen Mord. Und es war klar, wo der Täter zu suchen war. Seufzend sah sie auf das Dokument vor sich.

»Auszuschließen ist es jedenfalls nicht. Deshalb wollte ich, dass die Polizei kommt und es sich näher anschaut. Und vor allem möchte ich, dass ein Kollege aus der Rechtsmedizin den Toten untersucht.«

Eva machte sich daran, sorgfältig den Totenschein auszufüllen. Nachdem sie Winklers persönliche Daten eingetragen hatte, kam sie zu den näheren Details. Dem Aussehen der Totenflecken nach zu urteilen und da die Leichenstarre noch nicht eingesetzt hatte, war Winkler wenige Stunden zuvor gestorben, vermutlich in der Nacht oder am frühen Morgen.

Was erneut die Frage aufwarf, wieso niemand bemerkt hatte, dass er nicht in seiner Zelle war. Wie war er überhaupt dort herausgekommen? Und wieso ausgerechnet in der Dusche? Etwas störte sie an der ganzen Geschichte. Die Lage der Totenflecken in den unteren Extremitäten sprach zunächst dafür, dass er sich dort erhängt hatte. Andererseits wusste sie, dass sich kurz nach dem Eintritt des Todes durch die Schwerkraft diese Blutablagerungen auch komplett verschieben konnten, wenn man relativ rasch die Haltung der Leiche veränderte. Er hätte also auch in einer ­völlig anderen Lage gestorben sein können. Und damit auch an jedem anderen Ort.

Eva schüttelte den Kopf. Vermutlich ging sie mit ihren Annahmen zu weit. Sie durfte nicht mutmaßen, nur weil sie keine Antworten auf ihre Fragen fand. Doch es blieb das Gefühl, dass etwas an diesem Todesfall nicht stimmte. Aber das reichte bei Weitem nicht aus, um die Behauptung aufzustellen, dass er nicht dort gestorben war. Sie musste sich nachher in dem Gespräch mit Brüggemann unbedingt an die Fakten halten.

Nur eines war klar: In der Zeitspanne nach Winklers Tod hatte derjenige, der bei ihm war, jede Menge Zeit ­gehabt. In der Nacht war die personelle Besetzung noch geringer als während des Tages. Denn in einem musste sie Brielbeck beipflichten: Die JVA litt in allen Bereichen unter der unzureichenden Personalausstattung, die in krassem Gegensatz zu der starken Überbelegung der Haftanstalt stand. In Bayern gab es zwar weit weniger offene Stellen als in den meisten anderen Bundesländern, dennoch wurde es auch hier immer schwieriger, alle anfallenden Aufgaben mit dem vorhandenen Personalstamm zu erledigen. Zum einen mangelte es bei einem Teil der Bediensteten sicher an der Motivation. Aber die hohe Zahl von Überstunden brachte auch die motiviertesten Mitarbeiter an ihr Limit. Lisbeth hatte am Morgen selbst erwähnt, dass Sophie eine Doppelschicht gemacht hatte. Das war auch in ihrer eigenen Abteilung kein Einzelfall. Zum anderen gab es immer weniger Menschen, die eine Tätigkeit im Vollzug ausüben wollten. Das Klima in den Gefängnissen war wie in der Gesellschaft draußen in den letzten Jahren durchaus rauer geworden, was sich natürlich herumsprach.

Eva seufzte. »Leider habe ich mir heute wieder neue Freunde unter den Wachleuten gemacht«, sagte sie. »Ich fürchte, Lisbeth, wir werden bald zur unbeliebtesten Abtei­lung in Wiesheim gekürt.«

Lisbeth schmunzelte. »Das halten wir schon aus, Frau Hanssen. Sie tun ja nur, was getan werden muss. Und das ist gut so. Sie haben den Menschen im Blick. Das bleibt doch das Wichtigste.«

»Das sieht sicher nicht jeder so«, murmelte Eva, während Sie nach der dünnen Handakte von Winkler griff.

»Wie meinen Sie das?«, hakte ihre Mitarbeiterin nach.

»Die Beamten vorhin haben mich daran erinnert, dass mein Vorgänger offenbar wesentlich unkomplizierter war.« Eva beobachtete bei diesen Worten aus den Augenwinkeln Lisbeths Miene, doch die war schon wieder mit ihrer Liste beschäftigt und murmelte bloß: »Stören Sie sich nicht an dem Gerede. Wir sind jedenfalls froh, Sie hier zu haben, Frau Doktor.«

Eva sah auf die Uhr. Sie hatte keine Zeit, jetzt noch einmal wegen dieses Themas bei Lisbeth nachzuhaken. Die Kommissare mussten bald eintreffen, und sie wollte dann in jedem Fall wieder im Nachbargebäude sein. Deshalb schlug sie rasch Winklers Akte auf. Doch gleich am Anfang stutzte sie.

»Die Eintrittsuntersuchung ist unterblieben, Lisbeth. Warum?«

Lisbeth lugte unter ihrem Pony hervor. »Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, Frau Hanssen.« Sie stockte. »Ich will jetzt keine dreckige Wäsche waschen, aber sagen wir einfach, dass hier nicht immer alles so gelaufen ist, wie es sollte. Mehr möchte ich dazu nicht sagen.«

Eva nickte und schluckte den aufkeimenden Ärger herun­ter. Diese Unterlassung war ganz sicher nicht Lisbeths Schuld gewesen, deshalb schwieg sie – obwohl sie nichts mehr hasste als unsaubere Arbeit. Es konnte in der Medizin ungeahnte Folgen haben, Details zu übersehen. Die Eignung eines Inhaftierten für die Haft zu prüfen war vor allem deshalb so wichtig, um etwaige Besonderheiten bei der Unterbringung berücksichtigen zu können. Damit ließen sich gerade Vorfälle wie die Prügelattacke gegen den Sittlichkeitsverbrecher vom Vortag vermeiden. Oder ­Suizide. Für Eva war dies wieder ein Beispiel mehr, dass bestimmte Vorgänge in Wiesheim einfach unter den Tisch gefegt wurden.

Frustriert schlug sie die medizinische Akte zu. Die wenigen Blätter darin verschafften Eva jedenfalls keinen weiteren Aufschluss über den Mann.

»Schauen Sie doch bitte mal in der Akte im Computer nach, ob es noch etwas Wichtiges über Winkler gibt.«

Lisbeths Finger flogen über die Tastatur, dann schüttelte sie den Kopf.

»Er war während der Haft unauffällig. Gearbeitet hat er in der ­Wäscherei.« Lisbeth scrollte durch die Seiten. »Moment. Hier ist ein Eintrag, den Sie kennen sollten: Winkler ist erst vor Kurzem von einer Einzel- in eine Gruppenzelle verlegt worden. Er war dort mit zwei anderen Gefan­genen untergebracht.«

»Gab es dafür einen Grund?«

Lisbeths Augen weiteten sich, und sie nickte. »Den gab es allerdings: Winkler galt laut Akte als selbstmordgefährdet. Er wurde von unserer Psychologin betreut.«

Eva schaute auf. Dieser Hinweis traf sie wie ein Schlag. Sie stützte sich auf dem Tisch auf und versuchte zu verdauen, was das bedeuten konnte. Wenn Winkler bipolar war, konnte es sogar durchaus sein, dass er im Affekt einen Suizid begangen hatte. Dann würde selbst die Art, wie die Kleidung dalag, die Hast, in ein Schema passen. Vielleicht sogar die Nacktheit. Hatte sie sich täuschen lassen? War sie voreingenommen? Sah sie überall in der JVA nur noch Fehler und Verschwörungen?

Sie atmete tief durch. Sie hatte die Geschehnisse nicht bis zum Ende durchdacht und gründlich Fakten gesammelt, bevor sie sich ein Urteil bildete, sondern hatte sich von ihrem Gefühl treiben lassen. Gerade noch hatte sie inner­lich wegen der Nachlässigkeit ihres Vorgängers gekocht – doch jetzt musste sie sich fragen, ob der Übergriff vor ein paar Wochen, bei dem sie selbst in eine bedrohliche Situation ­geraten war, ihre eigene Urteilsfähigkeit nicht mehr getrübt hatte, als sie sich eingestehen wollte.

Hatte sie die Kavallerie etwa zu voreilig gerufen? Plötzlich hatte sie Angst, sich mit ihren Bedenken lächerlich zu machen. Aber die Kriminalbeamten waren längst unterwegs, das ließ sich jetzt nicht mehr ändern. Rasch packte sie die Akte und den Totenschein und brach wieder auf zu Haus III.

Mit jedem Schritt durch die langen, leeren Flure gewann sie ihre Sicherheit zurück. Schließlich war es ihr gutes Recht, Zweifel zu hegen. Mehr hatte sie nicht getan. Brüggemann würde schnell herausfinden, was mit Winkler geschehen war, dann hätte sie Klarheit.

Evas Schritte beschleunigten sich, und sie richtete sich ­gerade auf. Ihr Instinkt hatte sie bisher noch nie im Stich gelassen. Darauf musste sie vertrauen. Unbedingt.

4.

Als Eva in den langen Flur einbog, sah sie an dessen Ende bereits den Wachhabenden zusammen mit Maren Schilling, der Direktorin der Haftanstalt. Durch den Hall ihrer Schritte auf Eva aufmerksam geworden, unterbrach diese sofort das Gespräch und wandte sich der Ärztin zu.

»Guten Morgen, Frau Dr. Hanssen. Was für ein unschöner Vorfall gleich zu Beginn des Tages. Herr Reinhard hat mich soeben detailliert ins Bild gesetzt. Furchtbar tragisch, das Ende dieses Mannes. Er kann einem nur leidtun.«

Eva nickte zustimmend und gab ihr zur Begrüßung die Hand. Schon bei ihrem Einstellungsgespräch war sie von der zierlichen, fast einen Kopf kleineren Direktorin beeindruckt gewesen. Ihre bedachte Sprechweise, der graue Kurzhaarschnitt und ihr Hang zu ebenfalls grauen Hosenanzügen ließen sie zunächst etwas bieder wirken. Doch ein kurzer Blick in ihre wachen braunen Augen machte klar, dass es sich bei Frau Schilling um eine Powerfrau handelte, die Probleme rasch erfasste und keine Scheu davor hatte, sie anzupacken.

Mit einem Lächeln grüßte Eva auch den Vollzugsbeamten, den sie bereits zuvor dort angetroffen hatte. Sie war froh, dass er ihr die Konfrontation mit seinem Kollegen Briel­beck nicht übel zu nehmen schien, denn er erwiderte ihre Geste freundlich. Oder aber er wollte sich vor der Direk­torin nichts anmerken lassen. Beides war Eva nur recht.

»Gerade der Herr Winkler …«, fuhr die Direktorin fort und schüttelte dabei den Kopf. »Er hat sich immer tadellos geführt und hatte es beinahe geschafft: Seine Haftstrafe wäre Ende nächsten Monats beendet worden, ein Job in einem Getränkemarkt stand in Aussicht. Er hat ein einziges Mal in seinem Leben einen schlimmen Fehler gemacht, aber den hätte dieser Mann sicher nicht wiederholt. Seine Frau und sein Sohn, der erst während seiner Inhaftierung zur Welt kam, hatten ihm in der ganzen Zeit starken Halt gegeben. Und jetzt … Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie die Frau auf diese Nachricht reagieren wird. Sie hatte wirklich schon genug zu ertragen … Erst die Sache mit der Tochter, jetzt das … Furchtbar.«

Eva merkte auf. Sie ärgerte sich, dass sie vorhin nicht die Zeit genutzt hatte, um die näheren Umstände von Winklers Inhaftierung nachzulesen. Dabei hatte sie sich schon an ihrem ersten Arbeitstag geschworen, nie wieder unvorbereitet auf einen Gefangenen zu treffen. Frau Schillings kurze Beschreibung von Winklers Lebensumständen erinnerten Eva nun fatal an eine Geschichte, mit der sie in den ersten Tagen ihrer Tätigkeit in Wiesheim konfrontiert war. Auch damals hatte ein Häftling kurz vor seiner Entlassung gestanden, als ihm etwas zustieß. Aber dieser Mann war nur schwer verletzt worden und noch am Leben.

Eva schloss für eine Sekunde die Augen, ignorierte das Ziehen der Narbe an ihrer Schläfe, die aus dieser Zeit stammte, und versuchte die Erinnerung an Robert Arendt abzustreifen. Sie musste sich auf Winklers Fall konzentrieren und nicht auf die Vergangenheit. Und sich vor Vergleichen hüten.

»Werfen wir vielleicht kurz einen Blick hinein, damit Sie sich Ihr eigenes Bild machen können?«, schlug sie rasch vor.

Frau Schilling nickte bestätigend, woraufhin der Beamte sich daranmachte, die Türe aufzuschließen. Eva hoffte, dass die Direktorin nach der Betrachtung der Leiche besser nachvollziehen konnte, warum sie selbst nicht an einen ­Suizid glaubte.

In diesem Moment drangen Stimmen aus dem Treppenhaus nach oben, untermalt vom rhythmischen Klirren eines Schlüsselbundes. Schon entdeckte Eva den rotblonden Haarschopf von Kommissar Lars Brüggemann, und unweigerlich huschte ein Lächeln über ihre Lippen. Er war wie immer lässig-elegant gekleidet in einem grau-blau karier­ten kurzen Mantel und dunkelblauer Jeans. Während Frau Schilling bereits den Beamten entgegenging, zupfte sich Eva ein paar Haarfransen über ihre Narbe, folgte der Direk­torin, achtete jedoch darauf, ein gutes Stück hinter ihr zurück­zubleiben.

»Frau Schilling, ich grüße Sie! Wir sind so schnell wie möglich gekommen.« Brüggemann schüttelte ihr mit festem Griff die Hand. Dann wandte der Kommissar sich Eva zu. »Guten Morgen, Frau Hanssen. Schön, Sie zu sehen. Trotz der Umstände.«

Er ergriff Evas Rechte, drückte sie und legte für einen kurzen Moment auch seine Linke darauf. Eva schlug die Augen nieder, löste sich rasch aus der Berührung, die eine eigentümliche Intensität hatte. Schnell streckte sie Brügge­manns junger Kollegin Aleksandra Jovic die Hand hin, ­bevor einer der Umstehenden ihre Verunsicherung ­bemerken konnte. Dann trat sie einen Schritt zurück, um auch räumlich etwas Abstand zu gewinnen, und atmete einmal tief durch.

Eva und der Kommissar kannten sich im Grunde kaum, waren sich aber bei dem letzten Fall ungewöhnlich nahegekommen. Sie empfand eine seltsame Verbundenheit mit ihm, seit ihr Lars Brüggemann in diesem Keller buchstäblich das Leben gerettet hatte. Da sie aber weder mit dieser Situation umzugehen wusste noch ihre Gefühle ihm gegenüber einordnen konnte, hatte sie nach ihrem letzten Treffen im Krankenhaus vor ein paar Wochen jeden Kontakt vermieden – auch wenn sie oft an ihn hatte denken müssen. Doch er trug einen Ring und war gebunden – und sie durfte sein professionelles Handeln nicht mit Interesse oder gar Zuneigung verwechseln.

Das heutige Wiedersehen ging ihr jedoch näher, als sie erwartet hatte. Sie drückte Winklers Akte fest an ihre Brust und konzentrierte ihren Blick auf die Direktorin.

»Frau Hanssen hatte gerade vorgeschlagen, dass wir uns den Toten einmal selbst anschauen«, sagte diese und wies den Beamten an, die Türe zu den Duschen aufzuschließen.

»Wir sollten den Raum am besten nicht betreten, bis die Kollegen von der Spurensicherung fertig sind«, gab Brüggemann zu bedenken. Während der Wachhabende mit den Schlüsseln hantierte, fragte er an Eva gewandt: »Haben Sie an der Leiche Spuren gefunden, die auf ein Fremdeinwirken hindeuten, oder wie sind Sie zu Ihrer Vermutung ­gekommen, es könne sich um ein Gewaltverbrechen handeln?«

Als die Tür aufschwang, schlug ihnen ein kalter Luftzug von dem geöffneten Fenster her entgegen. Aber nicht nur das war für das Frösteln verantwortlich, das Eva erfasste, sondern erneut der Anblick des nackten Mannes mit dem zerfransten hellblauen Baumwollstrick um den Hals. Sie riss sich zusammen, holte gerade Luft, um auf Brüggemanns Frage zu antworten, als dieser ungehalten schnaufte und mit barscher Stimme fragte: »Wer hat denn das Strangwerkzeug durchschnitten? Das kann ja wohl nicht wahr sein!«

Der Wachhabende räusperte sich: »Das war mein Kollege, der Markus Brielbeck. Wir haben ihn dort gefunden und ihn sofort runtergeholt. Wir wussten ja nicht, ob er nicht noch am Leben ist. Und dann wurde die Ärztin verständigt, um den Tod zu bescheinigen.«

»Das heißt vermutlich, dass es kein Foto gibt, das den Toten zeigt, bevor Sie ihn heruntergeholt haben.«

Der Beamte schüttelte den Kopf und wechselte einen Blick mit der Direktorin.

Brüggemanns Gesichtsausdruck sprach Bände, während er sich fahrig über den Nacken strich und seine Kollegin mit versteinerter Miene ansah.

»Die Männer konnten nicht wissen, dass die Polizei verständigt werden würde. Aus ihrer Sicht war der Fall klar«, verteidigte Maren Schilling die Handlungsweise der Beamten. »Wir wollen natürlich nicht, dass so etwas bei den Häftlingen Schule macht, deshalb behandeln wir jeglichen Suizid mit der nötigen Achtung, sehen aber auch zu, so schnell wie möglich zur Tagesordnung zurückzukehren, um die Gerüchteküche nicht unnötig anzuheizen oder andere zum Nachahmen anzuregen. Je geräuschloser das vonstattengeht, desto besser. In Ihrer Welt da draußen wird schließlich auch versucht, jedwede Berichterstattung über Selbsttötungen zu unterbinden, Herr Brüggemann. Das ist bei uns nicht anders. Die Maßnahmen zur Suizidprävention sind bei uns deshalb sehr eindeutig – auch dahingehend, wie die Beamten beim Auffinden einer Leiche konkret vorgehen sollen. Immerhin führte erst die Untersuchung durch Frau Hanssen zu der Vermutung, dass es sich um etwas anderes als eine Tötung durch die eigene Hand handeln könnte, wurde mir berichtet. Und um das zu beurteilen, sind wir ja alle hier zusammengekommen. Also?« Die Direktorin deutete auf den Raum.

Eva wollte gerade ansetzen, ihre Vermutungen zu schildern, doch erneut fiel ihr der Kommissar ins Wort. ­»Genau diese Beurteilung wäre wesentlich effektiver gewesen, wenn zuvor niemand etwas verändert hätte. Die Art, wie das Strangwerkzeug befestigt wurde, die Bindung des Knotens, wie der Mann gehangen hat, wo genau die Strangmarke verlief – all das gibt uns Aufschluss darüber, was passiert ist. Jedes noch so kleine Detail ist wichtig. Vielleicht sollten Sie Ihr Protokoll dahingehend überarbeiten, dass zuerst eindeutig festgestellt wird, ob es sich überhaupt um einen Suizid handelt, und erst danach sollten alle weiteren Maßnahmen erfolgen. Ihre Leute hätten ihm ja einfach den Puls fühlen können.« Er machte eine kleine Pause. »Und ist nicht ohnehin bei jedem Tod in staatlichem Gewahrsam eine ­Obduktion Pflicht? Korrigieren Sie mich bitte, wenn ich da falschliege.«

Gespannt beobachtete Eva die Direktorin. Frau Schilling schien von Brüggemanns Kommentar völlig unbeeindruckt, verzog keine Miene und reagierte auch auf seine ­offene ­Kritik nicht. Kein Wunder. In ihrer Funktion musste sie sicher einigen Gegenwind aushalten und ließ sich nicht so schnell aus der Reserve locken.

Brüggemann trat einen Schritt vor und warf einen genaueren Blick in den Raum, schien sich jedes Detail einzuprägen, während Aleksandra Jovic mit ihrer Handykamera einige Fotos schoss.

Eva musterte die Züge des Toten. Erst jetzt bemerkte sie seine Gesichtsfalten, tiefe Furchen, die sich bis zu den Mundwinkeln zogen und ihn auch nun noch gequält aus­sehen ließen. Die Traurigkeit hatte sich förmlich in sein ­Gesicht eingegraben. Warum war ihr das beim ersten Mal nicht aufgefallen? Sie fragte sich, was Frau Schilling mit seiner Tochter gemeint hatte, wischte sich über ihr Gesicht und konnte nur mit Mühe einen Seufzer unterdrücken.

Auch alle anderen standen da, ohne ein Wort zu sagen, starrten in den Raum, jeder in die eigenen Gedanken versunken.

Dann nickte der Kommissar dem Beamten zu, der die Tür wieder schloss. »Unsere Leute von der Spurensicherung müssen jeden Moment eintreffen. Es wäre ausgesprochen hilfreich, wenn bis dahin nichts mehr verändert würde.« Seine Verärgerung war dem Kommissar immer noch deutlich anzumerken.

»Selbstverständlich«, entgegnete Reinhard, riegelte die Tür sorgfältig ab und nahm auf dem Stuhl daneben Platz.

»Hören Sie, ich möchte nicht, dass wir uns streiten«, lenkte Frau Schilling nun ein, »und auch nicht, dass bei Ihnen ein falscher Eindruck entsteht. Ich will nicht in ­Abrede stellen, dass meine Männer vielleicht vorschnell gehan­delt haben. Aber die sind eben gar nicht von der Möglichkeit ausgegangen, dass es sich nicht um einen Selbstmord handeln könnte. Richtig? Und der Strick wurde außerdem nur durchschnitten, die Knoten und den ganzen Rest können Sie ja immer noch untersuchen.«

Reinhard nickte ihr zu, wandte seinen Blick dann aber wieder starr auf die graue Wand direkt gegenüber.

»Vielleicht kann uns Frau Hanssen nun erläutern,« fuhr die Direktorin fort, »wieso sie vermutet, dass Herr Winkler sich nicht selbst stranguliert hat. Denn bisher haben wir für diese Theorie ja noch keine Beweise.«

Eva horchte auf. Auch wenn Maren Schilling völlig ruhig gesprochen hatte, war der latente Zweifel in ihrem letzten Satz deutlich zu hören.

»Frau Hanssen hat sicher die Todesmerkmale interpretiert und guten Grund zu ihrer Annahme«, meldete sich Aleksandra Jovic zu Wort und lächelte Eva an. »Stimmt’s?«

Eva spürte ein Prickeln im Nacken und hatte das Gefühl, dass Winklers Akte in ihrer Hand plötzlich schwerer wurde. Ob Frau Schilling bereits über den Befund der Psychologin Bescheid wusste? Rührten die Vorbehalte der Direktorin aus einer tieferen Sachkenntnis, die ihr selbst fehlte?

Alle Augen ruhten auf Eva. Umso wichtiger, dass sie sich ihre aufkeimenden Zweifel nicht anmerken ließ. Deshalb holte sie tief Luft, straffte ihre Schultern und bemühte sich um eine klare, feste Stimme und präzise Formulierungen, um ihre Haltung damit zu untermauern.

»Herr Winkler lag genau so da, wie wir ihn jetzt alle gesehen haben, als ich zu dem Duschraum gerufen wurde. Zum einen gingen die Beamten nach eigener Aussage davon aus, dass der Mann sich innerhalb der letzten Stunde, in der sich hier ein anderer Störfall ergeben hat, erhängt hat.« Eva entging der irritierte Blick nicht, den Frau Schilling mit Reinhard wechselte. Ohne zu zögern, fuhr sie fort: »Diese Annahme ist nach meinen Erkenntnissen falsch. Es gibt verschiedene Hinweise, dass der Mann schon länger tot ist, auch wenn die Totenstarre noch nicht eingetreten ist. Ich will mich dabei nicht festlegen, schließlich bin ich keine Expertin, aber ich denke, es waren mehrere Stunden. Außerdem störte ich mich an seiner Nacktheit. Wenn er wirklich vorgehabt hätte, sich hier während der Nachtruhe das Leben zu nehmen, warum hätte er dann seine Kleider ausziehen sollen? Das macht für mich keinen Sinn. Er musste nichts vortäuschen, niemand würde glauben, er sei hier zum Duschen gewesen.«

Sie suchte den Blick von Brüggemann, der ihr zunickte. »Sich so verletzbar zu zeigen, passt für mich nicht zu einem solchen endgültigen Schritt. Er hätte sich meiner Meinung nach mit einem letzten Rest Würde aus dieser Welt verabschiedet. Außerdem weist die nachlässige Art, wie seine Kleidung dort liegt, auf Hast hin. Aber er hätte zu dieser frühen Stunde jede Menge Zeit gehabt, denn der übliche Tagesablauf begann viel später.«

Sie zögerte kurz und schaute von einem zum anderen. »Außerdem stoße ich mich daran, wie er alleine ungesehen und unbemerkt mitten in der Nacht aus seiner Zelle herausgekommen sein soll. Die Tür zur Dusche war zwar unverschlossen, aber einen Schlüssel für seine Zelle hatte Winkler ja definitiv nicht. Ich will damit niemandem etwas unterstellen«, sie blickte kurz zu dem Wachmann und nickte ihm zu, »aber das alles passt für mich absolut nicht zusammen. Deshalb habe ich erhebliche Zweifel, dass wir es hier mit einem echten Suizid zu tun haben. Außerdem erwähnte Frau Schilling mir gegenüber seine positiven Aussichten nach der Haft, die engen familiären Verbindungen. Das alles bestärkt mich zusätzlich in dieser Einschätzung.«

Brüggemann schmunzelte amüsiert, während er zu Boden sah.