Paria - Dave Zeltserman - ebook

Paria ebook

Dave Zeltserman

0,0

Opis

Einst war Kyle Nevin Teil des mächtigen Triumvirats, das die irischen Gangster in South Boston anführte, bis Oberboss Red Mahoney ihn ans Messer lieferte und Kyle für acht Jahre weggeschlossen wurde. Frisch entlassen, bleiben ihm vorerst nur ein Platz auf der Couch seines Bruders Danny, der endlose Hunger nach Rache und eine bereits im Knast geplante Lösegelderpressung, die seinen alten Status wiederherstellen soll. Doch als die Entführung wider Erwarten schiefläuft und Kyle ungewollt in die Schlagzeilen gerät, bietet ihm ein großer New Yorker Publikumsverlag, der vom Medienhype profitieren will, einen Megadeal an, dem Kyle kaum widerstehen kann ... Mit seinem diabolischen Ideenreichtum befindet sich der amerikanische Autor Dave Zeltserman derzeit wohl auf der Noir-Überholspur; und mit diesem Buch legt er die Latte sehr hoch. In Paria kombiniert er brutale Metafiktion mit einer Satire über den modernen Buchbetrieb und die Praxis des literarischen Diebstahls.

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Inhalte

Vorwort

von Roger Smith

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Impressum

Zu den Übersetzern:

Vorwort

von Roger Smith

Bevor ichParialas, hatte ich den zeitgenössischen Noir-Roman so gut wie abgeschrieben. Das ist keine Übertreibung. Der neue düstere Lesestoff ließ mich mit dem Bedürfnis zurück, das mich überfällt, wenn ich in einen Fahrstuhl steige und orchestrierten Klassikrock höre: Ich will das Original.

Die meisten modernen Noirs sind entweder Abklatsch von schon mal Dagewesenem — wie aus Pappe gestanzte böse Jungs und ihre intriganten Bräute, die, Klonen gleich, die Straßen einschlägiger Viertel bevölkern wie einst Figuren aus den Mitte des 20. Jahrhunderts entstandenen großen Noirs — oder sie bieten Comicstrip-Wahnsinn mit Leichen und Blut, Todespornos für die Playstation-Generation.

Als ich vor einigen Jahren zum ersten Mal von Dave Zeltserman hörte, indem ich mitbekam, dass man ihm das Etikett »zeitgenössischer James M. Cain/Jim Thompson« anheftete, war ich skeptisch. Derlei Lobpreisungen hatten mich bereits hinters Licht geführt und am Ende enttäuscht. Doch als ichParialas — und in der Folge alles von diesem produktiven Autor zu lesen begann —, wusste ich, dass das Lob ausnahmsweise gerechtfertigt war. Er war echt.

Am meisten beeindruckte mich, dass Dave Zeltserman das tat, was die Klassiker vor ihm getan hatten: Er hielt der amerikanischen Gesellschaft einen dunklen Spiegel vor. UndPariaist düster. Sehr düster.

Kyle Nevin ist so gemein, wie man sich einen Schurken in der zeitgenössischen Literatur nur vorstellen kann, und doch ist er der Held inParia. Er entfaltet sein dämonisches Wesen mit der kalten, saloppen, oftmals mit trockenem Humor unterlegten Diktion eines Ich-Erzählers, der an die zwielichtigen Charaktere eines Jim Thompson erinnert. Es spricht für Dave Zeltsermans Qualität als Autor, dass man sich der Geschichte nicht nur nicht entziehen, sondern auch nicht umhinkann, diesem Ungeheuer die Daumen zu drücken, selbst als die Zahl der Leichen, die es zurücklässt, wächst.

Und kaum ist man sich sicher, diesen finsteren Ich-Erzähler im Griff zu haben, biegt Zeltserman abrupt links ab in die Welt der Literatur, lässt Nevin einen Vertrag mit einem New Yorker Verleger unterzeichnen, der ihn verpflichtet, sein grausamstes Verbrechen zum Gegenstand eines Romans zu machen, wobei die Grenze zwischen Fiktion und Realität verschwimmt. Ein vernichtender, satirischer Hieb gegen eine Gesellschaft, in der jede kranke Tat mit einem Buchvertrag honoriert wird. (Pariaentstand vor der Veröffentlichung von O.J. SimpsonsIf I did it, seiner hypothetischen Beschreibung des Mordes an seiner Exfrau und deren Freund, was Zeltsermans Roman erst recht visionär macht.)

Pariaist so, wie ein zeitgenössischer Noir sein sollte: hart, knapp, zynisch, äußerst pessimistisch und doch mit schwarzem Humor versetzt. Eine mutige Schreibe, die eine Weltsicht präsentiert, die in starkem Kontrast zu den talkshowtauglichen Kommerzgeschichten steht, die sich in den Bestsellerlisten eingenistet haben.

Also, wer ist dieser Zeltserman? Dieser Ein-Mann-Selbstausbeuterbetrieb, der einen scheinbar endlosen Strom knallharter Crime-Fiction produziert? In den letzten zwei Jahren habe ich Dave ein wenig kennengelernt. Wir haben uns nie getroffen — er lebt in Newton, ich in Cape Town —, aber wir stehen über E-Mails miteinander in Kontakt und stoßen in den dunklen, von Verbrechen beherrschten Gassen des Webs aufeinander. Ich weiß inzwischen, dass er überaus hilfsbereit ist, wenn es darum geht, neue Autoren zu unterstützen, deren Arbeiten ihm gefallen — ich schätze mich glücklich, einer von ihnen zu sein —, und ausgesprochen kompromisslos und ehrlich bis zur Schmerzgrenze, wenn es um die Beurteilung der Unzulänglichkeiten heutiger Crime-Fiction geht.

Dave Zeltserman verfügt über ein lexikalisches Wissen in Sachen Noir und ist fasziniert von dessen DNA. Er verehrt die Pulp Magazine und Paperback-Originale des letzten Jahrhunderts (wie z.B. Gold Medal), die einige der großen Namen präsentierten und unterstützten: Jim Thompson, David Goodis, Charles Williams und Richard Prather. Sie schärften nicht nur die Fähigkeit ihrer Autoren, unbeirrt auf das Dunkle, Verworfene in der Welt zu schauen, sie beförderten auch einen prägnanten, abgespeckten Stil. In einem Interview, das ich im letzten Jahr mit Dave geführt habe, sagte er nicht ohne Wehmut, dass er ein Autor von Gold Medal geworden wäre, wäre er nicht fünfzig Jahre zu spät geboren.

Ich lehne mich jetzt weit aus dem Fenster — riskiere Kopf und Kragen —, aber ich äußere einfach die Vermutung, dass Daves ungeheure Selbstdisziplin auch sehr viel damit zu tun hat, dass er sich über Jahre intensiv Kampfsportarten wie Kung-Fu gewidmet hat, bis hin zum Erwerb des schwarzen Gürtels. Er kann also nicht nur jemandem bei einer Kneipenschlägerei kräftig in den Arsch treten, er kann auch die Ärmel hochkrempeln und binnen weniger Wochen ein Noir-Juwel raushauen, so wie die alten Pulpmaster seinerzeit. Dave Zeltserman redigiert niemals: Die erste Version ist die letzte Version.

Also, gehabt euch wohl in dem Wissen, dassParia, obwohl es in der Tradition des letzten Jahrhunderts steht, ein verblüffend modernes Buch ist, das aktuelle soziale Missstände offenlegt. Entspannt euch, genießt die düstere und verschlungene Reise, auf die euch das Buch mitnimmt, denn ihr befindet euch in den Händen eines Meisters.

Roger Smith ist der Autor vonKap der Finsternis, Blutiges Erwachen,Staubige HölleundStiller Tod.

Kapitel 1

Anm. f. d. Lektorat:Ich war mehr als nur ein bisschen unter Druck, als ich das hier geschrieben habe, bin mir aber sicher, ihr könnt es nachvollziehen nach alledem, was gleich hier abgeht und worüber die Zeitungen inzwischen berichtet haben werden. Ich hatte gerade mal Zeit, einmal kurz drüberzugehen und ein paar Anmerkungen hinzukritzeln. Bedient euch, wenn ihr sie gebrauchen könnt.— K.N.

Mann, was für ein komisches Gefühl, Cedar Junction als freier Mann zu verlassen. Achter Juni. Ende einer achtjährigen Haftstrafe. Verplemperte Zeit, nur wegen einer Ratte. Bei dem Gedanken an Red Mahoney und wie er mich reingeritten hatte, kam mir wieder die Galle hoch. Ich riss mich zusammen, sagte mir, Schluss, es reicht. Nicht jetzt, nicht während der ersten Momente in Freiheit. Später würde ich genug Zeit haben, um über Red nachzudenken. Ich atmete tief durch und schlenderte hinüber zum Besucherparkplatz, genoss den Geruch der Luft außerhalb der Gefängnismauern und die Wärme der Sonne auf meinem Gesicht. Eigentlich sollte Danny mich abholen. Ich blieb stehen, warf einen Blick auf die parkenden Autos und hielt Ausschau nach ihm, als links von mir eine Hupe ertönte. Danny — ungefähr dreißig Meter entfernt, hinter dem Steuer eines verrosteten Honda Civic und mit einem breiten dämlichen Grinsen auf dem Gesicht. Er ließ den Motor an, schoss nach vorn und fuhr mich fast über den Haufen, bevor er wenige Zentimeter vor mir zum Stehen kam. Ich setzte mich auf den Beifahrersitz. In den acht Jahren hatte sich Danny mehr verändert, als ich erwartet hatte. Sein Haar war dünner und der Haaransatz so weit zurückgewichen, dass ich die Furchen sehen konnte, die sich auf seiner Stirn eingegraben hatten, und obwohl dieses breite Grinsen an seinem Gesicht klebte, waren seine Züge schlaff vor Müdigkeit und es schien, als wäre er derjenige, der gerade aus dem Gefängnis entlassen worden war. Doch ich überging das und wir umarmten uns wie Brüder, die sich eine Ewigkeit nicht gesehen hatten.

»Verdammt, das war ’ne lange Zeit«, sagte Danny.

»Tatsächlich?«

Sein Grinsen verlor an Breite. »Dass ich dich nicht besucht hab, Kyle, das tut mir leid, aber weißt du, erst verfrachten sie dich nach Texas, dann nach Kansas und als sie dich hier eingelocht haben, mit der Arbeit und all dem anderen Scheiß, der dazugekommen ist — «

»Vergiss es«, fiel ich ihm ins Wort. »Ich hätte sowieso nicht gewollt, dass du mich in einem dieser Löcher besuchst. Lass uns endlich von hier verschwinden.«

»Trotzdem, spätestens nachdem sie dich hierher nach Walpole verlegt haben, hätte ich mich sehen lassen müssen. Scheiße, ich weiß nicht, die Dinge sind einfach aus dem Ruder gelaufen — «

»Ich sagte, vergiss es.«

Er nickte wie in Zeitlupe, hatte einen traurigen Zug um die Augen, dann fuhr er zum Gefängnistor. Der Wärter dort verlangte, dass wir den Kofferraum öffneten, erst danach ließ er uns passieren.

»Was hat der denn gedacht?«, fragte Danny. Er mühte sich redlich, doch diesmal wollte ihm das Grinsen nicht so recht gelingen. »Dass wir ein paar von deinen Kumpels rausschmuggeln?«

Ich ging nicht darauf ein, sondern erklärte ihm, dass ich zuallererst Ma besuchen wolle. »Halt irgendwo an, wo man ein paar Blumen kaufen kann.«

Er antwortete mit dem gleichen langsamen Nicken, das Grinsen war jetzt völlig verschwunden und an seine Stelle war eine geradezu feierliche Miene getreten. Wir verfielen in Schweigen. Ich zog ein Päckchen Marlboro 100s aus der Tasche meines Knasthemdes und klopfte die letzte Zigarette heraus. Nachdem ich sie angesteckt hatte, warf ich die zerknüllte Schachtel aus dem Fenster, lehnte mich zurück, inhalierte, spürte den Rauch in meinen Lungen und fand etwas Tröstliches darin. Mir entging nicht, dass Danny mir einen Blick zuwarf. Als Jugendliche hatten wir beide gequalmt, wollten uns beweisen, was für harte Typen wir waren, und wir hatten beide die Finger davon gelassen, nachdem Red rumgemosert und es als Schweinekram bezeichnet hatte. Im Gefängnis hatte ich wieder angefangen. Jetzt, wo ich draußen war, wollte ich es auf jeden Fall aufgeben, es aber locker angehen lassen. Ich bat Danny, irgendwo anzuhalten, damit ich ein paar Kippen besorgen konnte. Er nickte lustlos, machte am erstbesten Laden halt und ich sprang rein und kaufte eine Stange. Als ich herauskam, steckte ich mir eine frische Schachtel ins Hemd und fragte ihn, ob er eine Fluppe wolle, doch er lehnte ab. Nachdem er sich wieder in den Verkehr eingefädelt hatte, fing er an, über die Patriots und die Sox zu quatschen, so ganz nebenbei, als hätte es die letzten acht Jahre nie gegeben.

»Da müssen die dich erst in den Knast stecken, damit die Sox endlich mal die World Series gewinnen. Stell dir mal vor, wir beide als Buchmacher in New York und die Sox liegen gegen die Yankees mit drei zu null hinten. Wir hätten abgesahnt. Diesen Arschlöchern von Yankees-Fans die Kohle abzunehmen, das toppt doch alles. Und dann die Patriots. Heilige Scheiße. Drei beschissene Super Bowls? Ist das zu glauben? Mann — «

Ich fiel ihm ins Wort und wollte wissen, was mit seinem BMW war.

»Ich musste ihn verkaufen«, sagte er, kraftlos lächelnd.

Wir sehen uns ziemlich ähnlich, Danny und ich, bis auf eine entscheidende Sache: sein weicher Mund. Der lässt ihn manchmal irgendwie feminin aussehen. Ich denke, da kommt er nach unserem Dad, denn das Gesicht von Ma strahlte immer nur Stärke aus.

»Ich musste meinen Anwalt bezahlen«, fuhr Danny fort. »Scheiße, auf dem Bau verdiene ich nun mal nicht genug, um mir einen BMW oder so leisten zu können. Ich konnte nicht länger über meine Verhältnisse leben. Aber der Honda ist in Ordnung. Er fährt. Und darauf kommt’s doch an, oder?«

Ich quittierte das mit einem kalten Blick. »Was für ein Baujahr ist diese Schrottmühle?«

»An dem Wagen ist nichts auszusetzen. ’88er Baujahr, also was soll’s.«

Ich linste hinüber und sah, wie der Tacho Richtung 300.000 marschierte. »Weißt du, wie unangenehm mir das eben war, als ich gesehen habe, mit was für ’nem Haufen Blech du vorfährst? Meine Güte, Danny, was ist los mit dir? Hast du keine Selbstachtung mehr? Es will mir einfach nicht in den Schädel, dass du bereit warst, aus Southie wegzuziehen.«

»Du machst einen Riesenaufriss wegen dem Auto, Kyle. Es ist ein Transportmittel, mehr nicht. Es bringt einen von A nach B. Es bestimmt nicht, wer man ist. Ist ja nicht so, als hätte ich acht Jahre wegen bewaffnetem Raubüberfall im Knast gesessen.«

Ich registrierte das kleine Fick-dich-Lächeln, das in seinem Gesicht aufblitzte. Da war etwas Wahres dran an dem, was er gesagt hatte, mehr, als er sich vorstellen konnte. Meine Verhaftung hatte ich weggesteckt wie ein Mann. Ich hatte geschwiegen. Mich auf keine Deals eingelassen — nicht mal nachdem ich die Wahrheit über Red herausgefunden hatte. Ich hatte meine gesamte Strafe abgesessen, alle acht Jahre; die ersten fünf im Bundesjustizvollzug, aufgeteilt zwischen Beaumont und Leavenworth, die letzten drei im übelsten Rattenloch, das Massachusetts zu bieten hat. Die ersten frühen Angebote in Sachen Bewährung, mit denen sie mich hatten locken wollen, hatte ich abgelehnt. Ich wollte frei und unbelastet sein, wenn ich rauskam. Anders Danny, der sich, nachdem sie ihn wegen einer Schutzgeldsache mit einem Nachtklub hochgenommen hatten, auf ein Gnadengesuch einließ mit der Auflage, sich von seinem alten Leben zu verabschieden. Der Deal sah vor, dass Danny aus Southie wegzog und sich von alten Kumpanen fernhielt. Und wofür? Um einem Jahr oder zwei in Billerica oder in einer anderen Institution der mittleren Sicherheitsstufe zu entgehen? Das wäre eher Club Med gewesen verglichen mit den Orten, wo ich gesessen hatte. Aber das musste er mit sich selbst ausmachen. Ich konnte Gott nur danken, dass mein Bruder niemanden verpfiffen hatte.

Danny hielt an und kaufte ein paar Blumen für Ma. Den Rest der Fahrt kam kein Gespräch mehr zwischen uns auf. Als wir am Friedhof in West Roxbury ankamen, wo man Ma begraben hatte, bemerkte ich, wie Danny mich von der Seite ansah.

»Alles in Ordnung mit dir?«, fragte er.

Ich nickte, nicht sicher, ob ich meiner eigenen Stimme trauen konnte.

Ihre Grabstelle lag unter einem Fächer-Ahorn. Es war hübsch. Das Grab sah sauber und gepflegt aus. Da lehnte ein kleiner Kranz am Grabstein und darum herum waren Blumen arrangiert. Ich nahm die Blumen, die Danny gekauft hatte, und legte sie dazu. Ich stand da, las die Inschrift des Grabsteins und dachte an Ma. Sie starb, zwei Jahre nachdem man mich eingesperrt hatte. Ich seh sie noch immer vor mir, wie sie im Gerichtssaal in Tränen ausbrach, als der Richter mich zu fünf bis acht Jahren verurteilte. Ich werde wohl nie vergessen, wie sich ihr weiches rundes Gesicht verzerrte, als sie weinte. Immer wenn ich die Augen schließe und Ma schluchzend vor mir sehe, schwöre ich, Red eines Tages dafür büßen zu lassen.

»Es sieht friedlich aus«, sagte ich. »Es sieht gut aus. Du hast für Ma das Richtige getan.«

»Ich komme jede Woche hierher und kümmere mich darum«, sagte Danny. Er legte mir eine Hand auf die Schulter und fügte hinzu: »Ma ist schnell gestorben. Sie musste nicht lange leiden.«

Ich wusste, dass er log. Ich hatte meinen Anwalt darauf angesetzt, weil Danny mir nur mitgeteilt hatte, dass sie erkrankt sei, und so erfuhr ich, dass es Magenkrebs gewesen war. Ich hatte genug darüber im Internet gelesen, um mir ausrechnen zu können, dass Ma keinen leichten Tod gehabt hatte. Inzwischen weiß ich auch, dass Stress bei Krebserkrankungen eine Rolle spielen kann, und ich werde das Gefühl nicht los, dass ihre Sorge um mich im Gefängnis mit ihrer Erkrankung zu tun hatte. Wäre sie noch am Leben gewesen, als man mir den ersten Bewährungsdeal vorgeschlagen hatte, ich wäre drauf eingegangen, aber da war sie bereits tot.

»Darum habe ich dem Deal zugestimmt«, sagte Danny leise, als könnte er meine Gedanken lesen. »Ma wurde plötzlich krank. Ich konnte nicht in den Knast gehen und sie allein zurücklassen.«

Ich nickte und wandte mich ab, damit er nicht sah, wie ich mir die Tränen wegwischte. Jeden Augenblick würde ich heftiger anfangen zu weinen als Ma bei meiner Verurteilung, und ich wollte nicht, dass Danny das mitbekam.

»Lass uns verschwinden«, sagte ich mit einem Kloß im Hals.

Ich entfernte mich schnell von der Grabstelle, während die Welt um mich herum verschwamm. Als ich endlich vor Dannys Schrotthaufen stand, fühlte ich mich mieser als an dem Tag, als ich erfahren hatte, dass Ma gestorben war.

Sogar noch mieser als an dem Tag, als ich erfahren musste, dass es meinem Anwalt nicht gelungen war, einen Tag Ausgang für mich rauszuschlagen, damit ich zur Beerdigung gehen konnte. Ich konzentrierte mich wieder auf Red, darauf, wie ich es ihm zurückzahlen würde, und ich spürte, wie die Anspannung nachließ genauso wie der Druck in meinem Kopf.

Als wir vom Friedhof wegfuhren, fing Danny an zu palavern, wie er auf seiner Baustelle vielleicht was klarmachen könnte für mich. Es dauerte einen Moment, bis ich die Gedanken an Ma und Red aus meinem Kopf verscheucht hatte und begriff, was er da redete.

»Wusst ich’s doch, dass es einen Grund geben muss, warum du so einen Job annimmst«, sagte ich und spürte einen Anflug von wieder aufflackerndem Stolz in meinem kleinen Bruder. »Ich habe was anderes für uns in der Pipeline, aber vielleicht können wir’s zwischenschieben. Was haben die im Angebot?«

»Was meinst du?«

»Was können wir abräumen? Stahl, Kupfer, komm schon, was haben die, was wir uns unter den Nagel reißen können?«

»Ich will die nicht beklauen, Kyle. Ich hab nur gefragt, ob ich dir helfen soll, einen Job an Land zu ziehen.«

»Du verarscht mich doch, oder?«

»Es spricht nichts gegen ehrlicher Hände Arbeit.«

»Sagt wer?«

Er machte sich nicht die Mühe, etwas zu erwidern, und ich merkte, wie sich meine Kiefermuskulatur verkrampfte, während ich ihn anstarrte. Scheiße, was war mit ihm passiert? Wie hatte er sich zu einem solchen Kriecher entwickeln können? Ich verkniff mir einen Kommentar. Es hätte nichts gebracht und außerdem wollte ich den alten Danny zurück, den Danny Nevin, der keine Hemmungen hatte, Schutzgeld zu kassieren und Zähne einzutreten, wenn die Rate überfällig war.

»Danny«, sagte ich so ruhig wie möglich, »was ich in der Mache habe, ist groß. Verdammt groß. Ich brauche dich dafür.«

»Ich weiß nicht … «

»Wir sprechen später drüber«, sagte ich und beendete die Diskussion, bevor ich womöglich die Beherrschung verlor und ihm an den Kopf warf, was für eine Schande er geworden war. Den Rest der Fahrt über machte er den Eindruck, als würde er Höllenqualen erleiden. Ich schwankte zwischen Lachen und dem Bedürfnis, ihn windelweich zu schlagen. Andererseits konnte ich es verstehen, denke ich. Mit mir außer Reichweite hatte sich bei ihm ein Gefühl des Versagens eingestellt. Er hatte sich an ein beschissenes Leben gewöhnt und sich eingeredet, das wäre nun mal der Lauf der Dinge. Er musste nur ein wenig durchgeschüttelt und an die guten alten Zeiten erinnert werden. Eine Woche, maximal zwei, und ich hatte den alten Danny zurück. Oh Mann, allein der Gedanke, jeden Tag auf dem Bau zu schuften, war schlimmer als Gefängnis, schlimmer noch, als jeden Morgen in einem Scheißloch wie Cedar Junction aufzuwachen. Wenigstens lassen sie einen nach dem Knast in Ruhe, wenn man seine Zeit abgesessen hat. Bei dem Leben, das Danny momentan zu führen versuchte, bot sich als einzige Erlösung nur das kalte Grab an. Gott sei Dank war ich jetzt draußen und konnte mich um ihn kümmern.

West Roxbury und Brighton sind beides Stadtteile von Boston, aber man muss die Stadt verlassen und durch das schnöselige Brookline kurven, um von einem zum anderen zu gelangen. Danny fuhr durch das Studentenviertel von Brighton, runter von der Commonwealth Avenue und in eine enge Straße, die so schmal war, dass man Mühe hatte, an den zu beiden Seiten geparkten Autos vorbeizufahren, ohne sie zu zerschrammen. Die Verkehrsschilder wiesen eine Straßenseite als Parkverbotszone aus. Typisch für Studenten, keinen Respekt vor dem Gesetz. Danny deutete auf ein altes Gemäuer aus braunem Sandstein, das Haus, in dem er wohnte.

Er fuhr zur Rückseite des Gebäudes, um dort zu parken. Etwa zwanzig Meter entfernt, am anderen Ende des kleinen, allenfalls für sechs Autos ausgelegten Parkplatzes, standen die Müllcontainer eines China-Restaurants. Vier Uhr nachmittags und ich konnte Ratten sehen, die sich dort hochhangelten. Es stank wie hinter einem Fischmarkt.

»Das kann nicht dein Ernst sein«, sagte ich.

Er begriff, worauf ich meinen Blick richtete, zuckte mit den Achseln und meinte, was soll’s.

»Wie? Was soll’s? Hinter deinem Haus tummeln sich Ratten.« Ich sah genauer hin. »Sollten die Container nicht abgedeckt sein?«

»Vergiss es, Kyle. Eigentlich bleiben die Ratten immer da drüben.«

»Eigentlich? Du willst mir also sagen, du hast Ratten in deinem Apartment?«

Er lächelte lau, wich meinem Blick aus. »Ja, einmal, aber Eve hat sie mit ’ner Bratpfanne erwischt.«

»Ach du Scheiße!«

Ich stieg aus dem Auto und der Geruch nach verfaultem Essen drehte mir fast den Magen um. Die Zeit im Gefängnis, vor allem die in Cedar Junction, hatte dafür gesorgt, dass ich auf Gestank wie diesen hypersensibel reagiere. Ein paar Meter weiter lag ein Ziegelstein, ich hob ihn auf und warf ihn in Richtung der Container. Zwar verfehlte ich die Ratte, auf die ich es abgesehen hatte, doch als der Ziegelstein gegen den Metallcontainer knallte, gab es ein lautes Scheppern und die Ratten suchten das Weite. Ich zählte acht flüchtige Biester. Während ich noch verfolgte, wohin sie sich verzogen, tauchte an der Hintertür des Restaurants ein Asiat auf — um die dreißig, mit fleckigem T-Shirt, sackartigen Khakis und einer Schürze vorm Bauch. Er begutachtete den Container, entdeckte den Stein, der davor lag, und starrte zu mir herüber.

»Was fällt Ihnen ein, verdammt noch mal?«, brüllte er.

»Decken Sie diese Container ab, so wie es die Vorschrift verlangt«, schrie ich zurück.

»Ich rufe die Polizei!«

»Ja, Sie mich auch! Und ich schick Ihnen das Gesundheitsamt vorbei!«

Er zeigte mir einen Vogel. Ich machte ein paar Schritte auf ihn zu, doch Danny reagierte sofort und hielt mich am Arm fest.

»Kyle, komm schon, Mann, das lohnt doch nicht.«

Ich kam wieder runter und nickte, gab Danny recht. Der Asiat erinnerte sich, dass er zwei Hände hatte, und salutierte mit beiden Mittelfingern, spuckte aus und verschwand im Restaurant.

»Alles okay?«, fragte Danny.

»Ja, alles okay. Wie wär’s, wenn du mir helfen würdest?«

»Was?«

Ich nahm Kurs auf die Müllcontainer. Als ich Danny ansah, entdeckte ich in seinen Augen einen schwachen Glanz seines alten Egos. Wir brauchten kein Wort zu wechseln, sondern arbeiteten sofort Hand in Hand, investierten etwas Muskelkraft und brachten den Container zum Kippen, woraufhin sich der ganze Abfall und die vergammelten Essensreste in Richtung Hintertür ergossen. Mit entsprechendem Einsatz gelang es uns, den Container direkt vor die Tür zu schieben. Obwohl wir das Ganze leise über die Bühne zu bringen versuchten, veranstalteten wir genug Lärm, sodass ich mich fragte, weshalb niemand an der Tür auftauchte, um zu sehen, was da abging. Mit einer weiteren Portion Kraft kippten wir auch den anderen Container um und wuchteten ihn auf den ersten. Ächzend und stöhnend drückten und schoben wir ihn ebenfalls vor die Tür. Am Ende stanken wir beide, tropfte uns beiden der matschige Müll von den Klamotten, lachten wir uns beide den Arsch ab. Mir blieb vor Lachen fast die Luft weg. Nahezu blind vor Tränen, hob ich den Ziegelstein auf, den ich zuvor geworfen hatte. Danny krümmte sich mit hochrotem Gesicht.

»Komm, verpissen wir uns«, sagte er atemlos und wollte mich wegziehen.

Ich ließ es zu, dass er mich zum Hintereingang seines Hauses zog, drehte mich zwischendurch um und warf den Ziegelstein gegen die Müllcontainer. Das Scheppern kam mir diesmal noch lauter vor. Ich hörte, wie die Hintertür des Restaurants gegen die Container schlug, dann hörte man den Asiaten fluchen, nachdem er wohl kapiert hatte, was passiert war. Er brüllte, dass er die Polizei alarmieren werde, und ich war verdammt nahe dran auszurasten. Danny schob mich ins Haus.

»Scheiße, das hat echt Spaß gemacht!«, stieß er keuchend hervor. Seine Augen schlugen buchstäblich Funken. »Das hab ich vermisst. Seit Jahren hab ich nicht mehr so gelacht.«

»Geht mir genauso.« Ich stützte mich auf meinen Knien ab, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Das war der beste Moment seit meiner Verhaftung gewesen. Ich schnupperte und meinte, wir beide würden derart stinken, dass selbst ein Stinktier kotzen müsste.

Danny verzog das Gesicht, als er an seinem T-Shirt schnüffelte. »Ja, und ob. Komm, nichts wie hoch und duschen, bevor Eve nach Hause kommt.«

»Wer ist eigentlich diese Eve, die du ständig erwähnst?«

»Meine Freundin. Du lernst sie nachher kennen.«

»Ist das was Ernstes mit euch?«

Er lächelte etwas gequält. »Ja, denke schon. Los, ab unter die Dusche.«

Über die Hintertreppe ging’s hoch zu seinem Apartment, doch als ich den bröckelnden Putz an den Wänden sah, den aufgetürmten Müll in irgendwelchen Nischen, merkte ich, wie meine gute Laune sich verabschiedete. Ich konnte einfach nicht glauben, in was für einem Loch mein Bruder hauste, schenkte mir aber eine Bemerkung. Sein Apartment entpuppte sich als enge Zweizimmerwohnung, wobei ein Zimmer als Wohn- und Essbereich diente. An der Decke prangte ein gelbbrauner Wasserfleck und der Teppichboden war billige Dutzendware und gehörte ausgetauscht, denn so verfleckt und versifft er war, hätte eine Reinigung nichts mehr bewirkt. Wenn man allerdings berücksichtigte, womit er es hier zu tun hatte, hatte Danny die Wohnung nach allen Kräften auf Vordermann gebracht. Ich nahm allerdings an, dass Eve diejenige war, welche. Während Danny durch die Wohnung ging, um die Fenster zu öffnen, linste ich hinter das eine oder andere Foto von Southie an den Wänden und musste feststellen, dass sie dort hingen, um Risse zu verdecken. Es kotzte mich an, Danny in so einer Bruchbude zu sehen.

»Hab ein Stück Heimat mitgebracht«, erklärte er.

Ich sah ihn an und er lächelte. Da wurde mir klar, dass er annahm, ich würde eines der Southie-Fotos von Carson Beach bewundern. Ich sagte nichts dazu. Für einen Augenblick stand er verlegen in der Gegend rum, versuchte, so zu tun, als befänden wir uns nicht mitten in einer schäbigen Bude, dann schlug er vor, ich solle zuerst duschen, damit er unsere Klamotten in die Waschmaschine werfen könne, die im Keller stand und von allen Mietern benutzt wurde. Im Badezimmer war es genauso beengt wie im Rest der Wohnung, kaum genug Platz für Klo, Waschbecken und Dusche. Trotzdem, es war angenehm, sich unter einen Wasserstrahl zu stellen, der nicht eiskalt oder kochendheiß war. Und nach acht Jahren so allein und für sich duschen zu können, war ebenfalls angenehmer, als ich vermutet hätte.

Ich trocknete mich ab und sprühte mich großzügig mit Brut ein, um sicherzustellen, dass auch der letzte duftende Hinweis auf den Müllcontainer übertüncht wurde. Danny saß in Boxershorts im kombinierten Wohn- und Essbereich und rauchte einen Joint. Er gab ihn mir, als er aufstand, um ein paar Klamotten für mich zu holen. Drogen waren nicht mein Ding, aber ich nahm ein paar Züge, gab Danny den Joint zurück und stieg in verwaschene Jeans, streifte ein schwarzes T-Shirt über, Sachen, die Danny mir herausgesucht hatte. Vor meiner Knastzeit hatten wir die gleiche Konfektionsgröße gehabt, doch jetzt schlackerte seine Jeans an mir und das T-Shirt spannte über der Brust. Das war Danny eine Bemerkung wert. Er zog ein letztes Mal an dem Joint und drückte das Ding aus.

»Ich musste ’ne Menge Zeit im Fitnessraum totschlagen.« Ich zog an der Jeans, um etliche Zentimeter Luft zu demonstrieren. »Der einzige Vorteil, wenn man acht Jahre kein Bier zu trinken kriegt.«

»Nun, dem kann abgeholfen werden.« Danny holte zwei Flaschen Michelob aus dem Kühlschrank, warf mir eine zu und verschwand mit seiner im Badezimmer. Ich setzte mich hin, während im Bad das Wasser lief, und versuchte, endlich runterzukommen. Ich war ein freier Mann und sollte mich dementsprechend fühlen. Doch das war leichter gesagt als getan. Ich musste mich wieder eingewöhnen, wichtiger noch, ich musste die Sache mit Red regeln. Ich konnte nicht frei atmen bei der Vorstellung, dass der Wichser da draußen sein Leben genoss, nach allem, was er mir angetan hatte. Und nicht nur mir, auch Danny und Ma und hundert anderen, die ihm vertraut hatten. Als ich aufstand, um mir noch ein Bier zu holen, ertönte das unmissverständliche Geheul einer Polizeisirene und die offene Tür von Dannys Schlafzimmer warf flackerndes rotes Licht zurück. Ich ging in das Zimmer und riskierte einen Blick aus dem Fenster, sah, dass ein Streifenwagen neben den umgekippten Müllcontainern stand. Zwei Cops sprachen mit Mitarbeitern des Restaurants, darunter auch der Pisser, der mir den Stinkefinger gezeigt hatte. Aufgeregt gestikulierte er in meine Richtung, zeigte auf das Apartmenthaus. Die Cops sahen eher gelangweilt aus. Selbst von meiner Position aus konnte ich erkennen, wie einer der beiden sich kaum das Lachen verkneifen konnte. Ich beobachtete das Ganze eine Weile und holte mir schließlich mein Bier. Nach gut zehn Minuten hörte das rote Geflacker auf.

Danny kam aus dem Badezimmer. Er zog eine Augenbraue hoch und fragte, ob das eben eine Sirene gewesen sei.

»Worauf du einen lassen kannst. Hinten sind die Cops aufmarschiert.«

»Sie haben aber nicht an Türen geklopft oder so?«

»Nein, aber der chinesische Wichser wollte uns bei denen anschwärzen. War ganz zappelig und hat immer auf dein Haus hier gezeigt. Ich hoffe, sie kriegen den Mistkerl dran, dafür, dass er seinen Müll nicht ordnungsgemäß abdeckt.«

»Der kleine Ficker.« Danny griente breit. »Was meinst du? Schmeißen wir die Teile morgen wieder um?«

»Nein, ich denke nicht. Sollten sie ihren Dreck jetzt abdecken, ist der Fall für mich erledigt. Wenn nicht, ziehe ich andere Saiten auf.« Mehr wollte ich dazu nicht sagen, zumindest nicht jetzt, aber als ich Danny dort sitzen sah, so rundum glücklich und zufrieden, konnte ich mich nicht zurückhalten und musste ihn fragen, wie er es ertrug, in so einer Hütte zu leben.

Er zuckte die Achseln und grinste blöd. »Ach, komm schon, Kyle, hier ist sicherlich mehr Platz als in deiner Zelle in Cedar Junction. Und gemütlicher ist es auch, stimmt’s, Bruder?«

»Ich konnte mir nicht aussuchen, wohin sie mich stecken. Aber du hast es dir ausgesucht, hier zu leben, verdammt noch mal.«

Er schaltete auf Durchzug, holte ein Tütchen Gras unter dem Sofakissen hervor und drehte sich noch einen Joint. Seine Miene war grimmig und verbissen. Er zündete den Joint an, inhalierte tief, hielt den Rauch für gute zehn Sekunden in der Lunge, bevor er ausatmete. Nach ein paar Zügen hatte sich seine Miene entspannt. Er sah mich an und lächelte gleichmütig.

»Ich hatte keine andere Wahl, Kyle, nicht wenn ich draußen bleiben wollte. So konnte ich mich wenigstens um Ma kümmern, als sie krank wurde. Glaubst du wirklich, ich bin freiwillig aus unserer alten Gegend weggezogen? Meine Güte, so übel ist das hier nun auch wieder nicht. Eve wohnt hier mit Mietpreisbindung, seit ihrer Studentenzeit. Es ist also spottbillig. Die Gegend ist ganz witzig und außerdem sind’s nur ein paar Kilometer bis zu Eves Arbeitsstelle. Scheiße, ich hab dir noch gar kein Foto von ihr gezeigt.«

Er zog noch mal am Joint, dann hielt er mir das Ding hin, doch diesmal lehnte ich ab. Wie gesagt, Drogen sind nicht mein Fall. Als ich noch Reds rechte Hand war, haben wir einen Haufen Kohle mit Drogen gemacht, aber Red hätte uns den Arsch aufgerissen, wenn er uns jemals beim Konsumieren erwischt hätte. »Jungs«, pflegte er immer zu sagen, »von meinen Lieutenants erwarte ich einen klaren Verstand und entschlossenes Handeln.« Dieses großkotzige kleine Arschgesicht, immer dabei, so zu tun, als wäre er in den Straßen von Belfast groß geworden und nicht in der K Street von South Boston. Wie auch immer, seine Regeln brauchte ich nicht, denn da, wo ich jetzt stand, brauchte ich zum Überleben einen klaren Kopf und meine Aggressivität, und ich konnte es mir nicht leisten, auch nur eins von beiden mit Pot in Watte zu packen, und die Folgen von Koks ließen sich auf Dauer nicht verbergen. Ich hatte mir angewöhnt, einen Bogen um Drogen zu machen. Selbst im Knast. Ich wollte den Schwanzlutschern, die das Sagen hatten, keine Handhabe liefern, meine achtjährige Haftstrafe noch auszuweiten.

Danny hatte wieder zu seinem beknackten Grinsen zurückgefunden, jede Spur von Verdruss hatte sich in Wohlgefallen aufgelöst. Schwerfällig stand er vom Sofa auf und verließ das Zimmer. Als er zurückkam, gab er mir ein Foto. Das Mädchen darauf war dünn, dazu lange, strähnige rote Haare, und dem Winkel nach zu urteilen, aus dem das Foto geschossen worden war, hatte sie in der Abteilung Titten nicht viel zu bieten. So dünn, wie sie war, so rund war ihr Gesicht: ein blasses Mondgesicht und eine Nase, die mich an ein Schwein erinnerte. Genau wie in jedem anderen Bereich seines momentanen Lebens hatte er sich auch hier verschlechtert.

»Nett, was?«

Ich nickte. Für heute hatte ich ihn genug kritisiert. Vorhin hatte ich Momente vom alten Danny gesehen. Mir war klar, sein wahres Ich war irgendwo unter diesem Witz von einem Leben, das er jetzt führte, vergraben, und mit ein wenig Stochern würde ich ihn aus diesem beschissenen Kokon befreien wie einen Schmetterling. Bei dieser Vorstellung musste ich lächeln.

»Ich wusste, dass sie dir gefallen wird.« Danny strahlte das Foto seiner nicht mal mittelprächtigen Flamme an. »Eve kennenzulernen war das Beste, was mir je passiert ist.«

Ich gab ihm das Foto zurück, damit er es aus nächster Nähe bewundern konnte. »Was steht heute Abend an?«, fragte ich.

Danny zog noch einmal ausgiebig an seinem Joint, dann starrte er mit müden Augen auf seine Armbanduhr. »Eve müsste in etwa einer halben Stunde nach Hause kommen. Wir könnten was essen gehen und ein paar Drinks nehmen.«

»Wie? Nur du, ich und sie?«

»Ja, das habe ich mir so gedacht.«

»Mann, Danny, verdammt noch mal, ich bin raus aus dem Knast, nach acht beschissenen Jahren. Ich bin davon ausgegangen, du schmeißt ’ne Party für mich. Lädst ein paar von meinen alten Kumpels ein.«

Er sah mich an. Der Stumpfsinn in seinem Blick passte perfekt zu seinem Grinsen. »Das kann ich nicht machen, Kyle«, sagte er. »Ich darf zu keinem von ihnen Kontakt aufnehmen, wegen meinem Deal mit dem Gnadengesuch. Du machst dir keinen Begriff, welche Verrenkungen mein Anwalt machen musste, damit ich den Kontakt zu dir aufrechterhalten konnte.«

»Sie haben versucht, dich von deinem Bruder fernzuhalten? Von dem, was dir an Familie noch geblieben ist?«

»Ja.«

Als ich das erste Mal von Reds Verrat gehört hatte, hatte das einen Zorn in mir entfacht, der von da an ständig brannte. Dieser Zorn war in den letzten acht Jahren mein einziger treuer Begleiter gewesen. Mit dieser Neuigkeit brannte er jetzt lichterloh und nahm mir fast die Luft zum Atmen. Für wenige Sekunden sah ich buchstäblich rot. Ich atmete ein paarmal tief durch und es gelang mir, meinen Zorn auf kleiner Flamme zu halten. Als ich mich wieder im Griff hatte, sagte ich Danny, dass die anderen die Gelackmeierten wären.

»Wie meinst du das?«

»Nicht jetzt. Ich erklär’s dir in ein paar Tagen, wenn mein Plan steht. Trotzdem, scheiß auf sie. Wann hast du den Deal gemacht? Vor sieben Jahren? Das fällt doch keinem auf, wenn du dich jetzt mal nicht dran hältst.«

»Doch, das wird es. Da sind noch ein paar Feindschaften von früher, die nur darauf warten, mir vors Schienbein treten zu können.«

»Blödsinn.«

»Ehrlich, Kyle. Es gab einige Anrufe, selbst noch im vergangenen Jahr, alles erstunken und erlogen. Die Cops sind jedem einzelnen nachgegangen. Gott sei Dank gab’s Zeugen, die bestätigen konnten, wo ich gewesen war.«

»Weißt du, wer angerufen hat?«

»Hab nur einen Verdacht.«

»Ich will Namen hören.«

Er zögerte, dann zuckte er die Achseln und sagte: »Tom Dolan, Mike Halloran. Aber beweisen kann ich’s nicht.«

Ich nickte, als ich ein Bild von den beiden vor Augen hatte. Dolan war Inhaber eines Schnapsladens in der Dorchester Street und hatte auf Dannys Schutzgeldliste gestanden. Wenn ich es noch richtig zusammenbekam, hatte er sich einmal hartnäckig geweigert, seine monatliche Rate abzudrücken, und er hatte sich weiter auf die Hinterbeine gestellt, bis sich ein Brecheisen seiner Kniescheibe annahm und auch seiner Whiskey-Abteilung. Halloran war nichts als ein selten dämlicher Drecksack, der davon geträumt hatte, im Viertel mal so eben als Buchmacher landen zu können. Red hatte Wind von der Sache bekommen und als Nächstes hörte man, bei Dolan wären die dritten Zähne fällig. In den guten alten Zeiten hatte Danny einen exzellenten Job gemacht.

»Ich sorge dafür, dass sich schnell rumspricht, was jedem blüht, der mit dem Gedanken spielt, dich anzuscheißen«, sagte ich. »Also, was meinst du? Lassen wir uns heute Abend in der Heimat blicken, um ein bisschen zu feiern?«

Danny schüttelte den Kopf. »Ich kann’s nicht riskieren, Kyle. Die Staatsanwaltschaft nimmt die Sache mit dem Deal verdammt ernst. Es gibt auch keinen Fristablauf oder so. Der Deal gilt ein Leben lang. Wenn sie mich erwischen, wie ich dagegen verstoße, sperren sie mich mindestens für drei Jahre weg.«

»Jetzt, wo ich wieder draußen bin, wird es niemand wagen, dich anzuschwärzen, Danny.«

»Es geht nicht, tut mir leid.«

Eigentlich wollte ich weiter dagegen anreden, aber ein Blick in Dannys stumpfes, zugedröhntes Gesicht und ich wusste, es war zwecklos.

»Ach, egal, was soll’s«, sagte ich. »Wir gehen hier irgendwo mit deiner Freundin essen, dann fahre ich allein ins Scolley’s und mach einen drauf.«

Danny nickte. Seine Augen wurden glasig, als er auf eine Fotografie an der Wand starrte: Menschen, dicht gedrängt, beim Bejubeln der Parade am St. Patrick’s Day, die sich die 4th Street hinunterwand. Ich stand auf und holte mir noch ein Michelob. Wenn ich erreichen wollte, dass Danny ganz der Alte wurde, musste ich ihn vom Gras wegbringen. Das mit dem Job, den ich in Planung hatte, würde erst in einigen Wochen akut werden. Das dritte Bier stieg mir tatsächlich ein wenig in den Kopf. Ich war wohl zum Leichtgewicht mutiert, nachdem ich während meiner Haft keinen Tropfen Alkohol angerührt hatte. Danny rauchte seinen Joint zu Ende und holte sich ebenfalls noch ein Bier. Wir hingen einfach nur ab, unterhielten uns vor allem über das Leben in Bundesgefängnissen und was im Vergleich dazu in Cedar Junction abging. Es war richtig nett, wie wir beide so zusammensaßen und ins Quatschen kamen. Alte Erinnerungen aus unserer Kindheit wurden wach. Als ich eine Zigarette herausklopfte, sah Danny zweimal hin, als hätte er beim ersten Mal nicht gecheckt, was ich da machte.

»Keine gute Idee, Bruder.«

»Was?«

»Eve möchte nicht, dass hier geraucht wird.«

»Du verarschst mich, oder?«

»Nein, Bruder.«

Auf diese Kacke konnte ich getrost verzichten. Allmählich ging es mir besser, endlich, und dann sollte ich mich auf eine bescheuerte Diskussion einlassen, ob ich eine Kippe rauchen durfte? Ich zündete mir das Ding an und benutzte die leere Michelob-Flasche als Aschenbecher. Erst jetzt bemerkte Danny die Stange Marlboro 100s, die neben dem Sofa lag, und meinte, es sei besser, sie im Schrank zu verstecken.

»Wieso das denn?«

»Eve könnte sie sonst wegwerfen.«

Ich sah ihn an, wollte wissen, ob das sein Ernst sei, nur um festzustellen, dass dem so war. Ich langte rüber, schob die Stange unters Sofa, nahm einen letzten, langen Zug und versenkte den Rest der Zigarette in der Flasche. Ich war gerade dabei, mich wieder abzuregen, als Dannys Freundin die Tür aufschloss und hereinkam. In natura waren ihre Titten genauso mickrig wie auf dem Foto. Obwohl — sie hatte ganz nette Beine, das musste man Danny lassen. Als sie mich neben Danny auf dem Sofa sitzen sah, war sie sich nicht zu blöd, aufzutrumpfen. Der Blick, den sie mir zuwarf, war pures Eis. Nun ja, immerhin war sie die Freundin meines Bruders, also erhob ich mich, um ihr einen Kuss zu geben, doch sie bremste mich geschickt aus, indem sie schnell auf mich zukam und mir eine kleine kalte Hand entgegenstreckte. Es war, als würde man einem Eiswürfel die Hand schütteln.

»Das ist Kyle, mein großer Bruder. Ich hab dir von ihm erzählt.«

»Ja, ich weiß. Ich kenne ihn aus der Zeitung.«

Irgendwie ging mir ihr überheblicher Ton gehörig auf den Sack. »Wo zum Teufel habe ich nur meinen Kopf«, sagte ich. »Du bist immerhin das Mädchen von meinem Bruder, verdammt noch mal.« Bevor sie sich rühren konnte, war ich bereits aufgestanden und hatte sie fest umarmt. Dann gab ich ihr einen dicken Kuss auf die Wange. Ich weidete mich geradezu daran, wie sie sich in meinen Armen wand, doch scheiße, es war, als würde ich ein Stück Holz umarmen. Als ich sie losließ, hatte ich das Gefühl, nachschauen zu müssen, ob ich mir irgendwo Splitter eingerissen hatte.

»In Zukunft sollte es genügen, wenn wir uns die Hand geben«, sagte sie und der Blick ihrer grauen Augen zeigte, wie sehr sie vor Wut kochte.

»In meiner Familie gehen wir anders miteinander um«, erwiderte ich.

»Was läuft hier eigentlich ab?«, fragte Danny und sein bestürzter Blick wanderte zuerst zu seiner Freundin und dann zu mir.

»Ich habe keinen blassen Schimmer. Frag sie.«

Eve schoss das Blut in die fahlen Wangen, als sie Dannys entsetztes Gesicht sah. »Der Tag war einfach ätzend. Also alles auf Anfang. Schön, dich kennenzulernen, Kyle.«

Sie beugte sich vor, umarmte mich spröde und küsste mich flüchtig auf die Wange. Jetzt hätte ich richtig Spaß mit ihr haben können, aber ich benahm mich anständig. Schließlich war sie das Mädchen meines Bruders, zumindest momentan.

Danny sah Eve noch immer ziemlich entgeistert an und in seinen potseligen Gesichtsausdruck mischte sich Sorge. Er sagte: »Ich habe mir gedacht, wir drei gehen irgendwohin und feiern Kyles Entlassung. Ruf doch mal Linda an, vielleicht möchte sie mitkommen, dann wären wir zu viert.«

»Linda hat eine Verabredung.«

»Mit wem?«

»Sie trifft sich mit einem Typ in irgendeinem Klub«, sagte sie schnell und wich Dannys Blick aus.

»Dann ruf eine andere Freundin an. Meine Güte, die jammern doch ständig rum, dass es in Boston zu wenig Männer gibt, die solo sind.«

»Ich habe wahnsinnige Kopfschmerzen, Danny. Zieht doch beide allein los und amüsiert euch. Ich bleibe lieber zu Hause.«

»Ich hoffe, deinem Kopf geht’s bald besser«, sagte ich.

Sie nickte mir zu, vermied aber jeglichen Augenkontakt, verschwand im Schlafzimmer und schloss die Tür hinter sich.

Danny hockte da und war ziemlich von der Rolle. »Was war das denn?«

»Ich hab den Eindruck, deine Freundin mag mich nicht besonders.«

»Und warum?«

Ich scheute mich nicht, das auszusprechen, was auf der Hand lag. Dass Eve wohl der Meinung sei, ich würde einen schlechten Einfluss ausüben. Oder dass sie einfach nichts mit einem verurteilten Verbrecher zu tun haben wolle, zumal mit einem, der Waffen benutzte. Ich fragte mich, ob Danny ihr überhaupt jemals etwas über sein früheres Leben erzählt hatte. Ganz sicher nicht. Dannys Augen waren auf einen Punkt in der Ferne gerichtet. Ich konnte sehen, wie sich der Ausdruck darin veränderte, als sein benebeltes Hirn das Offensichtliche erfasste.

»Wenn’s zum Problem für dich wird, dass ich hier wohne, schau ich mich nach was andrem um.«

»Nein, Bruder, meine Wohnung ist auch deine Wohnung.«

»Gut zu wissen. Steh auf.«

Er stand auf. Ich umarmte ihn, fest diesmal, nicht so lasch wie zuvor im Auto. »Ich habe Pläne für uns, Danny«, sagte ich ruhig, bemüht, nicht zu laut zu sprechen. »Wenn wir das durchgezogen haben, wird diese beschissene Stadt wieder uns gehören.«

Ich machte einen Schritt zurück, empfand eine tiefe Zuneigung zu meinem Bruder. Zum ersten Mal, seit ich draußen war, fühlte ich mich mit Danny verbunden, zumindest so, wie ich es gewöhnt war.

»Pass auf, ich lass mich jetzt mal in Southie blicken.«

»Und was ist mit unserem Essen?«

»Das holen wir nach. Bleib lieber hier und klär die Sache mit deiner Freundin.«

»Ja, das sollte ich wohl. Brauchst du was?«

»’n bisschen Bares wär nicht schlecht. Ein Mobiltelefon. Deine Autoschlüssel.«

Er warf mir ein Schlüsselbund zu, leerte anschließend seine Brieftasche und gab mir achtundvierzig Dollar. Dann kramte er in seinen Hosentaschen und zog etwas heraus, was wie ein Requisit aus Star Trek aussah.

»Die Dinger werden auch immer winziger«, stellte ich fest, als ich das Telefon in der Hand hielt.

»Soll ich dir zeigen, wie’s funktioniert?«

»Das finde ich schon raus.«

Ich klopfte ihm auf die Schulter und sagte, dass ich der alten Bagage verkünden werde, dass er gesund und munter sei. Er nickte und sah mir wehmütig hinterher, als ich das Apartment verließ. Draußen blieb ich stehen und lauschte. Die Wände waren dünn und ich konnte jedes Wort verstehen, als wäre ich im selben Zimmer mit den beiden. Ich hörte, wie sie aus dem Schlafzimmer kam und Danny erklärte, dass sie keine ihrer Freundinnen mit mir verkuppeln werde, da sei die Grenze erreicht. Es sei okay für sie, wenn ich ein paar Tage bliebe, aber mit ihren Freundinnen verkuppeln, das gehe gar nicht.

»Wovon sprichst du überhaupt?« Danny versuchte, dagegen anzureden, und zwar mit dem typischen lahmen Tonfall des Kiffers in der Stimme. So jedenfalls konnte er Eve nicht Paroli bieten. »Ich habe nur gemeint, dass eine Freundin von dir mitkommen könnte, damit wir zu viert sind.«

»Genau. Dein Bruder kommt gerade aus dem Gefängnis. Und er will nur eine Verabredung zum Essen, mehr nicht. Genau.«

»Und was wäre so schlimm daran, wenn zwischen ihnen was laufen würde?«

»Willst du mich auf den Arm nehmen? Er ist ein verurteilter Krimineller. So jemanden stelle ich doch nicht meinen Freundinnen vor! Weiß der Himmel, welche Krankheiten er sich im Gefängnis eingefangen hat. Ich habe alle Folgen von OZ gesehen, ich weiß, was im Gefängnis abgeht. Und ich will nicht, dass er in unserer Wohnung raucht. Ich bin nicht blöd, Danny. Ich habe die Kippe in der Bierflasche gesehen. Und ich habe den Zigarettenrauch gerochen.«

»Er hat eine Zigarette geraucht.«

»Das ist mir egal. Ich will nicht, dass er hier raucht!«

»Komm schon, Eve. Er hat das Fenster aufgemacht. Was soll er denn noch machen?«

»Warum soll ich mich seinem Zigarettenrauch aussetzen? Oder mir Gedanken darüber machen müssen, dass dein Bruder womöglich die Wohnung abfackelt? Wenn er unbedingt rauchen muss, soll er rausgehen.«

»Ach Scheiße, was soll das? Wir wohnen im zweiten Stock. Soll er jedes Mal zwei Etagen runterrennen, wenn er eine rauchen will?«

Sie gab keine Ruhe, erklärte Danny, dass ich genau das hätte tun müssen, stattdessen müsse er sich jetzt halbherzig mit ihr darüber streiten. Er kam nicht mehr zu Wort. Ich ging. Die Wut, die schwach in mir brannte, fing an aufzulodern, und ich musste verschwinden, bevor ich da hineingehen und Eve die Zähne einschlagen würde. Mein alter Herr war der Letzte gewesen, der so über mich hergezogen hatte, und da war ich dreizehn gewesen. Das hatte mich nicht davon abgehalten, mit einem Steakmesser auf ihn loszugehen, und wäre es ihm nicht gelungen, mir das Ding irgendwie zu entwinden, ich hätte ihn aufgeschlitzt. Er hatte mir die Scheiße aus dem Leib geprügelt, ein paar Knochen gebrochen, am Ende aber kapiert, dass er aufpassen musste, was er über mich sagte. Danach hielt er sich mit seinen Worten zurück, auch gegenüber Danny. Bis zu dem Tag, als er sich aus dem Staub machte, nachdem er einen Kredithai um achtzig Riesen erleichtert hatte, war er uns gegenüber in der Wahl seiner Worte sehr vorsichtig gewesen.

Ich verließ das Apartmenthaus durch die Hintertür. Es war nach sechs, die Sonne strahlte orangefarben und ging zügig unter, aber es würde noch ungefähr eine Stunde lang hell sein. Der Chinese von vorhin hielt sich allein bei den beiden Müllcontainern auf und schaufelte den Müll wieder hinein. Schien ziemlich anstrengend zu sein, so wie seine Arme zitterten, wenn er die Schaufel über den Kopf heben musste, um die nächste Ladung zu versenken. Er bekam mit, wie ich aus dem Haus trat, erkannte mich aber erst auf den zweiten Blick und fing an zu brüllen. Ich beachtete ihn nicht. Angesichts meiner aktuellen Stimmungslage hielt ich es für das Beste. Doch als ich in Dannys Wagen stieg, machte ich mir Gedanken, ob der Typ sich das Autokennzeichen merken würde. Und während ich so überlegte, ihn vielleicht zu warnen, besser nicht die Polizei zu rufen, schlug er auch schon auf die Frontscheibe. Er spuckte in hohem Bogen, als er eine Auswahl der schönsten Schimpfworte vom Stapel ließ und damit drohte, mich verhaften zu lassen. Ich ließ das Seitenfenster herunter. Er schrie und spuckte weiter, zielte mit seinem Zeigefinger auf mein Gesicht. Ich schnappte mir diesen Zeigefinger und knickte ihn wie einen trockenen Zweig.

Ich drehte seinen gebrochenen Finger, bis der Chinese vor Schmerz in die Knie ging, öffnete dann die Fahrertür, um auszusteigen, und knallte sie ihm dabei ins Gesicht. Auf seiner Stirn prangte jetzt eine nette Platzwunde und Blut lief über sein Auge, die Wange entlang und tropfte auf sein weißes T-Shirt. Er fing an zu plärren und sein Mund formte ein großes O.

»Hast du eigentlich ’ne Ahnung, wer ich bin?«

Als er mir die Antwort schuldig blieb, nahm ich mich noch mal seines Fingers an, gab etwas mehr Druck darauf, bis der Kerl den Kopf schüttelte.

»Du solltest nicht so ein ignoranter Scheißer sein und etwas mehr Zeitung lesen«, sagte ich. »Wenn du mir die Polizei auf den Hals hetzt, bist du weg, samt Familie. Wo immer ich mich auch aufgehalten habe, spielt dabei keine Geige, ich verfüge noch immer über genügend Beziehungen. Vielleicht verschwinden eure Leichen im Meer oder sie werden zerstückelt und als Einzelteile auf Mülldeponien verteilt. Völlig egal. Niemand wird jemals dahinterkommen, was mit euch passiert ist. Meinst du, ich denk mir so was aus?«

Er schüttelte heftig den Kopf, um mir keinen Anlass zu geben, seinen Finger weiter zu bearbeiten. Ich ließ den Finger los und beobachtete den Chinesen dabei, wie er leise wimmernd zu schaukeln begann, vor und zurück, als praktiziere er eine Form von stillem Gebet.

»Was heute passiert ist, hast du dir selbst zuzuschreiben«, erklärte ich ihm. »Wenn du diesem Viertel mehr Respekt entgegengebracht hättest, wäre es nicht dazu gekommen. Dein nicht abgedeckter Müll lockt Ratten an. Vom Gestank will ich gar nicht erst reden. Hier wohnen Menschen, und mit deinem Handeln hast du dich ihnen gegenüber nicht fair verhalten. Das verstehst du doch, oder?«

Er nickte, sein Kopf bewegte sich auf und ab, als hätte jemand ihn gepackt und würde dran ziehen. Der Chinese kniff die Augen zu, hörte genau hin, was ich zu sagen hatte.

»Deckst du künftig deinen Müll vorschriftsmäßig ab, läuft alles prima zwischen uns. Tust du’s nicht, haben wir ein Problem. Ich meine ein richtig großes Problem. Also, werden du und ich, werden wir beide demnächst weitere Probleme miteinander haben?«

Er schüttelte den Kopf.

»Ich möchte, dass du es sagst.«

Mit leiser, gezierter Stimme sagte er, dass wir beide keine Probleme mehr miteinander haben würden.

»Sieh zu, dass man sich um deinen Finger kümmert.« Ich half ihm auf die Füße. Er rannte weg und hielt sich den verletzten Finger. Ich setzte mich ins Auto, innerlich wie versteinert, sodass ich mir die Frage stellte, was zur Hölle mit mir los war. Sollte er mich verpfeifen, würden er und seine Familie verschwinden, genau wie ich es ihm prophezeit hatte. Mit derlei pflegte ich nicht zu scherzen. Würde die Polizei mich zur Anzeige vernehmen, müssten sie die Beschuldigung fallen lassen, wenn ihnen ihr einziger Zeuge abhandengekommen war. Selbst wenn ich mir keine Gedanken darüber machen musste, wieder an einem Ort wie Cedar Junction zu landen, sollte der Chinese singen, würde mir eine Aufmerksamkeit seitens der Polizei zuteil, die ich absolut nicht gebrauchen konnte. Mit denen im Nacken, ihre Nase in meinen Angelegenheiten, müsste ich meine Pläne erst mal auf Eis legen, für Monate, wenn nicht sogar länger. Was auch bedeuten würde, dass ich mich erst viel später Red widmen könnte. Früher — verdammte Scheiße, früher hätte niemand es gewagt, mir so gegenüberzutreten, und wäre einer so dumm gewesen, es zu versuchen, ich hätte mich um ihn gekümmert.

Ach scheiß drauf, ich war mir sicher, er hatte meine Botschaft verstanden. Er würde nicht reden. Endlich raus aus dem Knast und dann bot sich nach Jahren die erste Gelegenheit, Dampf abzulassen, indem man einen hoffnungslos blöden Esel aufmischt — man sollte meinen, auf diese Weise ein wenig von dem aufgestauten Druck loszuwerden, doch mich zog dieser Vorfall nur noch mehr runter. Ich holte Dannys Mobiltelefon hervor und probierte aus, wie man es benutzte. Ich hatte geschworen, Janet nicht anzurufen, zumindest nicht bevor alles wieder rundlief für mich, aber in meiner momentanen Gemütsverfassung konnte ich nicht anders und rief ihre Mutter an. Ihre Nummer hatte sich in mein Hirn gebrannt. Als sie ranging und mich erkannte, hörte ich das Zögern in ihrer Stimme, aber Mary legte nicht auf. Sie hatte mich immer gemocht und ich wusste, bei mir würde sie nicht auflegen.

»Du weißt, dass ich dir Janets Nummer nicht geben kann, Kyle«, sagte sie mit einem leisen Seufzen.

»Komm schon, Mary, womit kann ich dich umstimmen? Mit einer Flasche Bushmills?«

»Sie ist inzwischen verheiratet und hat Kinder.«

»Wie kann ich dir die bittere Pille versüßen? Wäre ein sechzehn Jahre alter Malt das Richtige?«

»Du musst dich damit abfinden, Kyle«, sagte sie. »Es wäre nicht richtig, sie jetzt anzurufen. Und was soll das auch bringen?«

»Ich werde sie anrufen. Und wenn du mir nicht hilfst, dann finde ich jemand aus der alten Gegend, der es tut. Aber ich muss mit Janet sprechen. Immerhin waren wir verlobt, bevor ich in den Knast gewandert bin.« Mir fielen all die Oprah- und Dr.-Phil-Sendungen ein, mit denen ich meine Zeit totgeschlagen hatte, und fügte hinzu: »Ich will einen Schlussstrich ziehen.«

Es folgte ein weiterer tiefer Seufzer, dann: »Und du willst wirklich nur mit ihr reden?«

»Mein Gott, Mary, was auch immer du in den Zeitungen über mich gelesen hast, ich bin kein Tier.«

»Versprich es mir, Kyle.«

»Du hast mein Wort.«

Es gab eine längere Pause und ich war mir nicht sicher, ob Mary vielleicht doch aufgelegt hatte. Dann: »Und das Geschenk, von dem du gesprochen hast?«

»Morgen früh vor deiner Tür. Als Allererstes.«

»Mach ’ne Kiste Bushmills draus.«

»Ganz schön happig«, sagte ich. »Bei Scolley’s würde mich diese Information wahrscheinlich nur ein Bier kosten.«

»Kann sein, wenn einer dort die Nummer kennt«, erwiderte sie mit einem listigen Unterton in der Stimme.

»Irgendeiner wird sie kennen. Oder zumindest jemanden kennen, der sie kennt. Aber weil ich dich mag, Mary, sollen es vier Flaschen von dem guten Stoff sein. Das macht zusammen zweiundsiebzig Jahre. Also fast doppelt so viele Jahre, wie du alt bist.«

Das brachte sie zum Lachen. Inzwischen musste sie über sechzig sein und nach all den Jahren übermäßigen Konsums die Leber einer Neunzigjährigen haben. Ein Rätsel für jedermann, dass Mary überhaupt noch am Leben war.

Sie ließ sich erweichen. »Vier Flaschen also«, sagte sie. »Was soll’s, du hättest Janet auch ohne meine Hilfe ganz leicht ausfindig machen können. Trotzdem, Kyle, es bleibt dabei, du rufst sie nur an, um ... äh ... einen Schlussstrich zu ziehen, mehr nicht.«

»Pfadfinderehrenwort.«

Wieder musste sie lachen. »Wann willst du denn Pfadfinder gewesen sein?«

»In meinem Herzen bin ich immer einer gewesen.«

Sie seufzte und gab mir Janets Nummer. »Aber ihre Adresse bekommst du nicht«, sagte sie. »Du rufst sie nur dieses eine Mal an, um damit abzuschließen. Keine Ahnung, vielleicht hilft es ja auch Janet. Ich weiß, dass sie immer noch an dieser Sache mit dir zu knabbern hat ... « Sie zögerte, dann fügte sie hinzu: »Du bist heute aus dem Gefängnis entlassen worden, stimmt’s, Kyle?«

»Richtig, Mary. Vor ein paar Stunden haben sie die Himmelspforte für mich geöffnet.«

»Vielleicht gelingt es dir diesmal, alles besser zu machen«, sagte sie. »Versuch mal zur Abwechslung, auf der rechten Bahn zu bleiben und dir nicht wieder irgendwelchen Ärger einzuhandeln.«

»Das kann ich nicht, Mary. Mein Güte, gerade du solltest wissen, was ich anstellen muss, um an deine vier Flaschen Bushmills zu kommen.«

Ich beendete das Gespräch, wollte mir ihre halb garen Ratschläge nicht länger reinziehen. Ein paar Minuten lang saß ich einfach nur so da, dann wählte ich die Nummer, die Mary mir gegeben hatte. Nach dem vierten Klingeln nahm eine Frau ab und fragte mit einer gewissen Zurückhaltung in der Stimme, ob ich Danny sei. Es waren über acht Jahre vergangen, doch ich hatte kein Problem, Janets Stimme wiederzuerkennen. Sie zu hören, schnürte mir die Kehle zu.

»Nein, nicht Danny«, sagte ich. »Warum glaubst du, dass Danny dich anruft?«

»Kyle«, sagte sie. Ihre Stimme klang nicht gerade begeistert.

»Genau. Und jetzt beantworte meine Frage: Hat mein kleiner Bruder sich angewöhnt, dich anzurufen?«

»Du bist so was von blöd. Laut Anruferkennung kommt der Anruf von Dannys Telefon.«

Das verwirrte mich. »Was soll das sein, eine Anruferkennung?«, fragte ich.

»Sie zeigt dir an, wer anruft. Leg auf, ich ruf dich zurück, dann kannst du’s selbst sehen.«

»Keine Ahnung, wie die Nummer von diesem Ding hier lautet.«

»Ich hab sie doch. Sie wird als Teil der Anruferkennung mit angezeigt.«

Ich beendete das Telefonat und nach knapp einer Minute wurde mir klar, dass Janet nicht zurückrufen würde. Ich wählte noch mal ihre Nummer. Dieses Mal landete ich beim Anrufbeantworter.

»Ich weiß nicht, was für ein beschissenes Spiel du hier spielst, aber wenn du nicht willst, dass ich persönlich vorbeikomme und deinem Ehemann berichte, was du so alles im Squire Inn getrieben hast, um Kohle für uns ranzuschaffen, dann solltest du diesen verdammten Hörer — «

Sie ging ran. »Warum rufst du an, Kyle?«, fragte sie, bemüht, verärgert zu klingen, doch ich konnte die Angst in ihrer Stimme hören. »Ich bin jetzt verheiratet. Zwischen uns ist es schon lange aus.«