Miss Silver und die vergiftete Lady - Patricia Wentworth - ebook

Miss Silver und die vergiftete Lady ebook

Patricia Wentworth

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Opis

Eine elegante Lady, ein luxuriöses Landhaus und eine Prise Gift England, 1949: Die schöne Lois Latter hat alles, was man sich nur wünschen kann: Sie lebt in einem prachtvollen Landhaus und ist mit einem attraktiven Mann verheiratet, der den Boden anbetet, auf dem sie wandelt. Doch eines Tages warnt ein Wahrsager, sie möge sich vor Gift in Acht nehmen, und kurz darauf erleidet sie merkwürdige Anfälle von Übelkeit. Ihr Ehemann bittet Miss Maud Silver um Hilfe, und bald schon kommen pikante Details aus Lois' Leben ans Tageslicht ... Ein charmanter Cosy-Krimi-Klassiker, der in einer früheren Ausgabe unter dem Titel "Rendezvous mit dem Tod" erschienen ist. Zur Serie: Was macht eine pensionierte Lehrerin, der langweilig ist? Sie wird Privatdetektivin und unterstützt Scotland Yard bei den Ermittlungen in kniffligen Fällen. Mit ihrem unauffälligen gouvernantenhaften Aussehen wird Miss Silver oftmals unterschätzt - aber man sollte sich nicht mit der reizenden alten Dame anlegen. Bewaffnet mit einer scharfen Kombinationsgabe, ihrem Strickzeug und einem Zitat ihres Lieblingsdichters Alfred Lord Tennyson auf den Lippen, bringt Miss Silver jeden Verbrecher zur Strecke ... Jetzt als eBook bei beTHRILLED - mörderisch gute Unterhaltung.

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Inhalt

Cover

Weitere Titel der Autorin:

Über dieses Buch

Über die Serie

Über die Autorin

Titel

Impressum

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Weitere Titel der Autorin:

Miss Silver und die falsche Zeugin

Miss Silver und der Mord im Herrenhaus

Miss Silver und die Tote am Strand

Miss Silver und der Fluch von Pilgrim’s Rest

Über dieses Buch

England, 1949: Die schöne Lois Latter hat alles, was man sich nur wünschen kann: Sie lebt in einem luxuriösen Landhaus und ist mit einem attraktiven Mann verheiratet, der den Boden anbetet, auf dem sie wandelt. Doch eines Tages warnt ein Wahrsager, sie möge sich vor Gift in Acht nehmen, und kurz darauf erleidet sie merkwürdige Anfälle von Übelkeit. Ihr Ehemann bittet Miss Maud Silver um Hilfe, und bald schon kommen pikante Details aus Lois‘ Leben ans Tageslicht …

Über die Serie

Was macht eine pensionierte Lehrerin, der langweilig ist? Sie wird Privatdetektivin und unterstützt Scotland Yard bei den Ermittlungen in kniffligen Fällen. Mit ihrem unauffälligen gouvernantenhaften Aussehen wird Miss Silver oftmals unterschätzt – aber man sollte sich nicht mit der reizenden alten Dame anlegen. Bewaffnet mit einer scharfen Kombinationsgabe, ihrem Strickzeug und einem Zitat ihres Lieblingsdichters Alfred Lord Tennyson auf den Lippen, bringt Miss Silver jeden Verbrecher zur Strecke …

Über die Autorin

Patricia Wentworth ist mit ihren klassischen englischen Krimis die Wiederentdeckung unter den großen Ladies of Crime. 1878 in Indien geboren, ließ sie sich nach dem Tod ihres ersten Mannes in Camberly, England, nieder. 1923 schrieb sie ihren ersten Krimi, dem im Laufe der Zeit 70 weitere folgen sollten. Ihre bekannteste Heldin ist Miss Silver, die in 31 Romanen die Hauptrolle spielt.

Patricia Wentworth

Miss Silver und die vergiftete Lady

Aus dem Englischen von Stefan Lux

beTHRILLED

Digitale Erstausgabe

»be« – Das eBook-Imprint von Bastei Entertainment

Für die Originalausgabe:

Copyright © 1949 by Patricia Wentworth

Titel der britischen Originalausgabe: »Latter End«

Originalverlag: Hodder and Stoughton, London

Für die deutschsprachige Erstausgabe:

Copyright © der deutschen Übersetzung 2004 by Wilhelm Goldmann Verlag, München

Titel der deutschsprachigen Erstausgabe: »Rendezvous mit dem Tod«

Für diese Ausgabe:

Copyright © 2020 by Bastei Lübbe AG, Köln

Lektorat/Projektmanagement: Kathrin Kummer

Covergestaltung: Kirstin Osenau unter Verwendung von Motiven © Anatoli Dubkov/Shutterstock, © Ola-la/Shutterstock, © Kevin Eaves/Shutterstock, © KAMONRAT/Shutterstock

eBook-Erstellung: 3w+p GmbH, Rimpar

ISBN 978-3-7325-7248-9

www.be-ebooks.de

www.lesejury.de

Kapitel 1

Zunächst wirkte der Raum auf Mrs. Latter ziemlich düster. Alles war schwarz. Der Teppich auf dem Fußboden, die Wandbehänge, die langen glatten Vorhänge, alles war im gleichen samtigen Schwarz gehalten. Trotzdem war es nicht ganz so dunkel, wie sie es zunächst empfand. Durch ein unverhangenes Fenster fiel Licht herein. Sie stand diesem Licht zugewandt – und dem Mann auf der anderen Seite des Tisches, der sich »Memnon« nannte. Der Tisch war recht klein und mit einem samtigen schwarzen Tuch bedeckt. Er wirkte so winzig, weil der alte Mann in dem Stuhl gegenüber beinahe ein Riese war.

Während sie auf einem Stuhl Platz nahm, den er ihr angeboten hatte, musterte sie ihn voller Neugier. Wenn er glaubte, sie mit diesem ganzen Tamtam beeindrucken oder gar einschüchtern zu können, dann hatte er sich getäuscht. Wahrscheinlich war es idiotisch, dass sie überhaupt hergekommen war. Aber das, was sämtliche Freunde taten, tat man dann eben auch. Und wenn nicht ... Nun, worüber sollte man sonst reden? Alle sprachen über Memnon. Er erzählte einem die aufregendsten Dinge. Er sprach über die Vergangenheit und sagte die Zukunft vorher. Und er schaffte es, die Gegenwart wichtig und interessant statt öde und langweilig erscheinen zu lassen, jetzt, wo der Krieg vorbei war und allen die Gesprächsthemen ausgingen.

Sie starrte zu ihm hinüber, konnte aber im Gegenlicht kaum mehr als seine Silhouette und die Umrisse seines Stuhls erkennen. Der Stuhl war symmetrisch vor dem Fenster platziert, sodass die Umrisse genau eingefasst waren, der hohe, bogenförmige Rücken und die stabilen Armlehnen. Über die Rückenlehne hinaus ragte der Kopf des alten Mannes, der mit einer Kappe aus Samt bedeckt war. Sie wusste nicht, warum sie so sicher über sein hohes Alter war. Es lag weder an seiner Stimme noch an etwas, das sie sehen konnte. Auch hatte ihn ihr niemand als alten Mann geschildert. Es war bloß ein Eindruck. Weil sie gegen das Licht schaute, konnte sie seine Gesichtszüge nicht erkennen, nur ein blasses, verschwommenes Oval, zu dem sie höher aufschauen musste, als sie erwartet hatte. Der Mann musste ziemlich groß sein. Zwischen dem Gesicht und der Stelle, an der die beiden blassen Hände auf den hervorstehenden Armlehnen ruhten, lag eine beachtliche Entfernung.

Während ihr all diese Gedanken durch den Kopf gingen, machte sie es sich bequem. Sie legte die Handtasche auf ihre Knie, faltete die Hände darüber, lehnte sich zurück und lächelte entspannt. Nicht jede Frau ihres Alters ertrug dieses grelle Licht mit solcher Gelassenheit. Siebenunddreißig Jahre hatten ihrer zarten Haut nichts anhaben können. Im Gegenteil hatten sich ihr Teint, die Gesichtszüge und die Konturen nur verfeinert. So war sie letztlich ein ganzes Stück attraktiver als mit siebenundzwanzig. Sie bestimmte über sich selbst, über ihre Gedanken und über ihr Leben. Und weitgehend auch über Jimmy Latter, über Jimmy Latters Gedanken und über Jimmy Latters Leben.

Das anhaltende Schweigen ließ sie eine leichte Geringschätzung empfinden. Es musste schon etwas mehr geboten werden als ein düsterer Raum und ein alter Mann, um sie aus der Ruhe zu bringen. Situationen oder Umstände, die sie nicht dominieren konnte, zählten bislang nicht zu ihren Erfahrungen. Sie war leicht durchs Leben und ihre beiden Ehen gekommen. James Doubleday hatte ihr sein Geld vermacht.

Die Unannehmlichkeiten wegen seines Testaments waren erfolgreich überstanden. Sie hatte Jimmy Latter als seinen Nachfolger auserwählt und konnte mit Fug und Recht behaupten, eine gute Wahl getroffen zu haben. Man kann nicht alles haben, und das Testament war zu diesem Zeitpunkt noch umstritten gewesen. Antony war sehr charmant – wenn er wollte. Aber man nimmt nicht den armen Vetter, wenn man den reichen haben kann. Nicht mit fünfunddreißig, wenn man alt genug ist, um zu wissen, dass man beides zur gleichen Zeit bekommen kann, wenn man es nur geschickt genug anstellt.

Nicht dass Jimmy wirklich reich wäre – er besaß weitaus weniger Vermögen, als sie es sich ausgemalt hatte. Aber zum Glück hatten sich die Probleme mit James Doubledays Testament inzwischen gelöst. Und Latter End war wirklich der Ort ihrer Träume – klein und wunderschön, vom Krieg unversehrt. Nur ein bisschen Geld musste man hineinstecken – Geld, das sie jetzt endlich besaß.

Wenn es bloß Antonys Haus wäre ... Aber vielleicht würde es das noch werden ... Wie ein Atemhauch streifte sie dieser Gedanke. Antony – sie wollte sich mit ihm zum Mittagessen treffen, sobald dieser Firlefanz vorbei war. Ihr Lächeln war jetzt völlig aufrichtig.

Mit einem Mal wurde ihr bewusst, dass Memnon sie musterte. Jetzt, wo ihre Augen sich an die merkwürdigen Lichtverhältnisse gewöhnt hatten, konnte sie erkennen, dass seine Augen sehr tief lagen. Sie blickten aus runden knochigen Höhlen zu ihr herüber. Sie konnte die buschigen Brauen erkennen, die den Schwung seiner Gesichtsknochen teilweise verdeckten. Und dann sah sie nur noch seine Augen. Sie mussten dunkel sein. Mit tiefer, flüsternder Stimme begann er zu sprechen.

»Geben Sie mir Ihre Hand – beide Hände.«

Lois Latter zögerte. Die Stimme war ein flüsternder Bass, der einen merkwürdigen Widerhall im Zimmer erzeugte. Zwischen ihnen auf dem Tisch stand eine Kristallkugel. Von der Seite strahlte Licht durchs Fenster und ließ sie wie einen leuchtenden Halbmond erstrahlen. Lois senkte ihren Blick auf die Kugel.

»Schauen Sie denn nicht in die Kristallkugel? So hatte ich es mir vorgestellt. Deswegen bin ich hergekommen.«

Er streckte eine Hand aus und nahm die Kristallkugel vom Tisch. Lois konnte nicht erkennen, was mit ihr geschah. Der Halbmond erlosch. Als der Mann die Hand bewegte, hatte sie kurz den Eindruck, als würde der Stoff seines Umhangs sich ebenfalls bewegen. Die Kristallkugel jedenfalls war verschwunden. Im selben Flüsterton wie zuvor sagte der Mann: »Geben Sie mir Ihre Hände!«

Sie streckte beide Hände vor, als würde sie etwas von sich wegschieben. Er berührte sie mit seinen Händen, Handfläche gegen Handfläche und Finger gegen Finger, wie zum Beten. Zwei Paar betender Hände. Die Berührung rief ein Kribbeln hervor. Es lief ihre Arme hinauf und den ganzen Körper hinunter bis zu ihren Füßen. Ihr Atem wurde schneller. Sie wollte sprechen, sich zurückziehen. Aber dieses eine Mal in ihrem Leben tat sie nicht das, was sie tun wollte.

Sie hielt einfach still und ertrug die Berührung und das Kribbeln. Seine Augen fixierten die ihren. Auch dieser Blickkontakt fühlte sich an wie eine Berührung, schien sie auszuforschen und zu prüfen.

Dann war plötzlich alles vorbei. Er ließ die Lider sinken, zog die Hände weg, lehnte sich zurück und sagte: »Sie werden sehr vorsichtig sein müssen.«

Etwas ließ sie aufhorchen. Etwas an der Art, wie er es gesagt hatte. Seine tiefe Stimme war in ein kaum noch hörbares Flüstern verfallen. Sie nahm die Hände vom Tisch und faltete sie im Schoß. Dann fragte sie: »Weshalb werde ich vorsichtig sein müssen?«

»Gift.«

Das geflüsterte Wort hing in der Luft. Mrs. Latter spürte, wie es in einer Ecke ihres Verstandes nachschwang. Sie wartete, bis dieses Schwingen verebbte, ehe sie wieder das Wort ergriff.

»Wie meinen Sie das?«

»Sie müssen sich in Acht nehmen.«

»Vor Gift?«

»Ja.«

»Wollen Sie damit sagen, dass jemand versuchen wird, mich zu vergiften?«

Lauter als zuvor und mit nachdenklichem Unterton entgegnete er: »Es könnte sein ...«

In Wirklichkeit weiß er überhaupt nichts, dachte sie. »Er rät einfach drauflos. Es hat gar nichts zu bedeuten.«

Stattdessen aber fragte sie: »Ist das alles? Wozu soll es gut sein, dass Sie mir raten, vorsichtig zu sein, wenn Sie mir nicht ein bisschen mehr verraten?«

Er ließ sich viel Zeit, ehe er antwortete.

»Jeder von uns muss über sein Haus des Lebens wachen. Ich kann Ihnen nicht sagen, wie Sie Ihres bewachen sollen. Ich kann Ihnen nur mitteilen, dass es bedroht wird.«

»Durch Gift?«

»Ja.«

»Welche Art von Gift?«

»Das kann ich nicht sagen. Es gibt viele verschiedene Arten. Manche bedrohen den Verstand, manche den Körper. Sie müssen auf sich achten. Ich kann Sie nur warnen.«

Lois richtete sich auf. In ihrer Stimme lag Verachtung, aber darunter lauerte etwas anderes. Zwar bewahrte sie äußerlich die Ruhe, doch unter der kontrollierten Fassade machte sich Angst bemerkbar.

»Ich denke, Sie müssen mir schon etwas mehr verraten. Wer bedroht mich?«

»Jemand in Ihrer unmittelbaren Nähe.«

»Ein Mann oder eine Frau?«

»Mann ... Frau ... ich glaube ... Ich bin nicht sicher. Sie selbst könnten es sein. Es ist Ihnen sehr nah – Sie sind darin verwickelt.«

Lois lachte. Ihr Lachen war immer bewundert worden. Jetzt hing es gefällig im Raum. »Ich kann Ihnen versichern, dass ich nicht die Absicht habe, mich zu vergiften.«

So leise, dass sie die Worte gerade eben verstehen konnte, entgegnete er: »Es gibt verschiedene Arten von Gift.«

Kapitel 2

Antony Latter lehnte an einem Pfeiler und beobachtete Lois, die gerade durch die Pendeltür trat und sich ihren Weg durch den Vorraum in den Salon des Luxe bahnte. Er hatte es nicht eilig, auf sie zuzugehen und sie zu begrüßen. Es war jedes Mal ein Vergnügen, Lois in einen Raum kommen zu sehen – ihr Auftreten war perfekt und verlieh ihr eine Ausstrahlung, als hätte sie eben die ganze Welt gekauft. Die Welt und Jimmy Latter. Sein Mund zog sich unmerklich zusammen. Armer alter Jimmy. Wie mochte es sich anfühlen, als Goldesel zu dienen? Sicher nicht gut, aber Gott hilft denen, die sich selbst helfen. Wie auch immer, jetzt war Lois hier, frisch wie der junge Morgen. Sie trug ein eng geschnittenes schwarzes Kostüm, das ihre Figur ausgezeichnet zur Geltung brachte und ihrer Haut schmeichelte. Eine weiße Kamelienblüte, die aussah wie frisch gepflückt, zierte das Kleid nach der aktuellen, angesagtesten Mode. Ihre rotbraunen, leicht gewellten Haare waren mit raffinierten Accessoires geschmückt. Als er auf sie zuging, um sie zu begrüßen, wurde ihm bewusst, dass er niemals eine ihrer Frisuren in Unordnung gesehen hatte. Andere Frauen wirkten gelegentlich erhitzt und durcheinander, ihre Haare gerieten aus der Form und ihre Nasen glänzten, aber Lois – niemals. Ben Jonsons Verse blitzten in seinen Gedanken auf:

»Immer elegant, immer adrett,Immer geschmückt wie fürs Parkett.Immer gepudert und parfümiert ...«

Als er ihre Hand schüttelte, fragte er sich für einen Moment, ob er es wagen würde, die Zeilen vor Lois zu rezitieren. Und wenn er es täte, ob sie dann wüsste, wie sie zu Ende gingen:

»All dies, Madame, zum Verdacht uns verführt ...Von Schönheit nichts ans Tageslicht dringt.«

Tatsache war, Ben liebte unordentliche Frauen.

Antony lächelte und entschloss sich zu Diskretion. Lois und er hatten sich damals den einen oder anderen heftigen Schlagabtausch geliefert, aber das gehörte der Vergangenheit an, und ... sie war Jimmys Frau.

Auf dem Weg zum Speisesaal warf einer der großen Spiegel ihr Bild zurück, wie sie Seite an Seite gingen. Lois stellte fest, dass sie ein wunderbares Paar abgaben. Antony wirkte vornehm – seine hochgewachsene, schlanke Figur und die Art, wie er sich bewegte. Er sah jetzt besser aus als vor zwei Jahren. Er war neunundzwanzig – das beste Alter für einen Mann. Acht Jahre lagen zwischen ihnen, was allerdings niemand vermuten würde. Sie sah immer noch blendend aus. Niemand würde sie älter als siebenundzwanzig schätzen. Niemand würde auch nur im Traum darauf kommen, dass sie älter war als Antony.

Derart angenehme Gedanken beschäftigten sie, bis sie schließlich ihren Tisch erreichten und Platz nahmen. Sie setzten ihre leichte Konversation fort. War er wirklich wieder ganz gesund? Wie fühlte es sich an, nach fünf Jahren aus der Armee ausgeschieden zu sein? Würde er die Arbeit in einem Verlagshaus mögen?

»Du ... und Bücher? Irgendwie fürchterlich trocken!«

Ein strahlendes Lächeln sollte die Bemerkung in ein Kompliment verwandeln.

Kühl entgegnete Antony: »Ich mag Bücher nun mal ... ziemlich gern sogar.«

Ihm ging durch den Kopf, mit welchem Eifer er seine Pläne wohl zwei Jahre früher dargelegt hätte. Im Rückblick konnte er es kaum glauben.

Immer noch lächelnd erklärte sie: »Ich bin sicher, du wirst äußerst erfolgreich sein, Schätzchen.«

Die Anrede hinterließ einen schalen Beigeschmack. Auch wenn ihm klar war, dass es zu ihrem Standardrepertoire gehörte, klang es unpassend.

»Ganz zweifellos werde ich Bestseller entdecken, wo ich auch gehe oder stehe.«

Sie lachte. »Du hast dich kein bisschen verändert!«

»Wirklich nicht? Lass mich den Ball zurückspielen. Du siehst großartig aus, aber das hast du immer schon getan.«

»Danke, Schätzchen! Aber sei vorsichtig mit dem ›immer schon‹. Ich fürchte, es kann schnell seine Geltung verlieren.«

»Darüber brauchst du dir doch keine Gedanken zu machen.«

»Red keinen Unsinn«, sagte sie in ganz natürlichem Ton.

Das war das Schlimmste von allem. Es war so einfach, in Antonys Gegenwart natürlich zu sein. Immer schon war es so gewesen. Und so sehr sie sich auch dagegen wehrte, geriet sie immer in Versuchung, sich gehen zu lassen, sich zu entspannen, sich nicht mehr um das zu scheren, was die Leute von ihr hielten, und stattdessen einfach sie selbst zu sein – dieses Selbst, das sie niemanden sonst sehen ließ. Ein Selbst, für das Antony vermutlich keine Bewunderung empfinden würde.

Sie lachte ihr reizvolles Lachen.

»Mein Lieber, wenn ich überhaupt halbwegs anständig aussehe, dann ist es ein Wunder. Ich hatte gerade ein furchtbar erschütterndes Erlebnis.«

»Tatsächlich? Hör zu, ich habe ein Menü vorbestellt. Bist du bereit, es einfach auf dich zukommen zu lassen?«

»Ja, gern. Du solltest ja wissen, was ich gern esse ... Wenn du es nicht inzwischen vergessen hast. Scherz beiseite, Schätzchen, das mit dem erschütternden Erlebnis war mein voller Ernst. Ich war gerade bei Memnon.«

Er blickte sie gleichmütig an. »Memnon?«

Bevor sie antworten konnten, servierte der Kellner den Fisch. Für Lois war es ein merkwürdiges Gefühl, sich in diesem Augenblick eingestehen zu müssen, dass es völlig idiotisch gewesen war, Antony gehen zu lassen.

Als sich der Kellner entfernt hatte, beeilte sie sich, ihm von Memnon zu berichten. Denn um nichts in der Welt durfte eine dieser Schweigepausen entstehen. Etwas an seinem Aussehen, an seinem trockenen, unbeschwerten Tonfall hatte sie auf dem falschen Fuß erwischt und sie so gründlich durcheinandergebracht, wie es ihr seit Jahren nicht passiert war. Sie musste reden, eine gute Geschichte aus ihrem Besuch machen und die Situation wieder in den Griff bekommen.

Auf Antonys »So ein Scharlatan!« reagierte sie mit einem Lachen.

»Vielleicht. Aber, Schätzchen, was für eine aufregende Sache! Er war jeden einzelnen Penny wert, den ich ihm gezahlt habe.«

Antony zog die Augenbrauen hoch – merkwürdig schiefe Brauen, pechschwarz in einem dunklen sardonischen Gesicht. Die Augen wirkten ebenfalls schwarz, bis das Licht auf sie fiel und ihre graue Farbe offenbarte.

»Und was hast du ihm bezahlt?«

»Zehn Pfund. Bitte verrat es keinem. Wir sind schrecklich knapp bei Kasse und müssen am Haus noch so viel tun. Aber alle laufen zu ihm. Man ist praktisch tot oder aus der Welt, wenn man es nicht tut. Ehrlich gesagt glaube ich, man ist tatsächlich jahrelang tot gewesen, durch den Krieg und alles. Aber jetzt« – sie schaute ihm in die Augen – »werde ich langsam wieder lebendig.«

»Ein sehr interessantes Gefühl. Was hat der Magier dir gesagt?«

Sie zog sich zurück. Es war sinnlos, ihn zu bedrängen, das hatte er immer schon gehasst. Besser, sie setzte ihren Bericht über Memnon fort. Mit stockender Stimme setzte sie erneut an: »Er war ... ziemlich gruselig.«

»Das gehört zu seinem Geschäft.«

»Nein, er war wirklich gruselig. Er hat mich beinahe schockiert.«

Antony setzte eine höfliche, interessierte Miene auf. »Dann muss er ziemlich gut sein. Was hat er getan? Oder gesagt?«

Er betrachtete sie jetzt mit neuem Interesse. Die frische, lebendige Farbe war aus ihren Wangen gewichen. Jede andere Frau, die Zweifel an der Echtheit ihrer Gesichtsfarbe gehabt hätte, müsste in diesem Augenblick notgedrungen ihren Irrtum eingestehen.

Antony Latter nahm verwundert zur Kenntnis, dass der Scharlatan es tatsächlich geschafft hatte, Lois einen Schrecken einzujagen. Er hätte nicht gedacht, dass so etwas möglich wäre, und doch war es Memnon offensichtlich gelungen. In diesem Augenblick machte er sich keinerlei Gedanken darüber, ob ihre veränderte Gesichtsfarbe auch irgendetwas mit ihm selbst zu tun haben könnte.

Wieder erschien der Kellner. Lois wartete mit ihrer Schilderung, bis er sich zurückgezogen hatte.

»Es war wirklich entsetzlich.«

»Erzähl mir bloß nicht, dass er frech geworden ist! Ich bin hundertprozentig sicher, dass du mit einer solchen Situation fertig geworden wärest. Einen Magier abzufertigen ist doch sicher eine ganz neue Erfahrung – und für was sonst lebt man schließlich? Ich kann mir wirklich nicht vorstellen, dass du die Beherrschung verloren hast.«

»Es war nicht in dieser Richtung. Ich meine es ernst – es war schrecklich.«

Er zog die Augenbrauen hoch. »Vielleicht hat er die Geister all der Unglücklichen beschworen, die du mit einem scharfen Blick erstochen oder mit einem Stirnrunzeln zum Erfrieren gebracht hast!«

Sehr leise entgegnete sie: »Ich meine es ernst! Wie oft soll ich es dir sagen?«

»Was erwartest du? Dass ich dich ermutige? Dass ich Strohhalme in unsere Haare stecke – sie würden deine Locken durcheinander bringen –, mich auf den Boden setze und passend zum barbarischen Klang, den das Orchester gerade erzeugt, in Klagelieder ausbreche? Wir kommen überall in die Klatschspalten, wenn du das möchtest: ›Major Antony Latter, der gerade in das von seinem berühmten Großonkel Ezekiel gegründete Verlagshaus eingestiegen ist ...‹«

Sie unterbrach ihn mit leiser, verletzter Stimme: »Ich will es dir doch erzählen. Würdest du mir bitte zuhören?«

Sie war blass und dabei äußerst reizvoll. So hatte er sie nie zuvor gesehen. »Was um Himmels willen hat der Kerl dir gesagt?«

Sie senkte die Stimme, sodass er die Worte eben noch verstehen konnte: »Er hat gesagt ... ich soll mich in Acht nehmen ... vor Gift!«

Antony lehnte sich in seinem Stuhl zurück. »Was für eine ungewöhnliche Äußerung!«

»Das finde ich auch. Und nicht besonders nett.«

»Überhaupt nicht. Was hat ihn dazu veranlasst, so etwas zu sagen?«

Langsam stellte sich ihre normale Gesichtsfarbe wieder ein – die reine, kräftige Hautfarbe, die ihr größter Vorzug war. Und trotzdem hatte sie gerade eben deutlich jünger gewirkt. Das ist ungewöhnlich, dachte Antony.

Lois fühlte sich auf merkwürdige Weise befreit. Er schaute sie wirklich an, hörte ihr wirklich zu. Sie begann mehr Einzelheiten zu erzählen, als sie ihm – oder irgendjemandem – hatte mitteilen wollen.

»Er hat die merkwürdigsten Dinge gesagt. Er meinte, jemand wolle mich vergiften – das hat er wirklich behauptet.«

»So schlecht ist das Essen hier nun auch wieder nicht.«

»Mach keine Witze darüber! Es war schrecklich. Ich lasse mich nicht so leicht ins Bockshorn jagen, das weißt du doch. Aber er hat mich richtig aus der Fassung gebracht – fast jedenfalls.«

»Er hat es darauf angelegt, dir einen Schrecken einzujagen. Und offenbar ist es ihm gelungen.«

Sie schüttelte den Kopf.

»Nur ein bisschen. Aber besonders angenehm ist es tatsächlich nicht, wenn du hörst, dass irgendwer – eine nahestehende Person – dich vergiften will.«

»Das hat er gesagt?«

»Ja. Jemand in meiner unmittelbaren Nähe. Aber er wollte nicht sagen, ob es ein Mann oder eine Frau ist. Angeblich wusste er es nicht. Ha, er hat sogar gemeint, ich selber könnte es sein!« Ihr Lachen klang ein wenig unsicher. »Da habe ich geantwortet, dass ich sicher die Letzte wäre, die Gift nehmen würde. Ich liebe das Leben viel zu sehr, um es einfach wegzuwerfen.«

»Ja – das sehe ich auch so.«

Sie hatte eine Zigarette aus einem Etui genommen und lehnte sich zu ihm hinüber, um sich Feuer geben zu lassen. Als die Spitze rot glühte und eine kleine Rauchwolke zwischen ihnen hing, sagte sie in verwirrtem Ton: »Er hat etwas ganz Merkwürdiges gesagt. Dass es mehrere Arten von Gift gäbe.«

»Wie abgedroschen! Und wie wahr!«

»Es klang nicht abgedroschen. Nicht, als er es gesagt hat.«

Antony lachte. »Der Mann hat Ausstrahlung, sonst würden ihm die Frauen wohl kaum einen Zehner hinlegen.«

Sie zog ihre dünnen Augenbrauen widerwillig zusammen.

»Er war ziemlich alt. Solche Dinge haben keine Rolle gespielt. Lass uns von etwas anderem reden.«

Kapitel 3

Antony verließ das Luxe und bestieg einen Bus. Er hatte eine Luftveränderung jetzt dringend nötig. Und die würde er sich verschaffen.

Als er aus dem Bus stieg, ging er auf einen jener Häuserblocks zu, die unmittelbar vor dem Krieg gebaut worden waren, um Wohnraum für Büroangestellte zu schaffen. Dieser hier hatte den Sturm überstanden – abgesehen von den Fenstern und dem Anstrich stand er genau so da, wie ihn die Baufirma im Jahr 1938 hingestellt hatte. Das Gebäude verfügte über einen automatischen Lift, den Antony benutzte, um in den fünften Stock hinaufzufahren. Dort drückte er auf eine elektrische Klingel. Julia Vane öffnete ihm die Tür.

Julia und ihre Schwester Ellie Street waren die Töchter von Jimmy Latters Stiefmutter aus deren zweiter Ehe. Antony und Jimmy waren Vettern ersten Grades aus dem Latter-Zweig der Familie. Da die Mädchen auf Latter End aufgewachsen waren und Antony stets seine Ferien dort verbracht hatte, war ihr Umgang von jener Intimität, Zuneigung und familiärer Vertrautheit geprägt, die gleichermaßen zur Brutstätte von Liebe oder Hass werden können – ein breites Spektrum, das alle Möglichkeiten offenlässt.

Möglicherweise hatte Antony Julia im Sinn gehabt, als er Lois mit den weniger strahlenden Frauen verglichen hatte, die gelegentlich erhitzt und unordentlich wirkten. Als Julia ihm die Tür öffnete, war sie nämlich beides. Ihre dunklen Locken wirkten, als hätte sie sie gerade eben mit beiden Händen durchwühlt, und ihre Nase zierte ein Tintenfleck. Hätte Julia glatte Haare gehabt, wäre der Anblick sicher noch schlimmer gewesen. Julia war sich ihres augenblicklichen Zustands sehr wohl bewusst, was wiederum einen vernichtenden Einfluss auf ihre Laune hatte. Den Bäckerjungen zu erwarten und sich dann mit Tintenflecken im Gesicht Antony gegenüberzusehen, der zwei Jahre zuvor ihr Herz gebrochen hatte, war genug, um sanftmütigere Frauen als sie selbst in Rage zu versetzen. Vor allem, wenn Antony geradewegs von einem Mittagessen mit Lois zu ihr kam. Sie war über Antony hinweg – natürlich. Liebeskummer verfliegt, wenn man es nur genug will. Die ganze Sache war gestorben. Seit zwei Jahren hatte sie ihn nicht mehr gesehen. Und sie würde diesem toten und begrabenen Gefühl nicht raten, auch nur den kleinsten Mucks von sich zu geben.

Antony musterte sie, während sie ihn mit düsterem Blick aus dem Türrahmen anstarrte. Die zwei Jahre hatten sie nicht im Geringsten verändert. Offensichtlich hatte sie einen ihrer unaufgeräumteren Momente – aber ebenso offensichtlich war sie noch die alte Julia. Zu dichte Augenbrauen und ein zu großes Kinn, Augen mit schweren Lidern, die leidenschaftlich glücklich oder leidenschaftlich unglücklich wirken konnten. Julia kannte keine halben Sachen. Jetzt gerade verrieten ihre Augen leidenschaftlichen Ärger.

Lachend legte er ihr eine Hand auf die Schulter, drehte sie herum, trat mit ihr in die Wohnung und schloss die Tür.

Es gab keinen Flur und bloß einen einzigen Raum – einen großen Raum, der auf einer Seite mehrfach unterteilt war, sodass Bad, Ankleideecke und Kochnische entstanden. Es gab ein Sofa, das offensichtlich nachts als Bett genutzt wurde, und zwei wirklich gemütliche Sessel. Auf dem einfachen, stabilen Tisch lagen Manuskripte verstreut, aber davon abgesehen machte das Zimmer einen überraschend ordentlichen Eindruck. Auch die Farben stimmten – dunkel, satt und gemütlich. Zwei Perser-Läufer zierten den Fußboden. Julias Zimmer gefiel ihm. Er wollte ihr diesbezüglich ein Kompliment machen, überlegte es sich aber im letzten Moment anders.

»Du hast Tinte auf der Nase, meine Liebe.«

Sie brauste sofort auf. Ganz die alte Julia.

»Wenn du unbedingt kommen musst, während ich arbeite, musst du schon mit mir vorliebnehmen, wie ich bin! Es ist auch nicht das erste Mal, dass du mich mit Tinte auf der Nase siehst!«

»Sicher. Aber wie ich seit jeher betont habe, siehst du ohne Tinte besser aus.«

»Mir ist egal, wie ich aussehe!«

»Meine Liebe, das lässt sich leider nicht übersehen. Kämm dir die Haare und wasch dein Gesicht, und dann klär mich über die Familienangelegenheiten auf.«

»Ich hab keine Zeit«, sagte Julia. Aber ihr Zorn verflog. Plötzlich war es ihr sehnlichster Wunsch, Antonys spöttischem Blick zu entkommen.

Sie verschwand in einer der abgetrennten Ecken. Als sie zurückkam, war die Tinte verschwunden, und ihre Locken wirkten attraktiver.

»Ehrlich gesagt hab ich nicht so früh mit dir gerechnet. Ein Mittagessen mit Lois zieht sich normalerweise länger hin.«

»Woher weißt du, dass ich mit Lois gegessen habe?«

»Hast du es mir nicht erzählt? Nein, sie war es. Natürlich muss sie es mir erzählen.«

»Höre ich da etwa weibliche Boshaftigkeit heraus, meine Liebe?«

»Allerdings.«

Ein Lächeln erfüllte ihre Augen, erstarb aber schnell wieder. Welchen Sinn hatte es schon, mit Antony über Lois zu sprechen? Vor zwei Jahren war er verrückt nach ihr gewesen, und selbst wenn es jetzt nicht mehr so sein sollte, hing er wahrscheinlich sehnsüchtigen Erinnerungen nach. Männer sind sentimentaler als Frauen. Und nie, nie, nie konnten sie es ertragen, wenn eine Frau über eine andere lästerte.

Sie lachte, diesmal laut. Sie stellte sich gerade vor, wie wütend Antony wohl regieren würde, wenn man ihn sentimental nannte.

»Worüber lachst du?«

»Über uns«, entgegnete sie.

»Warum?«

»Du hättest genauso gut zwei Minuten weg gewesen sein können und nicht zwei Jahre.«

»Weil ich die Tinte erwähnt habe? Das war doch ein hübsches vertrautes Detail.«

Sie nickte. Wenn sie nicht wütend auf ihn war oder voller Liebeskummer, dann kommunizierten sie derart unmittelbar, dass sie zwar Worte benutzten, sie aber eigentlich nicht brauchten. Im Augenblick war sie nicht wütend, und auch ihr Herz hielt sich wacker. Sie fühlte sich jung und glücklich, nicht nur um zwei, sondern um zehn Jahre zurückversetzt. Es kam ihr vor, als sei Antony für die Ferien heimgekehrt und gerade zum Tee zu ihr heraufgekommen. Man wusch Gesicht und Hände, kämmte sich und legte, solange Miss Smithers dabei war, ein vorbildliches Benehmen an den Tag. Doch sobald die Teezeremonie hinter ihnen lag und sie in den Garten entkommen konnten ...

Seite an Seite saßen sie auf dem Sofa. Antony trug einen wunderschönen neuen Anzug, der ein Vermögen gekostet haben musste, und Julia, die kein kleines Mädchen mehr war, sondern eine um ihr Auskommen kämpfende Schriftstellerin, einen alten roten, mit Tintenflecken übersäten Kittel.

Antony sagte: »Also, wie stehen die Dinge? Und wie geht es allen?«

»Hast du Jimmy noch nicht gesehen?«

»Nein. Ich hab ihn angerufen. Morgen oder übermorgen fahre ich nach Latter End. Ich hatte mich schon gefragt, ob ich dich dort treffen würde.«

Sie zog die schwarzen Brauen zusammen. »Vielleicht muss ich hin. Lieber würde ich allerdings hierbleiben. Also, was hat Lois dir erzählt?«

Sie griff neben sich, suchte hinter einem Kissen und zog schließlich eine Schachtel Zigaretten hervor. »Hier, nimm eine!«

»Danke, ich rauche lieber meine eigenen.«

»Sind sie dir nicht gut genug?«

»Du nimmst mir die Worte aus dem Mund. Reg dich nicht auf, meine Liebe, und nimm eine von meinen.«

Sie hätte beinahe wütend reagiert, doch dieses Gefühl verflog. Stattdessen lachte sie. Schon früher hatte er regelmäßig versucht, sie zu provozieren. Aber im Moment wollte sie nicht anbeißen.

Er zündete ein Streichholz an und gab ihr Feuer. Ihre Lippen waren sich jetzt sehr nah. Plötzlich begann ihr Herz wild zu klopfen. Oh Gott, es wird alles von vorn anfangen! Wie grässlich ist es doch, eine Frau zu sein!

Sie lehnte sich zurück und setzte eine starre Miene auf. All ihre Gesichtsmuskeln waren jetzt angespannt, die Stirn gerunzelt und das Kinn vorgeschoben. Bevor er etwas sagen konnte, wiederholte sie ihre Frage: »Was hat Lois dir erzählt?«

Er zog an seiner Zigarette. »Aus ihren und auch aus Jimmys Worten hab ich den Eindruck gewonnen, dass mich auf Latter End ein richtiges Familientreffen erwartet. Ellie und Minnie sind auch dort, stimmt’s?«

»Oh, allerdings!«

»Was willst du damit andeuten? Und mit der Bemerkung, du müsstest hinfahren?«

Sie stieß eine kleine Rauchwolke aus.

»Hat Lois etwas darüber gesagt, wie sie das Haus jetzt führt?«

»Sie hat es so dargestellt wie den idealen kommunistischen Staat – einer für alle und alle für einen.«

»Und kannst du dir Lois in einer solchen Umgebung vorstellen?«

»Ehrlich gesagt, nein. Aber sie hat alles in den schönsten Farben ausgemalt.«

Julia betrachtete ihn mit finsterer Anspannung. »Hat sie gesagt, wer die ganze Arbeit erledigt?«

»Ich hab sie so verstanden, dass Mrs. Maniple immer noch in der Küche arbeitet, allerdings praktisch ohne Hilfe.«

»Aus dem Dorf kommt ein Mädchen, eine Tochter der Pells, ein ziemlich nettes Kind. Nicht einmal Lois konnte davon ausgehen, dass Manny all die Steinfußböden schrubbt.«

»Sie hat gesagt, dass Manny sich mit ihrer Arbeit schwertut.«

»Sie kocht wie ein Engel, aber Lois wird sie rauswerfen, sobald sie einen Ersatz findet. Manny hasst sie, und das weiß Lois. Natürlich ist Manny ziemlich alt. Sie kann sich noch an Jimmys Taufe erinnern.«

»Na ja, er ist ja auch gerade ... wie alt? Einundfünfzig?«

»Sie war damals Küchenhilfe. Also muss sie jetzt ungefähr siebzig sein. Im Moment setzt Jimmy sich noch für sie ein, aber das wird Lois nicht lange beeindrucken. Na ja, so viel zur Küche. Hat sie auch gesagt, wer die restliche Arbeit erledigt?«

»Sie hat angedeutet, dass der Kommunismus exakt an dieser Stelle beginnt.«

Julia beugte sich mit funkelnden Augen vor. »Mrs. Huggins kommt einmal in der Woche aus dem Dorf herauf, und der Gärtnerjunge füllt die Kohleneimer. Und jeder Handschlag, der darüber hinaus zu tun ist, bleibt an Minnie und Ellie hängen! Lois tut überhaupt nichts!«

»Einer für alle und alle für einen«, murmelte Antony.

»Einer und alle für Lois«, stellte Julia fest. »Du kommst ja gerade vom Mittagessen mit ihr. Sahen ihre Hände so aus, als würde sie irgendwelche Hausarbeit erledigen? Ellie hatte so hübsche Hände ...«

»Und? Warum machen sie mit? Warum gehen sie nicht fort und suchen sich anständige Jobs?«

Julia zog heftig an ihrer Zigarette.

»Was für einen Job könnte Minnie Mercer wohl bekommen? Sie ist fast fünfzig und hat nichts gelernt. Sie hat ihr ganzes Leben in Rayle gelebt und wohnt seit Dr. Mercers Tod in Latter End. Sie ist ein Schatz und ein Engel, aber lass uns nicht so tun, als besäße sie ein Rückgrat, denn das tut sie nicht. Sie spielt für jeden den Fußabtreter. Solange es um Jimmy und Mummie ging, war das in Ordnung, denn beide haben sie geliebt, und Minnie war völlig zufrieden mit ihrer Rolle als ihr Fußabtreter. Aber wenn es um Lois geht, hört das Vergnügen auf.«

Ihre Stimme war immer leiser geworden und schließlich ganz verstummt, doch ihre Augen sprachen weiter. Wütend schienen sie zu sagen: »Nun mach doch! Geh auf die Barrikaden und tritt für sie ein! Erzähl mir, wie wunderbar es wäre, für Lois den Fußabtreter zu spielen! Sag mir, wie sehr du selbst es vor zwei Jahren genossen hast!«

Antony sagte nichts. Er ließ ein leicht sarkastisches Lächeln um seine Mundwinkel spielen und wartete die Schweigepause ab, als wolle er Julia demonstrieren, dass sie sich lächerlich mache. Als eine verräterische Röte sich auf ihrem Gesicht ausbreitete, erklärte er schließlich: »Also gut, bei Minnie stimme ich dir zu – sie lässt sich nicht einfach verpflanzen. Aber Ellie könnte doch Arbeit finden, oder?«

»Könnte sie nicht – wegen Ronnie. Wahrscheinlich hätten sie ohne eigenes Geld überhaupt nicht heiraten sollen, aber sie waren schrecklich verliebt. Und da alle anderen es genauso gemacht haben, wollten sie sich nicht abhalten lassen. Er wurde zu der Zeit beim alten Colonel Fortesque als Gutsverwalter ausgebildet. Der Job war ihm mehr oder weniger versprochen, sobald Mr. Bunker in den Ruhestand treten würde. Na ja, jetzt, wo Ronnie das Bein verloren hat, ist die Sache nicht mehr so einfach. Colonel Fortesque war sehr anständig – er will ihm die Stelle offenhalten, solange es irgendwie geht. Ich glaube sogar, er macht die ganze Arbeit im Augenblick selbst, aber irgendwann wird es ihm zu viel. Der alte Bunker ist kurz vor der totalen Kapitulation gestorben, und leider ist Ronnie noch nicht so weit. Er hat immer noch heftige Schmerzen und kommt mit einem künstlichen Bein noch nicht zurecht. Er liegt im Krankenhaus von Crampton, und Ellie kann ihn zwei- oder dreimal pro Woche dort besuchen. Dadurch ist sie an Rayle gebunden. Aber die doppelte Hausarbeit und die langen Wege mit dem Fahrrad machen sie fertig. Sie ist nur noch ein Schatten ihrer selbst.«

Jeder Anflug von Feindseligkeit zwischen ihnen war verschwunden. Sie redete, und er hörte zu, so als gehörten sie beide noch zur selben Familie, zum selben Haushalt – als gäbe es keine Lois, die den Familienfrieden erschüttern oder langjährige Verbindungen zerreißen könnte.

Antony sagte: »Ich verstehe. Und Ellie ist nicht gerade ein Ellbogentyp – das war sie nie.«

»Wir können nicht alle unsere Ellbogen benutzen – außerdem dachte ich, Männer könnten es bei Frauen sowieso nicht ausstehen.«

»Tun sie auch nicht, es sei denn, die Ellbogen sind geschickt verborgen.«

Ihre Augen blitzten verächtlich auf. »Stimmt! Ich glaube, ich erinnere mich, dass du gesagt hast, ich würde nie einen Ehemann finden, wenn ich keine Samthandschuhe über meine eisernen Hände ziehe. Wie du siehst, hab ich bis jetzt keinen Ehemann.«

Antony schenkte ihr ein entwaffnendes Lächeln. »Du willst ja auch keinen. Siehst du, ich habe immer die passende Antwort. Du hasst, verabscheust und verachtest das ganze bedauernswerte männliche Geschlecht. Und nicht im Traum würdest du einen von uns heiraten. Aber, mein Kind, glaub mir, noch die wildeste, männerverachtendste Frau von allen würde die Gewissheit vorziehen, dass sie eine dieser verachtenswerten Kreaturen bekommen könnte, wenn sie es denn wollte. Es wäre doch, zum Beispiel, sehr tröstlich, wenn du dich in deinen alten Tagen daran erinnern könntest, wie viele von uns du abgewiesen hast. Ich vermute doch mal, du würdest uns abweisen?«

»Meinst du?«

»Na ja, ich bin nicht ganz sicher, würde es aber brennend gern wissen. Als eine Angelegenheit von rein akademischem Interesse natürlich. Nehmen wir mal an, ich würde sagen: ›Liebling, ich liebe dich leidenschaftlich!‹ Wie würdest du reagieren?«

Julia war von Natur aus ebenso ehrlich wie tapfer. Die Tapferkeit hielt diesem Test bravourös stand, doch ihre Ehrlichkeit musste diesmal zurückstecken. Gleichsam mit Befriedigung und Erstaunen hörte sie sich lachend sagen: »Wenn du mich wirklich leidenschaftlich liebst, wirst du es schon herausfinden.«

»Die Angelegenheit ist vertagt«, erklärte er mit eigenartiger Stimme. »Vielleicht sollten wir uns wieder Ellie zuwenden. Street müsste doch etwas Geld haben?«

Julia fühlte sich, als wäre sie schnell gelaufen. Sie atmete tief durch. »Sie besitzen zusammen etwa dreihundert Pfund, die sie um nichts in der Welt antasten würden, weil sie damit ihr Haus einrichten wollen, falls er den Job bei Colonel Fortesque bekommt. Dort hätten sie ein Haus, das allerdings völlig leer steht.«

»Wie lange wird Street denn voraussichtlich brauchen, bis er wieder gesund genug zum Arbeiten ist?«

»Sie wissen es nicht. Das ist auch der Grund, weswegen ich nach Latter End fahre. Hör zu, du sagst kein Wort, verstanden, aber Ellie glaubt, sie würden Ronnie aus dem Krankenhaus entlassen, sobald sie ihn irgendwo unterbringen könnte. Das hat die Oberschwester bei Ellies letztem Besuch jedenfalls gesagt. Verstehst du, sein Heilungsprozess kommt im Augenblick nicht voran. Sie glauben, es würde ihm einen positiven Schub geben, wenn er zu Hause bei ihr wäre. Die Frage ist, ob es sich irgendwie einrichten ließe.«

»Jimmy ...«

»Es geht nicht um Jimmy, das weißt du genau. Es geht um Lois. Jimmy würde ohne zu zögern Ja sagen. Aber wenn Lois Nein sagt, dann heißt es Nein. Du glaubst sicher, ich kann sie nicht fair betrachten, aber ich versuche, so fair zu sein, wie ich kann. Was Ellie und mich angeht, ist Jimmy unser Bruder, und Latter End war immer unser Zuhause. Für Jimmy sind wir Schwestern, er liebt uns, und Latter End ist noch immer unser Zuhause. Was Lois betrifft, zählen wir einfach nicht. Sie sieht uns nicht als Angehörige. Aus ihrer Sicht ist Jimmys Stiefmutter fortgegangen, um einen Mann namens Vane zu heiraten, der später bei einem Verkehrsunfall ums Leben kam. Daraufhin ist sie nach Latter End zurückgekehrt, hat Zwillinge zur Welt gebracht und Jimmys Gutmütigkeit ausgenutzt, indem sie einfach geblieben ist und uns Kinder dort aufgezogen hat. Lois glaubt, dass Jimmy sich in der ganzen Sache wie ein jämmerlicher Schwächling verhalten hat. Spätestens als Mummie gestorben ist, hätte er uns rauswerfen können, damit wir unseren Lebensunterhalt verdienen. Stattdessen hat er einfach so getan, als wären wir seine Schwestern und als würde es ihm gefallen, dass wir dort wären. Das ist Lois’ Sicht. Wie du siehst, bin ich so fair, wie es eben geht.«

Genüsslich stieß Antony einen Rauchkringel aus. »So fair, wie es eben geht.«

»Ich kann ihren Standpunkt sogar verstehen, weißt du? Sie hat Jimmy geheiratet, nicht die Zwillinge seiner Stiefmutter. Aber sie ist doppelzüngig, und das macht mich wütend. Jimmy gegenüber spielt sie den Engel, der Ellie gern im Haus hat – aber dann behandelt sie Ellie wie eine Magd, die sich ruhig zu Tode schuften kann. Weißt du ...« – Julias Stimme zitterte –, »wenn ich keinen starken Willen und ein paar andere Eigenschaften hätte, die Frauen deiner Meinung nach nicht haben sollten, dann würde ich jetzt selbst auf Latter End die Küchenmagd spielen.«

Antony stieß eine weitere Rauchwolke aus.

»Eine sehr hübsche und sehr weibliche Betätigung, meine Liebe.«

Sein Blick wanderte zu ihren Händen, die im Schoß ihres alten roten Kittels gefaltet lagen. Ein nicht ganz ausgewaschener Tintenfleck hatte einen blauen Schatten auf ihrem rechten Zeigefinger hinterlassen. Ihre wunderschön geformten Fingernägel wiesen keine Spuren von Nagellack auf. Keine Ringe an den Fingern. Ihre Hände waren so, wie die Natur sie geformt hatte. Und die Natur hatte gute Arbeit geleistet. Sie waren nicht klein und sie waren nicht weiß, aber sie waren ausgesprochen schön.

»Nein!«, sagte Antony plötzlich mit geradezu explosiver Heftigkeit.

»Nein was?«

»Ich hatte deine Hände vergessen. Sollen doch alle Frauen mit hässlichen roten Nägeln als Küchenmägde arbeiten – es würde ihnen guttun! Du hast die zweitschönsten – nein, die drittschönsten – Hände in ganz Europa. Die anderen gehören zu Statuen. Und wenn du nicht Acht auf sie gibst, wirst du in einer speziellen Hölle für Kunstschänder landen.«

Julia entfuhr eine Bemerkung, die sie niemals hatte aussprechen wollen.

»Wie schade, dass mein Gesicht da nicht mithalten kann.« Die Worte kamen einfach aus ihrem Mund, als hätte sie eine Tür geöffnet und etwas wäre heimlich hinausgeschlüpft.

Antony schüttelte den Kopf.

»Du würdest es ziemlich lästig finden, meine Liebe. Wahrscheinlich würden die Leute auf der Straße über dich herfallen. Überlass die klassische Perfektion den Museen. Auf einem kalten weißen Sockel würdest du dich nicht wohlfühlen. Aber zurück zur Sache. Was sagtest du, wann du nach Latter End fahren willst?«

»Ich hab nichts gesagt, weil ich mich noch nicht entschieden hab.«

»Was hältst du davon, wenn wir am Freitag zusammen fahren?«

Sie schwieg einen Augenblick. Die Asche ihrer Zigarette fiel zu Boden. Sie wischte sie mit einer ungeduldigen Bewegung weg und sagte: »Ich denke, das könnte klappen. Aber ich hab es Lois noch nicht beigebracht.«

»Ist es denn nötig, es ihr beizubringen?«

Sie nickte. »Ja, normalerweise übernachte ich nicht dort.« Sie sagte mehr, als sie eigentlich sagen wollte. »Genau genommen hab ich nicht mehr dort übernachtet, seit Jimmy sie geheiratet hat. Wir« – sie machte eine kurze Pause – »lieben uns nicht besonders.«

»Jetzt überraschst du mich.«

Er erntete einen glühenden Blick. Sie beugte sich vor und warf ihren Zigarettenstummel in den Kamin, wobei sie ihn wie einen Wurfpfeil hielt und eine ziemliche Energie in die Bewegung legte.

»Tatsächlich? Na gut, du kannst es auch im Klartext haben: Ich hasse sie wie die Pest.«

Kapitel 4

Ellie Street deckte den Tisch für das Abendessen. Weil Antony und Julia sich angesagt hatten, gab sie sich besonders viel Mühe. In der alten Glasschale sahen die Blumen reizend aus – viel schöner als in einer Silbervase. Ellie hatte alles poliert, bis es glänzte. Schade nur, dass sie sich selbst nicht polieren konnte. Der holländische Spiegel – flankiert von Jimmys Urgroßvater mit Halsbinde auf der einen Seite und seiner Urgroßmutter in einem blassgelben samtenen Empirekleid mit einem türkisfarbenen Haarband auf der anderen Seite – warf ein ziemlich schonungsloses Bild von Ellie Street zurück. Ein ausgewaschenes Baumwollkleid; ein ausgewaschenes, verhärmtes kleines Gesicht ohne jegliche Jugendlichkeit oder Farbe; blondes, inzwischen aber abgestumpftes und fast mausgraues Haar; kantige Schultern; ein Gang, den man nicht gerade als beschwingt bezeichnen konnte. Kein Wunder, dass Ronnie seiner hübschen Krankenschwester hinterherschaute.

Sie sollte sich eigentlich beeilen und hier fertig werden, sich schnell etwas Anständiges anziehen und vor Julias Ankunft noch etwas für ihr Aussehen tun. Leider war sie zu erschöpft, um viel Energie dafür aufzubringen. Die fünfzehn Kilometer nach Crampton und wieder zurück erschöpften sie jedes Mal, aber die Busanschlüsse passten nicht, und sie musste Ronnie einfach sehen. Immerhin, hier war sie jetzt fertig, und ihr blieben noch zwanzig Minuten, um sich hinzusetzen und auszuruhen, bevor sie sich umziehen musste. Sie trat einen Schritt zurück, um den Tisch ein letztes Mal zu begutachten.

Im Flur hörte sie Schritte. Dann trat Lois ein.

»Oh, du bist fertig? Ich hoffe, du hast das Silber poliert. Es ist in letzter Zeit etwas vernachlässigt worden.«

»Ja, ich hab es poliert«, erwiderte Ellie müde.

Vor zwei Jahren noch war sie eine hübsche zerbrechliche Schönheit gewesen, ein Mädchen, dessen Hautfarbe und Zerbrechlichkeit einer Meißner Porzellanfigur gleichkamen. Jedoch nicht unbedingt die Art von Schönheit, der dauernde Erschöpfung und Belastung nichts anhaben können. Der holländische Spiegel hatte ihr nicht geschmeichelt, aber auch nicht unrecht getan. Wie ein Geist der früheren Ellie Vane richtete sie ihre müden blauen Augen jetzt auf Lois: »Ja, ich hab es poliert.«

»Also, diese Löffel könnten noch etwas Polieren vertragen. Und ... oh, habe ich nicht gesagt, du solltest die große silberne Schale für die Blumen nehmen? Jimmy mag sie so gern.«

Ellie starrte sie bloß an. Schließlich raffte sie sich auf und sagte: »Lois, ist die Schale dir sehr wichtig? Ich glaube nicht, dass ich Zeit genug habe, die Blumen noch einmal zu arrangieren.«

Lois zog die schmalen Augenbrauen hoch. »Ich hätte gedacht, du wärest froh, Jimmy einen Gefallen zu tun. Schließlich« – ihr hübsches gefälliges Lachen erklang – »hat er eine Menge für dich und Julia getan. Wenn es dir natürlich zu viel Mühe macht ...«

Sie ging zum Tisch hinüber, zupfte an Ellies Blumen herum, brachte sie durcheinander und spritzte Wassertropfen auf den blanken Tisch.

Julia hätte den Kampf aufgenommen. Ellie sah nur zu und sagte mit beinahe unhörbarer Stimme: »Ich werde sie umdekorieren. Bitte, Lois – du machst den ganzen Tisch nass.«

Auf dem Weg zur Speisekammer, wo sie die silberne Schale holen wollte, begegnete sie Mrs. Maniple.

»Was ist los, Kleines? Sind Sie noch nicht fertig? Was Sie brauchen, ist ein Nickerchen, bevor alle kommen. Sie haben gerade noch genug Zeit.«

Die gute alte Manny. Ellie lächelte sie dankbar an. Sie musste ziemlich alt sein, weil sie sich noch an Jimmys Geburt erinnern konnte, aber sie schien sich nie zu verändern und nicht älter auszusehen als damals, als Ellie und Julia sich auf der Suche nach Rosinen und frischer, warmer Marmelade, nach kleinen Korinthen und grünen oder rosafarbenen Zuckermäusen mit Schokoladenaugen in die Küche geschlichen hatten. Im Alter von fünf Jahren bedeutet eine Zuckermaus das Paradies auf Erden.

Mrs. Maniple legte einen ihrer dicken Arme um Ellies Schultern. »Nun laufen Sie schon hoch, Kleines, und ruhen sich einen Moment aus.«

»Das kann ich nicht, Manny. Mrs. Latter will die Blumen in der silbernen Schale haben, und die muss ich vorher noch sauber machen. Sie ist seit Monaten nicht benutzt worden.«

Der Griff um ihre Schulter wurde fester, und Ellie machte unwillkürlich einen Schritt zur Seite.

»Es hat keinen Sinn, Manny.«

Mrs. Maniple hielt ihre Zunge im Zaum. Wenn sie sonst nichts für Miss Ellie tun konnte, dann wenigstens das. Die apfelrote Färbung ihrer großen, festen Wangen verwandelte sich in einen Pflaumenton. Sie wandte den Kopf über ihre mächtige Schulter und rief laut: »Polly! Komm her!«

Dann nahm sie die Schüssel aus Ellies Händen.

»Los, rauf mit Ihnen, meine Liebe. Polly wird sich drum kümmern, und ich passe auf, dass sie es ordentlich macht. Die Blumen werd ich selber dekorieren, und wenn sie nicht schön aussehen, müssen Sie ihnen eben gut zureden, wenn Sie runterkommen. Und sehen Sie zu, dass Sie etwas Farbe ins Gesicht kriegen, sonst geht Miss Julia mir an den Kragen.« Ihr fröhliches Lachen begleitete Ellie noch im Flur.

Sie nahm die Hintertreppe nach oben, weil es auf diesem Weg schneller ging. Manny war ein Engel. Kurz verspürte sie den Drang zu lachen. Denn dasselbe hatte sie einmal zu Antony gesagt, der daraufhin eine freche Zeichnung von Manny in einem Buntglasfenster angefertigt hatte, mit einem voluminösen Nachthemd bekleidet, das ihre Kurven prall ausfüllten. Dazu riesige kräftige Flügel, die sie aller Anstrengung zum Trotz nicht in der Luft halten konnten.

Als Ellie gerade ihr Zimmer betreten wollte, rief Minnie nach ihr. Minnie bewohnte das Zimmer, das früher Mrs. Smithers gehört hatte, und Ellie denselben Raum, den sie sich mit Julia geteilt hatte, solange sie zurückdenken konnte.

Sie öffnete die Tür und trat ein. Minnie Mercer stand vor der Frisierkommode und steckte sich die Brosche an, die sie zum einundzwanzigsten Geburtstag von ihren Eltern bekommen hatte, vor beinahe dreißig Jahren. Ein verschlungenes Monogramm aus zwei Ms war zwischen Staubperlen eingearbeitet, die nicht mehr ganz so weiß waren wie früher. Es war ihre beste Brosche, und zu Ehren von Antony und Julia trug sie auch ihr bestes Kleid. Es war nicht ganz so alt wie die Brosche und sorgfältig gepflegt worden, trotzdem hatte es den Krieg von Anfang bis Ende miterlebt. Wahrscheinlich war es zu keiner Zeit das gewesen, was Minnie selbst »elegant« nannte. Sein reichlich helles Blau schmeichelte ihrem kleinen schmalen Gesicht so wenig wie der knappe Schnitt ihrem kleinen schmalen Körper. Und doch war es ihr bestes Kleid, und sie war stolz darauf.

Während Minnie sich um die eigene Achse drehte, fuhr Ellie ein Gedanke durch den Kopf, der schmerzte wie eine lange spitze Nadel: »So werde ich auch aussehen. Ich fange schon an, so auszusehen. Oh, Ronnie!« Vor dreißig Jahren nämlich hatte man Minnie die »hübsche Minnie Mercer« genannt, die »hübsche Tochter von Dr. Mercer«. Ihre Gesichtszüge ließen noch etwas davon erahnen, trotz der Falten und obwohl sie verhärmt aussah. Das blonde, kräftige Haar hingegen hatte sich kaum verändert. Mit etwas Pflege und einer ordentlichen Frisur wäre es immer noch schön gewesen. Grau war es bis heute nicht, nur matt und farblos. Und was weder die Jahre noch irgendwelche Umstände hatten verändern können, war Minnies bezauberndes Lächeln und die Freundlichkeit in ihren Augen. Ihre frühere vergissmeinnichtblaue Farbe war verblasst, aber die Wärme würde nie verblassen.

Doch wenn Minnie sprach, strahlte sie genau diese sanfte Freundlichkeit aus: »Ellie, mein Liebling, wie müde du aussiehst. Setz dich und erzähl mir von Ronnie. Wie ging es ihm heute?«

Ellie ließ sich in den Sessel sinken.

»Es geht ihm unverändert. Es wird ihm im Krankenhaus auch nicht besser gehen – das sagt die Oberschwester. Ich werde morgen mit Jimmy darüber reden.«

»Er ist so verständnisvoll«, sagte Minnie, schaute dabei aber zur Seite. »Ich frage mich gerade, ob ... Ich hoffe, es macht dir nichts aus, wenn ich das sage, mein Liebling ... Ich frage mich nur, ob du nicht besser zuerst mit Mrs. Latter sprechen würdest.«

Für Minnie Mercer war Lois »Mrs. Latter«, aber Lois nannte sie »Minnie« – ein bedeutsames Detail, das ihre Rollen als Jimmys Ehefrau und Jimmys bescheidenes Anhängsel unterstrich. Es war einer der Gründe, wegen derer Julia Lois hasste. Minnie wirkte, auf dem soliden Boden ihrer Bescheidenheit, von solchen Dingen unberührt.

Ellie runzelte die Stirn. Das tat sie in letzter Zeit häufiger. Obwohl sie erst vierundzwanzig war, zog sich eine schmale Furche durch ihre helle Haut. »Wozu sollte das gut sein?«, fragte sie.

»Es wäre vielleicht besser.«

Einen Moment lang herrschte Schweigen. Minnie wandte sich wieder der Frisierkommode zu und begann, ihre Utensilien zurechtzurücken – den Kamm, die Bürste, den Spiegel, alles Geschenke von Mrs. Vane.

Schließlich hob Ellie mit müder, schleppender Stimme an: »Sie würde sowieso Nein sagen. Aber wenn ich zuerst mit Jimmy spreche, könnte er ... könnte er ...«

Die Worte erstarben. Niemand, der Jimmy Latter kannte, konnte wirklich erwarten, dass er sich gegen Lois behauptete. Er würde Ja sagen und es auch so meinen – Ja sagen fiel Jimmy stets leichter als Nein sagen. Aber das galt für beide Seiten. Es wäre ihm geradezu unmöglich, Lois nicht zuzustimmen, wenn sie ihm ein Dutzend exzellente Gründe servierte, Ronnie Street nicht ins Haus aufzunehmen.