Lügenmeer - Susanne Kliem - ebook

Lügenmeer ebook

Susanne Kliem

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Opis

Eine traumatische Nacht. Trügerische Erinnerungen. Und eine verstörende Wahrheit …

Früher waren sie das Traumpaar der Jugend-Clique: der beliebte Magnus und die schillernd-faszinierende Milla. Und Svenja, die beste Freundin von beiden, als dritte im Bunde. Bis Milla bei einer nächtlichen Party im Freizeitbad auf mysteriöse Weise ums Leben kommt. Magnus gilt schnell als der Schuldige, wird ohne handfeste Beweise aus seiner norddeutschen Heimatstadt vertrieben. Neunzehn Jahre später kehrt er als erfolgreicher Anwalt zurück, um endlich die Wahrheit herauszufinden. Svenja fiebert dem Wiedersehen entgegen und hat gleichzeitig Angst: Was hat Magnus vor? Wird er die alten, kaum verheilten Wunden wieder aufreißen? Und wie soll sie ihm erklären, dass sein schlimmster Kontrahent von damals ihr Ehemann geworden ist? Schritt für Schritt entlarvt Magnus das Gespinst von Lügen, das über der Todesnacht liegt. Und löst damit, ohne es zu ahnen, eine neue Katastrophe aus ...

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MOBI

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Inhalt

Früher waren sie das Traumpaar der Jugend-Clique: der beliebte Magnus und die schillernd-faszinierende Milla. Und Svenja, die beste Freundin von beiden, als dritte im Bunde. Bis Milla bei einer nächtlichen Party im Freizeitbad auf mysteriöse Weise ums Leben kommt. Magnus gilt schnell als der Schuldige, wird ohne handfeste Beweise aus seiner norddeutschen Heimatstadt vertrieben. Neunzehn Jahre später kehrt er als erfolgreicher Anwalt zurück, um endlich die Wahrheit herauszufinden. Svenja fiebert dem Wiedersehen entgegen und hat gleichzeitig Angst: Was hat Magnus vor? Wird er die alten, kaum verheilten Wunden wieder aufreißen? Und wie soll sie ihm erklären, dass sein schlimmster Kontrahent von damals ihr Ehemann geworden ist? Schritt für Schritt entlarvt Magnus das Gespinst von Lügen, das über der Todesnacht liegt. Und löst damit, ohne es zu ahnen, eine neue Katastrophe aus …

Autorin

Susanne Kliem wurde am Niederrhein geboren und lebt heute mit ihrer Familie in Berlin. Sie ist gelernte Buchhändlerin und arbeitete u.a. als Pressereferentin beim Fernsehen sowie für das größte deutsche Theaterfestival »Theater der Welt«. Seit 2009 hat sie bereits zahlreiche hochgelobte Spannungsromane geschrieben. Zuletzt erschien von ihr »Das Scherbenhaus«.

SUSANNE KLIEM

LÜGENMEER

ROMAN

C. Bertelsmann

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1. AuflageCopyright © 2019 beim C. Bertelsmann Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Straße 28, 81735 München Umschlaggestaltung: www.buerosued.de, MünchenSatz: Uhl + Massopust, AalenISBN 978-3-641-22997-9V003www.cbertelsmann.de

Für meine Tante Christa

Wenn man einmal aufs Moos tritt,richtet es sich bei Regen wieder auf, beim zweiten Mal bleibt es liegen. Beim dritten Mal ist das Moos tot.

Tove Jansson, Das Sommerbuch

26. FEBRUAR 2018

Magnus

Magnus fuhr schneller als erlaubt, er konnte es kaum erwarten anzukommen. Aus den Autoboxen schallten Guns N’Roses. Er drehte die Lautstärke hoch und sang mit: »So never mind the darkness. We still can find a way.«

Die Allee nach Rodersdorf glänzte nass vom letzten Schauer, doch der Wind vertrieb die Wolken nach Osten, und der Himmel wölbte sich in blassem Blau. Kraniche formierten sich zu einer Pfeilspitze, majestätisch zogen sie davon.

Auf dem Beifahrersitz lag die Zeitungsannonce, die er heute Morgen aus den Kieler Nachrichten herausgerissen hatte. Klassischer 30 qmSchärenkreuzer, Rumpf massiv Mahagoni, Teakholzdeck … Er wusste bereits jetzt, dass er das Segelboot kaufen wollte. Es gab keinen schöneren Bootstyp auf dieser Welt und keinen, den er so genau kannte. Der Kaufpreis war lächerlich gering, das Schiff musste in einem üblen Zustand sein, aber das schreckte ihn nicht ab. Im Gegenteil. Es wäre eine Aufgabe, die ihn reizen würde. Endlich wieder mit seinen Händen arbeiten. Etwas herrichten und heil machen. Edles Mahagoniholz, in mindestens sieben Arbeitsgängen abwechselnd anschleifen und lackieren. Bis es so glatt und glänzend war, dass Licht und Wasser sich darin spiegelten.

Hinter einer Reihe windgebeugter Kopfweiden tauchte eine Wellblechhalle auf. Er ging vom Gas. War er hier richtig? Von Schwanbek nach Rodersdorf, dann in Richtung Weckendorf … irgendwo zwischen den beiden Ortschaften sollte die Adresse liegen, die ihm der Mann am Telefon genannt hatte. Mit einer merkwürdigen Stimme, krächzend und unfreundlich. Magnus hatte ein unangenehmes Gefühl gehabt, aber es gleich beiseitegedrängt. Ein Segelboot dieser Klasse wurde nicht alle Tage angeboten.

Er kannte jeden Busch in der Gegend, zumindest war er in diesem Glauben losgefahren. Jetzt musste er sich eingestehen, dass er nicht genau wusste, wo er sich gerade befand. Früher hatte es diese ganzen Kreisverkehre nicht gegeben. Vielleicht war er vorhin falsch abgebogen?

Es war alles zu lange her … Plötzlich kam er sich fremd und verloren vor.

Er drehte die Musik lauter und schaltete nun doch das Navi ein. Es zeigte an, dass er auf dem richtigen Weg war. Er nahm das als gutes Omen. Noch etwa drei Kilometer, zwei Minuten, dann war er am Ziel.

Ein weiteres einsam gelegenes Gehöft mit Wellblechhallen. Von der Landstraße bog ein holpriger Feldweg ab zu einer offenen Toreinfahrt. Magnus parkte den Wagen davor, stieg aus und betrat den Hof. Eine Scheune und ein Wirtschaftsgebäude lagen still da. Tiere schien es hier nicht zu geben. Er schritt auf das Wohnhaus zu, ein zweigeschossiges, graues Gebäude. Eine Fensterscheibe im ersten Stock war gesprungen, der Riss mit Klebeband abgedichtet worden. Durch Wasserschäden und abbröckelnden Putz wirkte die Fassade ärmlich. Auch die Haustür hatte schon bessere Zeiten gesehen, sie hing schief in den Angeln, stand einen Spalt offen. Magnus trat näher. Es gab weder Namensschild noch Klingel.

»Hallo?«, rief er. Nichts. Er versuchte es lauter: »Ist jemand zu Hause?« Keine Antwort. Er blickte hoch zu den Fenstern. »Hallo? Ich komme wegen der Annonce!«

Er lauschte, wartete. Aber das Haus wirkte so trostlos und verlassen auf ihn, die gesamte Umgebung war alles andere als vertrauenerweckend. Er hatte von Anfang an ein ungutes Gefühl gehabt.

Er drückte die Wahlwiederholung auf seinem Handy. Nach wenigen Sekunden hörte er es im Haus leise und anhaltend klingeln. Die Adresse stimmte, aber hier war niemand. Dabei hatte dieser Typ ihm versichert, die nächsten Stunden zu Hause zu sein.

Er trat den Rückweg an und blieb unschlüssig neben seinem Wagen stehen. Auf keinen Fall würde er wieder wegfahren, ohne das Boot gesehen zu haben. Er würde einfach warten. Er hatte ja Zeit.

Er beobachtete den spärlich fließenden Verkehr auf der Landstraße. Nicht ein einziges Auto bog in den Feldweg ein. Er sah auf die Uhr, eine weitere Viertelstunde war vergangen. Die Besichtigung war geplatzt, so sehr er sich auch gegen diesen Gedanken wehrte.

Wo war das Boot wohl gelagert? Wenn es in einer Halle stand, hatte er keine Chance, einen Blick darauf zu werfen. Aber vielleicht hatte er Glück … Er lief außen an der Wellblechhalle entlang auf die Rückseite des Gehöftes. Hier gab es zwei weitere Scheunen, die durch eine betonierte Fläche verbunden waren. Und dort fand er es. Unter freiem Himmel auf einem Trailer, mit einer dreckigen und zerrissenen Plastikplane notdürftig abgedeckt. Er trat näher heran. Die Lackierung des Mahagonirumpfes war so verwittert, dass das dunkle Holz fast nicht mehr erkennbar war. Wie konnte man ein so wertvolles Boot derart verkommen lassen? Er betrachtete das Unterwasserschiff genauer. Zwischen Kiel und Rumpf hatte sich ein Spalt gebildet.

»Was machen Sie da?«

Magnus fuhr herum. Ein älterer Mann war wie aus dem Nichts aufgetaucht, er stand etwa zehn Meter entfernt und starrte ihn mit zusammengekniffenen Augen an. Er sah mager aus, sein Hals ragte aus dem speckigen Kragen einer Barbourjacke hervor wie ein knotiges Stück Holz.

Magnus machte einige Schritte auf ihn zu. »Moin. Ich hatte vorhin angerufen. Wegen des Bootes.«

Der Mann verharrte unbeweglich.

»Haben Sie es inseriert?«, hakte Magnus nach.

»Hab ich. Wollen Sie es?«

Magnus lächelte. »Na ja … Nicht so schnell. Ehrlich gesagt hatte ich mir den Zustand nicht so schlimm vorgestellt. Wie viele Jahre liegt das Schiff schon hier? Und was ist mit der Kielaufhängung? Ist die noch zu retten?«

Der Mann machte eine abwehrende Handbewegung. »Alles halb so wild.«

Magnus nahm nun eine Alkoholfahne und einen muffigen Geruch wahr. Er betrachtete die verschlissene Cordhose des Mannes.

»Haben Sie das Boot selbst gesegelt?«, fragte er, so freundlich er konnte.

Für einen Moment entspannten sich die Gesichtszüge des Alten. Eine schöne Erinnerung? Doch das Leuchten in seinen Augen verschwand sofort wieder. Er verzog den Mund zu einem angestrengten Lächeln, Magnus sah die bräunlichen Verfärbungen seiner Zähne. »Es segelt perfekt. Schnell, wendig, aber auch sehr stabil. Durch den Langkiel.« Er atmete schwer, als wäre er gerannt. Das Verkaufsgespräch strengte ihn offensichtlich an. Vielleicht war er es nicht mehr gewohnt, sich zu unterhalten?

»Ich kenne den Bootstyp gut.« Magnus blickte sich um und entdeckte eine hölzerne Leiter, die in der Nähe an einer Scheunenwand lehnte. Es waren zwar Sprossen herausgebrochen, aber das würde schon gehen. »Darf ich mir mal alles genauer ansehen?«

Der Mann verschränkte die Arme. »Muss das sein?«

Was dachte sich der Alte? Dass Magnus ein Boot kaufte, von dessen Gesamtzustand er sich kein detailliertes Bild machen durfte? Wenn es im Inneren des Schiffes so roch wie …

»Als meine Frau noch lebte, bin ich viel damit unterwegs gewesen.« Der Alte trat zu dem Rumpf und brach ein paar vertrocknete Seepocken ab.

»Das ist schön, dass Sie dieses wunderbare Hobby teilen konnten.«

Der Mann zog die Augenbrauen zusammen. »Teilen? Nein. Sie ist nicht mitgekommen. Sie hatte Angst.« Er räusperte sich und spuckte aus. »Aber ist schon komisch …«

Er steckte die Hände in die Jackentaschen und starrte auf einen Punkt in der Ferne. Magnus wurde langsam ungeduldig, doch dann sprach der Mann weiter. »Seit sie tot ist, habe ich keinen Spaß mehr dran.«

Dieses Segelboot und der Trailer waren ewig nicht bewegt worden. Der Tod seiner Frau musste lange zurückliegen.

Magnus war unschlüssig. Die ganze Situation gefiel ihm nicht. Der marode Hof. Dieser verwahrloste Mann. Und das Boot selbst. Er wusste nicht mal, ob es zu retten war. Und falls ja, würde da verdammt viel Arbeit drinstecken. Weitaus mehr, als er erwartet hatte. Konnte er das überhaupt schaffen, neben der Kanzlei, die er erst mal zum Laufen bringen musste?

Er holte sich die Leiter, ignorierte das finstere Gesicht des Alten. Als er nach oben stieg, hoffte er, dass die verrotteten Sprossen ihn tragen würden.

Der Alte beobachtete ihn. Ab und zu spuckte er zur Seite aus.

Magnus hob die Plane an, blickte in die Plicht. Die Sitzbänke waren aus Teakholz. Dreckstarrende Taue und Schoten lagen in einem wilden Durcheinander auf dem Boden. Die Ruderpinne war aus Mahagonisperrholz gebaut. Sie war länger als gewöhnlich bei diesem Bootstyp und in einem wunderschön gebogenen Schwung gefertigt. Magnus’ Atem stockte. Er tauchte mit dem ganzen Oberkörper unter die Plane, damit der Alte nicht sah, wie ihn die Entdeckung aufwühlte.

Diese Ruderpinne war ein Meisterstück. Er konnte das beurteilen. Weil er sie selbst geschaffen hatte.

Das hier war der Schärenkreuzer, an dem er vor neunzehn Jahren als Lehrling mitgebaut hatte.

Was hätte er damals dafür getan, das Boot zu besitzen! Er war im zweiten Lehrjahr gewesen, mit einem bescheidenen Lohn. Wie sehr hatte er den Kunden beneidet, der es in Auftrag gegeben hatte, obwohl er ihn nicht leiden konnte: Berthold Lütjes, der Bademeister des Schwanbeker Hallenbades, der durch eine Erbschaft zu Geld gekommen war.

Magnus schob die Plane weg, drehte sich um und sah den Mann plötzlich mit neuen Augen. Es war kaum möglich … oder doch? Lütjes durfte nicht viel älter als Mitte sechzig sein. Dieses dürre Männchen hingegen wirkte greisenhaft. Auch die krächzende Stimme war ihm vollkommen fremd vorgekommen. Und hätte der Alte ihn nicht erkennen müssen? Als Jugendlicher war Magnus fast täglich im Bad gewesen. Lütjes hatte ihre ganze Clique gehasst. Sie hatten ihm das Leben auch weiß Gott schwer gemacht, seine Regeln ignoriert, waren immer zu laut gewesen, unerlaubt vom Beckenrand gesprungen, heimlich auf den Sprungturm geklettert, den Lütjes mit einem rot-weißen Band abgesperrt hatte.

Magnus war nun sicher: Vor ihm stand Lütjes. Die Verwahrlosung und die Sauferei mussten ihm so stark zugesetzt haben, und vermutlich war er nicht mehr ganz klar im Kopf.

»Was ist jetzt? Wollen Sie das Boot oder nicht?«

Magnus stieg die Leiter herunter. Ruhig weiteratmen, keine Gefühle zeigen. Das war sein Boot. Sein Jugendtraum stand vor ihm, zum Greifen nah!

»Ich nehme es«, sagte er. »Mit dem Trailer. Der Preis ist okay.«

Bei dem Zustand des Schiffes hätte er verhandeln können, sogar müssen. Aber er wollte jedes Risiko vermeiden. Der Deal musste einfach klappen. Es lag ja genug Geld auf seinem Konto.

Lütjes’ Augen wurden schmal, sein Blick misstrauisch. »Ich will keinen Ärger, verstehen Sie, deshalb sag ich’s lieber, wie es ist. Der Trailer kommt nicht mehr durch den TÜV.«

Dumm gelaufen, der Alte hatte erwartet, dass er handeln würde. »TÜV brauche ich nicht, ich will ihn nur als Hafentrailer benutzen.« Magnus bemühte sich weiter um einen lockeren Tonfall. »Das Teakdeck ist noch überraschend gut in Schuss«, schob er nach, »und diese Pinne ist wirklich was Besonderes.«

Lütjes trat einen Schritt zurück, starrte ihm ins Gesicht, und sein Mund öffnete sich im Erstaunen. Magnus wusste sofort, dass er sich verraten hatte.

Der Alte kniff die Augen zusammen. »Sieh mal an. Du bist Magnus Berg.«

»Ich habe an diesem Boot mitgebaut, in der Prieser Werft«, entgegnete Magnus so ruhig er konnte und hielt dem Blick aus den hellgrauen Augen stand.

»Verschwinde«, sagte Lütjes.

Eine kalte Böe wehte über den Hof, zerrte an der Plane, ihre Fetzen schlugen gegen das Schiff.

»Ich verkaufe mein Boot nicht an einen Mörder.«

Svenja

Meer und Himmel wetteiferten um das trostloseste Grau. Der Wind trieb die Wellen weit auf den Strand, und die Gischt flog über den Sand bis auf die Strandpromenade. Svenja betrachtete die Gewalt der Natur durch die gläserne Front des Hallenbades und wunderte sich wieder einmal, wie still es im Innern war.

Nein, nicht vollkommen still.

Ein unregelmäßiges, hartes Pochen erklang hinter ihr in der Halle. Wassertropfen trafen in Plastikeimer, die sie aufgestellt hatte. Das Dach war an einigen Stellen undicht, und das Regenwasser sammelte sich irgendwo in den kaputten Lüftungsrohren. An den modrigen Geruch war sie gewöhnt, er verflog auch im Hochsommer nicht mehr. Nicht mal, wenn es wochenlang trocken blieb.

Vor vier Jahren war das Wasser im Schwimmerbecken endgültig abgelassen worden. Es hatte nicht lange gedauert, bis sich Risse in den Kacheln gebildet und die Wände eine grüne, schmierige Patina bekommen hatten. Der Boden des Beckens, bewachsen von Moos und Flechten, war übersät mit Scherben. Die Hallenwände und sogar die Stützpfeiler waren mit Graffiti beschmiert. Ein neues leuchtete Svenja in hässlichem Gelb entgegen, geheimnisvolle Zeichen oder Chiffren, die keinen Sinn für sie ergaben, ihr aber bewiesen, dass in den letzten Nächten erneut Jugendliche eingedrungen sein mussten. Sie entweihten diesen Ort, zerschlugen Flaschen, setzten ihre Marken mit der Sprühflasche, wie Hunde, die an Laternen pinkelten. Den Kampf gegen die Farbschmierereien hatte Svenja längst verloren.

Leider war es ein Kinderspiel, in das Bad einzudringen. Die Jugendlichen kletterten vom Strand aus über den Holzzaun in den Saunagarten. Dort hatte jemand das Schloss an der Tür zum Ruheraum aufgebrochen. Sie musste das dringend reparieren lassen. Aber hier fielen ständig Reparaturen an, sie konnte doch nicht alles von ihrem Geld bezahlen.

Sie lief am Rand des Beckens entlang, sammelte zwei leere Pizzakartons ein und rückte einen Eimer in eine bessere Position. Hart knallten die Tropfen auf das Plastik.

Als sie selbst jung war, hatte sie auch nachts mit ihrer Clique hier gefeiert. Nur ließ sich das, was sie angerichtet hatten, nicht wegräumen wie ein paar Pappkartons oder zerschlagene Flaschen. Die Scherben von damals hatten Wunden gerissen, die nicht zuheilen wollten.

Ein schwaches, fast tonloses Pfeifen erklang über ihr, der Wind blies durch eines der Löcher in der Decke. Vielleicht war es besser, wenn das alles verschwand. Das Bad war nicht mehr zu retten, und sobald die Gemeinde es finanzieren konnte, würde der Abriss beginnen. Es hieß, dass an dieser Stelle eine Hotelanlage mit Wellnessbereich gebaut werden sollte. Ein Investor saß angeblich schon in den Startlöchern.

Niemandem würde die marode Schwimmhalle fehlen.

Niemandem außer ihr.

Vor ihr ragte der Sprungturm auf, mit rot-weißem Flatterband abgesperrt. Bedrohliches Mahnmal, das an die Nacht erinnerte, an die sie nie mehr denken wollte. Die Party zu ihrem achtzehnten Geburtstag. Die Nacht, in der ihre Freundin Milla gestorben war. Obwohl sie sich dagegen sträubte, wurde Svenjas Blick von der Stelle angezogen, an der Milla gelegen hatte, mit seltsam verrenkten Gliedern. Neunzehn Jahre war das her, ein halbes Leben. Ihr halbes Leben ohne Milla. Ein Stück Fuge zwischen den hellgrauen Bodenplatten war seitdem dunkel verfärbt, nicht mal eine Spezialreinigung hatte geholfen. Auf diesem Fleck war Millas Kopf aufgeprallt und das Blut in den Mörtel eingesickert.

Svenja wandte sich ab. Es wurde Zeit. Sie musste ihren Kontrollgang durch das Gebäude noch schaffen. Der Generalschlüssel klimperte im Takt ihrer Schritte am Schlüsselbund, während sie an den Duschen vorbeilief, in denen die Armaturen rosteten und der Schimmel schwärzliche Blumen auf die Wände malte. Sie durchquerte die Damenumkleidekabinen, sie kannte die Wege im Schlaf. Schon als Kind war sie hier entlanggelaufen, neben ihrem Vater, der damals als Kurdirektor über das Bad herrschte und dem niemand widersprechen durfte. Vor einer Lüftungsklappe blieb sie stehen, nahm die schmutzig weiße Plastikverkleidung ab und griff hinein. Sie berührte den kleinen kühlen Gegenstand mit den Fingerspitzen. Sie musste ihn nicht herausholen. Sie wollte nur sicher sein, dass er dort war. Dass er ihr allein gehörte.

Sorgsam verschloss sie das Versteck, zog dann ihr Handy aus der Hosentasche und erschrak. Buchstaben auf dem Display leuchteten ihr in kaltem Blau entgegen. Sie rief ihre Mailbox an.

* * *

Wenige Minuten später radelte Svenja atemlos bergan, stoppte vor ihrem Elternhaus, lehnte das Fahrrad an die Hauswand, holte gleichzeitig schon den Schlüssel hervor und schloss die Tür auf. »Papa?«, rief sie laut ins Innere.

Stille im Haus. Sie trat in den Flur, streifte die Stiefel von den Füßen. Von ihren Sockeln an der Wand blickten die präparierten Singvögel ihres Vaters mit starren Glasaugen auf sie herab.

Sie rannte die Treppe rauf, stieß die Schlafzimmertür auf. Er lag im Bett, die Lider geschlossen, die Haut wächsern und blass.

»Papa!«

Sie griff nach seiner Hand. Er öffnete die Augen, sah sie erstaunt und verschlafen an. »Warum schreist du so?«

»Du hast mich angerufen und keine Nachricht hinterlassen. Ich hab dich nur stöhnen gehört. Ich dachte …«

»Ich habe nicht angerufen.«

»Wo ist dein Handy?«

Sein Blick huschte zum Nachttisch. »Weiß nicht.«

Dort stand das Tablett mit seinem Frühstück. Ein Teller mit zwei Toastscheiben, die jetzt vor sich hin trockneten. Die Scheibe Gouda begann, sich zu wellen. Die Tasse Tee war noch voll. Er hatte nichts angerührt. Aber die Tablettenschälchen waren leer.

Sie seufzte, holte ihr eigenes Handy heraus, wählte seine Nummer. Der Klingelton klang gedämpft irgendwo aus dem Bett. Sie beugte sich über ihn, wollte unter die Decke fassen.

»Lass das.« Er tastete selbst herum, zog das Gerät hervor, blickte kurz auf das Display.

»Siehst du«, sagte sie. »Du musst darauf gelegen haben und irgendwie auf die Wähltaste gekommen sein.«

»So ein Quatsch. Kommst hier hereingestürmt, als wenn …« Er schüttelte den Kopf.

Als wenn? Als wenn etwas Schlimmes passiert wäre!

Konnte er nicht einfach sagen, dass es ihm leidtat? Verzeih, dass ich dich erschreckt habe. Danke, dass du so schnell gekommen bist.

»Macht ja nichts«, sagte sie, als hätte er diese Worte tatsächlich ausgesprochen. »Jetzt bin ich ja da. Möchtest du was essen? Soll ich dir ein Rührei machen?«

Er reagierte nicht.

»Ich kann dir auch einen Teller Gulasch von zu Hause holen.«

Er schüttelte den Kopf. »Nein. Lieb von dir, aber ich habe keinen Appetit.«

Sie verzichtete auf einen Überzeugungsversuch, trug das Frühstückstablett in die Küche, warf den Toast in den Mülleimer, goss den Tee aus, räumte Teller und Tasse in die Spülmaschine. Sie kehrte zurück zu ihm, platzierte seine Abendtabletten auf dem Nachttisch, neben einem Glas Wasser, sodass er bequem an alles herankam. »Nimm sie doch jetzt schon, dann vergisst du es nicht.«

»Von den Pillen wird es nur schlimmer.«

Manchmal war sie mit ihrer Geduld am Ende. »Du willst doch keinen Schlaganfall haben, oder?«

»Warum eigentlich nicht.« Er verzog das Gesicht. »Mein ganzer Kopf juckt wie die Hölle.«

Sie nickte. Ihm seine Körperhygiene zu ermöglichen, war nicht so einfach. Mit einer Wasserschüssel und einem Frotteehandschuh kam er ganz gut zurecht. Aber die Haare hatte sie ihm mit Trockenshampoo waschen müssen. Er war nun mal gestürzt und musste jetzt liegen, es ging ja nicht anders.

Er kratzte sich am Kopf, ein schabendes Geräusch, als würde jemand mit langen Nägeln über Pappe kratzen.

Sie öffnete ihre Tasche und holte das aufblasbare Haarwaschbecken heraus, es war noch eingeschweißt in einer durchsichtigen Tüte. Sie pustete es auf und zeigte es ihm. »Das hab ich bestellt, vielleicht kann das unser Problem lösen.«

Er brummte etwas, das sie als Zustimmung interpretierte.

Sie bereitete alles vor, holte einen Eimer mit warmem Wasser, eine Schüssel, einen Becher zum Schöpfen, Handtücher, ein Gummituch, um die Matratze vor Feuchtigkeit zu schützen.

»Kannst du dich kurz aufsetzen?«

Er versuchte, in die Sitzhaltung zu kommen. Svenja unterdrückte den Impuls, unter seine Arme zu greifen. Er wollte nicht, dass sie ihn anfasste. Das war schon immer so gewesen. Als Kind hatte sie seine Beine umklammert, sich an ihn geschmiegt, wenn er von der Arbeit nach Hause gekommen war, doch er hatte sie nicht ein einziges Mal hochgehoben, sie geküsst, mit ihr geschmust. Sie konnte sich zumindest nicht daran erinnern.

Zum Glück schaffte er es allein in eine aufrechte Stellung. Schnell breitete sie das Gummituch aus.

»Jetzt lehn dich zurück.«

Sie rückte das Vinylbecken zurecht, brachte seinen Kopf in die richtige Position und stützte mit einem Kissen seinen Nacken ab. Reste des Trockenshampoos rieselten aus seinem Haar. Sie spülte es gründlich mit warmem Wasser ab. Und jetzt? Waschen ohne Anfassen ging nicht. Sie zögerte, wappnete sich gegen die Zurückweisung.

Von der Kommode an der Wand gegenüber starrte der schneeweiße Gerfalke sie an, das Meisterstück der Vogelsammlung.

Eine Rarität. Dafür blättert so mancher Scheich eine Million hin.

Kindheitserinnerungen. Ihre Ehrfurcht vor ihrem Vater, der etwas so Schönes und Majestätisches erschaffen konnte wie diesen Vogel … Die heimlichen Berührungen, wenn sie mit ihren Fingern ganz leicht über die weichen Federn strich … Ihre Angst, der tote Falke könnte sich plötzlich bewegen und nach ihr hacken.

Sie sah weg, gab eine Portion Shampoo in ihre Hand, verstrich sie langsam auf seinem Haar. Keine Reaktion, er lag still da. Sie begann, die Kopfhaut zu massieren. Jetzt kniff er fest die Augen zusammen, streckte die Arme, ballte beide Hände zur Faust. Er verkrampfte sich. Er litt. Sie brach die Massage ab, spülte den Schaum aus dem Haar. Er forderte das Handtuch, frottierte sich selbst. Seine wütenden Blicke ignorierend, schüttelte sie die Bettdecke auf. Darunter lagen mehrere blutige Papiertaschentücher.

»Hast du wieder Nasenbluten gehabt?«

»Das siehst du doch.«

Stumm sammelte sie die Tücher ein und warf sie in den Mülleimer im Bad.

Es gab so vieles zu klären: Den nächsten Arzttermin hatte er erst in einer Woche. Wenn es so weiterging, mussten sie über die Anschaffung eines Krankenbettes mit einer Spezialmatratze nachdenken, sonst würde er sich wund liegen. Aber er war so stur. Sie konnte sich seine Antwort ausmalen: Ich habe nicht vor, nächste Woche noch bettlägerig zu sein.

Bestimmt fing er auch wieder davon an, dass er ins Wohnzimmer zum Fernsehen gehen wollte. Der Gedanke, dass er allein die Treppe benutzen könnte, machte Svenja Angst. Er litt oft unter Schwindelattacken. Was war, wenn er wieder stürzte? Und sie nicht in der Nähe war?

»Ich hole den Föhn, nicht dass du dich erkältest.« Sie floh ins Bad, stützte die Arme auf das Waschbecken und atmete durch. Dieser Druck auf ihrer Brust ließ niemals nach, die Sorge, die Verantwortung … Er hatte ja nur sie.

Die Medikamente … was für ein Kampf jedes Mal! Sie durfte ihm das nicht durchgehen lassen. Die Tabletten waren das Allerwichtigste.

Sie versorgte ihn, stand an jedem einzelnen Tag morgens und abends an seinem Bett, und er bemerkte gar nicht, wie sehr sie ihn liebte.

Doch, er ist ja dankbar, er kann es nur nicht zeigen.

Sie lächelte in ihr blasses Gesicht im Spiegel, betrachtete sich. Sie konnte selbst mal ein bisschen Pflege gebrauchen. Ihr Vater hatte als jüngerer Mann kräftige braune Locken gehabt, sie aber hatte die dünnen, schnurgeraden Haare ihrer Mutter geerbt. Unscheinbares Dunkelblond. Sie streifte ihr Zopfgummi ab und lockerte ihr Haar mit beiden Händen auf. Furchtbar. Ein Schnitt ohne jeden Pfiff.

Sie lief mit dem Föhn zurück ins Schlafzimmer, steckte ihn ein und trocknete das Haar ihres Vaters.

»Was macht mein Enkel?«, fragte er, als sie das Gerät ausstellte.

»Gestern Abend habe ich noch mit ihm geskypt«, sagte sie. »Es geht ihm gut, er hat sogar einen Job gefunden. Er trainiert eine Kinderbasketballmannschaft.«

Ihr Vater hob den Kopf. »Ich denke, er geht in den USA zur Schule? Und ihr bezahlt doch für den Aufenthalt in der Gastfamilie?«

Svenja lächelte. »Er macht das als Hobby. Er lernt die Sprache schneller, wenn er viel unter Leuten ist.«

Er verdrehte die Augen. »Na, ich hoffe nur, dass er den Unterricht nicht vernachlässigt.«

Aber sie wusste, dass er stolz auf Lovis war, der sich mit sechzehn allein in die Ferne traute. Es war das einzige Thema, bei dem ihr Vater manchmal von sich aus nach Neuigkeiten fragte. Und sie leichter atmen konnte.

»Ich soll dich lieb von ihm grüßen«, log sie und war sicher, dass er sie durchschaute.

»Danke, sag ihm, das freut mich.«

Der schmerzhafte Druck auf ihrem Magen nahm wieder zu. »Nimm jetzt bitte die Tabletten. Ich muss los, Enno wartet bestimmt schon.«

Sie sah zu, wie er sich aufrichtete, das Wasserglas zum Mund führte und eine kleine Pille nach der anderen hinunterschluckte.

* * *

Als Svenja die Haustür aufschloss, stieß sie fast mit ihrem Mann zusammen, der im Flur vor der Garderobe seine Winterstiefel anzog. Er sah erschöpft aus, hatte dunkle Schatten unter den Augen.

»Willst du schon wieder weg?«

»Versammlung von den Seenotrettern, hatte ich doch gesagt.« Er nahm sie kurz in den Arm und küsste sie auf die Wange.

»Stimmt, entschuldige. Ich habe meinem Vater die Haare gewaschen. Das hat leider ein bisschen gedauert.«

Enno kramte in der Schlüsselschublade im Sideboard. »Weißt du, wo mein Fahrradschlüssel ist?«

»Nein. Er muss da drin sein.« Svenja lehnte sich in den Türrahmen. »Heute hat Papa mich angerufen und dann keine Nachricht hinterlassen. Nur ein Atmen und Stöhnen auf der Mailbox. Ich habe einen Riesenschreck bekommen. Bin gleich hin, aber er …«

»Hier ist er nicht.« Enno schob die Schublade zu und ließ seinen Blick über die Mäntel und Jacken schweifen. Er fing an, die Innentaschen abzutasten.

»Manchmal kommt er mir vor wie ein Fremder. Ein Mensch, den ich kaum kenne.«

Vielleicht ging es ihrem Vater genauso? Der Gedanke, den sie so fürchtete, drängte sich schmerzhaft in ihr Bewusstsein. Hatte es eine Bedeutung für ihn, dass sie zu ihm kam, seine Tochter?

»Du musst dich langsam mal um eine Pflegerin für ihn kümmern.«

»Das würde er nicht wollen.« Sie fröstelte und verschränkte die Arme vor der Brust, die Haustür stand noch einen Spalt offen, und der kleine Vorraum füllte sich mit eisiger Luft.

Enno drehte sich zu ihr um, er grinste und hielt den Schlüssel hoch, den er aus einer seiner hundert Jacken gezogen hatte. Er steckte ihn in die Hosentasche, trat zu ihr und legte eine Hand auf ihre Schulter. »Du machst dir zu viel Gedanken um den alten Zausel, glaub mir. Der kommt schon klar, unterschätz ihn man nicht.«

Svenja lehnte sich an ihren Mann, und er nahm sie wieder in den Arm. Sie spürte die Wärme seines Körpers. Sie schwieg, um den Moment der Nähe nicht zu zerstören.

Er löste sich von ihr, zog eine Wollmütze über sein braunes Haar und griff nach einer Regenjacke.

»Übrigens, weißt du, was Malte Bruhns mir heute erzählt hat?«, fragte er. »Diese Neubauwohnungen am Fliederweg … Er ist doch jetzt bei der Maklerfirma, die die vertreibt. Du wirst nicht glauben, wer da eingezogen ist.«

Er wickelte sich seinen Schal um, bis nur noch Augen und Nasenspitze hervorlugten.

Sie hob die Schultern. »Wer?«

»Magnus Berg!«

Svenja starrte ihn nur an. Sag irgendwas! Du musst reagieren! »Das glaub ich nicht«, brachte sie heraus.

»Doch. Er hat da eine Wohnung gekauft, den Deal hat zwar ein Kollege von Malte abgewickelt, aber Malte hatte Magnus selbst einmal am Telefon. Magnus will eine Anwaltskanzlei in Schwanbek aufmachen.«

»Er ist Anwalt? Aber er …« In Svenjas Kopf überschlugen sich die Gedanken. Magnus hatte von ihrer ganzen Clique das beste Abitur gemacht, er hätte Medizin studieren können, entschied sich aber trotzdem nur für eine Lehre als Bootsbauer. Seine Eltern waren furchtbar wütend darüber gewesen und hatten ihm vorgeworfen, seine Talente zu verschleudern.

Nun hatte er also Jura studiert.

Enno machte die Haustür auf, drehte sich noch einmal um und sah ihr in die Augen. Er schob den Schal unter sein Kinn, seine Lippen öffneten sich, als wollte er etwas sagen, doch er schwieg.

»Was ist?«

»Ach nichts.« Er trat über die Schwelle und schloss sein Rad auf. Svenja wünschte sich, er würde bleiben. Gemeinsam mit ihr essen, darüber reden, wie sein Tag gewesen war, über ihre Probleme mit ihrem Vater. Wenn er ging, kamen die Fragen. Nein, nur eine einzige Frage …

Was wollte Magnus Berg in Schwanbek?

»Warten wir mal ab«, sagte Enno unvermittelt und in überraschend scharfem Ton. »Solange er uns in Ruhe lässt, ist ja alles in Ordnung.«

Svenja sah ihm nach, wie er sich aufs Rad schwang und vom Stichweg der Reihenhäuser in die Straße einbog. Er verschwand aus ihrem Sichtfeld.

Ihr Blick fiel auf das Namensschild an der Tür. Eine ovale Scheibe aus Ton. Lovis hatte sie vor langer Zeit in einem Kinderkurs getöpfert. Hier wohnen Svenja, Enno und Lovis Reimers. Um ihre Namen herum hatte er Blumen und eine Sonne eingeritzt und später bunt bemalt. Die Oberfläche sah verwittert aus.

Sie nahm das Schild ab, schloss die Tür, ging in die Küche. Hier, im hellen Licht, erkannte sie die Risse, die sich kreuz und quer durch den Ton zogen. Sie klappte den Mülleimer auf, hielt die Scheibe darüber. Sie bog sie, nur ganz leicht, und schon zerbrach sie unter ihren Händen.

Sie holte den Topf mit dem Gulasch aus dem Kühlschrank, stellte ihn auf den Herd, mit dem Schalter auf der höchsten Stufe. Der würzige Geruch der Soße nach Paprika, dunklem Bier und Zwiebeln stieg ihr in die Nase, und ihr Magen zog sich zusammen. Sie drehte das Kochfeld wieder aus, nahm sich einen Schluck Rotwein mit ins Wohnzimmer, setzte sich aufs Sofa und blickte durch die Fensterfront in den Garten. Enno hatte Solarleuchten am Weg entlang gesteckt. An diesen späten Wintertagen speicherten sie kaum Sonnenenergie, bildeten nur schwache Lichtkreise aus kaltem Weiß, von denen nicht einmal die handtuchschmale Rasenfläche erleuchtet wurde. Draußen bewegte sich kein Strauch. Sie dachte daran, wie es gestürmt hatte, als sie im Hallenbad gewesen war. Sie trank einen Schluck. War dies die Ruhe nach oder vor dem Sturm?

Sie sah Magnus als Neunzehnjährigen vor sich, wie er mit einer Segeljolle in Starkwind geraten war und sich nach Stunden erschöpft in den Hafen gerettet hatte. Svenja und Milla hatten beim Hafenmeister auf ihn gewartet. Sein bleiches Gesicht, in dem sich die Erschöpfung spiegelte. Seine Angst, es nicht zu schaffen. Bei ihrer letzten Begegnung hatte er ähnlich ausgesehen. Gequält, unter Schock, furchtbar allein.

Wie ging es ihm heute?

Andere Bilder kamen in ihr Bewusstsein. Magnus, der Schulsprecher. Er hatte jeden Lehrer eingewickelt mit seiner Klugheit, seinem Charme. Wie sehr hatte sie ihn bewundert. Ihn konnte scheinbar nichts aus der Ruhe bringen. Sein breites Lächeln, die Wärme und Zugewandtheit, die aus seinen Augen strahlte. Die Jungs nannten ihn Sonnyboy, um ihn zu ärgern. Weil sie eifersüchtig waren, dass die Mädchen für ihn schwärmten. Für Svenja war Magnus der Ruhepol in ihrer Clique gewesen, ihr engster Vertrauter.

Wie sah er heute wohl aus? War er verheiratet? Sie stellte sich die Neubauwohnungen am Fliederweg vor. Von außen sahen sie modern und schick aus. Sie hatte sich nie dafür interessiert, ob die Apartments für Familien geeignet waren.

Sie trank noch einen Schluck Wein. Es war nicht weit, mit dem Fahrrad kaum fünf Minuten …

Sie stand auf und legte die Hand auf den Heizkörper. War es kühler als sonst? Sie ging die Treppe hinauf ins Schlafzimmer und zog eine Strickjacke über.

Alles war wie immer. Nur sie selbst war unruhig. Sie konnte nicht länger herumsitzen. Sie warf einen Blick ins Arbeitszimmer, Ennos Computer war noch eingeschaltet. Sie sah auf die Uhr, rechnete sechs Stunden zurück. In Amerika war es zwei Uhr mittags. Lovis hatte schon Schulschluss. Aber sie hatte erst gestern mit ihm gesprochen. Er war ja nicht ein Jahr im Ausland, um ständig mit seiner Mutter zu skypen.

Sie nahm das Telefon vom Schreibtisch und wählte die Nummer von Annik. Nach dem dritten Klingeln war klar, dass ihre Freundin nicht zu Hause war. Trotzdem ließ sie es lange weiterläuten und stellte sich vor, wie der Klang die Stille in Anniks Wohnung zerriss. Wo konnte sie stecken? Sie war abends oft unterwegs, mit anderen Freundinnen in Kiel, beim Yoga, bei ihrer Tante Mechthild. Und Svenja wusste auch, dass Annik über ein Internetportal auf Partnersuche war. Hatte sie heute ein Date? Doch darüber erzählte Annik ihr nichts.

Sie blickte sich um. Es gab keine unerledigten Aufgaben, die Wäsche war fertig gefaltet, sie hatte sie sogar schon in die Schränke geräumt. Es dauerte noch mindestens eine Stunde, bis Enno zurückkam, eher zwei. Der offizielle Teil der Versammlung war sicherlich vorbei. Doch danach saßen sie noch in der Kneipe gemütlich zusammen. Sie mochte die Seenotretter nicht besonders, sie hatten ihre Männerthemen wie Boote, Fußball und Politik, sie lachten über derbe Witze. Trotzdem, sie könnte hinfahren. Sich auf ein Bier dazusetzen.

Sie zog ihre lindgrüne Regenjacke an und band sich die Schuhe zu. Nahm ihr Fahrrad, das wie immer unabgeschlossen vor der Tür stand, und fuhr los.

Als sie an der Promenade ankam, merkte sie, dass sie einen ganz anderen Weg eingeschlagen hatte als beabsichtigt. Sie war vollkommen in Gedanken gewesen. Zu ihrer Linken lag der leere Strand und dahinter schwarz und bewegungslos die Förde. Vor ihr ragte das Hallenbad auf, groß und dunkel auf seinen acht Betonpfeilern. Sie passierte den Parkplatz.

Jetzt war sie schon mal hier.

Sie bog nach rechts in den Fliederweg ein und trat bergauf fester in die Pedale. Wie oft war sie an Magnus’ Seite diesen Bürgersteig entlanggelaufen, als Teenager, auf dem Weg von der Schwimmhalle zu ihrem Lieblingsplatz im Park.

Die drei Neubauten erhoben sich nun vor ihr, einer direkt an der Straße, die beiden anderen versetzt im Hintergrund. Sie waren zweigeschossig mit ausgebauter Dachwohnung, die Fassaden aus graubraunem Klinker. Es gab keine Fenster, sondern pro Wohnung zwei Doppeltüren, die oben auf Balkone, unten in ein winziges Gärtchen führten. In einigen Zimmern brannte Licht. Svenja befand sich auf der gegenüberliegenden Seite der Straße. Sie hatte die Kapuze der Jacke über den Kopf gezogen und schob ihr Rad an den Häusern vorbei. Nichts. Sie sah niemanden in den erhellten Räumen. Langsam ging sie weiter, ihr Herz schlug so heftig, dass es fast wehtat.

Neunzehn Jahre. Ohne Kontakt. In den ersten Monaten hatte sie täglich darauf gewartet, dass er sich meldete, ihr ein Zeichen gab, wo er nun lebte, wie es ihm ging. Es kam nichts. Kein Anruf, kein Brief, keine Postkarte. Er hatte sich verkrochen, wie ein bei der Jagd verwundetes Tier irgendwo im Unterholz.

Er hätte gestorben sein können, ohne dass sie es mitbekam.

Nachgeforscht hatte sie nicht. Nicht seine Eltern gefragt. Die Erinnerungen soweit wie möglich von sich weggeschoben.

Die Ruhe nach dem Sturm.

Sie lehnte ihr Rad an eine Hecke und lief, die Kapuze zugebunden, sodass sie ihr Gesicht fast verbarg, den schmalen, gepflasterten Weg zwischen den drei Häusern entlang. Eine der Terrassentüren stand offen, jemand rückte draußen einen schweren Blumenkübel zur Seite. Ein Mann. Groß, sportlich, kurzes Haar. Er richtete sich auf, ging zurück in die Wohnung, schloss die Tür. Sie hatte ihn nur im Profil gesehen. War er das gewesen?

Weitergehen, ruhig atmen. Nichts war passiert!

Wenn es wirklich Magnus war, hatte er sie bestimmt nicht wahrgenommen. Und falls doch, dann nur als irgendeine Fremde in einer grünen Regenjacke, die zufällig vorbeilief.

* * *

Als die Haustür zufiel und Enno zurückkam, saß Svenja wieder im Wohnzimmer. Sie hatte reglos im Sessel verharrt und in die Dunkelheit gestarrt, ohne das Verstreichen der Zeit wahrzunehmen. Doch in ihrem Inneren tobte ein Gefühl, das sie ewig nicht mehr gespürt hatte, das sich in ihr ausbreitete, von Minute zu Minute stärker wurde: Aufregung, Adrenalin, eine Ungeduld, die sie schneller atmen ließ.

Sie hörte Ennos Schritte auf der Treppe, er vermutete sie schon im Bett. Kurz darauf stand er im Türrahmen, den Geruch nach Bier und Backfisch in den Kleidern.

»Svenja? Bist du hier?«, fragte er.

»Ja.«

»Warum hast du kein Licht an?« Er schaltete es ein.

»Ich … keine Ahnung, ich muss wohl eingenickt sein.«

Er blickte sie mit gerunzelter Stirn an. »Wohin ist unser Namensschild denn verschwunden?«

»Ich habe es vorhin abgenommen. Es war schon ganz kaputt, ich musste es wegwerfen.« Sie rieb sich die Augen, spielte die Verschlafene. »Wie spät ist es denn?«

»Kurz nach elf. Ich geh ins Bett.«

»Ich bin auch gleich da.«

Svenja hörte seine Schritte verklingen. Sie blickte sich im Zimmer um, die Energiesparbirne in der Lampe über dem Esstisch warf ein kühles Licht auf die Möbel, die Sitzgruppe, das Bücherregal, das Sideboard mit dem Fernseher.

Ihr Zuhause.

Sie stand auf, ihre Glieder schmerzten, so verkrampft hatte sie dagesessen.

Warum war Magnus zurückgekommen? Was geschah, wenn er erfuhr, wen sie geheiratet hatte? Für ihn konnte es nur eines bedeuten: dass sie ihn mit ihrer Hochzeit noch einmal verraten hatte.

27. FEBRUAR 2018

Magnus

Es war ein unfreundlicher grauer Morgen, und der Marktplatz lag vor ihm im Nieselregen. Magnus blickte zu beiden Seiten die kurze Fußgängerzone entlang. Er sah kaum Menschen auf der Straße, niemand, dessen Gesicht ihm vertraut erschien. Seine Besorgungen hatte er schnell erledigt, ein Brot vom Bäcker, Zahnpasta und Spülmittel aus dem Drogeriemarkt.

Alles sah genauso aus wie vor neunzehn Jahren, zwei Bäckereien, die Sparkasse, kleine Lädchen mit modischer oder wetterfester Kleidung, ein anderes mit Tee, Andenken und Postkarten, ein paar Restaurants. Und mitten drin die Buchhandlung. Ein Gefühl der Beklemmung erfasste ihn, als er schräg über den Platz einen Blick in die Schaufenster warf, auf das Firmenschild mit ihrem Namen.

Mechthild Wagemann.

Sie war immer noch da, hatte sich nicht vom Fleck bewegt in all den Jahren, hockte wie eine Spinne in ihrem Netz. Damit hatte sie ihn wie ein wehrloses Insekt eingefangen, unschädlich gemacht und dann zerstört. Damals hatte er reflexhaft reagiert, gestrampelt, gekämpft. Und war mit jeder Bewegung tiefer in ihre Fänge geraten. Eine so lange Zeit hatte er über das Geschehene gegrübelt. Aber er verstand noch immer nicht, was Mechthild Wagemann angetrieben hatte, ihm die Schuld an Millas Tod anzuhängen. Ihr Einfluss im Ort war groß, und daran hatte sich vermutlich nichts geändert. Sie saß im Gemeinderat, war die Vorsitzende des Heimatvereins und bei allen möglichen weiteren Vereinen Mitglied. Dank Mechthild Wagemann kannte jeder im Ort seinen Namen.

Er wandte sich ab und schlug den Weg zum Strand ein. Er brauchte jetzt den Blick auf die Förde, auf den Leuchtturm draußen.

Die Windstille war vorbei, eine Böe wehte ihm Regentropfen ins Gesicht. Seine Jacke war durchnässt, er besaß gar nicht mehr die passende Kleidung für das Leben an der See. Er blickte hinaus, weiße Schaumschlieren auf eisgrauen Wellen. Windstärke vier bis fünf, analysierte sein Seglerblick.

Der Winter würde nicht ewig dauern. Im Frühling weitete sich der Ort, die Förde öffnete sich zum Meer. Die dänischen Inseln lockten, im Nordosten Kopenhagen, dahinter Schweden und die Schären. Der Leuchtturm Kiel blinkte ihm entgegen. Dort begann die Freiheit.

Und er besaß kein Boot.

Sein Schärenkreuzer vergammelte nun weiter auf dem Hof von Berthold Lütjes. Dieser alte verbohrte Säufer. Es war seine erste Begegnung mit einem Bekannten von früher gewesen, und sie war gleich gründlich schiefgegangen. Magnus hatte mit Ablehnung und Misstrauen gerechnet, aber nicht damit, dass ihn jemand offen als Mörder bezeichnete. Er war verdammt noch mal freigesprochen worden. Jeder wusste das. Nur hatte das nicht jeder akzeptieren wollen.

Wie würden ihm die Kameraden bei der Feuerwehr und bei den Seenotrettern begegnen? Seine alten Freunde?

Svenja, Björn und Malte. Enno Reimers, der zu seinem Feind geworden war …

Er lief schneller, wollte vom Fleck kommen, um die Ängste zu vertreiben. Er bog in die Strandpromenade ein, ging weiter in Richtung des Hallenbades. Er vermied es, das marode Gebäude allzu genau anzusehen. Jeder Meter im Unterdorf war mit gefährlichen Erinnerungen gepflastert. Vor allem das Bad …

Er dachte an die letzten Jahre, an Hamburg. Das szenige Ottensen mit seinen hippen Bars, Restaurants, Boutiquen und stylischen Bioläden, in dem er zwölf Jahre gelebt hatte. Junge, wohlsituierte Familien, meist mit mehreren Kindern, hatten die alten Bewohner des Viertels nach und nach vertrieben und das Bild in den Straßen geprägt. Gepflegte, schlanke Mütter mit teuren Kinderwagen. Väter, die in Hoodies und Sneakers auf dem Fahrrad zur Arbeit fuhren. Er war wie sie, er gehörte dazu. Das hatte er sich zumindest lange Zeit eingeredet.

Auf einem Rockkonzert im Molotow hatten Johanna und er sich kennengelernt, beim Anstehen für ein Pausenbier, und zwei Jahre darauf ergatterten sie eine Wohnung in der begehrten Keplerstraße, nach einem weiteren Jahr kam Merle zur Welt. Er trug sie zur Elbe, eingewickelt in ein Baumwolltragetuch, an seine Brust geschmiegt. Dort spielte sie später im Sand. Sie liebte den Strand, die Containerschiffe, die Möwen.

All das hatte er verloren. Johanna und Merle. Seinen Job, seine Wohnung. Weil er nicht wusste, wer er war. Wo er hingehörte.

Als Kind hatte er sich im Haus seiner Eltern gefürchtet, wenn sie ihn allein ließen. Hatte sich unter der Bettdecke vor den bösen Geistern versteckt, aber die Angst ging nicht weg. Er kannte ja die Wahrheit, die Gespenster waren allwissend, konnten ihn überall finden. Dann gab es nur einen Weg, so furchteinflößend er auch war: Er durchsuchte jeden Winkel vom Keller bis zum Dachboden, schaute in die Schränke, hinter die Türen und Sofas, unter die Betten. Da war nichts! Das war der Beweis, dass sie nicht existierten, dass er sie sich nur einbildete. Auch wenn er seiner Suche nie ganz traute, konnte er besser einschlafen.

Und genau deshalb war er hier. Um sich den Geistern zu stellen, die ihm Angst machten. Um mit den Lügen aufzuräumen.

Er sah auf die Uhr, fünf nach zehn. Die Buchhandlung hatte geöffnet. Er würde Mechthild Wagemann sowieso begegnen. Wozu es hinauszögern?

Vielleicht hatte auch sie nachgedacht. Vielleicht tat es ihr leid, was sie ihm angetan hatte? Die Tür, hinter der sich die Antwort verbarg, lag nur noch ein paar Meter entfernt. Er schritt auf den Eingang zu.

Im Inneren sah es aus wie früher. Düster, mit den braunen Holzregalen bis unter die Decke, dem mit Plakaten zugehängten Fenster, das kaum Licht hereinließ. In der Luft flirrten Staubpartikel wie ein grauer Schleier, der den Farben der Buchcover auf den Tischen die Leuchtkraft nahm.

Mechthild Wagemann war nirgendwo zu sehen. Doch er entdeckte ein junges Mädchen mit blondem Zopf, das auf einer Leiter stand und die Bücher in den oberen Reihen abstaubte. Sie wandte ihm den Rücken zu. Sie war klein und zierlich, fast mager, trug Jeans und einen Wollpullover, der selbst gestrickt aussah. Eine Praktikantin?

Magnus ließ die Tür zufallen, die alte Türglocke schepperte. Das Mädchen drehte sich um, und Magnus erkannte überrascht, dass es sich um eine Frau Anfang dreißig handelte. Ihre Augen besaßen ein intensives Blau, die Haut war so blass, dass sie fast durchscheinend wirkte, und ihre Züge leicht asymmetrisch, der Kieferknochen auf der einen Seite hob sich etwas hervor. Er kannte dieses Gesicht sehr gut: Es war Annik.

Sie starrte ihn einen Moment lang an, dann lächelte sie.

»Magnus? Bist du das?«

Sie stieg die Leiter herab, lief um einen Büchertisch herum und umarmte ihn. Gleich darauf wich sie ein Stück zurück und betrachtete ihn. »Erst dachte ich, das kann er nicht sein! Wo kommst du denn auf einmal her?«

»Ich wohne wieder hier. Und du? Dich hätte ich auch nicht in Schwanbek vermutet. Du siehst toll aus.«

»Danke. Ich bin seit einem halben Jahr hier. Ich helfe meiner Tante mit dem Laden.«

»Dann ist es fast wie früher in den Schulferien?«

»Nicht ganz.« Ihr Strahlen verlor an Kraft. »Sie möchte, dass ich das Geschäft übernehme.«

»Ich dachte immer, sie wird hinter dieser Kasse stehen, bis sie tot umfällt.«

»Sag so was nicht.« Ihr Lächeln erlosch. »Sie hat Krebs. Die Prognose ist nicht gut.«

Magnus schluckte. »Das tut mir leid.«

Erstaunt bemerkte er, dass er sogar Mitleid für Mechthild Wagemann empfand, wie für jeden anderen Menschen, von dem er so furchtbare Neuigkeiten hörte.»Ist sie im Krankenhaus?«

»Nein. Im Moment nicht.« Sie legte ihre Hand auf seinen Arm. »Aber komm, du musst mir alles von dir erzählen. Willst du einen Kaffee?« Sie räumte einen Stapel Bücher von einem Stuhl. »Setz dich hierher. Es ist gerade etwas chaotisch, aber das wird sich bald ändern. Ich möchte die Buchhandlung renovieren und umbauen. Ein Teil soll zum Café werden. Hell und gemütlich.«

»Das klingt toll.« Magnus verbarg seine Skepsis. Aus dieser staubigen alten Höhle einen modernen Laden zu machen, erforderte einen riesigen Kraftakt.

Annik schien seinen ungläubigen Blick zu bemerken. »Na ja, sehr weit bin ich noch nicht gekommen, aber einen Kaffee kriege ich hin. Mit Milch?«

»Ja, gern.« Magnus sah ihr zu, wie sie in der kleinen Küche verschwand. Er hörte Geräusche, Wasser lief, ein Gerät röhrte, kurz darauf kam sie mit zwei Tassen zurück. Sie hockte sich auf die Kante des Kassentisches, es gab keine zweite Sitzgelegenheit.