Halbgötterdämmerung - Andreas Edelhoff - ebook

Halbgötterdämmerung ebook

Andreas Edelhoff

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Opis

Dr. Gregori Sacharanov ist tot. Alle Spuren deuten darauf hin, dass sich der junge Arzt das Leben genommen hat. Doch Kriminaloberkommissar Stefan Braun hat daran erhebliche Zweifel. Als innerhalb von 48 Stunden zwei weitere Ärzte im Zuständigkeitsbereich der Essener Kripo tot aufgefunden werden, scheinen sich diese zu bestätigen. Sind die Ärzte nur Opfer? Oder sind sie auch Täter, verwickelt in kriminelle Machenschaften am Patientenbett?

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Andreas Edelhoff

Halbgötterdämmerung

Kriminalroman

Zum Buch

Risiken und Nebenwirkungen In einer leer stehenden Essener Wohnung wird die Leiche des jungen Anästhesisten Dr. Gregori Sacharanov aufgefunden. Angeschlossen an Infusionen, deutet alles auf einen Selbstmord des Arztes hin. Aber was ist sein Motiv? Kriminaloberkommissar Stefan Braun spürt, dass etwas anderes dahintersteckt. Als innerhalb von 48 Stunden zwei weitere Ärzte im Zuständigkeitsbereich der Essener Kripo tot aufgefunden werden, scheinen sich seine Zweifel und sein Bauchgefühl zu bestätigen. Ihre Untersuchungen führen die Essener Ermittler auf die Spur eines undurchsichtigen Netzwerks russischer Ärzte, dessen Teilnehmer nach und nach unter fragwürdigen Umständen aus dem Leben scheiden. Sind die Ärzte nur Opfer? Oder sind sie auch Täter, verwickelt in kriminelle Machenschaften am Patientenbett?

Andreas Edelhoff, Jahrgang 1967, stammt – wie sein Kommissar – aus dem Herzen des Ruhrgebiets. Geboren und aufgewachsen im Schatten von Zechen, Kokereien und Petrochemie in Gelsenkirchen-Buer, lebt er heute in Bochum-Wattenscheid und arbeitet in Essen. Beruflich wollte er zunächst in die Fußstapfen seines Vaters treten und ebenfalls Polizeibeamter werden, entschied sich dann aber für eine medizinische Laufbahn. Nach einer Ausbildung in der Krankenpflege wechselte er in den Rettungsdienst. Heute arbeitet er in der Ausbildung von Medizinstudenten an der Universität Duisburg-Essen. Für den leidenschaftlichen Geschichtenerzähler war es nur ein kleiner Schritt zum Krimiautor, inspiriert von den Regionalkrimis seines literarischen Vorbilds und Lehrers Klaus-Peter Wolf.

Impressum

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

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Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch

Telefon 0 75 75 / 20 95 - 0

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Alle Rechte vorbehalten

2. Auflage 2019

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © Andreas Edelhoff

Verwendetes Symbol im Inhalt: © https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Schlaegel_und_Eisen_nach_DIN_21800.svg?uselang=de

Druck: CPI books GmbH, Leck

Printed in Germany

ISBN 978-3-8392-5910-8

Widmung

Für Klaus-Peter Wolf.

Weil es dieses Buch ohne Dich nicht geben würde.

#1  

Die Mixtur brachte ihm den Tod. Tropfen für Tropfen floss sie in Gregori Sacharanovs Venen. Sein Herz raste immer schneller, bis es völlig aus dem Rhythmus kam und schließlich stehen blieb.

Draußen spülte der Regen den Dreck von Essens Straßen in kleinen Bächen durch den Rinnstein.

#2 

»Mensch, Heering, können Sie das Scheißding nicht wenigstens beim Essen mal wegstecken?«

Eigentlich schien der Neue gar kein übler Kerl zu sein; vielleicht immer eine Spur overdressed, in seinem grauen Anzug; aber diese ständige Daddelei mit seinem iPhone ging Kriminaloberkommissar Stefan Braun gehörig auf die Nerven.

»Was Sie so Essen nennen …« Claas Heering stocherte lustlos in seinem Gartensalat.

Stefan Braun, der gerade genüsslich in seinen Burger biss, hatte darauf bestanden, dass sie ihre »Schutzmannsmahlzeit« bei McDonalds einnahmen und Claas Heering hatte sich dem murrend gefügt.

Sein Handy klingelte. Beim Versuch es mit der rechten Hand aus der Jackentasche zu fischen und gleichzeitig mit der linken den Big Mac unter Kontrolle zu halten, kam ein mit Burgersauce getränktes Salatblatt auf Stefans linkem Oberschenkel zu liegen. »Scheiße!«, fluchte er laut, bevor er das Gespräch annahm. »Braun! Aha! Ja! Äh, Moment. Schreiben Sie mal auf, Heering«, kommandierte er, »Klarastraße 71, erstes Obergeschoß, vermutlich Suizid. Haben Sie das, Heering?« Der Neue nickte und hielt seinem Kollegen eine Serviette hin. Genervt rieb Stefan über den Fettfleck auf seiner Jeans, der dadurch zu einer immer größer werdenden, dunklen Fläche anwuchs.

»Hätte eh längst in die Wäsche gemusst, die Buchse.«

Claas hielt sein iPhone, das bereits eine Route zu ihrem Einsatzort berechnet hatte, wie eine Trophäe in die Luft: »Das ist in Rüttenscheid. Nur gut fünf Minuten von hier entfernt.« Stefan Braun schüttelte den Kopf und schob sein Tablett in den dafür vorgesehenen Wagen.

»Dafür habe ich auch ne App«, sagte er im Hinausgehen. Er tippte sich mit dem Zeigefinger an die Stirn: »Nennt sich Ortskenntnis.«

#3  

Vor dem Haus in der Klarastraße fuhr der Notarztwagen gerade davon, als Stefan den blauen Opel Astra vor dem Beerdigungsinstitut Pax im Nebenhaus parkte.

»Welch vortrefflicher Ort für einen Selbstmord«, bemerkte Claas Heering, während sie, die Jacken zum Schutz gegen den prasselnden Regen über den Kopf gezogen, hinüber zur Haustür hasteten.

Im Hausflur roch es muffig. Muffig mit Zitronennote; so, wie es fast immer in diesen Vorkriegshäusern roch: nach Feuchtigkeit in den Wänden, die aus dem Keller emporstieg, gemischt mit dem Duft des Putzmittels, das die Hausfrauen zum Flurwischen benutzten.

Sie gingen die Treppe, deren ausgetretene Stufen unter jedem ihrer Schritte knarzten, hinauf in den ersten Stock; vorbei an einer kleinen Gruppe junger Menschen, die weinend auf dem Absatz saßen, während zwei Streifenpolizisten ihre Personalien aufnahmen. Eine junge Frau, die zusammengekauert vor der Tür saß, hinter der einst die Etagentoilette verborgen war, sah kurz auf, strich sich die langen, schwarzen Haare aus dem Gesicht und blickte die beiden Männer mit leeren Augen an; die Tränen hatten ihr Make-up verlaufen lassen, das nun ein fein verästeltes Muster auf ihre Wangen gezeichnet hatte. Sie erinnerte Stefan an den frühen Alice Cooper.

Die Wohnung war nahezu leer; an den Wänden fehlten die Tapeten, die Türblätter waren ausgehängt und in einer Ecke standen Farbeimer; hier wurde offensichtlich gerade renoviert.

In dem Zimmer, das vermutlich als Wohnzimmer vorgesehen war, lag ein Mann rücklings auf einer Isomatte. Er trug hellblaue OP-Kleidung aus dem Krankenhaus. Die Füße, die in weißen Tennissocken steckten, lagen über Kreuz. Seine Straßenkleidung hatte er ordentlich gefaltet auf der Fensterbank abgelegt. Daneben ein paar schwarze Budapester. In seinem linken Arm steckte eine Infusionsnadel, an die zwei Flaschen mit medizinischen Lösungen angeschlossen waren, die leer am oberen Ende einer Trittleiter hingen. Im Schein der nackten Glühbirne warfen sie ihren Schatten auf die unbehandelten Dielen des Fußbodens, auf dem Spritzen, Nadeln und geöffnete, leere Ampullen verstreut lagen. Nur die fahle Farbe seiner Gesichtshaut verriet den Beamten, dass er nicht nur schlief.

Der ältere der beiden Schupos betrat den Raum und streckte Stefan die Hand zur Begrüßung entgegen: »Tach, Derrick.«

Die meisten Kollegen waren untereinander per du; Stefan Braun duzte sich sogar mit dem Chef. Auch hatte fast jeder einen Spitznamen, während sie Claas Heering schlicht »den Neuen« nannten, was allemal besser war als »Fischkopp«, wie er in der Schule, in Anspielung auf seinen Nachnamen gerufen worden war; aber bislang konnte er sich keinen Reim darauf machen, wieso sein Vorgesetzter ausgerechnet den Namen eines Fernsehkommissars trug.

»Was hast du hier für uns, Capri?«

Capri reichte Stefan den roten Schein, die Todesfeststellung mit unklarer Todesursache: »Der Notarzt meint, das wäre ein klassischer Selbstmord für einen Arzt. Hat sich quasi selbst eingeschläfert. Das hier«, er hielt einen kleinen Notizzettel hoch, der in einer Klarsichttüte steckte, »ist wohl die Mischungsangabe für den Todescocktail.«

Stefan nahm den Zettel zur Hand und las laut vor: »Egal wer mich findet, 45 mg Dormicum, 500 mg Propofol, 100 ml KCl. Aha. Du sagst, er war Arzt?«

»Ja. Genau. Anästhesist im Krankenhaus.«

»Gibt’s sonst noch was? Einen Abschiedsbrief zum Beispiel?«

»Nö. Bloß seinen russischen Pass und das Foto dieser jungen Frau hier.« Capri hielt Stefan zwei weitere Klarsichtbeutel entgegen.

»Wer hat den Toten gefunden?«, brachte sich Claas Heering in das Gespräch ein.

»Seine Arbeitskollegen, die draußen auf der Treppe sitzen. Der Herr …«, Capri nahm sein Notizbuch zur Hand, »Sacharanov ist heute nicht zum Dienst erschienen, hat sich nicht abgemeldet und war auch über Handy nicht erreichbar. Seine Kollegen haben daraufhin beschlossen ihn nach Schichtende zu suchen und sind hier fündig geworden. Er renoviert gerade und wollte in zwei Wochen in diese Wohnung einziehen. Keiner hat eine Idee, warum er sich umgebracht haben könnte.«

Stefan notierte sich den Namen. »Wie heißt das Opfer mit Vornamen?« Wieder blickte Capri in sein Buch. »Gregori. Gregori Sacharanov heißt er.«

»Wie sieht es mit Angehörigen aus?«, wollte Stefan wissen.

»Laut seinen Kollegen Fehlanzeige; der Tote stammt aus Russland, aus einem kleinen Ort in der Nähe von St. Petersburg; ob er dort Angehörige hat, weiß keiner. Hier lebte er jedenfalls allein; keine Familie, keine Freundin.«

»Keine Freundin?«, wunderte sich Stefan Braun. »Und wer ist dann die Frau auf dem Bild?«

Claas zuckte kurz mit den Achseln und nahm die Klarsichttüte mit dem Foto an sich: »Na, dann gehen wir doch mal fragen.«

#4  

Er saß schon eine ganze Weile auf seinem Platz, am Fenster der Eule. Von dort konnte er die Szene auf der anderen Straßenseite gut beobachten.

Jetzt trugen sie den Zinksarg wieder aus dem Haus, verluden ihn in den Leichenwagen und fuhren zusammen mit dem Fahrzeug der Kripobeamten davon.

Er leerte seinen Wodka in einem Zug, zahlte und ging hinaus. Vor der Tür zündete er sich eine Lucky Strike an, sog den Rauch tief in seine Lunge ein, zog sich die Kapuze weit ins Gesicht und ging in den Regen.

#5

Gregori Sacharanov wohnte in einem Ein-Zimmer-Appartement im so genannten Philosophenviertel, einer besonders bei Menschen mit osteuropäischem Migrationshintergrund beliebten Wohngegend.

»Früher«, klärte Stefan seinen jungen Kollegen auf, »durfte man hier nicht langsam durchfahren, wenn man Alufelgen hatte. Die haben sie dir sonst vom fahrenden Auto geklaut.« Stefan schmunzelte beim Gedanken daran.

»So wie der da?« Claas deutete auf einen 3er BMW, der am Straßenrand auf Ziegelsteinen aufgebockt stand.

Beide lachten.

»Ja, so wie der da.«

Die Wohnung war ordentlich und sauber – zu ordentlich, wie Stefan Braun und Claas Heering fanden. Besonders merkwürdig wirkte der Umstand, dass es in der Wohnung keinen Computer gab und auch keine weiteren Bilder der, den Arbeitskollegen des Toten völlig unbekannten, jungen Frau auf dem Foto.

»Irgendetwas ist faul an der Sache, Meister Heering. Da bringt sich einer um, ohne erkennbaren Grund, hinterlässt statt eines Abschiedsbriefs so eine Art Beipackzettel und der ist nicht von Hand, sondern am Computer geschrieben, den es hier aber nicht gibt.«

»Vielleicht hat er einen Rechner der Klinik benutzt.«

»Genau darum werden sich die Kollegen vom Frühdienst mal zusammen mit den Spezialisten vom KK 25 kümmern müssen.«

Sie versiegelten die Wohnungstür und machten sich auf den Weg zu ihrer Dienststelle, wo sie der Papierkram erwartete.

#6  

Hansi Grabowski kramte ein blaues Einwegfeuerzeug aus seiner Arbeitshose hervor und zündete sich eine Selbstgedrehte an. Dann hielt er das Feuerzeug an den Kronkorken seiner Bierflasche und ließ diesen mit einem saftigen Ploppen quer durch seine Garage fliegen. Als er es sich auf seinem Höckerchen bequem gemacht hatte, konnte er das Unheil schon hören, das sich aus der Ferne näherte.

Er hatte seine Zigarette gerade ausgedrückt, als Stefan Braun mit seiner Maschine die Einfahrt zur Garage herauffuhr. Die BMW R 100 RS war schon deutlich über dreißig Jahre alt, aber in sehr gutem Zustand, was nicht zuletzt an Hansis begnadeter Schrauberarbeit lag. Die Abendsonne schimmerte sanft auf dem Metalliclack des Tanks, als sich die beiden Freunde zur Begrüßung umarmten.

»Super, dass du noch Zeit für mich hast, Hansi. Ich hab dir ja schon am Telefon gesagt, dass sie nicht rund läuft. Sie nimmt so komisch Gas an. Und das ausgerechnet jetzt, wo der Mondeo in der Werkstatt steht.«

»Kein Thema, mein Lieber. Dass die Gute nicht richtig läuft, habe ich schon von Weitem gehört. Ich denke mal mit ein bisschen Synchronisieren sollte das zu beheben sein. Wie läuft’s zu Hause?«

Stefan verdrehte die Augen. »Katja war schon seit drei Wochen nicht mehr da.«

Seit sie beim Bundeskriminalamt arbeitete, wohnte Stefans Frau unter der Woche in Wiesbaden und kam nur am Wochenende nach Hause; wenn sie Zeit dafür fand. »Erst musste sie zum Lehrgang, dann hatte sie zu viel zu tun. Das kann ich ja beides gut verstehen, aber letztes Wochenende ist sie dann mit ihren Sportkumpels nach Zürich zum Marathon geflogen. Da wäre Zuhause ja ein Umweg gewesen.«

Hansi, der seine Messapparaturen an die beiden Vergaser des Boxermotors angeschlossen hatte, spürte Stefans Unzufriedenheit: »Habt ihr schon mal darüber gesprochen, wie du dich damit fühlst?«

»Klar haben wir das. Aber es ist am Ende immer dasselbe. Angeblich geht es immer nur um mich. Ständig solle sie sich meinen Interessen unterordnen, aber sie habe ja auch ein eigenes Leben.«

»Oha!«

»Ich habe sie doch nach allen Kräften unterstützt, damit sie den Wechsel zum BKA schafft, aber so habe ich mir das nicht vorgestellt.«

Hansi stand vor seinem Kühlschrank und holte sich noch eine Krombacher. »Cola?« Er hielt Stefan eine Dose entgegen.

»Ja, danke.« Es zischte und schäumte, als Stefan den Aluminiumdeckel eindrückte. Schnell nahm er die Dose zum Mund, um das Überschießende aufzusaugen, bevor er die Trinköffnung vollständig freilegen konnte.

»Ich habe langsam Sorgen, dass unsere Ehe daran kaputtgehen könnte.«

Hansi, der den Motor der BMW gestartet hatte, um mit der Messung zu beginnen, deutete Stefan an, ihm nach draußen zu folgen, wo sie sich auf die niedrige Mauer setzten, die den Vorgarten von der Garageneinfahrt abtrennte.

»Habt ihr eigentlich überhaupt mal darüber nachgedacht, wie das auf Dauer funktionieren soll, mit Katjas Arbeit in Wiesbaden? Soll das eine Wochenendehe bleiben?«

»Nein. Natürlich nicht. Eigentlich ist das mit dem BKA ja nur als eine Art Karrierebooster gedacht.«

Hansi deutete seinem Freund an, einen Moment innezuhalten, ging in die Garage, drehte hier und da an einer Schraube, gab ein wenig Gas, drehte wieder an Schrauben und nickte zuversichtlich.

»Was meinst du mit Karrierebooster?«, fragte er, während er mit Blättchen und Tabak hantierte, um sich eine weitere Zigarette zu drehen.

»Na da sind ihre Chancen auf Beförderung wesentlich besser als hier bei uns. So, wie es aussieht, wird sie noch in diesem Jahr Kriminalrätin, nach gut einem Jahr. Das wäre hier bei uns in der Behörde undenkbar.«

»Und dann?«, Grabowski nahm einen tiefen Zug von seiner Kippe und pustete den Rauch bewusst in die von Stefan abgewandte Richtung.

»Wenn sie das so zwei oder drei Jahre macht, dann hat sie genug Erfahrung gesammelt und kann sich wieder auf eine Stelle hier vor Ort bewerben.«

»Kommt dir an dem Plan irgendwas bekannt vor, Derrick?«

Stefan legte den Kopf schief, zum Zeichen, dass er nicht wusste, worauf sein Freund hinauswollte.

»Du wolltest auch nur für zwei oder drei Jahre zur Autobahnpolizei um vom Objektschutz wegzukommen. Und am Ende bist du über sechs Jahre bei der Geradeausstreife geblieben.«

»Aber das war doch ganz was anderes damals«, rief er seinem Freund hinterher, der erneut an zwei Schrauben drehte und dann den Motor abstellte.

»Was bitte soll denn daran anders sein? Ich sag dir jetzt mal zwei Sachen mein Lieber. Erstens«, er tippte Stefan mit dem rechten Zeigefinger an die Stirn, »habe ich erhebliche Zweifel, dass das mit dir und Katja lange gut gehen wird.«

»Und zweitens?« Stefan senkte den Kopf und starrte in die Öffnung seiner Getränkedose.

»Und zweitens ist dein Mopped fertig und läuft wieder wie ne Katze. Aber du brauchst dringend ne neue Batterie.«

#7  

Er nahm die Ampulle aus seiner Kitteltasche, zog den Inhalt in eine Spritze auf, ließ die leere Ampulle zurück in die Tasche gleiten und spritzte die farblose Flüssigkeit in die Infusionsflasche des Patienten in Bett 5. Er machte sich Notizen in ein schwarzes Büchlein und steckte es wieder in seine Hosentasche.

#8  

Mit einem kräftigen Tritt seines Stiefels sprang das Garagentor in die Position, dass er es abschließen konnte.

»Ich glaub, das muss mal eingestellt werden.«

Vier Monate hatte seine BMW draußen stehen müssen. »Das bekommt der alten Dame gar nicht gut«, hatte er dem Vermieter gesagt, als der ihm die Garage gekündigt hatte, um sie selbst zu nutzen. Stefan Braun war froh, dass er so nicht über den Winter musste und jetzt endlich wieder eine Unterkunft für seine Maschine hatte, die sogar näher an seiner Wohnung war als vorher. Jetzt musste er nur noch auf die andere Straßenseite.

Die Maisonettewohnung in der Morsehofstraße 29 hatten Stefan und Katja vor gut fünf Jahren gekauft. Sie war hell und großzügig geschnitten, mit einem Balkon in der unteren und einer großen Dachterrasse in der oberen Etage. Die Nachbarschaft war okay, auch wenn Stefan sich mehr Kontakt gewünscht hätte. So blieb es meist bei einem Hallo und einem kurzen Gespräch über das Wetter oder andere Nebensächlichkeiten.

Stefan ging in die Küche, kochte sich einen Ostfriesentee und schmierte sich zwei Schwarzbrotcheeseburger. Er liebte diese Kombination aus einer Brötchenhälfte und einer Scheibe kräftigem Roggenbrot. Besonders mit viel guter Butter und einer dicken Scheibe milden Gouda. Den Tee füllte er – nicht ganz stilecht – in einen Kaffeepott mit dem Logo der Polizeigewerkschaft und süßte ihn mit braunem Grümmelkandis.

Das schöne Wetter lud ihn dazu ein sich auf die Dachterrasse zu setzen. Er machte es sich auf einem Gartenstuhl bequem, nahm einen großen Schluck vom schwarzen Friesen und genoss den Blick über den Ostfriedhof.

#9  

»Zwei in einer Stadt. Was für eine Scheißidee. Und dann auch noch so kurz hintereinander.« Er würde die Methode ändern müssen, um nicht sofort Aufmerksamkeit zu erregen. Die notwendigen Utensilien würde er gleich hier vor Ort besorgen. Noch war er ja weit genug entfernt von Essen, als dass jemand daraus Schlüsse ziehen könnte.

#10  

In der großen Dienstbesprechung wurden die aktuellen Fälle besprochen, die fachübergreifend bearbeitet wurden. Kriminaldirektor Herrmann Kaminski, oberster Mordermittler in Essen, begrüßte die Anwesenden und eröffnete die Besprechung.

Zuerst ging es um einen Fall aus dem Drogenmilieu; danach war Stefan an der Reihe: »Wir haben in der Nacht von Montag auf Dienstag eine Todesermittlung durchgeführt, die augenscheinlich wie Suizid aussieht. Es gibt aber keinerlei Hinweise auf die Selbsttötungsabsicht.« Er trug seine bisherigen Erkenntnisse vor und reichte die Fotos aus der Wohnung Klarastraße 71 in die Runde.

Corinna Busch, die zusammen mit einem Computerspezialisten vom KK 25 am Arbeitsplatz des Toten gewesen war, ergriff das Wort: »Nach unseren Ermittlungen im Krankenhaus gibt es weiterhin keinen Anhalt für die Absicht sich das Leben zu nehmen. Der Chefarzt schildert Doktor Sacharanov als motivierten, zuverlässigen Arzt mit eindeutigen Karrierezielen. Er sieht überhaupt keinen Grund für einen Selbstmord; in der Klinik habe es keinerlei Probleme gegeben; auffällig sei lediglich eine statistische Zunahme der Sterberate bei Patienten, die von Doktor Sacharanov betreut wurden.«

»Hat die Klinik ihm Fehlverhalten vorgeworfen?«, warf Herrmann Kaminski ein. »Das könnte er als persönliches Scheitern empfunden haben.«

»Nein. Aufgefallen ist das erst vor einigen Tagen im Rahmen von Qualitätskontrollen. Der Chefarzt wollte nächste Woche ein Gespräch mit Doktor Sacharanov führen. Dieses Motiv scheidet somit zunächst aus. Außerdem kann der bei dem Toten gefundene Zettel nicht aus dem Krankenhaus stammen, weil er mit einem Tintenstrahldrucker gedruckt wurde, das Krankenhaus aber nur Laser benutzt.«

»Hat die KTU sonst noch Ergebnisse?«, wollte Stefan von seiner Kollegin wissen.

»An allen zur Tötung benutzten medizinischen Materialien, die wir vor Ort gefunden haben, finden sich seine Fingerabdrücke. Auf besagtem Zettel ebenfalls. Zusätzlich fanden sich hieran Spuren von Einweghandschuhen, was mich bei einem Arzt aber nicht wirklich wundert.«

»Was sagt die Gerichtsmedizin, Frau Busch?«

»Das Ergebnis der Autopsie spiegelt die Auffindesituation wider. Es spricht also alles, bis auf den fehlenden Abschiedsbrief und ein uns bisher nicht bekanntes Motiv, für eine Selbsttötung.«

»Lässt sich der Hergang der Tat schlüssig rekonstruieren?«

»Nach Ansicht des Rechtsmediziners hat sich Doktor Sacharanov quasi selbst eingeschläfert, indem er sich einen Medikamentencocktail angemischt hat, den Veterinäre früher für die Euthanasie von Pferden benutzt haben. Auf die Medikamente hatte er ungehindert Zugriff in der Klinik.«

»Im Krankenhaus gibt’s Medikamente, um Pferde einzuschläfern?« Claas Heering klang beinahe fassungslos.

»Genau das habe ich Professor Altmann auch gefragt«, antwortete Corinna, »aber dabei handelt es sich tatsächlich um ein ganz gewöhnliches Medikament, das in hoher Dosierung schnell tödlich wirkt.«

»Nur die Dosis macht das Gift, sagte schon der alte Paracelsus«, wusste Herrmann Kaminski. »Was wissen wir über die junge Frau auf dem Foto?«

»Nichts. Niemand in der Klinik weiß etwas von einer Beziehung unseres Toten. Das Bild stammt von der Internetseite einer russischen Partnervermittlung. Angeblich handelt es sich dabei um ein Original-Kundenfoto. Es könnte also gut sein, dass Herr Sacharanov die junge Dame so kennengelernt hat. Somit käme Liebeskummer als Suizidmotiv auf jeden Fall in Frage. Wir haben das Bild zusammen mit den Daten an Interpol gegeben; von dort werden die weiteren Ermittlungen in Russland angeleiert.«

»Dann ist die Sache für uns zunächst erledigt. Frau Busch, bitte informieren Sie mich, falls die Ermittlungen der russischen Kollegen irgendwelche weiteren Erkenntnisse bringen. Hat noch jemand etwas Neues? Nein? Gut, dann ist die DB hiermit beendet. Ich wünsche Ihnen allen noch einen schönen Tag.«

Auf dem Flur sprach Stefan seinen Chef an: »Herrmann, ich glaube einfach nicht an Selbstmord, an der Sache ist irgendwas faul.«

»Die Faktenlage spricht aber nicht gerade für dein Bauchgefühl, Stefan.«

»Nun, wenn ich mich recht erinnere, hat sie das schon häufiger nicht. Und trotzdem hatte mein Bauch am Ende meistens recht.« Er sah Herrmann auffordernd an.

»Welche Art von ›recht haben‹ meinst du damit? Diese Art, aufgrund derer ich damals das SEK die Wohnung von diesem armen, alten Ehepaar in Karnap habe stürmen lassen? Oder mehr diese Art, die uns beide vor drei Jahren die Beförderung gekostet hat, weil du ja unbedingt diese Villa in Fischlaken in Schutt und Asche legen lassen musstest, um dann eben doch keine einbetonierte Leiche zu finden? Ach, quatsch, nee, du meinst bestimmt …«

Stefan fiel seinem Chef ins Wort. »Ist gut Herrmann! Ich weiß selbst, welchen Scheiß ich wann gebaut habe.«

»Das beruhigt mich zu hören, wird dich aber sicher auch zukünftig nicht davon abhalten uns mithilfe deines Bauches in Schwierigkeiten zu bringen. Und irgendwie steht mir genau danach gerade nicht der Sinn. Also, hast du außer einem komischen Gefühl noch was anderes in Petto? So was wie ne Theorie vielleicht?«

»Nicht wirklich«, gab Stefan zu.

»Lass uns erst mal auf die Ergebnisse aus Russland warten. Ich kann schlecht auf Basis deines Bauchgefühls eine Mordkommission aufstellen.«

Stefan Braun wusste, dass Herrmann Kaminski recht hatte. Nur zufrieden war er damit nicht.

#11  

Seine Hände zitterten. Dimitri Oganov hatte Schwierigkeiten die Spritze in den Anschluss des Venenzugangs zu stecken, den er in seinem linken Unterarm fixiert hatte. Er drückte den Stempel der Spritze durch. Die weißliche Flüssigkeit drang in seine Venen ein und er verlor augenblicklich das Bewusstsein.

#12  

Das Telefon auf dem Schreibtisch klingelte. Corinna nahm den Hörer ab: »KK 11, Busch.«

»Hier ist die Leitstelle, Schäfer. Der 13/33 hat im Palmbuschweg einen Hänger gefunden. Die warten da auf euch. Die Spusi habe ich auch schon informiert.«

»Ist gut, wir kommen.« Corinna fischte einen Zettel aus ihrer Schreibtischschublade, notierte sich den Einsatzort und eine Handynummer der Kollegen vor Ort, legte den Hörer auf und wandte sich Stefan zu: »Hey, Oberinspektor, haste dein Taschenmesser dabei? Die Kollegen haben einen gefunden, der noch nen Strick am Hals trägt.«

Auf dem Weg zum Wagen reichte sie ihm ihren Notizzettel, damit er wusste, wohin sie die Reise führen würde.

Stefan warf einen Blick auf die Notizen, zog sein Handy aus der Hosentasche und wählte die notierte Nummer: »Hallo, Stefan hier. Bist du bei der Leiche im Palmbuschweg?«

Seine Frage wurde am anderen Ende der Leitung bejaht.

»Ich komme mit Corinna zu euch. Wir fahren sofort los. Hey! Und denk dran«, er versuchte möglichst cool zu klingen, »nix anfassen!«

Corinna konnte das »Blödmann« hören, das die Kollegin in den Hörer rief, während Stefan das Gespräch beendete.

Corinna sah Stefan vorwurfsvoll an: »Meinst du, das war jetzt besonders förderlich, für das Verhältnis zur uniformierten Truppe?«

»Keine Sorge«, antwortete er zuversichtlich, »Sandra versteht das schon richtig.«

»Kennt ihr euch näher?«

»Wir waren vor einer Weile zusammen im Sauerland bei so nem Gewerkschaftsseminar. Is echt ne Nette, die Sandra. Vielleicht n bisschen zu jung, aber sonst …«

»Wie? Aber sonst? Habe ich Grund zur Eifersucht?«, fragte sie schelmisch grinsend.

»Wer weiß?« Stefan lachte. »Ich hatte an dem Abend echt schon schwer einen sitzen. Was sich da alles hätte ergeben können …«

»Spinner!«

»Stattdessen habe ich ihr den halben Abend lang die Ohren vollgeheult, wie schlimm doch mein Leben sei.«

»Und? Hat sie dir zugehört?«

»Ich glaube schon.«

»Glauben heißt aber nicht wissen.«

»Als wenn wir Männer bei euch Frauen jemals irgendwas wüssten …«

Lachend stiegen beide in ihren Dienstwagen.

#13  

Eine Viertelstunde später kamen sie an der genannten Adresse an. Der silber-blaue Passat stand nur bedingt verkehrsgünstig an der Straßenecke.

»Ist dir eigentlich schon mal aufgefallen, dass die im Fernsehkrimi immer einen Parkplatz direkt vor dem Haus bekommen? Komisch, dass das in der Realität nie funktioniert.« Stefan suchte verzweifelt nach einer Möglichkeit den blauen Astra so abzustellen, dass er den Verkehr nicht behinderte.

»Da vorne ist doch ein Getränkemarkt im Hinterhof. Lass es uns da versuchen«, schlug Corinna vor.

»Na toll! Und dann bei dem Scheißwetter den ganzen Weg zurück. Im Fernsehen regnets auch nie.«

»Augen auf, bei der Berufswahl, Herr Oberkommissar. Hättest eben Schauspieler werden müssen«, stichelte seine Kollegin.

Sie hasteten durch den Regen zur offen stehenden Haustür, vorbei an einer Gruppe Männer, die unter dem Vordach des Getränkehändlers Schutz vor dem Wetter gesucht hatten, um dort Bier und Wodka zu trinken. Stefan fühlte sich beobachtet und drehte sich kurz um.

Einer der Männer sah in seine Richtung; mit kalten, fast ausdruckslosen Augen, deren Blick einfach durch ihn hindurchging, als wäre Stefan Braun gar nicht anwesend.

#14  

Wie es sich für einen Selbstmörder gehört, der sich mittels Strick das Leben nehmen will, hatte das Ganze auf dem Dachboden des viergeschossigen Hauses stattgefunden. Die Leiche lag am Boden, den Strick, der vom Rettungsdienst durchtrennt worden war und dessen oberes Ende von einem Giebelbalken herabbaumelte, noch am Hals. Der alte Barhocker, der neben einem halb gefüllten Wäschekorb auf dem Linoleum lag, schien ihm als Absprungstelle gedient zu haben. Sandra begrüßte Stefan mit einem Augenzwinkern, um dann ganz dienstlich zu werden: »Der Tote heißt Jiri Gaiger; seine Wohnung ist im ersten OG.« Ihre in Einweghandschuhe gehüllten Hände reichten ihm einen russischen Pass und einen aus einem Notizbuch ausgerissenen Zettel, auf dem sich handschriftlich die Worte »Es geht nicht mehr« fanden.

»Und wir haben natürlich nichts angefasst. Ganz so, wie der Herr Oberinspektor es befohlen hat«, ergänzte sie und zog das Augenlid mit dem rechten Zeigefinger herunter.

»Wer hat den Toten gefunden?«, fragte Stefan betont sachlich.

»Frau Stoschek, eine Nachbarin aus dem Erdgeschoss. Sie wollte hier oben Wäsche zum Trocknen aufhängen. Sie stand schwer unter Schock, deshalb hat der Notarzt sie mit ins Vincenz-Hospital genommen.«

»Wart ihr schon in der Wohnung?«, wollte Corinna Busch wissen.

»Wir warten noch auf den Schlüsseldienst. So wie’s aussieht hatte er ja wohl nicht wirklich vor, wieder in seine Wohnung zurückzukehren. Da hat er den Schlüssel vorsichtshalber mal nicht mitgenommen.«

Die Spurensicherung begann mit der Untersuchung des Dachbodens, so dass sich die beiden Ermittler um die Wohnung kümmern konnten. Die Tür war nur zugezogen und stellte damit für den Mann vom Schlüsseldienst keine echte Herausforderung dar. Er benötigte nur wenige Sekunden für die Öffnung.

Der Schlüssel hing ordentlich am Schlüsselbrett in der Diele. Die Wohnung machte einen aufgeräumten Eindruck; in den verglasten Vitrinen des weißen Hochglanzwohnzimmerschranks standen schwere Gläser aus Bleikristall, an den Wänden hingen Fotografien von winterlichen Landschaften. In den Kommoden im Schlafzimmer lagen die Socken jeweils in einzelnen Fächern; T-Shirts und Poloshirts waren akkurat auf DIN-A4-Format gefaltet.

»Das kann doch jetzt kein Zufall mehr sein!« Stefan hielt seiner Kollegin den Krankenhaus-Mitarbeiterausweis des Toten hin, den er neben dem Telefon gefunden hatte. »Der zweite russische Arzt, der sich innerhalb von 48 Stunden hier in Essen das Leben nimmt? Ich hab da ein ganz mieses Gefühl im Bauch.«

»Aber zumindest haben wir hier so etwas wie einen Abschiedsbrief.«

»Lass uns mal mit den Nachbarn sprechen, ob irgendjemand was weiß oder gesehen hat.«

»OK. Ich fang unten an und du gehst nach oben.«

»Jawoll, Frau Hauptkommissar!«, antwortete Stefan militärisch stramm, mit einem Lächeln, salutierte und schlug die Hacken zusammen.

»Kommissarin! Hauptkommissarin! So viel Zeit muss sein, Herr Kollege.«

Er arbeitete gerne mit Corinna Busch zusammen; sie hatten einen ähnlichen Humor.

Als sie sich am Wagen wiedertrafen wurde der Leichnam gerade abtransportiert.

Die Befragung der Nachbarn hatte keine bedeutsamen Erkenntnisse gebracht: Freundlicher Mensch, zurückhaltend, kaum Kontakt zur Nachbarschaft; niemand hatte etwas gehört oder gesehen.

»Schlage vor, du fährst zum Vincenz-Hospital und befragst diese Frau Stoschek und ich lasse mich von den beiden netten Kollegen der Schutzpolizei zum Arbeitsplatz unseres toten Doktors bringen«, bot Stefan an.

»Ach«, spielte Sandra Weber die Entrüstete, »und wie kommt der Oberinspektor Derrick darauf, dass die Schupos das überhaupt machen?«

»Na, ich bezahl doch auch dafür – mit Naturalien.«

»Männer!«, stimmten die beiden Frauen einen Chor an und schüttelten die Köpfe.

Dann fuhren alle wie von Stefan vorgeschlagen davon.

#15  

Vor dem Haupteingang des Krankenhauses hielt der Streifenwagen an. Sandra Weber stieg aus, um Stefan die hintere Tür zu öffnen, was bei Polizeifahrzeugen grundsätzlich nur von außen ging. Stefan hatte den Eingang schon fast erreicht, als Sandra ihm hinterherlief.

»Ey, Derrick! Warte mal!«, rief sie. Stefan blieb stehen und drehte sich um. Ein warmes Lächeln lag auf ihrem jungen Gesicht. »Was das mit der Bezahlung angeht … Ich meine das mit den Naturalien …«

»Jaaaa…« Stefan wirkte etwas verwirrt.

»Ich meine, wir könnten doch vielleicht nachher noch ’n Bier trinken gehen, falls du Zeit hast.«

»Klar. Gerne.«

»Um acht? Im Turock? Du magst es doch rockig?«

»Ja. Gute Idee.«

»Ich freu mich.« Sandra Weber hob die Zehen an, machte eine Drehung auf den Fersen und ging in einer Art beschwingtem Watschelgang zurück zum Streifenwagen. Es sah etwas albern aus. Und Stefan merkte, dass ihm das gefiel.

»Läuft da was zwischen euch?« Oberkommissar Harald Graupner drehte sich zu seiner Kollegin auf dem Beifahrersitz um und sah sie skeptisch an: »Ist der nicht ’n bisschen alt für dich?«

»Ach Hardy!« Sandra atmete schwer aus. »Alter ist doch nur ne Zahl. Der Derrick ist einfach total sympathisch und einfühlsam. Außerdem ist das einer von denen, die sich nicht mehr ständig beweisen müssen. Das finde ich sehr angenehm.«

Harald sah Sandra vorwurfsvoll an: »Aber der ist doch mit ner Kollegin verheiratet?!«

»Verheiratet schon. Aber nicht glücklich.«

#16  

Auf dem Display erschien eine Handynummer. Der rechte Zeigefinger von Jörg Schäfer traf das rot blinkende Feld mit der Aufschrift Notruf annehmen auf seinem Touchscreen.

»Notruf der Polizei Essen, guten Tag«, meldete er sich, aber er erhielt keine Antwort.

»Hallo, hier ist die Polizei, bitte sprechen Sie mit mir«, forderte er den Anrufer auf, der ihm diesen Gefallen jedoch nicht tat.

Jörg stellte seinen Kopfhörer lauter, da er Geräusche aus dem Hintergrund wahrnahm. Nun hörte er Stimmen. Worte konnte er jedoch nicht verstehen. Er versuchte es erneut, indem er laut in sein Mikrofon rief: »Hallo, hier ist der Notruf der Polizei Essen! Brauchen Sie Hilfe?« Scheinbar konnte man ihn am anderen Ende nicht hören.