Beim Morden bitte langsam vorgehen - Sara Paborn - ebook

Beim Morden bitte langsam vorgehen ebook

Sara Paborn

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Opis

»Mittlerweile liegt das Ganze sechs Jahre zurück und noch ist mir niemand auf die Schliche gekommen ...«

Nach 39 Ehejahren voller Sticheleien hat Irene endgültig genug von ihrem Mann. Als sie eines Tages in einer alten Schachtel Bleibänder zum Beschweren von Vorhängen findet, kommt ihr die beste Idee ihres Lebens: Aus der immer so netten Bibliothekarin wird eine gerissene Hobbychemikerin, die ihre bisher von Braten- und Kuchenduft erfüllte Küche in ein Labor verwandelt. Dort bereitet sie Bleizucker zu. Geduldig rührt sie ihrem Mann täglich ein Löffelchen in den Kaffee. Bei den wirklich wichtigen Dingen muss man langsam vorgehen ...

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MOBI

Liczba stron: 350




Das Buch

»Die Ehe ist ein Krieg. Ist es da nicht logisch, dass sie auch so endet wie alle Kriege? Einer stirbt?«

Die Leute leben einfach zu lange. Und die wenigsten haben das verdient. Horst jedenfalls nicht. Nach 39 Ehejahren voller Sticheleien hat Irene endgültig genug von ihrem Mann. Als sie eines Tages in einer alten Schachtel Vorhang-Bleibänder findet, kommt ihr die beste Idee ihres Lebens …

Mit Gift zum Glück – eine makabre und doch so lebenskluge Komödie über die Ehe mit tödlichen Folgen.

»Giftige Unterhaltung – schwarzhumorig und intelligent!«

Expressen

Die Autorin

Sara Paborn,1972 in Sölvesborg geboren, war früher in der Werbebranche tätig und lebt heute als Autorin in Stockholm. 2009 veröffentlichte sie ihr Debüt. Ihr Überraschungsbestseller Beim Morden bitte langsam vorgehen ist ihr vierter Roman.

Sara Paborn

Beim Mordenbitte langsam vorgehen

Roman

Aus dem Schwedischen von Wibke Kuhn

Deutsche Verlags-Anstalt

Beim Morden bitte langsam vorgehen

Nein, es war schon am besten so, wie es passiert ist, auch für ihn selbst. Denn wie wären wohl die nächsten zehn, zwanzig Jahre für ihn gewesen bei der Gesundheit – und der Gemütslage? Nicht ganz so witzig, möchte ich mal behaupten. Es wäre nur ein Dahinschleppen gewesen, ein langsamer Tod, der sich viel länger hingezogen hätte als der, den er letztlich bekam. Er hatte wirklich ein gutes Leben, anders kann man das nicht sagen. Nie brauchte er an jemand anders zu denken als an sich selbst. Er aß, wann er Lust hatte, in ungesunden Mengen. Schlief ein, bevor sein Kopf auf dem Kissen gelandet war – von einer Sekunde auf die andere. Schnarchte so eifrig, als wollte er seine Umgebung daran erinnern, dass er existierte, auch wenn er gerade schlief. Schließlich hatte er alles Recht der Welt, Platz zu beanspruchen!

Ich selbst schlafe geräuschlos, aber ich träume umso lebhafter. Horst konnte sich nie an seine Träume erinnern. Ich wäre beinahe mit draufgegangen, doch dann bin ich gerade noch mal davongekommen.

Aber wirklich in allerletzter Sekunde.

Mittlerweile liegt das Ganze sechs Jahre zurück, und noch ist mir niemand auf die Schliche gekommen. Wir waren neununddreißig Jahre verheiratet. Das ist eine lange Zeit. Nein, er hat mich nicht geschlagen. Auch nicht gesoffen. Warum habe ich es dann getan? Man könnte vielleicht sagen, dass es einVerbrechen aus Leidenschaft war – aber nicht im althergebrachten, abgedroschenen Sinne. Nein, es handelte sich um eine Leidenschaft, die wesentlich tiefer geht und nicht nur zwei einzelne Menschen betrifft, sondern die Art, wie sie das Leben betrachten. Und da stand er am einen Pol und ich genau am entgegengesetzten.

Ich schreibe diese Erzählung in das Notizbuch, das meine Mutter mir einmal geschenkt hat. Neulich habe ich es beim Aufräumen zufällig wiedergefunden. Es ist in rotes Leder gebunden und hat ein marmoriertes Vorsatzblatt. Wahrscheinlich war es viel zu teuer für sie. Über vierzig Jahre hat es völlig vergessen in der Abstellkammer gelegen. Trotzdem weiß ich noch genau, was ich dachte, als ich es bekam: Es war so schön, dass ich es mir aufheben würde, bis ich wirklich etwas zu sagen hatte. Jetzt war es soweit. Ich schlug also das Buch auf, und im schwachen Licht der Lampe in der Abstellkammer entzifferte ich die kaum lesbare Widmung, die meine Mutter mit Bleistift hineingeschrieben hatte:

»Wenn Sorgen Dein Herze quälen –

diesen Seiten kannst Du sie erzählen.

Herzlichen Glückwunsch zum Realschulabschluss

von Deiner Mutter, 12.6.1960«

Ich sehe es als Omen.

In letzter Zeit ist mir immer häufiger das Wort Nachruf in den Sinn gekommen. Ich will nicht einfach unbemerkt verlöschen. Niemand soll denken, ich wäre leer gewesen, nur weil ich still war. Lange bin ich vorsichtig und angepasst gewesen. Jemand, der glaubte, dass Reden Silber sei und Schweigen Gold. Jemand, der die Idioten machen ließ, weil er dachte, dass sie sich am Ende blamieren und an ihrem Scheitern selbst schuld sein würden. Das glaube ich heute nicht mehr. Ich weiß, dass es nicht so läuft.

Außerdem möchte ich schon ein paar Dinge gesagt haben. Wie das alles so war, nicht bloß die Sache mit meinem Mann. Obwohl das ja durchaus zusammengehört. Ich bin also wach gelegen und habe überlegt und dann beschlossen, dass die Zeit gekommen ist zu erzählen, wie ich, die ich doch immer so nett bin, zur Mörderin wurde.

Aber ich werde es in meinem eigenen Tempo tun. Das hier ist mein Testament.

Mein erstes Lieblingsbuch habe ich aufgegessen. Ich war sechs Jahre alt. Das Buch hieß – man beachte die Ironie – Der Junge, der nicht essen wollte. Ich riss Seite um Seite heraus, knüllte sie zu kleinen Bällen zusammen und schluckte sie herunter. Ich konnte einfach nicht anders. Als Mutter nach Hause kam und fragte, wo das Buch geblieben sei, hielt ich mir nur den Bauch. Sie verstand sofort, was passiert war, seufzte und meinte: »Das hast du doch bekommen, damit du still bist. Nicht damit du es aufisst!«

Danach bekam ich keine Bücher mehr. Wenn ich heute über dieses Ereignis nachdenke, bin ich ein bisschen stolz auf mich. Es hat etwas von Tatendrang und Lebenskraft, wenn man das, was man liebt, tatsächlich zu einem Teil seiner selbst macht.

Später, als ich zu Hause ausgezogen war und die Bibliothek entdeckt hatte, stellte ich fest, dass man die Bücher nicht aufessen muss, um sie zu verinnerlichen. Es reicht, wenn man sie liest. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass ein Buch der einzige von Menschen erfundene Gegenstand auf der Welt ist, den man nicht besitzen kann. Ein Buch gehört dem, der es liebt.

Es war nur logisch, dass ich Bibliothekarin wurde. Mittlerweile bin ich natürlich nicht mehr berufstätig. Jetzt lebe ich bequem von meinem Erbe und beziehe außerdem Rente. Doch vor dem »Unfall« habe ich die ganzen Jahre in ein und derselben Bibliothek gearbeitet. Ich war schon immer empfindlich gegen Lärm, und früher waren die Bibliotheken wirklich ganz still. Da blökten die Leute nicht in ihre Handys und breiteten keine intimen Details aus, die niemand hören will.

Sie ließen ihren Nachwuchs nicht Computerspiele spielen oder in der Kuschelecke Snacks mampfen. Früher huldigte man in der Bibliothek dem Lesen an sich. Jetzt verlangt der verhuschte Zeitgeist, dass sie vor allem soziale Treffpunkte sein sollen. Im Laufe der Jahre musste ich Gedichte, Botaniklexika und Dramen aussortieren, um Platz für Billigkrimis und Kochbuchhalter zu schaffen. Ich musste ganze Regale mit wunderschön illustrierten Nachschlagewerken ausräumen, um Platz für ein Café zu schaffen, in dem jetzt schlaffe Typen herumhängen und Zeitschriften über Motorsport lesen. Manchmal kommen sie an meinen Tresen geschlendert und bitten um den Schlüssel zur Toilette oder um eine alte Ausgabe der Hifi & Musik, worauf ich am liebsten antworten würde: Geh geradewegs zur Tür hinaus und lauf weiter, bis du fünfundachtzig bist. Dann bieg nach links in den Straßengraben ab und mach die Augen zu.

In den Achtzigerjahren betrieb ich das Aussortieren in der Bibliothek mit meiner ganz eigenen kreativen Methode. Ich hatte eine mehrjährige privilegierte Phase, in der ich ganz einfach die Bücher wegwarf, die ich persönlich für minderwertig erachtete. Natürlich fragten die Leute danach, das waren ja in der Regel populäre Titel. Aber dann wies ich sie einfach auf die ellenlange Warteliste für dieses Buch hin. Bestanden sie dennoch darauf, auf Platz 104 der Warteliste für Ayla und der Clan des Bären gesetzt zu werden, versprach ich, mich wieder bei ihnen zu melden, und erklärte wenig später mit monotoner Stimme, dass das betreffende Buch in die Badewanne gefallen oder vom Familienhund aufgefressen worden sei. Was im Übrigen für Bibliotheksbücher eine ganz normale Art ist, ins Jenseits überzutreten.

In andere Bücher schrieb ich mit verstellter Handschrift ein paar Zeilen aufs Vorsatzblatt:

»Das ist der reinste Scheiß. Mit freundlichem Gruß, ein wohlmeinender Leser oder: Auf S. 124 findet man die eigenwillige Beschreibung eines Nagelkopfes.«

So konnte man den Leuten auch auf die Sprünge helfen.

Die schlimmsten Titel sammelte ich nach Feierabend in Müllsäcke und brachte sie mit dem Auto zur Altpapiersammelstelle. Die lag sowieso auf meinem Heimweg. Falsch beschriebene Liebe, spekulatives Schwelgen in Gewalt und todlangweilige Memoiren – all das verschwand im groben Reißwolf der Altpapierstelle. Der Gedanke, dass aus diesen peinlichen Verfehlungen neue weiße Blätter für bessere Schriftsteller hergestellt werden konnten, machte mir gute Laune. Fast genauso gute Laune wie der Gedanke, dass sie auch zu Toilettenpapier verarbeitet werden konnten. Wenn ich nach Hause fuhr, war mir ganz beschwingt ums Herz, meine nützliche Tat machte mich froh, und manchmal tauchten ein paar Strophen aus einem Gedicht in meinem Kopf auf.

»Und wenn’s auch lockt, in das Geschwätz mit einzustimmen,

Obwohl du innerlich so voll Verachtung bist,

Bewahre dir den Stolz, allein zu wandeln.

Denn Wächter deiner eignen Träume sollst du sein.«

Was für eine seltsame Ruhe einem die innere Stimme schenkt. Wenn man nur gut zuhört.

Früher hieß ich mal Irene Husvig. Nachdem mein Mann gestorben war, nahm ich wieder den Mädchennamen meiner Mutter an. Jonsson. Irene Jonsson. Bei dem Namen zieht niemand die Augenbrauen hoch, vor allem nicht in der Gegend, in der ich mich jetzt niedergelassen habe. Die Leute, die hier wohnen, sehen mich wohl in erster Linie als kulturbeflissene ältere Dame, die aufs Land gezogen ist und manchmal in Gummistiefeln in den Ort fährt, um Biomilch zu kaufen. Harmlos. Ein bisschen exzentrisch vielleicht.

Sie haben keine Ahnung, dass ich sie alle innerhalb von Sekunden durchschauen kann, dass ich mich Dinge getraut habe, die sie sich niemals träumen lassen würden. Ich unterhalte mich selten mit jemandem. Mit Menschen hab ich’s noch nie so gehabt. Es gibt zwei Menschen, die ich liebe, das sind meine Kinder. Meine Enkel von mir aus auch noch. Aber der Rest könnte sich gern in Luft auflösen.

Menschen werden total überbewertet.

Bis zur nächsten Ortschaft, in der es Lebensmittelgeschäfte, einen Friseur, einen Chiropraktiker und einen Baumarkt gibt, sind es zwanzig Kilometer. Ich werde den Namen des Ortes nicht nennen, das ist sicherer. Im Hinblick auf die Umstände. Das Haus, in dem ich jetzt wohne, ist ein altes Gärtnerhaus mit altrosa Putz. Als ich herzog, ruhten hier sechs wunderbare Hochbeete und ein verfallenes Gewächshaus unter einer Schicht Laub. All das hatte nur auf mich gewartet. Das wusste ich schon, als ich es zum ersten Mal sah.

Mein Leben lang habe ich mich nach diesem Ort gesehnt, das war mir auch sofort klar. Ich bin siebenundsechzig, aber ich fühle mich jünger denn je. Es kommt mir vor, als hätte ich mich gehäutet, als wäre ich eine andere geworden oder besser gesagt: diejenige, die ich in meinem tiefsten Inneren immer schon gewesen bin.

Um diese Jahreszeit wache ich davon auf, dass mich die Sonne durch die Spitzengardine an der Nase kitzelt. Oder davon, dass meine Elster an die Scheibe pickt. Sie wohnte schon hier, als ich einzog, ein verlassenes Junges, das ich unterm Dach gefunden hatte. Ich habe sie selbst aufgezogen. Sie ist wahnsinnig anhänglich: Sie folgt mir zum Briefkasten und legt ihren kleinen gefiederten Kopf an meine Brust, wenn sie müde ist. Ich füttere sie mit Haferkeksen und habe sie Pippi getauft. Sie leistet mir Gesellschaft, ohne Genörgel und Gejammer.

Wenn es draußen kühl ist, beginne ich den Morgen damit, dass ich Feuer im Kamin mache. Als ich verheiratet war, wusste ich nicht, wie man ein Feuer entfacht. Heute kann ich gar nicht mehr verstehen, warum ich das nicht schon viel früher gelernt habe. Wenn man lernt, Feuer zu machen, passiert irgendwas mit einem. Über zwei, drei Tage das Feuer in einem launischen Kaminofen in Gang zu halten, das ist eine Beschäftigung, die einen von Grund auf verändert. Man sieht überall Brennmaterial: Splitter, Späne, gute Zweige, perfekte Holzklötze. Das Selbstvertrauen wächst. Man wird geradezu besessen. Männer wissen das schon seit Jahrtausenden.

Nachdem ich den Ofen angemacht habe, drehe ich eine Runde im Garten und inspiziere meine Pflanzen. Das Gemüse gedeiht ausgezeichnet: Kartoffeln, Zucchini, Grünkohl, Rucola, Auberginen. Letztes Jahr habe ich angefangen, auch über den Winter anzubauen, auf die Art habe ich das ganze Jahr über Gemüse. Karotten, Petersilienwurzel und Pak Choi überstehen Frost sehr gut. Danach drehe ich eine Runde durch den übrigen Garten und betrachte den Rittersporn, der gerade in den Beeten erwacht, ich schnuppere am Lavendel und lausche den Vögeln.

Mittlerweile sehe ich überall Zusammenhänge. Die Blumen sind wie kleine Gesichter, sie wollen sich der Sonne entgegenstrecken, genau wie wir Menschen es tun. Sie machen sich schön für die Bienen, Hummeln und Schmetterlinge, verbreiten ihren Samen und versuchen in der kurzen Zeit, die ihnen zur Verfügung steht, alles zu geben. Sie wissen genau, wie das geht. Nur wir haben es vergessen.

Dann gehe ich hinein und setze Tee auf und kuschle mich mit einem Buch im Sessel am Fenster ein. Nur zum Essen mache ich eine Pause. Am Nachmittag muss ich manchmal ein bisschen Holz hacken. Ich bin stark und ausdauernd geworden wie ein Vollblutpferd. Mein Teint wird jeden Tag klarer, und meine Haare glänzen. Zum ersten Mal seit dreißig Jahren trage ich meine echte Haarfarbe. Ein dunkles Graublond, das in der Sonne funkelt. Meine Augen sind grün und hell wie das Wasser in einer Kalkgrube. Meine Stirn ist glatt. Ich finde mittlerweile selbst, dass ich schön bin. Es hat viele Jahre gedauert, bis ich so weit gekommen bin. Ich sehe interessant aus, mit einem sinnlichen und zugleich spöttischen Zug um den Mund.

Ich habe einen kleinen Fernseher, den ich ab und zu hervorhole, wenn ich Lust habe. Nach einem ganzen Tag an der frischen Luft lasse ich mich abends aufs Sofa sinken und reibe mir die Hände mit Handcreme ein, während ich mir das wohlgenährte Mädchen anschaue, das im Abendprogramm kocht. Sie berührt das Essen die ganze Zeit, tätschelt ihre Schweinekoteletts mit ihren glänzenden, drallen Fingern. Ich mag sie. Sie will niemandem was Böses. Sie liebt ihr Essen einfach. Ich schaue so lange, wie ich Lust habe. Jetzt habe nämlich ich die Macht über die Fernbedienung. Manchmal trinke ich ein Glas Whisky oder einen Tee mit Bibernellwurzel und Rosmarin. Beide Kräuter wirken krampflösend.

Nicht dass ich heute noch so viel unter Krämpfen leiden würde. Im Gegenteil, ich bin so entspannt, dass ich das Gefühl habe, ich hätte mich ein paar Zentimeter in die Länge gestreckt. Mein Hals ist länger, als ich gedacht hätte, und ich lasse meine Schultern locker hängen. Meine Bewegungen sind ausholend und geschmeidig. Ich lasse mir von niemandem den Platz streitig machen, nicht mal beim Schlangestehen. Das versucht auch keiner, und damit sind sie gut beraten.

Ehe

Die Ehe ist eine juristische und geistliche Absprache zwischen zusammenlebenden Personen. Die Ehe wird auf Lebenszeit geschlossen.

Nordisches Familienlexikon

Dem habe ich doch so einiges hinzuzufügen.

In der Ehe gibt es immer einen, der gewinnt. Und einen, der fertiggemacht wird. Die Ehe ist ein Kampf, ein Krieg. Ist es da nicht logisch, dass sie auch so endet wie alle Kriege? Einer stirbt? In der Ehe gibt es immer einen, der sich beugen muss.

Ich dachte immer, dass mein Geist, mein innerster Kern, ungebrochen und ich deswegen nicht besiegt sei. Der Umstand, dass ich klüger war als mein Mann, verlieh mir eine gewisse Überlegenheit. Aber die Wahrheit sieht eben so aus, dass es kräftezehrend ist, ständig seine Grenzen verteidigen zu müssen. Sobald man nachlässt, und sei es auch nur für eine Sekunde, schleichen sich die Auffassungen des anderen ganz automatisch bei einem ein. Immer nur ein bisschen, in fast unmerklichen Dosen. Und am Ende sind sie einem unversehens bis ins Mark gedrungen.

Ganz allmählich brachte die Sichtweise meines Mannes mich ins Grübeln, ob das, was ich schätzte, überhaupt etwas wert war. Ob etwas, das ich liebte, überhaupt wichtig war. Vielleicht war das ja alles nur Mist. Und als ich spürte, wie die Tür zu meiner eigenen inneren Welt langsam zuglitt, bekam ich richtig Angst. Ich beschloss, mich zu verteidigen, ja, nicht nur mich, sondern diese ganze Welt, die sich nicht definieren lässt. Dass sie existiert, wissen alle Menschen, die an etwas glauben, was jenseits der physischen und materiellen Welt liegt. Da ist es ganz egal, was alle anderen sagen oder durchblicken lassen.

Diejenigen, die nicht glauben, haben oft eine Todesangst vor dieser Welt. Ich weiß nicht, ob das bei meinem Mann auch so war. Außer natürlich am Schluss. Da hatte er Angst. Ansonsten war er vor allem ein Langweiler. Er war überzeugt davon, dass er recht hatte. Überzeugt von seinen Ansichten. Von seinem gesunden Menschenverstand. Von seiner Logik.

Ist es ein Verbrechen, langweilig zu sein?

Ich möchte es nicht ganz ausschließen.

Horst Husvig. So hieß er. Den Großteil seines Erwachsenenlebens verlegte er Kabel. Zu Anfang unserer Ehe arbeitete er für die Schwedische Telefongesellschaft, doch dann machte er eine Weiterbildung zum Elektroinstallateur und begann für ein größeres Unternehmen in der Elektronikbranche zu arbeiten. Er verlegte Kabel in unbewohnten und abgelegenen Gegenden, in gefrorenen Erdböden und bei Sonnenschein. Er war ein absoluter Vernunftmensch. Bitte keine Gefühlsargumente!, so lautete seine Parole. Außerhalb der Maßstäbe, die er selbst festlegte, ließ er nichts gelten. Es gab ein Richtig und Falsch. Freilich, wenn man überzeugende Argumente vorbrachte, konnte er durchaus noch mal über seine Ansichten nachdenken, aber das mussten schon wissenschaftlich fundierte Argumente sein. Alles, was außerhalb seines eigenen Horizonts lag, existierte einfach nicht. Man könnte sagen, dass er sich taub stellte für alle anderen Töne als seine eigenen.

Zehn Jahre bevor er in Rente ging, kamen die Mobilfunkmasten. Die konnte er nicht leiden. Er traute ihnen nicht über den Weg. Die streckten sich ja bis zum Himmel! Nein, da zog er seine Kabel vor, schön unter der Erde, da wusste man, wo man sie hatte.

Zu Hause verlegte er dicke Kabel zum »Audioraum« auf dem Dachboden, wo er immer seine grässliche Boogie-Woogie-Musik hörte. Als wir uns kennenlernten, war er Hobbymusiker und spielte Bass in einer Band, die bei diversen Tanzveranstaltungen auftrat. An einer Stelle im Audioraum hatte er einen Nagel in den Boden geschlagen, um zu markieren, wo genau der Klang am besten war. Dort hatte er seinen schwarzen Lederdrehsessel hingestellt. Einmal hatte ich den Stuhl ein paar Zentimeter verschoben, da wurde er rasend und keifte, ich hätte sein ganzes Klangbild zerstört.

»Es hat schon seinen Grund, dass der Stuhl genau hier steht! Das ist wissenschaftlich fundiert.«

Ich weiß nicht, wie oft ich in meiner Fantasie diese verdammten Kabel durchgeschnitten habe.

Knips. Knips. Mit einer scharfen Zange. Oder einer Gartenschere. Natürlich habe ich es nicht getan. Man muss sich gut überlegen, welchen Streit man ausfechten will.

In den ersten Jahren im Haus hatte ich ein schönes Leseeckchen auf dem Dachboden. Das war, bevor Horst seine Geräte hochbrachte und anfing, sich zu beschweren, dass die Bücher den Klang schluckten und so seine teuren Lautsprecher nicht richtig zur Geltung kamen. Während meine Bücher nach und nach in Kartons gepackt und in den Keller geräumt wurden, kleidete er die ehemalige Leseecke mit speziellen Akustikplatten aus, um noch der kleinsten Vibration der E-Gitarre gerecht zu werden. Das konnte man wirklich nur als Einbildung bezeichnen, aber seine Einbildungen waren offensichtlich mehr wert als meine. Nachdem er das Dachgeschoss in Besitz genommen hatte, steckte er all seine Energie in den Audioraum. Vergoldete Kabel, deren Drähte auf eine ganz bestimmte Art gedreht waren, transportierten den Klang zur Stereoanlage. Die Lautsprecher wurden vom Boden genommen und hochgehängt. Ein dicker, dämpfender Teppich wurde verlegt. Der Plattenspieler, der so viel gekostet hatte wie ein besserer Gebrauchtwagen, wurde genau dort hingestellt, wo ich vorher meinen Schreibtisch gehabt hatte.

Aber ich fügte mich und suchte mir einen neuen Platz, neben dem Heizölkessel im Keller. Ich richtete mir sogar ein paar Bücherregale hübsch her, indem ich sie mit Borten und gemustertem Papier beklebte. Ich stellte mir einen Wasserkocher in den Keller, damit ich mir Tee machen konnte, und hinter den Büchern versteckte ich eine Dose Kekse. Manchmal ging ich dort hinunter, wenn Horst eingeschlafen war. Ich schaltete die nackte Glühbirne ein, kroch in den Rattanstuhl, den ich dort hingestellt hatte, und betrat wieder meine vergessenen Welten: Tor Andraes Buch über die Psychologie der Mystik. Die Odyssee von Homer. Senecas Die Kürze des Lebens.

Wenn ich müde wurde, kam es vor, dass ich mich auf den Orientteppich legte, den Horst von einer Türkeireise mitgeschleppt hatte, auf den er dann aber leider allergisch reagierte. Dort konnte ich manchmal besser einschlummern und schlafen als oben im Haus. Im Heizungskeller war es zu warm und muffig, aber er gehörte zumindest mir.

Und auf diesem Teppich hatte ich zum ersten Mal meine Visionen. Sie waren anders als normale Gedanken und Träume. Sie kamen immer genau vorm Einschlafen und gestalteten sich immer gleich: ein Haus, irgendwo auf dem Land. Eine einfache Küche mit Holzofen, zwei Gasplatten und Regalen aus unbehandeltem Holz. Ein rußiger gemauerter Kamin. Tapeten mit kleinen blassen, fetten Cupidos. Ein Sessel. Und eine ganze Wand mit Büchern. Meinen Büchern.

Meistens entwickelte sich das Bild nicht weiter, dann hatte ich es wie ein Foto im Kopf, bevor ich einschlief. Um ehrlich zu sein, das Bild machte mir Angst. Es fühlte sich so real an, und gleichzeitig war es ganz anders als meine übrigen Träume. In diesem Traum wurde ich von der Sonne geweckt, stand auf, öffnete die Haustür einen Spaltbreit – eine altmodische Holztür – und machte ein paar Schritte ins taufeuchte Gras. Dort draußen war der Himmel blau.

Das war alles. Das war der ganze Traum.

Was ich in diesem verfallenen, unkomfortablen Haus anfangen sollte, ging mir nicht in den Kopf. Wo ich doch nie im Leben gezeltet hatte und mich vor Wespen, Spinnen und Zecken fürchtete.

Mit der Zeit begann ich die Bücher mit nach Hause zu nehmen, die aus der Bibliothek aussortiert wurden und denen ich ein würdigeres Ende gönnte als den Verbrennungsofen oder die Altpapierstelle. Ich nahm immer ein paar mit nach Hause und stellte sie in den Keller. Horst regte sich auf, als er es mitbekam. Nicht weil er den Platz für irgendetwas gebraucht hätte, abgesehen von seinen Kabelrollen und ein paar alten Reifen und Rohren. Er fand es nur dämlich, erfundene Geschichten zu sammeln. Was ich denn damit wolle? Nun, in den ersten Jahren versuchte ich schon noch, es ihm zu erklären.

»In diesen Büchern verbirgt sich eine eigene Wahrheit. Die kann mindestens genauso wahr sein wie das, was wirklich passiert ist.«

»Glaubst du eigentlich, was du da redest?«, fragte er und schaute mich herablassend an.

»Diese Bücher legen Dinge bloß, die wir in unserem Alltag nach Möglichkeit verbergen wollen«, versuchte ich es mit der zaghaften Stimme, die ich damals hatte.

»Wie? Hast du etwa Dinge zu verbergen?« Seine Augen verengten sich argwöhnisch.

Ziegen. Als ich klein war, hatten wir Ziegen. Deren Augen sahen auch schnell misstrauisch aus. Mein Mann hasste Bücher. Obwohl, nein, hassen ist das falsche Wort. Sie bedeuteten ihm einfach nichts.

In den Jahren, in denen meine Unzufriedenheit langsam zu wachsen begann, ich aber noch keinen konkreten Plan hatte, entdeckte ich einmal ein Inserat, in dem ein Sommerhäuschen zum Kauf angeboten wurde. Es lag auf einer Insel. Ich schnitt die Anzeige aus und schlug Horst vor, zusammen hinzufahren und es anzuschauen. Nur zum Spaß. Horst warf einen zerstreuten Blick auf den Zeitungsausschnitt und murmelte: »Na, viel Glück auch, wenn du da draußen ein Kabel verlegen willst. Wie hast du dir das denn vorgestellt?«

Für Horst war es unvorstellbar, sich an einem Ort aufzuhalten, an dem es keine Kabel gab.

»Aber stell dir doch mal diese Stille vor«, versuchte ich.

»Bitte keine Gefühlsargumente!«

Das Leben besteht nicht aus den Dingen, die wir tun, sondern aus den Gefühlen, die unsere Handlungen in uns auslösen. Ich weiß nicht, wer das gesagt hat, aber es stimmt. Nicht unsere Handlungen an sich haben eine Bedeutung, sondern die Gefühle, die uns danach erfüllen. Das konnte mein Mann nicht akzeptieren. Und ich konnte nicht akzeptieren, dass er diese Gefühle so ignorant vom Tisch wischte.

Übrigens steht im Nordischen Familienlexikon noch eine denkwürdige Anmerkung zur Ehe: »Obwohl die Ehe auf Lebenszeit geschlossen wird, kann sie durch Ableben eines Gatten gelöst werden.«

Vielleicht wäre das, was passierte, niemals geschehen, wenn sich nicht gleichzeitig so viele andere Dinge ereignet hätten. Womöglich wäre es bei Fantasien und Ausbruchsversuchen geblieben. Schwer zu sagen.

Ich weiß noch, wie ich eines Abends im Herbst am Küchentisch saß und Horst nach Hause kam und die Haustür zuknallte. Schade, dass er jetzt kommt, dachte ich. Es war kein gereizter Gedanke, nur eine geistesabwesende Feststellung. Ich wäre lieber allein geblieben. Ich fand es schon immer schön, einfach so dazusitzen und zuzusehen, wie die Dämmerung hereinbricht oder ein Vogelschwarm vorbeizieht. Einfach nur in Ruhe das Licht betrachten zu können – ohne dass jemand es kommentiert. Ins leere Nichts starren, so nannte meine Mutter das immer. Sie hasste die Stille. Sie sorgte immer dafür, dass jede Sekunde mit irgendeiner Tätigkeit ausgefüllt war. Aber man sollte Tätigkeit nicht mit Inhalt verwechseln. Diesen Fehler begehen die Menschen nur zu leicht.

Wir hatten gerade einen neuen Chef in der Bibliothek bekommen. Er hieß Pontus und hatte vor Kurzem seine Abschlussprüfung in irgendeiner dubiosen Medienausbildung gemacht. Er beschrieb sich als Siegertyp, der nur so von Ideen sprühte. Bis jetzt hatte sich das darin geäußert, dass er unzählige Etiketten mit der Aufschrift »Leicht zu lesen« und »Schwierig zu lesen« bestellt hatte, die wir Angestellten auf all unsere Bücher kleben sollten. Ich war aufgefordert worden, über die Hälfte der Bücher in der belletristischen Abteilung mit »Schwierig zu lesen«-Etiketten zu versehen.

»Vielleicht sollten wir uns mal unseren Bestand näher ansehen«, sagte Pontus bekümmert bei einer morgendlichen Besprechung. »Wir haben hier nämlich eine ganze Schublade mit ›Leicht zu lesen‹-Etiketten übrig!« Er schaute in einen der Kartons mit den Aufklebern und strich sich nachdenklich über den blonden Bart. »Wir müssen einfach jedes zehnte schwierige Buch rausnehmen und es durch ein leichtes ersetzen. Gibt es Fragen?«

Pontus hatte noch mehr Ideen. Er wollte eine Karaoke-Ecke einrichten, wo jetzt die Lyrik stand – ein vergessener Teil der Bibliothek, der neue Ideen brauchte, wie er fand.

»Ich stelle mir da so eine kleine Bühne vor, die wir zu bestimmten Zeiten für Betriebsversammlungen und Schulklassen vermieten können. Es ist wichtig, dass wir neues Publikum in die Bibliothek locken. Das wird ein ganz neues Betätigungsfeld für uns werden.«

»Aber wird das denn nicht beim Lesen stören?«, wandte Agneta vorsichtig ein.

Pontus nickte anerkennend.

»Die Idee ist unkonventionell, aber ich weiß, wir müssen mit der Zeit gehen. Die Leute lesen nicht mehr so wie früher. Man kann nicht Achtklässlern plötzlich Shakespeare um die Ohren hauen. Karaoke kann tatsächlich zum Lesen hinführen.« Er sah so aus, als würde er das ernst meinen.

»Und die Bücher, die jetzt dort stehen?«, fragte ich. »Was soll mit denen passieren?«

»Die Lyrik kommt vorübergehend zu den Garderoben, bis wir einen besseren Platz gefunden haben. Sind ja überhaupt unnötig große Garderoben hier. Ich hab mir gedacht, dass wir abwechselnd die Musik aussuchen und uns gegenseitig beim Bestücken der Karaokemaschine helfen. Es ist wichtig, dass sich das ganze Team beteiligt fühlt. Irene, du kannst anfangen. Such einfach zwanzig Lieder aus, die dir gefallen! Dann kriegen wir ein Gefühl dafür, was die Leute früher gern gehört haben.«

Pontus blinzelte mir zu und grinste. Als ich sah, wie die neue Bibliotheksassistentin leise in die Hände klatschte vor Begeisterung, merkte ich, wie meine Gedanken abschweiften und davonschwebten. Ganz weit oben über den Regalen und Lesesesseln und der Kinderecke, für die ich selbst einmal die Kissen genäht hatte.

»Irene? Hast du gehört, was ich gesagt habe?« Pontus schaute mich besorgt an.

»Ich hab’s gehört, ja«, sagte ich.

»Das wird langfristig der Leseförderung dienen. Ganz bestimmt. Und außerdem haben wir damit ein eigenes Konzept. Wir brauchen eine grenzübergreifende Zusammenarbeit.«

»Was sollen wir machen?«, fragte ich Agneta in der Teeküche. »Der Kerl ist doch völlig wahnsinnig.«

»Ach, weißt du, Irene …« Agneta zögerte. »Vielleicht ist der Gedanke ja gar nicht so dumm. Wir sollten ihn einfach nicht vorschnell abstempeln. Also, ich finde Pontus ja eigentlich ganz süß.«

Sie kicherte. Von Agneta hatte ich sonst immer Unterstützung bekommen, aber jetzt hatte ich das unheimliche Gefühl, dass meine älteste Vertraute die Seiten gewechselt hatte.

War es möglich, dass ich langsam, aber sicher das Gefühl für den Zeitgeist verloren hatte? War ich unmodern geworden? Und wenn ja, was bedeutete das für mich? Ich war schon über sechzig. In nicht allzu weiter Ferne würde man mich zwingen, in Rente zu gehen, und dann würde ich mein Leben nur noch mit Horst teilen.

Diese Erkenntnis erschreckte mich mehr, als ich mir eingestehen wollte.

Als ich abends mit dem Fahrrad nach Hause fuhr, hatte sich der Himmel rosa verfärbt. Diese Dämmerungsfarbe sieht man immer nur im Frühherbst. Sie ist wie ein schwacher Nachhall der üppigen Sonnenuntergänge des Sommers. Die Stadt lag fast verlassen da, obwohl es erst halb sieben war. Seit die Leute nur noch ins neu gebaute Einkaufszentrum am Stadtrand gingen, hatte sich die alte Innenstadt in eine verlassene Kulisse verwandelt. Alle kleinen Läden wie Schneider, Schuhmacher oder Kurzwarenhändler hatten zugemacht, während draußen in den neuen sogenannten Einkaufsvierteln ein Riesengeschäft nach dem anderen eröffnet wurde, in dem man Heimelektronik und Sportkleidung kaufen konnte.

Die eiserne Spitze des Rathausturms hob sich schwarz vom Himmel ab. Unter mir glänzte die schmale, gepflasterte Straße. Ich fuhr an der Bank und dem alten Kino vorbei und steuerte die ehemaligen Lokschuppen an. Als ich endlich auf dem Fahrradweg war, holte ich tief Luft und blinzelte in die Sonne, die langsam über den Gleisen herabsank. Aber da hupte es wütend hinter mir, und ein Moped brauste so nah an mir vorbei, dass es mich am Gepäckträger streifte. Der Fahrer, ein junger Mann, rief mir etwas zu, was ich nicht verstand, was mir aber trotzdem die Laune verhagelte.

Als ich nach Hause kam, stellte ich das Rad hinterm Haus ab und eilte in die Küche. Ohne die Schuhe auszuziehen, ging ich direkt in den Keller. Das Herz flatterte mir in der Brust, ich fühlte mich seltsam angegriffen. Ich schaltete den Wasserkocher ein und nahm mir eine Tasse und einen Teebeutel mit beruhigendem Tee. Vielleicht konnte ich noch ein weiteres Bücherregal umräumen? Ich hängte meinen Mantel über den Rattanstuhl, krempelte die Ärmel hoch und wollte zu meinen Bücherkartons gehen. Da sah ich es.

Die Kartons waren weg.

Einfach weg.

An der Stelle, wo sie gestanden hatten, standen jetzt vier Säcke Zement. Ich wusste sofort, was passiert war. Horst hatte meine Bücher weggeworfen. Nun war ihm meine private Altpapiersammlung, wie er sie nannte, am Ende doch zu viel geworden.

Während ich dort stand, niedergeschmettert und zornig zugleich, fiel mein Blick auf die staubige alte Holzkiste hinten in der Ecke. Das war ein Erbstück aus meinem Elternhaus. Ich konnte mich nicht entsinnen, was darin war, es war eine Ewigkeit her, dass ich hineingeschaut hatte. Ich ging hin und machte den Deckel auf.

In der Kiste lagen alte Vorhänge, die ich von meiner Mutter bekommen, für die ich aber nie Verwendung gehabt hatte. Sie waren aus Cretonne mit einem Muster von Blumen und Pfauen. Meine Mutter hatte sie zu schön gefunden, um sie zu benutzen, und so waren sie lange bei ihr liegen geblieben. Unter den ordentlich zusammengelegten Vorhängen lag ein Schuhkarton mit braunen Papiertüten, die die Aufschrift »Vagnhärad Kurzwaren« trugen.

Ich machte eine Tüte auf. Erst begriff ich nicht, was darin lag. Ich schob die Hand hinein und holte eine dicke, weiße Schnur heraus.

Es war ein Bleiband, wie man es früher in den unteren Rand von Vorhängen genäht hatte, damit der Stoff schön glatt und gerade fiel. Die Bleigewichte fühlten sich durch ihre weiße Hülle an wie Ameisenpuppen. Auf der Rückseite der Tüte war eine Warnung aufgedruckt: »Blei ist gesundheitsschädlich. Außer Reichweite von Kindern aufbewahren!«

In dem Schuhkarton lagen mindestens fünfzig von diesen Tüten.

Es war das reinste Glück, dass meine Kinder oder Enkel sie nie aufgemacht hatten. Das hätte böse ins Auge gehen können.

Bleivergiftung (Saturnismus)

Die Bleivergiftung ist von allen Vergiftungen die häufigste. Eine Bleivergiftung ziehen sich Menschen zu, die in ihrem Beruf mit Bleipräparaten in Berührung kommen, z. B. Setzer, Buchstabengießer, Glasierer, Spengler etc. Die Symptome stellen sich schleichend ein. Die Krankheit äußert sich durch Gewichtsverlust, trockene und blasse Haut, Erbrechen, Magenschmerzen, Durst, Appetitverlust, metallischen Geschmack im Mund, blaugraue Verfärbungen des Zahnfleischrandes, Zittern und Delirium. Auch psychologische Wirkungen wie Persönlichkeitsveränderungen und nachlassende Gedächtnisleistungen sind beobachtet worden. Eine akute Bleivergiftung tritt meistens dann auf, wenn Bleizucker mit normalem Zucker verwechselt wurde. In schwereren Fällen führt die Vergiftung zum Tode.

Schwedisches Nachschlagewerk, 1936

Blei war also lebensgefährlich, aber wie genau wirkte es? Ich hatte ein Lexikon im Regal. Das war eines der ersten aussortierten Bücher, die ich aus der Bibliothek mit nach Hause genommen hatte, vor allem, weil es so eine schöne Ausgabe war, in Kalbsleder gebunden und mit Rückenprägung. Während ich meinen Tee ziehen ließ, zog ich den Band mit dem Buchstaben B heraus. Die Seiten waren glatt und mit Schwarz-Weiß-Fotos bebildert. Ich schlug das Wort »Blei« auf und ließ den Finger weitergleiten bis zu »Bleivergiftung«. Eine faszinierende Lektüre.

Neben dem verblichenen Foto eines römischen Brunnens stand dort:

»Bleivergiftungen kamen im antiken Rom häufig vor. In Unkenntnis seiner giftigen Wirkung setzte man Blei dem Wein bei, um ihn süßer und haltbarer zu machen. Sogar die Wasserleitungen waren aus Blei. Bisweilen wird die Auffassung vertreten, dass Blei der Grund für den Niedergang des Römischen Reiches gewesen sei.«

Über mir hörte ich die dumpfen Bassläufe aus Horsts Stereoanlage. Das Geräusch setzte sich durch Rohre und Wände fort und kulminierte im Bücherregal, wo die Bücher unruhig gegeneinander vibrierten. Bald würden sie in der Bibliothek auch Musik spielen. Es würde keine einzige stille Ecke mehr geben.Ich nahm einen Schluck Tee, blätterte weiter in meinem Lexikon und blieb beim Foto eines Arsenklumpens unter einer Glasglocke hängen. Offenbar war weißes und zitronenfarbenes Arsen bei den Frauen früher als Haarentfernungsmittel bekannt. Die Hausfrauen hatten damals sogar eine Mischung aus Arsen, gestoßener Asche und Sand hergestellt, mit der sie ihr feines Leinen stärkten. Das giftige Halbmetall Antimon war in Mascara gemischt worden, um einen hypnotischen Blick zu erzielen, während man großzügig ätzenden Kalk ins Spülwasser gab, um die Wäsche weißer zu machen. Mit anderen Worten: Frauen waren seit Tausenden von Jahren an Haushaltsgiften gestorben!

Nervös änderte ich meine Position im Korbstuhl und sah auf einmal etwas auf dem Boden glänzen. Ich bückte mich. Es war ein abgefallenes Stück von einem Buchrücken. Das war alles, was von meinen Kartons übrig geblieben war. Ich legte es als Lesezeichen zwischen die Lexikonseiten. An der Stelle mit der Bleivergiftung.

Als ich ins Wohnzimmer kam, war die Sonne schon untergegangen. Horst saß im Sessel vorm Fernseher. In der einen Hand hielt er ein Bier, mit der anderen umklammerte er die Fernbedienung.

»Wo bist du gewesen?«, fragte er träge.

Immer diese Fragen, ohne mich anzusehen. Damit hätte er mir ja zu große Bedeutung beigemessen. Da zog er es vor, mit mäßigem Interesse einen Bericht über ein Hockeyspiel zu verfolgen.

»Wo sind die Kartons mit meinen Büchern?«, erwiderte ich.

Er blickte auf, spürbar lebhafter.

»Was?«

»Die Bücher. Die ich in den Keller gestellt hatte.«

»Ach so, die. Ich hab dir doch schon ewig gesagt, dass du die mal wegtun sollst. Das ist doch kein Flohmarkt da unten.« Er nahm einen Schluck aus seiner Bierdose.

»Wo sind sie?«, wiederholte ich.

»Ich bin vorgestern zur Mülldeponie gefahren. Vielleicht hab ich die da mitgenommen.« Er öffnete leicht den Mund und wartete auf den Rülpser. »Du hast doch dein Bücherregal, oder? Wenn die da nicht reinpassen, musst du eben aussortieren. Das machen sie doch auch in der Bibliothek. Ist natürlich nicht besonders effektiv, wenn du den ganzen Müll dafür zu uns nach Hause schleppst.«

»Du meinst nicht, du hättest mich vorher fragen können?«

»Hätte ich sie dann denn mitnehmen dürfen?« Er schnaufte. »Das ist doch jetzt kein Grund, sich so aufzuregen! Mann, so ein paar alte vergammelte Blätter. Die ziehen doch auch Ungeziefer an. Am Ende haben wir im Keller lauter Ratten und anderen Dreck. Vielleicht war es ja kein Zufall, dass die in der Bücherei ausgemistet worden sind?«

Mein Herz klopfte heftig im Brustkorb, während ich an die schöne Ausgabe von Stolz und Vorurteil dachte und die drei Bände mit den kolorierten Frankreich-Landkarten, die in den Kartons gelegen hatten.

»Aber vier Säcke Zement sind natürlich sehr wichtig.« Ich musste um Beherrschung ringen. »Wozu hast du die eigentlich gekauft, wenn ich fragen darf?«

»Die hab ich umsonst gekriegt. Die kosten sonst zweihundert Kronen, musst du wissen. Zement gibt es nämlich auch nicht gratis.« Horst ließ den Zeigefinger träge über die Fernbedienung gleiten und stellte den Fernseher lauter.

Ich musterte sein hochrotes, gekränktes Gesicht im Schein des Fernsehers. Dann ging ich schweigend in die Küche. An der Tür stand die Schachtel mit den Bleigewichten. Ich hatte sie aus dem Keller hochgetragen, damit ich nicht vergaß, sie zum Wertstoffhof zu bringen, wo es extra eine Annahmestelle für Sondermüll gab.

Da kam mir auf einmal die Idee. Nicht klar und deutlich, sondern unmerklich und schleichend. Ohne das Licht anzuschalten, ging ich zum Fenster und machte es weit auf.

Es war erst September, doch der Wind war schon eiskalt.

Am nächsten Morgen fuhr ich früh zur Bibliothek, bevor irgendjemand anders da war. Im Einwurfkasten für zurückgegebene Bücher lagen wie immer ein paar Zigarettenkippen und zusammengeknülltes Kaugummipapier. Ich verzichtete diesmal darauf, den Müll wegzuräumen, wie ich es sonst immer machte. Stattdessen steuerte ich geradewegs die naturwissenschaftliche Abteilung an. Hinter einem kleinen Arbeitsplatz mit eingebauter Beleuchtung befand sich das Regal für Chemie. Mit dem hatte ich mich eigentlich noch nie so wirklich befasst. Das war eher das Regal, zu dem ich picklige Gymnasiasten schickte.

Handbuch der Toxikologie. Das große Chemiehandbuch. Metallurgie. Über Gifte. Chemie für Anfänger.

Ich nahm so viele Bücher mit, wie ich tragen konnte, und schloss mich in mein Zimmer ein.

In der Schule war ich in Chemie nie besonders gut gewesen, ich dachte, die Naturwissenschaften lägen mir einfach nicht so. Doch nachdem ich einmal während der Sommerferien Mathe gebüffelt hatte, war ich anschließend die Klassenbeste. Es lag also nicht an meinem Kopf, es lag an dieser Einstellung, dass ich es nicht konnte. Was den Chemieunterricht betraf, erinnerte ich mich vor allem daran, wie ein Klassenkamerad einmal ein Stück Natrium gestohlen und in die Toilette geworfen hatte. Damals hatte ich entsetzliche Angst gehabt. Aber jetzt fand ich das Fach richtig spannend.

»Die Natur ist voller todbringender Gifte. Verstopfung, Fieber und Atemnot führen oft zu einem tragischen und traurigen Anblick. Nicht selten jedoch sind die giftigen Substanzen schön anzuschauen. Das blaue Mineral Lapislazuli und der seltene grüne Lapis Armenus sind beide stark ätzend. Der Diamant mit seinen besonders scharfen Kanten kann wiederum durch langfristige Abnutzung den Darm zerstören.«

Langfristige Abnutzung. Davon wusste ich ein Lied zu singen. Ich stand auf, goss mir eine Tasse Tee ein und ließ langsam ein Stück Würfelzucker auf der Zunge zerfallen, während ich aus dem Fenster schaute. Noch hatte ich immerhin ein eigenes Arbeitszimmer. Es war das schönste Zimmer in der ganzen Bibliothek – hell und geräumig. Die Einrichtung war schlicht. Ein Tisch mit hellem Holzfurnier und ein Schubladenschrank auf Rollen. An der Wand dahinter stand ein Aktenschrank mit ein paar gerahmten Fotos von den Kindern. Eine robuste Aloe Vera in einem Tontopf auf dem Fensterbrett. Sonst gab es keinerlei Dekoration. Da ich die Einrichtung so spartanisch hielt, konnte niemand ahnen, welchen Wert dieser Raum wirklich für mich hatte. Obwohl meine Vollzeitstelle auf Grund der gesunkenen Besucherzahlen auf siebzig Prozent gekürzt worden war, hielt ich mich gerne in meinem Zimmer auf.