Altstädter Friedhof in Erlangen, 14. Mai, 10 Uhr 30, meine 35. Beerdigung, die zahlreichen Nachkommen streiten am Grab um den Fernsehsessel des 73-Jährigen (eBook) - Theobald Fuchs - ebook

Altstädter Friedhof in Erlangen, 14. Mai, 10 Uhr 30, meine 35. Beerdigung, die zahlreichen Nachkommen streiten am Grab um den Fernsehsessel des 73-Jährigen (eBook) ebook

Theobald Fuchs

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Opis

Erlangen, 1992: Im Auftrag eines Bestattungsunternehmens jobbt Physikstudent Ferdinand Degenhardt mit seinen Freunden als Beerdigungshelfer. Bald schließt sich die hübsche, geheimnisvolle Tilda der Gruppe an. Sie scheint sich besonders für verstorbene alte Frauen zu interessieren. Geht in Erlangen ein Serienmörder um? Die Polizei interessiert sich nicht sonderlich für die auffallend vielen toten Damen. Ferdinand und Tilda beschließen, auf eigene Faust eine Falle zu stellen ...

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Theobald O. J. Fuchs

 

Altstädter Friedhof in ­Erlangen 14. Mai,10 Uhr 30, meine 35. Beerdigung, die zahlreichen Nachkommen streiten am Grab um den Fernsehsessel des ­73-jährigen

 

 

 

Kriminalroman

 

ars vivendi

 

Vollständige eBook-Ausgabe der im ars vivendi verlag erschienenen Originalausgabe (Erste Auflage Dezember 2017)

 

© 2017 by ars vivendi verlag GmbH & Co. KG, Bauhof 1, 90556 Cadolzburg

Alle Rechte vorbehalten

www.arsvivendi.com

 

Umschlaggestaltung: FYFF, Nürnberg

Motivauswahl: ars vivendi

Coverfoto: © plainpicture/Hanka Steidle

 

Datenkonvertierung eBook: ars vivendi verlag

 

eISBN 978-3-86913-863-3

 

Inhalt

Alt, einsam, vergessen

Sehr schwer und viel zu früh

Der junge Selbstmörder

Der Politiker

Keine 08/15-Bestattung

Eine wirklich uralte Greisin

Der Asoziale mit dem langen Penis

Am Nachmittag eine alte und sehr einsame Frau

Nebenan ein Kind

Eine sehr kleine und leichte Person

Der Mann ohne Kopf und eine ganz gewöhnliche Oma

Die Witwe ohne Enkel

Der Kriegsinvalide

Nach Schlaganfall tot auf dem Sofa

Nach langem Kampf

In der Blüte des Lebens

Eine Einarmige

Lebenslang im Heim

Ein ganz normaler Toter

Ein Mensch, der keine Spuren hinterlässt

Der Autor

 

 

Alt, einsam, vergessen

Da es seit Tagen wie aus Kübeln goss, war allen klar, dass dieser Einsatz kein verspäteter Osterspaziergang werden würde. Im strömenden Regen würden wir über die glitschigen Steine der anderen Gräber hinweg den Sarg bis zur Grube wuchten müssen, die für ihn oder, je nach Betrachtungsweise, für die er bestimmt war. Die Seile würden triefen vor Nässe, unten in dem schlammigen Loch würden Stofffetzen, Holzsplitter und anderes Zeug, dessen Herkunft ich gar nicht so genau kennen wollte, im braunen Wasser schwimmen, und der Pfarrer, den ich schon von anderen Einsätzen hier in Marloffstein kannte, war alles, nur kein Mann der kurzen Rede.

So weit also nichts, worauf ich nicht vorbereitet gewesen wäre. Es war dies immerhin mein zweiunddreißigster Einsatz als Bestattungshelfer. Dass ich jedoch Tilda, die heute erst ihren dritten Auftrag als Blumenmädchen erledigen sollte, fünf Minuten, ehe es losging, dabei erwischte, wie sie sich an der aufgebahrten Leiche der alten Dame zu schaffen machte – das überraschte mich dann schon.

Der Pfarrer, der in seinem Kabuff hinter der Aufbahrungshalle noch eine Zigarette rauchte, sprach mit Hausmayr, dem einzigen festen Mitarbeiter unseres Bestattungsunternehmens, im Plauderton über eine Beerdigung in der Vorwoche, während der ein älterer Herr im Publikum einen Herzinfarkt erlitten hatte.

»Gott sei dank war’n die Sanitäter da. Ich hätt kei zweite Kiste dabeig’habt«, sagte Hausmayr.

»Ein Freund der Familie war es«, ergänzte der Pfarrer. »Ich wäre beinahe zu spät zu meinem nächsten Termin gekommen …«

»So eine Sach kann echt den ganzen Ablauf durcheinanderbringen«, verkündete Hausmayr eine Erkenntnis, die er den vielen Hundert zurückliegenden Bestattungen seines bisherigen Berufslebens mühsam abgerungen hatte.

Ich raffte mich auf und wandte mich an meinen Chef: »Ich will Sie nicht unterbrechen, aber meinen Sie nicht, wir könnten nun langsam den Deckel zumachen?«

»Ja klar, da schaut etz niemand mehr nei«, sagte Hausmayr.

»Wieder so eine traurige Angelegenheit«, seufzte der Geistliche und blies eine Rauchwolke in die Luft. »Drei Mitbewohner aus dem Heim sind hier, wahrscheinlich die einzigen, die noch laufen können. Ansonsten: keine Angehörigen, nichts, niemand. Ich musste mir die Ansprache komplett aus den Fingern saugen.«

Ich ging derweil nach nebenan, wo der offene Sarg stand, in dem die alte Frau nun lag, kalt und starr in ihrem schwarzen Kleid, einen Rosenkranz zwischen den verschränkten Fingern, und kein Mensch schien sich für sie oder das Leben, das sie ja bis vor Kurzem wie auch immer auf ihre Weise gelebt hatte, zu interessieren. Offenbar niemand außer Tilda.

»Was tust du da?«, fuhr ich sie grob an, wobei ich mich des Flüstertons bediente, den wir alle instinktiv anschlugen, sobald wir uns auf dem Friedhof oder in den Kapellen und Aufbahrungsräumlichkeiten aufhielten.

Mit der größten Verblüffung, derer ich fähig war, sah ich, wie Tilda an dem Leichnam hantierte, wie sie sich ungeschickt abmühte, trotz des steifen Halses der Toten deren grauhaarigen Kopf anzuheben, um irgendetwas im Nacken zu erkennen.

Unsere Aufgabe war es, für einen würdigen und reibungslosen Transport der Verstorbenen aus der Aussegnungshalle hinaus auf den Gottesacker bis zum Grab zu sorgen, das ja trotz allem für jeden Einzelnen von uns irgendwo in der mehr oder weniger fernen Zukunft wartet. An den Verstorbenen herumzufummeln und mit den im Sarg gebetteten Körpern gymnastische Übungen anzustellen, stand definitiv nicht auf unserer To-do-Liste.

Tilda sah mich mit ihren undurchdringlichen blaugrauen Augen an.

»Äh, ich weiß nicht«, sagte sie, »ich dachte mir nur, ich schau mal, nicht dass sie nur scheintot ist oder so …«

»Was?!«, fauchte ich, denn ich fühlte mich als oberster Sargträger natürlich für den reibungslosen und würdigen Ablauf der Veranstaltung verantwortlich. »Spinnst du?«

»Na ja, es könnte doch sein, dass da einer mit einer Spritze ins Genick gestochen hat.«

»Du bist wohl völlig bekloppt! Raus hier jetzt. Da kommt Henry, wir sind gleich an der Reihe und müssen noch den Deckel festschrauben.«

Zusammen mit mir traten an diesem Tag Georg-Wilhelm, Tobias und der große Henry an. Oben auf dem Marloffsteiner Berg lag links von der Hauptstraße, schon ortsauswärts in Richtung des Wasserturms, ein trauriger Friedhof. Sein unebener Boden bestand aus schwerem Lehm, weshalb auch die Grube, die man freundlicherweise vorbereitet hatte, nicht tiefer als ein Meter fünfzig und mit Wasser vollgelaufen war. Außen um das Grab waren schmierige Holzbohlen ausgelegt. Alles, was für eine traurige Feierlichkeit an einem traurigen Tag eben nötig war. Doch immerhin, als das erbarmenswerte Häuflein schwarz gekleideter Gäste den steilen Weg von der Kirche unten im Dorf zum Friedhof hinaufzockelte, hatte das Wetter ein Einsehen, und es hörte auf zu regnen.

Nur mit einiger Anstrengung schafften wir den Sarg die Treppe vor der Kapelle hinab, den schmalen Pfad entlang, der vom Hauptweg abzweigte, und übers Eck ans Grab. Die Seile reichten von der Länge her zwar zehnmal, aber als wir abgelassen hatten, waren sie über und über mit Schlamm verdreckt. Tobias konnte sein Seil nicht mehr herausziehen, da Henry es ungeschickt geworfen hatte, sodass es verkantete. Georg-Wilhelm schaffte es zwar, seines nach oben zu ziehen, aber es war durchtränkt vom Wasser in der Grube, und gerade während wir uns verbeugten, rutschte es schön langsam wie eine Schlange von dem glitschigen Brett wieder hinab ins Loch. In unserer Verbeugung lag wie immer echtes Mitgefühl, denn keinem von uns war es möglich, ungerührt zu bleiben, wenn ein toter Mensch für immer unter der Erde verschwand. Nicht einmal Hausmayr, der ein Gemüt wie ein Metzgershund hatte, konnte sich der Traurigkeit dieses Augenblicks völlig entziehen. Then off we go and smile, dachte ich, als wir vom Grab zurücktraten. Irgendwie fühlten wir uns immer auch ein wenig wie Rockstars, nur dass niemand klatschte, wenn wir von der Bühne abgingen.

Den schwarz drapierten Wagen, mit dem wir den Sarg das erste Stück gefahren hatten, brachten wir zurück in den Werkzeugschuppen, dann versammelten wir uns draußen an der Friedhofsmauer und warteten auf Tilda, die noch die paar wenigen Blumengestecke auf dem flachen Erdhügel des Aushubs verteilte, den der Friedhofsdiener aufgeschüttet hatte.

Während wir so dastanden, schob die Sonne die Wolken zur Seite und schickte alles, was sie seit heute Morgen an Strahlen aufgespart hatte, herab zur Erde. Ich schloss die Augen und genoss die Wärme auf meinem Gesicht. Dabei gingen mir Tildas seltsame Äußerungen am Sarg der toten Frau durch den Kopf. Eine Spritze im Genick, dachte ich, was für ein Unsinn! Zugleich fiel mir allerdings wieder ein, dass es erst vor Kurzem einen sehr unschönen Vorfall gegeben hatte, bei der Aufbahrung einer uralten Frau, die ganz ähnlich wie hier praktisch ohne Angehörige ihre letzte Reise angetreten hatte. Sehr lebhaft stand mir wieder das Bild vor Augen, wie Hausmayr, der schon den Sargdeckel herbeitrug, plötzlich und im krassen Kontrast zum pietätvollen Ambiente zu schimpfen begann wie ein Kesselflicker. Es gelang uns notdürftig, den rötlich schwarzen Blutfleck, der sich in der letzten Viertelstunde – von uns unbemerkt – ausgebreitet haben musste, vor den Blicken der drei wackeligen Greisinnen, die noch in der letzten Minute Abschied nahmen, zu verbergen, indem wir das weiße Kissen, auf dem der Kopf der Toten lag, einfach umdrehten. Hausmayr hatte sich später nicht mehr dazu geäußert, weswegen ich davon ausging, dass so etwas eben im Bereich des Normalen lag. Denn auch nach fast einem Jahr im Bestattungsgeschäft fühlte ich mich oft noch wie ein Lehrling, der gut daran tat, den Mund zu halten.

»Und, was habt ihr noch so vor?«, fragte Henry und zündete sich eine Zigarette an.

»Ich fahr zurück in die Stadt, muss noch ein paar Präparate fertig machen«, sagte Tobias, der im zehnten Semester Biologie studierte. Seine Leidenschaft war die Botanik, und nicht selten wies er uns auf interessante Gewächse hin, die zwischen den Gräbern gediehen. Es war deshalb auch nicht verwunderlich, dass er innerhalb unserer Clique der Experte für pflanzliche Rauschmittel im Allgemeinen und Cannabis im Speziellen war.

»Ich komme mit dir«, sagte Georg-Wilhelm, der sich, um Spötter zu entwaffnen, mit sozusagen vorauseilender Ironie selber gerne »Der Zweite« nannte. Er studierte Politik und Geschichte mit Schwerpunkt zwanzigstes Jahrhundert, wobei er seit dem Fall des Eisernen Vorhangs vor wenigen Jahren sich intensiv mit den Landstrichen beschäftigte, die ehemals zur k.-u.-k.-Monarchie gehört hatten: Tschechien, Galizien, Slowenien, Siebenbürgen, Ukraine, Kroatien und so weiter – in kürzester Zeit war er schon überall hingereist und hatte abenteuerliche Geschichten mitgebracht.

Hausmayr erschien in der Pforte, gefolgt von Tilda. Er kam zu uns rüber, drückte mir den Umschlag mit dem Lohn für alle in die Hand und verabschiedete sich bis in drei Tagen, wenn wir in Steudach unseren nächsten Einsatz haben würden.

Ich verteilte das Geld: dreißig Mark für jeden Träger, zwanzig für das Blumenmädchen. Trinkgeld hatte es diesmal nicht gegeben, aber auch so war unsere Bezahlung fürstlich für die insgesamt vielleicht vierzig Minuten Arbeit, da konnte auch nicht irgendein anderer Job in der Spedition oder auf der Messe mithalten.

»Und du?«, fragte ich Tilda. »Jetzt, wo das Wetter mit einem Mal so schön ist, sollten wir das würdigen. Hast du noch Bock auf Biergarten, gleich drüben in Adlitz?«

Tilda runzelte die Stirn, sie schien verschiedene Möglichkeiten gegeneinander abzuwägen. Endlich traf sie eine Entscheidung: »O. k., warum eigentlich nicht. Auf ein Bier aber nur, ja?«

Während Tobias sich für Auswärtseinsätze den Wagen seiner Mutter auslieh, besaß Tilda ein eigenes Auto. Ich machte mir in meiner jugendlichen Einfalt keine großen Gedanken darum, ob sie wirklich großen Genuss dabei empfand, uns durch die Gegend zu kutschieren, sondern sah vor allem den Vorteil für uns alle, wenn wir einen Gig außerhalb der Stadt hatten.

Carpe diem, hatte einer dieser alten Römer dazu gesagt, pflücke den Tag, das war mir vom Lateinunterricht im Gedächtnis geblieben. Das Frühjahr stand in voller Blüte, am gestrigen Montag hatte das Sommersemester begonnen, ich sah cool aus in meinem schwarzen Anzug mit dem weißen Hemd und der schwarzen Krawatte – was konnte jetzt noch verhindern, dass wir einen wunderbaren Nachmittag zusammen verbringen würden?

»Hey, wenn das so ist, komme ich mit in den Biergarten«, rempelte in dieser Sekunde Henry meine idyllischen Gedanken über den Haufen.

Zehn Minuten später streckten wir unsere Beine unter einen Tisch im Biergarten Zur Ludwigshöhe und stießen mit den Gläsern an. Tilda hatte sich oben am Ausschank ein Radler bestellt, und mir war aufgefallen, dass sie sich etwas misstrauisch umgesehen hatte, als wir auf der anderen Straßenseite die kurze Treppe auf die geschotterte Terrasse hinabgestiegen waren. Vielleicht hatte ich mich auch getäuscht und sie war lediglich von dem ihr unbekannten Ort verunsichert, wobei ihr die landauf, landab berühmte grandiose Aussicht weit hinaus in die Fränkische Schweiz natürlich imponierte. Das gehörte sich schließlich auch so, wenn man aus Nürnberg kam und das erste Mal in Adlitz einkehrte.

»Na, wie war das heute für dich?«, fragte Henry und nahm einen großen Schluck.

Tildas Blick wanderte zwischen Henry und mir hin und her. Ich lächelte ihr auf eine bestimmte Art und Weise zu, mit der ich ihr versichern wollte, dass ich mit Henry kein Wort über den Vorfall vorhin am offenen Sarg gesprochen hatte.

»Gut«, sagte sie schließlich. »War aber auch nicht viel zu tun.«

»Ja, aber das ist nicht immer so«, lachte Henry. »Letztes Jahr, ich glaube, im Oktober, hatten wir eine lokale Berühmtheit, einen Alleinunterhalter, der sich totgesoffen hatte, da sind die beiden Frauen von der Gärtnerei kaum mit den Bergen von Blumen zurande gekommen … Ich meine, Hausmayr hatte heute einfach viel mehr Leute erwartet.«

»Ich aber auch«, mischte ich mich ins Gespräch. »Weil Frau Duschner noch gesagt hatte, das ganze Altenheim würde da sein.«

Es war wohl ein nur allzu menschliches Bedürfnis, die Vorgänge während der Bestattung hinterher Revue passieren zu lassen. Eine Art Spielkritik war uns bald zur Gewohnheit geworden, während wir nach der Begegnung beim Bier zusammensaßen. Nur dass wir im Gegensatz zu den Profifußballern nicht über aufgezeichnete Fernsehbilder verfügten.

»Aber der Pfarrer sagte dann ja schon vorher, dass die verstorbene alte Frau ein vollkommen ereignisloses Leben geführt hätte«, ergänzte Henry dementsprechend.

Ich zog den Beipackzettel aus der Tasche meines Jacketts: »Geboren 1907«, las ich vor, »gestorben am 1. Mai 1992, evangelisch, ledig. Am Tag der Arbeit also«, fügte ich hinzu, »seltsam, finde ich, am Tag der Arbeit zu sterben, wo doch alle freihaben …«

Eine vertrocknete alte Jungfer, die den anderen den Spaß verdirbt, dachte ich unwillkürlich und schämte mich sogleich für meinen ätzenden Zynismus, den ich trotz meiner besten Absicht nicht zuverlässig unterdrücken konnte. Es war mir schon bald bewusst geworden, dass ich nicht anders konnte, als mir das Leben unserer Klienten (wie wir zu den kalten Körpern der Verstorbenen sagten) auszumalen, und zwar oft bis in abseitige Details, und ich hatte mir schon des Öfteren vorgenommen, die anderen zu fragen, ob in ihnen ähnliche Vorgänge abliefen.

Henry leerte schwungvoll sein Glas und stand auf.

»Eins geht noch, oder?«, verkündete er und machte sich auf zum Tresen. Endlich konnte ich mit Tilda unter vier Augen sprechen.

»Entschuldige bitte, dass ich dich vorhin angeblafft habe. Aber was sollte das denn werden?«

Sie zögerte zu antworten, zuckte stattdessen mit den Schultern und spreizte den Mund zu einem Lächeln, als wäre sie ein kleines Mädchen, das etwas Verbotenes getan hat, aber bereits weiß, dass man ihr verzeihen wird.

»Ich meine das schon ernst«, hakte ich nach. »Weil …«

Sie spielt auf Zeit, alles klar, dachte ich – verdammt! Vielleicht ist sie ja irre im Kopf, aber ich würde sie deswegen niemals aus der Truppe schmeißen, dafür ist sie viel zu scharf, ein Missverständnis wird es gewesen sein, und warum musste dieser Dämlack von Henry mitkommen, ich wäre jetzt zu gerne alleine mit ihr, aber habe ich überhaupt noch etwas zu sagen hier …?

»Das mit dem ›scheintot‹ war nur ein Witz«, unterbrach sie in diesem Moment meine galoppierenden Gedanken.

»Ist schon o. k.«, sagte ich mehr an mich selbst als an irgendjemand anderen gerichtet. »Es ist nur so, dass ich …«

»Et voilà!!«, röhrte Henry dazwischen, der mit drei vollen Gläsern vom Ausschank zurückkehrte.

Schlussendlich und global betrachtet verlief der Besuch im Biergarten nicht so, wie ich erhofft hatte. Enttäuschte Erwartungen – wie tausendfach erprobt der wichtigste Quell für schlechte Laune. Tilda machte, als wir zurück in Erlangen waren, unmissverständlich klar, dass sie noch etwas zu erledigen habe, setzte uns am Lorlebergplatz ab und sauste davon.

»Du, Ferdinand, du rufst mich beim nächsten Mal wieder an, ja?«, hatte sie zum Abschied gesagt, und irgendwo hatte mich der Befehlston geschmerzt, den ich aus diesem Satz herauszuhören glaubte. Mir blieb keine Ausflucht mehr: Ich hatte mich in sie verguckt und keinen Plan, was ich nun tun musste, um ihr Herz zu gewinnen.

Zum krönenden Abschluss der ganzen Misere fand ich meinen schwarzen Anstecker mit dem weißen Schriftzug »Bestattungsunternehmen Duschner« nicht mehr, ich musste ihn während der Schlammschlacht irgendwo verloren haben … da stand ich dann mit meinem schwarzen Anzug am Anfang der Marquardsenstraße, meine Schuhe mit Lehm verkrustet, und hatte nichts weiter vor. Weshalb ich, wie es nicht anders zu erwarten war, mit Henry im Cycles landete, mir von meiner Gage noch ein oder zwei Bier leistete und mich in ein endloses Gespräch über die neue Platte von The Cure verwickelte. Meine Übungsaufgaben für die Statistische-Thermodynamik-Vorlesung am nächsten Tag würde ich wie gewöhnlich irgendwann in der Nacht erledigen.

In das kleine Notizbuch, in dem ich die wichtigsten Einzelheiten einer jeden Bestattung festhielt, schrieb ich an diesem Abend: »Marloffstein, eine Frau, 85 Jahre, keineAngehörigen. Das Grab ist ein einsamer Ort, aber ein erschreckend großer Teil unserer Kundschaft scheint bereits die letzten Lebensjahre mutterseelenallein zu fristen.«

Tildas Interesse für den Leichnam der alten Dame fand ich in diesem Moment nicht weiter erwähnenswert, doch später musste ich mir eingestehen, dass es besser gewesen wäre, ich hätte hartnäckiger nachgehakt. Denn auch, wenn es nie geklärt wurde, muss ich heute davon ausgehen, dass wir, ohne es zu ahnen, ein Mordopfer beigesetzt hatten.

 

Sehr schwer und viel zu früh

Neben meinem Studium an der Friedrich-Alexander-Universität in Erlangen arbeitete ich seit Oktober 1991 für die Firma Duschner. Etwa zwei oder drei Mal pro Woche ging es auf einen der Friedhöfe in der Stadt oder in den Vororten und Gemeinden in der Umgebung: zum Westfriedhof in Steudach, zum Zentralfriedhof oder dem Altstädter Friedhof, nach Büchenbach, Eltersdorf oder Bruck, nach Frauenaurach, Kriegenbrunn, Langensendelbach, Dechsendorf, Spardorf oder Marloffstein. Das Bestattungsinstitut hatte seine Geschäftsräume im Süden der Stadt, wo ich nach einiger Zeit auch im Sarglager oder im Büro aushalf.

Angefangen hatte es mit einer tiefgreifenden Störung meines bisherigen Studentendaseins, in dem ich es mir behaglich eingerichtet hatte: Unweigerlich war der Augenblick gekommen, in dem ich eine Diplomarbeit anfertigen musste. Das bedeutete, dass ich ab diesem Sommersemester jeden Tag am Lehrstuhl für Experimentalphysik verbringen würde. Jeden Tag, von früh bis spät, als würde ich dort einen regulären Arbeitsplatz haben. Den ich genau genommen ja auch hatte – nur eben ohne dafür bezahlt zu werden. Das Konzept einer vorlesungsfreien Zeit im Frühjahr, Spätsommer oder Herbst gehörte von nun an ebenfalls der Vergangenheit an. Es bestand also keine Möglichkeit mehr, vier oder sechs Wochen hintereinander zu arbeiten wie ein Ochse, um dann wieder drei Monate unbeschwert von dem Ersparten zu leben.

Es war gewiss nicht so, dass es für Studenten keine Arbeit gab. Ich hatte in der Vergangenheit schon als Umzugshelfer beim Spielzeughändler Vedes in Nürnberg oder als Nachtwächter in der Erlanger Heinrich-Lades-Halle gearbeitet, wo man im Jahr zuvor vorübergehend Asylbewerber untergebracht hatte. Und nicht einmal schlecht verdient hatte ich dabei. Doch entweder empfand ich die Arbeit rasch als unerträglich – ab morgens um halb sieben stapelweise Kartons aus einem Gebäude in ein anderes tragen, das exakt so aussah wie das alte –, oder der Job war befristet, da man in Windeseile ordentliche Unterkünfte für die Menschen aus Bulgarien, Ghana und dem Irak aufgetan hatte. Freilich hätte ich auch jederzeit bei meinem Vater in der Baufirma arbeiten können, aber diese Option entbehrte jeglicher Coolness. Ich hätte in meinem alten Zimmer im Hause meiner Eltern gewohnt, jeden Tag mit meinem Vater ein freudloses Frühstück vertilgt, begleitet von lieb gemeinten, aber auf Dauer nervtötenden Spötteleien über den »Herrn Akademiker« oder den »Meister Studiosus«, der wohl noch nicht ganz wach sei.

Nein. Ich war felsenfest überzeugt, dass sich rechtzeitig eine bessere Möglichkeit ergeben würde, und so befand ich mich nach Abschluss der letzten Vorlesungen, die ich in diesem Semester besucht hatte, auf der notorischen Suche nach einem regelmäßigen Job, der mit möglichst wenig Arbeit möglichst viel Geld einbringen sollte.

Lars, der mit mir im selben Semester das Physikstudium angetreten hatte, und ich waren in der Mensa gewesen. Es hatte ein Reismatschgericht mit Hühnerknorpeln und Paprika aus der Dose gegeben. Wir stocherten angewidert in den Zähnen, während wir, wie nun schon seit Wochen, die Aushänge am Schwarzen Brett des Studentenwerks musterten und nach neuen Angeboten suchten. Im Anschluss wollten wir unsere tägliche Partie Billard spielen, im Keller des Wohnheims, gleich nebenan in der Henkestraße, wo Lars hauste und wo auch der Getränkeautomat stand, der uns mit zwei eisgekühlten Flaschen Coca-Cola zum Nachtisch beglücken würde. Obwohl ich nun schon seit vier Jahren nicht mehr zu Hause auf dem Dorf wohnte, lag in der simplen Tatsache, dass ich rund um die Uhr und ohne mir endlose Vorträge zur Schädlichkeit der Limonade für meine Gesundheit anhören zu müssen, ganz einfach für je achtzig Pfennig eine Flasche Coke nach der anderen kaufen konnte, immer noch ein Quell unermesslicher Freude.

Wir wollten gerade losziehen, da entdeckte ich den Aushang des Beerdigungsinstituts. Lars hatte den Zettel schon vor mir gelesen, die Annonce jedoch für einen Scherz gehalten. »Junge Männer zur Mithilfe auf dem Friedhof gesucht«, stand da. »Angemessene Bekleidung wird vo­rausgesetzt. Fürstliche Entlohnung garantiert!«

Wir telefonierten vom Münztelefon des Studentenwerks aus mit Frau Duschner, der Inhaberin des Bestattungsinstituts. Sie zeigte sich erfreut, da sie seit Tagen vergeblich auf den ersten Anruf gewartet hatte, und lud uns ein, sofort zu ihr ins Büro zu kommen, um alles zu besprechen. Sie sei gerade vor Ort und rein zufällig auch nicht »wegen der Betreuung eines unserer Klienten« unabkömmlich.

Lars, den manche auch den »Freak« nannten, sah mich mit gerunzelter Stirn an. »Was, wenn das eine Falle ist? Wenn sie uns tötet und zu Wurst verkocht?«

»Du Scherzkeks«, entgegnete ich. »Du liest zu viele schlechte Horrorromane.«

»Hey, nichts gegen Stephen King!«

Lars war fanatischer Anhänger des Grusel-Genres, das wusste jeder, und wir verdächtigten ihn regelmäßig, selbst an einem Splatter-Trash-Zombie-Epos zu werkeln, was Lars jedoch hartnäckig leugnete.

Ich hatte keine Lust, mich auf eine der endlosen Diskussionen einzulassen, für die Lars berühmt war. Wenn er von etwas überzeugt war, verteidigte er seinen Standpunkt vehement und so ausdauernd, bis seinen Gegnern Blut aus den Ohren kam. Es sei denn, jemand verweigerte das Gespräch. Dann folgte Lars denen, die handelten.

Wir bestiegen also die Räder und fuhren hinaus in die Schenkstraße, wo uns die Inhaberin des Familienunternehmens Duschner-Bestattungen in dem schattigen, schwarz verhangenen und ausnahmslos in dunklen Farben gehaltenen Zimmer empfing, das gleichzeitig Büro der Geschäftsführung, Beratungsstelle für Angehörige und Pausenraum Herrn Hausmayrs war.

Frau Duschner thronte hinter einem absolut leeren, großflächigen und aus graubraunem Holz gefertigten Schreibtisch, der wie ein Granitblock das gesamte Interieur mit Schwerkraft versorgte. Frau Duschners Äußeres dürfte sich mit »extravagant« noch am ehesten charakterisieren lassen. In Gestik und Mimik eine vollendete Dame Mitte der fünfzig, gekrönt von einer gewagt-geschwungenen Dauerwelle, gewandet in aufgeplusterte Rüschenblusen und wallende Faltenröcke, ihr Gesicht stets hinter einer fingerdicken Schicht Make-up verborgen. Gold- und Silberschmuck, der bei jeder Bewegung klimperte, ließ ihre ganze Erscheinung von Kopf bis Fuß glitzern und funkeln, ein Effekt, der natürlich perfekt auf die höhlenartige, gedeckte Dumpfheit der Räumlichkeiten abgestimmt war.

Frau Duschner verheimlichte in keinem Augenblick ihr Faible für junge und – wie sie es ausdrückte – »noch knackige« Männer. Sie zwinkerte uns verschwörerisch zu (wobei zwei oder drei Bröckelchen Tusche aus ihren Wimpern kullerten) und stellte uns vom Fleck weg ein.

Konkret erhielten wir den Auftrag, eine ausreichende Anzahl junger Herren – bevorzugterweise Studenten – aufzutun, die in der Lage waren, jeder für sich seinen Körper in einen schwarzen Anzug zu hüllen und in Gruppen zu vieren gemeinsam eine schwere hölzerne Kiste über eine Strecke von höchstens zweihundert Metern zu tragen.

Die Dienste als Träger, aber auch als Helfer für diverse Aufgaben vor und während Bestattungen, Aussegnungen oder beim Einsargen, würden kurzfristig angefordert werden, Frau Duschner erachtete zwölf Stunden Vorwarnzeit für mehr als ausreichend.

»Der Tod schläft nicht, wissen Sie?«

Lars und ich wurden zu Ansprechpartnern ernannt: Man würde uns telefonisch Orts- und Zeitkoordinaten durchgeben, woraufhin wir in Eigenregie das Team zusammenstellen und die Verantwortung dafür übernehmen würden, dass die angeforderte Anzahl korrekt gekleideter junger Männer zur rechten Zeit auf dem jeweiligen Friedhof bereitstünde.

»Man kann eine Beerdigung nicht wiederholen« – so lautete der Leitspruch des Unternehmens.

Die Bezahlung, die uns in Aussicht gestellt wurde, war für die damalige Zeit, als man für sechs fünfzig oder sieben Mark die Stunde in der Druckerei Prospekte falten durfte, geradezu pervers gut: dreißig Mark für einen Standardeinsatz, zusätzliche Hilfsdienste fünfzehn Mark, für den Vermittler, also Lars oder mich, fünf Mark extra, plus üblicherweise für alle ein Trinkgeld von den Angehörigen. Lars und ich mussten nicht lange nachdenken, diese Sache war genau nach unserem Geschmack.

Zurück im Wohnheim machten wir uns daran, eine Liste der potenziellen Träger zu erstellen. Wir sammelten alle verfügbaren Telefonnummern auf einem karierten Blatt Papier aus meinem Ringbuch. Mindestens zehn bis zwölf Leute waren Voraussetzung, denn davor hatte uns Frau Duschner gewarnt: Man würde immer auch damit rechnen müssen, zwei Leichen zur selben Uhrzeit an verschiedenen Orten verarzten zu müssen.

Zum Telefonieren radelte ich rüber in meine Bude, die ich in der Marquardsenstraße hatte. Wir wohnten zu fünft im ausgebauten Dachboden eines vierstöckigen Hauses, mit einem Klo und keiner Dusche, aber mit einem Telefon, dessen Schnur lang genug war, dass sie in jedes Zimmer reichte. Als ich ankam, telefonierte gerade meine Nachbarin Magdalena mit ihrem Freund in Freiburg.

Als sie sich nach zehn Minuten endlich leer geplappert und die Einheiten ihres Anrufs in die Kladde, die unter dem beigebraunen Telefonapparat der Deutschen Bundespost lag, eingetragen hatte, schnappte ich mir das Ding und telefonierte bis beinahe Mitternacht. Zwei Mal klopfte jemand, der auch gerne jemanden angerufen hätte, an der Tür und fragte, wie lange es bei mir noch dauerte, und ich gab meine übliche Antwort: »Ewig nicht mehr, aber schon noch eine Weile.«

Mein Nachbar Matthias, der mit Lars und mir im selben Semester studierte, kam vorbei und fragte, ob er sich ein Buch über Elektrodynamik ausleihen dürfe. Ich überlegte kurz, ob ich ihn auch anheuern sollte, aber Matze war einfach einen Tick zu vergeistigt. Er angelte sich das Theoriebuch aus dem Regal, legte sich damit auf mein Bett und begann in den Formeln zu schmökern. Er vergaß seine Umwelt und verschwand erst dann wieder, als ich ihn darauf aufmerksam machte, dass er sich momentan nicht in seinem eigenen Zimmer aufhielt. So gern ich ihn mochte, aber wenn es jemand schaffen würde, sich selbst in einem Grab zu vergessen, dann er. Nein, ausgeschlossen.

Herrn Hausmayr lernten wir dann bei unserem ersten Einsatz kennen, der »Feuertaufe«, wie er dieses Ereignis nannte. Hausmayr war ein Kerl wie ein Pfund Wurst: ebenso hoch wie breit, mit einer bürstenförmigen Rotzbremse, die unter seiner Nase prangte. In seinem Kopf moderten unsortierte Überbleibsel der zwölf Jahre, die er bei der Bundeswehr verbracht hatte – ein entlassener Kasernenhof-Tyrann, ein ewiger Spieß, ein menschlicher Holzklotz, aber im Kern seines Wesens ein gutmütiger und herzlicher Mann, der uns mit Liebe und Geduld in das Bestattungswesen einführte.

Eine von Hausmayrs Aufgaben war, auf unsere Kleidung zu achten. Ich erschrak beinahe zu Tode, als er mich zum ersten Mal wegen meiner Krawatte ansprach, deren Knoten ihm nicht hundertprozentig gefiel.

»Darf ich sie anfassen?!«, brüllte er, und ich zuckte zusammen. Ich dachte im ersten Moment nur, Hausmayr wolle mir die Faust ins Gesicht rammen.

Ohne meine Antwort abzuwarten, zog und zerrte er an der Schlinge um meinen ungedienten Hals, bis ich so aussah, wie er es haben wollte.

Vom ersten Augenblick an war Tobias sein absoluter Liebling. Der war zwar auch nicht bei der Bundeswehr gewesen, da er sehr weitsichtig war und zum Lesen eine starke Brille brauchte. Aber Tobias legte bei allen Gelegenheiten großen Wert auf seine Garderobe, selbst im Schwimmbad oder im Chemielabor. Und er wusste, dass viele Frauen seine seidigen Haare bewunderten, die er mit Hingabe pflegte. Es versteht sich von alleine, dass er in unserer Clique der modische Anführer war – er gab vor, welche Frisuren angesagt waren, welche Schuhe und welche Hemdkragen. Ganz uneitel war er dabei nicht, aber er musste sich einfach nicht anstrengen, jemanden von seiner Geschmackssicherheit zu überzeugen, es reichte ihn zu sehen und zu wissen, was chic war und was nicht.

Von Anfang an war klar gewesen, dass es unseren Auftraggebern vor allem um Äußerlichkeiten ging, die körperliche Eignung für die nicht selten schwere Arbeit war hingegen kein Kriterium. Lars und ich waren kleiner als der männliche Durchschnitt und beide dürr wie indische Fakire, was mit unserer spartanischen Lebensweise im Zeichen der Mathematik vollkommen harmonierte. Weder von fern noch von nah machte einer von uns den Eindruck, als wäre ihm der Beruf des Möbelpackers von der Natur auf den Leib geschrieben worden.

Umso heterogener setzte sich schlussendlich die Kerntruppe zusammen. Während der nächsten Tage sprachen wir nach den Vorlesungen wahllos Kommilitonen und alle im Wohnheim an, die nicht, ehe wir bis drei zählen konnten, um die nächste Ecke geflüchtet waren. Außer Tobias waren von Anfang an Henry, Georg-Wilhelm und Richard, ein übergewichtiger Kumpel von Lars, dabei.

Henry war eine Nummer für sich, baumlang und schlaksig wie ein Zirkusartist, sein Spitzname: »Kolben«. Ein Student der Biochemie, der behauptete, Gefühle alleine mit chemischen Prozessen erklären und seinen Gemütszustand in einem Erlenmeyerkolben nachkochen zu können. »Stress, Angst, Freude, Müdigkeit?«, verkündete er. »Das sind unwissenschaftliche Beschreibungen aus der vorwissenschaftlichen Vergangenheit. Was wirklich zählt, sind Adrenalin und Cortisol, Endomorphine, Lithium und Insulin. Die mische ich dir zusammen, so wie du es gerade brauchst!«

Hinzu kamen im Weiteren noch Nachbarn aus dem Wohnheim: unter anderem zwei etwas kleiner geratene Jürgen (Kragel und Nacke mit Nachnamen), der eine Jurist, der andere ein durch und durch unauffälliger, um nicht zu sagen langweiliger Elektroingenieur. Ferner waren in der ersten Auflage unseres Mitarbeiterverzeichnisses mehrere Freunde von Jürgen Kragel aufgelistet, ein Geologiestudent, dessen Namen ich vergessen habe, und noch zwei oder drei andere, denen weder Lars noch ich zuvor jemals begegnet waren. Und später, aber dann sehr regelmäßig, der Mathematiker Egidius, der allerdings einen tragischen Hang zur Speckigkeit hatte.

Unsere erste Beerdigung fand dann am 2. Oktober in Steudach auf dem jeglichen Prunk entbehrenden Westfriedhof statt, also am Tag vor dem neuen Nationalfeiertag der Deutschen Einheit, den wir instinktiv ablehnten, da wir ja jung, links und gegen alles waren. Die Frau, die wir bestatteten, starb jung, lebte gerade mal von 1949 bis 1991, war aber schwer wie ein Sumoringer. Außerdem war der Sarg aus edlen, schweren Hölzern gefertigt und mit einem überbordenden Blumenbukett beladen.

Beim Beerdigen von Erwachsenen gab es wie in der belebten Natur zuallererst und vorherrschend ein Kriterium zu beachten: War es ein Mann oder eine Frau? Diese Unterscheidung war sehr wichtig, wie wir im Verlauf der Monate lernten, denn Männer sind im Schnitt schwerer, und bei Männern ist das Gewicht anders verteilt, das Fußende ist meistens sehr viel leichter als das Kopfende. Freilich kam uns ab und zu auch eine Frau mit starkem Übergewicht unter, aber das war zu jener Zeit noch extrem selten. Richtig adipöse Menschen kannten wir nur aus dem Fernsehen, in Berichten aus Amerika.

Die Trauer der Familie war herzzerreißend. Für uns war es ein Job – für sie war es ein brutaler Schicksalsschlag, brutaler als alles, was sie sich in den schlimmsten Albträumen hatten ausmalen können. Uns wurde richtig elend zumute, obwohl wir de facto nur unbeteiligte Statisten waren, uns quasi als die Kulisse dienstbar machten, vor der der Abschied vollzogen wurde. So gut konnten wir den Schmerz der Hinterbliebenen nachempfinden, dass wir hinterher noch eine Stunde oder länger kaum ein Wort mehr als notwendig redeten. Unser Auftritt war beendet, wenn der Sarg in der Grube ruhte und der Transportwagen wieder im Schuppen verstaut war. Völlig ausgeschlossen war es, dass der Bestatter oder seine Helfershelfer jemals am Leichenschmaus teilgenommen hätten.

Sofort nachdem ich wieder in der Stadt war, kaufte ich mir das schwarze Notizbuch, um fortan ein Beerdigungstagebuch zu führen. Darin verzeichnete ich, dass die Verstorbene Gisela Schewtschenko geheißen hatte und dass Lars, der Freak, zwei Mädchen aus der weiteren Verwandtschaft gekannt hatte. Mit der Pfarrerin waren wir alles andere als einverstanden gewesen, und obschon sie natürlich nichts für ihre kreischende Stimme konnte, machte sie auf mich den Eindruck einer herrischen Fuchtel, vielleicht, weil sie mich an eine Deutschlehrerin am Gymnasium erinnerte, die mich regelrecht gefressen hatte. Als Schmankerl – vom Fachmann für den Kenner sozusagen – zeigte uns Herr Hausmayr hinterher noch das Grab der Frau von Prof. Schlechtenschleiß, die letztes Jahr bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen war. Einen wirklich auffallend schönen und gewiss sehr teuren Stein hatte sie bekommen. Das Volk, vertreten durch Hausmayr, munkelte: zur Wiedergutmachung, da der Unfall vom Ehemann verschuldet gewesen sein soll.

 

Der junge Selbstmörder

Tilda war mir gleich aufgefallen, denn sie saß alleine in der letzten Reihe, während der Pfarrer sich merklich schwer damit tat, tröstliche Worte zu finden für die Angehörigen des jungen Selbstmörders, den wir unmittelbar nach Ostern, am Dienstag, den 21. April, auf seinem letzten Weg begleiteten.

Ich vermutete zunächst, dass Tilda den Verstorbenen gekannt hatte oder irgendwie zum weiteren Freundeskreis gehörte, aber sie hielt sich auffällig fern vom Rest der Trauergesellschaft, wechselte nicht ein Wort mit einem der anderen Gäste, schien sich kaum für den Sarg und das Grab zu interessieren, sondern beobachtete hinter einer riesigen Sonnenbrille hervor niemanden anderes als – uns.

Sehr gut erinnere ich mich auch an die Schmerzen in meinem Kopf, die ich an diesem Tag hatte. Ich hatte mich am Abend zuvor auf einer Verkleidungsparty übel zugerichtet, in Nürnberg. Anlass war das Osterfest, »Philosophie« das Motto und Gastgeberin Johanna gewesen, eine Schulfreundin, die in ihre WG nach Gostenhof eingeladen hatte.

Ich kannte viele der anderen Partygänger noch vom Gymnasium in Hersbruck, aber es waren auch ein Haufen neue Leute anwesend.

Wie auch immer – es gab bunte Ostereier, Pizza und Eierlikör bei Johanna, die Gäste hatten sich als Sokrates, Aristoteles oder Epikur verkleidet, ein paar kamen auch als »Dialektik« oder als »Antithese«, wobei dies erst auf Nachfrage so richtig klar wurde. Es dauerte nicht lange, da waren alle angetrunken, zumal noch ein Karton Rotwein aufgetaucht war, aus den Boxen dröhnten Violent Femmes und natürlich Nirvana, deren Nevermind-Album bei uns seit Monaten die absolute Nummer eins war.

Ich redete den halben Abend lang mit einem alten Kumpel aus Hersbruck, Klaus – den wir seit einigen Jahren »Speichel« nannten, weil er auf der Berlinfahrt in der elften Klasse betrunken in seinem Stockbett gelegen hatte und ihm die Spucke aus dem Mundwinkel auf ein völlig durchgeweichtes Kopfkissen getropft war. Ich fürchte, ich hatte keinen unwesentlichen Beitrag dazu geleistet, dass sich der Spottname etablierte, denn Speichels Steckbrief in unserer Abiturzeitung, der diesen peinlichen Vorfall thematisierte, stammte aus meiner Feder. Natürlich redeten wir über Musik, so wie neunundneunzig Prozent aller unserer Gespräche Musik zum Thema hatten, und über den brandneuen Film von Jim Jarmusch, Night on Earth, der uns alle begeisterte. Wobei man rückblickend sagen muss, dass es wohl einfach zum kulturellen Kanon unserer Clique gehörte, gewisse Bands, Bücher und Filme ohne zu hinterfragen gut zu finden, schlichtweg, um als vollwertiges Mitglied der Gruppe akzeptiert zu werden, und nicht, weil man nach gründlicher Analyse und komplexen Abwägungsprozessen dieses oder jenes Kulturprodukt der Popindustrie als überlegen oder wertvoll identifiziert hätte.

Klaus hatte einen Typen im Schlepptau, der auch in Erlangen studierte; als Max Schmitt stellte er sich mir vor, »Schmitt mit Doppel-T«. Sein seltsames Gehabe irritierte mich anfangs, aber später, als er von seinem Medizinstudium erzählte, fand ich Max an sich recht sympathisch, wenn auch kein Zweifel daran bestand, dass er stilistisch in unserer Clique völlig fehl am Platz war. Er trug stonewashed Bundfaltenjeans wie ein DDRler, ein dunkelblaues Hemd, als wäre er Elektroingenieur bei Siemens, und zu allem Überfluss einen über die Schultern drapierten weißen Pullover, dessen Lacoste-Emblem jedem im Raum sofort ins Auge gestochen war. Eine der Insignien des Poppers, das Krokodil-Symbol des Markenwahns. Die hellbraunen Mokassins fielen da kaum noch ins Gewicht.

Wir anderen waren natürlich alle Underground: schwarze, hautenge Röhrenhosen, schwarze Hemden, buschige Koteletten, schwarze Jacketts und die berüchtigten Doc Martens. Asymmetrische Frisuren, der eine oder andere Mann geschminkt mit rotem Lippenstift und schwarzem Kajal auf den Lidern. Punk und Wave hießen unsere Leitsterne, die Sex Pistols, Pixies, The Damned, Depeche Mode und The Cure waren wie Götter für uns.

Max stammte aus Eschenfelden, also aus der benachbarten Oberpfalz, und kannte dieselben Ecken wie ich: die Disco in Auerbach, die Kommune in Neuhaus, das Freibad in Hirschbach, den Stausee in Happurg, sodass wir uns auf Anhieb miteinander vertraut fühlten.

Er war zudem der Einzige unter den Anwesenden, der sich bereitwillig auf ein Gespräch über Leichen, Friedhöfe und Bestattungen einließ, das mehr als zwei Minuten lang am Laufen blieb. Bei den anderen Feiernden war ich auf überhaupt kein Verständnis gestoßen, obschon ich mich zu Hause in Erlangen beinahe täglich mit diesen Themen beschäftigte. Darüber hinaus wusste Max auf jene ganz bestimmte Art und Weise, die Medizinern eigen ist, über ungewöhnliche Krankheiten und Todesfälle zu berichten. Er bewies nicht nur Sinn für schwarzen Humor, was mir gleich gut gefiel, sondern gestand auch ein, als ich wiederholt nachfragte, dass er sich vor allem für die Forensik interessierte, darin auch gerne seinen Facharzt machen wollte und derzeit schon eine Famulatur in der Gerichtsmedizin absolvierte.

Und da begriff ich auch endlich, wieso er mir vom ersten Moment an bekannt vorgekommen war. Ich hatte im Wintersemester eine Vorlesung besucht, die Hörern aller Fakultäten offenstand: »Einführung in die Rechtsmedizin« lautete der Titel, jeden Montag von dreizehn bis fünfzehn Uhr. Friedhöfe, Beerdigungen, Gräber und Särge hatten mich schon seit meiner Kindheit interessiert. Vor etwa fünfzehn Jahren hatte mein Vater, ein Bauunternehmer, bei zwei Grabungsarbeiten in Folge die skelettierten Überbleibsel zweier Mordopfer entdeckt. Diese Funde hatten mich noch lange Zeit danach schwer beschäftigt, zudem die Fälle offiziell nie aufgeklärt worden waren. Während des letzten Wintersemesters, das begann, kurz nachdem Lars und ich den Dauerauftrag beim Beerdigungsunternehmen eingefädelt hatten, war ich auf diese Veranstaltung aufmerksam geworden, die im Gebäude der Rechtsmedizin, am sogenannten »Eck der Toten«, stattfand. Dort, an der Universitätsstraße, standen die Gebäude des Anatomischen Instituts, der Pathologie und der Rechtsmedizin einander direkt gegenüber.

Wir hörten jede Woche eineinhalb Stunden über ein spezielles Thema. Die Dozenten wechselten, offenbar je nach Expertise. Der eine dozierte über Selbstmord, ein anderer über Kindstötung. Es gab je eine Doppelstunde über Schussverletzungen, über Giftmord, Leichenstarre und die Bestimmung des Todeszeitpunkts, über Fingerabdrücke und Blutspuren und so weiter.

Der Institutschef war ein Holländer, dessen Akzent mich jedes Mal unweigerlich an Rudi Carrell erinnerte. Als Kind hatte ich mit großer Begeisterung Carrells Fernsehsendung Amlaufenden Band geschaut, mit der ganzen Familie, und später Rudis Tagesshow