The A-Files -  - ebook

The A-Files ebook

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Opis

Amazonen. Sie sind stolz, sie sind stark, sie sind unerschrocken. Legenden ranken sich um ihren Mut und ihre Schlachten, ihre Siege und ihre Niederlagen. Aber woher kommen sie eigentlich? Wo wollen sie hin? Und wo machen sie Urlaub? Lange mussten wir auf die Antworten warten, nun sind sie endlich da: Die Amazonen-Akten enthüllen in 32 Geschichten völlig ungeahnte Wahrheiten über die kriegerischsten Wesen der Mythenwelt. Hier werdet ihr alles finden: Roboter, Räuber und Raumschiffe. Abenteuer und Ungeheuer. Zauber und Zorn. Magie und Märchen.

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Aktenverzeichnis

DER GÜRTEL DER HIPPOLYTA - Christina Hiemer

ELSTERSCHATTEN - Tanja Hammer

DAS BLUT DER AMAZONEN - Matthias Teut

WILLKOMMEN IM PARADIES - Peter R. Krüger

DIE ERSTE NACHT - Agga Kastell

AMAZONE WIDER WILLEN - Verena Jung

HILDEGUNDE UND DER STEIN DER LUSTLOSIGKEIT - Yansa Brünnling

SCHEISS ABEND! - Klara Hell

DIE ERHOBENE KRIEGERIN - Pascal Wokan

DIE FLUCHT DER AMAZONE - Velisha Winter

DER AMAZONENPRINZ - Adrian Schwarzenberger

COOL DOWN AND REBOOT - Marina Raisch

DIE DEMUT ZU TEILEN - Dennis Puplicks

DER CLUB DER EISERNEN LADYS - Laurence Horn

TREIBJAGD - Dorothee Stern

DIE AMORZONE - Kira Borchers

DER WOLF - Nadine Y. Kunz

DER FEIGLING - Tobias Frey

NACHTJAGD - Stefanie Kullick

STÄNDIG MUSS PARTHENA DIE WELT RETTEN - Dirk Ryll

DER AMAZONENKÖNIG - Nele Sickel

SILEA UND PATRO - Stefan Lammers

ANAIA MONTGOMERY UND DER SIRENEN-STALKER - Sophie Grossalber

DER SEHER VON NYR - Mario Hammer

GLASAUGENREISE - Jörg Fuch Alameda

SÜSSE UNSCHULD - Kathrin Fuhrmann

DAS RITUAL - Sarah Natusch

GAUKLERBLUT - Janika Hoffmann

DIE WAHRE GESCHICHTE DER SMS AMAZONE - Jessie Weber

DER AMAZONEN-FALL - Emely Werkmeister

EINE KLEINE REISE - Valerie Loe

MYRINA UND DER ANGRIFF DER GELBEN DRACHEN - Lyakon

Bildnachweise Illustrationen

Der Herausgeber

Die Autoren

© Talawah Verlag

Besuchen Sie uns im Internet:

www.talawah-verlag.de

www.facebook.com/talawahverlag

Umschlaggestaltung: Marie Graßhoff

www.marie-grasshoff.de

Lektorat: Melina Coniglio

https://melinaconiglio.de/

Satz/Layout/eBook: Grittany Design

www.grittany-design.de

unter Verwendung von © Shutterstock - Gorbash Varvara

© VectorStock - tanais

1. Auflage 2019

ISBN: 978-3947550-3-19 (Print)

ISBN: 978-3-3947550-3-26 (Ebook)

Hrsg. Sascha Eichelberg

Eine Anthologie

Hast du schon einmal gesehen, wie sich ein Auto überschlägt?

Wie es die Kontrolle verliert, auf der Fahrbahn hin und her schlittert, bis es schließlich von der Straße abkommt und gegen einen Brückenpfeiler kracht?

Nein? Ich auch nicht.

Ich habe weder das zerbeulte Blech gesehen noch die vielen Glasscherben, die den Asphalt bedeckten wie frisch gefallener Schnee. Alles, woran ich mich erinnere, ist ein Schrei. Ein heller, spitzer Schrei, der sich wie ein flammendes Inferno durch die Nacht fraß und der noch immer in meinem Herzen brannte. Das einzige Chaos, das ich sah, war das in meinem Inneren, denn ich saß in eben diesem Wagen und glaub’ mir, das war kein Vergnügen.

Ich wurde mit mehreren Rippenbrüchen ins Krankenhaus eingeliefert. Vermutlich schwafelten die Ärzte irgendetwas in ihrem eigenartigen Fachchinesisch, und die unfreundlichen Krankenschwestern tuschelten auf den Gängen darüber, dass von mir normalerweise nicht mehr hätte übrigbleiben sollen als eine matschige Schüssel Cini Minis.

Wäre das Ganze nicht so unfassbar tragisch, wäre es beinahe witzig gewesen. Aber eben nur beinahe, denn Fakt ist und bleibt nun einmal, dass ich eigentlich hätte sterben müssen.

Aber ich lebe und das habe ich einzig und allein einer Person zu verdanken.

Hippolyta.

Einige Tage zuvor …

»Willst du wirklich das zur Party tragen?«

Caroline musterte mich irritiert. Unsicher trat ich von einem Bein aufs andere, ehe ich erneut in den Spiegel sah.

Mein Blick wanderte das dunkelblaue Kleid entlang, das sich elegant an meinen Körper schmiegte. Mein hellblondes Haar fiel mir locker über die Schultern, und ich stieß einen leisen Seufzer aus.

»Ich … also …«, stammelte ich. »Mir gefällt es eigentlich ganz gut.«

Als ich Carolines skeptischen Blick bemerkte, spürte ich, wie mir schlagartig ganz heiß wurde.

»Damit wirkst du wie ein unschuldiges Mauerblümchen! Dabei bist du das überhaupt nicht.«

Ihre feste, selbstsichere Stimme passte perfekt zu ihrem äußeren Erscheinungsbild. Caroline sah aus wie die Reinkarnation von Aphrodite. Und zumindest, was ihren Verschleiß an Männern anbelangte, machte sie der Göttin der Liebe durchaus ernsthafte Konkurrenz, da war ich mir sicher. Ihre unverschämt langen Beine hatten bisher noch jeden Mann um den Verstand gebracht. Das einzig Unschuldige an ihr, waren ihre braunen Rehaugen.

»Du tust ja gerade so, als wäre ich so ein verrückter Vamp wie du!«, blaffte ich sie an. Doch kaum waren die Worte raus, bereute ich sie sofort.

Auf Carolines Stirn bildete sich eine kleine Falte.

»Ich sage lediglich, dass wenn wir später zu der Party des Jahres wollen, du Omas blauen Badvorleger lieber im Schrank lassen solltest.«

Autsch.

Der Spruch hatte gesessen. Als ich den Kopf erneut hob, um in den Spiegel zu sehen, blickte mir ein niedergeschlagenes Mädchen entgegen. Ich mochte das blaue Kleid. Es fiel in sanften Lagen über meine Beine und das süße Blümchenmuster schmeichelte mir.

Missmutig stiefelte ich zurück zu meinem Kleiderschrank. Sofort spürte ich Carolines stechenden Blick in meinem Rücken.

»Ich habe aber nichts Besseres im Schrank«, gab ich resignierend zu.

»Dann kennst du meine Antwort bereits«, antwortete sie mit einem vielsagenden Grinsen auf den Lippen.

»Shoppen?«, fragte ich kleinlaut.

»Na, aber hallo!«

Etwa eine Stunde später liefen wir durch die Innenstadt von Chicago und durchforsteten die Geschäfte. Die Sommersaison war in vollem Gange, sodass in jedem Schaufenster rote Schilder mit saftigen Rabatten die Passanten anlockten. Die Angebote hatte ich auch bitter nötig, denn in meinem Portemonnaie herrschte gähnende Leere.

Caroline lief voraus und betrat eine kleine Eckboutique. Ein angenehmes, helles Klingeln ertönte, als sie die gläserne Tür aufzog. Neugierig beäugten wir die vielen unterschiedlichen Kleider.

»Was hältst du von dem hier, Trish?«

Sie hielt mir ein blutrotes Kleid vor die Nase. Es besaß auffällige, glänzende Stickereien auf der Vorderseite und auch sonst war es ein richtiger Hingucker. Als ich allerdings nach dem Preisschild griff, verschluckte ich mich beinahe.

»Zweihundert Dollar? Ich dachte, das hier ist ein Second-Hand Laden?«

Ich warf ihr einen vorwurfsvollen Blick zu. Wieso zeigte sie mir Kleider, die ich mir ohnehin nicht leisten konnte?

Während Caroline weiter durch die Kleiderständer im Erdgeschoss stöberte, ging ich die kleine Treppe hinauf in die zweite Etage.

Hier oben roch es irgendwie muffig. Eine Mischung aus altem Leder und billigem Textilreiniger. Ich lief über den alten, knarzenden Dielenboden der Boutique. In der Ecke stand eine dunkelhaarige Verkäuferin, die mich neugierig musterte. Sie wirkte völlig deplatziert in diesem Laden.

Die junge Frau sah aus wie ein internationales Supermodel. Ihre sonnengebräunte Haut schimmerte im Licht der Ladenlampen beinahe golden und ihr langes, schwarzes Haar bildete dazu einen faszinierenden Kontrast.

»Hallo«, begrüßte ich sie. Ihre hellen Augen weiteten sich und ein kurzes Lächeln huschte über ihre Lippen. Ohne zu antworten, drehte sie sich zur Seite und verschwand zügig zwischen den Kleiderständern.

Komische Verkäuferin, ging es mir sofort durch den Kopf.

Langsam lief ich weiter. Neben rockigen Lederjacken, zu engen, schwarzen Lederhosen und teuren Designerhandtaschen befanden sich jedoch auch noch einige kurze Cocktailkleider.

In Gedanken versunken strich ich über ein bordeauxfarbenes Kleid, das hier zwischen den vielen Lederkombinationen völlig fehl am Platz wirkte.

»Das hat einer berühmten Schauspielerin vom Broadway gehört.«

Erschrocken zuckte ich zusammen. Die Verkäuferin von eben stand nun direkt hinter mir und beäugte mich mit ihren grünen Augen.

An ihrem schwarzen Kleid war ein kleines Namensschild befestigt: »Serena«

»Probiere es doch einfach mal an. Es gibt auch noch einen Gürtel dazu, aber den bewahren wir woanders auf. Einen Moment.«

Ohne auf eine Antwort von mir zu warten, verschwand sie um die nächste Ecke.

Vorsichtig griff ich nach dem Bügel, um das Preisschild zu suchen, doch auch nach zweimaligem Hinsehen konnte ich keines entdecken.

Als ich mich nach einer Umkleidekabine umsah, kam Caroline die Treppe herauf.

»Wow! Das ist doch mal eine geile Farbe. Die Frage ist nur, ob du da reinpasst. Das sieht doch etwas … schmal aus.«

Stirnrunzelnd kam sie auf mich zu und griff ungefragt nach dem Kleiderbügel, um das Kleid genauer zu betrachten.

»Na, anprobieren kannst du es ja mal. Vielleicht ist es aus Stretch.« Hektisch griff sie nach meinem Ärmel und schleifte mich zielsicher zu der Kabine.

Ich schlüpfte aus meinen Jeansshorts und dem T-Shirt, direkt in das Kleid. Langsam zog ich den Reißverschluss an der Seite nach oben. Der Stoff fühlte sich unglaublich gut auf meiner Haut an, aber Carolines Befürchtungen bewahrheiteten sich leider. Der Reißverschluss ließ sich nicht komplett nach oben ziehen, und ich fühlte mich sofort wie eine hässliche Presswurst. Ich zog fester, hielt die Luft an – aber aus Angst, das Kleid kaputt zu machen, gab ich schließlich auf.

»Hast du es schon an?«

Quälend langsam zog ich den Reißverschluss wieder nach unten. Dann beeilte ich mich, mir meine Klamotten wieder überzustreifen.

»Es passt nicht«, gab ich monoton zurück.

Es ärgerte mich, dass Caroline mal wieder recht behielt.

Ich wollte gerade das Kleid aus der Kabine fischen, als sie sich an mir vorbeischob.

»Lass mich es mal anprobieren.«

Sie verschwand in der Kabine und zog den Vorhang wieder zu.

»Na klasse«, murmelte ich genervt.

Wir waren extra in die Stadt gefahren, um für mich ein neues Outfit zu finden, und jetzt das.

»Nanu, du hast das Kleid ja noch gar nicht anprobiert«, holte mich Serenas Stimme wieder zurück.

Ihr Blick ruhte auf mir und sie warf mir ein freundliches Lächeln zu.

»Ich habe doch extra den Gürtel rausgesucht. Er liegt unten.«

»Oh, das ist wirklich sehr lieb von Ihnen, aber es passt mir leider nicht. Allerdings probiert meine Freundin Caroline es gerade an.«

Die Verkäuferin sah zur Kabine und ihr Gesicht verfinsterte sich.

»Trish es passt mir wie angegossen!«, tönte Carolines Stimme zu uns herüber. Sie zog den Vorhang zur Seite und trat hinaus.

Der Stoff umspielte ihre Hüften und ließ ihre ohnehin schon schmale Taille noch schmaler wirken. Sie stemmte die Hände in die Hüften und sah in diesem Moment aus wie eine Filmdiva aus den Dreißigern.

»Wow, das sieht toll aus«, pflichtete ich ihr bei. Egal was sie anzog, sie sah einfach immer gut aus. Das konnte selbst ich in meinem Unmut nicht abstreiten.

»Bist du mir böse, wenn ich es für mich kaufe?« Sie klimperte mit ihren langen Wimpern und schürzte leicht die Lippen.

»Nein, Quatsch. Mir passt es ja sowieso nicht.«

Ich warf der Verkäuferin einen letzten Blick zu, ehe ich mich abwandte. Meine Hoffnung, dass hier doch noch ein Kleid herumlag, das gut aussah, nicht zu teuer war und in das ich mit meinem Hintern passte, schwand von Sekunde zu Sekunde mehr.

Caroline kicherte gut gelaunt, ehe sie wieder in der Umkleide verschwand.

Langsam schritt ich die Treppen hinunter und wartete an der Kasse. Serena folgte mir in einigem Abstand zum Tresen.

»Also ich finde, du solltest dir dringend eine neue Freundin suchen.«

Sie stellte sich hinter den Tresen, und als ich ihr in die Augen blickte, sah es für einen kurzen Moment so aus, als würden ihre Pupillen pulsieren. Irgendetwas loderte in ihrem Blick, dass ich nicht deuten konnte.

»Ach, schon gut. So ist sie eben«, entgegnete ich schulterzuckend.

»Freunde sollten sich immer ein gutes Gefühl geben. Zwischen euch beiden spüre ich eher das Gegenteil.«

Als ich darauf nichts erwiderte, griff sie unter den Tresen und holte eine der Tüten hervor.

»Du hast dir den Gürtel noch gar nicht angesehen.«

Kurz darauf legte sie einen filigranen, goldenen Gürtel auf den zerkratzten Holztresen.

Eigentlich war Gold so gar nicht meine Farbe und irgendwie schien er auch nicht wirklich zu dem bordeauxfarbenen Kleid zu passen, dennoch sah er wirklich wertvoll und edel aus.

»Ist der aus echtem Gold?«, fragte ich leise. Die Schnalle des Gürtels war mit kleinen, schwarzen Steinen besetzt, die im Licht der Deckenlampe funkelten wie dunkle Sterne.

Serena lächelte verschwörerisch, schüttelte aber kurz darauf mit dem Kopf.

»Nein, nein. Aber solche kleineren Teile verschwinden gerne mal, wenn man sie offen im Laden herumliegen lässt. Deshalb schließen wir sie vorsichtshalber weg.«

Behutsam streckte ich meine Hand aus und fuhr mit dem Zeigefinger über die kleinen Verzierungen. Als ich genauer hinsah, erkannte ich eine Art Inschrift, die ich allerdings nicht entziffern konnte.

»Was steht denn da?«

»Das ist eine gute Frage«, murmelte sie nur.

Ich wollte ihr gerade antworten, als Caroline die Treppe hinunterkam. Sie hatte den Tresen noch nicht ganz erreicht, da warf sie schon einen abfälligen Blick auf den Gürtel.

»Was ist denn das für ein scheußliches Teil? Der sieht aus, als gehöre er zu einem billigen Halloweenkostüm.«

Serena entglitten kurz die Gesichtszüge, ehe sie sich wieder fing.

»Der Gürtel gehört zu deinem Kleid«, antwortete ich kleinlaut.

»Oh. Kann ich nicht nur das Kleid kaufen, und dafür gehen Sie mit dem Preis ein wenig runter?« Caroline klimperte mal wieder mit ihren langen Wimpern und versuchte, die Verkäuferin einzulullen.

»Das kann ich leider nicht machen. Der Preis ist von der Besitzerin festgelegt worden. Selbstverständlich können Sie den Gürtel hierlassen, aber am Preis lässt sich leider nichts machen.«

Serena fixierte Caroline mit ihren grünen Augen.

»Na gut, dann lassen Sie dieses scheußliche Ding hier.«

Sie schmiss das Kleid auf den Tresen und begann in ihrer Handtasche zu kramen.

Während die Verkäuferin das Kleid faltete und in eine Tüte legte, ging ich in Gedanken noch einmal den Inhalt meines Kleiderschranks durch. Egal, was ich anziehen würde, Caroline würde sowieso rumnörgeln, und mir stand nun wirklich nicht mehr der Sinn danach, noch weitere Läden zu durchkämmen.

»Das macht neunundachtzig Dollar.«

Caroline schob der Frau ihre Kreditkarte hin und lächelte ihr beinahe boshaft entgegen. Doch die Verkäuferin ließ sich dadurch nicht verunsichern und buchte zügig den Rechnungsbetrag ab, ehe sie Caroline die Tüte reichte.

»Na, dann wünsche ich noch viel Spaß mit dem neuen Kleid.«

Caroline griff nach der Tüte und wandte sich bereits zum Gehen.

»Und Ihnen noch einen angenehmen Tag«, gab ich freundlich zurück. Die junge Frau zwinkerte mir freundlich zu, bevor ich mich zur Tür drehte und ebenfalls den Laden verließ.

Kaum hatten wir die Boutique verlassen, fing Caroline auch schon an, über die Verkäuferin zu lästern.

»Hast du gesehen, wie komisch die mich angeschaut hat, als ich das Kleid anprobiert hab?«

»Ehrlich gesagt nicht.«

»Und dann dieser hässliche Gürtel. Glaubt die denn ernsthaft, ich würde dieses Ding tragen?«

Als wir eine Stunde später wieder in unserer Wohnung angekommen waren, fragte ich mich ernsthaft, warum ich mit Caroline zusammengezogen war. Den ganzen Weg nach Hause hatte sie, ohne auch nur einmal Luft zu holen, über die Frau in der Boutique geredet.

Weder ihr komischer Blick noch ihre ach-so-unfreundliche Art waren mir aufgefallen, aber ich hatte ihrer Meinung nach ja auch keine Ahnung.

Caroline schmiss die Tüte mit dem Kleid genervt in die Ecke und verschwand in ihrem Zimmer. Erst gegen Abend kam sie wieder heraus und schlenderte wie eine Grazie durchs Wohnzimmer. Ich stand in der Küche und beobachtete ihren Auftritt aus dem Augenwinkel.

»Weißt du denn mittlerweile, was du anziehen willst? Blake und Eddie holen uns in etwa einer Stunde ab«, rief sie mir zu.

»Glaub schon«, entgegnete ich und schüttete mir ein Glas Orangensaft ein.

»Okay, dann gehe ich schonmal ins Bad.«

So schnell wie sie gekommen war, verschwand sie wieder, und ich genoss die letzte Ruhe vor dem Sturm. Eigentlich wollte ich nicht mit ihr auf diese blöde Party gehen. Andererseits war ich mir sicher, dass sie es mir noch wochenlang übelnehmen würde, wenn ich sie nicht dorthin begleitete.

Ich schlenderte zurück in mein Zimmer und legte mein Outfit zurecht. Ich hatte mich für einen weißen Jumpsuit entschieden, der am Rücken eine dezente Schnürung besaß. Meine leicht gebräunte Haut und das helle Weiß des Overalls harmonierten gut miteinander, dennoch ahnte ich bereits, dass Caroline daran sowieso irgendetwas auszusetzen haben würde. So war sie eben.

Als ich mich gerade umgezogen hatte, hörte ich einen ohrenbetäubenden Schrei.

Sofort stürmte ich aus dem Zimmer.

»Caroline? Alles in Ordnung?«, rief ich aus dem Flur.

»DIESE BLÖDE MISTKUH!«, kam prompt die Antwort.

Vorsichtig drückte ich die Türklinke zu ihrem Zimmer hinunter und steckte meinen Kopf durch die Tür.

»Was ist denn los?«

Als ich in ihr Gesicht blickte, starrte mir eine knallrote Caroline entgegen, die kurz vorm Explodieren stand.

»Sieh dir das an! Hatte ich nicht deutlich gemacht, dass ich dieses grässliche Ding nicht haben will? Habe ich dir nicht gesagt, diese blöde Trulla hat etwas gegen mich? Ich hab’ es direkt gespürt!«

Sofort fing sie wieder an, sich in Rage zu reden, und ich hob meine rechte Hand, um sie zum Schweigen zu bringen.

»Ich verstehe nur Bahnhof. Was ist denn passiert?«, hakte ich noch einmal nach.

»Hier!«, schrie sie und warf mir etwas Glänzendes entgegen.

Völlig perplex breitete ich die Hände aus und fing es gerade noch rechtzeitig auf.

»Sie hat diesen Gürtel mit in die Tüte gepackt!«

Langsam öffnete ich die Hand und beäugte den goldenen Gürtel.

»Jetzt entspann dich doch mal. Wenn du ihn nicht haben willst, dann behalte ich ihn eben.«

Ehe sie etwas erwidern konnte, verschwand ich auf den Flur und lief zurück in mein Zimmer.

Nachdem ich die knarzende Holztür hinter mir geschlossen hatte, ließ ich mich auf mein Bett fallen.

Mein Blick fiel auf den Gürtel. Auch wenn unsere Geschmäcker oftmals auseinandergingen, konnte ich dieses Mal wirklich nicht verstehen, wieso Caroline so ausflippte. Er sah edel aus und hätten wir ihn nicht in einem Second-Hand-Shop gefunden, wäre ich vermutlich davon ausgegangen, dass er aus echtem Gold bestand. Auch sein Gewicht sprach eindeutig für seine Hochwertigkeit. Doch wenn Caroline erst einmal etwas auf ihrer Abschussliste hatte, dann war sowieso alles zwecklos.

Ich legte den Gürtel neben mich aufs Bett, rollte mich auf den Rücken und schloss für einen kurzen Moment die Augen.

In Gedanken erschien mir wieder die Frau aus dem Laden und ihre auffälligen, giftgrünen Augen bohrten sich durch mein Bewusstsein.Ein heftiges Hämmern an meiner Zimmertür riss mich kurze Zeit später aus meinen Gedanken.

»Wenn du noch ins Bad musst, dann solltest du dich beeilen. Die Jungs sind schon auf dem Weg«, klang Carolines Stimme dumpf zu mir herüber.

Schweigend verließ ich mein Zimmer und huschte ins Bad. Mit wenigen Handgriffen hatte ich mein Haar locker hochgesteckt. Anschließend trug ich ein dezentes Make-Up auf und entschied mich für einen leicht rosafarbenen Lippenstift, der das helle Blond meiner Haare betonte.

Bevor ich das Badezimmer verließ, warf ich einen letzten Blick in den Spiegel. Das Outfit sah gut aus, aber irgendetwas fehlte noch …

»Mädels, ihr seht wirklich hinreißend aus.«

Genervt verdrehte ich die Augen, was Eddie zum Glück nicht mitbekam. Caroline kicherte auf dem Beifahrersitz und warf ihr offenes Haar zurück.

»Für so einen charmanten Typen wie dich brezelt man sich doch gerne etwas auf.«

Nur mit Mühe konnte ich mir ein Kotzgeräusch verkneifen. Blake, der neben mir auf der Rückbank saß, zwinkerte mir verschwörerisch zu. Ihm ging diese grenzenlose Schleimerei also auch auf die Nerven.

Aus dem Augenwinkel bemerkte ich, wie Eddie seine Hand auf Carolines Schoß legte. In diesem Moment fragte ich mich ernsthaft, wieso zur Hölle ich in diesem Wagen saß. Demonstrativ drehte ich meinen Kopf zum Fenster und beobachtete die vorbeiziehenden Lichter.

Nach einigen Minuten berührte mich Blake sanft an der Schulter.

»Hey, Trish, alles in Ordnung mit dir? Du siehst so nachdenklich aus.«

Langsam löste ich meinen Blick von den vorbeiziehenden Lichtern und sah zu Blake. Seine eisblauen Augen hypnotisierten mich für einen kurzen Moment, ehe ich ihm ein zaghaftes Lächeln zuwarf.

»Ach, Caroline und ich hatten heute einen kleinen Streit«, begann ich zögerlich. Eddie und sie waren so beschäftigt mit ihrer Flirterei, dass sie gar nicht mitbekam, dass ich über sie redete.

»Oh, das war sicherlich alles andere als angenehm.«

Ich nickte. Mit Caroline zu streiten war wie Krieg gegen einen unbesiegbaren Gegner zu führen – absolut sinnlos.

»Lass dich von ihr nicht immer so klein machen. Du stehst keinesfalls in ihrem Schatten.« Er hob seine Hand und strich behutsam über meinen Arm.

»Du hast leicht reden.«

Völlig unerwartet schlug ich im nächsten Moment mit dem Kopf gegen die Kopfstütze des Fahrersitzes.

Ein heftiger Schmerz durchzuckte meinen Körper. Alles um mich herum fing an, sich zu drehen. Meine Gedanken pulsierten wild in meinem Kopf und das Letzte, das ich bewusst wahrnahm, war ein ohrenbetäubender Schrei …

»Glaubst du wirklich, dass sie es ist?«

Eine fremde Frauenstimme ertönte in meinem Kopf. Sie klang streng und ungeduldig.

»Ich habe nicht den geringsten Zweifel, Phoebe. Sie ist unsere neue Königin.«

Vorsichtig versuchte ich meine Augen zu öffnen. Zuerst konnte ich nichts erkennen, außer einen hellen Lichtstrahl, der in meinen Augen brannte. Ich hob meinen Arm und versuchte das Licht abzuschirmen.

»Sie wacht auf! Los, hol sofort Antiope!«

Als ich es endlich schaffte, die Augen zu öffnen und mich an die neuen Lichtverhältnisse zu gewöhnen, konnte ich nicht glauben, was ich sah. Ich lag offensichtlich in einem Krankenhauszimmer, was mich allerdings nicht halb so aus dem Konzept brachte wie der Umstand, dass in diesem Zimmer über zehn fremde Frauen standen, die mich ungeduldig anstarrten. Jede von ihnen wirkte stolz und erhaben.

»Wer seid ihr denn?«, fragte ich.

Meine Stimme hörte sich komisch an, als hätte ich drei Kilo Schmirgelpapier gefrühstückt.

»Hallo, Tiara. Mein Name ist Asteria. Du hattest einen schweren Autounfall.« Die Frau, die sich aus der Traube löste und an mein Bett herantrat, kam mir bekannt vor. Ihr langes, schwarzes Haar und ihre feinen Gesichtszüge … Sie sah aus wie die Verkäuferin aus der Boutique. Aber warum zur Hölle nannte sie mich Tiara? Ich riss meine Augen auf und starrte erneut zu den anderen Frauen.

»Es ist alles gut, du brauchst keine Angst zu haben. Das alles muss für dich ziemlich verwirrend sein. Wir zwei haben uns gestern in dem Laden kennengelernt. Allerdings heiße ich nicht Serena, sondern Asteria. Ich bin eine Nachfahrin des Amazonengeschlechtes und du, meine Liebe, bist unsere neue Königin.«

Ich schluckte.

DAS. KONNTE. NUR. EIN. SCHERZ. SEIN!

Unruhig wälzte ich mich in meinem Krankenhausbett herum.

Eine weitere Frau trat auf mich zu. Sie war athletisch gebaut und hatte ihr Haar zu einem dicken Pferdeschwanz gebunden. Sie wirkte wie eine Gladiatorin in ihren engen Jeans und ihrem schwarzen Trägertop.

»Das wissen wir noch nicht mit Sicherheit,« wendete sie sich an Asteria.

»Glaubst du etwa ich würde lügen?«

In ihre Stimme mischte sich ein gefährlicher Unterton. Ihr gesamter Körper stand unter Spannung. So, wie sie sich nach vorne beugte, wirkte sie wie eine gefährliche Raubkatze, die zum tödlichen Sprung ansetzte.

»Der Gürtel hat sie erwählt. Das ist genau das, worauf wir seit Jahrhunderten warten. So lange leben wir ohne eine Königin, seit Hippolyta uns entrissen wurde. Es wird Zeit, dass wir uns endlich wieder formieren und uns den Kindern des Herakles geschlossen entgegenstellen.«

Ich hustete woraufhin die beiden sofort verstummten.

»Entschuldigt die Unterbrechung, aber nur um das einmal klarzustellen: Dieser goldene Gürtel, den meine Freundin ursprünglich gar nicht haben wollte, gehörte einst einer Königin und hat mich nun erwählt? Was für Drogen gebt ihr mir hier eigentlich?«

Eine der Frauen fing an zu kichern.

»Die Kleine hat beinahe den gleichen trockenen Humor wie Hippolyta«, hörte ich eine der Frauen aus der Menge sagen.

»Das ist sicherlich schwierig für dich zu begreifen, aber lass mich versuchen, es dir zu erklären. Wir alle hier«, Asteria wies mit ihrem Arm zu den übrigen Frauen, «sind Amazonen. Starke, anmutige und gefallene Frauen, die die Menschen vor den Kindern des Herakles beschützen müssen. Unsere letzte Königin Hippolyta hingegen war eine Menschenfrau. Sie hat uns viele Jahre durch große Schlachten geführt und das Gleichgewicht der Welt ausbalanciert. Doch Herakles entführte sie vor tausenden von Jahren und brachte sie schließlich um. Alles nur für ihren Gürtel. Der Gürtel der Hippolyta ist ein mächtiges Artefakt, das seinem Träger besondere Kräfte verleiht. Doch seit dem Raub des Gürtels, hat dieser seine Macht völlig in sich verborgen. Nur eine wahre Nachfahrin der Amazonenkönigin kann seine Macht wieder entfesseln. Es hat uns viele Jahre und unzählige Opfer gekostet, diesen Gürtel zurückzuholen. Seit Hippolytas Tod leben wir nun ohne Königin und wir werden immer schwächer. Laut einer alten Prophezeiung des Gorgonenorakels wird die neue Amazonenkönigin Tiara die Kinder des Herakles besiegen und uns Amazonen wieder zurück nach Themyscira führen.«

Als Asterias Worte verstummten, versuchte ich das Gehörte irgendwie zu verarbeiten. Doch bereits nach wenigen Sekunden fühlte sich mein Magen an, als würde er sich von Innen nach Außen stülpen.

»Ich glaube, mir wird schlecht«, war das Einzige, was ich unter vorgehaltener Hand herausbrachte.

»Wir wollen nur wieder zurück. Der Gürtel ist der Schlüssel zu unserer Heimat. Wir wandeln schon so lange in der Welt der Menschen und haben unser schönes Themyscira beinahe vergessen. Wenn du den Gürtel anlegst und dich deiner Bestimmung fügst, dann wirst du nicht nur unsere Leben retten, sondern auch die der Menschen. All die Kriege, die Verwüstungen und der Hass auf der Welt sind das Werk von Herakles Erben. Wenn wir auf unsere Insel zurückkehren können, sind wir endlich wieder in der Lage, gegen das Unrecht zu kämpfen, so wie es unsere Bestimmung ist.«

»Aber ich bin nicht Tiara. Und ich bin sicherlich nicht eure Königin. Caroline hat das Kleid gekauft, zu dem der Gürtel gehört. Sicherlich ist sie diejenige, die ihr sucht. Sie ist mutig, stark und einzigartig. Ich bin einfach nur … ich.«

Ich spürte, wie mir die Röte ins Gesicht stieg. Plötzlich kullerte eine einzelne Träne meine Wange hinab. Laut auszusprechen, dass ich eigentlich ein unsichtbarer Niemand war, tat weh. Aber all das hier war so verrückt, so unglaublich. Es konnte unmöglich wahr sein.

Plötzlich wurde die Tür meines Zimmers aufgerissen, und eine weitere Frau betrat den Raum. Sie war … anders. Ihre pure Präsenz war wie flüssiges Gold, das ihr Antlitz zum Strahlen brachte.

»Tiara, endlich haben wir dich gefunden.«

Ihre Stimme klang warm und gütig. Ihr kurzes, blondes Haar fiel ihr in sanften Strähnen in ihr ovales Gesicht. Sie blickte mich mit neugierigen Augen an, und ich wischte mir schnell die kleine Träne von der Wange.

»Mein Name ist Antiope.«

Sie kam auf mich zu. Sofort machten ihr die Übrigen Platz. Sie hatte den Gürtel bei sich. In ihren Händen wirkte er blass und bei weitem nicht mehr so strahlend wie ich ihn in Erinnerung hatte. Auch die kleinen, schwarzen Edelsteine wirkten stumpf und glanzlos.

»Hier«, sie reichte mir den Gürtel. Sofort durchzuckte mich ein warmes Gefühl, das sich bis in meine Fingerspitzen ausbreitete.

»Der Gürtel hat dir das Leben gerettet. Nur weil du ihn bei deinem Unfall getragen hast, bist du überhaupt noch am Leben.«

Ein schmerzhafter Stich durchfuhr mich. Ich hatte völlig vergessen, dass ich mit Caroline und den anderen im Auto gesessen hatte. Wir waren auf dem Weg zu der Party gewesen, und dann …

»Wie geht es den anderen? Caroline? Eddie und Blake?«, stotterte ich leise. Ich spürte, wie meine Hände taub wurden. Mein Magen rumorte. Nur mit Mühe konnte ich die aufkommende Übelkeit unterdrücken.

»Es tut mir leid.«

Asteria legte mir behutsam ihre Hand auf die Schulter.

Ein dunkler Schleier legte sich über mein Blickfeld und eine plötzliche Kälte durchzog meinen Körper. Das konnte nicht sein, nein, es durfte nicht sein.

»Können wir sie denn nicht retten? Wenn ihr Amazonen seid, dann …«. Meine Stimme überschlug sich beinahe, doch Antiope schüttelte mit dem Kopf.

»Wir können die Toten nicht wieder zum Leben erwecken. Aber du kannst unzählige andere Menschenleben retten, wenn du deine Bestimmung annimmst. Werde unsere Königin, kehre mit uns zurück zur Insel der Amazonen und kämpfe gemeinsam mit uns gegen die Kinder des Herakles.«

Ein tosender Sturm wütete in meinem Inneren. Vielleicht war das alles nur ein Albtraum?

Als ich meine Hand erneut auf den Gürtel legte und die Augen schloss, tauchte eine Insel in meinen Gedanken auf. Ein gewaltiges Schloss thronte auf der Insel, umringt von unzähligen bunt blühenden Blumen. Das Rauschen des Meeres drang an meine Ohren und weit entfernt auch eine Stimme …

Es ist deine Pflicht, die Menschen zu beschützen.

Verschließe dich nicht vor deiner Bestimmung. Nimm sie an, wachse mit ihr und mache das Unmögliche möglich!

Dann wurde alles um mich herum schwarz. Wilde, ungezähmte Blitze durchzuckten den Himmel. Ich erkannte eine große Stadt, deren Lichter mit einem Mal erloschen. Chicago. Gellendes Lachen ließ mich zusammenzucken, bevor ein Meer aus Schreien zu mir drang. Es wirkte wie der Untergang der Welt …

Als ich meine Augen öffnete, befand ich mich wieder im Krankenhauszimmer. Das Gold des Gürtels pulsierte, und die schwarzen Steine hatten ihre Farbe verändert. Nun strahlten sie in einem hellen, gefährlichen Rot. Plötzlich konnte ich die Inschrift des Gürtels entziffern.

Die Kraft einer Einzigen, beflügelt die Kraft der anderen.

Vorsichtig erhob ich mich aus dem Bett und griff nach dem Gürtel. Als ich ihn um meine Hüften legte, fühlte ich mich zugehörig. Es war, als hätten sich all das Leid und die Angst verflüchtigt. Als wären meine Sorgen nun an einem anderen Ort.

Ich holte tief Luft und versuchte, mein hämmerndes Herz zu beruhigen.

»Ich werde meiner Bestimmung folgen«, flüsterte ich mehr zu mir selbst als zu den Amazonen im Raum.

Das Krankenhauszimmer verschwamm vor meinen Augen.

Als ich wieder aufwachte, spürte ich warmen Sand auf meiner Haut.

Themyscira.

Klatschend schlägt ein Regentropfen auf dem Boden auf. Es ist ein leises Geräusch, das sich in den Weiten der ausgetrockneten, mit verdorrtem Gras durchsetzten Ebene verliert. Nicht einmal ein Widerhall zeugt von dem frühen Boten frischer Kraft, der hastig durch das Erdreich aufgesogen wird und spurlos verschwindet.

Ohne den Verlust zu betrauern, setzen die mit nasser Last beschwerten Wolken von einem mürrischen Wind getrieben ihren Weg am Himmel fort, kratzen an fernen Bergkämmen, stemmen sich dem letzten Glühen der im Rücken jener uralten Giganten untergehenden Sonne entgegen. Trauriges Grau schnappt nach warmem Orange, beißt sich fest an Trost und Frieden spendendem Schein, schlingt ihn Stück für Stück herunter wie eine Schlange eine fette Maus. Schnell wird der schillernde Streifen über den Bergen schmaler, lockt die Dämmerung lange vor ihrer Zeit aus dem Versteck. Noch während der Sonnenuntergang sich seinem Widersacher zu erwehren sucht, trägt der Wind dafür Sorge, dass das Wolkenmeer an den scharfen Felskronen bricht.

Erste Tropfen stürzen hinab. Zunächst wenige, klein und unbedeutend, doch schon bald fallen sie in Strömen. Stetig an Größe gewinnend, fangen sie flammend die letzten orangefarbenen Strahlen der Sonne ein, begießen die Ebene samt der Berge mit flüssigem Funkenschauer. Prasselnd befreien sie die Luft von der Hitze der vergangenen Tage, waschen sie am Fuß der Felsen rein von dem Gestank trocknenden Schweißes und vergossenen Blutes.

Den feinen Duft aus seiner Lethargie erwachenden Mutterbodens verströmend, atmet die Erde tief ein und aus. Überall klirrt und plätschert es. Die inzwischen daumendicken Regentropfen schlagen auf Rüstungen ein, deren Glanz sich in dem jüngst gefochtenen Kampf verloren hat, benetzen herrenlose Schwerter, Schilde, Äxte und Bögen. Sie gleiten über erstarrte Gesichter, die nie wieder lachen werden, über kalte Haut, die niemals mehr eine liebevolle Berührung genießen wird. Das gerinnende Rot blutiger Pfützen verblasst unter der strengen Hand des Regens, beginnt, sich gierig mit dem vom kühlen Nass trinkenden Erdreich zu vereinen, um der Natur neues Leben zu spenden. Dort, wo nur wenige Stunden zuvor exakt einhundertsieben Existenzen aus der Welt getilgt wurden.

Strammen Schrittes bewegt sich die Kriegerin vom Verbund der Amazonen von Siola zwischen den sterblichen Überresten ihrer Schwesternschaft voran, ihre stolze Haltung getrübt durch den gesenkten Blick.

Die Ebene vor den malachitgrünen Bergen ist der Saatgrund der Niederlage, so viel erkennt sie jetzt. Das war sie von Anfang an. Sie hatten es alle gewusst und trotz dessen keine andere Wahl gehabt, als zu den Waffen zu greifen.

»Amazonen, Kriegerinnen, Schwestern: Hört meine Worte!«

Kraftvoll hallte Rakis’ angenehm raue Stimme über die Ebene, drang deutlich auch zur letzten Reihe ihrer Frauen vor. Ebenso gebannt wie schweigend hingen sie an den Lippen der Obersten Schwester. Von weißem Leder eingefasste Rüstungen reflektierten den Schein der am Himmel emporsteigenden Sonne, hoben sich scharf vor dem dicht bewaldeten Gebirge ab, an dessen Fuß sie standen. Blank polierte Waffen und Schilde glommen um die Wette. Blicke erfüllt von Kampfeslust und Siegeswillen hafteten an Rakis, die energisch vor dem Heer auf und ab schritt. Nicht minder selbstbewusst sah sie ihre Amazonen an, lächelte.

Noch vor drei Jahren wäre es ihr unmöglich gewesen, ihre Kriegerinnen zu betrachten. Doch obwohl sie blind zur Welt gekommen war, hatte sie ihren Traum, sich dem Verbund der Amazonen von Siola anzuschließen, niemals aufgegeben. Rakis hatte hart gearbeitet, keinen Schmerz, keine Mühen gescheut, es weder geduldet, nachsichtig behandelt zu werden, noch für ihren Ehrgeiz verlacht zu werden.

Tatsächlich war es ihr allen Widrigkeiten zum Trotz gelungen, sich die Aufnahme in den Verbund zu erstreiten, zur ersten blinden Amazone der Weltgeschichte zu werden. Allerdings hatte weniger die Abwesenheit ihres Augenlichts dafür gesorgt, dass sie Ansehen und Respekt genoss, sondern vielmehr ihr Geschick im Kampf samt ihrer starken Schulter, die sie einem jeden zur Verfügung stellte, der ihrer bedürftig war. An der Seite ihrer Schwestern hatte sie in Siola regelmäßig für Recht und Ordnung gesorgt und als Angehörige des Amazonenheeres zweimal tatkräftig mitgeholfen, die Angriffe feindlich gesinnter Truppen aus den Nachbarländern zurückzuschlagen. Sie war die Schlichterin zwischen den Streitenden, die tröstende Stimme für die Trauernden, die gute Seele der Schwesternschaft. Und als die amtierende Oberste Schwester den wohlverdienten Ruhestand angetreten hatte, hatte sie ihren Posten an Rakis weitergegeben. Es war derselbe Tag gewesen, an dem sie gelernt hatte, zu sehen.

Sanft kraulte sie die auf ihrer Schulter hockende Elster im Nackengefieder, dann stemmte sie die Hände in die Hüften und reckte trotzig das Kinn vor.

»Schwestern!«, wiederholte die Kriegerin, ließ sich das Wort einen Moment lang auf der Zunge zergehen, ehe sie fortfuhr.

»Wir stehen hier beisammen am Morgen eines denkwürdigen Tages. Heute erteilen wir der niederträchtigsten Seite der vom Atem der Erde Gezeichneten eine Lektion. Arkjen Vargos hat uns herausgefordert. Er verlangt von uns, die Pflicht aller Krieger dieses Landes zu erfüllen, indem wir uns mit seiner Garde messen. Soll er kommen. Soll er versuchen, sich an uns zu bereichern. Wir sind einhundert stolze, kampferprobte Frauen gegen dreißig Männer, die vor den Stiefelspitzen ihres Erzgezeichneten im Dreck kriechen und sich nichts als des Erdatems bedienen, um sich uns entgegenzustellen. Es ist Zeit, Vargos’ Herrschaft über den Süden zu beenden. Er hat sich lange genug an fremder Kraft gelabt, lange genug Leben geraubt, die ihm nicht zustehen. Möge er durch unsere Hand endlich zu den Toren der Jenseitswelt gelangen, und möge ihm die Herrin des Orâ den Zutritt verweigern!«

Einen martialischen Schrei ausstoßend zog Rakis ihr Schwert, stieß die Spitze gen Himmel, und das Heer tat es ihr nach. Funkelnd ragten blutdurstige Schneiden über die mit goldenen Schmuckzeichen verzierten Helme hinaus. Eiserne, zum Schutz vor den Kräften des Erdatems getragene Armreifen klimperten hell, während der Schlachtruf der Amazonen durch die Reihen donnerte.

»Verderben über Vargos!«, begannen die Frauen zu skandieren, nachdem ihr Ruf verebbt war. Sie alle gaben sich siegessicher. Nichts anderes tat die Oberste Schwester, welche den unterschwellig an ihr nagenden Zweifel beiseiteschob.

Zeternd von einer zerbrochenen Standarte aufsteigende Krähen reißen die Kriegerin aus ihren Gedanken. Sie verharrt, mustert das schwach im Wind flatternde Banner. Der weiße Stoff ist zerrissen, das kunstfertig mit Gold- und Silbergarn aufgestickte Wappen zerstört. Blut und Dreck entstellen die kläglichen Überreste des Hauszeichens der Amazonen von Siola; Schwert, Bogen und Doppelaxt, die sich vor einem Schild kreuzen. Müde lässt sie den Blick umherwandern. Aus dem Schlachtfeld ist ein Friedhof geworden. Zu Boden geworfenen Schachfiguren eines schlechten Verlierers gleich liegen die Leichen von Menschen und Pferden durcheinander, befleckt mit eigenem und fremdem Lebenssaft, gehüllt in den Schmutz des Todes, der vom Regen allmählich fortgespült wird. Hier ist mehr geschehen als das bloße Unterliegen im Kampf. Sie mögen ehrenvoll gestorben sein, aber zugleich haben die Gefallenen etwas Dunklem zu neuer Stärke verholfen.

Die Kriegerin schnaubt verbittert, zwingt sich dazu, der Standarte den Rücken zu kehren und ihren Weg fortzusetzen. Sie weiß nicht, wie lange sie schon am Ort des Verderbens umherirrt. Sie weiß nur, dass sie etwas finden muss. Dass sie es selbst sehen muss, sonst kann sie es nicht glauben. Die reglosen Mienen der Toten begleiten sie, und ihre Gesellschaft holt den Lärm zurück, der ihnen die Hoffnung raubte.

Scheppernd traf ein auf Rakis zurasendes Schwert mit ihrem Schild zusammen, prallte ab und verschwand im Chaos des Kampfes. Sie stieß ein zorniges Knurren aus, das im allgegenwärtigen Getöse, den Schreien ihrer Schwestern und dem Klirren von Metall auf Metall unterging. Während sie ihr Pferd energisch vorantrieb, nahm sie die feinen Schatten eines am Himmel entlangjagenden Pfeilhagels wahr und heftete den Blick auf Arkjen Vargos’ Garde. Sie wartete darauf, dass mindestens einer von ihnen unter den Geschossen der Bogenschützinnen zusammenbrach, doch nichts dergleichen geschah. Die Pfeile verschwanden im Nichts, keiner der Gezeichneten rührte sich vom Fleck. Stattdessen starrten die in weiße, ärmellose Hemden, knielange, scharlachfarbene Togen und einfache Ledersandalen gekleideten Männer noch immer so konzentriert wie unversehrt auf den Kampfplatz. Die Glyphen auf ihrer Haut glühten dunkelrot, und sie wirkten einen Gedanken nach dem anderen, ließen die Bilder in ihren Köpfen mit Hilfe des Atems der Erde zur Realität werden. Wie von Katapulten abgefeuert schossen Dolche, Speere, Schwerter und ähnliches über die Ebene hinweg, drangen zwischen die Reihen der Amazonen und setzten ihnen schwer zu. Neben zahlreichen niedergestreckten Pferden gab es bereits eine Handvoll toter Schwestern zu beklagen. Rakis hasste sich dafür, an den sterbenden Frauen vorbeigeritten zu sein, ohne sie wirklich zu beachten. Sie wusste zwar, dass ihre Geister ihr diesen Frevel nicht übel nehmen würden. Allerdings änderte es nicht das Geringste an dem bitteren Gefühl in der Magengegend, das aus ihrer unumgänglichen Ignoranz erwuchs.

Nur noch hundert Schritte, wandte die Amazone ihre abgedriftete Aufmerksamkeit wieder den Gezeichneten zu. Wenn sie es schaffte, den durchsichtig rot glimmenden Gedankenwall zu durchbrechen, an dem die Pfeile der Schützinnen nach wie vor scheiterten …

Das schrille Krächzen der sich auf Rakis’ rechter Schulter festkrallenden Elster brachte sie für die Dauer eines Wimpernschlags zum Erstarren. Eine Sekunde später tauchte ein Bild vor dem geistigen Auge der Kriegerin auf und ließ sie im Sattel herumfahren. Geistesgegenwärtig riss sie den Schildarm nach oben. Der heranfliegende Speer des Gezeichneten zuckte in die entgegengesetzte Richtung, tauchte unter dem Schild hinweg, streifte dicht über dem hohen Stiefelschaft schmerzhaft ihr Bein und bohrte sich durch das Sattelleder zwischen die Rippen ihres Pferdes.

Von Pein geschüttelt brach das Tier zur Seite aus, wieherte heiser, begann zu taumeln. Der Amazone strich ein trauriger Schauer über den Nacken, während sie vom Rücken ihres schwer verwundeten Pferdes sprang und ihren Angriff rennend weiterführte. Der tiefe Schnitt unter dem Knie pochte hart, das hervortretende Blut färbte den weißen Stiefelschaft hellrot. Sie scherte sich nicht darum.

Noch achtzig Schritte.

Tödliches Metall pfiff ihr um die Ohren.

Noch siebzig Schritte.

Gellende Schreie füllten die Luft, zeugten von dahinschmelzenden Existenzen. Die gesamte Welt schien aus nichts anderem mehr zu bestehen.

Noch sechzig Schritte.

Auf dem eisernen Armreif, den Rakis am rechten Handgelenk trug, leuchtete der eingemeißelte Gedanke in Gestalt diverser Glyphen orangerot, sorgte dafür, dass eine für sie als Ungezeichnete schadlose Dosis des Erdatems zu ihr vordringen konnte, damit die Verbindung mit ihrer Elster Bestand erlangte. Durch die Augen des Vogels nahm sie das Gefecht samt der wachsenden Zahl der gefallenen Kriegerinnen wahr, so wie sie alles sah, seit die Schwesternschaft ihr das Tier drei Jahre zuvor zum Geschenk gemacht hatte. Sie sah es scharf. Viel, viel zu scharf.

Noch fünfzig Schritte.

Jetzt konnte Rakis den Erzgezeichneten erspähen. Hinter den Reihen seiner Garde auf einem erhöhten hölzernen Stuhl sitzend, beobachtete er die Szenerie, und er lächelte. Schief und bittersüß. Rakis bleckte die Zähne, als sich ihre Blicke trafen. Vargos zwinkerte ihr zu. Grinste noch etwas breiter, sodass das alterszerfurchte Gesicht unter dem kurzen, grauen Haar zur höhnischen Grimasse wurde. Die Amazone stieß einen zornigen Laut aus, duckte sich hinter ihren Schild. Sie rannte schneller. Packte das Schwert fester.

Nur noch dreißig Schritte.

Rakis keuchte auf. Stolperte. Fing sich. Schleppte sich noch drei Schritte vorwärts, spürend, dass etwas falsch war. Sie blieb stehen. Betrachtete die Lanze, die irgendwie ihren Schild umgangen und sich von der Hüfte her durch ihre Rüstung, ihren Bauch, ihren Rücken gebohrt hatte. Sie schluckte trocken. Das war nicht die Sorte Verletzung, an der man sofort starb, sondern eine solche, an der man langsam und erbärmlich zugrunde ging.

»So früh?«, murmelte sie fassungslos. Dabei hatte die Schlacht noch nicht einmal ihren Zenit erreicht.

Jeder Gegenwehr beraubt sank sie auf die Knie. Kippte zur Seite. Fiel in den Staub. Die Elster schrie. Vor den Augen der Amazone flimmerte das Schlachtfeld noch einmal auf, ehe sie tiefste Dunkelheit umfing. Neben ihr stürzte ein kleiner, leichter Körper zu Boden. Sie spürte Federn auf ihrer Wange, warme Flüssigkeit, die ihr Haar tränkte, und mit ihr kam die Wut. Wut auf Vargos, der dieses Gemetzel zu verantworten hatte. Wut auf ihr eigenes Versagen. Wut, weil ihre Kameradinnen nie wieder einen Sonnenaufgang sehen würden. Sie erinnerte sich an ihre Rede vor der Schlacht. Das waren nicht nur hohle Worte gewesen. Nein, sie hatte der Schwesternschaft ein Versprechen gegeben, das sie selbst im Tode zu halten schwor.

Begleitet von den Gedanken an die Vernichtung des Erzgezeichneten klammerte Rakis sich an ihr Schwert und ihren Schild, hieß den Schmerz willkommen, der das Ende besiegelte.

Er überkam sie rasend und gnadenlos.

Ein silbriges Funkeln im Augenwinkel treibt die Schlacht davon. Die Kriegerin hält inne, hebt den Kopf. Sie blinzelt durch den Regen, schaut genauer hin. Den nass glänzenden Schild erkennt sie sofort, hätte es unter tausenden getan. Mit einem finsteren Rumoren in der Körpermitte steuert sie darauf zu, hält abrupt inne, als sie ihr Ziel erreicht. Wie ein Peitschenhieb durchfährt sie die Erkenntnis.

Das ist es.

Der Ort, an dem es geschah.

Langsam lässt sie sich neben der toten Amazone nieder, deren Körper selbst nach dem Übertritt ins Jenseits nicht von ihren Waffen lässt. Der mit Glyphen verzierte Armreif bleibt dunkel. Ihr Blick ist milchig. Leer. Das war er schon immer. Von Geburt an hatte diese Frau ein Leben in vollkommener Schwärze geführt und dennoch ihre Wünsche wahr gemacht, ganz gleich, wie unerreichbar sie erschienen. Siebenundzwanzig Jahre war sie blind gewesen, bis zu dem Tag, als die Elster zu ihrer ständigen Begleiterin geworden war. Jener Vogel, der nun von einem Dolch durchbohrt und gebettet in ein Nest aus kastanienbraunem, blutverklebtem Haar neben ihrem Kopf liegt. Ein Flügel lehnt an ihrer Wange, streicht vom Wind bewegt einem feinen Schatten gleich über die aschfahle Haut.

Zorn erwacht in der Kriegerin; nicht zum ersten Mal an diesem Tag.

Wieder ist ein ganzes Heer hingerichtet worden, nur weil ein einzelner Mann nicht sterben will. Jede Anstrengung, jeder Rückschlag, jeder Kampf und jeder Triumph dieser Frauen ist von nun an nichts weiter als eine Erinnerung. Mit ihrem heutigen Opfer werden sie zwar in die Geschichte der Schwesternschaft eingehen, doch die großen Jahre von Rakis Meratas, Oberster Schwester des Verbundes der Amazonen von Siola, und ihrer Kämpferinnen sind vorüber. Sie werden nicht länger helfen können. Keinem Bürger ihrer Stadt. Keiner Schwester. Niemandem. Diese Vorstellung lodert wie in Brand gestecktes Öl in den Gedanken der Kriegerin, schürt ihren Hass auf Arkjen Vargos noch mehr.

»Alle fünfzig Jahre kommt er aus seinem Loch und verlangt eine Schlacht«, flüstert sie der Toten zu, streckt vorsichtig die Hand nach ihrer Stirn aus, zieht sie wieder zurück, ehe sie sie berührt. »Einhundert Krieger einer von ihm ausgewählten Stadt. Einhundert Seelen zum Schutz für tausende Bürger samt ihres Herrn. Weitere fünfzig Jahre Leben für Vargos, ohne dass er Hand an die übrigen Städter legt, wenn seine Garde gegen die Hundert siegt. Sein Tod, wenn die herausgeforderten Krieger seine dreißig Männer niederstrecken. Der Erzgezeichnete verliert nie. Seit sechshundert Jahren nährt er sich von der Lebenskraft der Gefallenen. Von der Energie, die sie für ihr eigenes Dasein nicht länger aufwenden können. Das muss aufhören. Endgültig.«

»Rakis.«

Die Kriegerin zuckt zusammen, als sie ihren Namen hört, spürt die Hand auf ihrer Schulter kaum. Leicht wie Federflaum fühlt sie sich an. Sie unterdrückt den Impuls, aufzusehen. Was dort auf sie wartet, wird sie nicht ertragen können. Nicht, nachdem sie die Wahrheit kennt. Nachdem sie weiß, dass das hier kein furchtbarer Traum ist.

»Rakis, du musst loslassen.«

Die schemenhafte Frau, zu der die Hand gehört, zwingt die Kriegerin mit einem sanften Griff ans Kinn dazu, sie anzuschauen. Sie wehrt sich kurz, blickt schließlich in Augen, die einst mit dem Blau des Himmels um die Wette strahlten. Alana war eine der schönsten Amazonen ihres Heeres, und so wenig ihr blassweißer Geist die Spuren ihres Todes trägt, so wenig blind ist der Geist der Obersten Schwester. Wenn sie es darauf anlegte, verdrehte Alana jedem Mann und jeder Frau den Kopf, aber sobald sie ihre Doppelaxt zur Hand nahm, wurde sie zur verheerenden Waffe. Damals, in der anderen Welt. Als sie noch nicht gestorben war. Ein Damals, das erst wenige Stunden zählt.

»Rakis Meratas«, sagt die Amazone mit fester Stimme, bohrt ihren Blick in den der Obersten Schwester. Oder sollte sie sich fortan Gefallene Schwester nennen. Racheschwester. Wie wäre das?

»Der Orâ bleibt dir versperrt, wenn dein Geist sich an dein altes Leben klammert. Willst du keine Ruhelose werden, dann musst du loslassen. Jetzt.«

»Ich kann nicht«, presst Rakis hervor. »Bevor ich gehe, habe ich in dieser Welt noch etwas zu erledigen.«

Der Zorn verursacht einen Sturm in den Tiefen ihrer nebelhaften Gestalt, und Alanas ernste Miene wandelt sich in Trauer. Sie nickt verstehend. Eine Träne aus Rauch rinnt ihre Wange hinunter, während sie sich zu einem Lächeln zwingt.

»Die sieben Gezeichneten, die wir erschlagen konnten, hat die Herrin verstoßen. Sie werden bis ans Ende der Zeit in der Leere wandeln. Aber dein Heer, das wartet vor den Toren auf dich. Sie möchten es mit dir gemeinsam durchschreiten«, wagt sie einen letzten Versuch.

Rakis schüttelt schweigend den Kopf. Sie hat sich entschieden. Arkjen Vargos wird vom Antlitz dieser Welt verschwinden, und zwar durch die Hand eines ruhelosen Geistes. Durch ihre Hand.

»Dein Wille ist selbst im Tod bemerkenswert«, sagt Alana leise. Dann drückt sie der Obersten Schwester einen sanften Kuss auf die Stirn. »Ich wünsche dir Glück, mein Herz. Auf dass wir uns bald wiedersehen.«

Noch im Verklingen ihrer Worte vergeht die Amazone mit dem Wind. Rakis sieht zu, stellt sich vor, wie ihre Frauen von der Herrin des Orâ mit offenen Armen empfangen werden, um ihr Jenseitsleben in Glückseligkeit zu verbringen. Der Übergang dauert nicht lange, und als es geschehen ist, lacht und weint sie zugleich. Lautlos. Einsam.

»Ihr habt euch euren Platz an der Ewigen Tafel mit Ehre erstritten«, spricht die Kriegerin nach einer Weile in den Regen hinaus. »Ich dagegen bin eurer Gesellschaft erst würdig, wenn ich für euch Vergeltung geübt habe.«

Ihr linkes Auge zuckt schon wieder, von meiner Schläfe rinnt ein Schweißtropfen. In meinem Mund sammelt sich Speichel. Das Schlucken fällt mir schwer, weil meine Krawatte zu eng ist, doch ich kann sie unmöglich lockern – nicht jetzt. Dann holt sie zu einem weiteren Schlag aus. »Welchen Mehrwert würden Sie unserem Unternehmen bringen?«

Im Internet habe ich mir diverse Fragen und Antworten für Bewerbungsgespräche angesehen, doch in diesem Moment fallen mir natürlich keine dieser glorreichen Empfehlungen ein.

»Einen Mehrwert ...«, beginne ich nickend, ohne zu wissen, was ich sagen soll. »Natürlich ...« Ich suche nach Worten.

»Natürlich was?« Ihre Augen fixieren mich.

Ich greife zu meiner Krawatte und lockere sie nun doch – Mist! »Meine Erfahrung … im Umgang mit Menschen ...«, ... ist in einem Job als Sachbearbeiter der Buchhaltung wahrscheinlich nur bedingt wichtig, fällt mir ein, doch da ist es schon zu spät, »... hilft mir, mich gut in ein Team einzubringen«, versuche ich zu retten, was zu retten ist. »Es ist mir wichtig, dass ich mich wohlfühle … ich meine, dass sie sich wohlfühlen … das ganze Team, wollte ich sagen.«

Sie kritzelt etwas in ihre Unterlagen, blickt kurz auf die Uhr und steht auf. »Vielen Dank, dass Sie bei uns waren. Ich denke, wir sind fertig. Oder gibt es noch etwas, über das Sie reden möchten?« Sie kommt um den Schreibtisch herum, bleibt direkt vor mir stehen und nimmt mir damit den Platz, den ich zum Aufstehen brauche. Also schiebe ich den Stuhl zurück und verursache dabei ein kreischendes Geräusch auf dem Parkett. Immerhin sieht sie nicht herab, und ich versuche, ebenfalls eine unbeteiligte Miene aufzusetzen.

Mir fällt ein, dass ich gelesen habe, man könne zu jeder Zeit im Bewerbungsgespräch das Ruder noch herumreißen, selbst bei der Verabschiedung. Es braucht nur die richtigen Worte oder eine intelligente Frage. Eine, die gleichermaßen Interesse und Kompetenz transportiert. »Ähm … wie komme ich von hier am besten zur U-Bahn?« Prima, Felix. Ganz prima!

Als ich in die U1 steige, habe ich mich immer noch nicht beruhigt. Diese Abteilungsleiterin war vom ersten Moment an gegen mich und hat mir nicht die geringste Chance gegeben. Dabei war ich viel besser vorbereitet als bei meinen letzten Vorstellungsgesprächen. Die Anzugjacke über meinem Hoodie sitzt tadellos, mein Kinn ist glattrasiert und mein Undercut-Zopf würde selbst Colin Farrell neidisch machen. Ganz zu schweigen von meiner nigelnagelneuen Mappe, die jetzt ungenutzt auf meinem Schoß liegt, darin ein Ordner, in dem ich alle, wirklich alle wichtigen Informationen über meinen Beinahe-Arbeitgeber zusammengetragen habe.

Lübecker Straße. Ich steige um in die U3, suche nach einem Sitzplatz, finde keinen, stelle mich an die Zwischenwand beim Eingang und fingere mein Smartphone aus der Tasche. Ich brauche Ablenkung, doch das Display bleibt schwarz. Echt jetzt? Entnervt stecke ich das Handy wieder weg. Schlimmer kann’s jetzt nicht mehr werden.

»Die Fahrkarten, bitte.«

Als ich an der Haltestelle St. Pauli aussteige, bin ich um sechzig Euro ärmer und endlich am Tiefpunkt angekommen. Der Himmel über dem Heiligengeistfeld ist so dunkel wie meine Stimmung, in der Tasche habe ich noch zwanzig Euro für den Rest der Woche. Was für ein beschissener Montag!

Ich warte auf eine Lücke im Verkehr, überquere die Budapester, biege in die Clemens-Schultz-Straße ab und beeile mich, als es zu regnen beginnt. Dann kübelt es plötzlich vom Himmel, als wollte jemand ein Meer ausschütten. Ich rette mich in den Eingang eines Hauses, das schon länger leer steht. Das Wasser strömt durch den Rinnstein, ein Auto rast vorbei, Wasser spritzt – und ich bin endgültig nass bis auf die Haut. Ich sehe ihm fluchend nach, als hinter mir etwas knarrt.

»Was für ein Arsch, oder?«

Mein Kopf ruckt herum, ein schwarzbärtiger Typ greift zu und zieht mich ins Haus. Dann fällt die Tür hinter mir ins Schloss.

»Du bist ja vollkommen nass. Sieh bloß zu, dass du aus den Klamotten rauskommst. Kannst sie überm Waschbecken auswringen.« Sein T-Shirt spannt sich, als er mit seinem muskelbepackten Arm nach hinten zeigt.

Ich nicke und gehe an Tischen und Stühlen vorbei, die ihre beste Zeit hinter sich haben. Mein Blick fällt auf vergilbte Bilder in zerkratzten Rahmen, abgewetzte Tapeten und Schwarzweißfotos, die direkt auf die Wände gekleistert wurden. Das Einzige, was hier wirklich glänzt, ist der Tresen. Dafür ist das Leder der Barhocker so zerschlissen, dass die Polsterung rausquillt. Alles wirkt, als wäre es schon ewig hier. Verwirrt gehe ich auf die Toilette, schlüpfe aus den nassen Klamotten und wringe sie aus. Ich bin mir fast sicher, dass das Haus gestern noch vernagelt war. Aber wie kann das sein?

Der Turbo-Handtrockner leistet gute Arbeit, ich bekomme Hose und Hemd wieder halbwegs trocken. Hoodie und Sakko müssen von alleine trocknen.

»Schon besser, oder?« Der Schwarzbart steht jetzt hinter dem Tresen. »Darf’s was Heißes sein? Tee oder Kaffee?«

Ich denke an meine zwanzig Euro, möchte eigentlich nichts, fühle mich aber im Zugzwang. Vielleicht ein Glas Leitungswasser?

»So, wie ich das sehe, braucht der junge Mann was Stärkeres.«

Erst jetzt entdecke ich einen zweiten Gast am Ende des Tresens.

»Sie können Ihre Sachen zu meinen hängen. Mich hat der Regen auch erwischt.« Er zeigt auf einen Mantel über einem Heizkörper, darunter eine Wasserlache.

Eigentlich würde ich lieber nach Hause gehen, doch durchs Fenster sehe ich es immer noch schütten.

»Leisten Sie mir Gesellschaft, während wir den Regen abwarten. Ich lade Sie ein.«

»Das müssen Sie nicht.« Genervt versuche ich, mein zerknittertes Sakko halbwegs glatt über die Heizung zu hängen. »Ich kann selbst zahlen.« Aber klar, Felix, du hast ja noch ganze zwanzig Euro in der Tasche. Hallo?

»Davon gehe ich aus. Aber es wäre mir eine Freude.« Er lächelt mir zu. Blaue Augen, volles Haar, gebräunter Teint und ein blütenweißes Hemd von Hugo Boss, das um die Schultern etwas spannt. Schätzungsweise Ende dreißig.

»In Ordnung.«

»Und was darf’s sein?« Der Barmann wischt den Tresen und schaut uns abwartend an.

»Ein Whisky wäre nicht schlecht.« Vielleicht tröstet mich das über den Tag hinweg.

»Single Malt oder Blended Whisky? Wir hätten auch einen Bourbon oder einen Rye.«

»Gern ein Single Malt, denke ich«, schaltet sich mein Gönner ein. »Was haben Sie da?«

Der Schwarzbart zählt Sorten auf, die ich noch nie gehört habe, ich gebe seinen fragenden Blick an das Weißhemd weiter. Soll er doch auswählen, er will ja schließlich auch zahlen.

»Dann den Laphroaig Quarter.«

Der Schwarzbart nickt und wendet sich ab. Wahrscheinlich ist dies der Moment für Smalltalk, aber das Einzige, woran ich denken kann, ist das misslungene Bewerbungsgespräch. Und der Stapel Rechnungen, der in meiner Wohnung auf mich wartet.

»Mein Name ist Ares.« Er streckt mir seine Hand entgegen.

»Felix.« Meine Hand ist eigentlich nicht klein, doch in seiner verschwindet sie.

Der Whisky kommt, wir stoßen an, und ich nehme einen ersten Schluck. Rauchiger Torfgeschmack, dem eine leicht fruchtige Note folgt – köstlich. Ich nicke Ares dankbar zu, und er fordert den Barmann auf, uns gleich die ganze Flasche zu überlassen.

»Das ist nett, aber mir reicht ein Glas. Ich trinke nicht so viel.«

»An manchen Tagen darf man eine Ausnahme machen«, sagt er und schenkt mir nach. »Und ich habe so das Gefühl, dieser Tag verlangt nach einer Ausnahme, nicht wahr? Du wirkst jedenfalls so. Magst du darüber sprechen?«

Vielleicht ist es die angenehme Wärme, die sich gerade in meinen Bauch ausbreitet, vielleicht auch das verständnisvolle Interesse von dem Weißhemd – jedenfalls fange ich tatsächlich an, von meinem Tag zu berichten.

Er ist ein guter Zuhörer, und zwei Gläser später höre ich mich von meiner Kindheit erzählen, von meinem abgebrochenen BWL-Studium, meinem verlorenen Job als Taxifahrer, weil mein Führerschein einer roten Ampel zum Opfer gefallen ist, meinen Schulden und den Bemühungen, einen Job zu bekommen. »Entweder bin ich über- oder unterqualifiziert. Heute war der letzte Vorstellungstermin, den ich ergattern konnte. Aber diese augenzuckende Personalleiterin hat mich von Anfang an auflaufen lassen. Die hatte gar kein Interesse, mich kennenzulernen.«

»Hat sie mit einem oder mit beiden Augen gezuckt?« Ares beugt sich interessiert vor.

»Mit einem«, antworte ich. »Ist das nicht egal? Tatsache ist, dass dem Zucken immer eine nächste hinterhältige Frage folgte.«

»Ein kurzes Augenzucken, bevor sie zum Schlag ausholt«, raunt Ares, und mir läuft ein kalter Schauer über den Rücken. »Felix, ich kenne diese Personalleiterin natürlich nicht, aber hast du mal darüber nachgedacht, dass hinter deinem Unvermögen, Antworten zu finden, auch was anderes stecken könnte?«

Seine Augen fixieren mich, mir wird etwas mulmig. »Wie meinst du das?«

»Ich meine, dass du vielleicht nicht antworten konntest, weil etwas dich daran gehindert hat.«

»Gehindert?« Ich nehme noch einen Schluck. »Nein, ich denke, das ist einfach blöd gelaufen.«

Ares hebt sein Glas und lässt den Whisky sanft kreisen. »Oder es war Magie im Spiel.«

Ich starre auf die Flüssigkeit, spüre einen Sog, der meine Gedanken durcheinanderwirbelt, und habe das Gefühl, der Raum würde sich drehen. Was hat er gesagt? »Magie?«

Ares hebt das Glas an die Lippen, trinkt, setzt es ab und sieht mich mit durchdringendem Blick an. »Nicht irgendeine Magie. Sondern die der Amazonen!«

Als ich aufwache, dröhnt mein Schädel. Im Magen rumort es, mein Mund ist trocken und die Zunge fühlt sich pelzig an. Wie bin ich eigentlich nach Hause gekommen? Meine Blase meldet sich, ich stehe auf, schwanke zum Klo – immer eine Hand an der Wand und die andere vor den Augen, um mich vor der Helligkeit des Tages zu schützen. Strahlender Sonnenschein, vom Schicksal bestellt, um mich nach der durchzechten Nacht zu foltern.

Ein Blick in den Spiegel lässt mich stöhnen. Keine Ahnung, wo der blasse Mann mit den dunklen Augenrändern herkommt.

Ich steige in die Dusche und versuche, meinen Kopf klar zu bekommen. Da war dieser Typ mit dem Hugo-Boss-Hemd, der mir eine Flasche Whisky ausgegeben hat. Scheiße, ich glaube, ich habe dem meine ganze Lebensgeschichte erzählt.

In der Küche mache ich mir einen Tee. Ares hieß er, fällt mir ein. Er war ganz in Ordnung – zumindest, bis er angefangen hat, über Amazonen und Magie zu sprechen. Urban-Fantasy in Hamburg, das wär’s noch.

Auf dem Weg zum Schreibtisch finde ich eine Visitenkarte. Ares Ludovisi. Warum hat er mir die gegeben? Sonderbar, es steht keine Adresse oder Rufnummer drauf. Als ich sie umdrehe, finde ich eine handschriftliche Notiz: Nicht vergessen: Ich hätte einen Job für dich!

Mein Blick fällt auf den Stapel Rechnungen vor mir. Okay, Felix, ganz ruhig bleiben, er ist nur eine Kneipenbekanntschaft, das muss nichts zu sagen haben. Aber eine Bekanntschaft mit Hugo-Boss-Hemd. Außerdem kennt der Typ meinen ganzen verkorksten Lebenslauf und bietet mir trotzdem einen Job an. Hektisch drehe ich die Visitenkarte von links nach rechts, von rechts nach links und wieder zurück. Immer noch keine Adresse oder Telefonnummer – Mist!

Nur Minuten später stürze ich die Treppe hinunter. Vielleicht ist der Typ in der Kneipe bekannt.

Unten sehe ich den Postboten eine neue Mahnung in meinen Briefkasten stecken. Nicht mehr lange bis zur Zwangsräumung. Aber wenn ich diesen Job bekomme und Ares mir womöglich einen Vorschuss gibt, kann ich das Ruder noch rumreißen.

Ich gehe schneller, ich laufe – da vorne ist das Gebäude, ich kann es schon sehen.

Der Barmann könnte wissen, wie ich meinen zukünftigen Chef erreiche.

Dann werde ich langsamer, traue meinen Augen nicht, bleibe wie versteinert stehen. Im Eingang liegt eine abgewetzte Isomatte, darauf ein fleckiger Schlafsack und ein paar dreckige Lumpen. Die unteren Fenster sind vernagelt, die Oberlichter starren vor Dreck. In diesem Haus ist schon seit Jahren keine Kneipe mehr. Aber das kann doch nicht sein!

Ich ziehe mich an der Fensterbank hoch und schaue durch einen Spalt. Gedämpftes Sonnenlicht fällt auf den schmutzigen Boden. Keine Tische, keine Stühle – nur Scherben, zerknülltes Papier und Staub, der träge durch die Luft tanzt. Trotzdem erkenne ich den Raum wieder, sogar die vergilbten Bilder an der Wand. Und als ich genauer hinschaue, sehe ich auf dem Tresen eine leere Flasche und zwei Gläser.

Das Herz schlägt mir bis zum Hals, meine Gedanken stolpern rastlos zwischen Erinnerungsbruchstücken, Sorgen und einer vergebenen Hoffnung umher.

Ich gehe weiter, starre immer wieder auf die Visitenkarte und fühle mich betrogen. Verarscht von Ares, von meinem Leben, von der ganzen Welt. Würde mir jemand eine Tür in ein anderes Universum öffnen – ich ginge hindurch, ohne zu zögern. Egal, was mich erwarten würde oder wie viele Gellwicks ich in die Flucht schlagen müsste, jeder neue Anfang wäre besser, als hier vor lauter Sorgen den Verstand zu verlieren.

Als ein Supermarkt in Sicht kommt, beschließe ich, einige Euro in Alkohol zu investieren. Ich brauche das jetzt.

Dann packt mich jemand bei den Schultern und reißt mich herum. »Felix?«

Atemlos vor Schreck starre ich in das makellose Gesicht von Ares.

»Du kommst wie gerufen. Hast du über mein Job-Angebot nachgedacht? Ich könnte deine Hilfe wirklich brauchen.«

Ich erhole mich von dem Schreck und begrüße den Funken Hoffnung, den das Wort Job auslöst. »Ja«, antworte ich, obwohl ich mich an nichts erinnern kann. »Ich hätte Interesse.«

Auf Ares’ Gesicht breitet sich ein Lächeln aus, strahlend weiße Zähne blitzen mir entgegen. Es wirkt fast, als wäre seine Erleichterung noch größer als meine. Vielleicht kann ich ihn sogar um einen Vorschuss bitten?

»Wenn du heute anfangen kannst, kriegst du morgen einen Abschlag auf dein Monatsgehalt.«

Ja. Ja, ja, ja! Die Erkenntnis, dass er meine Hilfe ebenso sehr braucht wie ich seine, macht mir Mut. »Wir sollten erst über mein Gehalt und den Vertrag sprechen.«

Ares nickt. »Natürlich. Ich dachte an fünftausend im Monat, zuzüglich Spesen, vierzig Stunden die Woche, Überstunden werden ausgezahlt und dreißig Tage Urlaub sind auch noch drin. Natürlich bekommst du mit dem Vorschuss auch gleich den Vertrag. In Ordnung?«

Meinte er das wirklich ernst? »Fünftausend Euro?«

»In Ordnung, ich erhöhe auf sechstausend. Aber das ist mein letztes Wort. In einem Jahr können wir weitersehen, einverstanden?«

»Wie lang ist die Probezeit?«, presse ich beherrscht hervor und verkneife mir den Freudenschrei, der sich in meiner Brust aufstaut und unbedingt nach draußen will.

»Wenn heute alles gut läuft, brauchen wir keine Probezeit.«

Er streckt mir seine Hand entgegen, und ich schlage ein.

»Was genau soll ich überhaupt für dich tun?«

»Na, was schon? Du sollst mir helfen, eine Amazone zu fangen.« Seine Hand legt sich kraftvoll auf meinen Rücken.