Pferde-Märchen -  - ebook

Pferde-Märchen ebook

0,0

Opis

Zu allen Zeiten hat das Pferd für den Menschen eine besondere Rolle gespielt. In diesem Band finden Sie eine einzigartige Sammlung von über 30 bekannten und unbekannten Pferde-Märchen aus aller Welt. Das Buch ist in drei Hauptkapitel unterteilt, je nachdem welche Rolle das Pferd in den Geschichten spielt: Die Hilfreichen, Die Dämonischen und Die Verwandelten. Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Sigrid Früh, der wohl bekanntesten deutschen Märchenerzählerin und Wolfgang Schultze, Märchensammler.

Ebooka przeczytasz w aplikacjach Legimi na:

Androidzie
iOS
czytnikach certyfikowanych
przez Legimi
czytnikach Kindle™
(dla wybranych pakietów)
Windows
10
Windows
Phone

Liczba stron: 251

Odsłuch ebooka (TTS) dostepny w abonamencie „ebooki+audiobooki bez limitu” w aplikacjach Legimi na:

Androidzie
iOS



Über dieses Buch

Zu allen Zeiten hat das Pferd für den Menschen eine besondere Rolle gespielt. In diesem Band finden Sie eine einzigartige Sammlung bekannter und unbekannter Pferde-Märchen aus aller Welt.

Über die Herausgeber

Sigrid Früh, Jahrgang 1935, studierte Germanistik und Volkskunde und ist eine der bekanntesten Märchenerzählerinnen und Märchenforscherinnen Deutschlands. In zahlreichen Seminaren und Vorträgen bringt sie die Märchen einem breiten Publikum nahe. Sie wohnt in Fellbach in der Nähe von Stuttgart. Weitere Informationen: www.sigrid-frueh.de. Veröffentlichungen von Sigrid Früh auch unter www.koenigsfurt-urania.com.

Wolfgang Schultze, Jahrgang 1938, Sammler von Märchen- und Sagenbüchern, Mitherausgeber mehrerer regionaler Sagenbücher und langjähriger Schatzmeister der Europäischen Märchengesellschaft. Weitere Informationen: www.maerchen-emg.de.

Pferde-Märchen

Herausgegeben undmit einem Nachwort versehen vonSigrid Früh und Wolfgang Schultze

Ungekürzte Sonderausgabe des Titels »Pferdemärchen« von Sigrid Früh und Wolfgang Schultze, 2006

Bibliographische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliographie; detaillierte bibliographische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

E-Book-Ausgabe

2016 Krummwisch bei Kiel

© 2016 by Königsfurt-Urania Verlag GmbH

D-24796 Krummwisch

www.koenigsfurt-urania.com

Umschlaggestaltung: Jessica Quistorff, Seedorf,

unter Verwendung der folgenden Motive von Fotolia

»Crazy horse« © dannywilde und »Das Pferd« © Tetastock

Satz: Satzbüro Noch & Noch, Menden

ISBN 978-3-86826-330-5

Inhalt

Die Hilfreichen

Zauberilona

Das Zauberpferd

Das Kupfer-, Silber- und Goldgestüt

Das wilde Pferd und der Königssohn

Der goldene Dragoner

Der Jüngste und das kleine Zauberpferd

Das Pferd Gullfaxi

Das hölzerne Pferd

Das Wunderpferd

Jugend ohne Alter und Leben ohne Tod

Der weissagende Schimmel

Der Held Balor Gunan und das Fuchsfüllen

Die Gänsemagd

Das Mondross

Die Dämonischen

Das Hexenpferd

Zar Oley und sein Ross

Das Pferd der Laima

Des Schwarzenbergers Bekehrung

Der verhexte Gaul

Der Nöck

Das Wunderross Friedrichs von Zollern

Die Nordlichtpferde

Der Schimmel König Arthurs

Der Riesenbaumeister und die Geburt Sleipnirs

Die Verwandelten

Imrik und sein Zauberrösslein

Von dem Prinzen, der bei dem Satan in Diensten stand und den König aus der Hölle befreite

Friedrich Goldhaar

Der böse Gutsherr

Das Märchen von der Königstochter, die in ein Pferd verwandelt war

Das treue Füllen

Die sieben Fohlen

Nachwort

Quellenverzeichnis

Die Hilfreichen

Zauberilona

Es waren einmal ein König und eine Königin, die hatten drei Töchter und einen Sohn. Da besprachen sich einst der König und die Königin: »Wenn jede unserer Töchter heiratet, so wird jede einen Teil unseres Königreiches bekommen müssen und so wird unser Königreich sehr klein werden; es ist also besser, wir verheiraten sie alle drei an unseren Sohn, so bleibt das Königreich zusammen. In acht Tagen ist die Ernte vorbei, dann wollen wir sogleich Hochzeit halten.«

Der Sohn hatte diese Rede gehört, er dachte sich: daraus wird nichts.

Während nun der König und Königin auf einer entfernten Puszta waren, den Schnittern nach zu sehen, trat der Sonnenkönig an das Fenster und sprach zum Prinzen: »Königssohn, ich will deine älteste Schwester heiraten.«

Der Prinz antwortete: »Warte ein wenig, gleich sollst du sie haben.«

Er rief seine älteste Schwester und wie sie in das Zimmer trat, warf er sie zum Fenster hinaus. Sie fiel aber nicht zur Erde, sondern auf eine goldene Brücke, die lang, sehr lang war und bis zur Sonne reichte. Der Sonnenkönig fasste sie bei der Hand, führte sie auf der goldenen Brücke fort, bis in sein Königreich, mitten in der Sonne.

Als es Mittag geworden, trat der Windkönig an das Fenster, klopfte und sprach: »Königssohn, ich will deine zweite Schwester heiraten.«

Der Prinz antwortete: »Warte ein wenig, gleich sollst du sie haben.«

Er ging in das Zimmer seiner zweiten Schwester, nahm sie auf den Arm und warf sie zum Fenster hinaus. Sie fiel aber nicht zur Erde, sondern in einen Wagen aus Luft. Vier Pferde, die unaufhörlich schnauften und sich bäumten, waren angespannt. Der Windkönig setzte sich zu ihr in den Wagen und wie er die Peitsche schwang, breiteten sich die Wolken aus zu einer Heerstraße, des Wagens Rollen war Sturm und er verschwand im Augenblick.

Als der Abend kam, klopfte es wieder ans Fenster, dies war der Mondkönig, der sprach: »Königssohn, ich will deine dritte Schwester heiraten.«

Der Prinz antwortete: »Warte ein wenig, gleich sollst du sie haben.«

Er ging in das Zimmer seiner dritten Schwester, nahm sie auf den Arm und warf sie zum Fenster hinaus. Diese fiel in einen silberhellen Bach. Der Mondkönig fasste sie beim Arm und die Wellen trugen sie sanft dem Mond zu. Beruhigt legte sich der Prinz zu Bett.

Als der König und die Königin am nächsten Morgen zurückkamen und hörten, was der Königssohn getan, verwunderten sie sich. Weil sie aber so mächtige Schwiegersöhne bekommen hatten, wie den Sonnen-, Wind- und Mondkönig, waren sie zufrieden und sprachen zu dem Königssohn: »Sieh, wie mächtig deine Schwestern durch ihre Männer geworden sind. Auch du musst dir eine mächtige Königstochter zu deiner Frau nehmen.«

Der Prinz entgegnete: »Ich habe mir schon eine ausgesucht, keine andere soll meine Frau werden als Zauberilona.«

Der König und die Königin erschraken über diese vermessene Rede sehr und suchten ihn von diesem Gedanken abzubringen. Weil ihnen dies aber nicht gelang, sprachen sie endlich: »Nun, mein Sohn, so ziehe hin, der Himmel geleite dich bei deinem vermessenen Unternehmen.«

Der alte König aber nahm zwei Flaschen aus einer Truhe und gab sie seinem Sohn mit den Worten: »Sieh, mein Sohn, die eine Flasche enthält das Wasser des Lebens, jene andere aber das Wasser des Todes. Wenn du einen Toten mit dem Wasser des Lebens besprengst, wird er wieder lebendig; besprengst du aber einen Lebenden mit dem Wasser des Todes, so stirbt er sogleich. Nimm diese Flaschen, sie sind mein größter Schatz, vielleicht können sie dir nützlich sein.« Der ganze Hofstaat begann zu trauern, besonders aber die Hofdamen, denn alle hatten den Prinzen sehr lieb. Er aber war mutig und guter Dinge, küsste seinen Eltern die Hände, hing sich die beiden Flaschen um, die des Lebens rechts und die des Todes links, umgürtete sich mit seinem Schwert und ging.

Nach langer Wanderung kam er in ein Tal, das war voller Erschlagener. Der Prinz nahm seine Flasche mit dem Wasser des Lebens und besprengte einen der Toten. Sogleich stand dieser auf, rieb sich die Augen und sprach: »Wie hab’ ich so lange geschlafen!«

Der Königssohn fragte ihn: »Sage mir, was ist hier vorgegangen?«

Der Erweckte antwortete: »Wir haben mit Zauberilona gefochten, sie hat uns zusammengeschlagen.«

Der Königssohn rief aus: »Wenn ihr so schwach wart, euch gegen ein Weib nicht schützen zu können, so verdient ihr nicht zu leben!«, besprengte ihn mit dem Wasser des Todes und sogleich fiel der Erweckte wieder unter die Leichen.

Im nächsten Tal lag ein ganzes Heer. Der Königssohn erweckte wieder einen Toten und fragte: »Hat auch euch Zauberilona erschlagen?«

»Ja!«, entgegnete der Erweckte.

»Warum führt ihr denn Krieg mit ihr?«, fragte er weiter.

»Weißt du nicht«, versetzte der Erweckte, »dass unser König sie heiraten will, dass sie aber keinen anderen zum Gatten nimmt als den, der sie besiegt? Mit drei Heeren zogen wir gegen sie aus. Gestern erschlug sie das eine, heute bei Sonnenaufgang uns, jetzt kämpft sie eben mit dem dritten.«

Der Königssohn besprengte den Redner mit dem Wasser des Todes und sogleich lag dieser auf dem Boden.

Im dritten Tal lag das dritte Heer. Der Erweckte sagte: »Die Schlacht ist vorbei, Zauberilona hat uns alle getötet.«

»Wo finde ich sie?«, fragte der Königssohn.

»Über jenem Berg ist ihr Schloss«, gab der Erweckte zur Antwort und sank tot zu Boden, als der Königssohn ihn besprengte.

Der Königssohn ging über den Berg und kam zu Zauberilonas Schloss. Er konnte ungehindert hineingehen, keine Menschenseele war zu sehen. In Zauberilonas Schlafgemach hing ein Schwert, das sprang unaufhörlich aus seiner Scheide und wieder zurück.

Ei, wenn du so unruhig bist, dachte der Königssohn, so will ich dich für mich nehmen, du gefällst mir besser als mein Schwert. So zog er sein Schwert und tauschte die Klingen aus. Kaum war dies geschehen, stand Zauberilona vor ihm. »Du wagst es, in mein Schloss einzudringen?«, rief sie aus, »zieh dein Schwert, du musst mit mir kämpfen!«

Sie riss das Schwert von der Wand. Der Königssohn zog die Klinge, die er eben ausgetauscht. Sie begannen zu fechten, aber wie sich die Schwerter zum ersten Mal kreuzten, sprang Zauberilonas Schwert in der Mitte ab.

Da frohlockte sie: »Du bist mein Bräutigam!«, fiel ihm um den Hals herzte und küsste ihn.

Nachdem sie einige Zeit in Freude und Glückseligkeit zusammen gelebt, sprach Zauberilona eines Morgens: »Geliebter, ich muss dich auf kurze Zeit verlassen. Es ist zum ersten und letzten Mal, dass ich mich von dir trenne. In sieben mal sieben Tagen bin ich zurück, dann soll unser Leben in ewiger Freude dahinfließen. Alles im Schloss ist zu deinem Befehl, nur das letzte Zimmer betritt nicht, es könnte großes Unheil daraus entstehen.«

Mit diesen Worten war sie verschwunden. Dem Königssohn verging die Zeit sehr langsam, seit Zauberilona fern war. Er durchwanderte das ganze Schloss, bis er endlich an das letzte Gemach kam. Voller Neugier schloss er es auf.

Er sah einen alten Mann, dessen Bart war Feuer, es war der Flammenkönig, der Königssohn wusste das aber nicht.

Der alte Mann hatte drei stählerne Reifen um den Bauch, diese hielten ihn an der Mauer fest. Der Flammenkönig sprach: »Ich grüße dich, junger Mann! Sieh, mein Bart ist Flamme, mir ist so heiß, gib mir einen Becher Wein.«

Weil nun der Königssohn gutmütig war, gab er ihm einen Becher Wein. Wie ihn der Flammenkönig austrank, sprang ein Reif von seinem Bauche ab. Er lächelte und sagte: »Du hast mich sehr gelabt, gib mir noch einen Becher Wein.«

Der Königssohn tat es und wie der Flammenkönig ihn austrank, sprang der zweite Reif von seinem Bauch. Er lächelte wieder und sagte: »Zweimal hast du mir Wein gegeben, gib mir jetzt auch einen Becher Wasser.«

Als der Königssohn dies getan, sprang auch der dritte Reif ab und der Flammenkönig verschwand.

Zauberilona hatte noch nicht die Hälfte ihres Weges zurückgelegt, als schon der Flammenkönig an ihrer Seite stand. Er sprach zu ihr und sein Bart bewegte sich dabei zornig: »Du hast mich als Gemahl verschmäht, hast drei meiner Heere getötet, mich selber gefangen gehalten, nun bist du in meiner Gewalt. Nicht meine Gemahlin, die letzte meiner Dienerinnen sollst du sein.«

Seitdem Zauberilona den Königssohn geheiratet, hatte sie ihre Stärke verloren, alles Sträuben half ihr nicht. In drei Sprüngen trug sie der Flammenkönig in sein Reich.

Sieben mal sieben Tage waren vergangen, Zauberilona kam nicht wieder. Da wurde es dem Königssohn angst und er beschloss, zu seinen drei Schwägern zu reisen, um sie zu fragen, ob sie wüssten, wo seine Gemahlin Zauberilona wäre. Er gelangte zuerst zum Sonnenkönig, der eben nach Hause kam.

»Sei mir gegrüßt, Schwager«, sprach dieser.

»Ach lieber Schwager«, sprach der Königssohn, »ich suche meine Frau, die Zauberilona, weißt du wo sie ist? Hast du sie gesehen?«

»Nein!«, entgegnete der Sonnenkönig, »ich habe sie nicht gesehen. Vielleicht ist sie nur bei Nacht sichtbar. Du musst unsern Schwager, den Mondkönig fragen.« Sie speisten zusammen, dann ging der Königssohn weiter zum Mondkönig. Er gelangte zu dessen Palast, als der Mondkönig eben seine Nachtwanderung beginnen wollte. Der Königssohn klagte ihm seine Not. Darauf antwortete der Mondkönig: »Ich habe sie nicht gesehen, aber komm, pilgre die Nacht über mit mir, vielleicht sehen wir sie.«

Sie gingen die ganze Nacht, sahen sie aber nicht. Da sprach der Mondkönig: »Ich muss jetzt nach Hause, doch dort kommt unser Schwager, der Windkönig, rede mit ihm, er dringt überall ein, vielleicht hat er sie gesehen.«

Der Windkönig stand an ihrer Seite und als er seines Schwagers Anliegen vernahm, erwiderte er: »Allerdings weiß ich, wo sie ist. Der Flammenkönig hält sie in einer unterirdischen Höhle gefangen, sie muss sein Küchengeschirr am Glutbach waschen. Weil ihr dabei sehr heiß wird, hab’ ich ihr oft schon Kühlung zugeweht.«

»Ich danke dir, lieber Schwager, dass du ihr Linderung verschafft hast«, sagte der Königssohn, »bringe mich zu ihr!«

»Sehr gern!«, antwortete der Windkönig. Er wehte seinen Schwager an und augenblicklich stand der Königssohn mit seinem Ross vor Zauberilona. Aus Freude ließ sie das Küchengerät in den Glutbach fallen, der Königssohn redete nicht viel, sondern hob sie auf sein Ross und ritt davon.

Der Flammenkönig war in seinem Zimmer und vernahm im Stall einen ungeheuren Lärm, er ging hinab und sah, dass sein Pferd sich aufbäumte, wieherte, in die Krippe biss und auf den Boden stampfte. Es war ein wunderbares Pferd, hatte neun Füße und verstand die Sprache der Menschen. »Was treibst du für tolles Zeug?«, rief der Flammenkönig, »hast du nicht Hafer und Heu genug oder hat man dich nicht getränkt?«

»Hafer und Heu hab’ ich genug, auch hat man mich getränkt«, antwortete das Pferd, »doch Zauberilona wurde dir entführt.«

Des Flammenkönigs Bart zitterte vor Wut.

»Sei ruhig«, sprach das Pferd, »iss, trink, schlafe sogar, in drei Sprüngen hole ich sie ein.«

Der Flammenkönig tat, wie ihm sein Ross geraten. Als er sich gestärkt und ausgeruht, setzte er sich auf das Ross und in drei Sprüngen hatte er den Königssohn eingeholt, riss ihm Zauberilona aus dem Arm und rief, indem er zurücksprengte: »Weil du mir die Freiheit verschafft hast, töte ich dich nicht, kommst du aber noch einmal, so bist du verloren.«

Traurig ging der Königssohn zu seinen drei Schwägern und erzählte ihnen, was geschehen. Die drei Schwäger beratschlagten sich und sagten: »Du musst ein Pferd finden, das noch schneller läuft als das des Flammenkönigs. Es gibt aber nur ein einziges solches Pferd. Es ist der jüngere Bruder des Pferdes des Flammenkönigs, zwar nur mit vier Füßen, aber gewiss schneller als jenes.«

»Wo finde ich dieses Pferd?«, fragte der Königssohn.

Die Schwäger antworteten: »Die Hexe Eisennase hält das Pferd unter der Erde verborgen. Gehe zu ihr, tritt in ihre Dienste und fordere dieses Ross als Lohn.«

»Bringt mich hin, meine lieben Schwäger!«, bat der Königssohn.

»Sogleich«, entgegnete der Sonnenkönig. »Nimm aber zuvor diese Gabe von deinen Schwägern, die dich herzlich lieben.«

Mit diesen Worten gab er ihm einen kleinen Stab, der war halb von Gold und halb von Silber und zitterte unaufhörlich; er war aus Sonnenlicht, Mondenschein und Wind gemacht.

»So oft du unserer bedarfst, stecke diesen Stab in die Erde und wir sind bei dir.« Hierauf nahm der Sonnenkönig seinen Schwager auf einen Sonnenstrahl und trug ihn einen ganzen Tag. Dann nahm ihn der Mondkönig, trug ihn eine Nacht, zuletzt nahm ihn der Windkönig und trug ihn einen Tag und eine Nacht, dann war er beim Palast der Hexe Eisennase.

Der war aus lauter Totenköpfen gebaut, ein einziger fehlte noch, um das Gebäude zu vollenden. Der Königssohn klopfte und als die Hexe es hörte, sah sie zum Fenster hinaus und frohlockte: »Endlich wieder einer! Seit dreihundert Jahren warte ich auf den Totenkopf, der mein Prachtgebäude vollenden soll. Herein, mein lieber Junge!«

Der Königssohn trat ein, er stutzte ein wenig, als er die Alte aus der Nähe sah; sie war groß, hässlich, ihre Nase war von Eisen.

»Ich will in deine Dienste treten«, sprach er.

»Wohl«, erwiderte sie. »Was willst du zum Lohn?«

»Das Pferd, das du unter der Erde verwahrt hältst.« – »Du sollst es haben, wenn du treu dienst, fehlst du aber nur einmal, so bist du des Todes. Bei mir kannst du deinen Dienst sofort beginnen. Du musst meine Pferde auf die Seidenweide treiben, wenn abends eines fehlt, bist du des Todes.«

Hierauf führte sie den Königssohn zu dem Gestüt. Es waren jedoch alle Rosse von Erz, sie wieherten furchtbar und machten die sonderbarsten Sprünge.

»Geh an dein Geschäft!«, sprach die Hexe Eisennase und schloss sich in ihr Gemach ein.

Der Königssohn öffnete die Hürde, warf sich auf eines der erzenen Rosse und stürmte mit der ganzen Schar hinaus. Kaum waren sie auf der Seidenweide, als das Ross, auf welchem er ritt, ihn in einem tiefen Moorgrund abwarf, so dass er bis an die Brust versank. Die ganze Schar lief auseinander. Da steckte der Königssohn das Stäbchen, welches ihm sein Schwager gegeben, in die Erde, auf der Stelle fielen die Strahlen der Sonne so glühend nieder, dass der ganze Moorgrund austrocknete und die erzenen Rosse zu schmelzen anfingen. Voll Angst rannten sie zur Hürde zurück.

Die Hexe war sehr verwundert, die Pferde eingetrieben zu sehen. »Morgen musst du meine zwölf Rappen hüten«, sprach sie. »Bist du mit dem letzten Strahl der Sonne nicht zurück, so bist du des Todes.«

Die zwölf Rappen aber waren die Töchter der Hexe Eisennase. Der Königssohn ritt am nächsten Morgen hinaus. Sogleich liefen die zwölf Rappen auseinander. Der Königssohn steckte sein Stäbchen in den Boden und es erhob sich ein fürchterlicher Sturm. Jedem Ross wehte der Sturm entgegen. Wie sehr sich auch die Rappen aufbäumten, alle mussten nach Hause. Als der Königssohn die Stalltüre schloss, verschwand der letzte Strahl der untergehenden Sonne und die Hexe stand im Stall. Sie war überrascht, die Rosse und den Königssohn zu sehen.

»Wenn du heute Nacht arbeitest, bist du morgen frei. Geh und melke die Erzstuten, bereite ein Bad aus der Milch, mit dem ersten Sonnenstrahl muss es fertig sein.«

Wie der Königssohn aus dem Stalle war, nahm die Hexe eine eiserne Gabel und prügelte ihre Töchter die ganze Nacht hindurch. Der Königssohn ging zu dem Erzgestüt, er wusste, dass dies die schwerste Probe war, die er zu bestehen hatte. Gerade wollte er sein Stäbchen in den Boden stecken, als ihm sein Schwager, der Mondkönig, begegnete und sprach: »Ich suche dich, ich weiß schon, was du brauchst. Wo ich hinscheine, bei der Hürde der erzenen Rosse, dort grabe drei Spannen tief, dann findest du einen goldenen Zaum; wenn du den in der Hand hältst, gehorcht dir jedes Ross.«

Der Königssohn tat, wie ihm der Mondkönig geraten, und alle Rosse des Erzgestüts standen ruhig und ließen sich melken. Am Morgen war das Bad fertig, die Milch rauchte und dampfte, sie war siedend. Die Hexe Eisennase sprach: »Setze dich hinein.«

Der Königssohn entgegnete: »Wenn ich diese Probe bestehe, reite ich augenblicklich davon, lass also das Pferd vorführen, das du mir als Lohn versprochen.«

Bald stand das Pferd an der Badewanne. Es war klein, unansehnlich und schmutzig. Wie der Königssohn hinzutrat, um in die Wanne zu steigen, tauchte das Ross den Kopf in die Milch und sog alles Feuer in sich, so dass der Königssohn im Bad unverletzt blieb. Als er herausstieg, war er siebenmal schöner als zuvor. Hexe Eisennase fand Wohlgefallen an ihm und dachte sich: »Jetzt werde ich mich ebenfalls siebenmal schöner machen als ich bin und dann heirate ich diesen Jungen.«

Sie sprang in die Badewanne. Das Ross aber steckte seinen Kopf wieder in die Milch, blies das Feuer, das es zuvor eingesogen, durch die Nüstern wieder heraus und die Hexe Eisennase verbrannte augenblicklich.

Der Königssohn schwang sich auf sein Ross und ritt davon. Wie sie aus dem Gebiet der Hexe Eisennase waren, sprach das Ross: »Wasche mich in diesem Bach.«

Der Königssohn tat es und das Pferd wurde goldfarben, an jedem Haar hing ein goldenes Glöckchen. Das goldfarbene Pferd sprang mit einem Sprung über das Meer und trug seinen Herrn zur Höhle des Flammenkönigs.

Zauberilona stand wieder am Glutbach und wusch das Küchengerät.

»Komm!«, rief der Königssohn, »ich will dich retten.«

»Ach!«, sprach sie, »der Flammenkönig tötet dich, wenn er dich einholt.«

Der Königssohn hatte sie aber schon aufs Ross gehoben und sprengte davon.

Das neunfüßige Pferd des Flammenkönigs begann im Stall einen ungeheuren Lärm.

»Was ist?«, rief der Flammenkönig.

»Zauberilona ist entflohen«, antwortete das neunfüßige Pferd.

»So will ich noch essen, trinken und schlafen, in drei Sprüngen holst du sie ein, wie du es schon einmal getan«, sagte der Flammenkönig.

»Nein!«, sprach das neunfüßige Pferd, »setze dich gleich auf und dennoch werden wir sie nicht einholen. Der Königssohn reitet meinen jüngeren Bruder und dieser ist das schnellste Ross der Welt.«

Der Flammenkönig schnallte seine Feuersporen an und flog den Flüchtenden nach. Wohl sah er sie, aber sie einzuholen vermochte er nicht. Da rief das Ross des Königsohns zurück: »Bruder, was lässt du dir Feuersporen in die Rippen stoßen, sie verbrennen deine Eingeweide und ereilen wirst du mich doch nicht. Es wäre besser, wir dienten friedlich einem Herrn.«

Das neunfüßige Pferd sah dies ein und wie ihm der Flammenkönig die Sporen wieder in die Seiten stieß, schlug es aus und warf den Flammenkönig ab. Weil sie eben hoch in der Luft waren, gerade oben bei den Sternen, fiel der Flammenkönig so schwer nieder, dass er sich das Genick brach. Der Königssohn aber brachte Zauberilona auf ihr Zauberschloss zurück. Dort hielten sie nochmals eine große Hochzeit, lebten sehr vergnügt und leben mit ihren beiden Pferden noch, wenn sie nicht gestorben sind.

[Märchen aus Ungarn]

Das Zauberpferd

Es war einmal eine arme, arme Frau, die hatte einen Knaben und suchte durch Spinnen so viel zu verdienen, dass sie davon leben konnten; was sie aber zu Hause spann, das trug der Knabe zum Verkauf. Einmal hatte er einen ganzen Groschen eingelöst und kam fröhlich nach Hause. Da sah er, wie Knaben eine junge Schlange quälten. Er erbarmte sich und sprach: »Gebt mir das Tier um einen Groschen!«

Da waren sie zufrieden. Da nahm der Knabe die Schlange und trug sie nach Hause und sprach: »Siehe, Mutter, was ich für den Erlös gekauft habe!«

Die Mutter aber schüttelte den Kopf und sprach: »O du törichter Mensch, wie hast du um das giftige Tier einen Groschen geben können?« – »Lass es nur gut sein, Mutter, die wird mir gewisslich einmal danken!«

Er pflegte sie nun sehr gut und gab ihr von allem, was er aß und trank, und sie wuchs allmählich zu einer mächtigen Schlange heran. Als sie nun groß genug und ausgewachsen war, sprach sie eines Tages zum Knaben: »Wisse, ich bin die einzige Tochter des großen Schlangenkönigs; setze dich nun auf meinen Rücken. Ich will in meine Heimat ziehen und dich mitnehmen und mein Vater wird dir ’s vergelten, was du an mir getan hast!«

Der Knabe setzte sich auf die Schlange und in kurzer Zeit waren sie weit, weit weg in einem großen Wald. Da sprach die Schlange: »Krieche hier auf den höchsten Baum!«

Kaum war es geschehen, so pfiff sie dreimal so gewaltig, dass der scharfe Ton dem Knaben durch und durch ging, als sei er mit einer langen Nadel durchstochen worden. Mit einem Mal wimmelten von allen Seiten eine Menge Schlangen heran und sie waren froh, dass die verlorene Königstochter wieder da war, und sie schmiegten sich an sie und neigten sich vor ihr. Endlich kam auch ihr Vater, der Schlangenkönig; er war größer als die anderen Schlangen und hatte eine Krone auf, darin strahlte ein großer Karfunkelstein. Er aber freute sich sehr, als er seine Tochter sah; sie musste ihm erzählen, wie sie von bösen Knaben gefangen und gequält, endlich von einem guten gekauft und dann gepflegt worden war. Da fragte der König, wo der gute Knabe zu finden sei. Er möchte ihm die Wohltat vergelten.

»Wenn du mir versprichst, dass du ihm nichts Übles zufügen und ihm das schenken willst, was er sich wünscht, so will ich ihn herbeiholen!« – »Ja, das soll geschehen!«, sprach der Schlangenkönig.

Da rief die Schlange den Knaben vom Baum herunter. Dieser kam voller Furcht, denn die Schlangen züngelten und zischelten von allen Seiten nach ihm. Aber sie durften ihm nichts tun!

»Nun«, sprach der Schlangenkönig, »wünsche dir etwas, Junge, weil du so gut für meine Tochter gesorgt hast!«

Diese hatte aber dem Knaben während der Reise gesagt, er solle nur das weiße Zauberpferd ihres Vaters mit den acht Füßen verlangen und den Karfunkelstein aus der Krone. So tat er jetzt. Aber der Schlangenkönig wollte nicht und sprach:

»Ich gebe dir jedes andere von meinen Pferden und große Schätze dazu. Nur mein weißes Zauberpferd und den Karfunkelstein kann ich dir nicht geben!« Doch der Knabe beharrte auf seinem Wunsch. Da wurde der Schlangenkönig zornig: »Lieber will ich dich gleich verschlingen, als dass ich mein kostbarstes Gut dir geben sollte!«

Und wie er’s gesagt, war der Knabe auch schon von dem Schlangenkönig verschlungen. Nun aber fing die Königstochter an zu jammern und zu klagen: »Wehe mir, wäre ich doch lieber nie mehr gekommen, um nicht zu sehen, wie undankbar mein Vater ist und wie er sein Wort nicht hält!«

Als dies der Alte hörte und seine Tochter nicht trösten konnte, so spie er den Knaben wieder aus. Aber der sah jetzt nicht mehr aus wie ein armer Junge, sondern er war groß und schön wie ein Königssohn. Der Schlangenkönig brach den Karfunkelstein aus seiner Krone, gab ihn dem Jüngling und sprach: »Du sollst auch mein Pferd gleich haben!«, und er ließ das weiße Zauberpferd herbeiführen, setzte den Jüngling darauf und sprach: »Reite nun in die Welt und wenn du etwas Schweres zu verrichten hast, sage es nur deinem Pferd, das wird dir immer helfen. Wenn es aber Nacht ist, so nimm nur den Karfunkel hervor und füge ihn dem Pferd an die Stirne, so wirst du vor dir immer Tag haben!«

Damit ritt der Jüngling fort und bald waren sie aus dem Schlangenreich hinaus. Denn das Pferd lief schneller als der Morgenwind und sprang immer von einer Bergspitze zur anderen. Er hatte aber immerfort Tag; denn wenn die Nacht herankam, nahm er den Karfunkelstein hervor und der strahlte wie die Sonne. Endlich kam er in ein Land, wo ein reicher und stolzer König herrschte. Eben ward es Tag. Da verbarg er den Karfunkelstein und zog an den Hof und sprach, er wolle dem König dienen, wenn er sein Pferd auch in dem königlichen Stall halten dürfe. Das gewährte man ihm gern. Der König aber war ein großer Jäger und war alle Tage auf der Jagd. Wer nun von seinen Dienern das meiste Wild erlegte, der war ihm der liebste. In kurzer Zeit war das der junge Knecht. Denn wenn er auf seinem weißen Zauberpferd jagte, so konnte ihm kein Wild, weder Hirsch, noch Wolf, noch Bär und Eber, entgehen. Der König nahm nun den anderen Knechten von ihrem Lohn und gab alles seinem Liebling. Das ärgerte diese und sie trachteten ihn zu verderben.

Es war aber am Ende einer Wüste in hohem Schilfrohr eine wilde Kräm (Sau) mit goldenen Borsten und hatte zwölf Ferkel. Schon viele, die sie hatten erjagen wollen, waren elendiglich umgekommen. Der König wusste auch davon und hätte die Kräm wohl gerne gehabt. Doch wagte er selbst nicht, sie zu erjagen. Nun kamen die falschen und neidischen Knechte vor den König und sprachen: »Herr, dein Knecht hat sich gerühmt, es sei ihm ein Leichtes, die wilde Kräm mit den goldenen Borsten samt ihren zwölf Ferkeln zu fangen!«

Da ließ ihn der König sogleich zu sich rufen und sagte ihm, was er gehört hätte. Allein der Knecht beteuerte, er wisse nichts davon. Der König aber ließ sich nicht abbringen und sprach:

»Wenn morgen früh die Kräm mit den goldenen Borsten samt ihren zwölf Ferkeln nicht in meinem Schlosshof herumläuft, so lasse ich dir das Haupt abschlagen!«

Da ward der Jüngling sehr traurig, ging in den Stall und klagte es seinem Pferd. »Fasse nur Mut!«, sprach dieses, »ich will dir dazu verhelfen. Gehe gleich zum König und verlange von ihm einen großen langen Sack auf zwanzig Kübeln und lasse denselben inwendig mit Pech bestreichen.«

Als das geschehen war, nahm der Jüngling den Sack und setzte sich auf sein Pferd und das trug ihn über die Sandwüste zum Schilfe. Hier stellte er, wie sein Pferd ihm gesagt, den Sack offen hin, stand selbst daneben und das Pferd fing an zu wiehern. Da knisterte und regte sich auf einmal das Schilfrohr. Als die Kräm aus der Ferne das Pferd und den Reiter erblickte, stand sie ein wenig stille, machte wilde Augen und indem sie fürchterlich schnaubte, rannte sie wie der Blitz auf jene los. In der blinden Wut aber sah sie nichts und lief gerade in den Sack hinein und die Ferkel folgten ihr gleich nach: Der Jüngling schnürte den Sack schnell zu und legte ihn auf das Pferd und ritt heim. Im Burghof band er den Sack auf und die Kräm mit ihren Ferkeln lief heraus und rannte hin und her, aber sie konnte die eisernen Burgtore nicht durchsprengen.

Als am Morgen der König erwachte, sah er den gewaltigen Glanz an den Schlossfenstern und hörte auch das fürchterliche Grunzen. Da hatte er große Freude, als er die Kräm mit den Goldborsten und ihren zwölf Ferkeln sah, und sein Knecht war ihm umso lieber und er musste mit ihm an einem Tische essen. Allein das verdross die anderen Knechte noch mehr. Sie ersannen einen neuen Plan, ihn zu verderben; sie kamen zum König und sprachen: »Dein Knecht hat sich gerühmt, es sei ihm ein Leichtes, dir die schöne Königstochter mit den goldenen Zöpfen zu verschaffen.«

Diese aber wohnte weit über dem Meer. Ihre Schönheit hatte schon viele stolze Freier angelockt; doch hatte sie alle fortgewiesen, denn sie wollte immer ohne Gemahl bleiben. Der König ließ seinen Knecht sogleich vor sich rufen und sagte ihm, was er gehört hatte. Der beteuerte zwar, er wisse nichts davon. Doch der König bestand darauf: »Wenn sie in drei Tagen nicht hier zur Stelle ist, so lasse ich dir das Haupt abschlagen!«

Nun ward der Jüngling abermals traurig, ging in den Stall und klagte es seinem Pferd. Dieses tröstete ihn und sprach: »Ich will dir dazu verhelfen. Gehe nur zum König und sage ihm, er solle ein Schiff bauen lassen und das Schönste und Beste, was er habe, hineinlegen.«

Das geschah. Viele Kostbarkeiten wurden ins Schiff gebracht. Aber das Schönste war ein Bett, desgleichen man noch nie gesehen hatte. Der Jüngling nahm sein Pferd aufs Schiff und segelte ab.