Ouvertüre um Mitternacht - Gerald Kersh - ebook

Ouvertüre um Mitternacht ebook

Gerald Kersh

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Opis

Die Stimmung in der Londoner Bohème-Bar "Bacchus" ist getrübt. Nicht nur weil Hitler ganz Europa in einen Krieg stürzen will. Viel schwerer wiegt die grausame Ermordung eines zehnjährigen jüdischen Mädchens aus der Nachbarschaft und der Verdacht, dass der Mörder höchstwahrscheinlich einer der Stammgäste ist. Die Polizei tappt im Dunkeln. Detective Inspector Dick Turpin spult sein Routineprogramm herunter, doch das ist der exzentrischen Powerfrau und eigensinnigen Sozialreformerin Asta Thundersley nicht genug. Sie ermittelt auf eigene Faust und beschließt, dem Täter eine Falle zu stellen... Gerald Kershs grandiose Mixtur aus Polizeiroman, Psychothriller und nihilistischem Noir zählt zu den Klassikern des Genres. Er erzählt von gescheiterten Existenzen und den Tücken des Lebens und veranschaulicht, wie viele Verlierer für einen Gewinner auf der Strecke bleiben.

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Inhaltsverzeichnis

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

31. Kapitel

32. Kapitel

33. Kapitel

34. Kapitel

35. Kapitel

36. Kapitel

37. Kapitel

38. Kapitel

39. Kapitel

40. Kapitel

41. Kapitel

42. Kapitel

43. Kapitel

44. Kapitel

45. Kapitel

46. Kapitel

Impressum

Zum Autor

Zur den Übersetzern

Pulpmaster Backlist

Gerald Kersh

Ouvertüre um Mitternacht

1. Kapitel

Kaum jemand von der alten Truppe geht noch in die Bacchus Bar, wenngleich sie fünfundzwanzig Jahre lang einer der drei beliebtesten Treffpunkte Londons war. Plötzlich wollte niemand mehr dorthin. Die alten Gäste entwickelten eine Abneigung gegen die Bar, in der sie sich über so viele Jahre an einer Mischung aus Alkohol und vertraulichen Gesprächen berauscht, wo sie Schecks eingelöst, sich Geld gepumpt, den Ehemännern und Frauen anderer schöne Augen gemacht, mit starken Worten Dinge von Bedeutung kommentiert hatten.

Die Leute meinten, die »Atmosphäre« in der Bacchus Bar habe sich verändert. Aber sie konnten dir nie sagen, wie sie sich verändert oder was sie verändert hatte. Es ist schwierig — ich glaube sogar, es ist unmöglich —, die Veränderung einer Atmosphäre zu beschreiben. Die Atmosphäre eines Ladens ist zugleich seine Seele und wenn die sich davonmacht, stirbt der Laden. Man könnte Gleichungen aufstellen: Ein neuer Geschäftsführer plus Freunde des neuen Geschäftsführers minus gewisse altvertraute Gesichter plus ein neuer Barkeeper plus Gespanntheit, die mit fremden Stimmen einhergeht minus Intimität gleich Veränderung der Atmosphäre. Doch das trifft es nur ungenau. Genauso gut könnte man bedrückende Stille in Dezibel angeben oder Kummer in Kubikzentimetern salziger Tränen. Ebenso gut könnte man von einem Ozeanographen erwarten, die Einsamkeit und Finsternis des Mindanao-Grabens mit einem einfachen Lot darzustellen.

Die Bacchus Bar schied dahin. Sie verlor an Stärke. Ihre Seele stahl sich fort, sodass sie jetzt, obwohl keine sichtbare Veränderung stattgefunden hat, nichts weiter ist als eine leere Hülle, die einst eine Persönlichkeit und einen einzigartigen Herzschlag umgab.

Von den alten Stammkunden kommt nur noch Amy Dory regelmäßig vorbei, für gewöhnlich am Abend. Besser bekannt ist sie unter ihrem Spitznamen Catchy. Vor mehr Jahren, als ihr lieb ist, sich zu erinnern, als sie gerade mal achtundzwanzig und noch schön war, saß zehn Minuten nach Öffnung der Bar ein bestimmter Romancier an der Theke, der nie dazu kam, seinen Roman zu schreiben, und an dessen Erscheinung sich niemand erinnert. Sein Name ist Ember und er gehört zu den wenigen Männern, die in unerwiderter Leidenschaft zu Amy Dory entbrannten. Ganz nach Art dieser Männer musste er darüber sprechen. Da in den nächsten fünf Minuten keiner seiner Freunde auftauchen würde, sprach er mit Gonger, dem Barkeeper.

Er sagte: »Sie hat einem beim Wickel, diese Frau. Verstehst du, was ich sagen will? Sie packt einem beim Wickel. Ich meine, sie geht mit jedem. Sieh den Tatsachen ins Auge, sie ist durch und durch gewöhnlich, Gonger. Aber ich meine gewöhnlich im Sinne von profan, wie einzelne Zeilen gewisser Ohrwürmer, die so catchy sind, dass sie jeden fesseln. Jeder trällert sie. Man ertappt sich dabei, wie man ›Amy Dory, Amy Dory, Amy Dory‹ singt, bis sie einem sogar Schlafstörungen beschert. Ich meine, man kriegt sie nicht mehr aus dem Kopf. Ein Ohrwurm. Das läuft einfach ab. Gegen sie ist kein Kraut gewachsen, verstehst du, was ich sagen will? Sie ist catchy.«

Gonger, der Barkeeper, warf ihm einen warnenden Blick zu, als die Tür aufging und Amy Dory hereinkam. Ember drehte sich um, seine Gesichtsfarbe veränderte sich, aber er sagte herzlich: »Hallo, Catchy!«

Einer seiner Freunde, der hinter ihr hereinspazierte, fragte: »Wieso Catchy?«

»Weil sie catchy ist!«

Von diesem Tage an war ihr Name Catchy. Und selbst nach all den Jahren klebt er immer noch an ihr. In der Tat, seinerzeit war sie äußerst attraktiv, obgleich eher von durchschnittlicher Schönheit. Sie hatte ebenmäßige Gesichtszüge, eine famose Figur — sie nannte das einen guten Body — und wunderbares Haar von bemerkenswerter Fülle und Tönung. Es schimmerte rotbraun. Ihre Augen hatten die gleiche Farbe, sie waren groß und klar, blickten offen und doch unterwürfig — mütterlich, hündisch sogar, wenn sie Männer ansahen. Catchys Gesicht hatte etwas von der Form, der warmen Farbe und der Beschaffenheit einer Aprikose. Sie war immer sehr beliebt. Zweifellos besaß sie ein großes, empfindsames Herz — sie konnte es nicht ertragen, jemanden leiden zu sehen. Man fühlte sich wohl in ihrer Gesellschaft: Sie vermittelte einem das Gefühl von Stärke. »Ganz wie du meinst«, lautete ihre Devise. Je schwächer man war, desto unterwürfiger wurde sie. Je törichter und unentschlossener man war, desto mehr schaute sie zu einem auf.

Sie war von Natur aus sauber, ordentlich und kleidete sich geschmackvoll. Und sollte man kraft der Tugend seiner Hilflosigkeit ihr Herz erobert haben, ließ sie einen nie spüren, dass ungeputzte Zähne, dreckige Socken, schmutzige Bettwäsche oder fleckige Betten eine Zumutung für sie seien. Wie sie selbst sagte, wolle sie einfach nur gut für einen sein.

Es gibt nicht den geringsten Zweifel, dass Catchy gutherzig war, von angenehmsten Naturell. Sie hatte (wie ihr jemand seinerzeit sagte) etwas von einer Heiligen; sie gab alles, nahm nichts und verzieh denen, die sie schlecht behandelten — beziehungsweise überzeugte die, die sie schlecht behandelt hatten und um Verzeihung baten, dass es nichts zu verzeihen gäbe. So machte Catchy viele Männer glücklich; im Allgemeinen neurotische, unverstandene Männer, die sie am meisten brauchten. Die Mehrzahl ihrer Freunde waren Schriftsteller und Schauspieler — Künstler der einen oder anderen Art, die ihr liebend gern alles über sich erzählten und die eigenen Unzulänglichkeiten preisgaben. Sie lernte eine Menge über Menschen und wurde zu jedermanns Beichtmutter.

Doch sie erteilte nicht nur die Absolution, sie fand auch Entschuldigungen. Und auf die Entschuldigung folgte die Rechtfertigung. Sie wusste, wie man Menschen glücklich macht, als sie schön und die Bacchus Bar ein Ort mit Atmosphäre war.

2. Kapitel

Aber der Bacchus Bar kam die Seele abhanden und Catchy die Attraktivität. Hätten Sie sie damals gekannt und könnten sie heute sehen, wüssten Sie, was ich meine, wenn ich sage, dass sie sich im Laufe der Jahre zu einer Frau entwickelt hat, die aussieht, als hätte man sie rückwärts durch eine dichte Hecke gezerrt. Die Zeit hat sie als ein Häufchen Elend zurückgelassen — die Zeit und die Sorgen. Sie hat Sorgen gehabt, das wird sie Ihnen fünf Minuten nach dem Kennenlernen erzählen. Diese blanken braunen Augen, die sich immer so aufrichtig und ruhig vom babyblauen Weiß abhoben, könnte man nun mit einem Paar Kakerlaken vergleichen, die verzweifelt auf zwei Untertassen mit gekochtem Rhabarber umherschwimmen. Ihr einst prachtvolles Haar gefällt sich in einem Zustand rustikalen Derangements. Es gebärdet sich irgendwie unkonventionell, will sich nicht fügen, sträubt sich gegen den Kamm: Es ist Haar in der Revolte. Sie ist jetzt einfach zu müde, um dagegen anzukämpfen.

Vor ein paar Monaten unternahm sie einen allerletzten Versuch und färbte es blond. Nur verschlimmerte das die Sache. Die Mischung aus Wasserstoffperoxyd und Ammoniak, mit der sie es bleichte, machte das Haar noch widerspenstiger als zu dem Zeitpunkt, als sie die Chemikalien mit wilder Entschlossenheit und unter Zuhilfenahme einer Zahnbürste vermischte. Nachdem die Mixtur trocken war, wusch sie ihr Haar im Handwaschbecken, betrachtete sich in dem schmierigen, fleckigen Spiegel und weinte. Am selben Abend unternahm sie einen Selbstmordversuch.

Sie verbarg ihr Haar unter einer Art Turban, ging in die Bacchus Bar und erzählte einer Freundin, die sie zufällig traf, dass sie vorhabe, endgültig mit allem Schluss zu machen. Nachdem sie ihr ganzes Geld ausgegeben hatte, ging sie nach Hause und schluckte zwanzig Aspirin. Nichts geschah. Catchy ist noch immer am Leben. Jeder weiß, dass Catchy das Thema Selbstmord ein halbes dutzendmal durchgespielt hat. Mit einem stumpfen Rasiermesser hat sie an den Sehnen ihrer Handgelenke herumgekratzt, sie hat Haarwasser getrunken, ein Fläschchen Jod zu sechs Pennys geschluckt, Aspirin genommen und den Gasofen aufgedreht, ohne ihn anzuzünden. Doch zufällig war immer jemand in ihrer Nähe, um sie zu retten, wenn sie der Rettung bedurfte.

Catchy — und ich wiederhole mich — ist die Letzte der alten Garde aus der Bacchus Bar, und sie ist Lichtjahre davon entfernt, die zu sein, die sie einst war. Ihre Wangen sind aufgedunsen und runzlig zugleich, und ihr Teint erinnert in Farbe und Struktur an trockenen Weißkäse. Noch immer legt sie Wert auf ihr Äußeres: Die Fingernägel sind penibel dunkelrot lackiert, nur denkt sie selten daran, sich die Hände zu waschen. Dass sie es nicht über sich bringt, die Reste des Puders, der Creme und des Rouges vom Tage zuvor zu entfernen, spielt keine Rolle — gnadenlos macht sie sich jeden Morgen aufs Neue zurecht, trägt eine frische Schicht Schminke auf die rissig gewordenen alten Schichten. Catchys Zähne sind ebenfalls in einem problematischen Zustand. Nach der Geburt ihres Kindes — sie war einmal verheiratet — fielen zwei oder drei ihrer Backenzähne aus und wurden durch eine Brücke ersetzt. Jahre später löste sich die Brücke. Aber da hatte Catchy bereits jeglichen Willen verloren, etwas dagegen zu unternehmen, und so legte sie die Brücke in eine leere Coldcream-Dose. Während der letzten fünf Jahre hat sie hin und wieder mit dem Gedanken gespielt, einen Zahnarzt aufzusuchen, nur fehlt ihr immer die Zeit. Mittlerweile hat sie noch mehr ihrer eigenen Zähne verloren, andere sind locker geworden, sodass sie sich auf ein Lächeln verlegt hat, schmallippig-rätselhaft wie einst das der Kaiserin Josephine.

Was Catchys wohlproportionierte Gestalt anbelangt — die ist Vergangenheit. Ihr Oberkörper wirkt aufgebläht, rund und prall. Arme und Beine sind noch immer ansehnlich und ihre Hände wären schön, fände sie nur Gelegenheit, sie zu waschen. Ihrem Kleidungsstil ist sie treu geblieben. Sie war immer eine gut gekleidete Frau mit Sinn für Stil und Farbe. Nun, da sie die Zeichen der Zeit ignoriert, kleidet sie sich in kurze Röcke mit niedriger Taille, als wären die Jahre nicht vorbeigezogen.

Ihr Charakter jedenfalls hat sich im Großen und Ganzen nicht verändert. Sie ist auch weiterhin freundlich, mitfühlend, darauf bedacht, sich deine Probleme anzuhören und darüber zu reden, beseelt davon, dir etwas zu vergeben, bestrebt, dir Gutes zu tun, bereit, Geliebte und Mutter in einem zu sein. Aber das ist undenkbar. Die Leute wollen auf der Straße nicht mit ihr gesehen werden. Es geht nicht darum, dass sie hässlicher, älter oder wilder aussieht als andere Frauen der leichtlebigen Boheme, doch sie umgibt eine unbeschreibliche Aura der Vernachlässigung und des Verfalls, die Passanten veranlasst, sich umzudrehen und ihr hinterherzusehen. Catchy rennt an einem vorbei wie eine Wahnsinnige, die nach etwas äußerst Wichtigem sucht und sich nicht mehr erinnern kann, was es ist. Nicht zu übersehen ist eine überspannte Tragik, die sie zum Ausdruck bringt, vornehmlich dann, wenn sie gerade geweint hat. Dann schwillt ihr Gesicht an, bis es einem bemalten Luftballon ähnelt, dessen Farben im Regen verlaufen sind. Mindestens einmal am Tag weint sie.

Sie trinkt so viel, wie irgend geht, denn es gibt etwas, was sie vergessen will. Die ersten Drinks muntern Catchy tatsächlich auf und dann kann sie eine lebhafte Gesellschafterin sein, der zuzuhören sich lohnt; mit einem humorigen Erzählstil, lebendig wiedergegebenen Anekdoten und Geschehnissen rund um Menschen, die sie gekannt hat. Denn sie verfügt über einen scharfen Blick, ein gutes Ohr und ein exzellentes Gedächtnis — alles im Grunde zu gut. In dem Moment jedoch, wenn sie am fröhlichsten und am ausgelassensten ist, bleibt ihr plötzlich ein vertrockneter Krümel dessen, was sie so hartnäckig zu vergessen sucht, im Halse stecken und bringt die Erinnerung zurück. Es schnürt ihr die Kehle zu. Sie verfällt in Schweigen, schluckt, hustet, schluchzt und weint schließlich mit rauer, lauter, heulender Stimme. Ab diesem Augenblick wird aus der angenehmen Gesellschafterin eine höchst unangenehme.

Catchy streckt ihre Hände aus wie Enterhaken, packt dich und versucht, dir etwas zu erzählen, was keinen Sinn ergibt, irgendetwas hoffnungslos Unzusammenhängendes. Es ist erschütternd, ihr unkontrolliertes Schluchzen und Wimmern zu hören. Da lastet etwas auf dem unglücklichen Herzen dieser Frau, von dem niemand eine Vorstellung hat, was es sein könnte. Wenn sie plötzlich aufhört zu reden und in ihrer Kehle ein Geräusch zu hören ist, als würden die Haken eines eng geschnürten Korsetts aufspringen, zieht man sich zurück, wenn man klug ist — man zieht den Kopf ein wie seinerzeit, wenn eine V1-Rakete über einen hinwegzischte. Man weiß, was droht, und hofft, es möge einen verschonen.

Sie haben alle ihre Sorgen, ihre nicht mitteilbaren Sorgen, diese gebrochenen Menschen, die den wilden Zwanzigern entstammen, sich hauptsächlich vom Schnaps anderer zu ernähren scheinen und nur in den eigenen rührseligen Tränen baden — diesen Pumpstationen an den Küsten eines toten Meeres. Am besten hört man ihnen gar nicht zu, sonst ist es am Ende an einem selbst, sie in einem Taxi nach Hause zu begleiten. Es ist ziemlich wahrscheinlich, dass sie umfallen und sich die Köpfe aufschlagen oder einem auf die Schuhe kotzen. Man ist gut beraten, sich nicht auf den beispiellosen Kummer von Mercedes einzulassen, die einst einen Mann liebte, der ihre Liebe nicht erwiderte. Es ist das Klügste, sich außerhalb der Reichweite des Flammenwerfers von Fifis Zorn aufzuhalten, die von ihrem geliebten Gatten geschieden wurde, weil dieser nicht progressiv genug war, um mit ihrer Leidenschaft für eine Buchkritikerin klarzukommen. Catchys Stimme, wenn Catchy mit der Geschichte ihres großen Kummers anfängt, gleicht der Stimme einer Katze in der Nacht — dieses Aufschreien, das einen vom Übergang zum Schlaf zurückholt, weil das umwölkte Bewusstsein einem sagt, dass da ein Mensch sein Herz ausschüttet, ein Herz, angefüllt mit so viel Kummer, dass, obwohl Worte nicht ausreichen, er einem dennoch etwas sagen will. Man setzt sich auf und da ist nur das Heulen eines Tieres in der Nacht. Also fällt man wieder in den Schlaf zurück.

Wenn Catchy also zu weinen beginnt, befindet man sich für einen Moment in einem Zustand ängstlicher Wachsamkeit, falls man sie nicht kennt. Aber man kennt sie. Und so wird nichts, was sie sagt, von Bedeutung für einen sein:

»Oh, warum, warum, warum? Sag’s mir, Schatz — Schatz, mein Schatz, um Gottes willen, lass mich nicht im Stich, sondern sag mir, warum! Du verstehst, du verstehst doch wirklich — nicht wahr? Ja, das tust du! Dann sag mir, um Himmels willen, sag mir, was hab ich denn getan? Ach, lieber Gott, wenn du wüsstest — wenn du nur wüsstest, wie unglücklich ich bin, wie elend! Hilf mir! Ich hab nicht den Mut dazu. Töte mich! Tu mir den Gefallen, töte mich, töte mich und ich werde nicht schreien. Schatz, ich bin tapfer, so viel tapferer, als du denkst! Töte mich! Welches Recht habe ich noch zu leben? Tu mir etwas an! Tu mir etwas Schreckliches an! Verbrenn mich mit einem heißen Bügeleisen ... Du glaubst, ich habe Angst, ha ha ha! Ich und Angst!?«

An diesem Punkt drückt sie eine glühende Zigarette in der Hand aus, beugt sich vor und sieht einen mit einem flackernden Blick aus ihren wilden braunen Augen an.

»Ich hab keine Angst. Sieh her, siehst du das? Und das? Angst, von wegen! Du hast Angst, nicht ich! Du bist ein Feigling, ein dreckiger, schäbiger Feigling! Ich hab keine Angst. Also wovor solltest du Angst haben? Ich bin nur eine Frau. Also gut, bring mich um! Bring mich einfach um. Schatz! Leg deine Hände um meinen Hals und erwürg mich. Oder erwürg mich mit einem Strumpf. Ja? Machst du das — «

Sie zieht einen ihrer Strümpfe aus. Und man sagt: »Nein, nein!«

Mit einem Ausdruck irgendwo zwischen Lächeln und Weinen sagt sie: »Ach, ich verstehe, du hast Angst. Du bist ein Feigling. Du bist ein dreckiger, schäbiger, gemeiner, verkommener, lausiger, stinkender, verdammter Feigling — genau das bist du. Oh, Schatz, Schatz, Schatz, ich würde dich so bewundern, so anbeten, wenn du kein Feigling wärst. Ich würde alles für dich tun. Ich würde mich hinlegen, damit du auf mir herumtrampeln kannst. Ich wäre deine Sklavin. Ich würde aufblicken zu dir wie zu einem König auf seinem Thron. Ich würde deine Füße waschen und dann das Wasser trinken. Verstehst du nicht, ich will dich anbeten! Du bist so stark, so rücksichtslos, so kraftvoll! Du bist so echt, so hart ... aber nein, ich hab mich geirrt. Ihr seid alle gleich — Lügner, Feiglinge! Und was habe ich zu dir aufgesehen! Ich dachte, du wärst Gott, der allmächtige Gott. Ich habe dich angebetet. Ich wollte, dass du mich erschlägst. Aber jetzt glaube ich nicht mehr an dich ... Oh bitte, bitte, mein Gott, mein wunderbarer Gott, nimm mir nicht meinen Glauben! Erschlag mich! Tot zu deinen Füßen, deinen schönen, schönen Füßen! Du musst es tun! Ich will dir gestehen, gestehen, gestehen und gestehen und gestehen — dir gestehen, mein König, mein Gott!«

Ist man dreißig Sekunden später noch da, hört man sie sagen: »Ich wollte es nicht tun, ich wollte nichts tun! Aber bestrafe mich, töte mich — schlag mich tot. Schlag mich tot! Schlag mich ... «

Ist man hingegen vernünftig, ist man längst seiner Wege gegangen. Christopher, der Türsteher der Bacchus Bar, wird sie hinaus auf die Straße begleiten. Dann wird Catchy sich wieder erholen. Sie wird sich zusammenreißen, mit festem Griff ihre Handtasche packen — ihre armselige, alte, speckige Handtasche aus Alligatorleder, die aussieht, als wären fünfzehn Pfund Walnüsse darin, und in die niemand je wagte, einen Blick zu werfen — und nach Hause torkeln.

3. Kapitel

Sie kann sich immer darauf verlassen, dass ihre Füße sie nach Hause tragen. Seit vielen Jahren wohnt sie in demselben Gebäude, in einer kleinen Wohnung über einem Secondhandladen. Auf dem Ladenschild steht zu lesen:

S. SABBATANI

Oberbekleidung aus 2. Hand

Der Laden macht einen verwahrlosten Eindruck. Wenn man daran vorbeigeht, fragt man sich, wie zum Teufel jemand seinen Lebensunterhalt damit bestreiten könne. Vor zehn Jahren bekam er seinen letzten Anstrich und das auch nur mit einer billigen rotbraunen Farbe. Die Schaufensterscheibe besteht aus einer Art Glas, die heutzutage nicht mehr hergestellt wird. Leicht geriffelt und mit eingeschlossenen Blasen, steckt sie in einem merkwürdigen Rahmen aus vier Holzteilen, die wie griechische Säulen anmuten.

In der Auslage entdeckt man diverse Kleidungsstücke wie Etonjacken aus derber weißer Baumwolle, einen grün-blau gestreiften Anzug des Fabrikates »Savile Row«, mehrere Packen Handschuhe, versehen mit dem Hinweis »Verschiedene Größen. Im West End gefertigt«, einige Paar Schuhe aus zweiter oder dritter Hand, die, sorgfältig poliert, auf Ständern präsentiert werden, und eine Auswahl verstaubter Frackhemden.

Es gibt auch eine Sammlung von Spazierstöcken aus Bambus, Rattan und Rotang, wie man sie um 1903 benutzte, und ein oder zwei Mäntel mit dem Verweis: »Im Westend gefertigt. Aus dem Besitz eines Lords«. Dieses Sortiment wird ergänzt durch andere Artikel: Schuhcreme, Kragen, Sattelseife und ein oder zwei alte, klobige, abgestoßene Reisenecessaires, die, bestückt mit seltsamen Flaschen und 7-Tage-Rasiermessersets, übersät sind mit angelaufenen goldenen Initialen unbekannter Bankrotteure.

Catchy wohnt im oberen Stockwerk. Sie geht durch die alte, schäbige Seitentür, deren Farbe Blasen wirft, steigt energisch die Stufen hinauf und hält sich dabei am Treppengeländer fest, das im gleichen Farbton gestrichen ist wie die Außenfront des Ladens. Sie ist bemüht, leise aufzutreten, denn sie scheut die Begegnung mit ihrer Wirtin, Mrs. Sabbatani. Auf dem obersten Treppenabsatz, neben dem kleinen Gasofen, macht sie Halt, um Luft zu holen, kramt nach dem Schlüssel — sie heult immer noch ein wenig — und findet ihn. Wie ein Soldat, der eine Stopfnadel einfädelt, manövriert sie ihn ins Schlüsselloch, tritt ein, knipst das Licht an, lässt sich in den glänzenden, grauschwarzen, alten, wackligen Polstersessel neben dem Gasofen fallen und sieht sich im Zimmer um, als erwarte sie, auf jemanden zu stoßen, der sie begrüßt.

Sie hat nahezu alles im Blick, womit sie das Zimmer vor einem Dutzend Jahren möblierte und ein Dutzend Jahre des Verschleißes, der Vernachlässigung und des Verfalls dazu. Das Mobiliar ist ihr Eigentum. Seinerzeit kostete es einiges; doch selbst bei den aktuellen Preisen müsste sie heute noch jemanden bezahlen, damit er es abholt. Von ihrer Position aus sieht sie die Sprungfedern aus der Unterseite des Diwans hängen wie Eingeweide aus einem aufgeschlitzten Pferd. Das Bettzeug befindet sich überall und nirgends; man könnte meinen, die Steppdecke sei verrückt geworden und habe ein bunt kariertes Reiseplaid und eine schmuddelige Witney-Wolldecke in einen tödlichen Kampf verwickelt, vor dem die Laken in blankem Entsetzen ans Bettende zurückgewichen sind, wo sie nun versuchen, sich einzugraben. Das Kissen ist grau von Wimperntusche, Tränen und Schmutz. Die Lampe hat einen Schirm mit Perlenkante, sodass der obere Teil der Wände in einem streifigen Halbschatten liegt. Wenn Catchy ihre Augen anstrengt, kann sie das Rechteck aus rosafarbener Tapete in seinem Rahmen aus Staub erkennen, wo ihr Aktbild von Schuster so lange gehangen hatte, bis sie es vor achtzehn Monaten für das nötige Kleingeld verscherbelte, um ihren Kummer ertränken zu können. Es gibt auch noch ein anderes Bild: eine Zusammenballung von Dreiecken. Sie weinte, als sie es zum Händler brachte und zum Kauf anbot, denn Toon hatte es gemalt, den sie liebte. Sie weinte ein weiteres Mal, als der Händler meinte, er würde es nicht einmal geschenkt nehmen. Wann immer sie es sieht, ist ihr wieder nach Weinen zumute.

Wo, fragt sie sich, ist Toon? Wo sind sie alle? Und wo ist sie, die Catchy, die so sehr geliebt wurde? Eine Träne rollt herunter und hinterlässt einen schwarzen Stern auf dem mit Asche bedeckten Kelimläufer, den Toto ihr schenkte mit dem Bemerken, es sei ein Brautteppich. Sie würde gern den Gasofen anzünden, hat aber vergessen, Streichhölzer zu besorgen. Unentschlossen wandern ihre Hände über das Durcheinander auf ihrem Toilettentisch. Sie hätte schwören können, dass sie Streichhölzer hat. Ihre Hände bewegen sich fahrig: Ein paar Bücher, ein Aschenbecher aus dem Café Royal, ein kleines Stück verschimmelter Käse, ein schmutziges Handtuch, ein leeres Aspirinfläschchen und ein Kamm fallen geräuschvoll zu Boden. Entsetzt und etwas unsicher auf den Beinen, hält Catchy inne. Sie möchte Mrs. Sabbatani nicht stören. Mrs. Sabbatani, die Arme, liebt sie so sehr, verlässt sich so sehr auf sie und ist so nett, so freundlich, so taktvoll, wenn sie das Thema überfälliger Mieten anspricht. Gott sei Dank, denkt Catchy, Gott sei Dank hab ich eine kleine Toilette und ein Waschbecken für mich, sodass ich Mrs. Sabbatani nicht stören muss ... Nach drei herausfordernden Schlägen erwischt sie den Schalter. Das Waschbecken sieht aus wie ein ausgetrocknetes Flussbett. Aber sie hat ihr eigenes W.C. — bespritzt, heruntergekommen und erbärmlich. Doch immerhin gehört es ihr und sonst niemandem ...

In Catchys Kehle formt sich der Laut des eng geschnürten Korsetts, dessen Haken aufspringen, und sie fängt wieder an zu weinen.

»Helft mir! Helft mir! Tut was — irgendwas!«, weint sie und schlägt den Blick ihrer blutunterlaufenen Augen zur Decke. Die Decke der Toilette, verunziert durch einen braunen Fleck, der aussieht wie die Landkarte von Südamerika, gibt keine Antwort.

4. Kapitel

Am Ende geht sie so leise wie möglich zu Bett. Aber der ramponierte Diwan ertönt wie eine Zither, die von einem gelangweilten, bösartigen Kind gezupft wird. Ein Stockwerk tiefer hört es Mrs. Sabbatani und seufzt. Ihre Schwägerin, eine ältliche Jungfer, nickt ungehalten und sagt zum tausendsten Male: »Ah, wieder mal die Säuferin. Warum darf sie hier sein, warum? Weshalb schmeißt du sie nicht raus, weshalb nicht? Sie will Trunkenbolde, also sollen die doch gleich das Haus abbrennen!«

Die Witwe Sabbatani, traurig, blass und erschöpft, kneift ihre Augen wie in Erwartung eines Schlages zusammen und sagt: »Es ist nicht so leicht, einen alten Mieter aus einem unmöblierten Zimmer zu werfen.«

»Wenn sie die Miete nicht zahlen? Nein?«

»Genug jetzt, Sarah! Was zerbrichst du dir den Kopf? Wenn Mrs. Dory auch mit einer Woche im Rückstand ist, sie wird schon zahlen.«

»Zahlen! Zahlen!«, erwidert Sarah mit bitterem Spott. »Wie will sie denn zahlen? Wann wird sie denn zahlen und warum sollte sie zahlen? Zahlen!«

»Sie bekommt Unterhalt von ihrem Ehemann«, sagt Mrs. Sabbatani, »sie gibt mir, was sie kann.«

Beim Klang des Wortes Ehemann wirft Sarah ihre Handarbeit hin, lacht ungläubig auf und sagt: »Ehemann! Unterhalt! Eine Prostituierte ist sie. Man hat eine Prostituierte im Haus! Ich versteh dich einfach nicht!«

»Jetzt fängt sie wieder mit ihren Prostituierten an«, sagt Mrs. Sabbatani leicht verärgert, »du denkst immer nur an Prostituierte. Sie ist eine verheiratete Frau, eine getrennt lebende verheiratete Frau. Sie verkehrt mit gebildeten Leuten.«

»Also, wie viel Miete schuldet sie dir, die mit ihren gebildeten Leuten?«, fragt Sarah.

Mrs. Sabbatani mag nicht zugeben, dass Catchy seit fast fünf Monaten keine Miete gezahlt hat.

»Ein paar Wochen«, antwortet sie.

»Ein paar Wochen? Sicher, wer’s glaubt! Ein paar Monate!«, sagt Sarah.

Derart drangsaliert und den Tränen nahe, schreit Mrs. Sabbatani auf Jiddisch: »Sarah, wos willst du fun majn Lebn? Wos willst du fun majne Jorn, Sarah?«

»Sie sollte hinausgeworfen werden, auf die Straße«, sagt Sarah, »ich wünschte nur, Sam wäre noch am Leben — «

»Ja, Sam sollte noch am Leben sein«, sagt Mrs. Sabbatani und blickt mit feuchten Augen zu der großen gerahmten Fotografie eines Mannes mit Bowler, die über dem Kamin hängt. Ihre Schwägerin hält daraufhin für einen kurzen Moment inne. Doch dann dreht sich Catchy in ihrem Bett herum und man hört das klagende Wimmern von strapaziertem Draht.

Sarah sagt: »Sam hätte sie auf die Straße befördert. Auf die Straße. Auf die Straße, Sam hätte sie rausgeworfen.«

»Sam hatte nichts gegen diese arme Frau«, sagt Mrs. Sabbatani, »und meine Sonia war ganz vernarrt in sie.«

»Was war, das war. Was ist, das ist«, sagt Sarah.

»Hör schon damit auf!«, ruft Mrs. Sabbatani. »Ich soll eine arme Frau an die Luft setzen? Machen mich ihre paar Shilling denn reicher? Es ist eine Mizwah, sie in Ruhe zu lassen.«

»Schöne Freunde haben sie«, sagt Sarah mit saurem Lächeln. »Trunkenbolde wollen sie im Hause haben. Prostituierte wollen sie im Haus. Ich bin ihr im Weg. Lieber würde sie Prostituierte haben. Ich bin ihr im Weg. Sie hätte lieber Prostituierte, lieber Trunkenbolde, die hätte sie lieber! Sie ist doch so reich, sie kann das Haus an solche Art Leute verschenken.«

»Und angenommen, ich täte es?«, stößt Mrs. Sabbatani mit der ihr zu Gebote stehenden Schärfe hervor — was nicht viel ist. »Sorgst du für mich? Schulde ich dir irgendwas?«

Jetzt ist es an Sarah zu weinen, mit verkrampfter Hand schlägt sie sich ins Gesicht, schaukelt in ihrem Sessel vor und zurück: »Das bisl Brot, wos ich hier ess im Haus, das wirft sie mir ins Gesicht! Ich bin ihr im Weg, sie will, dass ich ins Heim gehe! Weh ist mir! Weh ist mir! Wäre Sam nur hier und würde das sehen.«

Mrs. Sabbatani redet besänftigend auf sie ein: »Sch, sch! Ich will nie wieder von diesem Stuhl aufstehen, wenn Sam etwas gegen Mrs. Dory hatte. Und sie hielt große Stücke auf meine Sonia. Immer wenn sie ein Bild von meiner Sonia sieht, weint sie, als wolle ihr das Herz brechen. Ich mache uns jetzt eine schöne Tasse Tee.«

So hat es sich Abend für Abend abgespielt, seit Sam Sabbatani starb und Sarah zu seiner Witwe gezogen ist, um sie auf andere Gedanken zu bringen. Nachdem sie innerhalb eines Jahres Mann und Tochter verlor, war Mrs. Sabbatani derart gramgebeugt, dass jedermann dachte, sie werde den Verstand verlieren. Also kam Sarah, um sie zu trösten. Jetzt erhebt Sarah jeden Abend protestierend die Stimme, wenn die Sprungfedern des Diwans unter Catchys Gewicht in lustlosem Misston erklingen, und am Ende läuft es immer aufs Gleiche hinaus: Mrs. Sabbatani ist mild, träge und süß wie Honig und ebenso hartnäckig klebt sie an ihrer Überzeugung. Sie hat immer das letzte Wort: Sam hatte nichts gegen Mrs. Dory, und die kleine Sonia hielt große Stücke auf sie.

5. Kapitel

Mehr als zehn Jahre sind vergangen, seit der Tod von Sonia Sabbatani in jenem Teil Londons ziemlich viel Staub aufwirbelte. Zu dieser Zeit hatte Catchy noch funkelnde Augen und war begehrenswert, sie zahlte regelmäßig ihre Miete und hielt ihre kleine Wohnung sauber. Sabbatanis Laden florierte. Der Farbanstrich glänzte frisch, der Schriftzug des Ladenschildes war auffällig und gut lesbar; und im Schaufenster befand sich eine geschmackvolle Auslage gebrauchter Herrenanzüge, von denen die meisten dem entsprachen, was ihre Preis- und Hinweisschilder verhießen. Ein Hinweis besagte, dass man Abend- und Gesellschaftsanzüge ausleihen könne. Sam Sabbatani stand in dem Ruf, ein ehrlicher, entgegenkommender Geschäftsmann zu sein und ein geschickter Schneider dazu, der alles so umarbeiten konnte, dass es jedem passte. Er hatte ein Auge für Waren und Gesichter, aber allein der Physiognomie seines feisten, ernsten Gesichtes war abzulesen, dass er nie zu Reichtum kommen werde — er war wie eine fruchtbare Provinz im Bürgerkrieg. Hinter den Festungsmauern seines harten Schädels gebot eine fünfte Kolonne über sein Herz. Er war sich dessen bewusst und mitunter versuchte er die verhaltenen, hinterlistigen Stimmen zum Schweigen zu bringen, die ihm auf dem Höhepunkt so mancher Verhandlung zuwisperten:

»Der Kunde braucht Geld. Er ist kein Geschäftsmann. Sind da ein paar Pfund rauszuholen? Er will drei Pfund zehn. Du könntest den Anzug für fünfzig Shilling kriegen, denn der Mann braucht das Geld. Aber bedeutet ein Pfund deinen Ruin? Sei nicht dumm! Sieh dir den Knaben an: Würde er seinen besten Anzug für drei Pfund zehn verkaufen, wenn er die drei Pfund zehn nicht nötig hätte? Vielleicht hat er Frau und Kind zu Hause, beide krank im Bett. Stell dir vor, verhüt’s Gott, es würde sich um deine Gertie oder deine Sonia handeln. Gut möglich, dass er seine Miete zahlen, dass er Lebensmittel kaufen muss. Gib ihm, was er verlangt. Was ist schon ein Pfund? Das holst du wieder rein. Schlag zehn Shilling drauf, wenn du den Anzug verkaufst. Schlag zehn Shilling drauf auf den blauen Serge, den du gestern gekauft hast ... «

Mit einem schwermütigen Blick auf das Kleidungsstück, das er zu kaufen im Begriff war, würde Sam Sabbatani dem Kunden sein Gesicht zuwenden, das Gesicht einer Bulldogge mit asiatischem Einschlag, und sagen: »In Ordnung, drei Pfund zehn«, und das Geld über den Ladentisch schieben. Oft genug dachte sich ein Kunde beim Verlassen des Ladens, wie dumm er doch gewesen sei, nicht fünf Pfund verlangt zu haben.

Wenn jedoch jemand käme und den blauen Sergeanzug anprobieren wollte, auf den Sabbatani zehn Shilling draufgeschlagen hatte, gäbe es in der geheimnisvollen Region zwischen Sabbatanis Solar Plexus und seinem Kleinhirn ein weiteres Wortgeplänkel: »Sieh mal, da will ein anständiger Junge einen Job. Schau dir nur an, was er trägt. Einen dunkelgrauen Kartoffelsack, von einem Schneider in der Stadt gemacht. Hat neu sechs Pfund gekostet. Maßgeschneidert zwar, aber nur mit einer Anprobe. Und dann — eine Krawatte für achtzehn Pence, ein Hemd für fünf Shilling, Schuhe für siebzehn Shilling sechs, alles adrett, alles sauber. Die Zeiten sind schlecht. Schau ihm ins Gesicht. Er runzelt die Stirn und verzieht den Mund. Tut so, als kümmere es ihn nicht. Armer Junge, hält er sich für einen Geschäftsmann? Für ihn zählt jedes Pfund. Geh bei dem blauen Serge mit einem Pfund runter! Was ist schon ein Pfund? Stürzt ein Pfund dich in den Bankrott? In einem anständigen Anzug fühlt sich ein Mann gleich anders. Er gibt ihm Selbstvertrauen. Noch besser — vermittle ihm das Gefühl, ein gutes Geschäft gemacht zu haben — das ist noch viel besser —, er wird weggehen, seinen Job bekommen, heiraten, eine nette Familie gründen und jemand sein. Es kann sich alles verändern. Dank einer Pfundnote. Gib ihm den Anzug. Mach das kroko-dillederne Reisenecessaire mit dem Kristallzeug einfach dreißig Shilling teurer. Jeder, der bereit ist, zehn Pfund für ein Reisenecessaire auszugeben, wird auch elf Pfund zehn zahlen.«

Das Gesicht zu einem Ausdruck melancholischen Verdrusses verzogen, würde Sabbatani schließlich sagen: »In Ordnung, nehmen Sie den Anzug.«

Falls der Anzug nicht passte und Änderung vonnöten wären, spräche die Stimme der Vernunft:

»Mach die Änderungen umsonst. So bekommst du einen loyalen Kunden.«

Zu diesem Zeitpunkt wäre die Vernunft bereits von der fünften Kolonne unterwandert worden. Sabbatanis Herz würde im stillen Triumph frohlocken, sein Kopf machtlos grollen und sein Gesicht sich düster verziehen.

Sollte sich irgendjemand für das krokodillederne Reisenecessaire mit dem Kristallzeug interessieren, könn-te es sich nur um einen aufstrebenden Schauspieler handeln, der einer wichtigen mehrtägigen Einladung entgegensah, und Sam Sabbatani ließe, mit fatalistischem Gesichtsausdruck, dreißig Shilling nach.

Er vertraute den Menschen sogar. Als Catchys Freund, der, den sie Osbert nannte, sich auf Pump einen salonfähigen Anzug ausleihen wollte, um ihn zum Lunch mit einem Verleger zu tragen, rückte Sabbatani ihn heraus, mit wütend-funkelndem Blick und einem Knurren.

6. Kapitel

Sabbatani war ein stämmiger, gebeugt gehender Mann mittlerer Größe, der seinen Hut mit Vorliebe auch drinnen trug und keinen Gegenstand berühren konnte, ohne seinen Marktwert zu taxieren. Bei der Umarmung mit einem lange verloren geglaubten Bruder hätte er ganz instinktiv dessen Jackett von hinten gepackt, um den Meterpreis des Stoffes zu schätzen, aus dem es gemacht wurde. Und doch musste etwas zutiefst Menschliches in dem Manne gewesen sein. Nach dem Tode seiner Tochter Sonia gab Sam Sabbatani seinen Lebenswillen auf, und nachdem er verstarb, stellte sich heraus, dass er mehr Schuldner hatte als Gläubiger.

Er stand bei einem Kleiderfabrikanten aus East London in der Kreide, der sagte: »Schreiben wir’s ab. Der arme Sam!« Die Höhe der Rechnung belief sich auf dreißig oder vierzig Pfund. Ein Dutzend Männer in seiner Nachbarschaft schuldete ihm insgesamt etwa sechzig Pfund. Fünf von ihnen seufzten erleichtert; drei lachten laut auf; zwei von ihnen beglichen einfach ihre Verbindlichkeiten; einer behauptete, Sam Sabbatani sei ihm noch einen Anzug schuldig, der zur Änderung geschickt worden sei; und der Zwölfte kam mit einem Blumenstrauß vorbei und sagte: »Ich glaube, dass Sam seine Buchführung im Kopf hatte, Mrs. Sabbatani. Ich möchte Ihnen sagen, wie leid es mir tut. Vielleicht erinnern Sie sich an meinen Namen? Osbert — Tobit Osbert. Ich schulde Ihnen vierzehn Shilling für das Ausleihen eines Anzugs. Sam vertraute mir. Ich nehme an, dass Sie nicht wissen, wie viel ich Ihnen schuldig bin. Zwei Tage à fünf Shilling und vier Shilling fürs Ausbessern. Kann ich das jetzt bezahlen? Und ich bin untröstlich, dass das hier keine schöneren Blumen sind, Mrs. Sabbatani ... «

Sam Sabbatanis Witwe weinte. »Sie sind der Dritte, der kommt, um seine Rechnung zu bezahlen«, sagte sie mit einem Blick auf die Blumen.

»Die Menschen sind gut.«

»Sie sind gut, wenn Sie so viel Vertrauen in die Menschen haben«, sagte Tobit Osbert, ein großer, ruhiger Mann mit verträumtem Gesicht und sanfter Stimme. »Sie sind gut, Mrs. Sabbatani.«

»Gott ist gut«, sagte Mrs. Sabbatani.

»Der Wasser kocht gerade. Eine Tasse Tee?«

»Sie sind zu freundlich«, seufzte Tobit Osbert.

Dann erinnerte sich Mrs. Sabbatani an den Seufzer ihres Mannes, bevor er mit den Fremden fortgegangen war. Sie hatten im Hinterraum des Ladens gesessen. Als die Ladenglocke bimmelte, sprang Sam auf und ging hinaus, ließ die Tasse Tee stehen, die er noch nicht angerührt hatte. Nach ein oder zwei Minuten machte etwas im Tonfall einer fremden Stimme sie stutzig und sie hörte genauer hin.

Dann:

»Das glaube ich nicht«, sagte Sam Sabbatani.

»Es könnte sich um einen Irrtum handeln, aber Sie müssen mitkommen und sie identifizieren — «, sagte ein stocksteifer Mann in abgehackt-monotonem Tonfall.

»Nehmen Sie sich doch zusammen!«

Sabbatani sagte: »Wieso sollte jemand? Wie könnte jemand? Es ist ein Irrtum. Das soll kein Vorwurf sein — jeder macht mal einen Fehler ... Ich glaub es einfach nicht.«

Sie sah, wie ihr Mann sich jemandem zuwandte, den sie kannte — einem plattfüßigen, alten Constable, der im Stadtteil Streife lief. Der Polizist sah todunglücklich drein und nickte. Dann seufzte Sam: Es schien, als atmete er die gesamte Luft des Ladens in einem tiefen Zug ein und ließe alle anderen nach Luft schnappend zurück. Es war ein entsetzlicher Seufzer.

»Sam!«, schrie Mrs. Sabbatani.

»Warte erst ab«, sagte ihr Gatte.

»Bleiben Sie ruhig, Ma’am — wir sind bald zurück«, sagte der Stocksteife. Er sprach mit sanfter Stimme, so sanft wie irgend möglich. Einem Toffeemesser gleich, zerteilte sein harter Mund Brocken sich widersetzender Süße.

»Warte es ab, Gertie, um Gottes willen«, sagte Sam.

Eine halbe Stunde später kehrten die Männer in einem Taxi zurück.

»Wo ist sie?«, fragte Mrs. Sabbatani.

Sam Sabbatani packte das obere Ende seines rechten Revers, schloss die Hand zur Faust und zerrte an seiner Jacke. Dann brach er in Tränen aus.

Der Stocksteife sagte: »Ich fühle mit Ihnen, Mr. Sabbatani. Aber Sie sollten jetzt nicht die Nerven verlieren. Wir müssen uns unterhalten. Jetzt. Verstehen Sie. Jetzt. Nehmen Sie sich zusammen, Sabbatani. Setzen Sie sich. Organisier mal starken, süßen Tee, George ...«

Später fragte Mrs. Sabbatani: »Aber weshalb? Warum? Warum sollte jemand ihr so etwas antun? Ein Kind! Sonia! Warum? Weshalb?«

Sam Sabbatani sah seine Frau an, dann den Detective, der sagte: »Es gibt keinen Grund, Ma’am. Es gibt absolut keinen Grund, Mrs. Sabbatani. Ein Verrückter. Es könnte jeden treffen.«

»Wenn ich nur herausfinden könnte, wer es war!«, schrie Sam Sabbatani.

»Ganz recht, Mr. Sabbatani. Deswegen sind wir hier ...«

»Sammele, Sammele!«, stieß Mrs. Sabbatani unter Tränen hervor. »Warum musste das sein?«

Ihr Mann konnte über das Abscheuliche nicht sprechen; dennoch würde es bekannt werden. Die Abendzeitungen druckten die Geschichte bereits.

Sonia Sabbatani, die an ihrem nächsten Geburtstag elf Jahre alt geworden wäre, war gefesselt und geknebelt, vergewaltigt und erwürgt und in den Keller eines leerstehenden Hauses geworfen worden. Sie hatte einer ihrer Klassenkameradinnen erzählt, dass ein Freund ihres Vaters sie treffen und ihr ein großes Geheimnis verraten wolle.

Aber sie hatte keinen Namen genannt. Und Sabbatani hatte tausend Freunde.

7. Kapitel

Sechs Monate später wurde Sam Sabbatani durch ein Magengeschwür ans Bett gefesselt. Unter normalen Umständen hätte er darüber gelacht. Nach der Operation zog er sich eine Lungenentzündung zu: Es gibt mehr als einen Weg, an gebrochenem Herzen zu sterben. Will ein Mann tatsächlich nicht mehr weiterleben, findet er immer ein tiefes Gewässer, um sich zu ertränken, oder einen Gasofen, um zu ersticken; zur Not wird er in seinem ureigensten Innern fündig. »Mörder! Mörder!«, schrie Sam Sabbatani in seinem letzten Delirium. »Wo ist er, der Mörder? Mörder! Mörder! Mörder! ... «

Dann glaubte er, wieder in Bessarabien zu sein, zur Zeit der Pogrome. »Versteckt die Kinder!«, schrie er mit einer Stimme, die in den langen, kalten Korridoren des Krankenhauses widerhallte. »Versteckt die Kinder! In die Keller! Die Kosaken kommen! Sie haben Rebbe Shmuel das Herz rausgeschnitten — sie haben der Rebbizin die Brüste abgeschnitten — sie haben die kleine Esther Krejmer in Stücke gerissen! Versteckt die Kinder! Wo sind die Männer? Schnell! Raus! Gebt mir das Schermesser! Dovidel — nimm das Abziehmesser! Mottke, nimm eine Eisenstange! Haltet sie eine Minute zurück, die Mörder, bis die Frauen die Kinder versteckt haben! Wo sind die Männer? ... Männer! ... Männer! Frauen, Frauen! Versteckt die Kinder! Die Mörder kommen! ...«

Doch am Ende sank er zurück, ein Rasseln in der Kehle unter dem Beatmungsgerät. Er wurde auf dem jüdischen Friedhof in North Ham beigesetzt, wo Sonias sterbliche Überreste ein paar Monate zuvor beerdigt worden waren. Ein kleiner Platz ist für Mrs. Sabbatani reserviert, direkt neben Sams Grab, über dem sich ein hoher, verzierter Grabstein aus bleichem Marmor erhebt.

Dieser Stein kostete mehr, als sie sich hätte leisten können, und einige aus ihrer Familie machten ihr deswegen Vorhaltungen. »Es ist für uns drei«, sagte Mrs. Sabbatani.