MERKUR Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken - 2016-12 -  - ebook

MERKUR Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken - 2016-12 ebook

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Opis

Das Dezemberheft (Nr. 811) hat im Essayteil einen Schwerpunkt zu Russland. Im Aufmacher unterzieht Felix Philipp Ingold die neoeurasische Ideologie, die in Russland inzwischen bis in die höchsten Kreise der Politik verfochten wird, einer äußerst kritischen Analyse. Alexander Blankenagel führt die vielen Ebenen vor Augen, auf denen sich Russland unter Putin von der Demokratie entfernt hat. Roman Widder blickt auf die Ukraine – allerdings mit dem Fokus auf einer gerade wiederentdeckten Figur: dem Schriftsteller Andrej Platonow. Hanna Engelmeier unternimmt einen Besuch bei der Sokal-Affäre, also dem zwanzig Jahre zurückliegenden Streit um Sprache und Denken von (vorwiegend französischer) Theorie und (vermeintlich harter) Wissenschaft – und blickt darauf aus heutiger Sicht. Anlässlich der Ausstellung von Gerhard Richters Auschwitz-Bildern denkt Stefan Krankenhagen über den klassischen Topos von der Undarstellbarkeit der Verbrechen des Holocaust nach. Uwe Walter liest Neues über das klassische Griechenland. Und Michael Multhammer sieht Altes in Benjamin von Stuckrad-Barres Konfession »Panikherz«. In unserer »inter_poems«-Reihe übersetzt Max Czollek ein Gedicht der israelischen Lyrikerin Adi Keissar – und zieht Parallelen zwischen ihrer Außenseiterposition als Misrachin und der der Juden im heutigen Deutschland. Richard Schuberth stellt eine Figur aus der griechischen Geschichte vor den Horizont der Gegenwart. Melanie Möller liest die »Aeneis« als exemplarisches Fluchtnarrativ. Und Harry Walter schreibt über ein Foto mit Familie unter dem Christbaum.

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Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken
  
Heft 811, Dezember 2016, 70. Jahrgang
  
Der Merkur ist eine Kulturzeitschrift, wobei der Begriff der Kultur in denkbar weitem Sinne zu verstehen ist. Er erscheint monatlich und wendet sich an ein anspruchsvolles und neugieriges Publikum, das an der bloßen Bestätigung der eigenen Ansichten nicht interessiert ist. Mit kenntnisreichen und pointierten Essays, Kommentaren und Rezensionen hält der Merkur gleichermaßen Distanz zum Feuilleton wie zu Fachzeitschriften. Die Unterzeile »Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken« formulierte bei der Gründung im Jahr 1947 das Bekenntnis zu einer weltanschaulich unabhängigen Form von Publizistik, die über kulturelle und nationale Grenzen hinweg alle intellektuell relevanten Debatten ihrer Zeit aufnehmen wollte. Auch wenn der Horizont für ein solches Unternehmen sich mittlerweile deutlich erweitert hat, trifft das noch immer den Kern des Selbstverständnisses der Zeitschrift.
  
Herausgegeben von Christian Demand
Begründet 1947 von Hans Paeschke und Joachim Moras
Herausgeber
      1979–1983 Hans Schwab-Felisch      1984–2011 Karl Heinz Bohrer      1991–2011 Kurt Scheel
Redaktion: Ekkehard Knörer
Redaktionelle Mitarbeit / Büro: Ina Andrae
Redaktionsanschrift: Mommsenstr. 27, 10629 Berlin
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Der Merkur wird unterstützt von der Ernst H. Klett Stiftung Merkur.
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Verlag und Copyright: © J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH, Postfach 106016, 70049 Stuttgart, Tel. (0711) 6672-0, www.klett-cotta.de · Geschäftsführer: Philipp Haußmann, Tom Kraushaar, Michael Zöllner · Leiter Zeitschriften: Thomas Kleffner, [email protected] · Media-Daten: s. www.merkur-zeitschrift.de · Manuskripte: Für unverlangt und ohne Rückporto eingesandte Manuskripte kann keine Gewähr übernommen werden. · Redaktionsschluss dieser Ausgabe: 2. November 2016 · Gestaltung: Erik Stein · Satz und E-Book-Umsetzung: Dörlemann-Satz GmbH & Co. KG, Lemförde
  
Bezugsbedingungen: Der Merkur erscheint monatlich. Preis 12 €; im Abonnement jährlich 120 € / 131 sFr; für Studenten gegen Vorlage einer Bescheinigung 80 € / 87 sFr; alle Preise jeweils zzgl. Versandkosten. · Die elektronische Version dieser Zeitschrift finden Sie unter www.volltext.merkur-zeitschrift.de. Preis für das Herunterladen eines einzelnen Artikels 2 €, eines einzelnen Heftes 9,99 €; im elektronischen Abonnement (E-Only) 120 €; für Studenten und Postdocs gegen Vorlage einer Bescheinigung 48 €; für Privatkunden, die gleichzeitig die gedruckte Version im Abonnement beziehen, 20 €. Im jeweiligen Preis der elektronischen Abonnements ist der Zugriff auf sämtliche älteren digitalisierten Jahrgänge enthalten. Preise für Bibliotheken und Institutionen auf Anfrage. Alle genannten Preise enthalten die zum Zeitpunkt des Kaufs gültige Mehrwertsteuer. In Drittländern (außerhalb der EU) gelten die angegebenen Preise netto. · Die Kündigung des Abonnements muss spätestens vier Wochen vor Ende des Bezugszeitraums in schriftlicher Form erfolgen. Ansonsten verlängert es sich automatisch um ein Jahr. Die Mindestbezugsdauer beträgt ein Jahr.
Abonnementverwaltung (falls vorhanden, bitte Kundennummer angeben): Verlag Klett-Cotta Aboservice, Heuriedweg 19, 88131 Lindau, Telefon (0 83 82) 2 77 57-923, Fax (0 83 82) 2 77 57-655, E-Mail: [email protected]; Downloads, Einzelheft- und auch Abobestellungen unter www.merkur-zeitschrift.de
  
ISBN 978-3-608-11135-4

Autorinnen und Autoren

 

Zu diesem Heft

 

BEITRÄGE

Felix Philipp Ingold

Eurasische Spekulationen.

Zur Theorie und Vorgeschichte der russischen Geopolitik

Alexander Blankenagel

»An Russland kann man nur glauben«. Vom Scheitern der Reformen

Roman Widder

Rosa Luxemburg, das Klassenbewusstsein und der Donbass. Zur Wiederentdeckung von Andrej Platonow

Hanna Engelmeier

Fools Rush In.

Ein Besuch bei der Sokal-Affäre, anlässlich ihres 20. Geburtstags

KRITIK

Stefan Krankenhagen

Von der Kunst, Auschwitz darzustellen. Die Ausstellungen »Große Abstraktion« und »Birkenau« im Museum Frieder Burda

Michael Multhammer

Der frühneuzeitliche Popliterat.

Benjamin von Stuckrad-Barres Bekenntnis

Uwe Walter

Die klassischen, die armen, die erfolgreichen Hellenen.

Erzählungen vom antiken Griechenland

LYRIK

Adi Keissar

Schwarze Magie

Max Czollek

Adjektiv-Literatur oder die Bedingungen jüdischer Lyrik

MARGINALIEN

Richard Schuberth

Der Mann aus Velestino

Melanie Möller

Auf dem Weg nach Rom.

Aeneas und die Flucht aus Troja

Harry Walter

Christbäume

Felix Philipp Ingold, geb. 1942, Kulturpublizist, Schriftsteller, Übersetzer. Professor emeritus für Kultur- und Sozialgeschichte Russlands an der Universität St. Gallen. 2016 erschienen Das russische Duell und Direkte [email protected]

Alexander Blankenagel, geb. 1946, Professor für Öffentliches Recht, Russisches Recht und Rechtsvergleichung an der Humboldt-Universität zu Berlin. 2014 erschien Den Verfassungsstaat nachdenken. Eine Geburtstagsgabe (Hrsg.)[email protected]

Roman Widder, geb. 1985, Schriftsteller und Literaturwissenschaftler. 2013 erschien die Erzählung [email protected]

Hanna Engelmeier, geb. 1983, Koordinatorin des Forschungskollegs »Schreibszene Frankfurt« an der Goethe Universität Frankfurt/M. 2016 erschien Der Mensch, der Affe. Anthropologie und Darwin-Rezeption in Deutschland 1850–[email protected]

Stefan Krankenhagen, geb. 1969, Professor für Kulturwissenschaft und Populäre Kultur an der Universität Hildesheim. 2016 erschien Exhibiting Europe. Institutions, People, Collections and Narratives in History Museums (zus. m. Wolfram Kaiser u. Kerstin Poehls)[email protected]

Michael Multhammer, geb. 1981, Juniorprofessor am Germanistischen Seminar der Universität Siegen. 2013 erschien Lessings ›Rettungen‹. Geschichte und Genese eines [email protected]

Uwe Walter, geb. 1962, Professor für Alte Geschichte an der Universität Bielefeld. 2017 erscheint Die politische Organisation der römischen Republik. [email protected]

Adi Keissar, geb. 1980, ist Lyrikerin, Journalistin und Gründerin des Poesie-Projekts »Ars Poetica«. 2014 erschien Shahor’al Gabbei Shahor (Schwarz auf Schwarz).

Max Czollek, geb. 1987, Lyriker, Übersetzer, Historiker. 2015 erschien Jubeljahre und 2016 Lyrik von Jetzt 3.

Richard Schuberth, geb. 1968, Schriftsteller, Essayist. 2016 erschien Karl Kraus. 30 und drei Anstiftungen.

Melanie Möller, geb. 1972, Professorin für Klassische Philologie mit dem Schwerpunkt Latinistik an der Freien Universität Berlin. 2015 erschien Prometheus gibt nicht auf. Antike Welt und modernes Leben in Hans Blumenbergs Philosophie (Herausgeberin).

Harry Walter, geb. 1953, Autor und Künstler. 2015 ist Max Bense als Zeichner seiner Zeichen erschienen (in: Jonnie Döbele, Max Bense 06.12.76)[email protected]

ZU DIESEM HEFT

In den neunziger Jahren schien Russland dem Westen auf dem Weg in Richtung Demokratie und Rechtsstaat. Schon diese Entwicklung hat man im Land selbst in weiten Teilen anders wahrgenommen, nämlich als eine Phase der fast anarchischen Umwälzung und vor allem der unkontrollierten Umverteilung der Güter. Inzwischen jedoch, da Wladimir Putin ein autoritäres Regime etabliert hat, klaffen die westlichen Einschätzungen Russlands und das russische Selbstbild in noch viel gravierenderer Weise auseinander. Der Slawist Felix Philipp Ingold und der Politikwissenschaftler Alexander Blankenagel sehen die Entwicklung Russlands beide kritisch, jedoch mit unterschiedlichen Akzenten. Ingold nimmt den Vordenker des neuen Eurasianismus Alexander Dugin beim Wort – was auch heißt: Er liest das mit dieser kruden Ideologie verbundene Großmachtstreben als die eigentliche Doktrin, die Putin in der Krim-Annexion und in seiner Ukraine-Politik in blutige Realität umgesetzt hat. Abwägender verfährt Blankenagel, der darauf hinweist, dass in Umfragen in Russland Demokratie und Rechtsstaat durchaus hoch im Kurs stehen. Allerdings hat die Mehrheit von beidem ganz andere, und zwar sehr viel autoritätsfixiertere Vorstellungen als die westliche Denktradition.

Ein dritter Text zum Thema Russland nimmt die Lage in der Ukraine und besonders im Donbass zum Ausgangspunkt einer Erinnerung an einen dissidenten kommunistischen Denker, der gerade eine neue Konjunktur erfährt: Andrej Platonow insistierte als politischer Schriftsteller auf der Realität von Klassenkämpfen. Damit ist er erst mit der Macht in Konflikt und dann in Vergessenheit geraten. Roman Widder erklärt, warum die Erinnerung an Platonow zur Aufklärung der politischen Gegenwart einen wichtigen Beitrag zu leisten vermag.

CD/EK

Felix Philipp Ingold

Eurasische Spekulationen

Zur Theorie und Vorgeschichte der russischen Geopolitik

Vor etwas mehr als zwei Jahren fand sich auf Einladung des russischen Oligarchen Konstantin Malofejew im Wiener Palais Liechtenstein eine Gesprächsrunde zusammen, um »den Geist« der vom Zaren Alexander I. inspirierten Heiligen Allianz (1815) in neuer geopolitischer Perspektive wieder aufleben zu lassen und für die Zukunft nutzbar zu machen. Das Treffen wurde geheimgehalten – es drang so gut wie nichts an die Öffentlichkeit, doch die danach bekanntgewordene Teilnehmerliste lässt unzweideutig erkennen, von welchem (und von wessen) »Geist« die Zusammenkunft geprägt war. Nebst einigen Vertretern der alteuropäischen Aristokratie gehörten diverse Spitzenpolitiker rechtsgerichteter und rechtsextremer Parteien (aus Frankreich, Österreich, Kroatien, Bulgarien) zu den persönlich geladenen Gästen, denen als spiritus rector der aus Moskau angereiste Rechtspopulist und Politikberater Alexander Dugin zur Verfügung stand. Inzwischen ist die unheilige Allianz zwischen westlichem Rechtspopulismus und russischem Rechtspatriotismus sowie, in der Russländischen Föderation selbst, zwischen Neofaschismus und Altstalinismus, aber auch zwischen dem Kreml und dem Moskauer Patriarchat offenkundig geworden.

Fast gleichzeitig mit dem Wiener Geheimtreffen wurde in der kasachischen Hauptstadt Astana die Gründungsakte der Eurasischen Wirtschaftsunion (EAWU) zwischen Weißrussland, der Russländischen Föderation und Kasachstan offiziell unterzeichnet. Am 1. Januar 2015 hat die Union ihre Aktivitäten aufgenommen, und sie bildet nun eine kontinentale ostwestliche, sich über 3000 Kilometer erstreckende Achse, die sich an einem gemeinsamen wirtschaftspolitischen Konzept orientieren soll. Die EAWU hat sich im Verlauf zweier Jahrzehnte planmäßig nach dem Modell der Europäischen Union herausgebildet, will nun aber als deren Widerpart gelten können. Auch manche Komponenten und Zielsetzungen aus der Gemeinschaft unabhängiger ehemaliger Sowjetrepubliken (GUS) sowie die operationellen Erfahrungen aus der seit 2010 bestehenden Zollunion zwischen Minsk, Moskau und Astana wurden in die EAWU eingebracht.

Die Bezeichnung der neuen Wirtschaftsunion als eurasisches (oder eurasiatisches) Bündnis hat programmatische Bedeutung – sie verweist auf ein ideologisches, über die Wirtschaftswelt weit hinausgreifendes geopolitisches Konzept, das in Russland seit langem lebhaft diskutiert, ausdifferenziert und auch popularisiert wird. Es handelt sich um den sogenannten Neoeurasianismus, eine großangelegte Staatsideologie, die heute von einer komplexen Infrastruktur getragen wird – von staatlichen und privaten Forschungsinstituten, Presseorganen, Propagandazentren und auch von einer seit 2002 offiziell registrierten politischen Partei, die der extremen Rechten zugezählt wird und inzwischen unter dem Namen »Jewrasija« (Eurasien) in allen Teilen der Russländischen Föderation Filialen unterhält. Als Vordenker dieser Partei und als umtriebiger Propagandist neoeurasischen Gedankenguts hat sich Alexander Dugin nach der Wende von 1989/1991 allmählich von einem randständigen Sektierer zum einflussreichen Kreml-Ideologen gewandelt, der heute Wladimir Putins expansive Außenpolitik nicht nur affirmativ kommentiert, sondern auch merklich mitbestimmt.

Mit weitreichender behördlicher und wachsender publizistischer Unterstützung wirbt Dugin für den »eurasischen Weg als Nationalidee«, und er liefert zur praktischen Umsetzung dieser Idee – sie soll dem Atlantischen Bündnis und der aktuellen, von den Vereinigten Staaten dominierten liberalen Weltordnung den Rang ablaufen – gleich auch die passende Strategie: militärische Hochrüstung, atomare Abschreckung, geheimdienstliche Operationen im Aus- und Inland sowie Isolierung Andersdenkender in den eigenen Reihen, Konfliktförderung innerhalb der Nato-Staaten, nachhaltige Unterstützung sympathisierender Regierungen (Iran, Syrien u.a.), Einigung christlich-orthodoxer Staaten (Bulgarien, Serbien, Makedonien, Griechenland u.a.) unter russischer Dominanz, Schaffung einer »eurasischen geopolitischen Lobby« in der atlantischen Ländergemeinschaft, Bildung neuer wirtschaftlicher und politischer Bündnisse zum Nachteil des globalen Kapitalismus, ideologischer Kampf gegen den »totalitären« Liberalismus US-amerikanischer Prägung mit seiner Tendenz zu gleichmacherischer Korrektheit und spießigem Moralismus.

Putin selbst hat im Juli 2016 diese transnationalen Zielsetzungen in einer programmatischen Rede vor dem russischen diplomatischen Corps unverfänglich wie folgt auf den Punkt gebracht: »Ich unterstreiche: Russland unterstützt die Idee eines gemeinsamen wirtschaftlichen und humanitären Raums mit der EU vom Atlantik bis zum Stillen Ozean, wir halten das für die beste Perspektive für eine langfristige nachhaltige Entwicklung des Eurasischen Kontinents.« Die Europäische Union als westlicher Vorposten einer von Russland angeführten eurasischen Völkergemeinschaft? Ob dieses Vorhaben als »freundliche« oder nicht vielmehr als »feindliche« Übernahme gedacht ist, lässt der Präsident offen.

Die neoeurasische Programmatik weist unverkennbar aggressive, wenn nicht imperiale Züge auf, schreckt jedenfalls vor Drohungen und Provokationen nicht zurück. Die aktuelle russländische Expansionspolitik setzt diese Programmatik Schritt für Schritt um und scheint dabei einem längst festgeschriebenen Szenario zu folgen – in den russischen Grenzgebieten zu Georgien, Moldawien und jüngst in der Ukraine sind solche Schritte unter Einsatz oder Androhung von Gewalt bereits gesetzt worden. Sowohl Putin als Stratege wie auch Dugin als sein Berater und Propagandist reden unverhohlen – sei’s zur Warnung, sei’s zur Abschreckung – von der nach wie vor hochgerüsteten russischen »Atommacht«. Das Ziel besteht wohl zunächst darin, die territoriale Einheit der einstigen UdSSR wiederherzustellen, um danach mittelfristig das »militaristische«, dem »globalen Kapitalismus« verpflichtete Atlantische Bündnis zu konterkarieren mit einem kontinentalen Staaten- beziehungsweise Völkerbund, der von Osteuropa über Zentralasien bis zum Pazifik reichen und ein kompaktes Imperium bilden soll, in dem – nach dem Prinzip der »Einheit aus Vielfalt« – sämtliche eurasischen Ethnien »einzementiert« wären: ein Konzept mithin, das dem multinationalen Sowjetblock nachgebildet ist, diesen aber an Reichweite (vor allem nach dem zentralasiatischen Süden hin) weit übertrifft.

Die neue eurasische Blockbildung wird von ihren Befürwortern euphemistisch als »Große Integration« bezeichnet, die – unter russischer Führung – auf die harmonische Synthetisierung unterschiedlichster Kulturen, Religionen, Traditionen, Volks- und Sprachgemeinschaften angelegt sei. Durch die imperiale Bündelung dieser ungleichen Elemente soll eine transkontinentale politische »Einheit« geschaffen werden, so wie gegenwärtig im nationalen Rahmen die Kreml-Partei »Einheitliches Russland« die Staatsduma wie auch zahlreiche regionale und lokale Parlamente dominiert, auch hier mit der in sich widersprüchlichen Rechtfertigung, durch »Vereinheitlichung« die »Vielfalt« erst recht aufblühen zu lassen. Als Folge davon hat sich »Einheitliches Russland« zu einem synkretistischen Parteikonglomerat entwickelt, das von Patrioten jeglicher Couleur, von Rechtspopulisten, Neofaschisten, Neostalinisten, orthodoxen Christen, Antisemiten, Monarchisten gleichermaßen zusammengehalten wird. Auch bei den Sympathisanten der neoeurasischen Bewegung handelt es sich um ein Kollektiv von disparaten, oft sogar gegenläufigen Kräften, die sich um eine prekäre, noch keineswegs gesicherte »Einheitlichkeit« bemühen. Politiker und Politologen, Militärs und Kleriker, Historiker und Ethnologen, Künstler und Literaten, Oligarchen und Altkommunisten treffen sich hier im ideologischen Kampf für eine neue Weltordnung mit neuen Wertvorstellungen und neuen Zielsetzungen.

Was die Eurasier unentwegt als »neu« oder als »neo« bezeichnen, ist so neu allerdings nicht. Über den »eurasischen Weg« wurde schon im späten Zarenreich und noch in der frühen Sowjetzeit debattiert, damals unter dem Schlagwort des »Panmongolismus«, des »Skythentums« oder des »Exodus nach Osten«. Auch in ideologischer Hinsicht kann das Neoeurasiertum nicht eben als »neu« gelten, gehören doch zu seinen meistzitierten Vordenkern – nach Fjodor Dostojewski und Konstantin Leontjew – altbekannte Autoren wie Karl Haushofer, Oswald Spengler, Carl Schmitt, Walter Schubart, Martin Heidegger, C.G. Jung, die ja ihrerseits allem Neuen und vollends der europäischen Moderne mit größter Skepsis begegneten.

Zu schweigen von den exilrussischen Eurasiern der 1920er, 1930er Jahre, welche die Bewegung einst initiiert und propagiert hatten, bis ihr geopolitisches Konzept einer eurasiatischen Kontinentalmacht angesichts des großdeutschen NS-Staats und dessen »Drang nach Osten« definitiv obsolet wurde. Ob der Drang von West nach Ost oder von Ost nach West ausgerichtet ist – den ideologisch noch so gegensätzlichen Befürwortern einer eurasischen Geopolitik bleibt zumindest die auf das 19. Jahrhundert zurückgehende organismische Rhetorik gemeinsam, die allzu oft von »Blut« und von »Boden« spricht, von »Wachstum«, »Reife« und »Verfall«, insgesamt davon, dass Geschichtsprozesse in Analogie zu Lebensprozessen zu betrachten seien, dass folglich Kulturen ebenso wie die Natur »aufblühen« und auch wieder »abwelken« können.

Schon die ersten Protagonisten und Sympathisanten (wie auch die Kritiker) der eurasischen Idee, die sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu artikulieren begannen, fielen weit mehr durch ihre soziale und intellektuelle Vielfalt als durch politische Einigkeit auf. Nur wenige von ihnen sind außerhalb Russlands auch nur dem Namen nach bekannt, derweil sie in ihrer Heimat – nach andauernder radikaler Verfemung zur Sowjetzeit – durch das Revival des Eurasiertums unversehens als dessen Wegbereiter neue Autorität, wenn nicht gar eine gewisse Popularität gewinnen. Unter ihnen sind nebst manchen Fachgelehrten – unter anderem Geografen, Kulturologen, Historikern, Philosophen – auch Kunstschaffende diverser Disziplinen zu nennen, so die Komponisten Igor Strawinsky und Arthur V. Lurje (Lourié), die Maler Michail Larionow und Natalija Gontscharowa sowie einige führende Vertreter der mittleren und jungen russischen Dichtergeneration aus unterschiedlichen, zum Teil sich bekämpfenden Schulen.

Trotz ihrem Beharren auf dem Primat der »Vereinigung« beziehungsweise der »Einheit« des Diversen hat sich bei den frühen Eurasiern ebenso wenig eine unité de doctrine herausbilden können wie bei ihren heutigen Adepten – wohl wird die eurasische Doktrin unentwegt fortgeschrieben, doch widersprüchliche Auslegungen und Anwendungen beeinträchtigen ihre Glaubwürdigkeit ebenso wie ihre ideelle Kohärenz, was einen geeinten schlagkräftigen Auftritt der Neoeurasier in der russischen Parteienlandschaft bisher verhindert hat. Das Hauptinteresse der Bewegung gilt allerdings nicht der Partei- oder Parlamentsarbeit, vielmehr der geopolitischen Prognostik und Planung.

Die neoeurasische wie die einstige originaleurasische Idee orientieren sich an zwei Ereignissen der russländischen Geschichte, deren Wende-, Katastrophen- und Erneuerungscharakter gleichsam in umgekehrter Perspektive gesehen und präsentiert werden. Es handelt sich dabei, erstens, um die Unterwerfung, Administrierung und Ausbeutung der russischen Fürstentümer durch die Reiterarmeen der Goldenen Horde (im 13. und 15. Jahrhundert), zweitens um die von Peter dem Großen planmäßig betriebene und gewalthaft durchgesetzte »Westernisierung« Russlands (im 17. und 18. Jahrhundert), als deren realisierte Metapher Sankt Petersburg zu gelten hatte, die neue glanzvolle Metropole am nordwestlichen Rand des Imperiums, die der Reformzar eigens von europäischen Baumeistern nach europäischen Vorbildern hatte errichten lassen, während gleichzeitig die Verwaltung, die Industrie und die Armee des Landes durch westliche Experten neu formiert wurden.

In der offiziellen russischen Geschichtsschreibung wie im allgemeinen Geschichtsverständnis gilt die langandauernde Besetzung durch die aus Zentralasien eingerückte Goldene Horde – das sogenannte Tataren- oder Mongolenjoch – als eine Epoche der Entmündigung und Repression, die Russland in einer entscheidenden Phase seiner Entwicklung vom Westen abgeschottet und damit Europa gegenüber massiv ins Hintertreffen gebracht habe. Das Russentum sei durch diesen Opfergang und durch seine spätere Selbstbefreiung von den asiatischen Okkupanten zum Retter des europäischen Westens geworden. Andernfalls, so lernt man es bis heute im Schulunterricht, hätten die Mongolo-Tataren auch Europa unter ihre Herrschaft gebracht, und entsprechend heißt es in einem neueren Standardwerk aus dem Wissenschaftsverlag der Großen Russländischen Enzyklopädie: »Das mongolo-tatarische Joch führte Russland ins wirtschaftliche, politische und kulturelle Hintertreffen gegenüber den Ländern Westeuropas.«

Die Lehrmeinung der Eurasier beruht im Gegenteil auf der Behauptung, das Russentum habe von der Okkupation durch die Goldene Horde in mancher Hinsicht nachhaltig profitiert. Durch die nomadischen Reiterarmeen seien aus dem großmongolischen Imperium zahlreiche Techniken – nebst militärischen auch administrative, kaufmännische, handwerkliche – nach Russland gelangt und hier nachhaltig angeeignet worden, was nicht zuletzt dadurch belegt wird, dass manch ein Schlüsselbegriff der Wirtschaftssprache (darunter selbst das Wort für »Geld«) aus dem turksprachigen Fundus der Mongolo-Tataren in den alltäglichen russischen Wortschatz eingegangen sei.

Zur sprachtheoretischen und kulturhistorischen Grundlegung der eurasischen Geopolitologie hat in den 1920er Jahren namentlich der exilrussische Fürst Nikolai Trubetzkoy, ein Wegbereiter der strukturalen Linguistik, die wesentlichen Fakten zusammengetragen. Dass manche seiner Überlegungen und Thesen zur »turanischen« Völker-, Sprachen- und Kulturgemeinschaft zweifelhaft geblieben (oder zweifelhaft geworden) sind, hindert die Neoeurasier nicht daran, sie auch heute noch unkritisch zur Rechtfertigung ihrer Lehre heranzuziehen. Nicht allein der »turanische« Verbund von Turksprachen und finno-ugrischen Sprachen im eurasischen Raum hat im neoeurasischen Rückblick auf Trubetzkoy als Beleg für die geopolitische Zusammengehörigkeit der dort angesiedelten Völkerschaften zu gelten, sondern auch deren gemeinsame »Mentalität«, die auf klar erkennbaren Prinzipien beruhe, vorab auf der Fähigkeit (wie auch auf dem Bestreben), Vielfalt zu synthetisieren, Fremdes anzueignen und anzuverwandeln, Komplexität zu reduzieren, die Einzelpersönlichkeit im Kollektiv aufgehen zu lassen und sie solcherart überhaupt erst zur Entfaltung zu bringen – alles Eigenschaften übrigens, die schon im 19. Jahrhundert von den Moskauer »Slawophilen« und »Panslawisten« der sagenhaften »russischen Seele« zugesprochen wurden. Man könne, meint Trubetzkoy, »von einem einheitlichen turanischen ethnopsychologischen Typus sprechen, zu dem die ethnopsychologische Typologie der Turkvölker, der Mongolen und Finno-Ugrier Differenzierungen oder Varianten bilden«.

Für die Neoeurasier steht allerdings fest, dass diese Einheit beziehungsweise Vereinheitlichung unter großrussischer Führung bewerkstelligt werden muss. Damit greifen sie weit hinter Nikolai Trubetzkoy zurück, erneut anknüpfend an die imperialen eurasischen Konzepte eines Fjodor Dostojewski oder Konstantin Leontjew. Als wortmächtiger Anwalt eines russisch dominierten, christlich (orthodox) inspirierten Eurasiertums hat sich seit den frühen 1960er Jahren der Ethno- und Kulturhistoriker Lew Gumiljow vernehmen lassen, zunächst in seinen wissenschaftlichen Abhandlungen über die alten Völker der Türken, Hunnen und Chasaren, dann im Rahmen seiner Untersuchungen zur Biosphäre und Ethnogenese dieser Völker, schließlich – seit der Wende von 1989/1991 – vermehrt in Bezug auf die Vor- und Frühgeschichte des Russentums. In seinem populären Sachbuch Von der alten Rus zum neuen Russland (1992) heißt es zur Vereinigung Eurasiens: »Ausgehend vom Prioritätsprinzip der Rechte jedes Einzelvolks auf eine bestimmte Lebensform, haben die eurasischen Völker eine gemeinsame Staatlichkeit hervorgebracht. Im alten Russland konkretisierte sich dieses Prinzip in der Konzeption der Gemeinschaftlichkeit und wurde absolut unantastbar aufrechterhalten. Auf diese Weise waren die Rechte jedes Einzelmenschen gesichert.« Und weiter: »Die geschichtliche Erfahrung hat gezeigt, dass solange jedem Volk das Recht zustand, es selbst zu sein, das vereinigte Eurasien erfolgreich dem Druck sowohl von westeuropäischer wie von chinesischer und muslimischer Seite zu widerstehen vermochte. Leider haben wir [die Russen] im 20. Jahrhundert diese für unser Land gesunde und traditionsreiche Politik aufgegeben, und wir begannen europäischen Prinzipien nachzuleben, indem wir alle gleichzumachen versuchten. Doch wer möchte schon einem Andern ähnlich sein? Die mechanische Übertragung westeuropäischer Verhaltenstraditionen erbrachte in russischer Perspektive wenig Gutes, und das ist keineswegs erstaunlich … Unser Alter und unser passionarisches Vermögen setzen vollkommen andere Imperative des Verhaltens voraus.«

Die wenigen Zeilen machen implizit deutlich, worauf es Gumiljow und seinen neoeurasischen Adepten ankommt, nämlich auf einen russischen Sonderweg, für den »vollkommen andere Imperative« gelten sollen als für den Rest der Welt in West und Ost. Die von ihm monierte »gesunde und traditionsreiche Politik« wie auch seine provokante rhetorische Frage, wer denn schon »einem Andern ähnlich sein« wolle, sind gleichermaßen gegen die großen Reformprojekte Peters I. zu Beginn des 18. Jahrhunderts gerichtet, als das russländische Imperium durch eine radikale Europäisierung dem Westen näher gerückt und nach dessen Vorbild zumindest oberflächlich modernisiert und brachial »aufgeklärt« wurde.

Noch für die Bolschewiki galt jene folgenschwere »Pseudomorphose« (der Begriff stammt von Oswald Spengler) als die entscheidende Wende in der neuzeitlichen russischen Geschichtsentwicklung: Man erkannte darin einen ersten machtvollen Impetus zu modernem Fortschrittsdenken, zu rationalem, von religiösen Vorurteilen befreitem Denken und Handeln, aber auch generell zu produktiven Wechselbeziehungen mit dem »andern« Europa, dem man »ähnlich« sehen wollte und das man denn auch kritiklos nachahmte. Dass dabei die Rechte jedes involvierten Einzelvolks und die Rechte jedes Einzelmenschen gleichermaßen missachtet wurden, hat Geltung – man weiß es – sowohl für das Petrinische wie für das sowjetische Staatswesen. Von Gleichberechtigung und von Vielfalt in der Einheit war da wie dort die Rede, in Wirklichkeit unterstand das russländische Großreich in beiden Fällen einer repressiven zentralistischen Machtvertikale, die sich weit mehr durch Nivellierungs- und Unifizierungsdruck auszeichnete denn durch die Förderung des Diversen im Gemeinsamen.