Märchen aus Polen -  - ebook

Märchen aus Polen ebook

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Erleben Sie die Märchen und Sagen aus aller Welt in dieser Serie "Märchen der Welt". Von den Ländern Europas über die Kontinente bis zu vergangenen Kulturen und noch heute existierenden Völkern: "Märchen der Welt" bietet Ihnen stundenlange Abwechslung. Ein Auszug aus dem Inhaltsverzeichnis dieses Buches: Die Pest. Der böse Blick. Das Hasenherz. Der Windreiter. Der Teufelstanz. Hans. Vom Werwolf.1 Die Grotten im Schwarzen Berge. Die Pestjungfrau. Der Geisterzug. Bergestürzer und Eichenreißer. Twardowski. Madey. Boruta. Die Kröte. Knüppel, raus! Der Hexenmeister und sein Lehrling. Der Glasberg. Die drei Brüder. Der arme Student. Die Flucht. Die Krähe. Die Krügerin zu Eichmedien. Geizbauch. Strafe der Unzucht in Kehl. Teufelsaustreibung zu Claussen. Der Stand der Unschuld. Die Andacht in der Kirche. Die Schuldigen in Johannisburg. Die Mahren. Sage vom Goldapper Berge. Sage von dem Berge bei Pietraschen. Sage von dem Berge bei Grodzisko. Sage von dem Teufelsberg in der Borkener Heide. Sage vom Goldberge in dem Przezdrzedschen Walde. Sage von der Insel Gilm. Sage von der Burg am Satint-See. Sage von der Burg bei Neu-Bagnowen. Sage vom Schwenty-See. Der Tannenberger See. Sage von den Goldbergen bei Neidenburg. Sage von den Goldbergen bei Neidenburg. Sage von den Goldbergen. Sage von den Goldbergen bei Neidenburg. Sage von den Irrbergen bei Neidenburg. Sage vom Schlosse Puppen. Sagen vom Teufelswerder. Sage von der Kirche auf dem Berge bei Wiersbowen. Der Name der Stadt Passenheim. Der Name der Stadt Ortelsburg. Der Name der Stadt Sensburg. Der Tartarenberg bei Lick. Titelituri. Der goldene Apfel. Die goldenen Tauben. Die Rose. Schwester und Braut. Das wunderbare Pfeifchen. Der Ritt in das vierte Stockwerk. Die Prophezeiung der Lerche. Der Vogel Cäsarius.

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Märchen aus Polen

Inhalt:

Geschichte des Märchens

Märchen aus Polen

Die Pest.

Der böse Blick.

Das Hasenherz.

Der Windreiter.

Der Teufelstanz.

Hans.

Vom Werwolf.

Die Grotten im Schwarzen Berge.

Die Pestjungfrau.

Der Geisterzug.

Bergestürzer und Eichenreißer.

Twardowski.

Madey.

Boruta.

Die Kröte.

Knüppel, raus!

Der Hexenmeister und sein Lehrling.

Der Glasberg.

Die drei Brüder.

Der arme Student.

Die Flucht.

Die Krähe.

Die Krügerin zu Eichmedien.

Geizbauch.

Strafe der Unzucht in Kehl.

Teufelsaustreibung zu Claussen.

Der Stand der Unschuld.

Die Andacht in der Kirche.

Die Schuldigen in Johannisburg.

Die Mahren.

Sage vom Goldapper Berge.

Sage von dem Berge bei Pietraschen.

Sage von dem Berge bei Grodzisko.

Sage von dem Teufelsberg in der Borkener Heide.

Sage vom Goldberge in dem Przezdrzedschen Walde.

Sage von der Insel Gilm.

Sage von der Burg am Satint-See.

Sage von der Burg bei Neu-Bagnowen.

Sage vom Schwenty-See.

Der Tannenberger See.

Sage von den Goldbergen bei Neidenburg.

Sage von den Goldbergen bei Neidenburg.

Sage von den Goldbergen.

Sage von den Goldbergen bei Neidenburg.

Sage von den Irrbergen bei Neidenburg.

Sage vom Schlosse Puppen.

Sagen vom Teufelswerder.

Sage von der Kirche auf dem Berge bei Wiersbowen.

Der Name der Stadt Passenheim.

Der Name der Stadt Ortelsburg.

Der Name der Stadt Sensburg.

Der Tartarenberg bei Lick.

Titelituri.

Der goldene Apfel.

Die goldenen Tauben.

Die Rose.

Schwester und Braut.

Das wunderbare Pfeifchen.

Der Ritt in das vierte Stockwerk.

Die Prophezeiung der Lerche.

Der Vogel Cäsarius.

Die Froschprinzessin.

Herr und Diener.

Räthselmährchen.

Belohnte Mildthätigkeit.

Der gute Hirte.

Das wunderbare Kind.

Der Teufel und die Linde.

Geschwür und Nasenschmutz.

Vampyrsagen.

Der Werwolf.

Die Lakenfrauen.

Vergrabene Schätze.

Der Schmied und der Tod.

Die vergessene Braut.

Die Tiere im Waldhause und die beiden Schwestern.

Der Taugenichts.

Die böse Stiefmutter.

Der kleine Bździonek.

Das Farnkraut.

Goldbeutel, Tabakspfeife und Wunschsack.

Märchen aus Polen

Jazzybee Verlag Jürgen Beck

Loschberg 9

86450 Altenmünster

www.jazzybee-verlag.de

[email protected]

Frontcover: © Sweet Angel - Fotolia.com

Geschichte des Märchens

Ein Märchenist diejenige Art der erzählenden Dichtung, in der sich die Überlebnisse des mythologischen Denkens in einer der Bewußtseinsstufe des Kindes angepaßten Form erhalten haben. Wenn die primitiven Vorstellungen des Dämonenglaubens und des Naturmythus einer gereiftern Anschauung haben weichen müssen, kann sich doch das menschliche Gemüt noch nicht ganz von ihnen trennen; der alte Glaube ist erloschen, aber er übt doch noch eine starke ästhetische Gefühlswirkung aus. Sie wird ausgekostet von dem erwachsenen Erzähler, der sich mit Bewußtsein in das Dunkel phantastischer Vorstellungen zurückversetzt und sich, vielfach anknüpfend an altüberlieferte Mythen, an launenhafter Übertreibung des Wunderbaren ergötzt. So ist das Volksmärchen (und dieses ist das echte und eigentliche M.) das Produkt einer bestimmten Bewußtseinsstufe, das sich anlehnt an den Mythus und von Erwachsenen für das Kindergemüt mit übertreibender Betonung des Wunderbaren gepflegt und fortgebildet wird. Es ist dabei, wie in seinem Ursprung, so in seiner Weiterbildung durchaus ein Erzeugnis des Gesamtbewußtseins und ist nicht auf einzelne Schöpfer zurückzuführen: das M. gehört dem großen Kreis einer Volksgemeinschaft an, pflanzt sich von Mund zu Munde fort, wandert auch von Volk zu Volk und erfährt dabei mannigfache Veränderungen; aber es entspringt niemals der individuellen Erfindungskraft eines Einzelnen. Dies ist dagegen der Fall bei dem Kunstmärchen, das sich aber auch zumeist eben wegen dieses Ursprungs sowohl in den konkreten Zügen der Darstellung als auch durch allerlei abstrakte Nebengedanken nicht vorteilhaft von dem Volksmärchen unterscheidet. Das Wort M. stammt von dem altdeutschen maere, das zuerst die gewöhnlichste Benennung für erzählende Poesien überhaupt war, während der Begriff unsers Märchens im Mittelalter gewöhnlich mit dem Ausdruck spel bezeichnet wurde. Als die Heimat der M. kann man den Orient ansehen; Volkscharakter und Lebensweise der Völker im Osten bringen es mit sich, daß das M. bei ihnen noch heute besonders gepflegt wird. Irrtümlich hat man lange gemeint, ins Abendland sei das M. erst durch die Kreuzzüge gelangt; vielmehr treffen wir Spuren von ihm im Okzident in weit früherer Zeit. Das klassische Altertum besaß, was sich bei dem mythologischen Ursprung des Märchens von selbst versteht, Anklänge an das M. in Hülle und Fülle, aber noch nicht das M. selbst als Kunstgattung. Dagegen taucht in der Zeit des Neuplatonismus, der als ein Übergang des antiken Bewußtseins zur Romantik bezeichnet werden kann, eine Dichtung des Altertums auf, die technisch ein M. genannt werden kann, die reizvolle Episode von »Amor und Psyche« in Apulejus' »Goldenem Esel«. Gleicherweise hat sich auch an die deutsche Heldensage frühzeitig das M. angeschlossen. Gesammelt begegnen uns M. am frühesten in den »Tredeci piacevoli notti« des Straparola (Vened. 1550), im »Pentamerone« des Giambattista Basile (gest. um 1637 in Neapel), in den »Gesta Romanorum« (Mitte des 14. Jahrh.) etc. In Frankreich beginnen die eigentlichen Märchensammlungen erst zu Ende des 17. Jahrh.; Perrault eröffnete sie mit den als echte Volksmärchen zu betrachtenden »Contes de ma mère l'Oye«; 1704 folgte Gallands gute Übersetzung von »Tausendundeiner Nacht« (s. d.), jener berühmten, in der Mitte des 16. Jahrh. im Orient zusammengestellten Sammlung arabischer M. Besondern Märchenreichtum haben England, Schottland und Irland aufzuweisen, vorzüglich die dortigen Nachkommen der keltischen Urbewohner. Die M. der skandinavischen Reiche zeigen nahe Verwandtschaft mit den deutschen. Reiche Fülle von M. findet sich bei den Slawen. In Deutschland treten Sammlungen von M. seit der Mitte des 18. Jahrh. auf. Die »Volksmärchen« von Musäus (1782) und Benedikte Naubert sind allerdings nur novellistisch und romantisch verarbeitete Volkssagen. Die erste wahrhaft bedeutende, in Darstellung und Fassung vollkommen echte Sammlung deutscher M. sind die »Kinder- und Hausmärchen« der Brüder Grimm (zuerst 1812–13, 2 Bde.; ein 3. Band, 1822, enthält literarische Nachweise bezüglich der M.). Unter den sonstigen deutschen Sammlungen steht der Grimmschen am nächsten die von L. Bechstein (zuerst 1845); außerdem sind als die bessern zu nennen: die von E. M. Arndt (1818), Löhr (1818), J. W. Wolf (1845 u. 1851), Zingerle (1852–54), E. Meier (1852), H. Pröhle (1853) u. a. Mit M. des Auslandes machten uns durch Übertragungen bekannt: die Brüder Grimm (Irland, 1826), Graf Mailath (Ungarn, 1825), Vogl (Slawonien, 1837), Schott (Walachei, 1845), Asbjörnson (Norwegen), Bade (Bretagne, 1847), Iken (Persien, 1847), Gaal (Ungarn, 1858), Schleicher (Litauen, 1857), Waldau (Böhmen, 1860), Hahn (Griechenland u. Albanien, 1863), Schneller (Welschtirol, 1867), Kreutzwald (Esthland, 1869), Wenzig (Westslawen, 1869), Knortz (Indianermärchen, 1870, 1879, 1887), Gonzenbach (Sizilien, 1870), Österley (Orient, 1873), Carmen Sylva (Rumänien, 1882), Leskien und Brugman (Litauen, 1882), Goldschmidt (Rußland, 1882), Veckenstedt (Litauen, 1883), Krauß (Südslawen, 1883–84), Brauns (Japan, 1884), Poestion (Island, 1884; Lappland, 1885), Schreck (Finnland, 1887), Chalatanz (Armenien, 1887), Jannsen (Esthen, 1888), Mitsotakis (Griechenland, 1889), Kallas (Esthen, 1900) u. a. Unter den Kunstpoeten haben sich im M. mit dem meisten Glück versucht: Goethe, L. Tieck, Chamisso, E. T. A. Hoffmann, Fouqué, Kl. Brentano, der Däne Andersen, R. Leander (Volkmann) u. a. Vgl. Maaß, Das deutsche M. (Hamb. 1887); Pauls »Grundriß der germanischen Philologie«, 2. Bd., 1. Abt. (2. Aufl., Straßb. 1901); Benfey, Kleinere Schriften zu Märchen-forschung (Berl. 1890); Reinh. Köhler, Aufsätze über M. und Volkslieder (das. 1894) und Kleine Schriften, Bd. 1: Zur Märchenforschung (hrsg. von Bolte, das. 1898); R. Petsch, Formelhafte Schlüsse im Volksmärchen (das. 1900).

Märchen aus Polen

Die Pest.

Es saß einmal ein Bauer draußen auf dem freien Felde. Die Sonne glühte wie Feuer. Sieht er von weitem, daß etwas herankommt; sieht nochmal hin – und es ist ein Weibsbild! Es war ganz in ein weißes Gewand gehüllt und schritt wie auf langen Stelzen einher. Der Mann erschrak und wollte fliehen; aber das Gespenst hielt ihn mit seinen dürren Armen auf.

"Kennst Du die Pest? Ich bin's! Nimm mich denn auf Deine Schultern und trage mich durch's Land; und laß kein Dorf und keine Stadt mir aus; denn überall will ich hin. Du selbst aber befürchte nichts: Du bleibst gesund inmitten all der Toten."

Und es schlingt seine langen Arme um den Hals des furchtsamen Knechtes. Der Mann geht nun vorwärts, doch blickt er verwundert bald hinter sich, weil er gar keine Last spürt: und immer noch sitzt das Gespenst auf seinem Rücken.

Kam zuerst nach einem Städtchen. Freude war auf allen Gassen, Tanz und Lustigkeit und Frohsinn. Blieb kaum auf dem Markte stehen, weht das Weibsbild mit dem Tuche; gleich ist's vorbei mit Tanz und Freude, und der Frohsinn flieht von dannen. Wo er hinschaut, sieht er bebend: Särge trägt man, Glocken läuten, voll von Menschen ist der Kirchhof; ist kein Platz mehr zum Begraben!

Auf dem Markte liegen haufenweise die Leichen der Menschen nackt und unbeerdigt!

Dann ging er weiter. Wo er durch ein Dorf kam, da wurden die Häuser öde und leer, und die Menschen flohen mit blassen Wangen, zitternd vor Furcht; und auf den Landstraßen, in den Wäldern und auf freiem Felde hörte man herzzerreißendes Geschrei der Sterbenden.

Auf hohem Berge stand ein Dorf; hier wohnte der arme Bursche, auf dessen Rücken die Pest sich gehängt hatte; dort waren sein Weib und seine Kinder und seine alten Eltern.

Fängt das Herz ihm an zu bluten. Drum umgehet er sein Dorf, hält mit kräft'ger Hand das Weibsbild, daß es ihm nicht springt herunter.

Und er schaut vor sich hin, und vor ihm fließt der blaue Pruth1, hinter ihm erheben sich immer höhere, grün belaubte Berge, weiterhin schwarze, und die höchsten sind mit Schnee bedeckt.

Läuft nun geradehin zum Flusse; springt hinein und taucht sich unter, will das Weibsbild auch ertränken, um sein Land vor Unglück und Pestluft zu bewahren!

Er selbst ertrank; doch die Pest, welche federleicht war und die er auch auf seinen Schultern nicht gefühlt hatte, konnte nicht untersinken und floh, durch diesen Mut erschreckt, in die Wälder auf dem Gebirge. – So hat der Mann sein Dorf gerettet und seine Eltern, seine Frau und seine kleinen Kinder.

Fußnoten

1 Fluß im südlichen Galizien; geht zur Donau.

Der böse Blick.

Es wohnte einmal ein reicher Edelmann in einem schön gemauerten Hause nicht weit vom Ufer des Weichselstromes. Alle Fenster des Hauses, das die Leute den weißen Hof nannten, gingen nach dem Wasser hin, nicht ein einziges zeigte die Landstraße oder die geräumigen Scheunen. Eine lange Lindenallee, die nach dem Edelhofe führte, war mit Gras und Unkraut bewachsen; daran konnte man leicht erkennen, daß die Nachbarn nur selten diesen einsamen Wohnsitz besuchten.

Der Herr des Hauses war erst vor sieben Jahren aus ferner Gegend hergezogen. Die Bauern kannten ihn fast garnicht und gingen ihm voll Angst aus dem Wege, denn man erzählte über ihn allerlei schreckliche Dinge.

Der Herr war an den Ufern des San1 von reichen Eltern geboren; aber das Unglück verfolgte ihn von der Wiege an. Er hatte den bösen Blick, der allen Menschen Krankheit und Tod brachte. Wenn er zur bösen Stunde seine Herde ansah, so starb das arme Vieh vor seinen Augen; wenn er etwas lobte, so verdarb es sogleich. Die beiden Eltern waren vor Kummer über des Sohnes Schicksal gestorben. Der Sohn, in der ganzen Gegend nur der verzauberte Herr genannt, verkaufte seine großen Güter und zog hierher an die Weichsel, wo er das schön gemauerte Haus bewohnte. Er litt keinen Menschen um sich und behielt nur einen alten Diener, der ihn als Kind auf den Armen getragen hatte und dem allein der böse Blick seines Herrn keinen Schaden tat.

Der verzauberte Herr verließ selten das Haus, denn seine Augen verbreiteten Unglück, Krankheit und Tod. Darum saß auch immer im Wagen neben ihm der alte Diener, und der sagte ihm, wenn irgendwo ein Mensch, ein Dorf, eine Stadt zu sehen war. Dann legte der Herr die Hände auf seine unglücklichen Augen, oder auch er blickte starr auf ein Erbsenbüschel, das stets zu seinen Füßen lag. Ein verderbliches Auge konnte nämlich niemandem schaden, wenn man damit ein verwelktes Erbsenbüschel ansah; nur wurde davon das Erbsenbüschel noch dürrer.

Absichtlich hatte der Herr alle Fenster des schön gemauerten Hauses nach der Weichsel hin machen lassen: denn schon zweimal waren seine Scheuern in Brand geraten, da er zur bösen Stunde auf sie blickte. Trotzdem verwünschten ihn auch noch die Schiffer und zeigten mit Furcht auf die Fenster des schön gemauerten Hauses, von wo aus ihnen der böse Blick schon manche Krankheit gebracht hatte, und der Sturm beschädigte fast immer die Fahrzeuge, wenn sie am Landungsplatze gegenüber vom weißen Hofe anlegten.

Einmal faßte sich ein Schiffer ein Herz: er ruderte auf seinem Schiffchen zum weißen Hofe und verlangte den verzauberten Herrn zu sprechen. Der alte Diener führte den Schiffer in den Speisesaal. Der Herr saß eben bei Tische, und ungehalten darüber, daß ihn ein Fremder beim Essen störte, blickte er streng auf den Eintretenden. Sogleich bekam der Schiffer ein heftiges Fieber, und lautlos fiel er bei der Tür zu Boden.

Der alte Diener brachte den Mann auf Befehl seines Herrn auf das Schiffchen, fuhr mit ihm ans andre Ufer und gab ihm eine Menge Goldstücke. Der Schiffer war noch lange krank. Da er später die ganze Geschichte erzählte und dabei den weißen Hof und den verzauberten Herrn recht schrecklich ausmalte, jagte dies den andern Schiffern noch größere Furcht ein. Von der Zeit an wendete jeder Schiffer, wenn er an dem weißen Hause vorbeikam, die Augen ab und betete zu allen Heiligen und zitterte vor Angst, wenn jemand vom bösen Blick des verzauberten Herrn zu sprechen anfing. –

Zehn Jahre waren seither verflossen. Der weiße Hof war noch immer der Schrecken der Nachbarn und der vorbeifahrenden Schiffer. Niemand besuchte den verzauberten Herrn, und der Unglückliche verlebte einsam alle Stunden des Tages.

Ein harter Winter kam. Scharenweise heulten die Wölfe mit furchtbarer Stimme rund um den weißen Hof. Der Herr saß traurig am Kamin, auf dem ein großes Feuer brannte, und trübsinnig blätterte er in einem mächtigen Buche.

Der alte Diener hatte schon alle Türen des Hauses geschlossen, setzte sich auch ans Feuer, wärmte seine alten erstarrten Knochen und besserte dann und wann an seinem Fischernetze.

"Stanislaw", sagte der Herr, "hast Du schon viele Fische gefangen?"

"Noch nicht viele, lieber Herr; aber für uns beide wird es genug sein."

"Das ist wahr", erwiderte der unglückliche Herr. "Wir beide, – wie viele Jahre sind wir schon allein! O unglückliche Stunde, in der ich geboren bin! Immer bin ich einsam, die Menschen fliehen mich wie ein Ungeheuer." Er trocknete die Tränen, die seine unglücklichen Augen benetzt hatten.

Plötzlich hörten sie draußen eine menschliche Stimme, die um Hilfe rief. Der Herr des Hauses erzitterte, denn er hatte schon lange keine fremde Stimme gehört. Der alte Diener eilte hinaus, und der Herr folgte ihm mit der Lampe in der Hand.

Vor dem Torwege stand ein verdeckter Schlitten, neben dem Schlitten stand ein alter Mann. Als er die beiden aus dem Hause kommen sah, hob er seine ohnmächtige Frau herab; der alte Diener half dann der Tochter, einer schönen Jungfrau, beim Aussteigen.

Man legte frisches Holz auf den Kamin, brachte die ohnmächtige Mutter an das wärmende Feuer, und der Hausherr ließ in geschäftiger Freude den alten Ungarwein aus dem Keller heraufholen und setzte dem Gaste mächtige Humpen vor. Der Diener lächelte heimlich, da er das frohe Gesicht seines Herrn bemerkte. Der Fremde war ein Edelmann. Er erzählte, wie sie sich verirrt hatten, dann von Wölfen angefallen wurden, und wie die flinken Pferde sie kaum hatten nach dem weißen Hofe hinziehen können.

Nach dem Abendessen wurde alles vom Schlitten heruntergeholt. Der Herr führte die müden Reisenden in ein warmes und bequemes Schlafzimmer. Bald war es still im weißen Hofe, und das Feuer auf dem Kamin flackerte bloß noch in schwachen Flammen. –

Es war nach Mitternacht. Der alte Stanislaw schlief am Herde. Da knarrte die Tür, und der Hausherr trat herein. Der Diener rieb sich verwundert den Schlaf aus den Augen und brummte: "Wie, schläft der arme Herr noch nicht?"

"Still, alter Freund," erwiderte der Herr mit froher Miene, "ich kann nicht einschlafen und möchte niemals einschlafen, wenn ich immer so glücklich wäre wie heute!" Und er setzte sich in den großen Lehnstuhl am Herde und lächelte in sich hinein und fing an zu weinen.

"Weine, armer Herr, weine nur!" dachte der alte Stanislaw bei sich selber; "mit den Tränen fließt Dir vielleicht der böse Blick davon."

"Wenn mir der liebe Gott doch das geben wollte, woran ich jetzt denke," sagte der verzauberte Herr, "ich wollte weiter nichts von dieser Welt verlangen. Dreißig Jahre schon lebe ich wie ein Einsiedler, wie ein Verbrecher. Und doch habe ich nie etwas Böses begangen, meine Seele ist rein vom Laster. Nur meine Augen, – – o meine Augen!"

Tiefe Trauer beschattete sein Antlitz, das eben noch so freudig gewesen war; doch bald erschien wieder das Lächeln auf seinen Wangen, und man konnte erkennen, wie wieder ein Hoffnungsstrahl in sein Herz leuchtete.

"Alter Freund," sprach er, und Stanislaw schaute fröhlich drein, "ich werde vielleicht heiraten."

"Das gebe Gott!" rief der Diener aus. "Aber wo ist denn Eure Zukünftige?"

Der Herr stand auf, zeigte mit der Hand nach der Seite, wo das Schlafzimmer der drei Gäste war, und sagte leise: "Dort!"

Stanislaw nickte mit dem Kopfe, als sei er sehr zufrieden mit der Wahl seines Herrn, und geschäftig warf er eine Handvoll Holz auf den Herd. Der Herr kehrte sinnend in sein Schlafgemach zurück. Der alte Diener brummte in seinen Bart: "Gott geb es, Gott geb es!" Und allmählich schlief er wieder ein. –

Am folgenden Morgen erwachte der fremde Edelmann neugestärkt und erfrischt, doch war an Abreise noch nicht zu denken, denn die Frau lag in heftigem Fieber.

Wie froh war der Herr, als er erfuhr, die Gäste würden einige Zeit in seinem Hause zubringen!

Der fremde Edelmann war nicht gerade reich, aber er lebte als ehrlicher Mensch und nährte sich redlich. Der freundliche Wirt gefiel ihm recht gut, und eines Tages sprach er zu seiner Frau, mit der es schon viel besser geworden war:

"Hör mal, Gretchen, mir scheint, der Herr macht unsrer kleinen Marie gewaltig den Hof, und wie ich sehe, ist sie ihm auch nicht abgeneigt. Nun, mir könnte das nur gefallen."

"I, das scheint Dir wohl bloß so!" erwiderte die Frau; aber im Grunde war es ihr lieb, daß ihr Mann dasselbe sagte, was sie sich im stillen auch schon gedacht.

"Der Mann ist nicht arm, er ist kein Springinsfeld, es fehlt ihm überhaupt an nichts," fuhr der fremde Edelmann fort, indem er in der Stube auf und ab ging, "und unsre Kleine ist auch nicht bucklig und zum Heiraten eben alt genug."

Nach dem Abendbrot trank der Gast wieder den alten Ungarwein, strich mit Wohlgefallen den grauen Knebelbart und hörte mit sichtlicher Freude, wie der Herr des Hauses ihn um seine Tochter bat.

"Ihr habt mir gut gefallen, Herr Bruder," erwiderte er nach einer Pause, "und da Ihr nicht erst nach der Aussteuer fragt und an Eurem eigenen Brot genug habt, so mag sie denn meinetwegen Euer Weibchen werden."

Ein Vierteljahr darauf führte der verzauberte Herr die Braut heim. Unkraut und Gras verschwanden von der langen Lindenallee, denn viele Wagen rollten da ohne Unterlaß hin und her, Verwandte und Freunde der schönen Braut kamen scharenweise zur Hochzeit nach dem weißen Hofe.

Einige Tage später war es wieder still wie vorher, und auf der langen Lindenallee wuchs wieder Gras und garstiges Unkraut. –

Der Winter kam wieder. Obgleich das Schloß nun eine Herrin hatte, war es hier so einsam wie früher. Die Dienerschaft, die der Herr angenommen hatte, lief davon, als sie hörte, daß ihr Gebieter den bösen Blick habe. Einige, die geblieben waren, wurden bald von schweren Krankheiten darniedergeworfen. Die schöne junge Frau lag in Schmerzen auf ihrem reichen Lager. Der liebende Gatte saß bei ihr, und mit abgewandtem Gesichte drückte er ihre kalten Hände.

Das arme Weib wußte recht wohl von dem bösen Blick ihres Mannes, und ihre Leiden wurden dadurch noch größer. Trotzdem bat sie den Gatten in aufrichtiger Liebe, er möchte ihr doch einmal sein Gesicht wieder zuwenden.

"Meine Maria!" rief der Unglückliche mit tiefem Seufzer aus, "ich kann mit Dir nicht glücklich sein, solange ich diese Augen habe. O reiß sie mir aus! Hier ist ein scharfes Messer, – von Deiner Hand wird's nicht schmerzen!"

Die arme Frau schauderte bei diesem schrecklichen Verlangen. Der verzauberte Herr fing an bitterlich zu weinen: "Für andre Menschen sind die Augen ein Glück, meine Augen bringen Trauer und Unheil. Aber das sage ich Dir: unser Kind soll meine Augen nimmer erblicken, – ihm sollen sie nicht schaden, und es wird dem Andenken seines Vaters nicht fluchen müssen!"

Ein leises Stöhnen war die Antwort der kranken Frau. –

Bald darauf wurde dem Schloßherrn eine Tochter geboren. In demselben Augenblicke, als das Kind mit lautem Schrei das Licht der Sonne begrüßte, da hörte man auch im Saale, wo das Kaminfeuer brannte, das herzerschütternde Geschrei eines Mannes: der Vater des Kindes hatte auf ewig vom Tageslichte den furchtbaren Abschied genommen. Zwei Augen, wie glänzende Kristallkugeln, fielen zugleich mit dem blutigen Messer zur Erde.

Sechs Jahre später gab eine Reihe glänzender Fenster wieder die Aussicht ins Dorf und auf die gefüllten Scheuern. Die Schiffer hatten am Fuße des weißen Hofes einen herrlichen Landungsplatz. Die Herrin des Hauses war gesund und munter, und ihre größte Freude war ein engelschönes Töchterlein, das manchmal den blinden Vater auf der Straße führte.

Die Landleute, die früher den verzauberten Herrn ängstlich gemieden hatten, gingen nun freundlich hinzu, wenn sie den Blinden mit dem kleinen Mädchen auf dem Spaziergang erblickten. Allenthalben verschwand die Grabesstille, denn zahlreiche Dienerschaft erfüllte die einst so einsamen Hallen des weißen Hofes.

Der alte Stanislaw hatte gleich an jenem traurigen Tage die verderblichen Augen tief neben der Gartenmauer vergraben. Einmal ergriff ihn die Neugierde: er wollte sehen, was aus den Augen geworden sei. Er fing an zu graben, – da glänzten ihm die Augen wie zwei Lichter entgegen. Doch kaum hatte ihr Glanz sein Angesicht getroffen, da befiel ihn ein heftiges Zittern; er sank um und starb.

So hatten die verderblichen Augen des verzauberten Herrn dem alten Diener zum ersten und zum letzten Male geschadet. Einige Leute aber wollten wissen, sie hätten ihm früher deswegen keinen Schaden getan, weil ihn der Herr so sehr geliebt: das Herz nahm dem Blicke die Gewalt. Nun aber hatten die Augen in der Erde neue Kraft bekommen und den alten Diener getötet!

Der blinde Herr betrauerte ihn von ganzer Seele. Auf seinem Grabe ließ er ein schönes Kreuz errichten, und davor pflegten die Schiffer zu beten wenn sie am weißen Hofe landeten.

Fußnoten

1 Fluß in Galizien, Nebenfluß der Weichsel.

Das Hasenherz.

Auf einer Insel mitten in der Weichsel stand vor Jahren ein großes Schloß, von Mauern rund umgeben, und viele Fähnlein wehten darauf im Winde. Dort wohnte ein Ritter, ein tapferer und berühmter Krieger, der in vielen Kämpfen Ruhm und Ehre erworben hatte.

In unterirdischen Kerkern waren die Gefangenen eingesperrt. Täglich mußten sie zur Arbeit: die Mauern ausbessern, den Garten bestellen. Ein altes Weib war unter ihnen, eine alte Hexe. Der Mann von dieser Hexe war auch gefangen und gefesselt. Die Hexe nahm sich vor, den Mann zu rächen.

Einmal war der Ritter allein im Garten. Müde setzte er sich auf den grünen Rasen und schlief ein.

Heimlich lauert dort die Hexe, schüttet Mohn auf seine Augen, daß er nicht so früh erwache, und mit einem Fichtenzweige stößt sie an die offene Brust ihn, wo das Herz des Menschen klopft.

Und die Brust tut sich auf. Man sieht das rote Herz, wie's beständig schlägt und zittert. Teuflisch lächelt da die Hexe, streckt die magern Arme aus, und mit ihren langen Fingern greift sie leise nach dem Herzen; zieht es aus der Brust so leise, daß der Ritter nicht erwacht.

Nimmt das Herz dann eines Hasen, das sie schon bereit gehalten, legt es in die Brust des Ritters und verschließt die Öffnung wieder. Geht dann selber auf die Seite, legt sich hin im dichten Busche, will des Zaubers Folgen sehen.

Noch war der Ritter nicht erwacht, doch schon fühlte er das Hasenherz. Er, der früher keine Furcht gekannt, er zitterte nun ängstlich und warf sich von einer Seite auf die andre. Er erwachte. Seine Rüstung schien ihm so schwer. Kaum hatte er sich erhoben, so hörte er das Bellen der Hunde.

Wenn früher die muntre Meute das Wild im Walde verfolgte, so hüpfte das Herz ihm vor Wonne. Jetzt aber flieht er erschrocken, – er flieht wie ein furchtsamer Hase! Kaum ist er in seinem Zimmer, so erschreckt ihn die eigene Rüstung, das Geklirr der silbernen Sporen. Daher wirft er die Rüstung zu Boden und sinkt ermattet auf sein Lager.

Früher träumte er im Schlafe nur von Kampf und Siegesbeute, jetzo stöhnt und ächzt er traurig; jedes Bellen seiner Hunde, jeder Anruf seiner Wache, die am Feuer auf dem Walle sorglich schützt vor einem Anfall, schreckt den Armen auf dem Lager. Wie ein Kind drückt er das Antlitz tief hinein ins weiche Kissen.

Mächtige Scharen wilder Heiden umringten das Schloß. Die Ritter und Soldaten erwarteten ihren Herrn, der sie immer zu Kampf und Sieg geführt hatte. Aber sie warteten diesmal vergebens. Als der einst so tapfere Ritter das Geklirr der Waffen und das Geschrei der Krieger und das Wiehern der Rosse vernahm, lief er fort aufs Dach des Schlosses und erblickte von dort aus das große Heer der Heiden.

Da gedachte er seiner alten Kriegsfahrten, seines Ruhms und seiner Siege. Da meinte er bitterlich, seufzte tief und sprach:

"O Gott, gib mir doch meinen Mut wieder, die alte Kraft und die alte Kühnheit! Dort auf dem Schlachtfeld wehen meine Fahnen, und ich stehe da wie ein furchtsames Mädchen. Gib mir mein Herz wieder, daß es nicht zittre, – gib mir die Kraft wieder, daß ich meine Rüstung ertrage, belebe mich mit frischem Jugendmut und schenk mir den Sieg!"

Die Erinnerung weckt ihn gleichsam aus dem Schlafe: schnell kehrt er zurück in sein Zimmer, legt die Rüstung an, besteigt das Roß und reitet zum Tore hinaus. Der Torwächter begrüßt freudig seinen Herrn und gibt den Kriegern ein Zeichen durch den Schall der Trompete.

Indessen reitet der Herr davon. Aber noch beherrscht die Furcht seine Gedanken, und wie sich seine Ritter voll kühnen Mutes auf die Feinde stürzen, da wendet der Schloßherr in tödlicher Angst den schnellfüßigen Renner und flieht zurück in die feste Burg.

Atemlos kommt er im Schlosse an. Doch auch hinter den mächtigen Mauern verläßt ihn die heimliche Furcht nicht. Eilig wirft er sich vom Pferde, läuft in eine Kammer, die durch feste Eisentüren gesichert ist, und kraftlos erwartet er den ruhmlosen Tod.

Seine Ritter haben den Feind geschlagen. Der Wächter verkündet vom hohen Turme die Rückkehr der siegreichen Fahnen. Voll Verwunderung suchen alle den Herrn des Schlosses. Endlich finden sie ihn halb tot in der eisernen Kammer.

Er lebte nicht mehr lange. Den ganzen Winter hindurch wärmte er den zitternden Leib am Kaminfeuer im Schlafgemach. Als der Frühling gekommen war, öffnete er einmal ein Fenster, um frische Mailuft einzuschlürfen. Da flog eine Schwalbe vorbei, und im Fluge streifte sie mit ihrem dunklen Flügel das Gesicht des Ritters. Erschrocken und wie vom Blitz getroffen sank er nieder und war tot.

Alle betrauerten den guten Herrn, doch keiner wußte, was ihn so verwandelt hatte. Ein Jahr darauf aber verbrannte man alle Hexen, weil sie den Regen zu lange aufgehalten hatten. Da bekannte jene alte Hexe, daß sie das Herz des Ritters mit einem Hafenherzen vertauscht hatte.

So erfuhren alle Menschen, weshalb der einst so kühne Ritter so furchtsam geworden war. Sie betrauerten ihn jetzt noch mehr, und auf seinem Grabe verbrannten sie die böse Hexe bei lebendigem Leibe.1

Fußnoten

1 Eine ähnliche Geschichte erzählt: eine Hexe nahm einem jungen Burschen das Herz aus der Brust und setzte ihm das Herz eines Hahnes hinein. Fortan wollte der Bursche nicht mehr arbeiten, sondern er stieg auf die Zäune und krähte immerfort wie ein Hahn.

Der Windreiter.

Ein Zauberer zürnte einem jungen Knechte. Voll Wut ging er in des Knechts Hütte und steckte ein neues, scharfes Messer in die Schwelle. Dabei sprach er die Zauberworte: "Sieben Jahre soll der Bursche auf dem schnellen Sturmwind reiten, durch die weite Welt getragen."

Geht der Bursche auf die Wiese, legt das frische Heu in Haufen. Da erhebt sich plötzlich ein Sturmwind, reißet die Haufen auseinander, reißet mit sich fort den Burschen. Der sucht vergebens sich zu halten, packt vergebens mit den Händen bald den Zaun und bald die Bäume. Vorwärts treibt ihn eine unsichtbare Macht.

Auf den Flügeln des Windes fliegt er wie eine Taube, seine Füße berühren nicht mehr die heimische Erde. Die Sonne geht schon unter. Der Knecht blickt mit Heißhunger hinunter auf sein Dorf, wo duftender Rauch aus den Schornsteinen aufsteigt. Er kann sie beinah mit den Füßen berühren; doch vergebens schreit und ruft er, und vergebens klagt und weint er. Niemand sieht ihn, niemand hört ihn.

Und so reitet er zwölf Wochen, ewig Durst und Hunger leidend, trocken wie ein Fichtenapfel. Manches Land hat er durchflogen, immer aber trägt der Wind ihn zu dem Dorf hin, wo er wohnte.

Traurig sieht er seine Hütte. Gerade kommt sein Liebchen aus der Haustür, Mittagbrot trägt sie im Korbe. Und er streckt die dürren Hände flehend aus nach der Geliebten. Ruft vergebens ihren Namen; matt verhallt die schwache Stimme, und das Mädchen blickt nicht mal nach oben.

Er fliegt weiter: steht der Zauberer vor der Tür seiner Hütte, blickt hinauf und ruft voll Spott: "Sieben Jahre wirst Du reiten, über diesem Dorfe fliegen, wirst Du leiden und nicht sterben."

"O mein Vater, alter Falke! Wenn ich jemals Dich erzürnte, so vergib mir! Schau, die Lippen sind mir schon ganz hart geworden. Mein Gesicht, meine Hände, – sieh her: lauter Knochen. O hab Erbarmen mit meiner Qual!"

Und der Zauberer flüstert leise. Hört der Bursche auf zu fliegen; bleibt an einem Orte stehen, doch berührt er nicht die Erde.

Sprach der Zauberer: "Gut, daß Du mich reuig anflehst. Doch was willst Du mir wohl geben, wenn ich Dir die Qual erlasse?"

"Alles, was Du nur verlangst," antwortete der Bursche, und er faltete die Hände, kniete nieder in den Lüften.

"Überlasse mir Dein Mädchen, denn zur Frau will ich sie haben. Wenn Du sie gutwillig abgibst, kommst Du wieder auf die Erde."

Der Knecht verstummte. Endlich dacht' er bei sich selber: wenn ich erst wieder auf der Erde bin, werd' ich mir schon zu helfen wissen. Er sagte also zu dem Zaubrer: "Führwahr, Ihr verlangt ein großes Opfer von mir; aber weil's denn nicht anders sein kann, so sei's!"

Fing der Zauberer an zu blasen, und der Knecht kam herunter auf die Erde. Wer war glücklicher als er, als er den festen Grund unter seinen Füßen fühlte und nicht mehr in der Gewalt des Windes war!

So schnell wie möglich lief er nach seiner Hütte. An der Schwelle begegnete er der Geliebten. Sie schrie laut auf vor Erstaunen, als sie den verschwundenen Knecht erblickte, den sie schon so lange beweint und betrauert hatte. Der Knecht stieß sie kräftig mit den dürren Händen zurück und trat eilig in das Wohnzimmer. Hier saß auf seinem Stuhle der Bauer, bei dem der Bursche gedient hatte, und halb in Tränen redete er ihn an:

"Ich werde nicht mehr bei Euch dienen, und Eure Tochter kann ich auch nicht heiraten. Zwar lieb ich sie noch immer und habe sie wohl noch mehr lieb als meine eigenen Augen, aber heiraten werd ich sie doch nicht."

Der Bauer sah ihn verwundert an, und da er auf seinem bleichen und abgemagerten Gesichte die Spur von Leiden erblickte, so fragte er, weshalb er denn die Tochter jetzt nicht wolle.

Da erzählte ihm der Bursche alles. Der Bauer aber sagte zu ihm, er solle nur keine Angst haben, steckte sich einen vollen Geldbeutel ein und ging zur Wahrsagerin. Abends kehrte er munter zurück. Er nahm den Burschen beiseite und tröstete ihn: "Morgen früh, sobald es Tag wird, geh zur Wahrsagerin. Du wirst sehen, es wird noch alles gut."

Der Knecht schlief zum ersten Male seit zwölf Wochen wieder auf dem gewohnten Lager. Dennoch erwachte er noch vor der Morgenröte und ging sogleich zur Wahrsagerin. Er traf sie am Herde, damit beschäftigt, verschiedene Kräuter ins Feuer zu werfen. Auf ihren Befehl mußte er im Winkel stehen bleiben, bis plötzlich sich ein heftiger Sturm erhob, daß das ganze Haus zitterte.