Kriegsgeschwister. Roman - Heinz-Dietmar Lütje - ebook

Kriegsgeschwister. Roman ebook

Heinz-Dietmar Lütje

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Opis

In den Wirren der Matrosenrevolution 1918 in Kiel kommen die Eltern von vierjährigen Zwillingsbrüdern bei einem Verkehrsunfall um. Während einer der Brüder bei deutschen Pflegeeltern aufwächst, verschlug es den anderen auf abenteuerlichen Wegen nach Amerika. Beide werden Seeoffiziere. Einer bei der Wehrmacht, der andere bei der US-Navy. Nach einem Vierteljahrhundert und vielen schicksalhaften Erlebnissen treffen sie, nachdem beide – inzwischen mehrfach ausgezeichnet – auch die Frau fürs Leben gefunden haben, schließlich im pazifischen Ozean nach einer Seeschlacht wieder aufeinander.

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Heinz-Dietmar Lütje

Kriegsgeschwister

Roman

Engelsdorfer Verlag

Leipzig

2012

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen

Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.dnb.de abrufbar.

Copyright (2012) Engelsdorfer Verlag Leipzig

Alle Rechte beim Autor

Coverillustration © Andreas Meyer – Fotolia.com

Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)

www.engelsdorfer-verlag.de

Inhalt

Vorwort
Mai 1940 – Nordatlantik
Ende Mai 1940 – USA, Hicksville NY
Deutschland – Frühjahr 1940
Pearl Harbor auf Hawaii
November 1918
August 1940
Herbst 1940
Deutschland
Und so nahm das Verhängnis seinen Lauf.
Juli 1941
Weißes Haus, Washington DC
Sommer

Der Autor Heinz-Dietmar Lütje wurde 1951 in Neumünster/Schleswig-Holstein geboren, ist seit 1979 verheiratet und über dreißig Jahre selbstständig tätig. Das Interesse für die Marine weckte in ihm sein Vater, der im 2. Weltkrieg u. a. auf dem schweren Kreuzer »Admiral Scheer« gefahren ist. Seine Interessen sind vorwiegend Seekriegsgeschichte, gute Bücher und die Jagd. Neben einigen anderen Werken ist bereits ein Seekriegsroman des Autors mit dem Titel »Hilfskreuzer Chamäleon« erschienen.

Vorwort

Bei dem nachstehenden Werk handelt es sich um einen Roman, dessen Handlung frei erfunden ist.

Mit Ausnahme der Personen der Zeitgeschichte, denen der Autor Worte in den Mund gelegt hat, die seiner freien Fantasie entsprungen sind, sind auch alle Namen der sonstigen handelnden Personen frei erfunden, sodass jede Ähnlichkeit mit tatsächlich lebenden oder auch bereits verstorbenen Personen rein zufällig wäre. Dieses gilt auch für Namen und Nummern der beschriebenen Schiffe und Institutionen in Zusammenhang mit den beschriebenen Handlungen und Orten.

Mai 1940 – Nordatlantik

Wie ein riesiger Fisch glitt ein dunkler Schatten aus der Tiefe des Meeres langsam aber stetig der Oberfläche entgegen. Die dunkle Färbung der tieferen Schichten des Nordatlantik wechselte langsam vom fast schwarzen Dunkel der Tiefe in das mehr grau, teilweise auch blaugrau schimmernde Oberflächenwasser.

Langsam traten die Konturen des riesigen Schattens klarer zutage. Jetzt mochte das Gebilde wie ein weit übergroßer Wal wirken, der zum Atmen an die Wasseroberfläche wollte.

Kurz unter der leicht bewegten See verharrte das monströse Gebilde und richtete sich aus der leicht senkrecht nach oben strebenden Haltung waagerecht aus.

Jetzt hätte ein aufmerksamer Betrachter erkennen können, dass es sich keineswegs um einen riesigen Wal, sondern um ein großes U-Boot handelte.

»Boot ist auf vierzehn Meter durchgependelt, Herr Kaleu[1]«, meldete der LI[2], Oberleutnant (Ing.) Otto Biegelsperg, seinem Kommandanten.

»Danke, LI«, ließ sich der Kommandant, Kapitänleutnant Carl-Heinz Jebens, vernehmen.

»Dann stecken wir mal den Spargel raus.«

Der Kommandant drehte die speckige Schirmmütze mit dem weißen Bezug nach hinten und mit einem leisen Surren fuhr der Elektromotor das Sehrohr aus. Ganz langsam durchstieß der sich nach oben verjüngende Mast des Periskopes die Wasseroberfläche. Nachdem das Objektiv zunächst immer wieder von den Wellen überspült wurde und der Kommandant mit leisem Knurren noch einige Zentimeter zugab, war das Periskop endlich frei. Nach einem schnellen Rundblick, der zunächst dem Himmel galt, verkündete der mittelblonde, trotz seiner Größe von ca. 1,8o Meter etwas untersetzt wirkende Kapitänleutnant, ohne hierbei allerdings die Augen vom Sehrohr zu nehmen, » Luft ist frei, dann schauen wir mal, was die See zu bieten hat?«

Die Spannung in der Zentrale des Bootes nahm zu und sowohl LI, als auch der I. WO[3] und die sich schon zum Aufentern bereithaltende Brückenwache nickten unwillkürlich gespannt.

Im Sattel des Sehrohrsitzes drehte sich der Kommandant langsam einmal um 36o Grad, um dann wieder etwas zurückzufahren und einige Augenblicke zu verharren. Die Spannung in der Zentrale stieg, aber niemand wagte es, den offenbar angestrengt beobachtenden Kommandanten durch eine Bemerkung abzulenken.

Schließlich klappte dieser die Haltegriffe hoch und schnurrend fuhr das Sehrohr ein.

»Puuh«, stieß Carl-Heinz Jebens die angehaltene Luft aus und wandte sich dem die Zentrale des Bootes bevölkernden Teil seiner Besatzung zu.

»In der Tat, Herrschaften, Meier II hat sich nicht geirrt. Eine große Einheit und offenbar zwei Bewacher, Schlachtschiff oder schwerer Kreuzer und wohl zwei Zerstörer, vermutlich auf leicht konvergierendem Kurs . Wir versuchen heranzukommen. Wenn die Kameraden von der anderen Feldpostnummer keinen allzu großen Zack einlegen und den Kurs in etwa beibehalten, könnten sie uns vor die Rohre laufen.«

Ein verschmitztes, erwartungsvolles Grinsen zeichnete sich auf den Zügen des 27-jährigen Kapitänleutnants ab und er befahl: »Auf vierzig Meter gehen, Kurs 190 Grad, Umdrehungen für fünf Meilen!«

Der LI gab die notwendigen Kommandos und gurgelnd strömte das Wasser in die Tauchtanks, als das Boot leicht vorlastig abkippte.

Der am GHG[4] sitzende Obermaat Meier II presste sein Ohr fester an die Hörmuschel des Unterwasserschallortungsgerätes, kurz GHG genannt, als er den Kommandanten auf sich zukommen sah.

Ganz langsam drehte er mit den Fingern der rechten Hand an der Einstellung und wandte sich um. »Na, Meier, was flüstern Ihnen die Fische?« Trotz des saloppen Tones konnte der Kommandant seine Anspannung nicht verbergen und auch Meier II, der Mann mit den anerkannt besten Ohren des Bootes, wenn nicht der ganzen Flottille, wirkte seltsam angespannt.

»Verband zackt gerade.«

Bevor Kapitänleutnant Jebens näher nachfragen konnte, fuhr der Obermaat fort, »wenn mich meine Ohren nicht täuschen, Herr Kaleu, direkt auf uns zu, fast Lage Null und der Geräuschkulisse nach jetzt ziemlich nahe bei«.

Jebens hätte beinahe gefragt: Wie weit?, als ihm gerade noch bewusst wurde, dass das GHG zwar die Richtung von Schraubengeräuschen genau angeben konnte, nicht aber die Entfernung.

Hier musste man sich auf den Horchgasten verlassen, der allenfalls aus der Intensität der Geräusche Angaben zur Entfernung machen konnte.

»LI, auf Sehrohrtiefe, rasch! Aber passen Sie auf, dass wir ja nicht durchbrechen und uns vielleicht den Zerstörern oder gar den Rohren des Dicken als verspätetes Frühstückshäppchen feilbieten.«

Der LI gab die nötigen Kommandos und die einströmende Pressluft drückte das Wasser aus den Tauchtanks und die Tiefenruder taten ein Übriges, um das Auftauchen des Bootes rasch, aber dennoch mit der nötigen Vorsicht, zu beschleunigen. Kurz vor Erreichen der Sehrohrtiefe pendelte der LI das Boot durch, d.h., er legte es auf geraden Kiel und langsam stieg das Boot noch ein kleines Stückchen, um dem ausfahrenden Sehrohr Gelegenheit zu geben, die Wasseroberfläche zu durchbrechen. Im ganzen Boot herrschte jetzt gebannte Aufmerksamkeit. Was würden die nächsten Augenblicke bringen? Von einem überragenden Erfolg, nämlich der Versenkung eines Großkampfschiffes, bis zur vollständigen eigenen Vernichtung, war alles im Programm, das sich gleich entfalten würde.

Längst hing der Kommandant am Sehrohr. Immer höher wurde das Periskop ausgefahren und schließlich durchbrach es die Meeresoberfläche.

Bereits beim Auftauchen war zu spüren, dass der Seegang etwas zugenommen hatte, was sich jetzt insoweit nachteilig bemerkbar machte, als immer wieder Wellen das Auge des ausgefahrenen Sehrohrs überspülten. Andererseits hatten die Wellen aber auch den Vorteil, dass in der bewegten Meeresoberfläche das ausgefahrene Periskop viel schwerer zu erkennen war, als beispielsweise bei ruhiger See.

Endlich war es soweit. Auch wenn es nur Sekunden dauerte, kamen diese dem Kommandanten wie Stunden vor, bis er endlich freien Blick hatte. Und was er sah, das verschlug ihm förmlich den Atem. Da, in weniger als einer Seemeile Entfernung, näherte sich von Steuerbord spitz auf das Boot zudrehend der erste Sicherung fahrende Zerstörer. Eine halbe Meile dahinter ein riesiges Monstrum aus Stahl mit zwei deutlich erkennbaren schweren Geschütztürmen auf der Back . Eindeutig ein Schlachtschiff, wenn auch ein älteres, das wohl schon im großen Krieg von 1914 bis 1918 manche Schlacht geschlagen haben mochte.

»Zwei Zerstörer, dahinter Schlachtschiff, in bester Schussposition«, entfuhr es dem Kommandanten. »Boot greift an!« Schnell kamen die nächsten Befehle. »Sehrohr ein, Rohr eins bis vier klar für Fächerschuss. Kurs Null Eins Null, Sehrohrtiefe beibehalten, melden wenn Rohre klar!«

Bereits wenige Augenblicke später kam die Bestätigung aus dem Bugtorpedoraum. »Rohre eins bis vier bewässert und klar zum Unterwasserschuss, Herr Kaleu!«

»Danke, Becker! LI, E-Maschinen kleine Fahrt, Tiefe genau halten, Sehrohr aus!«

Was der Kommandant sah, erfreute ihn auf das heftigste. Der vor dem Schlachtschiff an dessen Backbordseite eine halbe Meile voraus laufende Zerstörer hatte das Boot bereits passiert und das Großkampfschiff lag, durch das Wasser pflügend wie ein Plätteisen, in bester Schussposition. Schnell aufeinander folgend kamen die Befehle des Kommandanten, » Ruder zehn Grad Backbord, Gegnerfahrt zwanzig, Fächerschuss aus Rohr eins bis vier, Tiefeneinstellung: sechs!« Fast unmittelbar erfolgte die Klarmeldung und wie auf dem Präsentierteller bot sich das Schlachtschiff dem U-Boot als Opfer dar.

»Rohr eins bis vier: Achtung! Rohr eins … looos …, Rohr zwo … looos …, Rohr drei … looos, Rohr vier … looos!« kamen die Kommandos. Nach jedem Befehl schlug der Torpedomaat zusätzlich zur elektrischen Auslösung der Torpedos auch noch zur Sicherheit auf die Handabfeuertaste und jedes Mal, wenn ein Torpedo das Rohr verließ, musste der LI etwas nachfluten, um das Boot auf ebenem Kiel zu halten.

»Torpedos laufen«, meldete der Horchraum. Carl-Heinz Jebens atmete tief durch. Sollte es ihm wirklich gelingen, hier ein Schlachtschiff zu versenken und damit mit dem Löwen von Scapa Flow, Kapitänleutnant Günther Prien, gleichzuziehen? Unwillkürlich fasste er sich an den Hals. Würde hier in Kürze auch das Ritterkreuz seinen Kragen schmücken? Nervös sah er auf die Uhr. Nach seiner Berechnung noch maximal zwanzig Sekunden, bis die Torpedos das Ziel erreicht haben müssten. Er war unschlüssig, sollte er bereits jetzt auf große Tiefe gehen oder aber auf Sehrohrtiefe bleiben, um den Erfolg seiner Schüsse selbst beobachten zu können? Eigentlich ein zu großes Risiko, schalt er sich, konnte sich aber trotzdem nicht dazu durchringen, den Befehl zu geben, auf große Tiefe zu gehen und vom Ort des Geschehens abzudrehen, obwohl er genau wusste, dass dieses eigentlich das lehrbuchmäßige und auch richtige Verhalten gewesen wäre. Denn würde das Schlachtschiff, wie von ihm gehofft, in die Luft fliegen, würden die Zerstörer wie wilde Hunde, denen man ihre Beute abgejagt hätte, reagieren und alles tun, um das Boot aufzuspüren und schließlich mit Wasserbomben zu vernichten.

»Frage Laufzeit?«, kam es etwas heiser von seinen Lippen. »Noch achtzehn Sekunden«, lautete die prompte Rückmeldung.

Die Spannung im Boot stieg ins Unermessliche, die Sekunden verrannen. »Laufzeit ist um!«, tönte es aus dem Lautsprecher. Das Gesicht des Kommandanten verzerrte sich zu einer Grimasse. »So eine Scheiße!«, entfuhr es ihm. Wütend hieb er mit der Rechten auf den Sehrohrblock ein, was allerdings diesem besser als seiner Faust bekam, wie er mit einem weiteren Fluch feststellen musste. I WO, LI und auch der jetzt dazugekommene II WO[5], der Zentralemaat und schließlich auch der Obersteuermann[6], die sich ebenfalls in der Zentrale eingefunden hatten, blickten von ungläubig über erstaunt bis wütend um sich und schließlich fragend ihren Kommandanten an, was dessen Stimmungstief alles andere als hob.

»Was guckt ihr mich an?«, musterte er jeden einzelnen, die daraufhin, bis auf den LI und den I WO, die Blicke senkten bzw. abwandten.

»Ich kann mir das nicht erklären. Ich kann auch einfach nicht glauben, dass ich vorbeigeschossen habe. Jeder Anfänger hätte getroffen. Das war einfacher als an der Schießbude auf’’m Rummel«, kotzte sich der Kommandant aus.

Er riss sich die Kommandantenmütze vom Kopf und schmiss sie wutentbrannt auf die Flurplatten und griff zum Mikrofon der Bordsprechanlage: »Frage Horchraum, haben Sie etwas gehört?« Er unterbrach sich, »Ach Meier II, kommen Sie doch bitte in die Zentrale!«

Keine Minute später meldete sich Obermaat Meier II zur Stelle.

Kapitänleutnant Jebens riss sich zusammen, konnte aber dennoch nicht verhindern, dass der Grimm in seiner Stimme immer noch ziemlich stark durchklang, als er den ebenfalls betreten in die Gegend blickenden Funkobermaaten Meier II fragte.

»Haben Sie etwas gehört, Meier, sind die Torpedos vom Kurs abgewichen? War irgendetwas Ungewöhnliches?« Meier II, ein alter Zwölf-Ender[7], nahm Haltung an und blickte seinem Kommandanten offen in die Augen, als er antwortete.

»Nein, Herr Kaleu, die Torpedos sind absolut einwandfrei gelaufen, das konnte ich im Horchgerät genau verfolgen. Ich meine sogar, alle Torpedos am Ziel auch aufschlagen gehört zu haben, zumindest …«, er brach ab, als er sah, wie sein Kommandant, der eigentlich an Bord allseits beliebt war, ihn verblüfft unterbrechen wollte, dann aber abwinkte und ihm bedeutete, fortzufahren.

»Ja, was soll ich sagen, Herr Kaleu, also drei Aufschläge am Ziel habe ich mit Sicherheit gehört. Den vierten meine ich auch gehört zu haben, kann das aber mit absoluter Sicherheit nicht behaupten, da das nicht ganz deutlich rüberkam.«

Der Kommandant schüttelte entnervt den Kopf und fuhr sich mit der Rechten durch die jetzt schweißnassen Haare, rieb sich anschließend den zu sprießen beginnenden Vollbart, um alsdann resignierend noch einmal einen Blick durch das Sehrohr zu werfen und in der Ferne sein Ziel und die beiden Zerstörer ablaufen zu sehen.

Der Kommandant ließ auftauchen und meldete in einem verschlüsselten FT[8] dem BdU unter Angabe der genauen Standortbestimmung und des Planquadrates[9]: »Älteres Schlachtschiff, vermutlich »HMS Warspite«, in Begleitung von zwei Zerstörern im Planquadrat BK3614 mit Westkurs gesichtet. Viererfächer losgemacht auf ca. zwölfhundert Meter. Mindestens drei Treffer laut GHG erzielt, aber sämtliche Torpedos Versager.«

Dazu wurden wie üblich Treiböl- und Torpedobestand angegeben. Der Kommandant setzte seine Patrouillenfahrt in der Hoffnung fort einen Konvoi, der die Britischen Inseln ansteuern wollte, abfangen zu können.

Während die Brückenwache unablässig ihre jeweiligen Sektoren durch die schweren Marinegläser nach Zielen absuchte und auch den Luftraum nicht vernachlässigte, hatte der Kommandant die wachfreien Offiziere in seinem Kabuff zusammengerufen. Der Kommandantenraum, kurz Kabuff genannt, war mehr oder weniger nur eine Nische mit Koje, Safe und kleinem Schreibtisch sowie einem Stuhl und einem kleinen Spind, die lediglich durch einen Vorhang abgeteilt war. Da die derzeitige Brückenwache vom als dritten Wachoffizier fungierenden Obersteuermann befehligt wurde, quetschten sich der Erste und Zweite Wachoffizier sowie der leitende Ingenieur beengt auf die Koje des Kommandanten, während dieser selbst auf seinem Schreibtischstuhl Platz genommen hatte. Man erörterte die Lage. Insbesondere der LI, Oberleutnant (Ing.) Otto Biegelsperg war, nachdem er mit dem Torpedomechanikersmaat Knutzen persönlich beim Nachladen der Rohre die Torpedos geprüft hatte, davon überzeugt, dass hier Sabotage als Grund für das Versagen der Torpedos vordergründig anzunehmen sei.

»Ich wiederhole nochmals, Herr Kaleu, meine Herren, die Torpedos sind einwandfrei gelaufen. An der Tiefeneinstellung kann es auch meines Erachtens in keinster Weise gelegen haben und auf die Entfernung trifft ja wohl ein Blinder mit Krückstock«, er unterbrach sich und blickte den mit verkniffenem Gesicht auf seinem Schreibtischstuhl hockenden Kaleu an.

»Verzeihung, Herr Kaleu, aber das ist die Lage. Ich bin mir sicher, es liegt an der Zündpistole, also kurz gesagt am Aufschlagzünder.«

Zustimmungsheischend sah sich die technische Kapazität des Bootes um und alle, auch der Kommandant, nickten erwartungsgemäß zustimmend.

»Jawohl«, ergriff der I WO das Wort und versuchte sich zu strecken, was in der beengten Lage nur mit Mühe möglich war.

»Ich habe auf dem Stützpunkt kurz vor dem Auslaufen noch gehört, dass auch U 47 schon im März vor Norwegen auf zwei Kreuzer und zwei Transporter einen Viererfächer in den Sand gesetzt hat und kurz darauf nochmals, eben auf die »HMS Warspite«, zwei Torpedos losgemacht hat. Sämtlich ohne auch nur eine einzige Explosion beobachten zu können. Auch U 48 soll in der zweiten Aprilwoche vor Norwegen auf zwei verschiedene Kreuzer geschossen haben, ohne dass Treffer erkannt werden konnten, beim zweiten Mal sollen alle Torpedos weit vor dem Ziel hochgegangen sein.«

»Ja, genau, I WO«, bestätigte der Kommandant. »Auch ich habe kurz vor unserem Auslaufen davon gehört. Auch soll U 48 ebenso wie U 47 auf die »Warspite« Torpedos losgemacht haben, absolut erfolglos. Dönitz wird mit Sicherheit auch entsprechende Untersuchungen eingeleitet haben. Nur, was sollen wir hier ausrichten, wenn die Scheißtorpedos nicht zünden? Elende Kacke!« Der Kommandant konnte nicht wissen, dass er in der Tat ebenfalls die »HMS Warspite« vor sich gehabt hatte. Ein Veteran des Ersten Weltkriegs mit über dreißigtausend Tons Wasserverdrängung und fast zweihundert Metern Länge und einer Hauptarmierung von immerhin acht x 38cm-Geschützen in vier Zwillingstürmen, allerdings einer Höchstgeschwindigkeit von lediglich 24 Knoten.

Zwei Stunden nach Abgabe des FT kam der Rückruf des Bootes durch den späteren BdU, damals noch Führer der U-Boote genannt, und U 808, eines der ersten fertig gestellten Boote des Typs IX trat die Heimreise an, die um die Britischen Inseln herum durch die Nordsee und schließlich durch Skagerrak und Kattegat in die Ostsee und in den damaligen Heimathafen Kiel führen sollte.

Ende Mai 1940 – USA, Hicksville NY

Während der Krieg in Europa mittlerweile voll entbrannt war, wähnten sich die Vereinigten Staaten von Amerika nach wie vor in der trügerischen Hoffnung, sich aus diesem Konflikt heraushalten zu können. Na ja, ganz wollte man sich nicht heraushalten, sondern war durchaus gewillt insbesondere England im Kampf gegen Nazi-Deutschland beizustehen. Direkt mochte man sich allerdings in diesem Konflikt noch nicht offen auf die Seite Englands schlagen. US-Präsident Roosevelt persönlich wäre wohl nicht abgeneigt gewesen, offen gegen Deutschland und Italien Partei zu ergreifen, aber die amerikanische Bevölkerung stand dem zu diesem Zeitpunkt noch überwiegend ablehnend gegenüber. Zudem zeichnete sich immer deutlicher ab, dass aus dem vornehmlich von den USA gegen Japan geführten Wirtschaftskrieg ein offener Krieg entstehen könnte.

In der Tat haben div. U-Boote gerade anlässlich des Zusammentreffens mit britischen Seestreitkräften bei der Besetzung Dänemarks und Norwegens Torpedoversager gemeldet, die hauptsächlich am Zündmechanismus lagen. Etwa 2/3 der Torpedos mit Magnetzündung und 1/3 der mit Aufschlagzünder versehenen Torpedos hatten versagt, was letztlich dazu führte, dass um den 17. April 1940 herum Dönitz seine U-Boote aus den Gewässern Norwegens abzog. Es sollte einige Zeit dauern, bis das Torpedoproblem gelöst war.

Das aufstrebende Japan, das sich als stolzes und kämpferisches Volk in der Tradition der Samurai verstand, benötigte dringend Rohstoffe für den weiteren Ausbau der Industrie und damit der japanischen Wirtschaft und nicht zuletzt auch seiner Streitkräfte. Insbesondere war Japan bemüht soviel Öl einzuführen und auch zu horten, wie es sich auf den Weltmärkten überhaupt beschaffen konnte. Amerika versuchte indes insbesondere dieses zu verhindern, um der eigenen Wirtschaft den in Fernost heranwachsenden Konkurrenten so gut es ging vom Hals zu halten.

Während also in Europa bereits der Krieg wütete, ging in dem verträumten Städtchen Hicksville, gut fünfzig Meilen südlich der Großstadt New York im gleichnamigen Staat gelegen, alles seinen ruhigen bedächtigen Gang. Am südlichen Stadtrand gelegen befand sich das Anwesen der Familie Shultz, deutsche Einwanderer, die bereits Ende 1918, lange vor der nach dem Ersten Weltkrieg einsetzenden Auswanderungswelle, aus Deutschland eingetroffen waren und sich hier eine neue Existenz aufgebaut und sich bestens integriert hatten. Henry W. Shultz, der ursprünglich auf den Namen Heinrich-Wilhelm Schultz hörte, war gelernter Büchsenmacher und hatte 1914 gerade seine Meisterprüfung mit Auszeichnung bestanden, als der Erste Weltkrieg begann und er als einer der Ersten eingezogen wurde. Im November 1918 weilte er nach einer Verwundung gerade im heimischen Schleswig-Holstein, als sein Elternhaus, in dem sich auch das väterliche Geschäft befand, abbrannte und hierbei sein Vater umkam. Auch er selbst und seine Ehefrau Erika hatten nach der Kriegsheirat 1916 eine kleine gemütliche Wohnung im Obergeschoss des Hauses bezogen. Es hatte auch keinen Grund gegeben, hieran etwas zu ändern, nachdem die Ehe trotz aller Bemühungen der beiden in den wenigen Möglichkeiten des Zusammenseins kinderlos geblieben war. Wie er später erfahren musste, würde sich hieran auch kaum etwas ändern, da seine Frau Erika ihm unter Tränen beim letzten kurzen Heimaturlaub vor seiner Verwundung gestand, dass eine ärztliche Untersuchung ergeben hätte, dass sie leider keine Kinder bekommen könne. Ihn hatte das seltsamerweise weniger berührt, seinen Vater dafür umso mehr, der immer wieder zur Sprache brachte, dass er so ja wohl nie mehr Opa werden würde. Am meisten aber litt seine junge Frau unter dieser Tatsache, was ihm nur zu bewusst war.

So war also die Situation, als der damals Dreißigjährige mit seiner jungen Frau mehr oder weniger mittellos auf der Straße stand. Das Geld reichte gerade noch, um das Zimmer im Hotel »Krone« und die nächsten Mahlzeiten zu zahlen und im Übrigen erwartete der Mann in den nächsten Tagen wieder kv[10] geschrieben und dann erneut an die Front geworfen zu werden.

»Weißt du«, hatte seine Frau in dieser Situation zu ihm gesagt, »jetzt haben wir doch alles verloren und nichts, wirklich nichts mehr. Hast du dich einmal gefragt, was jetzt werden soll? Dich schicken sie wieder an die Front, obwohl der Krieg doch wohl verloren ist und du wirst noch totgeschossen, für nichts und wieder nichts!«

Schon als sie ansetzte zu sprechen, schimmerten Tränen in ihren hellblauen Augen, die ihn immer so fasziniert hatten. Jetzt allerdings schluchzte sie hemmungslos und ließ ihren Tränen freien Lauf und barg ihren Kopf an seinem – geliehenen – dunklen Mantel, den er zur Beerdigung getragen hatte. In diesem Augenblick beschlossen sie, fortzugehen, und zwar zunächst einmal nach Dänemark, wo Erikas Eltern, ihr Vater war Däne, seit Jahren lebten.

Schwer kämpfte der Mann mit sich, er war doch kein Feigling, kein Fahnenflüchtiger.

Doch als am nächsten Tag Schüsse durch die Straßen von Kiel hallten und der Matrosenaufstand ausbrach, da endlich stimmte er zu. Und schließlich war alles viel, viel einfacher gegangen, als er es sich je hätte vorstellen können. Nach einigen Problemen, zum Bahnhof durchzukommen und einem besonderen Ereignis, kamen sie schließlich – jetzt zu dritt – bis nach Flensburg. Dort kümmerte sich erstaunlicherweise niemand um sie.

Das wenige in der Stadt stationierte Militär und auch die Polizei war zum Hafen beordert, um das Übergreifen der Revolte von Kiel auf die Hafenstadt Flensburg zu verhindern und ziemlich problemlos gelangte das Ehepaar Schultz, jetzt mit einem kleinen, tief schlummernden Jungen auf dem Arm des Mannes, über die grüne Grenze nach Dänemark.

Über behinderndes Gepäck oder Habe verfügten sie ja nicht mehr. Von da an war es ein Leichtes, Kontakt mit den Eltern der Frau aufzunehmen und schon wenige Wochen später kamen sie über Schweden schließlich als Auswanderer im gelobten Land an, was sie bisher nie zu bereuen hatten.

Und heute, an einem denkwürdigen Tag im Mai 1940, stand ein bedeutendes Ereignis im Hause Shultz an. Kirk G. Shultz feierte im Hause seiner Eltern die Beförderung zum Lieutenant[11] der United States Navy.

Der alte Heinrich-Wilhelm Schultz war zunächst alles andere als begeistert gewesen, als sein Sohn ihn nach dem Collegeabschluss mit der Neuigkeit beglückte, als Offiziersanwärter in die US-Navy eintreten zu wollen. Aber was sollte er machen? Schließlich erinnerte er sich, dass ihn selbst auch Schiffe und die Seefahrt von klein auf an in ihren Bann gezogen hatten. Gerne hätte auch er seine Wehrpflicht bei der Marine abgeleistet, die unter Kaiser Wilhelm II so beeindruckend ausgebaut worden war. Schnelle und wendige Kreuzer, stark gepanzerte Linienschiffe mit weit tragenden modernen Krupp-Geschützen und ebenso stark armierte, aber wesentlich schnellere, Schlachtkreuzer hatten auch sein Herz als Jungen von der Küste höher schlagen lassen. Aber bei der Marine hätte er sich auf Jahre verpflichten müssen und das kam im Hinblick auf das väterliche Geschäft eben nicht in Betracht. Also ging es seinerzeit ab zur Infanterie. Was hatte er diese Entscheidung nach Ausbruch des Krieges verflucht, als er in den Schützengräben des endlosen Stellungskrieges in Frankreich ausharren musste – im Sommer dreckig, verschwitzt und durstig; im Winter frierend und Kohldampf schiebend, wie die Soldaten das ständige Hungergefühl umschrieben. Dazu stets in der Gefahr von einer französischen oder englischen Kugel getroffen, von Granaten zerfetzt oder gar von tödlichen Gasschwaden erstickt zu werden. Jederzeit hätte er da gerne mit einem weiß gekleideten Mariner an Bord eines der stählernen Kämpen, wie man Linienschiffe und Schlachtkreuzer auch zu bezeichnen pflegte, getauscht. Oder auch mit jedem Seemann auf einem der schnellen Torpedoboote, die wie die Windhunde der See, die Linie der eigenen Flotte durchbrachen um schneidige Torpedoangriffe auf die Schiffe des Gegners auszuführen. Das es dann im November 1918 gerade die Matrosen auf den Großkampfschiffen waren, die seit der Skagerrakschlacht 1916 eigentlich keinen Pulverdampf mehr zu riechen brauchten und wohl verpflegt mit ihren Schiffen im Hafen lagen, zu Revolutionären wurden, konnte er nie nachvollziehen. Schnell schob der alte Shultz diese Gedanken beiseite und mit väterlichem Stolz glitten seine Augen über den Sohn, der im Kreise der Familie und einiger Kameraden in seiner schneeweißen Uniform den zweiten Streifen erhalten hatte. Oberleutnant war der Junge jetzt und würde es wohl noch weit bringen, hoffte der Vater und wünschte sich sehnlichst, dass sein neues Heimatland, die USA, sich aus diesem sich ausbreitenden Krieg in Europa heraushalten möge. Nun ja, er tastete nach der Hand seiner neben ihm stehenden Frau, hob sein Glas und prostete seinen Gästen, vor allem aber seinem Sohn, voller Stolz zu. Stunden später, als die letzten Gäste lange gegangen waren und der glückliche, jetzt aber auch erschöpfte Shultz Junior in tiefem Schlaf lag, tastete Henry W. Shultz noch einmal nach der Hand seiner Frau und murmelte leise: »Weißt du, Erika, manchmal habe ich das Gefühl, der liebe Gott hat uns mit diesem Jungen für alles, was wir durchmachen mussten, mehr als reich entschädigt.«

»Ja, er ist auch mein … unser … ganzes Glück. Aber, Henry, seitdem er erwachsen ist und gerade auch wenn ich ihn in Uniform sehe, nagt die Angst in mir. Soll sich etwa alles wiederholen? Der letzte Krieg ist doch gerade einmal zwanzig Jahre her und ich …«, ihre Stimme versiegte und es vermochte sie auch wenig zu trösten, dass ihr Mann fest ihre Hand drückte. Die Tränen, mit denen sich ihre Augen füllten, verbarg das Dunkel.

Einige Tage später sollte die eintreffende Kommandierung für ein neues Bordkommando die mütterlichen Sorgen zunächst einmal zerstreuen. Es ging zwar weit weg, nämlich nach Hawaii, aber das war der armen Frau doch um einiges lieber, als wenn ihr Sohn zur Atlantikflotte kommandiert worden wäre. Gut, Hawaii war weit, sehr weit weg, dafür wähnte sie ihren Einzigen aber in Sicherheit. Auch der frischgebackene Lieutenant Shultz strahlte. Sollte er doch als Wachoffiziersschüler auf einem brandneuen Zerstörer der Somers-Klasse, der »USS Somerset«, Dienst tun. Seine Augen glänzten. Hawaii, Pearl Harbor, Honolulu.

Er glaubte zu träumen und sah sich schon von schönen Hawaiianerinnen mit Blumenkränzen geschmückt zu werden. Dazu ein brandneues Schiff. Oh, wie konnte das Leben schön sein. Vom Vater mit guten Ratschlägen und hinreichend Bargeld versehen, von der Mutter mit reichlich Vorsichtsmaßregeln bedacht, führte ihn sein Weg dann zunächst von Hicksville in die Metropole New York, von dort zur Marinebasis Norfolk, wo der Zerstörer »USS Somerset« nach Erprobungsfahrten jetzt für die weite Reise nach Hawaii ausge-rüstet, bei seinem Eintreffen an der Pier lag.

Nun ja, verglichen mit Schlachtschiffen und Flugzeugträgern wirkte so ein Zerstörer auf den ersten Blick für viele angehende Mariner vielleicht nicht sonderlich beeindruckend. Kirk G. Shultz allerdings war begeistert. Die moderne Linienführung, die fünf durchaus beachtlichen

12,7cm-Geschütze, acht Torpedorohre und dazu einiges an leichten Flakgeschützen .

Eine kampfkräftige Einheit, der man förmlich ansah, dass sie wie ein Pfeil durch die See jagen würde, wenn die neue Turbinenanlage alle PS, die sie erzeugen könnte, auch freigeben würde. Kurz darauf hatte er sich an Bord gemeldet, seine kleine Kammer bezogen und sich häuslich eingerichtet und wenige Tage darauf befand sich der Zerstörer »USS Somerset« bereits auf hoher See mit Kurs Hawaii.

Jetzt allerdings hieß es üben, üben und nochmals üben. Ein Übungsalarm jagte den nächsten.

Von Mann über Bord bis Feuer im Schiff, Fliegeralarm, U-Boot-Jagd, Ausfälle von Maschinen und Waffen durch simulierte Treffer. Alles wurde geübt. Kaum lag der erschöpfte Lieutenant Kirk G. Shultz nach einem hektischen Tag auf See in seiner schmalen Koje, schrillten wieder die Alarmglocken durchs Schiff und riefen ihn auf Station.

Als das Schiff dann endlich in Pearl Harbor einlief, waren Kirk G. Shultz die ersten Seebeine gewachsen und begann er zu ahnen, was es heißt, im Ernstfall auf einem Zerstörer Dienst zu tun.

Deutschland – Frühjahr 1940

Nach Rückkehr in den Heimathafen durfte ein Teil der Besatzung von U-Jebens, offiziell U 808, einem Typ IX Boot, einen Kurzurlaub antreten. Die anderen Besatzungsmitglieder wurden wie üblich auf Lehrgänge oder auf andere Boote abkommandiert und der Kommandant zum Vortrag beim BdU befohlen.

Gemeinsam mit vier anderen Kommandanten saß er dem BdU und einigen seiner Admiralstabsoffiziere gegenüber.

»Na, Jebens«, wandte sich Admiral Dönitz an ihn, »wie viele Ihrer Kameraden hatten Sie also auch erheblichen Ärger mit den Torpedos. Dann erzählen Sie mal!«

Irgendwie fühlte sich Carl-Heinz Jebens, obwohl er dem BdU bereits zweimal im persönlichen Gespräch begegnet war, in dessen Anwesenheit immer noch etwas gehemmt. So, wie als Schuljunge, wenn der Lehrer vor einem steht, ging es ihm durch den Kopf.

Er räusperte sich und nahm unwillkürlich im Sitzen so etwas wie Haltung an.

»Jawohl, Herr Admiral, das kann man wohl sagen. Wann kommt einem schon mal so ein Edelwild wie ein Schlachtschiff denkbar günstig vor die Rohre. Ein geradezu schulmäßiger Angriff – und dann versagen die Aale.«

Der Kapitänleutnant konnte gerade noch vermeiden, »Scheißaale« wie er in Gedanken schon formuliert hatte, auszusprechen. Während er unverwandt die Augen auf den hohen Vorgesetzten gerichtet hielt, bemerkte er dennoch das zustimmende Nicken und zum Teil auch leise Raunen seiner Kommandanten-Kameraden, die um ihn herum saßen.

Der BdU hatte kurz nachgedacht und antwortete dann mit deutlichem Grimm in der Stimme: »Ja, Jebens, es wird Ihnen kein Trost sein, aber Sie sind mit dem Problem wahrlich nicht allein geschlagen. Auch drei Ihrer Kameraden hier im Raum und auch unser Freund Prien haben den versagenden Torpedos, insbesondere auch gerade gegen Schlachtschiffe und Kreuzer der Engländer, das Scheitern sonst sicherer Versenkungserfolge zu verdanken.«

Jetzt wandte er sich mit einem Rundblick an alle Anwesenden und fuhr fort: »Aber seien Sie versichert, wie Sie hier sitzen, meine Herren, diese Sauerei wird aufgeklärt und, das versichere ich Ihnen, da werden Köpfe rollen!«

Er schaute in die Runde und winkte ab, als der neben Jebens sitzende Korvettenkapitän Bergemüller sich erheben wollte.

»Bleiben Sie sitzen, Bergemüller, und schießen Sie los!«

Der Angesprochene ließ sich etwas in den gepolsterten Lederstuhl zurücksacken, ohne es allerdings bei seiner Antwort an der vom BdU geschätzten straffen Haltung fehlen zu lassen und räusperte sich nochmals kurz: »Ich darf also ganz offen sprechen, Herr Admiral?«

Nachdem dieser genickt hatte, sprudelte es nur so aus dem Kommandanten, der bereits seine fünfte Feindfahrt hinter sich gebracht hatte, heraus.

»Das Köpferollen, Herr Admiral, mag, wenn es sich um Sabotage handelt, was wir eigentlich alle annehmen, recht und billig sein, wenn man denn die wirklich Schuldigen auch erwischt. Uns aber, die wir alle hier sitzen und unseren Besatzungen, hilft das wenig. Wir bemühen uns unter allerhöchstem Einsatz Erfolge zu erzielen, gerade jetzt vor Norwegen gegen die übermächtige Home Fleet, bringen Besatzung und Boot hierbei zwangsläufig in größte Gefahr weil der erzielbare Erfolg jedes Risiko lohnt; und dann das! So, Herr Admiral, hat es keinen Sinn auf Feindfahrt zu gehen, wenn wir uns auf unsere Waffen nicht verlassen können.«

Admiral Dönitz, der seine Kommandanten bestens kannte, hob beschwichtigend die Hand.

»Na, Bergemüller, war’s das?«

»Jawohl, Herr Admiral«, nickte der Kommandant zustimmend.

In das sonst so kühle Antlitz des Admirals stahl sich ein winziges Lächeln.

»Na, da bin ich ja froh, dass Sie sich nicht so ausgekotzt haben wie manche Ihrer Kameraden. Günter Prien zum Beispiel hat die Formulierung gebraucht: »Mit Gewehren aus Holz können wir vielleicht in der Sandkiste Indianer spielen, aber ganz bestimmt keinen Krieg gegen die Engländer führen und auf See schon einmal gar nicht.«

Es klopfte an der Tür und ein offenbar vor kurzem verwundeter und noch in der Rekonvaleszenz befindlicher Matrosengefreiter und eine Stabshelferin trugen ein Tablett mit Schnittchen und einer großen Kaffeekanne sowie das dazugehörige Geschirr in den Raum. Während der kleine Tisch in der Sitzecke des ansonsten für einen Befehlshaber sehr spartanisch ausgestatteten Büros gedeckt wurde, verstummten die Gespräche und nachdem die Kommandanten ihrem Befehlshaber mit den gefüllten Cognacgläsern, die der BdU ausnahmsweise zum Kaffee servieren ließ, zugeprostet hatten, wurde die Diskussion wieder aufgenommen.

Anschließend erklärte der Admiral: »So meine Herren, Ihre Boote werden wieder ausgerüstet und am Einfachsten erscheint es, wenn wir zunächst ausschließlich Torpedos mit Aufschlagzünder verwenden. Insoweit sind die Zündsysteme relativ leicht zu prüfen und ich werde alles in meiner Macht stehende veranlassen, dass die Torpedos, mit denen Ihre Boote jetzt ausgerüstet werden, auch wie erwartet funktionieren.«

Nach Beendigung der Besprechung beim Admiral strebten alle Kommandanten, nachdem sie sich auch voneinander verabschiedet hatten, zu ihren Booten oder aber zu einem Kurzurlaub nach Hause. Nur Carl-Heinz Jebens wusste nicht so recht, wo er hin sollte. Eine Familie in dem Sinne hatte er nicht, oder nicht mehr. Er war im November 1918, als das Kaiserreich revolutionserschüttert in den letzten Zügen lag, in Hannover aus dem Zug geholt und in ein ohnehin überfülltes Krankenhaus gebracht worden, da der Junge auf Fragen nicht antwortete und eine Kopfverletzung, die sich nachher glücklicherweise als relativ harmlos herausstellte, aufwies. Er konnte nur noch sagen, dass er Carl-Heinz heiße. Also landete er in verschiedenen Heimen. Jahre später erst gelang es mehr oder weniger durch Zufall die Identität des Jungen zu klären. Carl-Heinz war schließlich in einer Pflegefamilie, einem netten Fabrikantenehepaar in Hannover, untergekommen und hatte sich zu einem sehr guten Schüler entwickelt. Kurz vor der Adoption stehend geschah es, dass er mit seinen Pflegeeltern Lothar und Helene Blume in dem gerade neu angeschafften Wagen unterwegs war. Die Fahrt sollte an den Maschsee zum Baden gehen, als vor ihnen auf der Gegenfahrbahn ein Kohlenlaster in einer harten Linkskurve infolge zu schneller Fahrt auf dem Kopfsteinpflaster ins Schleudern geriet, umstürzte und eine auf dem Gehsteig befindliche Gruppe Fußgänger zum Teil unter sich begrub. Dieser Schock löste die Blockade bei Carl-Heinz Jebens und er konnte sich wieder erinnern. An das schreckliche Geschehen 1918, also vor knapp 10 Jahren. Dann dauerte es nicht mehr lange, bis seine Identität geklärt war. Aber viel half es ihm nicht. Die Eltern waren bei einem Unfall umgekommen und die Großeltern zwischenzeitlich verstorben, der Zwillingsbruder verschollen und die Schwester zu entfernten Verwandten nach Süddeutschland gekommen.

Aus der Adoption wurde jetzt nichts mehr, da der Junge seine gerade wieder gefundene Identität nicht so ohne weiteres aufgeben wollte. Irgendetwas, was er nicht näher beschreiben konnte, sträubte sich in ihm dagegen. Die adoptionswilligen Eheleute Blume zeigten hierfür Verständnis, sodass sich für den Jungen erst einmal wenig änderte, bis eben auf die Tatsache, dass er seine Identität wieder gefunden hatte.

Erst Jahre später sollte sich dieses abrupt ändern.

Der am 03. März 1914 geborene Carl-Heinz Jebens hatte sich bereits Ende 1932 als Offiziersanwärter bei der damaligen Reichsmarine beworben. Als er im April 1933 das druckfrische, sehr gute Abiturzeugnis nachreichte und zum Eignungstest nach Kiel bestellt wurde, ging zunächst alles seinen Gang. Die ärztliche Untersuchung ergab keinerlei Beanstandungen, auch die geforderten sportlichen Prüfungen absolvierte der junge Mann ebenso bravourös, wie auch den schriftlichen Eignungstest. Probleme ergaben sich erst im abschließenden Sondierungsgespräch, das der Einstellungsoffizier, ein über 50 Jahre alter Korvettenkapitän, mit ihm führte. Nachdem der ergraute Offizier die vorgenommenen Beurteilungen nochmals überflogen hatte, schaute er den ihn seinerseits erwartungsvoll ansehenden Carl-Heinz Jebens mit einem nachdenklichen Blick an.

Er wies auf den vor seinem akkurat aufgeräumten Schreibtisch stehenden schlichten Holzstuhl und forderte den Bewerber mit einer knappen Handbewegung auf, Platz zu nehmen. Carl-Heinz Jebens, der eigentlich sicher war alle Aufnahmerituale bestens gemeistert zu haben, erkannte plötzlich, dass seinem Berufswunsch offenbar doch noch einige Steinchen im Wege liegen mochten. Der erfahrene Einstellungsoffizier merkte dieses sehr wohl, räusperte sich und kam zur Sache.

»Alles was ich hier so vor mir sehe, liest sich gut. Sehr ordentliches Abitur, hervorragender Sportler, kerngesund. Alles beste Voraussetzungen. Dazu kommt, dass Ihr verstorbener Herr Vater bereits im Weltkrieg verdienter Marineoffizier war. Eigentlich …«, er unterbrach sich und nahm, um offensichtlich Zeit zu gewinnen, die schmale Brille ab, putzte sorgfältig die Gläser und setzte diese umständlich wieder auf. Nach einem erneuten Räuspern kam er endlich zur Sache: »Ja, wie Sie wissen haben wir seit kurzem eine neue Regierung und diese strahlt jetzt auch auf die Reichswehr und damit selbstverständlich auch auf die Reichsmarine aus.« Der Offizier nahm erneut die Brille ab und warf einen langen, prüfenden Blick auf den vor ihm sitzenden jungen Mann. Diesem war nun deutlich anzusehen, wie verunsichert er war und sich nicht vorstellen konnte, welches Problem sich hier ergeben sollte? Er wollte gerade aufspringen und höflich nachfragen, als der Offizier ein einzelnes Blatt aus der vor ihm liegenden Akte nahm, nochmals einen kurzen Blick hierauf warf, unmerklich den Kopf schüttelte und sich dann Jebens wieder zuwandte.

»Sie wohnen in Hannover?« Jebens nickte und beeilte sich auf den aufmunternden Blick hin ein strammes: »Jawohl, Herr Kaptän«, hinzuzufügen.

»Bei dem Ehepaar Blume, einem jüdischen Fabrikanten und seiner Frau, wie ich hier lese«, vernahm er die nun folgenden Worte und nickte etwas beklommen.

»Sehen Sie, mein Junge«, tropften jetzt etwas schwerfällig die Worte vom Mund des Stabsoffiziers, »und da liegt der Hund begraben. Seit kurzem zumindest. Wenn Sie also Marineoffizier werden wollen, so empfehle ich Ihnen dringend, Ihren jetzigen Wohnsitz zu verlassen und die Verbindung zu den Eheleuten Blume zu beenden.«

Als der junge Mann ihn daraufhin mit einer Mischung aus Verständnislosigkeit und aufkeimendem Zorn ansah, hob der Ältere beschwichtigend die rechte Hand und fügte in verständnisvollem Ton hinzu: »Nach außen hin zumindest, Junge. Ich hoffe, Sie haben mich verstanden. Also teilen Sie mir innerhalb der nächsten Woche Ihre neue Anschrift mit, dann werden Sie sicherlich mit Ihrer Bewerbung Berücksichtigung finden.«

Lange hatte er auf der Heimfahrt nach Hannover nachgegrübelt, ob er den Berufswunsch einfach aufgeben und vielleicht doch, entsprechend der Anregung seiner Pflegeeltern, ein Studium aufnehmen sollte? Letztendlich hatten aber gerade diese ihn dann, daheim angekommen, darin bestärkt seinen gehegten Berufswunsch nicht dieserhalb aufzugeben und auch dafür gesorgt, dass alle Voraussetzungen erfüllt wurden.

Diese Gedanken gingen Kapitänleutnant Jebens durch den Kopf, als er seine Schritte schließlich Richtung »Seestern« richtete, einem Hotel mit gutbürgerlichem Restaurant, in dem er zunächst einmal ein anständiges Mahl einzunehmen gedachte.

Pearl Harbor auf Hawaii

Viele Tausend Kilometer entfernt saß Kirk G. Shultz in Badehose im Kreise einiger Kameraden am perlweißen Strand von Hawaii und schaute dem bunten Treiben zu. Nachdenklich trank er den letzten Schluck des langsam warm werdenden Bieres aus und ließ die Flasche neben sich in den Sand fallen. Hinter ihm und seinen Kameraden lagen anstrengende Tage. Erst am frühen Morgen war die »USS Somerset« nach einer mehrtägigen Übungsfahrt wieder in »Pearl«, wie die Sailors den großen Kriegshafen auf Honolulu kurz nannten, eingelaufen. Sechs Tage lang hatten sie mit den Schlachtschiffen Verbands- und Geleitfahren geübt, wobei die Zerstörer abwechselnd mal den Verband der Großkampfschiffe zu sichern, dann wieder die Angreifer darzustellen hatten. Auch Kirk G. Shultz wurde richtig gefordert. Beim simulierten Ausfall des Kommandanten hatte er über einen Zeitraum von fast 24 Stunden die Stellung des Kommandanten einzunehmen gehabt und offenbar seine Sache wirklich gut gemeistert.

»Einen Dollar für Ihre Gedanken, Lieutenant«, riss ihn die Stimme seines Kommandanten, Lieutenant-Commander Georg F. Tunker, in die Gegenwart zurück.

»Verzeihung, Sir, aber ich habe gerade noch einmal überlegt, ob ich heute Nacht wirklich immer richtig reagiert habe?«

Sein Vorgesetzter grinste breit.

»Doch, doch, im Großen und Ganzen haben Sie eigentlich sehr passabel meine Rolle übernommen. Das Sie einmal der »USS Arizona« etwas nahe gekommen sind, soll zwar nicht sein, ist mir aber auch bereits passiert. Ich glaube, auch der Admiral wird morgen Mittag bei der Manöverkritik an der »USS Somerset« nicht viel auszusetzen haben. Wenn Sie so weitermachen, sehe ich Sie in einigen Monaten als XO auf einem unserer Zerstörer.«

Die Freude über das Gehörte war dem so Gelobten deutlich anzusehen und der jetzige XO und Stellvertreter des Kommandanten sah sich nunmehr veranlasst, in das Gespräch einzugreifen.

»Nun, mein lieber Kirk, heben Sie man bloß nicht gleich ab. Einiges gibt es schon noch zu lernen, obwohl …«, genüsslich zog er den Satz in die Länge und dehnte die Worte, »auch ich bin eigentlich sehr zufrieden mit Ihnen … und jetzt dürfen Sie Ihrem Kommandanten und XO noch ein kaltes Bier ausgeben.«

Kirk griff sich die drei leeren Flaschen und trabte eilenden Schrittes zum keine 200 Meter entfernten Strandpavillon. Dort angekommen bestellte er die drei Bierflaschen, ließ sich auch noch ein Päckchen Lucky Strike geben und wollte gerade zahlen, als sein Blick auf die Schlagzeile der »Hawaiien News« fiel.

»Britannien in der Klemme, Frankreich geschlagen und deutsche U-Boote immer erfolgreicher!«

Er griff sich auch noch die Zeitung, zahlte und vergaß auch nicht einen anerkennenden Blick auf die wohlproportionierte, eine Blume in ihrem pechschwarzen Haar tragende, Einheimische zu werfen, die zusammen mit einer Kollegin den Kiosk betrieb.

Lobende Worte ob des wirklich noch sehr kühlen Bieres und der Tatsache, dass er auch an Zigaretten gedacht hatte, empfingen ihn. Flugs waren die Flaschen geöffnet und die Offiziere nahmen einen tiefen Schluck, als der Blick des Zerstörerkommandanten auf die Zeitung fiel.

»Verdammt, wenn der Hitler so weitermacht, hat er bald ganz Europa in der Tasche. Polen und Frankreich besiegt, Dänemark und Norwegen besetzt und die Vettern von der Insel im Würgegriff. Da werden den Briten unsere fünfzig alten Zerstörer wohl auch nicht viel weiterhelfen.«

Die Blicke der beiden anderen Offiziere, die gerade einer Strandschönheit auf dem Wege zum Wasser folgten, richteten sich jetzt auf ihren Vorgesetzten.

»Was meinen Sie, Sir, wird Roosevelt zugucken, wie sich der kleine Mann mit dem komischen Bärtchen ganz Europa unter den Nagel reißt oder werden wir auch aktiv eingreifen?«

»Diese Frage ist gar nicht so einfach zu beantworten, XO«, zuckte Tunker mit den etwas knöchern anmutenden Schultern, die seine Hagerkeit so richtig erkennen ließen, »jetzt wohl noch nicht, aber wenn die Deutschen wirklich in England landen sollten, kann ich mir schwer vorstellen, dass der Präsident sie gewähren lässt.«

Der Lieutenant-Commander richtete seinen Blick auf seinen Wachoffizierschüler.

»Und was meinen Sie, Shultz, Sie haben doch deutsche Wurzeln. Für Sie müsste es doch alles andere als angenehm sein, gegen Deutschland in den Krieg zu ziehen.«

Kirk G. Shultz räusperte sich und versicherte dann mit fester Stimme: »Sir, ich fühle mich ganz als Amerikaner. Außerdem glaube ich eigentlich eher, dass sich eine Auseinandersetzung mit den Japanern auf Dauer nicht vermeiden lässt.«

»Die Japsen sollen ruhig kommen. Den gelben Affen werden wir schon den Arsch versohlen«, grinste der Kommandant, nahm einen weiteren Schluck aus der Bierflasche und warf einen begehrlichen Blick auf die Zigarettenpackung, die Shultz immer noch in der Hand hielt.

»Geben Sie lieber erst einmal ein Stäbchen aus – und dann sollten wir sehen, dass wir uns etwas zwischen die Kiemen schieben, Gentlemen. Ich für meinen Teil sehe vor meinem geistigen Auge ein riesiges Steak von dem ruhig noch etwas Blut tropfen darf.«

In dieser Nacht im Frühjahr 1940 gingen die Gedanken von Kirk G. Shultz nachdem er sich einige Zeit unruhig in seiner Koje an Bord der »USS Somerset« schlaflos herumgewälzt hätte, über 20 Jahre zurück in seine Kindheit.

Viele Tausend Kilometer entfernt von den noch im tiefsten Frieden liegenden Traumständen Hawaiis saß Kapitänleutnant Jebens im Offizierscasino und schob den geleerten Teller beiseite und winkte der Ordonanz[12] ihm einen frischen Kaffee zu bringen. Als das dampfende Getränk vor ihm stand und er etwas Kondensmilch hinzugefügt hatte, zündete er sich eine Zigarette aus der zerdrückten Packung an und nahm einen tiefen Zug. Da er zu dieser Stunde allein am Tisch saß, ließ er seinen Gedanken freien Raum, die sich bis dahin mit der Fertigstellung der Ausrüstung seines Bootes zur nächsten Feindfahrt beschäftigt hatten. Ganz plötzlich kam auch in ihm die Erinnerung an einen trüben Novembertag im Jahr 1918 hoch, als er gerade einmal 4 Jahre alt war. Vor seinem geistigen Auge stiegen wieder die schrecklichen Bilder auf, die er so lange verdrängt hatte.

November 1918

Bereits im Spätsommer 1918 verdichtete sich, von den schweren Einheiten der deutschen Hochseeflotte aus, die seit der Skagerrak-Schlacht 1916 mehr oder weniger untätig in den Häfen lagen, das Gerücht: »Der Kaiser und die Marineführung wollen uns verheizen. Der Kaiser will die Flotte in einer Entscheidungsschlacht lieber untergehen sehen, als sie in die Hände des Feindes fallen zu lassen.« Diese und ähnliche Parolen schwirrten durch die Decks der schweren Einheiten und erhielten immer mehr Nahrung. Mal wollte der eine etwas gehört haben, mal wusste der andere etwas ganz genau. Als dann tatsächlich die deutsche Marineleitung unter Führung von Admiral Franz von Hipper möglicherweise eigenmächtig, also ohne die Zustimmung des Kaisers und obersten Kriegsherrn, die Flotte zu einer letzten Schlacht gegen die, nach wie vor an Schiffen stark überlegene, Royal Navy auslaufen lassen wollte, sprang der Funken endgültig über. Der Befehl der Marineleitung an die Flotte, am 24. Oktober 1918 seeklar zu machen, Munition, Kohlen und Öl zu übernehmen, führte zunächst auf dem Linienschiff »Thüringen« zur Befehlsverweigerung und schließlich zur Meuterei. Von der »Thüringen« aus sprang der Aufstand der Matrosen und Heizer auf der Schilling-Reede vor Wilhelmshaven in der Nacht und am frühen Morgen des 30. Oktober 1918 auf weitere Großkampfschiffe des III. und auch des I. Geschwaders über. Nachdem zunächst die Befehle zur Munitionsübernahme und zum Bunkern verweigert wurden, kam es, ausgehend von den Linienschiffen »Thüringen« und »Helgoland«, über die Befehlsverweigerung und Aufsässigkeit gegenüber den Offizieren, dann auch zu Sabotageakten durch einen Teil der Besatzung und schließlich zur offenen Meuterei. Erst als zur Hilfe gerufene Torpedoboote, Einheiten die immer noch am Feind standen und deren Besatzungen ihre Pflicht ohne Beanstandung erfüllten, auf Befehl ihrer Kommandanten ihre Rohre auf die von der Meuterei befallenen Großkampfschiffe richteten, ergaben sich die aufständischen Matrosen und Heizer und konnten schließlich verhaftet werden. Das angesichts dieser, in der deutschen Flotte bis dahin nie für möglich gehaltene, Vorkommnisse Admiral von Hipper seinen Plan für eine Entscheidungsschlacht aufgab und die schweren Einheiten nach Kiel zurückbeorderte, ließ jetzt die Revolution ihr hässliches Haupt auch im Kriegshafen Kiel erheben. Langsam aber sicher weitete sich der Aufstand auf die meisten schweren Einheiten der Flotte aus und infizierte einen Großteil der Matrosen und Heizer, die alles daran setzten, ein erneutes Auslaufen der Flotte zu verhindern und auch vor Sabotageakten zur Erreichung dieses Zieles nicht zurückschreckten.

Außerdem versuchten sie ihre inhaftierten Gesinnungsgenossen zu befreien und fanden hierbei Zulauf durch Gewerkschaften, USPD und SPD. Am 02. November revoltierten Matrosen und Heizer bereits zu Tausenden.

Schließlich versuchten sie unter Führung des Matrosen Karl Artelt und des Werftarbeiters Lothar Popp, die mittlerweile auch erheblich angewachsene Zahl arrestierter Matrosen zu befreien. Auf dem Weg dorthin stellte sich ihnen allerdings eine schnell zusammengestellte Eingreifeinheit entgegen, deren befehlshabender Offizier zunächst einige Warnschüsse abfeuern ließ, dann aber, als diese nicht halfen, die Soldaten seines, auf fast halbe Kompaniestärke verstärkten, Einsatzzuges anwies, gezielte Schüsse abzugeben. Dieses Vorgehen half, zumindest für den Augenblick. Unter Zurücklassung mehrerer Toter und etwa 30 Verwundeter, wich der Mob zurück. In wilder Flucht, noch verfolgt von einigen, jetzt aber über die Köpfe abgegebenen Schüssen der Soldaten der Eingreifeinheit, fluteten die Massen Richtung Hafen und Hauptbahnhof. Ein ihnen entgegenkommender LKW Richtung Marinearsenal wurde zum Bremsen gezwungen und der Fahrer kurzerhand aus dem Führerhaus geworfen. Mit einem Heizer am Steuer, neben sich zwei Matrosen im Führerhaus, einer überfüllten Ladefläche und auch auf den Trittbrettern stehender Revolutionäre, jagte das überladene Fahrzeug schließlich entlang des Hafens Richtung Kieler Hauptbahnhof.

An diesem unheilvollen Morgen des 3. November 1918 war auch der 32jährige Kapitänleutnant Curt-Peter Jebens gleich aus mehreren Gründen von tiefer Sorge erfüllt. Zum einen stand es um das hart an allen Fronten ringende Vaterland nicht zum Besten und jetzt war auch noch das geschehen, was er sich nie hätte vorstellen können. Ausgerechnet die Matrosen der Kaiserlichen Flotte erheben sich gegen ihre vorgesetzten Offiziere und damit auch gegen Kaiser und Reich. Einerseits war er froh, für das von ihm kommandierte U-Boot, für den heutigen Abend den Auslaufbefehl in die Irische See erhalten zu haben, andererseits lastete die Sorge um seine Familie auf ihm und trachtete er danach, diese unbedingt aus Kiel, noch vor dem Auslaufen seines Bootes, herauszuschaffen.

Sein Schwager, der ältere Bruder seiner Frau Else, der als Hauptwachtmeister der Neumünsteraner Polizei und Wachhabender der Bahnhofswache, telefonisch leicht erreichbar war, wollte dafür sorgen, dass seine jüngere Schwester und ihre drei Kinder auf dem Neumünsteraner Hauptbahnhof von ihm in Empfang genommen und zu den Schwiegereltern gebracht werden, die am Stadtrand von Neumünster einen durchaus stattlichen Bauernhof ihr Eigen nannten, der seit Generationen in Familienbesitz war. Den Schwiegereltern würde es somit verhältnismäßig leicht fallen, auch in dieser von großem Mangel gezeichneten Zeit, einige zusätzliche Esser durchzubringen.

Um 12.15 Uhr sollte der Zug von Kiel abfahren, um über Meimersdorf, Flintbek, Bordesholm und Einfeld schließlich den Neumünsteraner Hauptbahnhof, einen bedeutenden Eisenbahnknotenpunkt,zu erreichen und von dort aus seine Fahrt nach Hamburg fortzusetzen. Ein Glück, dass man nicht auch noch Verpflegung mitzunehmen brauchte, die ohnehin kaum vorhanden war. So wurden schnell ein Holzkoffer und ein Rucksack mit den nötigen Kleidungsstücken für Frau und die drei Kinder gefüllt.

»Nun komm schon, Else«, drängte der schlanke, gerade mittelgroße Seeoffizier seine Frau, die immer nochmals den Rucksack oder auch den Koffer öffnete, um noch etwas einzupacken, »du kommst ja schließlich nicht zu Fremden, sondern zu deinen Eltern. Was dir eventuell fehlt oder du vergessen hast, damit wird man dir schon aushelfen. Wollen sehen, dass wir den Zug erreichen.«

»Ja, ja, ich, ich mach ja schon«, gab Else ihm Bescheid. Einerseits war auch sie froh, in diesen Momenten die Stadt Kiel verlassen zu können, in der sie sich seit ihrer Hochzeit eigentlich immer wohl gefühlt hatte. Aber jetzt, wo doch die ganze Stadt in Aufruhr geriet, man Schüsse hörte, Lastwagen mit Soldaten besetzt durch die Straßen brausten und sie ihren Mann selten so besorgt gesehen hatte, war auch sie voller Sorge. Weniger um sich selbst, als um ihre drei Kinder.

Diese hingegen schauten durchaus interessiert und erwartungsvoll auf das, was geschehen sollte. Die vierjährigen Zwillinge Curt-Georg und Carl-Heinz trugen ihre besten Matrosenanzüge, darüber warme Mäntel, die die Mutter als gelernte Schneiderin selbst gefertigt hatte, und freuten sich der Dinge. Zu Oma und Opa auf den Bauernhof. Wie schön war das erst vor gut zwei Monaten gewesen, als Mutter Else mit den Kindern ganze drei Wochen dort verbracht und während der Ernte mitgeholfen hatte. Auf so einem Bauernhof gab es immer etwas zu entdecken, was die Stadt nicht unbedingt zu bieten hatte. Viele Tiere zum Streicheln und Spielen, wobei ganz besonders der Hofhund, ein kinderlieber Schäferhundmischling mit dem Namen Don, von den Jungen in ihr Herz geschlossen wurde. Und nicht zu vergessen, immer gab es frische Milch und Eier und auch fast jeden Tag Fleisch, oder aber zumindest Schmalz, auf das Brot. Ja, das war schon etwas, worauf man sich freuen konnte.

Auch die kleine Lena-Marie, knapp 2 Jahre alt, merkte, dass Besonderes anstand und juchzte fröhlich. Das der Vater sie jetzt auch auf den Arm nahm, obwohl er Uniform trug, war etwas ganz Neues. Auf dem linken Arm die Kleine, in der rechten Hand den schweren Holzkoffer, eilte der Kapitänleutnant seiner Familie voran, gefolgt von seiner Frau, den Rucksack auf dem Rücken und an jeder Hand einen der Zwillinge.

Bewusst die Hauptstraßen meidend hatte die junge Familie den Bahnhof fast erreicht.

»Nun aber schnell, macht schon«, trieb Curt-Peter Else und die Kinder zur Eile, musste doch jetzt die Hauptstraße vor dem Bahnhof überquert werden, um dann hoffentlich im Bahnhofsgebäude in Sicherheit zu sein. Vielleicht stand der Zug ja auch schon abfahrbereit da.

Da geschah es. Der völlig überfüllte, aus dünnem Holz gefertigte, Koffer ging aus dem Leim und brach unten am Boden auseinander und das mitten auf der Hauptverkehrsstraße, dem Sophienblatt. »Oh, verfluchter Mist«, mit diesem ausgestoßenen Fluch auf den Lippen stoppte der Vater abrupt, setzte die kleine Lena-Marie ab und versuchte die Kleidungsstücke wieder zusammenzuraffen und mit dem auseinandergebrochenen Koffer zu bergen. So abgelenkt, zumal auch die kleine Lena-Marie noch zu schreien begann, hörten die Eltern zu spät das anschwellende Motorengeräusch, mit dem sich der heranbrausende Lastwagen näherte.

»Lauft los, rüber!«, schrie der Vater die Zwillinge an und versetzte der schreienden Lena-Marie einen derben Stoß, der sie meterweit Richtung Bahnhof beförderte. Doch das Verhängnis war nicht aufzuhalten. Der zum ersten Mal einen Lastkraftwagen steuernde Heizer kurbelte wild – zu wild – am schwergängigen Lenkrad, gleichzeitig bremsend, was das völlig überladene Vehikel, auf dem sich nicht nur auf der Ladefläche die zum Teil betrunkenen Matrosen, Heizer und auch Werftarbeiter drängten, übel nahm und ins Schleudern kam. Schreiend verloren zunächst die auf den Trittbrettern stehenden Aufständischen den Halt und schließlich kippte das ganze Gefährt um, die sich noch auf der Ladefläche anklammernden Revolutionäre unter sich zum Teil begrabend und schoss breitseits direkt auf das Ehepaar Jebens zu und schleuderte über Mann und Frau hinweg. Wie durch ein Wunder blieben die Kinder körperlich völlig unversehrt. Aus den Häusern und den – vorsorglich zum Teil schon verbarrikadierten – Geschäften stürzten Leute herbei.

Der Kapitänleutnant und seine Frau waren von dem sich überschlagenden LKW geradezu bis zur Unkenntlichkeit zermalmt worden, so dass die Marineführung später lediglich aus der Tatsache, dass der Kommandant zum Auslauftermin zu seinem U-Boot nicht zurückgekehrt war und ein Kapitänleutnant bei einem schweren Verkehrsunfall in der Nähe des Hauptbahnhofs umgekommen war, rekonstruieren konnte, dass dieser Tote Kapitänleutnant Curt-Peter Jebens gewesen sein musste und mit ihm am Ort des Geschehens wohl seine Ehefrau verstorben sein dürfte. Von den Kindern hingegen wurde nur Lena-Marie von einer fürsorglichen älteren Frau den Polizisten der Kieler Bahnhofswache übergeben und einige Tage später den völlig geschockten Großeltern zugeführt. Die Zwillinge waren einfach verschwunden und niemand konnte sich einen Reim darauf machen, wo diese geblieben waren?

Auch die Großeltern, die die kleine Lena-Marie so fürsorglich aufgenommen hatten, obwohl ihnen selbst die Herzen durch den Verlust der Tochter und auch des liebgewonnenen Schwiegersohnes so schwer waren, ließen nichts unversucht, ihre Enkelsöhne ausfindig zu machen. Trotz der chaotischen Zustände reiste der Großvater, Karl-Heinrich Marder, nach Kiel, durchkämmte persönlich Krankenhäuser und Kinderheime, nervte die ohnehin total überforderte Kieler Polizei, wurde bei den wenigen noch intakten Marinedienststellen vorstellig, vergaß auch nicht in den Totenkammern der Friedhöfe und bei den kirchlichen Stellen nachzufragen und wandte sich, was die größte Überwindung kostete, an die provisorischen Arbeiter- und Soldatenräte, die mehr und mehr – zumindest kurzzeitig – auch die vollziehende Gewalt an sich rissen.

Auch der Onkel der Jungs, der Polizei-Hauptwachmeister Kurt-Christian Marder ließ nichts unversucht, das Schicksal seiner verschwundenen Neffen aufzuklären.

Oma Elsa verkündete Wochen später, als Ehemann und Sohn ihr die Aussichtslosigkeit ihrer Bemühungen beizubringen versuchten, mit fester Stimme, die kleine Lena-Marie fest an sich drückend: »Lasst man gut sein, die beiden Jungs leben und es geht ihnen gut!«

Als Mann und Sohn sich verwundert anschauten bekräftigte sie nochmals: »Nun guckt mich nicht an, als wenn ich verrückt geworden bin. Eine Frau, eine Mutter … ja und auch eine Großmutter, spürt so etwas. Hier«, bei diesen Worten schlug sie sich mit der rechten Hand, auf die Brust, »hier drinnen!«

Allein, was half es, auch nachdem die Verhältnisse sich wieder einigermaßen normalisiert hatten und neue Anstrengungen, insbesondere vom Onkel der Zwillinge, unter Ausnutzung seiner dienstlichen Möglichkeiten, unternommen wurden, waren auch diese vergeblich. Die Zwillinge Carl-Heinz und Curt-Georg waren einfach nicht aufzuspüren.

August 1940

U 808 stand im Nordatlantik auf und ab. U-Jebens war vom BdU zusammen mit einigen anderen Booten auf einen Geleitzug angesetzt, den der B-Dienst[13] gemeldet hatte und der eigentlich gestern hätte in Sicht kommen sollen. Es herrschte gutes Sommerwetter bei mäßig bewegter See und entsprechend guter Sicht. Mit sparsamster Marschfahrt glitt der stählerne Fisch durch die ruhige See. Dreißig Meilen nach Westen, dann wenden und dreißig Meilen zurück. Ihm gleich taten es fünf weitere U-Boote, die allerdings etwas kleiner waren. Hier handelte es sich um Boote vom Typ VII, die nur über ein Hecktorpedorohr verfügten, aber deutlich weniger Zuladung, vor allem Brennstoff und Torpedos, fassen konnten.

»Verflucht noch mal«, brummte sich der I WO, Oberleutnant z. S. Wolf Britt, in den dunklen Bart, der innerhalb der acht Tage auf See bereits kräftig gewachsen war. Die Männer seiner Wache grinsten, vergaßen dabei aber nicht die ihnen zugewiesenen Sektoren genau im Auge zu behalten. Nur wo nichts ist, wo sich nicht einmal die kleinste Rauchfahne zeigte, kann auch der beste Ausguck nichts entdecken. Auch Kapitänleutnant Jebens, der in seinem, nur durch einen dünnen Vorhang abgetrennten, Kabuff lag und die Eintragungen in das KTB[14] vervollständigte war unzufrieden. Erst hatten sie wegen der Torpedokrise wichtige Zeit verloren, danach zeigte sich – glücklicherweise schon kurz nach dem Auslaufen – dass einer der Diesel Probleme bereitete. Kaum war dieser Schaden behoben, touchierte ein Schlepper das Boot, das daraufhin wieder in die Werft musste. Jetzt endlich konnte U-Jebens zu seiner nächsten Feindfahrt auslaufen und hatte insoweit auch noch Glück, dass dem Kommandanten freigestellt war, sollte er im Nordatlantik keine hinreichende Beute machen und keinen Geleitzug aufspüren, bis in den Mittelatlantik oder gar in die Karibik zu laufen. Doch dann wurde das Boot vom BdU dem U-Bootrudel Delphin zugeteilt, das auf den vom B-Dienst gemeldeten Geleitzug operieren sollte, der allerdings nicht in Sicht kam.

Carl-Heinz Jebens begab sich in die Zentrale und enterte auf in den Turm. Dort beriet er sich mit dem I WO und kurz darauf verschwanden die Ausguckposten einschließlich der beiden Offiziere im Turmluk. Jebens gab den Befehl zum Tauchen und nachdem das Boot auf 40 Metern eingependelt war, trat der am GHG sitzende Funkobermaat Meier II in Aktion. Doch so sehr er sich auch bemühte, auch er konnte nicht das leiseste Schraubengeräusch ausmachen.

»Na, Meier II, was flüstern die Fische?«

Eigentlich hätte der Kommandant sich die Frage schenken können, da der Gesichtsausdruck des Obermaates Antwort genug war.

»Nichts, Herr Kaleu, die Fische sind ausgegangen.«

Nachdem auch der nächste Tag entsprechend ereignislos verlief, setzte sich auch im Stab des BdU die Auffassung durch, dass der Geleitzug ihrem in Stellung gebrachten Wolfsrudel entgangen war. Offenbar hatte der Geleitzugkommodore einen weiten Bogen geschlagen und somit die U-Boote umgangen.

»Endlich«, brummte der Kommandant als der Funker ihm den Spruch reichte.

»U-Jebens aus Rudel Delphin entlassen. Freie Jagd und fette Beute – BdU.«

Kurz darauf wummerten die Diesel etwas lauter und mit sparsamer Marschfahrt von aber immerhin 10 Seemeilen ging der graue Wolf auf Kurs Süd-Südwest. Keine zwei Stunden später ertönte der Ruf: »Kommandant auf den Turm!«

Dieser schwang die Füße von der schmalen Koje direkt in die bereit stehenden Seestiefel, warf sich das Bordjackett über und stand keine zwei Minuten später neben dem, die zweite Seewache befehligenden II WO, Leutnant zur See Bernardo Scalese. Der deutlich unter 1,70 Meter kleine und zierliche Offizier konnte seinen italienischen Vater nicht verleugnen. Er fuhr sich durch die dicken, pechschwarzen Haare und seine braunen, flinken Augen, die alles zugleich im Blick zu haben schienen, blitzten.

»Dort, Herr Kaleu, vor dem etwas diesiger gewordenen Hintergrund, zwar etwas schwer, aber deutlich zu erkennen«, wies er mit dem Arm nach Steuerbord voraus.

Jebens, der selbstverständlich auch nicht versäumt hatte, sein eigenes Glas mit nach oben zu nehmen, hob dieses vor die Augen. Langsam justierte er das Glas nach.

»Alles klar, II WO, ich habe ihn!«

Einige Minuten verharrte der Kommandant auf dem Turm und behielt dabei die, wie eine hauchfeine Feder am Horizont stehende, blassblaue Rauchfahne im Blick, bis er sich über den Kurs des Gegners im Klaren war.

»Alle Veränderungen sofort melden und … vergesst mir auch nicht den Luftraum zu beobachten. Vielleicht haben die Tommys ja auch einmal einen Geleitträger in dieser Ecke stehen. Also gut Obacht geben!«

Mit diesen Worten begab Jebens sich zum geöffneten Turmluk und nach der Ankündigung: »Ein Mann Zentrale!«, verschwand er im Turm des Bootes. Kurz darauf legte sich das Boot leicht über, als es auf Abfangkurs ging und die Diesel wummerten nunmehr mit höchster Fahrtstufe deutlich lauter.

Zwei Stunden später hatte sich die Distanz zum Ziel bereits so weit verkürzt, dass auch die Aufbauten des nur gelegentlich zackenden Frachters vom U-Bootsturm aus im Glas deutlich erkennbar waren. Nach einem prüfenden Blick zum Himmel und anschließend auf seine Armbanduhr ließ Jebens das Boot noch etwas weiter nach Backbord abfallen, um seinerseits nicht vom gegnerischen Frachter erkannt zu werden und sich zum Angriff entsprechend vorsetzen zu können. Langsam fuhr das U-Boot näher an seine Beute heran. Zwischenzeitlich hatte die Dämmerung eingesetzt, sodass das flach auf dem Wasser liegende U 808 – auch unter Berücksichtigung des abendlich aufkommenden Dunstes über der See – vom Frachter nur schwer zu entdecken gewesen wäre. Bei dem Dampfer handelte es sich um einen Frachter mittlerer Größe von etwa viertausend BRT[15], der offensichtlich noch nicht allzu alt war, aber einen etwas ungepflegten Eindruck machte. Große rostige Flecken zeigten sich an der Bordwand und der Schiffsname war völlig unleserlich. Auch die am Heck wehende Flagge war nicht eindeutig auszumachen. Auf dem Boot war zwischenzeitlich die erste Seewache unter dem I WO, Oberleutnant z. S. Wolfgang Britt, aufgezogen, der neben dem Kommandanten im Wintergarten[16] stand und den als Angriffsziel auserkorenen Frachter nicht aus den Augen ließ.

»Na, Britt, wie würden Sie denn jetzt vorgehen?«

Der Kommandant, der sich mit der Linken an der Reling des Wintergartens abstützte, grinste seinen I WO fragend an.

Dieser kratzte sich den dunklen Bart und wirkte seltsam unschlüssig, als er seinem Kommandanten antwortete: »Ich weiß nicht recht, Herr Kaleu, eigentlich hätte man uns auf dem Pott da drüben sehen müssen. Er reagiert aber so gut wie gar nicht, kein Mensch ist auf Oberdeck zu sehen. Nationalität ist nicht klar auszumachen. Wir können ihm also nicht einfach einen Torpedo in den Wanst donnern.«

»Richtig, also was tun wir, I WO?«

»Warnschuss vor den Bug und Vorgehen nach Prisenordnung