Der Club der scharfen Tanten - Heinz-Dietmar Lütje - ebook

Der Club der scharfen Tanten ebook

Heinz-Dietmar Lütje

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Opis

Im Hamburg der nahen Zukunft gründet sich ein Damen-Stammtisch mit Namen »Ladies Power«, der schon bald weit über die Grenzen der Hansestadt herausragende Bedeutung erlangt. Kein Wunder also, dass viele Damen der sogenannten High Society alles daran setzten, dort ebenfalls Mitglied zu werden, was aber nur ganz wenigen tatsächlich gelingen sollte. Wenig verwunderlich also, dass die Damen dieser bald als ausgesprochen elitär geltenden Vereinigung, die unter der Hand auch den Namen »Club der scharfen Tanten« beigelegt bekam, ziemlich schnell ganz erheblichen Gegenwind ertragen müssen. Nicht nur die abgelehnten Bewerberinnen spucken Gift und Galle und sinnen teils sogar auf bösartige Rache. Auch die meist selbstständigen oder anderweitig an exponierter Position tätigen Ehemänner der Damen werden massiv unter Druck gesetzt, ihre Gattinnen dazu zu bewegen, die Frauen von Geschäftspartnern, Auftraggebern oder sonst für die Karriere förderlichen Persönlichkeiten aufzunehmen. Da spielen die Damen aber nicht mit, denn Neuaufnahmen müssen alle Mitglieder zustimmen. Sonnenklar, dass da so manche Beziehung Schaden nimmt, wenn Beförderungen ausbleiben oder Aufträge wegbrechen. Als die Damen sich dann auch noch in die Politik einmischen, beginnt der Druck übermächtig zu werden und alle Dämme brechen.

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Heinz-Dietmar Lütje

DER CLUB DER SCHARFEN TANTEN

Engelsdorfer Verlag

Leipzig

2016

Bei dem nachstehenden Werk handelt es sich um einen Roman und alle Personen und Handlungen sind vom Verfasser frei erfunden. Etwaige Übereinstimmungen mit tatsächlich lebenden oder auch bereits verstorbenen Personen, Ereignissen oder Bezeichnungen sind rein zufällig und keineswegs beabsichtigt.

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Copyright (2016) Engelsdorfer Verlag Leipzig

Alle Rechte beim Autor

Titelfoto: Freunde beim Feiern © Peter Atkins (Fotolia)

1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2016

Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)

www.engelsdorfer-verlag.de

ISBN (mobi) 978-3-960083-30-6

ISBN (epub) 978-3-960083-20-7

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Der Club der scharfen Tanten

Damenstammtisch Ladies Power

Damenstammtisch „Ladies Power“ macht Vorschläge zur Bürgerschaftswahl

Korruption im Wahlkampf – Senat im Zwielicht?

Epilog

Es gibt wohl kaum jemanden auf der Welt, der noch nie von Hamburg gehört hat, der größten und bedeutendsten deutschen Hafenstadt, dem Tor zur Welt. See- und Sehleute denken hierbei vielleicht auch sofort an die berühmtesten Attraktionen, wie die sündigste Meile der Welt im Stadtteil St. Pauli, um die berüchtigte Reeperbahn herum. Fußballfreunde vielleicht an den HSV, den Hamburger Sport Verein, andere wiederum an das Hamburger Wahrzeichen, den Michel oder auch die berühmte Davidwache, dass wohl bekannteste Polizeirevier Deutschlands, wenn nicht vielleicht der Welt.

In jeder Großstadt gibt es aber auch Clubs, Vereine, Stammtische oder ähnliche Institutionen, denen anzugehören in bestimmten Kreisen die Wichtigkeit der eigenen Person deutlich herausstreicht, wovon zumindest die jeweiligen Mitglieder selbst überzeugt sind.

Je nach Neigung oder auch Geldbeutel mag manchem sich wichtig nehmenden Zeitgenossen bereits die Mitgliedschaft im derzeit angesagten Golfclub das Gefühl vermitteln, deutlich aus der Masse herauszuragen. Für andere wiederum muss es schon die Mitgliedschaft in einer der immer noch mehr oder weniger geheimnisumwitterten Logen sein, oder auch ein Vorstandsposten in einem der drei bis vier Clubs, in denen die vermeintliche Elite sich die Mitgliedschaft vorbehält. Aber fast immer sind es die Herren der Schöpfung, die auf diese Weise die eigene Wichtigkeit herauszustreichen bemüht sind. In den meisten dieser, früher einmal durchaus zumindest teilweise elitären, Vereinigungen triumphiert aber heute das Geld des millionenschweren Baulöwen oder reich gewordenen Spekulanten über die Honorigkeit des ehrlichen hanseatischen Kaufmanns, Klinikchefs oder Richters.

Vor einigen Jahren geschah aber dann bemerkenswertes in der Szene, die im wahrsten Sinne des Wortes um eine Attraktion reicher wurde. Einige der jüngeren Ehefrauen der sogenannten Oberschicht beschlossen, es den beruflich angespannten und die kärgliche Freizeit lieber dem Vereinsleben, Freundeskreis oder auch der Geliebten widmenden Ehemännern gleichzutun. So entstand der Stammtisch Ladies Power. Soweit die vielbeschäftigten Männer dieses überhaupt mitbekamen, belächelten sie entweder die Tatsache, dass die Gattin sich jetzt an dem einen oder anderen Tag in der Woche mit ihren Freundinnen nicht mehr nur zum Shoppen oder Kaffeetrinken traf, sondern stattdessen in einem langsam wachsenden Kreis am Damenstammtisch. Andere ermunterten ihre Frauen geradezu, diesem Stammtisch beizutreten, in der Hoffnung, dass so ein Stammtischabend das Kreditkartenkonto wesentlich weniger belasten würde, als die ausufernden Shoppingtouren der besseren Hälfte. Zunächst waren es nur vier oder fünf Damen der besseren Gesellschaft, die Gründungsmitglieder dieses Stammtisches, der bald unter vorgehaltener Hand in gewissen Kreisen der „Club der scharfen Tanten“ genannt wurde.

Anfangs mag es so gewesen sein, dass sich die Damen reihum in den Villen, Penthäusern oder sonstigen Orten trafen, die von ebenso nobler, wie auch teurer, Wohnkultur zeugten. Aber das änderte sich bald. Denn den Damen stand nicht nur der Sinn nach Kaffeetrinken, gehobenem Smalltalk oder gemeinsamen Einkaufsorgien. Wobei, Orgien war gar nicht einmal so verkehrt, schließlich wollten sie es ihren Ehemännern gleichtun. Denn, dass die Herren der Schöpfung durchaus nicht nur Geschäfte im Sinn hatten, war den Damen schon klar – und es dauerte auch gar nicht einmal lange, bis sich ihr Verdacht mehr als nur bestätigte.

Am frühen Dienstagabend im Juli, die Sonne brannte noch richtig heiß vom heute fast wolkenlosen Himmel, trafen sich in ihrem Stammcafé an der Außenalster zunächst die Notarsgattinnen Etta von Tarla-Hippenstedt und Helga Altmann. In Anbetracht des wirklich schönen Sommerabends beschlossen die Damen, sich auf die luftige Außenterrasse zu begeben. Mit gewinnendem Lächeln bot ihnen der Inhaber einen der schönsten, zudem noch etwas separat gelegenen Tische an. „Erwarten Sie noch die anderen Damen?“, erkundigte sich der kleine, aber stets freundliche Gastronom, der einen Großteil seiner bekannten Köstlichkeiten aus Küche und Backofen selbst kreiert hatte.

„Verabredet ist eigentlich nichts, aber ich glaube schon, Herr Hämmerle“, nickte ihm Etta v. Tarla-Hippenstedt freundlich zu und bestellte eine Flasche Jahrgangs-Champagner und zunächst zwei Gläser. Noch bevor die prickelnde Flüssigkeit, zum noch prickelnderen Preis, serviert wurde, zündete sich die Mitbegründerin des Stammtisches „Ladies Power“ eine ihrer geliebten, überlangen, schwarzen Zigaretten an. Die etwas jüngere und auch etwa fünf Zentimeter kleinere Helga Altmann lehnte die dargebotene Packung dankend ab. Sie rauchte nur gelegentlich. Etta hingegen brauchte mindestens eine Packung pro Tag, manchmal auch mehr. Endlich kam der kleine Österreicher, der es sich nicht nehmen ließ, seine bevorzugten Gäste, wann immer dieses möglich war, auch einmal selbst zu bedienen, und schenkte in die geschliffenen Kristallschalen ein. Während die vollbusige, rothaarige Helga nur an ihrem Glas nippte, schüttete Etta den teuren Stoff in einem Rutsch hinunter und schenkte sich sofort nach. Mit der nächsten Füllung verfuhr sie ebenso. Wen wundert’s, dass Helga daraufhin ihre Freundin verwundert ansah.

„Entschuldige, aber das brauchte ich jetzt“, entgegnete diese und nahm einen weiteren, hastigen Zug aus ihrer Zigarette und inhalierte tief. „Dass unsere Göttergatten ihre Fleischeslust anderweitig befriedigen, wissen wir ja, dass mein lieber Falk aber jetzt auch ohne mich und die Kinder in Urlaub fahren will, das schlägt ja wohl dem Fass den Boden aus“, ereiferte sich die zweifache Mutter und Gelegenheitsjournalistin.

Auch Helga schien überrascht: „Was? Ich denke, ihr habt für euch vier eine Kreuzfahrt im Mittelmeer gebucht?“

Etta füllte ihr Glas zum dritten Mal, nahm jetzt aber nur einen Schluck und bestätigte: „Haben wir, haben wir. Bereits im April. Die Kinder und ich sollen auch fahren, aber ohne ihn. Angeblich braucht er einfach einmal seine Ruhe und muss weg von Büro und auch Familie. Sonst bricht er zusammen, der arme Kerl. Vom Burn-out-Syndrom bedroht, wie er meint. Geht es deinem Hanno vielleicht ähnlich?“

„Wenn du ihn fragst, dann ganz bestimmt“, lachte Helga Altmann, „aber wir urlauben schon lange getrennt. Mark ist ja schon erwachsen und studiert jetzt im ersten Semester in Marburg und Doreen und ich, wir fliegen ohnehin meist im Herbst nach Gran Canaria und waren jetzt im Sommer gerade zwei Wochen bei meinen Eltern auf Usedom. Hanno fährt ja mit seiner Golftruppe viermal im Jahr für jeweils eine Woche irgendwohin. Mir auch egal. Zwischen uns läuft eh nichts mehr.“

„Eben, genau wie bei uns. Zum Juristenempfang, Sportlerball oder sonstigen offiziellen Gelegenheiten wird die heile Familie präsentiert, sich ins rechte Licht gesetzt und ansonsten in der Gegend rumgefickt“, ereiferte sich Etta und nahm den letzten Schluck aus ihrer Schale, während ihre Freundin gerade ihr erstes Gläschen geleert hatte.

„Aber jetzt habe ich die Schnauze voll“, fuhr sie nicht so ganz damenhaft fort, während sie die fast geleerte Flasche mit erhobenem Arm kreisen ließ. „Jetzt lass ich es genauso krachen. Da werden sich noch einige wundern. Solltest du dir auch mal überlegen, Schätzchen!“

Überlegt hatte „Schätzchen“ sich das auch bereits. Mehrfach, um nicht zu sagen, fast täglich.

Aber sie war etwas anders gestrickt, als ihre Freundin Etta. Zwar hatte auch sie es – wer will es ihr verdenken – nicht nur einmal außerehelich bereits krachen lassen. Aber nur zur Befriedigung ihres Hormonhaushaltes und Selbstwertgefühls. Und nur mit Männern, deren Diskretion sie sich sicher sein konnte. Aber es war nur einer dabei, der ihr tatsächlich was bedeutet hatte und der, der stand nicht mehr zur Verfügung, weil ihn sein beruflicher Werdegang nach Amerika geführt hatte. Ihre Gedanken drohten abzuschweifen – hin zu ihrem verflossenen Liebhaber, einem Investmentbanker – als Ettas Stimme sie in die Gegenwart zurückrief.

„Gib schon dein Glas her, die nächste Flasche rollt an!“

Die vierzigjährige Helga Altmann trank gehorsam aus und hielt das geleerte Glas ihrer vier Jahre älteren Freundin hin. Wenn Etta erst so ins Fahrwasser geriet, dann gab es kein Halten mehr. Das kannte sie. Und das kannte auch der Betreiber der angesagtesten Lokalität weit und breit, das eigentlich Café, Weinlokal, Spezialitätenrestaurant und Biergarten in sich vereinigte und demnächst auch noch eine Kellerbar erhalten sollte. Wenn Etta und ihre Damen vom Stammtisch „Ladies Power“ sich trafen, dann klingelte es in der Kasse. Eilfertig trabte er heran, die bereits geöffnete Flasche im frischgefüllten Kühler. „Sehr zum Wohl, meine Damen“, mit diesen Worten entfernte sich Bogomil Hämmerle, der seinen Vornamen nun so gar nicht leiden konnte, weshalb er von Freunden nur kurz „Bo“ genannt wurde.

Etwas später am Abend – und einige Drinks weiter – musste Etta v. Tarla-Hippenstedt in vergrößerter Runde erfahren, dass ihre Stammtischschwestern auch so ihre Probleme hatten. Größere als sie selbst, wie sie schließlich zugestehen musste.

„Ach, Ladies, ihr habt Sorgen“, erlaubte sich die, mit sechsundzwanzig Jahren Jüngste im Bunde, sie zu unterbrechen. Erika Boll hatte in diesen elitären Club eigentlich nur Aufnahme gefunden, weil sie Etta und Helga und auch zwei weitere Damen in dem überteuerten Salon eines Starfriseurs bedienen durfte, wenn der Meister ausfällig war, was aufgrund seines Hanges zu Prickelwasser und Schneepulver immer häufiger der Fall war. Als die Damen der Gesellschaft dann auch noch – und das übereinstimmend – der Meinung waren, dass Erika sie besser stylte, als der hochgerühmte Haarkünstler, überredeten sie sie, sich selbstständig zu machen, zumal sie ihre Meisterprüfung bereits in der Tasche hatte.

„Wieso mph?“ Etta hatte bereits leichte Schwierigkeiten, sich klar zu artikulieren. „Dir geht’s doch gut. Dein Kerl hat sich am Brückenpfeiler verabschiedet. Kinder hast du keine … mph, dafür aber einen einträglichen Salon.“

„Ja, noch“, seufzte das Küken, wie sie von den älteren Stammtischschwestern immer einmal wieder tituliert wurde.

„Was ist?“, wandte sich Helga Altmann erst an Erika, dann an die insgesamt mittlerweile versammelten sechs Damen, die sich am Stammtisch untereinander als Ladies oder Members zu bezeichnen pflegten. „Nun lasst uns doch erst mal hören, was für Sorgen unsere Erika plagen?“

Endlich konnte diese sich der Aufmerksamkeit der anderen sicher sein und begann, von Schluchzen unterbrochen, zu berichten.

Dass ihr Göttergatte nur Schulden hinterlassen hatte, als er sich nach der neuesten Pleite mit einer EDV-Dienstleistung mitsamt dem noch nicht bezahlten BMW um einen Brückenpfeiler gewickelt hatte, war bekannt. Deshalb hatte ihr die Anwältin unter den Mitgliedern auch geraten, die Erbschaft auszuschlagen, was sie auch tat. Allerdings hatte sie vergessen zu erwähnen, dass sie für seine letzte Idee und den dafür benötigten Kredit als Bürgin eintreten muss.

Aus dieser Bürgschaft wurde sie nunmehr in Anspruch genommen. Dazu kam noch die Tatsache, dass sie diese Verpflichtung bei ihrem Kreditantrag für den eigenen Frisiersalon zu erwähnen vergaß. Nicht einmal aus Berechnung, sondern schlicht aus Vergesslichkeit. Die Bank allerdings nahm diese Tatsache jetzt zum Anlass, den Kredit zu kündigen und die Rückzahlung sofort fällig zu stellen.

Betretenes Schweigen breitete sich für einen Moment aus, bis dann alle gleichzeitig ihr Mitgefühl bekundeten. „Schade, dass Nadine nicht da ist, die sollte dir doch helfen können“, machte Helga Altmann einen ersten Vorschlag.

„Quatsch“, kam es – schon ziemlich undeutlich – aus Ettas mit neuen Porzellankronen versehenem Munde, „da kann unsere Scheidungstante auch nicht helfen. Um wie viel geht es denn?“

„Insgesamt?“ Fast schamhaft leise erfolgte die Rückfrage von Erika.

„Natürlich, alles was du an Schulden hast!“

„Zweihundertzwanzigtausend Euro.“

Während Helga einen überraschten Laut hören ließ, schwiegen die restlichen Damen. Bis auf Etta, die sich mit einem weiteren großen Schluck stärkte, das geleerte Glas vor sich auf dem Tisch abstellte und erneut die wiederum leere Flasche aus dem Kühler nahm und kreisen ließ, dabei aber gleichzeitig feststellte: „Na, das ist ja überschaubar.“ Sie vergewisserte sich vorsorglich, dass der Wunsch nach Nachschub an flüssiger Nahrung angekommen war und meinte dann locker, wenn auch leicht lallend: „Hi, Anne, da musst du deinen Olaf anstoßen, dass sollten doch für ihn kleine Fische sein!“

„Ja, klar doch, für was hast du einen Banker geheiratet?“, kommentierte Henni, die durchtrainierte Kampfsportlerin, die richtig Henriette Hähnlein hieß, was ihr schon immer Kummer bereitet hatte. Besser zu ihr passte schon ihr Geburtsname, der da „Eisenhart“ lautete. Und eisenhart konnte sie auch sein, wenn es darauf ankam. In manchen, meist den sogenannten besseren Kreisen, war sie nur unter ihrem Künstlernamen „Madame Chantal“ bekannt. Auch sie hatte vor fast zwanzig Jahren, jung und unerfahren, den Fehler begangen, den falschen Mann zu heiraten, der auch wenig vom Arbeiten hielt, aber viel für Geld übrig hatte. Was schließlich dazu führte, dass er sie, nachdem sanfter Druck nicht reichte, ganz massiv, auch unter Einsatz körperlicher Gewalt, zum Anschaffen auf die Straße schickte.

Dann – nach einigen Jahren – war ihr ehelicher Zuhälter plötzlich verschwunden und tauchte erst Tage später, als Wasserleiche in der Elbe treibend, wieder auf. Der oder die Täter wurden nie ermittelt. Eine Abrechnung im Milieu, hieß es und schließlich wurde die Akte geschlossen. Henriette aber beschloss nun ihre erworbenen Kenntnisse zu nutzen, ohne sich selbst benutzen zu lassen und eröffnete kurz darauf in einer kleinen Mietwohnung in einem anonymen Hochhaus ihr erstes Domina-Studio. Mittlerweile hatte sie eine kleine Villa in der Sierichstraße gemietet und beschäftigte jetzt auch einige Damen, die sie in ihrer verantwortungsvollen Tätigkeit tatkräftig unterstützten. Sie selbst behandelte, besser gefiel ihr der Ausdruck therapierte, nur noch die Creme de la Creme.

Annemarie Felten hob die Hand und wartete einen kleinen Moment, bis Ruhe eingekehrt war, was deshalb etwas länger dauerte, weil der Wirt und einer seiner Kellner die nächsten Einheiten an flüssiger Verstandsnahrung servierten. Endlich konnte sie, nach bedauerndem Kopfschütteln, vorbringen, dass es ihr Olaf wohl kaum richten würde. „Tut mir schrecklich leid, Ladies, aber meinen Olaf könnt ihr insoweit vergessen. Der hat genug Sorgen mit sich selbst.“

„Äh, wieso denn das?“, fragte Helga Altmann überrascht nach.

„Na, ich hatte doch angefragt, ob wir die Frau von dem Staatsrat Hammerschmidt bei uns aufnehmen, was ihr ja abgelehnt habt.“

„Das war doch wohl auch ein Witz … mph … oder was?“ Ettas promillebedingte Sprachprobleme waren nicht mehr zu überhören. „Diese dürre Gi… Giraffe mit ihrem grrmh Faltenhals … Das geht doch gar nicht.“

„Stimmt, hast du – habt ihr ja alle recht mit eurer Ansicht. Aber die Bank hat jetzt, ganz aus heiterem Himmel, eine Steuerprüfung bekommen … und, naja, offenbar haben die auch was gefunden; und Olaf gibt jetzt mir die Schuld.“

„Das ist ja ein Hammer, genau wie bei mir!“ Dieser Satz entfuhr, gar nicht geplant, sondern mehr aus der Überraschung geboren, Helga Altmann, die daraufhin einen kräftigen Stoß von ihrer Freundin Etta erhielt. Begleitet von den nur noch schwer verständlichen Worten: „Was, äh … mmh, wieso weiß ich nichts da … äh … von?“

Nun war es zu spät, jetzt musste Helga mit der Sprache heraus. Sie stärkte sich mit einem kräftigen Schluck und erklärte: „Genauso wie die Hammerschmidt-Stute mit ihrem knochigen Gerippe und ihrem Pferdegebiss haben wir“, sie unterbrach sich, „habt ihr doch auch die Aufnahme von Heidelinde Bollmann abgelehnt. Ihr erinnert euch?“

„Klar doch – und ob – die passt doch auch wirklich nicht zu uns.“ So und ähnlich kamen die Bestätigungen der Ladies. „Soll das etwa heißen, dass dein Hanno und Ettas Falk jetzt auch das Finanzamt auf den Hals gehetzt bekommen haben?“, kombinierte die Journalistin und Buchautorin Rita Schaller, bereits eine tolle Story von Behördenfilz und Amtsmissbrauch witternd.

„Nein, das nicht, aber Bollmann, der ja Falk und Hanno laufend die Kaufverträge anschleppt, der will sich einen neuen Notar suchen. Und“, setzte sie jetzt noch hinzu, „wenn das passiert, will Hanno mir die Kohle zusammenstreichen.“

Erneut ereiferten sich die Ladies über ihre und auch die Männer im Allgemeinen. Ein ohnehin unerschöpfliches Thema.

Was sie alle nicht bemerkten, war eine allein an einem entfernten Tisch sitzende, teuer gekleidete, aber ansonsten eher alles andere als einen Blickfang darstellende Frau. Seit zwei Stunden saß sie da auf ihrem Platz an einem kleinen Tisch, in einer kaum einsehbaren Nische der Terrasse, von dem sie zwar einen Blick auf den Tisch der Ladies erhaschen, von diesen aber kaum gesehen werden konnte.

„Da müssen wir gegenhalten. Außerdem habe ich eine Neuigkeit für euch alle, die wir aber in Ruhe diskutieren müssen. Ich schlage daher vor, dass ich eine Rundmail noch heute herausgebe und wir uns am Donnerstag gegen neunzehn Uhr hier wieder treffen. Bis dahin sollte jede sich überlegen, was wir für Anne und Helga – und natürlich auch für Erika – unterstützend tun können?“ Rita Schaller schaute in die Runde und nahm zufrieden die allgemeine Zustimmung der Ladies zur Kenntnis. Kurz darauf verabschiedeten sich die Damen und zahlten. Bei der nicht mehr ganz auf sicheren Beinen stehenden Etta von Tarla-Hippenstedt dauerte alles etwas länger. Dann stolzierte auch diese Richtung Parkplatz hinaus.

Mit Befriedigung nahm dies die einzelne Frau in der Nische zur Kenntnis, erhob sich und trat ins Licht, als sie ihre zwei getrunkenen Mineralwässer bezahlte. Ein langes, irgendwie abweisend wirkendes, Gesicht mit kalten, graublauen Augen, trotz teuerster Friseurbesuche strohig aussehendem, mehr gelb als blond wirkendem Haar saß auf einem langen, dürren und von Falten durchzogenen Hals. Darunter eine hochgewachsene, knochige Gestalt, die weder Busen, noch Po auch nur erahnen, sondern Erinnerungen an eine hölzerne Wäschestütze aufkommen ließ. Ein hämisches Grinsen legte sich auf ihre maskulin wirkenden Gesichtszüge, als sie Etta auf unsicheren Beinen ihr rotes Mercedes-Cabrio ansteuern sah.

Bei diesem, in teurer Damengarderobe daherkommenden Wesen handelte es sich um Dr.Sieglinde Hammerschmidt-Blume, die Gemahlin von Dr.Peter Hammerschmidt, dem Staatsrat im Finanzresort, dem gute Chancen nachgesagt wurden, demnächst seinen Chef als Finanzsenator abzulösen, der sich altersbedingt zurückziehen wollte.

Frau Dr. jur. Hammerschmidt-Blume, geb. Blume, gehörte seit Geburt dem Hamburger Geldadel an. Ihr Urururgroßvater, Aaron Blume, hatte zu Kaiser Wilhelms Zeiten das Bankhaus Blume gegründet, das dann in den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts von den Nazis umbenannt wurde, nachdem der damalige Inhaber, ihr Urgroßvater, noch rechtzeitig nach Amerika emigrieren konnte, als er die Bank an ein Konsortium hoher Parteifunktionäre zu einem Spottpreis verkaufen musste. Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg hatten dann ihr Urgroßvater und dessen Sohn, ihr Großvater, gemeinsam mit einem anderen Emigranten, Carl Silberzweig, das „Bankhaus Blume, Silberzweig & Söhne“ neu an alter Wirkungsstätte am Ballindamm eröffnet. Vorausschauend rechtzeitig zur Währungsreform, was wohl den schnellen Aufstieg der Bank und die überaus erfreuliche Vermögensmehrung der Inhaber erheblich beschleunigt hatte. Auch heute noch war die Bank, die jetzt als „Bankhaus Blume, Silberzweig, Kropf Nachfolger KG a. A.“ firmierte, ein überaus renommiertes Geldinstitut, dass sich seine Kunden nicht nur aussuchen konnte, sondern es auch tat. Wer bei dieser altehrwürdigen und über alle Skandale erhabenen Privatbank seine Konten führte, war allein deshalb über jeden Zweifel – zumindest, was seine Kreditwürdigkeit betraf – erhaben. Allein deshalb hatte auch die vierzigjährige Sieglinde nicht den geringsten Zweifel, dass sich die Damen des derzeit bedeutendsten Damen-Stammtisches um ihre Aufnahme reißen würden. So verstand sie die Welt nicht mehr, als ihr Etta v. Tarla-Hippenstedt mitteilte, dass es für ihre Aufnahme nicht das erforderliche einstimmige Votum der Ladies gegeben habe. Es dauerte eine ganze Weile, bis die, nun wirklich alles andere als begriffsstutzige, zukünftige Erbin eines der größten Vermögen der Hansestadt erfasste, dass sie abgewiesen worden war. Ihr ohnehin nicht gerade schönes Gesicht verzerrte sich zu einer hässlichen Fratze, als sie, rot angelaufen und mit Tränen der Wut in den Augen verkündete: „Dann eben nicht! Wer eine Dr.Sieglinde Hammerschmidt-Blume derart zurückstößt, sollte es sich auch leisten können. Können Sie das wirklich?“

Seit diesem Tage sann sie auf Rache. Diese Schmach erforderte drastische Vergeltung. Dass die Ablehnung nicht nur ihrer äußeren Erscheinung, wie sie vermutete, zuzuschreiben war, sondern – und als wichtigstem Grund – auch ihrem herrschsüchtigen und stets fordernden und andere herabwürdigenden Verhalten, auf diesen Gedanken wäre die, zwar hochintelligente, aber absolut kritikresistente Egomanin nie gekommen.

Auch ahnte sie nicht, dass Dr.Peter Hammerschmidt vor zehn Jahren lange, schlaflose Nächte mit sich gerungen hatte, dann aber dem Wunsch nach politischer Karriere und reichlichem Geldsegen erlegen war. Immerhin war die Ehe auch nach zehn Jahren kinderlos geblieben. Eine Tochter als jüngeres Ebenbild der Xanthippe von Mutter hätte er auch nicht ertragen. Auch so überfiel ihn immer wieder ein kalter Schauer des Gruselns, wenn er sich nach einem langen Tag, mit netter abendlicher Gesellschaft, dann doch neben Sieglinde ins Bett legen musste. Jedenfalls versuchte sie nicht mehr, ihn zum ehelichen Beischlaf zu bewegen, was seine bereits aufgekommenen Suizidgedanken seltener werden ließ.

Dafür hatte sie ihm jetzt ihr Leid geklagt, was ihr mit der Verweigerung ihrer Aufnahme in den Damenstammtisch, von dem die ganze Hansestadt sprach, angetan worden war. Etwas Ruhe hatte der geplagte Mann sich damit erkauft, dass er eine Steuerprüfung bei der von Dr.Olaf Felten geleiteten „Hanseatischen Bürger- und Geschäftsbank“ auf Umwegen angestoßen hatte. Sieglinde meinte nämlich, dass dessen Frau Annemarie, hinter ihrer Ablehnung steckte.

Diese hatte jetzt hoffentlich Ärger bekommen. Nicht genug, aber immerhin. Jetzt sollte Etta von Tarla-Hippenstedt büßen. Wie kalt hatte diese dumme Schnepfe sie abgefertigt?

Aber jetzt war sie dran. Ein von Herzen kommendes, boshaftes Auflachen konnte Sieglinde kaum unterdrücken, als Etta startete und mit Mühe die schmale Ein- und Ausfahrt passierte.

Dr.Sieglinde Hammerschmidt-Blume folgte ihr in ihrem grünen BMW-Coupé und nestelte in ihrer Handtasche nach dem Prepaid-Handy, das sie sich beim letzten Flohmarktbesuch geleistet hatte. Sicher geklaut und nur noch zwei Euro Guthaben, aber für den beabsichtigten Zweck bestens geeignet, da Rückschlüsse auf sie vermieden wurden. Ihr eigenes Handy oder auch das Autotelefon konnte sie natürlich nicht benutzen um die Polizei zu verständigen. Zumindest nicht anonym, da auch bei Rufnummernunterdrückung bei den Notrufzentralen die Klarnummer des Anrufers auf dem Display erschien, wie sie als Juristin nur zu genau wusste.

Sie tippte und vergewisserte sich, dass die Zahlen 110 auf dem Handy aufleuchteten. Kaum war der grüne Hörer gedrückt, da meldete sich bereits nach dem ersten Freizeichen eine weibliche Stimme: „Polizeinotruf!“

„Ja, ich wollte nur melden, dass vor mir ein rotes Mercedes-Cabrio in Schlangenlinien unterwegs ist!“

„Ja, und wer sind Sie?“, klang die Stimme der Einsatzleitstelle der Polizei aus dem Mobiltelefon.

„Das tut nichts zur Sache. Hauptsache, Sie holen diese Person von der Straße!“, verweigerte Sieglinde die Auskunft und gab noch das Kennzeichen des Mercedes, sowie ihren Standort, durch und unterbrach die Verbindung. Sie überlegte kurz und entschloss sich dann, dem roten Sportwagen weiter zu folgen. Dass die Polizei Etta stoppte und pusten ließ und dann ja zur Blutentnahme auf die Wache bringen würde, das wollte sie sich nicht entgehen lassen.

Oh, was war das denn? Sieglinde war der festen Meinung, dass die angeschickerte Etta doch wohl auf dem Heimweg nach Bönningstedt wäre, aber wieso bog die dann jetzt ab? Wenn die jetzt ganz woanders hinführe, dann würde die Polizei sie ja vielleicht gar nicht schnappen. Oh wie gut, dass sie ihrem Impuls gefolgt und ihr weiter nachgefahren war. Sie griff nach ihrer teuren Handtasche und suchte das Flohmarkthandy. Wo war das verdammte Ding nur? Ah, da! Während ihrer Suche hatte sie allerdings mehr in ihre sündhaft teure Designertasche geschaut, als auf die Straße geachtet und nicht gemerkt, dass sie mit ihrem Auto immer weiter nach rechts an den Fahrbahnrand geriet. Gerade richtete sie den Blick wieder auf die Straße, da knirschte es auch schon hässlich. Oh nein, nun hatte sie doch tatsächlich einen parkenden Wagen gerammt. Sie blickte in den Spiegel. Ach, so eine alte Blechschaukel. Natürlich würde sie gleich umkehren und ihre Karte hinter den Scheibenwischer stecken, aber erst einmal die Polizei auf den Umstand hinweisen, dass der rote Mercedes jetzt abgebogen war. Sie drückte die Wahlwiederholung, als sie auch schon im Spiegel ein blaues Flackern bemerkte. Ach, da ist die Polizei ja schon, freute sie sich. Gleichzeitig meldete sich die Einsatzleitstelle: „Polizeinotruf!“

„Äh, ja, ich bin es nochmal, der rote Mercedes ist Richtung Innenstadt abgebogen und …“ Sie legte auf, als sie das zuckende Blaulicht direkt hinter sich bemerkte und der Streifenwagen jetzt auch sein Martinshorn aufjaulen ließ. Da schor der blau-silberne VW-Variant auch schon aus, überholte ihren BMW und – sie glaubte es ja nicht – aus dem rechten Seitenfenster kam ein Arm mit Kelle heraus und forderte sie zum Anhalten auf. Gleichzeitig bremste der Polizeiwagen stark ab, so dass sie ebenfalls bremsen musste, wenn sie nicht auffahren wollte.

„Die Bullen sind ja noch blöder, als ich gedacht habe“, murrte sie halblaut vor sich hin.

Da öffnete sich die rechte Tür des Passats und ein Beamter stieg aus. Gemächlichen Schrittes näherte sich der noch junge Mann in seiner dunkelblauen, fast schwarz wirkenden Dienstkleidung, die eigentlich nicht mehr wie eine Uniform aussah, sondern sie eher an einen Mechaniker im Blaumann oder einen Wachmann denken ließ. Eine weiße Mütze setzten die Burschen heutzutage wohl auch nicht mehr auf. Schrecklich dieser Verfall der Sitten, ging ihr durch den Kopf. Sie ließ die Scheibe runter und fuhr den jungen Beamten an: „Wieso halten Sie mich an? Da vorn, gleich links, ist die betrunkene Frau mit dem roten Mercedes abgebogen. Da müssen Sie hinterher. Nun machen Sie schon!“

Die eben noch neutral, fast freundlich wirkenden Gesichtszüge des schlanken Mannes mit den kurzgeschnittenen, blonden Haaren veränderten sich schlagartig. Ein ironisches Grinsen glitt über sein Gesicht, als er etwas lauter als nötig erwiderte: „Ich mache gar nichts. Sie machen, und zwar als erstes den Motor aus. Dann reichen Sie mir Führerschein und Fahrzeugschein und danach steigen Sie aus!“

Sieglinde glaubte nicht richtig zu hören. „Ja, was fällt Ihnen denn ein? Sie wissen wohl nicht, wer ich bin?“

„Nein, aber gleich werde ich es wissen“, kam es unfreundlich zurück. Gleichzeitig griff er in das Fahrzeug, drehte den Zündschlüssel um und zog ihn aus dem Schloss.

„Sind Sie jetzt total verrückt geworden?“, fauchte Sieglinde, „das wird Sie teuer zu stehen kommen!“

Der Beamte winkte in Richtung Funkwagen und meinte gleichzeitig in geradezu herablassendem Tonfall: „Teuer mag stimmen, aber für Sie und jetzt raus aus dem Wagen, oder ich helfe nach!“

Sieglinde verschlug es die Sprache, was seit Jahr und Tag nicht mehr vorgekommen war. Halt, stimmt ja nicht. Erst vor wenigen Tagen, als der Stammtisch „Ladies Power“ sie abgelehnt hatte.

Mittlerweile hatte der zweite Beamte seinen Kollegen erreicht. „Was gibt’s?“

„Diese Dame beliebt sich für etwas Besseres zu halten. Ich habe ihr schon den Schlüssel abgenommen, weil sie den Motor trotz mehrmaliger Aufforderung nicht ausgemacht hat. Papiere hat sie auch nicht rausgerückt und aussteigen will sie wohl auch nicht freiwillig.“

„Na, wenn’s weiter nichts ist, das haben wir gleich!“ Er öffnete die Tür, packte die Frau am linken Oberarm und zog sie aus dem Wagen.

„Aua, Sie Flegel, Sie tun mir weh!“, empörte sich Sieglinde Hammerschmidt-Blume. „Das ist Körperverletzung im Amt. Ich werde Sie anzeigen. Sie sind die längste Zeit Polizist gewesen. Darauf können Sie sich verlassen, Sie Rüpel!“

Der große, gut über einen Meter und neunzig messende und wohl auch an die neunzig Kilo schwere Beamte musterte sie mit abfälligem Blick von oben bis unten und fuhr sie dann an: „Jetzt halten Sie endlich die große Klappe, sonst lege ich Ihnen Handschellen an!“

„Was? Das, das wagen Sie nicht. Ich bin Dr.Sieglinde Hammerschmidt-Blume!“ Triumphierend blickte sie zu ihm hoch.

„Schön für Sie, und ich bin Polizeiobermeister Bernd Bühse und werde langsam sauer. Verstanden?“

„Wenn wir schon bei den Vorstellungen sind, ich bin Wolf Winkler, Polizeioberkommissar, und fordere Sie letztmalig auf, mir Führerschein und Fahrzeugschein auszuhändigen!“

„Haben Sie nicht gehört, ich bin Frau Dr.Hammerschmidt-Blume. Mein Mann ist der Staatsrat im Finanzresort.“

„Ja und? Kann ich was dafür?“, lautete die jetzt auch unfreundliche Erwiderung.

Dann wandte er sich an seinen Kollegen. „Hol ihre Tasche aus dem Wagen, aber erst hier öffnen!“ Kurz darauf durchsuchte der Oberkommissar die Tasche nach den Papieren, fand diese schließlich in einer ebenfalls teuren Hülle aus feinstem Leder und stellte fest: „Na also, Ihre Angaben zur Person stimmen ja jedenfalls. Haben Sie überhaupt begriffen, weshalb wir Sie angehalten haben?“

Sieglinde guckte verwundert. „Natürlich, wegen des roten Mercedes! Aber der ist ja jetzt weg. Das haben Sie fein hingekriegt. Alle Achtung, kann ich da nur sagen!“

Die beiden Polizisten wechselten einen verdutzten Blick.

„Von einem roten Mercedes wissen wir nichts. Interessiert uns auch nicht. Wir haben Sie angehalten, weil Sie einen anderen Wagen angefahren haben und einfach weitergefahren sind. Das nennt man Unfallflucht und wird in der Regel mit Geldstrafe und Führerscheinentzug geahndet.“

„Wie bitte? Das ist doch nur passiert, weil ich nach meinem Handy gesucht habe, um ihrer Kollegin, die ich bereits auf die angetrunkene Fahrerin hingewiesen habe, mitzuteilen, dass der Mercedes abgebogen ist.“

Sieglinde schwante plötzlich, dass Sie wohl an die Falschen geraten war. Die beiden ließen sich nicht davon beeindrucken, wer sie war.

„Das wird sich doch alles aufklären lassen“, versuchte sie jetzt freundlich zu werden.

„Wird sich ganz sicher. Sie steigen jetzt bei uns ein und alles Weitere regeln wir auf der Wache“, lautete die weniger freundliche Antwort.

Etta von Tarla-Hippenstedt hatte von alledem nichts mitbekommen. Mit einem Mal war ihr der Einfall gekommen, dass der Abend doch noch nicht enden brauchte. Meist immer, wenn sie zu viel flüssigen Seelentröster zu sich genommen hatte, benötigte sie entweder seelischen oder auch körperlichen Trost. So wie auch heute. Also machte sie einen Ad-hoc-Termin bei Ben, den sie so alle Woche einmal aufzusuchen pflegte. Psychologen waren fast genauso teuer, schwafelten aber für ihr teures Honorar nur rum, wie sie bei mehreren Versuchen festgestellt hatte. Ben hingegen war sein Geld wert – und zwar in jeder Beziehung. Gut zureden konnte er ihr allemal besser und in seinem Bett lag es sich auch schöner. Also nahm sie einen entsprechenden Kurswechsel vor und ersparte sich damit einigen Ärger, wie sie gut drei Stunden später feststellen durfte.

Ja, Ben, der achtundzwanzigjährige Student der Philosophie, hatte seine eigene Lebensphilosophie längst gefunden. Mit dem Studium ließ er es langsam angehen, denn in einer späteren Anstellung würde er kaum mehr verdienen, als jetzt. Und mehr Spaß hatte er so ohnehin. Also, solange er Spaß an der Sache hatte und sich seine Kundinnen aussuchen konnte, nach Gefallen und Entlohnung seiner Leistungen, was sprach dagegen? Eigentlich nichts, befand er, denn konditionell war er absolut auf der Höhe. Nach etwas schweißtreibender, körperlicher Betätigung, vier Tassen kräftigem Mocca, den der junge Mann hervorragend zu brauen pflegte, befand er, dass Etta es verdient hätte, von ihm mit ihrem Wagen nachhause gefahren zu werden. Diese erhob, zu ihrem Glück, keinen Einspruch, sondern legte noch einen grünen Lappen mit zwei Nullen drauf. Gut angelegtes Geld, wie sie bei ihrer Ankunft in Bönningstedt feststellen durfte.

In der Nähe ihres großzügigen Grundstückes mit langer, kiesbestreuter Auffahrt zum weißen Bungalow mit angebauter Doppelgarage stand ein Polizeiwagen. Dieser setzte sich in Bewegung, als Ben das rote Cabrio die Auffahrt passieren ließ und kaum, dass der Mercedes in der rechten Garagenhälfte geparkt war, war auch der Streifenwagen vorgefahren und ein schon etwas älterer Beamter stieg aus und näherte sich.

„Nanu, was will denn die Polizei von dir, Etta?“, fragte Ben verwundert tuend.

„Keine Ahnung“, verkündete diese, jetzt wieder einigermaßen fest auf ihren Füßen stehend.

„Polizeihauptmeister Scholz“, stellte sich der etwa fünfundvierzigjährige Beamte vor, „wir haben den Hinweis erhalten, dass ihr Fahrzeug in Hamburg, im Bereich der Außenalster, auffällig bewegt worden ist. Da die Hamburger Kollegen den Wagen nicht auffinden und anhalten konnten, bin ich jetzt hier, um den Sachverhalt zu klären. Sie sind doch Frau v. Tarla-Hippenstedt, die Halterin des Mercedes?“

„Allerdings. Worum geht es denn?“ Sie stutzte: „Ach so, weil ich bei meinem … äh … Freund hier, das eine oder andere Glas Champagner zu mir genommen habe? Da haben Sie Pech, Herr Wachtmeister, darum eben hat Ben mich ja gefahren.“

„So ist es“, bestätigte dieser eilfertig.

„Nun ja, das habe ich auch gesehen“, räumte Polizeihauptmeister Scholz ein, „aber vorher, da hatten Sie nichts getrunken?“ Er sah Etta genau in die Augen.

„Nein, wenn ich fahre, trinke ich nie!“, behauptete diese steif und fest.

„Von wo sind Sie denn gekommen, als die Anruferin oder auch der Anrufer, das weiß ich nicht so genau, ihre unsichere Fahrweise gemeldet hat?“

Etta lachte laut auf: „So nicht, Herr Polizist, so fragt man Leute aus. Das geht Sie gar nichts an. War’s das? Dann schönen Tag noch!“

Was sollte er machen, der Beamte? Recht hatte sie ja. Es ging ihn wirklich nichts an. Und der junge Kerl, der war ja tatsächlich gefahren. Sicher so ein Callboy, der sich mit seinem naturgewachsenen Arbeitsgerät einen schönen Lenz machte. Erst bei dem Gedanken bekam sein Gesicht einen mürrischen Ausdruck. So schlecht sah die Alte doch gar nicht aus, da hätte er sich doch auch nochmal, ohne finanzielle Interessen, geopfert. Aber in den Kreisen, da hatte man als kleiner Polizist wohl keine Chancen. Mit diesen Gedanken fuhr er los und erstattete auf der Heimfahrt zur Station Bericht.

Etta ihrerseits aber überlegte noch lange, wer ihr hier die Bullen auf den Hals gehetzt hatte? Von den Ladies war es keine gewesen, da war sie sich sicher, aber wer denn dann?

Währenddessen hatte diejenige, der Etta den Besuch des doch eigentlich ganz freundlichen Polizisten Scholz zu verdanken hatte, es mit wesentlich rüpelhafteren Beamten, zumindest ihrer maßgeblichen Meinung nach, zu tun. So eine Behandlung war eine Dr. jur. Sieglinde Hammerschmidt-Blume nicht gewöhnt. Weiß Gott nicht! Alles in ihr schrie förmlich nach Vergeltung.

Kaum hatte sie das Polizeikommissariat 29 in der Sierichstraße betreten, verlangte sie lauthals den Chef zu sprechen. „Alles zu seiner Zeit. Jetzt setzen Sie sich erst einmal hier hin und mäßigen sich. Dann nehmen wir Ihre Personalien auf und danach können Sie sich zur Sache äußern. Bis dahin können Sie sich ja auch überlegen, ob Sie mit einem Atemalkoholtest einverstanden sind?“, fuhr der lange Flegel von Polizist sie an.

„Ich denke ja gar nicht daran. Jetzt holen Sie mir sofort Ihren Vorgesetzten, Sie Lümmel!“, keifte Sieglinde zurück, was ihr die Aufmerksamkeit der weiteren Beamten im Raum einbrachte.

„Holla, was habt ihr denn da für einen Vogel aufgegabelt, Bernd“, fragte eine jüngere Frau, die auf die Tastatur eines Computers einhämmerte.

„Ein ganz besonderes Exemplar, weit entrückt von uns normal Sterblichen. Schrammt fremde Autos, hält es aber nicht für nötig anzuhalten. Faselt aber was von Staatsrat als Ehemann, als ob ihr das hier Sonderrechte einräumt. Will den Chef sprechen. Ist ja vielleicht auch besser. Ist Kalle da?“

Die junge Frau mit den dunkelbraunen, zum Pferdeschwanz gebundenen Haaren nickte. „Ich hole ihn!“

Kurz darauf kehrte die kleine Polizeimeisterin mit dem Dienstgruppenleiter, wie der Wachhabende heute korrekt bezeichnet wird, im Schlepptau zurück. Dieser, ein etwa fünfzigjähriger, großer und schwergewichtiger Mann mit vollem dunklen Haar, das mit grauen Strähnen durchsetzt war, guckte interessiert auf die lange, dürre Frau, die ihm erwartungsvoll entgegenblickte.

„Was gibt es, das meine Anwesenheit hier erforderlich macht? Werdet ihr mit einer Frau – das ist doch eine Frau, wie ich vermute – die Unfallflucht begeht, nicht mehr allein fertig?“

„Was erlauben Sie sich? Natürlich bin ich eine Frau. Ich bin Frau Doktor Sieglinde Hammerschmidt-Blume!“ Erwartungsvoll blickte sie ihn an. Die Antwort allerdings fiel beileibe nicht so aus, wie sie es erwartet hatte.

„Schön, wenn Sie das sagen. Das ändert aber nichts daran, dass Sie hier sind, weil Sie einer Straftat verdächtigt werden, nämlich der Verkehrsunfallflucht gemäß §142 Strafgesetzbuch.

Ich weise Sie darauf hin, dass alles, was Sie von jetzt an sagen, gegen Sie verwendet werden kann. Wenn Sie einen Anwalt wünschen, können Sie gern anrufen. Sie brauchen sich zur Sache auch nicht äußern oder können dies über einen Rechtsanwalt tun.“

Damit drehte er sich um und wandte sich an die Beamten, die Sieglinde hereingebracht hatten. „So und nun macht weiter, wie es sich gehört. Wenn Verdacht auf Trunkenheit besteht, denkt an den Richtervorbehalt wegen der Blutprobe.“ Mit diesen Worten entfernte sich der Polizeihauptkommissar wieder, ohne die ihm entsetzt nachblickende Frau noch eines weiteren Blickes zu würdigen.

Immerhin schien sie das etwas – wenn auch nur kurzfristig – zur Vernunft zu bringen. Mit dem Hinweis darauf, dass sie ja schließlich selbst promovierte Juristin sei, verzichtete sie auf anwaltlichen Beistand und willigte in einen Atemtest ein, der nullkommanull Promille ergab. Daraufhin behielt sie ihre Fahrerlaubnis – zunächst – wie ihr erklärt wurde und es blieb bei der Anzeige wegen „Unerlaubten Entfernens vom Unfallort“, wie die Unfallflucht so schön im Gesetz bezeichnet wird.

Donnerstag, kurz vor neunzehn Uhr. Ein schöner Tag, auch am Abend war es noch sommerlich warm. Eigentlich ein Grund, um trotz der bald eintretenden Dunkelheit, den Tag auf der luftigen Terrasse zu verbringen. Dennoch hatten die Ladies vom Stammtisch „Ladies Power“ sich in eines der drei Hinterzimmer, von denen eigentlich das größte auch als kleiner Saal bezeichnet werden konnte, zurückgezogen. Das, was zu Erörtern anstand, war schließlich nicht für fremde Ohren bestimmt.

Nachdem Etta v. Tarla-Hippenstedt die Gesprächsrunde in ihrer Eigenschaft als Gründerin und auch ohne Wahl als Vorsitzende akzeptierte Autorität eröffnet hatte, meldete sich die junge Rita Schaller zu Wort und verkündete: „So, Ladies, bevor wir jetzt zu den Problemen von Member Erika und auch Member Helga und Anne kommen, hatte ich ja schon angedeutet, dass ich eine interessante Neuigkeit für uns alle habe. Nachdem ja schon manchmal in den hiesigen Zeitungen über uns berichtet wurde, vor allem auch über unsere Charité-Aktivitäten, ist jetzt in der Samstagausgabe der „Hamburger Allgemeinen“ ein ganzseitiger Artikel über „Ladies Power“ und dessen Members geplant.“ Rita ließ diese Worte auf die fast vollzählig erschienenen Ladies wirken.

Und ja, sie wurde nicht enttäuscht. Überall – naja, fast überall – strahlende Gesichter. „Super, Klasse, oh prima!“ So und ähnlich lauteten die Kommentare. Bis auf Erika und auch Anne und Helga, die nicht so genau wussten, ob sie sich auch freuen konnten? Erika, weil sie noch keine Lösung ihres finanziellen Problems erkennen konnte, und Helga und Anne, weil dann vielleicht noch mehr Druck seitens ihrer Ehemänner auf sie ausgeübt werden würde. Vor allem dann, wenn noch andere Ehefrauen oder auch nur derzeitige Lebensabschnittsgefährtinnen irgendwelcher, sich selbst für den Nabel der Welt haltenden, Kerle auf den Gedanken kommen würden, ihr Mann solle dafür sorgen, dass auch sie künftig zu „Ladies Power“ gehören würden.

„Aha, da hast du doch bestimmt dran gedreht, Rita“, freute sich Etta. „Das würde uns natürlich noch weiter aufwerten. Sag schon, wie soll das vonstatten gehen?“

Also berichtete die allseits beliebte Autorin und Journalistin, wie es ihr gelungen war, ihren Chefredakteur dafür zu interessieren, in der auflagenstärksten Ausgabe überhaupt, nämlich am Samstag, eine ganze Seite über „Ladies Power“, ihre Mitglieder und Aktivitäten zu bringen. „Nun, bekannt sind wir schon. Aber ich habe jetzt auch noch erwähnt, dass wir klare Regeln haben, und das fand er noch zusätzlich interessant“, erklärte Rita und lachte verschmitzt.

„So, und welche wären das?“ Diese Frage stellte, wer sonst, in etwas spitzem Ton natürlich Etta, die darüber nachzudenken begann, ob sie hier etwa übergangen worden sei?

Nun war Rita natürlich als Journalistin daran gewöhnt, auch auf Untertöne zu achten. Zudem kannte sie Ettas manchmal übergroßes Ego und parierte gekonnt. „Nichts, was völlig aus der Luft gegriffen wäre. Dass wir uns als Member oder auch Lady ansprechen, dass neue Mitglieder nur auf einstimmigen Beschluss aufgenommen werden, dass wir nicht unpolitisch, aber überparteilich sind. Tolerant und aufgeschlossen und uns natürlich auch zu wirtschaftlichen und politischen Themen äußern.“

Etta überlegte kurz und kam zu dem Schluss, sich hier nicht übergangen oder gar böse mitgespielt fühlen zu müssen. Im Gegenteil, darauf ließ sich doch aufbauen. „Sehr gut, Member Rita, damit können wir dann auch den Kerlen von Helga und Anne etwas den Wind aus den Segeln nehmen, die da glauben, dass allein die Fürsprache ihrer Frauen dazu führen kann, dass man uns irgendwelche Tanten unterjubelt, die nicht zu uns passen. Denen einfach das Niveau fehlt.“

„Sehr gut, und für das Gespräch mit uns hat Gunther, mein Boss, sich den Dienstagabend freigehalten. Einverstanden?“ Etta und mit ihr fast alle Ladies nickten und Etta legte gleich die Regeln für das Gespräch fest. „So, das hätten wir. Dann kommt der Gunther also Dienstag gegen neunzehn Uhr. Wir treffen uns dann schon eine Stunde vorher hier, in diesem Raum, damit wir uns noch kurz abstimmen.“

„Ja, ich dachte, wir wollten heute zusammenkommen, weil ihr was für mich tun wolltet?“

Etta fuhr herum. „Ach, Lady Erika, entschuldige bitte, das wäre jetzt fast untergegangen. Aber das ist doch die Lösung. Am Dienstag legen wir das Problem, gut verpackt, auf den Tisch. Vielleicht bringen wir dann ja auch die Zeitung dazu, auf deine Gläubiger einzuwirken. Von mir bekommst du“, sie überlegte kurz, „sagen wir fünf Mille.“ Ihr Blick schweifte in die Runde.

„Und ihr überlegt auch, was ihr geben könnt und bringt die Kohle mit. Wir erklären dann, dass wir den Betrag X aufbringen, wenn wir damit für unsere Member Erika einen Vergleich erreichen. Was meint ihr, Ladies?“

Erneut setzte eine hitzige Diskussion ein. Es zeigte sich, dass bei Geld zwar nicht die Freundschaft dieser im Stammtisch verbundenen Ladies aufhörte, aber doch einige gar nicht über die nötigen Mittel verfügten, größere Beträge beizusteuern, weil sie zwar alles für den täglichen Gebrauch sich leisten konnten, einschließlich eines durchaus üppigen Bewegungsgeldes, aber ansonsten die Rechnungen an den Göttergatten gingen und dieser die Hand auf der Kohle hatte.

„Also, macht, was ihr könnt, Ladies. Am Dienstag ist auch unsere Nadine da, so dass wir unser, das von mir angedachte, Vorgehen im Fall Member Erika, noch kurz auch mit ihr als Juristin abstimmen können.“

Damit gingen die Damen, zum großen Teil noch angeregt die erwarteten Möglichkeiten, sich selbst ins rechte Licht zu setzen, erörternd auseinander. Jede für sich war bereits damit beschäftigt, zu klären, wie sie sich gewanden würde, um den bestmöglichen Eindruck auf dem erwarteten Hochglanzfoto in der Presse zu hinterlassen. Einige dachten auch bereits daran, durch Wortbeiträge zu glänzen. Nur Erika, Anne und Helga waren nicht von der Euphorie angesteckt. Sie dachten mehr an ihre ureigensten Probleme, die ja keineswegs gelöst waren, sondern sich vielleicht sogar verschlimmern würden.

Ein ganz anderes Problem hatten die Ehemänner der Damen Etta und Helga in den Griff zu kriegen – aber wie? Die Herren Notare Falk v. Tarla und Hans-Georg Altmann hatten gewartet, bis auch die letzte Angestellte, wie üblich ihre Bürovorsteherin Carla Gerster, eine unscheinbare graue Maus von etwa Mitte fünfzig, aber dafür eine exzellente Fachkraft, die auch die Ausbildung der neuen Berufsanfängerinnen fast selbstständig erledigte und den Herren somit erhebliche Personalkosten einzusparen half, das Büro verlassen hatte.

Falk v. Tarla, dem man seine Vorliebe für gutes und gehaltvolles Essen, wie auch geistige Getränke, sowohl an seiner Körpermasse von rund einhundert Kilogramm bei aber immerhin respektabler Größe von einem Meter und neunzig Zentimetern ansah, schenkte die Cognacschwenker etwas voller als üblich und hob sein Glas dem Freund und Partner entgegen. Während der schlanke, mehr als zehn Zentimeter kleinere, Hanno Altmann zunächst nur ein kleines Schlückchen zu sich nahm, goss Falk den Inhalt in einem Zug hinunter. „Also, was meinst du, Hanno, kriegen wir unsere Weiber zur Vernunft gebracht?“

„Ich arbeite daran, aber bisher mit nur mäßigem Erfolg.“

Hans-Georg schüttelte den Kopf, „Helga wird immer komischer. Ich habe ihr bereits angekündigt, ihr den Geldhahn zuzudrehen. Aber sie meinte nur, da wird sie sich zu helfen wissen und außerdem könne sie gar nichts tun, weil auch die anderen Weiber nicht mitspielen, insbesondere auch deine liebe Etta!“

Falk schenkte sich nach und ließ sich mit einem Seufzer auf das teure und schwere Ledersofa in seinem Büro fallen. „Ich weiß, ich weiß, aber ich habe noch weniger Möglichkeiten. Etta verdient schließlich ihr eigenes Geld und ist ja auch von Haus aus nicht auf mich angewiesen, wie du weißt.“

„Schon, schon, aber den Bollmann dürfen wir einfach nicht verlieren. Da hängt doch ’ne ganze Menge Kohle dran. Außerdem kennt der ja auch viele unserer anderen Vervielfältiger.“ Hanno schüttelte betrübt seinen Kopf mit dem gutgeschnittenen Gesicht und den kurzen, mittelblonden Haaren. „Ach so, Falk, das weißt du ja noch gar nicht.“

„Was?“ Falk sah hoch.

„Nun ja, ich weiß ja nicht, ob da der Bollmann hinter steckt? Aber der Felten hat heute auch drei Termine abgesagt.“

„Warum?“

„Warum, warum? Er hat nur was von Steuerprüfung gemurmelt, aber auch so eine versteckte Andeutung gemacht, als ob unsere Frauen und ihr dämlicher Stammtisch da mit reinspielen. Angeblich haben die Weiber auch der Frau von dem Hammerschmidt die Aufnahme verweigert und …, naja, der ist ja Staatsrat im Finanzsenat, also hat Felten wohl eins und eins zusammengezählt.“

Behänder, als Hanno seinem massigen Kollegen zugetraut hätte, schoss Falk aus dem schweren Ledermöbel hoch. „Ach du verdammte Scheiße. Wenn das jetzt schon so um sich greift …, ja dann gute Nacht, Marie!“ Jetzt trank auch Hanno sein Glas leer, derweil sein Partner sich bereits das dritte Glas einschenkte. „Wir sollten uns zunächst mit Olaf zusammensetzen und sehen, was da genau im Busch ist und eine gemeinsame Strategie entwickeln. Erst Bollmann, jetzt vielleicht noch Felten und seine Bank, das sind ja mindestens zehn Prozent unseres Umsatzes“, trauerte Falk schon jetzt den Einnahmen nach.

Auch Hanno, der zwar sehr gut verdiente, aber auch je mehr er einnahm, umso geiziger wurde, sah vor seinem geistigen Auge bereits die Fünfhunderter gleich bündelweise Flügel bekommen. Aber da war noch etwas. Etwas, das vielleicht noch viel schwerer wog. Also stärkte er sich mit einem tiefen Zug des edlen Tropfens, der sanft und weich die Kehle hinabrann, dann aber die erwünschte wohlige Wärme im Magen verbreitete. Dafür aber hatte der bedauernswerte Großverdiener heute gar nicht das Genussempfinden, als er – fast mehr zu sich selbst, als zu Falk meinte: „Ja, und eine Steuerprüfung ist wohl das Allerletzte, was wir jetzt brauchen können.“

Dr.Peter Hammerschmidt konnte es nicht fassen. Einmal mehr wurde ihm schmerzlich bewusst, dass Geld nicht glücklich macht. Jedenfalls dann nicht, wenn man dafür so ein Weib wie seine Sieglinde in Kauf nehmen musste. „Ja, bist du denn nun total verrückt geworden? Wenn das an die große Glocke kommt, kann ich mir den Finanzsenator abschminken!“ Ausnahmsweise musste Sieglinde ihrem Gatten hier einmal zustimmen. Etwas kleinlaut, ganz gegen ihre sonstige Gewohnheit, äußerte sie:

„Ja, das war einfach dumm von mir. Tut mir leid, sehr leid, Peter, aber vielleicht …“

„Was vielleicht?“ Peter Hammerschmidt raufte sich nicht nur sinnbildlich die Haare, sondern riss in der Tat an seinem Haupthaar, das ohnehin nicht mehr allzu reichlich vorhanden war.

„Na, ich meine, das sind doch ganz einfache Polizisten, wenn du da vielleicht mal mit Holger, dem Staatsrat in der Innenbehörde oder dem Polizeipräsidenten …?“

Hammerschmidt konnte es nicht fassen. Sieglinde, die sonst immer sich als die Klügste von allen erachtete, oft auch war, wie er zugeben musste, war jetzt wohl völlig von der Rolle. Bisher hatte er sich zurückgehalten, in allem, naja, fast allem. Aber jetzt platzte ihm der Kragen.

„Ja, bist du denn jetzt völlig von der Rolle? Wenn ich das versuche, dann bin ich doch für immer erpressbar. Holger wird den Teufel tun. Erst neulich hat er einmal anklingen lassen, dass gerade die kleinen Bullen, die ja ohnehin nicht viel mehr werden können, unberechenbar sind. Gerade erst soll einer seinen Direktionsleiter angezeigt und sogar erwogen haben, die Anzeige auch gleich gegen den Polizeipräsidenten zu richten. Sieh zu, wie du da rauskommst, aber versuche nicht, mich da mit hineinzuziehen. Die Steuerprüfung bei Feltens Bank ist da was ganz, ganz anderes. Mir sind Gerüchte zu Ohren gekommen und da habe ich dem zuständigen Menschen einen Hinweis gegeben. Mehr nicht!“ Er schlug sich klatschend mit der Hand an die Stirn und verschwand fast fluchtartig aus dem Haus. Keine Minute später hörte Sieglinde den Motor seines A 6 aufheulen. Das ist mal wieder typisch für ihn. Was heißt für ihn, für alle Männer. Wenn frau sie mal braucht, ziehen sie den Schwanz ein. Diese und andere Gedanken gingen der mageren Frau durch den Kopf. Aber sie würde sich schon zu rächen wissen. Soweit kannte sie sich.

Vermutlich würde sie wohl ohne Führerscheinentzug davonkommen und einen Strafbefehl erhalten. Wenn es soweit war, konnte sie immer noch einen der prominenten Spezialisten mit ihrer Vertretung beauftragen. Aber eingebrockt hatten ihr das diese Stammtischweiber, die sie nicht haben wollten. Auch wenn ihr Versuch jetzt gescheitert war, sie würde sie schon noch spüren lassen, was es bedeutet, eine Sieglinde Hammerschmidt-Blume, geb. Blume, also ältester Geldadel der Hansestadt, so zu düpieren.

„Nein, nein und nochmals nein!“ Helga Altmann schüttelte den Kopf, dass nicht nur ihre gerade geföhnte kupferrote Haarmähne, sondern auch ihre imposanten Brüste hin und her schwangen. Eigentlich ein Anblick, der Hanno immer fasziniert hatte. Aber im Moment hatte er überhaupt keine Augen für Helgas körperlichen Vorzüge. Wie konnte es nur angehen, dass dieses Weib nicht begreifen wollte, um welche Honorareinbußen es ging, wenn Bollmann und vielleicht noch andere Urkundenvervielfältiger absprangen und künftig ihre Verträge von anderen Notaren beurkunden ließen. Wie hatte Falk doch so süffisant gemeint? Ach so: „Das kommt dabei raus, wenn man seine Gehilfin heiratet, nur weil sie große Titten hat und gut ficken kann.“ Nur das hatte ihm ja auch nicht geholfen bei seiner Etta. Das sollte er mal nicht vergessen, hatte Hanno ihm aufs Brot geschmiert. Aber weitergebracht hatte sie diese fruchtlose Diskussion leider nicht.

„Liebe Helga“, versuchte Hanno es erneut, „sicher habe ich auch nicht alles ganz richtig gemacht. Aber du kommst doch aus der Branche. Du warst doch meine beste Kraft und hast den ganzen Aufbau unseres Notariats mitgemacht. Soll das denn jetzt alles den Bach runtergehen, nur weil euer Stammtisch, das will ich ja zugeben, eine Institution geworden ist, an der viele Damen teilhaben wollen, ihr sie aber nicht lasst?“

Helgas grüne Augen blitzten wie funkelnde Smaragde. Ein herrlicher Kontrast zu ihrem roten Haar und dem gebräunten Körper mit den sinnlichen Formen, dem aber jetzt jede gebührliche Aufmerksamkeit verweigert wurde.

„Ha, komm mir doch nicht so. Was ist denn mit deinen Rotariern oder wie der Verein heißt? Oder mit deinem Golfclub, mit dem du ja mehr verheiratet bist, als mit mir? Da nehmt ihr doch auch lange nicht jeden Schwanz auf, nur weil er Geld hat. Hast nicht du mir vor Jahren erklärt, wie stolz und glücklich du bist, dass in diesem Club eben nicht der Rotlichtkönig und der Miethai aufgrund ihres Geldes die große Rolle spielen, sondern die ach so ehrbaren Hamburger Kaufleute, Banker, Reeder und natürlich Juristen. Aber selbstredend nicht der popelige kleine Anwalt, sondern, wenn schon, dann der Herr Gerichtspräsident, der Leitende Oberstaatsanwalt und die ein oder zwei ganz bekannten Prominentenanwälte. Aber natürlich auch ein paar junge Schauspielerinnen oder was sich so schimpft. Der Herr der Schöpfung braucht ja schließlich auch angemessenes Publikum, vor dem er den stolzen Pfau mit gespreizten Federn Rad schlagen und sich bewundern lassen kann.“

Als er das hörte, fiel Hanno der Unterkiefer runter. Was war denn mit seiner Helga los? Wie kam die ihm denn mit einem Mal? Das waren ja völlig neue Töne. Helga, die doch mal aufbegehrte, aber immer im Rahmen und sich dann, wenn er nicht darauf einging, schmollend zurückzog. Aber so war sie ihm ja noch nie in die Parade gefahren. Ganz klar, sie war aufgehetzt worden und vom wem war auch sonnenklar. Von Falks Etta und wohl auch von dieser Göricke, dieser Scheidungszicke, die auch das große Wort an diesem unsäglichen Stammtisch führte. Ob sich Helga vielleicht schon bei ihr erkundigt hatte? Und wenn schon. Sein Ehevertrag war hieb- und stichfest. Da war er sich sicher. Unterhalt würde er zahlen müssen, na gut, aber natürlich in begrenzter Höhe. Aber so weit war es ja wohl noch nicht oder doch?

Erneuter Strategiewechsel war jedenfalls angesagt. „Helga, da hast du wohl nicht ganz unrecht, aber es gibt doch noch einen kleinen Unterschied.“

Helga wollte gerade erneut zum Föhn greifen, obwohl ihre Haare bereits trocken waren, als sie sich doch gleich zur Erwiderung entschloss. „Ach, da bin ich aber gespannt. Dann erzähl mal ein neues Märchen, lieber Hanno!“

Der Mann schluckte, nahm aber dennoch erneut den Faden auf. „Schau, Loge, Golfclub und auch der Juristenstammtisch, wo ich ja kaum noch hingehe, dies ist alles nur aus beruflichen Gründen wichtig. Im Golfclub habe ich die richtigen Leute kennengelernt und lerne, wie Falk auch, immer noch neue künftige Mandanten, wenn wir unsere Klientel einmal auch so bezeichnen wollen, kennen. Das ist doch für uns wichtig. Von selbst fallen die Verträge nicht durch die Tür. Bei euch hingegen ist das ja was ganz anderes. Ihr habt dort euren Spaß“, er merkte, wie sich ihr Gesicht verzog und fügte schnell hinzu, „den ihr auch absolut verdient habt. Das will niemand bezweifeln. Aber ihr habt euch auch Ansehen erworben. Die Presse berichtet über euch und eure Aktivitäten. Da wollen natürlich auch andere Frauen Anteil haben. Frauen von ebenfalls bedeutenden Männern in wichtigen, also einflussreichen Positionen. Da kann es doch nicht so schwer sein, diese Damen der Gesellschaft mitmachen zu lassen. Das müsst ihr doch einsehen. Eine Sieglinde Hammerschmidt-Blume ist doch nicht ein Irgendwer.“

„Nein, aber die will keine von uns. Nicht nur Etta und ich nicht. Niemand! Ach ja, und Heidelinde Bollmann ist doch wohl wirklich nur dämlich, aber vielleicht gut zu ficken und kann wohl auch ganz gut blasen, denn der dicke Bollmann würde doch sonst bei jeder anderen Stellung einen Infarkt bekommen und wäre wohl auch seine fette Wampe im Weg.“

„Hahaha, stimmt wohl“, Hanno musste doch lachen, als er sich Bollmann beim Geschlechtsverkehr vorstellte, „aber Bollmann ist der größte Makler weit und breit, und sicher auch bereit, über seine Frau euch auch finanziell einiges für eure Wohltätigkeitsveranstaltungen zukommen zu lassen!“

„Ach Hanno, auch wenn ich wollte, die anderen Frauen sind ja alle dagegen. Nicht nur Etta und ich. Versteh das doch.“

„Tu ich ja, Liebes, aber wenn du und vielleicht auch Etta ein gutes Wort für die beiden Frauen einlegt? Überleg doch mal. Vielleicht reicht das ja, wenn Falk und ich Bollmann beweisen, dass es an uns, also an euch, nicht liegt, dass Heide nicht akzeptiert wird. Auch gegenüber Hammerschmidt könnte man das durchblicken lassen. Bitte, versuch es zumindest!“

Helga dachte lange nach, schließlich nickte sie.

„Siehst du, Schatz, es geht doch“, hörte sie Hanno fast aufjubeln und wurde in den Arm genommen und geherzt wie schon lange nicht mehr.

Dann war es soweit. Lange vor der Zeit waren die Ladies, bis auf eine einzige, die sich auf Kreuzfahrt befand, im „Hämmerle“ eingetroffen und hatten sich im Clubzimmer versammelt. Rita Schaller konnte sich ein wissendes Lächeln nicht verkneifen, als sie sah, wie sich die Ladies aufgebrezelt hatten.

Die Edelboutiquen der Hansestadt dürften hieran gut verdient haben. Allein Etta, die ein Modelkleid von Dior trug, hatte dafür wohl einen gut vierstelligen Betrag hingeblättert. Auch Annemarie Felten, die Bankiersfrau, hatte sich ein neues Outfit vom Feinsten gegönnt. Ein leichtes, dem schönen Spätsommerabendangemessenes, Kostüm aus edlem Stoff in einem hellen Grünton kontrastierte gelungen mit ihrem brünetten, schulterlangen Haar und der deutlich über dem Knie endende Rock brachte ihre schlanken, gebräunten Beine zur beabsichtigten Geltung. Nur sie selbst hatte sich mit ihrem Lieblingshosenanzug begnügt, der ihr aber ausgezeichnet stand, wie auch Gunther, ihr Chef, immer wieder betonte. Helga Altmann aber überraschte alle. Sie, die fast immer Jeans und Top trug, kam in einem weißen Wickelrock, schwarzen Pumps und einer etwas zu engen, blutroten Bluse daher, an der sie die drei obersten Knöpfe offengelassen hatte, so dass ihre großen, aber immer noch erstaunlich festen, Brüste jedem Betrachter sofort ins Auge fielen.

„Donnerwetter! Gehst du auf Männerfang?“, konnte Etta sich zu fragen nicht bremsen. „Nein, aber ihr habt euch doch für heute alle etwas Besonderes ausgedacht. Da dachte sich die kleine Helga, die ja bald von ihrem Mann kein reichlich bemessenes Taschengeld mehr zu erwarten hat, sie fängt mal an zu sparen und zwängt sich in die alten Sachen. Bisschen eingelaufen, das Oberteil, aber ich habe ja alles verstaut gekriegt. Naja, größtenteils jedenfalls“, lachte Helga und freute sich, dass die Stammtischschwestern – zumindest überwiegend – in ihre Fröhlichkeit einstimmten. Ob gespielt oder ehrlich wusste man bei den lieben Geschlechtsgenossinnen als Frau ja nie ganz sicher.

Die Getränke kamen und die Verhaltensregeln wurden von Etta nochmals festgelegt.

Dann kam er, der Chefredakteur Gunther Schöler. Gut gelaunt, ganz leger in Jeans und Hemd mit Weste. Während er die Damen, zuvorderst selbstverständlich Etta von Tarla-Hippenstedt, begrüßte, entfuhr es Helga Altmann: „Mein Gott, ist der klein! Der ist ja noch kleiner als ich.“

„Stimmt, Gattung Beutegermane römischen Ursprungs“, grinste Dr. med. dent. Irene Brockmann, die mit ihren knapp einen Meter achtzig alle überragte. „Aber eine schöne Stimme hat er, so melodisch.“ Dieses Lob kam von Ute Hollmann, der ältesten der Ladies.

Dann aber kehrte Ruhe ein. Schöler ließ es sich nicht nehmen, die Damen alle einzeln mit Handschlag zu begrüßen. Besonders lange verweilte sein Blick auf der von Helga Altmann zur Schau gestellten Auslage, was die anderen Ladies durchaus nicht alle wohlwollend zur Kenntnis nehmen mussten. Dann ließ er sich von Etta einen kurzen Einblick in die Entstehung dieses so einzigartigen Damenstammtisches und die bisherigen Aktivitäten geben, wobei sein, auch als Aufnahmegerät dienendes, Diktiergerät ihm die Fertigung von Notizen ersparte.

„In der Tat, meine Damen, Sie haben, das kann man ohne Übertreibung sagen, mit Ihrem Stammtisch eine Institution geschaffen“, zeigte Schöler sich beeindruckt und gab eine Steilvorlage für Etta, die gerade überlegte, wie sie die Überleitung zu den von ihr und ihren Mitstreiterinnen gewünschten Themen erreichen könne: „Aber ich könnte mir sehr gut vorstellen, dass Ihr Erfolg auch mancherorts Neid erregt.“

Etta strahlte ihn förmlich an, wenn auch etwas von oben herab, was der unterschiedlichen Körpergröße geschuldet war. „In der Tat, Herr Schöler, Sie sagen es. Da gibt es sogar einige Dinge, die zu erwähnen sind.“

„Dann mal los, Verehrteste, ich bin ganz Ohr“, nickte der Chefredakteur.

Und so berichtete Etta von den gemeinen Aktivitäten der abgewiesenen Damen und ihrer einflussreichen Männer und auch und besonders von der an ihr höchstselbst gerade vor einigen Tagen vorgekommenen, selbstredend unzutreffenden, Verunglimpfung.

„Und, haben Sie einen konkreten Verdacht, wer dahinter stecken könnte?“, fragte Schöler interessiert und gleichzeitig empört tuend nach, ohne aber einen lauernden Unterton ganz unterdrücken zu können.

„Naja“, zierte sich Etta, „einen Verdacht schon, aber keinen Beweis … und“, sie zuckte die Schultern, „im Gegensatz zu anderen Menschen möchte ich ja keine falschen Beschuldigungen von mir geben.“

Auffordernd sah sie Nadine Göricke an, die Anwältin und Scheidungsexpertin unter den Ladies. Diese tat, als merke sie nichts. Auch wenn Etta sie bereits vorab gebeten hatte, bei rechtlich eventuell zu beachtenden Problemen zu übernehmen, wollte sie sich hier lieber nicht den Mund verbrennen. Bei Etta, die sich schnell mit einem weiteren Glas ihres Lieblingschampagners gestärkt hatte, verfing das aber nicht. „Ja, vielleicht sollte hier Frau Göricke, als Juristin, übernehmen, damit alles in den richtigen Bahnen bleibt“, spielte sie jetzt den Ball gezielt in Richtung der einen bösen Blick absendenden Anwältin.

Nadine Göricke schluckte den aufkommenden Wutanfall hinunter. Die Presse hatte ihr schon oft allein durch Berichterstattung darüber, wen sie in Scheidungssachen vertreten hatte, interessante Mandanten und damit meist auch lukrative Honorare verschafft, also fraß sie sinnbildlich Kreide und blickte den ihr bekannten Chefredakteur der „Allgemeinen“, wie das bedeutende Blatt oft kurz genannt wurde, freundlich lächelnd an.

„Ja, Herr Schöler, das ist ja immer juristisch sehr vorsichtig zu formulieren, wenn es zwar – vielleicht sogar hinreichende – Verdachtsmomente, aber eben keine gerichtsfesten Beweise gibt. Hier ist es so, dass einige Damen der Gesellschaft sich um Aufnahme beworben haben, aber aufgrund unserer Statuten abgelehnt wurden, weil es eben keine einstimmige Zustimmung für die Aufnahme gab.“

„Donnerwetter, Ladies, da seid ihr aber hart“, kommentierte Schöler.

„Aus gutem Grund“, erwiderte Nadine, „denn das vermeidet internen Streit von vornherein.“

Der Zeitungsmensch nickte anerkennend: „Aber, wer die abgelehnten Damen sind, werden Sie mir wohl nicht verraten – oder etwa doch?“

Nadine lächelte wie die Schlange vor ihrer Verwandlung: „Namen bekommen Sie von mir nicht, aber soviel kann ich sagen, nach Ablehnung von zwei Damen, eine davon aus den wirklich sogenannten allerbesten Kreisen, wurden die Ehemänner einiger Ladies unter Druck gesetzt, und zwar massiv.“

„Wie denn das?“ Schöler schaute unschuldig drein, was Nadine natürlich sofort durchschaute. Sie wusste schließlich genau, wenn es der eigenen Sache oder aber dem gerade vertretenen Fall oder der Auflage half, dann waren weder Anwälte, noch Journalisten um einen Trick verlegen. „Nun, einigen Ehemännern unserer Ladies wurde unverblümt klargemacht, dass sie selbst keine Aufträge mehr von ihnen zu erwarten hätten, wenn sie nicht entsprechenden Druck auf ihre Frauen ausüben, dass die Damen dieser Herren doch noch aufgenommen werden.“

„Das ist ja die Höhe“, empörte sich Schöler künstlich und brachte es tatsächlich fertig, einen entsetzten Ausdruck auf sein Gesicht zu zaubern. Der könnte auch beim Theater Karriere machen, dachte die Anwältin, der ist ja fast so gut wie ich.