Vom Kriegsausbruch überrascht - Heinz-Dietmar Lütje - ebook

Vom Kriegsausbruch überrascht ebook

Heinz-Dietmar Lütje

0,0

Opis

Auf dem Weg in südamerikanische Gewässer, wo der dortige deutsche Stationskreuzer abgelöst werden sollte, wird der kleine Kreuzer SMS »Kiel« vom Ausbruch des Ersten Weltkrieges überrascht. Die für diesen Fall vorgesehenen Befehle lauten: Kreuzerkrieg führen! Dieser Aufgabe stellen sich Kommandant und Besatzung mit ihrem Schiff bravourös und fügen dem Feind großen Schaden zu, bis es schließlich zum Zusammentreffen mit einem überlegenen britischen Panzerkreuzer kommt. Auch die ewig drängende Frage des Kohlennachschubs sowie die Unterbringung gefangen genommener Schiffsbesatzungen werden mit Glück und Überlegung gelöst. Zudem hat sich ein junger Leutnant zur See nicht nur in seinen ersten Kampfhandlungen zu bewähren, sondern trifft auch – fern von der Heimat – auf die Liebe seines Lebens.

Ebooka przeczytasz w aplikacjach Legimi na:

Androidzie
iOS
czytnikach certyfikowanych
przez Legimi
czytnikach Kindle™
(dla wybranych pakietów)
Windows
10
Windows
Phone

Liczba stron: 684

Odsłuch ebooka (TTS) dostepny w abonamencie „ebooki+audiobooki bez limitu” w aplikacjach Legimi na:

Androidzie
iOS
Oceny
0,0
0
0
0
0
0



Heinz-Dietmar Lütje

VOM KRIEGSAUSBRUCH ÜBERRASCHT

Kleiner Kreuzer SMS „Kiel“ kämpft in einem Meer von Feinden

Engelsdorfer Verlag Leipzig 2015

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Copyright (2015) Engelsdorfer Verlag Leipzig

Alle Rechte beim Autor

Titelzeichnung von Paul Teschinsky

Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)

www.engelsdorfer-verlag.de

Inhaltsverzeichnis

Cover

Titel

Impressum

Vorwort

Vom Kriegsausbruch überrascht

Epilog

Weitere Bücher

Vorwort

Ähnlich, wie fünfundzwanzig Jahre später, nämlich bei Ausbruch des Zweiten Weltkrieges, wurde auch 1914 die Deutsche Kriegsmarine doch überrascht, dass sie jetzt unter anderem der stärksten Seemacht seinerzeit, der britischen Royal Navy, gegenüberstand. Zwar war 1914 die Deutsche Kriegsmarine, was die Zahl ihrer Einheiten, insbesondere ihrer Großkampfschiffe, anging, wesentlich besser gerüstet, als dies fünfundzwanzig Jahre später der Fall war. Dennoch darf nicht außer Acht gelassen werden, dass allein die Royal Navy der Deutschen Marine immer noch im Verhältnis von gut 3:1 überlegen war. Erschwerend kommt hinzu, dass Deutschland, im Gegensatz zu England und teilweise auch Frankreich, über keine überseeischen Stützpunkte verfügte, die für Versorgung und Reparatur der Deutschen Seestreitkräfte genutzt werden konnten. Wer hierbei etwa an die deutschen Kolonien, beispielsweise Deutsch-Südwest-Afrika oder auch Deutsch-Ost-Afrika oder Tsingtau denken würde, dem müsste klar gewesen sein, dass diese ziemlich schnell, wenn auch nicht sofort erobert und besetzt, so doch von der übermächtigen Royal Navy blockiert würden. Bei Kriegsausbruch befanden sich nur wenige deutsche Einheiten außerhalb der Heimatgewässer. Den einzigen geschlossenen Flottenverband von einiger Kampfkraft bildete hierbei das Kreuzergeschwader des Vizeadmirals Graf von Spee, das nach seinem Sieg bei Coronel schließlich einen Monat später in der Nähe der Falklandinseln von einem übermächtigen, durch Schlachtkreuzer unterstützten, britischen Verband vernichtet wurde. Dann gab es noch die veralteten Kanonenboote, die lediglich für Schutzaufgaben und Polizeiaktionen in Betracht kamen, aber für einen überseeischen Kriegseinsatz völlig ungeeignet waren infolge ihrer Überalterung und ohnehin geringen Kampfkraft. Letztlich blieben die wenigen Auslandskreuzer, in der Regel moderne Kleine Kreuzer, wie sie beispielsweise auch auf der amerikanischen Station Dienst taten. Diese Kreuzer versahen ihren Dienst im turnusmäßigen Wechsel. Von einem solchen Schiff, das auf dem Weg zu seinem Einsatz auf der „Südamerikanischen Station“ vom Krieg überrascht wurde, handelt es sich bei dem Kleinen Kreuzer „Kiel“. Dieses Schiff, das in der Beschreibung seiner Formen, Technik und Armierung zwar voll und ganz den neuesten seinerzeit im Dienst befindlichen Kleinen Kreuzern entsprach, hat es in der Realität nie gegeben. Dieses Schiff, sein Kommandant, Offiziere und Mannschaften wie auch alle weiteren handelnden Personen und Schiffe sind vom Autor frei erfunden. Jegliche Ähnlichkeit, Namensgleichheit oder sonstige Übereinstimmung mit tatsächlich lebenden oder bereits verstorbenen Personen oder auch tatsächlich existierenden Schiffen wäre rein zufällig und keineswegs beabsichtigt. Hiervon ausgenommen sind selbstverständlich die historischen Personen und Schiffsnamen, die für die nachstehend beschriebene Romanhandlung allerdings keine große Bedeutung haben. Soweit historische Personen in dem nachstehenden Roman zu Wort kommen, so sind ihnen diese vom Autor so in den Mund gelegt worden, wie sie seiner Meinung nach hätten tatsächlich gesprochen werden können.

Wie ein Schleier lag der Dunst über der See. Nur aus allernächster Nähe waren die Konturen eines Schiffes zu erkennen; und auch das nur schemenhaft. Erst als die Sonne höher stieg und den dichten Dunst vertrieb, hätte man erkennen können, wer hier seine Bahn über das kaum bewegte Meer zog. Die schlanke Form und insbesondere der hellgraue Anstrich des Schiffes verrieten dem Betrachter sofort, dass sich hier kein Frachtschiff, sondern ein alles andere als friedlichen Zwecken dienender Meeresbenutzer aus Stahl seinen Weg bahnte. Kein Rostfleck beeinträchtigte die schlanken Linien und auch sonst hätte man meinen können, das Schiff hätte gerade die Bauwerft zu seiner ersten Probefahrt verlassen, so makellos sauber und gepflegt wirkte der weit über fünftausend Tonnen verdrängende stählerne Kämpe. Es handelte sich um den neuesten kleinen, geschützten Kreuzer der Kaiserlichen Flotte, wie die Deutsche Kriegsmarine im Jahre 1914 bezeichnet wurde.

Nachdem der österreichische Thronfolger und seine Gattin in Serajewo von einem serbischen Extremisten ermordet worden waren, brodelte es in Europa. Schließlich rückte die Gefahr eines Krieges immer näher. Gründe dafür gab es viele, sodass der Mord an Erzherzog Franz Ferdinand vielleicht nur den äußeren Anlass dafür bot, dass es schließlich zum Waffengang kam. Den Engländern war das deutsche Großmachtstreben von Kaiser WilhelmII. seit Langem ein Dorn im Auge. Insbesondere sein Flottenbauprogramm lag den Briten schwer im Magen, beherrschte doch Britannien seit Jahrhunderten die Weltmeere mit seiner starken Flotte. Überhaupt wäre das britische Weltreich ohne eine starke Marine, die seinerzeit und wohl seit mindestens zweihundert Jahren stärkste der Welt, nie ermöglicht worden. Auf gar keinen Fall aber hätte die Vorherrschaft auf See so lange Zeit Bestand gehabt. Als sich jetzt der deutsche Kaiser erdreistete, eine Flotte aufbauen zu wollen, die es mit der Englands aufnehmen konnte, war mehr als ein Stachel in das Fleisch des britischen Löwen getrieben worden.

Frankreich hingegen war immer noch erbost über die Niederlage, die es im Krieg von 1870/​71 gegen Deutschland erlitten hatte. Als jetzt die Donaumonarchie Österreich-Ungarn Serbien den Krieg erklärte, das daraufhin Unterstützung von Russland bekam, musste Deutschland aufgrund des bestehenden Beistandspaktes an Österreichs Seite in den Krieg eintreten. Jetzt würde es nicht mehr lange dauern, bis auch England und Frankreich an die Seite der Gegner Deutschlands und Österreich-Ungarns treten würden, wie Kaiser und Generalität ebenso klar war wie der Marineleitung.

So bekam schon vor Beginn der Feindseligkeiten der deutsche Kreuzer „Kiel“, der neueste Kleine Kreuzer des Deutschen Reiches, der erst im Juni 1914, pünktlich zum vorgesehenen Beginn der Kieler Woche, seine Probefahrten beendet hatte und – voll ausgerüstet – auf dem Weg nach Südamerika war, Befehl, so viel an Kohlen und Proviant wie nur möglich im nächsten Hafen an Bord zu nehmen. Schließlich bestand die Gefahr des Kriegsausbruchs; und auch England könnte auf der Seite der Gegner des Deutschen Kaiserreiches und der Donaumonarchie stehen.

Der Kommandant des Kreuzers der Kaiserlichen Marine, Fregattenkapitän Siegurd Graf von Terra, las das Funktelegramm, das ihm sein Funkoffizier, Oberleutnant Peter Paulick, gereicht hatte. Seine Miene verdüsterte sich und er sagte: „Sehen Sie, Paulick, was habe ich gesagt? Es geht los. Dann wird es nicht lange dauern, bis auch England, denen unsere Aufrüstung zur See ja seit Langem ein Dorn im Auge ist, die Gelegenheit nutzen und in den bald beginnenden Krieg eintreten. Auch der Erbfeind jenseits des Rheins wird sich nicht lumpen lassen und im Kreis der zu erwartenden Übermacht unserer Gegner versuchen, sich für die Niederlage von 70/​71 zu rächen und verlorenes Territorium zurückzugewinnen.“

„Jawohl, Herr Kapitän“, gab Paulick die einzig mögliche Antwort, erlaubte sich aber hinzuzufügen: „Viel Feind, viel Ehr, Herr Kapitän. Die Franzmänner brauchen wir wohl kaum fürchten!“

Ein verhaltenes Lächeln spielte um die vollen Lippen des Grafen. „Die nicht! Auf See schon gar nicht, aber die Engländer sind da ein anderes Kaliber. Die Royal Navy hat den Briten ihr Weltreich erobert, vergessen Sie das nicht. Außerdem sind die Vettern uns noch, im Verhältnis drei, wenn nicht vier zu eins überlegen“, zeigte sich der Kommandant deutlich weniger zuversichtlich. Er winkte dem Läufer: „Wahrschauen Sie den Ersten Offizier! Ich erwarte alle wachfreien Offiziere in fünfzehn Minuten in der Messe!“

Während der vierundvierzigjährige Fregattenkapitän seiner Kammer zustrebte, dachte er an seine Frau Ella und sah ihre schlanke Gestalt mit den dunklen Haaren und grün schimmernden Augen geradezu vor sich. Jetzt konnte es dauern, bis er sie und seine Söhne, den zwölfjährigen Bodo, der klug, aber leider genauso vorlaut war, ganz im Gegensatz zu dem zwei Jahre älteren Guntram, der deutlich stiller und nachdenklicher geraten war, wiedersah. Er musterte sich kurz selbst im Spiegel, bevor er der Messe zustrebte. Zufrieden nickte er. Seine ein Meter fünfundsiebzig bei schlanker Figur mit den meerblauen Augen und dem blonden Haar machten einen guten Eindruck in der blauen Uniform mit Halsbinde.

„So, meine Herren, jetzt wird es wohl in Kürze losgehen!“, erklärte der Kommandant genau eine Viertelstunde später seinen versammelten Offizieren und verlas ihnen das erhaltene Funktelegramm. „Also, wie ist unsere Position genau?“, wandte sich Fregattenkapitän Siegurd Graf von Terra an seinen für die Navigation zuständigen Offizier. Dieser breitete die Seekarte auf dem Tisch des Kommandanten aus und markierte den gegenwärtigen Standort des Kreuzers auf der Karte.

„Wir erreichen voraussichtlich noch heute die Westindischen Inseln und werden dort zunächst einmal so viel an Kohle bunkern, wie wir überhaupt aufnehmen können. Wenn es geht, nehmen wir sogar Kohle als Decksladung auf“, kündigte Fregattenkapitän Siegurd Graf von Terra an. Das Gesicht des Ersten Offiziers, Kapitänleutnant Kurt Karstens, verzog sich sichtlich, was dem Kommandanten nicht verborgen blieb. „Nützt nichts, Karstens, Kohlen sind unser Lebenselixier und wir wissen nicht, wie sich die Lage entwickelt und wo und wann wir überhaupt wieder Kohlen kriegen werden.“

„Jawohl, Herr Kapitän!“, nickte der Erste, dem es mehr als zuwider war, seinen schmucken Kreuzer mit einer schmutzig-schwarzen Lasur aus Kohlenstaub überzogen zu sehen. Auch die Mannschaft würde fluchen, denn an ihr lag es, die Kohlen nicht nur vom Oberdeck in die Bunker zu schaffen, wenn dort wieder genügend Platz vorhanden war, sondern die Männer durften anschließend auch das ganze Schiff wieder reinigen. Dabei war das Kohlen, manchmal auch als „Kohlenfest feiern“ in Form von Galgenhumor bezeichnet, schon so eine überaus anstrengende Arbeit, die alle Mann bis aufs Äußerste forderte.

„Darf ich fragen, wo Herr Kapitän kohlen wollen, damit ich den Kurs entsprechend absetzen kann?“ Diese berechtigte Frage kam von dem Navigationsoffizier, Kapitänleutnant Georg von Lebensau, einem kantigen Vierzigjährigen, der als zweiter Sohn eines Barons und Großgrundbesitzers seinem älteren Bruder die Nachfolge des Vaters als Gutsbesitzer überlassen musste und daher zur Kaiserlichen Marine gegangen war.

„Ich dachte an St. Thomas, wo die Hanse-Süd-Amerika-Linie eine Niederlassung unterhält. Mit eigenem Kohlenpier und Proviantlager“, informierte ihn sein Vorgesetzter.

„Dort können Sie auch gleich dafür sorgen, dass unser Proviant aufgefüllt wird. Wasser nicht vergessen“, schaltete sich der Erste ein und blickte den Zweiten Offizier und den Zahlmeister an.

„Sehr gut, Karstens!“ Der Fregattenkapitän blickte seinen Ersten an. Er wusste genau, was er dem Manne, der für den Zustand von Besatzung und Schiff gleichermaßen verantwortlich war, mit einer Kohlenlast auf Oberdeck antun würde.

Schon am frühen Abend legte die „Kiel“ am Pier der „Hanse-Süd“ an. Nach Begrüßung durch den zuständigen Niederlassungsleiter der Gesellschaft war klar, dass Kohlen- und Proviantergänzung kein Problem darstellten. Auch für die Mannschaft gab es frohe Kunde, denn der Kaufmann konnte genügend Eingeborene, beiderlei Geschlechts, für die schweißtreibende Arbeit des Kohlens anbieten. Die Neger, die sich als billige und auch willige Arbeitskräfte entpuppten, schleppten die Kohlen am nächsten Morgen in Körben über die ausgebrachten Stellings an Bord. Nachdem die Bunker bis zum Bersten gefüllt waren, wurden auch an Oberdeck Kohlen in Säcke gestaut, wo sich auch nur etwas an entsprechendem Platz bot. Nur die Waffenverwendung durfte nicht eingeschränkt werden, worauf der Kommandant allergrößten Wert legte. Schlimm genug, dass bei einem möglichen Gefecht und Treffern auf dem Schiff die Oberdeckskohlenladung zu einem, im wahrsten Sinne des Wortes, brennenden Problem werden würde. Immerhin fassten die Kohlenbunker als Futter für die zwölf kohlenbefeuerten Marinekessel rund tausenddreihundertundsechzig Tonnen des schwarzen Goldes. Hinzu kamen zweihundertundfünfundsechzig Tonnen schweres Heizöl für die zwei mit diesem Brennstoff befeuerten Doppelkessel. Diese Maschinenanlage leistete beachtliche achtunddreißigtausend WPS, die das Schiff bei der Probefahrt über die Testmeile eine Geschwindigkeit von fast dreißig Knoten (Seemeilen) erreichen ließ. Noch ahnte niemand an Bord, dass es hierauf schon bald ankommen würde.

Das Kohlen klappte wie am Schnürchen und auch zweihundert Tonnen in Jutesäcken als Decksladung waren innerhalb von zwei Tagen verstaut. Auch die Ergänzung des verbrauchten Schweröls war zur Freude des Kommandanten möglich. Die freundlichen, teils seit Jahren nicht mehr in der Heimat gewesenen, Reedereichefs luden dann Fregattenkapitän Graf von Terra und sein Offizierskops für den nächsten Tag, einen Samstag, zu einem abendlichen Festessen mit anschließendem Ball ein. Auch für die Männer der Besatzung wurde Abwechslung angeboten und so sagte von Terra zu, obwohl ihm eigentlich die Zeit unter den Nägeln brannte. Schließlich war er nur für diese Fahrt als Kommandant an Bord gekommen, um den Kreuzer „Kassel“, der als Stationär in den südamerikanischen Gewässern durch SMS „Kiel“ abgelöst werden sollte, um dessen Besatzung in die Heimat zurückzubringen. Der Kommandant der „Kassel“, der erst vor einem Vierteljahr den dortigen Kreuzer infolge Krankheit des alten Kommandanten übernommen hatte, sollte dann die Führung der „Kiel“ übernehmen. So stand es in seinen Befehlen.

Aber jetzt konnte auch alles ganz anders kommen. Ein Krieg gegen England würde wohl vieles verändern. Vielleicht würde die „Kiel“ zum Auslandsgeschwader des Grafen Spee kommandiert werden. Vielleicht auch zum Schutz der Kolonien detachiert oder um Handelskrieg zu führen auserkoren werden? Wer wusste das jetzt schon? Allein in fremden Gewässern würde es kaum möglich sein, sich lange zu halten. Auch die deutschen Kolonien dürften dann wohl bald von See aus von der übermächtigen Royal Navy Besuch bekommen und die Häfen besetzt werden und damit auch keinen sicheren Hort mehr bieten können. Also wollte er seinen Leuten noch eine nette Abwechslung gönnen. Vielleicht die letzte für lange Zeit, wenn nicht für immer.

Schon am Freitagabend bekam die eine Hälfte der Besatzung Landgang von 18:00 Uhr bis Mitternacht, am Samstag die andere Hälfte und bis auf den Ersten Offizier, Kurt Karstens, den das Los getroffen hatte, dem er sich mit seinem nachgeordneten Kameraden, Oberleutnant zur See Werner von Bruhshöven, freiwillig unterworfen hatte, begab sich das ganze Offizierskorps in Galauniform gewandet an Land. Um auf dem geschmückten Gelände der Hanse-Süd-Linie zu feiern, war zu damaliger Zeit diese Kleidung trotz der hohen Temperaturen nicht zu umgehen.

Umso störender machte sich die ungewohnte Witterung bemerkbar. Die Hitze wurde zwar durch den immer wehenden Wind etwas gemindert, aber die ungewohnt hohe Luftfeuchtigkeit machte den Deutschen schon sehr zu schaffen. Selbst der Kommandant hätte viel darum gegeben, wenn er statt Galauniform, wenn auch in weißer Ausführung, auf Halsschleife und steifen Kragen hätte verzichten können. Hinzu kam der Säbel, der auch noch kräftig an der Hüfte zog. Aber er musste ja mit gutem Beispiel vorangehen und dem Deutschen Kaiserreich zur Ehre gereichen. Dennoch konnte er nicht verhindern, dass sich der Schweiß in seinen Achselhöhlen und auch auf der markanten Stirn in kleinen Tröpfchen sammelte. Ein Seitenblick auf den links neben ihm daherschreitenden Zweiten Offizier, Oberleutnant zur See Freiherr Werner von Bruhshöven, bewies ihm, dass es diesem, obwohl fünfzehn Jahre jünger, keinen Deut besser erging. Der Bordarzt, Dr.Fritz Burchardt, litt am stärksten unter den ungewohnten Temperaturen. Sein weißer Kragen war bereits total durchfeuchtet und von seiner Nasenspitze tropfte der Schweiß nur so herab und verschonte auch den Uniformrock nicht. Im Stillen verfluchte er den, sonst sehr geschätzten, Grafen von Terra für seinen Einfall, auf die angebotene Kutschfahrt zu verzichten und vom Anleger zu Fuß die gut achthundert Meter bis zum Festort zurückzulegen.

Aber selbst der längste, von keinem Seemann geschätzte Fußweg, auch wenn es jetzt ein ziemlich kurzer war, ging einmal zu Ende. Vor dem Tor der Niederlassung der „Hanse-Süd“ empfing sie der örtliche Niederlassungsleiter mit seinen engsten Mitarbeitern und geleitete die Offiziere in die lichtdurchflutete Aula, wo festlich gedeckte Tische, mit reichlich Blumenschmuck dekoriert, warteten.

Zuvor wurden die Offiziere natürlich noch den dort auf sie wartenden Damen der Führungsriege der Reedereiangestellten und den Honoratioren der zu Dänemark gehörenden Insel und ihren Damen vorgestellt. Dann endlich durften sie sich setzen und auch den ersten Begrüßungsschluck zu sich nehmen.

„Damit darf ich Sie, Herr Kapitän, und Ihre Herren Offiziere nochmals ganz herzlich bei uns begrüßen und willkommen heißen.“ Mit diesen Worten erhob Reedereidirektor Dr.Fritsch sein Champagnerglas und prostete den Seeoffizieren und danach auch seinen anderen Gästen zu.

Der wirklich gute Schampus, bestens gekühlt dazu, tat gut. Im ersten Moment zumindest, dann aber verstärkte er die Transpiration noch erheblich. Immerhin sorgten die sich drehenden Propeller an der Decke des Raumes für einen ständigen Luftstrom und das aufgebaute Buffet trug ebenfalls zum Wohlbefinden das Seine bei. Auch die sengende Sonne hatte ein Einsehen und verschwand schließlich zunächst hinter Wolken, um dann endlich unterzugehen und der, wie in diesen Breiten üblich, plötzlich einsetzenden Dunkelheit Platz zu machen.

Das mehrgängige Menü entschädigte die Schiffsführung allerdings nachhaltig für die erlittenen Qualen, die den damaligen Uniformvorschriften geschuldet waren. Die hervorragenden Getränke, zu denen auch Flaschenbier einer Hamburger Brauerei zählte, tat ein Übriges und bald waren fast alle Offiziere in interessante und teils auch tiefschürfende Gespräche mit ihren Gastgebern, deren Ehefrauen und auch den dänischen Beamten, die die Insel verwalteten, eingebunden.

„Was glauben Sie, Herr Kapitän, gibt es Krieg?“ Dieses Thema war natürlich vorherrschend.

„Nun, Herr Dr.Fritsch, ich befürchte, dass Österreich gar nicht anders kann, als Serbien anzugreifen.“ Er machte eine kurze Pause. „Und dann steht Deutschland natürlich an der Seite Österreichs.“

„Ja, aber das bedeutet dann doch wohl auch Krieg mit Russland, das ja mit Serbien verbündet ist“, warf Theodor Schmitt ein, der Vertreter des Niederlassungsleiters.

„So ist es“, bestätigte der Kommandant des deutschen Kreuzers.

„Nun, meine Herren, aber ist das nicht die Gelegenheit für Frankreich und wohl auch England, ebenfalls gegen Deutschland in den Krieg zu ziehen?“ Diese Frage kam von dem dänischen Hafenkapitän, Ole Jensen, einem knapp Fünfzigjährigen mit noch vollem, semmelblonden Haar.

„Auch das ist alles andere als unwahrscheinlich“, musste Graf von Terra einräumen.

„Na, dann tun Sie und Ihre Leute mir schon jetzt leid“, bedauerte der Däne aufrichtig die Deutschen.

„Wieso sagen Sie das?“, lautete die Rückfrage des jungen Leutnants Bernhard, Freiherr von Usow, eines entfernten Verwandten des Grafen Terra.

Ein fast mitleidig wirkendes Lächeln des großen, hageren Dänen rief diese Frage hervor. Doch bevor er antworten konnte, sprach das junge Mädchen an seiner Seite wohl genau das aus, was der Hafenkapitän gedacht haben dürfte: „Na, überall hat England seine Stützpunkte und seine Riesenflotte. Überall Kohlen, Proviant, Munition. Dann dürfen sich doch deutsche Schiffe gar nicht mehr aus den Häfen wagen, bis vielleicht auf die Ostsee oder einen kleinen Teil der Nordsee.“

Ein jetzt stolzes Lächeln trat in die Gesichtszüge des hochgewachsenen Dänen und strafte irgendwie seine folgenden Worte Lügen, die da lauteten: „Sie müssen meine etwas vorlaute Tochter entschuldigen, meine Herren, aber ihre Mutter ist leider früh, sehr früh, verstorben und so ist sie bei mir die Frau im Haus und sehr frei erzogen.“

Das Mädchen, eigentlich bereits eine junge Frau, lächelte dazu freundlich und irgendwie entwaffnend offen. Fregattenkapitän Graf von Terra verzog sein bis dahin ernstes Gesicht ganz kurz und seine ernsten Züge wurden deutlich weicher, als er antwortete. „Da haben Sie völlig recht, aber keine Sorge, die Kaiserliche Marine ist auch nicht ohne – und weiß sich schon zu helfen. Auch wenn es schwer wird.“

Jetzt griff erstmals der Gouverneur dieser damals noch dänischen Kolonie ein: „Nun, wie auch immer. Dänemark wird, da bin ich mir sicher, neutral bleiben, auch wenn die Niederlage von 1864, die uns Schleswig-Holstein gekostet hat, immer noch schmerzt und für viele national denkende Dänen vielleicht noch nicht als endgültig betrachtet wird. Aber wir haben hier ein sehr gutes Verhältnis zu unseren deutschen Kaufleuten, wie Sie selbst gesehen haben. Also sind auch Sie, Herr Kapitän, uns immer willkommen. Aber in einem Kriegsfall dürften Sie natürlich auch von uns nur erwarten, was neutrale Staaten kriegsführenden Mächten gewähren dürfen.“

Der Kommandant dankte und wies daraufhin, dass ihm diese Regeln sehr wohl bewusst seien und selbstverständlich beachtet würden. „Im Übrigen, meine sehr verehrten Damen“, er schenkte den wenigen anwesenden weiblichen Teilnehmerinnen ein freundliches Lächeln, „Ihnen und Ihnen, Herr Gouverneur, Herr Kapitän Jensen sowie Ihnen, meine Herren von der ‚Hanse-Süd‘, danke ich für Ihre Freundlichkeiten, auch im Namen meiner Offiziere, sehr. Aber ich glaube kaum, dass wir uns hier noch einmal wiedersehen werden. Leider, wie ich hinzufügen darf. Wir werden um sieben Uhr Anker lichten und in See gehen.“

Damit war der offizielle Teil beendet und zur Freude der jungen Offiziere wurde jetzt auch Musik gemacht und die Bierbar geöffnet. So kam der Kommandant zu der Ehre, mit der Frau des Gouverneurs den Tanz zu eröffnen.

„Na, viel Spaß scheint er ja nicht zu empfinden“, wisperte Leutnant zur See Bernhard von Usow seinem Crew-Kameraden Geert Anson zu. „Dann werde ich es mal mit der hübschen Blonden versuchen.“

„Zu spät, Herr Kamerad, zu spät“, lautete dessen Antwort. Mit diesen Worten erhob er sich und bat, natürlich nicht, ohne vorher in gebührlicher Form die väterliche Zustimmung eingeholt zu haben, die Tochter des Hafenkapitäns um diesen Tanz. Geradezu hocherfreut willigte die junge, blonde Dame ein und kurz darauf schwebten die beiden über die Tanzfläche, als hätten sie nie etwas anderes getan. Natürlich hatte der Leutnant schon mit vielen jungen Damen getanzt, aber das hier war etwas anderes, wie ihm sofort bewusst wurde. Die Tochter des Hafenkapitäns schien ähnlich zu empfinden.

„Gnädiges Fräulein“, bemühte sich der junge Offizier, mit der Konversation zu beginnen, als er sofort unterbrochen wurde.

„Hier gibt es kein gnädiges Fräulein. Ich heiße Mette.“

„Geert“, beeilte Anson sich vorzustellen, „Geert Anson.“

Auch, dass sie sich von ihm lieber an die Bierbar führen ließ, als Champagner zu trinken, gefiel dem jungen Mann sehr. Wie eigentlich alles an dem Mädchen, von den langen, blonden Haaren, über die himmelblauen Augen und die kleine Nase mit den Sommersprossen, bis hin zu den zierlichen Fesseln. Natürlich verweilten seine Augen auch auf den sonstigen weiblichen Attributen, wie den nicht zu kleinen, hochangesetzten Brüsten und dem sich unter dem engen Kleid abzeichnenden festen Po. Er war sich sicher, dass alles an ihr einzigartig gelungen war.

Schließlich, nach mehreren Tänzen, kam sie auf die Idee, dass er unbedingt auch einen Blick auf ihren Gewürz- und Gemüsegarten werfen müsse, der sich in unmittelbarer Nähe, hinter dem Haus ihres Vaters, befand.

Gerade noch rechtzeitig zur Verabschiedung fanden sich der Leutnant zur See und die junge Dame wieder im Festsaal ein. Deutlich länger als üblich oder zu damaliger Zeit auch schicklich hielten sich die beiden Hände fest, was nicht nur Vater Jensen, sondern auch einigen Kameraden von Geert Anson nicht verborgen blieb. Zum Glück für den jungen Offizier aber seinem Kommandanten, wie er glaubte.

Verstohlen tastete der junge Seeoffizier auf dem Rückweg zum Kai an seine weiße Uniformjacke, wo sich sicher verborgen ein kleiner Zettel mit Mettes Postanschrift befand und – ungleich wertvoller – auch ein Foto neueren Datums.

In seiner Kammer, die er sich mit seinem alten Freund und Kameraden, Leutnant zur See Bernhard von Usow, teilte, konnte er lange nicht einschlafen. Immer dann, wenn er die Lider schloss, tauchte ein hübsches Mädchengesicht mit langen, blonden Haaren und hellblauen Augen vor ihm auf. Lange lauschte er den tiefen und alkoholgeschwängerten Atemzügen des Kameraden, bis ihn dann endlich der Schlaf übermannte.

Entsprechend müde erwachte er dann beim Wecken um sechs in der Früh. „Na, du siehst ja auch nicht viel besser aus“, grinste ihn Bernhard von Usow an. „War übrigens sehr unkameradschaftlich, keinem mehr die Chance zu geben, auch mit der kleinen Blonden zu tanzen. Ach, da fällt mir ein, dass ich euch eine ganze Weile nicht gesehen habe. Dass mir da mal keine Klagen kommen, mein Bester.“

„Nichts da, Fräulein Mette hat mir nur ihren Kräutergarten gezeigt“, wehrte Anson ab und war froh, dass den beiden keine Zeit für weitere Unterhaltungen mehr blieb. Eine Viertelstunde vor dem Auslaufen hatten sie sich auf ihren Manöverstationen einzufinden, da verstand der IO, also der Erste Offizier, so gar keinen Spaß.

Selbstverständlich hatten sich neben den Herren der „Hanse-Süd“ auch die Honoratioren der Insel zur Verabschiedung des Kreuzers eingefunden. Ganz vorn am Kai standen neben den Reedereibossen und dem Gouverneur mit seinem Gefolge auch der Hafenkapitän und seine Tochter Mette. Auf der Brücke des Kreuzers hatten Kommandant und IO ihren Platz und neben ihnen nur die dort auch eine Funktion erfüllenden Männer, wie Rudergänger, Befehlsübermittler und dergleichen. Die übrige, wachfreie Besatzung war auf Oberdeck in Paradeaufstellung angetreten, soweit die Decksladung es zuließ.

Am backbordvorderen 10,5-Zentimeter-Geschütz stand Geert Anson, nur durch wenige Meter von der direkt unter ihm am Kai stehenden Mette getrennt, die ihm zuwinkte. Auch wenn er sich im Blickfeld der Brücke befand, er konnte einfach nicht widerstehen und winkte, nach verstohlenen Seitenblicken, kurz zurück. Dann ertönte die Schiffssirene und die Leinen wurden gelöst. Die Schrauben des Kreuzers begannen sich zu drehen und am Heck des Schiffes sprudelte das Wasser hellschäumend auf. Langsam löste sich das über hundertvierzig Meter lange Kriegsschiff von seinem Liegeplatz an Land. Der Streifen Wasser zwischen Schiff und Anleger wurde breiter und breiter, als eine melodische Stimme rief: „Farewell, Geert, aber komm wieder!“ Laut und deutlich klangen die Worte in der noch klaren Luft des Morgens und wurden sowohl auf dem Schiff wie auch an Land von fast allen Leuten verstanden. Während der Hafenkapitän den Arm um seine Tochter legte und sie sanft an sich zog, konnte Geert nicht verhindern, dass sich sein Gesicht mit flammender Röte überzog. Da die Geschützbedienung hinter ihm angetreten war, hoffte er nur, dass es niemand mitbekommen würde. Dann vollzog das graue Schiff, dessen Silhouette sich durch die an Deck in Säcken gestapelte Kohle stark verändert hatte, einen Schwenk nach Steuerbord und strebte der offenen See zu.

Kaum außer Sicht von Land her, änderte die „Kiel“ ihren Kurs und lief mit fünfzehn Seemeilen Marschfahrt dem noch so fernen Ziel in den südamerikanischen Gewässern entgegen, wo der Kreuzer „Kassel“ abgelöst werden sollte.

Während die Besatzung mit stetigen Übungen aller Art in Bewegung gehalten wurde, verdichtete sich die Kriegsgefahr immer mehr, bis es schließlich so weit war. Seit Tagen nahm das, zu damaliger Zeit noch seltene, Summen im Äther immer mehr zu. Ganz offensichtlich standen eine größere Menge unterschiedlichster Kriegsschiffe miteinander und teils auch mit Landstationen in Verbindung. Dann, am 28. Juli, erfolgten der Abbruch der diplomatischen Beziehungen und die Kriegserklärung Österreich-Ungarns an Serbien. Darauf erklärte das Deutsche Reich am 1. August 1914 erst Russland und zwei Tage darauf auch Frankreich den Krieg. Prompt folgte einen Tag später die Kriegserklärung Großbritanniens an das Deutsche Reich.

„Jetzt ist es so weit, meine Herren“, erklärte Fregattenkapitän Siegurd von Terra seinen in der Messe versammelten Offizieren, nachdem ein unverschlüsselter Funkspruch eines US-Kriegsschiffes in der Karibik auch auf SMS „Kiel“ abgenommen wurde. „Ich habe jetzt unsere für den Kriegsfall geltenden Befehle geöffnet und darf Ihnen diese bekanntgeben: Kreuzerkrieg führen in Mittel- und/​oder Südatlantik! Ausweichen in Pazifik genehmigt, wenn Feindlage es erforderlich macht. Kohlen- und sonstige Versorgung aus aufgebrachten Feindschiffen vornehmen oder gegen Quittung von Neutralen übernehmen!“

Seine Offiziere nahmen diese Order durchaus unterschiedlich auf. Während die jüngeren unter ihnen das Abenteuer eines Kreuzerkrieges in der Mehrzahl durchaus freudig aufnahmen, waren die Gefühle des Kommandanten und seiner älteren Offiziere überwiegend von Sorgen geprägt. Ohne Stützpunkt, ohne geregelten Nachschub, ohne jede Unterstützung in einem vom Feind beherrschten Meer zu operieren, das war schon ein fast aussichtsloses Unterfangen, an dessen Ende wohl der Untergang des Schiffes und vielleicht ihrer aller Tod stehen würde.

„Also, meine Herren, alles, was ab jetzt in Sicht kommt, muss zunächst einmal als feindlich betrachtet werden. IO, lassen Sie ‚Klar Schiff zum Gefecht‘ anschlagen und bereiten Sie alles vor! NO, setzen Sie Kurs auf die Karibik ab, dort, von wo wir gekommen sind, wird man uns kaum erwarten.“

Mit diesen Worten bereitete der Kommandant seine Offiziere auf das Kommende vor, bevor er auch zur angetretenen Besatzung sprach, die teils mit geradezu enthusiastischem Hurra-Geschrei reagierte. Nur wenige, meist schon etwas ältere Unteroffiziere, die ahnten, was auf sie zukommen würde, stimmten nicht mit ein.

Kurz darauf glich das ganze Schiff einem brodelnden Bienenstock, der von einem Bären heimgesucht wurde. Alles wuselte umeinander und schleppte an Deck, was im Krieg und im Gefecht nicht erforderlich war oder sogar gefährlich werden konnte. Vor allem leicht entflammbares Gut, wie Vorhänge, Teppiche, Gardinen, hölzerne Koffer sowie auch Zivilanzüge und ein Großteil der Bücher flog über Bord und die Feindfahrt begann.

Das größte, stetig wiederkehrende Problem dürfte die Brennstofffrage werden. Waren die Kohlen alle, würden die Kessel ausgehen und das Schiff bewegungsunfähig im Meer zur leichten Beute der vielen Feinde werden. Also wurde sparsamste Marschfahrt angeordnet und der Kreuzer schleppte sich mit gerade einmal zehn Seemeilen durch den Atlantischen Ozean.

Der Abend brach herein und in der Offiziersmesse saßen am Tisch des Kommandanten mit dem Ersten und Zweiten Offizier, dem Navigationsoffizier (NO) und dem Ersten Artillerieoffizier (IAO) sowie dem Leitenden Ingenieur (LI) die wichtigsten Männer der Schiffsführung zusammen und beratschlagten, durch welche Maßnahmen dem Feind der größtmögliche Schaden zugefügt werden könnte.

Nachdem Raucherlaubnis gegeben war, kam Fregattenkapitän Graf von Terra zu der mit Spannung erwarteten Darlegung seiner Pläne: „Wenn denn also Krieg gegen England und auch Frankreich von uns zu führen ist, ist es unsere Aufgabe, dem Feind so viel Schaden zuzufügen, wie überhaupt nur irgend möglich. Dazu brauchen wir vor allem zunächst einmal volle Bunker. Wir könnten also die Dampfertracks abgrasen in der Hoffnung auf einen Kohlendampfer. Da aber unsere Bunker noch dreiviertelvoll sind, beabsichtige ich erst einmal unsere französischen Gegner zu besuchen. Wie wir wissen, haben die Franzmänner in ihren Kolonien zwei ihrer alten, uns klar unterlegenen Kreuzer stationiert. Den einen auf Martinique, den anderen auf Guadeloupe. Also sollen wir doch mal sehen, ob wir einen dieser Kameraden auf Reede oder sogar am Kai liegend überraschen und mit Torpedoschuss versenken können. Nun, was meinen Sie dazu, meine Herren?“

Der Erste, Kapitänleutnant Kurt Karstens, nickte zustimmend. „Da bin ich ganz Ihrer Meinung, Herr Kapitän, ist auf jeden Fall ein ganz anderes Ding, als den einen oder anderen Dampfer oder auch eines der schönen alten Segelschiffe zu versenken. Und ja, jetzt gleich zu Beginn wird hier keiner der Franzmänner“, er grinste verhalten, „und wohl auch keiner der englischen Vettern mit einem deutschen Kreuzer rechnen. Die haben bestimmt genug damit zu tun, Graf Spee mit seinem Kreuzergeschwader zu suchen, und der dürfte doch wohl weit entfernt im Süden stehen.“

„Eben, genau das war auch meine Überlegung, Karstens“, bestätigte ihm der Kommandant.

Jetzt meldete sich der LI, also der Leitende Ingenieur des Kreuzers, der Ober-Ingenieur Steinhauer, ein sechsunddreißigjähriger Hamburger mit noch pechschwarzem Haar, zu Wort: „Wenn Sie den Einwand gestatten, Herr Kapitän, dann werden wir uns nach der Aktion aber wohl mit allem, was Kessel und Turbinen hergeben, absetzen müssen – und Herr Kapitän wissen, wie schnell bei hohen Fahrstufen unser Kohlenvorrat schwindet. Also …“

Sein Kommandant unterbrach ihn: „Schon gut, Steinhauer, was das angeht, haben Sie recht. Aber wir brauchen sowieso alles Glück dieser Welt, wenn wir auch nur einige Wochen über Wasser bleiben wollen. Das sollte doch wohl uns allen klar sein!“

„Jawohl, Herr Kapitän!“, lautete die auch nicht anders mögliche Antwort.

„Wann können wir vor Guadeloupe stehen?“ Die Frage ging an den Navigationsoffizier, Kapitänleutnant Georg von Lebensau, einen Mann von vierzig Jahren, der seit fast zwanzig Jahren Marineoffizier war, während sein älterer Bruder das Familiengut in Ostpreußen bewirtschaftete.

„Bei Marschfahrt von zehn Meilen passend morgen Abend bei Eintritt der Dunkelheit, Herr Kapitän!“

„Schön, schön, meine Herren, dann mag Gott mit uns sein. Bis dahin wollen wir uns als amerikanischer Kreuzer tarnen, die ja hier durchaus anzutreffen sind. IO, veranlassen Sie alles Erforderliche! Und Sie, Enke, sorgen dafür, dass mit den Torpedos alles klargeht! Ach, Sie fragen sich vermutlich, wieso erst Guadeloupe und nicht Martinique? Nun, weil dann auch weder die Vettern noch die Franzosen damit rechnen werden, dass wir erst Martinique passieren, vor Guadeloupe angreifen und dann zurückkommen.“

Mit diesen Worten zog sich der Kommandant in seine Kammer zurück, wo die eben noch so deutlich geäußerte Zuversicht von ihm abfiel und er mit zunehmend sorgenvollerer Miene nochmals seinen Plan durchdachte. In diesem Moment empfand er die Einsamkeit eines Kommandanten noch viel bedrückender als ohnehin schon.

Am nächsten Morgen zog ein amerikanischer Kreuzer mit am Flaggenstock flatternden Stars and Stripes seinen Weg durch das Karibische Meer. Am Bug stand auf einem schnell angefertigten, über die Bordwand zu klappenden Schild der Name „Dallas“, eines tatsächlich existierenden Kreuzers, der aber eigentlich im Pazifik stationiert war, also hier so genau nicht bekannt sein dürfte. Bei einer Überprüfung in „Jane’s Fighting Ships“ hingegen bestand durchaus Ähnlichkeit mit der „Kiel“. Zumindest hinsichtlich Anzahl der Schornsteine und ungefähren Silhouette.

Mit langsamer Marschfahrt näherte sich die, jetzt als amerikanischer Kreuzer getarnte, „Kiel“ der französischen Kolonie Guadeloupe. Mehrfach musste den hier noch sehr häufig anzutreffenden Segelschiffen aller Art, die den Verkehr zwischen den Inseln aufrecht hielten, ausgewichen werden. Auch wenn Rauchfahnen am Horizont erschienen, wurde stets abgedreht und erst, wenn die Kimm wieder frei war, auf den Generalkurs zurückgekehrt.

Dann aber, am Abend dieses Tages, des 8. August 1914, war es so weit. Jetzt steuerte der Kreuzer mit geradem Kurs auf die französische Besitzung zu. Längst war das Schiff klar zum Gefecht. Alle zwölf 10,5-Zentimeter-Geschütze waren mit Panzersprenggranaten geladen und auch in den beiden Torpedorohren drohten bereits die den Tod bringenden Stahlzigarren. Die Spannung an Bord stieg von Minute zu Minute. Der Blick des Kommandanten ging zum Himmel, wo sich die Sonne als glutroter Ball langsam auf das kaum bewegte Meer herabsenkte und in weniger als einer Stunde untergehen würde. Neben den, teils doppelt besetzten, Ausgucks hoben auch die Offiziere auf der Brücke des Kreuzers immer wieder die Gläser vor die Augen. In wenigen Minuten sollten in den guten Optiken die ersten Schemen der Insel sichtbar werden. Weiß schäumte die See am Bug des Kreuzers auf und die zerteilten Wellen glitten an den schlanken Flanken des Schiffes entlang zum Heck, wo seinerseits die wirbelnden Schrauben eine helle Hecksee erzeugten. Diese folgte dem Kreuzer wie die lange Schleppe eines Brautkleides.

„Achtung an Deck, kleine Boote drei Strich Steuerbord voraus!“, erscholl die Stimme des am höchsten platzierten Ausgucks, nämlich des Obermatrosen im Mastkorb.

Sowie dem Kommandanten die Meldung überbracht war, wies dieser den Leutnant zur See Kurt Groß an: „Entern Sie auf, Groß, und dann sofortige Meldung an mich, um wen oder was es sich bei den Booten handelt!“

Während sich der junge Leutnant auf den Weg in luftige Höhe begab, äußerte der Erste Offizier, Kurt Karstens: „Wird sich um Fischerboote handeln, Herr Kapitän.“

Dieser nickte zustimmend. „Vermute ich auch. Dürften uns ohnehin nicht identifizieren können.“

Diese Vermutung bestätigte kurz darauf der junge Seeoffizier seinem Kommandanten.

Keine Viertelstunde später meldete sich erneut der Ausguck Mastkorb. „Was hat er gesagt?“, fragte Fregattenkapitän Siegurd von Terra in die Runde seiner auf der Brücke anwesenden Offiziere.

„Nicht genau verstanden, Herr Kapitän, aber er wird wohl jetzt Guadeloupe gesichtet haben“, vermutete der Navigationsoffizier, Kapitänleutnant Georg von Lebensau.

Da erschien bereits der Melder und nahm Haltung vor dem Kommandanten an: „Ausguck Mastkorb meldet Rauchfahne Backbord achtern!“

Erneut bekam einer der jüngeren Offiziere, jetzt der Leutnant zur See Ludolf Lustig, Befehl, aufzuentern und oben zu bleiben, bis er nähere Einzelheiten erkennen könne oder aber die Rauchfahne wieder außer Sicht käme.

Kurz darauf wurde auch, die Sonne war gerade dabei, im Meer zu versinken und dieses wie flüssiges Gold aufleuchten zu lassen, genau voraus die französische Insel ausgemacht. Die Minuten verstrichen und die Spannung an Bord stieg rapide an. Dann, die Dämmerung begann fast übergangslos die Sichtigkeit des Tages zu verdrängen, erschien Leutnant zur See Lustig und meldete: „Rauchfahne fast genau von achtern, schnell näher kommend!“

Die Offiziere auf der Brücke starrten überrascht auf den meldenden Kameraden. Auf dem Gesicht des Grafen Siegurd von Terra hingegen zeichnete sich nicht nur Überraschung, sondern auch Sorge und Unmut ab. Er überlegte einen kleinen Moment und äußerte dann: „Wir laufen fünfzehn Meilen. Wenn sich die Rauchfahne von achtern nähert, dann bedeutet das ja mit einiger Sicherheit, dass der Bursche noch wesentlich schneller läuft als wir. Damit dürfte klar sein, dass es sich hier um keinen Dampfer handeln kann, sondern eindeutig um ein Kriegsschiff.“ Sein schlankes, wohlgeformtes Gesicht erschien plötzlich etwas kantiger, als er äußerte: „Jetzt zählt’s, meine Herren.“

Das war allen auf der Brücke nur zu klar. Natürlich konnte es sich um einen amerikanischen Kreuzer handeln. Wahrscheinlicher, sehr viel wahrscheinlicher sogar, war aber, dass man hier auf einen Briten treffen würde.

Kapitänleutnant Kurt Karstens, der Erste Offizier, wandte sich zu seinem Kommandanten um: „Herr Kapitän gestatten, dass ich mir das einmal anschaue? In einigen Minuten wird es sicherlich zu dunkel sein, um Näheres zu erkennen.“

Fregattenkapitän von Terra nickte. „Darum wollte ich Sie gerade gebeten haben, Karstens. Ich lasse die Fahrt vermindern, damit der Gegner, denn um einen solchen dürfte es sich ja wohl handeln, schneller aufkommt und Sie vielleicht noch nähere Einzelheiten ausmachen können.“

Dann erging der Befehl an die Maschine, die Umdrehungen auf eine Geschwindigkeit von fünf Seemeilen zu reduzieren, aber jederzeit bereit zu sein, schnellstmöglich wieder höchste Umdrehungszahlen zu erreichen. Auf allen Stationen stand den Männern die Anspannung ins Gesicht geschrieben. Stand bereits jetzt ihre große Bewährungsprobe bevor? Würde es zum Gefecht kommen und wenn ja, würden sie hieraus als Sieger hervorgehen oder vielleicht das Ende des Tages gar nicht mehr erleben? Das konnte niemand vorhersagen.

Während für alle Männer der Besatzung, vom jüngsten Matrosen und auch den beiden Fähnrichen, die auf dieser Fahrt eigentlich erste Seeerfahrung sammeln sollten, bis zu den Offizieren, klar war, dass der Kommandant in jedem Fall das Gefecht annehmen würde, hatte dieser sich noch nicht entschieden. Nicht etwa, weil er das Risiko scheute, sondern weil er damit möglicherweise gegen seine klaren Befehle verstoßen hätte. Diese lauteten: Handelskrieg führen! Die Versenkung von Handelsschiffen würde den Gegner zwingen, Kriegsschiffe von anderen Aufgaben abzuziehen, um den Störenfried zu jagen. Damit könnte gegebenenfalls ein viel größerer Erfolg erzielt werden, als mit der Versenkung eines möglichen Gegners. Auch musste er davon ausgehen, dass sein Schiff in einem Gefecht schwere Beschädigungen erleiden würde und auch aus diesem Grund seinem Auftrag nicht gerecht werden könnte. Denn wo sollte er Reparaturen, die mit Bordmitteln nicht machbar wären, ausführen lassen? Es blieben nur neutrale Häfen und dort müsste er das Schiff dann auflegen, um es nicht in Feindeshand fallen zu lassen. Andererseits, würde er jetzt abdrehen und im Schutze der Dunkelheit ablaufen, so könnte er noch am frühen Morgen vor Martinique stehen und dort sein Glück versuchen. Aber wie würde die Besatzung sein Verhalten bewerten?

Während er noch mit sich selbst um eine Entscheidung rang, erschien der Erste Offizier und meldete: „Eindeutig Kriegsschiff, das hohe Fahrt läuft. Ich schätze, mindestens zwanzig Seemeilen. Die ersten Konturen waren schemenhaft über der Kimm zu erkennen.“

„Und, Karstens, nun sagen Sie schon, was konnten Sie ausmachen?“, drängte der Kommandant ungeduldig.

Kapitänleutnant Karstens straffte sich und äußerte: „Sicher bin ich mir nicht, aber ich meine, zwei Schornsteingruppen von jeweils zwei oder drei Schornsteinen vorn und achtern erkannt zu haben. Entfernung wohl noch mindestens zehn, wenn nicht zwölf Meilen.“

„Verzeihung, Herr Kapitän, im Weyer gibt es verschiedene französische Kreuzer, die in Betracht kämen.“ Mit diesen Worten überreichte Oberleutnant zur See Werner von Bruhshöven seinem Kommandanten das aufgeschlagene, aus November 1913 datierte Verzeichnis der Kriegsflotten der Welt, das nach seinem Verfasser, dem Kapitänleutnant der Reserve Bruno Weyer, benannt war.

„Danke, Bruhshöven. Gut mitgedacht. Ausspreche Anerkennung!“, belobigte Siegurd von Terra seinen IIO. Dann vertiefte er sich in das erstklassige Werk, das nicht nur Abbildungen der Schiffe, sondern auch entsprechende Skizzen zeigte und die außerordentlich wichtigen Angaben über Größe, Geschwindigkeit und vor allem auch Bewaffnung lieferte. Er blätterte und winkte dann seinen IO heran. „Gucken Sie mal, Karstens, was meinen Sie?“

Dieser schaute, blätterte und schüttelte dann leicht zweifelnd den Kopf. „Verzeihung, Herr Kapitän, mit allen Vorbehalten, es könnten fast alle Kreuzer sein. Ich vermute aber, im Hinblick auf die Größe, einen Panzerkreuzer. Ob aber jetzt beispielsweise die ‚Ernest Rènan‘, die ‚Edgard Quinet‘ oder aber ein älteres Schiff, wie zum Beispiel die ‚Jeanne d’Arc‘, das kann ich wirklich nicht genau sagen.“

„Hm“, überlegte der Kommandant, „also auf jeden Fall ein uns artilleristisch stark überlegener Gegner.“

Er machte einige Schritte beiseite und verholte sich in die Backbord-Brückennock. Es nützte ja nichts. Eine Entscheidung musste fallen. Artilleristisch hätte er gegen einen, auch älteren, Panzerkreuzer kaum eine Chance, da seine kleinen 10,5-Zentimeter-Geschütze wohl kaum die starke Panzerung des Gegners durchschlagen würden. Die schweren Geschütze des in jedem Fall überlegenen Kriegsschiffes könnten hingegen seinen modernen Kreuzer sehr schnell zum Wrack zusammenschießen. Wenn überhaupt, so würde seine Chance im Torpedoschuss liegen, überlegte er.

Dann, nach einigen Minuten, hatte er sich entschieden. Er trat in die Mitte der Brücke und seine markante, wenn auch nicht allzu laute Stimme ertönte: „IO, lassen Sie auf Gegenkurs gehen. Wir schauen uns den Unbekannten einmal näher an. Deutsche Kriegsflagge setzen und auch die falschen Namensschilder an Bug und Heck entfernen!“

Dann begab er sich an das Sprachrohr, das ihn mit dem Kommandostand des Leitenden Ingenieurs, tief unten im Bauch des Schiffes, verband, und befahl: „Maschine langsame Fahrterhöhung auf Umdrehungen für zwanzig Knoten. In circa fünfzehn Minuten Dampfdruck für Höchstgeschwindigkeit sicherstellen!“

Der Kommandant sah sich auf der Brücke um und musterte jeden Einzelnen seiner Offiziere, wie auch Befehlsübermittler und vor allem den Gefechtsrudergänger, dessen Ersatzmann ebenfalls bereitstand, um im Falle von Verwundung oder Tod des Kameraden dessen Posten sofort einnehmen zu können. Was er sah, stellte ihn zufrieden. Ganz offensichtlich war ein jeder Mann bereit, nicht nur seine Pflicht zu tun, sondern alles das, was überhaupt menschenmöglich war, um den Feind zu schlagen. Zudem bekamen jetzt auch die Befehlsübermittler (BÜ) ihre Weisungen und wurden auf die einzelnen Stationen entsandt, um die Befehle des Kommandanten an Artillerie, Torpedowaffe, Scheinwerferstände, Entfernungsmesser und so weiter zu übermitteln. Gleichzeitig richtete sich der Schiffsarzt mit seinen Sanitätsgasten im Bordlazarett und den beiden vorgesehenen Gefechtsverbandsplätzen auf die sofortige Versorgung von Verwundeten ein. Die unter dem Kommando bewährter Unteroffiziere stehenden Feuerlösch- und Lecksicherungstrupps formierten sich auf ihren Stationen im Vor- und Achterschiff, um bei Beschädigungen durch Feindeinwirkung die Schiffsführung sofort über das Ausmaß der Schäden zu informieren und etwaige Brände, Wassereinbrüche und dergleichen sofort bekämpfen zu können.

Da der Gegner voraussichtlich an Steuerbord in Sicht kommen würde, war es Sache des ersten Artillerieoffiziers, des Oberleutnants zur See Willi Siems, die Feuerleitung der die Steuerbordbreitseite bildenden sechs 10,5-Zentimeter-Geschütze zu übernehmen.

Sein Vertreter, der Leutnant zur See Geert Anson, begab sich auf seine Gefechtsstation für die an Backbord angeordneten sechs 10,5-Zentimeter-Geschütze, die also voraussichtlich erst bei einem sich entwickelnden Artilleriegefecht mit wechselnden Kursen zum Einsatz kommen könnten. Die Gefechtsbereitschaft war hergestellt, die Geschütze geladen, die Bedienungen vom Geschützführer bis zur letzten Ladenummer ebenso bereit wie die Entfernungsmesser, Scheinwerfer und Munitionsaufzüge. Jetzt blieb ihm nur abzuwarten.

In seinem Kopf jagten sich die Gedanken. Was würde geschehen? Würde er sich in seinem ersten Aufeinandertreffen mit dem Feind bewähren, vielleicht sogar auszeichnen? Oder würde sein Leben hier bereits enden? Zerfetzt von detonierenden gegnerischen Granaten, erstickt im giftigen Qualm der auflodernden Brände, im Feuer verbrennen oder sein Grab nach halbwegs gnädigem Ertrinken auf dem Grund der See finden? All diese Gedanken gingen ihm durch den Kopf. Zwischendurch aber erschien auch immer wieder vor seinem geistigen Auge zunächst nur das Gesicht mit den tiefblauen Augen, dem langen, blonden Haar und der von lustigen Sommersprossen umkränzten Nase, bis er schließlich meinte, die ganze, ach so anmutige Mette Jensen zum Greifen nahe vor sich zu sehen. Oh, wie schön wäre es, wenn ihm das nochmals vergönnt wäre. Sein ernstes Gesicht entspannte sich bei diesem Gedanken und ein leichtes Lächeln zog auf. Ach ja, komisch, dass er bis dahin kaum daran gedacht hatte. Sein Schiff war doch derzeit gar nicht mehr so weit von St. Thomas entfernt. Schließlich hatten sie, als die Kunde der Eröffnung der Feindseligkeiten mit Frankreich und England das Schiff erreicht hatte, in einer großen Kurve gedreht, um den französischen Besitzungen Guadeloupe und Martinique einen Besuch abzustatten. Gemessen an den Entfernungen auf dem Meer war man ja nur noch einen Steinwurf von der dänischen Besitzung und damit auch von Mette entfernt. Ein leiser Seufzer entrang sich seiner Kehle, als seine Gedankengänge urplötzlich durch eine befehlsgewohnte Stimme in etwas barscherem Ton unterbrochen wurden.

„Nanu, Anson, träumen Sie etwa? Das will ich doch nicht hoffen!“

Er fuhr herum. Vor ihm stand der IIO, Oberleutnant zur See Werner von Bruhshöven, und funkelte ihn aus seinen dunkelbraunen Augen an.

„Nein, Herr Oberleutnant, selbstverständlich nicht!“

Dessen Gesicht entspannte sich etwas und auch seine Stimme klang etwas freundlicher, als er erwiderte: „Na, und wo waren Sie gerade mit Ihren Gedanken?“

War es jetzt eine konkrete Nachfrage des Vorgesetzten oder die Überraschung, dass dieser ihn wirklich quasi beim Träumen erwischt hatte? Jedenfalls entschloss sich Geert Anson spontan, dem Zweiten Offizier zu offenbaren, welcher Gedanke ihm gekommen war, als bekannt wurde, dass Fregattenkapitän Siegurd Graf von Terra sich mit seinem Kreuzer zum Kampf stellen wollte.

„Ich hatte gerade einmal nachgedacht, ob es nicht eine andere Möglichkeit gäbe, als dem aufkommenden Gegner entgegenzufahren und ein Nachtgefecht mit allen Unwägbarkeiten aufzunehmen.“

Oberleutnant zur See von Bruhshöven grinste. „Na, Sie Schlaumeier, und welcher geniale Gedanke ist Ihnen gekommen, der sich vielleicht unserem Kommandanten nicht erschlossen hat?“ Ein spöttisches Grinsen überzog das Gesicht des Zweiten Offiziers, als er mit diesen Worten abschätzend den Leutnant musterte.

„Nun ja, Herr Oberleutnant“, begann Geert, der es bereits bereute, so vorgeprescht zu sein, „ich meinte nur …“

Das Grinsen im Gesicht des Oberleutnants schwand und verwandelte sich in eine erkennbare Strenge. „Drucksen Sie hier nicht lange rum, Anson, nun reden Sie schon! Ich muss nämlich zurück auf die Brücke. Schon in wenigen Minuten könnten wir Feindberührung bekommen!“

Nun denn, es half ja nichts, erkannte der so leicht Gemaßregelte und nahm Haltung an. „Herr Oberleutnant, da wir ja nicht genau wissen, welcher Gegner auf uns zukommt, war mir der Gedanke gekommen, wir könnten etwas abdrehen, das Schiff total abblenden und vielleicht die gegnerische Einheit an uns vorbeifahren lassen. In der jetzt schon eingetretenen Dunkelheit, wenn wir weder Bugwelle noch Kielwasser hell aufschäumen lassen, sollte der Feind uns kaum bemerken. Vielleicht erkennen wir dann, um was für einen Gegner es sich handelt. Wenn es sich, wie der Herr Kommandant wohl annimmt, um einen französischen Panzerkreuzer handelt, so wird der ja Guadeloupe ansteuern, was auch seine verhältnismäßig hohe Fahrt erklären könnte, damit man rechtzeitig zum Abendessen den Liegeplatz auf Reede oder gar im Hafen eingenommen hat. Wenn dies der Fall wäre, so könnten wir doch dann den Gegner auf seinem Liegeplatz völlig überraschen, durch Torpedoschuss versenken und dabei eventuell völlig unbeschädigt davonkommen, was uns dann die Möglichkeit eröffnet, die Order, Kreuzerkrieg zu führen, zu erfüllen.“

Schon während Geert Anson seine Überlegungen äußerte, veränderte sich der Gesichtsausdruck des Oberleutnants erneut. Erst nachdenklich, dann nickend schien ihm der vom IIAO (Artillerieoffizier) geäußerte Gedanke offenbar alles andere als abwegig. Dann hatte er sich entschieden: „Los, Mann, kommen Sie mit. Schnell, sofort zum Kommandanten!“

Leutnant zur See Anson hastete hinter seinem Vorgesetzten her und sowohl der Kommandant als auch der IO fuhren herum, als die beiden auf die Brücke gestürmt kamen.

„Verzeihen Sie, Herr Kapitän, aber ich glaube, Sie sollten sich einen Vorschlag von Leutnant Anson anhören, den er eben mir gegenüber geäußert hat.“ Der Kommandant blickte etwas erzürnt, schließlich konnte in wenigen Minuten der Gegner auftauchen, nickte dann aber und meinte: „Dann los, Anson, aber flott bitte!“

„Jawohl, Herr Kapitän“, erwiderte dieser und bemühte sich, seinen Vorschlag ganz schnell darzulegen.

Zu seiner überraschenden Freude reagierte der Kommandant des Kreuzers fast genauso wie vor ihm sein Zweiter Offizier. Er zog den Stöpsel aus dem Sprachrohr, das die Brücke mit der Maschine verband, und seine sonore Stimme erklang: „Achtung, Maschine! Hier spricht der Kommandant. Fahrt aus dem Schiff, aber für Höchstfahrt bereit bleiben und sorgen Sie dafür, dass ja kein Funkenflug entsteht!“ Dann wandte er sich an den Rudergänger: „Zwei Strich nach Backbord abfallen!“ Ganz kurz fuhr er sich mit der Hand über den Nasenrücken und wandte sich dann zum IO um: „Karstens, stellen Sie sicher, dass nicht der kleinste Lichtschein nach außen dringt! Und dann wollen wir alle mal sehen, ob wir erkennen können, was hier gleich an uns vorbeirauschen wird.“

Kurz darauf folgte ein neues Ruderkommando und der Kreuzer nahm seinen ursprünglichen Kurs wieder auf, da die gegnerische Einheit, durch ihre hohe Bugsee und auch das Kielwasser, in der Schwärze der Nacht ja nur auf eine gewisse Entfernung sichtbar werden würde und wenn möglich die Konturen erkannt werden sollten, um festzustellen, mit was für einem Gegner man es zu tun habe. Während Geert Anson von seinem Kommandanten mit einem Lob auf seine Gefechtsstation zurückgeschickt wurde, war der Kreuzer deutlich langsamer geworden und die vom scharfen Steven des Schiffs zerteilten Wellen nur noch auf kürzeste Entfernung zu erkennen. Auch die Kielwasserschleppe verblasste zusehends. Jetzt kam es drauf an. Hatte man richtig taktiert? Fuhr der Gegner vorbei, ohne die Anwesenheit des deutschen Schiffes zu bemerken, und schließlich, konnte man erkennen, um was für ein Schiff es sich bei der sich nähernden Einheit handelte? Wenn ja, so würde die deutsche Schiffsführung im Kielwasser des Gegners folgen, mit gebührendem Abstand natürlich, und abwarten, ob dieser wirklich auf der Reede vor Guadeloupe ankam oder gar einen Liegeplatz im Hafen aufsuchen würde. Natürlich bestand auch immer noch die Möglichkeit, dass dieser Guadeloupe passieren und eventuell auf direktem Wege weiter Kurs auf Martinique nahm. Es war auch nicht ausgeschlossen, dass es sich um einen englischen Kreuzer handelte, der einen der englischen Stützpunkte ansteuerte oder sich gar auf Patrouillenfahrt befand. Der Krieg warf viele Rätsel auf – und der Seekrieg im Besonderen. Doch nachdem Graf von Terra sich entschieden hatte, hieß es jetzt abzuwarten. Warten und hoffen, dass der Gegner sich so verhalten möge, wie der junge Leutnant zur See Geert Anson dachte und dessen Vermutung sich der Kommandant nach ganz kurzer Überlegung angeschlossen hatte.

Mit rund neunzehn Knoten Geschwindigkeit und entsprechend hoher Bugwelle näherte sich der französische Panzerkreuzer „Jean Laporte“ seinem Ziel. Das Schwesterschiff der „Jeanne d’Arc“, das ein Jahr später, also im Jahr 1900, in Dienst gestellt wurde, hatte sich durch ein geplatztes Dampfrohr, zu dessen Reparatur einige Kessel abgeschaltet werden mussten, verspätet und versuchte jetzt mit entsprechend erhöhter Geschwindigkeit den Zeitverlust einzuholen. Eigentlich war der Panzerkreuzer zu neunzehn Uhr auf der Reede vor Guadeloupe erwartet worden, um dann im Geleit mehrerer kleinerer Boote, besetzt mit den Inseloffiziellen, in den Hafen geleitet zu werden. Jetzt war es bereits gegen zwanzig Uhr und es würde noch eine knappe halbe Stunde dauern, bis die Reede vor der Insel erreicht wäre. Auch um von dort aus schließlich den vorgesehenen Ankerplatz für das relativ große Schiff von rund elftausendfünfhundert tons zu erreichen, müssten wohl weitere dreißig Minuten veranschlagt werden. Entsprechend dürfte sich das Empfangsdinner des Offizierskorps der „Jean Laporte“ verzögern. Somit war der Kommandant des Schiffes, Commandant Franck Semion, entsprechend verärgert, was für eine allgemein gedrückte Stimmung auf der geräumigen Brücke des Schiffes sorgte.

Mit seinen rund elftausendfünfhundert tons und einer Artilleriebewaffnung von zweimal 19,4 und insgesamt vierzehn 14-Zentimeter-Geschützen sowie sechzehn 4,7-Zentimeter-Revolverkanonen und zwei Torpedorohren im Durchmesser von fünfundvierzig Zentimetern, stellte das Schiff eine durchaus kampfkräftige Einheit dar. Es war aber dennoch im Hinblick auf die fortschreitende Technik im Kriegsschiffsbau schon der neuesten Generation von Panzer- oder gar Schlachtkreuzern hoffnungslos unterlegen. Aus diesem Grund war die „Jean Laporte“ bereits seit Anfang Juni unterwegs, um die französische Flagge in den Kolonien und dem befreundeten Ausland zu zeigen. Über die französischen Besitzungen in der Karibik sollte ihre Reise dann weiter über die Vereinigten Staaten bis hin in den Golf von Mexiko führen.

Zwar war es noch ein gutes Stück Weg bis zur Küste von Guadeloupe, wo das Empfangskomitee das verspätete Schiff erwarten würde. Dennoch regte im Hinblick auf die bereits eingesetzte Dunkelheit der Erste Offizier an: „Mon Commandant, sollten wir nicht mit der Geschwindigkeit etwas heruntergehen?“

„Non, Monsieur, meinen Sie, ich will mich noch mehr verspäten? Ich und Sie doch hoffentlich auch haben uns doch auf ein schönes Empfangsdinner gefreut. Bereits jetzt müssen wir wohl damit rechnen, nur noch Aufgewärmtes vorgesetzt zu bekommen.“

So rauschte der Panzerkreuzer also weiter mit neunzehn Knoten durch die Dunkelheit.

Wenig später, der französische Kommandant wollte gerade Befehl geben, die Geschwindigkeit nunmehr doch etwas herabzusetzen, erschien ein Matrose auf der Brücke und meldete: „Mon Commandant, Ausguck Nummer 3 hält es für möglich, an Steuerbord einen Schatten gesichtet zu haben.“

Franck Semion maß den Überbringer dieser Nachricht mit einem eisigen Blick und fuhr ihn an: „Was ist denn das für eine Meldung, Mann? Hat er oder hat er nicht?“ Dann wandte er sich, ohne den armen Teufel weiter zu beachten, an einen neben ihm stehenden Offizier und wies diesen an: „Lieutenant, merken Sie diese Niete von Ausguck für den morgigen Rapport vor!“

Der Offizier legte die Hand an die Stirn und quittierte: „Zu Befehl, mon Commandant!“ Anschließend schnauzte er seinerseits den immer noch etwas verängstigt herumstehenden Übermittler der Meldung an: „Und was stehen Sie noch hier herum? Scheren Sie sich auf Ihren Posten, Mann!“

Nachdem vor den seit längerer Zeit sichtbaren Lichtern an der Küstenlinie jetzt einige flackernde Positionsleuchten auf dem Meer vor ihnen sichtbar wurden, gab der französische Kommandant Befehl, die Fahrt herabzusetzen. Nur langsam verringerte sich die Geschwindigkeit des großen Kampfschiffes, dessen hell aufschäumendes Kielwasser noch weithin sichtbar blieb.

Eben dieser gut erkennbaren Fährte aus weißschäumendem Kielwasser folgte in gebührendem Abstand der deutsche Kreuzer, der jetzt auch wieder seinen Klarnamen „Kiel“ an beiden Seiten des Bugs zeigte und stolz die deutsche Kriegsflagge führte. Fregattenkapitän Siegurd Graf von Terra gestattete sich ein leichtes Lächeln und bemerkte halblaut zu dem neben ihm stehenden IO: „Na, Karstens, bisher geht ja die Idee von diesem Leutnant Anson auf. Hoffentlich bleibt es so. Scheint im Übrigen ja ein ganz aufgewecktes Kerlchen zu sein, der junge Mann!“

Kapitänleutnant Kurt Karstens, seit über zwanzig Jahren Marinesoldat und seit achtzehn Jahren Offizier, nickte zustimmend: „Jawohl, Herr Kapitän, und sein Fach als Artillerist versteht er auch. Der Vater ist übrigens Kapitän bei der Handelsmarine.“ Dann richtete der Vierzigjährige mit dem zwar noch dunklen, aber stark gelichteten Haar seinen Blick wieder auf die Kielwasserfährte und bemerkte: „Herr Kapitän, es kommt mir so vor, als wenn der Gegner seine Geschwindigkeit reduziert. Das Schraubenwasser wird unauffälliger und schäumt längst nicht mehr so hell auf.“

Der Kommandant ließ seinen Blick auch einen Moment auf dem etwas helleren, immer breiter werdenden Streifen, der sich noch gut sichtbar auf dem dunklen Meer abzeichnete, ruhen und bestätigte die Auffassung seines Ersten Offiziers: „Sie haben recht, Karstens, die Insel ist ja auch schon ziemlich herangerückt. Man kann ja schon deutlich die einzelnen Lichter an der Küste unterscheiden.“

„Achtung!“, rief Oberleutnant zur See Werner von Bruhshöven, der Zweite Offizier, vorausdeutend. „Einen größeren Gefallen kann der Franzose uns ja gar nicht tun. Er setzt Positionslichter!“

In der Tat, vor ihnen, vielleicht eineinhalb bis zwei Seemeilen entfernt, durchdrang plötzlich roter und grüner Lichterschein die Schwärze der Nacht.

Der Kommandant riss den Stöpsel aus dem Sprachrohr, das ihn mit der Maschine verband, und gab Anweisung: „Hier Kommandant! Maschine stopp!“

Der ohnehin nur langsame Fahrt laufende deutsche Kreuzer verlor an Fahrt und vor ihm verschwand in einem leichten Bogen das bis dahin grünstrahlende Licht.

„Hoppla, jetzt zählt’s, meine Herren! Der Gegner zeigt uns jetzt seine Breitseite. Die rote Positionsleuchte direkt vor uns dürfte wohl in Schiffsmitte angebracht sein.“ Der Fregattenkapitän fuhr sich kurz mit der Hand durch seine kurzgeschnittenen, blonden Haare und gab dann Anweisungen an den Zweiten Offizier: „Bruhshöven, veranlassen Sie, dass die Gefechtsflaggen gesetzt werden.“ Dann ging er zum Sprachrohr, das ihn mit dem Torpedoraum im Bug verband: „Hier Kommandant! Oberleutnant Enke, jetzt kommt es auf Sie an. Erstes Rohr genau auf die rote Backbord-Positionsleuchte des Gegners abkommen und dann Rohr zwei zwanzig Meter weiter achtern anvisieren. Wir nähern uns mit drei Meilen und Sie melden, wenn Sie klar zum Schuss sind!“

Etwas blechern kam die sofortige Bestätigung auf der Brücke an: „Jawohl, Herr Kapitän.“

„Na, dann mal los, Geschwindigkeit drei Knoten, genau auf das rote Positionslicht zuhalten!“, befahl der Kommandant.

Mit knapp drei Seemeilen Geschwindigkeit kroch der deutsche Kreuzer förmlich auf den Gegner zu. Langsam, wie der Fahrt des Schiffes angepasst, verstrich auch auf der Brücke und allen anderen Stationen des im Angriff befindlichen Kriegsschiffes die Zeit. Man konnte meinen, die Spannung, die alle Mann an Bord erfasst hatte, vibrierte wie ein zu straff gespanntes Stahlseil unmittelbar vor dem Zerreißen! Jetzt flammten auf dem Oberdeck des französischen Schiffes auch noch Lichter auf und rissen die Konturen aus dem Dunkel der Nacht.

„Illuminiert wie die Festtagsplatte auf der Weihnachtstafel; wirklich im hellen Lichterglanz. Wer hätte das für möglich gehalten?“ Fregattenkapitän Siegurd Graf von Terra schüttelte den Kopf.

Im gleichen Moment meldete sich das Sprachrohr und der Torpedooffizier, Oberleutnant zur See Werner Enke, meldete: „Torpedorohre geladen, bewässert und klar zum Schuss, Herr Kapitän!“

Der Kommandant warf noch einen fast ungläubigen Blick auf das jetzt festlich beleuchtete Ziel und bestätigte: „Dann mal los, Enke, Sie haben Feuererlaubnis!“ Weit von der Brücke entfernt, im Torpedoraum im vorderen Bereich des Schiffes, glitt unmittelbar danach ein mehrere Meter langer, schlanker, einer Zigarre ähnelnder Körper aus dem Unterwasser-Torpedorohr und zog seine Bahn zum Ziel, das völlig ruhig in der kaum bewegten See lag. Auf der Brücke verfolgten der Kommandant und seine Offiziere, wie wohl auch alle anderen Funktionsträger, die dort anwesend waren, den Lauf des Torpedos, der an seiner Blasenbahn klar zu erkennen war. Schnurgerade lief der runde Stahlfisch auf die Mitte des auf zweihundert Meter Länge geschätzten Schiffes zu.

„Mein Gott, die müssen doch die Blasenbahn sehen!“ Dieser Satz kam vom Ersten Offizier, der, wie alle anderen auf der Brücke auch, die Bahn des todbringenden Geschosses mit dem Fernglas verfolgte.

„Da auf dem Boot vor dem Schiff haben sie etwas bemerkt!“, schrie der NO, Kapitänleutnant Georg von Lebensau, der ebenfalls gebannt auf den Einschlag des Torpedos wartete.

Richtig, auch die kleinen Boote vor dem beleuchteten Schiff waren jetzt zu erkennen und in einem der Boote waren die Leute aufgesprungen. Jetzt kam auch Bewegung auf dem Deck des Kreuzers auf und einige Männer rannten durcheinander. Aber es war zu spät. Die Blasenbahn endete. Der Sprengkörper traf genau die Schiffsmitte und eine hohe, wasserdurchmischte Flammensäule blühte auf.

„Da, der zweite Torpedo ist im Wasser!“, schrie Kurt Karstens mit seltsam heiser klingender Stimme.

Währenddessen flackerten erste Brände an der Einschlagstelle des ersten Aals, wie Torpedos alsbald in der deutschen Marine generell bezeichnet wurden, auf. Gebannt verfolgten die Männer auf der Brücke des deutschen Kreuzers das sich ihnen bietende Schauspiel. Mittlerweile war der Kreuzer wohl auf vier- bis fünfhundert Meter an den getroffenen Gegner herangekommen und der Kommandant befahl scharfe Kursänderung nach Backbord. Kaum, dass das Schiff der Ruderbewegung folgte, traf der zweite Torpedo in der eingestellten Tiefe von vier Metern auf die stählerne Bordwand des gegnerischen Panzerkreuzers. Eine verhältnismäßig geringe Sprengsäule stieg auf und fiel wieder in sich zusammen. Aber nur einen Lidschlag später erschien es den deutschen Seeleuten, als hätte sich der Schlund der Hölle aufgetan. Ein wohl weit über hundert Meter hoher Flammenstrahl schoss aus dem getroffenen Schiff in den schwarzen Nachthimmel und mit überlautem Knall flog das gesamte Achterschiff förmlich in die Luft. Der über hundert Tonnen schwere hintere Geschützturm wurde aus seinem Fundament gerissen, krachte aufs Achterschiff zurück und Bruchteile später brach das stählerne Großkampfschiff, von vielen Explosionen zerrissen, förmlich auseinander. Helle Glut und Flammen loderten auf und erloschen dann ganz plötzlich, als sich keine zwei Minuten nach dem ersten Torpedotreffer die Wellen der karibischen See über dem mit fast seiner gesamten Besatzung untergegangenen Schiff schlossen.

In gerade einmal zwei Minuten hatte sich ein stählerner Kämpe von fast zweihundert Metern Länge von einem stolzen, kaum bezwingbar erscheinenden Kriegsschiff in einen auf den Meeresboden sinkenden Haufen Stahlschrott und Alteisen verwandelt – und an die zwölfhundert, meist sehr junge, hoffnungsfrohe Menschen in zerfetzte, verbrannte oder auch im Schiff eingeschlossene Leichen verwandelt. Nun konnte wohl kein Krieg als human bezeichnet werden, aber dieser Krieg – ob zu Lande, zu Wasser oder auch zuletzt in der Luft – sollte alles bis dahin Bekanntgewordene bei Weitem übertreffen. Leider!

„Donnerwetter, das hat hingehauen!“, freute sich der IO.

„Ja, in der Tat“, pflichtete ihm der Navigationsoffizier, Kapitänleutnant Georg von Lebensau, bei und schlug bekräftigend mit der flachen Hand auf seinen Oberschenkel.

„Ja, aber da sind auch bestimmt über tausend junge Leute, Seeleute wie wir, armselig verreckt“, mischte sich eine Stimme ein.

Überrascht wandten sich alle auf der Brücke anwesenden Männer nach dem Sprecher um. Bei diesem handelte es sich um den Schiffsarzt, Dr.Fritz Burchardt. Einige schwiegen betreten, andere schüttelten den Kopf und Leutnant zur See Lustig murrte leise: „Ich dachte immer, im Krieg kommt es darauf an, die Feinde zu vernichten!“

„Meine Herren“, mischte sich der Kommandant ein, der sehr wohl den Kommentar seines jungen Leutnants vernommen hatte, „unsere Aufgabe ist es, den Feind zu schädigen. In erster Linie durch Störung seiner Versorgungsströme, also Versenkung von Frachtschiffen. Ein versenkter Frachter voller Munition beispielsweise ist so viel wert wie eine an Land gewonnene Schlacht und kostet weniger Menschenleben. Darum werden Handelsschiffe ja auch angehalten und erst versenkt, wenn die Besatzung sicher in den Booten ist oder an Bord genommen wurde. Bei Kriegsschiffen allerdings ist bekanntlich immer der im Vorteil, der zuerst schießt und trifft. Dass hierbei die Munitionskammer getroffen wurde, ist halt Pech gewesen und damit wollen wir diese Diskussion beenden und dürfen uns durchaus über den Sieg freuen!“