Die Flüchtlingsmörder - Heinz-Dietmar Lütje - ebook

Die Flüchtlingsmörder ebook

Heinz-Dietmar Lütje

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Opis

Deutschland im Jahre 2015. Zu Hunderttausenden strömen die Flüchtlinge aus dem gesamten arabischen Raum und aus Afrika nach Europa. Ein Großteil ohne Papiere, aber so gut wie nie ohne teures und meist neuestes Handy oder Smartphone. Viele weder kontrolliert noch registriert. Das es sich hierbei nicht nur um bedauernswerte, schutzsuchende Kriegsflüchtlinge handelt, sondern auch ein gewisser Anteil aus ganz anderen Motiven nach Europa drängt, liegt auf der Hand. Plötzlich erschüttern Morde an arabischen jungen, als Flüchtlinge registrierten, Männern die so überaus hilfsbereite Bevölkerung und die Politik. Für Politiker und Gutmenschen aller Couleur richtet sich der Verdacht sofort gegen Rechtspopulisten und Neo-Nazis. Aber stimmt das wirklich? Es kommen Zweifel auf - und manchmal trügt der Schein.

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Heinz-Dietmar Lütje

DIE FLÜCHTLINGSMÖRDER

Engelsdorfer Verlag

Leipzig

2017

Bei dem nachstehenden Werk handelt es sich um einen Roman und alle Personen und diesen in den Mund gelegten Äußerungen sowie sämtliche Handlungen sind vom Verfasser frei erfunden. Etwaige Übereinstimmungen mit tatsächlich lebenden oder auch bereits verstorbenen Personen wären damit rein zufällig und keineswegs beabsichtigt.

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der

Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im

Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Copyright (2017) Engelsdorfer Verlag Leipzig

Alle Rechte beim Autor

Titelbild © .shock (Fotolia)

Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)

www.engelsdorfer-verlag.de

Der Winter schien dieses Jahr etwas verfrüht seinen Einzug in Schleswig-Holstein zu halten.

Noch nicht einmal Mitte November und in der Nacht von Sonntag auf Montag war der Schneeregen fast überall im Land in Schneefall übergegangen. Am frühen Morgen bedeckten bereits an die zehn Zentimeter jungfräulicher Neuschnee Äcker und Wiesen. Lediglich auf den Hauptverkehrsstraßen und natürlich den Autobahnen waren die Streudienste bereits im Einsatz.

Auch die Straßen in und um Neumünster waren von der weißen Pracht zentimeterdick überzogen und wiesen zu dieser frühen Stunde nur wenige in den Schnee gezogene Reifenspuren auf. Eine dieser Spuren wurde von einem Taxi verursacht, das einen Fahrgast aus Wasbek, einem kleinen Ort im Nordwesten an die Stadt Neumünster angrenzend, in die Gartenstadt bringen sollte.

Auf Wunsch des älteren Mannes, eines in Loden gekleideten Jägers, der als einer der letzten Teilnehmer am Schüsseltreiben nach einer anstrengenden Treibjagd sich nach seinem Bett sehnte, nahm die junge Taxifahrerin trotz wetterbedingter Bedenken die Abkürzung durch die Feldmark.

„Achtung, da vorn geht es rechts rum“, brabbelte der Alte plötzlich aufgeregt.

„Ich weiß schon. Erinnern Sie sich nicht, ich habe Sie doch letztes Jahr auch abgeholt“, erwiderte die dunkelhaarige, stämmig gebaute Chauffeurin.

„Ja dann … Ich meinte doch auch, Sie schon gesehen zu haben.“ Der alte Knabe mit dem etwas ungepflegten grauen Vollbart stieß schon deutlich mit der Zunge an und verstummte dann.

Die Frau warf einen Blick in den Innenspiegel und ein verstehendes Lächeln machte ihre Gesichtszüge weich.

„Jaja, im Alter wirkt der Alkohol schneller“, bemerkte sie halblaut und vernahm unmittelbar nach dieser Feststellung erste Schnarchlaute von der Rückbank des älteren Mercedes.

Der Schneefall hatte aufgehört und sie schaltete das Fernlicht ein. Die starken Scheinwerfer rissen ein gehöriges Stück des schmalen Wirtschaftsweges aus der Dunkelheit.

Zwar schlecht zum Fahren, aber doch irgendwie ein schöner Anblick, der wohl immer seltener werden wird, ging es der Fahrerin durch den Kopf, als sie die nächtliche Winterlandschaft so betrachtete. Doch was war denn das? Sie war nun ganz bestimmt keine von den Ängstlichen, zuckte bei dem, was sie jetzt im grellen Scheinwerferlicht zu sehen bekam, aber doch zusammen. Für einen Moment geriet der schwere Diesel ins Schlingern, als die junge Frau etwas zu stark abbremste.

„Nanu, schon da?“, meldete sich die Stimme des Passagiers aus dem Fond des Wagens.

„Nee, aber sehen Sie mal nach links vorn!“

Die Beklemmung in der Stimme entging trotz der genossenen Runden auf das Deutsche Waidwerk, Jagdherren, Jagdkönig und dergleichen dem Fahrgast nicht.

„Was ist denn? Ein Tier? Ich sehe nichts!“

„Da! Genau da, am Heckloch!“

Ein leichter Schauder durchzog den Körper der Sprecherin bei diesen Worten.

„Oh, verflucht … das … äh … sieht ja aus wie ein Mensch“, stammelte der alte Jäger, als er endlich erkannte, was die Frau so aus der Spur gebracht hatte.

Eindeutig. Da in der Eiche hing etwas, das aussah wie ein Mensch. Von dem so früh in diesem Winter und reichlich gefallenen Schnee weiß überzogen, aber dennoch unverkennbar eine menschliche Gestalt.

„Vielleicht ein dummer Scherz? Äh, eine Schaufensterpuppe oder so?“, brummelte der Alte, der jetzt zusehends ernüchterte.

„Wohl kaum. Leider!“

Da der Graubart keine Anstalten machte, auszusteigen und sich die Sache näher anzuschauen, schüttelte die Frau den Kopf, beugte sich nach rechts rüber, holte eine Taschenlampe aus dem Handschuhfach und stieg aus.

Sie schüttelte sich kurz und hierbei wohl gleichzeitig den verständlichen Schock aus den Gliedern. Dann richtete sie den Lichtstrahl nach oben und folgte diesem mit zusammengekniffenen Augen.

Ganz offensichtlich ein Mensch. Ein Mann in vom Schnee überzogener Kleidung. Ohne Kopfbedeckung aber mit Stiefeln an den Füßen, die gut einen Meter über dem Boden in der Luft hingen. Ein dickes, unter dem Schnee rötlich durchschimmerndes Seil unter Schultern und um den Hals fixierte die Leiche in dieser Stellung am Stamm der um die sechs oder sieben Meter hohen Eiche.

Die Frau wandte sich ab und ging mit langsamen Schritten zurück zu ihrem Wagen.

„Na und?“, wollte der Fahrgast wissen.

„Steigen Sie doch aus und gucken Sie selbst! Keine Angst, der tut Ihnen nichts mehr“, fügte sie noch hinzu und griff zum Mikrofon des nicht mehr dem neuesten Stand entsprechenden Funkgerätes.

Während die junge Frau ihre Zentrale verständigte, und diese nach einigen Nachfragen dann die Polizei, hatte sich der alte Grauhaarige gefangen und schien auch wieder deutlich nüchterner geworden zu sein. Jedenfalls stieg er aus, betrachtete den an den Stamm gefesselten Leichnam, zückte dann sein Handy und schoss diverse Fotos.

Kopfschüttelnd schaute die Taxlerin seinem Tun zu, als fast gleichzeitig die Stimme der diensttuenden Kollegin aus dem Empfänger des Funkgerätes erklang und auch ihr Handy in der Tasche sich bemerkbar machte.

„Ja, machen wir“, sprach sie kurz darauf in das Telefon und winkte dem Fahrgast. „Das war die Polizei! Wir sollen einsteigen und keine Spuren zertrampeln. Los, kommen Sie schon!“

Brummelnd setzte sich der Grünrock wieder in den Wagen und quarkte gleich darauf: „Ist kalt hier drinnen. Lassen Sie doch den Motor wieder an, damit der Wagen heizt.“

Die Frau reagierte nicht, sondern wühlte im Handschuhfach herum. Endlich schien sie gefunden zu haben, wonach sie suchte und förderte eine Schachtel Zigaretten hervor.

Nur Feuer suchte sie vergeblich, bis ihr der Zigarrenanzünder des Mercedes in den Sinn kam.

Kurz darauf zog eine Rauchwolke bis in den Fond des Taxis. Anlass genug für ihren Fahrgast erneut loszuquengeln: „Das hab ich gern. Mich vollqualmen, aber nicht den Motor anmachen, damit ich auch noch frieren muss, während ich mir hier den Krebs hole.“

„So schnell geht das beides nicht“, winkte die Fahrerin ab.

Da sah sie im Rückspiegel Blaulicht aufflackern und kurz darauf hielt der blausilberne VW-Passat hinter der Taxe.

Kaum hatten sich die beiden Beamten, eine Polizeioberkommissarin und ein noch sehr junger Polizeimeister, vorgestellt, kam bereits ein weiterer Streifenwagen aus der Gegenrichtung angerast und bremste schlitternd.

„Aha, Unterstützung von der Autobahn“, stellte die mittelblonde Oberkommissarin fest.

Die jetzt insgesamt vier Blauuniformierten waren sich schnell einig. Unfall oder Selbstmord waren mehr als unwahrscheinlich. „Na, da freut sich der Kollege von der Kripo, der Bereitschaft hat“, lachte die blonde Oberkommissarin.

„Und was machen wir mit der Taxifahrerin und dem Fahrgast?“, fragte ihr junger Kollege.

„Nimm die Personalien auf und lass sie fahren!“, lautete ihre Anweisung.

Einige Stunden später – die Leiche hing immer noch am Baum – hatte die zuständige Kieler Mordkommission übernommen. Nachdem der Neuschnee ohnehin viele mögliche Spuren vernichtet oder deren Auffindung zumindest erschwert hatte, wurde der Leichnam endlich geborgen. Natürlich waren vorher alle Fotos gemacht und noch vorhandene Spuren, wie eine Zigarettenkippe und ein paar dunkle Wollfasern sowie ein paar unter dem Neuschnee zutage geförderte Reifenspuren, gesichert worden.

Eine erste, vorläufige Untersuchung durch den zuständigen Gerichtsmediziner ergab noch keinen Hinweis auf die Todesursache, wie dieser den Ermittlern mitteilte.

„Keine äußeren Verletzungen erkennbar, die den Tod herbeigeführt haben könnten“, schüttelte er den Kopf und blickte den Leiter der Mordkommission an.

Der Erste Kriminalhauptkommissar, ein Endvierziger mit noch vollem, dunklem Haupthaar nickte und fragte dann: „Und der Todeszeitpunkt?“

„Vorsichtig geschätzt zwölf bis fünfzehn Stunden. Früher Abend würde ich sagen.“

„Hm, und sonst? Sieht nach Flüchtling aus. Afghane, Iraker, Syrer?“

„Vermutlich eher aus Syrien, wenn ich mir die Zähne ansehe. Soll ich oder wollt ihr?“ Der Rechtsmediziner deutete auf die Taschen des Toten, der einen relativ neuen Anorak, wohl die Kleiderspende eines der vielen sich neu entpuppten Gutmenschen, trug.

„Mach mal, Doc“, stimmte der Chef der Mordermittler zu.

Dieser warf einen Blick zum Himmel und murrte: „Gibt wohl noch mehr Schnee“, während er gleichzeitig die Taschen des Toten leerte und die gefundenen Gegenstände in den ihm zugereichten Plastikbeutel beförderte. Zigaretten, Feuerzeug, ein Springmesser, das mit besonderem Interesse betrachtet wurde, und schließlich – aus der Innentasche der Jacke – eine Klarsichthülle mit verschiedenen Papieren.

„Nanu, was haben wir denn hier?“, wunderte sich der Mediziner.

„Steck es einfach in die Tüte, Doc. Das sehen wir uns gleich im Wagen an“, äußerte der Chef der MOKO. Aus den Hosentaschen kamen noch ein verhältnismäßig sauberes Leinentuch und zwei Zehn-Euroscheine sowie einige Münzen zum Vorschein, die ebenfalls in die hingehaltene Tüte wanderten.

„So, dann können Sie die Leiche in die Rechtsmedizin bringen“, gab der Arzt den schon ungeduldig wartenden Bestattern Bescheid und stieg zu den Ermittlern in den Mercedes-Vito der Mordkommission.

Dort hatte der Erste Kriminalhauptkommissar Kai Matthes ganz vorsichtig den Inhalt der Klarsichthülle auf den ausgeklappten Tisch gelegt.

Ein syrischer Ausweis auf den Namen Assad Aman, dessen Lichtbild eindeutig den Toten zeigte, dazu aber auch die Kopie eines libanesischen Passes, dessen Foto vielleicht etwas älter war, aber auch ziemlich eindeutig dem Toten zugeordnet werden konnte. Dort lautete der Name Ibrahim Daran aus Beirut. Dazu ein aus dem Internet abfotografiertes Bild, das von minderer Qualität war, aber ebenfalls diesen Mann zeigte. Hier allerdings in typischer Pose der ISIS-Terroristen mit Kalaschnikow-Sturmgewehr posierend.

„Ach nee“, entfuhr es Dr. Freddy Pein, dem knapp Vierzigjährigen. „Ein als Flüchtling eingereister Terrorist?“

„Scheint so“, brummte Matthes, „ sieh mal hier, Doc!“

Mit diesen Worten legte er den eben studierten Computerausdruck zu den Pässen und dem Foto.

Dieser auf einem absolut handelsüblichen Blatt stehende Text schlug ein, wie die sprichwörtliche Bombe:

Klarstellung

Den beigefügten Unterlagen wollen Sie bitte entnehmen, dass Sie es hier keineswegs mit einem Tötungsdelikt zu tun haben, sondern mit der vorbeugenden Verhinderung eines terroristischen Anschlages. Nachdem unsere Kanzlerin und ihre hörigen Hofschranzen unter Verletzung sowohl Europäischen wie auch Deutschen Rechtes ungeprüft jedem tatsächlichen oder auch vorgeblichen Flüchtling die unkontrollierte Einreise gestatten, kann es nicht verwundern, dass nicht nur diverse Wirtschaftsflüchtlinge, sondern eben auch Straftäter und sogar bekannte Terroristen auf diesem Wege die Grenzen passieren. Dieser, mit richtigem Namen Jassir Muhamad heißende islamistische Verbrecher, wurde am 18. Mai 1991 in Riad geboren und ist seit Ende 2013 verschwunden. Um sich ISIS anzuschließen, wie aus dem beiliegenden Foto ersichtlich.

Vielleicht führt dieser Hinweis ja zum Umdenken bei Politik und den sich selbst beweihräuchernden Gutmenschen.

Zwei weitere enttarnte Terroristen werden in den nächsten Tagen folgen!

Hilfswerk zur Rettung des europäischen Abendlandes

„Ach du dickes Ei“, stöhnte der Mediziner. „Da scheint ja was auf uns zuzurollen.“

„Allerdings“, nickte der Kriminalist. „Aber du hast doch wohl genauso wenig angenommen, wie ich auch, dass da nur harmlose, verängstigte Muslime nach Europa strömen – oder etwa nicht?“

„Stimmt! Ich habe mich auch gefragt, wieso diese vielen jungen Männer nicht gegen ihre Unterdrücker kämpfen, sondern erwarten, dass die von ihnen nicht gerade über alles geliebten, christlich geprägten, Europäer das für sie erledigen sollen.“

Der hochgewachsene, durchaus kräftig ausschauende Innenminister war alles andere als erfreut, als der Kriminaldirektor, der ebenso wie ein Polizeidirektor, in seinem Ministerium Dienst tat, ihm den Besuch des Leiters der Kieler Mordkommission ankündigte und als dringlicher als alles, was sonst auch auf dem Programm des Ministers stehen könnte, bezeichnete.

Der Leiter des Innenresorts, der bei seiner Polizei nicht gerade hochgeschätzt war, brummte verärgert: „Das können Sie doch wohl übernehmen! Was machen Sie überhaupt den ganzen Tag?“

Das ohnehin längliche Gesicht des so Angeblafften nahm eine noch gestrecktere Form an, in dem sich Ärger und Wut deutlich ausdrückten.

„Das kann ich Ihnen genau sagen! Seit Ihrem Amtsantritt diene ich Ihnen, Herr Minister, vornehmlich als Prellbock und Schutzschirm gegen die aus meiner Sicht durchaus berechtigten Einwände und Anfeindungen der Kollegen.“

Minister Buhmann grollte zurück: „Reichen Sie gern ihr Versetzungsgesuch ein, wenn es Ihnen hier zu gut geht, Kelling. Und jetzt setzen Sie mich gefälligst ins Bild. Um was geht es überhaupt?“

Das tat der Kriminaldirektor und konnte trotz des Ernstes der Situation nicht umhin, sich still, aber dafür innerlich umso mehr zu freuen, als er sah, wie die Nachricht seinen obersten Chef erschütterte.

Aus dem täglichen Umgang glaubte er sicher zu wissen, dass diese sichtliche Bestürzung wohl in erster Linie darauf zurückzuführen war, dass jetzt noch erheblich mehr Stress und Ärger auf ihn, den zuvorderst zuständigen Minister, zukommen würde. Fragen über Fragen, auf die er kaum zufriedenstellende Antworten liefern konnte.

„Ach du Scheiße!“, entfuhr es dem kräftigen Mann.

„Wie meinen Sie, Herr Minister?“

Das leichte Grinsen, das bei diesen Worten über das Gesicht des hochrangigen Beamten huschte, entging Kurt Buhmann keineswegs. Wer im Haifischteich der Politik überleben und Karriere machen will, lernte früh, auf derartige Reaktionen zu achten. Fachwissen mochte in der Politik zu vernachlässigen sein und schadete vielleicht manchmal sogar, weil es die vielseitige Verwendbarkeit durchaus einschränken konnte. Ein gutes, noch besser ein hervorragendes, Erinnerungsvermögen hingegen war unerlässlich, wenn man es in diesem Bereich zu etwas bringen wollte.

Er würde sich schon zu rächen wissen und auf die ohnehin rhetorische Frage wurde eine Antwort wohl auch kaum erwartet.

„Warum sagen Sie das nicht gleich? Herein mit dem Mann!“

Blass war er geworden, der so selbstherrliche Herr Minister, nachdem der Erste Kriminalhauptkommissar, mehrfach von seinem Dienstherrn unterbrochen, seinen vorläufigen Bericht beendet hatte.

„Das hat mir … wollte sagen, uns wohl gerade noch gefehlt“, kommentierte er das Gehörte.

Deutlich leiser und gar nicht mehr so besserwisserisch, wie es sonst seine Art war.

„Bringen Sie uns eine Kanne Kaffee“, nuschelte er in die Gegensprechanlage, die ihn mit seinem Vorzimmer verband.

Dann ging er an die Schrankwand in seinem durchaus wohnlich gestalteten Dienstzimmer, klappte seine fast zwei Meter Körperlänge zusammen und förderte aus der Tiefe der untersten Lade seines nicht übermäßig mit Akten oder sonstigen Papieren belasteten Schreibtisches eine Flasche Napoleon nebst drei Cognacschwenkern zutage.

Ohne zu fragen schenkte er die Gläser ein und hob seines hoch. „Den haben wir uns auf den Schreck in der Morgenstunde wohl verdient, meine Herren!“

Er trank und bemerkte erst dann, dass seine Besucher die ihnen zugedachten Gläser unberührt auf dem Tisch stehen gelassen hatten.

„Was ist? Langen Sie ruhig zu. Ist genehmigt!“ Mit diesen Worten warf er den beiden Kripobeamten einen auffordernden Blick zu.

„Nein danke. Ich trinke im Dienst nie“, lehnte der Kriminaldirektor ab.

„Danke, da halte ich es ebenso. Außerdem muss ich noch fahren“, schloss sich der Chef der Mordkommission seinem Vorgesetzten an.

Die Gerhard Kelling nur zu bekannte Unmutsfalte über der Nase seines Ministers wuchs ein weiteres Stück in die Höhe, was ihn mit stiller Freude erfüllte.

„Nun gut, ganz wie es Ihnen beliebt, meine Herren. Und, wie ist der … äh… Flüchtling denn überhaupt umgekommen?“

„Das werden wir frühestens heute Abend wissen; vielleicht aber auch erst deutlich später“, beantwortete Matthes die Frage.

„Wieso denn das? Unsere Rechtsmediziner sollten doch in der Lage sein, das sofort zu klären!“

„Ja, sehr häufig schon. Aber hier gibt es keine tödliche äußere Verletzung, die auf den ersten Blick zu erkennen ist. Im Gegenteil! Es gibt eigentlich nur geringe Schrammen, die post mortem bei Transport und dem Aufhängen des Toten entstanden sein dürften. Auch bei erheblichen äußeren Verletzungen kann es durchaus sein, dass nicht diese tödlich waren, sondern bei der Schlägerei oder sonstigen Auseinandersetzung das Opfer schlicht vor Angst an Schock oder Herzinfarkt verstorben ist“, belehrte der Mordermittler seinen Dienstherrn.

„Bei Vergiftungen beispielsweise kann es Monate dauern, bis das tödliche Gift identifiziert ist“, steuerte der Kriminaldirektor bei.

„Hm, äh ja, schon klar“, tat Buhmann die Erklärungen ab, „und wie bewerten Sie dieses Pamphlet?“

„Das ist nicht so einfach zu beantworten“, übernahm Gerhard Kelling die Beantwortung dieser Frage.

„Einen Kleingeist von ganz Rechtsaußen schließe ich aus. Der Text spricht insoweit nicht dafür. Auch die Frage, ob Einzeltäter oder Gruppe, kann noch kaum beantwortet werden. Sicher ist nur, dass der oder die Täter über Informationsmöglichkeiten verfügen, die der Normalbürger kaum hat. Die Pässe, das Foto aus dem Internet und die Behauptung, der Tote stamme ursprünglich aus Saudi-Arabien. Wir wissen ja noch nicht einmal, wo er vermisst wird?“

„Genau das wird aber mit Hochdruck geprüft“, ergänzte Kai Matthes. „Vermutlich wohl aus Neumünster oder der Nebenstelle in Boostedt. Dafür spricht allein schon die räumliche Nähe zum Fundort.“

Minister Buhmann warf einen vieldeutigen Blick aus dem Fenster und sah die dunklen Wolken, die den Schnee gebracht hatten, sich verziehen und die Sonne durchkommen.

Irgendwie hatte er das Gefühl, diese Wolkenwand käme direkt auf ihn zu.

„Also nichts Konkretes, was ich dem Ministerpräsidenten und dem Kabinett vortragen kann, wenn ich Sie richtig verstehe?“

Die beiden Kriminalbeamten nickten unisono.

„Dann halten wir den Ball erst einmal flach. Keine Nachricht an die Presse, bis Sie mir mehr berichten können. Ich erwarte über jede Neuerung unterrichtet zu werden. Sollten Sie mehr Leute benötigen, wenden Sie sich an Herrn Kelling!“

Mit diesen Worten verabschiedete der Minister den leitenden Mordermittler und wandte sich dann an seinen Kriminaldirektor: „Von Ihnen, Herr Kelling, erwarte ich ein schlüssiges Ermittlungskonzept.

Bleibt der Fall bei den Kielern oder brauchen wir eine Sonderkommission unter Einbeziehung von LKA und vielleicht sogar BKA? Machen Sie sich schon mal Gedanken. Ich rufe den Ministerpräsidenten an und melde uns bei ihm an!“

Kai Matthes hatte seine Kollegen kurz über sein Treffen mit Kriminaldirektor Kelling und dem, in Kreisen der Polizei nicht sonderlich beliebten, Minister informiert und die erwarteten Kommentierungen zu hören bekommen.

„Naja, was sonst hätte man von diesem Typ erwarten sollen?“, bemerkte sein Vertreter, Kriminalhauptkommissar Jan-Moritz Schütze, ein alerter Mann von Gardemaß, sportlicher Figur und etwas zu langem, tiefschwarzem Haar.

„Eben, eben“, nickte Kollegin Irina Nadesko, in Deutschland geborene Tochter russischer Einwanderer, deren Vorfahren es wohl einmal aus deutschen Landen nach Russland verschlagen haben mochte.

Die beiden weiteren Mitglieder der ständigen Mordkommission der Kriminalinspektion Kiel enthielten sich eigener Kommentare. Aus ihrer Mimik war allerdings zweifelsohne Zustimmung zu den Äußerungen der etwas älteren Beamten abzulesen.

„Gut, wir hätten uns wohl alle einen anderen Minister, vielleicht sogar wieder einen mit etwas eigener Erfahrung gewünscht, aber jetzt müssen wir eben mit diesem … Herrn … zurechtkommen.

Also, gibt’s etwas Neues? Konnte der angebliche Syrer vielleicht tatsächlich identifiziert werden?“

Kai Matthes sah in die Runde, allerdings ohne viel Hoffnung auf schnelle Ergebnisse.

Das Kopfschütteln seiner vier Mitstreiter bestätigte seine Befürchtungen.

„Das kann wohl auch dauern“, warf die jüngste in der Gruppe, die fünfundzwanzigjährige Kriminalkommissarin Jessica Lorenz, ein. In Neumünster sind an die viertausend Flüchtlinge zusammengepfercht und in Boostedt weit über zweitausend. Die meisten davon junge Männer im passenden Alter.“

„Außerdem sehen die Burschen für die wenigen Kollegen von den Uniformierten, die da Dienst machen, und die Leute von Ausländerbehörde, Rotem Kreuz und Wachdienst sich in vielen Fällen zum Verwechseln ähnlich. Und ob alle richtig registriert sind?“, hob Bastian Bruhn vielsagend seine breiten Schultern. Der Kriminaloberkommissar traute dem gesamten Personal in den Sammellagern ohnehin nicht allzu viel zu.

Da klingelte das Telefon auf dem Schreibtisch von Hauptkommissar Schütze, wo die Gespräche über den Hauptanschluss der MOKO einliefen.

Jan-Moritz angelte sich den Hörer: „Mordkommission, Schütze … ach, du bist es, Walli. Ich stell mal laut!“

Schon drang die Stimme von Waldemar Heitmann aus dem Lautsprecher: „Hallo, Kollegen! Ich habe mir gleich mal die Pässe angeschaut. Den syrischen Pass halte ich für eine mittelprächtige Fälschung.

Bei dem aus dem Libanon bin ich mir nicht ganz so sicher. Ich habe veranlasst, dass für euch erstklassige Kopien gemacht werden. Soll ich die Originale an das BKA nach Wiesbaden schicken und Kopien an das Auswärtige Amt, damit die in Beirut nachfragen und vielleicht auch mal in Riad, bezüglich der Angabe Jassir Muhamad?“

Kai Matthes überlegte einen Moment. „Ja, aber mach es dringend! Kannst du schon etwas über dieses Bild aus dem Computer sagen?“

„Aber klar doch. Kein Ausdruck, sondern vom Bildschirm abfotografiert. Aber mit erstklassiger Technik. Sieht seht professionell aus. Könnte kein Geheimdienst besser hinkriegen. Auch kein Hinweis auf Fotomontage oder hineinkopiert oder sowas. Wir suchen auch Internet und Darknet ab. Aber ob wir da was finden?“

„Schon verstanden, Alter“, brummte Matthes, „mach mal ruhig, gib auch das Foto mit ans BKA, aber vergiss die gute Kopie für uns nicht.“

„Halt, Walli, ich hab da auch noch was!“, ließ sich Jan-Moritz vernehmen. Den Namen „Moritz“ mochte er gar nicht und unterschrieb immer nur mit Jan oder maximal mit: Jan-M. Schütze. Seine Kollegen aber nannten ihn fast ausnahmslos Moritz.

„Dann schieß mal los, Moritz!“

Schütze verzog das Gesicht und bellte: „Ja, Waldemar, was hältst du davon, wenn du das BKA bittest, Kopien und gegebenenfalls auch die Originale und vor allem das Internetfoto zusätzlich an den BND zu schicken?“

„Gute Idee, lieber Moritz. Ach so, das schöne Erklärungsschreiben gibt im Hinblick auf den verwendeten Drucker übrigens wenig her. Davon haben wir in Deutschland zig Millionen. Auch das Papier wird von jeder zweiten Firma und Privatperson benutzt. Ihr erhaltet das auch alles noch schriftlich in üblicher Form.“

„Danke für deine Vorab-Info und tschüss, Walli!“, beendete Kai Matthes das Telefonat.

„Und Freunde? Noch einer von euch ‘ne Idee, wie wir weiterkommen? Sonst können zwei von euch nach Neumünster und Boostedt fahren und dort ein bisschen Dampf machen!“

Der Ministerpräsident zeigte sich erschüttert.

„Auch das noch! Als ob wir nicht schon genug Probleme hätten. Du hast hoffentlich entsprechend Druck gemacht. Diese Geschichte muss schnellstens aufgeklärt werden. Nicht, dass sich hier so eine Scheiße wie mit diesen Neo-Nazis anbahnt. Du weißt schon, diesen Ausländermördern!“

„Ja, schon klar, Jürgen, aber ich glaube kaum, dass hier ein schneller Durchbruch gelingt. Das meint auch mein Kriminaldirektor, der Kelling.“

„Dann mach Dampf! Alles kann abwarten, aber hier stehen wir im Rampenlicht. Stell dir mal vor, was passiert, wenn jetzt noch mehr getötete Flüchtlinge auftauchen? Das muss unter allen Umständen verhindert werden. Also, lass dir was einfallen! Nicht, dass ich noch bedauern muss, dich so schnell zum Nachfolger von diesem Kerl gemacht zu haben, der uns alle – vor allem mich – so schmählich im Stich gelassen hat.“

„Sieh an, der werte Herr Regierungschef sucht bereits nach einem möglichen Schuldigen und hat mich ganz oben auf seine Kandidatenliste gesetzt“, ging es Buhmann durch den Kopf.

Ganz unbewusst hatte er bei dieser Erkenntnis wohl seinen Gesichtsausdruck verändert, was dem Ministerpräsidenten offenbar nicht entgangen war.

„Ist was? Du siehst plötzlich so nachdenklich aus …“, drang dessen Stimme an das Ohr des Ministers.

„Was Wunder, wo doch die Hauptarbeit mit dieser ganzen Flüchtlingskacke auf mir lastet“, machte Buhmann aus seiner Verärgerung keinen Hehl.

„Nun nun, ich darf doch sehr bitten! Wir wollen nicht vergessen, dass wir uns Willkommenskultur auf die Fahne geschrieben haben und uns damit wohltuend von dem rechten Pack abgrenzen, wobei uns die meisten Wähler auch folgen.“

„Ja, noch! Die Frage ist nur, wie lange noch? Es geht vieles drunter und drüber. Eineinhalb Millionen sind schon in Deutschland. Offiziell wohlgemerkt. Ich will gar nicht wissen, wie viele noch kommen? Die Kommunen ächzen unter den für sie kaum zu stemmenden Problemen. Unterkünfte, Verteilung, Personalnot, Kosten und so weiter und so fort. Dazu noch die nach oben schnellenden Einbruchszahlen in Häuser und Wohnungen durch Migranten. Nicht zu vergessen die Sexualdelikte!“

„Bist du fertig?“

Wie ein Eiseshauch drangen diese Worte an das Ohr des Ministers. Und sie erfüllten dank des Tonfalls den erhofften Zweck.

„Ja, ich denke schon. So, wie ich dich verstanden habe, liegt es an mir die hoffentlich richtige Endscheidung zu treffen, wobei alle Fehler selbstverständlich mir anzulasten sind.“

„So ist es, mein Lieber. Du wolltest doch Minister werden. Ganz laut hast du hier! geschrien, als ich einen Nachfolger gesucht und auch dich gefragt habe. Jetzt hast du den Posten, also werde ihm gerecht! Ich kann schließlich nicht auch noch deinen Job mitmachen. Aber ich möchte täglich bis 16.00 Uhr Bericht erstattet haben.“

Jessica Lorenz und Bastian Bruhn parkten ihren in die Jahre gekommenen Opel neben dem VW-Bus der uniformierten Kollegen und betraten die provisorische Station.

„Moin, Kollege, Jessica Lorenz und Bastian Bruhn von der MOKO“, grüßte der Oberkommissar freundlich den älteren, ranggleichen Schutzpolizisten hinter dem vorderen Schreibtisch im Eingangsbereich.

„Na, das passt ja“, brummte der mit tiefem Bass zurück. „Ich wollte euch gerade anrufen. Wir haben den Toten vermutlich identifiziert. Ich heiße übrigens Willi Bold.“ Er erhob sich und begrüßte erst Jessica und dann den ihn um Haupteslänge überragenden Bruhn.

„Nach unseren Unterlagen lautet sein Name Marwan Attan und ist er vierundzwanzig Jahre alt. Hier sind die Unterlagen!“

Mit diesen Worten hob er einige zusammengeheftete Kopien von seinem Tisch auf und übergab diese dem Kriminalbeamten. Der warf nur einen kurzen Blick auf das vorgeheftete Foto und bestätigte: „Ja, das dürfte er sein. Jetzt haben wir den vierten Namen.“

„Na, wie schön für euch, aber ob der stimmt, wer will das schon wissen? Ich traue keinem von diesen Brüdern“, meinte der kurz vor der Pensionierung stehende Uniformierte.

Ohne darauf einzugehen fragte die junge Kommissarin: „Und was sagen seine Mitbewohner? Wo haben die ihn denn zuletzt gesehen?“

„Keine Ahnung. Wir haben die Fotos, die ihr uns geschickt habt, mit unseren Unterlagen abgeglichen und sind so auf ihn gekommen. Von seinen direkten Mitbewohnern haben die Kollegen keinen angetroffen. Die strolchen wohl durch die Stadt oder beehren die Supermärkte mit ihrer Anwesenheit.“

Bastian Bruhn grinste den Kollegen der Schutzpolizei an, während die junge Kommissarin diesen nachdenklich musterte und schließlich fragte: „Sie scheinen ja nicht allzu gut auf die Flüchtlinge zu sprechen zu sein.“

„Nee, bin ich nicht. Wir können ja mal für einen Monat tauschen. Mal sehen, wie Sie dann urteilen?“

„Bastian versuchte die aufkommende Schärfe zu ersticken und meinte: „Gut, Kollege, können Sie uns bitte seine … äh … Unterkunft zeigen?“

„Aber gern doch“, grinste der baldige Pensionär, der diesen Zustand kaum noch abwarten konnte.

Er warf einen Seitenblick auf die junge Kommissarin und fügte dann hinzu: „Es dürfte jetzt einigermaßen ordentlich auf dem Weg dahin aussehen. Die Putzkolonne wird soweit fertig sein. Sie sehen also, junge Kollegin, selbst geputzt wird für die jungen Herren Flüchtlinge, damit sie sich nicht selbst die edlen Händchen beschmutzen.“

Bastian lachte leise auf, was ihm einen ziemlich bösen Blick seiner Begleiterin eintrug und dem älteren Uniformierten ein weiteres Grinsen über das runde Gesicht huschen ließ.

Das Kasernengelände war weitläufiger als die Kriminalisten erwartet hatten und so war ein längerer Fußmarsch über die ehemaligen Kasernenwege angesagt, deren Ränder jetzt teils von verwelktem Unkraut überwuchert waren, dem jetzt allerdings der gerade eingesetzte Schnee und Nachtfrost den Rest an Leben genommen hatte. Dann noch einige lange Flure entlang, eine Treppe bewältigt und endlich standen die drei Beamten in dem Raum, in dem der Getötete mit drei weiteren angeblichen jungen Syrern untergebracht war.

Jessica sah sich um und schien erstaunt. „Sind das etwa Schnapsflaschen?“ Sie wies auf die Fensterbank, wo eine leere sowie eine noch halbvolle Wodkaflasche neben einer großen, ebenfalls noch nicht ganz ausgetrunkenen, Cola standen.

Der alte Schutzpolizist nickte: „Ja, die jungen ausländischen Herren verfügen über gute Wirtschaftskenntnisse und legen ihr reichlich bemessenes Taschengeld gern hochprozentig an.“

„Und ich dachte immer Muslime dürfen keinen Alkohol trinken“, entfuhr es der jungen Frau.

„Im Dunkeln sieht Allah nicht so genau hin“, lachte Willi Bold. „Natürlich gibt es hier genügend Leute, die sich mehrmals täglich auf den Bauch schmeißen. Viel von den jungen Burschen allerdings nutzen Allah und diesen Mohammed, wenn es ihnen gerade in den Kram passt. Sonst sehen jedenfalls eine ganze Menge von ihnen das nicht so eng.“

„Aha!“ Jessica war sich nicht so sicher, ob sie dem altgedienten Kollegen in Uniform das abnehmen sollte?

„Ist im Moment auch egal“, mischte sich Bastian ein, „und welches Bett gehört nun unserem Toten?“

Bold zuckte nur mit den Achseln: „Keine Ahnung, ich bringe ihn ja nicht zu Bett.“

Oberkommissar Bruhn hatte Mühe, sich ein weiteres lautes Auflachen zu verkneifen. Zu komisch fand er die Vorstellung, dass der alte, irgendwie bärig wirkende, Uniformierte die jungen Flüchtlinge ins Bett brachte, sie vielleicht sorgsam zudeckte und ihnen zum Einschlafen noch eine Gute-Nacht-Geschichte vorlesen würde. Also schaute er sich im Raum um und entdeckte vier Spinde. Er trat heran und sah an einem ein Schild mit dem Namen, unter dem das Opfer hier registriert war. Doch die Tür ließ sich nicht öffnen.

„Abgeschlossen!“, stellte er laut fest. „Und nun?“

„Kriegen wir den irgendwie auf?“, wandte sich seine Kollegin, die mit der Durchsuchung der Betten begonnen hatte, hilfesuchend an Bold.

„Kriegen schon, aber dürfen wir das so einfach ohne Durchsuchungsbeschluss?“

„Der ist doch tot“, entgegnete die Kommissarin perplex.

Bold genoss diesen Moment sichtlich. „Schon, aber ändert das wirklich die Rechtslage? Gefahr im Verzuge sehe ich nicht. Dafür aber die Tatsache, dass Ihre Aktion mit den Betten wohl auch nicht so ganz hasenrein war, zumal doch dieser Knabe nur eines der Betten belegt hatte. Was ist mit den Rechten der anderen armen Flüchtlinge? Sind diese bedauernswerten Geschöpfe etwa einem Land entkommen, wo sie um ihr wertvolles Leben fürchten und mannigfaltiges Unrecht ertragen mussten, um hier, in unserem hochgelobten Rechtsstaat zu erleben, wie auch in diesem ihr Recht mit Füßen getreten wird?“

Jessica Lorenz lief rot an und schluckte trocken herunter. Dieser alte Sack hatte es ja faustdick hinter den fleischigen Ohren, die wie Speckschwarten glänzten.

Auf Hilfe hoffend blickte sie ihren Kollegen Bruhn an. Doch der reagierte ganz anders als erhofft.

„Selbst schuld, Jessica. Du hättest unseren Kollegen nicht so anblaffen sollen. Der weiß schon, was er sagt. Schließlich erlebt er die Situation hier täglich aus erster Hand.“

Während die junge Beamtin noch überlegte, ob sie jetzt auch Bastian anfauchen oder sich vielleicht lieber zurückhalten und sogar ein paar nette Worte an Bold richten sollte, hatte dieser sich dem Schrank zugewandt und öffnete die Tür.

„Na sowas, ist ja offen. Hat wohl nur ein wenig geklemmt“, lachte er den langen Kriminalbeamten an.

„Ja, tatsächlich. Wie gut, dass Sie es nochmals versucht haben, Herr Kollege“, grinste Bastian Bruhn ebenso verschmitzt zurück.

Im Schränkchen fanden sie entgegen ihrer Erwartung jedoch nicht die kleinste Spur, die ihnen hätte weiterhelfen können. Ein paar Kleidungsstücke, zwei Schachteln Zigaretten und ein ziemlich zerlesener Koran.

Gerade, als sie schon den Raum verlassen wollten, öffnete sich die Tür und zwei junge Männer arabischen Aussehens blieben überrascht stehen, als sie die drei Personen sahen. Erfreulicherweise sprachen die Neuankömmlinge ein sehr gut verständliches Englisch, so dass die Kriminalbeamten erfuhren, dass der Tote wenig Kontakt zu den anderen Asylsuchenden hatte und mehr für sich blieb. Hilfreiche Hinweise waren also nicht zu erhalten.

„Das war ein Schuss in die Tonne“, murrte der lange Oberkommissar, als sie sich verabschiedet hatten und mit den paar Kopien, die ihnen Willi Bold gezogen hatte, wieder vom Acker machten.

Der Erste Kriminalhauptkommissar Kai Matthes blickte überrascht auf, als sich die Tür zu seinem Dienstzimmer öffnete und Dr. Freddy Pein eintrat.

„Na, Doc, das ging ja schnell mit der Obduktion. Woran ist er denn nun gestorben?“

Der Rechtsmediziner fuhr sich mit der Rechten durch sein schwindendes Blondhaar, betastete die sich zunehmend ausbreitende Glatze und äußerte dann mit einer zwischen Bedauern und Triumph wechselnden Stimmlage: „Das hätten wir beinahe nie genau erfahren. Aber es ist doch wohl etwas dran an dem Gerücht.“

„Hä, mach es nicht so spannend, Kerlchen. Welches Gerücht und wieso fast nie erfahren …?“

Dr. Pein setzte sich umständlich in den jahrzehntealten Besucherstuhl vor dem auch nicht sehr viel neueren Schreibtisch und wedelte mit der Klarsichthülle, in welcher sich der Bericht der Untersuchung befand.

„Nun, eins nach dem anderen, lieber Freund. Du kennst das Gerücht, wonach sich der wachsende Geist des klugen Mannes nach außen durch den zunehmenden Schwund des Haupthaares erkennen lässt?“

„Ja, schon, aber was hat das mit unse…“

„Mit unserem Fall zu tun, willst du wissen? Eine ganze Menge. Keine äußere Verletzung, die den Tod verursacht haben könnte. Keine inneren Befunde, die das Ableben erklären würden. Keine der bekannten Gifte oder sonstigen tödlich wirkenden Substanzen. Einfach nichts zu finden. Aber der geniale Geist in mir gab natürlich keine Ruhe.“

„Und siehe da, du wurdest fündig“, unterbrach Kai den Mediziner in der Hoffnung, dessen Vortrag etwas abkürzen zu können.

„So ist es!“, verkündete dieser mit reichlich Pathos in der Stimme.

„Unser Toter ist einer Unterversorgung seines durchaus normal ausgeprägten Hirns zum Opfer gefallen.“

„Wie denn das? Etwa ein natürlicher Tod … und warum hängt man ihn dann auf?“

„Nee, da hat schon einer nachgeholfen. Aber sehr ungewöhnlich. Ach, stell dich doch mal hin!“

„Warum?“

„Nun mach schon, dann verstehst du schneller!“

„Na gut“, brummte Matthes und erhob sich. Dr. Pein stand ebenfalls auf und stellte sich vor den Hauptkommissar, hob die rechte Hand und fasste mit Daumen und Mittelfinger um den Hals des Kriminalisten.

„So, du weißt schon! Ein fester Druck und ganz schnell ist der Gegner kampfunfähig. Drückt der Angreifer zu lange zu, kommt es zu Hirnschäden durch Unterversorgung und wenn er noch länger die Halsschlagader an beiden Seiten abdrückt, war es das schließlich. Exitus!“

„Wow, das ist ja mal was ganz anderes als das Übliche. Also suchen wir einen Kampfsportler oder sonst in diesen Techniken versierten Typen!“

„So ist es! Wobei diese Griffe sicher auch von Polizisten, zumindest in Sondereinheiten wie der GSG 9, SEK und wohl auch der Bundeswehr, jedenfalls KSK oder so, wohl geübt werden. Die Druckstellen waren durch die Abschürfungen, die der Strick verursacht hat, überdeckt und somit kaum zu finden. Ich wage zu behaupten, dass viele Kollegen sich mehr als schwer getan hätten“, kam Freddy Pein nicht umhin, sich für diese Leistung nochmals selbst zu loben.

„Na denn Prost Mahlzeit!“, kommentierte der Chef der Mordkommission diese Eröffnung des Rechtsmediziners. Da hatte er ja doch noch interessante Neuigkeiten für den Innenminister.

Der so arg in Anspruch genommene Herr Minister jedoch hatte deutlich wichtigere Aufgaben zu erfüllen, wie Kai Matthes von dem hohen Vorgesetzten, dem Kriminaldirektor im Ministerium des Innern, schließlich erfahren musste. In ungewöhnlich kameradschaftlichem Tonfall erfuhr der drei Ränge und einige Gehaltsstufen niedriger eingruppierte Erste Hauptkommissar, dass Buhmann an der Grundsteinlegung eines neu zu errichtenden Flüchtlingsheims teilnahm.

„Verstehen Sie doch sicherlich, Herr Kollege, dort gibt es immerhin Sekt, Schnittchen und Beifall zu erwarten. Allemal schöner, als Ihre Geschichten von Mord und Totschlag – oder was meinen Sie?“

„Das auf alle Fälle“, stimmte Kai zu. „Also darf ich Ihnen berichten?“

„Ja, schießen Sie los, Herr Matthes!“

Dieser tat, wie ihm geheißen und erwähnte zunächst die Tatsache des dritten Namens, unter dem der tote mutmaßliche Syrer in der Neumünsteraner Erstaufnahme registriert worden war.

„Interessant“, kommentierte der Kriminaldirektor, „dann verdichtet sich ja die Vermutung, dass mit dem Vogel was nicht koscher ist.“

„Das sehen wir auch so. Aber es gibt noch mehr zu berichten!“

Mit diesen Worten leitete der Ermittler auf die Ergebnisse des Obduktionsberichtes über und erläuterte die Erkenntnisse, die der Rechtsmediziner dargelegt hatte.

Es dauerte einen Moment, bis sein Vorgesetzter das Gehörte überdacht hatte. Dann allerdings überraschte er den erfahrenen Mordspezialisten mit seiner Antwort doch erheblich.

„Na, dass macht Sinn …“

„Aha, und was meinen Sie genau?“

„Nun, unterschiedliche Papiere, die den Verdacht nahelegen, dass es sich bei dem Toten tatsächlich um einen in die Identität eines Flüchtlings geschlüpften Terroristen handelt. Also ganz so, wie der oder die Täter es angegeben haben. Dazu passt doch auch die Tötungsart. Welcher Normalbürger würde wissen, dass der Tote anders heißt, als in seinem Pass angegeben?“

„Eigentlich keiner“, stimmte Matthes zu.

„Eben, mein Lieber. Auch dieses Foto aus dem Internet spricht doch dafür, dass der oder die Täter Zugriff auf Informationen haben, die alles andere als allgemein zugänglich sind. Dazu die Tatsache, dass auch der Geburtsort angegeben wird, es sich also, wenn dieses sich als richtig erweisen sollte, es sich nicht um einen Syrer, sondern um einen Saudi handeln dürfte. Also liegt es nahe, als Täter Soldaten, Polizisten oder, wohl vielleicht noch wahrscheinlicher, Leute mit Verbindung zu einem Nachrichtendienst zu vermuten.“

„Alle Achtung, der Mann kann ja trotz seines hohen Dienstgrades, der politische Nähe zur Landesregierung vermuten lässt, denken wie ein Kriminalist“, dachte Kai positiv überrascht.

Laut sagte er hingegen: „ Ja, dass haben meine Leute und ich ebenfalls gedacht und darum das BKA gebeten, bei unseren Geheimdiensten, also Bundesnachrichtendienst, Bundesamt für Verfassungsschutz und auch dem Millitärischen Abschirmdienst nachzufragen und Kopien von Pässen, Foto aus dem Internet und Fingerabdrücke zu übermitteln.“

„Sehr gut. Ausgezeichnet, dass Sie nicht nur an BND und Verfassungsschutz, sondern auch an den MAD gedacht haben. Schließlich könnte der Tote ja irgendwann in Afghanistan gewesen sein. Bin Laden kam bekanntlich auch aus Saudi-Arabien. Ich werde Buhmann berichten und Ihre Arbeit lobend erwähnen. Und, wie gedenken Sie jetzt weiter vorzugehen?“

„Wir werden nochmals in der Umgebung des Fundortes nachfragen, ob jemand irgendwelche Beobachtungen gemacht hat und natürlich auch weiter in der Erstaufnahme in Neumünster recherchieren. Vielleicht ergibt sich ja da doch noch ein Anhaltspunkt? Ansonsten bleibt uns wohl zunächst nur abzuwarten, ob etwas von den angezapften Stellen kommt?“

Der Direktor am anderen Ende der Leitung lachte trocken auf: „Schaun wir mal? Aber mehr spricht wohl dafür, dass in Kürze eine weitere Leiche gefunden wird. Hoffentlich wieder mit näheren Informationen der Täter.“

„Da werden Sie wohl leider richtig liegen, Herr Direktor!“

„Lassen Sie den Direktor mal sein, Herr Matthes. Ich heiße Kelling. Also trotzdem einen guten Abend noch und Grüße an Ihre Leute“, beendete der Spitzenbeamte das Telefonat.

Der darauffolgende Tag brachte zwar keine neuen Erkenntnisse, die weiterhalfen, dafür aber eine Überraschung mit der weder die Mordkommission, noch die Politik gerechnet hatte. Jedenfalls noch nicht.

„Was zum Teufel ist denn nun schon wieder los?“, fragte sich Kurt Buhmann, der sich gerade erst vor wenigen Minuten aus dem Bett gequält hatte, in das er erst am frühen Morgen mehr gefallen, als denn gestiegen war. Schuld war der an die Feierlichkeiten anschließende Festschmaus mit reichhaltigem Umtrunk, dem er allzu ausgiebig zugesprochen hatte. Er warf einen vorsichtigen Blick aus dem schmalen Fenster seines Badezimmers. Alles noch in tiefste Finsternis gehüllt. Dazu klatschte mit Schnee vermischter Regen, getrieben von heftigen Windstößen, an sein Fenster. Auch kein schönerer Anblick als der, den er im großen Spiegel seines Bades ertragen musste, als ihm sein graues Gesicht mit übernächtigten, verquollenen Augen entgegenblickte.

Aber sein Telefon schrillte weiter und zu allem Überfluss bimmelte jetzt auch noch gleichzeitig sein Diensthandy. „Vielleicht war es doch keine so gute Idee gewesen, den Vorschlag des Ministerpräsidenten so erfreut aufzunehmen und zuzusagen, als dieser ihm den Posten des Innenministers mit der, bei diesem Herrn unvermeidlichen, großen Geste angeboten hatte“, ging es ihm durch den Kopf, als er sich mit schlurfenden Schritten auf den Weg in den Flur machte. Dorthin, wo das festinstallierte Telefon mit seinem schrillen Ton am meisten nervte.

Gerade konnte er noch die aufsteigende, Übelkeit verursachende Flüssigkeit, die in seiner Speiseröhre brennend aufstieg, wieder hinabwürgen, bevor er abnahm.

„Mann Gottes, wieso dauert es denn solange, bis du dich endlich bequemst, abzunehmen?“, drang die Stimme seines Regierungschefs an sein Ohr. Oh, wie er den hohen Ton dieser Stimme mittlerweile hasste! Schnell zuckte seine Hand mit dem Hörer ein ganzes Stück zurück.

„Hast du schon die Zeitungen gelesen?“, tönte es geradezu keifend aus der Muschel.

„Nein, ich war doch gestern …“

„Ja und? Nun sag bloß noch, du hast in aller Seelenruhe im Bett gelegen, während hier die Kacke aus allen Löchern dampft?“

„Ja, äh … Wollte sagen, ich war im Bad und …“

„Papperlapapp! Ich hatte doch ausdrücklich angeordnet, dass kein Wort nach draußen – überhaupt nach irgendwohin – dringen darf, bevor wir mehr wissen!“

„Ja, habe ich doch auch sofort angewiesen. Sogar noch bevor wir miteinander gesprochen haben“, begann sich Buhmann zu verteidigen.

„Und warum schreibt die uns ohnehin nicht übermäßig wohlgesonnene Zeitung mit den Riesenbuchstaben und den großen Bildern: „Flüchtling ermordet und aufgehängt!“ gleich auf der ersten Seite? Dazu ein zwar schlechtes, aber doch erkennbares Bild von dem Toten, wie er da an einem Baum hängt.“

„Keine Ahnung! Ich weiß wirklich nicht, was …“

„Mann, Mann, Mann! Bin ich denn nur von Idioten umgeben? Hier rufen jetzt auch alle anderen Zeitungen an und verlangen eine Stellungnahme. Der Rundfunk und das Regionalfernsehen will heute Abend in den Nachrichten darüber berichten. Also sieh zu, dass du deinen Arsch hierher schaffst!“

Noch bevor Kurt Buhmann antworten konnte, drang ein lautes Klacken an sein malträtiertes Ohr. Sein Chef hatte den Hörer wohl geradezu auf die Gabel geschmettert.

Einerseits hätte er den Ministerpräsidenten erwürgen können vor Wut. Was konnte er denn dafür, wenn etwas an die Presse durchgestochen worden war? Gut, er hatte sich bei der Polizei, dessen oberster Chef er war, nun wahrlich keine Freunde gemacht. Aber ihm war doch aufgegeben worden, dort mehr Effizienz zu schaffen und Stellen zu streichen, obwohl diese bereits über alle Maßen zusammengestrichen waren. Das jetzt die Flüchtlingswelle auch Schleswig-Holstein überrollte hatte er doch nicht zu verantworten. Die Kanzlerin hatte diese Leute doch geradezu ermutigt, sich auf den Weg hierher zu machen. In das gelobte Land, das jetzt unter der Last der Massen ächzte und dessen weitgehend praktizierte Willkommenskultur zu kippen begann. Was konnte denn er dafür, fragte er sich aufs Neue.

Aber es nützte wohl nichts, jetzt musste er wieder die Suppe auslöffeln, die ganz andere Herrschaften sich und vielen anderen eingebrockt hatten. Seufzend und von Selbstmitleid geschüttelt schlurfte er zurück ins Bad.

„Das hat uns gerade noch gefehlt“, schimpfte Hauptkommissar Schütze und knallte die größte Tageszeitung auf den Tisch im Aufenthaltsraum der MOKO.

„Du sagst es. Jetzt steht das Telefon bald nicht mehr still. Erstaunlich nur, dass unser aller Buhmann sich noch nicht gemeldet hat“, grinste Bastian Bruhn schelmisch.

Da öffnete sich die Tür und Kai Matthes schob seine markante Figur in den Raum.

„Dieses Schietwetter geht mir langsam auf den Geist. Mal Schnee, mal Regen, vereiste Autoscheiben und Streuen durfte ich auch noch, weil uns unser Winterdienst versetzt hat“, knurrte er, während er die Kollegen mit Handschlag begrüßte.

„Da soll laut Wetterbericht noch ‘ne ganze Menge Schnee auf uns herabrieseln. Du solltest mal ein ernstes Wörtchen mit deinem Dienstleister reden. Wenn du jetzt noch die Zeitung liest, wird deine Laune bestimmt noch schlechter, lieber Kai.“ Erwartungsvoll schaute Irina Nadesko, die Tochter russischer Einwanderer, ihren Vorgesetzten an.

Matthes hängte seinen alten Wintermantel sorgsam auf einen kräftigen Kleiderbügel und diesen über den Nagel, an dem das Bild des Ministerpräsidenten direkt über dem großen Heizkörper an der Wand hing.

„Na also, jetzt hat der ganze heruntergekommene Raum jedenfalls etwas gewonnen“, kommentierte Bastian Bruhn, der Spaßvogel der kleinen Kerntruppe der MOKO, diese Handlung.

Ein schmales Lächeln huschte über das Gesicht des Ersten Kriminalhauptkommissars als er diese Worte vernahm.

„Ich weiß eben, womit ich dir eine Freude machen kann, Basti. Und was die Zeitungsmeldung angeht, hatte ich eben schon einen Anruf von Direktor Kelling. Ich bin also im Bilde. Aber so furchtbar schlimm finde ich das auch wieder nicht. Uns war doch allen klar, dass es nicht lange dauern konnte, bis die Geschichte ruchbar würde. Was mir hingegen nicht gefällt, ist, dass Kelling angedeutet hat, der MP hätte ihn schon gleich heute am frühen Morgen angerufen, weil er Buhmann nicht erreichen konnte und dabei angedeutet, diese Info könnte von uns an die Presse durchgestochen worden sein.“

„Der Lachsack ist doch genauso unfähig wie sein Buhmann“, grunzte Jan-Moritz Schütze empört.

„Da will ich nicht widersprechen, aber was meint ihr denn, woher die Presse die Info hat?“

Interessiert blickte sich Basti Bruhn im Kreis seiner Kollegen um.

„Keine Ahnung, vielleicht von dem Taxenfahrgast oder der Fahrerin?“, erwiderte Jessica Lorenz.

„Mag sein. Kann denen ja auch keiner verbieten und uns auch egal sein. Da kriegen wir eh keinen Deckel mehr drauf. Außerdem wissen ja schon genug Leute davon. Die Info kann also aus jeder Ecke gekommen sein“, brummte Matthes. „Sonst irgendetwas von Interesse?“

Allgemeines Kopfschütteln antwortete ihm stumm.

„Dann kann einer von euch mal die Kaffeemaschine in Betrieb setzen“, gab der Chef die erste Dienstanweisung des Tages aus.

„Einer von euch – das heißt also ich“, folgerte Jessica, die Jüngste, während Kai die Zeitung vom Tisch nahm und aufschlug.

Kaum hatte er einen Blick hineingeworfen, fuhr sein Kopf ruckartig hoch.

„Also, das schränkt den Kreis der Verdächtigen dann doch stark ein. Guckt euch mal das Bild an. Von unserem Fotografen stammt das nicht. Sieht aus, als sei es mit einem Handy geschossen. Bleiben dann doch wohl die beiden aus der Taxe, oder aber einer der Kollegen von der Streife, die vor uns am Tatort waren. Basti, du und Irina, ihr fahrt nach Neumünster und befragt nochmals die Fahrerin und ihren Fahrgast. Vergesst nicht, euch die Handys zeigen zu lassen. Danach könnt ihr auch gleich die Kollegen in Neumünster befragen. Moritz, du prüfst, ob die im Dienst sind und lässt dir auch die Privatadressen geben. Dann informierst du Irina und Basti. Jessica, du kümmerst dich um den Kaffee und danach guckst du, ob dieser alte Jägersmann aus der Taxe oder die Fahrerin eine Homepage haben, bei Twitter oder Facebook oder sonst im Internet aktiv sind. Vielleicht war ja einer so freundlich, sein aufgenommenes Foto zu posten.“

Jessica stellte gerade den frisch bereiteten Kaffee auf den Tisch, da klopfte es an der Tür. Unwillkürlich blickten alle Anwesenden in die Richtung, aus der das höfliche, aber dennoch bestimmte Pochen ertönte. „Herein!“, erlaubte Kai Matthes den Eintritt in die geheiligten Räume.

Die Tür öffnete sich und es trat ein gutaussehender Mann um die Fünfzig mit gepflegt gestutztem, langsam ergrauendem Vollbart ein, der zum noch vollen, kurzgeschnittenem Haupthaar und den interessiert blickenden blauen Augen passte.

„Ach, Sie sind es schon“, begrüßte Kai den eintretenden Kriminaldirektor.

„So ist es, Herr Matthes. Ich hoffe, ich bin nicht zu früh dran und störe beim Kaffeeplausch.“

„Durchaus nicht, Herr Kelling. Jessica findet bestimmt auch für Sie noch eine Tasse“

„Oh, sehr freundlich, bitte mit etwas Milch, soweit vorhanden“, strahlte der ranghohe Beamte in die Runde und ganz besonders die junge Kommissarin an.

Ganz im Gegensatz zu ihrem sonst üblichen Maulen, wenn sie mit – aus ihrer Sicht unter ihrer Würde liegenden Tätigkeiten beauftragt wurde – strahlte sie den Gast förmlich an und meinte in fast fröhlichem Tonfall: „Kommt sofort!“

Kaum hatte Matthes dem Direktor seine Mitarbeiter vorgestellt, die, bis auf seinen Stellvertreter, ihn bisher nur dem Namen nach kannten, nahte die Jüngste im Team bereits mit einer wohlgefüllten Tasse samt Untertasse und Teelöffel. Dazu gleich zwei Portionsdosen mit Kaffeesahne.

„Ich hoffe, der Kaffee schmeckt Ihnen, Herr Kriminaldirektor“, flötete sie mit samtweicher Stimme.

„Ich bin übrigens Jessica Lorenz, falls Kai … ich meine, Herr Matthes, mich noch nicht vorgestellt hat.“

„Doch, hat er … und ich heiße Kelling, Gerhard Kelling. Den Direktor schenken wir uns. Schließlich sind wir doch Kollegen.“

Während der hohe Besucher und die junge Kommissarin einander deutlich zu lange – und eindeutig auch zu interessiert – anblickten, wechselte das restliche Team der MOKO vielsagende Blicke.

Dann endlich setzten sich die beiden und Kelling räusperte sich, fast verlegen um sich blickend, bevor er zur Sache kam:

„Um es kurz zu machen, meine Damen“, er schenkte Jessica ein ganz besonders freundliches Lächeln, „meine Herren, der MP ist stocksauer und macht den Innenminister verantwortlich, was dieser natürlich zunächst an mich weiterreicht.“

„Aha, und jetzt treten Sie weiter nach unten?“

Gespannt sah Basti seinen hoch über ihm auf der Rang- und leider auch Gehaltsliste thronenden Direktor an.

„Das habe ich eigentlich nicht vor, Herr Bruhn. Die Erzeugung eines Dominoeffektes hilft eigentlich nie sonderlich weiter. Aber mein Chef erwartet eine Antwort und der MP von ihm. Also, wie sehen Sie die Sache? Woher kommt die Information an die Presse?“

Bastian Bruhn wollte gerade antworten, als ihm Kai Matthes zuvorkam.

„Aus unserer Sicht kommen zunächst die Taxifahrerin oder ihr Passagier in Betracht. Wenn diese es nicht waren, bleiben die Streifenbeamten, die zunächst vor Ort waren. Der Kollege der örtlichen Kripo. Die Spusi, Bestatter, nicht zu vergessen der Rechtsmediziner und damit jede Menge Verdächtige. Aber was soll’s? Niemand kann glauben, dass diese Sache lange unter der Decke gehalten werden kann. An die Kollegen glaube ich nicht. Eher an die Fahrerin oder den Fahrgast. Ich hatte gerade ein Team nach Neumünster schicken wollen und Frau Lorenz beauftragt, einmal zu checken, ob diese beiden etwas im Netz gepostet haben?“

„Gute Idee. Ich frage mich nur, warum die Zeitung dann nicht gleich ein Interview mit dem Informanten bringt?“

„Die Schlagzeile reicht doch auch so für einen Tag. Vielleicht kommt da ja morgen alles das nach.

Dann werden sich auch noch alle sogenannten Experten mit ihren Beiträgen zu Wort melden und auch die ganzen edlen Helfer ihre Befürchtungen und Abscheu verkünden sowie die Gegenseite kaum verhehlte Freude zum Ausdruck bringen und dumpfe Parolen brüllen. Nur weiter hilft uns das nicht.“

Matthes schüttelte den Kopf und warf seiner jungen Kommissarin einen auffordernden Blick zu.

„Was? Jetzt …“

„Ja, Jessi, vielleicht findest du ja etwas und dann kann Herr Kelling gleich der vom Minister ins Auge gefassten Vorverurteilung der Polizei entgegentreten!“

Nur ungern verließ die Kommissarin den Kaffeetisch, wie ihr Blick verriet.

„Und was den Fall an sich betrifft – irgendein Hinweis oder eine Idee?“, kam Direktor Kelling auf den Mord selbst zu sprechen.

„Nein, mit Rückläufern auf die Anfragen an BKA und Geheimdienste dürfen wir wohl auf die Schnelle kaum rechnen. Ansonsten haben wir keinerlei neue Erkenntnisse. Wird ohnehin schwierig werden“, gab Kai Matthes die erwartete Antwort.

„Und keine Tatwaffe“, fügte die Nummer zwei der MOKO, Hauptkommissar Schütze hinzu. „Wir wissen ja noch nicht einmal, ob der Täter Handschuhe trug oder mit bloßen Händen zugefasst hat? Weder Stoff-, Leder- oder Hautpartikel konnten an der Leiche gesichert werden. Wir haben nichts, außer der ungewöhnlichen Todesart, die auf einen speziell ausgebildeten Täter schließen lässt – aber das wissen Sie ja, Herr Kelling.“

„Mit anderen Worten – wir haben nichts und warten auf den angekündigten nächsten toten Flüchtling. Der Minister wird sich freuen!“

Mit diesen Worten erhob sich der Kriminaldirektor und verabschiedete sich von den Beamten, wobei er auch die an ihrem Schreibtisch im danebenliegenden Büro mit verbissenem Gesichtsausdruck auf die Tastatur einhämmernde Jessica nicht vergaß, sondern ihre Hand sogar deutlich länger hielt.

In der Regierungskoalition prallten die Meinungen im Kabinett aufeinander. Während die Mehrheit dafür plädierte, den Tod des Flüchtlings lautstark zu beklagen, gab es auch einige Zweifler. Schließlich gaben die unterschiedlichen Identitäten, die dem Ermordeten zugeordnet worden waren, doch zu denken. Unter den Teppich kehren oder auch nur auf Zeit spielen ging nach der Presseveröffentlichung natürlich nicht mehr. So einigte man sich darauf, zunächst den Tod eines Menschen zu betrauern und die üblichen Verdächtigen der schmählichen Tat zu bezichtigen. Selbstverständlich durfte der Hinweis nicht fehlen, dass alles getan würde, den oder die Täter zu fassen und der gerechten Strafe zuzuführen.

Diese Erklärung gaben Ministerpräsident und Innenminister in einem gemeinsamen Statement am Abend ab.

Am nächsten Morgen erschienen in der großen Boulevard-Zeitung einige weitere Fotos von Opfer und Tatort und auch ein Interview mit dem alten Jägersmann. Nachdem er seiner Frau aufgeregt Bericht von dem Auffinden der Leiche erstattet hatte, war ihm nach dem Aufwachen der geniale Gedanke gekommen, seine Handyfotos der bedeutenden Tagezeitung anzubieten. Gegen angemessenes Honorar natürlich. Gern hätten die Reporter auch die Fahrerin der Taxe interviewt, aber diese hatte trotz Honorarangebot zum völligen Unverständnis der Reporter abgelehnt.

So erschien also neben weiteren Bildern des Toten und der zuerst am Tatort eingetroffenen Streifenbeamten auch das Konterfei des Graubärtigen und dessen weit ausgeschmückte Darstellung.

Damit war jedenfalls geklärt, wie die Informationen so schnell an die Presse gelangen konnten.

Natürlich sprangen jetzt alle anderen Zeitungen und auch Rundfunk und Fernsehen auf den Zug auf. Mit dem Ergebnis, dass der kleine Jägersmann sich auch im Fernsehen bewundern und einige abstruse Theorien äußern durfte. Nur die Ermittlungen traten auf der Stelle, aber dafür machte das Hilfswerk zur Rettung des europäischen Abendlandes seine weitere Ankündigung wahr. Den ersten Teil jedenfalls.

Über Nacht war das Thermometer auf über neun Grad minus gefallen und der Spielbetrieb in den unteren Ligen zum erheblichen Teil abgesagt worden. So auch beim Kreisligaclub „Hamburger SC von 1935“, der seinen Platz nebst Clubheim nahe der Landesgrenze zu Schleswig-Holstein hatte.

Gegen 09.30 Uhr an diesem Sonntag sollten dennoch einige anstehende Maßnahmen vom Vorstand des Vereins mit Trainern der Jugendmannschaften erörtert werden. So traf der 1. Vorsitzende gemeinsam mit dem Kassenwart