Hilfskreuzer „Chamäleon“ auf Kaperfahrt in ferne Meere - Heinz-Dietmar Lütje - ebook

Hilfskreuzer „Chamäleon“ auf Kaperfahrt in ferne Meere ebook

Heinz-Dietmar Lütje

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Opis

Das erste Kriegsjahr - 1939 - neigt sich dem Ende. Korvettenkapitän Dietrich Waldau erhält den Befehl mit einem zum Hilfskreuzer umgerüsteten Handelsschiff die britische Blockade zu durchbrechen und auf den Weltmeeren als Handelsstörkreuzer aufzutreten. Zweck ist neben der Versenkung gegnerischer Handelsschiffe vor allem auch, britische Flotteneinheiten auf sich zu ziehen und damit zu binden und andere Kriegsschauplätze zu entlasten um den Gegner möglichst zu zwingen, seine Schiffe wieder zu Geleitzügen zusammen zu fassen. Während des Kriegsjahres 1940 taucht er wie ein Phantom auf den Schifffahrtsrouten der Alliierten auf und fügt dem Feind empfindliche Verluste zu, um alsdann wieder in der Weite des Ozeans zu verschwinden; stets gejagt von immer stärkeren britischen Kampfgruppen. Als wären die Probleme, vor die der Kommandant eines allein in feindlich beherrschter See operierenden Handelsstörkreuzers nicht schon genug, wachsen diese ins unermessliche, als er mit der jüdischen Studentin Judith Silbermann, die sich unter den Passagieren eines als Prise in die Heimat gesandten Schiffes befindet, der Liebe seines Lebens begegnet. Beispielhaft wird in dem Roman die Geschichte eines Kommandanten und seiner Crew aufgezeigt, der es gelungen ist, trotz aller Gräuel des Krieges, unter Abwägung von Zweifel und Pflichterfüllung, schließlich ihre Selbstachtung und Menschlichkeit zu bewahren.

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Hilfskreuzer „Chamäleon“ auf Kaperfahrt in ferne Meere

Heinz-Dietmar Lütje

Hilfskreuzer „Chamäleon“auf Kaperfahrt in ferne Meere

Engelsdorfer Verlag Leipzig 2013

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.dnb.de abrufbar.

Copyright (2013) Engelsdorfer Verlag Leipzig

Alle Rechte beim Autor

Coverzeichnung: Nach einer Postkarte von Fritz W. Schulz:

Deutscher Hilfskreuzer im Kampf

ISBN 9783954888023

www.engelsdorfer-verlag.de

Inhalt

Cover

Titelseite

Impressum

Vorwort

1. Der Kommandant

2. Ein Frachter wird zum Kriegsschiff

3. Erprobung in der Ostsee

4. Auslaufen zur Feindfahrt

5. Der Durchbruch

6. Die erste Beute

7. Täuschungsmanöver

8. Kriegsrat

9. Äquatortaufe

10. Umtarnung und Erprobung

11. Schlag auf Schlag

12. Zwischen Pflicht und Gefühl

13. Gegenmaßnahmen

14. Anerkennungen und Weisungen

15. Totalverluste

16. Leergefegte See

17. Ein Admiral irrt

18. Freunde und Kameraden

19. Bordflugzeug in Not

20. Erste Mine – Wirf!

21. Da waren es nur noch zwei

22. Gesucht: Eine Oase in der Wüste

23. Gute und weniger gute Nachrichten, aber klare Worte

24. Ein harter Hund, dieser Aussie

25. Dr. Susan Mager übernimmt

26. Auch das Schlechte hat sein Gutes

27. Die Liebe der Matrosen

28. Kirk-Island

29. Auf zu neuen Taten

30. Berlin, Oberkommando der Marine – Seekriegsleitung

31. „Chamäleon wird gejagt“

32. Hurrikan

33. Vater werden ist doch schwer

34. Nauru

35. Aufkeimender Verdacht und noch eine Hiobsbotschaft

36. Teufelskerl oder mit dem Teufel im Bunde

37. Der Wunsch des Führers sei Euch Befehl

38. Scheiden tut weh

39. Abschied im Feuerhagel

40. Schwimmende Werft und großer Bruder

41. Gefecht im Mittelatlantik

42. Die Hunde bellen, aber die Karawane zieht weiter

43. Luftkampf

44. Im Geleitzug

45. Das Glück ist verbraucht

46. Gefangen

47. Überraschung

Vorwort

Nachdem die Fesseln des Versailler Vertrages gefallen waren und die schwunghafte Aufrüstung der deutschen Wehrmacht begann, war auch Großbritannien als die Seemacht Nummer 1 bestrebt durch multinationale und bilaterale Verträge allgemein zu einer Begrenzung der Seerüstung zu gelangen. Obwohl das Deutsche Reich bereits im März 1935 die allgemeine Wehrpflicht einführte kam es dennoch am 18. Juni 1935 zum Abschluss des Deutsch-Britischen Flottenvertrages. Dieser Vertrag begrenzte die deutsche Flottenstärke in allen Schiffsklassen – ausgenommen U-Boote – auf 35% der britischen. Für U-Boote wurde zunächst eine Begrenzung von 45% festgelegt, mit der Maßgabe, dass Deutschland später beim U-Bootsbau bis auf 100% der britischen U-Bootstonnage aufstocken dürfe.

Mit dieser Vereinbarung hatte Großbritannien gegen andere Vereinbarungen – so auch die Beschlüsse von Stresa im April 1935 – eindeutig verstoßen und hiermit auch den Versailler-Vertrag letztendlich selbst ad absurdum geführt und zudem die einseitige Verkündung der deutschen Wehrhoheit hingenommen und damit praktisch anerkannt. Für Hitler bedeutete das, nunmehr den Ausbau der Kriegsmarine zu forcieren und die Verkündung eines Flottenbauprogrammes, das unter anderem noch zwei Schlachtschiffe von über 50.000 Tonnen sowie zwei Schlachtkreuzer und 16 Zerstörer umfasste. 1937 wurde dann eine Zusatzvereinbarung zwischen Deutschland und Großbritannien getroffen, mit dem Zugeständnis der Briten, dass das Deutsche Reich nunmehr im U-Bootsbau im Verhältnis zur britischen Flotte gleichziehen durfte.

Im Gegensatz zu der sehr forcierten Aufrüstung des deutschen Heeres und der Luftwaffe wurde dennoch die Aufrüstung der Kriegsmarine bis Mitte 1938 sträflich vernachlässigt, da Hitler mindestens bis zu diesem Zeitpunkt davon ausging, trotz seiner Expansionspolitik mit Großbritannien zu einem Modus Vivendi zu gelangen. Mitte 1938 ließ Hitler aber dann Großadmiral Raeder als Oberbefehlshaber der Kriegsmarine wissen, dass er eine künftige Gegnerschaft Englands nicht mehr ganz ausschließen könne und drängte daher auf die beschleunigte Fertigstellung der beiden deutschen im Bau befindlichen Schlachtschiffe Bismarck und Tirpitz sowie den Bau weiterer Großkampfschiffe.

Während Hitler meinte eine schlagkräftige Flotte mit stärksten Schiffstypen zur Durchführung seiner weiteren Ziele zu benötigen, die erforderlichenfalls auch die britische Flotte mit Aussicht auf Erfolg bekämpfen könne, vertrat der Oberbefehlshaber der Kriegsmarine die Auffassung, dass zur Bedrohung und Abschnürung des für England lebenswichtigen Nachschubs insbesondere der U-Bootsbau forciert werden müsse und daneben – statt schwerster Einheiten – Panzerschiffe der Admiral-Spee-Klasse gebaut werden sollten, die aufgrund ihres großen Aktionsradius wohl am geeignetsten erschienen, auch in überseeischen Aktionen die britische Seezufuhr zu bekämpfen und dennoch aufgrund ihrer respektablen Armierung auch britischen Seestreitkräften mit Aussicht auf Erfolg gegenüber treten zu können. Hitler widersprach dieser Auffassung mit dem Hinweis, das er die Flotte vor 1946 für seine weiteren politischen Zwecke nicht benötigen werde, so dass durchaus die Voraussetzung für einen langfristigen Aufbau einer starken, schlagkräftigen Schlachtflotte gegeben seien. Aufgrund dieser Planung Hitlers wurde zunächst ein Flottenbauprogramm beschlossen, das den Gesamtstand der deutschen Kriegsmarine im Jahre 1946 auf 10 Großkampfschiffe, 15 Panzerschiffe, vier Flugzeugträger, fünf schwere Kreuzer, 22 leichte Kreuzer sowie eine entsprechend große Anzahl von Zerstörern, Torpedobooten, U-Booten usw. gebracht hätte. Insgesamt war eine Soll-Stärke von ca. 800 Einheiten mit über 200.000 Mann geplant.

Als aber dann am 01. September 1939 der Zweite Weltkrieg begann und vier Tage darauf die Kriegserklärung Englands und Frankreichs erfolgten war die deutsche Flotte in keinster Weise für den Seekrieg gegen England – und nicht ganz zu vergessen auch den französischen Seestreitkräften – gerüstet. Deutschland verfügte lediglich über die Schlachtschiffe Scharnhorst und Gneisenau sowie die drei Panzerschiffe Deutschland, Admiral Graf Spee und Admiral Scheer sowie die schweren Kreuzer Admiral Hipper und Blücher sowie 6 leichte Kreuzer der Städte Klasse.

Zusätzlich in Ausrüstung befindlich waren die Schlachtschiffe Bismarck und Tirpitz sowie der Flugzeugträger Graf Zeppelin, der nie fertiggestellt wurde, und die schweren Kreuzer Prinz Eugen, Seydlitz und Lützow.

Für überseeische Operationen gegen die englische Seezufuhr waren somit lediglich Scharnhorst und Gneisenau sowie drei Panzerschiffe wirklich geeignet, da die zwei schweren Kreuzer Admiral Hipper und Blücher aufgrund ihres deutlich geringeren Aktionsradius für die ozeanische Kriegsführung nur als bedingt einsatzfähig angesehen werden mussten. Die deutsche U-Bootflotte verfügte zu Beginn des Krieges über lediglich 57 Einheiten, der die gleiche Anzahl britischer U-Boote gegenüberstand. Hiervon war aber für die ozeanische Kriegsführung, insbesondere für den zu erwartenden Hauptkriegsschauplatz Nordatlantik nur etwa ein Drittel geeignet, so dass unter Berücksichtigung des An- und Abmarschweges, sowie nötige Ausrüstungs- und Werftliegezeiten, nicht einmal zehn Boote gleichzeitig im Nordatlantik stehen konnten. Damit allein konnte die Versorgung der britischen Inseln nicht annähernd kriegsentscheidend geschwächt werden. Deshalb wurde aufgrund der äußerst positiven Erfahrungen aus dem ersten Weltkrieg sofort nach Ausbruch der Feindseligkeiten begonnen ein umfangreiches Hilfskreuzerprogramm auf die Beine zu stellen.

Hilfskreuzer – richtig bezeichnet als Handelsstörkreuzer (HSK) – waren Handelsschiffe, die von der Kriegsmarine übernommen und entsprechend ausgerüstet wurden. Diese wurden üblicherweise mit sechs 15 Zentimeter-Geschützen sowie zum Teil einer entsprechenden Torpedobewaffnung und leichten Waffen versehen. Die Hauptaufgabe dieser Einheiten bestand darin, durch Bekämpfung der gegnerischen Handelsschifffahrt – hierzu zählten auch mit kriegswichtigen Gütern (Konterbande) für den Gegner beladene neutrale Schiffe –den Feind zu zwingen, seine Versorgungsrouten zu ändern und durch ein Konvoisystem den Nachschub insgesamt erheblich zu verlangsamen. Hinzu kommt die Bindung eines erheblichen Teils der gegnerischen Flotte durch die Sicherung der Handelsschifffahrt und die Jagd auf diese Störenfriede.

Getarnt als friedliche Handelsschiffe, mit wechselnden Schiffsnamen und Nationalitäten, haben diese Handelsstörkreuzer ausgezeichnete Erfolge bei der Bekämpfung des gegnerischen Nachschubes und der Zersplitterung der feindlichen Seestreitkräfte errungen, auch wenn sie sich am Ende dem übermächtigen Gegner nach tapferer Gegenwehr geschlagen geben mussten.

Die Geschichte der Feindfahrt eines solchen Handelsstörkreuzers ist Gegenstand des nachfolgenden Romans.

Ausdrücklich sei darauf hingewiesen, dass es sich hier um eine fiktive Handlung und auch fiktive Personen, ausgenommen historischer Personen, handelt, so dass jede Übereinstimmung von Handlungen und Namen mit tatsächlich lebenden oder toten Personen rein zufällig und keinesfalls beabsichtigt wäre. Das gleiche gilt auch für zufällige Übereinstimmungen genannter Schiffe mit vielleicht tatsächlich zu jener Zeit die Weltmeere befahrenden Schiffen aller Nationalitäten.

1. Der Kommandant

Berlin, 8. September 1939, 22.30 Uhr, Oberkommando der Kriegsmarine.

Im zweiten Stock im Westflügel des Gebäudes schob Kapitän zur See von Preuss einen größeren Aktenstapel auf die linke Seite seines alten, massiven Schreibtisches und schaute auf die 3 verbliebenen dünnen grauen Aktendeckel vor sich. Er fingerte sich eine neue Zigarette aus der grünen Packung „Eckstein“ vor sich, steckte diese in Brand und lehnte sich in seinem Stuhl zurück, um die eben getroffene Entscheidung nochmals zu überdenken.

Nach einigen Minuten straffte er sich, drückte mit einer eckigen Bewegung den Stummel der Eckstein im überfüllten Ascher aus und griff zum Telefon. „Preuss, sagen Sie, Hälmer, ist der Admiral noch zu sprechen? Gut, dann melden Sie mich bitte an, ich komme sofort rüber.“

Wenige Minuten später stand von Preuss vor Vize-Admiral Scheidel.

„Ich danke Herrn Admiral, dass Herr Admiral mich noch so spät empfangen“, sagte von Preuss in strammer Haltung vor dem Schreibtisch des etwa gleichaltrigen Admirals stehend, „aber ich glaube, diese drei entsprechen den Vorstellungen des Herrn Admiral.“

„Nun lassen Sie mal, mein lieber Preuss“, entgegnete Admiral Scheidel, „ich fürchte, die Sache eilt wirklich, denn der Krieg lässt sich bekanntlich auch keine Zeit.“ Mit diesen Worten erhob sich der Mitt-Fünfziger hinter seinem Schreibtisch, der mit seinem fast weißen Haar, schmaler, kleinwüchsiger Statur und intelligentem Gesicht, mehr wie ein Gelehrter als ein Seeoffizier wirkte und deutete auf den Besuchersessel vor seinem fast spartanisch einfach wirkenden Schreibtisch.

Der Admiral lächelte, schob von Preuss die geöffnete Zigarettendose zu und meinte: „Wen haben wir denn da“, und blickte vielsagend auf die dünnen Aktendeckel in der rechten Hand des Kapitäns.

Von Preuss dankte nickend und nahm eine der von ihm zwar weniger geschätzten mit Filter und beeilte sich, dem Admiral Feuer zu geben. Als die Zigaretten brannten, rekapitulierte von Preuss aus den Personalakten.

„Tja mein Lieber“, meinte der Admiral, als sein 1. Stabsoffizier seinen Bericht beendet hatte, „gute Arbeit, mein Lieber. Aber von Ihnen ja auch nicht anders zu erwarten.“ Der Admiral streckte die Linke aus und nahm die drei Aktenhefter entgegen, blätterte diese seinerseits noch kurz durch und sagte: „Wirklich mein lieber Preuss, ganz ausgezeichnet, ich kann mich Ihren Vorschlägen nur anschließen, alle drei bestens geeignet als Kommandant eines Hilfskreuzers. Nur werden wir den guten Kapitän Schmid und wohl auch unseren gemeinsamen Crew-Kameraden Leusen wohl kaum ganz auf die Schnelle von ihren jetzigen Kommandos freistellen können. Bleibt also zur sofortigen Verwendung nur der junge Waldau.“

„Jawohl, Herr Admiral“, beeilte sich von Preuss seinem Admiral zuzustimmen. Der Admiral erhob sich. „Gut mein Lieber, veranlassen Sie alles weitere. Ich möchte den Waldau schnellstens hier sehen.“

Dietrich Waldau, 34-jähriger Korvetten-Kapitän der deutschen Kriegsmarine und z.Z. Kommandant des Zerstörers „Arndt Griepen“, hatte gerade sein Frühstück in der Küche des elterlichen Bauernhofes in Reher bei Plön beendet. Seine Mutter war noch im Kindbett verstorben, so dass er diese gar nicht gekannt hatte. Seinen Vater, Karl-Heinz Waldau, aktiver Seeoffizier des 1. Weltkrieges, schwer verwundet in der Skagerak-Schlacht auf dem Kreuzer „Frauenlob“, hatte es in den Wirren nach Beendigung des ersten Weltkrieges von der alten Heimat Bremerhaven, nach Schleswig-Holstein verschlagen, wo er seine zweite Frau Magda kennenlernte und 1920 heiratete. Kurz nach der Hochzeit starb der zu dieser Zeit bereits vom Tode gezeichnete Schwiegervater, so dass Karl-Heinz Waldau sich plötzlich gezwungen sah, den Bauernhof der Schwiegereltern zu übernehmen und selbst Bauer zu werden. Durch die Heirat mit Magda sah er sich glücklicherweise auch in die Lage versetzt, seinem Sohn endlich ein Zuhause zu bieten, der bisher die ersten Jahre seines Lebens bei den Großeltern in der Nähe von Emden aufwuchs und bis zur Hochzeit seines Vaters bei dessen Bruder Oskar und seiner Frau, einem Lehrerehepaar, in Bremen wohnte.

Dietrich Waldau, vom Vater, Großeltern und jetzt auch Stiefmutter Magda, die ihm eigentlich eine wirklich herzensgute Mutter geworden war, seit jeher „Didi“ genannt, war eigentlich ganz froh, trotz des Kriegsausbruches einige Tage unerwarteten Urlaub zu haben. Aber sein Schiff, der Zerstörer „Arndt Griepen“, war durch dringend erforderliche Überholung der Maschinen und Einbau zusätzlicher Flakbewaffnung in der Kriegsmarine-Werft Kiel für mindestens 10 Tage ausgefallen. Da er von Plön aus im Bedarfsfall jederzeit in weniger als zwei Stunden zu seinem Schiff zurückkehren konnte, bestand also keine Veranlassung, diese Möglichkeit nicht zum Besuch der Eltern zu nutzen, zumal sich hierbei auch die Gelegenheit ergab, der vom Vater wohl ererbten Jagdleidenschaft im elterlichen Revier zu frönen.

Dietrich Waldau war eigentlich mit Leib und Seele Seeoffizier. An der Küste aufgewachsen, hatte er sich bereits von frühester Jugend an für alles, was mit der Seefahrt zu tun hatte, sehr interessiert und natürlich auch mit größtem Eifer den Seekrieg 1914 bis 1918 verfolgt und im jugendlichen Unverständnis manchmal bedauert, hieran nicht aktiv teilnehmen zu können. Nach mittelprächtigem Abitur hatte er dann das große Glück, als Offiziersanwärter, trotz der großen Bewerberzahl, auf die wenigen freien Plätze, in die Reichsmarine aufgenommen zu werden.

Sein unbedingter Wille, Seeoffizier zu werden, ließ ihn auch alle Schleifereien und Ungerechtigkeiten auf dem Weg dorthin in Kauf nehmen, ohne „allzu dumm aufzufallen“, was damals manche angestrebte Offizierslaufbahn beendet hat, bevor die ersehnten Leutnantsstreifen in Empfang genommen werden konnten.

Da ihm in frühester Jugend bei den Großeltern und später auch bei Onkel und Tante, dem Lehrerehepaar in Bremen, eigentlich nie Ungerechtigkeiten widerfahren waren, geschweige denn, von Seiten seines Vaters, der ebenso wie sein Lehrerbruder, stets bemüht war, auch Dietrich zu einem ehrlichen, aufrechten aber auch nachdenklichen Menschen zu erziehen, der alle Ungerechtigkeiten verachtete und durchaus nicht bereit war, diese widerspruchslos hinzunehmen, fiel es ihm besonders schwer, insbesondere auch die zum Teil recht niederträchtigen und mit voller Absicht ungerechten Schleifereien der Unteroffiziere während der Grundausbildung – und zum Teil auch noch während der Kadettenausbildung auf einem Segelschulschiff, ohne Aufbegehren zu schlucken.

Mag sich der Leser selbst ein Urteil darüber bilden, ob grobe Ungerechtigkeit und bewusste Schikane der Unteroffiziere den Kadetten gegenüber, die immerhin künftige Seeoffiziere und damit Vorgesetze ihrer Ausbilder werden würden, der richtige Weg zum angestrebten Ziel gewesen sei? Hierbei mag jedoch berücksichtigt werden, dass es gerade in der – später als Großdeutschen Wehrmacht bezeichneten – Reichswehr allgemein und nicht desto weniger auch in der deutschen Kriegsmarine vorherrschend im Unteroffizierskorps die Auffassung gab, dass – Offiziere eine Art des Homo Sapiens seien, die ohnehin nur aufgrund der Fähigkeiten ihrer Unteroffiziere und Feldwebel überhaupt in die Lage versetzt seien, „lebensfähige Wesen“ zu sein.

Hier sei eine Episode aus der Schulschiffzeit des jungen Waldau geschildert:

Der Großsegler der deutschen Kriegsmarine lief – unter Segel, nachdem das Schiff – völlig ohne Benutzung der Hilfsmaschine – von Kiel auslaufend bis in den Pazifik und an die japanische Küste gelangt war in die Bucht von Yokohama ein. Das Segelschulschiff hatte nur noch Bramsegel und Klüver stehen und machte trotzdem aufgrund der günstigen Windverhältnisse immer noch eine Fahrt von etwa sieben Knoten. Dieses letzte Stück der langen Reise, unmittelbar vor dem Ankern, forderte Offizieren und Besatzung des Großseglers noch einmal alles seemännische Können ab, denn in diesem relativ schmalen und schwierigen Fahrwasser herrschte starker Verkehr von Schiffen aller Größen. Dazwischen wimmelten geradezu kleine Wasserfahrzeuge aller Art, wie Fischerboote und Dschunken, die sich einen Teufel um internationale Seerichtlinien wie Wasserstraßen- oder Schifffahrtsordnung scherten.

Am Abend des 24. Juni 1924 hatten Schiff und Besatzung dann endlich das Endziel der Ausbildungsreise erreicht. Das Schiff lag gegen den Strom vor Anker und es wurde „Klarschiff“ befohlen. Müde und erschöpft fielen Stammbesatzung und Seekadetten nach dem spätabendlichen „Backen und Banken“ in den wohlverdienten Schlaf.

Nachdem am Morgen des darauffolgenden Tages der offizielle Teil des Besuches – zumindest teilweise – durch Besuch des Hafenkapitäns, des deutschen Konsuls und anderer Honoratioren, abgewickelt war, bekam die erste Kadettendivision Gelegenheit zum Landgang in Gruppen á 12 Mann, jeweils begleitet von einem Unteroffizier.

Unter der letzten 12er Gruppe befand sich – alphabetisch verständlich – auch der Seekadett Waldau. Die gesamte Gruppe nahm in mustergültiger Haltung Aufstellung vor dem diensthabenden Obermaat Sonnenberg. Dieser musterte mit grimmigem Gesicht und dem ihm eigenen überheblichen Getue die Angetretenen: „Na, wollen mal sehen, ob man Euch überhaupt von Bord lassen kann, ohne die ganze Marine unsterblich zu blamieren.“ An Uniform und blankgewichsten Schuhen sowie peinlichst sauberer Rasur, fand Sonnenberg offensichtlich nichts auszusetzen und wandte sich nun, stets bemüht, doch noch das eine oder andere festzustellen, das ihm Gelegenheit gegeben hätte, einen Kadetten vom Landgang auszuschließen, den Feinheiten zu.

„Taschentücher“, brüllte Sonnenberg im besten Kommisston und nahm die Parade der ihm entgegengehaltenen grauen Marinetaschentücher ab. „Na, die Rotzlappen scheinen ja in Ordnung. Aber irgendetwas werden wir schon noch finden“, bei diesen Worten verzog sich sein Nussknackergesicht und er grinste impertinent, von seiner eigenen Wichtigkeit überzeugt. „Fingernägel“ Erneut schritt Sonnenberg das Häuflein der 12 Aufrechten ab. Auf seine Gesichtszüge malte sich bereits die Enttäuschung, da er nun beim besten Willen nichts auszusetzen fand. Aber da war ja noch der linke Flügelmann, Seekadett Waldau. Sonnenberg musterte dessen ihm entgegengestreckten Hände hingebungsvoll und ganz langsam überzog ein leichtes Grinsen seine Züge. War er doch noch fündig geworden. „Ja, was haben wir denn da? Haben Sie mit diesen Flossen etwa gerade Ihre Großmutter beerdigt? Sie haben ja Flossen wie ein Totengräber, dem die Schaufel geklaut wurde.“

Waldau straffte sich. „Bitte Herrn Obermaat melden zu dürfen …“, setzte Waldau an, wurde aber sofort in gebührender Lautstärke von Sonnenberg unterbrochen. „Sie wollen mir doch nicht erzählen, dass das unter Ihrem rechten Daumennagel keine Schuhwichse ist? Die Portion reicht ja aus, um eine ganze Korporalschaft als Neger zu tarnen. Ist ja glatte Verschwendung von Ausrüstungsgütern.“

Waldau wusste, es war gelaufen. Dennoch unternahm er einen neuen Versuch. „Bitte Herrn Obermaat melden zu dürfen, es handelt sich um schwarze Farbe.“ „Hähähähä“, meckerte Obermaat Sonnenberg wie ein prämierter Ziegenbock, „nun sagen Sie bloß noch, Sie Anstreicher, man hat Ihnen befohlen, die Fingernägel schwarz zu malen.“ Waldau versuchte vergeblich, dem gefürchteten Ausbilder darzulegen, dass es zu dieser erheblichen Verunreinigung unter seinem rechtem Daumennagel von immerhin fast der Größe eines Stecknadelkopfes beim Pönen der Ankerkette gekommen war, wusste aber selbst genau, dass er sagen konnte, was er wolle. Sonnenberg hatte halt sein Opfer gefunden. So kam es, wie es kommen musste. „Wenn Sie Saulappen schon die kostbare Farbe auf Ihren Dreckspfoten, statt auf der Kette, verteilen und dann noch zu faul sind, sich die Flossen richtig zu waschen, dann müssen Sie eben warten, bis der Nagel ausgewachsen ist. So kommen Sie jedenfalls nicht von Bord. Und in der Zwischenzeit werden Sie sich mal sinnvoll betätigen und mal lernen, was Reinigen heißt, Sie Drecksau“, schnarrte der Obermaat. „Sie melden sich in genau sechs Minuten beim Maat Kleensang zwecks Reinigung der Mannschaftslatrine – aber mit der Zahnbürste – Sie Schnarchlappen.“

Was blieb Didi also anderes übrig, als ein ergebenes „Jawohl, Herr Obermaat“, zu schmettern und dem Befehl nachzukommen?

Kleensang stand seinem Vorbild und Vorgesetzten Sonnenberg schließlich in nichts nach und sorgte dafür, dass Waldau inbrünstig mit seiner Zahnbürste fast sechs Stunden lang in der Mannschaftslatrine sich als Saubermann betätigen durfte.

Es soll nicht verschwiegen werden, dass Waldaus Rache fürchterlich war. Bekanntlich gleichen sich bei der Marine die Zahnbürsten wie ein Ei dem anderen. So besteht auch kein Unterschied zwischen der Zahnbürste eines allgewaltigen Ausbilders und der eines Seekadetten. Nach getaner Arbeit und durchaus nicht allzu intensiver Reinigung des Arbeitsgerätes vertauschte er, mit satanischer Schadensfreude, seinen Gebissreiniger mit dem des verehrten Obermaats. Es ist nie bekannt geworden, ob dieser sich von da an mit noch mehr Inbrunst der Pflege seines Gebisses gewidmet hat, weil vielleicht die Zahnpasta plötzlich einen angenehmen Beigeschmack hatte?

Didi Waldau schulterte also – nach vollendetem Frühstück – die Doppelflinte, nachdem er sich noch einige 16er Schrotpatronen in die rechte Seitentasche seiner Lodenjacke gesteckt hatte, pfiff seinem Jagdhund Jockl, einem Deutschdrahthaarrüden, und wollte die elterlichen 3 Fischteiche visitieren, um evtl. die eine oder andere Ente zur Bereicherung des Abendessens zu erbeuten. Voller Jagdpassion sprang Jockl freudig an ihm hoch. Herr und Hund wollten gerade den elterlichen Hof verlassen, da sah Waldau den Landbriefträger, Herrn Ploog, auf seinem Dienstfahrrad herannahen und in die Hofeinfahrt einbiegen. Er verhielt erwartungsvoll, sehr zum Unmut seines auf ganz andere Aktivitäten hoffenden Hundes.

„Na, Herr Ploog, nun sagen Sie bloß nicht, Sie haben etwas für mich“, grinste Waldau den ihm seit Jahren bekannten Landbriefträger an. „Jawohl Herr Korvettenkaptän“, entgegnete Landbriefträger Ploog und nahm unwillkürlich Haltung an, „sogar ein Telegram.“ Er übereichte Waldau dieses mit wichtiger Geste. „Sogar vom OKM.“

Waldau bedankte sich, bot dem örtlichen Postgewaltigen noch eine Zigarette an und pfiff seinem vierbeinigen Jagdgefährten, der sich bereits Richtung Wald etwas über Gebühr weit entfernt hatte. Der Hund kam – zwar etwas widerwillig – aber immerhin, er kam und Waldau öffnete das Telegramm. Der Text lautete: „Sofort in Marsch setzen. Stopp. OKM, Kaptän z.S. von Preuss melden. Stopp. OKM Abt. A III..” Waldau faltete nachdenklich das Telegramm und schob es in die Brusttasche seines Jagdhemdes, streichelte seinen Hund und meinte,

„Jockl, tut mir leid, Alter, wird nichts mit der Entenjagd. Nimm’s nicht so schwer, Kamerad.“

Herr und Hund gingen in Haus zurück, wo sie bereits von den Eltern, die das Zwischenspiel auf dem Hofplatz durch das Fenster verfolgt hatten, erwartet wurden. „Was ist, Junge“, fragte der Vater. „Schlechte Nachricht“? „Wie man’s nimmt“, meinte Waldau jr. und reichte seinem Vater das Telegramm. „Zumindest wird es Jockl bedauern, da aus der Jagd wohl nichts mehr wird. Ich muss wohl sofort nach Berlin. Ich ziehe mich um. Seid bitte so nett, und stellt mir die schnellste Verbindung nach Kiel fest.“

Am späten Vormittag des darauffolgenden Tages lief der D 312 in Berlin ein. Korvetten-Kapitän Waldau prüfte noch kurz im spiegelnden Glas den korrekten Sitz der Uniformmütze und bestieg eines der vor dem Bahnhof wartenden Taxis. Da die Züge noch fast friedensmäßig verkehrten, nur unter den Fahrgästen waren mehr Uniformierte festzustellen, hatte Waldau die Reise schnell und eigentlich recht erholsam hinter sich gebracht, nachdem er zuvor in Kiel noch sein Köfferchen gepackt und erforderliche Formalitäten erledigt hatte. Natürlich hatte ihn während der ganzen Zeit vornehmlich die Frage beschäftigt, was ihn beim Oberkommando der Marine erwarten würde? Da er sich nicht bewusst war, irgendwelche „Bolzen“ gedreht zu haben und diese auch allgemein auf weit unterer Ebene abgehandelt wurden, konnte es sich also nur um eine Sache von wirklich herausragender Bedeutung handeln. Vielleicht auch ein neues Kommando, aber welches? Schließlich befasste sich hiermit auch üblicherweise nicht die oberste Marineführung. Nun, wie dem auch sei, er würde es ja bald wissen.

Kurz vor 12.00 Uhr hielt der schwarze Opel und Waldau entlohnte den Fahrer, griff sich seinen Koffer und strebte gemessenen Schrittes auf den Eingang zu. An den salutierenden Posten vorbei betrat der Korvettenkapitän das Gebäude und gelangte schließlich – mit Hilfe eines beflissenen Oberleutnants zur See, der ihm auch sein Köfferchen abnahm, bis zum Vorzimmer der Abteilung A III. Dort wurde er zunächst in eine Art Vorzimmer, in dem ein jüngerer Kapitänleutnant sowie zwei Schreibkräfte geschäftigt wirkten, geführt. Nach einigen Minuten, die sich für Waldau wie Ewigkeiten dehnten, öffnete sich die große Doppeltür und mehrere Offiziere verließen den dahinterliegenden Raum. Der Kapitänleutnant erhob sich und verkündete Waldau, ihn jetzt beim Herrn Kapitän anzumelden. Wenige Augenblicke später erschien der Vorzimmerkrieger und bedeutete dem Korvettenkapitän ihm zu folgen. „Korvettenkapitän Waldau, Herr Kaptän“, meldete der Kaleu und Waldau beeilte sich zu melden, „Korvettenkapitän Waldau wie befohlen zur Stelle, Herr Kaptän.“

Kapitän zur See von Preuss hatte sich bereits erhoben, dankte für die Meldung und wies zu einer kleinen ledernen Sitzgruppe linker Hand seines Schreibtisches. Die Offiziere setzten sich, wobei Waldau genau auf eine Karte des Nordatlantiks blickte, die einen Großteil der ihm gegenüberliegenden Wand einnahm. Erwartungsvoll blickte er den vorgesetzten Offizier an, der ihn seinerseits noch einmal kritisch musterte.

„Ganz ehrlich, Herr Waldau, eigentlich hatte ich Sie frühestens morgen erwartet“, meinte der Kapitän jovial und bedeutete dem Jüngeren, sich der auf dem Tisch befindlichen Rauchwaren zu bedienen. Waldau griff zur Zigarette, ließ das massive Tischfeuerzeug aufschnappen und entzündete sein Stäbchen.

„Ja, nun sagen Sie einmal, Herr Waldau, konnten Sie denn die Dienstgeschäfte so zügig abwickeln?“ Waldau beeilte sich, die Frage des Kapitäns zu beantworten, „Jawohl; Herr Kaptän, ich bin sofort nach Erhalt des Telegramms auf die „Griepen“ zurückgekehrt, die – wie Herrn Kaptän sicherlich bekannt – ja leider für eine Reparaturdauer von noch mindestens einer Woche ausfallen wird und habe daran anschließend sofort die erforderlichen Gespräche mit dem Inspektor der Werft geführt und alle weiteren Arbeiten meinem IO sowie dem LI übertragen.“ Auf den etwas skeptischen Blick seines gegenüber beeilte sich Waldau hinzuzufügen. „ich bin sicher Herr Kaptän, da ich mich voll und ganz darauf verlassen kann, dass diese beiden alles Erdenkliche tun werden, das Schiff schnellstens wieder einsatzfähig melden zu können. Auch der Wertinspektor hat dieses ausdrücklich zugesichert.“

„Sehr schön“, entgegnete der Ältere, „nach allem, was sich aus Ihrem bisherigen Werdegang bei der grauen Dampferkompanie gemäß Ihrer Personalakte herauslesen lässt, besteht für mich auch kein Zweifel, dass Sie Schiff und Besatzung voll im Griff haben – was wohl bei dem Boot und seiner anfälligen Turbinenanlage – gar nicht immer einfach für Sie und Ihren LI gewesen sein wird.“

„Aber das wird ja jetzt für Sie bald Vergangenheit sein, denn wir …“, hier brach von Preuss ab, um fortzufahren, „aber sagen Sie, lieber Waldau, Sie müssen ja Stunden unterwegs sein; haben Sie überhaupt Gelegenheit gehabt, noch zu essen?“ „Nein, Herr Kaptän, aber darauf wird es sicherl…“ Hier wurde er von seinem Gegenüber unterbrochen: „Nee, nee, lassen Sie mal, mit knurrendem Magen redet es sich schlecht.“ Der Kapitän erhob sich, wandte sich Richtung des auf dem Schreibtisch befindlichen Telefons, überlegte es sich dann aber offensichtlich anders und verließ kurz den Raum. Durch die schalldichte Tür konnte Waldau nicht vernehmen, was im Vorzimmer gesprochen wurde, aber wenige Augenblicke später kehrte Kapitän zur See von Preuss zurück und nahm wieder Platz.

„Ich habe uns erst einmal einen kleine Imbiss geordert. Aber wollen wir zur Sache kommen.“ Gespannt sah Waldau auf.

„Tja, mein lieber Korvettenkapitän, Sie sollen an beste deutsche Marinetradition aus dem Weltkrieg anknüpfen“, verkündete ihm der Kapitän, machte eine kleine Kunstpause, die Waldaus Spannung fast ins Unerträgliche steigerte, „Sie sollen einen Hilfskreuzer übernehmen.“

Ob dieser – in kühnsten Träumen nicht erwarteten – Eröffnung konnte es der junge Seeoffizier nicht verhindern, dass sein, ihn ob seiner Reaktion genau musternder Gegenüber sich veranlasst sah, leise zu schmunzeln.

„Doch, doch, mein lieber Herr Waldau, der Planungsstab – und auch der Admiral – ist sich sicher, Sie sind der richtige Mann, für diese schwere Aufgabe; aber irgendwie wohl doch das schönste Kommando, das ein aktiver Seeoffizier und bewährter Kommandant – zumindest meiner Meinung nach – sich in der jetzigen Situation nur wünschen kann“, beendete der Stabsoffizier seine Eröffnung und blickte Waldau erwartungsvoll an.

Dieser fasste sich mühsam. Zu überwältigend war für ihn das in Aussicht gestellte Kommando. Hatte er doch in der Vergangenheit träumerisch immer wieder sich bis ins Einzelne ausgemalt, welche Möglichkeiten ein derartiges Kommando – weitgehend auf sich selbst gestellt und nur seinen eigenen Entscheidungen unterworfen – sich einem guten Taktiker hier eröffneten. Unwillkürlich musste er an den Grafen Luckner denken, der im Weltkrieg als Kommandant eines zum Hilfskreuzer umfunktionierten Großseglers, Seekriegsgeschichte geschrieben hatte.

Aus diesem Gedanken riss ihn ein Klopfen an der Tür in die Wirklichkeit zurück. Der Imbiss wurde von einer der ihm im Vorzimmer bereits aufgefallenen Schreibkräfte serviert. Während die Offiziere aßen und sich die belegten Brote und den starken, schwarzen Kaffe schmecken ließen, kam der Kapitän auf weitere Einzelheiten zu sprechen. Waldau erfuhr, dass das Motorfrachtschiff „Katarina Horn“ der Hamburger Reederei Gebrüder Horn bereits am 02. September 1939, gerade zurückgekehrt von seiner weiten Reise an die Westküste der Vereinigten Staaten von Amerika, von der Kriegsmarine übernommen worden war, um als Hilfskreuzer ausgerüstet zu werden. Es handelte sich hierbei um ein erst im Frühjahr 1939 in Dienst gestelltes Motorfrachtschiff von 8806 brt (Bruttoregistertonnen) mit folgenden technischen Daten: Länge 164,2 Meter, Breite 20,2 Meter, Tiefgang 8,5 Meter, Maschinenleistung 17000 PS, Geschwindigkeit 19 kn (Knoten).Für das Schiff war eine Bewaffnung von 6 x 15-Zentimeter-Geschützen, 4 x 3,7-Zentimeter-Flak in zwei Doppellafetten, 8 x 2-Zentimeter-Flak in Doppellafetten sowie 6 x 53,3-Zentimeter Torpedorohre in Dreiersätzen und 2 x 53,3-Zentimeter-Unterwassertorpedorohre vorgesehen. Zusätzlich sollte das Schiff ca. 100 Minen übernehmen und mit 2 Bordflugzeugen Arado 196 A-I sowie einem leichten Minenschnellboot ausgerüstet werden. Der neue Hilfskreuzer versprach also von der Bewaffnung her eine durchaus kampfkräftige Einheit zu werden, natürlich mit dem unabdingbaren Handicap aller Hilfskreuzer behaftet, eben über keinerlei Panzerung zu verfügen, sondern für gegnerische Granaten genauso anfällig zu bleiben, wie jedes normale Handelsschiff.

Die Besatzung sollte nach der Planung der SKL 402 Mann betragen. Zusätzlich sollten 8 Prisen-Offiziere, hierbei handelte es sich im Regelfalle um Handelsschiffskapitäne und –Offiziere, die mit dem Patent eines Kapitäns auf großer Fahrt ausgestattet waren, die als Leutnant (S), von der Kriegsmarine übernommen worden waren. Aufgabe dieser Prisenoffiziere sollte es sein, relativ unbeschädigt aufgebrachte Handelsschiffe des Gegners zu führen, die vom Zustand des Schiffes her, seinem Treibstoffvorrat und insbesondere auch des Wertes der Ladung, geeignet erschienen, mit deutscher Besatzung versehen, den Durchbruch in einen deutschen Hafen wagen zu können.

Zwischenzeitlich hatten die Seeoffiziere ihren Imbiss beendet und – nach einem Blick auf seine Armbanduhr – meinte Kapitän zur See von Preuss, „so mein Lieber, jetzt wissen Sie, was Sie erwartet.“ Der kleine untersetzte Kapitän zur See warf einen erneuten Blick auf seine Armbanduhr und verkündete Waldau, es sei jetzt an der Zeit, ihn dem Admiral vorzustellen, wo sie beide um 14.00 Uhr sich einzufinden hätten. Die Offiziere erhoben sich, wobei deutlich wurde, dass der kräftige, großgewachsene Waldau mit seinem Gardemaß von 1,84 Metern seinen Vorgesetzten um mehr als Kopflänge überragte.

Nachdem Kapitän zur See von Preuss und Korvettenkapitän Waldau sich beim Admiral, der etwa gleichgroß wie sein Stabschef war, aber noch wesentlich graziler, fast feminin wirkte, gemeldet hatten, lud auch dieser seine Untergebenen ein, Platz zu nehmen und deutete auf die bereits gefüllten Weinbrandgläser sowie die griffbereit liegenden Tabakwaren. Ohne einleitende Floskeln kam Admiral Scheidel zur Sache. „Nachdem Herr Kapitän von Preuss Sie, Herr Korvettenkapitän Waldau, in groben Zügen informiert hat, möchte ich Ihnen noch einige weitere Einzelheiten bekannt geben.“

Waldau erfuhr, dass – der Admiral erwähnte, er habe erst in den frühen Morgenstunden dieses Tages die entsprechende Zusicherung erhalten – das der Hilfskreuzer mit einem Funkmessortungsgerät – einem sogenannten Dete-Gerät – ausgerüstet werden würde, das der Schiffsführung auch bei Nacht und Nebel die Möglichkeit gab, andere Schiffe außer Sichtweite zu orten. Bei dem Dete-Gerät handelte es sich um den Vorläufer der Radargeräte. Dete-Gerät bedeutete Deutsches Technisches Gerät und bestand äußerlich sichtbar aus der am Mast befindlichen Dete-Haube, einer matratzenähnlichen Antennenanlage. Es handelte sich hierbei um ein Gerät, das damals noch strengsten Geheimhaltungsvorschriften unterlag. Das Mess-System beruhte auf dem Grundgedanken, ausgestrahlte Funkwellen, ähnlich wie beim Echolot, wieder aufzufangen, wenn sie auf ein Ziel stoßen und von diesem zurückgeworfen werden. Nach anfänglichen Versuchen auf 50 Zentimeter-Wellen, die jedoch schlechte Ergebnisse brachten, erzielte dieses Gerät im Dezimalbereich beachtliche Erfolge. Die zunächst ausschließlich auf den schweren Einheiten der Kriegsmarine installierten Funkmessgeräte arbeiteten zwischen 80 und 150 Zentimeter. Das Gerät lieferte hervorragende Entfernungsmessungen, nur die Genauigkeit nach beiden Seiten reichte bisher noch nicht aus, um dieses Gerät beispielsweise auch als Zielgerät für die Artillerie effektiv zu nutzen.

„Herr Korvettenkaptän Waldau“, eröffnete der Admiral dem zukünftigen Hilfskreuzer-Kommandanten, „Sie sind nun ziemlich genau darüber informiert, welches Schiff Sie künftig – hoffentlich mit dem gewünschten Erfolg – führen sollen. Es war Ihnen bereits anzumerken, dass Ihnen – einfach ausgedrückt – einiges nicht schmeckt.“

„Jawohl, Herr Admiral, mich stören die Minen“, antwortete Waldau und nahm, soweit möglich, auch im Sitzen korrekte Haltung an. „Tja, Korvettenkapitän Waldau, hierüber ist nicht zu verhandeln. Die SKL verspricht sich gerade von dem Mineneinsatz des ersten Hilfskreuzers sehr viel. Näheres, werden Sie den Ihnen bei Ausfahrt zu übergebenden schriftlichen Befehlen entnehmen können. Hierüber zu reden ist noch zu früh“, beschloss Admiral Scheidel diesen Punkt. „Aber“, fuhr der Admiral fort, „um Ihnen entgegen zu kommen, und wohl auch, da bekanntermaßen Kommandant, Offiziere und Besatzung eine wirkliche Einheit bilden müssen, gibt Ihnen die SKL Gelegenheit, Ihre Besatzung weitgehend selbst zusammenzustellen. Dieserhalb werden Sie nähere Anweisungen vom Admiral der Marinedienststelle Hamburg empfangen. Weitere Fragen?“ Waldau entgegnete, „Jawohl, Herr Admiral, besteht die Möglichkeit, die Bordflugzeuge per Katapult zu starten“?

„Herr Korvettenkapitän Waldau, antwortete der Admiral Scheidel, „Sie werden zunächst ohnehin das Schiff genauer anschauen und dann Gelegenheit haben, ausrüstungsmäßige Vorschläge – genau wie im Hinblick auf Offiziere und Besatzung – noch näher vorzutragen. Ihre Marschbefehle sind ausgefertigt.“

Damit war Waldaus erster Besuch bei der SKL in Berlin beendet.

2. Ein Frachter wird zum Kriegsschiff

Wenige Tage später, Montag, den 11. September 1939, stand der Korvettenkapitän auf Oberdeck des von ihm künftig zu führenden Schiffes. Die Umbauarbeiten in Dock 3 der Hamburger Kriegsmarinewerft waren in vollem Gange. Die Laderäume 4 und 6 waren bereits zu Mannschaftsquartieren umgerüstet und auch die Laderäume 9, 10 und 12 zur Aufnahme erwarteter künftiger Kriegsgefangener bzw. Internierten bestens vorbereitet. Unter anderem war dafür Sorge getragen, dass diese Räume über ausreichende sanitäre Anlagen verfügten und auch Männlein und Weiblein – für letztere waren selbstverständlich wesentlich kleinere Räumlichkeiten vorgesehen – getrennt werden konnten. Die schwere Artillerie – 6 x 15-Zentimeter Kanonen, die von einem alten Linienschiff stammten, waren bereits installiert und zwar die Geschütze 1 und 2 in versenkbaren Luken im Bereich der vorderen Laderäume, die Geschütze 3 und 4 seitlich vor den Brückenaufgängen, die sich am Ende des ersten Schiffs-Drittels erhob, so wie das 5. Geschütz in einem der hinteren Laderäume, ebenfalls versenkbar, eingebaut. Geschütz 6 befand sich auf dem Achterdeck. Das letzte Geschütz stand noch frei und sollte später im Bedarfsfalle durch eine imitierte Decksladung getarnt werden. Ebenso waren bereits die beiden Unterwassertorpedorohre im Bug des Schiffes, nach vorn gerichtet, installiert. Die beiden Drillingstorpedosätze sollten kurz hinter der Brücke mittschiffs, durch imitierte Decksladung getarnt, aufgestellt werden. Zurzeit war die Werft damit beschäftigt, die Minenräume auf dem Achterschiff herzurichten. Dem Gewimmel der emsig wirkenden mehr als 200 Werftarbeiter und Ingenieure entging der Kommandant dadurch, dass er sich zunächst mit der Aufstellung seiner künftigen Besatzung beschäftigte. Die SKL und auch der Admiral der Marinedienststelle Hamburg hatten ihm – anlässlich eines persönlichen Gesprächs am Vortrag alle Unterstützung und weitgehende eigene Auswahl bei der Zusammenstellung seiner künftigen Besatzung zugesagt. Besonders glücklich war Waldau, dass ihm sein ehemaliger Crew-Kamerad, Bodo Graf v. Terra, als 1. Offizier genehmigt wurde. Ebenso gelang es ihm, Oberleutnant z. S. Carstens, seinen ehemaligen Torpedooffizier des Zerstörers „Griepen“ für das neue Kommando überstellt zu erhalten. Bezüglich des leitenden Ingenieurs gelang es Waldau nach zähem Ringen mit der SKL schließlich durchzusetzen, dass der ehemalige Leitende des Frachters in der Kriegsmarine mit dem Reservistendienstgrad eines Oberleutnant (Ing.), übernommen wurde. Waldau ließ sich hierbei von dem Gedanken leiten, dass dieser von der Ausrüstung des Schiffes an – über Werftprobefahrten bis zur Ablieferung des Schiffes an die Reederei – die Maschinen betreut hatte, mit Sicherheit am besten über alle „Nucken“ informiert sei und somit auch für den künftigen Hilfskreuzer von unabschätzbarem Wert wäre. In Anbetracht der durch Kriegsausbruch ohnehin abgekürzten Bürokratie wurde auch dieses schließlich möglich gemacht.

Außerdem machte sich Waldau, nachdem er über die gesamte künftige Situation tagelang gebrütet hatte, verständlicherweise auch erhebliche Sorgen über die künftige ärztliche Versorgung an Bord. Hierbei musste er berücksichtigen, dass ja weder er, noch die SKL auch nur annähernd vorhersagen konnten, wie lang die bevorstehende Feindfahrt dauern würde? Von wenigen Wochen bis zu ca. einem Jahr mussten schließlich alle Eventualitäten einkalkuliert werden. So gelang es ihm schließlich als leitenden Arzt einen Oberstabsarzt der Kriegsmarine (KM), einen erprobten Internisten, der bereits mehrere längere Ausbildungsfahrten auf Schulschiffen der Reichsmarine und späteren Kriegsmarine absolviert hatte, so wie einen jüngeren gerade erst zum Marineassistenzarzt, beförderten Chirurgen, zu erhalten. Besonderes Augenmerk legte der, an der übernommenen Aufgabe sichtlich auch menschlich wachsende künftige Hilfskreuzerkommandant, auch darauf, einen hervorragenden „Schiffskoch“, Smutje genannt, zu bekommen. Nur mit dankenswerter Weise selbstlos gewährter Unterstützung der Marinedienststelle Hamburg gelang es ihm, den Kochobermaat des dortigen Offizierskasino „abzuwerben.“ Hierbei berücksichtige Waldau vorausschauend, dass Hein Seemann’s Liebe bekanntlich auch durch den Magen geht und gerade auf übermäßig langer zu erwartender Feindfahrt, der künftige Koch sehr viel dazu beitragen könnte, durch abwechslungsreichen Speisefahrplan zwangsläufig zu erwartende Missstimmung zu dämpfen.

Abgesehen von der Auswahl seiner Offiziere, sowohl des seemännischen, wie auch des technischen und medizinischen Bereiches, verwandte Waldau auch sehr viel Zeit darauf, Unteroffiziere und Mannschaftsdienstgrade nach bestimmten Kriterien auszuwählen. Schließlich mussten diese geeignet sein, sehr lange der Heimat fern zu bleiben und evtl. lediglich das Schiff unter den Füssen zu haben und ansonsten vielleicht nur Wasser zu sehen. Besondere Anforderungen war also außer einer soldatischen und fachlichen Qualifikation auch im Hinblick auf die menschliche und vor allem auch psychische und physische Leistungsfähigkeit zu richten. Hierbei musste Waldau bedenken, dass das Zusammenleben in größeren Gruppen auf engstem Raum, ohne weitere Abwechslung, Zerstreuung, familiäre Bindung, nicht zuletzt auch der Möglichkeit des Kontaktes zum anderen Geschlecht, erfahrungsgemäß Zündstoff für Streitigkeiten bieten würde- und das selbstverständlich auch bei an und für sich im Grunde eher friedlichen und ausgeglichenen Menschen. Auch hieran mag man ermessen, wie viele Einzelheiten über das rein seemännische und soldatische hinaus der Kommandant eines Kriegsschiffes insbesondere eines für den Langzeiteinsatz vorgesehenen Hilfskreuzers, bei der Auswahl seiner Besatzung zu bedenken hatte.

Hier sei nur eine Episode genannt:

Von der ursprünglich vorgesehen Besatzung des Schiffes ist nach Waldaus Auswahl nicht viel übrig geblieben. Die Personalstelle war anscheinend der Meinung, auf den Hilfskreuzer ihre missliebigen Leute abschieben zu können – „in der Vergangenheit unliebsam Aufgefallene, Faulsäcke und sonstige Schnarchlappen“, mit einem Wort, alles, was in der Vergangenheit den Vorgesetzen Ärger bereitet hatte. Diese machte der Kommandant aber nicht mit.

Es ist ein kühler, wenn auch gleich, sonniger, Spätseptembertag, Donnerstag, der 28.09.1939, als der Kommandant die für seine künftige Besatzung vorgesehen Seeleute musterte. Der Korvettenkapitän geht die Front der angetretenen Seesoldaten ab und spricht mit jedem einzelnen Mann: Name, Zivilberuf, Familienverhältnisse und Herkommen, aktiv oder Reservist, welche bisherigen Kommandos, verheiratet, Geschwister, Stand der Eltern und dergleichen? Hierbei nimmt er wenig Rücksicht auf die ihm unter den Nägeln brennende Zeit. Dafür ist hier nicht der richtige Zeitpunkt. Mit seiner Besatzung soll er schließlich, evtl. ein Jahr, vielleicht sogar noch wesentlich länger, zusammen auf Feindfahrt gehen. Wenn er jetzt nicht ziemlich genau die Spreu vom Weizen sondert, würde er später, evtl. durch die Unzulänglichkeiten eines Einzelnen, sogar das Leben und die Gesundheit seiner Leute oder etwa gar das ganze Schiff aufs Spiel setzen.

Und genau dieses berücksichtigt er in seiner Fragestellung: „Name?“

„Matrosengefreiter Scholz, Herr Kaptän.“

„Wie lange dabei?“

„Knapp fünf Jahre, Herr Kaptän.“

„Wieso dann immer noch Matrosengefreiter?“

„Kommandant und Offiziere mochten mich nicht, Herr Kaptän.“

„Abtreten!“

Nur so konnte Waldau reagieren. Soldaten, die sich mit ihren Vorgesetzen nicht verstanden, waren bestimmt das Gegenteil von dem, was er sich für seine Besatzung wünschte.

Von 286 angetretenen Seesoldaten übernimmt er gerade 192 für sein Kommando. Nach der Musterung lässt er gegenüber dem vergeblich protestierenden Personalreferenten durchblicken, dass er entsetzt sei, dass man ihm hier lauter „unliebsame Elemente“ unterschieben möchte.

In diesem Sinne wendet sich der Kommandant sowohl an SKL als auch die Marinedienststelle Hamburg, der er für die Dauer der Personalauslese und Ausrüstung seines Schiffes unterstellt ist, und lässt anklingen, dass er auf diese Weise unmöglich binnen zwei Monaten seine Besatzung zusammen haben könne. Der Kommandant stellt weiter fest, dass er besonderen Wert auf Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaft lege, die bereits Auslandsfahrten auf Auslandskreuzern, Segelschulschiffen oder auch während des spanischen Bürgerkrieges auf den dort eingesetzten Panzerschiffen und Kreuzern hinter sich haben. Bei dieser Gelegenheit bemerkt Waldau gegenüber dem Personalgewaltigen der Marine, dass er selbst, seinerzeit als II.AO auf einem Panzerschiff am Spanien-Intermezzo der Marine teilgenommen habe und sich auch noch sehr gut daran erinnere, wie viele Tote das Panzerschiff „Deutschland“, als dieses von rotspanischen Flugzeugen in Folge einer Verwechslung mit einem nationalspanischen Kreuzer schwere Bombentreffer hatte hinnehmen müssen.

„Solche Leute, die bereits etwas mitgemacht haben, benötige ich“, verschafft sich der Kommandant dem Verwaltungsbeamten für Personalangelegenheiten der Marine gegenüber Geltung, „und nicht die schrägen Typen, die Sie mir hier zum Teil unterschieben wollen.“

Seine letzten fehlenden, noch über 100 Männer der Besatzung, musste der Kommandant schließlich aus der Schiff-Stammabteilung in Gotenhafen rekrutieren.

Endlich steht zumindest die vorläufige Besatzung ihrer gedachten Sollstärke nach. Zwischenzeitlich ist auch der Umbau des Schiffes – vom Frachter zum Hilfskreuzer – beendet. Alle Waffen sowie Feuerleitanlagen, Munitionskammern und –aufzüge und dergleichen sind eingebaut. Laderäume wurden zu Mannschaftswohnräumen, Gefangenräume und Messen ausgebaut. Zwei leistungsstarke zusätzliche Kraftwerke wurden installiert, da die bisherigen Anlagen zwar für ein Frachtschiff voll und ganz ausreichten, für ein Kriegsschiff aber bei weitem nicht genug „Saft“ lieferten, um den erheblichen Energiebedarf für die komplizierten Waffensysteme zu erzeugen. Zusätzlich war eine Generalüberholung der Maschinenanlage vorgenommen und sämtliche Navigationsmittel kriegsmäßig ergänzt worden. Außerdem verfügte das Schiff nunmehr über ein leistungsfähiges eigenes Lazarett mit vorgesehenen 18 Betten, einem Operationsraum sowie einem Zahnbehandlungsstuhl und alle hierfür vorgesehene Ausrüstung.

Leider war es Waldau nicht gelungen, der SKL praktikable und machbare Vorschläge zum Einbau einer Katapultanlage zum Start des Bordflugzeuges zu unterbreiten. Die Bordflugzeuge würden also künftig per Kran ausgesetzt und auf dem Wasser starten müssen. Die Landung der Bordflugzeuge musste ohnehin auf dem Wasser erfolgen. Schließlich war ein Hilfskreuzer kein Flugzeugträger. In der Rekordzeit von weniger als zwei Monaten konnte Waldau am 03.November 1939, dem Tag des deutsch-sowjetischen Abkommens über die Umsiedlung der Volksdeutschen aus der Westukraine in den Wartegau, der SKL sein Schiff seeklar melden.

3. Erprobung in der Ostsee

– Probleme über Probleme –

Das nunmehr kriegsmäßig ausgerüstete Schiff, getarnt als Marinehilfsschiff „Großenbrode“, läuft nunmehr durch den Kaiser-Wilhelm-Kanal in die Ostsee. Nachdem das Schiff die Kanaldurchfahrt mit Lotsenhilfe durchführen musste, verlässt der Lotse in Kiel-Holtenau das Schiff. Waffen und sonstige Ausrüstungen waren hervorragend getarnt, so dass der Zivil-Lotse diese gar nicht zur Kenntnis genommen hat. Er mag sich zwar über die hervorragende nautische Ausrüstung des Schiffes auf der Brücke etwas gewundert haben, ließ sich dieses aber nicht anmerken. Vielleicht nahm er diese auch für ein Hilfskriegsschiff als selbstverständlich an. Die Mannschaft blieb zum größten Teil unter Deck, so dass er sich auch über eine unverhältnismäßige Mannschaftsstärke nicht wundern brauchte. Nach Absetzen des Lotsen ging es weiter durch die Kieler Förde in die freie Ostsee. Hier war im sogenannten „Schießgebiet“ alles für die Erprobung der Waffen vorgesehen.

Am Mittwoch, dem 08. November 1939, stand der Hilfskreuzer, weit außer Landsicht, in der Mitte der westlichen Ostsee und es stand zunächst die Erprobung der Flakwaffen auf dem Programm. Geschossen wurde mit den 3,7 bzw. 2-Zentimeter Flakwaffen auf, von Heinkel-Flugzeugen geschleppte, Ballone, die an einer Schlepptrosse von ca. 500 Metern von den Flugzeugen nachgezogen wurden. Während dieser zwei Tage dauernden Übungen wurde – nach zunächst mehr als mangelhaften Ergebnissen – schließlich ein durchaus brauchbares Resultat erzielt und der Kommandant zeigte sich mit der unter dem Kommando des II. AO stehenden Flakpersonals zufrieden. Am Abend des 9. November 1939 – nach Eintritt der Dunkelheit – wurde mittels Hilfe der relativ starken Scheinwerferanlage des Schiffes, die die Zielkörper anleuchtete, geschossen, war die Erprobung der Flakwaffen beendet. Am Abend in den 20.00 Uhr Nachrichten des Großdeutschen Rundfunks erfolgte, von der Besatzung größtenteils mit Bestürzung aufgenommen, die Meldung dass ein Attentat auf den Führer des Großdeutschen Reiches, Adolf Hitler, nach seiner Rede im Münchener Bürgerbräukeller mittels Sprengstoffes fehlgeschlagen sei. Der Kommandant nahm dieses zum Anlass, am darauffolgenden Tage, dem 10.11.1939, vor Beginn des vorgesehen Gefechtsschießens der schweren Batterie, der auf dem Achterdeck versammelten Mannschaft folgendes zu verkünden:

„Soldaten der Deutschen Kriegsmarine! Wie Ihnen zwischenzeitlich sicherlich auch bekannt, haben irregeleitete Elemente am Abend des 8. November 1939 versucht, den Führer des Großdeutschen Reiches und Oberbefehlshaber der Deutschen Wehrmacht, Adolf Hitler, durch ein hinterhältiges Sprengstoffattentat zu ermorden. Glücklicherweise ist dieser feige Anschlag fehlgeschlagen und der Führer und Oberbefehlshaber der Wehrmacht unverletzt geblieben. Diese Tat ist umso verabscheuungswürdiger, als sich das Großdeutsche Reich seit dem 01. September1939, insbesondere seit dem Kriegseintritt Großbritanniens und Frankreichs, in einem heldenmütigen Kampf gegen weit überlegene Streitkräfte der Gegner befindet. Dieses betrifft, in Anbetracht der nicht wegzuleugnenden Überlegenheit – insbesondere der englischen Flotte – besonders die deutsche Kriegsmarine. Es mag in jedem Staat der Erde Andersdenkende geben. Es mag auch durchaus ehrenvoll sein, wenn sich Menschen aus Überzeugung gegen eine ungerechte Staatsführung, gemeint sein können hier zu allererst eigentlich nur kommunistische Diktaturen, auflehnen. Für unser deutsches Vaterland kann dieses hingegen auf keinen Fall zutreffen. Bedenkt, Soldaten, dass unser deutsches Vaterland dem Führer soviel verdankt. Genannt seien hier nur die Abschüttelung der Fesseln des Versailler Vertrages, die Einigung unseres geliebten deutschen Vaterlandes, der Schutz unserer deutschen Volksgenossen im Osten, insbesondere auch im so genannten Korridor sowie allgemein die Sozialgerechtigkeit im Reich. Bedenkt, Kameraden der deutschen Kriegsmarine, noch vor wenigen Jahren war Deutschland ein zerrissenes, von inneren Unruhen gebeuteltes und von sogenannten Siegermächten des Weltkrieges ausgebeutetes Land. Alle diese Missstände, die jeder aufrechte Deutsche als Schande empfunden haben muss, hat die neue deutsche Staatsführung, in erster Linie der Führer selbst, bereinigt. Wenn jetzt nach Kriegsausbruch – und dieser Krieg kann nur durch Zusammenhalt der gesamten deutschen Volksgemeinschaft, an der Front und in der Heimat, siegreich beendet werden, einige irregeleitete und verabscheuungswürdige Elemente sich dazu hinreißen lassen, oder auch von außen gesteuert sein mögen, wer weiß das heute, ein Attentat auf den Reichskanzler und Führer des deutschen Volkes und Oberbefehlshaber der deutschen Wehrmacht, zu verüben, so kann dieses nur die Empörung des ganzen aufrechten deutschen Volkes zur Folge haben. Mögen diese feigen Attentäter ihrer gerechten Strafe nicht entgehen.“

Später sollte Waldau sich dieser, seiner damals ehrlich gemeinten Ansprache, noch zweifelnd erinnern.

Mannschaft und Offiziere traten ab und gingen auf ihre Gefechtsstation.

Das Gefechtsschießen der schweren Batterie, der 6 x 15-Zentimeter Kanonen, durchgeführt zunächst auf Scheiben, dann auf ein mit Korkladung unversenkbar gemachtes Zielschiff, sollten anschließend sowohl dem ersten Artillerieoffizier, als insbesondere auch den Kommandanten und der gesamten Schiffsführung noch erhebliche Probleme bereiten. Über insgesamt vier volle Tage wurden diese Schießübungen durchgeführt, bis die Schiffsführung endlich mit den Ergebnissen zufrieden war. Hierbei musste der Kommandant feststellen, dass insbesondere an der Schnelligkeit des Fallens der Tarnung bis zur Gefechtsfähigkeit aller Waffen noch einige Änderungen erforderlich wurden. Vor allem musste bei der abschließenden Werftliegezeit dafür Sorge getragen werden, dass die in den Laderäumen versenkbar eingebauten Geschütze schneller hochgefahren und gefechtsklar gemacht werden konnten. Bei dem Rollenexerzieren stellten sich selbstverständlich auch Unzulänglichkeiten bei Teilen der Besatzung heraus. Auch hier bemerkten Offiziere und Kommandant, der stets, trotz seines Vertrauens, vor allem zum ersten Offizier, seinem Crewkameraden, Graf Terra, sich kaum Ruhepausen gönnte, erhebliche Schwachpunkte.

Das abschließende Torpedoschießen wurde zum Debakel schlechthin. Obwohl die Torpedo-Zielanlage ausgezeichnet arbeitete und der für die Torpedowaffe zuständige Oberleutnant zur See Carstens seine Leute, wie sowohl der Kommandant, als auch der I.O feststellten, durch stetige Übungen bestens in Schwung hatte, verlief bereits das erste Torpedoschießen am Donnerstag, dem 16. November 1939, mehr als unbefriedigend. Als Ziel war ein altes, nicht mehr seefähiges Torpedoboot des Weltkrieges, vorgesehen. Aus knapp 2.000 Meter Entfernung kommandierte Oberleutnant zur See Carstens: „Torpedos los.“ Gespannt blickten Torpedooffizier, Torpedogasten, wie auch Kommandant und gesamte Schiffsführung und Besatzung auf das gut zu erkennende Ziel. Auch nachdem die Laufzeit der scharfen Torpedos zum Ziel längst überschritten war, schwamm das alte Torpedoboot, zwar in der seitlichen See schlingernd, aber ansonsten ungerührt.

„Mann Gottes, Carstens, auf so ein Ziel haben Sie doch noch nie vorbeigeschossen“, polterte der Kommandant seinen TO an.

„Herr Kaptän“, äußerte dieser, völlig konsterniert, „das ist mir absolut rätselhaft. Die Torpedos können das Ziel gar nicht verfehlt haben. Wir haben doch die Blasenbahnen ganz genau verfolgen können. Beide Torpedos müssten Vorderkante Brücke und mittschiffs getroffen haben“, versuchte sich der Torpedooffizier zu rechtfertigen.

„Ja und Carstens,“ fauchte der ungehaltene Kommandant, „ich habe nicht das leiseste Tönchen vernommen und schließlich schwimmt das alte Boot ja immer noch völlig ungerührt. Sie können also nur vorbeigeschossen haben.“ Der Kommandant riss sich die Mütze vom Kopf, fuhr sich durch das volle Haar, stülpte die weiße Kommandantenmütze schließlich wieder auf und ordnete an, „Einzelschuss, Oberdecksrohrsatz. Und wehe Ihnen, mein Lieber, das geht wieder in den Bach.“

Der Oberleutnant bemühte sich den Oberdecksrohrsatz zu richten und schnellstens bereit zu zeigen, für den geforderten Einzelschuss. „Torpedowaffe klar für Einzelschuss aus Oberdecksrohrsatz“, meldete der TO.

Der Kommandant blickte in die Runde. Deutlich war von den beiden begleitenden Torpedobooten, die in etwa einer halben Meile an backbord des Hilfskreuzers sich treiben ließen, zu erkennen, dass Kommandanten und Offiziere die Gläser auf Zielschiff und Hilfskreuzer richteten. Der Kommandant schaute seinen ihm ja bereits vom Zerstörer „Arndt Griepen“ bekannten und hochgelobten, weshalb sonst hätte er ihn für das neue Kommando angefordert, Torpedooffizier an und meinte mit starren Gesichtszügen, „Torpedowaffe Feuererlaubnis!“

„Torpedo los“, kam das Kommando des Torpedooffiziers. Der Torpedomaat schlug zur Sicherheit, falls die elektronische Abfeuerung versagen sollte, noch auf die Handfeuertaste und der mehrere Meter lange, schlanke Torpedo schoss, von Pressluft getrieben, aus dem Rohr, klatschte auf die Wasseroberfläche und begab sich, nach Einsteuerung auf die eingestellte Tiefe von 2,5 Metern mit einer Geschwindigkeit von 40 Knoten geradewegs auf den Weg zum unbeweglich in der Ostseedünung schaukelnden Ziel. Kommandant, Offiziere, insbesondere Torpedooffizier und Torpedogasten, verfolgten gebannt die Blasenbahn des Torpedos. Schnurgerade lief dieser auf das Ziel zu. Bei Abfeuern des Torpedos hatte der Torpedooffizier, als auch der verantwortliche Torpedomaat, die in der Hand befindliche Stoppuhr gedrückt, um die Laufzeit des Torpedos bis zum Ziel exakt nach verfolgen zu können.

„Jetzt“, sagte TO Carstens, der die Stoppuhr gebannt im Auge behielt und schaute gebannt auf das Ziel. Allein, es tat sich nichts. Rein gar nichts. Die Laufzeit des Torpedos war längst abgelaufen, das Zielschiff schwamm ungerührt. Keine Detonation, kein nichts. Mit verstörtem Blick wandte sich der Torpedooffizier, Oberleutnant zur See Carstens, zum Kommandanten, der ihm bereits seit Sekunden zornig musterte. „Herr Kaptän, der Torpedo muss einfach getroffen haben.“ Korvettenkapitän Waldau schnaubte, „und, ich habe davon nichts gemerkt.“ Der neben ihm stehende IO, Graf von Terra bemerkte, mit dem ihm eigenen Humor, „na, das kann ja heiter werden.“ Der Kommandant schaute ihn kurz an, blickte unwirsch in die Runde und riss in einer eckigen Bewegung das Marineglas an die Augen und musterte die in der Nähe liegenden Torpedoboote. Er setzte das Glas ab und meinte verdrießlich, „die da drüben können sich ja kaum noch einklinken vor Lachen. Jetzt bin ich’s leid.“ Er wandte sich zu seinem IO, „Terra, Boot aussetzen und Sie sowie der II.O gehen an Bord des Zielschiffes. Wir werden jetzt mit Übungstorpedos schießen und Sie werden mir signalisieren, ob Treffer oder nicht. Sie nehmen die Barkasse, das geht schneller.“ Wie vom Kommandant angeordnet, veranlasste die seemännische Nr. 1, Oberbootsmaat Richter, das Aussetzen der Kommandantenbarkasse. Dieses Manöver zumindest klappte hervorragend. In 10 Minuten konnte die Barkasse, mit den an Bord befindlichen Offizieren, sowie der Bootsmannschaft von vier Mann unter dem Kommando des Bootsmaaten Schröter, ablegen und hielt auf das Zielschiff, das nach wie vor unbeschädigt in der Dünung gemächlich vor Backbord nach Steuerbord schlingerte zu. 40 Minuten später war der Torpedorohrsatz steuerbord mit zwei Übungstorpedos geladen. Das Torpedoboot 12, eines der Begleitboote, hatte zwischenzeitlich Anweisung erhalten, die schwimmfähigen Übungstorpedos anschließend aufzufischen. Der Kommandant raufte sich sowieso schon die Haare, das drei scharfe Gefechtstorpedos, die pro Stück ca. 40.000,00 Reichsmark kosteten, seiner Meinung nach absolut sinnlos verfeuert worden waren. Nach erneutem Befehl und Klarmeldung durch den mitgefahrenen Signalmaaten, der zwischenzeitlich mit dem gesamten Bootskommando, bis auf Bootsführer und 1 Mann, die sich sicherheitshalber 200 Meter ab vom Zielschiff hielten, an Bord des alten Torpedobootes gegangen waren, erfolgte der erneute Torpedoschuss. Gebannt schauten Kommandant und IO, sowie alle Besatzungsmitglieder, denen dieses möglich war, auf die Torpedolaufbahnen und das Zielschiff.

„Meine Fresse“, berlinerte Matrosenhauptgefreiter Schrupp, seines Zeichens Torpedomechaniker, und selbstverständlich auch interessiert am Geschehen. Det muss doch jans enfach jetroffen haben.“ Dieses meinten auch Kommandant und TO. Das anschießende Flaggensignal vom Zielschiff bestätigte ihnen, das beide Torpedos Vorschiff und Vorderkante Brücke aufgeschlagen haben.

Zwei weitere Torpedoeinzelschüsse brachten das gleiche Ergebnis. Beide Übungstorpedos trafen.

„Verdammt und zugenäht“, verkündete der Kommandant auf der Brücke des Hilfskreuzers zu den ihn erwartungsvoll anstarrenden Offizieren, „das kann doch nicht mit rechten Dingen zugehen.“ Er winkte seinem Läufer und befahl, „Winkspruch an Zielschiff und Barkasse, sofort Rückkehr an Bord. FT-Spruch an Begleitschiffe: Übung abbrechen, einlaufen Kiel!“

Im Kriegshafen Kiel angelangt, machte der Hilfskreuzer an einem abgesperrten Kai fest. Die SKL, die zwischenzeitlich durch verschlüsselten Funkspruch vom Torpedodebakel unterrichtet worden war, hatte bereits veranlasst, dass sämtliche Torpedos sofort von Bord zu geben und von der Torpedoversuchsanstalt in Flensburg geprüft werden würden. Wie sich bereits zwei Tage später herausstellte, waren die meisten an Bord befindlichen Torpedos Blindgänger, zurückzuführen auf einen Fehler in der Aufschlagzündung. Sabotage nicht auszuschließen, hieß es lapidar. Der Kommandant wurde zur Berichterstattung nach Berlin befohlen.

Bei der SKL wurde dem Kommandanten bedeutet, dass, noch während die Besprechung mit ihm in Berlin stattfände, sein Schiff für die künftige Unternehmung ausgerüstet werde. Es sei sichergestellt, dass nur einwandfreie Torpedos an Bord kämen. Auch die Marschbefehle für die noch fehlenden Besatzungsmitglieder seien ausgefertigt und diese – einschließlich der vorgesehenen acht Prisen-Offiziere, Handelsschiffskapitäne und Offiziere der Handelsmarine mit Kapitänspatent, alle im Range eines Leutnants zur See (S), werden sich ebenfalls bereits bei Rückkehr des Kommandanten an Bord befinden. Es sei leider, bedingt durch die Kriegslage, keine Zeit mehr, Kommandant und Besatzung Möglichkeit zu weiteren Übungsfahrten zu gewähren.

„Herr Korvettenkapitän Waldau“, verkündete Admiral Scheidel persönlich dem Kommandanten, „leider gebietet die Kriegslage, dass Sie mit Ihrem Schiff schnellstens auslaufen müssen, um gegnerische Seestreitkräfte zu binden und der Versorgung des Gegners durch Versenkung, Aufbringung und evtl. auch Zurückbehaltung gegnerischer Handelsschifftonnage in den Häfen, einen Schlag zu versetzen.“ Der Admiral führte weiter aus: „Wie Ihnen bekannt ist, steht insbesondere die U-Bootswaffe bereits am Feind und hat auch das Panzerschiff Graf Spee erste Erfolge erzielt. Durch das Auftreten weiterer Überwasserseestreitkräfte, also als nächstes auch Ihrem Hilfskreuzer, verspricht sich die SKL über die zu erwartenden Versenkungen hinaus durch die beim Gegner zu stiftende Verwirrung erhebliche negative Auswirkungen hinsichtlich der Versorgungslage der britischen Inseln.“

4. Auslaufen zur Feindfahrt

Am 20. November 1939, dem Tag der Einführung einer sogenannten Reichskleiderkarte für den Bezug von Textilien im Deutschen Reich, macht der Handelsstörkreuzer seeklar. Die Ausrüstung des Schiffes war zwischenzeitlich beendet. Als Bordflugzeuge wurden zwei Arado 196 A 1 an Bord genommen, deren Aus- und Einsetzen nicht ein einziges Mal auf dem Schiff selbst überhaupt manövermäßig geübt werden konnte. Eine Maschine befand sich einsatzklar, unter Persenningen getarnt, an Oberdeck, die zweite in Einzelteilen verpackt in einem der Laderäume. Im Bedarfsfall würde diese später von den Bordmechanikern nach mitgelieferten Bauplänen zusammenzusetzen sein. Als Fliegeroffizier war Leutnant Spaß und als Flugzeugführer der Feldwebel Schütze an Bord kommandiert. Die Werft hatte zwischenzeitlich ebenfalls wahrhaft erstaunliches geleistet. Ein Tarnschornstein, der im Bedarfsfalle aufgebaut und entfernt werden konnte, sowie ein Originalschornstein, der sich durch Ein- und Ausfahren beliebig verlängern oder verkürzen ließ, war installiert. Ebenso zu Tarnzwecken befanden sich an Bord Masten, Lüfter, Pfosten, Decksaufbauten und Ladegeschirr, die heute aufgebaut, morgen wieder beseitigt werden konnten. Unvorstellbare Mengen an Verpflegung und Material aller nur denkbaren Art waren an Bord genommen und verstaut. Eisenbahnwagenweise Proviant, insgesamt fürs erste rund 350 t Verpflegung, hektoliterweise Bier, zentnerweise Kaffee, Tee, Fruchtsäfte, Fette aller Art, Bekleidung für Tropen und Nordpol. Ebenso waren sämtliche Munitionskammern des Schiffes gefüllt, ein Sollbestand von 32 Torpedos und 100 Minen an Bord genommen worden, Die Ausrüstung des Schiffslazaretts war ebenso wie die Ausrüstung aller anderen Abteilungen vervollständigt. Alle Ölbunker waren zum Bersten gefüllt. Insgesamt wurden 5.320 t Heizöl übernommen und auf die verschiedenen, im ganzen Schiff untergebrachten, Bunker verteilt. Die Ölvorräte gaben dem Schiff die Möglichkeit, bei der sparsamsten Fahrt von ca. 10 bis 11 Seemeilen in der Stunde über ein Jahr, ohne Ergänzung, von der Heimat fern zu bleiben. Dieses bedeutete einen Fahrbereich von annähernd 70.000 Seemeilen, ein gewaltiger Aktionsradius. Bemerkt werden darf noch, dass selbstverständlich außer Proviant, Getränken, Wasser, Schmiermitteln sämtlicher Art, Flugzeugbenzin und Munition auch Damen- und Kinderbekleidung in größeren Mengen übernommen wurde. Diese selbstverständlich in Kisten verpackt und nur dem zuständigen VO (Schiffsverwaltungsoffizier), sowie Kommandant und Offizieren bekannt. Schließlich musste ja damit gerechnet werden, dass von gegnerischen Schiffen außer der männlichen Besatzung und Passagieren auch Frauen und Kinder zu übernehmen sein werden, ohne dass es immer möglich wäre, deren persönliche Habe an Bord zu nehmen.

Gegen 16.00 Uhr hieß es „Leinen los.“ Der Kommandant fuhr das Ablegemanöver selbst und im Geleit von zwei Torpedobooten ging es fördeaufwärts. Das Schiff war als normaler Sperrbrecher getarnt und die Besatzung nahm an, es stehen lediglich ein weiteres gefechtsmäßiges Übungsschießen o.ä. Rollenübungen auf dem Programm. Dass es sich um den Beginn der tatsächlichen, von vielen ersehnten, von manchen auch mit Bangen erwarteten, Feindfahrt handelte, war außer dem Kommandanten niemandem wirklich bekannt, obwohl aufgrund der übereilten Ausrüstung und der diversen an Bord gekommenen Proviantmenge sowie der kriegsmarschmäßigen Ausrüstung an Munition und Treibstoff sich zumindest die Offiziere darüber im klaren waren, dass die endgültige Ausfahrt unmittelbar bevorstand.

Langsam wurde die Förde breiter und das Land wich weiter zurück. Der Kommandant befahl, „Umdrehungen für 10 sm!“ Plötzlich schnarrte das Brückentelefon, der IO, Graf Terra, hob ab und meldete, „Funkraum meldet, dass Einflug feindlichen Bomberverbandes auf Kiel gemeldet worden ist.“

Die Feindflugzeuge kamen aus dem Wirkungsbereich der Waffen und flogen im direkten Kurs weiter auf Kiel. „Feuer einstellen, Maschine Umdrehung für 10 sm“, kam das Kommando des Kommandanten und der Verband setzte seine Fahrt fort. Das führende Torpedoboot meldete sich, „ K an K, aussprechende Anerkennung zum ersten Abschuss. Von mir bestätigt“, ließ sich der Kommandant des Führertorpedobootes vernehmen. Korvettenkapitän Waldau fuhr sich mit dem Ärmel seines Bordjacketts über die vor Anspannung klatschnasse Stirn, „geben Sie zurück: K an K, vielen Dank, auch für Ihre segensreiche Unterstützung.“ Der Kommandant nahm noch einmal das Doppelglas vor das Gesicht, aber die Feindmaschinen waren nur noch als kleine Punkte in der Ferne auszumachen. Deutlich hörte man nunmehr auch, wie die Flakbatterien an Land sowie die Schiffsflak der im Hafen liegenden Marineeinheiten die Feindflugzeuge nunmehr unter Feuer nahmen. Kurz darauf dröhnten dumpf die Detonationen der Feindbomber über die Förde. Trefferwirkungen waren jedoch vom Schiff her nicht auszumachen.

„Na also“, meinte der IO und setzte das Glas ab, „haben die Tommys also nur die armen Fische erschreckt.“

„Nun lassen Sie mal, IO“, versetzte Waldau, „mir langt dieses Zwischenspiel als Ouvertüre zu unserer Unternehmung durchaus.