Intrigante Baumeister, hinterlistige Bräute - Ein Fall für Harald Steiner - Ansgar Morwood - ebook

Intrigante Baumeister, hinterlistige Bräute - Ein Fall für Harald Steiner ebook

Ansgar Morwood

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Opis

Hauptkommissar Steiner der Kripo Köln macht Urlaub in einem Ferienhaus in Luxemburg. Im Bungalow nebenan wird der Augsburger Bauunternehmer Alfons Wagner erschossen aufgefunden. Der luxemburgische Kommissar Rollinger vermutet Selbstmord, Steiner geht von Fremdverschulden aus, weshalb er sich über seinen Chef die Genehmigung einholt, in die Ermittlungen einbezogen zu werden. Vor Wagner war bereits eine Frau ermordet worden, deren Identität zunächst nicht bekannt war. Erste Recherchen ergeben nun, dass die unbekannte Tote Manuela Kranz ist, eine in Luxemburg untergetauchte Anlageberaterin aus Bochum, die es versäumt hatte, das Geld ihrer Kunden sinnvoll anzulegen. Und mit ihr wollte Wagner ein Bauprojekt in Luxemburg aufziehen. Abhörung eines berüchtigten Brüsseler Immobilienkartells, Erpressungen, ungeduldige Investoren, finanzielle Schwierigkeiten der Baufirma, ein um seine Zukunft bangender Sohn, ein hinterlistiger Privatdetektiv, eine umtriebige Chefsekretärin, und dann noch zwei weitere Morde ... Dass die vier Morde zusammengehören, aber nicht zusammenpassen, bereitet den belgischen, deutschen und luxemburgischen Kommissaren großes Kopfzerbrechen, und kaum jemand, der im Verlaufe der Recherchen irgendwie im Zusammenhang mit Wagner und Kranz genannt wird, sich nicht verdächtig macht. Und merkwürdig ist auch das Verhalten von Wagners Hausbank in Luxemburg. Zu allem Überfluss muss sich Frauenhasser Steiner auch noch mit der ihm aufgezwungenen Kollegin Monika Mink arrangieren.

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Intrigante Baumeister, hinterlistige Bräute

Nummer I aus der Reihe

Ein Fall für Harald Steiner

epubli

Imprint

Intrigante Baumeister, hinterlistige Bräute – Ein Fall für Harald Steiner Ansgar Morwood Copyright: © 2016 Ansgar Morwood published by: epubli GmbH, Berlin www.epubli.de

Hauptpersonen

Harald Steiner: Kriminalhauptkommissar der Kripo Köln

Monika Mink: Kriminalassistentin der Kripo Köln

Ralf Frisch: Kriminalkommissar der Kripo Köln

André Rollinger: Kriminalhauptkommissar der Kripo Luxemburg

Fernand Dumont: Kriminalhauptkommissar der Kripo Brüssel

Roger Maes: Kriminalinspektor der Kripo Hasselt

Heiner Volkmann: Kriminalhauptkommissar der Kripo Augsburg

Alfons Wagner: Bauunternehmer aus Augsburg

Karla Wagner: Geschiedene Ehefrau Alfons Wagners

Jürgen Wagner: Sohn von Alfons Wagner

Gerlinde Schneider: Sekretärin Alfons Wagners

Manuela Kranz: Immobilienberaterin aus Bochum

Jos Weißler: Versicherungsagent aus Luxemburg

Alain Noel: Baupromotor aus Brüssel

Cornelis De Witte: Bauunternehmer aus Neerpelt

Luc Korthals: Bauunternehmer aus Antwerpen

Serge Charlier: Architektin aus Eupen

Myriam Berlotti: Architektin aus Brüssel

Siegfried (Siggi) Jasper: Bordellbesitzer aus Köln

Auguste Lebrun: Inhaber eines Touristikbüros in Lüttich

David Grootman: Diamantenhändler aus Antwerpen

Albert Zubergen: Privatdetektiv aus Mainz

Marc Maubeuge: Bankier in Luxemburg

Régine Maubeuge: Ehefrau Marc Maubeuges

Claudine Camus: Eine mysteriöse Frau

Eugène Kamaké: Kongolese in Brüssel

Jean Laboîs: Kongolese in Brüssel

Hauptorte/-gebiete der Geschehnisse

Großherzogtum Luxemburg, Brüssel, Antwerpen, Belgisch Limburg, Belgische Ardennen, Augsburg, Köln

Anmerkung für die Leser

Alle Romane die ich schreibe, also auch jeder einzelne meiner Serienromane, ist eine in sich abgeschlossene Story.

Das bedeutet, es besteht für die Leser keine zwingende Notwendigkeit, zum Beispiel den hier vorliegenden ersten Harald Steiner Krimi lesen zu müssen, um einen der nachfolgenden Krimis aus dieser Serie begreifen zu können.

Die herausragendsten Charaktereigenschaften der in meinen Romanen häufiger vorkommenden Figuren kann jeder Leser ohne große Mühe aus jedem einzelnen Band separat herauslesen, weil diesbezüglich immer wieder genügend erklärende Hinweise eingearbeitet sind.

Aus jedem Harald Steiner Roman können die Leser erfahren, dass er seinen Beruf nicht benötigt, um ein gutes Leben fristen zu können, aber nur in diesem ersten Roman erfahren sie, weshalb es sich so verhält.

Und genauso kann man in jedem Band der Serie erfahren, welche ausgleichende Rolle Steiners Assistentin Monika Mink spielt, obwohl man das sich Anbahnen des Verhältnisses der beiden Protagonisten detailliert nur im ersten Roman nachlesen kann.

Solche Details mögen unterhaltsam oder interessant sein, sie sind aber, wie gesagt, nicht relevant, um auch nur einen einzigen der anderen Krimis aus dieser Reihe zu begreifen.

Eine Orientierungshilfe dürfte zudem die Information sein, dass die Urschrift der vorliegenden Story im Jahre 2003 verfasst wurde, was impliziert, dass sich alle Hinweise auf tatsächliche Zustände auf den realen Stand im Jahre 2003 beziehen (z. B. die Eigenarten der Wallonischen Region oder der EU, die Art der internationalen Zusammenarbeit von Polizeibehörden, der Wortgebrauch „Bundesgrenzschutz“ statt „Bundespolizei“, das massenhafte Aufkommen polnischer Scheinfirmen mit legalen Genehmigungen auf dem deutschen Markt etc. – alles Phänomene jener Epoche)

Die Leser sollten nicht zu sehr an den pejorativen Aussagen mancher Figuren Anstoß nehmen. Begriffe wie „Bimbo“ oder „Weißschiss“ repräsentieren einen nicht seltenen Sprachgebrauch, der einem urzeitlichen Sippendenken entspringt und wohl niemals gänzlich ausgemustert sein wird. Der ansonsten sehr klarsichtige Hauptkommissar Steiner ist nicht davor gefeit, sich solchen Emotionen hinzugeben, beruft sich dabei auch immer wieder auf eigene Erfahrungen. Aber das, das ist seine Privatsache.

1. Mord im Urlaub

Für Kriminalhauptkommissar (KHK) Harald Steiner war Urlaub ein Synonym für Zeitverschwendung. Jedenfalls war es das aus seiner Sicht geworden, seit er beschlossen hatte, keine privaten Ambitionen mehr entfalten zu wollen.

Aus der Sicht seines Vorgesetzten, des Kirminaloberrats Emil Strasser, sah das aus begreiflichen Gründen anders aus. Strasser musste darauf achten, dass seine Leute ihren Dienst ordnungsgemäß versahen, aber er musste auch darauf achten, dass sie nicht in Überstunden ertranken. Und diese Gefahr war bei Steiner (41) durchaus akut gegeben.

Strasser hatte Steiner Ende Juni ein Ultimatum gestellt, und zwar solle der Kommissar innerhalb einer Frist von einem Monat endlich seine ihm zustehenden Urlaubstage in Anspruch nehmen und auch antreten, oder, so drohte Strasser ihm an, werde er dafür sorgen, dass Steiners beiden männlichen Mitarbeiter in ein anderes Kommissariat versetzt und durch zwei weibliche Kolleginnen ersetzt würden. Der Kirminaloberrat wusste, welche Panikgefühle er damit bei Harald auslöste.

Steiner war aus allen Wolken gefallen. „Wie bitte? Noch mehr von diesen Hühnern?“

„Wenn Sie sich nicht anders belehren lassen“, entgegnete Strasser trocken.

Harald hatte es über Jahre hinweg geschickt verstanden, alle nur erdenklichen Versuche von oben abzuwehren, ihm Frauen als Mitarbeiterinnen unterzujubeln. Der Polizeipräsident hatte auf mehr weibliche Beamtinnen in den Mordkommissariaten gedrängt. Aber Steiner hatte bei jeder Kandidatin, die Strasser ihm zugeführt hatte, irgendwelche gravierenden fachlichen Mängel gefunden, die dann deren rasche Abberufung zur Folge gehabt hatte.

Steiner betrachtete es als seine eigene sportliche Herausforderung, jedem femininen Neuzugang die Arbeit zu vergällen. Dabei ging er nicht etwa brutal oder echt ungerecht vor. Das jeweils neueste Mitglied im Team hatte nun einmal die einfältigsten, aber zugleich lästigsten Arbeiten zu verrichten. Sie mussten diktierte Rapporte schreiben, Akten herbeischaffen, Termine für die Kollegen vereinbaren, Recherchen bei anderen Behörden oder in den Polizeidateien anstellen. Kurzum, sie waren automatisch zu den Arbeiten verdammt, die am wenigsten mit der direktesten Aufklärungsarbeit zu tun hatten. Sie waren eben nur Sekretärinnen und somit Beiwerk, wenn auch zugegebener Maßen nützliches Beiwerk. Glaubte man Steiner, ging es dabei um Arbeiten, die die Kriminalkommissare ohne großen Zeitaufwand auch selber erledigen konnten.

Es war überhaupt Steiners Eigenart, seinen Untergebenen nicht allzu viel zuzutrauen. Auch die Kommissare Ralf Frisch (31) und Heinz Schmidt (35) hatten unter seiner Führung wenig anzumelden. Jede wichtige Ermittlung in einem Mordfall war „Chefsache“, und Chef war eben KHK Harald Steiner, ein Mann, der sich in den letzten zehn Jahren die unglaublich anachronistische Aura eines Patriarchen aufzubauen vermocht hatte.

Heinz und Ralf hatten sich längst mit seinem Führungsstil abgefunden. Genaugenommen fuhren sie sogar ganz ordentlich unter den Segeln dieses Vorgesetzten, denn was der alles selber machen wollte, entlastete sie, hatten sie festgestellt.

Gut, Steiner musste immer mit der Nase als Erster in allem reinschnuppern, aber er führte auch die wichtigsten Befragungen durch, stellte die Hypothesen, Analysen und Prognosen zu jedem Fall auf. Vor allem scheute er sich nie, für seine eigenen Verfehlungen die Verantwortung zu übernehmen. In dieser Hinsicht war er genauso konsequent wie im Erteilen von Rüffeln.

Aber eine Mordkommission bestand bei der Kripo Köln nun einmal aus mindestens vier Beamten, und vor einem halben Jahr hatte sich Oberkommissar Johann Klinges, ein eher träger Typ, in den Ruhestand verabschiedet, wodurch das Kommissariat zwo nur noch aus drei Mann bestand. Ab da hatte die Sache mit der aufdringlichen Zufuhr weiblicher Aspirantinnen erst so richtig begonnen auszuufern.

Harald war kein Unmensch. Hin und wieder durfte ein solcher Neuzugang auch mal mit an einen Tatort kommen oder an einer Zeugenbefragung teilnehmen. Aber es war ja klar, dass solche Frischlinge der Kriminologie oder Überwechsler aus den Reihen nichtkriminalistischer Polizeidienste keine adäquaten Erfahrungen mitbrachten und daher ziemlich dümmliche Anfängerfehler begingen. Steiner hatte diese weiblichen Neuzugänge allesamt wegen Verfehlungen abgeschossen oder ihnen nahelegen können, selber um ihre Versetzung zu bitten.

Einen Wermutstropfen hatte es dann aber doch gegeben. Diese Kröte, die der KHK zu schlucken hatte, hieß Monika Mink, war 29 Jahre alt, sich keiner noch so niedrigen Arbeit zu schade und ließ sich nicht ein einziges Mal bei einem bedeutenden arbeitstechnischen Fehler erwischen. Und jetzt hatte diese Mink es schon drei Monate im K2 ausgehalten, ohne dass Steiner sie zermürben oder einen negativen Bericht über sie hätte schreiben können.

Zunächst war Harald über Strassers Urlaubsultimatum ziemlich empört gewesen. Natürlich konnte sein Vorgesetzter auch irgendwo irgendwelche routinierteren Frauen des Fachs im Rang von Kommissarinnen auftreiben und sie ihm als Ersatz für Frisch und Schmidt in sein Kommissariat einschleusen. Steiner hätte ihn jedenfalls formell nicht daran hindern können. Doch da gab es einen Aspekt an dem auferlegten Urlaub, der bei genauerem Hinsehen nicht ganz zu verwahrlosen war. Sollte er tatsächlich drei Wochen am Stück Urlaub nehmen und Frisch, Schmidt und Mink alles allein bewältigen müssen, was anstand, würden sie - so jedenfalls seine Überlegungen - nichts auf die Reihe kriegen. Vor allem nicht die Mink. Also gab er dem Begehren Strassers mit diesem bösen Hintergedanken nach und verabschiedete sich für die letzte Woche Juli bis Mitte August in den Urlaub, ganz darauf vertrauend, bei seiner Rückkehr das große Chaos und somit den Grund für das Ausboten der Mink vorzufinden.

Um überhaupt verstehen zu können, was diesen Harald Steiner zu dem Unikum und Ekel gemacht hatte, als welches er von vielen empfunden wurde, muss man sich mit seinem Werdegang beschäftigen.

Harald war das einzige Kind von Gernot und Maria Steiner. Seine Mutter war sehr früh an einer damals nicht heilbaren Krebserkrankung gestorben. Da war Harald erst acht Jahre alt gewesen. Sein Vater hatte sich als ein international anerkannter Philologe für antike Sprachen einen Namen gemacht. Gernot Steiner war berufsbedingt selten zuhause. Statt von ihm wurde Harald von einer eher puritanisch eingestellten Hauswirtschafterin erzogen und versorgt. So gingen ihm Disziplin, hierarchisches Bewusstsein, Gehorsam und eine spartanische Lebensweise ins Blut über.

Mit 19 hatte ihn dann trotzdem einer dieser typischen Anflüge Jugendlicher erfasst, gegen die ältere Generation zu opponieren. Auch wenn Gernot Steiner sich nur sehr wenig um seinen Sohn gekümmert hatte, erwartete er dennoch von ihm eine akademische Berufswahl. Harald tat ihm aus Trotz den Gefallen nicht und ging auf die Polizeischule, womit seine Karrieremöglichkeiten relativ begrenzt waren. Da Vater Steiner sich überraschend schnell damit abfand, machte Harald aus dem nun eingeschlagenen Weg das Beste und studierte, nach zwei Jahren Dienst bei der Streife geleistet zu haben, Kriminologie. Er war noch nicht ganz fertig mit seinem Studium, da erlitt Gernot einen Hirnschlag. Harald legte eine Pause ein, um seinen Vater zu pflegen.

Gernot Steiner verstarb nach wenigen Wochen an einem Rückfall, und Harald sah sich plötzlich in die Rolle eines wohlhabenden Erben versetzt. Das elterliche Haus, die finanziellen Rücklagen seines Vaters und dessen Beteiligungen an mehreren Betrieben hätten durchaus für den Sohn ausgereicht, sich mit 26 schon zur Ruhe setzen und ein Lotterdasein bis ans Ende seiner Tage fristen zu können.

Das entsprach nicht dem Charakter des jungen Mannes. Gewiss, seine Interessen seit frühester Kindheit hatten nie echt der Kriminologie gegolten. Er hätte eigentlich Historiker oder Archäologe werden wollen. Aber das war er ja nun aus Widerborstigkeit nicht geworden, und es hätte ihm nun wirklich widerstrebt, nochmals ein Studium zu beginnen, auch wenn er es sich mit dieser Erbschaft leisten konnte oder es sich sogar erlauben konnte, gar nichts mehr zu tun. Er hatte Bevormundungen immer gehasst. Er hasste Schulen, er hasste Lehrer, er hasste Besserwisser. Der Einzige, dem er je Respekt gezollt hatte, war sein Vater gewesen, wenn man von seiner Berufswahl absah, und ansonsten hatte er sich immer nur gefügt, wenn es sich nicht anders einrichten ließ.

Darüber hinaus hatte er sich auch schon als Kind ziemlich restriktiv gegenüber Gleichaltrigen verhalten. Die Jungs aus der Nachbarschaft und die Schulkameraden hatte er für kleine Kriecher gehalten, weil sie alle immer das machten, was Ältere von ihnen verlangten, jüngere Kinder für minderwertig, weil sie eben jünger waren, und Mädchen für eine absolut aus der Art geschlagene Spezies, weil sie mit Puppen spielten.

Er stellte die entscheidende Weiche für sein weiteres Leben, indem er sich mit dem Anwalt seines Vaters über die Verwendung der Erbmasse beriet. Der sollte das elterliche Haus, in Gummersbach, sämtliche Beteiligungen seines Vaters und den größten Teil der mobilen Werte möglichst teuer verflüssigen und den Erlös daraus zusammen mit den Guthaben seines Vaters einem gesonderten Konto zuführen. Harald wollte endgültig nach Köln ziehen und sich voll seiner Laufbahn als Kriminalbeamter widmen. Dabei legte er keinen Wert darauf, ein ausschweifendes oder üppiges Leben führen zu wollen. Sollte er als Kripobeamter versagen, hatte er dank seines Vermögens immer noch die Möglichkeit, seine Lebensplanung abzuändern. Aber lieber wollte er sich eben als Kriminalkommissar bewähren, und zwar in der Sparte der Morduntersuchung. Und worin er sich aus eigenem Antrieb einmal hinein hing, da blühte er auch prompt zu Höchstformen auf. Er machte also tatsächlich rasch Karriere bei der Kripo Köln. Aber wie entwickelte sich das mit seinem Verhältnis zum anderen Geschlecht?

Das entwickelte sich innerhalb von wenigen Jahren in einige sehr unterschiedliche Richtungen. In seiner Kindheit und frühen Jugend empfand er nur Verachtung für Mädchen. Das änderte sich bei ihm erst allmählich, als er in den Polizeidienst trat. Doch seine eher nach innen gekehrte Art machte ihn nicht besonders attraktiv für junge Frauen. Seine Beziehungen überdauerten selten mehr als eine Woche. Erst als er Kriminalkommissar geworden war, lief ihm Irene über den Weg. Irene schien sich nicht an seinen seltsamen Charakterzügen zu stören. Erst später sollte er erkennen, worum es ihr wirklich gegangen war: um sein Geld.

Irene war eine Tippse bei einem eher unbedeutenden Modedesigner gewesen. Als Harald auf sie abfuhr, weil sie zu seiner ersten dauerhaften Intimpartnerin geworden war, hatte sie ihm auch schon alsbald die Ehe nahegelegt. Leichtsinnigerweise war er darauf eingegangen.

Die Ehe erwies sich für ihn rasch als ein Fehlgriff. Irene konnte nicht kochen, Irene konnte keine Betten machen, Irene konnte nicht spülen, Irene konnte keine Waschmaschine bedienen, Irene konnte keine Steuererklärung machen, und Irene verlor schon rasch die Lust am Sex mit ihrem Mann. Ihr Standardsatz lautete: „Lass mich doch mit deinen Schweinereien in Ruhe“, wenn er sich mal wieder im Bett an sie ranzumachen versuchte. Umgekehrt ließ sie Eigenschaften erkennen, von denen Steiner nun wirklich vorher keine Ahnung hatte. Ihren Job warf Irene über Bord. Mit einem „reichen“ Mann, habe eine Ehefrau das nun wirklich nicht mehr nötig. Und Irene entpuppte sich als eine Shoppingqueen.

Harald hatte schnell die Nase voll von ihr und ihren Eigenarten. Er legte ihr die Scheidung nahe, und wie durch ein Wunder willigte sie auch überraschend schnell darin ein, als er ihr in Aussicht stellte, statt Unterhaltszahlungen, sie mit einer einmaligen Summe in Höhe von DM 360.000 abzufinden. Da er auf Anraten des früheren Anwalts seines Vaters bei der Eheschließung auf Gütertrennung bestanden hatte, hätte er Irene das bei Weitem nicht anzubieten brauchen. Doch er wollte sie auf jeden Fall so schnell wie möglich für immer von der Backe haben.

Die Folge war vorhersehbar. Steiner kehrte sich grollend wieder von allem ab, was weiblich war, und überhaupt nahm er wieder seine alten Attitüden an. Ab da galt für ihn, dass man, wenn überhaupt, nur Männern trauen kann, dass Menschen unter dreißig ohnehin unmündig und Frauen als komplett geistesschwach anzusehen sind.

Er stürzte sich noch mehr in seine Arbeit und wurde nun erst recht zum Workaholic. Innerhalb eines Jahres avancierte er zum KHK und Kommissariatsleiter, innerhalb der nächsten zwei Jahre erlangte er sogar den Ruf, der erfolgreichste Mordermittler des Rheinlands zu sein. Wenig später erschien er bereits unter den ersten drei auf der Hitliste deutscher Mordermittler.

Genauso berühmt und berüchtigt waren aber auch seine anderen Eigenheiten. Hartnäckig, unkonventionell und trotzdem konservativ, kauzig, schroff, verschroben, diskriminierend und trotz allem irgendwie immer noch gerade so korrekt, dass man ihm nichts anhaben konnte. Was daran am verwunderlichsten war: Fast alle, die mit ihm zu tun hatten, zollten ihm Respekt.

Da die Person Monika Mink bei den Ermittlungen in den Mordfällen rund um das Brüsseler Immobilienkartell eine fast genauso wichtige Rolle spielen sollte wie Harald Steiner, muss man sich an dieser Stelle auch mit ihrem Werdegang eingehender befassen.

Auch Monika war Einzelkind. Ihre Eltern betrieben in Köln eine Bäckerei, und ihr Vater Edgar hatte es immer abgelehnt, andere Produkte in seinem Laden zu verkaufen als jene, die er selber in seiner Backstube herstellte – unnötiger Handwerkerstolz. Damit hatte er sich gegen einen Trend gestellt, dem sich seit Jahren jeder Bäcker, der einigermaßen selbständig bleiben wollte, anzupassen hatte. Dementsprechend schlecht hatten sich dann auch die Umsätze von Edgar Minks Bäckerei entwickelt. Aber diesem Mann konnte nicht einmal seine Frau Veronika, die diesbezüglich den besseren Durchblick hatte als er, etwas anderes einreden.

Kam hinzu, dass sich Vater Mink auch aus anderen Gründen Sorgen um die Zukunft seines Betriebs machte. Seine Tochter zeigte wenig Interesse an dem Handwerk, und sie hatte auch nie im Laufe der Jahre ein Interesse an einen seiner Lehrlinge gezeigt, mit dem sie sich vielleicht hätte liieren können. Irgendwie hatte er immer gehofft, mit harter Hand seine Tochter zur Räson zu bringen, sie für eine Bäckerlehre zu begeistern.

Genau das fiel Monikas Lieblingsonkel Herbert auf. Herbert war Kriminalpolizist im Ruhestand und eigentlich nicht ihr Onkel, sondern ihr Großonkel. Zu ihm hatte sie Vertrauen, und er war bereit, sie zu unterstützen, wenn sie sich aus der elterlichen Umklammerung zu lösen wünschte. Dieser Punkt war erreicht, als Monika ihr Abitur in der Tasche hatte.

Zum Entsetzen ihrer Eltern, insbesondere ihres Vaters, meldete sie sich in Essen bei der Polizeischule an. Vermutlich hatte sie sich dazu von Onkel Herbert überreden lassen. Onkel Herbert sorgte auch dafür, dass sie sich ein Apartment mieten konnte und für die Dauer des Studiums finanziell abgesichert war. Derweil wollte Vater Mink vorerst nichts mehr mit seiner „missratenen“ Tochter zu tun haben.

Monika war eine fleißige Schülerin, und Monika begann das Leben ohne Bevormundung und ohne Kontrolle zu genießen. Als sie noch daheim in Köln gewohnt hatte, hatte sie kaum Taschengeld bekommen, hatte nie Gelegenheit gehabt, sich so zu kleiden, zu schminken oder frisieren zu lassen, wie sie es gerne wollte. Auch Diskobesuche waren für sie tabu gewesen. Einerseits hatte ihr das Geld zu alledem gefehlt, andererseits hatten ihre Eltern, insbesondere der Vater, sie an alledem gehindert.

Jetzt in Essen sah das alles anders aus. Endlich konnte sie sich kleiden und stylen, wie sie es wollte, und sie konnte ihre Freizeit selber gestalten. So war es wenig verwunderlich, dass das langweilige Mauerblümchen von einst plötzlich, wie der Magnet das Eisen anzieht, junge Burschen anzog. Und sie war gewiss alles andere als abgeneigt, sich mit solchen Kerlen, die ihr gefielen, einzulassen. Ihre schulischen Leistungen litten derweil nicht darunter.

Nach der Polizeiausbildung, die sie mit Bravur schaffte, wurde sie sofort in den regulären Polizeidienst übernommen und gelangte wieder nach Köln, wo sie zunächst nur mit wechselnden Kollegen Streife fuhr. In Köln bewohnte sie eine Zweizimmerwohnung. Ihre Eltern hatten sich immer noch nicht mit ihrer Berufswahl anfreunden können, und ihr strenger Vater hatte ihr sogar Hausverbot erteilt.

In Köln lernte sie auf einer nächtlichen Kneipentour Karsten kennen. Karsten war ein gutbezahlter Angestellter bei einer Kölner Brauerei. Mit Karsten war es anders als mit ihren bisherigen Männerbekanntschaften. Es kam zu mehr als zu einmaligen oder gelegentlichen Bettgeschichten. Alles lief auf eine feste Beziehung hinaus. Sogar von Heirat war die Rede gewesen. Dann wurde Monika schwanger, und als sie Karsten die frohe Botschaft verkündete, war Karsten plötzlich wie ausgewechselt und stritt ab, jemals vorgehabt zu haben, mit ihr zusammenziehen und ein gemeinsames Leben mit ihr führen zu wollen. Außerdem forderte er von ihr, das werdende Kind abzutreiben. Karsten verschwand innerhalb von wenigen Tagen aus ihrem Gesichtskreis. Erst viel später erfuhr sie, dass er wegen Unterschlagungen entlassen worden war. Eventuell war das der wahre Grund für seine abrupte Distanzierung gewesen.

Monika geriet infolge der geplatzten Beziehung, der Schwangerschaft und des fast zur gleichen Zeit eingetretenen Versterbens Onkel Herberts in gewaltige Nöte. Sollte sie das Kind doch abtreiben? Nein, das kam für sie keinesfalls in Frage. Sie hatte es gewollt, da konnte sie es doch jetzt nicht seines Lebens berauben, nur weil sein Vater ein Scharlatan war. Andererseits würde ihr ohnehin spärliches Anfängersalär bei der Polizei während einer Mutterschaftsauszeit nicht ausreichen, ihr Leben einigermaßen normal fortzusetzen. Und was war nach dieser Auszeit? Es musste doch für das Kind gesorgt werden, wenn sie ihren Dienst wieder aufnahm. In ihrer Verzweifelung wandte sie sich dann doch an ihre Mutter, die ihr gegenüber immer wesentlich verständnisvoller gewesen war als ihr Vater.

Mutter Mink wirkte auf ihren Mann ein, redete mit Engelszungen auf ihn ein, drohte ihm sogar mit Trennung oder gar Scheidung. Als Benni dann geboren wurde, änderte sich Edgar Minks Position zu seiner Tochter, als wäre er vom Saulus zum Paulus mutiert. Der Gedanke, sein Enkel würde den Namen Mink tragen, da der leibliche Vater des Kindes seine Tochter nicht geheiratet hatte, erfüllte ihn mit enormem Stolz. Das Verhältnis zwischen Eltern und Tochter normalisierte sich, und Monika konnte alsbald wieder regulär ihren Dienst als Polizistin aufnehmen, weil sich Bennis Großeltern liebend gerne um ihren Enkel kümmerten.

Monika begann im Polizeidienst rasch Karriere zu machen, erhielt ein Stipendium für Fortbildungen und wurde kurze Zeit später in den Kriminaldienst übernommen, wo sie zunächst beim Diebstahls- und Einbruchsdezernat tätig war. Dort hörte sie auch zum ersten Mal von dem sonderbaren KHK Steiner im Morddezernat, bei dem es noch nie eine weibliche Aspirantin länger als drei Wochen ausgehalten hatte. Welch eine Herausforderung, dachte sie, und bewarb sich für die mal wieder vakant gewordene Stelle im K2 des MD.

Steiner behandelte sie von Anfang an besonders kühl. Was er ihr an Aufgaben zuwies, entsprach nicht ihren Erwartungen, aber sie hatte fest den Vorsatz gefasst, sich trotzdem in diesem Kommissariat ihre Sporen zu verdienen. Steiner las jeden Tag die von ihr erstellten Berichte in der Hoffnung durch, diese zumindest auf Rechtschreibefehler hin verwerfen zu können. Er musste sich selber eingestehen, dass sie weder darauf und noch weniger auf inhaltliche Verfehlungen zur Strecke zu bringen war. Er schickte sie mehrfach allein zu Befragungen der unwichtigeren Art. Doch sie versagte in keinem einzigen Fall. Harald konnte natürlich nicht wissen, dass Heinz und Ralf sich ausnahmsweise einmal echt die Mühe machten, ihre neue Kollegin logistisch zu unterstützen. Irgendwie hatten sie einen Narren an ihr gefressen. Sogar bei ihrer „ersten“ Leiche an einem Tatort gelang es dem KHK nicht, ihr fachliches Versagen vorwerfen zu können. Sie machte schlichtweg alles richtig, was er ihr auftrug. Trotzdem wollte er sie loswerden, denn sie war eine Frau.

Vermutlich resultierte ihr Erfolg auch daraus, dass sie es von ihrer Kindheit her gewohnt war zu parieren. Ihr Vater war immer autoritär gewesen, und das war Steiner auch. Sie opponierte nie gegen ihren Chef, wie sie es früher auch nie gegenüber ihren Vater getan hatte. Das war für Steiner natürlich eine komplett neue Konstellation. Alle ihm bisher untergeschobenen Gören hatten irgendwann begonnen, seine Autorität in Frage zu stellen, es gewagt, seinen Führungsstil zu kritisieren. Aber diese Mink, die war nicht aus der Ruhe zu bringen, nicht zu erschüttern, ihr war nicht auf die „Schliche“ zu kommen. Insgeheim bewunderte er sogar ihr Engagement. Sie weigerte sich nie, Überstunden zu machen oder außerplanmäßig einzuspringen, wenn mal ein Kollege verhindert war. Trotzdem blieb sie in seinen Augen eben „nur“ eine Frau, also ein Missgeschick der Schöpfung.

Im Gegensatz dazu empfand Monika ihn gar nicht als sonderlich schlimm. Er war fordernd, aber gewiss nie ungerecht zu ihr. Er war kurz angebunden, aber seine Befehle waren für sie immer deutlich. Sie bewunderte ihn insbesondere, wenn er in der Runde seiner Assistenten seine Theorien über Tatvorgänge und deren Hintergründe entfaltete. Er traf nämlich fast immer ins Schwarze, wie sich hinterher meistens herausstellte. Sie betrachtete ihn als einen strengen und guten Lehrer. Sie hatte nicht vor, sich von seiner eigensinnigen Art verdrießen zu lassen. So oder so war er ihr Garant dafür, sich beruflich verbessern zu können.

So lagen die Dinge also zwischen Monika Mink und Harald Steiner, als sich Letzterer am Freitag vor dem letzten Wochenende des Julis auf Strassers Druck hin in den Urlaub verabschiedete. Und zu diesem Zeitpunkt beging Steiner einen Fehler, der die Dinge zwischen ihm und der Mink total auf den Kopf stellen sollte. Während er Frisch und Schmidt kurz vor seiner Abreise den Auftrag erteilte, einen Mord im Rotlichtmilieu zu klären, trug er der Mink einen Suizidfall an, den eigentlich sogar ein Drittklässler innerhalb weniger Stunden hätte durchleuchten können. Steiner hätte das vielleicht später als den größten Sündenfall seines Lebens bezeichnet, wenn nicht alles noch ganz anders gekommen wäre.

Steiner traf am späten Freitagnachmittag auf dem Hof in der Nähe des luxemburgischen Weilers Wellscheid ein, auf dem er einen der freistehenden Bungalows oder, wie es nobler hieß, Chalets gemietet hatte. Die Bäuerin überreichte ihm die Schlüssel zu dem Haus, erklärte ihm, um welche der vier Hütten es sich handelte, und predigte ihm die Hausordnung, wovon auch in jedem Bungalow eine Abschrift aushinge. Das Machwerk schien ausschließlich auf die Begriffe Ruhe, Sauberkeit und Ordnung zugeschnitten zu sein, etwas, was Steiner ohnehin schon immer von allen anderen und sich selber abverlangt hatte. Anschließend fuhr er seinen Mercedes C220 bis vor das von außen ordentlich gepflegt aussehende Gebäude.

Er hatte sich für diesen Verbleib während der nächsten drei Wochen entschieden, weil der ihm das versprach, was er sich unter Urlaub vorstellte, nämlich tatsächlich Ruhe und zudem den Ausgangspunkt für ausgiebige Rundfahrten in historische Gefilde. Mehr verlangte er nicht, und Wellscheid und dieser kleine Bungalowpark lagen so schön weit ab von der „zivilisierten“ Welt, dass ihn eigentlich nichts und niemand jetzt noch stören konnte, aber noch so nahe an historischen Stätten, dass er durchaus seinem lange verwahrlosten Hobby frönen konnte.

Die schmale Straße zwischen Niederfeulen und Kautenbach, die an dieser Stelle vorbeiführte, wurde kaum befahren. Der nächste größere Ort war Ettelbrück. Auf dem Gelände, das sich etwa 150 Meter von der Straße entfernt befand, standen nur vier Ferienwohnungen, wovon die zwei kleineren für je zwei Feriengäste und die zwei größeren für jeweils vier Feriengäste konzipiert waren. Er hatte eine der kleineren Sorte gebucht.

Er stieg aus, ging zur vorderen Veranda, schloss die Tür auf, betrat das Gebäude und ließ den ersten Eindruck des Inneren auf sich einwirken. Zunächst schien dieses Chalet bis auf eine bescheidene Ausnahme aus nur einem großen Raum zu bestehen, der bis zum First des Satteldachs reichte. Rechts eine Sitzecke, bestehend aus vier Sesseln, einer Schrankgarnitur und einem modernen Fernseher. Gleich dahinter erstreckte sich der hermetisch abgetrennte und durch eine Tür zu erreichende Raum, der den Sanitärbereich beinhalten musste. Ganz hinten rechts, also hinter dem ummauerten Sanitärbereich, der wie ein Fremdkörper in den Hauptraum hineinragte, befand sich eine Küchenzeile mit einem Tresen und vier Barhockern, allen nur erdenklichen Küchengeräten und -apparaten und einem runden Tisch mit vier Stühlen drum herum.

Links stand ein recht großes Doppelbett mit jeweils an beiden Seiten des Kopfendes ein Nachtschränkchen. Ganz hinten links befand sich ein Raum hoher Schrank, der wohl der Unterbringung von Kleidung und Gepäck diente. Zwischen diesem und dem Küchenbereich erlaubte eine voll verglaste Terrassentür den Zugang zur rückwärtigen Veranda, von wo aus man in dreißig beziehungsweise fünfzig Metern Entfernung die zwei nebeneinander liegenden größeren Ferienhäuser sehen konnte, die folglich weit genug weg standen, dass man von deren Bewohnern keinen allzu großen Radau zu befürchten brauchte. Ganz ähnlich verhielt es sich mit dem Chalet, das neben dem Haralds stand.

Von der Einrichtung her wirkte alles äußerst gediegen, vom Stil her eher wenig aufeinander abgestimmt. Harald hatte angesichts der ziemlich zentral betonten Platzierung des Doppelbetts den Eindruck, dem Bauherr und dem Architekt mussten bei der Konzeption dieser Hütte ein ganz bestimmtes Bild der künftigen Feriengäste vorgeschwebt haben. Denen schien unterstellt zu werden, sich entweder tagsüber nur außerhalb der Wohnung aufhalten zu wollen, oder nur hierherkommen zu wollen, um sich sexuell zu vergnügen, oder eben beides.

Für ihn war das aber unwesentlich. Ihm ging es nur um die Abgeschiedenheit und ein Minimum an zivilisiertem Komfort.

Er begab sich hinaus zu seinem Wagen und schleppte anschließend bei vier solcher Gänge sein Gepäck ins Haus. Zunächst verstaute er seine Kleider, und während er das tat, überraschte es ihn selber, auch drei komplette Anzugsgarnituren mitgenommen zu haben. Die brauchte er hier doch eigentlich nicht. Es war eben die Macht der Gewohnheit beim Einpacken gewesen, nahm er an. Für wichtiger erachtete er, dass die Flaschen des Kastens Bier, den er mitgebracht hatte, schnell im Kühlschrank verstaut waren, und das galt auch für die Essenswaren.

Als das geschehen war, nahm er sich aus seiner Kühlbox zwei weitere Bierflaschen und begab sich auf die Veranda, wo er es sich in einem der zwei Liegestühle gemütlich machte und alsbald in Anbetracht der warmen spätnachmittäglichen Julisonne eindöste.

Sehr lange konnte er noch nicht so vor sich hin geschlummert haben, als ihn ein unangenehmes, aber kurzes Geräusch aus dem Beinahschlaf herausriss. Erbost über diese Störung, blickte er in die Richtung der Lärmquelle und schnallte schnell die Ursache. Vor dem Ferienhaus neben dem seinen war eine Jaguarlimousine zum Stehen gekommen, und ihr Fahrer hatte vermutlich etwas arg scharf auf dem Kiesbelag gebremst.

Aus dem Jaguar stieg ein Mann von etwa Mitte fünfzig aus, der einen hellgrauen Anzug trug. Dieser Mann warf einen prüfenden Blick auf Steiners Mercedes. Harald begriff schnell, warum. Das Auto dieses Kerls trug ein Augsburger Kennzeichen, und vermutlich hatte er an diesem Ort nicht mit einem anderen deutschen Feriengast gerechnet. Das Großherzogtum war für gewöhnlich das Ferienrevier von „Flachlandtirolern“ (Niederländern).

Der Mann schaute zu Harald rüber. Als sich ihre Blicke kreuzten, winkte er Harald zu.

„Schönen guten Tag. Warm heute, was?“

Steiner winkte zurück und antwortete: „Ja, kann man wohl sagen.“ Er dachte aber, hoffentlich belässt der Kerl es bei dieser Floskel. Das tat der aber nicht.

„Sie suchen sicher auch die Ruhe, nehme ich an.“

„Genau das“, erwiderte Steiner knapp. Und hoffentlich lässt du mich jetzt auch in Ruhe,

„Wir sehen uns bestimmt später noch“, kündigte der Fremde an, was bei Steiner wie eine gefährliche Drohung ankam.

Der Mann verschwand in sein Feriendomizil, und Harald überlegte kurz, wieso er einen Anzug trug, wenn er hier nur der Ruhe wegen hergekommen war. Aber was sollte das ihn bekümmern?

Kurz vor Sonnenuntergang ging Harald ins Innere und machte sich einige der mitgebrachten Bratwürste warm, die er teils mit Senf und teils mit einer anderen scharfen Soße bestrich, um sie dann auf der Terrasse zu verspeisen.

Als er wieder mit seinem Teller und einer Flasche Bier auf die Veranda trat, sah er, dass sein Nachbar es sich ebenfalls auf der Veranda des benachbarten Chalets gemütlich gemacht hatte. Gemütlich? Nein, ganz so sah das eigentlich doch nicht aus, glaubte Steiner. Zwar war der Mann nun in Freizeitkleidung gehüllt, aber saß in seinem Liegestuhl aufrecht und war konzentriert in einem Aktenordner vertieft. Doch auch darum wollte Harald sich nicht scheren. Er mampfte seine Bratwürste, trank sein Bier und schlug anschließend die aus Köln mitgebrachte Tageszeitung auf.

„Darf ich Sie kurz stören?“

Harald hatte vielleicht eine halbe Stunde konzentriert gelesen, als ihn diese Worte aus der Welt der Presse wieder in die Gegenwart rissen. Gleich vor ihm neben der Veranda stand der Kerl von nebenan.

Er antwortete höflich, wenn auch nicht besonders begeistert: „Aber sicher doch.“

„Darf ich mich vorstellen? Mein Name ist Alfons Wagner. Ich dachte mir, es wäre vielleicht kein schlechter Gedanke, statt allein ein Bier zu trinken, es zu zweit zu tun.“

Der KHK sah ihn ausdruckslos an. Er hatte gar nicht vor, mit jemandem einen Zechabend durchzuziehen, aber die gute Erziehung gebot ihm eine andere Fasson. „Wenn Ihnen danach ist, will ich mich dem nicht verschließen. Darf ich Sie einladen?“

Der Mann bestieg die zwei Stufen bis zur Terrasse, und Harald sah jetzt erst, dass an den Fingern seiner linken Hand ein Sechserpack Bierflaschen baumelte.

Als er vor Steiner stand, streckte er ihm die rechte Hand entgegen, und Harald schüttelte sie, stellte sich ebenfalls namentlich vor und sah sich genötigt, Wagner Platz auf dem zweiten Liegestuhl anzubieten.

Alfons Wagner begann sich unaufgefordert sehr leutselig und ausgiebig über sich selbst zu offenbaren. Er sei Bauunternehmer aus Augsburg, aber in den letzten Jahren habe er seine einst florierende Firma immer weiter zurückfahren müssen, weil die Kundschaft immer geringer, die Zahlungsmoral immer mieser und die Konkurrenz immer heftiger geworden war.

„Hält man sich an die Gesetze, ist man zu teuer, hält man sich nicht an ihnen, fliegt man früher oder später auf die Nase und ist trotzdem kaputt.“

„So, so“, hakte Steiner eher desinteressiert nach. „Und woran liegt das denn genau?“

„Ach, überall diese illegalen Ausländer, Schwarzarbeiter und Scheinfirmen“, redete sich Wagner in Rage. „Sobald man ein Angebot abgegeben hat, kriegt man zu hören, da seien mindestens vier andere Anbieter wesentlich billiger. Geiz ist eben geil, Herr Steiner. Da schaut keiner genau hin, ob unsere Mitbewerber sich unterbezahlter Ukrainer bedienen oder ob sich da irgendwelche Makaken selber in Deutschland als Unternehmer für nur ein oder zwei Projekte haben registrieren lassen. Sie kommen aus Polen oder so einem Billiglohnland, das neu in der EU ist, melden ein Gewerbe an, wofür Sie als Deutscher Jahre um eine Zulassung kämpfen müssten, das ihnen auch noch prompt sofort und unbesehen bewilligt wird, schleusen zwanzig ihrer Landsleute oder solche aus der Mongolei ohne Arbeitspapiere ein, machen die billigsten Preise, betreiben Pfusch am Bau, bezahlen ihre Lieferanten nicht, kassieren bis zu 80 % der Bausumme und verschwinden wieder, bevor alles fertig ist und sie zur Rechenschaft gezogen werden können.

Die Bauherrn sind dann zwar die Gelackmeierten, aber wir normalen und regelkonformen Unternehmer schauen in die Röhre.“

„Tja“, meinte Harald ungerührt, obwohl er durchaus Wagners Ansicht teilte, „die Europäische Einheit fordert nun einmal ihren Tribut.“ Lieber hätte er zum Ausdruck gebracht, seinetwegen könne man die gesamte EU in die Luft sprengen und zur Nationalstaatlichkeit zurückkehren. Einige bilaterale Verträge unter Staaten wären effektiver, billiger und vor allem nach Bedarf revidierbar.

Wagner grunzte verächtlich. „Ich bin jetzt 57 Jahre alt. Ich habe nicht vor, bis zu meinem Ruhestand einen Bankrott hinzulegen, weil mir die Felle davonschwimmen oder ich mich darauf einlasse, Schwarzarbeiter zu beschäftigen. Und trotzdem beabsichtige ich nicht, die Segel zu streichen. Deshalb halte ich mich momentan in Luxemburg auf.“

Das interessierte Steiner schon etwas mehr. „Was haben Sie denn hier vor? Luxemburg ist immerhin genau wie Deutschland Mitglied der EU.“

Wagners Gesicht formte sich zu einem Überlegenheit ausdrückenden Lächeln. „Ihre Feststellung ist richtig, aber im Gegensatz zu Deutschland achten die Behörden hier in diesem kleinen Land noch sehr akkurat auf die Einhaltung der Arbeits- und Sozialgesetze. Deshalb will ich hier Fuß fassen, verstehen Sie?“

Steiner nickte, obwohl er es noch nicht ganz verstand. Welcher Arbeitgeber kann denn schon Arbeits- und Sozialgesetzen etwas abgewinnen? Andererseits unterband eine strenge Handhabung solcher Gesetze natürlich auch die Beschäftigung illegaler Arbeitskräfte.

„Jedenfalls beabsichtige ich, hier in Luxemburg eine neue Firma aufzubauen, eine Art Bauträgergesellschaft. Grundstücke habe ich schon in Aussicht, das Kapital dürfte ich auch schon bald zusammen haben, und jetzt kümmere ich mich um die Genehmigungen.“

Der eigentlich ungebetene Gast begann sich zu besinnen, hier Gast zu sein, und wechselte das Thema. „Welcher Profession sind Sie denn eigentlich?“

Darauf konkret zu antworten, behagte Harald weniger, und um möglichst jeglichen Nachfragen auszuweichen, antwortete er: „Ich bin Beamter im Öffentlichen Dienst.“

Wagners Reaktion war ziemlich atypisch. Eigentlich hätte er nachfragen müssen, in welcher Sparte Steiner tätig war, aber das schien er nicht für sonderlich wichtig zu erachten. Stattdessen äußerte er: „Dann haben Sie ja eine gewisse Ahnung, wie ich das mit diesen Ausländern und Schwarzarbeitern meinte.“

„Gewiss“, gab sich Harald zurückhaltend. „Auch wir haben da so unsere Erfahrungen machen müssen.“ Um aber nicht weiter darauf eingehen zu müssen, kam er nun seinerseits auf etwas anderes zu sprechen, nämlich auf die historischen Stätten, die er in den nächsten Tagen zu besichtigen gedachte.

Alfons Wagner kam so vom Thema jeglicher beruflicher Probleme ab, und die Diskussion begann sich um Banaleres zu drehen.

Nach etwa zwei Stunden belangloser Plaudereien zog sich Wagner zurück, und auch Steiner gedachte, zu Bett zu gehen.

Den Samstagvormittag verbrachte Harald mit Einkäufen im nahegelegenen Ettelbrück und in Diekirch. Er wollte seinen Lebensmittel- und Getränkevorrat für die nächsten Tage aufstocken. Nach der Einnahme eines bescheidenen Mittagsmahls in seiner Küche beschloss er, eine Wanderung in den nahen Wäldern zu unternehmen, wovon er gegen 17 Uhr zurückkehrte. Danach legte er sich für einige Stunden in einen der beiden Liegestühle auf der hinteren Terrasse, weil er keine Lust hatte, an diesem Abend nochmals mit Wagner seine Freizeit zu vergeuden.

Übrigens hatte er die vier Male, die er an diesem Tag an Wagners Bungalow vorbeigekommen war, festgestellt, dass der sich offenbar noch nicht nach draußen begeben hatte. Zumindest wies nichts auf Wagners Veranda darauf hin, die Gartenmöbel könnten bewegt worden sein, und der Jaguar war es mit angrenzender Sicherheit auch nicht.

Am Sonntagmorgen frühstückte Steiner ausgiebig auf der vorderen Terrasse. Dann machte er sich fertig, mit seinem Wagen einen Trip entlang von Our und Sauer zu unternehmen. Er wollte sich die an diesen Flüsschen gelegenen Burgen ansehen.

Als er gegen 18 Uhr zurückkehrte, sah er Wagner vor dessen Chalet im Liegestuhl sitzen. Offenbar trank er gemütlich ein Glas Bier. Schon beim Aussteigen rief ihm sein Feriennachbar zu: „Was würden Sie heute Abend von einer Partie Schach halten?“

Warum nicht, dachte Harald, der inzwischen innerlich etwas ausgeglichener geworden war, und kündigte an, sich eine Stunde später bei Wagner einzufinden, nachdem er geduscht und gegessen haben würde.

Man einigte sich auf drei Schachpartien, von denen Alfons Wagner zwei gewann, was Steiner einigermaßen überraschte, denn eigentlich war er ein selber sehr versierter Amateurspieler.

Nach den drei Partien kam es wieder zu einer ziemlich freibleibenden Unterhaltung zwischen beiden. Hauptthemen waren fast ausschließlich gesellschaftliche Fragen und die aktuelle Politik, und dabei kam Wagner zwischendurch wieder auf sein luxemburgisches Vorhaben zu sprechen.

„Morgen, Herr Steiner, werde ich Nägel mit Köpfen machen. Morgen Nachmittag habe ich einen Termin bei der Handelskammer in Luxemburg. Der Rest ist dann nur noch ein Selbstläufer“, behauptete der Bauunternehmer, und Harald hörte ihm nur halbherzig zu. Später sollte diese Aussage noch sehr von Bedeutung sein.

Am Montagmorgen verließ Steiner um 9 Uhr seine Ferienwohnung. Er beabsichtigte, sich in Luxemburg Stadt über für ihn interessante Sehenswürdigkeiten sachkundig zu machen. Diese Fahrt erwies sich als unergiebig, weil montags viele Stellen geschlossen waren.

So kehrte er um 13.50 Uhr etwas enttäuscht zur Ferienanlage zurück, wo ihm, noch bevor er auf den Zufahrtsweg einbog, ein Aufgebot von mehreren Fahrzeugen ins Auge stach, von denen drei als Polizeifahrzeuge zu erkennen waren. Diese Autos waren so ungünstig abgestellt worden, dass es für ihn unmöglich war, bis vor sein Chalet zu fahren. Leute in Uniform und in Zivil lungerten auf der Terrasse von Wagners Bungalow und davor herum, und die Tür des Ferienhauses stand angelweit offen.

Wie ein aufgeschrecktes Huhn eilte ein uniformierter Polizist heftig gestikulierend auf Steiners Wagen zu und zwang ihn so zum Anhalten, ehe er das Ende der parkenden Fahrzeugkolonne erreicht hatte.

Als Harald sein Seitenfenster heruntergelassen hatte, rief der Mann ihm zu: „Hier ist kein Durchgang.“

Steiner deutete mit seiner Hand in Richtung seines Chalets und sagte: „Ich habe das Ferienhaus dort hinten gemietet.“

Der Polizist war zunächst etwas ratlos, weil man ihm keine Direktiven im Falle des Erscheinens eines Bewohners der Ferienanlage gegeben hatte.

„Bitte Ihren Ausweis und Ihre Fahrzeugpapiere.“ Harald reichte sie ihm. „Warten Sie bitte hier. Ich werde den Herrn Commissaire hinzurufen.“

Natürlich stellte sich Steiner die Frage, was wohl der Anlass für dieses Aufgebot war, aber aus eigener Erfahrung wusste er, dass man in dieser Phase als Hinzugestoßener selten von einem Polizisten mit einer klaren Auskunft rechnen durfte. Er handhabte es bei seinen eigenen Fällen in ähnlichen Situationen ja auch nicht anders.

Nach wenigen Minuten kehrte der Beamte in Begleitung eines Herrn im Alter von geschätzten fünfundfünfzig Jahren, der in einem ausgebeulten Anzug gekleidet war, zu seinem Wagen zurück. Dieser ältere Mann, dessen Erscheinung ein wenig dem Klischee eines Französischen Beamten entsprach, weil er einen Oberlippenbart hatte und eine altmodische Brille trug, ansonsten gedrungen wirkte und eine Zigarette in seiner Hand hielt, dem eigentlich nur noch das unter dem Arm geklemmte Baguette fehlte, um den perfekten Franzosen zu karikieren, beugte seinen Kopf zum immer noch in seinem Mercedes sitzenden Steiner bis zum heruntergelassenen Seitenfenster vor.

„Guten Tag, Monsieur, mein Name ist Rollinger, Commissaire Principal (identisch mit KHK) der luxemburgischen Kriminalpolizei. Sie sind also Feriengast hier und bewohnen das Chalet neben Herrn Alfons Wagner?“ Harald bejahte dies. „Und wann haben Sie heute ihre Ferienwohnung verlassen?“

„Etwa um neun Uhr heute Morgen.“

„Wann haben Sie Herrn Wagner zuletzt gesehen?“

„Gestern Abend zwischen zirka 19 und 22 Uhr habe ich mit ihm auf seiner Terrasse Schach gespielt und mich mit ihm unterhalten“, antwortete Harald korrekt.

„Also kannten Sie Herrn Wagner näher“, nahm der Luxemburger an.

„Ich machte am Freitagnachmittag seine Bekanntschaft, kurz nachdem ich hier eintraf. Ich würde es mal eine zufällige Urlaubsbekanntschaft nennen, wie das so ist, wenn sich Deutsche im Ausland zufällig begegnen und die Einzigen ihrer Art auf weiter Flur sind“, erwiderte Steiner und hatte längst festgestellt, wie der Uniformierte neben dem Kommissar nervös mit seinen Fingern am Halfter seiner Dienstwaffe herumspielte.

„Würden Sie bitte aussteigen, Herr Steiner“, forderte der Kripomann ihn auf. „Ihr Name ist doch Harald Steiner, wie ich es aus Ihren Papieren entnommen habe?“

„Ja, das ist mein Name“, sagte Harald und stieg langsam aus, immer darauf bedacht, keine allzu hektischen Bewegungen zu machen, denn diese Herren trauten ihm nicht so recht.

„Würden Sie sich bitte mit ihrem Gesicht zu ihrem Wagen drehen, die Hände aufs Dach legen und ihre Beine spreizen. Sicherheitshalber müssen wir Sie kurz abtasten“, erklärte Rollinger.

Steiner tat, was man ihm aufgetragen hatte, und wartete auf die Überraschung, der sich die beiden Luxemburger gleich gegenübergestellt sehen sollten.

Der Uniformierte zog zunächst die Brieftasche aus der Innentasche von Haralds Sommerjackett, warf einen Blick hinein und legte sie ohne weitere Beachtung aufs Autodach. Dann griff er nochmals in die Innentasche, weil darin noch etwas gewesen war, und förderte ein Ledermäppchen hervor, dessen Inhalt er ebenfalls kurz eines Blickes würdigte und sodann mit einem missmutigen Gesichtsausdruck dem Kommissar reichte. Der öffnete es und sah nun echt verblüfft aus.

„Mein Gott, Herr Steiner, warum haben Sie mir nicht sofort gesagt, dass Sie Beamter der Kölner Kriminalpolizei sind?“

„Ich wollte Ihnen nicht den Eindruck vermitteln, überheblich sein zu wollen“, entgegnete Harald, während er sich wieder umdrehte und eine wesentlich bequemere Position einnahm. „Jedenfalls hätte ich, wenn unsere Rollen umgekehrt gewesen wären, Sie sofort für einen Wichtigtuer gehalten, der sich mir bei meiner Arbeit aufdrängen will.“

Der Uniformierte murmelte etwas auf Französisch über „sales boches“, was eine wenig schmeichelhafte Formulierung für Deutsche ist und nicht für Haralds Ohren bestimmt war. Doch Rollinger gab ihm sogleich schroff den Befehl, sich zu entfernen, während Steiner so tat, als hätte er nichts von der Schmähung mitbekommen.

„Für welche Delikte sind Sie denn zuständig?“ erkundigte sich der Commissaire.

„Kapitalverbrechen“, sagte Harald knapp.

„Hm!“ Rollinger überlegte. „Also auch Mord und Selbstmord?“

„Überwiegend“, antwortete der KHK.

„Wären Sie bereit, mich bis zur Wohnung des Herrn Wagner zu begleiten und mir sodann Ihre spontanen Befindungen kundzutun?“

„Befindungen zu was?“ wollte Harald wissen.

„Ach ja, das können Sie ja noch nicht wissen. Herr Wagner ist tot aufgefunden worden. Erschossen.“

Harald nahm seinen Dienstausweis und seine Brieftasche wieder an sich, und sie gingen gemeinsam bis zu Wagners Bungalow. Dort erklärte Rollinger, man könne noch nicht hineingehen, weil die Spurensicherung zu Gange war. Aber von der Tür aus, sei es möglich, sich schon ein sehr gutes Bild machen zu können.

Das Chalet Wagners war eine exakte Kopie von Steiners Ferienwohnung. Wagners toter Körper lag auf dem Rücken im Bereich zwischen dem großen Doppelbett und der Tür zum Sanitärraum. In seiner Stirn klaffte ein von geronnenem Blut rotbraun umrandetes Loch. In seiner ausgestreckten Hand hielt er eine Faustfeuerwaffe, offensichtlich vom Kaliber 9 mm. Etwa drei Meter vor ihm zum Eingang hin lag eine Patronenhülse auf dem flauschigen Teppich.

„Mord oder Selbstmord? Was meinen Sie auf Anhieb?“ fragte der Commissaire.

„Mord“, war sich Steiner sicher.

Rollinger war sich da keineswegs so sicher. „Er hält die Tatwaffe in der Hand. Jedenfalls ist aus der erst kürzlich ein Schuss gelöst worden, und das Magazin ist bis auf eben nur eine fehlende Patrone voll. Es liegt auch nur eine Patronenhülse hier herum. Seine Hände weisen Schmauchspuren auf. Warum also Mord?“

„Die Patronenhülse liegt zu weit von ihm entfernt. Auch die Richtung, wo sie liegt kann nicht mit der Richtung des Auswurfs der Waffe übereinstimmen, es sei denn, Herr Wagner sei enorm weit nach hinten gestolpert, nachdem er sich ein Loch in den Kopf geschossen hatte. Außerdem geben sich die, die sich selber auf diese Weise umbringen wollen, meistens im Sitzen oder im Liegen die Kugel. Ferner stelle ich fest, dass Herr Wagner einen Anzug trägt, so als hätte er vorgehabt ...“

„Schon gut, schon gut“, gebot ihm der Commissaire Einhalt. „Wäre es möglich, unsere Unterhaltung in Ihrem Chalet fortzusetzen?“

Harald stimmte dem Ansinnen zu, und beide Männer begaben sich zu seiner Ferienwohnung, wo sie in Sesseln der Wohnzimmerecke Platz nahmen.

„Sie hatten schon Recht, Herr Steiner, als Sie vermuteten, dass auch ich mir nicht gerne Ratschläge von Kollegen aufdrängen lassen will“, gab Rollinger unumwunden zu. „Allerdings sollten Sie wissen, dass bei uns in Luxemburg die Ferienzeit gerade erst begonnen hat. Wer Kinder im schulpflichtigen Alter hat, bekommt in dieser Periode Urlaub, was impliziert, dass unsere Dienststellen für solche Fälle momentan unterbesetzt sind. Der einzige augenblicklich arbeitende kompetente Gerichtsmediziner hat bereits eine Brandleiche einer erschossenen Frau auf seinem Tisch liegen, und die meisten Beamten meiner Behörde befinden sich an irgendeiner Costa del sowieso.

Ich stehe also ziemlich hilflos vor einem Berg Arbeit, da ich es mit zwei ungeklärten Fällen zu tun und nur einen Kriminalinspektor und einige Berufsanfänger als Gehilfen zur Verfügung habe. Doch bevor ich Ihnen mein Problem weiter darlege, muss ich Sie fragen, wo Sie sich heute zwischen 11.30 und 12.30 Uhr aufgehalten haben.“

Harald fand nichts Anrüchiges an dieser Frage. Er hätte sie selber auch so gestellt. Er griff nach seiner Brieftasche, der er die Rechnung eines Restaurants entnahm. Rollinger nahm sie in Augenschein und stellte fest, dass der Ausdruck 12.13 Uhr angab und sich das betreffende Restaurant in der Hauptstadt befand. Gemäß den aufgelisteten Speisen und Getränken musste Steiner mindestens eine halbe Stunde dort verbracht haben, also etwa von 11.45 bis 12.15 Uhr, und innerhalb einer Viertelstunde wäre es ihm nicht gelungen, von dort bis hierher zu gelangen.

„Nun gut“, meinte der Commissaire, „das wird natürlich noch routinemäßig überprüft werden, aber ich glaube Ihnen, dass Sie wohl kaum Wagners Mörder sein dürften, falls er denn ermordet worden ist.“

Er zupfte sich an seinem Oberlippenbart, ehe er fortfuhr. „Auch wenn Sie nicht zum Tatzeitpunkt hier vor Ort waren, sind Sie für uns ein wichtiger Zeuge. Da Sie zudem selber ein Mann unseres Fachs sind, könnten Sie uns ja vielleicht auch ein wenig logistisch von Nutzen sein.“

Deutlich war, Rollinger wartete auf Steiners Reaktion.

„Ich kann Ihnen nur das sagen, was ich über Herrn Wagner weiß, weil ich es selber von ihm gehört habe, und meine doch wohl subjektive Meinung zu dem kundtun, was ich über das denke, was ich gerade in seiner Wohnung gesehen habe. Vergessen Sie nicht, ich bin nur Urlaubsgast und keineswegs befugt, hier Ermittlungen anzustellen.“

„So weit wollte ich Sie nun auch nicht in den Vorgang einbinden“, sprach Rollinger besänftigend. „Erzählen Sie mir zunächst bitte, wann und wie Sie Herrn Wagner kennenlernten und worüber Sie sich mit ihm unterhalten haben.“

Das tat Steiner in aller Ausführlichkeit, während sich der Commissaire Notizen machte. Es war für diesen nicht erforderlich, Nachfragen zu stellen, denn Steiner wusste alles so präzise auf die Reihe zu setzen, wie er es selber auch am liebsten aus dem Mund eines Zeugen hätte hören wollen.

Schließlich befand André Rollinger: „So, wie es Ihnen Herr Wagner geschildert hat, scheint er ja wirklich einerseits existenzielle Probleme befürchtet und andererseits munter an Abhilfe dessen gearbeitet zu haben.“

„Den Eindruck hatte ich jedenfalls“, stimmte der KHK zu.

Rollinger folgerte weiter: „Jetzt verstehe ich auch, wieso Sie eben, als wir den Tatort in Augenschau nahmen, auf den Anzug, den Herr Wagner trug, hinweisen wollten. Er hatte Ihnen gesagt, heute Nachmittag einen Termin bei der Handelskammer in der Stadt zu haben.“

„Stadt? Welche Stadt meinen Sie?“ fragte Harald irritiert. „Ich sagte Luxemburg. Die nächst gelegene Stadt wäre doch Ettelbrück, oder?“

„Wenn wir hier im Großherzogtum über ‚die Stadt’ reden, meinen wir immer die Hauptstadt“, erläuterte der Kollege amüsiert. „Und Sie haben ja jetzt selber nochmals gesagt, er habe heute nach Luxemburg Stadt fahren wollen.“

„Genau“, erwiderte Steiner knapp. Er fühlte sich ein wenig von sich selber überrumpelt, hätte er doch von sich aus auf diese landesspezifische Eigenheit kommen können, da es außer der Hauptstadt keine Städte gab, die, nach Einwohnerzahlen gemessen, ein solches Prädikat verdienten. Und sogar die Hauptstadt war mal knapp etwas größer als Euskirchen.

„Demnach hätte er sich also bestimmt nicht chic zu machen brauchen, wenn er sich ohnehin eine Kugel in den Kopf jagen wollte, nicht wahr?“

„Es sei denn, er wollte seinen Selbstmord wie einen Mord aussehen lassen“, ergänzte Steiner.

„Sehen Sie, Herr Kollege, und somit stehen wir jetzt wieder eins zu eins, was die beiden Thesen Mord oder Selbstmord angeht. Und ich werfe noch ein gewichtiges Argument für die Suizidthese in die Waagschale. Weshalb sollte Herr Wagner bei der Handelskammer vorstellig werden wollen, wenn er nicht einmal ein Dossier bei sich hatte?“

Harald dachte kurz nach. Am Freitagabend hatte er doch deutlich gesehen, wie sein Nachbar auf seiner Veranda beflissen in einer Akte gelesen hatte, und auf seinem Tisch hatten auch noch Ordner und Schnellhefter gelegen.

„Er hatte Akten bei sich“, merkte er daher an und berichtete von seiner diesbezüglichen Beobachtung am ersten Abend nach seiner Ankunft in Wellscheid.

„Das ist aber merkwürdig“, meinte Rollinger. „Bislang haben unsere Leute nichts dergleichen gefunden, auch nicht in seinem Auto. Vielleicht hat er die Akten ja inzwischen weggefahren.“

„Weggefahren?“ Diese Frage stellte Harald an sich selber. Nein, so überlegte er, den Jaguar hatte Wagner, seit er ihn am späten Freitagnachmittag zum ersten Mal gesehen hatte, augenscheinlich nicht mehr von der Stelle bewegt. Als Harald heute von seiner Fahrt nach Luxemburg zurückgekommen war, stand der Jaguar immer noch am selben Platz.

„Nein, Herr Rollinger, mit seinem Auto ist er nicht weggefahren. Er könnte Besuch gehabt haben oder mit einem anderen in dessen Auto weggewesen sein. Aber ... Ich hätte es nicht unbedingt mitbekommen müssen. Ich war am Samstag, am Sonntag und heute immer mal selber einige Stunden weg gewesen.“

„Das hilft uns also nicht richtig weiter“, stellte der Commissaire fest.

„Da haben Sie wohl Recht“, schloss sich Harald dieser Ansicht an. „Aber man muss die Sache einkreisen. Ist der Schuss aufgesetzt gewesen? Wenn nicht, kann es kein Selbstmord gewesen sein. Was ist mit Wagners Handy? Hatte er ein Notizbuch dabei ...“

Wieder einmal sah sich Rollinger genötigt, den Deutschen auszubremsen.

„Das mit dem aufgesetzten Kopfschuss wird die Pathologie klären. Das andere ist Sache der Spurensicherung und der Kriminaltechnik.“

Dennoch hatte Steiner seinerseits auch einige Fragen zu stellen.

„Wie, wann und vom wem ist Alfons Wagners Leiche denn gefunden worden?“

„Gefunden wurde er kurz vor ein Uhr heute Mittag von der Eigentümerin des Hofs. Sie wollte Herrn Wagner die heutige Ausgabe des ,Luxemburger Wort’ vorbeibringen, wie sie es schon jeden Tag seit seinem Einzug in das Chalet vor etwa einer Woche gemacht hatte. Ich war dann etwa eine halbe Stunde später vor Ort. Ein Arzt des Notdienstes von Ettelbrück war vor uns und gleichzeitig mit der ersten Streife aus Ettelbrück hier eingetroffen. Der Arzt hatte den Tod festgestellt und die Todeszeit auf 11.30 bis 12.30 Uhr eingekreist. Der Schuss dürfte unmittelbar tödlich gewesen sein.“

„Die Waffe in Wagners Hand war nicht mit einem Schalldämpfer versehen. Den Schuss muss man dann doch weithin gehört haben“, gab Steiner zu bedenken.

Rollinger lächelte mitleidig. „In den Ferienhäusern wohnen momentan Touristen. Was machen die bei einem solch schönen Wetter? Sie suchen das Wasser auf oder gehen wandern. Und die Eigentümer waren bis kurz vor eins auf einem einige Kilometer entfernten Feld bei der Heuernte. Auf diesem Areal befanden sich also zur Tatzeit nur Herr Wagner und sein Mörder, wenn es denn einen solchen gibt.“

„Tja, dann müssen wir wohl abwarten, was sich sonst noch ergibt“, meinte Harald. „Ich wüsste allerdings nicht, wie ich Ihnen noch behilflich sein kann.“

„Das werden wir sehen“, sagte der Commissaire. „Zunächst warte ich die Befunde der Sachverständigen ab. Mir wäre ein eindeutiger Selbstmord jedenfalls genehmer.“

Rollinger war wieder zum Nachbarhaus gegangen, und Harald machte es sich wieder einmal mit einer Flasche Bier und einer unterwegs bei seinem Abstecher in die Hauptstadt gekauften Tageszeitung in seinem Liegestuhl auf der vorderen Veranda bequem.

Trotz allen Bemühens, sich in die Lektüre zu vertiefen, schweiften seine Gedanken immer wieder zu dem Geschehnis in der Nachbarhütte ab. Mord oder Selbstmord? Betrachtete man es von der Seite der wirtschaftlichen Lage der Augsburger Firma Wagners her, war es durchaus denkbar, dass er sich einen möglichst als Mord auslegbaren Abgang ausgedacht haben könnte. In dem Fall hieße das, er hätte Steiner in den letzten Tagen nur zur Show ein Märchen über einen hoffnungsvollen Neustart in Luxemburg aufgetischt. Aber wie erklärte sich dann sein Termin bei der Handelskammer, den er an diesem Montag wahrnehmen wollte? Oder war auch das nur eine Finte?

Der KHK glaubte in diesem Fall nicht an eine gespielte Augenwischerei seitens Wagner ihm gegenüber. Er hatte ein Gespür dafür, wann Menschen logen, und bei Wagner hatte er eher das Gefühl gehabt, dass er tatsächlich in Euphorie schwelgte.

Nun überlagerten sich mehrere Gedankengänge. Sollte es doch ein gut ausgeklügelter Selbstmord gewesen sein, dann musste man doch irgendwie rausbekommen können, wie die Akten verschwunden waren. Entweder hatte Wagner sie zu Fuß weggeschleppt und irgendwo im näheren Umkreis so gut versteckt, dass man sie nach größter Wahrscheinlichkeit niemals mehr wiederfinden würde, oder es gab jemanden, der sie entgegengenommen hat, ehe Wagner den Suizid beging.

War es aber Mord, dann war die Tat so ausgeklügelt worden, dass man sie für einen Selbstmord halten musste oder zumindest konnte. Hatte man ihn womöglich gezwungen, sich selbst die Waffe an die Stirn zu setzen und abzudrücken? Ein riskantes Unternehmen für den Nötiger, da er ihm ja eine geladene Waffe in die Hand gegeben hätte. Wer schießt sich schon in die Stirn? In die Schläfe, in den Mund schräg aufwärts oder vom Kinn senkrecht aufwärts, ja, das wären die logischeren Suizidmethoden gewesen, aber nicht so, wie es passiert war.

So oder so müsste die Patrone in Wagners Kopf aus der Waffe stammen, die er in der Hand gehalten hatte. Die Hypothese des erzwungenen Selbstmordes hinkte zu sehr, als dass man sie für realistisch halten könnte. Wagner war nicht der Typ, der sich mal eben zu so etwas hätte zwingen lassen, ohne nicht noch seine letzte Möglichkeit auszureizen.

Langsam entwickelte sich vor Steiners innerem Auge ein ganz anderes Szenario. Wagner war unbewaffnet gewesen. Die Waffe hielt sein Mörder in der Hand. Vermutlich setzte der ihm diese auch an die Stirn und drückte ab. Aber was war dann mit den Schmauchspuren an Wagners Hand? Wieso fehlte nur eine Patrone im Magazin? Wieso lag die ausgeworfene Hülse so weit vom Opfer entfernt?

Sollte es Mord gewesen sein, muss es zwei Schüsse gegeben haben. Den ersten feuerte der Mörder ab, den zweiten feuerte er auch ab, allerdings erst nachdem er seinem toten Opfer die Waffe in die Hand gedrückt hatte. Eine von beiden ausgestoßenen Hülsen nahm er mit, und zwar die Erste. Das erklärte auch die unlogische Lage der anderen Hülse auf dem Teppichboden. Wo war aber die zweite Patrone abgeblieben?

Als die Spurensicherer sich gegen 17 Uhr aus Wagners Ferienwohnung zurückzogen und diese versiegelten, kam Rollinger nochmals zu Steiner rüber.

„Raubmord scheint es nicht gewesen zu sein“, erklärte er. „Seine Brieftasche war noch vorhanden. Sein Handy übrigens auch. Ein Notizbuch fanden wir zwar nicht, aber immerhin einige Zettel mit Namen und Telefonnummern. Vielleicht komme ich deswegen nochmals morgen auf Sie zu. Die Leiche ist zwecks weiterer Untersuchungen bereits abtransportiert worden.“

„Habe ich gesehen. Natürlich können Sie mich jederzeit noch befragen, wenn Sie das für notwendig erachten“, äußerte sich der Deutsche. „Haben Sie denn zufällig auch noch irgendwo eine weitere Patrone gefunden? Im Mauerwerk, im Türrahmen oder so?“

Der Commissaire sah Steiner an, als hätte er einen Bescheuerten vor sich. „Eine zweite Patrone? Nein, da war nirgendwo eine zweite Patrone. Wieso fragen Sie?“

„Ach, nur so“, gab sich Harald weiter nur halb interessiert.

Kaum waren alle abgezogen, begab sich Steiner auf die Wiese, die sich gegenüber von Wagners Bungalow befand. Kommissar Zufall war ihm gut gesonnen. Nach nur wenigen Minuten hatte er gefunden, was er suchte.

Noch vor 18 Uhr rief er Kirminaloberrat Strasser in Köln an und berichtete ihm von dem Mord an seinem Feriennachbarn. Strasser war alles andere als begeistert.

„Mann, Steiner, laufen Ihnen die Fälle jetzt schon bis in den Urlaub hinterher?“

Harald schmunzelte. „Mein Beruf ist nun mal meine Berufung.“

„Na toll. Aber Sie berichten mir das alles doch nicht, damit ich ein wenig Unterhaltung habe, oder? Sie führen doch etwas im Schilde.“

„Nun ja, dieser Selbstmord war mit Sicherheit kein Selbstmord“, entgegnete der KHK.

„Wenn Sie das sagen“, schnaubte Strasser. „Das ist und bleibt aber Sache der Kollegen in Luxemburg. Ich wüsste nicht, was Sie damit anderes zu tun haben, als möglicherweise als Zeuge fungieren zu können.“

„Vielleicht kann ich diesem Rollinger ja ein wenig auf die Sprünge helfen.“

„Und wie soll ich Ihre Teilnahme erwirken?“

„Lassen Sie doch einfach mal nachprüfen, was bei uns über Alfons Wagner aktenkundig ist. Dann wird Ihnen doch gewiss etwas einfallen.“

„Sie können es wohl einfach nicht bleiben lassen, was?“ schimpfte Strasser. „Mir soll es recht sein. Hat der Kerl auch nur ein Stäubchen Dreck am Stecken, werde ich das Nötige veranlassen. Wie steht denn dieser Herr Rollinger überhaupt dazu, falls ich Sie bei denen als ungebetenen Zaungast einschleuse?“

„Er wird nicht gerade vor Freude in die Luft springen. Andererseits sind ihm im Augenblick urlaubsbedingt die Leute abhanden gekommen.“

2. Das Brüsseler Immobilienkartell

Der Dienstagmorgen begann für Harald Steiner wie ein gewöhnlicher Urlaubstag, nur dass er irgendwie gar keine Lust mehr hatte, sich urlaubsmäßig zu verhalten oder zu fühlen. Der Mordfall nebenan - jedenfalls war er überzeugt davon, dass es sich dabei um einen Mordfall handelte - hatte seine gesamte Aufmerksamkeit und sein gesamtes Denken beschlagnahmt.

Aber er war nicht einer jener Sorte, der gleich vor lauter Begeisterung, Unrast oder Beflissenheit rauf- und runterhüpfte. Erstens sollte Rollinger selber zum Urteil gelangen, dass es sich hier wohl kaum um einen Suizid handelte. Zweitens wartete er auf grünes Licht aus Köln.

Letzteres wurde schneller gegeben, als er es zu erwarten gewagt hatte. Denn schon kurz nach elf rief ihn Emil Strasser an.

„Frisch hat noch gestern Erkundigungen über Alfons Wagner eingezogen und brauchte sich dafür nicht einmal mit den Kollegen in Augsburg kurzzuschließen. Wagner ist bei unserem hiesigen Drogendezernat aktenkundig.“

„Wagner und Drogen? Sollte ich mich so sehr in dem Mann getäuscht haben?“ sprudelte es aus Haralds Mund hervor.

„Die Kollegen hatten ihn zeitweise im Verdacht, mit Siggi Jasper in Kontakt zu stehen“, erläuterte Strasser. „Der Verdacht ließ sich aber nicht erhärten.“

„Siggi Jasper, unser Rotlichtkönig?“ fragte Steiner nach.

„Genau der“, bestätigte der Kirminaloberrat. „Folglich war unsere BTM-Abteilung bereits auf Tuchfühlung zur Kripo Augsburg gegangen und verfügt also über ein einigermaßen dickes Dossier zu Wagner. So, und damit und dem, was Sie mir gestern erzählten, bin ich zu Staatsanwalt Werle gestiefelt, um Ihrem Wunsch, an den Ermittlungen beteiligt zu werden, Nachdruck zu verleihen. Aber solche grenzüberschreitenden Ermittlungen erfordern nun einmal im Vorab einen Wust an Formalitäten.“

„Dachte ich mir schon“, warf der Hauptkommissar wenig begeistert ein.

„Nicht gleich den Kopf hängen lassen, Steiner. Die Sache konnte erheblich abgekürzt werden, denn Dieter Werle telefonierte heute Morgen in meinem Beisein mit dem Innenministerium in Düsseldorf. Als meinte es die Göttin Fortuna mal wieder besonders gut mit Ihnen, hält sich unser Innenminister doch just heute zu einer Arbeitsbesprechung mit seinem luxemburgischen Amtskollegen im Großherzogtum auf. Die Angelegenheit ist binnen einer halben Stunde auf höchster Ebene in Ihrem Sinne bewilligt worden.“

„Dass so etwas funktionieren kann, hätte ich nicht gedacht“, staunte Harald.

„Wie dem auch sei. Ich schicke Ihnen noch heute jemanden mit der Akte Wagner nach Luxemburg. Diese Person wird Ihmen dann in den folgenden Tagen assistieren.“

Der Umstand, nicht sofort den Namen dieser „Person“ genannt zu haben, verunsicherte den KHK. „Wer soll denn hierher kommen?“ fragte er, Schlimmes befürchtend.

„Frau Mink“, antwortete Strasser nach einigem Zögern.

„Was soll ich mit der Mink hier anfangen? Und wozu sollte ich überhaupt Unterstützung benötigen?“ brachte Harald mit bebender Stimme hervor, wobei ihm selber nicht klar war, ob dieses Bebende in seiner Stimme durch Verärgerung oder von Angst verursacht wurde.

„Das mit einem Assistenten war eine Bedingung von ganz oben. Die wollen nicht, dass Sie unkontrolliert Ihre Rambomethoden in einem Nachbarstaat austoben. Dass Sie sich trotz eines Kollegen wenig darum scheren werden, ist mir klar, denen aber nicht. Dass ich Ihnen Frau Mink beiordne, dafür haben Sie selber den Grundstein gelegt, weil Sie ihr vor Ihrer Abreise in den Urlaub nur Kinderkram aufgegeben haben, den sie längst bewältigt hat, während Schmidt und Frisch noch vollauf mit der Abwicklung Ihrer Order zu tun haben.“