Dummes Mädchen, schlaues Mädchen - Ein Fall für Harald Steiner - Ansgar Morwood - ebook

Dummes Mädchen, schlaues Mädchen - Ein Fall für Harald Steiner ebook

Ansgar Morwood

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Opis

Eine junge Frau wird ermordet. In den Medien findet dieser Fall große Beachtung. Die Ermittlungsbehörden werden mit Hinweisen aus der Bevölkerung regelrecht bombardiert. Dann wird der Mörder ermordet und der Freund der Toten wird erpresst. Auch der Erpresser wird ermordet. Aber die Erpressung geht weiter, und die Morde auch ... Wieder einer dieser undurchsichtigen Fälle, mit denen Harald Steiner, Hauptkommissar des K2 Köln, konfrontiert wird. Er ermittelt.

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MOBI

Liczba stron: 572




Imprint

Dummes Mädchen, schlaues Mädchen – Ein Fall für Harald SteinerAnsgar MorwoodCopyright: © 2013 Ansgar Morwoodpublished by: epubli GmbH, Berlinwww.epubli.deISBN 978-3-8442-6278-0

Personenregister

Harald Steiner: Hauptkommissar des K2 Köln

Kurt Remich: Hauptkommissar des K3 Köln

Patricia Unkel: Leiterin des Morddezernats Köln

Monika Steiner-Mink: Kriminalassistentin und Ehefrau Harald Steiners

Ralf Frisch: Kommissar des K2 Köln

Heinz Schmidt: Kommissar des K2 Köln

Hubert Lang: Oberkommissar des K3 Köln

Gerd Lämmle: Kommissar des K3 Köln

Friedhelm Zinnen: Kommissar des K3 Köln

Alfred Boomberg: Leiter der Spurensicherung

Ernst Lambrecht: Rechtsmediziner

Angela Jahn: Frisöse und erstes Mordopfer

Heiko Nille: Autohändler und Lebenspartner Angela Jahns

Arnold Bente: Inhaber einer Versicherungsagentur

Maike Gröbe: Exfreundin Heiko Nilles

Aischa Bente-Gül: Ehefrau Arnold Bentes und Exfreundin Heiko Nilles

Helga Bode: Exfreundin Heiko Nilles

Tarek Khan: Pakistani und zweites Mordopfer

Jenny Mombach: Bekannte Angela Jahns seit frühester Kindheit

Peter Jahn: Vater Angela Jahns

Simon Jahn: Bruder Angela Jahns

Karl Engel: Wirt des „LUGANO“

„Ernesto“: Handlanger Arnold Bentes

„Julio“: Handlanger Arnold Bentes

Mehmet Gül: Vater von Aischa Gül-Bente

das Ehepaar Zeisler: Arbeitgeber von Angela Jahn

Klaus Schulze: Freund Heiko Nilles

Werner Hohenberger: Freund Heiko Nilles

Orte der Handlungen

Überwiegend Köln. Ansonsten Düsseldorf, Bonn, Solingen, Kassel

1. Angerempelt

Haben wir alle so etwas nicht schon einmal erlebt? Da wird man von jemandem angerempelt, und dieser jemand regt sich lauthals darüber auf, wir seien es gewesen, die ihn angerempelt hätten. Meistens handelt es sich dabei um Typen, die entweder Streit suchen, oder die irgendwie zumindest vorübergehend aus ganz anderen Gründen als des Anrempelns wegen auf jede unerwartete Unregelmäßigkeit gereizt reagieren. Wie dem auch sei, man ärgert sich über solche Menschen und hat automatisch die Neigung, den Vorgang ins rechte Licht rücken zu wollen oder zu müssen, weil man sich als zu Unrecht verdächtigt empfindet. Letzteres ist ein ganz normaler, den Menschen angeborener Reflex, der allerdings oft zur weiteren Eskalation beiträgt und nur in den seltensten Fällen zu einer Klärung der Ursachen. Doch es gibt auch Situationen beabsichtigten Anrempelns, die von ihren Verursachern aus ganz anderen Gründen herbeigeführt werden und die nicht in ein sich anbahnendes, unfruchtbares Wortgefecht münden sollen. Nicht selten geht es dabei mehr um das Anbahnen einer Beziehung, zumeist einer Beziehung der gesellschaftlichen oder der geschäftlichen Art. Die ersten Folgen werden in solchen Situationen Entschuldigungsbekundungen des Verursachers dieses Ungemachs sein, gefolgt von weiteren Versuchen der Annäherung.Nebst dem Anrempeln aus Unachtsamkeit ohne weitere Folgen gibt es also noch mindestens drei Varianten wohl oder nicht beabsichtigten Anrempelns mit wohl oder nicht beabsichtigten Folgen, die da wären: Streit suchen, Gereiztheiten austoben oder Beziehungen anbahnen.In Angela Jahns Leben sollten zwei Spielarten dieser Rempeleien eine besondere Wendung für sie nehmen. Genauer gesagt, zumindest eine davon, wenn nicht sogar beide, sollten zu ihrer Ermordung führen.Angela Jahn (23) war seit zwei Jahren Frisöse in einem Kölner Haarstudio und bewohnte seit ihrer Einstellung eine Zweizimmerwohnung im Stadtteil Niehl. Das Blondchen war hübsch und von zierlicher Gestalt, hätte gewiss keine Probleme gehabt, Männer in ihr Bett zu bekommen, und war eigentlich kein Rührmichnichtan, eher nur etwas misstrauisch gegenüber ihr zu nahe kommenden Personen. Man könnte es als eine Art von Schüchternheit bewerten. Wahrscheinlich fürchtete sie sich vor allem Fremden, weil sie selber als Fremde in die Großstadt gekommen war. Wie die meisten jungen Leute strebte sie innerlich danach, sich ein Leben nach einer eigen erdachten Idealkonstellation aufzubauen. Angela malte sich aus, eines Tages eine berühmte oder zumindest allgemein als erfolgreich wahrgenommene Hairstylistin mit einem eigenen, gut gehenden Frisiersalon in zentraler Lage zu sein, mit einem netten, erfolgreichen, liebevollen Ehemann an ihrer Seite, der in einer anderer Branche gutes Geld verdient, mit einer tollen Villa vor den Toren der Stadt, - ihr war es ziemlich egal, welche Stadt das sein würde -, in deren gepflegten Garten ihre Kinder unbeschwert spielen würden und sie zum Feierabend am Swimmingpool ihren Gatten verwöhnen und sie sich von ihm verwöhnen lassen wollte. Aber der Weg bis dort, so wusste sie, war weit, vielleicht sogar zu weit. Aus eigener Kraft und Anstrengung war dieser Weg eher nicht zu bewältigen.Die Eltern besaßen ein Häuschen in einem Kasseler Vorort und waren, wie man so schön zu sagen pflegt, finanziell abgesichert, aber keinesfalls reich. Vater und Mutter hatten ihren Kindern immer wieder nahegelegt, ihnen über das Studium oder die Lehre hinaus keine weiteren finanziellen Unterstützungen angedeihen lassen zu können oder zu wollen. Zudem war es aus zweierlei Gründen recht witzlos, von dieser Seite her eine große Erbschaft zu erhoffen. Die Eltern waren beide noch keine sechzig und noch recht vital. An Erben war also vorerst gar nicht zu denken. Und betrachtete man nüchtern, was Haus und Inventar faktisch an Wert hergaben, zählte man die Guthaben hinzu, teilte man das Ganze durch die vier erbberechtigten Kinder, wäre ohnehin nie mehr als eine Viertelmillion pro Kind dabei herausgekommen. Natürlich wären eine Viertelmillion Euro jetzt für die junge Frau eine gute Starthilfe in die Selbständigkeit gewesen, jedoch nicht mehr als das und noch weit weg vom anvisierten Ziel. Überhaupt hätte sich Angela äußerst unwohl gefühlt, - sollten ihre Eltern denn doch unverhofft früh fast gleichzeitig das Zeitliche segnen -, ihren Anteil des Erbes in ein Projekt zu stecken, das vielleicht gar nicht vom Boden kommen würde. Und den Tod wünschte sie ihren Eltern, die sie und ihre Geschwister so liebevoll umhegt und erzogen hatten, bestimmt nicht.Als Frau, die sich dessen bewusst war, kaum Chancen zu haben, als ausschließlich durch eigenen Fleiß ans Ziel zu kommen, und die sich auch keinen sonstigen unerwarteten Geldsegen erhoffen darf, sah Angela ihr Fortkommen nur in der Förderung durch einen Mäzen. Ihr momentaner Chef, ein Frisörmeister, der entgegen der landläufigen Meinung, alle männlichen Coiffeure seien schwul, nicht homosexuell war, schätzte ihre beruflichen Fähigkeiten sehr, hätte ihr aber bestimmt keine Starthilfe gegeben, um sich seine eigene Konkurrenz aufzubauen. Es war ihm klar, dass eine Neustarterin aus dem Bestand des Personals des eigenen Salons sich immer auch den ersten Kundenstamm aus eben diesem Salon rekrutieren wird. Ohnehin gab es Salons dieser Art bereits mehr, als es dafür Bedarf gab, da so ungefähr jeder Haarschneider und jede Haarschneiderin, wenn nicht ein eigenes Geschäft aufmachte, doch so nebenher noch schwarz tätig war.Aus der Perspektive heraus, überhaupt jemandem eine Investition in dieser Branche schmackhaft machen zu wollen, grenzte ans Kämpfen gegen Windmühlen. Was die Kreditvergabe der Banken anging, sah es diesbezüglich nicht besser aus. Jeglicher einem Kreditbearbeiter vorgelegter Geschäftsplan wäre ob des Überangebots im Metier gescheitert. Was blieb, war ein reicher Gönner aus Sympathie oder überschwänglicher Überzeugung vom Können seines Schützlings. Aus der Sicht der Jahn also ein Mann mit Geld, der sich wohl nur ehelich an sie binden lassen würde. Ein solcher Mann sollte ihr doch tatsächlich unerwartet über den Weg laufen, womit wir bereits bei der ersten Rempelei angelangt wären, die Angelas Leben so dramatisch ändern sollte.Heiko Nille (28) war nach außen hin der Urtyp aller Playboys. Braungebrannt, immer leger, aber teuer eingekleidet, im Besitz eines Porsche Cabrio, athletisch gebaut, groß gewachsen und privat ziemlich leichtsinnig im Umgang mit Worten. Auf Anhieb und ohne weiteres Hintergrundwissen gefragt, hätte man seinen Beruf mit „Sohn“ zu benennen gewagt. Sohn war er natürlich sehr wohl, allerdings nicht von betuchten Eltern. Sein Vater bezog eine bescheidene Invalidenrente, und seine Mutter jobbte als Schreibkraft für eine Personalverleihfirma mal hier, mal dort, war aber zumeist zur Hausarbeit im eigenen Heim verdammt.Der zweite Gedanke, den man haben würde, wäre der, Heiko habe sein großes Geld mit Börsenspekulationen gemacht. Immerhin war es schon recht auffallend, wie oft er zu Tageszeiten, an denen andere in der Regel ihrer Arbeit nachgingen, in snobistischen Etablissements herumlungerte. Doch Heiko hatte gar wenig Ahnung von den Mechanismen, die in der Welt der Börsen, Banken und Investmentfonds herrschten.Die Herkunft seines Geldsegens war von weitaus obskurerer Art. Sein Startkapital waren geklaute Autos gewesen. Kaum hatte er mit 18 seinen Führerschein gemacht, waren Autos sein ein und alles geworden. In dieser Hinsicht unterschied er sich kaum von gleichaltrigen Jungs, und er hatte natürlich in seinem gleichaltrigen Bekanntenkreis genug Ansprechpartner zu diesem Thema gefunden. Mit einigen von ihnen hatte er dann auch das erste Auto geknackt. Es war ein Mercedes Sportcoupé gewesen, das sein Eigentümer erst am selben Tag erworben hatte. Es war Heiko und seinen beiden damaligen Kumpanen nur darum gegangen, einen tollen fahrbaren Untersatz für eine Spritztour nach Gelsenkirchen zur Verfügung zu haben. Dort fand regelmäßig ein Gebrauchtwagenmarkt statt. Sie hatten ihr Geld zusammengelegt, mit der Absicht, irgendeinen alten amerikanischen Schlitten billig zu erwerben, den sie dann aufmotzen wollten, um an den Wochenenden bessere Chancen zu haben, Girls „aufreißen“ zu können. Den Mercedes hatten sie sich für diese Fahrt ausgewählt, um bei potenziellen Verkäufern einen besseren Eindruck zu schinden. Das gestohlene Gefährt war nicht mehr ganz neu gewesen, durfte es auch nicht sein, weil die Jungs sonst nicht in der Lage gewesen wären, die Wegfahrsperre und die Alarmanlage zu überlisten. Aber die Kiste sah verdammt gut aus. Wäre alles nach Plan gelaufen, hätten sie den Mercedes in Gelsenkirchen stehen gelassen und wären mit der Amischleuder und roten Schildern, die sich einer der drei bei einem Bekannten geborgt hatte, wieder nachhause gefahren. Sie waren dann nicht mehr dazu gekommen, ihr Wunschauto zu erwerben.Kaum waren sie an dem Platz, wo die Autos angeboten wurden, ausgestiegen, wurden sie von drei Männern in schwarzen Lederjacken angesprochen. Sie hatten im ersten Moment die panische Befürchtung gehabt, die Polizei sei doch fixer als vermutet gewesen, aber diese drei Typen sprachen ein solch gebrochenes Deutsch, dass man sie bei aller Fantasie nicht für deutsche Bullen halten konnte. Tatsächlich wollten die drei Osteuropäer den Mercedes kaufen. Nur so zum Scherz waren die kleinen Autodiebe darauf eingegangen, und die drei Polen konnten nicht merken, dass dieses Auto geklaut war, denn nach dem Aufbruch hatten die Jungs doch prompt ein vom Besitzer aus Unachtsamkeit zurückgelassenes Mäppchen mit einem Set Ersatzschlüsseln und sämtlichen Fahrzeugpapieren im Handschuhfach vorgefunden. Und plötzlich war der Deal perfekt. Aus Angst, die Polen könnten alsbald auf die Unrechtmäßigkeit des Handels stoßen, hatten es Heiko und seine Freunde vorgezogen, Gelsenkirchen umgehend per Bahn wieder zu verlassen. Allerdings war damals insbesondere die Grundidee seines späteren Geschäftsbereiches geboren worden: Der Handel mit gestohlenen Autos. Diese Idee hatte er im Laufe der Jahre immer weiter zu verfeinern verstanden. Er hatte seine Beziehungen auf- und ausgebaut, eine für die Steuern kaum durchsichtige Fassade aufgebaut und auch seinen gesamten Bekanntenkreis über seine echten Geschäfte zu täuschen vermocht. Bevor er Angela begegnete, war er schon lange über die Phase hinaus, selber noch Autos knacken und gegebenenfalls in Einzelteile zerlegen zu müssen. Er managte inzwischen seine Transaktionen und Aktionen per Telefon, Handy oder Internet, ohne sich noch die Finger direkt schmutzig machen zu müssen.Die Begegnung Nilles mit der Jahn durch Anrempeln war von Heiko durchaus gewollt herbeigeführt worden. Nille bewohnte die ganze erste Etage einer feudalen Villa in der Lindenallee im Stadtteil Marienburg. In der nahe gelegenen Bonner Straße befand sich der Frisiersalon, in dem Angela arbeitete. Gleich neben dem Salon gab es eine Bar, die in den guten Jahreszeiten auch im Außenbereich Tische und Stühle aufgestellt hatte.Heiko verkehrte des Öfteren hier, und ihm war das hübsche Blondchen im Salon schon mehrfach aufgefallen, wenn auch nur im Vorübergehen. Ganz am Anfang hatte er einen guten Grund, ihr nicht näher zu kommen, denn seine damalige Lebenspartnerin Helga Bode (26) duldete keine Seitensprünge, und er wollte Helga nicht verlieren. Doch Ende April hatte er tüchtig Zoff wegen der Planungen zu einer Urlaubsreise mit ihr gehabt, der unsinnigerweise eskalierte, und sie war ausgezogen. Vorübergehend, nahm er an. Aber als sich der Zwist Mitte Mai immer noch nicht wieder eingerenkt hatte, betrachtete Heiko die Beziehung für beendet und sich selber wieder als frei.An einem sonnigen Nachmittag im Spätmai ergab es sich, dass Angela früher Feierabend machte als sonst, weil sie noch einige Einkäufe erledigen wollte. Heiko saß auf der Terrasse vor der Bar und trank einen der teuren hauseigenen Shakes, als sie aus dem Salon trat. Jetzt oder nie, dachte Heiko. Er stand auf und ging, offenbar ohne Acht auf die seinen Weg zu seinem am Straßenrand geparkten Porsche kreuzenden Fußgänger zu geben, über den Bürgersteig und stieß mit Angela Jahn zusammen. Dabei fiel Angela, die selber nicht besonders achtsam gewesen war, weil sie telefonierte, das Handy zu Boden. Besser hätte es für Heiko nicht passieren können, denn nun hatte er nicht nur einen Grund, sich ausgiebig zu entschuldigen, sondern er war verpflichtet, den entstandenen Schaden wieder gutzumachen.„Oh! Entschuldigen Sie gnädige Frau,“ reagierte er, bevor Angela eine erste Äußerung der Entrüstung von sich geben konnte. „Das war jetzt aber nur meine Schuld.“ Er bückte sich und hob das Handy auf, das er sodann an sein Ohr hielt.„Ist es kaputt?“ fragte Angela, immer noch über den Zusammenstoß leicht benommen.„Kann ich so nicht sagen,“ gab sich Heiko besorgt. „Aber selbst wenn man damit noch telefonieren kann, können andere Funktionen in Mitleidenschaft gezogen worden sein.Ich werde Ihnen das Gerät natürlich umgehend ersetzen. Wichtiger ist, dass Ihnen nichts geschehen ist.“„Sie sind zwar eine Spur größer als ich,“ konterte die junge Frau nun schon etwas keck, „aber umgehauen haben Sie mich nicht.“Was nicht ist, kann noch werden, dachte Nille und eröffnete die zweite Phase seiner Offensive. „Ich saß gerade hier auf der Terrasse und wollte mir nur eben meine Zigaretten aus meinem Auto holen.“ Sein Finger schnellte in die Richtung des Cabrios mit geöffnetem Verdeck, - ein unmissverständlicher Hinweis darauf, wo man in etwa seine gesellschaftliche Position einzuordnen hatte, und für die meisten jüngeren Vertreterinnen des weiblichen Geschlechts hatte das etwas Unwiderstehliches an sich.„Wenn Sie etwas Zeit haben, würde ich Sie gerne zu einem Drink einladen und Sie dann zu einem Elektrofachgeschäft fahren, wo Sie sich ein neues Handy nach Ihrer Wahl auf meine Kosten aussuchen dürfen.“„Na, Sie scheinen sich eine Anmache aber einiges kosten zu lassen,“ erwiderte sie, konnte sich aber gedanklich nicht der Hoffnung erwehren, soeben ihrem Mäzen über den Weg gelaufen zu sein oder umgekehrt er ihr. „Aber Sie haben Recht. Auf den Schreck würde ich gerne einen Martini trinken, und wenn ich es mir recht überlege, ist es doch angenehmer, mit einem Cabrio in die Stadt chauffiert zu werden, statt den Bus zu nehmen.“Wohl überflüssig zu erläutern, dass sich in den nächsten Stunden beide alle Mühe des sich näher Kennenlernens gaben. Die eine suchte ihren Gönner an sich zu binden, der andere den Ersatz für seine Verflossene. Weil das auf Anhieb miteinander kompatible Einstellungen waren, bahnte sich das Verhältnis besonders schnell an. Schon zwei Wochen später zog Angela bei Heiko ein. Im Sommer flogen sie gemeinsam in die Karibik in Urlaub, und schon im Herbst gingen sie auf die Suche nach einem geeigneten Geschäftslokal für Angelas eigenen Coiffeursalon. Was er beruflich so trieb, verheimlichte er ihr. Nach seinem Geschmack, hatte er seinerzeit Helga zu viele Einsichten gewährt. Angela wusste nicht mehr über seine Geschäfte, als dass er Autos en gros vermarktete, und sie wollte auch nicht mehr darüber wissen. Es gefiel ihr, dass er viel Geld nur mit Telefonaten und Computerklimpereien verdiente. Manchmal bekam sie mit, dass es dabei auch schon mal gereizt herging, aber das tangierte ihre Beziehung nicht weiter. Sie schwelgte in der für sie neuen Atmosphäre des Jetsets. Sie hielt diesen Lebensstandard jedenfalls schon für das höchst Erreichbare. Hier ein Cocktailabend, dort ein Dinner und so weiter. So ließ es sich leben. Sie ahnte nicht, wie nahe sie schon dem Tode war.Im November hatte sie endlich ein ihr genehmes Geschäftslokal in Bayenthal gefunden und angemietet. Sie hatte beschlossen, erst im März, pünktlich zum Beginn des Frühjahrs, zu eröffnen. Für sie brach eine hektische Zeit an, in der sie alles bis aufs I-Tüpfelchen vorbereitet wissen wollte. Die Formalitäten waren noch die unwesentlichsten Dinge, der sie sich zu widmen hatte. Da sie bereits den Meisterbrief besaß, bildete das Genehmigungsverfahren wenig Mühe. Wichtigere Eckpunkte waren die Einrichtungsgegenstände, die Gestaltung, das Geschäftskonzept, die Kontrakte mit exklusiven Zulieferern, die richtige Strategie zur Einführung auf dem Markt und natürlich die Anwerbung des geeigneten Personals. Ihre bisherige Stelle hatte sie auf Halbtags heruntergefahren und bereits ihre definitive Kündigung zum Letzten des Februars ihrem Chef mitgeteilt. Der bedauerte zwar, eine seiner fähigsten Angestellten zu verlieren, schöpfte aber nicht den geringsten Verdacht, sie könnte sich selbständig machen und das zudem nur mal gerade einige hunderte Meter weiter dieselbe Straße aufwärts, gleich hinter dem Kreisverkehr.Heiko war seiner neuen Freundin organisatorisch nur beim Ausspähen der richtigen Räumlichkeiten an der richtigen Stelle behilflich gewesen. Finanziell sicherte er ihre Planungen durch Bankbürgschaften und einem kleinen Privatkredit ab. Alles Weitere überließ er ihr. Er meinte, sie würde schon genauestens wissen, was von Nöten sei, und sie war ihm für sein Vertrauen sehr dankbar. Es war wohl einer der seltenen Fälle, in denen ein Günstling seinen Gönner auch wirklich zu lieben lernte. Sie witterte nicht das Unheil, das sich über seinem Kopf zusammenbraute, das sie als erstes Opfer in den Abgrund reißen sollte. Oder hatte ihre Ermordung am Ende doch nichts mit seinen dunklen Geschäften zu tun?Jedenfalls hatte Heiko seit dem Sommer mit immer mehr Ungemach zu kämpfen. Es gab Leute, die Geld von ihm haben wollten, aber er wusste nicht, wer diese Leute waren und woher sie ihre Informationen bezogen. Nicht einmal die Steuerprüfer hatten bei ihm Unregelmäßigkeiten entdecken können. Wie also sollten ihm andere auf die Schliche gekommen sein? Polizeifahndern hätte er das vielleicht noch am ehesten zugetraut. Aber bei ihm war nie Polizei auf der Matte gewesen. Folglich kamen auch keine korrupten Bullen in Betracht. Was seine Geschäftspartner anging, war für diese eine Transparenz seiner Methoden ebenfalls nicht nachvollziehbar. Wer die Autos besorgte, wusste nicht, wer sie übernahm, wer sie weitertransportierte, wusste nicht, wer sie bekam. Insbesondere wusste aber niemand außer ihm selber, wie die gesamte Kette funktionierte. Sogar seine beiden Freunde, mit denen er damals das Mercedes Coupé gestohlen hatte, die auch heute noch in seinem System mitmischten, kannten nicht alle Details, die relevant gewesen wären, ihm seine unlauteren Geschäfte nachweisen zu können. Auf eine umsichtige Weise hatte Heiko seiner Freundin niemals den Eindruck vermittelt, mit diesen neuen Ärgernissen konfrontiert zu werden. In der Beziehung war Helga weitaus intuitiver veranlagt gewesen. Sie hätte sofort gemerkt, dass etwas im Argen lag, und wahrscheinlich hätte sie sogar rausbekommen, was es war. Das brachte Heiko zeitweilig auf den Gedanken, die Erpressung könnte auf Helgas Mist gewachsen sein. Dieser Verdacht war nicht vollends aus der Luft gegriffen, denn Helga hatte ein BWL-Studium absolviert, betrieb eine eigene Unternehmensberatungsfirma und hatte fast drei Jahre mit ihm zusammengelebt. Sie hatte immer Zugang zu seinen Unterlagen gehabt und verfügte über die Begabung, Dinge zu durchschauen, die andere nicht zu durchschauen vermochten. Er hatte sie zwar nie komplett über seine Deals eingeweiht, aber immerhin über einige ihrer Facetten. Diese Facetten reichten nicht aus, alles durchblicken zu können, hatte Helga nach ihrer Flucht aber genügt, so etwas wie Unterhaltszahlungen von 2.000 Euro pro Monat bei ihm einzufordern. Mit ein wenig Fantasie könnte sie mit der Zeit eine Spur dreister geworden sein, vielleicht sogar dreister, als er es ihr zugetraut hätte. Dem sprach aber der Umstand entgegen, dass die Erpresser über Einzelheiten Bescheid wussten, in die Helga bestimmt nie Einblick gehabt hatte. Ihr Poker beruhte bislang im Wesentlichen nur auf der Differenz zwischen seinem Lebensstandard und seinem offiziellen Einkommen, weniger auf den Hintergründen. Wie dem auch sei, die Apanage für Helga war ein Flohschiss gegenüber der Forderung dieser Erpresser. Die lautete, jeden Monat 50.000 Ocken abzudrücken. Sogar diese Summe schien gut errechnet zu sein. Heikos Gewinne aus Schwarzverkäufen liefen laut seinen eigenen statistischen Erhebungen auf etwa gemittelt 65.000 aus. Die Raffinesse, die sich hinter dem geforderten Betrag verbarg, lag wohl darin, dass 15.000 nebenher zu kassieren, noch immer besser ist, als in den Knast zu wandern. Allerdings würde ein Einlenken seinerseits bedeuten, seine gesamte Lebensplanung auf den Kopf zu stellen.Er war jetzt achtundzwanzig. Spätestens mit vierzig wollte er sich endgültig zur Ruhe setzen. Laut seinen Berechnungen seines offiziellen Einkommensbildes, hätte ihm das dann jedes Finanzamt als realistisch abgekauft, wenn er seine Firma auch noch auf Papier günstig verscherbeln würde, und er hätte real noch über etwa 15 Mio. Euro weiteres Kapital an unehrlich erworbenem Geld verfügt, also in Saus und Braus leben können, noch viele Jahre, bevor er am Stock gehen müsste. Und wer konnte schon wissen, wie lange diese Ganoven diese Erpressung durchführen wollten? Das war nach Adam Riese solange möglich, wie er seine Nebengeschäfte betrieb und darüber hinaus die fünf oder gar zehn Jahre potenzieller gesetzlich fiskaler Verfolgung. Unter dem Strich konnten diese Schmarotzer ihm alles, was er nebenher angespart hatte, wegnehmen, bevor er selber davon zu genießen beabsichtigte. Keine schönen Aussichten, allerdings auch nichts, was er vielleicht noch verhindern oder teilweise umgehen konnte. Ihm schwebte eine Alternative vor, die schlichtweg auf der geographischen Verlagerung seines Tätigkeitsfeldes bei gleichzeitigem Zurückfahren seiner Tätigkeiten im Großraum Köln-Düsseldorf-Dortmund fußte. Eventuell würden die Erpresser ihren Aktionismus dann auch allmählich zurückfahren, er, Heiko, aber weiter agieren können, ohne dass diese Lumpen ihm ins Handwerk pfuschen konnten.Doch alles kam anders.

Mittwoch, der Todestag von Angela Jahn

„Sonderbar! Sehr sonderbar!“ sprach Hauptkommissar Harald Steiner. Er, seine Assistenten Ralf Frisch und Heinz Schmidt, sowie der Leiter der Spusi, Alfred Boomberg, standen in einer von der Polizei abgesperrten Zeile der Schildergasse vor der am Boden liegenden Leiche einer jungen Frau. Neben ihr kniete der Gerichtsmediziner Ernst Lambrecht und schüttelte den Kopf. „Ins Herz hat er ihr nicht gestochen. Sie ist aber trotzdem an Herzversagen gestorben,“ erklärte er. „Das dürfte eine Schockreaktion ihres Körpers gewesen sein. Die drei Stiche wären initial nicht tödlich gewesen, wenn man die Blutungen rechtzeitig gestoppt hätte. Obwohl, dazu hätte es eines gut geschulten Chirurgen gleich nach dem Attentat bedurft. Mehr als drei bis fünf Minuten ohne Versorgung nach dem Angriff hätte sie ohnedies nicht überlebt. Dafür wäre der Blutverlust zu groß gewesen. Meines Erachtens waren die Stiche deutlich auf das Herz gemünzt, aber hätten auch beim Verfehlen dessen immer zum Tode führen müssen, wenn nicht sofort jemand zur Stelle war, der die Blutungen zu unterbinden wusste.“„Ein Profi also?“ wollte es Steiner genau wissen.Lambrecht hob die Arme, während er sich aufrichtete, und ließ sie wieder sinken. „Nicht unbedingt. Aber gewiss wusste der Kerl, was er tat, und zumindest theoretisch, wie er es zu tun hatte.“Harald wandte sich Kommissar Frisch zu. „Und diese Chose ist allen Ernstes gefilmt worden?“Frisch musste leicht beschämt grinsen. „Sie kennen doch diese Touristen. Wo sie stehen, wo sie gehen, alles muss für die Daheimgebliebenen auf Film gebannt werden. Sehen Sie selber, was das ältere Ehepaar da aufgenommen hat.“ Ralf hielt seinem Chef die kleine Videokamera hin und ließ die entsprechende Sequenz abspielen, deren wichtigster Teil noch keine acht Sekunden in Beschlag nahm. Offenbar hatte der holländische Tourist nur vorgehabt, seine Frau zu filmen, doch im Hintergrund lief das bedeutsamere und dramatischere Geschehnis ab. Da die Schildergasse Bestandteil der Fußgängerzone der Kölner Altstadt war, reichte der Lärm, sich unterhaltender Passanten vollends aus, die Wiedergabe der Mordtat ausschließlich auf der visuellen Ebene festzuhalten. Das Opfer schien gemächlich der Straße von östlicher Richtung her zum Neumarkt hin dahergeschlendert zu kommen, als ein offenbar junger Mann auf sie zueilte, sie anrempelte, sie anbrüllte, ihr eine Ohrfeige verpasste und sodann mit einem Messer dreimal heftig auf ihren Oberkörper einstach. Sie sank zu Boden, und der Mörder verschwand in die angrenzende Antonsgasse. Wo der Mord geschah, war es wegen diverser Beleuchtungsquellen relativ hell und die Straße recht belebt gewesen. Demzufolge glaubte Steiner: „Dann werden wir ja jetzt Zeugen ohne Ende haben.“ „Zeugen, ja,“ bekundete Frisch. „Ich befürchte nur, dass die wenig vom Geschehen mitbekommen haben. Der Kerl hat die Frau beschimpft. Einige wollen gehört haben, wie er ihr lauthals vorgeworfen habe, ihn angerempelt zu haben, ihr dann aber auch gleich ins Gesicht schlug und das Messer zückte. Dunkler Vollbart, schwarze Lederjacke, Käppi, Bluejeans und weiße Turnschuhe. Nicht gerade sehr individuell. Für das Ausmachen eines spezifischen Akzentes des Täters hatte die Länge seiner Mitteilungen niemandem gereicht. Er hat dem Opfer auch nichts weggenommen, so weit man uns zu berichten wusste. Handtasche, Geld, Schlüssel, Kreditkarten, alles scheint noch vorhanden. Sie heißt übrigens Angela Jahn, 23, stammt aus Kassel und wohnt in Marienburg. Sie wird nicht gerade am Hungertuch genagt haben, wenn ich mich so ausdrücken darf.“„Sind auch alle Zeugen der Tat erfasst worden?“ wollte Harald wissen.„Garantiert nicht,“ erwiderte Heinz Schmidt. „Einige, die das ganze Spektakel fast hautnah verfolgt haben dürften, sind weitergelatscht, als wären sie an einer uninteressanten Schaufensterauslage vorbeispaziert.“„Typisch!“ knurrte der Hauptkommissar. „Die Polizei für jeden Firlefanz herbeirufen, aber wenn es brenzlig wird, weg sehen. Und Sie, Boomberg, was haben Sie mir zu berichten?“„Nichts Gutes,“ antwortete der Spurensicherer. „Sie haben ja das Video gesehen. Das Opfer kam gar nicht mehr dazu, seinen Angreifer irgendwie anzufassen. Rechnen Sie also bitte nicht damit, den Kerl anhand von Haut- oder Stoffpartikeln unter den Fingernägeln der Toten dingfest machen zu können. Es sieht auch nicht danach aus, er könnte hier irgendwo eine Zigarettenkippe runterfallen oder seinen Schuhabdruck hinterlassen haben. So zynisch es klingen mag, aber dieser Unhold hat doch prompt eine der belebtesten Ecken unserer Stadt auserkoren, um nach seiner Bluttat wieder ungehindert unterzutauchen. Wenn die KTU hierzu überhaupt etwas Sinniges zu sagen haben wird, Steiner, dann bestenfalls die Eingrenzung der Art der Stichwaffe. Und glauben Sie mir, sogar das Ergebnis wird Sie ob seiner Mehrdeutigkeit wenig zu erfreuen vermögen.“Steiner hatte sich nicht weiter am Tatort aufhalten wollen. Zeugen, die wie verschreckte Hühner oder wie sich aufplusternde Gockel viel, aber effektiv nichts auszusagen hatten, konnten ihn wenig begeistern. Da hielt er es doch für sinnvoller, in das Milieu einzutauchen, in dem das Opfer verkehrt hatte. Der erste Anhaltspunkt war ihre Wohnadresse in Marienburg. Dort traf er um 19 Uhr abends Heiko Nille an, der sich offenbar gerade ein Fertiggericht in den Backofen geschoben hatte, wie es der Geruch im Flur dem Kriminaler zu vermitteln schien, als ihm die Tür geöffnet wurde.Steiner zückte seinen Dienstausweis. „Kripo Köln, Steiner mein Name. Bin ich hier richtig bei Frau Jahn?“Heiko wusste nicht recht, wie er diesen Überfall zu bewerten hatte, zögerte kurz, meinte dann aber, wenn es um Angela ginge, konnte es ja nicht seine Geschäfte betreffen, obschon er sich kaum vorstellen konnte, dass Angela ins Visier der Kripo geraten sein könnte. Er trat zwei Schritte von der Tür zurück. „Ja, ja, hier wohnt Angela Jahn. Sie wohnt mit mir zusammen, ist aber jetzt nicht da. Ist etwas geschehen?“„Sind Sie mit ihr verwandt?“ Steiner stellte diese Frage, um sich vorzeitig ein Bild davon zu machen, wie niederschmetternd seine Mitteilung auf seinen Gegenüber wirken musste.„Verwandt nicht, aber wir leben zusammen. Aber…“„Ihr Name ist?“ wollte Steiner wissen.„Nille. Heiko Nille. Steht ja auch an der Tür gleich neben Angelas Namen.“„Herr Nille, es tut mir außerordentlich leid, Ihnen mitteilen zu müssen, dass Frau Angela Jahn heute Nachmittag verstorben ist.“ Harald benutzte bei solchen Gelegenheiten lieber das Wort „verstorben“ aus zwei bestimmten Gründen. „Verstorben“ kam im ersten Augenblick milder an als „ermordet,“ und aus der darauf folgenden Reaktion konnte man meistens heraushören, ob der Adressat nicht doch zufällig so etwas wie eine Ahnung dessen haben könnte, was denn die Ursache des Versterbens gewesen war.Nille reagierte jedenfalls nicht wie ein Wissender. „Angela tot?! Wie, was, wo…?“Nun trat der Hauptkommissar in die Wohnung und nahm sich die Freiheit, selber die Tür hinter sich zu schließen. „Wie es scheint, ist sie auf offener Straße von einem jungen Mann grundlos erstochen worden. Aber grundlos… Na ja, wir gehen bei Tötungsdelikten immer zunächst einmal von Vorsatz aus.“ Besonders pietätvoll ging Steiner die Sache nicht mehr an, aber auch Nille schien sich schnell wieder gefangen zu haben, obwohl er das Wort „Mord?!“ noch mit Verblüffung in den Mund nahm. „Wer sollte Angela denn ermorden wollen? Sie hat doch niemandem etwas getan.“„Nun, Herr Nille, wer es weshalb getan hat, wissen wir noch nicht genau, nur dass es sich beim Täter um einen Mann von Anfang zwanzig handelt. Warum er die Tat begangen hat, wissen wir noch weniger. Haben Sie denn gar keinen Verdacht?“„Tut mir leid… Nein, mir fällt wirklich niemand ein, der… Nein, eigentlich hatte Angela kaum Kontakte hier in Köln unterhalten. Sie…“ Heiko brach jegliche weiteren Erklärungsversuche ab.„Auch wenn es Ihnen momentan so kurz nach dieser traurigen Mitteilung schwerfällt, muss ich Sie bitten, zu mir ins Präsidium zu kommen. Wir haben nämlich Aufnahmen vom Vorgang, auf denen man den Täter sehen kann. Vielleicht können Sie ihn ja doch identifizieren. Vielleicht können Sie bei der Gelegenheit dann auch die Tote als Ihre Freundin identifizieren. Können Sie in einer Stunde da sein? Oder soll ich eine Streife vorbeischicken, falls Sie sich noch nicht für befähigt halten, sich selber ans Steuer zu setzen?“Heiko lächelte matt. „Nein, das werd ich schon schaffen.“„Ach ja, bringen Sie bitte auch ein Foto von ihr mit und eines von Ihnen selber. Eventuell benötigen wir die noch bei unseren weiteren Ermittlungen. Steiner überreichte Nille seine Karte und verabschiedete sich. Sein erster Eindruck von Nille war gemischt. Seine Irritation über den Tod der Jahn war nicht gespielt, doch die Geschwindigkeit, mit der er sich über diese Irritation hinwegsetzte, war schon recht erstaunlich. Eigentlich hätte er den jungen Mann gleich mitnehmen können. Aber die halbe Stunde, die er vor ihm im Präsidium sein würde, wollte er nutzen, um mal nachzusehen, ob und was über Heiko Nille und Angela Jahn in den Akten stand. Inzwischen, so hoffte er, würde Frisch mit den Aufnahmen, die der Tourist vom Geschehen gemacht hatte, auch dort eingetrudelt sein.“So war es dann auch. Frisch erhielt sofort von seinem Chef die Order, die gewünschten Angaben herauszusuchen und wurde rasch fündig. Zwar war Heiko Nille in den letzten zehn Jahren nicht auffällig geworden, doch vor zehn Jahren, also noch vor seiner offiziellen beruflichen Karriere, war das wohl einmal der Fall gewesen. Er war auf frischer Tat beim Aufbrechen eines PKW ertappt worden. Da man seine Beteuerung, er habe nur das Autoradio mitgehen lassen wollen und keineswegs das ganze Auto, nicht widerlegen konnte und er keine Vorstrafen gehabt hatte, war er mit einer Bewährungsstrafe davongekommen. Über Angela Jahn gab es weitaus mehr Lektüre. Mit siebzehn soll sie eine Kollegin mit einer Schere angegriffen und verletzt haben. Das war in einem Frisörladen in Kassel passiert, wo beide Mädchen ihre Lehre machten.Die Tat wurde als Affekthandlung bewertet und hatte für die Jahn nur einige Sozialstunden zur Folge gehabt. Doch auch später war sie einige Male zu polizeilichen Verhören geladen worden, weil man sie weiterer aggressiver Handlungen bezichtigt hatte. Diese Verdächtigungen blieben allerdings ausnahmslos ohne Folgen für Angela Jahn. Seitdem Angela nach Köln übergesiedelt war, also seit zwei Jahren, war auch sie nicht mehr auffällig geworden.Für Steiner war die Zeit zu knapp, sich ausgiebig über diese Informationen Gedanken zu machen, denn Nille trudelte zeitiger ein, als es ihm aufgetragen worden war.„Wann haben Sie Frau Jahn zuletzt gesehen?“ fragte Harald.„Heute Morgen um acht beim Frühstück. Dann ist sie zur Arbeit gegangen.“„Sie arbeitete wo und in welcher Funktion?“„Sie ist…war Frisöse im Salon ‚Chez Maître André’ in der Bonner Straße. Halbtags.“„Halbtags, das hieße ja dann, sie dürfte gegen Mittag Schluss gemacht haben,“ hakte Steiner nach.„In der Regel verließ sie den Salon um halbeins,“ sagte Heiko und erklärte in Folge, weshalb Angela nur halbtags arbeitete, dass sie einen eigenen Salon aufbaute und deswegen den Rest des Tages mit den vorbereitenden Maßnahmen beschäftigt gewesen sein dürfte.„Jetzt muss ich Sie etwas fragen, was bei solchen Vernehmungen zur Routine gehört,“ bereitete Harald seine nächste Frage vor, um der dummen Gegenfrage, „Sie verdächtigen doch nicht etwa mich?“ vorzubeugen. „Wie haben Sie den heutigen Tag verbracht?“Nille gab bereitwillig und von sich aus sogar umfassend Auskunft. Bis 10 habe er geschäftliche Telefonate geführt und E-Mails versandt. Um 10 sei er in ein nahe gelegenes Sonnenstudio gegangen. Ab 11 habe er von zuhause aus wieder geschäftlich telefoniert. Gegen zwölf sei er in ein Restaurant zum Mittagessen gewesen. Dann habe er ab etwa halb zwei wieder telefoniert und auf dem Computer rumgeklimpert. Und nein, er hätte Angela an diesem Tag nicht vor 21 Uhr zurück erwartet, weshalb er für sich ein Fischfilet zum Abendessen in den Backofen geschoben hatte, kurz bevor Steiner bei ihm angeklingelt hatte.„Sie sagten, Ihre Freundin habe beabsichtigt, sich selbständig zu machen. Wusste ihr jetziger Chef davon?“ wechselte der Hauptkommissar das Thema.Heiko erklärte, warum „Maître André“ nichts von Angelas Zukunftsplänen wusste, und war sich sicher, dass er es bislang auch nicht anderwärtig erfahren haben dürfte.„Gab es Drohungen gegen Frau Jahn, oder sind Ihnen Leute bekannt, die ihr besonders missgünstig begegnet sind?“ fuhr Steiner fort.Davon war Nille nichts bekannt. Dann wurden ihm die Passagen über die Jahn aus den polizeilichen Akten vorgelesen. Sowohl sein Erstaunen wirkte echt, als auch seine Erwiderung, niemals von diesen Vorgängen etwas gehört zu haben. Also befand es Harald für sinnvoll, Nille in die Gelegenheit zu versetzen, auf seine Art die Person Angela Jahn zu skizzieren. Zusammenfassend liefen Heikos Bewertungen auf ausschließlich positive Begriffe wie empfindsam, leicht schüchtern, lebenslustig, fleißig und ehrlich hinaus. Weiter ging es mit Angelas Verwandtschaft. Ja, Heiko hatte einige Male mit Angela ihre Eltern und Geschwister besucht. Allesamt biedere Leute, meinte er, festgestellt zu haben, die im Übrigen auch keine Einwände gegen Angelas Beziehung zu ihm hatten. Doch dann traf Steiner den wundesten Punkt.„Sie sagten soeben, Sie hätten heute sehr viel Zeit von zuhause aus beruflich telefoniert und am PC verbracht. Was ist denn eigentlich ihr Metier?“Noch konnte diese Frage den jungen Mann nicht aus der Ruhe bringen. „Ich handele in gebrauchten Autos und Autoersatzteilen.“„Von zuhause aus?“ wiederholte sich Harald.„Wir leben in einer Zeit der Telekommunikation und der elektronischen Datenübertragung,“ rechtfertigte sich Nille gelassen. „Da ist es nicht mehr zwingend, sich selber fortzubewegen oder eigene Lagerbestände anzulegen und zu unterhalten, um Geld zu machen.“„Was Sie nicht sagen,“ sprach Harald mit ironischem Unterton. „Wie mir scheint, verdienen Sie ganz ordentlich auf diese Weise. Können Sie mir diese Transaktionen etwas deutlicher darlegen?“Auch das war noch keine echt bedrohliche Frage. Sie war immerhin harmloser, als die, die den Steuerprüfern und sogar Heikos eigenem Steuerberater einfielen. „Es funktioniert ganz einfach. Am besten erkläre ich es Ihnen anhand von Ersatzteilen. Jedes Fahrzeug hat mit der Zeit seine Verschleißerscheinungen, aber nicht jeder Autobesitzer verfügt über ausreichend Geld, sich neue Ersatzteile zu kaufen. Also sieht er sich nach billigeren Alternativen um. Ich kaufe intakte Ersatzteile auf Anfrage auf und verkaufe sie dann weiter. Manchmal lasse ich Unfallfahrzeuge ausschlachten, um an solche Ersatzteile zu gelangen. Ein Frontalzusammenstoß bedeutet, dass die Motorhaube hinüber ist. Aber den Kofferraumdeckel, den kann man vielleicht immer noch verwerten, nicht wahr?“„Das schon,“ wandte der Kripomann ein. „Trotzdem sollte man sich als Zwischenhändler davon überzeugen, ob der Kofferraumdeckel nicht auch etwas abbekommen hat. Wie handhaben Sie so etwas denn, wenn Sie von zuhause aus agieren?“„Nun ja, ich habe da so meine Methoden und Prinzipien. Natürlich kaufe ich keine Unfallfahrzeuge blind von Privatleuten auf. Meine Zulieferer sind schon alle sehr vertrauenswürdige Leute ihres Fachs, die kein Interesse daran haben, mir faule Äpfel zu verkaufen. Schließlich wollen die ja noch mehr Geschäfte mit mir durchziehen.“Steiner beließ es hierbei. Er wusste, dass es einen schwunghaften Handel im Internet mit Ersatzteilen aller Art gab. Aber die Gewinnmargen bei solchen gebrauchten Gütern waren gering, nahm er an, und zum Beispiel Kofferraumdeckel wurden wohl kaum in Dutzenden geordert. Er vermutete etwas Unkoscheres, wusste aber noch nicht, was es sein sollte. Er bat Ralf Frisch, die Aufnahmen von Angelas Ermordung auf seinen Computer zu übertragen. Während Ralf damit beschäftigt war, fragte er Nille, ob er sich überhaupt im Stande fühle, das Ereignis schadlos ansehen zu können. Nille glaubte, der Sache gewachsen zu sein.Während Heiko sich die Aufnahmen ansah, studierte Harald seine Gesichtszüge akribisch. Auch wenn Nille keinen Ton von sich gab, schien er sehr betroffen zu sein. Dann die Frage, ob er den Täter vielleicht erkannt habe. Die wurde mit einem klaren Nein beantwortet. Daraufhin erklärte Steiner die Vernehmung für beendet, und Nille verabschiedete sich.Als dieser gegangen war, sagte Harald mürrisch zu Frisch: „Mit dem Kerl stimmt etwas nicht.“„Glaubst du, er hat mit dem Mord etwas zu tun?“„Das nicht unbedingt. Jedenfalls nicht direkt. Dass er nicht der Mörder ist, davon konnten wir uns ja selber überzeugen. Ich glaube auch nicht, dass er dieses Verbrechen in Auftrag gegeben hat. Dafür wirkte er eine Spur zu aufrichtig mitgenommen. Es könnte aber sein, dass jemand die Tat begangen hat, um ihn zu schocken. Sollte das der Fall sein, hat es am ehesten mit seinen Geschäften zu tun. Die müssen wir auf jeden Fall näher unter die Lupe nehmen. Und noch etwas werden wir tun. Wir werden seine Angaben über seinen heutigen Tagesablauf nachvollziehen. Das heißt, wir fordern auch sämtliche Angaben über die mit seinen Telefon- und Internetanschlüssen getätigten Verbindungen von heute und den letzten paar Wochen an. Was Neues von der Spusi, der KTU oder der Gerichtsmedizin?“„Bedaure, aber so schnell wird’s nicht gehen,“ entgegnete Frisch. „Boomberg wird wohl Recht haben, wenn er meint, keine Spuren des Täters am Opfer finden zu können. Und ’ne Zigarettenkippe wird der Kerl auch nicht kurz vor der Tat weggeworfen haben. Heinz klappert noch die Umgebung des Tatorts nach Augenzeugen und Überwachungsvideos ab. Was wir momentan an Aussagen und Bildmaterial vorliegen haben, ist wenig berauschend.“

2. Heiko Nille im Visier

Erster Donnerstag nach der Ermordung Angela Jahns

Meistens, wenn ein neuer Fall in Angriff genommen werden musste, fand die erste reguläre Arbeitsbesprechung im Büro der Leiterin des Morddezernates, Patricia Unkel, statt. Das war auch an diesem Morgen um halb neun der Fall. Erschienen waren Boomberg, Lambrecht, Steiner, Frisch, Schmidt, Monika Steiner, - Ehefrau und Assistentin Harald Steiners -, der Polizeipsychologe Meyers und natürlich auch die Kriminalrätin, die hier im Prinzip den Vorsitz führte, sich aber in Fällen, die unter Steiners Leitung fielen, lieber kompetenz- und rangmäßig im Hintergrund hielt. Harald legte zunächst sachlich den Vorgang nach den gesicherten Fakten dar, um dann selber die Fragen aufzuwerfen, die bei solchen Ermittlungen immer am Anfang aller weiteren Erörterungen stehen: „Wer kommt als Täter und wer eventuell als Auftraggeber des Mordes in Frage, und was sollte mit diesem Mord bezweckt werden?“ Typisch dieser Hauptkommissar, ließ er keine Zeit verstreichen, auch selber die Antworten anzubieten. „Der per Video erfasste Mörder scheint keinen direkten Bezug zu seinem Opfer zu haben. Er rempelt Angela Jahn an, beschimpft sie nur ganz kurz, aber heftig, haut ihr mit der flachen Hand ins Gesicht und zieht ohne Vorwarnung seinen Dolch, oder welcher Art die Stichwaffe auch sonst gewesen sein mag. Dann flüchtet er in die Antonsgasse, wo sich seine Spur verliert. Er hat sie nicht beraubt. Nach allem, was wir über solche Tathergänge wissen, könnten wir es schlichtweg mit einem Psychopathen zu tun haben. Wäre ihm nicht die Jahn über den Weg gelaufen, hätte es eine oder einen anderen getroffen. Auffallend ist seine Zielgenauigkeit. Alle drei Einstiche galten der Herzgegend. Das widerlegt zwar nicht die Theorie vom Psychopathen, belegt aber die eindeutige Mordabsicht. Interessant sind Ort und Zeitpunkt des Geschehens. Mitten in der belebten Fußgängerzone zu einer Zeit, zu der sich noch massenhaft Menschen dort aufhielten. Auch das würde zu einem Bekloppten passen. Je mehr Publikum, desto größer der Reiz. Gesellt sich hinzu, dass solche Anomalen auf dem Höhepunkt ihres Wahns nicht einmal befürchten, erkannt zu werden, sondern gerade das sogar beabsichtigen. Zig Zeugen, womöglich noch hier oder dort ein mitlaufendes Videoband, das ist für solche Leute fast schon so etwas wie ein Orgasmus. Das Weglaufen ist dann nur noch identisch mit einem kindischen ‚fangt mich doch, wenn ihr könnt’. Die Alternative wäre der berechnete Vorsatz…“„Nichts Neues,“ moserte Patricia. „Dein Steckenpferd sind ja immer schon die vorsätzlichen Morde gewesen.“Harald sah sie herablassend spöttisch an. „Ja, und das immer noch gut begründet. Dieser Heiko betreibt sowieso Geschäfte, die er niemals auf seine Art und erst recht nicht so, wie er sie betreibt, mit Erfolg betreiben kann. Mein Verdacht ist dahingehend, sein Handel basiert auf Illegalität. Bei Handel mit Autoteilen fallen mir weiter unbesehen gleich zwei Dinge ein. Ehemalige Ostblockstaaten und Autodiebstahl. Und wenn wir schon in dem Milieu verkehren, sind Dinge möglich, die bei normalen Transaktionen nicht möglich sind. Kommt hinzu, dass Angela Jahn vor einigen Jahren selber einmal aggressiv in Erscheinung getreten ist und dabei eine Kollegin verletzt hatte. Muss nichts bedeuten, kann aber doch von Relevanz sein. Dann wäre da noch der Umstand, dass die Jahn sich selbständig machen wollte, und das hätte ihrem bisherigen Chef nicht unbedingt gefallen müssen. Realistisch betrachtet, bleibt die Variante des Psychopathen in dieser Phase unserer Ermittlungen im Rennen. Haben wir es aber mit einem hintergründigen Vorsatz zu tun, werden sich unsere Überlegungen zunächst auf das direkte Umfeld Angela Jahns und das Heiko Nilles konzentrieren. Die Motive können Unregelmäßigkeiten in Nilles Geschäften sein, das Geschäftsvorhaben der Jahn oder etwas, was sie aus ihrer Vergangenheit hierher eingeholt hat.“Karl Meyers meldete sich zu Wort. „Wenn es sich bei dem Kerl um einen geistig Verwirrten handelt, dann dürfte er sich sein Opfer sehr bewusst ausgewählt haben. Entweder anhand äußerlicher Merkmale oder aber anhand einer früheren Begegnung. Im ersten Fall hieße das, er hasst Frauen, die wie das Opfer aussehen, im zweiten könnte zum Beispiel verschmähte Liebe im Spiel sein oder ein geringfügiger Vorfall, der vom Täter als gar nicht so geringfügig empfunden worden ist, wofür andere Leute gewiss nicht zu einer Stichwaffe greifen würden. Plastisch ausgedrückt, er könnte sich über einen ihm nicht genehmen Haarschnitt aufgeregt haben, den sie ihm verpasst hat, oder darüber, dass sie ihren Hausmüll nicht ordnungsgemäß getrennt hat. Gefällt ihm der Typ Frau nicht, weshalb er Frau Jahn tötete, dürfte er Frauen mit ähnlichem Aussehen auch vorher schon ein oder mehrere Male angegriffen haben, jedoch mit Gewissheit wird er es in Zukunft wieder tun, wenn das hier seine erste Tat aus diesem Grunde war. Das Interessante an solchen Psychopathen ist, dass sie durchaus berechnend vorgehen können, obwohl ihre Triebfeder irrsinnig ist.“Hierzu meinte Monika: „Wenn er bereits zuvor auf Frauen, die Angela Jahn ähnlich sehen, Attentate verübt hat, müsste das doch aktenkundig sein.“„Ganz recht,“ stimmte ihr Meyers zu. „Auch ohne großes Beschauen kann ich Ihnen versichern, dass wir aktuell keine bekannten Fälle dieser Art in unserem Bereich vorliegen haben. Wenn also nur der Typ der Frau für seine Aktion maßgeblich ist, war das hier sein erstes Opfer in unserem Revier. Liegt allerdings eine Bagatelle der Sache zu Grunde, muss er ihr schon früher begegnet sein.“„Sehr aufschlussreich,“ spottete Steiner. „Also hat ein Psychopath als Triebfeder, seine Opfer umzubringen, weil sie einer bestimmten Person ähnlich sehen, oder aber weil sein Opfer ihm die Vorfahrt genommen hat. Sei’s drum. Wir können einen Irren als Täter nicht ausschließen. Ich aber empfinde diese Theorie als zu aufgesetzt. Wie sagtest du gerade noch, Karl? Trotz ihres geistigen Knackses können solche Heinis berechnend vorgehen. Dann wäre meine ‚Orgasmustheorie’, er geile sich an möglichst großem Publik während seiner Tat auf, hinfällig.“„Nun ja“ korrigierte der Polizeipsychologe, „berechnend sein können, ist nicht gleichzusetzen mit berechnend sein müssen.“„Auch sehr aufschlussreich, Meister,“ sprach Harald hochnäsig. „Es gibt also keinen echten konkreten Anhaltspunkt, dass der Bursche kirikiri ist, und auch keinen, dass er es nicht ist. Doch zumindest haben wir ja Aufnahmen von ihm und Augenzeugen, die ihn gesehen haben. Heinz, liegen bereits Phantombilder nach deren Angaben vor? Ist die Tatwaffe inzwischen irgendwo aufgetaucht?“„Tatwaffe bislang Fehlanzeige,“ antwortete Schmidt. „Was die Porträts angeht, habe ich sie mitgebracht, zusammen mit den Zeugenaussagen.“ Er schob einen beachtlichen Stapel von etwa 50 Blättern seinem Chef über den Tisch zu. Der nahm sie sich Stück für Stück im Schnelldurchgang vor, runzelte mehrfach die Stirn und grunzte schließlich verächtlich: „Warum können nicht ein einziges Mal alle Zeugen dasselbe aussagen, beobachtet zu haben. Alleine schon die Körpergröße des Angreifers variiert zwischen 1,70 und 1,85 Meter. Und von Bild zu Bild kann ich nur eine annähernde Ähnlichkeit ausmachen.“Boomberg stellte richtig: „Die Körpergröße konnte anhand der Videoaufnahmen in etwa ermittelt werden. Größer als 1,75 Meter, aber keineswegs als 1,80.“Frisch wusste zu berichten, das einzige von den Zeugen wahrgenommene Wort, das der Täter seinem Opfer zugerufen hatte, sei „Schlampe“ gewesen.„Schlampe?“ Steiner schwieg einige nachdenkliche Sekunden. „Demnach sollte wohl der Eindruck geweckt oder zum Ausdruck gebracht werden, die Jahn habe es mit anderen Männern getrieben. Mit anderen Männern als mit welchem Mann? Dem Täter? Heiko Nille? Einem anderen? Wir wissen, dass er zielstrebig auf sie zuging. Wir dürfen annehmen, dass seine Absicht ihre Tötung war. Soll ‚Schlampe’ der Grund sein, oder nur die Verschleierung des wahren Motivs? Doch lassen wir noch einmal auf das Äußere des Täters zurückkommen, insbesondere auf seine Gesichtsmerkmale. Auch wenn die Bilder, die anhand der Angaben der Passanten gemacht wurden, leicht variieren und die Aufnahmen nicht gerade als besonders gelungen zu bezeichnen sind, habe ich stark den Eindruck, den Typ als aus einem südlichen Raum stammend einordnen zu dürfen.“„Du immer mit deinen Pauschalverdächtigungen,“ ärgerte sich die Unkel.Doch Doktor Lambrecht pflichtete dem Leiter des K2 bei und belehrte Patricia. „Frau Kriminalrätin, es wird allgemein vor der Öffentlichkeit verschwiegen und das aus guten Gründen, aber auch Sie dürften wissen, dass wir heutzutage immer noch bei der Suche nach der Herkunft von Tätern deren äußerlichen Merkmale nach gewissen Kriterien einzuschränken versuchen, die auf Theorien und Untersuchungen basieren, deren Ursprünge ins 19. Jahrhundert hineinreichen und die im Dritten Reich verfeinert worden sind. Bedauerlicherweise kann man nicht publik zugeben, dass wir uns auch heute noch bei der Feststellung der Herkunft von Personen gelegentlich immer noch dieser Kriterien bedienen, weil sie nun einmal zumeist zutreffend sind.“Patricia winkte genervt ab. „Ja, ja! Lassen wir das Thema.“„Das würde ich mal nicht sagen,“ opponierte Harald. „Psychopathen, wie wir sie in unseren Breitengraden kennen, sind in der Regel unterbelichtete Deutsche. Bei Ost- und Südeuropäern, sowie bei Orientalen haben Ausraster dieser Art deutlich kulturell bedingte Hintergründe. Vendetta, Blutschande, Beleidigungen und Ähnliches. Oder aber sie arbeiten im Auftrag. Demnach dürften also nur noch verschmähte Liebe und Auftrag im Rennen bleiben. Also werden wir uns mit Angelas Jahns Verhältnissen der letzten zwei Jahre, seit sie nach Köln kam, auseinandersetzen. Ich prophezeie aber jetzt schon, da ist nichts gelaufen und schon gar nichts mit einem Jugo, Italiener oder Araber. Parallel dazu, - das ist aber bereits von mir in die Wege geleitet worden -, muss Heiko Nille auf Herz und Nieren überprüft werden. Das sind Dinge, denen erst einmal Heinz, Ralf und Monika nachzugehen haben. Ich werde mich um diesen Maître André kümmern und in Angelas Vergangenheit zu ihren Kasseler Zeiten eintauchen.“„Mach, was du für richtig erachtest,“ sagte die Unkel, die ohnehin in Haralds Arbeiten kein Veto einlegen konnte. „Hauptsache die Chose bekommt Kontur. Wäre sonst noch etwas anzumerken?“Es gab momentan nichts mehr, was die Runde zu diesem Fall beitragen konnte.Heiko Nille hatte in der vergangenen Nacht neue Freundschaften mit zwei alten Whiskyflaschen geschlossen. Dementsprechend verkatert war sein Erwachen. Mit raschen Schritten holten ihn die Erinnerungen an die Ereignisse wieder ein. Da lag der erneute Griff zur Flasche nahe. Er stand auf, zog sich seinen Morgenmantel an und ging ins Wohnzimmer. Er goss sich von einem 12 Jahre alten Scotch in das Glas vom Vortag. Als er gerade das Glas an seinem Mund ansetzen wollte, schrillte sein Telefon. In seiner Situation kam ihm dieses Schrillen wie Fliegeralarm vor. Lustlos und nur, um dem Geräusch ein Ende zu setzen, drückte er auf die Annahmetaste.„Gut geschlafen, Heiko?“ dröhnte eine gesetzte Männerstimme aus dem Lautsprecher, die nicht minder unangenehm herüberkam als das Schrillen zuvor, zumal Heiko diese Stimme in nicht allzu guter Erinnerung hatte. Sie gehörte dem Mann, der von ihm 50.000 Euro Schweigegeld pro Monat verlangte.„Bitte nicht jetzt,“ lallte Nille.„Jetzt ist aber der beste Zeitpunkt, das Geschäft in Kannen und Krügen zu gießen. Doch sei beruhigt. Ich bin ja kein Unmensch. Du sollst dich erst einmal von deinem gestrigen Alkoholexzess bis zum Abend erholen können, vorausgesetzt, du lässt jetzt erst einmal das Trinken sein. Wir erwarten dich dann um 20 Uhr im Lugano. Du weißt, wo das ist?“„Ja, ja!“ Heiko hörte sich schon etwas wacher, aber keineswegs munterer an. „Irgendwo beim Hansaring. Aber das Geld kann ich so schnell nicht in bar auftreiben.“„Darum geht es jetzt auch noch nicht,“ sprach der Anrufer in ruhigem Ton. „Wir wollen erst einmal die Modalitäten auf Augenhöhe verhandeln.“„Verhandeln?“ kam es höhnisch über Heikos Lippen.„Tja, mein Freund, jetzt, wo deine Schnalle das Zeitliche gesegnet hat, sind die Karten noch anders gemischt als vorher.“„Ja, aber…“ Mehr konnte Nille nicht sagen, weil er unterbrochen wurde.„20 Uhr im Lugano.“ Es knackte in der Leitung. Der Anrufer hatte aufgelegt.Monika hatte von Harald die wenig beneidenswerte Aufgabe erhalten, die Eltern von Angela Jahn anzurufen und sie über das Ableben ihrer Tochter zu unterrichten. Eigentlich hätte die Kripo Köln eine andere Form der Informationsweitergabe wählen können oder gar müssen, nämlich die über die Polizei Kassel. Aber Steiner hatte sich fest vorgenommen, alle eventuell relevanten Kontaktnahmen nur über sein Büro laufen zu lassen. Da er aber schon auf dem Weg zu Maître André war, der in Wirklichkeit Andreas Zeisler hieß, hatte er diesen Part seiner Frau übertragen.Weil Peter Jahn (54) auf der Arbeit war, erreichte Monika Steiner nur seine Frau Magda (52). Andersherum wäre vermutlich besser gewesen, denn was diese Mutter nun in ihrem Leid alles von sich gab, forderte von der jungen Kriminalassistentin das Können eines Psychologen oder Seelsorgers ab. Irgendwann sah sie sich genötigt, die Frau zu bitten, umgehend ihren Mann anzurufen und ihn zu informieren, damit sie sich endlich dieses lästigen Gesprächs entledigen konnte. Das erwies sich als ein geschickter Schachzug. Zehn Minuten nach Beendigung des Telefonats mit Frau Magda Jahn rief Peter Jahn auf Monikas Anschluss an. Auch er vermittelte den Eindruck eines Fassungslosen, gewann aber nach dem Austausch einiger Sätze den Boden der Realitäten wieder.„Wenn ich das richtig sehe, wissen Sie noch nicht, wer den Mord begangen hat.“„Das sehen Sie richtig,“ bestätigte Monika. „Wir haben sehr gute Indikationen, was den Täter angeht. Hauptkommissar Steiner geht von einer Person aus, die aus dem südeuropäischen Raum oder dem Orient stammt. Den bisherigen Ermittlungen zufolge ist er nicht älter als 25, trägt einen Vollbart und dürfte etwa 1,75 bis 1,80 Meter groß sein. Können Sie mit dieser Beschreibung etwas anfangen? Vielleicht ein ehemaliger Freier Ihrer Tochter?“„Meine Tochter und ein Albaner oder so?“ Aus Jahns Worten triefte regelrecht die Verachtung. „Angela hatte nur eines im Kopf: Ganz schnell ganz reich und berühmt werden. Ein nobeler Vorsatz, aber ziemlich unrealistisch. Allerdings implizierte das bei der Wahl ihrer Verehrer einen gewissen Besitzstand. Sicherlich gibt es auch reiche Leute auf dem Balkan, aber die werden sich doch nicht zu einer solchen Tat herablassen. Zudem ist mir nichts über eine Relation Angelas mit einem solchen Mann bekannt. Hier in Kassel hatte sie vor drei Jahren einen Freund, der ein Brautmodengeschäft betrieb. Das ist aber ein Einheimischer, und der Nächste, mit dem sie meines Wissens so richtig angebändelt hat, war dieser Heiko Nille in Köln. Sie könnte jedoch zwischendurch einige Affären mit Männern gehabt haben, aber bestimmt nicht mit solchen ohne Geld. Verstehen Sie?“Monika verstand, sah aber nicht, weshalb ein Südeuropäer demzufolge nicht als Freier in Frage kommen sollte. „Sie kennen Heiko Nille persönlich?“„Ja, Angela hatte ihn meiner Frau und mir vor einigen Monaten vorgestellt. Der Mann hat Manieren, stellten wir fest, weshalb wir wirklich keine Einwände gegen die Verlobung der beiden hatten.“„Vor allem hat der Mann Geld,“ konnte sich Monika nicht verkneifen zu sagen. „Hat er Ihnen auch gesagt, wie er an sein Vermögen gekommen ist und womit er sein Geld verdient?“„Er treibt im großen Stil Handel mit Autos und Autoteilen. Genau hinterfragt haben wir das nicht. Ich hätte eh nichts davon kapiert. Das ist nicht meine Branche.“„Wir haben einen Aktenvermerk zu Ihrer Tochter, laut der sie von einem Jugendgericht wegen einer aggressiven Handlung zu einer geringfügigen Strafe verurteilt worden war. Können Sie mir etwas Genaueres dazu sagen.“„Eine leidige Geschichte, Frau Kommissarin.“ Anscheinend empfand Jahn den Vorfall tatsächlich als leidig, denn er seufzte hörbar laut und einige Sekunden anhaltend. „Während ihrer Lehre hatte sie laufend Ärger mit einer anderen Auszubildenden, die sie mobbte, wo es nur ging. Irgendwann riss bei Angela der Geduldsfaden und sie hat das Mädchen mit einer Schere angegriffen. Ihr Meister konnte das Schlimmste verhindern.“„Wie hieß die Auszubildende?“ wollte Monika wissen.„Frau Mink,“ Monika nannte sich im Dienst immer noch Mink, was ihr Mädchenname war, „wie das Gör heißt, ist mir längst entfallen. Ich weiß nur, sie hat Angela später immer noch Probleme besorgt. Wohl weil ihr Meister sie nach dem Vorfall gefeuert hat.“Andreas Zeisler (34) zeigte sich von der Nachricht über Angelas Ermordung so sehr betroffen, dass er abrupt mit seinen kreativen Bemühungen an der Haarpracht einer seiner treuesten Kundinnen stoppte und sehr zum Missfallen dieser Madame eine seiner Gesellinnen anwies, die Prozedur fortzusetzen. Er bat Steiner, ihm in sein Büro zu folgen. Das war genauso elitär eingerichtet wie der Salon. Der Schreibtisch bestand aus einer massiven, durchsichtigen Glasplatte, die vollkommen aufgeräumt und sauber wirkte, als wäre sie noch nie benutzt worden. Sie wurde von einem filigranen, bronzenen Drahtflechtwerk getragen. Der Drehstuhl dahinter sah aus wie eine halbierte übergroße Eierschale aus weißem Kunststoff mit einem durchgehenden braunen Kordpolster als Sitz und Rückenlehne. Ganz ähnlich die beiden Besucherstühle vor dem Tisch. An sonstigem Mobiliar gab es noch einige Vitrinenschränke, deren Funktion auch nur dekorativer Art war. Zeisler bot dem Kriminalbeamten einen Platz an und setzte sich auf den Drehstuhl.„Ermordet, sagten Sie? Das kann doch gar nicht sein. Wer sollte sie denn ermorden wollen?“„Das fragen wir uns natürlich auch,“ erwiderte Harald. „Und um uns ein Bild über ein mögliches Tatmotiv zu machen, tauchen wir nun intensiv in ihr Umfeld ein. Zunächst einmal würde ich gerne von Ihnen wissen, was Sie über Angela Jahn zu erzählen haben.“„Da gibt es eigentlich wenig zu erzählen,“ äußerte sich Maître André. „Sie bewarb sich vor etwas mehr als zwei Jahren bei uns. Da hatte sie noch kurz vor der Meisterprüfung gestanden. Ich stellte sie auf Probe ein und stellte ihr eine Festanstellung in Aussicht, wenn sie den Meisterbrief erhalten würde. In der Regel rekrutieren wir unser Personal aus dem von uns selber ausgebildeten Lehrlingsbestand. Da weiß man dann genau, was man an ihnen hat. Dummerweise waren zu der Zeit unsere Lehrlinge nicht von der Geschicklichkeit, dass wir sie später hätten übernehmen wollen. Also kam uns die Angela ganz recht, und sie überraschte uns mit ihren Qualitäten, ihrem enormen Fleiß, ihrer Hingabe fürs Metier und ihrer besonders gelungenen Art, Kunden zu unterhalten. Wir boten ihr also eine Feststelle an und haben es nie bereut.“„Sie sprechen laufend im Plural. Wen meinen Sie mit wir und uns?“ interpellierte der Hauptkommissar.„Wir, das sind meine Frau und ich. Hetty, also meine Frau, ist Mitinhaberin und arbeitet halbtags im Salon mit. Momentan ist sie nicht hier,“ erklärte Zeisler.„Schön, dann fahren Sie bitte fort.“„Angela machte sich so gut, dass wir ihr auf Dauer immer mehr Verantwortung anvertrauten. Normalerweise schlossen wir den Salon immer im Januar und im Juli jeweils während zwei Wochen wegen unserer Urlaube. Doch dann haben wir versucht, das Geschäft unter ihrer Regie während unserer Abwesenheit offen zu lassen und waren angenehm vom Resultat überrascht, da die Umsätze konstant geblieben waren. Tja, und dann lernte sie diesen Heiko kennen, mit dem sie dann auch zusammengezogen ist. Der Nille war offenbar für sie die Liebe ihres Lebens, denn schon nach einigen Monaten, - das war etwa vor vier Wochen, bat sie uns -, ihre Stelle nur noch halbtags wahrnehmen zu dürfen. Begeistert waren wir wahrlich nicht, aber eine Angela halbtags hier zu haben, war immer noch besser als gar keine Angela. Es trat dann ein, was wir befürchteten, nämlich dass Angela diesen Nille heiraten und sich ganz aus der Branche zurückziehen wollte. Zum Glück hat sie uns rechtzeitig vorgewarnt, zum Letzten des Februars auszuscheiden. So hätten wir uns nach Ersatz für sie umsehen können.“ Andreas Zeisler grübelte kurz. „Aber Sie haben mir immer noch nicht gesagt, wie und wo Angela getötet wurde.“„Die Tat wurde gestern kurz vor 18 Uhr in der Schindlergasse verübt. Der Täter hat sie angerempelt, beschimpft und ohne Vorwarnung dreimal auf sie eingestochen. Sie verstarb wenige Minuten später. Der Angreifer flüchtete. Es gibt aber einige interessante Aufnahmen, auf denen man den Kerl sehen kann, wenn auch nicht sehr deutlich, und Phantombilder, die anhand von Zeugenaussagen angefertigt wurden.“ Steiner legte eine Auswahl der Bilder, die mit der Kamera gemacht worden waren, und der Phantombilder auf die Glasplatte. Zeisler nahm sie und betrachtete sie Stück für Stück.„Sieht aus, wie ein Ausländer. Bei uns kann der Mann nicht Kunde gewesen sein. Mit so einem ungepflegten Bart hätte er unseren Salon nie verlassen dürfen. Das wäre ja Geschäftsschädigung hoch drei.“„Also kennen Sie diesen Typen nicht?“„Parbleu!“ empörte sich der Maître. „Weder in unserem Salon noch in unserem privaten Umfeld verkehren Leute, die mit Messern auf junge Damen einstechen.“Blöder Snob, dachte Harald. „Bleiben wir noch eben bei Ihrem persönlichen Wissen über Angela Jahn. Gab es vor oder zeitgleich zu Nille andere Verehrer Angelas?“„Aber ich bitte Sie, Herr Hauptkommissar,“ gab sich Zeisler weiterhin arrogant. „Wir schnüffeln nicht hinter unserem Personal her. Dass sie mit Heiko Nille liiert war, wussten wir in erster Instanz von ihr selber. Später machten wir dann auch persönlich seine Bekanntschaft, da er sich dann auch seine Haare bei uns stylen ließ. Ein äußerst umgänglicher Mensch, muss ich zugeben. Ich glaube nicht, dass sie bei ihm in die falschen Hände geraten war. Außerdem denke ich, dass sie in den beiden Jahren, die sie bei uns war, bevor sie Heiko kennen lernte, keine tiefer gehenden Männerbekanntschaften gehabt hat. Dass dem nicht so gewesen sein dürfte, dafür gab es zwei Indikationen. Erstens ist sie nie mit diesem besonderen Blick morgens zum Dienst erschienen…“„Besonderer Blick?“ hakte Steiner nach, der sehr wohl wusste, was gemeint war.„Nun, diese glasig glücklichen Augen, die Frauen manchmal so haben.“ Dem Meister schien dieses Thema wenig zu behagen. „Na ja, und die zweite Indikation, die Männerbekanntschaften für eher unwahrscheinlich erscheinen lassen, leitet sich aus dem Getuschel der weiblichen Angestellten ab. Frauen können selten etwas für sich behalten. Schon am Tag, nachdem Nille in Angelas Leben getreten war, wussten meine Frau und ich darüber Bescheid, weil es die Angela den anderen Mädchen gesagt hatte und die es meiner Frau kolportierten. Hätte sie vorher eine ähnliche Bekanntschaft gemacht, wäre mir das wohl auch zu Ohren gekommen.“„Stichwort die anderen Mädchen. Wie war denn das Verhältnis zwischen Angela und ihren Kolleginnen? Gab es Unstimmigkeiten? Man könnte sich vorstellen, dass ihre Kolleginnen ihr bei ihrer exponierten Stellung auch mit Neid begegneten.“„Meine Frau und ich dulden keine Streitigkeiten im Salon. Käme so etwas vor, würden wir sofort dazwischen gehen. Das wissen die Angestellten. Das impliziert aber auch, dass ich Ihnen nichts Sinniges darüber sagen kann, ob es nicht doch Eifersüchteleien gegeben hat.“„Sie gingen also davon aus, Frau Jahn wollte zum ersten März aus Ihren Diensten treten, um sich fürderhin besser ihrem zukünftigen Gatten widmen zu können.“„Aber sicher doch,“ zeigte sich Zeisler ungehalten. „Der Mann hat doch genug Geld, eine Frau unterhalten zu können, von der er erwarten darf, dass sie rund um die Uhr für ihn da ist.“„Interessante Einstellung,“ äußerte sich der Hauptkommissar. „Also ist bei Ihnen nie der Verdacht aufgekommen, die Frau Jahn könnte sich als Frisöse selbständig haben machen wollen?“„Wie kommen Sie denn darauf? Mit einem einigermaßen begüterten Ehemann wäre das doch bestimmt abwegig, da überflüssig gewesen.“„Finden Sie? Da bin ich aber anders informiert.“ Es schien Harald zu erheitern, dem Coiffeur einen mittelgroßen Schock zu bescheren, wenngleich er sich nicht sicher war, ob dieser nicht schon längst im Bilde war. „Frau Jahn hat ihren Tagesjob auf einen Halbtagsjob reduziert, weil sie mehr Zeit für organisatorische Tätigkeiten benötigte. Und die Kündigung hat effektiv damit zu tun, dass sie zum ersten März unweit von Ihrem Salon einen eigenen Salon eröffnen wollte. Das sollen Sie nicht mitbekommen haben?“Der Meister war oder tat verwundert. „Angela sich selbständig machen? Dazu gehört doch mehr, als nur das Fach des Hairstylisten zu beherrschen. Wirtschaftliche Kompetenz, vertrauenswürdiges Personal, einen Anfangsbestand an Klientel…“