Edelweiß und Heckenschere - Jessica Müller - ebook

Edelweiß und Heckenschere ebook

Jessica Müller

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Opis

Oans, zwoa, tot! Hauptkommissar Hirschberg zählt eins und eins zusammen ... Bei der feierlichen Eröffnung des Krindelsdorfer Brauhauses streitet sich der Gärtner Felix Feuchthuber heftig mit seinem Freund Franz, dem er die Freundin ausgespannt hat. Am nächsten Morgen ist Felix tot - mit seiner eigenen Heckenschere ermordet! Der Mord fällt Hauptkommissar Hirschberg praktisch vor die Füße: Die Leiche liegt ausgerechnet auf dem Grab seines geliebten Großonkels Xaver! Da kann Hirschberg wohl leider nicht bei Schwiegertante Isobels Hochzeitsvorbereitungen helfen - hofft er. Denn der Fall ist nicht so eindeutig, wie er scheint: Der Tote hatte gleich mit mehreren Krindelsdorfern Streit, und auch seine Familie scheint etwas zu verbergen. Hirschberg ermittelt und macht eine Entdeckung, die alles verändert ... Urkomisch, spannend, bayrisch: Hauptkommissar Hirschbergs dritter Fall in Krindelsdorf.

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Liczba stron: 381




Inhalt

Cover

Weitere Titel der Autorin

Über dieses Buch

Über die Autorin

Titel

Impressum

Widmung

Prolog

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

11.

12.

13.

14.

15.

16.

17.

18.

19.

20.

21.

22.

Epilog

Danksagung

Leseprobe – Der Tod versteht auch Dialekt

Weitere Titel der Autorin

Eisenhut und Apfelstrudel – Hauptkommissar Hirschbergs erster Fall

Weihnachtsgans und Krippenmord – ein weihnachtlicher Kurzkrimi mit Hauptkommissar Hirschberg

Leberkäs und Hackebeil – Hauptkommissar Hirschbergs zweiter Fall

Über dieses Buch

Bei der feierlichen Eröffnung des Krindelsdorfer Brauhauses streitet sich der Gärtner Felix Feuchthuber heftig mit seinem Freund Franz, dem er die Freundin ausgespannt hat. Am nächsten Morgen ist Felix tot – mit seiner eigenen Heckenschere ermordet!

Der Mord fällt Hauptkommissar Hirschberg praktisch vor die Füße: Die Leiche liegt ausgerechnet auf dem Grab seines geliebten Großonkels Xaver! Da kann Hirschberg wohl leider nicht bei Schwiegertante Isobels Hochzeitsvorbereitungen helfen – hofft er. Denn der Fall ist nicht so eindeutig, wie er scheint: Der Tote hatte gleich mit mehreren Krindelsdorfern Streit, und auch seine Familie scheint etwas zu verbergen. Hirschberg ermittelt und macht eine Entdeckung, die alles verändert …

Urkomisch, spannend, bayrisch: Hauptkommissar Hirschbergs dritter Fall in Krindelsdorf.

Über die Autorin

Jessica Müller, geboren 1976 in München, verbrachte ihre Kindheit im Dachauer Land, wo auch der fiktive Ort Krindelsdorf liegt. Nach einem abgeschlossenen Übersetzerstudium folgten Auslandsaufenthalte in England und Irland. Derzeit lebt sie in Bonn und studiert Geschichte an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität.

JESSICA MÜLLER

Edelweiß undHeckenschere

EIN BAYERN-KRIMI

beTHRILLED

Originalausgabe

»be« – Das eBook-Imprint von Bastei Entertainment

Copyright © 2019 by Bastei Lübbe AG, Köln

Lektorat & Projektmanagement: Lukas Weidenbach

Textredaktion: Texterei Zinßer, Stuttgart

Covergestaltung: Christin Wilhelm, www.grafic4u.de

Unter Verwendung von Motiven von © shutterstock: Jaruek Chairak | canadastock | Scisetti Alfio | non15 | My life Graphic | maliao

eBook-Erstellung: Jilzov Digital Publishing, Düsseldorf

ISBN 978-3-7325-6709-6

www.be-ebooks.de

www.lesejury.de

Dieses eBook enthält eine Leseprobe des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes »Der Tod versteht auch Dialekt« von Susanne Hanika.

Originalausgabe

Copyright © 2019 by Bastei Lübbe AG, Köln

Prolog

Die Eröffnungsfeier der frisch renovierten Krindelsdorfer Brauerei schien ein voller Erfolg zu werden, fand Felix Feuchthuber. Seit dem Nachmittag gab sich die Lokalprominenz die Ehre. Der frisch gebackene Landrat Seitlbach war ebenso zugegen wie der neue Bürgermeister, Feuchthubers Patenonkel Bertram Hofstadler. Aber auch viele Neugierige aus den umliegenden Gemeinden und sogar aus München strömten durch die geöffnete Pforte der Klosterbrauerei. Der Bauunternehmer Martin Schreiber hatte sich selbst übertroffen. Nichts erinnerte mehr an das einst baufällige Gemäuer. Die Fassade war schneeweiß gestrichen, und ein hohes Außenfenster gestattete einen Blick in die Brauerei mit den imposanten Braukesseln. Krindelsdorfer Klosterbräu prangte in schwarzem Frakturschriftzug über dem Eingang.

»Felix, Schatzl, ich geh jetzt!«, rief Selina ihm zu, um die Blaskapelle zu übertönen. »Mir ist es unangenehm, auf Franz zu treffen.« Selinas Exfreund starrte die beiden bereits aus einiger Entfernung an.

»Selina, das …«, begann Felix.

»Ist bestimmt besser so.« Bürgermeister Hofstadler tauchte hinter der jungen Frau auf und warf seinem Neffen einen strengen Blick zu. »Wenigstens verfügt deine Freundin über ein gewisses Maß an Anstand. Korbinian kann bei seiner Eröffnung ganz sicher keinen Eklat brauchen!«

»Dein Onkel hat recht, Felix. Wir sollten Rücksicht auf Korbinian nehmen. Es ist sein großer Tag. Ich verschwinde besser.« Selina Riedl gab Felix einen Kuss und verließ die Brauerei.

»Bist du jetzt zufrieden, Onkel Bürgermeister?« Felix hätte ihm in diesem Moment nur allzu gern sein Bier ins Gesicht geschüttet.

»Zufrieden?«, entgegnete Hofstadler mit nach oben gezogenen Augenbrauen. »Ich möchte lediglich, dass du dich benimmst und deinem Freund und uns nicht den Abend ruinierst. Du kannst von mir aus machen, was du willst, solange du dabei nicht der Gemeinde schadest! Du weißt sehr gut, wie schwierig sich die Eröffnung des Gourmetlokals und der Brauerei zunächst gestaltet hat! Der heutige Abend ist wichtig für Korbinian und Krindelsdorf! Es ist an der Zeit, dass wir durch anderes als nur durch Morde bekannt werden!«

»Keine Brauerei der Welt wird verhindern, dass Gruseltouristen hierherkommen, um die Mordschauplätze zu sehen.« Feuchthuber grinste spöttisch. »Da können du und der Herr Landrat euch noch so sehr ins Zeug legen. Aber keine Sorge! Wenn alles gut geht, werde ich diese«, seine Stimme nahm einen ironischen Tonfall an, »beschauliche Gemeinde bald verlassen und dir nicht mehr in die Quere kommen.«

»Mach dich nicht lächerlich, Felix. Das hier ist dein Zuhause! Du gehörst hierher zu deiner Familie, die alles für dich tun würde. Du bist mit dem Ort genauso verwurzelt wie wir alle. Und du weißt, dass gerade ich immer hinter dir stehe. Nur das mit Franz solltest du in Ordnung bringen. Lass dir das von deinem Patenonkel gesagt sein!«

»Du …«

»Bertram, da bist du ja!« Seitlbachs Erscheinen ließ Felix verstummen. »Komm, du musst jetzt deine Rede halten!« Er zog den Bürgermeister am Arm mit sich, und Feuchthuber beobachtete mit unterdrücktem Zorn, wie sein Onkel mit einem zufriedenen Lächeln die provisorische Bühne erklomm.

»Ich bin kein Mann der großen Worte, wie die meisten von Ihnen wissen«, begann Hofstadler und blickte die zahlreichen Gäste bierselig an. »Ich weiß, Sie alle wollen sich Wichtigerem zuwenden, nämlich dem Buffet und natürlich dem süffigen Bier.« An dieser Stelle winkte er Korbinian zu sich ans Mikrofon. »Aber gerade deswegen möchte ich Sie alle um einen herzlichen Applaus bitten für unseren Meisterbrauer Korbinian Brandl und natürlich auch für seine Eltern, die das Buffet zur Verfügung gestellt haben!« Hofstadler wartete, bis sich das Händeklatschen wieder gelegt hatte, und fuhr mit einem triumphierenden Strahlen fort. »Diese Gemeinde, die ich über alles liebe und deren Schicksal meine Familie seit Jahrzehnten und Generationen mitgestaltet, hat ein paar harte Wochen hinter sich. Doch wir Krindelsdorfer sind aus widerstandsfähigem Holz geschnitzt! Vergangene Schrecken können uns nichts anhaben. Wir freuen uns mit einem frisch gezapften Klosterbier auf die Zukunft! Prost! Und, wie es so schön heißt: Oans, zwoa, gsuffa!«

Hofstadler schüttelte die Hand eines strahlenden Korbinian Brandls, bevor er ihm unter lautem Applaus die Bühne überließ.

Feuchthuber warf einen Blick auf die Uhr an seinem Handgelenk und winkte Korbinian von Weitem zu. Er hegte keinen Zweifel daran, dass die Eröffnungsfeier nun erst richtig in Gang kam, doch er hatte beileibe genug. Zeit, nach Hause zu gehen, dachte er bei sich und wandte sich zur Tür.

»Die Ratte geht von Bord, oder wie war das?« Franz Bumeder stellte sich ihm lallend und angriffslustig in den Weg. Sein kariertes Hemd und die Lederhose wirkten wie ein lächerlicher Kampfanzug, fand Feuchthuber. Mit einem provokanten Grinsen musterte er ihn von oben bis unten.

»Du bist sternhagelvoll und gehst mir besser aus′m Weg, Franz.« Feuchthuber schob ihn zur Seite und ging nach draußen. Er hatte keine Lust auf eine Auseinandersetzung mit einem Betrunkenen, doch Bumeder holte ihn am Klostergarten ein. Er packte ihn an der Schulter und holte aus. Feuchthuber duckte sich, sodass sein Gegner den Halt verlor. Bumeder fluchte und ging erneut auf ihn los.

»Das ist für Selina!« rief er, doch diesmal war es Feuchthuber, der ausholte. Es knackte, und Blut sprudelte aus Bumeders Nase. Er ging fluchend zu Boden.

»Das bereust du, du elender Dreckhammel!«, drohte Bumeder, während er sich mühevoll aufrichtete.

»Ich würde eher sagen, wir sind quitt!«

»Ihr hörts jetzt sofort auf!« Marianne Dachshofer kam mit raschen Schritten auf sie zu. Sie musste ihn und Bumeder beim Verlassen der Brauerei beobachtet haben und ihnen nachgegangen sein, dachte Feuchthuber bei sich.

Bumeder nutzte die Ablenkung und schlug Feuchthuber ins Gesicht. Dieser taumelte ein paar Schritte nach hinten.

»Schluss jetzt, hab i gsagt!« Die resolute Naturheilerin war außer sich. »Spinnts denn ihr?«

Felix Feuchthuber hielt sich die Wange, während Marianne Dachshofer Bumeder am Arm festhielt.

»Du bringst ihn am besten heim, Marianne. Er hat zu viel getrunken.«

»Und da bist du net so ganz unschuldig dran«, mahnte sie ihn. »Aber jetzt beruhigts ihr euch! Und du gehst jetzt a hoam, Felix!«

»I will net …«, protestierte Franz Bumeder, doch die Dachshofer war unerbittlich.

»Du kommst jetzt gfälligst mit! Wir müssen deine Nase versorgen! Und ausnüchtern musst auch! Ihr zwoa seids echt die größten Deppen!«, schimpfte sie, während sie Bumeder am Arm mit sich zog.

Felix Feuchthuber blickte den beiden zornig hinterher. Irgendwo in der Dunkelheit des Klostergartens knackte ein Zweig. Er horchte auf.

»Ist da wer?«

Mit geballten Fäusten starrte Feuchthuber in die Dunkelheit.

1.

»Na, mein Schatz?« Susan Waters-Hirschberg lächelte und gab ihrem Sohn einen raschen Kuss auf die Wange. Julian blickte sie mit großen blauen Augen an und gluckste. Seine Lippen formten ein kleines O. »War dein Frühstück fein?« Sie legte ihn vorsichtig über ihre Schulter und begann, seinen Rücken zu tätscheln. Das Bäuerchen ließ nicht lange auf sich warten. »Prima!«, strahlte sie mit dem Stolz einer jungen Mutter. »So tut das Bäuchlein dann nicht weh. Und wir sehen jetzt mal nach, ob dein Daddy schon fertig ist. Der muss nämlich langsam ins Büro.«

Susan war gerade im Begriff, die Treppen nach oben zu gehen, als sie aufhorchte. Motorengeräusch drang von außen an ihr Ohr.

»Vielen Dank, Edgar. Mein Verlobter kommt später mit dem Mietwagen. Sie können sich den Rest des Tages also getrost freinehmen!«

Die junge Mutter stöhnte auf. Ihre Patentante hatte es also wieder einmal ohne Vorwarnung nach Krindelsdorf verschlagen. Sie kniff gequält die Augen zusammen und ging zur Tür.

»Meine Herren, das ist wirklich großartig, dass Sie so zuverlässig liefern! Ich hatte schon die Befürchtung, es würde länger dauern!«, hörte sie ihre Patentante sagen.

»Tante Isobel? Was für eine Überraschung!« Susan öffnete die Tür und blickte sie argwöhnisch an. Zwei Männer waren dabei, ein größeres Paket von der Ladefläche eines Lieferwagens zu heben. »Was ist denn hier los?«

»Oh, Darling!« Isobel kam mit ausgebreiteten Armen auf ihre Nichte zu. »Es ist so schön, dich zu sehen! Und den Kleinen erst! Hallo, mein Süßer!« Julian gluckste zur Begrüßung.

»Tante Isobel, was ist hier los?«, wiederholte Susan ihre Frage von vorhin.

»Das ist ein Geschenk für dich! Ich habe dir eines der besten Fitnessgeräte gekauft, damit du vor meiner Hochzeit noch ein paar Babypfunde verlieren kannst«, strahlte sie. »Du möchtest an meinem großen Tag doch ganz bestimmt gut aussehen, nicht wahr? Dabei fällt mir ein: Ich musste die Kleideranprobe für dich und Alex ein wenig vorverlegen. Es wird höchste Zeit, dass mein Schneider sich um Alex’ Anzug kümmert. Aber das können wir nachher in Ruhe besprechen.«

»Ein Fitnessgerät? Kleideranprobe?« Susans Blut gefror in ihren Adern. »Was für ein Fitnessgerät?«

»Du wirst begeistert sein! Ich habe dir eine Pole-Dance-Stange kommen lassen.« Sie hob die Hand, als Susan ihren Mund öffnete. »Du kannst mir später dafür danken, Darling. Wenn du erst deine Fortschritte dank des regelmäßigen Trainings siehst! Weißt du, ich habe neulich in London bei Dana Summers einen Anfängerkurs gemacht. Dana gehört das derzeit exklusivste Fitnessstudio Londons! Alles was Rang und Namen hat, trainiert bei ihr! Und ich kann dir sagen, ich bin begeistert! Und Vincent erst! In unserem Schlafzimmer in Chelsea haben wir jetzt auch eine Stange«, schwärmte sie. »Brandon hat mir Dana übrigens wärmstens empfohlen, und er hat nicht übertrieben mit seinem Lob!«, erklärte sie ihr mit erhobenem Zeigefinger. »Jedenfalls hat sie mir ein paar leichte, aber natürlich sehr effiziente Übungen gezeigt, die auch jemand Unerfahrenes wie du machen kann. Ist das nicht toll? Außerdem habe ich dir in der Woche vor unserer Hochzeit noch einen Intensivkurs bei ihr gebucht. Keine Sorge, es sind jeden Tag nur drei Stunden. Ihr wolltet in der Woche vor Vincents und meinem großen Tag doch ohnehin in London bei deinen Eltern sein, nicht wahr?«

»Wo sollen wir sie anbringen?«, wollte einer der beiden Lieferanten wissen, bevor Susan auf ihre Frage antworten konnte.

»Dieses Ding kommt mir nicht ins Haus!«, rief sie, nachdem sie ihre Stimme wiedergefunden hatte. Resolut stellte sie sich den beiden Lieferanten in den Weg. »Was denkst du dir denn, Tante Isobel? Ich möchte keine Pole-Dance-Stange! Und den Intensivkurs bei Dana Summers wirst du auch gefälligst wieder absagen! Denkst du denn ich habe nichts Besseres in London vor? Meine Freunde treffen zum Beispiel? Kannst du dir eigentlich vorstellen, wie viele Leute den Kleinen endlich sehen wollen?«

»Susan, die Stange würde hervorragend in euren Fitnessraum im Keller passen. Zwischen Fitnessrad und Laufband. Sei nicht unvernünftig. Ich sehe zwar, dass du erfreuliche Fortschritte machst, aber ich kann mir kaum vorstellen, dass du schon dein Traumgewicht hast. Sämtliche Augen werden auf dich gerichtet sein! Und sogar deine Cousine Mabel trainiert mittlerweile an der Stange und ist ganz begeistert! Sie hat inzwischen fast zehn Kilo abgenommen!« Sie machte eine dankende Geste gen Himmel. »Als ich sie unter meine Fittiche genommen habe, war sie in einem wirklich erbärmlichen Zustand, aber dank meiner Bemühungen ist jetzt das Schlimmste überstanden, und sie wird ganz sicher in ihr entzückendes Brautjungfernkleid passen!«

»Nein, Tante Isobel, nein!« Susan fühlte eisige Wut in sich aufsteigen. »Ich halte mich auf meine Weise fit. Und die Stange kommt mir nicht über die Schwelle! Versenken Sie sie von mir aus in der Krinn«, meinte sie an die beiden Männer gewandt, »aber hier wird sie nicht bleiben!«

»Na, schön. Ich habe so eine störrische Reaktion ja schon befürchtet. Gentlemen, da meine Nichte so uneinsichtig und kratzbürstig ist, wäre es besser, wenn Sie die Stange vorübergehend in ihrem Gartenhaus unterbringen.« Sie deutete auf die weiß gestrichene Hütte. »Darauf muss ich bestehen, Susan.«

»Tante Isobel, ich will, dass du zur Kenntnis nimmst, dass ich diese Stange nicht haben möchte!« Susan tätschelte ihren Sohn, als dieser zu wimmern begann. Offenbar spürte er das Unbehagen seiner Mutter.

»Ja, du vielleicht nicht, aber ich!« Isobel machte eine ausladende Handbewegung. »Ich werde sie dann einfach in meinem Haus aufstellen. Ich habe nämlich Freude daran, mich fit zu halten und für meinen Mann attraktiv zu bleiben!«

»Du hast doch bereits so ein Ding in eurem Schlafzimmer! Wo willst du denn die zweite aufstellen? Etwa im Wohnzimmer? Und wie willst du sie überhaupt nach London transportieren?«, rief Susan, während sie hilflos dabei zusah, wie die beiden Männer Isobels Anweisungen Folge leisteten.

»Nicht doch, Darling. Es besteht doch kein Grund, sich so aufzuregen. Das wirkt sich außerdem negativ auf deinen Sohn aus. Entschuldige mich einen Moment.« Isobel zückte ihr Portemonnaie, um den beiden Stangen-Lieferanten ein großzügiges Trinkgeld zu geben, bevor sie ihrer Nichte ins Haus folgte.

»Wir sind keine Lagerhalle, Tante Isobel.« Susan atmete tief ein und aus. Sie hörte, wie oben die Schlafzimmertür geöffnet wurde. Ihr Mann würde sich nicht über den spontanen Besuch freuen, fürchtete sie.

»Für die paar Wochen wird es schon gehen«, meinte ihre Tante beschwichtigend. »Es ist wirklich nur vorübergehend, Darling. Lars und Herr Schreiber arbeiten doch so effizient, da wird unser Haus in Null Komma nichts gebaut sein.«

»Was meinst du damit, dass euer Haus in Null Komma nichts gebaut sein wird?«

»Oh, es gibt großartige Neuigkeiten, Darling!«, strahlte die englische Lady. »Du weißt doch, dass Vincent in München eine erotische Kochschule mit angegliedertem Restaurant eröffnen möchte. Es ist jetzt zwar alles ein wenig anstrengend so kurz vor unserer Hochzeit, aber du kennst uns ja. Vincent und ich sind Multitasker. Und Stillstehen ist sowieso nichts für uns. Vorgestern habe ich in Schottland noch einiges für die Hochzeit organisiert, aber jetzt müssen wir ein paar Tage hier sein, weil wir endlich die perfekten Räumlichkeiten gefunden haben und sich diverse Köche bei uns vorstellen. Und Vincent will selbstverständlich nur die besten!«, betonte sie mit erhobenem Zeigefinger. »Aus geschäftlichen Gründen ist es daher unerlässlich, dass wir uns im Münchener Raum ein weiteres Domizil zulegen. Wir dachten natürlich zunächst an irgendetwas Luxuriöses in Bogenhausen oder Grünwald, aber ich sage dir: Es ist aussichtslos! Wir haben nichts gesehen, was unseren Ansprüchen auch nur im Mindesten genügen würde!« Sie schüttelte den Kopf. »Vincent und ich waren wirklich am Verzweifeln. Aber dann hatte Nicole diese fantastische Idee!«, strahlte sie.

»Welche Idee?« Susan wurde flau. Isobel Burtons Freundschaft mit der erfolgreichen Dessousdesignerin und Lebensgefährtin des frisch gebackenen Landrats bereitete Susan so manch schlaflose Nacht. Die beiden Damen ergänzten sich zu perfekt!

»Du kennst doch das alte Bauernhaus auf dieser Anhöhe, wo die arme Frau letzten Sommer erschlagen worden ist?«

Susan nickte. Sie war mit einem Mal unfähig zu sprechen.

»Günther, also Herr Seitlbach, hat vor drei Wochen in Erfahrung gebracht, dass die Eigentümer das ganze Grundstück samt Bauernhaus nun endlich verkaufen wollen. Nicole meinte, das wäre die Gelegenheit! Und bei aller Abneigung für das Leben auf dem Land, mussten wir trotzdem einfach zuschlagen! Nicole hat auch ganz recht, wenn sie sagt, dass wir uns in München nie so verwirklichen könnten wie hier auf diesem riesigen Grundstück. Und du weißt ja, wie wichtig es für Vincent ist, seinem Sinn für Ästhetik freien Lauf zu lassen. Er hat großartige Einfälle! Mein Verlobter ist ein wahres kreatives Genie!« Ein verklärter Ausdruck schlich sich in ihre Augen. »Wenn ich jetzt so darüber nachdenke, kommt es mir tatsächlich vor wie ein Zeichen von oben. Du kennst ja meine spirituelle Seite. Wir überlegen auch, eine kleine Gedenktafel für Bettina Bahrens zu errichten. Ich halte es für sehr wichtig, der Toten zu gedenken. Erst recht, wenn man bedenkt, wie diese arme Frau sterben musste.«

»Ihr … ihr habt das Grundstück schon gekauft?« Hirschberg war unbemerkt nach unten gekommen und erschien hinter seiner Frau. Susan drehte sich zu ihm um. Sie warf ihm einen verzweifelten Blick zu.

»Aber … aber … habt ihr euch das auch gut überlegt? Das Landleben ist doch wirklich nicht das Richtige für euch, und …«, würgte sie sich heraus und gab den unruhig strampelnden Julian seinem Vater.

»Das stimmt wohl, aber Vincent und ich haben intensiv alle Für und Wider abgewägt. Und wir sind beide zu dem Schluss gekommen, dass es wohl das Beste und unter den Umständen auch das Vernünftigste wäre. In München konnten wir bisher einfach nichts Passendes finden. Das Universum hat das wohl nicht für uns vorgesehen.« Isobel machte eine ausladende Handbewegung. »Aber dieses große Grundstück hier eröffnet uns so viele Möglichkeiten! Wenn wir wirklich einmal ein paar Nächte in der Stadt verbringen wollen, gibt es immer noch den Bayerischen Hof. Und auch wenn wir nicht allzu oft hier sein werden, möchten Vincent und ich in Krindelsdorf doch genauso stilvoll leben wie in London. Aus dem Grund haben wir vorhin auch mit Lars telefoniert. Er ist wirklich ein großartiger Architekt! Ich habe meinem Lieblingsarchitekten in London von ihm erzählt und ihm Fotos von der Eröffnung des Gourmetlokals gezeigt. Ich sage euch, er war begeistert.« Als ortsansässiger Architekt hatte sich Lars Baumann für die Umgestaltung der alten Gaststätte mit Ballsaal und angegliederter Brauerei verantwortlich gezeichnet. Für den frischgebackenen Landrat Seitlbach war er der Architekt der ersten Wahl gewesen. Susan und Hirschberg wussten, wie viel ihrem Freund trotz aller Schwierigkeiten an dem Auftrag gelegen war. »Lars hat ein wahres Juwel aus dem alten Gemäuer gemacht! Und Charles meinte, wenn die Baumanns jemals einen Umzug nach London in Betracht zögen, würde er ihn sofort als Partner in sein Büro holen«, schwärmte sie. »Ich bin schon so gespannt, wie er unsere Vorstellungen umsetzen wird! Und mit Herrn Schreiber als Bauleiter kann bei unseren Plänen gar nichts mehr schiefgehen.«

Hirschberg und Susan wechselten einen Blick. Ihr Mann schien genauso sprachlos wie sie.

»Aber du … ihr habt doch deine Stadtvilla in London Chelsea, und … Ich meine … lohnt sich das denn hier überhaupt? Vincent wird doch nicht ständig hier sein müssen, und …«, stammelte Susan.

»Ja, sicher, Darling. London ist nach wie vor unser Hauptwohnsitz. Wenn wir nicht gerade geschäftlich unterwegs sind, werden wir selbstverständlich dort sein. Aber wie ich eben sagte, wir möchten stilvoll wohnen. Und wir werden nun einmal immer wieder eine Weile hier sein müssen, da Vincent sich jetzt geschäftlich in München etabliert. Gerade in der Anfangszeit muss er präsent sein, um die Richtung vorzugeben. Und außerdem möchte ich mich auch ein wenig mehr um dich und den Kleinen kümmern. Julian soll schließlich wissen, welcher Familie er entstammt. Und wenn dein Mann wieder irgendwelchen Mördern hinterherläuft, kannst du sowieso jede Hilfe brauchen. Eure Eltern sind so vielbeschäftigt, ich dagegen kann mir meine Zeit viel besser einteilen. Deine Mutter, Susan, ist übrigens begeistert von unserer Idee«, strahlte sie. »Wir mussten ihr versprechen, ihr und deinem Vater ein Gästezimmer einzurichten. Und Nicole ist auch davon überzeugt, dass uns Lars ein richtiges Traumhaus mit allem Drum und Dran schaffen wird. Sie ist so eine bemerkenswerte Frau! Wenn ich da an ihre verstorbene Tante denke …« Die englische Lady verdrehte die Augen, schüttelte den Kopf und fuhr fort. »Da wir nun hier und nicht in München unsere Zelte aufschlagen, könnt ihr beide auch viel besser ein Auge auf die Baustelle haben, wenn wir gerade nicht da sind«, fügte sie geflissentlich hinzu. »Wir haben wirklich Großes vor! Deshalb werden wir auch die nächsten Tage alle Hände voll zu tun haben. Vincent und ich haben einiges mit Lars und Herrn Schreiber zu besprechen. Lars soll nämlich auch Vincents Restaurant gestalten. Wir haben wundervolle Räumlichkeiten in Bogenhausen gefunden, aber sie benötigen eben noch den letzten Schliff. Die Eröffnung ist übrigens für den Herbst geplant. Ihr seid natürlich die Ehrengäste, genau wie Nicole Reinhardt und der Herr Landrat.«

Susan war sprachlos. Sie würden die beiden nie wieder loswerden, schoss es ihr durch den Kopf.

Therese Hackelgruber warf einen gehetzten Blick auf die tickende Küchenuhr. Hitze stieg in ihr auf. In Windeseile räumte sie das Frühstücksgeschirr in die Spülmaschine.

Die Haushälterin des Pfarrers war spät dran. Unpünktlichkeit war ihr verhasst. Erst recht dann, wenn sie diejenige war, die den Zeitplan nicht einhalten konnte.

Pfarrer Schmalzengruber, der jeden Tag spätestens um acht Uhr aufstand, wartete auf sein Frühstück. »Im Bett sterben die Leute«, pflegte ihr Arbeitgeber zu sagen. Disziplin fange bereits beim Aufstehen an, fügte er meist hinzu. Die pflichtbewusste Haushälterin hasste es daher, den Geistlichen warten zu lassen. An diesem Morgen aber ließ es sich nicht vermeiden. Zudem wusste Pfarrer Schmalzengruber, welche Bedeutung dieser Tag für sie hatte, beruhigte sie sich.

Therese packte rasch die frischgebackenen Rohrnudeln mit Kirschfüllung, die Schmalzengruber so liebte, in ihren Korb und ging zur Garderobe. Aus der obersten Schublade des Garderobenschranks nahm sie eine Grabkerze und eine Packung Streichhölzer. Der Abstecher auf den Krindelsdorfer Friedhof war ihr eine Herzensangelegenheit.

Im Wohnzimmer konnte sie ihren Mann schnarchen hören. Gerade erst aufgestanden, waren ihm in seinem Lieblingssessel schon wieder die Augen zugefallen. Sie schüttelte den Kopf. Ihr Josef war zu nichts mehr zu gebrauchen. Aber war er das denn jemals gewesen?, hallten die zynischen Worte ihres verstorbenen Vaters in ihren Ohren.

Sie erschrak, als sie Lorenz Bergstallers Stimme so deutlich hörte, als stünde er neben ihr. Therese hielt einen Moment lang inne, um sich zu sammeln, bevor sie nach ihrer taubengrauen Übergangsjacke griff. Morgens war es immer noch frisch.

Am heutigen sechsten April jährte sich der Todestag von Thereses Vater zum fünfzehnten Mal. Und Lorenz Bergstaller war noch immer der wichtigste Mann in ihrem Leben. Er war Zeit seines Lebens ihr Fels in der Brandung gewesen. So manches Mal konnte sie noch immer seine Gegenwart spüren. Wehmut drohte Therese zu übermannen, und sie fühlte einen Kloß im Hals.

Lorenz Bergstaller war in den frühen Morgenstunden seines vierundachtzigsten Geburtstags an einem Herzinfarkt verstorben. Seine Finger konnte er bis zum Schluss weder von Zigaretten noch von frisch gezapftem Starkbier lassen. Das und seine Vorliebe für Deftiges waren ihm zum Verhängnis geworden. Immer wieder hatte er betont, er würde lieber sterben, als auf all das zu verzichten, was ihm Freude bereitete. Was das Leben für ihn erst so richtig lebenswert machte. Gesund und munter sei schließlich noch kein Mensch ins Grab gefallen, hatte er stets augenzwinkernd hinzugefügt, erinnerte sich Therese.

Pfarrer Schmalzengrubers Haushälterin warf einen Blick nach oben in den wolkenverhangenen Himmel. Sie fröstelte, als eine kühle Windböe ihr ins Gesicht schnitt.

Ihre Gedanken wanderten zur Eröffnungsfeier der Klosterbrauerei am vergangenen Tag. Ihr Vater hätte sich so sehr über die Neueröffnung der Brauerei gefreut, dachte sie seufzend bei sich. In seiner Kindheit war die Brauerei unter der Leitung seines Onkels eine florierende Institution gewesen. Und Thereses Großvater hatte in seinem Sohn schon früh die Liebe zum Gerstensaft geweckt. Sie konnte ihren Vater bei der Erinnerung verschmitzt lächeln sehen. »Hopfen und Malz – den Sohn erhalt’s!« Mit diesen Worten hatte Bergstaller Senior seinem Sohn den Maßkrug wie einen Becher gesegneten Messweins gereicht.

Der plötzliche Tod seines Onkels hatte auch das Ende der Brauerei bedeutet. Lorenz Bergstaller, der von ganzem Herzen Krindelsdorfer gewesen war, hatte sich Zeit seines Lebens so sehr gewünscht, die Brauerei wieder in Betrieb zu sehen. Schließlich habe Bierbrauen in Krindelsdorf Tradition, erinnerte sie sich an seine Worte. Schon die Mönche hätten den Gerstensaft zu schätzen gewusst und bereits im Mittelalter das erste Krindelsdorfer Bier gebraut.

Thereses Augen wurden feucht. Sie vermisste ihren Vater, der so ganz anders gewesen war als ihr Josef. Ein Bär von einem Mann, dachte sie versonnen. Lorenz Bergstallers Enttäuschung war groß gewesen, als sein Schwiegersohn sich im Laufe der Jahre als immer größerer Nichtsnutz entpuppt hatte. Zwar waren Thereses Vater und Schwiegervater gut befreundet gewesen, doch Hackelgruber Junior schlug aus der Art. Er konnte beiden Männern nicht das Wasser reichen, geschweige denn einen von ihnen stolz machen. Dass die ersehnten Enkelkinder ausblieben, war ein weiterer Tropfen in das überlaufende Fass der Enttäuschung.

»Net amoi des kann er«, war es eines Abends nach mehreren Maß Bier kopfschüttelnd über Bergstallers Lippen gekommen. »Was hast du da zamgheiratet, Resi?«

Schamesröte schoss in ihre Wangen, als sie sich an ein Gespräch mit ihrer Mutter erinnerte. Nach dem einen Glas Eierlikör zu viel hatte Maria Bergstaller ihrer Tochter mit einem verschmitzten Lächeln anvertraut, dass ein wahrer Casanova in ihrem Vater steckte. Angeblich war Lorenz Bergstaller in den Wochen vor der Hochzeit jede Nacht bei ihr zum Fensterln erschienen. In einer dieser Nächte war ihre Tante den beiden auf die Schliche gekommen und wollte Bergstaller den Zutritt zum Zimmer ihrer Schwester verwehren.

»Lass ihn gfälligst rein, du bleede Kuah!«, wollte Thereses Mutter sie angefahren haben.

Ihr Josef hingegen war nie zu ihr zum Fensterln gekommen, schoss es Therese verächtlich durch den Kopf. Seine Höhenangst hielt ihn davon ab, auf Leitern zu steigen. Nicht einmal die Glühbirnen der Deckenleuchten konnte er wechseln! Hackelgruber schüttelte den Kopf, während sie die sanfte Anhöhe zum Friedhof erklomm.

»Guten Morgen, Resi!« Sie fuhr herum, und Gastwirt Brandl winkte ihr gutgelaunt zu.

»Guten Morgen!«, entgegnete sie knapp. »Sei mir net bös, aber i hab’s eilig! Der Herr Pfarrer wartet, und i muss no schnell aufn Friedhof.«

Gastwirt Brandl war der reinste Dampfplauderer. Und seit Wochen drehte sich bei jedem Gespräch mit ihm alles nur noch um seinen Korbinian und die Neueröffnung der Brauerei. Er und seine Frau platzten vor Stolz auf ihren Sohn. Noch bevor die Brauerei richtig lief! Die Neueröffnung der Brauerei freute sie zwar ungemein, aber das Gastwirtehepaar trug seinen Kopf in diesen Tagen viel zu hoch, fand sie.

Hackelgruber drückte die Klinke des schmiedeeisernen Friedhofstors hinunter und griff nach der Grabkerze und den Streichhölzern in ihrem Korb. Die Kirchturmuhr schlug bereits halb neun und mahnte sie zur Eile. Mit raschen Schritten steuerte sie auf das Grab ihrer Eltern zu, als sie aus den Augenwinkeln heraus etwas bemerkte. Therese hielt inne und drehte ihren Kopf wie in Zeitlupe nach links. Ihre Augen hefteten sich auf das kaum ein Jahr alte Grab von Xaver Hirschberg. Sie blinzelte ungläubig. Zwei reglos ausgestreckte Beine ragten hinter dem Grabstein hervor. Erde klebte an den braunen Schuhen, und auf der grünen Arbeitshose fanden sich vereinzelte dunkle Flecken.

Therese Hackelgruber stockte der Atem. Ihr Herz hämmerte gegen ihre Rippen. Eine eisige Hand schien ihren Nacken zu umklammern. Ihr Mund fühlte sich plötzlich sehr trocken an. Sie warf hilfesuchende Blicke um sich, doch sie schien allein zu sein. Der Friedhof war wie ausgestorben.

»Hallo?«, krächzte sie, nachdem sie ihre Stimme wiedergefunden hatte. »Felix, bist du das? Geht’s dir gut? Stimmt was net?« Sie wusste, dass der Gärtner meist sehr früh auf den Friedhof ging, um sich um die Gräber zu kümmern.

Die Stille dröhnte in ihren Ohren. Hackelgruber blickte sich erneut um, während sich Gänsehaut auf ihrem Körper ausbreitete. Mit zaghaften Schritten ging sie um das Grab herum und erstarrte. Felix Feuchthubers leblose Gestalt lag in einer Blutlache vor Xaver Hirschbergs Grab. Eine Heckenschere steckte in seinem Hals, und seine blauen Augen schienen ungläubig ins Leere zu starren. Therese schlug sich geschockt die Hand vor den Mund. Sie versuchte zu schreien, doch kein Laut wollte über ihre Lippen kommen. Unkontrolliertes Zittern bemächtigte sich ihres Körpers.

»Jetzt reiß di zam, Madel!« Die Stimme ihres Vaters dröhnte gebieterisch in ihrem Kopf.

Geschockt ließ sie den Korb zu Boden poltern. Der Teller mit den Rohrnudeln landete in Felix Feuchthubers Blut. Ein Aufschrei entwich ihrer Kehle, dann wurde ihr schwarz vor Augen.

2.

Hirschberg starrte Isobel mit offenem Mund an. Er war sprachlos. Wenn die englische Lady und Dornberg tatsächlich in Krindelsdorf ein Haus bauten, würden sie noch häufiger unangemeldet bei ihnen auftauchen als bisher.

Erst als es an der Haustür Sturm läutete, gelang es ihm, sich aus seiner Erstarrung zu lösen. Julian zuckte zusammen und zog die Mundwinkel nach unten. Hirschberg redete sogleich beruhigend auf seinen Sohn ein.

»Wer klingelt denn da wie ein Wahnsinniger?«, entfuhr es Isobel, während sie zur Tür eilte. »Können diese Wilden hier denn nicht einmal Rücksicht darauf nehmen, dass ein Baby im Haus ist?«

»Sie? Nicht auch das noch!« Pfarrer Schmalzengrubers fassungslose Stimme hallte durch den Flur. Hirschberg und Susan wechselten einen aufgescheuchten Blick. Der katholische Geistliche klopfte stets nur dann an ihre Tür, wenn es sich überhaupt nicht vermeiden ließ.

»Schmalzengruber lässt sich doch normalerweise nur hier blicken, wenn ein Verbrechen geschehen ist«, flüsterte Susan ihm in Unheil verheißendem Tonfall zu. »Oder das, was er dafür hält.«

Der Hauptkommissar nickte und fühlte ein eisiges Prickeln in seinem Nacken.

»Ich freue mich auch sehr, Sie zu sehen, Herr Pfarrer«, spöttelte Isobel. »Sie sehen übrigens aus, als hätten Sie eine nackte Frau gesehen, wenn ich das bemerken darf.«

»Sparen Sie sich Ihren billigen Spott! Ich muss zum Herrn Hauptkommissar! Sofort!«, rief er. »Es ist etwas Grauenvolles geschehen!«

»Was kann ich denn für Sie tun, Herr Pfarrer?« Hirschberg gab Susan seinen nun schreienden Sohn. Sie wiegte ihn beruhigend in ihren Armen. Schmalzengrubers Gesichtsausdruck gefiel ihm ganz und gar nicht.

»Frau Hackelgruber wollte heute Morgen auf den Friedhof gehen. Es ist der Todestag ihres Vaters. Ich wusste also, dass sie etwas später als sonst kommen wollte, aber dass sie gar nicht erscheinen würde …«

»Hat Ihre Haushälterin etwa Fahnenflucht begangen?«, fragte Isobel mit einem hämischen Grinsen. »Ist sie der Knechtschaft in Ihrem Haus überdrüssig geworden, und …«

»Ich muss doch sehr bitten! Die Ärmste hat auf dem Friedhof Schlimmstes durchgemacht und steht unter Schock!«

»Herr Pfarrer, was genau ist passiert?«, wollte Hirschberg wissen.

»Als Frau Hackelgruber nicht kam, habe ich bei ihr zu Hause angerufen. Ihr Mann meinte, sie sei nicht da. Er ging davon aus, sie sei längst bei mir, und wenn nicht, würde sie bestimmt jeden Moment da sein. Aber ich hatte kein gutes Gefühl. Bei allem, was in letzter Zeit hier geschehen ist …« Der Pfarrer bedachte Hirschberg mit einem vorwurfsvollen Blick. »Ich bin deshalb auf den Friedhof gegangen, um nach ihr zu sehen. Und da lag sie.« Er schüttelte den Kopf und atmete tief ein und aus. »Sie muss vor Schreck ohnmächtig geworden sein und war noch immer ganz benommen. Der Anblick hat ihr einen fürchterlichen Schock versetzt. Ich habe sofort Frau Dachshofer alarmiert, damit sie sich um sie kümmert. Und all das auf meinem Friedhof!« Seine Stimme bebte. »Es ist kaum verwunderlich, dass mit Ihrem Zuzug auch das Verbrechen hier Einzug gehalten hat! Die Verderbtheit der Welt haftet ihrem Metier doch an!«, brach es anklagend aus dem Erzkatholiken.

»Welches Verbrechen?«, krächzte Susan und tätschelte Julians Rücken.

»Der Feuchthuber, dieser Gärtner … Er liegt tot am Grab Ihres Großonkels. Es ist alles voller Blut. Eine verdorbene Seele muss die Hand gegen ihn erhoben haben und …«

»Jemand wurde an Xaver Hirschbergs Grab ermordet?«, schrillte Isobel.

»Tante Isobel!«, zischte Susan. »Denk bitte an den Kleinen!«

»Wo ist Frau Hackelgruber jetzt, Herr Pfarrer?« Hirschberg griff nach seiner Jacke und seinem Smartphone.

»Noch auf dem Friedhof. Frau Dachshofer ist bei ihr und sorgt dafür, dass sich niemand dem Grab nähert. Ich bestehe darauf, dass Sie sich der Sache unverzüglich annehmen, Herr Hauptkommissar! Zur Not spreche ich mit dem Kardinal persönlich! Auf dem Weg hierher habe ich überdies Landrat Seitlbach informiert.«

Hirschberg seufzte innerlich. Seitlbach würde darauf bestehen, dass nicht irgendein »Wald-und-Wiesen-Polizist« die Ermittlungen übernahm, sondern er.

»Gut zu wissen, Herr Pfarrer«, entgegnete der Hauptkommissar nüchtern. »Ich mache mich auf den Weg zum Friedhof.« Er gab Susan und Julian einen Kuss.

»Wenn ich daran denke, Alex, dass wir uns hier in diesem Mördernest einen weiteren Wohnsitz zulegen, brauche ich sofort einen Drink!«, erklärte ihm Isobel mit vorwurfsvollem Gesichtsausdruck.

»Ich auch!«, sagten Hirschberg, Susan und Schmalzengruber wie aus einem Mund.

Therese Hackelgruber zitterte an Marianne Dachshofers Arm und blickte Hirschberg fassungslos entgegen. Sie war bleich, und ihre Lippen bebten. Dachshofer, die selbsternannte Kräuterhexe des Ortes, redete beruhigend auf sie ein, doch auch in ihren Zügen lag das blanke Entsetzen.

»Die paar Leit, die scho aufm Friedhof waren, hab i verscheucht, Herr Kommissar!«, rief Marianne Dachshofer, als sie ihn kommen sah. »Niemand hat was ogrührt, und koana war in der Nähe vom armen Felix!«, beteuerte sie.

Der Hauptkommissar war erleichtert. Er zweifelte nicht an ihren Worten. Die Krindelsdorfer hatten Respekt vor Marianne Dachshofer. Keiner würde es wagen, den Anweisungen der resoluten Naturheilerin zuwider zu handeln.

»Danke, Frau Dachshofer. Die Kollegen habe ich auf dem Weg hierher bereits verständigt. Sie müssten bald hier sein, um alles abzuriegeln.«

Hirschbergs Züge verdüsterten sich. Er seufzte beim Anblick des leblosen Körpers am Grab seines Großonkels. Felix Feuchthuber, den er noch kurz vor Weihnachten damit beauftragt hatte, sich um sein Familiengrab zu kümmern, hatte auf ihn stets den Eindruck eines lebensfrohen und freundlichen jungen Manns gemacht. Er konnte sich nicht vorstellen, wer dem Gärtner so etwas hätte antun wollen.

»I hab ihn gfunden, und dann is mir schwarz vor Augen gworden, und dann woas i nix mehr«, hauchte Frau Hackelgruber. »I muss meinen Korb fallen lassen habn. Und meine Rohrnudeln sind rausgfallen, direkt ins Blut vom armen Felix …« Ihre Stimme verebbte. Marianne Dachshofer drückte ihren Arm und warf Hirschberg einen verständnisheischenden Blick zu. Ihre alte Freundin war noch immer ganz verstört. »Der arme Bua! Er is immer so zuverlässig und freundlich gwesen, und …«

»Beruhigen Sie sich bitte, Frau Hackelgruber.« Hirschberg brachte ein Lächeln zustande. »War außer Ihnen vielleicht noch jemand auf dem Friedhof, als sie Herrn Feuchthuber gefunden haben? Haben Sie jemanden gesehen? Ist Ihnen irgendjemand oder irgendetwas Verdächtiges aufgefallen?«

»Na, i war ganz allein. I hab koan Menschen gsehn. Die meisten sind um die Uhrzeit ja in der Arbeit oder beim Frühstück oder …« Sie schüttelte den Kopf und holte tief Luft. Hirschberg fiel auf, dass sie es tunlichst vermied, auf den Boden zu sehen. Er konnte es ihr nicht verübeln. Feuchthuber bot einen grauenvollen Anblick. Die große Menge Blut bescherte auch ihm ein flaues Gefühl. »Und i hab erst recht net gsehn, wer …« Die Hackelgruber schlug sich die Hände vors Gesicht. »I wollt doch nur meinem Vater a Kerzen anzünden. Heit is sei Todestag. Und jetzt a der vom Felix«, fügte sie mit ausdrucksloser Stimme hinzu.

»Ist schon gut, Frau Hackelgruber.« Hirschberg seufzte innerlich. Er war es mittlerweile gewöhnt, dass in dem kleinen Ort zwar alle alles wussten, aber wenn es darauf ankam, niemand etwas gehört oder gesehen hatte. Allerdings war der Täter sicher darauf bedacht gewesen, niemandem über den Weg zu laufen oder aufzufallen, sagte er sich.

»Wissen’s, Herr Kommissar, der Felix fangt …« Dachshofer hielt inne und kniff gequält die Augen zusammen. »Hat immer scho recht früh zum Arbeiten ogfangt.« Sie blickte ihn vielsagend an. »Beim Gärtnern war er scho immer zuverlässig, der Felix. Seit er bei der Doris, also in der Gärtnerei von der Frau Schätzel, war. Da kann man ihm nix nachsagn. Er hat amoi gsagt zu mir, dass er’s in jedem Fall zu was bringen möcht. A Zeit lang hat’s amoi net danach ausgschaut«, flüsterte sie mit gesenktem Kopf vor sich hin, und Hirschberg hatte Mühe, sie zu verstehen. »Aber i hätt nie dacht, dass er amoi so enden würd.« Dachshofer hob ihren Kopf und blickte ihn an. »Am Montag is er immer als Erstes aufn Friedhof, weil er sich um so vui Gräber kümmert hat. Das war heit koa Ausnahme.«

»Immer?«

»Bei Schnee und Eis net, aber sonst immer. Der hat da so vui zu tun ghabt.« Sie zuckte die Schultern. »Und jetzt, wo’s halt doch wärmer wird … Das Garteln is ihm scho glegen.«

»War das allgemein bekannt, dass er jeden Montag so früh auf dem Friedhof ist?« Hirschberg beschlich das Gefühl, die Antwort bereits zu kennen.

»Das hat jeder gwusst, der ihn kennt hat.« Marianne Dachshofer nickte düster. »Danach is er ja immer glei in die Gärtnerei von der Frau Schätzel. Das dürfen’s net vergessen. Der hat scho’ vui zu tun ghabt. Er hat amoi gsagt zu mir, dass er die Ruhe mag. Wenn no koana am Friedhof is.«

Hirschberg nickte nachdenklich. Routine wurde so manchem zum Verhängnis, schoss es ihm durch den Kopf. Er ging neben Feuchthubers regloser Gestalt in die Hocke. Der Anblick der Heckenschere in seinem Hals ließ ihn erschaudern.

»Er wollt bestimmt den Buchsbaum aufm Grab schneiden.« Therese Hackelgruber musste seinen Blick bemerkt haben. »Der wuchert ja grad so vor sich hin.«

»Sieht ganz danach aus.« Hirschberg richtete sich auf und warf einen Blick auf den besagten Buchsbaum vor dem Grabstein.

»Die Heckenschere hat er natürlich stets dabei ghabt«, nickte Dachshofer schulterzuckend. »Die hat er ja immer braucht für die Arbeit …« Sie schlug sich die Hand vor den Mund.

Bevor Hirschberg etwas hätte erwidern können, hörte er das Friedhofstor knarzen. Hektische Schritte auf dem Kies näherten sich dem Fundort der Leiche. Er hörte die aufgeregten Stimmen zweier Männer.

»Herr Hauptkommissar!« Bürgermeister Hofstadler kam, gefolgt von seinem Parteifreund Landrat Seitlbach, mit großen Schritten auf ihn zu. Hofstadlers schwarzer Vollbart ließ seine Miene stets sehr finster wirken. Susan hatte ihm deshalb den Spitznamen Räuber Hotzenplotz gegeben. Er war ebenso ambitioniert wie Seitlbach, wusste Hirschberg, und auch er strebte nach mehr als nur dem Amt des Bürgermeisters. Der Hauptkommissar reagierte schnell und stellte sich den beiden in den Weg. »Ist es wahr? Ist Felix tot? Ermordet?«

»Herr Hofstadler, ich muss Sie bitten, sich zu beruhigen und nicht näher zu kommen. Der Tatort darf nicht verunreinigt werden. Meine Kollegen sind auf dem Weg hierher. Wir müssen den Fundort abriegeln.«

»Ich muss ihn sehen!«, rief Hofstadler und machte Anstalten, sich an Hirschberg vorbei zu drängen, doch Seitlbach hielt ihn zurück.

»Bertram, ich bitte dich! Du hast den Herrn Hauptkommissar gehört! Du musst einen kühlen Kopf bewahren! Auch wenn er dein Neffe ist!«

»Felix Feuchthuber ist Ihr Neffe?« Hirschberg zog überrascht die Augenbrauen nach oben.

»Er ist der Sohn meiner Cousine«, nickte Hofstadler. Schweißperlen glänzten auf seiner Stirn, und sein Hemdkragen stand offen. Er griff in seine Hosentasche und fluchte leise.

»Was ist, Bertram?« Seitlbach blickte ihn mitfühlend an.

»Mein Stofftaschentuch. Ich habe vor lauter Aufregung vergessen, es einzuschieben«, kam es zerstreut über seine Lippen. »Das ist eine Tragödie! Ich begreife das einfach nicht!«

Seitlbach klopfte ihm mitfühlend auf die Schulter. »Hier. Nimm mein Taschentuch. Ist frisch gewaschen.« Er zog ein weißes Tuch hervor und reichte es seinem aufgelösten Parteifreund.

»Es tut mir sehr leid, Herr Hauptkommissar, aber ich bin völlig durch den Wind. Ich habe überstürzt das Haus verlassen, als Günther mir die Nachricht überbracht hat. Ich habe sogar mein Portemonnaie zu Hause liegen lassen, und …« Hofstadler tupfte sich die Stirn ab und schüttelte den Kopf. Er schluckte und fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. »Felix ist … war nicht einfach nur mein Neffe. Er war mein Patensohn. Er war wie ein Sohn für mich. Seine Mutter und ich waren unzertrennlich als Kinder. Wir sind nicht nur Cousine und Cousin, sondern auch die besten Freunde! Ich weiß überhaupt nicht, wie ich Agnes das beibringen soll … Das ist ein Albtraum. Felix war ihr Ein und Alles. Sie glauben ja gar nicht, wie sehr sie an dem Jungen hing! Er hatte doch noch sein ganzes Leben vor sich!«

»Ich kann mir sehr gut vorstellen, wie Ihre Cousine sich fühlen wird.« Er dachte rasch an Julian und kniff einen Moment lang die Augen zusammen. »Ich versichere Ihnen, Ihr Verlust tut mir unsäglich leid, Herr Hofstadler.« Hirschberg mochte den frischgebackenen Bürgermeister zwar nicht besonders, aber trauernde Hinterbliebene hatten stets sein Mitgefühl. Kein Mensch verdiente es, einen Angehörigen auf so grausame Weise zu verlieren. »Aber ich möchte Sie jetzt bitten, sich vom Tatort fernzuhalten. Ich werde dann Kontakt zu den Kollegen der Kripo aufnehmen und die Zuständigkeit klären.«

»Ist gut.« Hofstadler nickte langsam. Er räusperte sich. »Ich danke Ihnen für Ihr Mitgefühl. Ich habe im Übrigen auch vollstes Verständnis, wenn Sie die Ermittlungen nicht übernehmen können. Nur weil Sie hier wohnen, sind Sie noch lange nicht für jedes Verbrechen zuständig. Das ist mir durchaus bewusst. Ihre Behörde wird diesbezüglich keinerlei Druck von mir bekommen. Das LKA hat schließlich wesentlich größere Fälle zu bearbeiten, und ich kann mir gut vorstellen, dass Sie …«

»Bertram, ich bitte dich!«, fiel Seitlbach ihm ins Wort. »Selbstverständlich wird Hauptkommissar Hirschberg die Ermittlungen übernehmen. Es kommt gar kein anderer infrage.« Der Landrat wandte sich an Hirschberg und legte ihm vertrauensvoll die Hand auf die Schulter. »Der Anruf bei der Kripo ist nicht nötig, Herr Hauptkommissar. Gleich nach Pfarrer Schmalzengrubers Anruf habe ich mich mit Präsident Krämer in Verbindung gesetzt. Er ist voll und ganz damit einverstanden, dass Sie die Ermittlungen übernehmen. Sie leben schließlich hier im Ort, die Menschen vertrauen Ihnen. Und der Neffe von Herrn Hofstadler ist nicht irgendwer. Ich habe vollstes Vertrauen in Sie und Ihre Kollegin, dass Sie den Schuldigen schnell finden werden!«

»Ich werde wie üblich alles in meiner Macht Stehende tun.« Hirschberg war nicht überrascht. Ihm war klar gewesen, dass Seitlbach dafür sorgen würde, dass nur er und kein Außenseiter die Ermittlungen aufnahm. Allerdings wäre es ihm lieber gewesen, wenn dieses Mal ein anderer die unangenehmen Fragen in seiner neuen Heimat stellen würde.

»Bitte finden Sie den, der das getan hat!« Hofstadler blickte ihn eindringlich an. »Es wäre wenigstens ein kleiner Trost zu wissen, dass der Mörder für seine Tat bezahlen muss!«

»Das habe ich vor«, versprach er dem trauernden Bürgermeister. »Herr Hofstadler, können Sie mir bitte die Kontaktdaten Ihrer Cousine und auch die Adresse Ihres Neffen geben? Ich muss die traurige Nachricht überbringen und mich in Herrn Feuchthubers Wohnung umsehen.«

»Selbstverständlich. Mein Neffe bewohnt eine Wohnung im Dachgeschoss seines Elternhauses. Agnes wird Ihnen dann sicher Zutritt gewähren. Aber lassen Sie mich bitte zuerst mit ihr reden«, bat er Hirschberg. »Ich möchte nicht, dass sie es von einem Fremden erfährt. Ich verspreche Ihnen auch, dass sie sich zu Ihrer Verfügung halten wird.«

»Na schön«, nickte Hirschberg und notierte sich Agnes Feuchthubers Adresse.

»Komm, Bertram.« Landrat Seitlbach zog seinen Parteifreund am Arm mit sich, als Dr. Meißner auf sie zukam. »Lass die Polizei ihre Arbeit machen. Du musst dich jetzt um deine Familie kümmern. Vor allem Agnes wird dich in dieser schweren Zeit brauchen.«

»Ja, Herr Präsident.« Das Friedhofstor knarzte ein weiteres Mal, sodass Hirschberg aufblickte. Die Spurensicherung und der Gerichtsmediziner trafen endlich ein. »Natürlich übernehme ich die Ermittlungen, wenn der Herr Landrat darauf besteht und Sie damit einverstanden sind. Ich halte Sie auf dem Laufenden«, versprach er und verabschiedete sich.

Kaum hatten sich Hofstadler und Seitlbach auf den Weg gemacht, hatte er einen Anruf von Präsident Krämer erhalten. Er war nun offiziell mit dem Fall betraut.

»Guten Morgen, Herr Hauptkommissar.« Dr. Meißner kam lächelnd auf ihn zu. »Sie müssen also einen weiteren Mord in Krindelsdorf aufklären, wie es aussieht.«

»So ist es«, entgegnete Hirschberg, bevor er sich an Dachshofer und Hackelgruber wandte. »Frau Dachshofer, Sie bringen Frau Hackelgruber jetzt auch besser nach Hause zu ihrem Mann. Der Herr Pfarrer wird bestimmt Verständnis haben, wenn sie heute …«

»Na!«, rief Hackelgruber, und Farbe schoss in ihre Wangen. »I geh überoi hin, bloß net zu meinem Mann, zu dem Deppen!«

Hirschberg konnte hören, wie einige Mitarbeiter der Spurensicherung sich räusperten. Dr. Meißner bückte sich, um seinen Koffer zu öffnen, doch Hirschberg hatte seine Mundwinkel zucken sehen können.

»Wir gehen zu mir!« Dachshofer führte sie weg von Xaver Hirschbergs Grab. »Wir trinken jetzt erst amoi an Eierlikör auf den Schock!«

»Die Todesursache scheint auch für Laien offensichtlich.« Hirschberg ging auf den Rechtsmediziner zu.

»Man hat ihm die Heckenschere in den Hals gerammt. Vermutlich ist dabei die Halsschlagader getroffen worden. Das ist kein schöner Anblick so früh am Morgen.« Meißner warf ihm einen düsteren Blick zu. »Ihre Kollegin ist übrigens auch schon hier, bevor Sie sich fragen, wo sie bleibt. Sie vertreibt nur gerade ein paar Schaulustige.« Meißner nickte in Richtung Friedhofstor.

»Gut zu wissen.« Hirschberg schätzte Kommissarin Hansens Effizienz sehr. Er warf Meißner einen traurigen Blick zu. »Herr Feuchthuber war ein sehr freundlicher junger Mann. Ich begreife das einfach nicht.«

»Sie kannten ihn?«

»Er hat in der Gärtnerei Schätzel gearbeitet. Ich habe ihn kurz vor Weihnachten gebeten, Xavers Grab zu pflegen. Es war ein Vorschlag von Frau Baumann.« Seit ihrem Umzug nach Krindelsdorf waren er und Susan mit Rosina und Lars Baumann eng befreundet. Vor allem Susan verstand sich prächtig mit der Historikerin, die ihr ganzes Leben in dem kleinen Ort verbracht hatte. »Er kümmert sich auch um ihr Familiengrab.«

»Schreckliche Sache, wenn ein junger Mensch so sterben muss.« Meißner blickte auf die Heckenschere, die noch immer in Felix’ Hals steckte.

»Guten Morgen, Chef.« Hansen erschien hinter den beiden, und ihre Züge verdüsterten sich, als ihr Blick auf den jungen Gärtner fiel. »Ich habe ein paar neugierige Krindelsdorfer verscheucht«, erklärte sie Hirschberg. »Dass der arme Mensch ausgerechnet am Grab Ihres Großonkels ermordet wird«, bemerkte die Kommissarin kopfschüttelnd mit einem Blick auf den Grabstein.

»Sie sagen es, Frau Kollegin«, seufzte Hirschberg.