Der alte englische Baron - Clara Reeve - ebook

Der alte englische Baron ebook

Clara Reeve

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Der alte englische Baron von Clara Reeve - ein Klassiker der Schauerromantik: Mord, Intrigen, Visionen, Gespenster und ein untadeliger Held; daraus ist die Geschichte gesponnen, welche die Verfasserin im Hinblick auf Walpole's Burg von Otranto im Jahre 1777 geschaffen hat: Der junge Bauernsohn Edmund wird, aufgrund seiner hervorragenden charakterlichen Eigenschaften, zusammen mit den Kindern seines Gutsherrn erzogen, und hätte eigentlich eine sorgenfreie Zukunft vor sich. Neider in der Familie des Gutsherrn setzen ihn jedoch nach und nach in dessen Gunst herab, so dass er sich mit dem Gedanken trägt, seinen Gönner und dessen Haus zu verlassen. Aus bestimmten Gründen verbringt Edmund aber drei Nächte in dem nicht genutzten Flügel des Schlosses, welcher vor 21 Jahren verschlossen und seither nicht mehr betreten wurde, "weil es da nicht recht zuginge." Dort erfährt er auf geisterhafte Weise Dinge, die ihn an seiner vermeintlichen Herkunft zweifeln lassen und er beginnt die Wahrheit hinter seiner Person zu ahnen...

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Vorrede.

WEIL diese Geschichte zu einer Gattung gehört, die zwar nicht mehr neu, aber doch nicht von dem gewöhnlichen Schlag ist: so ist es wohl nötig, dem Leser einige Umstände anzugeben, wodurch er die gehörige Einsicht in den Plan derselben, und zugleich, wie man hofft, Veranlassung erhält, über die vor ihm liegende Arbeit ein günstiges und dabei richtiges Urteil zu fällen.

Diese Geschichte ist der literarische Abkömmling der Burg von Otranto – entworfen nach dem nämlichen Plan, aber mit der Absicht, die anziehendsten und unterhaltendsten Züge des alten und neuen Romans miteinander zu verbinden. Dabei behauptet sie einen eigenen Charakter und eine Manier, wodurch sie sich von beiden unterscheidet. Gotische Geschichte heißt sie zum Unterschied, weil sie ein Gemälde gotischer Zeiten und Sitten sein soll.

An erdichteten Erzählungen fand man zu allen Zeiten und in allen Ländern Vergnügen. Bei ungebildeten waren sie mündliche Überlieferungen, bei mehr gebildeten schriftliche Entwürfe. Ja ich getraue mir zu behaupten – unerachtet sich einige Personen von Witz und Gelehrsamkeit gegen alle ohne Ausnahme erklärt haben – daß selbst diejenigen, die sich so sehr das Ansehen geben, sie unter einer Gestalt zu verwerfen, sie unter einer anderen nur desto höher schätzen.

So zum Beispiel, bewundert jemand die epischen Gedichte der Alten und verehrt sie beinahe göttlich; und verachtet und verwünscht dabei den alten Roman, welcher doch – ein bloßes episches Gedicht in Prosa ist.

Die Geschichte stellt Gegenstände des menschlichen Lebens auf, so wie sie in der Natur und Wirklichkeit vorhanden sind. – Leider, öfters ein zu trauriger Anblick! – Der Roman zeigt nur die schöne Seite des Gemäldes; er hebt die gefallenden Züge aus, und wirft einen Schleier über die widrigen. Der Mensch findet von Natur ein Vergnügen an dem, was seiner Eitelkeit schmeichelt. Eitelkeit aber kann so, wie jede andere Leidenschaft des menschlichen Herzens, zu guten und heilsamen Absichten benutzt werden.

Ich räume es gerne ein, daß sie mißbraucht werden und ein Werkzeug abgeben kann, das Herz und die Sitten der Menschen zu verderben. Dies kann auch die Dichtkunst, dies können Theaterstücke, dies kann jede Art von Geistesprodukt! Allein dies beweist nicht mehr und nicht weniger, als nach einem alten Sprichwort, welches einige unserer modischsten Philosophen wieder neu gemacht haben, jedes Ding in der Welt zwei Seiten habe.

Das Geschäft des Romans ist, erstens: Aufmerksamkeit zu erregen; und, zweitens: sie auf einen nützlichen, oder wenigstens unschuldigen Endzweck hinzulenken. Glücklich ist der Schriftsteller, welcher, wie Richardson1, beide Absichten erreicht! Aber nicht unglücklich, oder des Lobes unwürdig ist der, welcher nur die letzte erhält, und dem Leser einige Unterhaltung verschafft!

Da ich nun meine Absicht zum Teil angegeben habe, so muß ich um Erlaubnis bitten, meinen Leser wieder etwas zurückführen zu dürfen, bis er die Burg von Otranto wieder zu Gesicht bekommt: ein Werk, welches, wie bereits bemerkt wurde, ein Versuch ist, die verschiedenen Verdienste und Reize des alten und neuen Romans zu vereinigen. Zur Erreichung dieser Absicht braucht man den erforderlichen Grad des Wunderbaren, um Aufmerksamkeit zu erregen; ferner einen hinlänglichen Vorrat von Charakteren aus dem wirklichen Leben, um dem Werk ein Ansehen von Wahrscheinlichkeit zu geben; und endlich, ebenso viel Pathos, um das Herz dafür einzunehmen.

Das erwähnte Buch ist vortrefflich in Rücksicht auf die zwei letzten Stücke, aber überladen in Rücksicht auf das erstere. Die Eröffnung der Szene erregt sehr stark die Erwartung; die Haltung der Geschichte ist mit Kunst und Geschmack gemacht; die Charaktere sind vortrefflich entworfen und durchgeführt; der Ausdruck ist edel und fein. Gleichwohl hat es bei allen diesen glänzenden Vorzügen etwas Beleidigendes für den Verstand – wenngleich nicht für das Ohr. Der Grund hiervon ist auch sehr leicht einzusehen. Die Maschinerie ist zu gewaltsam und vernichtet ebendeswegen die Wirkung, die sie der Absicht nach hervorbringen sollte. Hätte man die Geschichte innerhalb der äußersten Grenzen der Wahrscheinlichkeit gelassen, so würde man die Wirkung erhalten haben, ohne das Geringste von dem zu verlieren, was Erwartung erregt, oder unterhält.

Zum Beispiel, die Erscheinung eines Geistes können wir uns denken und zugeben. Wir können sogar ein bezaubertes Schwert, einen bezauberten Helm hingehen lassen. Allein dann müssen dergleichen Erdichtungen die festgesetzten Grenzen der Wahrscheinlichkeit nicht überschreiten. Ein Schwert, so groß, daß hundert Mann nötig sind, um es aufzuheben; ein Helm, der bloß durch seine eigene Schwere ein Loch durch einen Hof in ein Gewölbe hinabdrückt, und so groß ist, daß ein Mann durchgehen kann; ein Porträt, das von selbst aus seiner Einfassung herauswandert; ein Skelettgeist in einer Einsiedlerkutte – ist unsere Erwartung auch noch so hoch gespannt, so müssen solche Übertreibungen sie augenblicklich wieder abspannen, jede Wirkung und Täuschung der Einbildungskraft vernichten, und statt Aufmerksamkeit, Lachen erregen. – Ich war erstaunt und verdrießlich zugleich, den Zauber gelöst zu finden, den ich gerne bis an das Ende des Buches hätte fortdauern sehen. Mehrere Leser desselben haben mir gestanden, daß sie sich auf eine ähnliche Art in ihren Erwartungen und Wünschen getäuscht gefunden hätten. – Seine Schönheiten sind so zahlreich, daß uns die Mängel desselben nur um so mehr auffallen, und den Wunsch in uns erregen, daß es in jeder Rücksicht so vollkommen sein möchte.

Meine Betrachtungen über dieses besondere Buch veranlaßten in mir den Gedanken, daß es möglich wäre, ein Werk nach dem nämlichen Plan zu entwerfen, in welchem diese Fehler vermieden, und die Manier, wie bei Gemälden, beibehalten werden könnte.

Allein nun entstand in mir das Besorgnis, daß mich das Schicksal gewisser Übersetzer und Nachahmer Shakespeares treffen könnte – die Einheiten könnten beibehalten werden, während der Geist verflöge! – Inzwischen, ich wagte den Versuch, und las den Anfang davon im Zirkel einiger Freunde von bewährtem Geschmack vor. Ihr Urteil ermunterte mich daran fortzufahren und es zu vollenden.

Nach dem Rat der nämlichen Freunde, ließ ich die erste Ausgabe auf dem Lande drucken, wo sie auch vorzüglich herumlief. Denn nur sehr wenige Exemplare wurden nach London geschickt. Aufgemuntert durch den Erfolg entschloß ich mich eine zweite Ausgabe dem Publikum anzubieten, welches schon so oft die Bemühungen derjenigen belohnt hat, welche einen Versuch machten, etwas zu seiner Unterhaltung beizutragen.

Weil die erste Ausgabe sehr fehlerhaft war, so wurde das Werk wieder aufs neue durchgesehen und verbessert. Auch habe ich dem ernstlichen Verlangen mehrerer Freunde, für deren Geschmack ich die größte Achtung habe, nachgegeben, und den Titel: Der Held der Tugend2, gegen den: Der alte englische Baron3, vertauscht; weil dieses der Hauptcharakter in der Geschichte ist.

1 Samuel Richardson (* 19. August 1698 - † ⒋ Juli 1761) Buchdrucker, Verleger und Autor. Er war für seine Briefromane im 18. Jahrhundert sehr bekannt.

2 D. i. The Champion of Virtue. London 1777.

3 D. i. The Old English Baron. London 1778.

EINE GOTISCHE GESCHICHTE.

WÄHREND der Minderjährigkeit Henry VI.4, Königs von England, als der berühmte John, Herzog von Bedford5 Regent von Frankreich6, und der gute Herzog von Gloucester Protektor von England7 war, kam ein würdiger Ritter, genannt Sir Philip Harclay, von seinen Reisen zurück nach England, in sein Vaterland. Er hatte unter dem berühmten König Henry V.8 mit ausgezeichneter Tapferkeit gedient, hatte sich einen ehrenvollen Namen erworben, und war gleich hochgeschätzt wegen seiner christlichen Tugenden und wegen seiner ritterlichen Taten. Nach dem Tod dieses Fürsten ging er in die Dienste des griechischen Kaisers, und bewies ausgezeichneten Mut gegen die Einbrüche der Sarazenen. Hier machte er in einem Treffen einen gewissen Mann von Stande zum Gefangenen, mit Namen Zadisky, der von Geburt ein Grieche, aber von einem sarazenischen Offizier erzogen worden war. Diesen Mann bekehrte er zum christlichen Glauben, und schloß ihn nachher an sich durch die Bande der Freundschaft und Dankbarkeit, so daß er sich entschloß, bei seinem Wohltäter zu bleiben. – Nach dreißigjährigen Reisen und Kriegsdiensten entschloß er sich in sein Vaterland zurückzukehren und den Rest seines Lebens in Frieden zuzubringen und sich durch Werke der Gottseligkeit und Menschenliebe zu einem künftigen besseren Zustand nach diesem Leben vorzubereiten.

Dieser edle Ritter hatte in seiner frühen Jugend eine innige Freundschaft errichtet mit dem einzigen Sohn des Lord Lovel, der ein Mann von vorzüglichen Tugenden und Eigenschaften war. Während Sir Philips Aufenthalt in fremden Ländern hatte er öfters an seinen Freund geschrieben und eine Zeitlang Antworten erhalten. Die letzte brachte ihm die Nachricht von dem Tod des alten Lord Lovel, und von der Verheiratung des jüngeren. Aber von der Zeit an hatte er nichts mehr von ihm gehört. Sir Philip fand die

Ursache hiervon nicht in Geringschätzung oder Vergessenheit, sondern in der Schwierigkeit, welche zu jener Zeit alle Reisende und Abenteurer miteinander gemein hatten, Nachrichten von einem Ort zum anderen zu bringen. Auf seiner Heimreise entschloß er sich auf dem Schloß Lovel einen Besuch zu machen und sich nach der Lage seines Freundes zu erkundigen, sobald als er seine Familienangelegenheiten untersucht haben würde. Er landete in Kent, begleitet von seinem Freund, dem Griechen, und zwei getreuen Bedienten, von welchen der eine durch eine Wunde gelähmt war, welche er in der Verteidigung seines Herrn erhalten hatte.

Sir Philip kam auf sein Familienlandgut in Yorkshire, und fand, daß seine Mutter und Schwester gestorben und seine Güter beschlagnahmt und einigen Bevollmächtigten übergeben worden waren, welche der Protektor hierzu ernannt hatte. Er mußte nun beweisen, daß sein Anspruch begründet, und seine Person die nämliche wäre – durch die Aussage einiger von den alten Bedienten seiner Familie – und erhielt nachher alles wieder erstattet. Er nahm Besitz von seinem eigenem Haus, richtete seine Haushaltung ein, bestätigte die alten Bedienten in ihren vorigen Stellen, und gab denen, die er mit sich heimgebracht hatte, die oberen Bedienungen in seiner Familie. Er ließ nun seinen Freund zur Aufsicht über seine häuslichen Angelegenheiten zurück, und reiste in Begleitung eines seiner alten Bedienten ab nach dem Schloß Lovel in dem westlichen Teil von England. Sie machten leichte Tagesreisen; aber am zweiten Tag gegen Abend wurde der Bediente so krank und matt, daß er nicht weiterreisen konnte. Er hielt also in einem Gasthof, wo er mit jeder Stunde kränker wurde, und am folgenden Tag starb. Sir Philip war in großer Unruhe wegen des Verlusts seines Bedienten, auch in einiger wegen seiner selbst, da er ganz allein an einem fremden Ort war. Er beruhigte sich jedoch, machte Anstalten zum Leichenbegängnis seines Bedienten, dem er selbst beiwohnte, und setzte seine Reise allein fort, nachdem er noch eine Träne des Mitleids über seinem Grab geweint hatte.

Als er sich dem Landgut seines Freundes näherte, fragte er jeden, dem er begegnete, ob Lord Lovel auf dem Landgut seiner Vorfahren wohnte? – Von dem einen erhielt er zur Antwort: er wüßte es nicht! – Von einem anderen: er könnte es nicht sagen! – Von einem dritten: er hätte nie von einer solchen Person gehört. Sir Philip befremdete es sehr, daß man von einem Mann von Lord Lovels Ansehen in seiner eigenen Nachbarschaft, und da wo sich seine Vorfahren gewöhnlich aufhielten, nichts wissen sollte. Er stellte bei sich selbst Betrachtungen über die Unzuverlässigkeit der menschlichen Glückseligkeit an: ,,Diese Welt“, sagte er, „hat doch nichts, worauf sich ein weiser Mann verlassen könnte! Ich habe alle meine Anverwandten verloren, und die meisten von meinen Freunden, und weiß nicht einmal, ob noch einige von ihnen am Leben sind. Doch, ich will dankbar sein für die Segnungen, die mir geblieben sind, und ich will diese zu ersetzen suchen, die ich verloren habe. Lebt mein Freund, so will ich mein Vermögen mit ihm teilen, und seine Kinder sollen einst das Ganze erhalten; dafür soll er die Freuden des Lebens mit mir teilen. – Aber vielleicht sind meinem Freund Unglücksfälle begegnet, die ihn unzufrieden mit der Welt gemacht haben. – Vielleicht hat er seine liebenswürdige Frau, oder seine hoffnungsvollen Kinder begraben, und der Welt und ihrer Geschäfte überdrüssig, sich in ein Kloster zur Ruhe begeben. – Ich muß doch wenigstens wissen, was dieses Stillschweigen zu bedeuten hat.“

Als er nur noch eine Meile vom Schloß Lovel entfernt war, hielt er an einer Bauernhütte und verlangte einen Trunk Wasser. Ein Bauer, der Herr des Hauses, brachte es und fragte: „Ob Ihre Herrlichkeit nicht absteigen und einen Augenblick ausruhen wollten?“

Sir Philip nahm sein Anerbieten an, weil er entschlossen war, sich weiter zu erkundigen, ehe er auf das Schloß ging.

Er legte ihm die nämlichen Fragen vor, die er vorher an die anderen gemacht hatte.

„Nach welchen Lord Lovel“, versetzte der Mann, „fragen denn Ihre Herrlichkeit?“

„Der Mann, denn ich kannte“, sagte Sir Philip, „hieß Arthur.“

„Ja“, sagte der Bauer, „er war, denke ich, der Sohn von Richard, Lord Lovel, der einzige, der seinen Vater überlebte.“

„Ganz recht, mein Freund, er war es.“

„Ach, mein Herr!“, sagte der Mann, „der ist tot. Er überlebte seinen Vater nur kurze Zeit.“

„Tot, sagt Ihr? – Seit wie lange denn?“

„Seit ungefähr 15 Jahren, so viel ich mich erinnern kann.“

Sir Philip seufzte tief.

„Ach!“ sagte er, „was gewinnen wir durch ein langes Leben, als daß wir alle unsere Freunde überleben! – Aber sagt mir doch, wie er starb?“

„Ich will alles sagen, was ich davon weiß. Und, erlauben Ihre Herrlichkeit, ich hörte sagen, daß er den König auf seinem Feldzug gegen die Rebellen nach Wales begleitete, und ließ seine Lady schwanger zurück. Und da fiel ein Treffen vor, und der König schlug die Rebellen. Da kam zuerst ein Gerücht, daß keiner von den Offizieren getötet worden wäre; aber wenige Tage danach da kam ein Bote mit einer sehr verschiedenen Nachricht, daß mehrere verwundet, und daß der Lord Lovel getötet worden wäre. Diese traurige Botschaft schlug uns alle darnieder vor Schmerz; denn er war ein edler Ehrenmann, ein gütiger Herr, und die Freude der ganzen Nachbarschaft.“

„Er war wirklich die Liebenswürdigkeit und Güte selbst“, sagte Sir Philip, „er war mein teurer, edler Freund, und ich bin über seinen Verlust untröstlich. Aber die unglückliche Lady – was wurde denn aus der?“

„Hm, erlauben Ihre Herrlichkeit, man sagte, sie starb vor Gram über den Verlust ihres Mannes. – Aber ihr Tod wurde eine Zeitlang geheimgehalten, und wir erfuhren ihn nicht gewiß, bis einige Wochen nachher.“

„Der Wille des Himmels geschehe!“ sagte Sir Philip, „aber wer folgte ihm im Titel und in Gütern?“

„Der nächste Erbe“, sagte der Bauer, ein Anverwandter des Verstorbenen mit Namen Sir Walter Lovel.“

„Ich habe ihn ehemals gesehen“, sagte Sir Philip, „aber wo war denn dieser, als sich diese Zufälle ereigneten?“

„Auf dem Schloß Lovel. Er kam hin, um die Lady zu besuchen, und blieb da, um den Lord bei seiner Rückkehr von Wales zu empfangen. Als die Nachricht von seinem Tod kam, tat Sir Walter alles, was in seinem Vermögen war, sie zu trösten; und einige sagten, er würde sie geheiratet haben. Aber sie wollte sich nicht trösten lassen, und nahm sich’s so zu Herzen, daß sie starb.“

„Und wohnt der gegenwärtige Lord Lovel auf dem Schloß?“

„Nein!“

„Wer dann?“

„Der Lord Baron Fitz-Owen.“

„Und wie kam es denn, daß Sir Walter das Landgut seiner Vorfahren verließ?“

„Hm – er verheiratete seine Schwester an diesen genannten Lord; und so verkaufte er ihm das Schloß, und zog weg, und baute sich selbst ein Haus gegen Norden, so weit als – Northumberland glaube ich nennen sie es.“

„Das ist sehr sonderbar!“sagte Sir Philip.

„So ist es, erlauben Ihre Herrlichkeit; aber das ist alles, was ich das von weiß.“

„Ich danke Euch, mein Freund, für Eure Nachricht. Ich habe eine lange Reise umsonst unternommen und dabei nichts als unangenehme Zufälle gehabt. Dies Leben ist in der Tat eine Pilgerschaft! – Seid so gut und zeigt mir nun den nächsten Weg zum nächsten Kloster.“

„Edler Herr“, sagte der Bauer, „es ist volle fünf Meilen weg, die Nacht bricht herein, und die Wege sind schlecht. Ich bin nur ein armer Mann, und kann Ihre Herrlichkeit nicht so bewirten, wie Sie gewohnt sind; aber wenn Sie in meine arme Hütte kommen wollen, so ist diese, und alles was darin ist, zu Ihrem Befehl.“

„Ich danke euch herzlich, mein rechtschaffener Freund“, sagte Sir Philip. „Eure Gefälligkeit und Gastfreiheit könnte manche schamrot machen, die von einer höheren Geburt und Erziehung sind. Ich will Euer freundliches Anerbieten annehmen; aber laßt mich doch den Namen meines Wirtes wissen.“

„John Wyatt, ein ehrlicher, obgleich ein armer Mann, und ein Christ, obgleich ein Sünder.“

„Wessen Hütte ist das?“

„Sie gehört dem Lord Fitz-Owen.“

„Was für eine Familie habt Ihr?“

„Ein Frau, zwei Söhne und eine Tochter, die sich alle eine Ehre daraus machen werden, Ihrer Herrlichkeit aufzuwarten. Erlauben Ihre Herrlichkeit, daß ich Ihnen den Steigbügel zum Absteigen halte.“

Er begleitete diese Worte mit der gehörigen Handlung; und nachdem er seinem Gast beim Absteigen geholfen hatte, führte er ihn in das Haus, rief seine Frau zur Bedienung herbei, und brachte dann das Pferd in einen schlechten Unterstand, der ihm zum Stall diente.

Sir Philip war an Leib und Seele matt, und wünschte irgendwo einen Ruheplatz zu finden. Die Freundlichkeit seines Wirtes hatte daher seine Aufmerksamkeit auf sich gezogen und seinen Wünschen entsprochen. Dieser kam bald nachher zurück, begleitet von einem Jüngling von ungefähr 18 Jahren.

„Eile, John“, sagte der Vater, „und sage ja nicht mehr und nicht weniger, als was ich dir gesagt habe.“

„Ja, Vater“, sagte der Junge, und lief sogleich weg und rannte wie ein Reh quer über das Feld, und war in einem Augenblick ihnen außer den Augen.

„Ich hoffe“, sagte Sir Philip, „mein Freund, Ihr habt Euren Sohn nicht weggeschickt, um etwas für meine Bewirtung zu holen? Ich bin ein Soldat, und gewohnt, hart zu logieren und zu leben. Und wenn dies auch nicht so wäre, so würde mir Eure Höflichkeit und Gefälligkeit auch die geringste Alltagskost schmackhaft machen.“

„Ich wünsche von Herzen“, sagte Wyatt, „ich wäre imstande Ihre Herrlichkeit nach Würden zu bewirten. Aber weil das nicht in meinem Vermögen steht, so will ich Ichnen, wenn mein Sohn zurückkommt, den Auftrag bekanntmachen, mit welchem ich ihn fortgeschickt habe.“

Hierauf unterhielten sie sich miteinander über gemeinschaftliche Gegenstände, als Mitgeschöpfe von der nämlich-natürlichen Beschaffenheit und Anlage, unerachtet die Verschiedenheit der Erziehungsart dem einen ein Bewußtsein von Überlegenheit und dem anderen ein Gefühl von Schwäche gab; und dieser beobachtete den schuldigen Respekt, ohne daß ihn der erstere forderte.

In ungefähr einer halben Stunde kam der junge Wyatt zurück.

„Du hast geeilt“, sagte der Vater.

„Nicht mehr als gut war“, versetzte der Sohn.

„So sage uns denn, was du ausgerichtet hast?“

„Soll ich alles sagen, was vorgefallen ist?“

„Alles“, sagte der Vater, „ich habe nicht nötig, irgend etwas geheimzuhalten.“

John stand da mit seiner Mütze in der Hand, und erzählte seine Geschichte so: „Ich lief gerade auf das Schloß zu und so schnell, als ich konnte. Es war ein Glück für mich, daß ich den jungen Edmund zuerst antraf. Daher sagte ich ihm gerade, wie Ihr mir befohlen habt, daß ein vornehmer Herr von einer langen Reise von fremden Landen gekommen sei, um Lord Lovel, seinen Freund zu besuchen. Und weil er mehrere Jahre in der Fremde gelebt hatte, so hätte er nicht gewußt, daß er gestorben und das Schloß in andere Hände gekommen wäre; daß ihm diese Nachricht sehr unerwartet und schmerzlich gewesen wäre. Weil er nun ein Nachtquartier brauche, um sich auszuruhen, ehe er wieder heimreiste, so wäre er bereitgewesen mit einem in unserer Hütte sich zu behelfen; daß mein Vater geglaubt hätte, Mylord würde böse auf ihn werden, wenn er nichts von der Reise und den Absichten des Fremden erführe, besonders deswegen, daß er einen solchen Mann in unserer Hütte übernachten ließ, wo er weder seinem Stande gemäß logiert noch bewirtet werden könnte.“

Hier hielt John inne, und sein Vater rief aus: „Guter Junge! Du hast deinen Auftrag gut ausgerichtet; nun sage uns auch die Antwort.“

John fuhr fort: „Edmund ließ mir etwas Bier geben, und ging weg, um Mylord die Nachricht zu überbringen; er blieb eine Weile aus und kam dann zu mir zurück: ‚John‘, sagte er, ‚sage dem edlen Fremden, Baron Fitz-Owen wünsche ihm alles Gutes, und bitte ihn, versichert zu sein, daß, unerachtet Lord Lovel gestorben und das Schloß in andere Hände gekommen wäre, seine Freunde doch jederzeit daselbst willkommen sein würden; und Mylord bitte ihn, er möchte sein Quartier da nehmen, so lange er sich in dieser Gegend aufhalten würde‘ – so lief ich sogleich weg und eilte, um meine Botschaft zu überbringen.“

Sir Philip ließ einige Unzufriedenheit über diesen Beweis von des alten Wyatts Hochachtung merken: „Ich wünsche“, sagte er, „Ihr hättet mir vorher von Eurer Absicht gesagt, ehe ihr fortschicktet, um dem Baron wissen zu lassen, daß ich hier wäre. – Ich möchte weit lieber bei euch logieren; und ich verspreche Euch, Euch für die Mühe, die ich Euch machen werde, schadlos zu halten.“

„Ach gedenken Sie doch nicht daran“, sagte der Bauer, „Sie sind mir hier so willkommen, wie mein zweites Selbst; ich hoffe, sie werden es nicht ungütig nehmen; die einzige Ursache, warum ich fortschickte, war, weil ich beides, unfähig und unwürdig bin, Ihre Herrlichkeit zu bewirten.“

„Es tut mir leid“, sagte Sir Philip, „wenn Ihr mich für so weichlich halten solltet; ich bin ein christlicher Soldat, und der, den ich für meinen Oberherrn und Meister erkenne, nahm die Einladungen der Armen an und wusch seinen Jüngern die Füße. Laßt uns nichts mehr von der Sache sprechen; ich bin entschlossen, diese Nacht in Eurer Hütte zu bleiben, und Morgen will ich dem Baron aufwarten, und für seine gastfreie Einladung danken.“

„Dies steht ganz in Ihrer Herrlichkeit Belieben, nachdem Sie uns die Ehre erzeigen wollen, hierzubleiben. – John, laufe du zurück und sage Mylord davon.“

„Nicht doch“, sagte Sir Philip, „es ist ja beinahe schon finster.“

„Das hat nichts zu sagen“, sagte John, „ich kann blindlings dahin gehen.“

Sir Philip gab ihm nun in seinem eigenen Namen einen Auftrag an den Baron, ihn zu benachrichtigen, daß er ihm Morgen seinen Respekt bezeugen wollte. John flog zum zweitenmal zurück und kam bald wieder mit neuen Empfehlungen von dem Baron, und daß er ihn morgen erwarten würde. Sir Philip gab ihm einen Goldengel9 und rühmte seine Schnelligkeit und Geschicklichkeit.

Er aß nun mit Wyatt und seiner Familie zum Abendessen neugelegte Eier und Speckstreifen, mit dem größten Behagen. Sie dankten dem Schöpfer für seine Gaben, und erkannten, daß sie seiner geringsten Wohltaten unwürdig wären. Sie überließen Sir Philip die beste von ihren zwei Dachkammern, und die übrigen von der Familie schliefen in der anderen, die alte Frau und ihre Tochter in dem Bett, der Vater und seine zwei Söhne auf reinem Stroh. Sir Philips Bett war von einer besseren Art, und gleichwohl viel schlechter, als er es gewöhnlich hatte; demungeachtet schlief der gute Ritter so sanft in Wyatts Hütte, als er nur in einem Palast hätte schlafen können.

Während seines Schlafes entstanden mancherlei sonderbare und unzusammenhängende Träume in seiner Einbildungskraft: Es kam ihm vor, er erhielt eine Botschaft von seinem Freund, Lord Lovel, zu ihm auf das Schloß zu kommen; dieser stand am Tor und empfing ihn, er suchte ihn zu umarmen, aber er konnte nicht, sprach aber folgendes zu ihm: „Unerachtet ich schon seit 15 Jahren tot bin, so herrsche ich doch noch immer hier, und niemand vermag ohne meine Erlaubnis durch diese Türen zu gehen. Wisse, daß ich es bin, der dich einlädt, und dich willkommen heißt; die Hoffnung meines Hauses stützt sich auf dich.“ – Hierauf hieß er Sir Philip ihm folgen; er führte ihn durch mehrere Zimmer, bis er endlich in die Tiefe hinabsank, und Sir Philip folgte ihm, wie es ihm dünkte, auch dahin nach, bis er endlich in ein finsteres, schauerliches Gewölbe kam, wo er verschwand. An seiner Statt erblickte er eine vollständige Waffenrüstung, befleckt mit Blut, welche seinem Freund gehörte, und es dünkte ihm, er hörte ein schauerliches Geächze von unten herauf. Gleich darauf, kam es ihm vor, er würde durch eine unsichtbare Hand weggerückt und auf eine wilde Heide gebracht, wo das Volk einen Platz einschloß und für zwei Kämpfer Zurüstungen machte; die Trompete erschallte, und eine Stimme erschallte noch lauter: „Laß ab! Es ist noch nicht vergönnt, dies zu offenbaren, bis daß die Zeit reif ist für den Ausgang. Harre mit Geduld auf die Schlüsse des Himmels.“ – Hierauf wurde er in sein eigenes Haus gebracht, wo er beim Eintritt in ein abgelegenes Zimmer seinen Freund wieder antraf, welcher lebte und in der ganzen Jugendblüte war, wie damals, als er zuerst seine Bekanntschaft machte. Bei diesem Anblick fuhr er zusammen und erwachte.

Die Sonne schien auf seine Vorhänge, und weil er merkte, daß es Tag war, setzte er sich auf, und besann sich, wo er war. Die Eindrücke, welche diese Traumbilder im Schlaf auf seine Einbildungskraft gemacht hatten, behielten auch noch wachend ihre Stärke auf sein Gemüt; aber die Vernunft suchte sie auszulöschen. Es war natürlich, daß die Geschichte, die er gehört hatte, diese Ideen hervorbrachte, und daß sie ihm in Schlaf gegenwärtig wurden, und daß jener Traum einige Beziehung auf seinen verstorbenen Freund erhalten hatte.

Die Sonne blendete seine Augen, die Vögel brachten ihm ihre Morgenmusik und belustigten seine Aufmerksamkeit, und eine Geißblattstaude, die durch das Fenster gewachsen war, bereitete seiner Nase Wohlgerüche. Er stand auf und entrichtete dem Himmel seine Andacht. Dann stieg er behutsam die schmale Treppe herab und ging heraus vor die Tür der Hütte. Hier sah er die emsige Frau und Tochter des alten Wyatt bei ihrer Morgenarbeit; die eine molk ihre Kuh und die andere fütterte ihr Federvieh. Er verlangte einen Trunk Milch, welche nebst einem Stück Hausbrot ihm zum Frühstück diente. Er ging allein auf dem Feld herum, denn der alte Wyatt und seine zwei Söhne waren zu ihrer täglichen Arbeit gegangen. Er wurde aber bald von der guten Frau zurückgerufen, welche ihm sagte, daß ein Bedienter von dem Baron auf ihn warte, um ihn in das Schloß zu begleiten. Er nahm Abschied von Wyatts Frau und sagte ihr, er würde sie noch einmal vorher sehen, ehe er diese Gegend verließ. Die Tochter brachte sein Pferd, welches er bestieg und mit dem Bedienten fortritt. Diesem legte er mancherlei Fragen vor, die seines Herrn Familie betrafen: „Wie lange seid Ihr schon bei dem Baron?“

„Zehn Jahre.“

„Ist er ein guter Herr?“

„O ja, und auch ein guter Mann und Vater.“

Was für eine Familie hat er?“

„Drei Söhne und eine Tochter.“

„Von welchem Alter sind sie?“

„Der älteste Sohn ist in seinem 17ten, der zweite in seinem 16ten Jahr, und die anderen sind einige Jahre jünger. Aber außer diesen läßt Mylord noch einige junge Herren mit seinen Söhnen auferziehen; zwei davon sind Neffen von ihm. Er hält auch einen gelehrten Mönch in seinem Haus, um sie in Sprachen zu unterrichten. In Rücksicht auf alle Leibesübungen kommt ihnen keiner nahe: Da ist ein Lehrmeister, um sie im Armbrustschießen zu unterrichten, ein anderer im Reiten, ein anderer im Fechten, ein anderer lehrt sie das Tanzen; und dann ringen sie auch und üben sich im Wettlaufen, und haben eine solche Gewandtheit in allen ihren Bewegungen, daß man sie nur gerne sieht; und Mylord hält keinen Aufwand für zu groß, der auf ihre Erziehung geht.“

„In Wahrheit“, sagte Sir Philip, „er erfüllt die Pflichten eines guten Vaters, und ich schätze ihn unendlich dafür; aber sind die jungen Herren auch von versprechenden Anlagen?“

„Ja, in der Tat“, antwortete der Bediente, „die jungen Herren, Mylords Söhne, sind hoffnungsvolle Jünglinge; gleichwohl ist einer, der sie alle übertreffen soll, unerachtet er der Sohn eines armen Tagelöhners ist.“

„Und wer ist er?“ fragte der Ritter.

„Ein gewisser Edmund Twyford, der Sohn eines Gütlers in unserem Dorf; er ist wahrlich ein Junge so schön, als je die Sonne einen beschienen hat, und von einem so sanften Charakter, daß ihm niemand sein Glück mißgönnt.“

„Was hat er denn für ein Glück?“

„Hm – vor ungefähr zwei Jahren nahm ihn Mylord auf Verlangen seiner Söhne in seine Familie auf, und gibt ihm nun die nämliche Erziehung, wie seinen eigenen Kindern; die jungen Herren sind in ihn vernarrt, besonders William, der ungefähr gleiches Alters mit ihm ist. Man glaubt, daß er die jungen Herren begleiten wird, wenn sie in den Krieg gehen, welches nach Mylords Absicht bald geschehen wird.“

„Was Ihr mir sagt“, versetzte Sir Philip, „vermehrt jede Minute meine Hochachtung für euren Herrn. Er ist ein vortrefflicher Vater und Herr, er sucht das Verdienst in der Dunkelheit auf, unterscheidet und belohnt es; ich ehre ihn von ganzen Herzen.“

Auf diese Art unterhielten sie sich miteinander, bis sie so nahe kamen, daß sie das Schloß vor sich liegen sahen. Auf einem Feld nahe bei dem Schloß sahen sie eine Gesellschaft junger Leute, mit Armbrüsten in ihren Händen, welche nach dem Ziel schossen.

„Hier“, sagte der Bediente, „sind die jungen Herren bei ihren Übungen.“

Sir Philip hielt mit dem Pferd, um ihnen zuzusehen. Er hörte zwei oder drei von ihnen ausrufen: „Edmund ist der Sieger! Edmund gewinnt den Preis!“

„Ich muß doch diesen Edmund sehen“, sagte Sir Philip, sprang vom Pferd, gab dem Bedienten den Zügel und ging auf das Feld zu; die Jünglinge kamen zu ihm und bezeigten ihm ihren Respekt. Er entschuldigte sich, daß er sie bei ihren Spielen störe, und fragte, welches der Sieger wäre? Hierauf winkte der Jüngling, mit dem er sprach, einem anderen, welcher sogleich herbeikam und sein Kompliment machte. Wie er nahekam, heftete Sir Philip seine Augen mit so viel Aufmerksamkeit auf ihn, daß es schien, als wenn er seine Höflichkeitsbezeigungen nicht bemerkte. Endlich besann er sich und sagte: „Wie ist Ihr Name, junger Mann?“

„Edmund Twyford“, versetzte der Jüngling, „und ich habe die Ehre, bei des Lord Fitz-Owens Söhnen zu sein.“

„Erlauben Sie, edler Herr“, sagte der Jüngling, den Sir Philip zuerst angeredet hatte, „sind Sie nicht der Fremde, den mein Vater erwartet?“

„Ja, ich bin es“, antwortete er, „und ich gehe nun, um ihm meinen Respekt zu bezeigen.“ „Wollen Sie uns entschuldigen, wenn wir Sie nicht begleiten? – Wir haben unsere Übungen noch nicht beendigt.“

„Sie haben nicht nötig, mein Bester, sich deswegen zu entschuldigen“, sagte Sir Philip, „aber wollen Sie so gütig sein, und mir Ihren Namen sagen, damit ich weiß, wem ich für diese Höflichkeit Dank schuldig bin?“

„Mein Name ist William Fitz-Owen; dieser hier ist mein ältester Bruder, Robert, dieser andere, mein Vetter, Richard Wenlock.“

„Sehr gut, ich danke Ihnen, mein Lieber; und nun, wenn ich bitten darf, keinen Schritt weiter! Ihr Bedienter hält mir das Pferd.“

„Leben Sie wohl“, sagte William, „ich hoffe, wir haben das Vergnügen, Sie bei Tisch zu sehen.“

Die Jünglinge gingen zu ihren Spielen zurück, und Sir Philip stieg zu Pferd und ritt auf das Schloß. Er ging hinein mit einem tiefen Seufzer und mit melancholischen Erinnerungen. Der Baron empfing ihn auf das respektvollste und höflichste. Er gab ihm eine kurze Nachricht von den vornehmsten Ereignissen, die sich während seiner Abwesenheit in der Familie Lovel begeben hatten; er sprach von dem letzten Lord Lovel mit Hochachtung, und von dem gegenwärtigen mit der Zärtlichkeit eines Schwagers. Sir Philip erwiderte dies durch eine kurze Erzählung seiner eigenen Begebenheiten in der Fremde, und der unangenehmen Ereignisse, die ihm seit seiner Heimkunft begegnet waren; er beklagte auf das rührendste den Verlust aller seiner Freunde, und vergaß nicht den Tod seines getreuen Bedienten auf dem Weg. Er sagte, er könnte ruhig die Welt verlassen und sich in ein Kloster zur Ruhe begeben, wenn ihn nicht der Gedanke zurückhielt, daß einige, die sich gänzlich auf ihn verließen, seine Gegenwart und seinen Beistand nötig hätten; und außerdem, glaube er, er könne noch manchem anderen nützlich werden. Der Baron stimmte mit ihm überein und meinte, ein Mann wäre weit mehr nützlich für die Welt, wenn er sie nicht verließe, als wenn er sie verließe, und gäbe sein Vermögen der Kirche, dessen Diener nicht immer den besten Gebrauch davon machten. Sir Philip gab nun dem Gespräch eine andere Wendung und wünschte dem Baron Glück zu seiner hoffnungsvollen Familie; er pries ihre Figur und ihr artiges Betragen und gab der Sorgfalt, die er auf ihre Erziehung verwendete, seinen wärmsten Beifall. Der Baron hörte mit Vergnügen das Lob eines edlen Herzens und genoß das wahre Glück eines Vaters. Sir Philip erkundigte sich nun weiter nach Edmund, dessen Figur einen vorteilhaften Eindruck auf ihn gemacht hatte.

„Dieser Junge“, sagte der Baron, „ist der Sohn eines Gütlers in dieser Nachbarschaft; sein auszeichnendes Verdienst und sein artiges Betragen unterschied ihn von den Leuten seines Standes; schon von seiner Kindheit an verschaffte er sich die Achtung und Liebe aller, die ihn kennenlernten: Er war überall beliebt, nur nicht in seines Vaters Haus; und hier schien es, waren seine Verdienste ihm zum Vorwurf; denn der Bauer sein Vater haßte ihn, behandelte ihn sehr hart, und drohte endlich, ihn aus dem Haus zu jagen. Er lief gewöhnlich ab und zu mit Aufträgen von meinen Leuten und endlich machten sie mich aufmerksam auf ihn. Meine Söhne baten mich inständig, ihn in meine Familie aufzunehmen. Dies tat ich vor ungefähr zwei Jahren, mit der Absicht, ihn zu ihren Bedienten zu machen; aber seine außerordentlichen Talente und Eigenschaften machten, daß ich ihn auf einem höheren Fuß behandelte. Vielleicht werde ich von manchen deswegen getadelt, daß ich ihm so viele Vorzüge verschaffe und ihn als den Gesellschafter meiner Kinder behandle. Sein Verdienst muß meine Vorliebe für ihn entweder rechtfertigen, oder verwerfen. Auf alle Fälle hoffe ich, habe ich an ihm meinen Kindern einen getreuen Bedienten höherer Art, und meiner Familie einen nützlichen Freund gesichert.“

Sir Philip erhob seinen großmütigen Wirt auf das wärmste, und wünschte, daß er seine Gütigkeit gegen diesen trefflichen Jüngling mit ihm teilen dürfte, dessen Figur alle die vortrefflichen Eigenschaften verriet, welche ihn seinen Bekannten so teuer machten.

Um Essenszeit erschienen die jungen Leute vor dem Lord und seinem Gast. Sir Philip wandte sich an Edmund. Er fragte ihn mancherlei, und erhielt auf alle Fragen bescheidene und kluge Antworten, und fand mit jeder Minute mehr Vergnügen an ihm. Nach dem Essen entfernten sich die jungen Leute mit ihrem Aufseher, um ihr Studieren fortzusetzen. Sir Philip saß eine Zeitlang im tiefen Nachdenken da. Nach einigen Minuten fragte ihn der Baron, ob er ihm nicht das Resultat seines Nachdenkens mitteilen möchte.

„O ja, Mylord“, antwortete er, „denn Sie haben ein Recht dazu. Ich dachte, daß, wenn wir viele Glücksgüter verloren haben, wir diejenigen mit frohem Mut genießen sollten, welche uns geblieben sind, ja daß wir suchen sollten, jene durch andere zu ersetzen. – Mylord, ich habe eine große Zuneigung zu diesem Jüngling bekommen, den sie Twyford,

nennen. Ich habe weder Kinder noch Anverwandte, die einen Anspruch auf mein Vermögen haben, oder meine Zärtlichkeit teilen. Sie, Mylord, erhalten mehrere Anforderungen an ihre Großmut. Ich kann für diesen hoffnungsvollen Jüngling sorgen, ohne gegen irgend jemand ungerecht zu sein; wollen Sie mir ihn überlassen?“

„Er ist ein glücklicher Junge“, sagte der Baron, „daß er Ihre Gunst so bald erhalten hat!“

„Mylord“, sagte der Ritter, „ich muß ihnen gestehen, das, was zuerst mein Herz zu seinen Gunsten einnahm, war die auffallende Ähnlichkeit, die er mit einem meiner ehemaligen liebsten Freunde hat, und seine Sitten sind ihm so ähnlich, als seine Person. Seine Eigenschaften verdienen, daß man ihn in einen höheren Stand bringe; daher will ich ihn als meinen Sohn annehmen und ihn als einen Anverwandten von mir in die Welt einführen, wenn Sie mir ihn abtretten wollen; was sagen Sie dazu?“