Bilder aus dem Westen - Balduin Möllhausen - ebook

Bilder aus dem Westen ebook

Balduin Möllhausen

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Opis

Möllhausens (teils fiktive) Schilderungen seiner Erlebnisse im Wilden Westen gehören auch heute noch zum Besten der Reise- und Abenteuerliteratur. Er war mit diesen abenteuerlichen und exotischen Sujets einer der populärsten Schriftsteller seiner Zeit und zusammen mit Friedrich Gerstäcker, Karl May und Charles Sealsfield einer der bedeutendsten Autoren im Bereich des deutschen ethnologischen Abenteuerromans des 19. Jahrhunderts.

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Bilder aus dem Westen

Balduin Möllhausen

Inhalt:

Balduin Möllhausen – Biografie und Bibliografie

Bilder aus dem Westen

Erster Band.

Der Fallensteller.

I.

II.

III.

IV.

V.

VI.

VII.

Die Gabel-Antilope.

Der Christabend in der Blockhütte.

Auf dem Ufer des Kaskaskia

Der versteinerte Urwald

Zweiter Band.

Fleur rouge.

Der Arriero

Ein Sonntag in den Goldminen

Bilder aus dem Westen, B. Möllhausen

Jazzybee Verlag Jürgen Beck

Loschberg 9

86450 Altenmünster

ISBN: 9783849631840

www.jazzybee-verlag.de

[email protected]

Balduin Möllhausen – Biografie und Bibliografie

Reise- und Romanschriftsteller, geb. 27. Jan. 1825 in Bonn, gest. 28. Mai 1905 in Berlin, erlernte in Pommern die Landwirtschaft, begab sich 1850 nach Amerika, wo er sich 1851 der Reise des Herzogs Paul von Württemberg nach den Felsengebirgen anschloß. Hier wurde er unter die Omahaindianer verschlagen, bei denen er fünf Monate verbrachte, fuhr dann den Mississippi herab nach New Orleans, wurde später auf Verwenden A. v. Humboldts einer amerikanischen Expedition nach dem fernen Westen als Topograph und Zeichner beigegeben und kehrte 1854 über San Francisco und den Isthmus von Panama nach Deutschland zurück, wo ihn König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen zum Kustos der Bibliotheken in den Schlössern von Potsdam ernannte. Eine abermalige Reise nach Nordamerika 1857–58 führte ihn in Gesellschaft des Ingenieurs Ives in die noch unbekannten Gegenden am mittlern Colorado. Seit 1886 lebte er in Berlin. Er gehörte zur Tafelrunde des Prinzen Friedrich Karl von Preußen, dessen Andenken er die »Dreilinden-Lieder« (Berl. 1896) widmete. Die Ergebnisse seiner Reisen legte er nieder in den Werken: »Tagebuch einer Reise vom Mississippi nach den Küsten der Südsee« (Leipz. 1858; 2. umgearbeitete Aufl.: »Wanderungen durch die Prärien und Wüsten des westlichen Nordamerika etc.«, das. 1860) und »Reisen in die Felsengebirge Nordamerikas« (das. 1861, 2 Bde.). Außerdem verfaßte er zahlreiche Romane und Novellen, die meist in der Neuen Welt spielen, wie: »Die Halbindianer« (1861), »Der Flüchtling« (1862), »Der Mayordomo« (1863), »Das Mormonenmädchen« (1861, 3. Aufl. 1871), »Reliquien« (1865), »Der Meerkönig« (1867), »Der Hochlandpfeifer« (1868), »Der Piratenleutnant« (1870, 3. Aufl. 1902), »Der Fanatiker« (1883), »Der Trader« (1884), »Wildes Blut« (1886), »Das Geheimnis des Hulks« (1889), »Der Fährmann am Kanadian« (1890), »Haus Montague« (1891), »Die beiden Jachten« (1891), »Die Söldlinge« (1892), »Der Spion« (1893), »Kaptein Meerrose und ihre Kinder« (1894), »Welche von beiden?« (1897, 2 Bde.), »Der alte Korpsbursche« (1898), »Das Fegefeuer in Frappes Wigwam« (1900) u.a. M., der mit Gerstäcker verglichen werden kann, war diesem in der Darstellung der Zustände und der Charaktere nicht ganz ebenbürtig, besaß aber ein bemerkenswertes Talent zu ansprechender Naturschilderung.

Bilder aus dem Westen

Erster Band.

Der Fallensteller.

I.

Wie die lose zusammengeballten, bis zum leichtesten specifischen Gewicht ausgedörrten Artemisiastauden und wilden Kürbisranken vor den wechselnden Luftströmungen die californischen Sandebenen, bald langsam und gemessen, bald in lustigen Sprüngen nach allen Richtungen hin durchschwärmen, so ist die Richtung, welche der planlos umherstreifende Jäger des Westens verfolgt, mehr als bei jedem anderen Menschen von äußern Zufälligkeiten und Einflüssen abhängig.

Einem solchen, kaum nennenswerthen Zufalle verdankte auch ich es, daß ich einst an einen der lieblichsten Punkte des Neoschothales, nach dem sogenannten »Berathungshain«, verschlagen wurde.

Der Neoscho, ein Nebenfluß des Arkansas, nähert sich diesem in fast südlicher Richtung. Seine Quellen liegen in geringer Entfernung von dem Kansasstrome, und obwohl in seiner ganzen Länge ebenes Prairieland durchschneidend, zeichnet sein Thal sich durch dichte Waldung aus, in welcher sich fast alle Laubhölzer des nördlichen Amerika in reichem Maße vertreten finden.

Der Berathungshain oder Council-Grove, eine Thalerweiterung des Neoscho, liegt kaum eine Tagereise weit von den Quellen dieses Flusses und etwa fünf gute Tagereisen südwestlich von Fort Leavenworth, einer jungen, überraschend schnell aufblühenden Stadt, die sich auf dem rechten Ufer des Missouri erhebt. Heute kann also Council-Grove als innerhalb der Grenzen der vorgeschrittenen Civilisation liegend bezeichnet werden, obwohl erst eine kurze Reihe von Jahren darüber hingegangen ist, daß die Häuptlinge und Abgeordneten der wilden Prairie-Indianer daselbst zeitweise zusammentrafen, um vor bedächtig geschürten Zauberfeuern über die Gerechtsame ihrer Nationen zu berathen.

Nähert man sich, gleichviel, ob von Osten oder Westen, auf der alten Santa-Fé-Straße Council-Grove, so überrascht es unendlich wohlthuend, wenn man, am Rande der Thalsenkung des Neoscho angekommen, plötzlich statt der unabsehbaren baumlosen Ebene eine über alle Beschreibung liebliche, abwechselungsvolle Landschaft vor sich sieht. Der dichte, lebensfrische Wald mit seinen scharfbegrenzten wunderlichen Außenlinien entzieht zwar das Flüßchen selbst den Blicken, doch wenn man niederschaut auf die Kronen der stattlichen Eichen und Hickories, der hundertjährigen Sykomoren und Cottonwoodbäume, die sich mit ihren prachtvollen Farbenabstufungen wie zu einem einzigen Teppich zusammendrängen; wenn man beobachtet, wie die Schatten kleiner Federwolken träge, aber doch belebend über die Waldfläche dahingleiten und das heitere Grün der Bäume auf Minuten verdunkeln, dann fühlt man sich mächtig angezogen von so viel Lieblichkeit, und selbst dem rastlosesten Abenteurer drängt sich der, wenn auch nur flüchtige Gedanke auf, mit dem Rufe: »Hier will ich meine Hütte bauen!« die Axt in den nächsten Baum zu schlagen.

Weit abwärts und aufwärts vermögen die Blicke die Windungen des Neoscho zu verfolgen, weit abwärts und aufwärts, bis dahin, wo bläulicher Duft die holzreichen Niederungen und rasenbedeckten Höhen schleierartig verhüllt.

Rauchsäulen entwinden sich hin und wieder den verborgenen Lichtungen; doch nicht mehr von rothhäutigen Kriegern werden die Feuer genährt, welche weithin sichtbar die Anwesenheit von Menschen verrathen, sondern von weißen freien Ansiedlern, die daselbst bereits ihre Heimat gründeten. Lugen doch aus den Winkeln des Waldrandes, wo ihnen Holz, Wasser und baumloses Wiesenland gleich nahe, graue Blockhäuser idyllisch hervor, während auf den benachbarten grünen Abhängen scheckige Rinderheerden statt der frühern langbärtigen Bisons weiden, und statt der scheuen Mustangs kräftige Arbeitspferde in dem hohen Grase rastend ihre Glieder dehnen.

Wo die Santa-Fé-Straße den Neoscho kreuzt, ist eine größere Ansiedlung entstanden, welche zur Erinnerung an die ersten freien Besitzer der Grassteppen den Namen »Council-Grove« führt. Mehrere Häuserreihen, eingefriedigte Gärten und Maisfelder begrüßen daselbst freundlich das von dem ewigen Einerlei ermüdete Auge des ankehrenden Prairiewanderers. Auf der Straße spielen Kinder, bellen Hunde und krähen Hähne; laut erschallt der regelmäßige Schlag des Hammers, der, geführt von kräftiger Faust, schwer auf das sprühende Eisen und den klingenden Amboß fällt, und wie um den Reisenden doppelt eindringlich zum Verweilen einzuladen, spreizt sich auf der am meisten ins Auge fallenden Stelle ein mit prahlender Aufschrift versehenes Gasthaus.

Die in einem westlichen Gasthause gebotenen Annehmlichkeiten vermochten nicht, mich lange zu fesseln; es bedurfte nur der Aufforderung, um mich zu entschließen, eine Gesellschaft heiterer Farmerburschen auf einem größeren Ausfluge stromaufwärts zu begleiten. Der Ausflug durfte ein größerer genannt werden, weniger mit Rücksicht auf die Entfernung, als auf die Zeitdauer, welche er beanspruchte. Meine neuen Gefährten hatten sich nämlich vereinigt, um einem weiter oberhalb eingetroffenen Ansiedler möglichst bald unter Dach und Fach zu helfen, und sich zu diesem Zweck, außer mit den dort noch üblichen Waffen, Jeder mit einer Axt, einer Decke und Lebensmitteln auf etwa acht Tage ausgerüstet. Meine Vorbereitungen erforderten nur kurze Zeit, und kaum eine Stunde nach meiner ersten Bekanntschaft mit den neuen Gefährten befand ich mich abermals auf einer Wanderung, die mit Fug und Recht die Frucht eines wunderlichen Zufalls genannt werden durfte.

Ein Ritt von etwa zwei Stunden im Thale des Neoscho brachte uns an Ort und Stelle. Vielleicht noch ebenso lange hatte die Sonne zu scheinen, als wir auf einer lieblichen Lichtung, inmitten mehrerer Zelte und Laubhütten, zweier schwerer Wagen und aller zu einer einfachen Häuslichkeit nothwendigen Haus- und Ackergeräthe von dem Besitzer der umliegenden Ländereien herzlich willkommen geheißen wurden. Gleich nach diesem, einer derben, wettergebräunten Farmergestalt, reichte uns dessen Gattin, eine rüstige Vierzigerin, die Hand grüßend entgegen, und dieser wieder folgten in bunter Reihe acht oder neun junge Burschen und Mädchen von zwanzig und einigen bis zu sieben Jahren herunter, die durchaus keiner mündlichen oder schriftlichen Beglaubigung bedurften, um auf den ersten Blick die ehrenwerthen Nachkommen ihrer beiden noch ehrenwertheren und in ihnen so reich gesegneten Aeltern zu erkennen.

Der Hauptzug, der uns aus allen diesen guten, freundlichen Gesichtern entgegenstrahlte, war der einer glücklichen, zufriedenen Gemüthsstimmung, ein Ausdruck, der so recht zum Herzen sprechend bekundete, daß Furcht vor den Leiden und Mißgeschicken des Lebens ihnen etwas Fremdes sei, und die Sorge um den kommenden Tag bei ihnen nicht einmal das Gewicht eines Moskitos erreiche, deren eben mehr, als gerade unumgänglich nothwendig, den schattigen Wald belebten.

Mit Leuten, wie die genannten, ist schnell und leicht Bekanntschaft geschlossen. Ein Blick ins Auge, ein fester Händedruck, und man bewegt sich so frei und vertraut unter einander, als ob man seit Jahren in freundschaftlichstem Verkehr gelebt hätte. Nach Stand und Namen wurde ich nicht gefragt; mein längeres Verweilen in ihrem Kreise schienen die guten Leute als selbstverständlich zu betrachten, wogegen ich meine Arme zum Holzfällen und Zurichten der Blöcke zur Verfügung stellte, in welchen Arbeiten ich kein Neuling mehr war. Als dann endlich der Abend hereinbrach, da hatte ich schon Sitz und Stimme im Rathe erhalten, der sich vorzugsweise damit beschäftigte,, auf welchem Punkte die neue Häuslichkeit wohl am geeignetsten zu errichten sei.

Wie ein rosenfarbiges duftiges Gewebe hing es vor den malerischen Baumgruppen, als die Sonne sich dem westlichen Waldstreifen näherte, um hinter demselben in das ewige Grasmeer hinab zu tauchen. Eine liebliche Landschaft, deren Charakter vorzugsweise durch die wunderbar schöne Beleuchtung bestimmt wurde, lag vor mir, eine Landschaft, in der Ferne hauchähnlich verschwimmend, wie sie ein Claude de Lorrain vor Augen gehabt haben mag, als er sich in der Ausübung seiner Kunst für eine bestimmte Richtung entschied. Lustig zirpend tummelten sich bereits die Fledermäuse im Abendsonnenschein, während der Ziegenmelker die dämmerigen Waldseiten und Lichtungen aufsuchte und mit scheinbar trägem Flügelschlage, jedoch seltsam schnellen und unberechenbaren Bewegungen den tanzenden Insekten nachstellte. Süßer Friede und abendliche Ruhe lagerten auf der ganzen Umgebung; soweit die Blicke reichten nicht einmal ein Farbenton, der das Auge unfreundlich berührt hätte, und als ob die Stimmung der Natur sich den Menschen mitgetheilt hätte, erschienen auch diese, trotz einer vielfach durchbrechenden harmlosen Heiterkeit, ernster, nachdenkender und feierlicher in ihrem Wesen, milder in ihrem Urtheil über ihre Mitmenschen und rücksichtsvoller gegen deren Wünsche und Neigungen geworden zu sein.

Auf mit duftenden Kräutern reich durchwehtem Rasen liegend, hatten wir das zwar einfache, dafür aber um so nahrhaftere Abendbrod eingenommen, als Hooker, das Haupt der zugewanderten Ansiedler-Familie, uns aufforderte, ihn auf einem kurzen Spaziergange zu begleiten und das letzte Tageslicht dazu zu benutzen, das von ihm zu seiner neuen Heimat bestimmte Plätzchen in Augenschein zu nehmen. Mit größter Bereitwilligkeit leisteten wir der Aufforderung Folge, und wohl selten hat sich eine heitrere und zufriedenere Gesellschaft auf der äußersten Grenze der Zivilisation zusammengefunden, als wir bildeten, indem wir, sechszehn oder achtzehn junge Männer an der Zahl, des alten Farmers fliegende Häuslichkeit verließen und die von ihm angedeutete Richtung einschlugen.

Unser Ziel war eine wenig umfangreiche, jedoch prächtig bewaldete Bodenerhebung auf einer ringsum von schattigen Hainen begrenzten Wiesenfläche, die indessen hoch genug lag, ohne Besorgniß vor nachtheiligen Ueberschwemmungen, mit verhältnißmäßig leichter Mühe in Ackerland verwandelt zu werden.

Nach wenigen Minuten erreichten wir den Rand der Lichtung, als Hooker uns durch sein Beispiel veranlaßte, stehen zu bleiben.

»Dort will ich mein Haus bauen«, hob er an, und indem er nach der Anhöhe hinüberwies, glitt es wie ein Schimmer freudiger Zufriedenheit über sein biederes Antlitz, »von dort aus vermag ich frei um mich zu schauen, das Wasser ist kaum zweihundert Ellen weit entfernt, und wenn im ganzen Stromgebiet des Neoscho eine anmuthigere Stelle, als jener Hügel, ausgekundschaftet wird, will ich nicht mit Ehren Abraham Hooker heißen.«

So sprechend setzte er sich wieder in Bewegung, und um ihn besser zu verstehen, schlossen wir uns dichter an ihn an.

»Dies ist das vierte Mal«, fuhr der alte Farmer nach einer kurzen Pause fort, »das vierte Mal, seit ich als zwanzigjähriger Bursche unter mein eigenes Dach trat – es war freilich kümmerlich genug – daß ich mir einen neuen Herd gründe. Nicht Rastlosigkeit oder unbesiegbare Sucht nach Gewinn hat mich dazu bewegt, meinen Wohnsitz so oft zu wechseln, – nein, denn um reich zu werden, hätte ich auf meiner ersten Landscholle sitzen bleiben müssen, anstatt umher zu schweifen, wie ein rollender Stein, der kein Moos ansetzt. Es liegt aber nun einmal in meinem Blute, daß ich, um mich glücklich zu fühlen, die Wildniß vor meiner Thür haben muß. Große Städte und Eisenbahnen mögen recht gut sein, allein ich liebe sie nicht; sie bringen zu viele Neuerungen, und unheimlich ist mir zu Muthe in ihrer Nähe. Ja ja, es muß im Blut liegen, denn meine Vorfahren haben einst am atlantischen Ocean den Anfang gemacht – ich glaube, es war im Staate Connecticut – und westlich und immer westlich sind sie gezogen, bis mein Großvater endlich noch in seinen alten Tagen den Mississippi erreichte und dort das Weiterwandern seinen Nachkommen hinterließ.

»So Gott will, soll dieses indessen das letzte Mal sein, daß ich die Art an den Schwellenbaum meines eigenen, neu zu gründenden Hauses lege. Meine Söhne mögen es machen, wie es ihnen am besten gefällt; ich dagegen will hier leben und sterben, und wenn die Eisenbahn sich erst durch das Thal des Neoscho hinzieht, ruhen meine Gebeine wohl längst in einem traulichen Waldwinkel.

»Dort auf der Mitte des Hügels, gerade da, wo jetzt noch die alte Eiche so hoch und stolz über die andern Bäume emporragt, gedenke ich den Grundbalken zu meiner Hütte zu legen. Den größten Theil des nöthigen Bauholzes finden wir auf dem Hügel selbst, der dadurch zugleich gelichtet wird. Nur vor dem Hause möchte ich zehn oder zwölf der gesundesten und schönsten Bäume stehen lassen, zur Zierde, wie auch zum Schütze gegen die Sonnengluth des Hochsommers und die winterlichen Stürme. Hinter dem Hause soll ein kleiner Hain geschont werden, in welchen sich bei Unwetter das Vieh zurückziehen kann. Es geht in der That nichts über solchen natürlichen Schutz – aber beim heiligen Georg! Wenn das eins von meinen Thieren ist, will ich die längste Zeit mit Ehren Abraham Hooker geheißen haben!« unterbrach der Farmer hier seine Betrachtungen, indem er auf ein grasendes Pferd wies, welches eben hinter dem Waldhügel hervor sichtbar wurde.

Dasselbe war klein, jedoch sehr kräftig und gedrungen gebaut. Lange Mähnen hingen ihm von Stirn und Hals nieder, ebenso waren seine Beine nach unten zu lang behaart, gewissermaßen bekundend, daß es einst als wilder Mustang die Prairien durchstreifte, dann aber eingefangen und zum Dienste des Menschen abgerichtet worden war. Ein von Wildleder geflochtener Lasso war lose um seinen Hals geschnürt und schleifte in der Länge von etwa dreißig Fuß auf dem Erdboden nach, wie breite, die Sattellage kennzeichnende Schweißflecke darauf hindeuteten, daß man es erst in jüngster Zeit scharf geritten hatte.

Als wir uns dem Pferde näherten, blickte es mit einem sprechenden Ausdrucke des Mißtrauens zu uns auf, dann aber wieherte es, wie warnend, worauf es wieder zu grasen begann.

»Ein richtiger westlicher Herumtreiber«, bemerkte Hooker bei den Bewegungen des Pferdes, »wachsam, wie ein Hofhund, und besser angelehrt, als mancher Farmer von seinen leibeigenen Kindern behaupten kann. Laß nur«, wendete er sich darauf an seine jüngeren Söhne, die sich des Pferdes bemächtigen wollten, »es hilft Euch doch zu nichts; kenne diese Sorte; die Bestie läßt Euch mit der Miene eines Lammes bis auf drei Schritte herankommen, worauf sie schleunigst die Flucht ergreift und Euch höchstens einen hinterlistigen Hufschlag mit in den Kauf giebt. Hm, hm, ich will nicht hoffen, auf meinem Grund und Boden mit Squattern zusammen zu treffen, die sich anmaßen, ein älteres und daher besseres Anrecht an meine hundertundzwanzig Morgen zu besitzen.«

Wir waren in die Waldung des Hügels eingetreten, die einen Flächenraum von etwa drei Morgen bedeckte. Das dicht bestandene Gesträuch und umgefallene, vermodernde Baumstämme, die das Vordringen erschwerten, verursachten zugleich, daß auch die Unterhaltung stockte; dafür spähte Jeder um so aufmerksamer nach dem Eigenthümer des geheimnißvollen Pferdes, ohne indessen auf eine Spur desselben zu stoßen.

Näher nach der Mitte des Hügels hin wurde das Holz lichter und nach wenigen Schritten befanden wir uns unter der hohen Eiche, die Hooker als auf der Stelle stehend bezeichnet hatte, auf welcher er seine Blockhütte zu errichten gedachte.

»S'ist 'n alter, schöner Baum«, begann dieser indem er die Arme über der Brust verschränkte, »allein ich kann ihn nicht retten; er ist zu hoch und anscheinend auch schon hohl, also kein guter Nachbar für eines ehrlichen Mannes Haus, dem er alle Blitze des Himmels auf den Hals locken würde. Ja, ja, seine Zeit ist abgelaufen, er muß fallen.« »Er muß nicht fallen«, antwortete es hinter der Eiche hervor und zugleich trat eine männliche Gestalt um den mächtigen Stamm herum und gerade vor den überraschten Farmer hin.

Da die ganze Gesellschaft, einer patriarchalischen Sitte folgend, bisher dem Ansiedler, ohne ihn zu unterbrechen, das Wort gegönnt hatte, so machte auch jetzt Niemand Miene, für ihn einzutreten; dagegen beobachtete jeder Einzelne mit um so höherer Theilnahme den Fremden, der so plötzlich, wie aus der Erde gewachsen, vor uns erschienen war.

Die Sonne hatte vielleicht noch zehn Minuten oder eine Viertelstunde zu scheinen. Es war also selbst unter den Bäumen noch hell genug, die Gesichtszüge des Fremdlings, in welchem wir sogleich den Eigenthümer des gezähmten Mustangs vermutheten, in allen Theilen genau unterscheiden zu können. Dieselben waren vom Alter und durch klimatische Einflüsse tief gefurcht, gewissermaßen verhärtet, ohne daß dadurch ein milder Ausdruck verdrängt worden wäre, der vorzugsweise durch ein Paar schöner, ernster blauer Augen bestimmt wurde. Ein langer weißer Vollbart verbarg die untere Hälfte des Greisenantlitzes, ebenso zeigten die schlicht auf die Schultern niederfallenden Haupthaare nur noch wenige, die ihre ursprüngliche dunkelblonde Farbe trugen.

Trotz der siebenzig Jahre, die verwitternd über den greisen Fremdling hingezogen sein mochten, verrieth derselbe in seinen Bewegungen noch einen höheren Grad von Rüstigkeit, wogegen seine etwas geneigte Haltung, namentlich das Einengen der Brust durch die breiten Schultern, seiner Erscheinung den Charakter von Lebensmüdigkeit verliehen. Seine Rüstigkeit fand gewissermaßen ihre Erklärung in einem Anzuge, der darauf hindeutete, daß ein Leben unausgesetzter Thätigkeit, ein Leben voller Beschwerden, Entbehrungen und Gefahren den Geist in ununterbrochener Spannung, den Körper aber in beständiger, die Kräfte stählender Uebung erhalten hatte. An seiner Bekleidung hätte man vergeblich nach Theilen gesucht, die an die Civilisation erinnerten; Alles bestand aus indianisch gegerbtem Leder, dem einzigen Stoffe, der den westlichen Jägern und Fallenstellern in den abgeschiedenen Wildnissen zu Gebote steht. Ein abgetragener Lederrock hing lose um den Oberkörper; wildlederne Gamaschen schlossen sich nach unten an diesen an, wie auch die Füße durch indianische Halbstiefel von weich gegerbtem Bisonleder geschützt wurden. Auf dem Kopfe trug er als Bedeckung den abgegriffenen Balg einer jungen Fischotter, der kunstlos in Hutform gedörrt worden war. Sein Tabacksbeutel, der von dem breiten Ledergurt bis auf seine Kniee niederhing, bestand aus dem prächtig gezeichneten und mit größter Vorsicht abgestreiften Balg des Stinkthiers, wogegen er zu seiner Kugeltasche fast unzerstörbares rohes Leder vom Bison gewählt hatte. Auf der Kugeltasche hing ein großes Ochsenhorn, welches mit geringer Nachhülfe in einen Pulverbehälter verwandelt worden war; ein kurzes Beil und ein breites Jagdmesser beschwerten auf der andern Seite seinen Gurt, während eine lange Kentucky-Büchse nachlässig in seinem rechten Arme ruhte.

Erscheinungen, wie der so unerwartet vor uns hintretende Trapper oder Fallensteller sie bot, sind an den äußersten Grenzen der Civilisation nichts Ungewöhnliches; die allgemeine Aufmerksamkeit wendete sich daher auch nach der ersten Ueberraschung fast ausschließlich dem Gespräche zu, welches zu eröffnen die beiden alten Männer im Begriff standen.

Auf die mit ruhiger Entschiedenheit geäußerte Bemerkung des Fremdlings, daß die Eiche nicht fallen müsse, betrachtete Hooker diesen eine Weile mit stummen Erstaunen. Es erschien ihm unbegreiflich, daß ein Unbekannter sich auf dem von ihm in gesetzlicher Form erstandenen Boden ein derartiges Recht anmaßen könne, und offenbar hielt nur das hohe Alter des Fallenstellers ihn ab, seinen Gefühlen in herausfordernden Worten Raum zu geben.

»So, Ihr meint also, der Baum müsse nicht nothgedrungen fallen?« antwortete er endlich mit schlecht verhehltem Unwillen.

»Das sind meine eignen Worte«, entgegnete der Greis, während ein schwermüthiges Lächeln seine Züge flüchtig erhellte.

»Hm, Ihr könntet wohl recht haben«, bemerkte Hooker nachdenklich, »der Baum braucht allerdings nicht zu fallen, wenn ich es für gut befinde, mein Haus etwas weiter abwärts zu bauen. Da ich aber einmal meinen Willen dahin ausgesprochen habe, meine Hütte gerade hier zu errichten, so fällt der Baum und käme der Präsident der Vereinigten Staaten selber, um mich an meinem Vorhaben zu hindern.«

»Und ich sage Euch, der Baum wird noch manches Jahr grünen«, erwiderte der Greis mit derselben ruhigen Sicherheit, »er wird noch grünen, wenn Eure und meine Gebeine längst in feuchter Erde modern.«

»Ihr scheint Eurer Sache sehr gewiß zu sein«, versetzte Hooker spöttisch, »sollte man doch fast meinen, Ihr wäret hier, um ein besseres Recht, als das meinige ist, zu vertheidigen.«

»Ein besseres Recht, wenn die Todten überhaupt noch ein Recht haben, ein Stückchen Erde, sechs Fuß lang und drei Fuß breit für sich zu beanspruchen«, bemerkte der Trapper mit einem milden Vorwurf im Tone seiner Stimme.

»Die Todten?« fragte Hooker ungläubig zurück, »was haben die Todten mit dieser Eiche zu schaffen, die außer uns wohl kaum ein Anderer in der Nähe gesehen hat?«

»Und dennoch schlummert Jemand in ihrem Schatten, der, wenn er noch lebte, nur seine Augen zu den Eurigen zu erheben brauchte, um Euch zu jedem Opfer zu bewegen«, antwortete der Greis schwermüthig, und ich glaubte zu bemerken, daß ein tieferes Roth seine verwitterten Züge auf Secunden überzog.

Hooker, durch die Worte und das Wesen des Fremdlings seltsam berührt, blickte mit einer Anwandlung von Verlegenheit um sich.

»Hier?« fragte er endlich gedehnt, und wie sich entschuldigend, fügte er hinzu: »Ein Hügel müßte ja die Grabstätte bezeichnen, und so weit ich sehen kann, entdecke ich weder ein Merkmal in der alten zähen Grasnarbe, noch eine Unebenheit des Erdreichs.«

»Vierzig und mehr Jahre ebnen den Hügel, der über einem festen Sarge aufgeworfen wurde, um wie viel schneller verwischen sie die Spuren, wenn nur Zweige des Sumachs, Sassafrasblätter und Prairieblumen dem Todten den Sarg nothdürftig ersetzten?« entgegnete der Trapper leise, wie zu sich selbst sprechend.

»Vierzig und mehr Jahre«, wiederholte Hooker, indem er den Greis mit wachsender Theilnahme betrachtete, »also beinahe ein halbes Jahrhundert! Welch lange Zeit; zu lang, um eine Stelle in der unbegrenzten Wildniß genau wieder zu erkennen, es sei denn, man wäre alljährlich nach derselben hin gewallfahrtet.«

»Es sind wohl achtundzwanzig Winter verstrichen, seit mein Weg mich zum letzten Mal an den Neoscho führte«, bemerkte der Greis träumerisch; »ich hatte einen Schwur zu lösen; es war ein grausamer Schwur, allein er mußte erfüllt werden. Eine gedörrte Kopfhaut nagelte ich auf jenen Stamm, und dann zog ich wieder meines Wegs.«

Von den seltsamsten Gefühlen beschlichen, betrachtete ich den greisen Fremdling, dessen letzte Aeußerung einen so eigenthümlichen Contrast zu seinem sonstigen milden und freundlichen Wesen bildete. Auch Hooker mußte sich derartigen Betrachtungen hingegeben haben, denn noch theilnahmvoller, als er bisher gethan, antwortete er:

»Behüte mich Gott, daß ich meine Hütte wissentlich auf dem Grabe eines Menschen aufschlage, dessen Freunde ihn noch in gutem Andenken behalten haben. Allein Ihr selbst müßt einräumen, alter Mann, daß vierzig Jahre eine sehr lange Zeit sind, eine Zeit, in welcher viele Bäume absterben und vom Sturme niedergebrochen werden, andere wieder kräftig emporschießen und die entstandenen Lücken ausfüllen. Wer vermöchte nach vierzig, oder auch nur nach achtundzwanzig Jahren eine Waldstelle wieder zu erkennen, auf welcher er einst rastete? Der Wald sieht hier nicht anders aus, als dort drüben, und Hügel, wie derjenige, auf welchem wir uns jetzt befinden, erheben sich weit abwärts und aufwärts auf den Wiesenflächen des Neoschothales.«

Etwa eine Minute betrachtete der Fallensteller den Ansiedler ernst, jedoch nicht unfreundlich.

»'s ist wahr, Ihr könnt dergleichen Erfahrungen nicht gemacht haben, oder Ihr würdet anders sprechen«, hob er an, indem er die Büchse vor sich hinstellte und, wie ermüdet, sich auf dieselbe stützte. »Hättet Ihr, wie ich, einen Theil Eurer Seele, Euer eigenes, krampfhaft zückendes Herz zu einem geliebten Todten in die Erde gelegt, dann würdet Ihr mich begreifen und keine Zweifel in meine Worte setzen. Ja, glaubt mir, wo man die einzige Lebenshoffnung und einzige Lebensfreude in die Gruft senkte, da bedarf es keiner äußeren Zeichen, um die alte Stelle wieder zu erkennen. Und hätte der wilde Prairiebrand diesen Hügel gestreift, hätte er jene Eiche bis in die Wurzel hinein in Staub und Asche verwandelt, hätte Euer Pflug die Erde nach allen Richtungen hin aufgerissen, bedeckte weit und breit üppiges Getreide diese Thalniederung, oder stände gar Euer Haus gerade hier vor uns, ich würde sie gefunden haben, gleichviel, ob in dunkler Nacht oder am hellen Mittage; gleichviel ob unter bleichenden Saathalmen, unter einer Schneedecke oder unter der Schwelle Eures Hauses. Wie der Vogel nach langer, langer Abwesenheit ohne Hülfe des Compasses die alte, von den Winterstürmen zerzauste Brutstelle nicht verfehlt, so würde mein Gefühl mich führen – doch warum verliere ich so viele Worte, da es doch in meiner Macht liegt, Euch zu überzeugen?« unterbrach sich der Greis, nachdem er sich unbewußt in ein gewisses jugendliches Feuer hineingeredet hatte. »Ja, warum verliere ich so viele Worte?« wiederholte er, indem er seine Blicke flüchtig über die achtungsvoll schweigende Versammlung hingleiten ließ. Dann die Büchse an den Stamm der Eiche lehnend, schritt er auf die Ostseite derselben herum, worauf er das Beil aus seinem Gurt zog.

Wir Alle, der alte Hooker an der Spitze, hatten uns ihm nachgedrängt, und als er seine Hand in der Höhe von etwa fünf Fuß an den Stamm legte, bemerkten wir neben derselben eine breite Narbe in der geborstenen korkigen Rinde, die indessen mit feinem Moos dicht bewachsen war. Die Narbe selbst nahm sich aus, als habe ein niederschmetternder Nachbarbaum vor Jahren den Stamm der Eiche gestreift und deren Rinde verletzt, oder auch ein Wetterstrahl sie gerade auf dieser Stelle leicht berührt. Die Länge der Narbe betrug ungefähr einen Fuß, wogegen ihre Breite kaum die Breite einer Hand erreichte. Daß dieselbe einst größer gewesen, entdeckte man leicht, wenn man die Bruchenden der Rinde aufmerksam prüfte, die sich von allen Seiten, wie ein fester Teig, über das entblößte harte Holz hingeschoben hatte.

Indem der Fallensteller die Hand auf die bezeichnete Stelle legte, wendeten sich seine Blicke eben dahin. Ein Schauder schien seine Gestalt zu durchrieseln und zu beugen; dann aber richtete er sich mit einem tiefen Seufzer empor.

»Mein Herz blutet, als sei erst ein Sonnenlauf seit jener Zeit verflossen, während die kleine Fläche hier von beinahe einem halben Jahrhundert zu erzählen weiß«, sprach er halblaut für sich. »Sechsundvierzig Jahre; welche lange Zeit, und dennoch wie kurz!« Dann sich nach uns umwendend, wies er auf einen schlanken Hickory-Nußbaum.

»Jenen Baum«, fuhr er lebhafter fort, pflanzte ich vor sechsundvierzig Jahren zu Füßen der theuern Leiche, während hier, genau zwei Ellen vom Stamme dieser Eiche, wo die Wurzeln das Eindringen in den Boden nicht mehr hinderten, das geliebte Haupt ruht. Ich ahnte nicht, hoffte und wünschte auch nicht, das schwanke Reis, welches ich damals mit meinen heißen Thränen benetzte, noch einmal als Baum wieder zu sehen; noch weniger hielt ich für möglich, daß meine Hand zum zweiten Male die Rinde von dieser Eiche entfernen würde. Doch ich bin es Euch, ich bin es mir selber schuldig«, fügte er lauter hinzu, und sich hastig umwendend, begann er ohne Säumen mit seinem Beil in viereckiger Form eine Kerbe um die Narbe herum in die nachgiebige Rinde zu hauen.

Erfüllt vom innigsten Mitgefühl beobachtete ich das Verfahren des alten Mannes. Niemand sprach ein Wort und gespannt hafteten alle Blicke an der Narbe, die sich unter den rasch auf einander folgenden und mit großer Gewandtheit geführten Hieben schnell erweiterte, indem die Rinde, so weit sie nicht ursprünglich mit dem Holze verbunden gewesen, sich leicht von demselben trennte.

Als der Greis nach wenigen Minuten eine Fläche von ungefähr zwei Fuß Breite und anderthalb Fuß Höhe bloßgelegt hatte, rieb er das Moos von der Mitte derselben, worauf er uns aufforderte, näher heran zu treten und die Stelle genauer zu betrachten.

Der letzte Tagesschimmer leuchtete uns noch hinlänglich, um eine tief in das feste Holz eingemeißelte Inschrift zu erkennen, die, obwohl verwittert, noch mit geringer Mühe entziffert werden konnte.

Gerade in der Mitte, also auf der Stelle, die nichts unter dem Schutze der überwachsenden Rinde gewesen, war ein langes Kreuz sichtbar. Dasselbe hatte durch atmosphärische Einflüsse und Mooswuchs bereits gelitten. Um so deutlicher traten dafür die Worte hervor, die zu beiden Seiten des Kreuzes mit einem scharfen Instrument eingegraben worden waren.

»Margaretha Urbano, gest. am 10. Juni 1808«, las ich still für mich, und mit mir lasen es alle vor dem Baum Versammelten.

Kein Laut unterbrach die feierliche Stille. Selbst als Jeder schon längst Kenntniß von der einfachen Inschrift genommen hatte, hafteten die Blicke noch an den alten Zeichen, die den Geist mit unwiderstehlicher Gewalt so weit in eine uns Allen unbekannte ferne Vergangenheit zurückführten und die seltsamsten Bilder vor die angeregte Phantasie heraufbeschworen.

Die Sonne hatte ihr Tagewerk vollbracht, und fast gleichzeitig mit ihrem Untergange stellte sich unter den reich belaubten Bäumen ein sich schnell verdichtendes Dämmerlicht ein.

Da nahm Hooker wieder das Wort, indem er auf den greisen Fallensteller zutrat und dessen Hand ergriff.

»Ich bin unumschränkter Herr auf diesem Boden«, hob er mit rauher Herzlichkeit an, die Hand des Fremdlings derbe schüttelnd, »ich hoffe, Ihr werdet zufrieden sein, wenn ich Euch verspreche, daß bei meiner und meiner Söhne Lebzeiten keine Axt gegen diesen Stamm geschwungen werden soll. Mein Haus kann einige Schritte abwärts stehen, so daß die Grabstätte in meinen Garten zu liegen kommt, und Schmach über die Hand, die es jemals wagt, die Ruhe der Todten zu stören!«

»Ich bin zufrieden«, antwortete der Fallensteller, und seine Stimme bebte vor innerer Erregung, »es ist Alles, was ich hoffte und wünschte, und mehr, als ich erwartete.«

»Aber nun kommt mit nach meinem Lager, 's ist keine fünfhundert Schritte von hier«, bat Hooker freundlich, »kommt, seid mein Gast, so lange Ihr wollt, und wäre es bis dahin, daß es mir oder meinen Kindern gestattet wäre, Euer letztes Bett ebenfalls unter dieser Eiche zu bereiten; bei Gott, ein behagliches Plätzchen, so wahr ich Hooker heiße; möchte mich wahrhaftig selbst einmal hierher legen lassen.«

»Ein behagliches Plätzchen«, wiederholte der Fallensteller, indem er sinnend mit dem Kopfe nickte, »wohl muß es sich sanft ruhen an ihrer Seite – arme, arme, süße Margareth – aber ich kann nicht bleiben, ich muß weiter, weiter; ich bin keine Gesellschaft mehr für andere Menschen« –

»Nun, das wird sich finden«, fiel ihm Hooker ins Wort, »kommt, meine Frau und Töchter sollen es Euch bequem machen, und habt Ihr erst in meinem Lager dreimal die aufgehende Sonne begrüßt, ist's noch immer früh genug, an den Aufbruch zu denken.«

Der Fallensteller schien eine Weile nachzudenken.

»Warum sollte ich Eure Gastfreundschaft zurückweisen?« sagte er endlich, und zugleich trat er an Hooker's Seite, »wäre es mir doch traurig, von Euch zu scheiden, ohne vorher Salz und Brod mit Euch gegessen zu haben. Ja, ja, es ist besser, wir lernen einander genauer kennen, 's ist wegen der Erinnerung in einsamen Stunden – aber ich bin nicht allein, mein Pferd weidet in der Wiese, und nicht weit davon habe ich den Sattel und meine übrigen geringen Habseligkeiten niedergelegt.«

»Kümmert Euch nicht um Euer Pferd oder die Sachen«, fiel Hooker wieder aufmunternd ein, »meine Söhne werden Beides zu finden wissen und sicher unterbringen; auf ein paar Maiskolben für den armen Schelm von Mustang soll es mir ebenfalls nicht ankommen.«

Der Fallensteller nickte im Weiterschreiten wieder in seiner sinnenden Weise, dann wendete er sich halb nach den jungen Leuten um, die sich anschickten, ihres Vaters Befehle auszuführen.

»Nähert Euch dem Pferde von der rechten Seite, hebt die Arme auf und redet den alten Burschen mit Jack an, oder es möchte Euch kaum gelingen, seiner habhaft zu werden«, sagte er in belehrendem Tone, »habe ihm diese Art beigebracht, der Sicherheit wegen; möcht' ihn ungern missen, den treuen Gefährten, und die Rothhäute fragen nicht viel nach Eigentumsrecht oder eines alten Mannes Freude.«

Die Söhne des Ansiedlers entfernten sich mit einigen heiteren, jedoch achtungsvollen Bemerkungen, während wir Uebrigen uns dem Fallensteller anschlossen, der nunmehr hinter Hooker getreten war und diesem auf dem Fuße nachfolgte.

Die in einer noch unangetasteten Urwaldung gewöhnlichen Hemmnisse brachten die Unterhaltung ins Stocken. Aber auch als wir uns wieder auf der Wiese befanden, verharrte die ganze Gesellschaft noch immer in Schweigen. Es war ersichtlich, Alle beschäftigten sich im Geiste mit der merkwürdigen Grabschrift und der geheimnißvollen Geschichte desjenigen, der dieselbe einst in das harte grünende Eichenholz meißelte und dadurch seinem unheilbaren Kummer ein dauerndes Denkmal geschaffen hatte.

II.

Mrs. Hooker, eine stattliche, etwas lebhafte Matrone, unterstützt von ihren Töchtern, drei so freundlichen und hübschen Farmermädchen von zwölf, fünfzehn und siebzehn Jahren, wie nur je welche eine reife Maiskolbe aus der Strohhülle lösten und dabei ihrem bevorzugten Mitarbeiter die rosigen Lippen zum Kusse darreichten, hatte es dem Fallensteller so behaglich und bequem gemacht, wie die ihr zu Gebote stehenden Mittel es nur immer erlaubten.

Die ihm von allen Seiten gezollten Aufmerksamkeiten, berührten den vereinsamten Greis augenscheinlich wohlthuend; auf seinen tiefgefurchten Zügen ruhte wenigstens ein Ausdruck, der für nichts Anderes genommen werden konnte. Offenbar sann er über irgend etwas nach, denn mehrfach blieben die Fragen, die der Eine oder Andere aus dem um ihn herum lagernden Kreise an ihn richtete, unbeantwortet; und dennoch betrafen die Fragen nur höchstens seine jüngste Reise. Auf seine Vergangenheit anzuspielen wagte Niemand, theils aus Achtung vor dem hochbetagten Fremdlinge selbst, theils um nicht unmännliche Neugierde zu verrathen. Sogar Mrs. Hooker und ihre Töchter legten sich einen gewissen Zwang auf und schienen, wenn auch mit manchem verstohlenen Seitenblick auf den fremden Gast und manchem heimlichen Geflüster, für weiter nichts Sinn zu haben, als für ihre Obliegenheiten. Der stille Greis übte durch seine Gegenwart überhaupt einen seltsamen Einfluß auf die sonst so lebenslustigen Leute aus; denn jene Heiterkeit, die in gewöhnlichen Fällen das Zusammentreffen friedlicher Menschen im fernen Westen charakterisirt, fehlte gänzlich. Unzufriedenheit oder Mißvergnügen war es indessen nicht, was die Gemüther bewegte; weit eher hätte man glauben mögen, daß dieselben durch die merkwürdigen Umstände, welche das erste Begegnen mit dem Fremdlinge begleiteten, empfänglicher für die Eindrücke der Natur geworden wären und sich gleichsam deren träumerische Ruhe angeeignet hätten.

Obwohl der Mond noch nicht aufgegangen war, herrschte doch nicht eigentliche Finsterniß; denn zu dem milden Lichte der Gestirne gesellte sich jener geheimnißvolle Schimmer, der in den kurzen Sommernächten, als letzter Rest des ersterbenden Abendroths, sich von Westen nach Norden und Osten langsam herumschiebt, um endlich wieder mit dem entstehenden Morgenroth zusammen zu fallen.

Ein zum Theil mit grünem Reisig und Blätterwerk genährtes Feuer war so angelegt worden, daß der schwache Luftzug den streng duftenden Rauch über die Zelte und die vereinzelten Lagerstätten hinwälzte und die lästigen Mosquitos aus deren Nähe verscheuchte.

Um das Feuer herum lagerten im Kreise die Familie des Ansiedlers und Diejenigen, die erst vor wenigen Stunden zur Hülfeleistung eingetroffen waren. Der Fallensteller hatte den Ehrenplatz zwischen Hooker und dessen Gattin erhalten. Wie die meisten der Anwesenden rauchte auch er ein kurzes Thonpfeifchen. Seine Blicke waren dabei starr auf den kleinen Gluthügel gerichtet, als hätte er zwischen den glimmenden Kohlen nach besonderen Zeichen gesucht, oder als wären durch die liebliche Sommernacht seine Erinnerungen doppelt angeregt und Bilder aus längst vergangenen Zeiten vor seinen Geist hingezaubert worden. Leise, ganz leise und heimlich flüsterte und rauschte es in den Wipfeln der nahen Baumgruppen. Ueber den feuchten Wiesenniederungen bildeten sich weiße Nebelstreifen; aus denselben empor tauchte zerstreutes Buschwerk, die seltsame Täuschung erzeugend, als ob die wunderlichsten Thiergestalten, auf einem verzauberten See schwimmend, plötzlich zu regungslosen Massen erstarrt worden wären. Die Pferde und Rinder des Ansiedlers hatten sich nach den höher gelegenen Abhängen hinaufgezogen; ihr behagliches Stöhnen, auch wohl zuweilen ein verschlafenes Wiehern drang deutlich zu uns in's Lager herüber. Weit abwärts, wie um an die Nachbarschaft der unbegrenzten Wildniß zu erinnern, hatten sich scheue Prairiewölfe zu einem Rudel vereinigt, mit ihrem Jauchzen und Kläffen die stille Nacht in weitem Umkreise erfüllend; in entgegengesetzter Richtung, dort wo die nächsten Ansiedlungen lagen, ließ sich das Bellen wachsamer Hofhunde vernehmen, während nahebei der Wald von der kleineren Thierwelt eigenthümlich, aber nicht unfreundlich belebt wurde.

In einer abgesonderten Baumgruppe hatten sich Tausende von Locustgrillen zusammengefunden, ihre rasselnden Triller zu einem endlosen, geheimnißvoll rauschenden Chor vereinigend; von den Bäumen herab, deren schattige Kronen sie nach mühevoller Wanderung erreichten, sangen munter die zierlichen Laubfrösche; in den sumpfigen Niederungen erschallten die glockenreinen Stimmen der Unken und das gelegentliche Brüllen des riesenhaften Ochsenfrosches.

Lustig knisterten die grünen Reiser auf dem Gluthaufen, indem sie ätzenden Rauch ausströmten, und leiser flüsterten die um denselben Herumlagernden.

Da klopfte der greise Fallensteller sein Pfeifchen aus, und als ob man seine Absicht errathen hätte, richteten sich alle Blicke auf ihn, während erwartungsvolles Schweigen eintrat.

»Das Geringste, was ich thun kann, um mich für die mir gezollte freundliche Rücksicht und Gastfreundschaft dankbar zu beweisen«, begann er mit weicher Stimme, ohne seine Blicke von den kleinen, züngelnden Flammen zu erheben, »ist, daß ich Euch die Geschichte der alten Inschrift erzähle, Euch erkläre, in welchem Verhältniß ich zu derselben stehe. Es ist das Geringste und zugleich das Höchste, was ich zu bieten habe. Sechsundvierzig Winter sind seit jenem Tage verstrichen, an welchem ich die Inschrift ausmeißelte, und in dieser langen Reihe von Jahren habe ich kein einziges Mal Gelegenheit gehabt, jener Zeiten vor einem andern menschlichen Ohr zu gedenken. Wäre die Gelegenheit mir aber geboten gewesen, würde mir die Neigung gefehlt haben, meine Erlebnisse zum Gegenstande eines Gespräches mit Andern zu machen. Es liegt nun einmal in mir – und weiß Gott, ich habe Ursache dazu – meine Erfahrungen als mein ausschließliches Eigenthum zu betrachten und dieselben nicht, wie so Viele thun, öffentlich preiszugeben.

»Heute ist es ein Anderes. Meines Bleibens ist nicht hier; ich bin zu sehr an die Einsamkeit gewöhnt. Gehe ich wieder fort, so ist es kaum denkbar, daß ich noch einmal zurückkehre. Wem siebenzig Winter den Rücken beugen, der hat wohl Ursache, sich zu jeder Stunde zur letzten Reise bereit zu halten. Da möchte ich Euch denn vorher mit der Geschichte des einsamen Grabes dort drüben vertraut machen, damit Ihr wißt, daß Diejenige, die unter der alten Eiche schlummert, im höchsten Grade die Schonung verdient, die Ihr den paar Quadratfuß Erde hinfort wollt angedeihen lassen. Sollte sich aber nach meinen Mittheilungen Jemand bewogen finden, aus freundlicher Theilnahme im Vorbeigehen eine Blume auf die liebe theure Stätte zu legen, dann seid überzeugt, daß der Engel, der mir noch jetzt in meinem hohen Alter zur nächtlichen Stunde in meinen Träumen erscheint, die Kunde Eures freundlichen Handelns mir zuträgt und ich Euer Andenken noch mit meinem letzten Athemzuge segnen werde.«

Hier neigte der Greis, wie in wehmüthige Betrachtungen versunken, das Haupt auf die Brust. In seltsamem Contrast standen die mit einem Anfluge von jugendlicher Wärme gesprochenen Worte zu dem grauen Haar und den gerunzelten Zügen. Nachdem er sechsundvierzig Jahre hindurch die Erinnerung an eine tief in sein Leben einschneidende Begebenheit gleichsam eifersüchtig in seinem Innern verschlossen gehalten hatte, übersprang er, indem er sich zum ersten Mal zu eingehenderen Mittheilungen entschloß, im Geiste gewissermaßen die lange Reihe von Jahren, und die Gefühle eines Jünglings bewegten, wenn auch nur flüchtig, seine Brust. Er bekundete dies noch verständlicher durch seine eigene Erklärung, als er nach kurzem Sinnen fortfuhr:

»Fast nur junge Gesichter sind es, die mich umgeben; überall Frohsinn und des Lebens schönste Hoffnungen. Wie lange ist's her, und wie nahe scheint's zu liegen, daß auch ich einen solchen Ausdruck zeigte! Wäre mein Haar nicht gebleicht, hätten meine Kräfte mich nicht zum großen Theil verlassen, dann möchte ich sagen, es war erst gestern, als ich meine Hände blutig kratzte, um zwischen Wurzeln und Gestein eine Gruft zu scharren, tief genug –«

Wie ein Schauder erschütterte es die morsche und auch doch wieder so zähe Gestalt des Greises, und spähend flogen seine Blicke im Kreise herum.

Als ob die theilnahmvolle Spannung, die er überall entdeckte, ihn in seinem Entschlusse bestimmt hätte, strich er leicht mit der Hand über seine Augen; sein Oberkörper richtete sich straffer empor, und mit einer Stimme, der jede Spur von Unsicherheit und Schwäche fehlte, nahm er seine Erzählung wieder auf:

»Wie eine Ewigkeit liegen die kommenden Jahre vor dem Jünglinge; wie eine Ewigkeit erscheint den Meisten von Euch, die ich hier um mich sehe, die Zukunft. Doch geduldet Euch, die Zeit wird kommen, in der auch Ihr auf die zurückgelegte Lebensbahn wie auf einen flüchtigen Traum hinblickt. Was der Eintagsfliege zwölf Stunden Sonnenlicht, werden Euch der Jahre siebenzig sein, wenn ein höherer Wille Euch nicht vorher abberuft. Ja ja, sorglos und leichtfertig ist die Jugend, sie begreift nicht den Ernst des Lebens, so lange nicht schwere Prüfungen an sie herangetreten sind. Auch ich verlebte eine sorglose, heitere Jugend, eine Jugend so heiter und glücklich, wie es eben nur auf der Grenze der Civilisation möglich, wo der Körper nicht durch ununterbrochene geistige Anstrengungen in seiner Ausbildung gehemmt wird, sondern sich durch zuträgliche Uebungen, gleichviel ob mit der Axt in der Faust oder der Büchse auf der Schulter, abzuhärten und zu stählen vermag. Die Grenze der Civilisation lag damals noch weit auf jener Seite des Missouri. Wo heute Städte, Dörfer und Ansiedelungen sich erheben, da jagte ich als Knabe den virginischen Hirsch und den schwarzen Bären; sogar zerstreute Büffelheerden verloren sich damals noch bis an den Mississippi und bis über den Mississippi hinaus, und weit brauchte ich von der elterlichen Hütte aus nicht zu wandern, um dem Biber und der Fischotter Fallen zu stellen.

»Glückliche Jugendzeit! Nachdem ich kümmerlich lesen und schreiben gelernt hatte, hielt ich mich für hinreichend ausgebildet, die Stelle eines Präsidenten der Vereinigten Staaten auszufüllen, und da es weit und breit keinen Farmerburschen gab, der es beim Holzfällen oder Pferdebändigen, im Schnelllaufen oder im Gebrauch der Büchse mit mir aufgenommen hätte, so erlangte ich bald jenes tolle Selbstbewußtsein, mit welchem man glaubt, die ganze Welt erstürmen und beherrschen zu können. Dabei besaß ich aber auch wieder einen bescheidenen Sinn, denn die einfache Blockhütte meiner Eltern mit ihrer fast ärmlichen inneren Einrichtung schien mir der Inbegriff alles irdischen Glückes zu sein, und nie beneidete ich Menschen, die mit irdischen Gütern reicher gesegnet waren.

»Die Hütte meiner Eltern, von festen Blöcken errichtet, lag im Staate Iowa auf dem Ufer eines fischreichen Flüßchens. Ich mochte wohl zehn Jahr alt sein, als meine Eltern mit mir und zwei älteren Brüdern daselbst eintrafen. Die achtzig Morgen Waldland, die wir unser Eigenthum nannten, waren in vollwichtigen Dollars an die Regierung bezahlt worden, wir fühlten uns daher auf unserm Grund und Boden so frei, wie nur je ein König auf seinem goldenen Throne.

»Anfangs ging's freilich kärglich genug; doch Gottes Segen ruhte auf unserer Hände Arbeit, und nach Ablauf einiger Jahre sahen wir uns im Besitze eines Viehstandes, freilich nur klein, aber doch so gut und ausgesucht schön, daß der reichste Pflanzer der Louisiana sich desselben nicht hätte zu schämen brauchen. Auch unser Gärtchen lieferte uns einigen Gewinn, nicht zu gedenken der zwanzig Morgen fetten Waldbodens, die wir allmählich unter den Pflug gebracht hatten.

»Unsere nächsten Nachbarn waren wohl an die sechs vollen englischen Meilen entfernt, das nächste Städtchen sogar zwei gute Tagereisen, doch was waren uns Entfernungen? Unsere guten Pferde brachten uns schnell zusammen, wenn wir einander sehen wollten, und Doktor und Apotheker? Pah! Ein paar Fieberpillen war Alles, was wir gelegentlich gebrauchten, und daß uns die nicht ausgingen, dafür sorgten die Pedlars, die regelmäßig bei uns vorsprachen und uns nicht nur mit Heilmitteln, sondern auch mit Stiefeln und sonstigen Leibes- und Lebensbedürfnissen reich versorgten. Es war damals, wie es heute noch auf der Grenze ist – nur ein Bischen bequemer sind die Leute geworden, und wo damals ein trockener Maiskuchen ausreichte, soll's heute zuweilen eine Obsttorte sein.

»Das war also meine Heimat. Es ist mir jetzt Alles wie ein Traum; indem ich aber davon spreche, tritt sie mir so lebhaft vor die Seele, als ob ich sie in Wirklichkeit vor mir sähe. Ich muß mein spärliches Scheitelhaar betasten, einen Blick auf meine dürren, kraftlosen Hände werfen, um von dem Gefühl befreit zu werden: als möchte ich hineilen zu den theuren guten Alten, als möchte ich sie in meine Arme schließen und ihnen, wie ich so oft gethan, die erste, beste Arbeit abnehmen und dieselbe lustig und im Fluge beendigen. Ich möchte hinausschleichen auf unbemerkbaren schattigen Waldpfaden nach einer lieblichen Lichtung, welche der Hirsch, wenn er zum Wasser geht, gern überschreitet. Ich möchte daselbst harren und lauschen auf das Geräusch im Dickicht – ich höre es knacken; es sind dürre Zweige, die unter scharfen Hufen brechen; auf einer Stelle, auf welcher das Gesträuch nicht so verworren in einander verschlungen, theilen sich die Zweige auseinander; der zottige Kopf und die funkelnden Augen eines eisengrauen Mustangs werden sichtbar, und die letzten Hindernisse mit einem Sprunge besiegend, eilt er halb stolpernd, halb galoppirend, bis auf die Mitte der Lichtung vor. Er ist aufgezäumt, der eisengraue Mustang, aufgezäumt auf einfache Farmerart. Die flatternden Mähnen entziehen mir den Anblick des Reiters, der außerdem den Kopf auf den Hals seines Thieres gelegt hat, um beim Vordringen nicht schmerzhaft von den niedrig hängenden Zweigen berührt und gestreift zu werden. Erst nachdem der Mustang freieren Boden gewonnen, richtet der Reiter sich empor und – arme, arme kleine Margareth!« schloß der Greis fast flüsternd mit einem tiefen schmerzlichen Seufzer, und zugleich neigte er wieder, wie erschöpft, das Haupt tief auf die Brust.