Reisen in die Felsengebirge Nordamerikas - Balduin Möllhausen - ebook

Reisen in die Felsengebirge Nordamerikas ebook

Balduin Möllhausen

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Opis

Balduin Möllhausens Reisen in die Felsengebirge Nord-Amerikas führten ihn bis zum Hochplateau von Neu-Mexiko. Unternommen wurden die Reisen als Mitglied der im Auftrag der Regierung der Vereinigten Staaten asugesandten Colorado-Expedition.

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Reisen in die Felsengebirge Nordamerikas

Balduin Möllhausen

Inhalt:

Vorrede

Erstes Kapitel

Zweites Kapitel

Drittes Kapitel

Viertes Kapitel

Fünftes Kapitel

Sechstes Kapitel

Siebentes Kapitel

Achtes Kapitel

Neuntes Kapitel

Zehntes Kapitel

Elftes Kapitel

Zwölftes Kapitel

Dreizehntes Kapitel

Vierzehntes Kapitel

Fünfzehntes Kapitel

Sechzehntes Kapitel

Siebzehntes Kapitel

Achtzehntes Kapitel

Neunzehntes Kapitel

Zwanzigstes Kapitel

Einundzwanzigstes Kapitel

Zweiundzwanzigstes Kapitel

Dreiundzwanzigstes Kapitel

Vierundzwanzigstes Kapitel

Fünfundzwanzigstes Kapitel

Sechsundzwanzigstes Kapitel

Siebenundzwanzigstes Kapitel

Achtundzwanzigstes Kapitel

Neunundzwanzigstes Kapitel

Dreißigstes Kapitel

Einunddreißigstes Kapitel

Zweiunddreißigstes Kapitel

Dreiunddreißigstes Kapitel

Vierunddreißigstes Kapitel

Fünfunddreißigstes Kapitel

Sechsunddreißigstes Kapitel

Siebenunddreißigstes Kapitel

Achtunddreißigstes Kapitel

Reisen in die Felsengebirge Nordamerikas, B. Möllhausen

Jazzybee Verlag Jürgen Beck

Loschberg 9

86450 Altenmünster

ISBN: 9783849631918

www.jazzybee-verlag.de

[email protected]

Balduin Möllhausen – Biografie und Bibliografie

Reise- und Romanschriftsteller, geb. 27. Jan. 1825 in Bonn, gest. 28. Mai 1905 in Berlin, erlernte in Pommern die Landwirtschaft, begab sich 1850 nach Amerika, wo er sich 1851 der Reise des Herzogs Paul von Württemberg nach den Felsengebirgen anschloß. Hier wurde er unter die Omahaindianer verschlagen, bei denen er fünf Monate verbrachte, fuhr dann den Mississippi herab nach New Orleans, wurde später auf Verwenden A. v. Humboldts einer amerikanischen Expedition nach dem fernen Westen als Topograph und Zeichner beigegeben und kehrte 1854 über San Francisco und den Isthmus von Panama nach Deutschland zurück, wo ihn König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen zum Kustos der Bibliotheken in den Schlössern von Potsdam ernannte. Eine abermalige Reise nach Nordamerika 1857–58 führte ihn in Gesellschaft des Ingenieurs Ives in die noch unbekannten Gegenden am mittlern Colorado. Seit 1886 lebte er in Berlin. Er gehörte zur Tafelrunde des Prinzen Friedrich Karl von Preußen, dessen Andenken er die »Dreilinden-Lieder« (Berl. 1896) widmete. Die Ergebnisse seiner Reisen legte er nieder in den Werken: »Tagebuch einer Reise vom Mississippi nach den Küsten der Südsee« (Leipz. 1858; 2. umgearbeitete Aufl.: »Wanderungen durch die Prärien und Wüsten des westlichen Nordamerika etc.«, das. 1860) und »Reisen in die Felsengebirge Nordamerikas« (das. 1861, 2 Bde.). Außerdem verfaßte er zahlreiche Romane und Novellen, die meist in der Neuen Welt spielen, wie: »Die Halbindianer« (1861), »Der Flüchtling« (1862), »Der Mayordomo« (1863), »Das Mormonenmädchen« (1861, 3. Aufl. 1871), »Reliquien« (1865), »Der Meerkönig« (1867), »Der Hochlandpfeifer« (1868), »Der Piratenleutnant« (1870, 3. Aufl. 1902), »Der Fanatiker« (1883), »Der Trader« (1884), »Wildes Blut« (1886), »Das Geheimnis des Hulks« (1889), »Der Fährmann am Kanadian« (1890), »Haus Montague« (1891), »Die beiden Jachten« (1891), »Die Söldlinge« (1892), »Der Spion« (1893), »Kaptein Meerrose und ihre Kinder« (1894), »Welche von beiden?« (1897, 2 Bde.), »Der alte Korpsbursche« (1898), »Das Fegefeuer in Frappes Wigwam« (1900) u.a. M., der mit Gerstäcker verglichen werden kann, war diesem in der Darstellung der Zustände und der Charaktere nicht ganz ebenbürtig, besaß aber ein bemerkenswertes Talent zu ansprechender Naturschilderung.

Reisen in die Felsengebirge Nordamerikas

Vorrede

Folgender Brief, den Alexander von Humboldt am 21. Dezember 1857 an mich richtete, gelangte erst drei Monate später in meine Hände, und zwar am Colorado, weit oberhalb der Mohave-Dörfer, wohin er mir, von Fort Yuma aus, durch einen indianischen Läufer nachgesandt worden war. Derselbe bezieht sich auf Temperaturbeobachtungen des Meeres, die ich auf der Reise von Panama nach San Franzisko anstellte und von letzterem Ort aus zurück nach Berlin geschickt hatte; dann aber auch auf einige Fragen, betreffend die Völkerstämme am unteren Colorado.

»Ich kann nur wenige Zeilen des Dankes und der innigen Freundschaft dem Briefe Ihrer liebenswürdigen Gattin beifügen. Ihre Temperatur-Beobachtungen haben mich um so mehr erfreut, als ich selbst genaue Register zwischen Callao und Acapulco vor einem halben Jahrhundert aufgezeichnet. Die warme Temperatur rührt gewöhnlich von der Richtung der Strömung her, von N.W. nach S.O. erkältend, von S.O. nach N.W. erwärmend wirkend. Sie haben leider eine sehr stürmische Ueberfahrt gehabt, aber Ihre glückliche Ankunft hat auch den kranken König, dem ich sie vorgestern erzählte und der sich Ihrer noch immer freundlich erinnert, sehr interessirt. Die Genesung des Königs macht Fortschritte; mögen unsere Hoffnungen sich nicht täuschen. Ich lege diesem Briefe, den Herr von Gerolt durch das Kriegsministerium besorgen wird, das bei, was ich heute gemeinschaftlich mit Ihrer recht schriftstellerischen Frau habe über Ihre Reise, theurer Möllhausen, in die Spenersche Zeitung setzen lassen.

Ich bin stolz, daß da, wo Fort Yuma liegt, auf meiner 1804 gezeichneten Generalkarte von Mexico steht: Indios Yumas. Da ich vermuthe, daß Sie meine zwei großen Karten, aus dem in Paris, 1811, erschienenen Atlas de la Nouvelle Espagne nicht bei sich haben, so mache ich Ihnen ein wildes Croquis von meinem Rio Colorado, wie ich die Völkerstämme nach den in den Archiven von Mexico aufgefundenen Itinerarien des Padre Esc[x,]alanti von 1772 in meiner Karte habe eintragen können. Ich schreibe links von dem Flusse die geschätzten Breitengrade als Maaßstab ein. Die Indianer-Stämme haben seitdem gewiß viel ihre Sitze verändert.

Mein Befinden ist, wie Sie mich verließen, an Kräften abnehmend, ich klage aber nie.

Empfehlen Sie mich freundschaftlichst Ihrem Commandanten, Herrn Lieutenant Ives, und sagen Sie ihm, daß ich ihm dankbar bleibe für Alles, was er Ihnen Freundliches erweist. Ich rede nicht von Wiedersehen, weil ich nicht daran glaube und Sie nicht betrüben will. Gott segne Ihr Unternehmen!

Ihr treuer aber unleserlicher

Alexander von Humboldt

Berlin, den 21. December 1857

Der vierte Band meines Kosmos (Magnetismus, Wärme, Quellen, Erdbeben und Geologie der Vulkane) ist eben erschienen. Ich habe ein Exemplar davon an Herrn von Gerolt geschickt ...«

Ein zweiter Brief folgte mir noch tiefer in die Wildnis nach, und derselbe betrifft hauptsächlich ein Verfahren bei topographischen Darstellungen von Höhen, über das ich, kurz vor meinem Einschiffen in New York, an Alexander von Humboldt berichtet hatte. In diesem Brief heißt es:

»... ein Brief von Jules Marcou, der ganz neuerlichst eine überaus wichtige geologische Arbeit über die Jura-Formation herausgegeben hat. Er schreibt mir aus Zürich in den freundlichsten Ausdrücken über Ihr Werk, mit dem er sehr zufrieden ist; Mitreisende pflegen gewöhnlich strenge zu urtheilen. Sie haben, glaube ich, in Ihrer Gesellschaft einen Topographen, E., von dem ich im Januar 1857 eine kleine Brochüre: New style of drawing from mountain models engraved in copper, erhielt. Der Mann bezeigt eine besondere Freundlichkeit für mich, schreibt mir aber zwei Dinge zu, die mir gar nicht gehören: ›B. v. H-t. was the first, who constructed photographic images of the moons surface, from which he calculated the heights of the mountains.‹ In dem dritten, ganz astronomischen Theile des Kosmos kann wohl nichts dieses Mißverständniß veranlaßt haben. Ich habe mich nie photographisch mit dem Monde beschäftigt, denn die Methode, die Höhe der Mondberge durch die Länge des Schattens zu messen, gehört dem Astronomen Schröter in Lilienthal und ist als sehr unvollkommen, von Olbers durch die Methode der Lichtgrenze ersetzt worden. Eine andere Behauptung von E. deutet aber geradezu auf das Entgegengesetzte der von mir seit 30 Jahren und jetzt geäußerten Meinung. Es steht als Inschrift über einem sehr saubern, sehr zu belobenden Kupferstich: Specimen of Topography, representing the moon and improved style, recently introduced by the Suggestion of Baron von Humboldt. Dies Specimen giebt den Bergen eine Seitenbeleuchtung und ist der senkrechten Beleuchtung der Lehmann'schen Methode, die ich in allen Karten meines Atlas seit 1817 befolgt habe, ganz entgegengesetzt. Mit senkrechter Beleuchtung habe ich herausgegeben in Paris 1817 den Vulkan von Pichincha No. 27, das Tafelland von Antisana No. 26, Jorullo No. 29 und 30, die Cordilleren am Ursprung des Magdalena-Flusses No. 24. Was Herr E. die neue Methode nennt, die der Seitenbeleuchtung, ist gerade die älteste französische, die vertikale Beleuchtung ist die neuere. Ich vertheidige diese letztere (die vertikale Beleuchtung) in Gemeinschaft mit Arago seit 30 Jahren, als die, allen Gebirgsabhängen gleichzeitig genügende Lehmann'sche Darstellung, bin aber nicht so intolerant, mit Männern feindlich zu hadern, welche die entgegengesetzte Meinung haben. Der kranke König hat sich bei mir mehrmals und immer auf das Freundlichste nach Ihnen erkundigt. Seine Genesung ist allerdings im Fortschreiten seit den letzten Wochen, aber die Fortschritte sind langsamer, als wir wünschen. Ich gehöre zu den wenigen Personen, die er oft (mehrmals in der Woche) sieht.

Gott gebe seinen Segen Ihren Unternehmungen. Empfehlen Sie mich auf das Freundlichste dem Commandeur Ihrer Expedition, dem Herrn Lieutenant Ives. Meine Kräfte nehmen langsam ab.

Mit inniger Anhänglichkeit und Freundschaft Ihr

Alexander von Humboldt

Berlin, den 18. Januar 1858«

Wenn ich es nun wage, diese Briefe meinem Werk einzuverleiben und vertrauensvoll der Öffentlichkeit zu übergeben, so geschieht es, um darzulegen, wie Alexander von Humboldt, selbst auch dann noch, als eine merkliche Abnahme der Kräfte ihn beständig an sein nahes Ende mahnte, sich geistig an allen Forschungsreisen beteiligte und mit lebhaftem Interesse auch die Arbeiten der Colorado-Expedition verfolgte. Für mich selbst war diese Teilnahme wie ein freundlicher Schimmer, der auf meinen rauhen Pfaden durch die unwirtlichen Wildnisse des Fernen Westens ruhte. Durch die Vorrede, mit der Alexander von Humboldt mein erstes Reisewerk schmückte, halte ich mich berechtigt, die Beschreibung dieser meiner dritten Weltreise, die ich auf ausdrückliches Gutheißen meines erhabenen, dergleichen Unternehmen stets begünstigenden Königs, durch die Vermittlung Alexander von Humboldts und ausgerüstet mit dessen weitreichenden, mit dem edelsten Wohlwollen ausgestellten Empfehlungen unternahm, ebenfalls mit seinen eigenen Worten beginnen zu dürfen, um so mehr, als dieselben in so naher Beziehung zu der Reise selbst stehen.

Obgleich Alexander von Humboldt, gemäß des ersten Briefes, »nicht an ein Wiedersehen glaubte«, so wurde mir doch das große Glück zuteil, nach dreizehnmonatiger Abwesenheit die Erfolge meiner Reise vor ihm niederlegen zu können und von ihm, nach Einsicht meiner reichhaltigen Sammlung von Skizzen und bildlichen Darstellungen, die wärmste Aufmunterung zu dieser Arbeit zu erhalten. Die Ausführung derselben betrachtete ich gleichsam als ein heiliges Vermächtnis des Dahingeschiedenen und seines königlichen Freundes.

Schon am Schluß meines ersten Werkes habe ich mich über den Zweck und die einzuschlagende Richtung der Colorado-Expedition ausgesprochen; im Einleitungskapitel dieses Buches dagegen gebe ich in gedrängter Kürze eine übersichtliche Beschreibung der von der Expedition berührten Punkte und Territorien. Es bleibt mir also noch übrig, zu erwähnen, daß ich es mir zur Aufgabe gemacht habe, in den nachfolgenden Blättern Naturschilderungen sowie hervorragende Erlebnisse und Begebenheiten mit den Reiseberichten und Beobachtungen eng zu verflechten, ohne dadurch die dergleichen Werken streng gebührende Wahrheit und Genauigkeit zu beeinträchtigen. Ich hegte dabei den Wunsch, es dem Leser zu erleichtern, sich in Gedanken der Expedition nicht nur zuzugesellen, sondern sich auch in allen Lagen bei derselben heimisch zu fühlen, sei es nun, wenn beschäftigt mit ernsten Arbeiten und mühevollen Forschungen in starren Wildnissen oder auf der fröhlichen Wanderung durch grünende Landschaften, sei es inmitten einer das Gemüt erhebenden Naturumgebung oder im Kreise treuer Gefährten vor dem behaglichen Lagerfeuer.

Bei wissenschaftlichen Erläuterungen und Zitaten habe ich, wo nur immer tunlich, die amerikanischen »Reports« zu Hilfe genommen; dieselben enthalten einesteils die neuesten und sichersten Nachrichten über jene Regionen. Dann aber auch geschah es in gerechter Bewunderung der riesenhaften Arbeiten, welche die Regierung der Vereinigten Staaten anordnet, leitet und ausführt, sowie in dankbarer Erinnerung an die fremden Mitarbeitern so liberal gewährten Erleichterungen und Vorteile.

Bei der Wahl von Illustrationen, welche einer bedeutenden Anzahl größerer Zeichnungen entnommen werden mußten, habe ich vorzugsweise Szenerien berücksichtigt, die mehr den Charakter des betreffenden Landstrichs als das Malerische einzelner Punkte vor Augen führen; und ich kann mich nur mit größter Anerkennung darüber aussprechen, wie der talentvolle, namentlich als Tierzeichner hervorragende Herr Leutemann in Leipzig meine Ideen aufgefaßt und so getreu in verjüngtem Maßstab wiedergegeben hat.

Potsdam, im Mai 1860

Balduin Möllhausen

Erstes Kapitel

Der große Colorado des Westens; Charakter des Flusses, seines Tals und der von ihm durchschnittenen Länderstrecken

Unter den zahlreichen Expeditionen, welche die Regierung der Vereinigten Staaten in den letzten Jahren ausrüstete, um die unermeßlichen Länderstrecken zwischen dem Missouri und den Küsten der Südsee erforschen zu lassen, verdient gewiß besondere Erwähnung die im Spätsommer 1857 ausgesandte, der die Aufgabe gestellt wurde, ein genaueres Bild und bestimmtere Nachrichten über den Rio Colorado, der in den Meerbusen von Kalifornien mündet, zu verschaffen.

Schon zur Zeit der ersten Kolonisierung der westlichen Küstenländer Amerikas durch die Spanier widmeten die frommen und energischen Missionare ihre Aufmerksamkeit dem Fluß, der unbekannten Regionen entströmte und der lange für ein Kalifornien vom Festland trennender Meeresarm gehalten wurde; eine Meinung, die Pater Kino erst im Jahre 1700 vollkommen widerlegte.

Den Beschreibungen jener Zeit, die zuweilen ans Märchenhafte grenzten, begann man mehr Glauben beizumessen, als spätere Forscher, die den Gila und den unteren Colorado bereisten, diese teilweise bestätigten und die von den Pelzjägern über den oberen Fluß eingezogenen, freilich unverbürgten Nachrichten sich als übereinstimmend mit denen der Missionare auswiesen. Die Trapper, die von dort zurückkehrten, sprachen nämlich von meilentiefen, unzugänglichen Schluchten, was unzweifelhaft die Stellen gewesen sein müssen, die von den Spaniern mit dem Namen »Cajones profundisimos« belegt wurden und von denen es unter anderem heißt, daß dort der Spiegel des Flusses so tief läge, daß man von den Ufern abwärts schauend das Wasser nicht zu unterscheiden vermöge. Man kannte freilich die geographische Lage der Mündung des Colorado sowie auch einiger Punkte, wo Expeditionen denselben überschritten hatten; ebenso waren die Quellen des Grand-River und des Green River, welche unter dem 38. Grad nördlicher Breite sich vereinigend den Colorado bilden, teilweise astronomisch bestimmt worden; man wußte auch, daß der Colorado das Hochland zwischen dem Wasatch-Gebirge und den Rocky Mountains durchschneidet und die Wasser dieses ungeheuren Landstrichs aufnimmt; doch war man gänzlich im unklaren über den Fluß selbst von der Vereinigung der beiden Hauptarme bis hinunter zum 35. Grad n. Br., der Stelle, wo Captain Whipple im Jahre 1854 denselben überschritt.

Im Vergleich nun mit den Anstrengungen, die es die in den folgenden Blättern beschriebene Expedition kostete, und im Vergleich mit den Entbehrungen und Gefahren, welchen sie viele Monate hindurch unterworfen war, sind die gewonnenen Resultate nur sehr gering zu nennen; doch liegt wenigstens die sichere Bestätigung der obenerwähnten Nachrichten vor, indem man weiß, daß vom Zusammenfluß von Grand River und Green River bis hinunter zur Mündung des Rio Virgin (36° n. Br.) der Colorado eine unzugängliche Felsenwüste durchströmt. Möglich ist es, daß auf der Westseite des Flusses erfolgreichere Forschungen hätten angestellt werden können, doch die offenen Feindseligkeiten der Mormonen und der ihnen verbündeten Indianer verhinderten unsere Expedition, nachdem das Ende der Schiffbarkeit mittels eines kleinen Dampfbootes erreicht war, anders als auf die Gefahr eines gänzlichen Untergangs hin das linke Ufer zu verlassen; während es doch gerade Mormonen gewesen waren, die bis kurz vor Ausbruch des schnell beendigten Krieges am meisten auf Erforschung des Colorado, als einer Emigrantenstraße nach dem großen Salzsee oder zurück nach dem Staat Sonora, bestanden hatten. Die Schiffbarkeit des Colorado reicht also, selbst bei dem günstigsten Wasserstand, nicht über die Mündung des Rio Virgin hinaus – eine Strecke, die von der Spitze des Golfs von Kalifornien bis zu diesem Punkt wenig über 500 engl. Meilen beträgt. Die zur dortigen Schiffahrt bestimmten Dampfboote müssen überdies von einer ganz besonderen Konstruktion sein, um überhaupt verwendet werden zu können, indem bei niedrigem Wasserstand zahlreiche Sandbänke das Fahrwasser bis auf wenige Zoll verstopfen, in nassen Jahreszeiten dagegen so unglaublich große Wassermassen durch die Felsentore schäumen, daß es unmöglich erscheinen muß, selbst mittels Dampfkraft ein Fahrzeug stromaufwärts zu schaffen.

Wenn auch auf der ganzen als schiffbar bezeichneten Strecke der eigentliche Charakter des Flusses und seines Gebietes keine wesentlichen Veränderungen erleidet, so bietet sich dem Reisenden doch eine fortwährende Abwechslung der Szenerie. Bald sind es dürre Wüsten und Kiesebenen, die bis an die Ufer reichen, bald schmale, wenig fruchtbare Täler, die sich zu beiden Seiten hinziehen. Über diese hinweg erblickt man phantastisch ausgezackte Gebirgszüge, die sich vielfach dem Fluß nähern, denselben in enge Schluchten einzwängen und ihn an ihren abschüssigen Porphyr- oder Sandsteinwänden abprallen lassen, während in den schäumenden Wellen sich die wunderlichsten Formen von Schlössern und Obelisken spiegeln, welche die Natur aus festem sowie aus nachgiebigem Gestein auf den Höhen ausmeißelte. Überall vermißt man indessen die Baumvegetation. Hin und wieder ragen zwar einzelne Cottonwood-Bäume, an ihren malerischen Formen weithin erkennbar, über die schmalen Streifen der Weidengebüsche empor; dornenreiche Mesquitebäume drängen sich zu grün schimmernden, aber undurchdringlichen Gruppen zusammen, wie auch auf nahrungslosem Kies und in dürren Felsritzen riesenhafte Kakteen ihre Wurzeln schlagen, doch fehlt dem Stromgebiet des Colorado das, was den Menschen anlockt und liebreich zum Niederlassen einlädt; es fehlt ihm die Schönheit einer lebenden Natur, die sich in üppiger Vegetation kundgibt und die durch groteske Formationen der mächtigen, aber starren Gebirgsmassen nicht ersetzt werden kann.

Die Täler, von denen selbst die größten nur geringen Umfang haben, bieten, abgesehen vom Holzmangel, weder den Flächenraum noch die Fruchtbarkeit des Bodens, welche die weiße Rasse bei der Gründung von Kolonien verlangt. Zahlreiche Stämme der Eingeborenen, die durch den Verkehr mit den Europäern noch nicht verdorben oder geschwächt sind, entnehmen allerdings dort ihren Unterhalt der Zeugungskraft des Bodens, doch reichen bekanntlich die Wünsche eines ganzen Indianerstammes lange nicht so weit als die Habgier eines einzigen der Kolonisation voraneilenden Landspekulanten. Es könnte daher von dieser Seite wenigstens die nächste Zukunft den Eingeborenen am Colorado vor den Eingriffen der sogenannten Zivilisation gesichert bleiben und die gewagte Behauptung des Majors der Vereinigten Staaten Emory, daß »die Zivilisation entweder umkehren oder die wilden Indianer ausgerottet werden müßten«, fürs erste vielleicht noch nicht an den dortigen Stämmen versucht werden. Der Rio Virgin, der, im Norden entspringend, da in den Colorado mündet, wo die Schiffbarkeit dieses Stroms beginnt, hat seine Quellen in den Wasatch-Gebirgen in der Nähe eines Passes, durch den eine alte spanische Straße in das Große Becken (Great Basin oder Utah territory) führt; es würde sich also eine vergleichsweise bequeme Verbindung zwischen dem Utah-Territorium und dem Staat Sonora herstellen lassen, indem Karawanen, die das Mormonengebiet verlassen und der Richtung des Rio Virgin folgen, den Colorado da erreichen könnten, von wo aus ihnen auf diesem Fluß selbst ein gefahrloser Weg gegen Süden offenstehen würde. Weit entfernt davon, meine Ansicht der meiner Reisegefährten voranstellen zu wollen, wage ich zu behaupten, daß diese Benutzung als Heerstraße der einzige Vorteil ist, der dem Colorado und seiner Lage abgewonnen werden kann.

Wenn man nun eine kurze Strecke vor der Mündung des Rio Virgin, in der Absicht, die verworrenen vulkanischen Gebirgsmassen zu umgehen, welche die Landreise am Colorado hinauf unmöglich machen, den Fluß auf der Ostseite verläßt, so gelangt man tüchtig aufsteigend bald bis zu einer Höhe von 5000 Fuß über den Meeresspiegel. In dieser Höhe gelingt es noch zuweilen, Schluchten zu entdecken, die, dem Reisenden zugänglich, hinab an den Strom führen. Es ist dann immer ein langer und äußerst beschwerlicher Weg, doch findet man dort Gelegenheit, mächtige Felswände zu bewundern, welche sich bis zu 3000 Fuß hoch senkrecht über dem etwa 1000 Fuß hoch gelegenen Spiegel des Colorado erheben, der wild tobend über losgerissene Felsblöcke dahinstürzt. Zurück auf das Hochland führt anfangs die Hauptschlucht und später jede der wie ein Geäder einmündenden Nebenschluchten, die nicht durch herabgerolltes Gestein verstopft ist.

Bei fortgesetzter Reise gegen Nordosten gelangt man endlich in den Winkel, der vom Colorado und dem aus Südosten kommenden Colorado Chiquito gebildet wird, und zugleich auf eine Höhe von 9000 Fuß über dem Meeresspiegel und etwa 7500 Fuß über dem Spiegel des Colorado. Dort nun beginnt das Hochland, das sich wie eine weite, ununterbrochene Fläche nach allen Richtungen hin ausdehnt und dessen Horizont selten von nebligen Bergkuppen, häufiger aber von spaltenähnlichen Einschnitten in der Ebene selbst unterbrochen wird. – Eine unbeschreiblich beängstigende Einsamkeit herrscht dort oben; verkrüppelte Zedern wechseln durch die Luftspiegelung scheinbar in der Ferne ihre Gestalt oder ragen, abgestorben und ihres dunkelgrünen Schmuckes beraubt, ähnlich verwitterten, riesenhaften Geweihen vorweltlicher Hirsche, empor; sengende Hitze erwärmt die felsige Fläche, dörrt die im einsamen Winkel keimenden Halme und reift die stacheligen Früchte saftreicher Kakteen. Eisiger Sturm, von heftigem Donner begleitet, wirbelt zu anderen Zeiten dichte Schneemassen über die Hochebene, Untergang drohend den dorthin verirrten Menschen und Tieren.

Wenn man nun in der Absicht, den Großen oder den Kleinen Colorado wiederzufinden, seine Schritte gegen Norden lenkt, dahin, wo Spalten im Boden mächtige Türme und Mauern bilden, zugleich aber auch den Lauf großer Gewässer verraten, so gelangt man bald in ein Labyrinth von Schluchten, die durch ihre Tiefe um so mehr überraschen, als sie aus der Ferne kaum an einer geringen Senkung des Bodens zu erkennen sind. Einer solchen Schlucht nachzufolgen, gelingt nur teilweise, indem Abgründe von 50 bis 500 Fuß Tiefe den Weg in der Schlucht selbst bald abschneiden; und auf einer vorstehenden horizontalen Felsenlage wie auf dem äußersten Rand eines Dachs an grauenvollen Abgründen hinreitend, gelangt man auch nur dahin, wo selbst der sichere Huf des Maultiers keinen Halt mehr findet und der Weg zurück eingeschlagen werden muß; ein Weg, der über der furchtbaren Tiefe frei in der Luft zu schweben scheint; wo man sich gern die Augen beschattet, um die Felsmassen nicht zu erblicken, die sich scheinbar träge aneinander vorbeischieben; wo die unter den Füßen sich lösenden Steine nicht rollen, sondern unhörbar weite Räume durchfliegen, tief unten auf felsigem Boden zerspringen und der auf diese Weise erzeugte, durch die Entfernung aber gedämpfte Schall unheimlich in den Spalten und Klüften verhallt. Was mit Hilfe von Tieren nicht gelingt, das versucht der Mensch noch mit eigenen Kräften. Lange Stricke auf dem gefährlichen Pfad benutzend, gelangte unsere Expedition allerdings weiter, doch auch nur so weit, um die Unmöglichkeit einzusehen, den Höhenunterschied zwischen der Hochebene und dem Spiegel des Colorado, der über 7000 Fuß beträgt, ganz zu überwinden. Es blieb also nur noch übrig, zu versuchen, gerade dort die Höhe zu gewinnen, um einen Blick in diese abgeschlossene Welt zu werfen. Was man nun von dort oben erblickt, ist unbeschreiblich und überraschend. Wie ein Chaos verschwimmen ineinander tiefe Schluchten; Tausende von Fuß hoch liegen übereinander die Formationen verschiedener Epochen, deutlich erkennbar an den grellen Farbkontrasten; senkrecht stehen die Wände, als ob die geringste Erschütterung sie hinabzustürzen vermöchte; schwindelnd bebt man bei dem erhabenen Anblick und gewinnt eine schwache Ahnung von der Unendlichkeit bei dem Gedanken, daß der fallende Tropfen die Schlünde bildete, die dem Beobachter von allen Seiten entgegenstarren.

Gegen 3000 Fuß tief waren die äußersten Schluchten, bis zu welchen unsere Expedition gelangte; trockener roter Sandstein bildete dort den Boden. Wenige Meilen weiter, noch 4000 Fuß tiefer, floß der Colorado, doch mehr als menschliche Kräfte wären nötig gewesen, dahin zu gelangen, von wo ein Blick hinab auf den Fluß hätte gewonnen werden können. Wir sahen den Colorado nicht wieder.

So steht dort der Mensch nahe vor seinem Ziel, das ihm dennoch unerreichbar ist; gegenüber einer furchtbar erhabenen Natur fühlt er seine Ohnmacht; er beneidet die Weihe, die furchtlos über den Abgründen schwebt, er folgt ihr im Geist und schafft sich mit ahnungsvollem Grauen ein Bild von dem Felsental des Colorado des Westens, das vielleicht noch für kommende Jahrhunderte dem Menschen ein Geheimnis bleiben wird.

Mehrfach versuchten wir weiter östlich und nördlich den Fluß, dessen Uferbänke wir vom Fuß der San-Franzisko-Berge aus zu unterscheiden vermochten, noch einmal wieder zu erblicken, doch undurchdringlich fanden wir überall die Felsenwüste. Selbst die freundlichen Moqui-Indianer schienen durch besonderen Widerwillen abgehalten zu werden, einen Pfad hinunter nach dem Colorado zu suchen oder zu zeigen.

Der gänzliche Mangel an Lebensmitteln sowie die täglich lichter werdenden Reihen unserer ermatteten und halbverhungerten Maultiere zwangen uns endlich, von allen ferneren Versuchen abzusehen. Wir schieden mit Bedauern von diesem interessanten Feld und sahen also nichts von den Naturszenen, die ein Fluß aufweisen muß, der auf einer Strecke von etwa 300 engl. Meilen nahe an 3000 Fuß zu fallen hat.

Dies nun ist eine kurze Beschreibung des Rio Colorado und seines Gebietes, zu dessen Erforschung unsere Expedition ausgezogen war. Ich stelle dieselbe voran, um allen denjenigen, die mich im Geist Tag für Tag auf meiner langwierigen und mühevollen Reise durch die Urwildnisse des Fernen Westens begleiten wollen, eine jedesmalige Orientierung zu erleichtern.

Zweites Kapitel

Reise nach New York – Untergang des Dampfbootes »Central-Amerika« – Abreise von New York – Havanna – Panama – Das Dampfboot »Panama« – Ankunft in San Franzisko – Aufenthalt daselbst – Aufbruch der Expedition

Bei der großen Zunahme des Verkehrs zwischen den beiden Kontinenten, bei der auf überraschende Weise wachsenden Zahl der den Atlantischen Ozean von Osten nach Westen und zurück durchfurchenden Dampfboote, bei der sich noch immer steigernden Schnelligkeit und Bequemlichkeit, mit der Touristen wie Emigranten von einer Hemisphäre nach der anderen versetzt werden, ist es dem Reisenden möglich, besonders in günstigen Jahreszeiten, ohne erheblichen Zeitverlust an einem bestimmten Tag von Europa aus in New York und anderen Hafenstädten Nordamerikas zu landen. Um also gegen den 2. September New York zu erreichen, verließ ich Berlin am 12. August, und da die Hamburger Seedampfer von der englischen Regierung zu Truppenbeförderungen nach Ostindien gemietet waren, so änderte ich meinen ursprünglichen Reiseplan und schiffte mich infolgedessen am 18. August in Liverpool auf dem Postdampfschiff »Asia« ein.

Obgleich meine Abreise von New York nach San Franzisko auf den 21. September festgesetzt war, so blieb es doch für mich von Wichtigkeit, noch vor dem 5. September in New York anwesend zu sein, indem an diesem Tage Lieutenant Ives, mein neuer Kommandeur, sich nach Kalifornien einzuschiffen beabsichtigte, während die letzten Mitglieder unserer Expedition, unter diesen ich selbst, vierzehn Tage später mit den meteorologischen und astronomischen Instrumenten nachfolgen sollten. – Dies war ungefähr alles die Expedition Betreffende, was mir außer der von derselben einzuschlagenden geographischen Richtung bekannt war, als ich am 1. September in New York landete. Näheres teilte mir Lieutenant Ives gleich bei unserer ersten Zusammenkunft mit.

Ein kleines eisernes Flußdampfboot, eigens zur Beschiffung des Colorado in Philadelphia gebaut, war auseinandergenommen und stückweise schon früher nach Kalifornien befördert worden. Lt. Ives eilte daher voraus, um in San Franzisko die zur Ausrüstung unserer Expedition nötigen Einkäufe zu veranlassen, diese zugleich mit unserem Dampfboot auf einem Gouvernementsschoner verladen zu lassen und demnächst selbst mit einigen Assistenten in dem kleinen Fahrzeug um das Cap Lucas herum den Golf von Kalifornien hinauf an die Mündung des Colorado zu segeln, um dann von dort aus die Forschungen und Vermessungen zu beginnen. Auf welchen verschiedenen Wegen unsere geteilte Gesellschaft am Colorado zusammentreffen sollte, konnte erst in Kalifornien näher bestimmt werden, indem es ungewiß war, von welchem Militärposten dieses Staates wir eine für unsere Zwecke hinreichende Anzahl von Maultieren würden beziehen können.

Lt. Ives verließ also New York am 5. September. Ich ging auf einige Tage nach Washington, wo ich Gelegenheit fand, Präsident Buchanan und dem Kriegssekretär Governor Floyd vorgestellt zu werden. Von beiden Herren wurde ich zu der bevorstehenden Arbeit auf eine Weise aufgemuntert, die nicht verkennen ließ, welches Interesse man allgemein in den Vereinigten Staaten an der Colorado-Expedition nahm und wie gespannt man die Resultate derselben erwartete. Die Zeit in Washington flog mir schnell dahin; ich erwiderte Besuche, die mir von dortigen Bewohnern in meiner Heimat gemacht worden waren; ich freute mich über das Gedeihen der Smithsonian-Institution; ich lächelte beim Anblick des noch immer unbeendigten Washington-Monuments, ich machte ein ernstes Gesicht zu den übertriebenen Rechnungen der Gastwirte und befand mich dann endlich am 17. September wieder in New York, um all die kleinen, zu einer Seereise aber fast unerläßlichen Vorbereitungen zu beenden.

Das Passagierbillett, das mir auf der Agentur der Dampfschiffahrts-Gesellschaft eingehändigt wurde, lautete auf das Dampfboot »Central-Amerika«. Hier teilte man mir indessen zu gleicher Zeit Befürchtungen über das Schicksal dieses Schiffes mit, das schon mehrere Tage über die sonst gewöhnliche Dauer seiner Reise von Aspinwall nach New York ausgeblieben war. Nur zu begründet erwiesen sich diese Befürchtungen, denn zu den telegrafischen Depeschen aus den südlichen Hafenstädten über einen furchtbaren Orkan gesellte sich endlich die schreckenerregende Nachricht, daß die »Central-Amerika« mit 500 Passagieren im Sturm untergegangen sei. Von da ab liefen über das entsetzliche Unglück von verschiedenen Punkten an der Küste nähere und umständlichere, freilich oft genug sich widersprechende Berichte ein, die größtenteils von Passagieren herrührten, welche von anderen Schiffen aufgefischt und gerettet worden waren. Natürlich versäumte die Dampfschiffahrts-Gesellschaft nicht, in allen Zeitungen das mutige und umsichtige Benehmen des Kapitäns und seiner Leute mit Lobeserhebungen zu überschütten, doch war dies so zwecklos wie übel angebracht; denn ebensowenig wurden durch nachträgliche schöne Worte der brave Kapitän Herndon und alle mit ihm Verunglückten den trauernden Ihrigen wiedergegeben, als es der gewissenlosen, gegen alles außer dem Geld gleichgültigen Aktiengesellschaft gelang, den Schrei des Entsetzens und des Vorwurfs zu unterdrücken, der sich in den gesamten Vereinigten Staaten gegen sie erhob. Es stand fest, daß die »Central-Amerika« gesunken war, weil man notwendig gewordene Reparaturen nicht hatte sehen oder das Geld für Wiederherstellung der Schäden nicht hatte ausgeben wollen.

Als das Dampfboot nämlich die gefürchteten Bahama-Bänke schon hinter sich hatte, wurde es während eines heftigen und anhaltenden Orkans leck, doch nicht so sehr, daß es nicht noch einige Tage über dem Wasser hätte gehalten werden können. Bei dem Versuch, die mit den Dampfmaschinen in Verbindung stehenden Pumpen in Bewegung zu setzen, stellte es sich indessen heraus, daß sich keine einzige derselben in brauchbarem Zustand befand. Das Wasser stieg daher schnell in den unteren Räumen und löschte die Feuer unter den Kesseln aus, worauf das Boot, der Dampfkraft beraubt, dem Steuer nicht mehr zu gehorchen vermochte und ein vollständiges Spiel des wütenden Orkans und der sich wild brechenden Wogen wurde. Stundenlang trieb das unglückliche Fahrzeug noch umher, ja es gelang einer Brigg noch, die Frauen und Kinder zu retten, worauf die »Central-Amerika« in die Tiefe sank und 480 Menschen, fast angesichts der Küsten ihres Heimatlandes, mit hinabriß. Für die Aktiengesellschaft war das Unglück von geringerer Bedeutung, denn das Dampfboot war versichert, das Überfahrtsgeld schon in Kalifornien von den Umgekommenen eingezogen worden, und auf das blühende Geschäft dieser Linie konnte der Unfall keinen besonders nachteiligen Einfluß ausüben, indem nach Eingehen der Tehuantepec-Linie für Passagiere und Güter außer der Straße um das Kap Hoorn allein die Panama-Route nach Kalifornien offen blieb.

Inwieweit man aus diesem verschuldeten Unglück eine Lehre zog, beweist am besten, daß anstelle der »Central-Amerika« die »Northern Light«, ein früher zur Tehuantepec-Linie gehöriges Dampfboot, eingeschoben wurde, das während 27 Monaten zur Reparatur im Dock gelegen hatte und von dessen Sicherheit niemand überzeugt war. Wohl aber wußte man, daß von den vier Dampfkesseln nur zwei beheizt werden konnten und die übrigen sich in schadhaftem Zustand befanden. Der Gedanke vielleicht, daß höchst unwahrscheinlich zwei Schiffe hintereinander auf derselben Route untergehen würden, wohl mehr aber noch der Wunsch, durch eine eingestellte oder aufgeschobene Reise keine vorteilbringenden Kontrakte zu brechen, ermutigte die Gesellschaft. Die »Northern Light« wurde mit schnell trocknender Farbe überstrichen, Kohlen und Lebensmittel an Bord gebracht, und am 21. September verließ das schöne und sichere Schiff, wie die Zeitungen es nannten, mit Fracht und einer vollen Zahl von Passagieren den Hafen von New York.

Die Äquinoktialstürme, die in diesem Jahr mit ungewöhnlicher Heftigkeit auftraten, sowie die Gewitter, die besonders zur Nachtzeit schnell aufeinander folgten, machten den ersten Teil unserer Reise sehr unangenehm. Wir erblickten in nebliger Ferne mitunter die Küste, wir sahen das von den Schiffern so gefürchtete Kap Hatteras, wir steuerten zwischen den Bahama-Bänken hindurch und nahmen überall die Trümmer von gescheiterten Schiffen wahr und vielleicht manche, an denen sich mit letzter Kraft ein Ertrinkender angeklammert hatte, ehe er sich zu den vielen Opfern gesellte, die das Meer in diesem Jahr forderte. Erst im Golf von Mexiko, wo ruhigeres Wetter unsere Fahrt begünstigte und dadurch die Passagiere die Seekrankheit abschüttelten, schwand die gedrückte Stimmung, die durch die neuesten Ereignisse bei allen mehr oder weniger aufgetreten war.

Am 28. September in der Frühe näherten wir uns dem stolzen Hafen des palmenbeschatteten Havanna. Es war mir eine zu kurze Aussicht auf die Befestigungen an der Einfahrt vergönnt, um hier eine vollständige Beschreibung derselben geben zu können; ich stand auf dem Verdeck, mit den Augen die reizenden Bilder zu beiden Seiten gleichsam verschlingend, an denen ich wie im Flug vorübergetragen wurde. Die gelblichweißen Mauern, die zierlichen Türmchen, die langen Reihen der Schießscharten, die schwarzen Schlünde der Kanonen, die friedlich lächelnden Hügel, die sich feierlich wiegenden Kronen der Palmen – alles, alles bemerkte ich, jedem einzelnen Gegenstand schenkte ich einen Blick, bis mir ein Wald von Masten die Aussicht rückwärts entzog. Doch auch hier wurde ringsum die Aufmerksamkeit gefesselt, denn in dem geräumigen Becken des Hafens, gerade vor der Stadt, lagen wie schlafende Ungeheuer die schwerbewaffneten Schiffe der dort stationierten spanischen Flotte. Die »Northern Light« brauste vorbei an schwerfälligen Dreideckern, an scharfbugigen Fregatten und Kriegsdampfern; von den Masten wehte die spanische Flagge, und umfangreiche Baldachine waren zum Schutz gegen die senkrechten Strahlen der Sonne über den Verdecken ausgespannt. Nahe einem Steinkohlenmagazin hielt unser Dampfboot endlich in seinem Lauf inne, der Anker fiel, von der Flotte herüber schallte Trommeln und Pfeifen, es war 12 Uhr, und ich konnte lange Reihen weiß uniformierter Soldaten wahrnehmen, die sich im Paradeschritt auf den verschiedenen Verdecken bewegten.

Gern wäre ich gelandet, ich hätte so gern in der großen Stadt mit den buntfarbigen Häusern und den sonnigen Dächern umherstreifen mögen, gern hätte ich mich unter die trägen, leichtbekleideten Spaziergänger auf dem Kai gemischt, doch donnerte von seinem hohen Standpunkt herab unser Kapitän: »Kein Passagier verläßt das Schiff!« Er hatte recht; denn drüben unter sonnigen Dächern und zwischen kühlen Mauern, auf den glühenden Straßen und im Schatten dunkelgrüner Bäume, unter den breiten Sombreros der Männer und unter den wehenden Rebosos der Frauen, überall grinste dem Fremden ein gräßlicher, ein erbarmungsloser Feind entgegen – das Gelbe Fieber. Meine Erfahrungen in Havanna mußten sich daher auf das beschränken, was ich oben vom Deck der »Northern Light« aus wahrzunehmen vermochte, und es erscheint mir daher Havanna in der Erinnerung wie ein schönes Bild, vor dem ich sinnend und bewundernd gestanden hatte. – Gegen 4 Uhr nachmittags wurden die von New Orleans kommenden Passagiere von der Quarantäne an Bord unseres Bootes geschafft, einige Salutschüsse weckten das Echo in den nahen Hügeln, und bald darauf wiegte sich die »Northern Light« auf den Wogen des falschen Karibischen Meeres.

Am l. Oktober erblickten wir die Höhen von Porto Bello, und wenige Stunden später befanden wir uns vor der Bai, in der fast versteckt Aspinwall, der Landungsplatz der Dampfboote, liegt. Es war schon vollständig dunkel, als wir uns dem Hafen näherten, so daß durch Signalfeuer und Raketen unserem Kapitän die einzuschlagende Richtung angegeben werden mußte. Nach manchem Hin- und Herfahren lag die »Northern Light« endlich regungslos im Hafen, und ohne Zeitverlust begannen unsere Seeleute die Güter auszuladen, die von einer Anzahl farbiger Arbeiter in Empfang genommen und sogleich auf Eisenbahnwagen verpackt wurden. Ich benutzte den Abend zu einem Ausflug nach der Stadt, doch unbekannt mit der Örtlichkeit mußte ich bald davon abstehen, denn die Straßen waren durch die in jenen Breiten eingetretene Regenzeit so sehr aufgeweicht, daß an ein Durchkommen in der Dunkelheit gar nicht zu denken war, und der Lichtschein, der hin und wieder durch Fenster und geöffnete Türen auf die Straße fiel, diente mehr zum Blenden als zum Leuchten. Auch die nach dem Regen dick gewordene und mit giftigen Dünsten angefüllte Atmosphäre, die in geringer Höhe über dem marschigen Boden zu lagern schien, veranlaßte mich, früh mein Lager an Bord der »Northern Light« aufzusuchen. Die Morgennebel ruhten noch auf der spiegelglatten Bucht, als wir am folgenden Tag unsere Plätze im Eisenbahnzug einnahmen und die Lokomotive sich langsam der Südsee zu in Bewegung setzte. Der Tag war drückend heiß, selbst die durch die schnelle Bewegung der Wagen erzeugte Luftströmung hatte nichts Erfrischendes und glich mehr einem glühenden Hauch, vor dem man sich gern in einen Winkel rettete. Vier Stunden rollten wir auf der Eisenbahn dahin, einer Eisenbahn, die mit Recht als eine der schlechtesten und gefährlichsten bezeichnet werden kann; auch bewiesen die am Weg zerstreut umherliegenden Trümmer von Wagen, daß dort Unglücksfälle nichts Ungewöhnliches waren. Wie viele Menschenleben aber auf der Landenge von Panama durch Habgier, Spekulation und Gleichgültigkeit hingeopfert wurden, das läßt sich nur ahnen; denn wer auf Panama stirbt, der ist verschollen – sei es nun der vom grimmigen Fieber hingeraffte Eisenbahnarbeiter, dessen rückständigen Lohn seine Brotherren oder, besser gesagt, Käufer sich zueignen, oder sei es der durch unverantwortliche Fahrlässigkeit verunglückte Reisende, dessen Passagegeld sich schon in den Kassen der Dampfschiffahrts-Gesellschaft befindet. Die östliche Hälfte der Eisenbahn hatte ich schon im Jahre 1854 kennengelernt, als ich von San Franzisko kommend nach New York reiste; der westliche Teil erschien mir daher beinahe wie eine Wiederholung der ersteren. Überall erblickte ich dieselbe undurchdringliche tropische Vegetation, deren prachtvolle, frische grüne Schattierung, malerisch durchwebt von dem reizendsten Blumenflor, durch die Regen noch bedeutend gewonnen hatte. An den niedergestochenen Uferwänden zu beiden Seiten der Eisenbahn beobachtete ich auf der ganzen Strecke denselben farbigen Lehmboden, den vielfach Lagen fossiler Seemuscheln durchzogen, der zuweilen aber auch Sandstein durchblicken ließ, welcher wiederum auf den Höhen von Grünstein verdrängt wurde.

Als ich in Panama den Wagen verließ, befand ich mich augenblicklich in einem dichten Gewühl von Passagieren, die auf die rücksichtsloseste Art gegen ihre Mitreisenden in wütender Eile dem Kai zustürzten. Dort nun lag ein Schleppdampfer, der dazu bestimmt war, Passagiere und Güter zum Dampfboot nach Kalifornien hinüberzuschaffen, das in der Entfernung von einigen Meilen in dem tiefen, ruhigen Wasser zwischen einer Felseninsel und dem Festland vor Anker lag. Es wäre zuviel, das Drängen und Stoßen beschreiben zu wollen, dem ich während einer Stunde ausgesetzt war und das mich mehr für unsere Barometer als für meine eigenen Glieder fürchten ließ. Auf der Landungsbrücke, die weit ins Meer hineinreichte, befand sich ein dichter Knäuel zankender, klagender und suchender Menschen, die sich zeitweise nach den Seiten des Bollwerks drängten, um den auf Eisenbahnschienen heranrollenden Gepäckwagen eine Straße zu öffnen.

Das Gewühl auf dem Dampfboot meidend, begab ich mich auf einen der unförmigen Kasten, die, beladen mit Gütern und Lebensmitteln, ins Schlepptau genommen wurden. Ich saß dort ziemlich gut und hatte dazu eine freie Aussicht nach allen Richtungen hin, eine Aussicht, die mich reichlich entschädigte für die Unannehmlichkeiten, die ich während meines kurzen Aufenthalts in Panama erfahren hatte.

»Alle an Bord!« rief endlich der Kapitän des Schleppbootes. »Alle an Bord!« brüllten wilde Stimmen am Ufer. Das Ventil, durch das der Dampf seinen Weg ins Freie fand, schloß sich, und langsam arbeitete das Fahrzeug mit seiner schweren Last ins offene Wasser.

Das schöne Bild der altertümlichen Stadt, die, umgeben und halb versteckt von dunkelgrüner Vegetation, sich lieblich in dem ruhigen Wasser spiegelte, dehnte sich zu beiden Seiten in dem Maße aus, als die Entfernung bis zum Strand sich vergrößerte. Tiefblaue Bergkuppen tauchten im Hintergrund auf, die Felsvorsprünge schienen in der Ferne weiter ins Meer hineinzureichen, und zahlreicher wurden die Inselchen und Klippen, die sich allmählich in das Bild hineindrängten. Über dieser ganzen Landschaft nun hing der tropische Regenhimmel mit seinen schweren, lichtumsäumten Wolken, die sich träge dahinwälzten; und wie die Beleuchtung in einem Bild jedesmal den Eindruck desselben bestimmt, so schien auf der in Schatten gehüllten Landschaft von Panama eine melancholische Ruhe zu schweben, eine Ruhe, die unterbrochen wurde von einzelnen Sonnenstrahlen, welche durch kleine Öffnungen im Gewölk ihren Weg an die grünen Abhänge der Hügel fanden und langsam an denselben hinschlichen.

Auf der anderen Seite befand sich das offene Meer; am fernen Horizont zeigten sich einzelne Segel; kleine Küstenfahrer kreuzten in allen Richtungen, und nicht weit von unserem Dampfboot lag, um mich eines dort gelernten Seemannsausdrucks zu bedienen, »leicht und zierlich aufgeschürzt wie eine Jungfrau« eine Kriegskorvette der Vereinigten Staaten, sich auf den Wellen nachlässig schaukelnd. – Seit den Unruhen, die zwischen den Kalifornienreisenden und den Eingeborenen auf dem Isthmus stattgefunden hatten, war nämlich vor Panama sowie vor Aspinwall ein bewaffnetes Fahrzeug stationiert worden, um den Reisenden nötigenfalls Schutz gegen die Eingriffe der dortigen Bevölkerung gewähren zu können.

Mit einem gewissen Widerwillen ging ich an Bord der »Panama«, des Dampfbootes, das uns nach Kalifornien bringen sollte. Obgleich dasselbe kein unsicheres Fahrzeug war, so hatte man es doch seiner Langsamkeit wegen, mehr aber noch wegen fühlbaren Mangels an Raum auf demselben, durch ein größeres und schnelleres Dampfboot ersetzt und bereits drei Jahre lang unbenutzt im Hafen liegen lassen. Als sich nun plötzlich den Eignern Gelegenheit bot, das Fahrzeug zum Oregon-Verkehr auf vorteilhafte Weise verwenden zu können, schickten sie einen Kapitän und eine Mannschaft von San Franzisko, um das alte Schiff und in demselben die von New York angekommenen Reisenden nach Kalifornien zu bringen. Es sollten also die 600 Passagiere der »Northern Light« auf Räumlichkeiten beschränkt werden, die nur auf die Hälfte dieser Zahl berechnet waren.

Eine Seereise, die statt der gewöhnlichen dreizehn oder vierzehn Tage volle drei Wochen dauert, wird durch diesen Umstand allein schon unangenehm; ist man aber in engem Raum mit so vielen fremden und dazu noch mit teilweise charakterlosen und unsauberen Menschen zusammengepfercht, so wird eine solche Reise fast unerträglich. Auf der »Panama« gesellte sich noch zu diesen Übelständen, daß wir während der ersten zehn Tage und besonders vor dem Golf von Tehuantepec mit den heftigsten Nordweststürmen zu kämpfen hatten und daß die anhaltenden Regen fast alles auf dem unvollkommen eingerichteten Verdeck durchnäßten. Erst von Acapulco aus, wo wir Kohlen einnahmen und wo wir die nördliche Grenze der Regenzeit überschritten, begünstigte uns wieder besseres Wetter. So arbeitete sich die »Panama« langsam an der Küste von Kalifornien hinauf, und aus vollem Herzen begrüßte ich endlich am 22. Oktober die Golden Gate und hinter dieser Felsenpforte den Hafen und die Stadt von San Franzisko.

Dr. Newberry, ein Amerikaner, der als Arzt und Geologe der Colorado-Expedition angehörte, und Herr von Egloffstein, ein Bayer, der als Topograph mit uns demselben Ziel zueilte, waren schon von New York aus meine Gefährten gewesen. Beide waren alte Reisende, und wir hatten manche Stunde auf dem einsamen Ozean, inmitten einer geräuschvollen Umgebung, damit hingebracht, Erzählungen früherer Erlebnisse in den Urwildnissen gegenseitig auszutauschen, dann aber auch unsere verschiedenen Ansichten über das von uns zu durchforschende Terrain aufzustellen und zu verteidigen. Schon aneinander gewöhnt und geleitet von demselben Interesse, trennten wir uns auch in San Franzisko nicht und bezogen daher zusammen das uns empfohlene Metropolitan-Hotel, wo wir mit noch zwei anderen Mitgliedern der Expedition, Mr. Taylor und Mr. Booker, zusammentrafen. Beide Herren waren noch vollständig unbekannt mit dem Leben im Feld und schienen daher mit ganzer Seele für die kommenden interessanten Zeiten zu schwärmen, ohne zu ahnen, daß bei dergleichen Unternehmungen nur zu oft die gesammelten Erfahrungen und die Rückerinnerungen das einzige Angenehme sind; und letztere auch nur dann, wenn man nach einer glücklichen und erfolgreichen Reise nicht den Verlust eines guten Kameraden oder auch der eigenen Gesundheit zu beklagen hat.

Die Vorbereitungen fanden wir so weit gediehen, daß unsere Gesellschaft, die durch Mr. Peacock, unseren Trainmaster, und Herrn Bielawski, unsern Hydrographen, vervollständigt war, zu gleicher Zeit in den ersten Tagen des November von San Franzisko aufbrechen konnte. Lt. Ives beabsichtigte, in der Begleitung des Maschinenmeisters Mr. Carrol, eines Schmieds, eines Zimmermanns und einiger Bootsleute, in dem Schoner, auf dem sich unser Dampfboot, die Lagerequipage und Lebensmittel befanden, um Cap Lucas herum an die Mündung des Colorado zu segeln, dort sogleich das Dampfboot zusammenzufügen und dann in diesem und einigen Schleppbooten die ganze Fracht nach Fort Yuma, unserem Versammlungsort, hinaufzuschaffen. Seine Abreise war auf den 2. November festgelegt worden. Alle übrigen Mitglieder sollten sich am 3. November in einem nach San Diego abgehenden Dampfboot einschiffen, in zwei Abteilungen an verschiedenen Punkten der kalifornischen Küste landen und sich demnächst auf ihnen vorgeschriebenen Routen nach Fort Yuma begeben.

Die erste Abteilung, bestehend aus Mr. Peacock und Mr. Taylor, erhielt den Auftrag, in San Pedro, dem Hafen von Pueblo de los Angeles, das Dampfboot zu verlassen, an letzterem Ort Packknechte und Maultiertreiber zu dingen und mit diesen in gemieteten Wagen nach Fort Tejon, einem Militärposten der Vereinigten Staaten im Innern Kaliforniens, zu reisen. Dort sollte sie 120 Maultiere in Empfang nehmen und mit diesen in mäßigen Märschen nach Fort Yuma gehen. Diesem Kommando wurde Herr von Egloffstein gewissermaßen als Lehrer des Mr. Taylor zugeteilt, so wie an mich die Aufforderung erging, mich als Naturaliensammler und Zeichner anzuschließen. Die andere Abteilung, bestehend aus Dr. Newberry, Mr. Bielawski, Mr. Booker und Lieutenant Tipton, dem Kommandeur unserer Eskorte, erhielt den Befehl, in San Diego zu landen, dort auf dem Militärposten die nötige Ausrüstung zu beziehen und in nächster Richtung unserem Vereinigungspunkt am Colorado zuzueilen.

San Franzisko machte auf mich bei weitem nicht mehr denselben Eindruck wie im Jahre 1854, als ich von einer Expedition zurückkehrte und einige Tage hier verweilte. Schon auf der Fahrt vom Kai zum Gasthof vermißte ich das rege, geschäftige Treiben, das mich damals so sehr überraschte. Die Kaufläden erschienen mir nicht mehr so überfüllt; auf den Märkten und öffentlichen Plätzen konnte man gehen, ohne gedrängt zu werden, und es erforderte nicht mehr so große Gewandtheit, den schwerbeladenen Güterkarren, deren Zahl sich augenscheinlich verringert hatte, in den Straßen auszuweichen.

Die Stadt hatte sich aber auch in den ersten Jahren nach der Entdeckung des Goldes in ihrem Wachstum überstürzt, und das Innere des Landes war noch nicht hinreichend bevölkert und organisiert, um ein solches Wachsen auf die Dauer zu gestatten und zu unterstützen. Hierzu kam noch, daß die Einwohner, von denen die meisten sich nur auf ungewisse Zeit in der neuen Weltstadt niedergelassen hatten, begannen, sich dem Strom der Einwandernden anzuschließen, tiefer im Lande neue Kolonien zu gründen und sich mehr auf den Ackerbau zu verlegen, was natürlich den plötzlichen Aufschwung der Stadt hemmen, aber in eine geregeltere und sichere Zunahme verwandeln mußte. Die Geschäfte in San Franzisko waren infolge der in allen Weltteilen fühlbaren Geldkrise von 1857 sehr gedrückt, und dort um so mehr, als der Konsum des Landes in keinem Verhältnis zu der Einfuhr stand und die Stadt im ersten Andrang so sehr mit Artikeln jeder Art überflutet worden war, daß in vielen Fällen die Preise noch unter die von New York herabsanken. Nur die Auswahl und die Pracht der auf den Märkten feilgebotenen Erzeugnisse des Landes schienen zugenommen zu haben, und so gewährte es mir auch diesmal eine besondere Freude, die Frühstunden auf den verschiedenen Märkten zuzubringen.

Es war nicht allein der Wildmarkt, auf den Berg, Wald und Ebene ihr Bestes lieferten, was mich dorthin zog; es war nicht allein der Fischmarkt, auf dem das Schönste und Seltenste, was Meer und Fluß zu bieten hatten, vor dem Kauflustigen ausgebreitet lag, sondern es waren auch die langen Reihen der Tische, Buden und Wagen, in denen Gartenerzeugnisse, Blumen und Früchte feilgehalten wurden. Oft habe ich staunend vor riesenhaften Kürbissen, Melonen, Kartoffeln und Rüben gestanden und einzelne Wurzeln prüfend mit der Hand gewogen; öfter noch war ich versunken im Anschauen von Blumen und Früchten, die, geschmackvoll geordnet, die schönsten und prächtigsten Farben zeigten. Da waren Äpfel und Birnen von unglaublicher Größe, und dabei geschmückt mit so zarten Schattierungen, daß man fast zögerte, das schöne Farbenspiel auf der Rinde mit dem Messer zu zerstören. Auch Weintrauben und Südfrüchte wetteiferten gleichsam um den Vorrang in diesen täglichen Ausstellungen.

Unter anderen Sehenswürdigkeiten interessierte mich besonders eine große Sammlung lebender Bären, die von einem alten Jäger in einem geräumigen Saal gezeigt wurden. Außer einem kalifornischen Löwen und einem 1500 Pfund schweren, kolossalen grauen Bären, die sich beide in Käfigen befanden, lagen an Ketten in einem abgesteckten Zirkus noch 18 Bären verschiedener Größe und unter diesen die prachtvollsten Exemplare der amerikanischen Spezies. Alle diese Tiere waren sehr zahm, und in ihrer Gesellschaft wohnte und lebte der in ein indianisches Lederwams gekleidete alte graubärtige Adams.

Ein wissenschaftlicher Verein hat sich auch schon seit einigen Jahren in San Franzisko gebildet, und ich fand Gelegenheit, in dessen Lokal eine ziemlich vollständige Sammlung kalifornischer Mineralien sowie auch Proben von den zahlreichen dort vorkommenden Koniferen in Augenschein zu nehmen. Der deutsche Konzertchor verdient ebenfalls Erwähnung, sowohl wegen seiner Leistungen als auch wegen des riesigen, geschmackvoll eingerichteten Zeltes, das zu den Aufführungen bestimmt war und in dem ich manchen Abend bei dem wohlbesetzten Orchester und bei den lieben bekannten Musikstücken vergaß, daß mich Tausende von Meilen von der Heimat trennten.

Es war am 2. November um die Mittagszeit, als wir Lieutenant Ives zum Kai hinunterbegleiteten, um dort von ihm auf zwei Monate Abschied zu nehmen und ihm Glück zu seiner langen Seereise zu wünschen. »Auf Wiedersehen am Colorado!« hieß es, als wir uns die Hand reichten; der kleine Schoner spannte seine schwingenartigen Segel aus und flog dahin vor einer scharfen Brise der Golden Gate zu.

Am 3. November befanden wir uns abermals am Kai, doch diesmal mit unseren Sachen, um an Bord des Küstendampfers »Senator« zu gehen und in diesem, dem Schoner nach, gegen Südosten zu steuern. Schönes Herbstwetter begünstigte unsere Reise; schon am Abend desselben Tages erreichten wir Monterey, und am folgenden Morgen warfen wir Anker vor dem Landungsplatz des neun Meilen tiefer im Lande gelegenen Missionsdorfes San Luis Obispo. Nur bei günstigem Wetter können an dieser Stelle Passagiere mittels Booten ausgeschifft werden, und selbst dann bedarf das Steuer einer sicheren, erfahrenen Hand, um das Fahrzeug nicht in der Brandung am felsigen, klippenreichen Strand zerschellen zu lassen. Die ruhige See und der in Aussicht stehende zwölfstündige Aufenthalt veranlaßten mehrere von uns, zu landen, und während Herr von Egloffstein und Mr. Taylor sich auf einer Anhöhe mit Übungsarbeiten am Meßtisch beschäftigten, unternahm ich in Gesellschaft meines Freundes Dr. Newberry einen kleinen Ausflug in die nahen Berge.

Was man gewöhnlich an felsigen Küsten sieht, fanden wir auch hier; wir sammelten Muscheln, Seesterne und Krabben, wir schossen Pelikane, Enten und Schnepfen und folgten dann dem Lauf eines Baches aufwärts, der uns anfangs zwischen lehmigen Hügeln hindurchführte, die von Tausenden von Erdeichhörnchen belebt waren, dann aber in eine Felsenschlucht einbog, in der wir uns an den malerischen Formationen und der gefälligen Abwechslung von Fels und Wald, von Wiesen und Wasserspiegeln ergötzten. Wir kehrten am Nachmittag an den Strand zurück, wo wir in einer Hütte vom Kapitän der »Senator«, einem fröhlichen, sorglosen Seemann, zu einem ländlichen Mahl und einem tüchtigen Seemannspunsch eingeladen wurden. Das Ausschiffen der Fracht hinderte uns, vor Einbruch der Nacht wieder an Bord zurückzukehren, dafür bot uns der Strand durch die eingetretene Ebbe die angenehmste Unterhaltung, denn wir entdeckten immer neue Gegenstände, die in den kleinen, mit Wasser angefüllten Felsenhöhlen zurückgeblieben waren und daher eine leichte Beute für unsere Sammlung wurden. Beachtenswert erschienen mir die zahlreichen Ströme von Erdpech, die, zur Zeit verhärtet, von den nahen Abhängen bis ins Meer hineinreichten; zu heißen Jahreszeiten dagegen, durch Quellen in den Spalten der nahen Küstengebirge genährt, in halbflüssigem Zustand ihren kaum merklichen Lauf fortsetzen.

Am 5. November in der Frühe hielt die »Senator« kurze Zeit vor der Stadt Santa Barbara und ließ am Abend desselben Tages im Hafen von San Pedro den Anker fallen. Hier war es, wo Peacock, Egloffstein und ich uns von dem Rest unserer Gesellschaft trennen mußten. Wir blieben die Nacht über noch an Bord, ließen in der Frühe des folgenden Tages unsere Reiseeffekten in ein Boot schaffen, wechselten mit unseren nach San Diego reisenden Gefährten das bekannte: »Auf Wiedersehen am Colorado«, sprangen unseren Sachen nach, und in einigen Minuten befand ich mich am Strand auf derselben Stelle, wo ich mich im Jahre 1854, nach Zurücklegung einer langen und beschwerlichen Reise über den Kontinent, auf dem Dampfboot »Fremont« eingeschifft hatte.

Drittes Kapitel

San Pedro – Pueblo de los Angeles – Der Weinbau daselbst – Ankunft des Lieutenant Beale mit den Kamelen – Aufbruch von Pueblo de los Angeles – Die Mission San Fernando – General Pico – San-Fernando-Paß – Der texanische Grenzbewohner und seine Erzählung

So waren denn endlich die Seereisen überstanden; vor mir lag ein langer, langer Weg durch unbekannte Wildnisse; ich befand mich am Beginn eines Unternehmens, dessen Ende nicht abzusehen war, um so mehr, als zu jener Zeit die offenen Feindseligkeiten zwischen den Vereinigten Staaten und den Mormonen ausgebrochen waren und der Lauf des Colorado uns allmählich in das Utah-Gebiet führen mußte, wo wir nicht ahnen konnten, welcher Empfang uns von den Mormonen selbst und den ihnen verbündeten zahlreichen Indianerhorden zuteil werden würde. Gedanken dieser ernsten Art finden indessen keinen Raum in einer neu organisierten Expedition, indem die Neulinge zu sehr von jugendlichem, nicht überlegendem Enthusiasmus geleitet werden, diejenigen aber, welche mit dem Leben im Feld schon vertraut sind, auch den Reiz desselben kennengelernt haben – einen Reiz, der den rüstigen Mann immer von neuem hinaustreibt, um zu sehen und zu lernen, den Greis aber so gerne sich in die Erinnerung der Tage seines Reiselebens versenken läßt.

Es wurde uns nicht schwer, in San Pedro einige Wagen aufzutreiben, welche uns noch an demselben Tag nach Los Angeles brachten. Es ist keineswegs meine Absicht, hier Beschreibungen, die ich in meinem ersten Reisewerk gab, zu wiederholen; ich will nur die Verschiedenheit der Eindrücke hervorheben, die der Reisende empfängt, wenn er die ihm im Frühlingsschmuck bekannten Gegenden und Landschaften im anderen Gewand wiedersieht, und zwar aschgrau gefärbt infolge jahrelanger Dürre und der vorgerückten Jahreszeit. Ja wie eine traurige Wildnis dehnte sich die wellenförmige, einst so grüne und blumenreiche Ebene vor uns aus, als unser Wagen leicht auf der felsenfest getrockneten Straße dahinrollte. Versengte Vegetation und verkümmerte Viehherden starrten mir überall entgegen, und da, wo ich mich früher an den Seen über das muntere Treiben einer ganzen Vogelwelt freute, erblickte ich jetzt vielfach geborstenen, lettigen Boden, während in der Ferne die Mirage ihre trügerischen Gewässer ausbreitete und diese mit wunderlichen Figuren und Bäumen schmückte. Nahe der Stadt, wo Kanäle die Gärten und Äcker vielfach durchschnitten und dem Los-Angeles-Fluß sein Wasser zur Befeuchtung des Bodens entführten, da wurde das Auge wieder erquickt durch grüne Weingärten, durch Obst- und Weidenpflanzungen, in denen sich der Herbst erst spärlich durch rotbraune und gelbe Blätter bemerkbar gemacht hatte.

Das Dingen von Packknechten und Maultiertreibern (Koch und Diener waren uns schon in San Franzisko zugeteilt worden) erheischte einen viertägigen Aufenthalt ins Los Angeles. Denn wenn sich auch Leute in großer Anzahl zu unseren Diensten anboten, so mußten wir doch vorsichtig mit der Wahl unter denselben zu Werke gehen, um sicher zu sein, solche Arbeiter mit uns zu führen, die nicht die erste Gelegenheit ergreifen würden, während der Nacht mit einigen unserer Maultiere auf und davon zu gehen. Das Land wimmelte nämlich dort von Räubern, und erst kurz vor unserer Ankunft war es zwischen einer Räuberbande und der Miliz von Los Angeles zum offenen Kampf gekommen, in welchem zuerst der Anführer der Miliz erschossen, später aber die Räuber teils gehängt, teils versprengt wurden. In einer kalifornischen Stadt, in der das mexikanische Element noch vorherrschend ist, wird es dem Reisenden, den nicht Geschäftsbeziehungen an Ort und Leute fesseln, schwer, eine zusagende Unterhaltung zu finden. Zirkus und Wettrennen, wo der größte Teil der Geräusch und wilde Zerstreuungen liebenden Bevölkerung fast fortwährend versammelt war, dienten dazu, uns aus der Stadt zu vertreiben. Wenn uns daher die widerwärtigen Sand- und Staubstürme, die fast an jedem Nachmittag in der Richtung von der Küste her aufsprangen, den Aufenthalt im Freien nicht zu unangenehm machten, dann wanderten wir hinaus in die Weingärten, wo in der Entfernung von einigen Meilen Herr Fröhlich, ein deutscher Weingärtner, uns mit liebenswürdiger Gastfreundschaft erwartete und aufnahm. Derselbe zeigte uns alsdann seine großartigen Anlagen, belehrte uns über den dortigen Weinbau und bewirtete uns mit dem besten von ihm selbst gezogenen, aber in San Franzisko abgelagerten Wein. So herrliche Trauben man auch in der Umgebung von Los Angeles zieht, so ist doch allgemein wahrgenommen worden, daß der dort gekelterte Wein den Trauben nicht entspricht. Um nun dem Los-Angeles-Wein mehr Ruf auf den Märkten zu verschaffen, hatte Herr Fröhlich mit bestem Erfolg einen von ihm längst gehegten Plan in Ausführung gebracht. Er hat sich nämlich mit einem der besten Kellermeister in San Franzisko in Verbindung gesetzt und schickt alljährlich nicht nur den von ihm selbst gewonnenen, sondern auch den aufgekauften Wein, sobald es die erste Gärung erlaubt, in Segelschiffen hinauf nach San Franzisko. Dort muß er ein Jahr und darüber in guten Kellern liegen, ehe er für den Verkauf tauglich erklärt und zurück nach Los Angeles und anderen Städten verschifft wird. Ob nun den Seereisen, der Veränderung des Klimas oder den besseren Kellergewölben der gute Einfluß zuzuschreiben ist, wage ich nicht zu entscheiden; wohl aber entdeckte ich leicht den Unterschied zwischen den in Los Angeles und den in San Franzisko abgelagerten Weinen. Warum sollte ich es übrigens leugnen, daß ich manches Stündchen in der Gesellschaft meiner Kameraden »fröhlich mit dem Herrn Fröhlich«, wie wir scherzweise zu sagen pflegten, vor den vollen Fässern zubrachte? Es waren nur Stunden, doch gern erinnert man sich solcher in harmlosem, geselligem Zusammensein verlebter Stunden, die man, beschäftigt mit ernsten Aufgaben, der Zeit gleichsam entwenden muß. Ich erinnere mich noch recht oft des gastfreien Herrn Fröhlich; in Gedanken sehe ich ihn kniend auf seinen eisenbeschlagenen Fässern, ich sehe in seiner Hand den mit Rostflecken gezierten Heber und den goldenen Strahl, den wir so geschickt in unseren Gläsern aufzufangen wußten.

Am 9. November zur späten Nachmittagsstunde geriet ganz Los Angeles in Aufregung, denn herein ritten in der Richtung von San Bernardino her auf Kamelen und Dromedaren eine Anzahl wettergebräunter Gestalten, welche in ihrem Äußeren die unverkennbaren Spuren einer langen Reise durch unwirtliche Gegenden zeigten. – Es war Lieutenant Beale, früher zur Marine der Vereinigten Staaten gehörend, der auf Befehl seiner Regierung den ersten Versuch einer Reise auf dem afrikanischen »Schiff der Wüste« durch die amerikanischen Steppen und Gebirge unternommen hatte. Die Vorbereitungen zum Aufbruch nahmen unsere Zeit so sehr in Anspruch, und Lieutenant Beale hatte so viel mit dem Entlassen seiner dort überflüssig gewordenen Leute zu tun, daß wir nur kurze Begrüßungen miteinander wechseln konnten. Da indessen unser beiderseitiges Ziel Fort Tejon war, wo am Rande des Tularetals bei einem kalifornischen Schafzüchter die zweiundzwanzig Kamele der Expedition überwintern sollten, so fand ich noch mehrere Male Gelegenheit, genauere Nachrichten über »die Einführung der Kamele in Amerika« einzuziehen.

Am Morgen des 11. November in aller Frühe waren wir reisefertig. Es hatte in der Nacht seit langer Zeit wieder zum erstenmal auf der Ebene geregnet, während die östlichen Gebirgszüge fast bis zu ihrer Basis hinunter in einer Schneedecke prangten. Der Morgen war kalt, aber klar, so daß wir uns kein besseres Wetter zur Reise wünschen konnten. Ein leichter viersitziger Wagen, von zwei kräftigen Pferden gezogen, war zu unserem eigenen Gebrauch gemietet worden, während unsere Leute – ein Koch, ein Diener und sechs Packknechte – ihre Plätze beim Gepäck auf einem großen vierspännigen Lastwagen fanden. Wir verließen Los Angeles, wohin wir nach vierzehn Tagen zurückzukehren gedachten, und schlugen die Straße ein, die in nordwestlicher Richtung über die Ebene führte und in der Entfernung von sechs englischen Meilen nördlich in einen niedrigen Gebirgszug bog, der sich in westlicher Richtung mit dem Küstengebirge vereinigte. Wir näherten uns wieder dem Ozean, und es war beim Aufsteigen in den Paß, wo ich zum letztenmal den Spiegel der Südsee erblickte und ihm wahrscheinlich auf ewig Lebewohl sagte. Diese Aussicht dauerte wenige Minuten, denn bald waren wir umgeben von Bergen und Felsen, die einen Kessel um uns herum bildeten und, mit der Basis zusammenstoßend, nur eine unbequeme Straße offenließen. Überall, wo niedriges Gestrüpp und Kakteen den Boden nicht bedeckten, war deutlich Sandsteinformation zu erkennen, doch nahm ich auch Proben von Eruptivgestein wahr, das indessen von den Gipfeln der Berge herabgerollt zu sein schien.

Vier Meilen mochten wir wohl in dem Paß zurückgelegt haben, als bei einer Biegung der Straße die nackten Hügel sich öffneten und die Ebene von San Fernando vor uns lag. Diese Ebene hat in allen Richtungen eine Breite von ungefähr sechzehn Meilen, und die Mission, wo wir zu übernachten beabsichtigten, befindet sich am östlichen Rand derselben. Als wir den Paß verließen und am Fuß der Hügel den Los-Angeles-Fluß überschritten, wurden wir von Lieutenant Beale und seinem Assistenten, Lieutenant Torborn, auf ihren schnellen Dromedaren eingeholt; beide eilten nämlich ihrer Expedition voraus, um in Fort Tejon für die Unterbringung der Kamele ihre Vorbereitungen zu treffen, und sie wünschten wie wir noch vor Einbruch der Nacht die Mission zu erreichen. Es war ein langer und zugleich ermüdender Marsch auf dem sandigen Weg, und üppig wuchernde Kakteen, unter deren stachligen Blättern Tausende von Rebhühnern und Hasen eine sichere Zufluchtsstätte fanden, bedeckten den größten Teil der Ebene und verliehen ihr einen unfreundlichen, trostlosen Charakter.