Der Vaquero - Balduin Möllhausen - ebook

Der Vaquero ebook

Balduin Möllhausen

0,0

Opis

Ein Abenteuerroman aus dem Westen der Vereinigten Staaten. Möllhausen war mit diesen abenteuerlichen und exotischen Sujets einer der populärsten Schriftsteller seiner Zeit und zusammen mit Friedrich Gerstäcker, Karl May und Charles Sealsfield einer der bedeutendsten Autoren im Bereich des deutschen ethnologischen Abenteuerromans des 19. Jahrhunderts.

Ebooka przeczytasz w aplikacjach Legimi na:

Androidzie
iOS
czytnikach certyfikowanych
przez Legimi
czytnikach Kindle™
(dla wybranych pakietów)
Windows
10
Windows
Phone

Liczba stron: 392

Odsłuch ebooka (TTS) dostepny w abonamencie „ebooki+audiobooki bez limitu” w aplikacjach Legimi na:

Androidzie
iOS



Der Vaquero

Balduin Möllhausen

Inhalt:

Balduin Möllhausen – Biografie und Bibliografie

Der Vaquero

Erstes Kapitel.

Zweites Kapitel.

Drittes Kapitel.

Viertes Kapitel.

Fünftes Kapitel.

Sechstes Kapitel.

Siebtes Kapitel.

Achtes Kapitel.

Neuntes Kapitel

Zehntes Kapitel.

Elftes Kapitel.

Zwölftes Kapitel.

Dreizehntes Kapitel.

Vierzehntes Kapitel.

Fünfzehntes Kapitel.

Sechzehntes Kapitel.

Siebzehntes Kapitel.

Achtzehntes Kapitel.

Neunzehntes Kapitel.

Die Sclaverei in Amerika.

Der Vaquero, B. Möllhausen

Jazzybee Verlag Jürgen Beck

Loschberg 9

86450 Altenmünster

ISBN: 9783849631925

www.jazzybee-verlag.de

[email protected]

Balduin Möllhausen – Biografie und Bibliografie

Reise- und Romanschriftsteller, geb. 27. Jan. 1825 in Bonn, gest. 28. Mai 1905 in Berlin, erlernte in Pommern die Landwirtschaft, begab sich 1850 nach Amerika, wo er sich 1851 der Reise des Herzogs Paul von Württemberg nach den Felsengebirgen anschloß. Hier wurde er unter die Omahaindianer verschlagen, bei denen er fünf Monate verbrachte, fuhr dann den Mississippi herab nach New Orleans, wurde später auf Verwenden A. v. Humboldts einer amerikanischen Expedition nach dem fernen Westen als Topograph und Zeichner beigegeben und kehrte 1854 über San Francisco und den Isthmus von Panama nach Deutschland zurück, wo ihn König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen zum Kustos der Bibliotheken in den Schlössern von Potsdam ernannte. Eine abermalige Reise nach Nordamerika 1857–58 führte ihn in Gesellschaft des Ingenieurs Ives in die noch unbekannten Gegenden am mittlern Colorado. Seit 1886 lebte er in Berlin. Er gehörte zur Tafelrunde des Prinzen Friedrich Karl von Preußen, dessen Andenken er die »Dreilinden-Lieder« (Berl. 1896) widmete. Die Ergebnisse seiner Reisen legte er nieder in den Werken: »Tagebuch einer Reise vom Mississippi nach den Küsten der Südsee« (Leipz. 1858; 2. umgearbeitete Aufl.: »Wanderungen durch die Prärien und Wüsten des westlichen Nordamerika etc.«, das. 1860) und »Reisen in die Felsengebirge Nordamerikas« (das. 1861, 2 Bde.). Außerdem verfaßte er zahlreiche Romane und Novellen, die meist in der Neuen Welt spielen, wie: »Die Halbindianer« (1861), »Der Flüchtling« (1862), »Der Mayordomo« (1863), »Das Mormonenmädchen« (1861, 3. Aufl. 1871), »Reliquien« (1865), »Der Meerkönig« (1867), »Der Hochlandpfeifer« (1868), »Der Piratenleutnant« (1870, 3. Aufl. 1902), »Der Fanatiker« (1883), »Der Trader« (1884), »Wildes Blut« (1886), »Das Geheimnis des Hulks« (1889), »Der Fährmann am Kanadian« (1890), »Haus Montague« (1891), »Die beiden Jachten« (1891), »Die Söldlinge« (1892), »Der Spion« (1893), »Kaptein Meerrose und ihre Kinder« (1894), »Welche von beiden?« (1897, 2 Bde.), »Der alte Korpsbursche« (1898), »Das Fegefeuer in Frappes Wigwam« (1900) u.a. M., der mit Gerstäcker verglichen werden kann, war diesem in der Darstellung der Zustände und der Charaktere nicht ganz ebenbürtig, besaß aber ein bemerkenswertes Talent zu ansprechender Naturschilderung.

Der Vaquero

Erstes Kapitel.

Kansas, einer der jüngeren Staaten der nordamerikanischen Union, wird von dem in den Missouri mündenden Strome gleichen Namens von Westen nach Osten durchschnitten. Auf dem östlichen Fünftel schmücken dichte Waldungen mit kurzen Unterbrechungen seine Ufer und Thäler. Je weiter westlich, um so mehr schwinden sie, bis endlich die unbegrenzte Prairie in ihrer Eintönigkeit sich vor dem ermüdeten Auge ausdehnt. Auch der Arkansas ragt im Südwesten in den genannten Staat hinein und vermehrt mit seinen ungezählten Zuflüssen dessen Wasserreichtum.

Heute ist Kansas, so weit die Bodengestaltung es begünstigt, verhältnismäßig dicht bevölkert. Außerhalb dieser Gebiete ziehen kluge Spekulanten ihren Gewinn aus zahlreichen Rinderherden, die auf den endlosen Grassteppen unter der Aufsicht verwegener Hirten, der sogenannten Vaqueros oder Cowboys, eine Art Wanderleben führen.

Schon frühzeitig hatte Kansas mit seinen verheißenden Fluren Ansiedler, vorzugsweise Squatter, angelockt, die auf die von ihnen nach Willkür in Besitz genommenen Ländereien das Vorkaufsrecht behaupteten, sobald die Regierung sie zu dem gesetzlichen Preise auf den Markt brachte. Da aber die Spekulanten vielfach nach Quadratmeilen zu berechnende Bodenflächen über die Köpfe der Squatter hinweg an sich brachten, diese dagegen nicht willens waren, Jahre hindurch im Schweiße des Angesichts eine Heimstätte zur Blüte gebracht zu haben, um schließlich vertrieben oder, bei Vereinbarung über Entschädigungssummen, in schamloser Weise geprellt zu werden, so konnte nicht ausbleiben, daß Zusammenstöße erfolgten, bei denen Büchse und Revolver nur zu oft das entscheidende Wort führten.

Derartige Feindseligkeiten verschärften sich und gewannen an Umfang, als die südlichen Sklavenbarone, begünstigt durch die Präsidenten Pierce und Buchanan, den Gesetzesparagraphen, laut dessen die Sklaverei nicht über den sechsunddreißigsten Grad nördlicher Breite ausgedehnt werden durfte, zur Schmach des ganzen Kontinents umstießen. Solches geschah im Jahre 1855.

Um nach voraussichtlicher Aufnahme des »Kansasterritoriums« in den Staatenbund bei der Verfassungsfrage die Mehrzahl der Stimmen auf ihrer Seite zu haben, überschwemmten die Sklavenbarone nunmehr das Territorium mit gedungenen Abenteurern und Freibeutern. Diese galten als Ansiedler und waren dazu berufen, die bereits ansässigen Kolonisten zu bedrängen, bis endlich der Norden zu einem ähnlichen, jedoch auf ehrenwertere Elemente gestützten Verfahren sich aufraffte. Das Jahr 1859 brachte darauf die Entscheidung. Kansas wurde nicht nur von der eigenen Bevölkerung, sondern auch von dem Kongreß in Washington als Staat der freien Arbeit anerkannt.

Es war in einem der letzten Jahre, in denen die Südstaatler zur Eroberung eines neuen Feldes für die Sklaverei ihre ungesetzlichen, von Raub, Mord und Brand begleiteten Anstrengungen verdoppelten. Dem Mai hatte der erste Sommermonat sich angereiht, und in ihrem prächtigsten Schmuck prangten Wälder und Fluren, als ein einsamer Reiter von Süden her dem Smoky-Hill-Fork, dem südlichen Hauptarm des Kansasstromes, sich näherte.

Auf dem Rande der Prairie anhaltend, sandte er einen forschenden Blick über das tiefer gelegene, sich weithin erstreckende liebliche Thal. Länger betrachtete er eine steil in den Aether emporsteigende dünne Rauchsäule, die gegen anderthalbtausend Schritte stromaufwärts der Uferwaldung zu entsteigen schien. Mehrere eingefriedigte Aecker, die hinter einem Hain hervor in das Wiesenland hineinragten, eine Anzahl weidender Rinder und ein Dutzend Pferde legten Zeugnis davon ab, daß hier, fern jeder Nachbarschaft, ein Squatter schon vor einer längeren Reihe von Jahren mit bestem Erfolg seinen Herd gegründet hatte. Nachdenklich sah der Reiter zur Sonne hinauf, die bereits vor einer Stunde über den Zenith hinweggeschlichen war, dann lenkte er sein Pferd den steilen, unwegsamen Abhang hinunter.

Ueppig grünendes und blühendes Wiesenland, nur hie und da mit Baum- und Strauchgruppen besetzt, dehnte sich dort bis zur Uferwaldung vor ihm aus. Deren Saum sich nähernd, wendete er sich, die Umgebung fortgesetzt aufmerksam prüfend, stromaufwärts. Plötzlich richtete er sich etwas höher auf. Er war eines Baumschößlings ansichtig geworden, dessen vertrocknetes und zum Teil abgefallenes Laub der Vermutung Raum gab, daß ihm die Wurzeln fehlten. Ungesäumt ritt er darauf zu, das nach langem Marsch ermüdete Pferd unwillkürlich zu schnellerer Gangart spornend.

Dieses gehörte zu jenen unansehnlichen Tieren, die, ursprünglich verwildert, allen vom Wetter und den Jahreszeiten abhängigen Einflüssen ausgesetzt bleiben, bis sie endlich einen Herrn finden, der es versteht, sie zu bändigen und ihre wunderbare Zähigkeit, Ausdauer und Schnelligkeit sich dienstbar zu machen.

Beim ersten Anblick erzeugte es den Eindruck, als hätte es unter der ihm aufgebürdeten Last zusammenbrechen müssen, schritt aber einher, als wäre sein Reiter nicht schwerer gewesen, als die vertrockneten Blätter, die trübselig an dem abgestorbenen Schößling hingen. Und ein gewichtiger Reiter war er. Eine Handbreite über die gewöhnliche Größe hinausgewachsen, zeigte er einen Körperbau, der einem Preisringer zur Ehre gereicht hätte. Gekleidet war er nach Art der Steppenjäger. Ein verschossenes blaues Flanellhemd hing lose um die breiten Schultern. Die Aermel hatte er bis über die Ellenbogen aufgerollt, dadurch Muskeln bloßlegend, die wie aus Stahl zusammengeschweißt erschienen. Indianisch befranste Lederbeinkleider reichten bis zu den büffelledernden Mokassins und den schweren mexikanischen Schnallsporen nieder. Ein formloser grauer Filzhut mit breiter Krempe beschattete sein sonnenverbranntes, jugendlich mannhaftes Gesicht, dessen gefällige, wenn auch unregelmäßige Formen durch einen verwitterten hellblonden Vollbart noch gewannen.

Ein eigentümlicher Ausdruck trotzigen Selbstbewußtseins, wie es bei weniger geschulten Gemütern durch das Gefühl außergewöhnlicher Körperkratt bedingt wird, charakterisierte das Antlitz des wohl kaum fünfundzwanzigjährigen Reiters. Aehnliche Regungen verrieten seine blauen Augen, die zuversichtlich und zufrieden vor sich hin blickten. Das Seltsame seiner Erscheinung wurde dadurch erhöht, daß eine blonde lockige Mähne unter dem Hut hervorquoll und mit dem unteren verblichenen Ende bis auf die Schultern niederfiel. Vor ihm auf dem Sattel ruhte eine Büchse. Revolver, Beil und Messer beschwerten seinen Gurt. Außerdem führte er hinter sich auf der Kruppe des Tieres eine zusammengeschnürte, grellfarbig gestreifte Decke mit sich, die zugleich Mantelsack, wie in den geräumigen Satteltaschen Mundvorrat und Schießbedarf. Das war seine ganze Ausrüstung, darauf berechnet, die Prairie von einem Ende bis zum anderen zu kreuzen.

Vor dem verdorrten Schößling sprang er zur Erde. Mit flüchtigen Griffen entledigte er das Pferd des Sattels und Zaumzeugs. Nur den Lasso befestigte er an seinem Halse, so daß er in ganzer Länge nachschleifte, und die feuchte Rückenhaut zärtlich streichend, sprach er in tiefem Schmeichelton:

»Billy, Billy, wenn du nicht der feinste vierbeinige Gentleman bist, der je in zweimal vierundzwanzig Stunden seine hundertundzwanzig englische Meilen zurücklegte, will ich zum letztenmal den Fuß in einen Steigbügel gestellt haben.«

Das Pferd wieherte leise und kehrte die Nüstern dem Flusse zu.

»Deine Zunge ist trocken; kann's mir denken,« hieß es weiter, »so mach, daß du hinkommst, und übernimm dich nicht.«

Ein leichter Schlag mit der flachen Hand traf das Pferd, welches alsbald in die vor ihm befindliche, tief ausgewühlte Regenfurche hinabglitt und eilfertig dem Wasser zuschritt.

Auch der Reiter begab sich hinunter, und vor den Schößling hintretend, legte er genau sechsunddreißig Schritte in entgegengesetzter Richtung zurück. Dort betrachtete er das linke Ufer aufmerksam. Er brauchte nicht lange zu suchen. Ein aus dem Erdreich hervorragender Stein gab dem auf ihn ausgeübten Druck nach und fiel ihm entgegen. Es wurde dadurch eine in die Uferwand ausgescharrte Aushöhlung bloßgelegt. Wilde Begeisterung sprühte aus seinen Augen, indem er, wie zuvor zu dem Pferde, eigentümlich sanft vor sich hin sprach:

»Schon allein um des braven Viehs willen sollst du tausendmal gesegnet sein.«

Er griff in die Höhle hinein und zog zunächst einen zerknitterten Streifen altes Packpapier hervor. Nachdem er ihn geglättet hatte, las er die wenigen Zeilen, die groß und unbeholfen, wie von Kinderhand, mit einer zugespitzten Holzkohle niedergeschrieben waren: »Gleichviel, wann du kommst, suche mich nicht vor Sonnenuntergang,« lauteten die Worte.

Vernehmlich lachte der Reiter vor sich hin. Der Zettel verschwand in den Falten des Flanellhemdes, und weiter beschäftigte er sich mit dem Inhalt der Höhle. Achtzehn aus ihren Hülsen geschälte Maiskolben zählte er vor sich hin, ohne indessen den Vorrat zu erschöpfen. Behutsam schloß er das Versteck wieder, und die Maiskolben zusammenraffend, begab er sich nach der Stelle hinüber, wo er das Sattelzeug niedergelegt hatte. Mit einem gewissen Behagen ordnete er sie im Schatten des über ihn hinwegragenden Baumwiptels, als das kreischende Wiehern, Schnauben und Stampfen seines Pferdes ihn störte. Wie ein Blitz schnellte er empor, und die Büchse ergreifend, eilte er an den Fluß. Zunächst hatte er einen Gehölzstreifen zu durchschneiden. Kaum aber erhielt er die Aussicht über eine bis zum Ufer reichende Lichtung, als er einen wilden Fluch ausstieß, dem alsbald lautes höhnisches Lachen folgte. Er war zweier Strolche der verworfensten Art ansichtig geworden, wie solche damals jene Gegend in Fülle durchstreiften, die eben im Begriff waren, sich seines Mustangs zu bemächtigen. Beide hielten den Lasso, jedoch mit keinem anderen Erfolg, als daß das gewürgte Tier sich wie rasend gebärdete und sie mit den stets schlagfertigen Hufen bedrohte, so oft sie versuchten, sich ihm zu nähern.

Auf das höhnische Lachen ließen sie den Lasso fallen, und dem jungen Reiter sich zukehrend, waren sie im Begriff, ihre zuvor niedergelegten Büchsen wieder an sich zu nehmen, als jener ihnen mit nicht mißzuverstehendem Ernst zurief:

»Stehen geblieben, in der Hölle Namen! Wer den ersten Schritt thut, ist ein toter Mann!«

»Keine Ursache zum Schießen, wenn jemand 'nen herrenlosen Gaul um das Woher und Wohin betragt,« antwortete der eine Wegelagerer herausfordernd.

»Erstens ist ein Gaul mit 'ner Fangleine am Halse nicht herrenlos,« versetzte der Reiter gelassen, »dann aber, da er selbst keine Auskunft erteilen kann, werd' ich's an seiner Stelle thun. Legte ich euch beide mit durchlöcherten Schädeln auf den Rasen, so befände ich mich in meinem Recht, und euch wäre geschehen, wie's zwei Pferdedieben der verruchtesten Sorte gebührte – stillgestanden, sag' ich, wenn euer Leben euch nur so viel wert ist, wie 'n ausgelaugter Tabaksknoten! Im übrigen bin ich nicht blutdürstig. Ich schenke euch sogar den Gaul, und der ist unter Brüdern seine zweihundert Dollars wert, sofern es euch gelingt, die Hand drauf zu legen, des Besteigens nicht zu gedenken.«

»Ein gutes Angebot,« meinte der eine Strolch nunmehr lachend, »auch möcht' ich dich beim Wort nehmen, steckte weniger von 'nem Satan in dem Vieh drinnen. Und jetzt noch ein Wort in aller Freundschaft: Pferdestehlen ist nicht unser Metier; aber da erlegten wir ein Stück Wild,« und er wies nach der anderen Seite der Lichtung, »und weil der Gaul uns gerade entgegenkam, hielten wir dafür, es möchte ihm leichter werden, das Fleisch vor unser Kampfeuer zu schaffen, als uns beiden.«

»Eine feine Ausrede,« erwiderte der trotzige Bursche, in die bezeichnete Richtung schauend, »aber des Henkers will ich sein, wenn ich je in meinem Leben von 'nem scheckigen Hirsch hörte.«

»Wild ist Wild,« spottete der Strolch sorglos, »gleichviel, ob's in 'nem Kuhstall geworfen wurde oder im Gehölz.«

»Ich vermute, Daniel Howitt, der 'ne kleine halbe Stunde Weges von hier auf seiner Scholle sitzt, denkt anders darüber.«

»Wer ist Howitt? Was kümmert uns der samt seiner Scholle?«

»Nicht mehr und nicht weniger, als daß das Rind bald genug in seiner Herde vermißt wird, und ich euch von Herzen gönne, von ihm und seinen Jungens eingeholt zu werden. Die knüpfen euch nämlich mit einer Gemütsruhe und Gewandtheit an den nächsten Baumast, als hätten sie's von 'nem richtigen Hängemann gelernt.«

»Das eilt nicht,« hieß es wieder höhnisch zurück, »nebenbei gehören zum Aufknüpfen mindestens zweie; nämlich einer, der stillhält, und einer, der 's Hängen besorgt, oder ich will verdammt sein. Scheint gut befreundet mit dem verrufenen Squatter zu sein.«

»So gut befreundet, wie mit jedem ehrlichen Manne, der Haare auf den Zähnen hat und sein Eigentum zu verteidigen weiß. Im übrigen reicht meine Freundschaft nicht so weit, daß ich die Verantwortlichkeit auf mich nähme, wenn von seiner Herde ein Stück abstreift und 'nem Unrechten in die Hände fällt. Verdammt! Auch möchte's ihm nicht gefallen, steckte ich meine Nase in seine Angelegenheit.«

Die letzten Worte sprach er mit scharf hervortönender Erbitterung, so daß der eine Strolch sich bewogen fühlte, zu fragen:

»Scheinst ebenfalls gegen klingende Entschädigung für die Südlichen zu reisen?«

Schärfer betrachtete der junge Reitersmann die gegen zwanzig Ellen entfernten Freibeuter. Wie erwachendes Verständnis lugte er aus seinen ehrlichen Augen; zugleich verriet sich in dem seltsamen Blinzeln ein hoher Grad von Verschlagenheit.

»Ich, als einzelner Mann?« fragte er nach kurzem Sinnen gedehnt.

»Weshalb nicht? Bei allen sieben Todsünden, auf deren jeder einzelnen der Galgen steht, kommen 'ne Anzahl gesunder Jungens zusammen, so wird schließlich eine Compagnie daraus, oder ich will mir den Tod an des alten Howitt Kalb anfüttern.«

»Da könnte ich in dieser Gegend lange suchen, um in solche ehrenwerte Gesellschaft zu geraten,« meinte der junge Hüne listig.

»Gerade so lange, wie du Zeit gebrauchst, um mit nach unserem Kamp zu kommen, und das dauert keine drei Viertelstunden.«

»Wieviel seid ihr eurer schon?« fragte jener, jetzt aber mit einem Ausdruck von Einfalt.

»Ungefähr anderthalb Dutzend. Wir erwarten indessen Nachschub.«

»Und was treibt ihr da?«

»Wir bauen 'ne Blockhütte. Da hinein setzen sich zwei von uns, um als ansässig zu gelten. Ist die fertig, ziehen wir weiter, um auf 'ner anderen Stelle ebenso zu verfahren. Acht Farmen gründeten wir schon, und die sind am Wahltage so viel wert wie sechzehn Stimmen.«

»Verdammt schlau,« erklärte der junge Steppenreiter, und mit der linken Hand in seiner Mähne wühlend, sah er wie unentschlossen um sich. Plötzlich belebten seine ruhigen Züge sich im Erstaunen seltsam, doch nur auf zwei, drei Sekunden, um ebenso schnell sich wieder zu glätten. Mit seinen geübten scharfen Augen hatte er hinter einem Strauch des die Lichtung begrenzenden Waldsaumes das Gesicht eines jungen braunen Eingeborenen entdeckt, der, offenbar näher bekannt mit ihm, durch ein unzweideutiges Zeichen ihn warnte, seine Anwesenheit zu verraten. »Verdammt schlau«, wiederholte er gedehnt, indem er sich den ihn sorglos überwachenden Freibeutern wieder zukehrte, »da kann es freilich nicht ausbleiben, daß die Südlichen mit dem schwarzen Arbeitsvieh festen Fuß hier gewinnen.«

»Was ihnen sicher zu gönnen für das viele Geld, das sie unter die Jungens von unserer Sorte verteilen.«

Abermals anscheinend zweifelnd um sich spähend, und dem versteckten braunen Jäger einen flüchtigen Blick schenkend, antwortete der Reiter, wie nach langem tiefen Sinnen, endlich verschmitzt:

»Euch begleiten? Hol mich der Teufel, wenn das nach meinem Geschmack ist. Denn erstens ist das Holzfällen und Häuserbauen nicht von mir erfunden worden, und ferner liegt mir an Blasen in den Händen blitzwenig.«

»Wir überarbeiten uns nicht,« warf der eine Strolch lachend ein, »und ein Bursche von deinem Gliederbau wäre gerade eine Zierde für unsere Compagnie.«

»Mag sein, allein wie auf der einen Seite geschundene Hände mir verhaßt sind, lobe ich mir auf der anderen statt der Sklaverei freie Arbeit. Müßte ich mich indessen ernstlich an eurem Unternehmen beteiligen, so könnte es nur geschehen, um zu beobachten, wie ihr alle miteinander, eure südlichen Herren an der Spitze, gehangen werdet.«

»Was nicht stattfindet, bevor du selber dreimal zur Hölle gefahren bist.«

»Was zweimal zu oft wäre,« erklärte der Reiter, in sorglosem Lachen seine Mähne schüttelnd, »auch würde ich dem Teufel selber die Hölle bald so heiß machen, daß er froh wäre, mich auf gute Art wieder los zu werden. – Doch jetzt ein letztes Wort: Ist euch an einer gesunden Windpfeife gelegen, dann beeilt euch, mit eurer Beute fortzukommen, bevor der alte Howitt und seine Jungens euch den Weg verlegen. Die sind nämlich verdammt viel weniger friedlich gesinnt, als ich.« Er pfiff auf dem Finger, was zur Folge hatte, daß sein Pferd, welches hinter der Uferwand des Flusses verschwunden war, plötzlich wieder oben erschien und neben ihn hin trabte. Spöttisch grinsend sah er den beiden Strolchen nach, die auf seine Warnung zu ihrer Beute hinübereilten. Dem Indianer sich wieder zukehrend, wechselte er einige Zeichen mit ihm, auf die jener tiefer in das Gebüsch zurückschlich. Die Büchse auf der Schulter und den Mustang hinter sich, schlug der Reiter alsdann die Richtung nach seiner Raststätte ein.

Dort eingetroffen, überwachte er eine Weile wohlgefällig, wie die harten Maiskörner zwischen den Zähnen des Pferdes krachten. Dann warf er sich auf den Rasen, und die Satteltaschen zu sich heranziehend und öffnend, hielt nunmehr auch er sein aus gedörrtem Büffelfleisch und einem steinharten Schiffszwieback bestehendes Mahl. Ein mäßiger Trunk aus der Branntweinflasche bildete den Schluß, worauf er mit einem Ausdruck des Behagens die Arme unter den Kopf schob, um sich von dem mahlenden Geräusch der Zähne des Pferdes in den Schlaf singen zu lassen. Die Strolche schien er vergessen zu haben. Noch weniger fürchtete er einen hinterlistigen Angriff. In dem Mustang besaß er eine Schildwache, die nicht hintergangen werden konnte.

Die Sonne brannte unterdessen noch immer mit besten Kräften auf die stille Landschaft nieder. Was dem einen zu viel wurde, gewährte dem anderen Befriedigung. Senkten die Blüten erschöpft ihre Kelche, und neigten an Baum und Strauch die Blätter sich träge, so erfüllten Bienen und Käfer, rastlos einherschwirrend, die Atmosphäre mit endlosem einschläfernden Summen. Die Eidechsen hatten ihre Schlupfwinkel verlassen und sonnten sich auf Steinen, sogar auf dem glühend heißen Sattel, von dem der Schatten allmählich heruntergeglitten war, während Falter hie und da mit den gefallsüchtig gespreizten Schwingen die Sonnenstrahlen in Empfang nahmen. Der Mustang hatte sein Körnermahl beendigt und graste emsig. Der junge Reitersmann schlief noch immer fest. Erst als das abwärts weidende Pferd mißtrauisch wieherte, rieb er sich die Augen. Auf den Ellenbogen sich autrichtend, sah er dahin, wohin der Mustang spähte.

Zweier Reiter wurde er ansichtig, die von unten heraufkamen, also das Lager der Freibeuter berührt haben mußten. So viel er in der Entfernung von etwa vierhundert Schritten zu unterscheiden vermochte, gehörten sie nicht zu den eigentlichen Steppenreisenden. Sie führten wenigstens keine Büchsen; außerdem verriet ihre Bekleidung, daß sie in Städten sich heimischer fühlten, als in der erst spärlich von Squattern belebten Wildnis. Mit dem Erfolg seines Spähens zufrieden, sank er wieder auf den Rücken. Die beiden Reiter kümmerten ihn augenscheinlich nicht mehr, als die Eidechsen, die bei seiner ersten Bewegung von dem Sattel hinunterhuschten. Erst als sie ihre Pferde vor ihm anhielten, unterzog er sich der Mühe, jedoch ohne seine Lage zu ändern, sie herablassend zu betrachten.

Ein älterer und ein jüngerer Mann waren es, die mit ihren bis auf den Kinnbart glatt geschorenen Gesichtern den Eindruck von Leuten machten, die gewandter mit der Feder und Berechnungen umzugehen verstehen, als mit den von ihren Hüften niederhängenden Pistolen. Zutrauen erweckend erschienen sie sicher nicht; weit eher gewohnt, unter der Maske größter Menschenfreundlichkeit ihrem weniger pfiffigen Nächsten die Haut über die Ohren zu streifen. So blickte der Aeltere mit den dunklen Augen so listig unter dem breiten Panamahut hervor, wie ein ausgefeimter Beutelschneider, der geübt, jeden ihm Begegnenden betreffs des Inhaltes seiner Börse abzuschätzen. Der andere, vielleicht dreißig Jahre alt, eine kleine unansehnliche Gestalt, stand nicht hinter ihm zurück, indem, für einen aufmerksamen Beobachter erkennbar, Tücke und Habgier aus seinen wässerigen grauen Augen verstohlen hervorleuchteten, und ein Zug von Lüsternheit und Grausamkeit gemeinschaftlich mit einem abstoßenden Lächeln der Ueberlegenheit die schmalen Lippen umlagerte.

»Hallo, Fremder!« redete ersterer den rastenden Reiter freundschaftlich an, »Sie sind wohl in dieser Gegend zu Hause?«

»Befragte ich Sie schon, wo Sie in die Welt gesetzt wurden?« antwortete der junge Hüne wie gelangweilt, die Arme wieder unter den Kopf schiebend.

»Das freilich nicht. Meiner Neugierde lag nur die Hoffnung zu Grunde, durch Sie über die umliegenden Ländereien etwas Auskunft zu erhalten.«

»So gehört ihr zu den verwünschten Südlichen, die darauf aus sind, den Boden hier herum für die Sklavenzucht klar zu machen. Zwei von euren Leuten lernte ich schon kennen. Sie hatten eines ehrlichen Mannes Rind über den Haufen geschossen; da setze ich voraus, ihr kostet selber ein geröstetes Stück davon.«

»Mit demselben Recht könnten wir mutmaßen,« versetzte der Jüngere verbissen, »daß Sie zu den Desperados zählen, die im Lande herumstreifen und den einsamen Wanderer mit den Worten: Geld oder Blut! begrüßen.«

Ohne Mißmut zu verraten, entgegnete der trotzige Bursche: »Wäret ihr beide nicht solche jämmerliche Kreaturen, könnte mich die Lust anwandeln, euch etwas näher zu betrachten. Ich rief euch nicht, und noch weniger verspüre ich die Neigung, mich von dem ersten besten Unbekannten ins Verhör nehmen zu lassen.«

»Wohlan denn,« nahm der Aeltere wieder das Wort, »ich bin der Landagent Baxter, und mein Freund hier ist der Richter Margin.«

»Und ich heiße Robert King,« erwiderte dieser sichtbar ergötzt, »zwischen hier und Neumexiko bekannt als King Bob, der König aller Vaqueros, nebenbei ein Mann, der mit seinen Kindern verdammt viel barmherziger verkehrt, als ihr und euresgleichen mit den zweibeinigen Ochsen und Eseln, die dumm genug sind, euren Rat zu suchen.«

»Rauhe Worte, Mr. King Bob,« fuhr Baxter, seinen Verdruß niederkämpfend, fort, »doch wir befinden uns hier auf einem freien Territorium, wo man keine Ansprüche an große Zuvorkommenheit erheben darf. Aber, Scherz beiseite, ich wünsche zu erfahren, ob der Rauch, der da hinter dem Waldvorsprung aufsteigt, von dem Herdfeuer eines gewissen Daniel Howitt herrührt, und die dort weidende Herde zu seiner Farm gehört.«

Bei Nennung des Namens Howitt schnellte King Bog [Bob?] in eine sitzende Stellung empor. Argwöhnisch prüfte er die beiden Reiter eine Weile, bevor er in die Worte ausbrach:

»Da kann ich nur mutmaßen, daß ihr mit dem Gedanken umgeht, den Daniel Howitt mit euren verfluchten Teufelsränken von seiner Besitzung zu vertreiben. Bei dem kommt ihr aber an den Unrechten, und wenn ihr mit unzerbrochenen Schädeln von seinem Hofe herunterreiten wollt, dann haltet eure glatten Zungen im Zaume.«

»Sie kennen ihn genauer?«

»Wenigstens hinlänglich, um euch zu gönnen, daß er seine Faust auf euch legt. Die ist nämlich verdammt knochig, und trifft die eine ihm unbequeme Nase, so gleitet sie mit der Spitze so tief in den Kopf hinein, daß sie zeitlebens den Weg nicht wieder herausfindet. Doch zieht eure Leine jetzt; ich sah und hörte genug, um euch beide zur Hölle zu wünschen.«

Baxter zuckte die Achseln und trieb sein Pferd an. Zähneknirschend und doch von heimlicher Scheu vor dem trotzigen Gesellen beseelt, folgte Margin seinem Beispiel. Nachdem sie weit genug geritten waren, um von King Bob, der sich wieder auf den Rücken geworfen hatte, nicht mehr verstanden zu werden, bemerkte Margin mit bösem Hohn: »Dieser ungeschlachte Strauchdieb! Gerade so, wie die beiden Esel, die sich von ihm ins Bockshorn jagen ließen, ihn schilderten. Trieben sich viele von der Sorte hier herum, möchte unseren Leuten die Lust vergehen.«

»Ist die Zeit da, so erhalten sie so starken Nachschub, daß ein paar Dutzend von seinem Kaliber nicht ins Gewicht fallen,« versetzte Baxter zuversichtlich; »man braucht ihnen nur ausreichend Whisky und eine Handvoll Dollars zu bieten, und sie stimmen für Tod und Teufel, um mit Begeisterung obenein.«

Und weiter ritten sie in eifrigem Gespräch am Waldsaum hin, der vor ihnen eine Biegung nach Norden beschrieb.

Zweites Kapitel.

Als die beiden Landspekulanten um das vorspringende Gehölz herumbogen, lagen vor ihnen eingefriedigte Felder mit grünenden Saaten, und im Hintergrunde ein kleines Gehöft. Da nach beendigter Frühjahrsbestellung die Ackerarbeit ruhte, hatten die Bewohner der Farm sich einer anderen Beschäftigung unterzogen, welche die beiden nahenden Reiter mit heimlichem Argwohn erfüllte. Man war nämlich ans Werk gegangen, die Zwischenräume zwischen Blockhütte, Stall und Schuppen durch starke Palissaden abzuschließen, ebenso den Vorplatz bis auf eine schmale Einfahrt fest einzufrieden.

»Wie gefällt Ihnen das?« fragte Margin gehässig. »Hat es nicht den Anschein, als rüste man sich, irgend welchen Angriffen zu begegnen? Es müssen doch wohl beunruhigende Gerüchte hierher gedrungen sein.«

»Den Anschein hat es allerdings,« gab Baxter zu, »allein um einen Angriff abzuschlagen, muß er zuvor unternommen werden. Ist der Mann erst darüber aufgeklärt, daß er auf meinem Grund und Boden haust, also nur noch geduldet ist, wird er sich schon bekehren. Gesetz bleibt Gesetz, oder das ganze Weltall ginge aus den Fugen.«

Mißmutig betrachtete Margin ein halbes Dutzend älterer und jüngerer Burschen, die munter ihre Aexte schwangen und Löcher für die Pfähle gruben.

»Er soll eine wilde, störrische Natur sein,« erwiderte er, »einer von jener granitenen Sorte, die keinen Herrn über sich anerkennt. Da seine Begriffe von Recht und Gesetz andere sind, als die der Mehrzahl vernünftiger Menschen, ist schwerlich viel Nachgiebigkeit von ihm zu erwarten.«

»Auch der Störrischeste muß sich zum Schluß vor der Gewalt beugen,« meinte Baxter, der sich als Herr auf seinem Eigentum fühlte, leichtfertig; »und er wäre nicht der erste, der, um seine Heimstätte zu einem mäßigen Preise zu retten, für Einführung der Sklaverei stimmte, sogar seinen Einfluß bei den Nachbarn, und den soll er in hohem Grade besitzen, ausnutzte, daß sie sich ihm anschlössen.«

»Was heißt Nachbar, wenn es eine Stunde guten Reitens erfordert, um den nächsten zu besuchen?«

»Um so besser. Säßen sie so nahe bei einander, wie die Bienen in ihrem Bau, möchten sie sich zusammenrotten und bald hier, bald hört den Unserigen das Leben sauer machen.«

Den Rest des Weges legten sie schweigend zurück. Um so aufmerksamer beobachteten sie, wie die jugendlichen Arbeiter in eine Gruppe zusammentraten. Die noch offene Seite des Palissadenzaunes lag gerade vor ihnen und damit die Vorderseite einer umfangreicheren Blockhütte. Es konnte ihnen also nicht entgehen, daß ein höchstens vierzehnjähriger Knabe die Axt zur Seite warf und ins Haus eilte.

Gleich darauf trat aus der Thür ein hochgewachsener Mann, eine echte Kentuckygesalt, um deren breiten Oberkörper ein weites blaues Hemd schlotterte. Ihm auf dem Fuße folgten mit dem Knaben zwei Frauen, deren eine sichtbar ebenfalls eine reiche Zahl von Jahren auf dem Rücken trug, wogegen die andere ein großes, kräftig herausgewachsenes Mädchen war.

Die Brauen finster gerunzelt, betrachtete der alte Mann die Ankömmlinge nachdenklich, dann schritt er ihnen bis zu der durch die Befestigungsarbeiten bezeichneten Hofgrenze entgegen. Der Knabe begleitete ihn, während die beiden Frauen in der Hausthür zurückblieben. Als er bei den jungen Leuten eintraf, lauter wettergebräunten, zum Teil barfüßigen Burschen, deren kraftvolle Körper durch schwere Arbeit gestählt waren, sahen diese mit ehrerbietiger Spannung zu ihm auf. Keiner hätte gewagt, mit seinem Urteil dem des Vaters vorzugreifen oder auch nur auf das hinzuweisen, was ihm selbst vor Augen lag. Dieser beachtete sie nicht, sondern richtete seine Aufmerksamkeit auf die Fremden, die zur Zeit kaum noch hundert Ellen weit entfernt waren. Sein hageres, von Runzeln tief gefurchtes und verwittertes Gesicht mit dem dünnen ergrauten Bart und den vorspringenden Backenknochen blieb dabei so unbeweglich, als wäre es aus dem härtesten Hickoryholz geschnitzt gewesen. Einen ähnlichen Eindruck erzeugte der lange, anscheinend nur aus Knochen und Sehnen bestehende Körper, dessen Nacken wohl etwas gebeugt, der aber noch immer eine Kraft verriet, um die ihn jüngere Männer hätten beneiden können.

Je näher die Reiter kamen, um so mehr verhärteten sich seine Züge, um so spitzer und durchdringender schauten seine blauen Augen. Es war, als hätte eine Ahnung ihm gesagt, daß er mit Menschen in Verkehr treten sollte, die störend in sein patriarchalisches Leben einzugreifen gedachten und daher ihm als Todfeinde galten.

»Besten Gruß euch allen,« redete Baxter ihn und seine Söhne endlich freundschaftlich an, »ich müßte mich sehr irren, wäre es nicht der ehrenwerte Daniel Howitt, den ich auf eine Stunde um seine Gastfreundschaft ersuche.«

»Daniel Howitt heiße ich,« antwortete dieser ausdruckslos, »und was die Gastfreundschaft anbetrifft, da wurde sie auf dieser Stätte noch nie einem Fremden verweigert, sofern er sich deren nicht als unwürdig erwies. Steigt ab und überlaßt die Gäule den Burschen. Jung, wie sie sind, wissen sie doch, daß unvernünftiges Vieh ebenso berechtigt zu 'ner gastlichen Aufnahme, und wohl noch berechtigter, als mancher, der den Rock eines Gentleman auf den Schultern trägt, rechne ich.«

»Und das Herz eines wahren Gentleman in der Brust,« fügte Baxter, anscheinend gut gelaunt, hinzu, und wie Margin, schwang auch er sich aus dem Sattel.

»Das mag der Henker jemand ansehen, bevor man ein paar Prisen Salz mit ihm aß,« meinte der alte Squatter mit unerschütterlichem Gleichmut. »Es geschieht übrigens nicht of, daß jemand hier vorspricht, der nicht in 'nem Hickoryhemd und mit der Axt in den Fäusten groß geworden. Die letzten waren Feldmesser, die im verflossenen Herbst mit ihren Ketten Linien in der Nachbarschaft schlugen.«

»Vereinigte-Staaten-Beamte,« versetzte Baxter wie beiläufig, und gleißnerisch fuhr er fort, indem er auf die jungen Männer wies, deren zwei sich mit den Pferden entfernten: »Eine verheißende Nachkommenschaft, bei Gott! Angehende Hünen. Ich beschwor's, Daniel Howitt, Sie haben Ursache, stolz darauf zu sein.«

»Gut genug sind sie,« bestätigte Howitt kühl, »wuchsen die Jüngsten noch nicht ordentlich heraus, so verstehen sie doch, ihren hundertjährigen Baum binnen kurzer Frist umzulegen und 'nem Eichhorn auf hundert Ellen 'ne Kugel durch den Kopf zu jagen. Ben,« kehrte er sich dem zunächst stehenden Sohne zu, »geh ins Haus und sage der Mutter und Bell, sie möchten eine gehörige Mahlzeit anrichten. Du selber stelle die Korbflasche auf den Tisch und lege ein paar gesäuberte Hammelhörner daneben. Ich rechne nämlich, wenn jemand den weiten Weg über die Ebenen hier heraus nicht scheut, muß er auch 'ne richtige Ursache dazu haben.«

»Sicher, Freund Howitt,« versetzte Baxter, während er und sein Gefährte an des Alten Seite sich auf die Blockhütte zu bewegten, »nebenbei bezweifle ich nicht, daß, wenn wir die Köpfe der Pferde heimwärts wenden, Sie mit unserem Besuch hier ebenso zufrieden sind, wie wir selber. Ich erstaune übrigens, Sie bei einem Werk zu finden, das die Vermutung der Unsicherheit in diesem Teil des Landes wachruft. Hoffentlich sind die schuftigen Eingeborenen, dieses Ungeziefer, nicht aufsässig geworden.«

»Die nicht,« erklärte Howitt gelassen, »denn mit denen läßt sich's schon leben, sofern man sie den Hunden nicht gleichstellt. Aber da giebt es andere, die für die Ruhe eines friedliebenden Ansiedlers gefährlicher sind, als die verschlagenste Rothaut, die je von Rachedurst auf den Kriegspfad gedrängt wurde. Da kann es sich freilich ereignen, daß wir die Palissaden dazu benutzen, hinter ihnen hervor unser Eigentum zu verteidigen.«

Baxter wechselte mit Margin einen bezeichnenden Blick, worauf er erwiderte:

»Ueberflüssige Vorsicht! Es stehen allerdings mancherlei Veränderungen im Territorium bevor, jedoch nicht solche, die notgedrungen Hader und Feindschaft im Gefolge haben müssen.«

»Die Nachrichten, die hierher gelangten, lauteten anders,« versetzte Howitt etwas entschiedener, »schon die Kettenträger redeten von Dingen, die in den Ohren eines rechtschaffenen Farmers nicht wie Drosselschlag klingen.«

»So waren die Nachrichten gefälscht oder mindestens übertrieben.«

»Weisen sie sich als gefälscht oder übertrieben aus, soll die Mühe des Verpalissadierens mich nicht gereuen. Ein Dummkopf erster Klasse, der sich von den Ereignissen überraschen läßt, rechne ich, und jetzt rücken Sie heraus mit der Sprache. Ein ehrlicher Mann braucht keine Umwege zu beschreiben, wie 'n Oppossum, das 'nen Hühnerstall im Auge hat. Doch beim Sitzen redet sich's leichter, und dieses hier ist eine Bank, auf der ich schon vor siebzehn, achtzehn Jahren den Schweiß auf meiner Stirn trocknen ließ.« Dann, nachdem alle drei auf dem vor der einen Haushälfte hinlaufenden, aus sechs eingerammten Pfählen und einer roh bearbeiteten Plankenlage hergestellten Gerüst sich niedergelassen hatten, nahm Baxter wieder das Wort.

»Vor allen Dingen bauen Sie auf meine Versicherung,« hob er an, »daß ich die weite und nicht unbeschwerliche Reise einzig und allein zu dem Zweck unternahm, um über etwaige Meinungsverschiedenheiten mich freundschaftlich mit Ihnen zu einigen. Klingt die erste Ankündigung wirklich hart in Ihren Ohren, so beweist das nicht, daß Sie auch nur im geringsten geschädigt oder übervorteilt werden sollen. Es stände das in häßlichem Widerspruch mit der Achtung, die ich aus vollem Herzen jedem schwer ums Dasein arbeitenden Ackerbauer zolle. Ich muß Sie nämlich in Kenntnis davon setzen, daß ich hier, Ihre Farm mit eingeschlossen, sechs Quadratmeilen Land ankaufte und im Begriff stehe, es in Parzellen abzuteilen und diese für zuziehende Ansiedler mundgerecht herrichten zu lassen.«

»Von wem kauften Sie das Land?« fragte Howitt wie von ungefähr.

»Von der Regierung. Hier ist der Kontrakt. Auch die Karte will ich Ihnen vorlegen.«

»Also vom Uncle Sam« meinte der alte Squatter ruhig, das Dokument durch eine nachlässige Handbewegung zurückweisend, »verhandelte der aber Land, ohne die darauf angesessenen Squatter an ihr Vorkaufsrecht zu mahnen, so ist er ein ebenso niederträchtiger Schurke, wie Sie selber, der Sie darauf ausgehen, freie Arbeiter durch menschliches schwarzes Vieh zu verdrängen.«

»Wer spricht von verdrängen?« fragte Baxer, die Beschimpfung überhörend, gleißnerisch entrüstet; »das wäre erst der letzte Ausweg, und dazwischen liegen solche Bedingungen, wie sie Ihnen nur willkommen sein können.«

Da Howitt unbeweglich über den Hof hinsah und kein Verlangen verriet, die gepriesenen Bedingungen kennen zu lernen, fuhr er nach einer Pause zuvorkommend fort:

»Zunächst sollen Ihnen also, in gewissenhafter Berücksichtigung der Lage dieses Gehöftes, zweimal sechzig Morgen Land, jeden zu fünf Dollars berechnet, als freies Eigentum verschrieben werden. Dafür verpflichten Sie sich, meinen Grundsätzen Rechnung zu tragen und nicht nur selbst für die segensreiche Institution der Sklaverei zu stimmen, sondern auch Ihre Nachbarn, die zu Ihnen aufblicken wie zu einem Gouverneur, dazu zu bewegen. Dadurch sichern Sie sich und den Ihrigen den ungestörten Besitz der mit so viel Fleiß und Mühe emporgebrachten Farm; außerdem aber ziehen Sie Ihren Vorteil aus dem mit der schnelleren Besiedelung wachsenden Verkehr, zumal es mit dem Kaufgelde nicht eilt, und Sie es nach Bequemlichkeit abtragen mögen.«

»Fein ausgeklügelt,« meinte Howitt mit einem bösen Lächeln, »so fein, daß ein Einfältigerer darauf anbeißen könnte. Ich rechne indessen, nachdem Sie Ihre Bedingungen stellten, hören Sie auch gern die meinigen. Ich besitze sieben Kinder, sechs Söhne und eine Tochter. Auf Grund dieser Zahl fordere ich also, daß Sie siebenmal sechzig Morgen aus Ihren sechs Quadratmeilen für mich herausschneiden, und zwar so, daß dieser komfortable Winkel der Mittelpunkt bleibt. Ferner berechnen wir den Morgen mit drei und dreiviertel Dollars, also zum Regierungspreise, eine Summe, die ich beim Abschluß berichtige, und drittens verpflichten Sie sich, auf dem von Ihnen angekauften Lande keine Sklaverei zu dulden.«

»Auch Ihre Bedingungen erscheinen nicht übel,« versetzte Baxter, sein Mißvergnügen hinter sorgloses Lachen verbergend, »Sie übersehen nur eines dabei, nämlich daß wir uns hier auf meinem Grund und Boden befinden, Sie also gewissermaßen mein Gast sind, es daher in meiner Gewalt liegt, Käufer und Pächter heranzuziehen, wie sie mir am meisten zusagen.«

»Bell,« riet Howitt vollständig leidenschaftslos ins Haus hinein, »rücke Speck und Maiskuchen vom Feuer fort und stelle den Whisky für bessere Leute zur Seite!« Und über den Hof: »Jungens, führt den Fremden die Pferde zu! Sie haben große Eile, fortzukommen!« Er kehrte sich seinen Gästen zu, die erstaunt auf sein hartes Gesicht sahen: »Das ist meine Antwort auf eure Zumutung. Noch stelltet ihr die Füße nicht unter meinen Tisch; da hindert mich nichts, dringend zu raten, mein Gehöft so bald und so weit wie möglich hinter euch zu legen. Was ihr euer Recht nennt, wurde mir hinterrücks entzogen, also gestohlen, rechne ich. Mein Recht aber ist geheiligt durch achtzehnjährigen Besitz, das kann kein spekulativer Gauner, sogar der Onkel Sam selber mit seinem großen Gewissen nicht aus der Welt schaffen; und mein Recht verteidige ich in Gemeinschaft mit den Meinigen bis zum letzten Blutstropfen. Zweifeln Sie noch, so versuchen Sie doch, wie viele von Ihren feilen Schurken sich die verruchten Schädel an meinem Palissadenzaun einrennen. Denn ich bin, bei Gott, nicht der einzige hier herum, der sich dagegen auflehnt, wenn das ursprüngliche Gesetz, das uns allen bekannt ist, umgeworfen und unser freies Territorium in einem Zuchtstall für Farbige umgewandelt werden soll.«

Die Pferde wurden vorgeführt. Die beiden Herren hatten sich erhoben. Ihre Gesichter schwammen in Wut und Hohn.

»Sie selbst sind verantwortlich dafür, wenn ein schweres Verhängnis auf Sie hereinbricht,« bemerkte Baxter schneidend, »zählen Sie aber auf den Beistand vogelfreier halbwilder Viehtreiber, wie wir nicht weit von hier einem begegneten, so möchten Sie die Rechnung ohne den Wirt gemacht haben –«

Bei den letzten Worten trat Bell, beunruhigt durch die erregten Stimmen, auf die Thürschwelle. Ihre Erscheinung machte Baxter verstummen. Wie er, sah auch Margin verstört auf sie hin. Denn kein gewöhnliches Farmermädchen war es, welches da vor ihnen stand, sondern mit dem hohen, kräftigen, tadellosen Wuchs und der herausfordernden Haltung, trotz des ländlich aufgeschürzten einfachen Anzugs, das Bild einer erzürnten waffenkundigen Amazone, die im Begriff, sich zu Kampfe zu rüsten. Derselbe Ausdruck wiederholte sich in dem regelmäßig geformten Antlitz mit den weich abgerundeten, wettergebräunten Wangen, den unerschrocken blickenden Augen und den schwellenden Lippen des feingeschnittenen Mundes. Das starke blonde Haar hatte sie hinter die Ohren zurückgestrichen und dicht am Kopf zusammengeschnürt, von wo es wie ein Roßschweif tief über den Rücken niederwallte. Obwohl der Jahre höchstens zwanzig über das selbstbewußt getragene Haupt hingegangen waren, ruhte doch der tiefe, beinahe düstere Ernst eines weit höheren Alters auf dem jugendfrischen Antlitz. Nicht die leiseste Spur schlummernden Frohsinns war darauf zu entdecken. Es machte sich sogar ein eigentümlich herber Zug zu beiden Seiten des festgeschlossenen Mundes bemerklich. Hatte der Zufall gefügt, daß sie Baxters letzte Bemerkunge hörte, so war die nächste Wirkung, daß sie die Farbe wechselte. Dann aber sprach sie mit der vollen Feindseligkeit, welche durch das Auftreten der Fremden dem Vater gegenüber geweckt worden war:

»Reden Sie verächtlich von Rinderhirten und trauen Sie dem Vater zu, mit ruchlosen Gesellen Gemeinschaft zu pflegen, so können Sie mit solchen sich nur selbst gemeint haben.«

»Gut gegeben, Bell,« versetzte Howitt billigend, fügte aber streng hinzu: »Hast nur vergessen, daß dein Vater Manns genug ist, mit jedem, auch mit diesen beiden zweifelhaften Gentlemen, selber fertig zu werden.«

Bell, weniger durch den Vorwurf des Vaters eingeschüchtert, als erbittert über Margin, der seine Bewunderung unverhohlen an den Tag legte und sie mit frechen Blicken betrachtete, kehrte sich kurz um und trat in die Hütte zurück.

»Ein schönes Kind,« erklärte Margin unter dem vollen Eindruck des eigentümlichen Zaubers, der die charakteristische Erscheinung auszeichnete, und formlos fiel Howitt ein:

»Darum befragte ich Sie nicht. Wähnen Sie, daß Anstand und gute Sitte hier im wilden Westen weniger zu Hause sind, als in euren vergoldeten Parlours, so irren Sie mächtig. Lassen eure Weiber sich unziemliches Anstarren von jedem elenden Laffen gerne gefallen, so folgt daraus nicht, daß man dergleichen hier duldet. Und jetzt beeilt euch, wenn ihr nicht vorzieht, daß meine Söhne euch in den Sattel helfen und euren Mähren die Peitschen um die Ohren knallen, um zu prüfen, wie fest ihr auf 'nem Pferderücken klebt.«

»Nur aufrichtige Bewunderung –« hob Margin, bis zur Verwirrung scheu, entschuldigend an, allein des alten Squatters Geduld war erschöpft.

»Aufrichtiger Tod und Teufel!« fiel er drohend ein. »Geschah euch, wie's euch nicht behagt, so wolltet ihr's nicht anders, und wenn ihr nach Hause kommt, rühmt euch, für eure niederträchtigen Ränke wie schlechte Hunde von dem Hofe eines ehrlichen Mannes fortgejagt zu sein.«

»Noch ein Wort in Güte,« hob Baxter nunmehr besänftigend an, »nicht in gereizter Stimmung möchte ich von Ihnen scheiden. Walteten Mißverständnisse –«

»Keine Mißverständnisse,« schnitt Howitt das weitere ab, »das liest ein Blinder durch 'ne dreizöllige Planke. Mein letztes Wort habt ihr gehört, und das eurige brauch' ich nicht zu wissen,« und seinen Gästen den Rücken kehrend, schritt er ebenfalls ins Haus hinein.

Baxter und Margin säumten nicht länger und bestiegen ihre Pferde. Im Davonreiten rief Baxter, auf dem Gipfel seiner Wut, über die Schulter in die offene Thür hinein: »Auf Wiedersehen zu geeigneterer Zeit. Vielleicht halten Sie für ratsam, vorher meinen Grund und Boden zu verlassen!«

Eine Antwort erfolgte nicht. Baxter knirschte mit den Zähnen.

»Vom eigenen Besitztum heruntergewiesen zu werden – bei Gott, das soll nicht vergessen sein,« sprach er zu dem Gefährten, »verdammt! Noch giebt es Mittel, das kollerigste Stück Vieh ins Joch zu spannen.«

»Ich für meine Person möchte mich nicht vor die Mündungen ihrer Büchsen stellen,« versetzte Margin spöttisch, »weit lieber schlösse ich Blutsbruderschaft mit dem Alten um seiner Tochter willen. Bei Gott, ein schöneres Mädchen sah ich nie, selbst nicht in den Staaten. Stand sie nicht auf den kleinen nackten Füßen wie eine Heldin des Altertums?«

»Ich vermute, ein zweiter zärtlicher Blick in die funkelnden Augen des wilden Dinges würde Ihnen gefährlicher werden, als ein halbes Dutzend Gewehrmündungen.«

»Wenn kein warmes Blut in ihren Adern kreiste,« höhnte Margin, »und das zum Sieden zu bringen kann nicht schwer werden bei einer, die bisher nichts anderes kennen lernte, als rohe Landtölpel. Wir werden ja sehen, wenn es mir zufallen sollte, zwischen Ihnen und dem knorrigen Alten zu vermitteln.«

Sie ritten zwischen den zur Zeit auf Axt und Spaten gestützten jungen Männern hindurch. Da sie nicht grüßten, hielten jene für überflüssig, die geringste Höflichkeit an sie zu verschwenden. Aber die Blicke aus den jungen Augen trafen sie mit einer Feindseligkeit, daß sie ihnen zu begegnen scheuten.

Solange die Scheidenden den Brüdern sichtbar blieben, spähten sie ihnen schweigend nach. Sobald sie aber um die Waldecke herumbogen, sandte der Aelteste eine wilde Verwünschung hinter ihnen her. Mit einem zweiten Fluch schleuderte er die Axt weit von sich.

»Das ist kein gutes Zeichen, wenn unser alter Governor einen Gast ziehen läßt, ohne ihm zuvor einen festen Trunk angeboten zu haben,« sprach er ingrimmig, »was aber dem Vater die Laune verdirbt, braucht vor seinen Söhnen nicht verheimlicht zu werden,« und gefolgt von den Brüdern, begab er sich nach der Blickhütte [Blockhütte?] hinüber.

Als sie in das Gemach eintraten, das zugleich als Küche, Wohnzimmer und Schlafraum der beiden Alten diente, sahen sie den Vater am Tisch sitzen, die eine Hand auf die Platte gelegt, mit der anderen das Haupt stützend. In seiner starren Haltung und mit dem knochigen Körper erinenrte [erinnerte ?] er nicht wenig an die rohbehauenen Baumstämme, die sich ringsum zu Wänden übereinander reihten. Seine Frau kauerte vor dem Kaminfeuer, mit dem Rösten von Mehlkuchen beschäftigt. Bell stand abseits vor dem einzigen Fenster und sah ernst auf den Hof hinaus.

Bis dahin hatte Howitt kein Wort gesprochen. Mutter und Tochter wären die letzten gewesen, ihn zur Zeit in seinem Gedankengange zu stören. Erst beim Eintritt seiner Söhne richtete er sich auf. Wie begutachtend, betrachtete er die kernige Nachkommenschaft. Er mochte sich fragen, inwieweit sie geschaffen, mit Leib und Leben für ihre Heimstätte einzutreten; aber auch, ob der eine oder der andere dazu auserkoren, durch seinen Fall die Rache des Himmels gegen eine Gesellschaft herauszufordern, die es als ihr Privilegium ansah, Recht und Gesetz unter die Füße zu treten.

»Keine gute Zeit hier, kalkulier' ich,« meinte Ben, ein Mann, dem bereits der Bart ums Kinn gesproßt war, und der als Aeltester gewöhnlich das Wort führte.

Da schlug Howitt mit der eisernen Faust auf den Tisch, daß es klang wie der dröhnende Fall eines Schmiedehammers.

»Nein, Jungens, keinen guten Zeiten gehen wir entgegen,« rief er aus, »vielleicht Zeiten, in denen ihr beweist sollt, daß ihr Schößlinge eines gesunden Stammes seid, und der Jüngste so viel wert ist, wie jeder andere, der eine Büchse zu heben und die Kugel ins Bullenauge zu zirkeln versteht, rechne ich. Ihr möchtet die Ursache wissen, und die darf jetzt nicht länger vor euch verheimlicht werden. Was wir so lange befürchteten, soll sich nämlich erfüllen, und da mögen wir jeden Tag gewärtigen, daß die verruchten Sendlinge der südlichen Schurken eintreffen, um uns von der friedlichen Scholle zu vertreiben, wo wir die vielen Jahre ein gottesfürchtiges Leben führten.«

»Da werden sie wohl eine harte Nuß zu knacken finden,« meinte Adam, der Zweitälteste, trotzig.

»Eine Nuß, an der die Lumpen sich die Zähne ausbeißen,« fügte der Jüngste erbittert hinzu.

Der Alte warf einen strengen, zugleich wohlgefälligen Blick auf die entschlossenen jungen Männer und sprach weiter: »Mit dem Reden locken wir keinen Hund hinter dem Ofen hervor. Hier heißt's handeln, sollen wir nicht eines Tages, mag's Wochen oder Monate bis dahin dauern, von der Rotte Kora heimgesucht werden, um demnächst zum Wanderstab zu greifen. Adam, sattle dir 'nen Gaul und reite bei den Nachbarn herum. Erzähle ihnen, was wir heut erlebten, befrage sie um das, was sie selber erfuhren. Bestelle mit 'nem Gruß von mir, ich ließe raten, wenn zu viele sie bedrängten, sich hierher zurückzuziehen. Sag ihnen, binnen wenigen Tagen seien die Palissaden fertig, und hinter denen hervor könnten zwei Dutzend handfeste Männer ein ganzes Regiment zusammenschießen. Reitest du die ganze Nacht, so bist du morgen abend wieder hier. – Du, Ben, reitest unterdessen nach Fort Riley hinunter. In drei Tagen machst du's. Du bist befreundet mit dem Kaufmann White. Von dem kaufe so viel Pulver und Blei, wie du bequem fortschaffst. Mutter wird dir Geld geben. Steckt Brot und Fleisch zu euch, daß ihr unterwegs nicht schwach werdet; thut auch den Tieren keine Ueberlast. Haltet die Augen offen und achtet auf alles, das um euch her vorgeht. Redet mit den Leuten, denen ihr begegnet, und befragt sie um ihre Meinung. Es müßte mit dem Henker zugehen, befänden sich viele unter ihnen, die ohne Widerstand duldeten, daß unser Territorium mit Niggers überschwemmt würde.«