Das Mormonenmädchen - Balduin Möllhausen - ebook

Das Mormonenmädchen ebook

Balduin Möllhausen

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Opis

Eine Erzählung aus der Zeit des Kriegszuges der Vereinigten Staaten gegen die "Heiligen der letzten Tage" im Jahre 1857-1858. Möllhausen war mit diesen abenteuerlichen und exotischen Sujets einer der populärsten Schriftsteller seiner Zeit und zusammen mit Friedrich Gerstäcker, Karl May und Charles Sealsfield einer der bedeutendsten Autoren im Bereich des deutschen ethnologischen Abenteuerromans des 19. Jahrhunderts.

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Das Mormonenmädchen

Balduin Möllhausen

Inhalt:

Balduin Möllhausen – Biografie und Bibliografie

Das Mormonenmädchen

Band 1

1 - Der Sandsturm

2 - Die Matrosenschänke

3 - Im Konzertsaal

4 - Die drei Mormonen

5 - An Bord des Leoparden

Band 2

1. Der Schwarze Biber

2. Im Wahsatchgebirge.

3. In der Gefangenschaft

4. Der Vertrag

5. Die Nacht in der Salzsee-Stadt.

6. Das Wiedersehen

7. Onkel und Nichte

8. Die dargebotene Hand

9. Der Schutzengel

10. Die Taufe

Das Mormonenmädchen, B. Möllhausen

Jazzybee Verlag Jürgen Beck

Loschberg 9

86450 Altenmünster

ISBN: 9783849631901

www.jazzybee-verlag.de

[email protected]

Balduin Möllhausen – Biografie und Bibliografie

Reise- und Romanschriftsteller, geb. 27. Jan. 1825 in Bonn, gest. 28. Mai 1905 in Berlin, erlernte in Pommern die Landwirtschaft, begab sich 1850 nach Amerika, wo er sich 1851 der Reise des Herzogs Paul von Württemberg nach den Felsengebirgen anschloß. Hier wurde er unter die Omahaindianer verschlagen, bei denen er fünf Monate verbrachte, fuhr dann den Mississippi herab nach New Orleans, wurde später auf Verwenden A. v. Humboldts einer amerikanischen Expedition nach dem fernen Westen als Topograph und Zeichner beigegeben und kehrte 1854 über San Francisco und den Isthmus von Panama nach Deutschland zurück, wo ihn König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen zum Kustos der Bibliotheken in den Schlössern von Potsdam ernannte. Eine abermalige Reise nach Nordamerika 1857–58 führte ihn in Gesellschaft des Ingenieurs Ives in die noch unbekannten Gegenden am mittlern Colorado. Seit 1886 lebte er in Berlin. Er gehörte zur Tafelrunde des Prinzen Friedrich Karl von Preußen, dessen Andenken er die »Dreilinden-Lieder« (Berl. 1896) widmete. Die Ergebnisse seiner Reisen legte er nieder in den Werken: »Tagebuch einer Reise vom Mississippi nach den Küsten der Südsee« (Leipz. 1858; 2. umgearbeitete Aufl.: »Wanderungen durch die Prärien und Wüsten des westlichen Nordamerika etc.«, das. 1860) und »Reisen in die Felsengebirge Nordamerikas« (das. 1861, 2 Bde.). Außerdem verfaßte er zahlreiche Romane und Novellen, die meist in der Neuen Welt spielen, wie: »Die Halbindianer« (1861), »Der Flüchtling« (1862), »Der Mayordomo« (1863), »Das Mormonenmädchen« (1861, 3. Aufl. 1871), »Reliquien« (1865), »Der Meerkönig« (1867), »Der Hochlandpfeifer« (1868), »Der Piratenleutnant« (1870, 3. Aufl. 1902), »Der Fanatiker« (1883), »Der Trader« (1884), »Wildes Blut« (1886), »Das Geheimnis des Hulks« (1889), »Der Fährmann am Kanadian« (1890), »Haus Montague« (1891), »Die beiden Jachten« (1891), »Die Söldlinge« (1892), »Der Spion« (1893), »Kaptein Meerrose und ihre Kinder« (1894), »Welche von beiden?« (1897, 2 Bde.), »Der alte Korpsbursche« (1898), »Das Fegefeuer in Frappes Wigwam« (1900) u.a. M., der mit Gerstäcker verglichen werden kann, war diesem in der Darstellung der Zustände und der Charaktere nicht ganz ebenbürtig, besaß aber ein bemerkenswertes Talent zu ansprechender Naturschilderung.

Das Mormonenmädchen

Band 1

1 - Der Sandsturm

Es war in den Frühstunden eines klaren, sonnigen Herbsttages, als eine einsame Wanderin aus der letzten Biegung des Passes trat und den Punkt erreichte, von welchem aus sie die erste Aussicht auf die gefürchtete Wüste gewann.

Der trostlose, vielleicht kaum geahnte Anblick mußte überaus niederdrückend auf sie einwirken, denn in dem Grade, in welchem das traurige Panorama sich immer weiter und weiter vor ihr ausdehnte, wurde der rüstige Schritt, in welchem sie sich genähert hatte, langsamer und unsicherer. Als aber endlich die schreckenerregende Landschaft in ihrer totenähnlichen Stille und Regungslosigkeit vor ihr lag, ihre zagenden Blicke ungehindert auf der Linie des Horizonts herumirrten und auf weiter nichts trafen, als auf Wüstensand und auf ferne, duftig schimmernde Felsgruppen, die wie verloren aus der gelben Ebene emportauchten, da schien ein unüberwindliches Grauen sich ihrer zu bemächtigen und die Kraft ihrer Füße zu lähmen.

»Ich werde es nicht ausführen können«, flüsterten ihre noch jugendfrischen Lippen, und in dem leisen Ton ihrer Stimme offenbarte sich eine ganze Welt voll Zweifel und Schmerz. »Meine Kräfte reichen nicht aus – und dennoch müssen sie ausreichen!« fuhr sie lauter fort, und ihre Worte zitterten vor inniger, wehmütiger Bewegung, als die Bürde, welche sie in einer Decke gehüllt vor sich trug, Leben verriet. »O, sie müssen ausreichen, für mein armes Kind – und sie werden es, denn die Mutterliebe ist stark. Und wäre die Wüste noch zehnmal so breit, ich würde meinen Engel sicher hinübertragen. Wer aber würde es wohl wagen, ihm Leid zuzufügen? Weder die Wölfe, noch die grausamen Indianer. O, die Indianer, auch sie haben Kinder, und wenn sie meinen süßen Knaben sehen, so werden ihre Herzen sich beim Anblick der lieblichen Erscheinung erweichen; sie werden ihn beschützen und ihn mir tragen helfen, mein liebes, liebes einziges Kind!«

 ndem die junge Frau so sprach, hatte sie die Bürde, welche von einer andern, auf ihrem Rücken hängenden im Gleichgewicht gehalten wurde, behutsam vor sich auf die Erde gelegt. Dann bei derselben niederknieend, öffnete sie die leichte Hülle vollständig, worauf sie ihre Blicke mit einem unbeschreiblichen Ausdruck von Liebe und Seligkeit an den großen blauen Augen eines etwa ein Jahr alten Knaben haften ließ, der neugierig und zufrieden zu ihr emporschaute.

Es war ein rührendes, Wehmut erzeugendes Bild, die junge Mutter, die nur noch Blicke und Gedanken für ihr Kind hatte und in ihrer Sorge um dasselbe die ganze übrige Welt, selbst ihren tiefen, unheilbaren Kummer vergaß, unfeines, regelmäßig schönes Antlitz war wohl abgehärmt, und ein eigentümlicher Zug um den Mund verlieh demselben das Gepräge lange erduldeter Leiden; allein indem sie mit Stolz ihren Liebling betrachtete, hatten ihre etwas eingefallenen Wangen sich vor innerer Aufregung wieder hoch gerötet, und selbst als glückliches, harmlos tändelndes junges Mädchen konnte sie kaum anziehender und bezaubernder gewesen sein, als jetzt, da Mutterwürde ihre ganze Erscheinung verschönte und veredelte.

In ihrer übrigen Erscheinung, in den schmalen Händen und Füßen, wie in der ganzen Haltung verriet die junge Frau, daß sie den höheren Ständen entstamme. Ihre Gestalt war groß und kräftig gebaut, und dabei trug sie dieselbe mit einer gewissen Anmut, die auf eine sehr sorgfältige Erziehung deutete und weder durch Beschwerden und Entbehrungen, noch durch Erschöpfung hatte gänzlich verwischt werden können.

Die Ausrüstung der einsamen Wanderin bestand aus einem Bündel Kleidungsstücke, einer wollenen Decke, einem Säckchen mit einer Mischung von braunem Zucker und feingeriebenem Mais- und Weizenmehl, dem bekannten, sehr nahrhaften Pinole, und einem mäßig großen Lederschlauch mit Wasser. Wenn zu diesem aber noch der räftige Knabe hinzugefügt wurde, so bildete das Ganze eine Last, die auf die Dauer auch für den stärksten Mann zu viel hätte werden müssen, zumal auf einem Boden, auf welchem die Füße bei jedem Schritt tief in das lose Erdreich einsanken, oder auch streckenweise gegen scharfes Gestein und dornenreiches Gestrüpp zu kämpfen hatten.

Doch was jeden andern ruhig überlegenden Menschen mit Besorgniß und Grauen erfüllt hätte, das beschäftigte nur zeitweise den Geist der jungen Mutter, und wenn das Bewußtsein ihre hilflosen Lage wirklich zuweilen ihren letzten Mut zu brechen drohte, dann brauchte sie nur rückwärts zu schauen, um ihren wankenden Entschluß wieder zu befestigen und die sich ihr entgegenstellenden Hindernisse vor ihrer wild erregten Phantasie verschwinden zu machen. Hatte sie doch auf ihrer Flucht von der Mormonenstadt absichtlich, um einer Verfolgung zu entgehen und die ihr Nachsetzenden zu täuschen, die eigentliche Emigrantenstraße verlassen und den längst nicht mehr benutzten Weg durch die Wüste eingeschlagen. Was waren ihr drei, vier Wochen der Einsamkeit in der schrecklichen Wildnis, die sie nur dem Namen nach kannte? Sie wußte, welche Richtung sie beizubehalten hatte, um weiter oberhalb wieder in die Emigrantenstraße zu gelangen, die zur Zeit noch von Auswanderern belebt sein mußte, und das war ihr genug. Fort, weit fort vom Salzsee drängte es sie; fort von dem Lande, wo sie ein Paradies zu finden erwartete, und wo sie schmählich hintergangen worden war; fort, gleichviel, ob mit Gefahr ihres Lebens, wenn nur ihr Kind, ihr lieblicher Engel, gerettet wurde.–

»Ja, ich trage Dich durch diese Wüste«, wiederholte sie fest und mutig, indem sie die niederhängenden Locken auf dem Gesicht des kleinen Knaben tanzen ließ, daß dieser jubelnd und kreischend mit beiden Händchen um sich schlug. »Du bist nicht schwer – doch, Du bist sehr schwer und wohlgenährt, aber nicht zu schwer für Deine Mutter, und auf der Emigrantenstraße werden wir barmherzige Menschen finden, ie sich unserer annehmen und uns nach Kalifornien bringen. Dort aber will ich arbeiten und sparen, bis ich die Mittel zusammen habe, die Rückreise nach der lieben süßen Heimat jenseits des Ozeans antreten zu können. – O Heimat! Wäre ich ihm doch nie gefolgt! Er war gut, er war edel, bis die neue Lehre ihn verdarb.

Ich, seine vor Gott und den Menschen rechtmäßig angetraute Gattin, ich, die ich an weiter nichts dachte, als ihm das Leben zu versüßen, ich mußte es dulden, daß er, heidnischen Gebräuchen huldigend, noch eine zweite Frau durch die Banden der Kirche an sich fesselte!« rief sie glühend vor Scham und Zorn aus, indem sie ihre Hände über dem Kinde krampfhaft ineinander ballte. »Getäuscht, betrogen, schändlich betrogen, wie so viele meines Geschlechts, die in blindem Vertrauen ihren Gatten hierher nachfolgten! Betrogen und verhöhnt, und nur bleibt nur die Schande, oder der Tod in der Wüste!«

Außer der wandernden Mutter mit ihrem Kinde war im weitesten Umkreise kein lebendes Wesen zu entdecken. Kein Laut, kein Ton, ob nun drohend oder jammernd, deutete darauf hin, daß die Natur auch in diesem traurigen Erdenwinkel vereinzelte ihrer Geschöpfe untergebracht habe. Es war, als habe ein Fluch auf der ganzen Landschaft geruht, ein Fluch, der jedes organische Leben schon im Keime erstickte, und nur das kümmerliche Gedeihen der den Menschen und Tieren feindlichen Dornengewächse gestattete.

Doch blind für alles dieses verfolgte die Wanderin ihren Weg. Sie hatte den nebelähnlichen Gipfel eines am nordwestlichen Horizont auftauchenden Berges zu ihrem Ziel gewählt, und unbekümmert um die tödliche Einsamkeit, lenkte sie ihre Schritte auf denselben hin.

Plötzlich fuhr sie, indem sie zur Seite schaute, erschreckt zusammen. Ihre Blicke waren auf einen klaren See gefallen, der seine zitternden Fluten mit reißender Schnelligkeit bis auf etwa hundert Schritte an sie heranwälzte und sich dann u beiden Seiten von ihr ausdehnte. Sie faßte sich indessen schnell wieder, und die Hand auf ihre Brust legend, wie um das heftige Pochen des Herzens zu beruhigen, blickte sie, ohne die Eile ihrer Schritte zu mäßigen, eine Zeit lang mit besorgnißvoller Teilnahme auf den trügerischen Wasserspiegel.

»O, wenn es doch Wasser wäre«, sagte sie mit einem tiefen Seufzer, »süßes, klares Wasser; ich brauchte dann nicht zu sparen. – Aber es ist Täuschung, für den Durstigen bittere, martervolle Täuschung«, fuhr sie fort, als sie bemerkte, daß der See mit seiner leicht gekräuselten Oberfläche gleichen Schritt mit ihr hielt und, wenn sie sich ihm zu nähern trachtete, neckisch vor ihr zurückwich.

»Trinken!« rief das Kind mit noch geschlossenen Augen; im nächsten Augenblick hob es aber den Kopf empor, und mit dringenderem Ausdruck wiederholte es seinen Wunsch nach Wasser.

Die Mutter stand still und warf einen Blick rückwärts. Über der zurückgelegten Bahn lagerte ein dichter Schleier des treibenden Sandes; das Gebirge und der Paß waren aber noch sichtbar, und leicht berechnete sie, daß sie schon gegen sechs englische Meilen gewandert sei.

»Es ist freilich noch früh, aber trinken sollst Du, mein Kind«, sagte sie zärtlich, indem sie sich ihrer Bürde entledigte. »Ja, trinken und auch etwas essen, damit mein Engel keine Not leidet.«

Mit diesen Worten öffnete sie das Säckchen mit dem Pinole, und nachdem sie von dem feinen, versüßten Mehl in die Tasse getan, fügte sie so viel Wasser hinzu, bis dadurch eine Art von Suppe entstand.

Bei dieser Arbeit wurde sie daran gemahnt, daß ein Sturm in der Wüste doch wohl weniger harmlos sei, wie sie bis dahin geglaubt hatte, denn nur mit der größten Mühe vermochte sie den zudringlichen Sand, der geschickt jede kleine Öffnung zu finden wußte, von dem Pinole und dem Wasser fern zu halten. Ernste Befürchtungen stiegen aber immer noch nicht in ihr auf, selbst auch dann noch nicht, als sie nach Befriedigung der Wünsche des Kindes die Wanderung wieder antrat und der wirbelnde Sand ihr schon bis über die Knie reichte.

Doch der Sand und der zum Sturm anwachsende Wind nahmen keine Rücksicht auf das brechende Mutterherz oder auf das Engelsantlitz des kleinen Knaben. Heftiger wühlten die kreisenden Luftströmungen in dem losen Erdreich, höher und dichter jagten sich die falben Staubwolken. Schien es anfangs, als wate die Mutter mit dem Kinde in einem gelben See, so hätte man sie jetzt, aus der Ferne gesehen, für einen kühnen Schwimmer halten mögen, der, Kopf und Schultern über den Fluten, mit aller Kraft gegen eine verderbliche Strömung ankämpfte. –

Die Besorgnisse der jungen Frau hatten sich schon längst in die ernstesten Befürchtungen verwandelt. Als sie aber die den Gaumen ausdörrenden Staub- und Sandteilchen nicht mehr von dem Kinde fernzuhalten vermochte, und dieses einmal über das andere Mal winselnd und jammernd nach Wasser rief, da bemächtigte sich ihrer das furchtbarste Entsetzen. Sie wollte zurückeilen in den Schutz der Gebirgsschluchten und dort in der Nähe der Quelle eine Änderung des Wetters abwarten; doch zu weit befand sie sich schon von dem Paß entfernt, und der Rest des Tages und ein Teil der Nacht wären darüber hingegangen, eh' sie, bei der nunmehr schon eingetretenen Erschöpfung, den ersehnten Schutz erreicht hätte. Sie fühlte, sie hatte sich zu viel zugetraut; auch sie besaß nur die Kräfte einer Sterblichen, und von einem Sandsturm, wie er jetzt ihr und ihres Kindes Leben bedrohte, hatte sie ja nie eine Ahnung gehabt.

Verzweifelnd blickte sie zu den fernen Gebirgszweigen hinüber. Nur die höchsten Gipfel unterschied sie noch von ihrem niedrigen Standpunkte aus. Alles Übrige war eine pfeilschnell dahinstreichende, erstickende Masse und blendender, unveränderlicher Sonnenschein, und immer lauter und schärfer pfiff der Wind.

»Fortgetrieben hast Du mich in den Tod«, sagte sie verzweiflungsvoll vor sich hin, und trotz des wehenden Sandes suchte sie die Augen weit genug zu öffnen, um zwischen den Falten der Decke hindurch einen Blick auf ihr fieberhaft schlummerndes Kind zu erhaschen. »Fort in den Tod, mich und Dein Kind, wenn ein guter Gott sich nicht unserer erbarmt!« – sie wollte weiter sprechen, aber ein heftiger Windstoß erstickte ihre Stimme, und kaum noch fähig, sich aufrecht zu erhalten, schloß sie die Augen. –

Längere Zeit hindurch traf nur das Brausen und Pfeifen des Windes ihr Ohr; dann allerdings unterschied sie ganz deutlich, und zwar in nicht allzu großer Entfernung, das dumpfere Getöse, mit welchem eine Anzahl Pferde den Boden mit ihren Hufen stampften, und das Schnauben, mit welchem sie Staub und Sand aus ihren Nüstern zu entfernen trachteten.

»O wenn es Rettung wäre!« stöhnte die gequälte Mutter leise, und weiter neigte sie sich über ihren Knaben hin, um ihm Schutz gegen den Andrang des Wetters zu gewähren.

»Bei Gott! Ich sage Euch, es ist vergebliche Mühe, wir mögen eben so gut umkehren und Zuflucht im Gebirge suchen«, übertönte eine rauhe Stimme das Schnauben und Pferdegetrappel.

Die junge Frau hätte aufjauchzen mögen, als sie die Nähe weißer Menschen erkannte, aber Entsetzen lähmte ihr im nächsten Augenblick wieder die Zunge, sobald sie die Stimme ihres Gatten vernahm, die Stimme desjenigen, den sie auf der ganzen Welt am meisten fürchtete.

»Sie kann nicht weit sein!« rief derselbe mit vor Ingrimm bebender Stimme aus; »sie hat an der Quelle übernachtet, und ihr alle habt ihre Spuren noch im Ausgange des Passes gesehen. Wären wir nur eine halbe Stunde früher ins Freie gelangt, so hätten wir wenigstens noch ihren Kopf aus der Ferne entdecken müssen; denn noch ist es keine zwei Stunden her, seit der Sand Manneshöhe erreichte.«

Die junge Frau, mehr einem Instinkt als einer ruhigen Überlegung folgend, schmiegte sich noch fester an den Boden. Sie berechnete aus dem Geräusch, daß die Reiter an ihr vorüberreiten würden und hoffte daher, unentdeckt zu bleiben.

»Eine Frau, welche dem Gatten entflieht, sollte man ruhig laufen lassen, anstatt ihr in einem solchen verfluchten Wetter nachzujagen!« sagte die erste Stimme jetzt wieder mit noch ausgeprägterem Mißmut.

Die junge Frau schauderte; die Reiter befanden sich ihr gerade gegenüber, kaum fünfzehn Schritte weit von ihr entfernt, und der Wind trug ihr jede einzelne Silbe ihres Gespräches zu.

»Mögen die Gebeine der Abtrünnigen im Sande bleichen, wenn es mir nur gelingt, des Knaben wieder habhaft zu werden«, entgegnete derjenige, den die junge Frau als ihren Gatten erkannt hatte; »ja, ich muß ihn wiederhaben, denn erstens ist es mein Kind, und zweitens knüpfen sich zu große Rechte an seine Person. Alles, alles wäre verloren, geriete er in unrechte Hände. Wir müssen ihn finden, und wir finden ihn auch, und sollten wir ihn halbtot unter dem Sande –«

Weiter vernahm die Mutter nichts mehr, die Reiter galoppierten schon wieder außerhalb der Hörweite dahin, und immer schwächer drang zeitweise nur noch das Schnauben und Stampfen der Pferde zu ihr herüber.

»Wer wohl heiligere Rechte an Dich besäße?« sagte sie, in Tränen ausbrechend, indem sie dem erwachenden Kinde mit Küssen den Mund schloß, denn noch immer befürchtete sie, daß ein Ruf oder ein Aufschrei des Knaben die Reiter zurückrufen würde. »O wer besäße wohl heiligere Rechte an ein Kind, als die Mutter desselben? Aber still, mein Engel, sie sollen Dich nicht haben, um Dich ihren schändlichen Zwecken dienen zu machen. Ich rette Dich, und sollten wirklich meine Gebeine im Sande bleichen. Du mußt, Du wirst gerettet werden, oder es gibt keine Gerechtigkeit mehr im Himmel. Auch trinken sollst Du, so viel Du nur willst, und wenn der Sturm sich gelegt hat, dann kehren wir ur Quelle zurück, um dort beständigeres Wetter abzuwarten; sei darum ruhig, mein Herzenskind, Deine Mutter ist bei Dir.«

Während die von Angst und Sorge erfüllte Mutter in dieser Weise dem jammernden Knaben beruhigend zusprach, suchte sie ihm, da der dicht wirbelnde Sand den Gebrauch der Tasse nicht gestattete, das Wasser gleich aus dem Schlauch einzuflößen. Es gelang ihr dies nur mit vieler Mühe. Nachdem sie endlich seinen Durst gestillt und auch selbst einen bescheidenen Trunk zu sich genommen, legte sie sich so neben ihn hin, daß er nicht von dem Sturm getroffen werden konnte. Mittelst der Decke stellte sie sodann, dieselbe unter ihren Schultern befestigend, eine Art Zeltdach für sie beide her, und da sie sich überzeugte, daß in dem geschützten Winkelchen der Staub nicht mehr mit erstickender Gewalt in die Luftröhren eindrang, so drückte sie ihr Kind fest an sich, um in dieser Lage das Niedergehen des Windes abzuwarten. Das Kind entschlief bald wieder; auch die Mutter vermochte nicht lange dem Schlaf Widerstand zu leisten; sie war zu erschöpft von der beschwerlichen Wanderung, zu gebrochen durch die andauernde Seelenqual.

Hui! Wie der Sand über den entstehenden Hügelchen kreiste und kreiste, ehe er sich niederließ, und wie die sinkende Sonne so braunrot und trübe, so ganz ohne Strahlen niederschaute! Aber um die Sandhügelchen herum, unter welchen zwei lebende Wesen immer schwächer atmeten, schlich näher und näher, die gierigen Krallen nach seinen Opfern ausstreckend, der grimme, unbarmherzige Tod. –

2 - Die Matrosenschänke

Die Vereinigte Staaten-Regierung hatte den Mormonen den Krieg erklärt, und am Missouri wurde an allen den Zwecken entsprechenden Punkten mächtige Wagentrains befrachtet und ausgerüstet, teils um die nach dem Salzsee bestimmten Truppen durch die endlosen Steppen und Wüsten zu begleiten, teils um den schon in der Nähe des Salzseetales lagernden Kommandos Lebensmittel und Kriegsmaterial zuzuführen. Doch Kriege wurden zu damaliger Zeit von den Bürgern der Vereinigten Staaten noch außerordentlich leicht genommen, namentlich aber ein Feldzug gegen die Mormonen, zu welchem man nicht einmal Freiwillige aufzubieten brauchte. Man hielt nämlich eine reguläre Armee von sechs- bis achttausend Mann für hinreichend, eine doppelt so starke Macht der entschlossensten und zugleich fanatisierten Männer nach allen vier Himmelsgegenden auseinander zu jagen, und gab sich nicht einmal die Mühe, den Mormonen die Wege, auf welchen sie ihre Hilfsmittel erhielten, abzuschneiden. Ja, man ging sogar so weit, den aus allen Richtungen, gehorsam den Befehlen ihres Propheten, herbeieilenden »Heiligen« und Proselyten, gegen gute Bezahlung Alles einzuhändigen, was sie wünschten, und wären es auch die für das warme Herzblut und die gefundenen Glieder der Vereinigte Staaten-Truppen bestimmten Kugeln gewesen.

Der Krieg gegen die Mormonen war also erklärt, ohne daß dadurch New York von der Stelle gerückt worden wäre. Es herrschte daselbst noch immer dasselbe Leben und Treiben. Schiffe gingen, Schiffe kamen, Menschen und Waren wurden hierhin und dorthin gestoßen und versendet, und unter denjenigen, die dort nach langer Seefahrt den Fuß wieder zum ersten Mal aufs Festland setzten, befand sich gewiß keine geringe Zahl solcher Leute, deren Endziel die heilige Stadt der Mormonen am großen Salzsee. –

Doch wer hätte sich wohl die Mühe geben mögen, unter allen denen, die dort landeten, die Mormonen herauszusuchen, um so mehr, da dieselben kein äußeres Erkennungszeichen an sich trugen? Sie sahen eben aus, wie alle übrigen Menschen, und schienen nicht minder Eile zu haben, wie die Hunderte und Tausende verschiedener Gestalten, die alle ihren verschiedenen Beschäftigungen nachgingen, ohne sich einer um den ändern zu kümmern.

Wer nun in den letzten Nachmittagsstunden eines freundlichen Herbsttages, von der Landungsbrücke der zur Philadelphia -Eisenbahnlinie gehörenden Dampfboote aus, seine Blicke über den von der Flut gestauten Hudson nach seiner Mündung zu hätte schweifen lassen, dem würde unter den zahllosen Fahrzeugen gewiß ein Schiff besonders aufgefallen sein, welches, in der Mitte des Stromes regungslos vor Anker liegend, sich durch seine schlanken Spieren, straffe Takelage und durch die achtunggebietenden Reihen halb geöffneter Kanonenluken als ein Kriegsschiff bekundete. Von der Gassel flatterten im Abendwinde die lustigen Sterne und Streifen der großen Republik, während der kurze gedrungene Schornstein noch immer die Rauchwolken der ersterbenden Maschinenfeuer in die mit Steinkohlendunst angefüllte Atmosphäre hinaufsandte und dem stattlichen Fahrzeug den äußeren Charakter eines nach wildem Wettlauf dampfenden und rastenden Renners verlieh.

Wanderten die Blicke dann von den größeren Fahrzeugen zu den kleineren und allerkleinsten hinüber, so begegneten sie auch hier einem Boot, welches die Aufmerksamkeit länger fesselte, und zwar, weil es, wie die bewaffnete Schraubencorvette, den ernsten Zwecken des Krieges zu dienen schien. Es trug dieselben Farben, wie die Corvette, und auch in denselben Verhältnissen angebracht, wie bei jener, so daß man es auf den ersten Blick für einen Angehörigen derselben erkannte, auch ohne das U. S. M. auf den Hüten und blauen Hemden der vierrudernden Matrosen und des das kleine Steuer führenden Bootsmanns beobachtet zu haben.

Es waren übrigens vier dralle, kräftige Burschen, die auf den Ruderbänken saßen. Ihre Physiognomien, soweit die vollen Backen- und Kehlbärte sie nicht beschatteten, waren braun wie Mahagoni, ihre knochigen Fäuste nicht minder; wo aber die Hemdenkragen vorn auf der Brust auseinanderschlugen, da erblickte man, wie auch auf den entblösten Unterarmen, ein solches Gewirr von blau tätowierten Ankern, Herzen, Anfangsbuchstaben des eigenen Namens und der Namen von Mädchen, denen einst ewige Treue geschworen worden war, daß ein vollblütiger Minetareh- Indianer auf die unauslöschlichen verschlungenen Linien hätte neidisch werden können.

Doch die tätowierten Zeichen waren ja nicht aus der Ferne zu unterscheiden; um so besser erkannte man aber dafür den prächtigen Rudertakt, in welchem sie das Boot über die Fluten dahintrieben. Handhabten sie doch die wuchtigen Riemen, als wenn es ebenso viele Pfeifenstiele gewesen wären, oder als ob sie sich, anstatt auf den Ruderbänken, an einem schönen Sonntag Mittag beim Wegstauen eines gut geratenen Puddings befunden hätten.

Genug, jeder einzelne dieser Burschen zeigte das untadelhafte Bild einer richtig auskalfaterten Theerjacke Nr. 1. A., doch bei allem Dem waren sie nichts, im Vergleich mit dem Hochbootsmann, der hinten im Stern des Bootes saß und das leichte Fahrzeug mittelst zweier an dem kleinen Steuer angebrachten Schnürchen in seinem schnellen Lauf lenkte.

In der Bekleidung unterschied sich derselbe von seinen Gefährten nur dadurch, daß er ein silbernes Pfeifchen an einer silbernen Kette um den Hals trug, dagegen lag in seiner nachlässigen Haltung eine solche Würde, ein solches Selbstbewußtsein, wie nur eben ein Mensch empfinden kann, der nach langen Jahren schweren Dienstes endlich die erste Stufe zur höchsten Macht erstieg.

Sein Körper war groß, hager und von herkulischem Bau, die Bewegungen aber, trotz der fünfzig bis sechzig Jahre, die er schon flott gewesen, noch immer leicht und sicher, wie bei Jemandem, der das Bewußtsein hegt, nie eine falsche oder vorschnelle Bewegung auszuführen. Seine Fäuste glichen einem Paar eiserner Schraubstöcke; seine Arme festen Handspeichen; sein dunkelbraunes Gesicht aber, welches dünnes, schwarzes, mit etwas Grau untermischtes Haupthaar von oben, und ein dichter blau-schwarzer Bart, der wie eine Binde von dem einen Ohr nach dem ändern unter dem Kinn durchlief, von unten einrahmte, erinnerte nicht wenig an ein altes zerfetztes Logbuch, in welchem schon seit einem halben Jahrhundert die Stürme und Windstillen aller Breiten und Längen eingetragen worden.

Die ursprünglichen Gesichtsformen bei ihm herauszufinden, würde gewiß schwer gehalten haben, denn außerdem, daß die Haut durch die stets wechselnden atmosphärischen Einflüsse, wie bei einem Blatterkranken, verharrscht war, lief noch zum Überfluß von dem rechten Ohr quer über die Nase nach dem linken Auge eine furchtbare Narbe hinüber, die er offenbar dem Schlage mit einem Messer oder dem Hiebe mit einem kurzen schweren Cutlaß oder Enterschwert verdankte.

Sein gewiß nicht schönes Gesicht erhielt durch die verunstaltende Narbe einen merkwürdigen Ausdruck grimmiger Wildheit. Derselbe wurde indessen bedeutend gemildert durch die kleinen, etwas zusammengekniffenen Augen, die, verschlagen unter dichten büschigen Brauen hervorlugend, bei allem Ernst doch einen hohen Grad von Gutmütigkeit verrieten.

Die unzähligen Ruder- und Segelboote, die, bald geführt von kundigen Händen, bald bemannt mit unbeholfenen Landratten und luftfahrenden Müßiggängern, nach allen Richtungen hin das Fahrwasser der eben beschriebenen Jolle kreuzten, derselben begegneten oder von ihr eingeholt wurden, schien der alte Bootsmann gar nicht zu bemerken. Er überließ es gleichsam dem Instinkt seiner Hände, den Weg zwischen den vielen Hindernissen, ohne anzustoßen, hindurch zu steuern; denn seine Blicke waren beständig nach oben auf die Takelagen der doppelten und dreifachen Reihe von Kauffahrern gerichtet, die ihm die Aussicht auf die Stadt selbst verbargen.

Er sprach kein Wort, allein der Kapitän eines jeden Fahrzeugs, an welchem er vorüberschoß, hätte aus seinem Mienenspiel das Urteil über das herauszulesen vermocht, was er eben einer flüchtigen Prüfung unterworfen hatte, und zwar ein Urteil, so richtig und treffend, daß es eine ganze Marine- kommission nicht richtiger und treffender hätte fällen können.

Er mußte indessen mehr zu tadeln als zu loben finden, denn sein Mund kam aus dem verächtlichen Zucken kaum heraus, welches bald einem von Schmutz klebenden französischen Dreimaster, bald der schnatternden Bemannung eines Spaniers, oder auch der schief gestauten Ladung irgend eines andern Schiffes galt. Wenn er aber an einem Engländer vorüberfuhr, dann zuckte seine mit Tabak ausgestopfte Wange krampfhaft, und gleichzeitig sendete er einen braunen Strahl zwischen seine Zähne hindurch nach demselben hin, als ob es des armen Schiffes Schuld gewesen, daß es einer, den Amerikanern, vielleicht auch vielen anderen Völkern, verhaßte Nation angehört habe.

Gewahrte er dagegen irgendwo den lustigen Bratrost, (scherzhaft für rotgestreifte Flagge), so zwinkerten seine Augen vergnügt, und der Eindruck, den der Anblick des geliebten Sternenbanners auf ihn ausübte, mußte ein ziemlich nachhaltiger sein, denn er war dann in der nächsten Minute nicht abgeneigt, irgend einen ihm zugerufenen Gruß durch ein leises Kopfnicken zu beantworten, vorausgesetzt, der Gruß ging von richtigen Theers aus, und nicht von paddelnden behandschuhten Landratten, die kaum einen Ostindienfahrer von einem Heuschober zu unterscheiden vermochten, oder gar die Breitseite eines Kriegsschiffes für ein neumodisches Musikinstrument ansahen.

Während also der Bootsmann hierher und dorthin schaute, schielte er auch zuweilen nach zwei Männern hin, die auf der vordersten Bank seiner Jolle saßen und sich in eine eifrige Unterhaltung vertieft hatten. Was dieselben erörterten, blieb ihm allerdings fremd, denn sie tauschten ihre Ansichten in einer Sprache aus, von welcher er kein Sterbenswort verstand, doch hielt ihn das nicht ab, mit der größten Aufmerksamkeit ihren Stimmen zu lauschen, obgleich es den Anschein hatte, als seien gerade sie die Letzten auf der ganzen Welt, um die er sich hätte kümmern mögen.

Die beiden Männer, nur wenig jünger als der Bootsmann, waren einfach, jedoch vornehm gekleidet, und verrieten den Ausländer in ihrer äußeren Erscheinung nicht weniger, als durch ihre Sprache. Ihre länglichen Gesichter, mit den scharf ausgeprägten Zügen und den hellen graublauen Augen, trugen eine gewisse Ähnlichkeit mit einander, doch lag dieselbe mehr in den hervortretenden Eigentümlichkeiten der Nationalität, welcher sie angehörten, als daß sie aus einem verwandtschaftlichen Verhältnis entsprungen wäre.

Der größere, der von seinem Gefährten mit dem Namen Jansen angeredet wurde, hatte in seinem Gesicht etwas Finsteres und Verbissenes, und wenn er sprach, so lag im Ton seiner Stimme ein unverkennbarer Sarkasmus, der sich wohl heraushören, aber weniger leicht beschreiben läßt. Seine Augen waren unstet, erhaschte man aber einen Blick aus denselben, dann neigte man unwillkürlich zu der Annahme hin, daß dennoch freundliche, wohlwollende Gefühle hinter denselben schlummern dürften. Seine Neigungen waren aus seinem ernsten und überlegenden Wesen nicht zu erraten, wohl aber hinterließ er den Eindruck, daß er, was für Leidenschaften ihn auch immer beseelen mochten, denselben Alles, sogar sein Leben zum Opfer bringen würde.

Sein Gefährte, der einige Jahre mehr zählte, die Fünfzig also schon erreicht hatte, sah nicht minder finster aus, allein es hielt nicht schwer, zu entdecken, daß dieser Ausdruck erkünstelt war und als Maske diente; denn hinter dem ernsten nachdenkenden Wesen lugte ganz verstohlen die Verschlagenheit und Geschmeidigkeit eines Fuchses hervor, die keine Treue und keinen Glauben kennt, und nur danach trachtet, auf Kosten Anderer an das sich selbst gesteckte Ziel zu gelangen. Seinen Gefährten schien er an Verstand, oder vielmehr an List, weit zu überragen und in seiner Handlungsweise, ohne daß dieser es ahnte, ganz nach Gefallen wie ein Kind zu lenken und zu leiten. Er zeigte überhaupt das Bild eines durchtriebenen Jesuiten, der genau jedes der eigenen Worte abzumessen versteht, um die Wirkung desselben unfehlbarer und nachhaltiger zu machen.

»Ist dies die bezeichnete Landungsstelle?« fragte Jansen, indem er gleich seinem Gefährten aufstand.

»Aie, Aie, Herr«, antwortete der Bootsmann, sich ebenfalls erhebend und über die Bänke hinweg dem Vorderteil der Jolle zuschreitend.

Die beiden Passagiere sahen nach der Uhr, wechselten einige Worte miteinander, und wendeten sich dann mit unentschlossener Miene zu dem alten Seemanne, der nunmehr schon hinter ihnen stand und ihnen den Vortritt auf der Treppe lassen wollte.

Dieser mochte ihr Zaudern für Zweifel an seinen Worten halten, denn nachdem er sich geräuspert und einen tiefen grunzenden Ton ausgestoßen hatte, der fast wie »Goddam« klang, versicherte er höchst lakonisch, daß dieses der Punkt sei, wo sie abgesetzt zu sein gewünscht hätten, und daß er ihnen sehr verbunden sei, wenn sie ihm sein Fahrwasser etwas klar machen, mit anderen Worten, ihn vorbeilassen wollten.

»Das ist es nicht, guter Freund«, entgegnete Rynolds, der kleinere der beiden Fremden, mit einschmeichelnder Höflichkeit, »wir finden nur, daß es noch etwas früh am Tage ist, und wir wohl kaum jetzt schon den Freund, an welchen wir empfohlen sind, in seiner Behausung antreffen dürften. Wir möchten daher an einem beliebigen Ort ein Stündchen verweilen, wissen aber bei unserer Unkenntnis der Stadt nicht, wohin wir uns wenden sollen. Vielleicht könnt Ihr uns eine Stelle bezeichnen, und wenn es eine Schänke wäre, wo wir uns in irgend einem Winkelchen so lange unbeachtet aufhalten können. Wir sind bescheiden in unseren Ansprüchen.«

Während Rynolds noch sprach, glitt kaum merklich ein Lächeln der Zufriedenheit über die vernarbten Züge des alten Seemannes. Das unvorhergesehene Ansinnen schien ihn zugleich zu überraschen und zu erfreuen, denn mit mehr, als ihm sonst geläufiger Höflichkeit teilte er den beiden Passagieren mit, daß gar nicht weit von der Landungsstelle, in einem Nebengäßchen eine vielbesuchte Matrosenschänke liege, in der aber auch ein besonderes Gemach für solche Gentlemen eingerichtet sei, welche, wenn den Tag über angestrengt auf den Werften beschäftigt, dort hin und wieder Erholung und Erfrischung suchten.

Die Fremden stimmten bereitwillig zu, der Bootsmann stieg ihnen voran die Treppe hinauf, und unverzüglich traten sie ihren Weg nach der nächsten Straße an.

Kaum waren sie aber zehn Schritte weit von der Treppe entfernt, da bat der Bootsmann seine Begleiter, eine Minute zu verziehen, indem er vergessen habe, den Matrosen die nötigen Befehle zu erteilen. Sein Wunsch wurde erfüllt, und im nächsten Augenblick neigte er sich an der Treppe nieder, wobei er die Fremden aber nicht aus den Augen verlor.

Obgleich er nun glaubte, dieselben nicht aus den Augen verloren zu haben, so hatten sie doch Zeit gefunden, auch über ihn ihre Bemerkungen auszutauschen, die ihm allerdings, wenn er sie auch gehört hätte, unverständlich geblieben wären, die sie aber in semer Gegenwart, aus geheimer Scheu vor dem grimmigen alten Seemanne, wohl kaum auszusprechen gewagt hätten.

»Ihr könnt mir glauben, der Kerl soll uns nachspüren«, sagte Rynolds heimlich zu seinem Gefährten, sobald er sich unbeobachtet wähnte, »und nur um seine Wachsamkeit einzuschläfern, forderte ich ihn auf, uns in irgend eine Kneipe zu führen. Nach Einbruch der Dunkelheit kann es uns nicht schwer werden, von dort aus unbemerkt zu entkommen.«

»Gewiß soll er uns nachspüren«, antwortete Jansen, »denn vergebens hat der milchbärtige Lieutenant uns nicht gerade durch diesen alten Spitzbuben an's Land setzen lassen. Hole der Satan die ganze Nation!«

»Zu Euren Diensten, Gentlemen!« meldete sich der herantretende Bootsmann, und schweigend setzte sich die Gruppe nach dem Innern der Stadt zu in Bewegung. –

Nach wenigen Schritten befanden sich die drei Männer mitten in dem Gewühl von Menschen, Karren, Lastwagen, die auf der Werststraße mit betäubendem Geräusch auf und ab wogten, und nachdem sie sich durch dasselbe hindurchgearbeitet hatten, bogen sie in die nächste der Hauptstraßen ein, die fast in gerader Linie über die New Yorker Halbinsel hinüberführen.

Ohne Zögern bog der Bootsmann in die Quergasse ein, denn er entnahm aus dem Schall ihrer Tritte, daß die beiden Fremden ihm dicht auf dem Fuße nachfolgten, und ohne sich umzuschauen, schritt er eine kurze Strecke weit auf der linken Seite dicht unter den düster aussehenden Warenhäusern hin.

Plötzlich blieb er vor der weitgeöffneten Tür eines kleineren Hauses stehen, und sich zu seinen Begleitern wendend, deutete er mit der Hand auf einen wenig geräumigen, dunkeln, jedoch durch zwei Gasflammen erleuchteten Flur.

»Hier sind wir«, sagte der Bootsmann, einen Schritt zurücktretend, um seinen Begleitern den Vortritt zu gestatten; »riecht für 'ne städtische Nase wohl etwas zu sehr nach Salzwasser, aber im Sturm ist jeder Hafen willkommen. Haltet nur auf jene Tür nach Steuerbord zu; werdet dort jede Bequemlichkeit finden, und außerdem so wenig Gesellschaft, wie an Wochentagen in einer Kirche. Ist jetzt nicht die rechte Zeit zum Pressen, so kurz vor Einbruch der Nacht; besser des Morgens in der Frühe, wenn der Teufel den letzten Cent geholt hat und die Burschen tot vor Top und Takel treiben.«

Jansen und Rynolds folgten der angedeuteten Richtung und begaben sich in das bezeichnete Gemach, wo sie sogleich von einem Kellner in Hemdärmeln und einem Matrosenhut auf dem Kopfe nach ihren Wünschen befragt wurden. Ihr bärbeißiger Mentor dagegen trat auf die Schwelle der gegenüberliegenden Tür und ließ von dort aus, um sich vorläufig in der mit Tabaksrauch angefüllten Halle zu orientieren, seine Blicke prüfend über das tolle Getreibe hingleiten.

»Hallo! Jini Raft! Alte Vogelscheuche! Welcher Wind hat Dich bis hierher verschlagen?« rief plötzlich eine Stimme, die mehr dem Knarren einer durstigen Ankerwinde, als irgend einem anderen Tone glich, und es humpelte hinter dem Schänktisch der Kellner und Eigentümer des Lokals, ein alter stelzfüßiger Seemann hervor und gerade auf den Bootsmann zu, dem er sodann mit großer Herzlichkeit die Hand schüttelte.

»Ahoi, Jungens!« rief er aus, und sein Stelzfuß schmetterte auf die dröhnenden Bretter. »Ich sehe Euch Alle gern in meiner Kombüse, aber Keinen lieber als meinen alten Maat hier, den Hochbootsmann von der Vereinigte Staaten-Corvette Leopard, den Master Jim Raft. Wo er also auch immer beizulegen wünscht, da werdet Ihr den Platz klar machen, oder Ihr sollt Alle kieloberst zur Hölle fahren!«

Die Matrosen, größtenteils junge, lebenslustige Burschen, nahmen die Rede mit einem donnernden Hurrah entgegen, und sei es nun, daß sie sich den Wirt zum Freunde zu halten wünschten, oder daß sie eine gewisse Achtung vor der würdigen Erscheinung Jim Raft's empfanden, genug, es war kein einziger in der Halle, der dem Eintretenden nicht seinen Platz und zugleich seine Zeche für den Abend angeboten hätte.

Die lebhafte Unterhaltung, welche bei Raft's Eintritt in der Halle geführt worden war, wollte indessen gar nicht wieder in den Gang kommen; es hatte den Anschein, als wenn alle erwarteten, daß der noch seefeuchte Bootsmann das Wort ergreifen und mit der Erzählung seiner jüngsten Erlebnisse vortreten würde.

Dieser verharrte indessen längere Zeit schweigend und blinzelte nur zuweilen nach dem Gemach der Gentlemen hinüber, bis ihn endlich ein neben ihm sitzender Lotse durch eine hingeworfene Bemerkung, zum größten Ergötzen aller Anwesenden, zum Sprechen zwang.

»Es ist mir ganz neu«, sagte derselbe in geringschätzigem Tone, halb zu Jim Raft, halb zu dem Stelzfuß gewendet, »in der Tat, ganz neu, daß Kriegsschiffe der Vereinigten Staaten auch zum Transport von Emigranten verwendet werden.«

Sehr originell, und auch mir ganz neu«, antwortete Raft, aber das Blauwerden in seiner Narbe verriet, daß er sehr wohl fühlte, gegen wen der Angriff eigentlich gerichtet sei.

»Ich habe den Leoparten einlaufen sehen«, fuhr der Lotse in derselben Weise fort, »und Ihr mögt mich blind nennen wie eine gemalte Stückpforte, wenn ich über seinen Schanzen nicht einige Köpfe mehr bemerkte, als er mit in See genommen hatte, und zwar Köpfe, zu denen eine Theer- kappe gepaßt haben würde, wie ein Feuereimer auf dem kahlen Schädel eines katholischen Heiligen.«

»Ich bemerkte nicht, daß der Leopard beim Einlaufen einige Dutzend Köpfe mehr zählte, als beim Auslaufen«, antwortete Raft, und der Barometer in seinem Gesicht deutete wieder auf ruhiges Wetter, denn er mochte wohl zu der Überzeugung gelangt sein, daß eine aus Neugier hingeworfene Frage schließlich nicht immer eine Beleidigung enthalte. »Ja, einige Dutzend Köpfe mehr«, wiederholte er sinnend, nachdem er einen tiefen Zug aus seinem Glase getan und eine der langen Tonpfeifen gefüllt und in Brand gesetzt hatte; »aber an den Beinen will ich mich aufhissen lassen, und zwar an der Raae des ersten besten, schmutzigen, kauderwelschen Franzosen, wenn zu den meisten dieser Köpfe eine Theeerkappe nicht eben so gut paßt, wie zu einem Lotsenschädel!«

Der Lotse zog einen schiefen Mund, kniff ungläubig sein rechtes Auge zu und schleuderte kurz hinter einander, wie eine Fumarole, ein halbes Dutzend dichter blauer Dampfwolken mit Heftigkeit von sich.

Raft bemerkte die Zeichen und deutete sie ganz richtig. Er antwortete aber nicht sogleich, sondern ließ, um die Neugier seiner Zuhörer noch mehr auf die Folter zu spannen, ein eigentümlich grimmiges Lächeln des Selbstbewustseins um seine Lippen spielen.

Nach einer Pause nahm er die Pfeife aus dem Munde und wies mit der Spitze derselben nach dem »Gemach der Gentlemen« hinüber. »Dort sitzen ein paar Passagiere des Leoparden«, hob er endlich an, und indem er sich etwas über den Tisch lehnte, benutzte er den Augenblick, in welchem die Aufmerksamkeit aller sich der angedeuteten Richtung zuwendete, seinem Freunde Stelzfuß ins Ohr zu flüstern: »Verdammte Landpiraten! Ich muß signalisiert werden, wenn sie Anker lichten!«

Der Stelzfuß nickte zustimmend und entfernte sich auf einige Minuten aus der Halle, und bald darauf hingen die Blicke aller Anwesenden wieder an dem Munde des Bootsmannes, von dem man nunmehr einer weiteren Erklärung seiner geheimnisvollen Worte entgegensah.

Endlich, nachdem er sich noch einmal heftig geräuspert und eine neue Pfeife angezündet hatte, begann er: »Kommt der Leopard aus den westindischen Gewässern, wo er so lange gekreuzt, um auf den Neufundlandbänken einen kurzen Ausguck zu halten. Eine steife Bö aus West, Südwest bei West; Kurs: Nordnordwest bei Nord; halbe Dampfkraft; dichtgereeftes Großmarssegel, Großsegel, Fock, Borstengestagsegel und Besahnstagsegel. Alle übrige Leinwand eingeholt und zierlich zusammengefaltet, wie'n Sonntagnachmittags-Hemde, oder das Taschentuch einer Brautjungfer. Ganz originell! – Weht also, daß die Haare vom Kopfe fliegen, und dazu macht der Himmel ein Gesicht, wie'n Midshipman vor einem versalzenen Reispudding; und haben die Seen weiße Perrücken, daß der gepuderte Leibkutscher der Königin von England sie darum hätte beneiden mögen.«

»Denke, Ihr müßt schon solchen Leibkutscher gesehen haben?« unterbrach der Lotse den redseligen Bootsmann. »Goddam, mehr wie einen!« antwortete Raft, indem er zwei Dampfwolken, eine durch die Nase und die andere zwischen den Lippen durchblies. »Sah sie eigenhändig in London auf einem Wagen, der so blank war, als sei er eben erst frisch geteert worden, das ist originell. Saß einer vorn auf dem Gallion und hielt die Gäule, die davonlaufen wollten, und standen zwei hinten am Stern auf 'ner schmalen Laufplanken und führten das Steuer. Ja, ein Fahrzeug, wie 'ne Nußschale, und doch zwei Mann am Ruderhelm; mußte dem Steuer schlecht folgen und schlingerte dabei wie 'ne Hängematte. Hätte nicht drin sitzen mögen; bei Gott! Wurde beim Anblick schon seekrank.«

Hier pausierte Raft, um die Asche in seiner Pfeife niederzudrücken, und nachdem er sodann einen gewichtigen Blick auf seine Umgebung geworfen, fuhr er wieder fort:

»Ja, 's ist originell; Perrücken hatten die Seen aufgesetzt, so kraus und weiß, daß der Leibkutscher der Königin von England sie darum beneidet hätte, wenn sie nach London gekommen wären, um sie ihm zu zeigen. Und nahm die Bö die Perrücken und machte Regen draus. Verdammt! Tropfen, so fein und scharf wie 'ne Patent-Segelnadel. Sage Euch, Jungens, hielt der Leopard die See, als hätte er sich auf einem Tanzplatz befunden, und stampfte so leicht und zierlich, wie'n vierzehnjähriges Mädchen, das hoch aufgeschürzt auf den Zehenspitzen über eine naßgeregnete Straße hüpft. Das ist originell! Und klatschten die Seen vergeblich gegen die Schanzverkleidung, um auf Deck zu gelangen; machte der Leopard einen Diener, und oben saß er auf der nächsten See, daß die Perrücken sich in seinem Kupfer spiegelten und sich vor Schreck schäumend überschlugen. Ja, 's war 'ne Freude, solch 'ne Bö und solch 'n Fahrzeug!«-

»Hatte die letzte Morgenwache und hatte mich am Gangspill festgestaut. War schon heller Tag, kommt aber eine Squall nach der ändern herangesaust und macht es so dunkel, daß man einen Geitaublock mit einem Zwieback hätte verwechseln können. - Blicke hinauf zum Topmast: Alles in Ordnung; blicke aufs Vorderschiff: Alles in Ordnung. Schlägt die Wache acht Glocken; höre die Ablösung sich klar machen, schreit der Mann am Gallion: Schiff in Sicht luvbord! Schiff in Sicht luvbord! Schrei ich: Schiff in Sicht luvbord! Antwortet Meatherton, der erste Lieutenant, der mit mir zugleich die Wache hatte.«

»Der kleine Dick?« unterbrach der Stelzfuß mit lauter Stimme den Erzähler, indem er vor Überraschung emporsprang und seine Faust dröhnend auf den Tisch fallen ließ.

»Ja, der kleine Dick Weatherton«, entgegnete Raft, sich stolz in die Brust werfend. »Der kleine Dick Weatherton, der Sohn des großen Dick Weatherton, mit dem wir beide als Schiffsjungen manche Wache zusammen bezogen haben. Armer Kapitän Weatherton; er ist schon lange hinüber, während wir beide noch immer segelrecht oben schwimmen. Hm, nicht einmal ein ehrliches Seemannsgrab hat er gefunden; ist gestorben wie jeder andere gemeine Mensch: auf seinem Gute zwischen seinen vier Wänden. Haben ihn in den Sand gepackt, um ihn von den Würmern fressen zu lassen, und statt einer Ehrensalve aus einigen Dutzend Zwölfpfündern haben sie an seinem Grabe gesungen und geheult.

Obschon der alte Seemann seine wahren Gefühle zu verbergen trachtete, so waren dieselben doch keinem in der Gesellschaft entgangen, und alle teilten mehr oder minder die Rührung, die den Erzähler beinahe übermannt hätte.

Mehrere Minuten herrschte lautlose Stille in der Halle. Da erhob sich plötzlich der Stelzfuß, und nach dem Schänktische hinschreitend, gab er Befehl, die ganze Gesellschaft, zu Ehren des Kapitäns Weatherton, mit einer neuen Ladung Grog zu versehen.

Als er dann wieder vor Jim Raft Platz genommen, der noch immer in sich gekehrt dasaß, schlug er denselben auf die Schulter.

»Jim!« rief er aus, »Du hast von dem alten Weatherton erzählt, nun erzähle aber auch, was aus dem kleinen Dickie geworden ist.«

»Der kleine Dickie?« fragte Raft, und indem er mit der geballten Faust auf den Tisch schlug, daß alle Gläser klirrten, wich die letzte Spur von Rührung aus seinen eisenharten Zügen, und die Narbe nahm wieder ihre gewöhnliche Farbe an. »Der kleine Dickie? Der macht mir und seinem Vater alle Ehre. Ist jetzt Lieutenant Weatherton, und handhabt ein Schiff, als wenn seine Mutter 'ne leibhaftige Seejungfrau gewesen wäre. Ha, ha, ha! seine Mutter ist eine feine Lady, kann mir heute aber noch nicht vergessen, daß ich ihrem Dickie so viele und schöne Garne abgesponnen habe, und dieser die Zeit nicht abwarten konnte, bis er den Fuß auf ein Verdeck gesetzt haben würde. Verdammt! möchte wissen, was aus dem armen Jungen geworden wäre, hätte ich im nicht berechnet, daß aus ihm nie etwas Anderes, als ein Commodore werden dürfe. Ja, das ist originell! Der Junge hörte mehr auf mich, als auf seine Mutter und alle seine Lehrer. Wäre sonst auch nichts Anderes geworden, als ein spitzbübischer Advocat, oder ein Pflasterschmierer, oder ein Professor oder was es sonst noch für Landrattengesindel auf der Welt geben mag. Jetzt aber ist er Zweiter im Kommando auf dem Leopard, und erst fünfundzwanzig Jahre alt. Ja, ein stattlicher Junge und ein Lieutenant zur See Nr. 1. A.-

»Also: Lieutenant Weatherton antwortet: Schiff in Sicht luvbord!« fuhr Raft in seiner unterbrochenen Erzählung fort, indem er seine eigenen letzten Worte wiederholte; denn pünktlich, wie er in allem war, was seinen Dienst und das Seewesen betraf, vergaß er auch nie die Stelle, an welcher er beim Abspinnen eines Garnes stehen geblieben. »Ich selbst in drei Sprüngen die Leiter hinauf, und bei Gott! durch den Regen hindurch, kaum eine Kanonenschußweite vom Leopard entfernt, erblicke ich, treibend vor Top und Takel, ein Briggschiff. Reibe mir das Salzwasser aus den Augen, sehe aber immer dasselbe, nämlich das Fahrzeug, nur Stumpfen von Masten, und zwischen diesen flatternd, wie auf einer Waschleine, das Notsignal. Hatte die Bö es kahl rasiert, und See auf See stürzte ein auf das Wrack, als wenn dessen Verdeck der Musterungsplatz für alles Wasser der Christenheit gewesen wäre.

»War ein Schwede, die Brigg; hatte gute Teerjacken an Bord, denn der Leopard brauchte seinen Böten die Füße nicht einmal naß zu machen; denn kaum lag der Leopard still, da glitt auch die Barkasse der Brigg abseits der Brecher in die See. War eine Freude, die Jungem zu beobachten; im Nu war die Barkasse bemannt, und einzeln, wie die Proviantkisten in den Schiffsraum, wurden die Passagiere von dem letzten Raastumpfen zu ihr niedergelassen. 'S waren deren nicht viel, aber Schürzen waren dabei, verdammt! Weiber, doch sie hielten sich besser als manche Männer, die eine aus Wut, die andere aus Verzweiflung. Höre deutlich: »Alle an Bord?! Alle an Bord! Kappt!!«

»Hurrah! brüllen die Matrosen, Hurrah! antworten sechs dünne Stimmen von dem Wrack. Ja, war'n noch der Kapitän, ein Steuermann, zwei Matrosen und zwei Passagiere«, hier deutete Raft mit der Spitze seiner Pfeife nach dem ändern Gemach hinüber, »auf dem Wrack zurückgeblieben. Hatten keinen Platz mehr in der Barkasse gefunden, und wollten auch wohl noch die Schiffspapiere und ihr Geld retten. War eine schwedische Brigg, eigentlich kein Passagierschiff, hatte aber einige Kajütpassagiere mitgenommen. Arbeitet der Leopard also prächtig; hält sich genau in Kabellänge von dem Wrack, welches, nach dem Stillstehen der Pumpen, schnell tiefer und tiefer sinkt und, sich auf die Seite legend, von einer See nach der ändern überschüttet wird. Bei Gott! keine schöne Lage, in welcher sich die Zurückgebliebenen befanden. Hatten aber den Kopf nicht verloren, mußten schon manchen Südwester kennen gelernt haben.

»Heran kommt die See, heran kommt die Jolle; der Leopard wühlt sich in's Wasser hinein, wie eine Gluckhenne in ihr Nest. Alles fertig! Los die Leinen! Hurrah für die lustigen Sterne und Streifen! Die Leinen haben gefaßt, zwölf Arme ziehen die Blöcke nach sich, und eh' die See unter dem Steuer des Leoparden fortrollt, sitzen die Haken in den Ringen der Jolle. Das ist originell! Heiß an! Drei Dutzend gesunde Teerjacken laufen mit den straffen Tauen nach vorne; der Leopard nestelt sich tiefer in das Federbett des Schaumkessels, und als die nächste See ihn wieder hebt, hängt an seinem Spiegel, wohl befestigt an den Bootdavids, die Jolle mit Sack und Pack und naß, wie die Wasserratten, klettern die Letzten von der Brigg an Bord.

»Bei Gott, ein knappes Entkommen!« sagte der fremde Kapitän, dem Kommandanten des Leoparden, Dickie und den Zunächststehenden die Hand schüttelnd. Sprach schlechtes Englisch obendrein, ich sah aber Wasser in seinen Fenstern, als er nach seinem Schiff hinüberschielte. Armes Ding! war die höchste Zeit gewesen; kamen hinter einander drei See'n kanterten das Wrack kieloberst; ein Knall, als wenn mit zehn Achtundvierzigpfündern zugleich gefeuert worden wäre, die zusammengepreßte Luft strömte zwischen den zersprengten Planken hinaus, das Bugspriet hob sich noch einmal steil aus dem kochenden Kessel, und – gute Nacht, Brigg, auf Nimmerwiedersehen, und auf diese Weise sind Passagiere an Bord eines Vereinigte Staaten-Kriegsschiffs gelangt«, schloß der Bootsmann mit gehobener Stimme seinen Vortrag, indem er einen vielsagenden Blick auf den Lotsen warf.