Der Piratenlieutenant - Balduin Möllhausen - ebook

Der Piratenlieutenant ebook

Balduin Möllhausen

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Opis

In gewohnter Abenteuerroman-Manier erzählt Möllhausen die Geschichte mitteldeutscher Auswanderer die auf ihrer Reise in die Staaten mitten in die Auseinandersetzungen der Nord- und Südstaaten kommen ...

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Der Piratenlieutenant

Balduin Möllhausen

Inhalt:

Erster Band.

Erstes Capitel. Der Abschied.

Zweites Capitel. Der Kärrner.

Drittes Capitel. Die Erzählung einer Waise.

Viertes Capitel. Frau Kathrin.

Fünftes Capitel. Beim Rechtsanwalt.

Sechstes Capitel. Kärrner und Rechtsgelehrter.

Siebentes Capitel. Ein weißer Sclave.

Achtes Capitel. Der Herr Professor.

Neuntes Capitel. Eine Musikstunde.

Zehntes Capitel. Vertrauliche Mittheilungen.

Elftes Capitel. Auf dem Holzhofe.

Zwölftes Capitel. Eine weiße Sklavin.

Zweiter Band.

Dreizehntes Capitel. Auf der Lauer.

Vierzehntes Capitel. Aus dem Familienleben eines Schreibers.

Fünfzehntes Capitel. Neue Stunden.

Sechszehntes Capitel. Der Wohnungswechsel.

Siebzehntes Capitel. Der neue Vormund.

Achtzehntes Capitel. Ein unerwarteter Freund.

Neunzehntes Capitel. Das Entkommen.

Zwanzigstes Capitel. In der Kellerwohnung.

Einundzwanzigstes Capitel. In der Dachwohnung.

Zweiundzwanzigstes Capitel. In der Bibliothek.

Dreiundzwanzigsten Capitel. Die Entscheidung.

Vierundzwanzigstes Capitel. Der letzte Abend.

Dritter Band.

Fünfundzwanzigstes Capitel. Auf den Spuren der Rebellen.

Sechsundzwanzigstes Capitel. Im Lager.

Siebenundzwanzigstes Capitel. Die Sklavenräuber.

Achtundzwanzigstes Capitel. Der Ueberfall.

Neunundzwanzigstes Capitel. Die Villa des Millionärs.

Dreißigstes Capitel. Der Revenger.

Einunddreißigstes Capitel. Rückerinnerungen.

Zweiunddreißigstes Capitel. Ein Yankee-Trick.

Dreiunddreißigstes Capitel. Der Wechsel der Lage.

Vierunddreißigstes Capitel. Die verhängnißvolle Nacht.

Vierter Band

Fünfunddreißigstes Capitel. Stromaufwärts.

Sechsunddreißigstes Capitel. Der Millionär und seine Schützlinge.

Siebenunddreißigstes Capitel. Der Erbe des Millionärs.

Achtunddreißigstes Capitel. In Saint-Louis.

Neununddreißigstes Capitel. Ein Abend in der Villa.

Vierzigstes Capitel. Eine gefährliche Entdeckung.

Einundvierzigstes Capitel. Im Comptoir des Millionärs.

Zweiundvierzigstes Capitel. Auf den Mississippidampfern.

Dreiundvierzigstes Capitel. Am Rande des Grabes.

Vierundvierzigstes Capitel. Trost und Pflege.

Fünfundvierzigstes Capitel. Die erfüllten Aufträge.

Sechsundvierzigstes Capitel. Scenen des Friedens und Glücks.

Siebenundvierzigstes Capitel. Schluß.

Der Piratenlieutenant, B. Möllhausen

Jazzybee Verlag Jürgen Beck

Loschberg 9

86450 Altenmünster

ISBN: 9783849631857

www.jazzybee-verlag.de

[email protected]

Balduin Möllhausen – Biografie und Bibliografie

Reise- und Romanschriftsteller, geb. 27. Jan. 1825 in Bonn, gest. 28. Mai 1905 in Berlin, erlernte in Pommern die Landwirtschaft, begab sich 1850 nach Amerika, wo er sich 1851 der Reise des Herzogs Paul von Württemberg nach den Felsengebirgen anschloß. Hier wurde er unter die Omahaindianer verschlagen, bei denen er fünf Monate verbrachte, fuhr dann den Mississippi herab nach New Orleans, wurde später auf Verwenden A. v. Humboldts einer amerikanischen Expedition nach dem fernen Westen als Topograph und Zeichner beigegeben und kehrte 1854 über San Francisco und den Isthmus von Panama nach Deutschland zurück, wo ihn König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen zum Kustos der Bibliotheken in den Schlössern von Potsdam ernannte. Eine abermalige Reise nach Nordamerika 1857–58 führte ihn in Gesellschaft des Ingenieurs Ives in die noch unbekannten Gegenden am mittlern Colorado. Seit 1886 lebte er in Berlin. Er gehörte zur Tafelrunde des Prinzen Friedrich Karl von Preußen, dessen Andenken er die »Dreilinden-Lieder« (Berl. 1896) widmete. Die Ergebnisse seiner Reisen legte er nieder in den Werken: »Tagebuch einer Reise vom Mississippi nach den Küsten der Südsee« (Leipz. 1858; 2. umgearbeitete Aufl.: »Wanderungen durch die Prärien und Wüsten des westlichen Nordamerika etc.«, das. 1860) und »Reisen in die Felsengebirge Nordamerikas« (das. 1861, 2 Bde.). Außerdem verfaßte er zahlreiche Romane und Novellen, die meist in der Neuen Welt spielen, wie: »Die Halbindianer« (1861), »Der Flüchtling« (1862), »Der Mayordomo« (1863), »Das Mormonenmädchen« (1861, 3. Aufl. 1871), »Reliquien« (1865), »Der Meerkönig« (1867), »Der Hochlandpfeifer« (1868), »Der Piratenleutnant« (1870, 3. Aufl. 1902), »Der Fanatiker« (1883), »Der Trader« (1884), »Wildes Blut« (1886), »Das Geheimnis des Hulks« (1889), »Der Fährmann am Kanadian« (1890), »Haus Montague« (1891), »Die beiden Jachten« (1891), »Die Söldlinge« (1892), »Der Spion« (1893), »Kaptein Meerrose und ihre Kinder« (1894), »Welche von beiden?« (1897, 2 Bde.), »Der alte Korpsbursche« (1898), »Das Fegefeuer in Frappes Wigwam« (1900) u.a. M., der mit Gerstäcker verglichen werden kann, war diesem in der Darstellung der Zustände und der Charaktere nicht ganz ebenbürtig, besaß aber ein bemerkenswertes Talent zu ansprechender Naturschilderung.

Der Piratenlieutenant

Erster Band.

Erstes Capitel. Der Abschied.

»Bis hierher und nicht einen Schritt weiter, lieber Johannes, gestatte ich Dir, mich zu begleiten. Gieb mir daher die Reisetasche und laß uns scheiden, scheiden als das, was wir einander stets gewesen sind und bleiben werden, als unveränderliche, treue Freunde.«

»Eigentlich wollte ich mich erst im Dorf von Dir trennen, nachdem ich mich überzeugte, daß Du in dem Hauderer ein gutes Plätzchen gefunden – und die Tasche, meine gute Anna, sie ist nicht leicht, wirklich, es wäre besser, ich trüge sie bis dahin.«

»Nein nein, Johannes, hier laß uns scheiden, bedenke, im Dorfe wohnen Leute, die ich kenne und denen ich ebenfalls Lebewohl sagen möchte, ständest Du aber dabei und ich könnte Dir meine Zeit nicht ganz allein schenken, so wäre mir das zu schmerzlich. Ferner kann es vier, fünf Uhr werden, bevor der Hauderer eintrifft; was sollte nun Deine arme Mutter glauben, kehrtest Du so spät heim, während Du sie jetzt gerade von ihrem Mittagsschläfchen erwacht findest.«

»Nur noch bis an den Meilenstein,« bat Johannes freundlich, »auf der Bank dort wollen wir ein Weilchen rasten – wer weiß, wo und wann wir uns wiedersehen – und wenn es denn nicht anders sein kann – ja, Anna, so will ich eben umkehren.«

»Gut, lieber Johannes, diese Strecke gebe ich noch zu,« entschied Anna, »jedoch nur unter der Bedingung, daß Du mir die eine Handhabe überläßt und wir die Tasche gemeinschaftlich tragen.«

Mit einem schwermüthigen Lächeln erfüllte Johannes die Bedingung, und dann schritten die beiden jungen Leute längere Zeit schweigend auf dem Sommerwege der Chaussee dahin. Sie schritten dahin ernst und sinnend, wie es wohl gerechtfertigt ist, wenn Jugendgespielen, die stets mit herzlicher Liebe an einander gehangen haben, von dem Geschick getrennt und in Sphären geschleudert werden, welche sie, der nothwendigen Trennung wegen, als ihnen feindlich zu betrachten geneigt sind; sie schritten dahin, nur von dem Gedanken an den bevorstehenden Abschied beseelt: Anna mit anmuthigen, leichten und elastischen Bewegungen, ihr Gefährte dagegen, als ob des Lebens Last ihn unendlich schwer bedrücke und er nur noch mit Mühe sich vorwärts bewege.

Erstere hatte kaum das sechszehnte Jahr erreicht, stand also in dem Alter, in welchem bei ihrer hohen natürlichen Bevorzugung holde Kindheit und schüchtern erwachende Jungfräulichkeit sich zu einem überaus lieblichen Bilde vereinigten. Ihre zarte Gestalt zeigte eben noch kindliche Formen, welchen indessen eine gewisse, das schönste Ebenmaß herstellende Fülle nicht mangelte. Ein einfaches schwarzes Kleid schmiegte sich züchtig an die zierlich abgerundeten Glieder an; ein dunkelfarbiges Tuch verhüllte theilweise den schlanken Hals und bekundete, wie das den runden Strohhut umschlingende schwarze Band, daß sie nicht ohne schwer wiegende Gründe sich in die ernste dunkle Farbe gekleidet habe. Wie um den äußeren Ausdruck der Trauer zu erhöhen, legte sich das starke, sehr sorgfältig gescheitelte Haar glatt und kastanienbraun an die weißen Schläfen an, während auf der klaren Stirne schwarze Brauen sich über ein Paar Augen wölbten, in welche der Himmel sein schönstes und tiefstes Blau ergossen zu haben schien, um dadurch einen andern, mit ihm selbst wetteifernden Himmel zu erzeugen. Ein unbeschreiblicher Liebreiz ruhte auf den von Jugend und Gesundheit mild angehauchten Wangen und um die rosigen Lippen; war aber, indem sie vielleicht des bevorstehenden Abschieds gedachte, verhaltene Wehmuth auf ihrem schönen Antlitz vorherrschend, so entdeckte man auch leicht wieder einen Zug, der auf angeborenen Frohsinn, auf jene bezaubernde Heiterkeit des Gemüthes hindeutete, welche so vielfach gleichsam als Andenken an die sorglos verlebte Kindheit mit in das spätere Alter hinüber genommen wird.

Vergeblich hätte man dagegen in dem bleichen Gesicht ihres Gefährten nach einer Spur dieser unschätzbaren Kleinode geforscht.

Erst zweiundzwanzig Sommer hatte derselbe gesehen, und dennoch prägte sich in den jugendlichen Zügen ein so schmerzlicher Ernst aus, daß man nicht auf dieselben blicken konnte, ohne von herzlicher Theilnahme ergriffen zu werden. Wie wenige Stunden kräftigender körperlicher Bewegung ließen sich aus der weißen, mädchenhaft zarten Hautfarbe des etwas länglichen, durchaus edel gebildeten Antlitzes herausrechnen! Wie viele, viele Stunden nächtlicher Arbeit bei unzureichender Beleuchtung waren dagegen in den großen, träumerischen, mit einem dunkeln Schatten umgebenen blauen Augen aufgezeichnet! Auf den Wangen, welche nach unten in einem hellblonden Vollbart endigten, ruhte zwar eine tiefe Röthe, allein diese Röthe war scharf abgegrenzt, wie bei Giftblumen, hinter deren verlockendsten Farben unheimlich der Tod lauert. Ein leiser, trockner Husten, der sich gelegentlich der etwas eingeengten Brust entwand, bildete die Erläuterung zu der gleißnerischen Röthe und der bitteren Entsagung, welche so verständlich aus den schönen blauen Augen sprach.

Eine freundliche Milde, eine unendliche Herzensgüte thronte auf den bleichen Zügen; wenn sich aber hierzu der Ausdruck eines tiefen Schmerzes gesellte, so entsprang derselbe weniger dem Bewußtsein eines gefährlichen körperlichen Krankheitszustandes, als dem Gedanken an die bevorstehende Trennung von der Jugendgespielin.

Auch er war einst von dem heimatlichen Städtchen fortgewandert, um in der Residenz seine Studien zu beendigen; er war fortgewandert mit trüben Aussichten. Es lag ihm ob, durch Ertheilen von Unterricht nicht nur für sich selbst zu sorgen, sondern auch eine kränkliche Mutter zu unterstützen; dagegen begleitete ihn die tröstliche Gewißheit, bei seinen Ferienbesuchen alle Diejenigen wieder zu begrüßen, an denen sein Herz mit ganzer Liebe hing. Jetzt aber, da auch seine holde Freundin dem Städtchen Lebewohl sagte, beschlich ihn das niederdrückende Gefühl, als ob er nunmehr gänzlich verwaist sei: war doch die Hoffnung, nach Ablauf der Ferien mit ihr in der Residenz zusammenzutreffen, eine zu trügerische; und sahen sie einander wieder, dann geschah es vielleicht in solchen Verhältnissen, in welchen sie höchstens ein flüchtiges Wort, einen flüchtigen Gruß wechseln durften, um sogleich wieder andern Leuten zu Diensten zu stehen.

Der arme Johannes, er wußte zu genau, was es bedeutet, von fremden Menschen abhängig zu sein, und nur um seiner lieblichen Gefährtin Zuversicht nicht zu erschüttern, ihr hoffnungsvolles Hineinschauen in die Zukunft nicht zu trüben, vermied er, mit ihr darüber zu sprechen. Die Erfahrungen, welchen sie entgegenging, kamen ja noch immer mehr als zu früh, und wer konnte wissen, ob sie seine eigenen nicht sogar an Bitterkeit übertrafen? –

Er war noch Student, hoffte aber, innerhalb zweier Jahre seine Studien zu beendigen. Weiter mochte er nicht hinausdenken; denn eine friedliche Dorfpfarre, nach welcher er sich seit seiner frühesten Kindheit sehnte – er hustete leise – wie weit, wie unerreichbar weit lag für ihn ein solches Glück!

Wohl war er noch Student; das halblange, seidenweiche blonde Haar und der jugendliche Vollbart verriethen nothdürftig seinen Stand; doch der kurze Rock, die dreifarbige Mütze, das gestreifte Corpsband und vor Allem der sorglose, herausfordernde Blick, welche im Allgemeinen das Aeußere eines feurigen, jungen Musensohnes kennzeichnen, wo waren sie? Fadenscheinige, vielfach ausgebesserte Kleidungsstücke umhüllten wenig anmuthig seine hohe, etwas geneigte Gestalt, und statt der heiteren Corpsmütze beschattete ein abgegriffener schwarzer Hut die blonden Locken, während die sinnenden, schwermüthigen Augen bald auf die staubige Straße, bald seitwärts mit innigem Ausdruck auf seine Gefährtin gerichtet waren. Hätten ihn aber geschmückt alle phantastischen Zierrathen, die nur immer von einem toll ins Leben hineinstürmenden Jugendmuthe erdacht und ersonnen werden können; hätte in ihm gewohnt die muntere Lebenskraft, die mit gleicher Bereitwilligkeit zugespitzte Worte, wie den blanken Schläger handhabt, so wäre dadurch gewiß am wenigsten die rührende Besorgniß gesteigert worden, mit welcher Anna die Schweißtropfen auf seiner Stirn beobachtete und ihn bat, die Reisetasche ein Weilchen niederzustellen und zu rasten.

»Es hat nichts zu bedeuten,« sagte Johannes freundlich, indem er mit dem Taschentuch leicht über sein Gesicht hinfächelte, »wenn ich etwas kürzer athme, so ist das keine Folge der Erschöpfung, sondern der Wärme; die Sonne meint es in der That redlich heute – übrigens liegt der Meilenstein auch dicht vor uns.«

Einige Minuten später erreichten sie den bezeichneten Punkt, wo sie auf der Rasenbank dicht neben einander Platz nahmen.

»Dies ist also die äußerste Grenze, bis zu welcher ich Dich begleiten darf?« fragte Johannes, der Freundin Hand ergreifend, und seine Augen ruhten mit Wohlgefallen auf dem geliebten Haupt an seiner Seite.

»Die äußerste Grenze,« bestätigte Anna, wie zerstreut; »dort, gleich hinter der nächsten Biegung liegt das Dorf, und da wir doch einmal von einander scheiden müssen, so ist es besser, es geschieht hier, wo wir nicht von fremden, neugierigen Menschen beobachtet werden.«

»Du hast wohl recht, Anna, wie immer, wenn Du Dein Herz sprechen läßt, allein ich hörte nie davon, daß im Dorfe Bekannte von Dir wohnen?«

»Biedere Bauersleute, von welchen ich zuweilen kaufte,« erwiderte Anna sich abwendend, um zu verbergen, daß Verlegenheit ihr jugendfrisches Antlitz tiefer färbte.

»So wirst Du jedenfalls eine recht herzliche Aufnahme bei ihnen finden und mit erneuten Kräften den vorbeifahrenden Hauderer besteigen.«

Anna antwortete nicht, sondern spähte schärfer die Chaussee abwärts, als ob sie daselbst etwas gesucht hätte.

Johannes kämpfte einen leisen Hustenanfall nieder; dann legte er plötzlich seine Hand auf die der Gefährtin.

»Blicke mir einmal recht gerade in die Augen,« hob er an, wobei die unheimliche Gluth auf seinen Wangen ihre gewöhnliche Grenze weit überschritt, »blicke mir in die Augen, damit mir der Muth nicht fehle zu Dem, was ich Dir, bevor wir scheiden, noch mittheilen muß.«

Anna folgte mit einer leichten Verwirrung dem Gebot ihres geliebten Jugendgefährten und fragte wehmüthig lächelnd :

»Ich soll Dir Muth verleihen? Ich, die ich gewissermaßen unter Deiner Obhut aufgewachsen bin?«

Auch Johannes lächelte jetzt, aber aus seinem Lächeln sprach eine so tiefe Beschämung, daß Anna ihn kaum wiedererkannte und mit ängstlicher Spannung seinen weiteren Enthüllungen entgegensah.

»Du bist heute in den Vormittagsstunden bei meiner Mutter gewesen?« fragte er endlich zögernd.

»Ich war dort, um Deiner guten Mutter Lebewohl zu sagen; denn es kann recht lange dauern, bevor ich sie wiedersehe.«

»Du hast ihr etwas – Du hast ihr Geld gegeben?«

»Wenn Du es dennoch erfahren hast, so darf ich es nicht leugnen, ja, ich gab ihr Geld – ich konnte nicht von dannen ziehen, ohne meine letzten Verbindlichkeiten gelöst zu haben.«

»Aber Kind, Du empfingst ja nie einen Pfennig von ihr!« fiel Johannes mit ungewöhnlicher Lebhaftigkeit ein.

»Ich nicht, aber meine verstorbene Mutter, und da wäre es doch gewiß recht sündhaft gewesen, hätte ich diese auf mich übergegangene Verpflichtung nicht als ein heiliges Erbtheil betrachten wollen.«

»Deine Handlungsweise entspricht wohl den edlen Regungen Deines Herzens, Du gute Anna, allein Du hast nicht berücksichtigt, daß Dir selbst nur sehr geringe Mittel zu Gebote stehen. Erwäge, Du gehst einer ungewissen Zukunft entgegen und kannst in Lagen gerathen, in welchen etwas Geld Dir sehr zu Statten käme, weit mehr, als meiner Mutter, die ausreichend zu unterstützen mir gar nicht schwer wird. Ich bitte Dich daher dringend, und meine Mutter bittet Dich mit mir: das Geld zurück zu nehmen. Ich verlange es sogar als einen Beweis Deiner Freundschaft und Anhänglichkeit von Dir. – Ja – liebe Anna – hier, nimm es zurück und laß uns nicht weiter darüber sprechen.«

Er wollte das Geld hervorziehen, als Anna ihn schnell hinderte.

»Nein, Johannes,« sagte sie mit einer Entschiedenheit, die in wunderbarem Contrast zu dem holden, kindlichen Antlitz stand, »das Geld kann und darf ich nicht zurücknehmen; es gehört Deiner Mutter, und wenn es zu Deiner Beruhigung gereicht, so gestehe ich offen ein, daß es mir nicht schwer wurde, die alte Schuld abzutragen. Das Geld rührt nämlich von dem Erlös der Sachen meiner verstorbenen Mutter her, welche mir noch geblieben waren und die ich ohnehin hätte verkaufen müssen. Es hat mir also gar keine Mühe verursacht, während Du – verzeihe mir, lieber Johannes – unendlich lange arbeitest und sparst, um eine kleine Summe zu erübrigen. Dringe daher nicht weiter in mich, sondern gönne mir das Bewußtsein, meine Pflicht erfüllt zu haben –«

»So nimm wenigstens die Hälfte,« unterbrach der junge Mann mit einem schmerzlichen Seufzer die in Eifer gerathene Gefährtin, »sechs Thaler reichen für meine Mutter schon sehr weit, Du aber weißt nicht, ob die andern sechs nicht einen unglaublich hohen Werth für Dich erhalten.«

»Sollten Sie wohl einen höheren Werth für mich erhalten können, als für Deine Mutter, der es kein Geheimniß, daß Du Gesundheit und Leben opferst, um sowohl für Deine Studien, als auch für ihren Unterhalt die Mittel herbeizuschaffen?« fragte Anna vorwurfsvoll. »Nein, nein, Johannes, alle Deine Einwendungen sind vergeblich, nicht einen Pfennig nehme ich zurück; aber eine Bitte richte ich an Dich, eine Bitte, welche Du mir nicht abschlagen darfst, lieber, guter Johannes, ich meine, daß Du, nachdem Du jetzt meinen unerschütterlichen Willen erfahren hast, die Sache auf sich beruhen läßt. Erwähne keine Silbe mehr davon, verbittere mir nicht die letzten Minuten, welche mir nur noch vergönnt sind, in der lieben alten Weise mit Dir zu verleben.«

Johannes seufzte wieder, als hätte er vor tief empfundenem Weh sterben mögen; dann neigte er sich vornüber, das Haupt schwer auf seine Hände und Kniee stützend.

»O, die Armuth,« flüsterte er, »man könnte zweifeln an der Gerechtigkeit des Himmels –«

Wie erschrocken über seinen Ideengang richtete er sich empor, und Anna's Hand wieder ergreifend, sagte er mit seltsam gepreßter Stimme:

»Nein, Kind, die letzten Minuten unseres Beisammenseins sollen wenigstens Dir nicht vergällt werden; nur eine einzige Frage erlaube mir noch, deren Beantwortung dann das letzte in dieser Angelegenheit gesprochene Wort sein soll: Sage mir frei und offen, sind durch Dein Verfahren Deine Mittel nicht in einer Weise erschöpft worden, daß Dir Verlegenheiten daraus erwachsen?«

Anna's gutes Gesicht zeigte wieder einen eigenthümlichen Anflug von Verwirrung, als sie die großen blauen Augen so treuherzig, so besorgnißvoll auf sich gerichtet sah; es kostete sie offenbar große Mühe, mit erzwungener Heiterkeit zu antworten.

»Beunruhige Dich nicht,« begann sie, den Staub nachlässig aus den Säumen ihres Kleides klopfend, »ich besitze weit mehr, als ich in nächster Zeit gebrauche – doch gedenken wir lieber der Zukunft und des Tages, an welchem wir uns zum erstenmal wiedersehen. Du wirst mich nach Ablauf Deiner Ferien jedenfalls aufsuchen?«

»Ohne Zweifel, wogegen ich von Dir die betreffenden Angaben erwarte, um Dich finden zu können.«

»Sie sollen Dir werden; ist Deine Adresse in der Residenz noch immer die alte?«

»Ich weiß es nicht; um die Miethe zu sparen, gab ich meine Wohnung auf; ist nach Ablauf der Ferien mein Stübchen frei, so beziehe ich es selbstverständlich wieder. Auf alle Fälle ist es am rathsamsten, Du läßt Deinen ersten Brief durch die Hände meiner Mutter gehen, und wo Du auch weilst, ich komme zu Dir.

»Erwarte nur nicht zu bald Nachricht von mir, lieber Johannes, ich möchte wenigstens nicht gern schreiben, bevor sich über meine Zukunft irgend etwas entschieden hat. Wie lange dauern Deine Ferien noch?«

»Drei Wochen; wenn das Glück uns begünstigt, können wir uns in der vierten Woche, von heut gerechnet, wiedersehen.«

»Eigentlich eine kurze Zeit,« bemerkte Anna sinnend, »zu kurz, um so traurig auseinander zu gehen. Aber siehe, mein Schatten ist in der Zeit, welche wir hier verbrachten beinahe eine viertel Elle weiter herumgeglitten. Er mahnt mich an die Fortsetzung meiner Reise, und Dich an Deine arme Mutter. Laß uns daher aufbrechen, mein lieber Johannes, und wenn ich jetzt von Dir gehe, dann sieh nicht so traurig und niedergeschlagen aus – der Abschied wird mir sonst noch viel schwerer.«

Sie hatte sich erhoben, und die Reisetasche ergreifend, wog sie dieselbe prüfend.

»Eine Strecke werde ich sie schon mit Leichtigkeit tragen können,« bemerkte sie lächelnd, dann reichte sie Johannes, der ebenfalls aufgestanden war, die Hand.

»So lebe denn wohl,« fuhr sie mit bebenden Lippen fort, während ihre redlichen Augen einen feuchten Glanz erhielten; »lebe wohl, Du einziger Freund, welchen ich besitze. Mit schwerem Herzen gehe ich von Dir, denn so, wie es bisher zwischen uns gewesen ist, wird es wohl nicht mehr sein, wenn wir uns wiedersehen. Doch mag mir beschieden sein, was da wolle, meine treue Anhänglichkeit kann sich nie ändern, Du bist und bleibst mein lieber, guter Johannes, wie ich selbst – ich weiß es ja – Deine gelehrige, kleine Anna bis in die Ewigkeit hinein bleiben werde.«

Stumm sah Johannes auf die geliebte Gefährtin nieder; er schien kaum zu verstehen, was sie sagte. Wie um ihr jugendlich holdes Bild tiefer und unauslöschlicher seiner Seele einzuprägen, blickte er fort und fort in das unschuldige, dunkelblaue Augenpaar. Vor seine eigenen Augen aber legte es sich wie ein trüber Schleier; nur mit Aufbietung seiner ganzen Kraft vermochte er die Thränen zurückzudrängen; ihm war so namenlos wehe um's Herz, und vergeblich bemühte er sich, die traurigen Ahnungen zu besiegen, die mit erstickender Wucht seine wunde Brust beengten.

»Segne Dich Gott, meine geliebte Anna,« sprach er endlich tief bewegt, indem er seine Hand auf das theure Haupt legte, »segne Dich Gott, Du meine ganze Herzensfreude, mein Trost; der einzige Lichtpunkt in meinem armen Leben ist Dein trautes Bild, die einzigen freundlichen Strahlen, welche meinen einsamen, dornenvollen Lebenspfad erhellten, sind von Dir ausgegangen, von Dir mit Deinem edlen Herzen und Deiner unerschütterlichen Anhänglichkeit.«

Heiße Thränen rollten über Anna's Wangen; von ihren Gefühlen überwältigt, schlang sie die Arme um des geliebten Freundes Nacken. Ihre Lippen suchten wie unbewußt die seinigen, er dagegen wich dieser innigen Berührung aus, und während er einen entsetzlichen Blick des bittersten Vorwurfs und unsäglichen Schmerzes zum Himmel emporsandte, drückte er einen flüchtigen Kuß auf ihre Stirne.

»Geh' jetzt, Kind,« sagte er leise, und wie die eisige Hand des Todes legte es sich auf seine gemarterte Brust, »geh' mit Gott Deiner Wege – meine Gebete begleiten Dich. Ich werde noch ein Weilchen hier sitzen bleiben – so lange, bis Du hinter jener Biegung zwischen den Bäumen verschwunden bist. Vorher aber, Kind, schaue noch einmal zurück, winke mit der Hand, wie ich es thun werde, und sprich dabei: Auf Wiedersehen!«

»Auf Wiedersehen,« wiederholte Anna schluchzend; dann nahm sie ihre Reisetasche, und sich hastig abwendend, schritt sie davon.

Johannes war auf die Bank zurückgesunken; die Todesrosen auf seinen Wangen glühten und hatten schärfere Umrisse angenommen. Thräne auf Thräne entquoll den schwermüthigen Augen, und unheimlich kurz entwand sich der gepreßte Athem seiner Brust.

»Ich hätte sie mit meinem Hauch vergiftet,« flüsterten die bleichen Lippen.

Wie schrecklicher Hohn klang es aus den leisen Worten hervor. In der nächsten Minute lagerte wieder inniges Wohlwollen und männliche Ergebung auf den gramgezeichneten, jugendlichen Zügen.

Anna hatte unterdessen die Biegung der Chaussee erreicht. Der verabredete Scheidegruß wurde ausgetauscht, und dichte Baumgruppen entzogen dem Zurückbleibenden die Aussicht auf die eilfertig dahinschreitende, schlanke Gestalt. Aber als hätten die großen traurigen Augen die sich ihnen entgegenstellenden Hindernisse zu durchdringen vermocht, blieben sie noch lange auf dem Punkte haften, wo sie zum letzten Male zwischen dem grünen Laub hindurch das Wehen der schwarzen Bänder auf dem hellfarbigen Strohhut wahrgenommen hatten. –

Fünf Minuten später trat Anna in das Dorf ein. Vor den ersten Häusern blieb sie stehen und ängstlich spähte sie rückwärts. Erst nachdem sie sich überzeugt hatte, daß Johannes, in seiner Besorgniß um sie, ihr nicht nachgefolgt war, setzte sie sich wieder in Bewegung. Mit eiligen Schritten begab sie sich in das Dorf hinein, und mit eiligen Schritten wanderte sie aus dem andern Ende desselben wieder hinaus. Kaum daß die den Leuten zu danken wagte, welche ihr einen freundlichen Gruß zuriefen. Erst als das Dorf weit hinter ihr lag, athmete sie freier auf und vorsichtig mäßigte sie ihre Hast, um nicht zu früh zu ermüden, denn vor ihr erstreckte sich ein langer, langer Weg. –

Johannes befand sich um diese Zeit auf dem Heimwege. Langsam und gesenkten Hauptes schritt er einher; anfänglich beabsichtigte er, auf den Hauderer zu warten und dem Kutscher die junge Reisende recht warm anzuempfehlen; dann aber trat das Bild seiner kranken Mutter ihm vor die Seele, schnell eine andere Entscheidung herbeiführend. –

Zweites Capitel. Der Kärrner.

Geheimnißvolle Stille verlieh der noch im Festkleide des Hochsommers prangenden Natur einen träumerischen Ausdruck. Leichter Höhenrauch erfüllte die Atmosphäre; milchweiße Wolkenreste folgten planlos den Strömungen in den oberen Luftschichten, während tief unter ihnen sanft ersterbende Windstöße aus fast entgegengesetzter Richtung über einen prächtig bestandenen Forst hinhauchten. Wie verloren gegangene Fleckchen Sonnenschein contrastirten einzelne gelb und röthlich belaubte Zweige zu dem vollen kräftigen Grün der stolzen Buchenwipfel. Die Sonne selbst neigte sich stark dem Westen zu; ihre Strahlen trafen daher nur theilweise die Chaussee, welche in gerader, unabsehbarer Linie den schönen Hochwald durchschnitt.

Schlank gebaute Rehe und breitgeweihte Damhirsche, durch die Abendkühle ermuntert oder aufgescheucht durch peinigende Insecten, traten hin und wieder auf die mit weißem Staub bedeckte Straße hinaus. Furchtlos spähten sie aufwärts und abwärts; die Aussicht auf einen mit gemäßigter Eile einherrollenden Frachtwagen flößte ihnen nicht mehr Scheu ein, als der Anblick eines einfältig und regungslos gen Himmel weisenden zweifarbigen Schlagbaumes, der ihnen die Lage einer für sie höchst ungefährlichen Hebestelle bezeichnete. Sonst war auf der ganzen langen Wegestrecke nichts sichtbar, das auf die Anwesenheit oder Nähe menschlicher Wesen hingedeutet hätte. –

Im Dickicht, festgeklammert an geborstener Rinde, hämmerte noch immer fleißig der Specht; die Wandertauben gurrten in den schattigen Baumwipfeln; spielend und ein seltsames Rascheln erzeugend sprangen die munteren Eichhörnchen auf dem mit moderndem Laub und noch grünenden Pflanzen bedeckten Erdboden umher, während schon kleine Heerden von Wanderdrosseln flatternd der Chaussee nachfolgten und die in bestimmten Entfernungen von einander gepflanzten Ebereschen ihrer bereits röthlich glühenden Beeren beraubten.

Lustig zirpten und pfiffen die sorglosen Vögel auf ihrem Plünderungszuge, gerade, als hätten sie dem einzigen ihnen sichtbaren Menschen, dem Begleiter des Frachtwagens, lehren wollen, wie man es anfangen müsse, um das Reisen und Wandern recht leicht und genußreich zu machen.

Doch der Kärrner sah nicht aus, wie Jemand, der ein sonderlicher Freund vom Pfeifen und Singen. Weit eher hätte man derartige Neigungen seinen drei plumpen, holsteiner Gäulen zugetraut, die ihre wuchtigen, langbehaarten Hufe mit einer Gewalt niederschmetterten, als wären sie eigens beauftragt gewesen, die etwa noch vorstehenden scharfen Chausseesteine tiefer in ihre Fugen und Lagen hineinzutreiben, oder auch zu feinem Staub zu zermalmen. Selbst der Leinwandverdeckte Wagen, welcher, aus der Ferne gesehen, lebhaft an einen geheiligten weißen Riesenelephanten erinnerte, zeigte in seinem Aeußeren gefälligere, freundlichere und Zutrauen erweckendere Formen, als sein breitschultriger, hochgewachsener Besitzer, dessen mit drittehalb Hundert dickköpfiger Nägel beschlagene, ungelenkige Schnürstiefel kaum mit geringerer Schwere auf die Straße fielen, als die Hufe der drei ehrlichen Holsteiner.

Wie die meisten Kärrner vom Fach, trug auch dieser auf seinem Haupte einen Hut von steifem Glanzleder, wie sie bei den Postillonen gebräuchlich, nur daß er solche an Höhe und Umfang weit übertraf. Unter dem Hute nun sah ein breites, unregelmäßig gebildetes Gesicht hervor, dessen kleine graue und blinzelnde Augen durch zwei mächtige gelbe Brauen verschleiert wurden, welches im Uebrigen aber sich vorzugsweise durch einen großen, schiefgezogenen Mund und die brennend rothe Hautfarbe, eine natürliche Folge von Witterungseinflüssen, auszeichnete. Ein feuerrother Backenbart, der auf beiden Seiten bis in die Mundwinkel hineinlief und der sich ausnahm, als sei er mittels des enggeschnürten, roth und gelb geblümten Tuches künstlich an seinem Halse befestigt gewesen, konnte ebenfalls nicht als Zierde des nichts weniger, als schönen Gesichtes gelten, wenn er auch, vermöge seiner Länge, Farbe und wunderbaren Struppigkeit vollkommen zu demselben paßte. Seinen gewaltigen Oberkörper umhüllte ein olivenfarbiger Rock, von welchem indessen nur der Kragen und eine Viertelelle der Schöße sichtbar. Alles Uebrige verbarg ein blaues Staubhemde, welches sich so dicht um Nacken und Handgelenke legte, daß es fast unbegreiflich erschien, wie es gelungen, das starke Haupt und die mächtigen Fäuste, ohne den Stoff zu zerreißen, durch die runden, festgesäumten Oeffnungen zu zwängen.

An das Staubhemde, oder vielmehr an die Rockschöße schlössen sich nach unten manchesterne Kniehosen an, die ihre Fortsetzung in blau und grau gestreiften Gamaschen fanden; diese aber, anstatt schützend über die Füße zu fallen, verloren sich in die halblangen Schnürstiefel, welche mittels starker Riemen so eng um die Knöchel zusammengepreßt worden waren, als hätten, wie bei den Pferden, Sohlen, Leder und Fuß aus einem einzigen Stück bestanden.

Was nun sonst noch im Allgemeinen die äußere Erscheinung eines rechtschaffenen Kärrners charakterisirt, das fehlte auch diesem nicht. Da sah man die kurze Tabackspfeife, die aus der linken Brusttasche seines blauen Kittels neugierig in die Welt hinausschaute und dabei munter ihre verschossenen seidenen Quasten wiegte und schüttelte, während die rechte durch eine mit echtem Virginia-Kanaster gefüllte Schweinsblase weit aufgebauscht wurde. Da sah man ein verwelktes Blümlein in dem den Hut umschlingenden Bande, und zwei silberne Stifte, welche die Stelle von Ringen vertraten, in den durchbohrten Ohrläppchen; ferner bemerkte man die Peitsche mit dem dicken, elastischen Stiel und der langen Schnur, die müßig unter dem linken Arm ruhte, und endlich den Hund, welcher seinem Herrn überallhin auf Schritt und Tritt so dicht und genau nachfolgte, daß man glauben konnte, die grau und blau gestreiften Gamaschen hätten zwei unförmliche, starke Magnete umschlossen, durch welche des getreuen Thieres gußeiserne Doppelnase beständig angezogen wurde.

Im Uebrigen wetteiferte der Hund mit seinem Herrn an Häßlichkeit. Halb Dogge, halb Dachs, halb Schlächterhund, schien er im Wachsthum nach oben zurückgeblieben zu sein und sich dafür desto mehr in die Breite ausgedehnt zu haben. Sein braun und schwarz getigertes Haar war kurz und schloß dicht und glänzend an die kräftige Musculatur an, und nicht viel länger, als das Haar, ragten die letzten Knorpelrestchen der ungleichmäßig abgeschnittenen Ohren über den breiten Schädel empor. Ebenso entdeckte man bei aufmerksamer Prüfung nur noch einen spitzen Haarwirbel, der höchst unzuverlässig die Stelle bezeichnete, auf welcher vor der wunderlichen Verstümmelung vielleicht eine langgebogene Schweifruthe, ähnlich dem getigerten Schlagbaum, in einem Winkel von fünfundvierzig Graden ausdruckslos gen Himmel gewiesen haben mochte. Zum Ueberfluß war das arme Thier von der launischen Natur mit einem sogenannten Glasauge mit weißer Iris bedacht worden, welches ihm, im Gegensatz zu dem andern, einen so furchtbar grimmigen Ausdruck verlieh, daß man sich scheute, ihm einen Bissen Brod zu reichen, aus Furcht, mit Haut und Haar verschlungen zu werden.

Doch wie schon angedeutet: Kärrner, Hund, Pferde und Wagen paßten ganz vortrefflich zu einander, und mochte die Welt über sie denken, wie sie wollte, eine größere Eintracht, als zwischen ihnen, konnte selbst im Paradiese vor dem Sündenfall nicht geherrscht haben. Es verrieth sich sogar eine gewisse Zuneigung in den Blicken, welche »Hechsel« – so hieß nämlich der Hund – gelegentlich von den blau gestreiften Magneten an der Hünengestalt seines Herrn emporsendete, und in dem Ausdruck, mit welchem dieser wieder, das eine Auge zukneifend und den einen Mundwinkel tief gesenkt, seine drei Holsteiner betrachtete.

Und recht stattliche, wohlgenährte Holsteiner waren es in der That, der schwarze sowohl, der die Spitze führte, wie die beiden Braunen, welche durch die Deichsel von einander geschieden wurden; trugen sie doch ihre riesenhaften, mit klingenden Messingzierrathen und rothen Zeugstreifen geschmückten Kummete so leicht, als wären es Perlenhalsbänder gewesen, wogegen von den übrigen Geschirrtheilen nur wenig sichtbar, indem dieselben, zum Schutz gegen Bremsen und sonstiges fliegendes Ungeziefer, dicht mit reichbelaubten Buchenzweigen besteckt worden waren. –

Knirschend rollten die breitbeschlagenen Räder auf der festen Straße einher, und dazu klirrten und rasselten Ketten und Ringe, daß es eine Lust war. Der grimmig dareinschauende, vierschrötige Kärrner hatte eben einen Sprung Rehe durch einen Doppelknall seiner Peitsche tiefer in den Forst hineingescheucht, und wohl tausend Schritte trennten ihn noch von dem Schlagbaum, als er plötzlich mit einigen langen Schritten neben das Vorderpferd hintrat und dann stehen blieb, um, wie eine Parade abnehmend, das Fuhrwerk an sich vorüber poltern zu lassen.

Das rechte Auge schloß sich, der linke Mundwinkel zog sich niederwärts, der lackirte Hut neigte sich mit dem Haupte zur Seite, und sichtbar weidete sich das alte Fuhrmannsherz an all den Herrlichkeiten, welche sich im Vorbeirollen seinen Blicken darboten. Dem kleinen grauen Auge entging nichts; es beobachtete die Pferde mit ihren Geschirren bis in die kleinsten Einzelheiten hinein und prüfte zugleich die silbern glänzenden Hufeisen; dann überflog es den Wagen, und ein leichtes Nicken des Hauptes bewies, daß Alles noch stimmte und sich fein säuberlich in gewohnter Ordnung befand: Die Leinwand und die Leiterbäume, die Achsenstützen und die Spannketten, der Hemmschuh, die Winde und das schwebende Gerüst unterhalb des Wagens, welches mit Fug und Recht den Namen Rumpelkammer verdient hätte; selbst die wohlverschlossene Schmierbüchse, die in ihrer äußeren Form nicht wenig an einen altmodischen Tschakot erinnerte, entging nicht dem scharfen Blick des blinzelnden grauen Auges. Und als der Wagen dann endlich vorüber war, da trat der Kärrner auf die andere Seite desselben, und seine Schritte verlängernd, wodurch die seltsame, wiegende Bewegung seiner Schultern noch erheblich verstärkt wurde, gelangte er nach kurzer Zeit, immer prüfend und beobachtend, neben das Handpferd.

Seine Blicke trafen den vorspringenden Erker des Chausseehauses.

»Immer successive!« knurrte er den drei Holsteinern zu, die, das Wort auf eigene Art deutend, ihre Schritte beschleunigten. Dann führte er während des Gehens eine so tiefe Verbeugung aus, wie sie nur je ein vor innigster Devotion ersterbender Unterbeamter vor einer betreßten Excellenz zu Stande brachte.

Als er sich wieder emporrichtete, wurde es indessen klar, daß am allerwenigsten scheinheilige Unterwürfigkeit oder gar der Anblick des gestrengen Herrn Schlagbaums ihn zu der ehrerbietigen Bewegung veranlaßt hatte. Der Lackhut war nämlich in seinen Händen zurückgeblieben, und indem er ein roth und gelb geblümtes Taschentuch aus demselben hervorzog, um Schweiß und Staub von seiner Stirne zu entfernen, zeigte es sich, daß die wasser- und feuerfeste Kopfbedeckung eigentlich die Stelle eines geheimen und sichern Schubfaches bei ihm vertrat; denn in demselben lagen wohlgeordnet eine Anzahl Frachtbriefe, eine große lederne Brieftasche, ein kleiner Handspiegel nebst Kamm und Bürstchen, kurz, lauter Gegenstände, welche er zugleich gegen Regen zu schützen und jederzeit zur Hand zu haben wünschte.

Nach flüchtiger Benutzung des Tuches, nach ebenso flüchtiger, jedoch sehr gewandter Benutzung des Kammes, der Bürste und des Spiegels, in Folge deren die Haare der Schläfen und des Hinterkopfes sich über einer handgroßen kahlen Platte mitten auf dem Scheitel heuchlerisch die Hände reichten, wanderte der Hut mit einer neuen tiefen Verbeugung auf den Kopf zurück, die rechte Faust holte die Peitsche unter dem linken Arm hervor, und nachdem dieselbe in der Luft pfeifend einige Kreise beschrieben, folgten drei so heftig knallende Doppelschläge nach, daß ein mißtrauischer Wildwärter dadurch hätte getäuscht werden können.

Auf die Pferde übte das Peitschengeknall keinen andern Eindruck aus, als daß sie die Ohren spielend an den Kopf legten und eins nach dem andern zu schnauben begannen.

Sie wußten, was es bedeutete, sie wußten es wenigstens eben so gut, als der Chausseeeinnehmer, der nach kurzer Frist, anstatt sich mit dem Stockbeutel zu bewaffnen und den Schalter zu öffnen, vom Hofe auf die Straße hinaustrat, bereit, den guten Bekannten, der sich schon von weitem angemeldet hatte, zu begrüßen.

Bald darauf trafen die alten Freunde unter dem Schlagbaum zusammen; der Kärrner ließ Pferde und Wagen ihrer Wege gehen, und des Einnehmers Hand ergreifend, erkundigte er sich angelegentlich nach dessen Familie.

»Alles wohlauf,« antwortete dieser, ein munteres Männchen, dessen Aeußeres auf einen früheren subalternen Staatsbeamten deutete, »Alles wohlauf, lieber Braun; Frau und Kinder fleißig im Garten, der Herbst rückt heran, Aepfel, Kartoffel und Pflaumen reifen – aber Sie, mein lieber Braun? Bei Ihnen braucht man kaum zu fragen, 's geht immer gut?«

Braun kniff das linke Auge zu, den rechten Mundwinkel senkte er bedächtig, und nachdem er mit der freien Faust den rothen Borstenkragen um etwa zwei Zoll weiter aus seiner Halsbinde hervorgezogen, antwortete er herablassend:

»Nun, Herr Einnehmer, wie sollt's gehen? Immer successive, ganz successive.«

»Ah, das freut mich herzlich,« versetzte der Einnehmer außerordentlich zufrieden und zugleich versuchte er, die in seinen Händen befindliche Felsenfaust kräftig zu schütteln. »Sie sind übrigens früher zurückgekehrt, als ich glaubte, und gute Fracht, wie's scheint?«

»Nun, 's macht sich,« entgegnete Braun, einen Seitenblick auf die Pferde werfend, die etwa zwanzig Schritte weiter neben der Einfahrt des Hofes stehen geblieben waren, »denke, morgen Abend zu Hause zu sein, und möchte daher heute noch anderthalb Meilen zurücklegen; wollen Sie also so gut sein, Herr Einnehmer, während ich mich etwas vernüchtere –«

»Verstehe, verstehe, lieber Freund,« erwiderte der Zöllner schnell, »essen Sie ungestört, ich werde unterdessen die Pferde eigenhändig tränken. Möchten Sie aber nicht näher treten?«

»Nein, nein,« antwortete der Kärrner in seinem tiefsten Baß und der rechte Mundwinkel wechselte mit dem linken Stellung, »ich setze mich dort beim Meilenstein auf die Rasenbank, 's schmeckt mir doppelt gut, wenn ich meine Holsteiner so recht nach Herzenslust trinken sehe.«

»Ganz nach Ihrem Belieben,« versetzte der Einnehmer und wollte davon eilen, um sogleich mit dem Tränken zu beginnen, als Braun ihn aufforderte, ihn vorher an den Wagen zu begleiten, wo er zuerst einen großen Kober unter dem Leinwandverdeck hervorzog, dem alsbald eine Rolle fest gewickelten Virginia-Tabacks nachfolgte.

»Das ist für Sie, Herr Einnehmer,« sagte er dann, dem freudig Ueberraschten den Taback darreichend, und mit seinem grimmigsten Gesicht, in der linken Hand die Peitsche, in der rechten den Kober, und ohne auf den ihm dargebrachten Dank zu achten, schritt er geradewegs auf den Meilenstein zu, der ungefähr dreißig Schritte weiter auf einer halbmondförmigen, mit einer Rasenbank umgebenen Fläche errichtet worden war.

Er wollte sich eben niedersetzten, als er plötzlich stehen blieb und mit allen Zeichen größten Erstaunens auf den am meisten zurückliegenden Theil der Rasenbank, welchen er bereits eingenommen fand, hinstierte.

Aber auch Hechsel war so überrascht, daß er sich mit Gewalt von den beiden blaugestreiften Magneten losriß, um die fremde Erscheinung prüfend zu betrachten und demnächst aus seines Herrn Gesichtszügen herauszulesen, wie er sich derselben gegenüber am gescheidtesten zu benehmen haben würde.

»Verdammt! Die scheint hier successive übernachten zu wollen,« brach sich endlich das Erstaunen des Kärrners Bahn, doch lag im Tone seiner halblauten Stimme so viel Milde, daß der Schweifbüschel Hechsels sich sogleich in eine höchst bezeichnende wedelnde Bewegung setzte und die Gamaschen ihre Anziehungskraft zurückerhielten. »Hm, hm,« fuhr er darauf kopfnickend fort, »wenn das nicht die liebe Unschuld vom Himmel selber ist, will ich heute zum letzten Male meinen Wagen unter einem Schlagbaum hindurchgefahren haben.«

Dann stellte er den Kober auf die Bank, und die Peitsche fest unter den linken Arm geklemmt, die schwieligen Fäuste auf dem Rücken ineinander gelegt, trat er leise vor die Schläferin hin, in welcher er den vom Himmel gekommenen Engel der Unschuld zu erkennen meinte.

Sinnend blickte er auf die liebliche Erscheinung nieder, das rechte Auge kniff er dabei so fest zu, daß die sich darüber hinwölbende, struppige Braue fast seine wetterzerrissene Wange berührte, und indem er den linken Mundwinkel tief herabzog, gewann das grimmige Gesicht einen Ausdruck, als hätte er sehr ernstlich darüber nachgegrübelt, auf welche Weise er das vor ihm liegende Opfer am schnellsten und bequemsten verspeisen könne.

Wohl eine Minute hatte er regungslos auf die fest schlummernde Wandrerin niedergeschaut, als er sehr bedächtig die linke Hand nach vorn holte und mit überlegender Miene die langen, rothen Borsten seines natürlichen Halskragens durch die eisenharten Finger zu ziehen begann. Dabei vergaß er die Peitsche, und obwohl er schnell nach derselben haschte, fiel sie doch zur Erde nieder, und zwar so, daß deren schwerer Stiel einen der kleinen bestäubten Schuhe der jungen Schläferin leicht streifte.

Anna erwachte; doch wenn es den Kärrner befremdete, anstatt der vielleicht erwarteten schwarzen Augen ein großes blaues Augenpaar vor sich zu sehen, so prägte sich in Anna's Zügen ein wahres Entsetzen aus, sich plötzlich und unvermuthet einem so schrecklichen Manne und einem nicht minder schrecklichen und häßlichen Hunde gegenüber zu befinden. Sie schien förmlich gelähmt durch den Anblick; schlaff öffneten sich die auf ihrem Schooße gefalteten Hände, ihre Lippen bewegten sich leise, als hätte sie um Erbarmen flehen wollen, und indem ihre Blicke angstvoll zwischen dem Glasauge des Hundes und dem breiten rothen Gesicht des Kärrners hin und her flogen, die gleich grimmig und drohend auf sie hinstarrten, wich die frische, rothe Farbe von ihren Wangen.

Der Kärrner hatte unterdessen die Peitsche wieder aufgehoben und deren Schnur durch einige sausende Schwingungen geordnet. Daß er der jungen Reisenden, die eben vielleicht noch von freundlichen Träumen umfangen gewesen, Furcht einflößte, begriff er, und wie um sie zu ermuthigen nickte er ihr in seiner treuherzigsten Weise zu, die indessen weit entfernt davon war, wirklich Zutrauen zu erwecken.

»Wie, in aller Welt, kommst Du hierher?« fragte er mit heiserer Stimme, und die rechte Faust schien den rothen Borstenkragen bis in die Ewigkeit hinein verlängern zu wollen.

Anna bebte bei dieser Frage bis in's Herz hinein, und mit der Hand matt nach der Richtung hinüber weisend, aus welcher der Kärrner gekommen, antwortete sie zögernd:

»Heute Mittag verließ ich das Städtchen, in welchem ich seit meiner Geburt lebte; ich befinde mich jetzt auf dem Weg nach der Residenz.«

»Also doch ein Marsch von über zwei Meilen,« bemerkte Braun, »und, wie's scheint, zu Fuß?«

»Ich wanderte zu Fuß, um den Hauderer hier zu erwarten,« lautete es gedämpft von den frischen Rosenlippen zurück.

»Aber zum Teufel, Schätzchen, warum hast Du nicht an Ort und Stelle bis zum Aufbruch des Hauderers gewartet, anstatt Dich müde zu laufen, und obenein mit einer Reisetasche? Zeige einmal her,« und die Tasche ergreifend, wog er sie prüfend mit der Hand.

»Alle Welt!« fuhr er fort und das rechte Auge versank hinter der gelben Braue, während das linke sich wüthend in Anna's Antlitz einbohrte, »solche Last zwei Meilen weit zu schleppen, muß successive seinen Grund haben!«

»Sie birgt meine ganze Habe,« erklärte Anna, ihre Hände ängstlich auf die noch immer von dem Kärrner gehaltene Tasche legend.

»Glaub's wohl, Schätzchen, glaub's recht gern,« entwand es sich heiser der breiten Brust, indem die schwielige Faust zögernd die Last fahren ließ, »allein darnach fragte ich eigentlich nicht, sondern ich meinte: warum nicht lieber gleich den Hauderer besteigen, bevor man successive müde geworden ist?«

Anna schwieg verwirrt; das Blut schoß ihr in das liebliche Antlitz. Dem Fragenden die Antwort ganz zu verweigern, fürchtete sie sich; ihm dagegen eine Unwahrheit zu sagen, war sie eben so wenig fähig, wie der Kärrner die Fertigkeit besaß, den wahren Ausdruck seiner Gefühle jedesmal in sein von der Natur gerade nicht sehr bevorzugtes Gesicht zu legen. Sie faßte sich daher ein Herz, und sittsam aufstehend, antwortete sie schüchtern und wie begütigend:

»Ich mußte diese Reise nothwendig antreten, und da mein Geld nicht ausreichte, die ganze Fahrt zu bezahlen, so ging ich bis hierher voraus, in der Hoffnung, von dem mich wohl bald einholenden Hauderer mitgenommen zu werden und ihn völlig befriedigen zu können.«

»Du glaubst also wirklich, die zwei Meilen würden einen großen Unterschied im Preise bewirken?« fragte der Kärrner erstaunt und aus seiner Brust erschallte es wie ein höhnisches, heiseres Lachen, während sein grimmiges Gesicht sich noch grimmiger verzog, »o Schätzchen, wie bist Du doch successive und unerfahren! Nicht fünf Silbergroschen hast Du mit Deinen armen kleine Füßen von dem gewöhnlichen Preise abgearbeitet, und wenn der Hauderer Dich für weniger, als zwanzig Groschen mitnimmt, muß er eine andere Institution sein, als für die ich ihn halte.«

Anna erbleichte und wendete sich rathlos ab, um die andringenden Thränen zu verbergen.

»Vielleicht würde er weniger fordern, wenn ich eine Meile weiter gegangen wäre – aber noch ist es wohl nicht zu spät, das Versäumte nachzuholen?« sprach sie mit unendlich rührendem Ausdruck, dann nahm sie die Reisetasche, um sich sogleich wieder auf den Weg zu begeben.

Da tupfte der Kärrner sie mit dem Zeigefinger leicht auf die Schulter, und mit einer Miene, die keinen Widerspruch zu dulden schien, forderte er sie auf, sich niederzusetzen.

Anna leistete stumm Folge und beobachtete gespannt den Kärrner, als dieser schweigend und beständig die gußeiserne Doppelnase des Hundes an den gestreiften Magneten davonschritt, gleich darauf mit seinem Kober zurückkehrte und neben ihr Platz nahm.

Hechsel war jetzt seines Dienstes natürlich entlassen, doch übten die Gamaschen noch immer insoweit ihre magnetische Kraft aus, daß er sich vor seinen Herrn hinsetzte und mit dem schwarzen Auge in den offenen Kober hineinspähte, mit dem Glasauge dagegen gleichsam begutachtend zu dem fremden jungen Mädchen hinaufschielte. Schweigend traf der Kärrner auch seine Vorbereitungen zu der Mahlzeit, und erst als er ein erschreckend großes Taschenmesser aufgeklappt und die breite Klinge oberflächlich an der nächsten Gamasche abgewischt hatte, wendete er sich seiner jugendlichen Gefährtin wieder zu.

»Nun iß, Schätzchen,« sagte er ernst, indem er sich niederbeugte und ein halbes Brod aus dem Kober nahm, schnell hinter einander zwei dünne und zwei mindestens viermal so dicke Schnitte von demselben trennend, »'s geht sich successive besser, wenn der Mensch gegessen hat, und da Dir leider das Geld für den Hauderer fehlt, wird's wohl am Ende beim Gehen bleiben müssen.«

»Ich besitze nur einen halben Thaler,« antwortete Anna traurig, und um ihrem unheimlichen Nachbarn nicht zu mißfallen, öffnete sie die Reisetasche, aus welcher sie ein Weißbrödchen und einen Apfel hervorzog, »ja, nur einen halben Thaler, und den möchte ich nicht gerne ganz ausgeben, weil ich vielleicht etwas Geld gebrauche, um mich in der fremden Stadt zu dem Herrn führen zu lassen, an welchen ich –«

Sie stockte; die plötzliche Regungslosigkeit ihres Nachbarn hatte sie befremdet, und als sie zu ihm aufsah, gewahrte sie, wie derselbe, in der einen Hand das Brod, die andere mit dem Messer bewaffnet auf das Knie gestützt, sie mit allen Zeichen des Erstaunens betrachtete. Dabei erschien er ihr aber, trotzdem er das eine Auge tief in seinem Kopf versteckt und den einen Mundwinkel über's halbe Kinn herabgezogen hatte, bei weitem nicht mehr so drohend und gefährlich; sie gewann es sogar über sich, zu lächeln, was von dem Kärrner mit einem zwar grimmigen, jedoch billigenden Kopfnicken, von Hechsel dagegen mit einem herablassenden Wedeln seines abhanden gekommenen Schweifes belohnt wurde.

»Hier lange zu, Schätzchen,« knurrte Braun, mit der Spitze seines Zuschlagemessers auf die dünnen Brodschnitte und auf die Butter, den Käse und das Fleisch in dem Kober weisend, »lange fleißig zu, und je mehr davon hinter Deinen kleinen, scharfen Zähnen verschwindet, um so lieber soll mir's sein. Dein Brod magst Du dem Hunde geben – ja, ja, 's ist mein Ernst, verwundere Dich weiter nicht, denn so viel, wie wir Beide heute und morgen gebrauchen, ist noch vorhanden – aber vor allen Dingen, Schätzchen, wie heißt Du successive?«

»Ich heiße Anna,« antwortete diese, frei aufseufzend, als ob durch des Kärrners wohlwollend rauhes Wesen eine sie fast erdrückende Last von ihrer Brust genommen worden wäre, »Anna Werth, doch bin ich gewöhnt, einfach Anna genannt zu werden.«

»Hm, Anna,« wiederholte Braun, und deutlicher trat auf seinem gerötheten Gesicht das Wohlgefallen zu Tage, welches er darüber empfand, daß sein Gast nunmehr wirklich mit der Zutraulichkeit eines Kindes sich anschickte, das eigene Brod dem Hunde zu reichen und sich dafür an der Mahlzeit aus dem Kober zu betheiligen, »ich dagegen heiße Christian Braun, der Hund hier ist Hechsel, ein sehr treues und wachsames Thier, das schwarze Pferd drüben auf der Spitze heißt Morian, nach einem alten verstorbenen Onkel von mir, mit dem es einige Aehnlichkeit hat, und die beiden Stangenpferde sind successive Däne und Zeisig.«

»Welch' sonderbare Namen!« versetzte Anna, die in demselben Grade, in welchem sie von dem Kärrner als Kind behandelt wurde, auch in die Jahre tändelnder Kindheit zurückversetzt zu werden schien; »wirklich recht sonderbare Namen, allein sie klingen deshalb nicht minder freundlich,« fügte sie wie entschuldigend hinzu, und als sie dann wieder in das breite rothe Gesicht mit der seltsamen, struppigen Bürsteneinfassung schaute, da konnte sie nicht anders, sie mußte über sich selbst lächeln, dasselbe auch nur einen Augenblick verabscheuungswürdig häßlich gefunden zu haben. Sogar Hechsel, der mit vielem Behagen ihr trocknes Brod verzehrte, gewann für sie einen Ausdruck, als hätte er in das rechte Auge ein Lorgnon geklemmt gehabt, um sie mit erhöhter Theilnahme zu betrachten, wie sie sich entsann, an einem Reisenden bemerkt zu haben, der aus dem Fenster eines ihr begegnenden Postwagens zu ihr herüber geschaut hatte. In demselben Maße aber, in welchem des Kärrners Gesichtszüge befreundete Formen für sie gewannen, verlor sich auch ihre anfängliche Schüchternheit; den vor ihr stehenden Speisen sprach sie zu, wie es nach der langen, mühsamen Wanderung zu erwarten stand, und dabei vertiefte sie sich mit sittiger Gesprächigkeit in eine solche Menge von Fragen und Erklärungen, daß sie gänzlich übersah, wie der Kärrner selbst das Essen vergaß und ihr fortwährend mit einer gewissen Andacht zuhörte und zusah.

Erst als sie ihr Mahl beendigt hatte und der Einnehmer herüber rief, daß die Pferde zur Genüge Wasser erhalten hätten, entsann sich Braun, zu welchem Zwecke er sich ursprünglich nach der Rasenbank begeben hatte. Er verwandelte daher schnell die noch neben ihm liegenden Brodschnitte in ein unförmliches Butterbrod, welches er, um später während des Gehens zu speisen, behutsam in seine Brusttasche schob, worauf er den Inhalt des Kobers wieder zu ordnen begann.

»Höre, Schätzchen, ich habe mir die Sache überlegt,« sagte er, während er den Riemen um den Speisebehälter schnallte, wobei ihm der ängstliche Ausdruck entging, mit welchem das junge Mädchen auf die sich in weiter Ferne verlierende Chaussee hinausschaute, »ich denke mir nämlich, wenn ich Deine Reisetasche in den Wagen lege, wirst Du's successive noch'n Stündchen mit dem Gehen aushalten. Hältst Du's aber nicht aus, magst Du Dich zu der Tasche in den Wagen setzten; Platz ist genug da, ziehen werden Dich die Pferde auch noch – Du brauchst dann weder den Hauderer, noch sonst irgend ein anderes Fuhrwerk der Welt, und erreichst Du statt morgen früh, erst morgen Abend Dein Ziel, wird daraus wohl kein großes Unglück entstehen, und Deinen halben Thaler magst Du zu anderen Dingen verwenden.«

Ueber Anna's kindliches Antlitz flog ein Schimmer freudiger Ueberraschung.

»Sie wollten so gütig sein, mich mitzunehmen?« rief sie aus, und es drängte sie, mit ihren zierlichen Händen des Kärrners eisenharte Faust zu ergreifen und dankbar zu drücken.

Der schwarze Lackhut nickte zustimmend, daß man die in demselben befindlichen Frachtbriefe und den Kamm deutlich klappern hörte.

»Wer hätte gedacht, als ich mich vor einer Weile müde und traurig hierher setzte, daß mir heute noch ein solches Glück bevorstände?« fügte das erfreute Mädchen hinzu.

Der steife Lederhut nickte noch stärker, und indem das graue Auge sich fester und durchdringender auf Anna richtete, glaubte diese, lange kein Gesicht gesehen zu haben, welches das des riesenhaften Kärrners an wirklicher Schönheit übertroffen hätte. Das aber, indem das breite, rothe Gesicht sich in den vertrauensvoll zu ihm aufschauenden Augen spiegelte, in der gewaltigen Hünenbrust ein biederes Herz vor Rührung gleichsam schmolz, das ahnte sie nicht; sie kannte eben nur das einzige Gefühl inniger Dankbarkeit für eine Gefälligkeit, welche von einem fremden Menschen zu erbitten, sie in ihrer Anspruchslosigkeit nie gewagt haben würde. Ein Weilchen blickte der Kärrner noch ernst auf seine jugendliche Gefährtin nieder, dann nahm er Kober und Reisetasche.

»Vorwärts denn, Schätzchen, wenn wir einig sind,« sprach er halb zu sich selbst, halb zu Anna gewendet, »mit dem Herrn Einnehmer plaudere nicht viel, er ist zwar ein guter, gefälliger Mann und successive recht gebildet, aber etwas neugierig, und Fragen und Antworten kosten Zeit, deren wir eben nicht zu viel übrig haben; Du siehst ja, die Sonne sinkt und wartet nicht auf uns.«

Dann bewegte er sich auf den Wagen zu, Hechsels gußeiserne Nase heftete sich wieder an die blaugestreiften Magnete, dicht hinter Hechsel aber folgte Anna so leichten Schrittes und so leichten Herzens, als wäre sie eine Schwester der blühenden Pelargonien in dem Erkerfenster des Chausseehauses, oder eine Gespielin des muntern Rothkehlchens gewesen, welches von der höchsten Spitze des Schlagbaums lustig in die kühle Waldluft hinauszirpte. –

Der neugierige Zöllner war mit einigen kurzen Bemerkungen über die ihm fremde junge Wandrerin abgefunden worden; eine längere Lobrede über die Gewissenhaftigkeit, mit welcher er die drei Holsteiner getränkt und ihnen schließlich die behaarten Hufe begossen und gekühlt hatte, reihte sich an jene Bemerkungen an, worauf ein fester Händedruck die flüchtige Zusammenkunft der beiden alten Bekannten abschloß. Ein zierlicher Doppelschlag mit der Peitsche, dem ein durchdringender Knall nachfolgte, diente als Signal zum Aufbruch, aber erst auf das mit vieler Würde ausgesprochene: »Immer successive!« ihres Herrn lehnten die drei Holsteiner sich in die Geschirre, und knirschend und knarrend rollte der schwer befrachtete Wagen ihnen nach.

Die Ketten rasselten, die breitbeschlagenen Räder schlugen auf den wohlgeschmierten eisernen Achsen klingend hin und her, die Zierrathen an den hohen Kummeten klirrten, der fürchterliche Elephantenrücken schwankte leicht; um so lustiger tanzte dafür das Theertönnchen, wiegte sich der Hemmschuh, bewegte sich federnd das beinahe auf der Erde schleifende Tragegerüst und wies die sicher befestigte Hebewinde ihre stählernen, in schwarzem Fett schwimmenden Zähne.

Neben dem Sattelpferde auf dem Sommerwege wandelten dicht neben einander der riesenhafte Kärrner und Anna's zarte, schlanke Gestalt; Letztere fast einherschwebend, Ersterer dagegen den Oberkörper schwerfällig wiegend und mit dem vorwärts schreitenden Fuße jedesmal die entsprechende Schulter um eine halbe Elle nach vorne schwingend. Der Einnehmer hatte ihnen einige Minuten wohlgefällig nachgeblickt, bevor er sich in den Garten zu den Seinigen zurückbegab. Das Rothkehlchen zirpte wieder im Waldesdickicht, der Hund des Einnehmers lag mitten in der Hausthüre und schnarchte; in nächster Nähe von ihm spann eine weiße Katze; melancholisch schauten die roth glühenden Pelargonien zum Fenster hinaus, als hätten sie die gegenüber auf dem Grabenufer blühenden Feldblumen um die sich bereits einstellende Wirkung des sich ihnen anschmiegenden Thaus beneidet. –

Drittes Capitel. Die Erzählung einer Waise.

Der Schlagbaum war längst, längst nicht mehr zu sehen; der Sonnenschein hatte sich allmälig von der Chaussee zurückgezogen und nur noch die höchsten Wipfel der hervorragendsten Bäume schwammen in der von dem feurigen Westen ausgehenden rothen Beleuchtung.

Anna schritt rüstig neben ihrem vierschrötigen Freunde dahin, ohne daß die geringste Spur von Müdigkeit an ihr zu entdecken gewesen wäre. Hatte sie doch sogar mit einer gewissen Geringschätzung zu dem Hauderer hinübergeschaut, als derselbe sie einholte, und endlich auf die Post selber, die ihr, trotz des prahlenden gelb und schwarzen Anstrichs und des weithin schallenden Hornsignals, im Vergleich mit dem mächtigen Frachtwagen schrecklich unbedeutend und langweilig erschien. Wer in einem der beiden ringsum geschlossenen Wagen hätte ihr auch wohl eine so anregende Unterhaltung geboten, wie sie in der Gesellschaft ihres stattlichen Begleiters mit dem prächtigen, sonnverbrannten Gesicht und dem so wohlkleidenden feuerrothen Bartkragen genoß? Und dann erst das Gefühl der Sicherheit, dessen sie sich in dem endlosen Walde erfreute, seit sie sich unter dem Schutze eines Mannes wußte, der sich, nach ihrer Ueberzeugung, an Kräften mit jedem einzelnen seiner drei Holsteiner messen konnte! Selbst Hechsel erschien ihr plötzlich als ein höchst zuverlässiger Freund und Beschützer, und mit innerer Befriedigung gewahrte sie, daß weit über die Hälfte der Anziehungskraft aus den blaugestreiften Magneten in ihr schwarzes Kleidchen übergegangen war und das närrische Thier mehr in ihren Spuren, als in denen seines Herrn folgte. Und dann, wie mußte die Luft in dem geschlossenen Wagen beschaffen sein, während jetzt der kühle Abendwind ihre Schläfen erquickend umfächelte, so daß sie sich bewogen fühlte, das Strohhütchen über ihren Arm zu hängen und der thauerfüllten Atmosphäre ihr ganzes Haupt preiszugeben? Wie aber die lieben hohen Bäume mit ihren schattigen Laubkronen unter der Wirkung der sich auf ihre Blätter senkenden Feuchtigkeit aufzuleben begannen, wie die Immortellen, die wilden Federnelken und die rothen Glöckchen der Haidekrautbüsche auf der Rasenwand des Chausseegrabens sich emporrichteten, so athmete auch sie freier und ihre Brust dehnte sich weiter aus, daß sie hätte mit einstimmen mögen in das Concert, welches die kleinen Heimchen ihr auf dem ganzen Wege gaben, und die großen, grünen Heuschrecken, die, auf den Bäumen sitzend, ihre Triller bis in die Ewigkeit hinein schienen ausspinnen zu wollen. Doch wenn sie auch nicht sang, so tönte das Entzücken, welches sie empfand, dafür um so deutlicher aus dem Tone ihrer süßen Stimme hervor, indem sie ihre Worte und Fragen an den biedern Kärrner richtete und ihn bald über Dieses, bald über Jenes um Belehrung bat. Der alte Braun aber ertheilte herzlich gern jede verlangte Belehrung, um so mehr, da die Fragen vorzugsweise solche Gegenstände betrafen, welche ihm am nächsten lagen und mit denen er schon von Kindesbeinen an vertraut gewesen.

So waren sie denn noch keine halbe Meile gewandert, da kannte sein holder Schützling nicht nur die ganzen Lebensgeschichten der drei Holsteiner, sondern auch die Bestimmung aller Geräthschaften, die rings um den Wagen und unter ihm ihren Platz angewiesen erhalten hatten; und Alles war ihr neu und für Alles verrieth sie Theilnahme, am meisten jedoch für Hechsel's Lagerstätte in dem schwingenden Gerüst, welche aus einem Bündelchen weichen, duftenden Heu's bestand und noch einen Sack mit Hafer als besondere Rücklehne erhalten hatte.

In die weitere Umgebung schweiften ihre Blicke und Gedanken ebenfalls: in den dämmerigen Wald, der sich so geheimnißvoll zu beiden Seiten der Straße ausdehnte und in welchem hundertjährige Stämme so anmuthig mit jungen Schößlingen abwechselten, gerade so, wie sie sich entsann, in früheren Jahren im Geiste sich ein Bild von den verzauberten Forsten entworfen zu haben, wenn sie die Schilderungen solcher in wunderbaren Märchen las. Denn in einen wirklichen großen Wald war sie heute zum ersten Male gekommen, und erst seit sie in der Gesellschaft des riesenhaften Kärrners reiste, hatte sie hinlängliche Ruhe gefunden, an etwas Anderes, als an ihre Vereinsamung und ihren bevorstehenden Eintritt in die Welt zu denken.

Dann führte die Chaussee wieder an kleineren und größeren Waldwiesen vorbei; auf manchen standen runde Heuhaufen, während auf andern zerstreute Erlenbüsche sich erhoben. Die bei Annäherung des Abends diesen grasigen Niederungen entsteigenden Dünste lagerten in geringer Höhe über dem feuchten Erdboden, so daß die Spitzen der Heuschober und Büsche, wie aus einem milchigen See, über der ebenmäßigen Nebelschicht emportauchten. Wäre Anna aber allein gewesen, allein und einsam in dem großen Walde, dann würde sie durch die weißen Nebelschichten an Leichentücher erinnert worden sein, an Leichentücher, wie sie deren schon so manche in ihrem jungen Leben gesehen. Ihr armes Herz hätte dann wohl schneller gepocht, und scheu und die Blicke abwendend, wäre sie vorüber geeilt an den unheimlichen Stellen. Jetzt dagegen, in der Gesellschaft des freundlichen Kärrners, kannte sie weder Furcht noch Scheu, und auf die geheimnißvollen Nebelstreifen schaute sie mit reger Theilnahme hin, als ob unter denselben ein Heer von Blumengeistern seinen Reigen aufgeführt und verschwenderisch zahllose Thauperlen auf Halme und Blätter und sogar oben auf die plumpen Heuschober hinaufgestreut hätte.

Aber auch nützlich wußte sie sich zu machen, denn während ihr riesenhafter Begleiter den fast schwarzen Maserkopf seiner schön bequasteten kurzen Pfeife aus dem strotzenden Tabacksbeutel füllte und demnächst ein blaues Rauchwölkchen nach dem andern links und rechts um den rothen Borstenkragen warf, trug sie ihm die Peitsche.

Der alte Braun hatte zwar unzählige Male seine Pfeife gestopft, ohne dabei durch die unter den linken Arm geklemmte Peitsche gehindert zu werden, allein heute war ihm plötzlich eingefallen, sich wie ein Herr bedienen zu lassen. That es seinem ehrlichen Herzen doch so unendlich wohl, zu beobachten, wie es dem lieblichen, dienstfertigen Wesen an seiner Seite so große Freude gewährte, sich ihm gefällig zu zeigen. Ja, wenn sie ihm nur nicht zu schwach vorgekommen wäre, dann hätte er, um ihre Freude zu erhöhen, ihr auch noch den feuer- und wasserfesten Hut sammt seinem ganzen Inhalte zum Tragen dargereicht, unbekümmert darum, daß dann der kalte Thau auf die handgroße Fläche seines Hauptes gefallen wäre, auf welcher er nur nothdürftig mittels einiger Bürstenstriche etwas Haar zu erheucheln vermochte.

Und so wanderten sie dahin, immer weiter und weiter. Der letzte Tagesschimmer versank, aber freundlich lugte über die hohen Bäume fort der beinahe volle Mond zu ihnen nieder. Der Wagen knirschte, rasselte und klapperte; unabänderlich, wie von einem künstlich geregelten Mühlenwerk belebt, stampften die schwer beschlagenen Hufe den festen Boden, daß zuweilen die hellen Funken unter ihnen hervorstoben. Schon mehrfach hatte der Kärrner seine jugendliche Begleiterin aufgefordert, den Wagen zu besteigen, in welchem sie gleich vorn über der Deichsel ein bequemes Plätzchen gefunden hätte, aber jedesmal erhielt er eine abschlägige Antwort.

»Ich bin nicht müde,« betheuerte Anna heiter, »der Abend ist so schön und dabei fühle ich mich so frisch, daß ich die ganze Nacht hindurch gehen und plaudern möchte; ich fürchte nur, Ihnen durch meine vielen Fragen lästig zu werden.«

»Lästig, Schätzchen?« fragte der Kärrner wie beleidigt zurück, jedoch das Grimmige im Tone seiner Stimme nach besten Kräften zu mildern, legte er die schwielige Hand auf das üppige, seidenweiche Haar seines Schützlings.

»Ja, lästig, ich meine successive lästig,« bekräftigte Anna, in einer Anwandlung von Muthwillen das Lieblingswort des Kärrners schärfer betonend.

Die schwielige Hand glitt leise von dem holden Haupte niederwärts bis auf den schlanken Hals, und nachdem sie dort einigemal so leicht geklopft, als ob sie das feinste Spinngewebe berührt hätte, zog sie sich ganz zurück. Dann aber lachte die alte biedere Haut, zwar nicht sehr melodisch, dagegen so herzlich und wohlwollend, daß es seiner Begleiterin wie die schönste Musik in die Ohren schallte.