Die Hyänen des Kapitals - Balduin Möllhausen - ebook

Die Hyänen des Kapitals ebook

Balduin Möllhausen

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Opis

Möllhausens nur teilweise in Amerika spielender Roman ist eine knallharte und teilweise sehr ironische Abrechnung mit den skrupellosen Spekulanten des 19. Jahrhunderts.

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Die Hyänen des Kapitals

Balduin Möllhausen

Inhalt:

Balduin Möllhausen – Biografie und Bibliografie

Die Hyänen des Kapitals

Erstes Kapitel.

Zweites Kapitel.

Drittes Kapitel.

Viertes Kapitel.

Fünftes Kapitel.

Sechstes Kapitel.

Siebentes Kapitel.

Achtes Kapitel.

Neuntes Kapitel.

Zehntes Kapitel.

Elftes Kapitel.

Zwölftes Kapitel.

Dreizehntes Kapitel.

Vierzehntes Kapitel.

Fünfzehntes Kapitel.

Sechzehntes Kapitel.

Siebzehntes Kapitel.

Achtzehntes Kapitel.

Neunzehntes Kapitel.

Zwanzigstes Kapitel.

Einundzwanzigstes Kapitel.

Zweiundzwanzigstes Kapitel.

Dreiundzwanzigstes Kapitel.

Vierundzwanzigstes Kapitel.

Fünfundzwanzigstes Kapitel.

Sechsundzwanzigstes Kapitel.

Siebenundzwanzigstes Kapitel.

Achtundzwanzigstes Kapitel.

Neunundzwanzigstes Kapitel.

Dreißigstes Kapitel.

Einunddreißigstes Kapitel.

Zweiunddreißigstes Kapitel.

Dreiunddreißigstes Kapitel.

Vierunddreißigstes Kapitel.

Fünfunddreißigstes Kapitel.

Sechsunddreißigstes Kapitel.

Siebenunddreißigstes Kapitel.

Die Hyänen des Kapitals, Balduin Möllhausen

Jazzybee Verlag Jürgen Beck

Loschberg 9

86450 Altenmünster

ISBN: 9783849631888

www.jazzybee-verlag.de

[email protected]

Balduin Möllhausen – Biografie und Bibliografie

Reise- und Romanschriftsteller, geb. 27. Jan. 1825 in Bonn, gest. 28. Mai 1905 in Berlin, erlernte in Pommern die Landwirtschaft, begab sich 1850 nach Amerika, wo er sich 1851 der Reise des Herzogs Paul von Württemberg nach den Felsengebirgen anschloss. Hier wurde er unter die Omahaindianer verschlagen, bei denen er fünf Monate verbrachte, fuhr dann den Mississippi herab nach New Orleans, wurde später auf Verwenden A. v. Humboldts einer amerikanischen Expedition nach dem fernen Westen als Topograph und Zeichner beigegeben und kehrte 1854 über San Francisco und den Isthmus von Panama nach Deutschland zurück, wo ihn König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen zum Kustos der Bibliotheken in den Schlössern von Potsdam ernannte. Eine abermalige Reise nach Nordamerika 1857–58 führte ihn in Gesellschaft des Ingenieurs Ives in die noch unbekannten Gegenden am mittlern Colorado. Seit 1886 lebte er in Berlin. Er gehörte zur Tafelrunde des Prinzen Friedrich Karl von Preußen, dessen Andenken er die »Dreilinden-Lieder« (Berl. 1896) widmete. Die Ergebnisse seiner Reisen legte er nieder in den Werken: »Tagebuch einer Reise vom Mississippi nach den Küsten der Südsee« (Leipz. 1858; 2. umgearbeitete Aufl.: »Wanderungen durch die Prärien und Wüsten des westlichen Nordamerika etc.«, das. 1860) und »Reisen in die Felsengebirge Nordamerikas« (das. 1861, 2 Bde.). Außerdem verfaßte er zahlreiche Romane und Novellen, die meist in der Neuen Welt spielen, wie: »Die Halbindianer« (1861), »Der Flüchtling« (1862), »Der Mayordomo« (1863), »Das Mormonenmädchen« (1861, 3. Aufl. 1871), »Reliquien« (1865), »Der Meerkönig« (1867), »Der Hochlandpfeifer« (1868), »Der Piratenleutnant« (1870, 3. Aufl. 1902), »Der Fanatiker« (1883), »Der Trader« (1884), »Wildes Blut« (1886), »Das Geheimnis des Hulks« (1889), »Der Fährmann am Kanadian« (1890), »Haus Montague« (1891), »Die beiden Jachten« (1891), »Die Söldlinge« (1892), »Der Spion« (1893), »Kaptein Meerrose und ihre Kinder« (1894), »Welche von beiden?« (1897, 2 Bde.), »Der alte Korpsbursche« (1898), »Das Fegefeuer in Frappes Wigwam« (1900) u.a. M., der mit Gerstäcker verglichen werden kann, war diesem in der Darstellung der Zustände und der Charaktere nicht ganz ebenbürtig, besaß aber ein bemerkenswertes Talent zu ansprechender Naturschilderung.

Die Hyänen des Kapitals

Erstes Kapitel.

Eine nächtliche Zusammenkunft.

Von unsäglichem Weh will ich erzählen; von Not, Tod und endlosen Seelenqualen. Ich will erzählen von den Hyänen des Kapitals und von ihren Opfern.

Wohl kostete es mich Überwindung, in einen, viele Monate dauernden geistigen Verkehr mit der Verworfenheit zu treten und mich mit dem Laster zu Tische zu setzen. Doch wenn bei solchem Schaffen der helle Enthusiasmus zu erbleichen drohte, der mich bisher durch zahlreiche Bände hindurch begleitet hatte, so fand ich neue Anregung, indem ich mich in die Schilderung lieber, freundlicher Gestalten versenkte, selbst unter Schutt und elenden Schlacken ein Goldkörnlein hervorzuschärfen trachtete.

"Quum finis est licitus, etiam media sunt licita", schloß ich in einem früheren Werke meine Betrachtungen über die verhängnisvolle Konvikterziehung; mit demselben dehnbaren Jesuitenspruche beginne ich heute die "Hyänen des Kapitals".

*

"Die Zeiten ändern sich und wir uns mit ihnen! Wie lange ist es her, seit ich ängstlich in deine Augen spähte, jeden helleren Blick zu meinen Gunsten zu deuten trachtete? Wie lange, seit dein erster schüchterner Händedruck mich bis über die Wolken erhob, der erste Kuß von deinen Rosenlippen mich beseligend durchschauerte? Alles, alles dahin!"

"Wer verschuldete den traurigen Wechsel?" tönte es die bittere Anrede ebenso bitter, wenn auch mit sanfterer Stimme zurück.

Der Mann lachte unheimlich.

"Das jetzt noch ergründen zu wollen, wäre überflüssig," antwortete er; "zwei Steine lösten sich von dem Gipfel eines Berges. Nachbarlich nebeneinander niederwärts rollend, erzeugten sie im gelegentlichen Zusammenstoß einen hellen Ton. Doch wie lange! Erdreich, das ihnen auf der abschüssigen Bahn anhaftete, raubte ihnen den ohnehin dürftigen Wohlklang. Jede kleine Unebenheit des Bodens trug dazu bei, sie einander immer mehr zu entfremden, bis sie endlich, ganz getrennt, verschiedene Wege verfolgten, und, jeder für sich, am Fuße des Berges in einen Abgrund der Vergessenheit hinabsanken. Wie jene kalten, herzlosen Steine schieden auch wir voneinander."

"Sechzehn Jahre liegen zwischen dem Gipfel des Berges und dem Abgrunde," sprach schmerzlich aufseufzend die Frau, dann trat dumpfes Schweigen ein.

Draußen heulte der Sturm durch die Wipfel hoher Waldbäume. Die bleigefaßten Scheiben des Fensters zitterten unter der Gewalt, mit der der Regen sie traf. Tief hängendes Gewölk verdichtete die nächtliche Dunkelheit. Mit dieser fielen in eine einzige schwarze Masse der niedrige, strohgedeckte Dorfkrug, die nahe Poststation, das hinter dieser sich ausdehnende Kirchdorf, die vorbeiführende Chaussee, Wald, Flur und Gärten zusammen.

Bis auf einen Knecht, der in dem eigentlichen Schänkzimmer träumend auf der Ofenbank lag, hatten sich alle Bewohner des Kruges zur Ruhe begeben. Und auch er hätte längst seine Lagerstätte im Pferdestall aufgesucht, wäre er nicht durch die beiden Fremden gebunden gewesen.

Kurz vor Abend waren sie eingetroffen: der Mann in einem von ihm selbst gelenkten einspännigen Leiterwagen, die Frau mit der Post aus entgegengesetzter Richtung. Ihren Aufbruch hatten sie von der Ankunft der nächsten Post abhängig gemacht, die gegen ein Uhr erwartet wurde. Bis dahin begnügten sie sich mit dem ihnen eingeräumten Wohnzimmer der Wirtsleute, in dem sie ungestört blieben. Ein einfaches Mahl war für sie aufgetragen worden; allein sie hatten die Speisen kaum angerührt. Desto verschwenderischer nährten sie das Feuer des neben dem weiß übertünchten Ziegelsteinofen in die Wand eingemauerten Kamins.

Der Mann, nahe den Fünfzigern, mochte früher eine angenehme Erscheinung gewesen sein. Heute dagegen ruhte auf seinem gelblich bleichen, von schwarzem Haar beschatteten Gesicht ein so sprechender Ausdruck von Weltverachtung, als ob er schon wer weiß wie lange mit dem Leben abgeschlossen gehabt hätte. Ähnliche Empfindungen prägten sich in seinen müden braunen Augen aus, während eine auf der linken Wange in den Mundwinkel verlaufende Narbe einen Zug böswilligen Hohnes erzeugte. Selbst in seiner vernachlässigten Bekleidung offenbarte sich spöttische Gleichgültigkeit gegen fremdes Urteil.

Ärmlich gekleidet, oder vielmehr ausgestattet mit den verblichenen Resten glücklicherer Tage war auch die neben ihm sitzende Frauengestalt. Vor der Zeit gealtert, das Haar leicht ergraut, zeigte sie das ernste Teilnahme erweckende Bild herber Not und tiefen Grames. Was in ihren abgehärmten Zügen einst bezaubert haben mochte, das war erschlafft und abgestumpft. Die in langer Reihe aufeinander folgenden Täuschungen und Schicksalsschläge hatten die Ärmste zu schwach zum Widerstand gefunden. Von dem Augenblick an, in dem sie ihr Leben für ein verfehltes erkannte, hatte, indem die schwere Aufgabe an sie herangetreten war, tückisch herbeischleichenden Mangel vor der Welt zu verheimlichen, betrachtete sie ihr Dasein nur noch als eine Last, die abzuschütteln nur eine Tochter sie hinderte.

"Sechzehn Jahre," wiederholte der Mann nach einer langen Pause die Worte der tiefgebeugten Frau, "und von diesen fallen nur Monate auf unsern kindischen Glückstraum: alles übrige war elende, nüchterne Wirklichkeit."

"Durch wessen Schuld?" erneute die Frau träumerisch ihre Frage.

Der Mann lachte feindselig.

"Wälzen wir die Schuld auf den breiten und geduldigen Rücken des Schicksals," erklärte er spöttisch, "und trösten wir uns mit dem Bewußtsein, zu einem dauernden Glück ebenso berechtigt gewesen zu sein, wie viele Tausend anderer Menschen. Daß es uns versagt blieb? Pah! Wer möchte darüber heute noch Betrachtungen anstellen?"

"Raubte das Schicksal dir, dem gesuchten jungen Arzte, das Vertrauen von Freunden und Gönnern?" hieß es vorwurfsvoll.

"Nicht unmittelbar," versetzte der Doktor, "allein es verwickelte mich in politische Bestrebungen, die törichterweise einem jungen Arzte nicht gestattet werden. Die alten Freunde verwandelten sich in ebensoviele Feinde; andere Freunde traten an deren Stelle, und wiederum ist es einem übelwollenden Geschick zuzuschreiben, wenn diese, ein kleines Kapital witternd, mich in gewagte Börsenspekulationen hineinzogen und schließlich ruinierten. Doch hinweg mit diesen Rückerinnerungen! Planlos würfelte das Geschick uns zusammen, um uns zu spät zur Erkenntnis gelangen zu lassen, daß wir nicht füreinander paßten. Die aus solchem Bewußtsein entspringende Gleichgültigkeit aber beeinträchtigte unsere Tatkraft; die Not klopfte an unsere Tür, und dann geschah –"

"Es geschah, was zwölf Jahre früher hätte stattfinden sollen," fiel die Frau mit zitternder Stimme ein, "ich hätte dann wenigstens mein kleines Vermögen gerettet. Wir trennten uns; du bliebst, und ich zog von dannen, um auf einer Stätte, auf der ich nicht gekannt war, für mich und meine arme Tochter zu sorgen.

"Ziehe das Kind nicht in unsere Betrachtungen," nahm der Mann hastig das Wort, denn es wird nicht mittellos sein. Mein Tod –" er hielt inne. Wie befürchtend, zuviel gesagt zu haben, spähte er um sich. Dann kehrte er sein Antlitz dem Feuer wieder zu. Er war noch bleicher geworden; seine Lippen zuckten unheimlich; die Narbe auf seiner Wange schien sich zu vertiefen, den Ausdruck eines wilden Hohnes verschärfend. Ein Weilchen schürte er zwischen den flackernden Feuerbränden, und fuhr dann eintönig fort:

"Die Summe, zu der ich mein Leben versicherte, erreicht beinahe die Höhe deiner Mitgift. Ich könnte daher kaum etwas Verständigeres tun, als mich hinzulegen und zu sterben.

"Ein Glück für seine arme Frau, wird meine Grabrede lauten, ein Glück für uns alle wirst du selbst denken, wenn du in den unschuldigen Augen unserer Tochter eine Frage nach dem toten Vater entdeckst; – doch nichts mehr davon. Mein Wille ist unerschütterlich; und unsere Esther segnet dereinst ohne Zweifel das Andenken ihres Vaters, der in kluger Voraussicht ihre Zukunft einigermaßen sicherstellte."

Tiefer neigte die Gattin nach dieser Erklärung das Haupt. Auf ihrem geisterhaft bleichen Antlitz kämpften namenloses Entsetzen und unsägliche Traurigkeit.

"Du warst von Anbeginn mein böser Stern, und wirst es bleiben bis zu meinem letzten Atemzuge," das war die einzige Erwiderung, zu der sie sich emporzuraffen vermochte.

Heftiger, wie um das hoffnungslose Paar aus seinen düsteren Grübeleien aufzuscheuchen, rüttelte der Sturm an den klirrenden Scheiben. Der Regen prasselte, mit dumpfem Geheul fuhr zuweilen ein Windstoß in den Schlot hinab. In dem morschen Holz der altväterischen Ofenbank nagte vernehmlich eine Totenuhr, scheinbar ihre Arbeit nach dem Takte der bestaubten Wanduhr regelnd. Unempfindlich gegen das geräuschvolle Auftreten der erregten Elemente, schien das stille Paar die enteilenden Sekunden nach dem heiseren Ticken abzuzählen.

Da tönte aus der Ferne das Signal eines Posthorns herüber.

Erschreckt fuhr die Frau empor; ihre Gestalt bebte. Sie wagte nicht, die Blicke zu dem Manne aufzuschlagen, der sich ebenfalls erhoben hatte und sie finster betrachtete.

Wiederum und näher ertönte das Posthorn. Auf dem engen Flur polterte es; die Tür öffnete sich, und der verschlafene Knecht trat ein.

"Es ist Zeit," sprach er mürrisch, "die Post hält nicht länger, als sie Zeit zum Umspannen gebraucht."

"Gut," antwortete der Doktor, indem er seiner Gattin beim Umhängen des Mantels behilflich war, "so mögt Ihr auch mein Fuhrwerk bereithalten. Ich begleite diese Dame zur Station; in fünf Minuten bin ich zurück."

"Bemühe dich nicht," versetzte die Frau kaum verständlich, sobald der Knecht verschwunden war, "ich finde den Weg ohne deinen Beistand."

"Ich begleite dich," entschied der Doktor barsch, und machte sich ebenfalls reisefertig; "der Leute wegen ist es notwendig."

Sie traten auf die Chaussee hinaus. Der Postwagen fuhr eben vorüber. Langsam und schwer gegen Sturm und Regen ankämpfend, folgten sie dem beweglichen Schein der Wagenlaternen. Kein Wort mehr wurde zwischen ihnen gewechselt. Erst vor dem Stationsgebäude, als seine Frau im Begriffe war, einzusteigen, reichte der Doktor ihr die Hand.

"Lebe wohl," sprach er laut genug, um von den im Wagen sitzenden Passagieren und dem leuchtenden Postknecht verstanden zu werden, "lebe wohl und grüße mir unser Töchterchen. Hoffentlich ist die Zeit des Wiedersehens nicht fern. Ich sehne mich nach deiner Pflege, zumal sich häufiger wiederholende Kongestionen mich daran erinnern, daß auch Ärzte sterblich sind."

Er küßte sie auf die Stirn.

"Auf baldiges Wiedersehen!" Das war sein letztes Wort, und behutsam half er der zu jeder Erwiderung Unfähigen in den Wagen hinein.

Der Kutschenschlag war kaum zugefallen, als der Postillon die Pferde antrieb. Der Postknecht schlüpfte mit seiner Laterne aus dem Unwetter unter Dach und Fach. Aus dem Dorfe schmetterten die munteren Signale herüber, mit denen der scheidende Postillon sein Herz zu erwärmen, allen Stürmen und Regenschauern Hohn zu sprechen schien.

Der Doktor stand noch immer auf derselben Stelle. Erst nachdem der letzte Ton des Horns verklungen war, kehrte er nach dem Kruge zurück. Sein Fuhrwerk hielt vor der Tür: Schweigend bestieg er dasselbe; ein leichter Schlag mit der Peitsche, und das Pferd eilte davon. – –

Vier Wochen waren nach jener stürmischen Herbstnacht verstrichen, als plötzlich die Kunde das Städtchen durchlief, daß der allbekannte Doktor Kabel einem Schlaganfall erlegen sei. Sein frühes Ende wurde von niemand betrauert. Im Gegenteil, das unvorhergesehene Ereignis wurde als ein Glück für die hinterbliebene Witwe und deren Töchterchen angesehen und beiden von Herzen die nicht unerhebliche Versicherungssumme, die durch den Tod des Gatten und Vaters fällig geworden war, gegönnt.

Zwölf Stunden, nachdem der Doktor das Zeitliche gesegnet hatte, traf seine Witwe ein. Um Mitternacht hatte die ihr schleunigst übermittelte Kunde sie erreicht, und um acht Uhr in der Frühe hielt sie schon vor dem Trauerhause.

Die Hausgenossen des Verstorbenen, die mit den unglücklichen ehelichen Verhältnissen vertraut waren, sahen mit Erstaunen wie tief der Verlust des Gatten, von dem sie sich doch freiwillig getrennt hatte, sie ergriff. Sie duldete nicht, daß fremde Hände den Verstorbenen berührten, und wollte nicht einmal da, wo er so viele Jahre hindurch gewirkt hatte, den Entschlafenen beerdigt wissen, sondern in ihrer Nähe, damit sie sein Grab besuchen und pflegen könne.

Am folgenden Morgen in der Frühe wurde der Sarg in ihrer Wohnung, einem winzigen Häuschen des von ihr als Heimat gewählten Ortes, aufgestellt. Die Tochter hatte sie auf einige Tage zu fremden Leuten gegeben, sie selbst aber hielt die Totenwache allein und getreu. Wen in der folgenden Nacht sein Weg dort vorüberführte, der gewahrte deutlich Licht hinter den beiden verhangenen Fenstern, hörte sogar Schritte und das Rücken schwerer Gegenstände, als ob der Verlassenen Trauer sich in qualvollster Rastlosigkeit geäußert hätte. In der zweiten Nacht öffnete sich sogar die Haustür, und eine von Kopf bis zu Füßen dicht verhüllte Gestalt schlüpfte ins Freie hinaus. Behutsam drückte sie die Tür hinter sich zu; dann verschwand sie zwischen den nächsten Häusern.

Nach Tagesanbruch aber, als die schwarzgekleideten Männer kamen, um die Leiche hinauszufahren nach dem Friedhofe, da fanden sie die arme Frau unentkleidet auf ihrem Bette liegen und mit wirren Fieberphantasien kämpfend. Ihre seit Jahren geschwächte Gesundheit hatte den furchtbaren Gemütsbewegungen nicht länger Widerstand zu leisten vermocht. Die Krankheit selber wurde zwar gehoben, allein trotz der sorgenfreien äußeren Lage und der damit verbundenen besseren Pflege wollten ihre Kräfte nicht zurückkehren, und kaum fünf Monate später hielt ihre Tochter, ein vierzehnjähriges Kind, die erste Totenwache am Sarge der Mutter.

Zweites Kapitel.

Staub zum Staube.

Es war am Tage der Beerdigung, als vor dem Trauerhause eine fremde Frau erschien und mit scharfer Stimme fragte:

"Ist es die Frau Doktor Kabul, deren Beerdigung man hier vorbereitet?"

Die bedauernswerte Frau Doktor Kabel, hieß es berichtigend aus dem Chor der Neugierigen, die sich vor der Tür versammelt hatten, "der liebe Gott hat sie zu sich genommen," "Friede ihrer Asche," "uns allen ist der Tod sicher!"

"Mein Name ist Kabul;" mit diesen Worten trat dieselbe Fremde in das Sterbezimmer, in dem sich sogleich die Blicke dreier Herren und eines Madonnenbildchens auf sie richteten. Dann folgte kurzes Schweigen, währenddessen die Fremde ihre Umgebung flüchtig prüfte, die anderen dagegen sich mit ihrer wunderlichen Erscheinung vertraut zu machen suchten.

Und wunderlich genug war sie. Nur wenig über mittelgroß, machte sie doch den Eindruck einer ungewöhnlich langen Person, indem die Kleidungsstücke schlaff und wenig anmutig um ihre hageren Glieder niederfielen. Sie erinnerte dadurch an eine Stange, um die, zum Zweck des Vogelscheuchens, ein abgetragener faltiger Rock geschlungen worden war. Unsauber wirkte ihre Erscheinung nicht gerade, wohl aber sah sie verschlossen aus von ihren Schuhspitzen bis hinauf zu dem vergilbten Reiherbusch, der das kleine Filzbarett schmückte. Sie mußte gewöhnt sein, ihre Kleider ziemlich bis auf den letzten Faden aufzutragen, aber auch bei deren Anschaffung nicht den Preis in Betracht zu ziehen. So war der braune Sammetrock vor Zeiten gewiß von einem sehr teueren Stoff geschnitten worden; nicht minder der schwarzseidene Überwurf und der kurze Plüschmantel. Ihr hellbraunes Haar trug sie aufgelöst. Es reichte in dünnen Strähnen bis auf die Schultern nieder und lag in beständigem Kampfe mit dem Sturmriemen, der das kühn befiederte Barett in seiner gewagten Stellung hielt. Ihr Antlitz war das einer fünfundvierzigjährigen Jungfrau, die in ihrem Leben wichtigere Dinge zu bedenken gehabt hatte, als Eitelkeit, Liebe, Hochzeit und wer weiß was sonst noch. Die sehr bemerkbare Nase bildete einen stumpfen Winkel zur Stirn; einen Gedankenstrich die fest aufeinander ruhenden Lippen. Zwei lebhafte blaue Augen, die offenbar gewohnt waren, sich vor keinem Blick oder Anblick zu senken, starke Brauen und ein weißlicher Kinnbart, stark genug, um den Neid eines Primaners zu erwecken, vervollständigten das Bild eines Don Quixote, wie er im Buche steht.

"Mein Name ist Meredith Kabul," brach die wunderliche Fremde das Schweigen endlich, das bei ihrem Eintreten entstanden war. "Durch die Zeitung erfuhr ich zufällig den Tod einer verwitweten Frau Doktor Kabul, und, auf einer dringenden Geschäftsreise begriffen, scheute ich nicht den Umweg, um mich von meinen verwandtschaftlichen Beziehungen zu ihr, ihrem verstorbenen Gatten und der hinterbliebenen Tochter zu überzeugen."

"Nicht Kabul, sondern Kabel," raffte der zum Vormund der jungen Waise kommandierte vorstädtische Hufenbesitzer sich mutig empor, augenscheinlich, um der angedrohten Verwandtschaft vorzubeugen, die ihn mit dem furchtbaren weiblichen Don Quixote näher zusammenführen mußte.

"Kabel, Kabul, Kappel oder Kaplick!" versetzte Meredith, geringschätzig die Achsel zuckend. Meine Familie, unstreitig maurischen Ursprungs, stammt aus Spanien. Ein Kabul wanderte nach Italien aus, während zwei andere den Weg nach Deutschland einschlugen. Solches geschah vor dem dreißigjährigen Kriege, in dem mehrere Kabuls nicht unbedeutende Rollen spielten. Es kann daher nicht befremden, wenn im Laufe der Jahre der Name sich jedesmal dem Landesdialekt anbequemte – doch das dürfte außerhalb ihrer Sphäre liegen. Verständlicher wird Ihnen die wohlüberlegte Erklärung sein, daß ich diese Kabul als meine Verwandte anerkenne und sie daher zu mir nehme. Eine Kabul darf nicht nutzlos in der Welt umherirren oder auf die Wohltätigkeit anderer angewiesen sein. Tritt her zu mir, Meredith Kabul, auf daß ich dir ins Antlitz schaue," wendete sie sich an die sie ängstlich beobachtende Waise.

Diese, in dem Glauben, nunmehr allen Menschen gehorchen zu müssen, näherte sich zagend.

"Esther Kabel heiße ich," lispelte sie unter andringenden Tränen.

"Esther? Esther?" fragte Meredith triumphierend, "ein neuer Beweis für die Richtigkeit meiner Voraussetzungen. Unter meinen Vorfahren in gerader Linie findet sich dieser Name einmal, in den Seitenlinien zweimal vertreten. Wie einzelne Familienähnlichkeiten vererben sich auch die Neigungen zu bestimmten Namen durch Jahrhunderte hindurch. Also: Esther Meredith Kabul, meine Herren," kehrte sie sich der verwirrt dareinschauenden vormundschaftlichen Kommission zu, "ich hoffe, Sie erheben keine Schwierigkeiten, wenn ich meine Rechte geltend mache. Außerdem diese Familienähnlichkeit: Blaue Augen, gebogene Nase – Haltung, Blick – kühn geschwungene Brauen – eine auf Energie und Wissensdurst hindeutende Schädelbildung – Esther Meredith, ich wünsche dir Glück. Besitzest du noch lebende Verwandte?"

Esther vermochte nur ein verneinendes Zeichen zu geben.

"Das fällt nicht ins Gewicht," fuhr Meredith fort, "je weniger Träger unseres Namens – er ist überhaupt sehr selten – um so leichter auf ihren Ursprung zurückzugehen, wo das reine Kabul zum erstenmal in das plattdeutsche Kabel oder Kavel verwandelt wurde –"

"Es ist neun Uhr. Punkt neun Uhr soll die Beerdigung stattfinden," meldete ein Mitglied der Kommission dienstlich an Meredith, "wir dürfen die Leute nicht warten lassen."

"So gebt der Erde, was der Erde gehört," antwortete Meredith erhaben, indem sie neben den Sarg hintrat und mit dem Finger auf das hohlklingende Holz klopfte, und du, Esther Meredith Kabul, zeige durch ernste Fassung dich würdig deines Namens." Die Tür öffnete sich, kurzes Flüstern und Knirschen des Sandes unter dicksohligem Schuhzeug, und hinaus schwankte der Sarg, begleitet von so verzweiflungsvollem Schluchzen, daß selbst die Sterbe-Kommission Tränen in ihre Augen dringen fühlte.

Meredith, ihren jungen Schützling an der Hand, folgte den voraufschreitenden Männern auf die Straße hinaus.

Langsam, so recht langsam und feierlich bewegten sich die schwarzverhangenen Pferde einher, und mit ihnen hielten gleichen Schritt die schwarzverhangenen Männer. Vier gingen auf jeder Seite; einer immer noch trauriger als der andere. Es war zum Erstaunen, woher sie alle die schmerzlichen Empfindungen nahmen, die die gesenkten Augen und Mundwinkel umlagerten. War es doch nur eine "kleine" Leiche, die sie beförderten. Aber der vergilbte Reiherbusch auf dem Baret hinter dem Wagen hatte es ihnen angetan, daß sie nicht aufzuschauen wagten. Denn die Trägerin des Reiherbusches schritt trotz ihres seltsamen Aufputzes und der verwunderten Blicke der ihnen Begegnenden so erhaben und zuversichtlich einher, als hätte auf ihren Schultern die Verantwortlichkeit für den richtigen Gang eines Sonnensystems geruht.

Die verwaiste Esther war freilich unempfindlich für das Peinliche ihrer Lage. Sie hatte nur Tränen, die vereinzelt über ihre fieberisch geröteten Wangen rollten. Doch der feste Druck, mit dem Meredith ihre Hand hielt, erschien ihr tröstlich, und mit wachsendem Vertrauen schloß sie sich an diejenige an, die ihre entschlafene Mutter nach der letzten Ruhestätte begleitete.

Eine Ahnung von ihrem nahe bevorstehenden Ende hatte deine Mutter wohl nicht?" fragte Meredith, nachdem beide eine Strecke schweigend zurückgelegt hatten.

"Wohl nur in der letzten Stunde, wie mir jetzt scheint," gab Esther leise zu, "denn als ich an jenem Abend, bevor sie einschlief, um nie wieder zu erwachen, mich über sie hinneigte, küßte sie mich, und unter krampfhaftem Schluchzen, wie von unnennbarer Angst ergriffen, bat sie mich, dafür Sorge zu tragen, daß sie nicht neben dem Vater begraben werde. Auch von einer unter den furchtbarsten Opfern erkauften Versicherungssumme sprach sie, und von dem Segen, die ohne Benützung jener Summe auf meiner Hände Arbeit ruhen würde – die arme, arme Mutter –"

"Wunderbar, sehr wunderbar," bemerkte Meredith sinnend; "unternahmst du Schritte zur Erfüllung ihres Wunsches?"

"Fürchtend, daß sie im Fieber gesprochen oder ich sie mißverstanden habe, wagte ich es nicht. Liebte sie doch den Vater über alles, wie sie mir wohl tausendmal erzählte."

"Gut, gut," beruhigte Meredith ernst, "die Nähe des Todes umnachtet und verwirrt zuweilen den im Scheiden unstät schwankenden Geist. Dein Vater war ein Kabul, und durch ihn ist auch deine Mutter eine Kabul geworden. Vielleicht, daß sie wähnte, als keine geborene Kabul nicht neben ihn zu gehören. Es liegt wenigstens kein Sinn darinnen, daß Ehegatten im Tode getrennt voneinander sein sollten."

Sie waren vor dem Tor des Friedhofes eingetroffen. Die Schwarzmäntel hoben den Sarg auf eine Bahre und trugen ihn nach einem frisch aufgeworfenen Grabe hin. Nach kurzen Vorbereitungen senkten sie ihn in die Erde hinab. Dann entblößten sie ihre Häupter.

Esther, von Schmerz überwältigt, sank auf die Knie. Ihr Antlitz mit beiden Händen bedeckend, weinte sie bitterlich. Meredith betrachtete sie eine Weile schweigend. Darauf nahm sie eine Hand voll Erde und diese zu der Toten hinabsendend, rief sie mit eigentümlich hohler Stimme: "Staub zum Staube; der Geist zum Urquell des Lichtes! Es sterben dahin die Geschlechter, es verhallen ihre Namen. Wie lange, und mit der Asche der letzten Kabul spielt der Wind!" Dann zu Esther, indem sie sie leicht an der Schulter berührte: "Auch du wirf Erde hinab, zur eigenen freundlichen Erinnerung. Hier das Grab deiner Mutter, dort das deines Vaters. Nimm Abschied von ihnen, denn in diesem Orte und auf dieser Stätte ist deines Bleibens nicht mehr. Unser Weg führt uns weit fort."

Mechanisch, wie im Traume, hatte Esther sich erhoben, und ebenso mechanisch warf sie Erde zu ihrer toten Mutter hinab. Was Meredith zu ihr sprach, blieb ihr unverständlich; aber willig ließ sie sich von ihr führen, unbekümmert um die Richtung des Weges, unbekümmert um ihre ganze Zukunft. Sie war zu traurig, zu trostlos. –

Drittes Kapitel.

Die Arche.

Der Sonnenschein eines lieblichen Spätsommernachmittages ruhte auf breiten Sandflächen und düstern Kiefernwaldungen: aber auch Wiesen wurden von ihm bedacht, Wiesen mit duftendem Heu, abgeerntete Äcker, Dörfer mit langen und kurzen Dächern, und mit Gruppen zerstreuter Feldarbeiter, die sich mit dem Einheimsen von Erdfrüchten beschäftigten. Bläulicher Herbstduft verschleierte traumhaft die Fernsicht. Hier lief ein Landweg, dort eine Chaussee, dort wieder eine Eisenbahn, durch die von ihnen innegehaltenen Richtungen die Lage der Hauptstadt verratend.

Auf einer Stelle der Chaussee, wo ein Landweg, zwischen zwei Dörfern vermittelnd, sie kreuzte, und zwar auf dem grasreichen Ufer eines tiefen Grabens, rasteten zwei Wanderer: ein älterer Mann und ein junges Mädchen, sie hatten offenbar ein tüchtiges Stück Weges zurückgelegt; denn dicker Staub bedeckte ihre Gesichter und Kleider.

Zwischen ihnen auf dem Rasen lag ein Dutzend in heißer Asche geröstete Kartoffeln und ebensoviel reife Äpfel. Jene hatten sie einige hundert Schritt weiter zurück am Waldesrande von Leuten erbeten, die dort, von der Arbeit des Kartoffelausgrabens rastend, vor einem Krautfeuer ihre Vesperstunde hielten.

"Auf dein Wohl, Maßliebchen; mögest du fortfahren, allezeit munter oben zu schwimmen, wie auf einer Tasse Cichorienwasser ein duftendes Tröpflein Rosenöl, das sich trotz allen Schüttelns nie mit jener verächtlichen Brühe vermischt."

Also sprach der ältere der beiden Reisenden, indem er ein breites Fläschchen von blauem Glase an seine Lippen führte. Der da sprach war ein Mann von etwa fünfzig Jahren, mit verwittertem Gesicht und gutmütigen Augen. Ein gewaltiger brauner Schnurrbart und ähnlicher Kinnbart vervollständigte sein Äußeres, das im übrigen noch merkwürdig erschien durch ein Paar Hände, die auffällig klein und wohlgebildet, doch so gebräunt waren und so hornige Schwielen aufwiesen, wie nur schwere Arbeit beides im Gefolge hat.

Während er mit behaglich gurgelndem Geräusch den erquickenden Trank zu sich nahm, ruhten auf seinem Antlitz ein Paar Augen, groß und dunkel, aber übermütig dabei blitzend, als wären sie die Wohnstätte von mindestens zehntausend mutwilliger Kobolde gewesen. Den prachtvollen Diamantaugen entsprachen die vollen, leicht aufgeworfenen Lippen, die, indem sie sich zu einem spöttischen Lächeln voneinander trennten, blendendweiße Zähne hervorschimmern ließen.

Der Anzug dieses fast noch auf der Grenze der Kindheit stehenden jungen Mädchens war nur wie der des Mannes, ärmlich, nebenbei vielfach geflickt und gestopft, und zwar mit riesenhaften und obenein unregelmäßigen Stichen. Doch umso sorgfältiger behandelt erschien das hübsche Gesichtchen mit den dunklen, seidenweichen Locken, die ein dichter Kranz von Eichenlaub schmückte und zugleich eine Art Schutz gegen den Sonnenbrand bildete. Auch die Lederschuhe, die die zierlichen Knöchel umschlossen, waren gut erhalten.

Nachdem der alte Landstreicher getrunken hatte, reichte er tändelnd die Flasche seiner Gefährtin dar. Diese warf spöttisch die Lippen empor, und anstatt die Flasche aufzunehmen, schnitt sie eine Scheibe von dem in ihren Händen befindlichen Apfel.

"Auf dein Wohl, Onkel Kappel!" sprach sie lachend, indem sie das Scheibchen zwischen ihre Perlenzähne legte, – "haßte ich, klares Wasser abgerechnet, nicht alle Getränke aus dem Grunde meiner Seele, würde ich's dennoch schwerlich übers Herz bringen, dir die scheußliche Labung um einen Tropfen zu verkümmern."

Kappel jodelte eine kurze Schweizermelodie, wozu er mit dem Pfropfen den Takt auf der Flasche rieb. Dann die Flasche auf seinem Körper bergend, kehrte er sich seiner Begleiterin wieder zu.

"Maßlieb," rief er sorglos aus, und eine Kartoffel mitten durchbrechend, ließ er deren noch warmen Duft wohlgefällig in seine recht bemerkbare Nase ziehen, "wenn du nicht das gescheiteste und obenein edelste Pflänzchen bist, das sich jemals unter verächtliches Unkraut verirrte, ohne selbst zum Unkraut zu werden, will ich mir an diesem vorzüglichen Gewächs einen Zopf essen, wie ihn kein jubiläumsfähiger verknöcherter Geheimrat stattlicher aufzuweisen vermag!"

"Gescheit genug," antwortete Maßlieb ernst einen neuen Apfel schälend, "und wäre der biedere Onkel Kappel in seiner Jugend nur halb so gescheit gewesen, möchte er heute selber Geheimrat sein."

"Womit du zu verstehen gibst, daß eine geringe Lebensstellung deinen Neigungen nicht entspricht," lachte Kappel, "Maßlieb, Maßlieb hüte dich vor hochfahrenden Träumen; zu einer angesehenen Stellung gehört mehr, als du in deinem jetzigen Wirkungskreise dir hättest aneignen können."

"Maßlieb schälte ihren Apfel fertig; dann erwiderte sie: "Wie weit brachtest du es denn mit deiner furchtbaren Gelehrsamkeit? Das einzige, was von dem tollen Korpsburschen blieb, ist dein unverwüstlich heiterer Sinn, obwohl ich nicht begreife, wie du überhaupt noch zu lachen vermagst."

Kappel jodelte seine Lieblingsmelodie – wenn auch nicht ganz sorglos, wie kurz zuvor – und nahm drei Kartoffeln und zwei Äpfel, sie so geschickt handhabend, daß vier der stellvertretenden Jongleurkugeln beständig in der Luft schwebten. Durch diese Bewegung suchte er offenbar zu verheimlichen, daß Maßliebs Bemerkung eine wunde Stelle getroffen hatte. Plötzlich warf er Kartoffeln wie Äpfel in des jungen Mädchens Schoß, und seinen buschigen Kinnbart behaglich streichelnd, hob er an: "Keinen Grund zur Fröhlichkeit? Meinst du, ich sei als Geheimrat oder sonstiger gehorsamster Fußkratzer glücklicher daran, als heute, da ich als verantwortlicher Minister eines mit den edelsten Untieren der Schöpfung reich gesegneten Marstallbesitzers den Orgelschwengel drehe? Oder köstlicher, als dieser braun geröstete Erdapfel mundeten mir Austern und Hummersalat, wenn ich dabei mit dem einen Auge lüstern auf einen silbernen Teller spähen, mit dem andern dagegen die launenhaften Regungen meines gnädigen Vorgesetzten studieren müßte? bei aller überflüssig verspritzten roten Tinte der Welt! Heute bin ich imstande, jeder Lebenslage die angenehmste Seite abzugewinnen, was mir als subalternem Beamten nie gelänge. Und dann, Kind, was wäre aus dir geworden, hätte dir der biedere Kappel gefehlt, dieser getreue Genius, mit seinem ätzenden Balsam feiner und grober Satire?

"Sehr dankbar, Onkel Kappel," versetzte Maßlieb indem sie über jedes ihrer kleinen Ohren eine langgeringelte Apfelschale streifte; "lernte ich doch lesen und etwas mehr als meinen Namen schreiben –"

"Pah! Wer gibt heute viel auf dergleichen halsbrechende Künste?" fiel der heruntergekommene Korpsbursche achselzuckend ein, "äußerer Anstand und Geld sind es allein, was das Weib zur begehrten Ware macht; und konnte ich keine gleißenden Schätze für dich sammeln, so hatte ich dafür den Trost, dich vor dem Versinken in den Morast der Gemeinheit zu bewahren. Und versunken wärest du rettungslos, hätte der Kappel dir nicht als Schutzgeist ununterbrochen wachsam zur Seite gestanden. Trotzdem ist's ein Wunder – beim Zeus und seiner eifersüchtigen Hausehre! daß bei den eigenen, gerade nicht rühmenswerten Neigungen mir solches gelang –" hier holte er die Flasche wieder hervor, um mit dem Pfropfen auf dem Glase flüchtig ein kreischendes Stückchen zu reiben – "und vor allem bei der Gemeinheit, deren wir täglich Zeugen sind. Denn gemein ist unser Admiral Lenkhart, dieser scheinheilige Beutelschneider; gemein ist seine Hälfte, von der es unentschieden ist, ob sie die bessere oder die schlechtere genannt werden muß. Gemein, grundgemein sind unsere Rosse, Hirsche, Drachen, Giraffen und Kamele, gemein ist unsere Beschäftigung, und noch gemeiner wäre alles, diente es nicht dazu, unsere Begriffe vom Schönen und Edlen gerade durch die niederschmetternden Kontraste zu verfeinern."

"Wenn alles dich in so hohem Grade anwidert warum zogst du nicht längst deines Weges?" fragte Maßlieb spöttelnd.

Kappel fuhr mit erheucheltem Schrecken zurück.

"Ohne dich?" rief er aus, "mich von dir trennen? Von dir, dem freundlichen Rätsel, zu dessen Lösung ich mit kaltem Blute das ganze Lenkhartsche Regime in die Luft zu sprengen, sogar vor die Kanzel eines modernen Inquisitors zu bannen vermöchte? Maßlieb, Maßlieb, ich frage wieder: Was wäre ohne den Kappel aus dir geworden!"

"Und dennoch werden wir über kurz oder lang voneinander scheiden müssen," entgegnete Maßlieb, "ich warte nur auf eine Gelegenheit, und fort bin ich, als ob der erste beste Sturmwind mich davongetragen hätte. Denn, Onkel Kappel –" hier erhielt ihre Stimme einen tieferen Klang – "du selbst wirst einräumen, daß ich für die Lenkhartsche Gesellschaft viel zu schön und zu schade bin. Und schön muß ich sein; weshalb sonst betrachteten mich die Menschen mit dummem Erstaunen? An meine Schönheit aber knüpfen sich die Pläne, bei deren Ausführung ich leider dich nicht gebrauchen kann. Hörte ich doch von Tänzerinnen, die in vergoldeten Wagen fahren, und von Sängerinnen, auf die Perlen und Diamanten einregnen! Meine Stimme aber?" Und:

"Ein Jäger aus Kurpfalz, Der reitet durch den grünen Wald,"

sang sie hell und melodisch in den sonnigen Äther hinaus.

"Gleichwie es ihm gefällt,"

wiederholte Kappel, nachdem Maßlieb geendigt hatte, die Schlußstrophe. Dann betrachtete er das liebliche Antlitz ein Weilchen mit sinnendem Ernst.

"Auf daß du dereinst deiner Schönheit fluchst," bemerkte er darauf mit einem Anfluge von Schwermut, "aber Gott sei Dank, Maßliebchen, du weißt nicht, was du sagtest."

"Keine Gefahr," lachte das heitere Kind wiederum, "du selbst nanntest mich oft genug früh gereift und glaube mir, trotz meiner erst siebzehn Jahre bin ich in unserer täglichen Umgebung viel zu mißtrauisch geworden, um wie eine alberne Drossel meinen Kopf in eine Schlinge zu stecken und einiger verlockender Beeren halber elendiglich zugrunde zu gehen."

"Also Vater und Mutter willst du verlassen" – hob Kappel an.

"Als ob du's nicht selbst am besten wüßtest," fiel Maßlieb ihm munter ins Wort, "die Lenkharts sind gerade so viel meine Eltern, wie du, oder jener Landstreicher, der über die Richtung seines Weges in Zweifel zu sein scheint."

"Gut," versetzte Kappel, dem in der Entfernung von einigen hundert Schritten sich langsam Nähernden einen flüchtigen Blick schenkend, ich bestreite nicht, was du sagst; allein sehnst du dich nicht zu erfahren, woher du stammst und auf welche Weise du in die Welt hinausgestoßen wurdest? Und dazu bietet sich doch nur die einzige Möglichkeit in unserm jetzigen Verhältnis.

"Zwei Fälle sind möglich," antwortete Maßlieb, und etwas sorgfältiger schnitt sie an ihrem Apfel, "entweder meine Eltern sind vornehme Leute und schämen sich meiner, oder sie gehören einem Stande an wie die Lenkharts, und die Reihe des Schämens ist an mir. Weshalb sollte ich mir übrigens die Mühe geben, meine Herkunft zu erforschen? Und was für Anrecht haben überhaupt Eltern an ihr Kind, nachdem sie es verstoßen und sich vierzehn, fünfzehn Jahre und wohl noch länger nicht drum kümmerten?

Ihre Blicke hafteten wieder an dem Fremden, der sich mit lebhaften Bewegungen näherte. Auch Kappel beobachtete ihn aufmerksamer und unterließ daher, das ihm offenbar peinliche Gespräch fortzusetzen.

Trotz seiner militärischen Haltung und des bis unters Kinn zugeknöpften Rockes war die Bezeichnung "Landstreicher", mit dem Maßlieb den Fremden zuerst belegte, bis zu einem gewissen Grade gerechtfertigt. Denn schäbig waren seine Kleider, schäbig sein schwarzer Zylinderhut, schäbig seine ungesäuberten Stiefel, und sogar dem hageren, gelblichen Gesicht mit dem wirren, stachelfuchsigen Vollbart und der großen dunkelblauen Brille konnte eine Art vornehmer Schäbigkeit nicht abgesprochen werden.

Je näher er den beiden Wanderern rückte, mit um so größerer Teilnahme schien er sie zu betrachten, bis er endlich vor ihnen stehen blieb und ungesäumt über den breiten Graben hinweg sie anredete.

"Es rastet sich gut im Freien," hob er an, "zumal nach einem tüchtigen Tagesmarsch."

"Jedenfalls ruht es sich da am besten, wo die Leute am wenigsten gehindert werden," antwortete Kappel nachlässig; denn eben so sehr wie die blauen Brillengläser verdroß den streng auf Anstand haltenden heruntergekommenen Ästhetiker, daß der Fremde für überflüssig erachtet hatte, seinen Worten einen Gruß vorauszusenden.

Dieser lächelte spöttisch und schärfer richteten die blauen Brillengläser sich auf das junge Mädchen.

"Die Begriffe über das Hindern sind verschieden," bemerkte er ruhig, "im vorliegenden Falle käme nur in Betracht, wie Sie eine bescheidene Frage auffassen."

"Für die Verschiedenheit der Fragen eröffnet sich noch ein weiteres Feld," versetzte Kappel nicht minder spöttisch, "fragen Sie mich nach dem Stande meiner Kasse, so antworte ich: Ebbe. Fragen Sie mich nach Gewerbe und Namen, so habe ich keinen Grund, zu verschweigen: Kappel, fahrender künstlerischer Musensohn. Erkundigen Sie sich dagegen nach meinem Glaubensbekenntnis, so erteile ich Ihnen den wohlmeinenden Rat, bei einem Wohltätigkeitsverein Stellung zu nehmen."

"Meine Frage ist harmloserer Natur," erwiderte der Fremde mit geringschätzigem Lächeln, "ich wünsche nämlich zu wissen, ob in der letzten Stunde eine Art Karawane, bestehend aus zwei auffälligen Wagen, von der Chaussee hier in den Landweg eingebogen ist."

In diesem Augenblick ließ sich von dem Punkte, auf dem die Chaussee den Forst verließ, dumpfes Poltern vernehmen. Maßlieb kehrte sich um, und mit der ausgestreckten Hand nach dem Waldessaum hinüberweisend, fragte sie dienstfertig: "Die dort drüben?"

Der Fremde folgte mit dem Blick der angedeuteten Richtung.

"Das müssen sie sein, ja, das sind sie," antwortete er etwas lebhafter, "nun ihr Weg führt hier vorbei, und unnötige Mühe wär's, ihnen weiter entgegen zu gehen. Ich vermute, die beiden Herrschaften stehen in näherer Beziehung zu der Arche?"

"Genau so nahe, wie es unserer Laune zusagt," warf Kappel gleichmütig ein; "frei ist der Bursch, und denjenigen möchte ich sehen, der mich hindern wollte, dem Lenkhartschen Ehepaar Triangel, Pauke, Drehkasten samt seinem ganzen Marstall stückweise an den Kopf zu werfen, und bei dem ersten besten aufgeklärten Dorfpfaffen – nebenbei eine Seltenheit in diesen orthodox-inquisitorischen Zeiten – als Küster, Leichenbitter oder Souffleur in Dienst zu treten? Sie kennen diesen Lenkhart?

"Nicht persönlich," versetzte der Fremde, und grinste hämisch; "durch Zufall erfuhr ich sein bevorstehendes Eintreffen in der Stadt und da machte ich mich auf den Weg." "Was von der Berühmtheit der Lenkhartschen Größe zeugt," rief Kappel unter schallendem Lachen aus! "verdammt! Es sollte mich nicht wundern, wenn hohe Herrschaften die Ehre der Bekanntschaft mit dem Admiral suchten! Dann griff er wieder nach Äpfeln und Kartoffeln. Ein Weilchen ließ er sie in der Luft tanzen; schließlich aber sie rückwärts werfend, kehrte er sich dem offenbar unangenehm berührten Fremden wieder zu.

"Sie bedienten sich der Bezeichnung "Arche", hob er an, und er drehte seinen Schnurrbart mit der Miene eines Paschas, "und wenn je Blindheit ins Schwarze schoß, so geschah es, als Sie unsere Heimat mit dem Fährboot des weinseligen Noah verglichen, in dem nicht nur alle Bestien des Himmels und der Erde, sondern auch alle sieben Todsünden für die Nachwelt gerettet wurden. Und unser Noah? Hahaha! Nehmen Sie zehn Prozent von einem winselnden Kirchendiener; zwanzig Prozent von einem Bettelvogt und dreißig von einem sogenannten neumodischen Gründer; den Rest füllen Sie auf mit Heuchelei, Tyrannei und Spitzfindigkeit; kneten Sie alles in eine spröde Masse zusammen, geben Sie ihr die Gestalt eines betreßten Türhüters, beglücken sie diese nach unten mit den leise auftretenden Samtpfoten eines Katers, nach vorn mit den frommen Blicken eines Heiligen, nach hinten mit einem Fuchsschwanz; ordnen Sie zum Schluß nach oben sein Haar mit Bürsten der Geduld und Sanftmut, und Sie haben den Admiral Lenkhart vor sich, wie er leibt und lebt."

Lenkhart, seiner Karawane eine Strecke vorausschreitend, hatte sich unterdessen so weit genähert, daß seine bis auf einen schwarzen Backenbart glatt rasierten Züge ziemlich genau zu unterscheiden waren. Der Titel Admiral, den Kappel ihm beilegte, erschien auf den ersten Blick gerechtfertigt; er hatte sogar sein möglichstes getan, ihn zu verdienen, indem sein Anzug aus einem blauen Tuchrock bestand, und eine Goldtresse um die blaue Mütze geheftet war. Dabei befleißigte er sich eines wiegenden Ganges, als wenn er auf dem Quarterdeck eines Ostindienfahrers das Licht der Welt zum erstenmal angeschrien hätte. Er war auch wirklich Knecht bei einem Kahnfahrer gewesen. Aus dem Schifferknecht war dann ein glücklicher, und mit Hilfe seiner schriftgelehrten Gattin, der Tochter eines Schaustellers, sogar ein gebildeter Archenbesitzer geworden. Ursprünglich hieß er Lenk; nach seiner Verheiratung fügte er indessen diesem Namen noch den seiner Ehehälfte hinzu, woraus das wohlklingendere Lenkhart entstand.

Den vorderen der beiden umfangreichen Wagen lenkte ein Bursche, der nicht zu der Arche gehörte, sondern mit seiner Stellung als Kutscher den wichtigen Zweck verband, nach beendigter Reise die vier Mietsgäule ihrem Besitzer zurückzubringen. Ein Stück Segeltuch schützte die hinter ihm aufgetürmte Ladung gegen den gelegentlichen Einfluß des Wetters, konnte aber nicht verhüten, daß ringsum eine Anzahl gräulicher Bestien sich mit den Köpfen und Vorderfüßen ins Freie drängte und nur mit Mühe am Entlaufen gehindert zu werden schien. Im übrigen konnte diesen Tieren, zumal sie aus Holz gemeißelt waren, ein gewisser Charakter des Umgänglichen nicht abgesprochen werden. Manche waren blind, manchen fehlten die Ohren, allen aber war im Laufe langjährigen schweren Dienstes die Farbe in einer Weise abgestoßen worden, daß die Giraffen sich kaum noch von den Pferden und Kamelen unterschieden, der Hirsche nicht zu gedenken, deren Geweihe wohlverpackt zwischen hölzernen und eisernen Stangen, Ketten und sonstigem Karussellzubehör zuunterst auf dem Boden des geräumigen Fuhrwerks lagen. Drehorgel, Pauke, Triangel, Becken und prachtvoll mit Schmelzperlen gestickte Vorhänge hatten dagegen ihre Stätte in dem zweiten Wagen, der eigentlichen Arche, gefunden. Diese in Form eines gewaltigen grünen, mit Fenstern und Türen versehenen Kastens eingerichtete Häuslichkeit wurde von Frau Lenk, geborener Hart, selbst gefahren. In der Tür ihres Vorzimmers, auf einem Feldstuhl sitzend, lenkte sie die beiden Pferde, wobei deutlich zu erkennen war, daß der tägliche Verkehr mit hölzernen Pferden und sonstigen Bestien eine vorzügliche Vorschule für die Gewandtheit war, mit der die zweifellos einst sehr schön gewesene Frau heute die Zügel lebendigen Getiers führte. –

Vor der auf den beiden Grabenufern versammelten Gruppe blieb Lenkhart stehen. In seinem halb militärischen Gruß offenbarte sich deutlich der Wunsch, von dem Fremden angeredet zu werden. Dieser zögerte denn auch nicht, sich alsbald herablassend als einen aus fernen Landen heimgekehrten Reisenden vorzustellen, worauf er in demselben hochfahrenden Tone fortfuhr:

"Sie werden begreifen" – und er sprach laut genug, um von Kappel und Maßlieb verstanden zu werden – "daß nur dringende Geschäfte mich veranlassen konnten, Ihnen so weit entgegenzugehen. Ich bin nämlich beauftragt worden, einen Schatz, der Ihnen vor fünfzehn oder sechzehn Jahren anvertraut wurde, zurückzufordern."

"Mir?" fragte Lenkhart zögernd, offenbar um Zeit zu gewinnen, und sein gebräuntes Antlitz erhielt eine pergamentartige Farbe. "Mir?" wiederholte er, die scharfen braunen Augen fest auf die blauen Brillengläser heftend, "ich wüßte nicht, daß irgend jemand in der Welt mir jemals einen Schatz anvertraute."

Der Fremde grinste hämisch, bis der Wagen mit dem Getier vorbeigefahren war. Dann näherte er seine Lippen des Admirals Ohr, ihm etwas zuflüsternd. Ein einziges Wort war es, und zwar ein Name, dessen Wirkung aber derart heftig war, daß der Karussellvater bestürzt einen Schritt zurücktrat.

In seiner Verwirrung kam ihm das Eintreffen der grünen Arche zustatten. Sie hielt so an, daß die kundige Rosselenkerin sich ohne Mühe an dem Gespräche beteiligen konnte.

"Dieser Herr gibt vor," wandte Lenkhart sich alsbald an seine Ehehälfte, "uns im Auftrage eines andern einen geliehenen Schatz abverlangen zu sollen. Weißt du etwas von einem solchen?"

Ihre zerknitterte, an Trödlerbuden erinnernde Umhüllung schüttelnd und die Fliegbänder ihrer Sturmhaube ordnend, antwortete sie mit bedauerndem Achselzucken:

"Einen Schatz?" Wann könnte das gewesen sein?

"Vor fünfzehn Jahren," versetzte der Fremde zuversichtlich, "und wie ich sehe" – hier deutete er nachlässig auf Maßliebchen –, ist er nicht tot liegengeblieben, sondern durch das Anhäufen von Zins auf Zins zu einem wertvollen Kapital angewachsen."

"Wer sollte uns mit seinem Vertrauen in so hohem Maße beehrt haben?" forschte die Karussellmutter weiter, während auf ihrem roten Gesichte unverkennbare Bestürzung zu lesen war.

"Er nannte einen uns nicht unbekannten Namen," kam der Admiral dem Fremden mit einem wunderbar frommen Blick gen Himmel zuvor, offenbar in der Absicht, Kappels und Maßliebs halber einer lauten Wiederholung des Namens vorzubeugen; dann fuhr er mit seemännisch-biderbem Wesen fort: "Zweimal in meinem bescheidenen Leben sind mir wirkliche Schätze anvertraut worden, wenn ich wagen darf, mich bildlich auszudrücken. Das eine Mal vor siebzehn Jahren, als der Himmel mich und meine Frau mit einem Töchterchen beschenkte – dort auf dem Grabenufer sitzt unsere Augenweide, unsere Herzensfreude –, und das zweite Mal in der Tat vor fünfzehn Jahren, als wir uns entschlossen, trotz unserer unsteten Lebensweise, auch noch die Sorge für einen fremden, elternlosen Wurm zu übernehmen. Wir taten unser Bestes; wir liebten das Kind sogar zärtlich. Doch der Himmel hatte es anders beschlossen, als wir hofften. Ein schwarzes Kreuz auf einem Grabhügelchen in weiter Ferne ist alles, was uns von dem anvertrauten Gut blieb. Ich setze voraus, Sie sind mit dieser Erklärung zufrieden," wandte Lenkhart sich an den Fremden, "und denken nicht etwa daran, Zweifel in das Gemüt des guten Kindes zu säen."

"Maßlieb komm zu mir in den Wagen," nahm die Karussellmutter jetzt entschlossen das Wort, "komm, Tochter, kleide dich um; der Abend bricht bald herein."

"Umkleiden?" rief Maßlieb aus, indem sie leicht emporsprang, "mich putzen wie ein Menagerieaffe mit bunten Lappen und verdorbenen Tressen, um Pauke und Becken zu schlagen?" Sie lachte hell aus, und sich dem zweifelnd zu ihr aufschauenden heruntergekommenen Korpsburschen zukehrend, fuhr sie leidenschaftlich fort: "Die Gelegenheit, mich von dem Karussell zu trennen, ist jetzt da. Nun, da meine Peiniger mich da einem Fremden gegenüber für ihr Kind erklären, ertrag' ich's nicht länger –"

"Maßlieb!" fiel die Frau zornbebend ihr ins Wort, "bedenke, es sind deine Eltern, deine eigene treue Mutter ist es, die du hier auf öffentlicher Straße schmachvoll verleugnest!"

"Sie, meine treue Mutter?" rief Maßlieb spöttisch aus; "ja, wenn der Hunger, den ich ertragen mußte, die blauen Streifen, die Sie mir wohl hundertmal mit der Peitsche auf die Schultern zeichneten, Sie zur Mutter machen könnten; wenn die Drohungen, mit denen Herr Lenkhart mich schon im zartesten Alter fast bis in den Tod hinein ängstigte, seine schmerzhaften Griffe und das Ausraufen meines Haares ihn zur Stellung eines Vaters erhöben, dann möchte ich wohl Ihre Tochter sein! So aber?" Sie lachte wieder mit einem Ausdruck, als ob alle ihr innewohnenden Empfindungen sich in das Gefühl eines unauslöschlichen Hasses verwandelt gehabt hätten. "O, versuchen Sie nicht, jenen Fremden zu täuschen! Ich bin ebensowenig Ihre Tochter, wie die des Mannes dort mit den blauen Augengläsern. Den Wagen besteige ich nie wieder; zu genau weiß ich, welche Martern in dem scheußlichen grünen Gefängnis mich erwarten. Und stehe ich auch einsam in der Welt, und besitze ich weder Verwandte noch Freunde, so bin ich deshalb nicht verlassen. Dort liegt die Hauptstadt mit ihren Wundern; und kann ich mir nicht anders helfen, will ich lieber mein Stückchen Brot mühsam mit schwerer Arbeit auf den Feldern verdienen, als euch nur noch ein einziges Mal Vater und Mutter nennen!

Solange Maßlieb mit wachsender Leidenschaftlichkeit sprach, standen die Karusselleltern da, als hätten sie ihren Sinnen nicht getraut. Wäre der Fremde nicht zugegen gewesen, würden sie, wie schon so vielfach, die heftigen Zornesausbrüche Maßliebs kaum beachtet und einen günstigen Zeitpunkt zu deren nachdrücklicher Bestrafung erspäht haben, gegen welche sogar der alte Korpsbursche die Ärmste nicht zu schützen vermocht hätte. Ihre Verwirrung aber wurde noch dadurch gesteigert, daß der Fremde bald sie, bald das Mädchen mit hämischem Ausdruck betrachtete und, nachdem er sich ein Weilchen an ihrer Ratlosigkeit ergötzt hatte, spöttelnd das Wort nahm.

"Liebliche Familienverhältnisse," bemerkte er mit einem Hohne, daß die Karussellmutter ihm die Peitsche um die Ohren hätte schlagen mögen, "fast zu lieblich, um an eine wirkliche Blutsverwandtschaft glauben zu können!"

"Glauben Sie, was Sie wollen," keifte die Karussellmutter, "nur scheren Sie sich aus meinem Wege, wenn Sie nicht Lust verspüren, gerädert zu werden!"

Maßliebs funkelnde Diamantaugen aber flogen zwischen den Karusselleltern und dem Fremden hin und her. Wie die Anwesenheit des Fremden lähmend auf das würdige Ehepaar einwirkte, so empfand auch sie deren Einfluß auf ihre ohnehin mächtig aufgeregten Leidenschaften, doch mit ihrer Besorgnis wuchs auch ihre Entschlossenheit, als der unheimliche Fremde dicht an den Graben trat und über ihn fort seine Worte an sie richtete.

"Wie weit du fähig bist, meinen Erklärungen mit Verständnis zu folgen, weiß ich nicht," sprach er, seiner Stimme einen möglichst wohlwollenden Klang verleihend, "jedenfalls aber wird dir klar sein, daß verwandtschaftliche Bande dich nimmermehr an deine bisherigen Beschützer fesseln. Meinen vernünftigen Vorstellungen wollen diese kein Gehör geben. Ich wähle daher den Ausweg, dich zu fragen, ob du geneigt bist, mich zu denjenigen zu begleiten, die ein unbestreitbares Anrecht an dich haben." –

"Er lügt, Maßlieb!" schrie die Karussellmutter, während Lenkhart die Gebärden eines verzweifelten Vaters getreulich nachahmte, "er lügt, und ich selber will's ihm beweisen, sobald wir in die Nähe einer Stätte gelangen, auf der derartige Fragen von Rechts wegen verhandelt –"

"Von Rechts wegen?" höhnte der Fremde einfallend, "hoffen Sie etwa, mich durch leere Drohungen zu verscheuchen? Ich möchte sehen, ob Sie wagten, vor dem grünen Tisch ebenso zuversichtlich aufzutreten, wie hier auf der öffentlichen Landstraße, wo außer den zunächst Beteiligten Sie niemand hört." Dann wieder zu Maßlieb: "Komm, mein Kind, fasse Vertrauen zu mir." –

"Wohin möchten Sie mich führen?" unterbrach Maßlieb ihn ruhig, nachdem sie so lange, mit sich selbst zu Rate gehend, dagestanden hatte.

"Dahin, wo deiner ein würdigeres Obdach harrt, als in diesem Kasten," antwortete der Fremde aufmunternd.

Die Karussellmutter war im Begriff, ihrer Wut in der bekannten geräuschvollen Weise die Zügel schießen zu lassen, als Maßlieb trotzig erwiderte:

"Ich bin dessen überdrüssig geworden, mich von den Lenkharts mißhandeln zu lassen, habe aber ebensowenig Lust, einem ungeheuerlichen Fremden mit Glasaugen zu folgen? Wozu hätte ich eigene Augen und Füße, wenn nicht, um meinen Weg ohne fremde Hilfe zu finden? Einen Weg über Veilchen und Rosen! Zu Karossen, Pferden, Perlen und Diamanten! Adieu, Onkel Kappel, du guter, du weiser Onkel Kappel, du gesangesreicher Korpsbursche! Was du mich lehrtest, das soll dir unvergessen sein, und wohne ich erst in meinem eigenen Hause, so steht ein prachtvoll eingerichtetes Zimmer dir jederzeit zur Verfügung!" Bei den letzten Worten war sie schon eine kurze Strecke davongesprungen, um sich aus dem Bereich jeder Gefahr zu bringen; dann noch einmal rückwärts schauend und sich an der Bestürzung der um ihren Besitz Hadernden weidend, sandte sie ihnen wiederum ein spöttisches Lachen zu.

"Fangen Sie mich," rief sie fröhlich aus, "fangen Sie mich, wenn Ihnen so viel an meiner Person liegt! Worauf warten wir noch? Prüfen wir, wessen Füße die leichtesten und wessen Atem der längste ist!"

"Hüte dich," scholl die zornbebende Stimme der Alten ihr nach. "Hüte dich! die Polizei macht nicht viel Umstände mit einer Landstreicherin, wie du eine bist."

Maßlieb zuckte zusammen. Dann aber noch einen letzten Blick rückwärts sendend, sprang sie über den Graben und weiter hinein in den Wald, in dem sie, mit der Chaussee gleiche Richtung haltend, ihre Wanderung rüstig fortsetzte.

Nacht, spärlich durch Sterngefunkel erhellt, ruhte auf der Erde, als endlich der Wald sich vor ihr öffnete und zahllose Lichter sowie ein in der Luft hängender bleicher Schein ihr die Lage der gewaltigen Stadt bezeichneten. Ratlos blieb sie stehen. Bei dem Gedanken, ohne Mittel sich in das wirre Getreibe vieler, vieler Tausend Menschen zu stürzen, drohte ihre Kraft zu erlahmen.

"Ein Landstreicherkind," flüsterte sie, dann setzte sie sich neben einen Haselnußstrauch nieder, und das Antlitz auf den emporgezogenen Knien in beide Hände vergrabend, weinte sie bitterlich. Das Bewußtsein gänzlicher Verlassenheit schien ihr armes Herz vollständig gebrochen zu haben; ihre phantastischen Träume von Glanz und überschwänglichem Reichtum waren zerflossen. Sie hätte einschlafen mögen, um nie, nie wieder zu erwachen. Und dennoch blieb ihr der Gedanke fern, sich ihren alten Beschützern und Peinigern wieder zuzugesellen. Nur wenige Schritte von ihr lief der Graben, der die Chaussee von dem Walde trennte. Mehrfach rollten Wagen vorüber. Manche führten jauchzende Landleute ihren abgelegenen Heimstätten wieder zu: andere, aus der entgegengesetzten Richtung kommende waren besetzt von Stadtbewohnern, die den im grünen Forst festlich begangenen Tag durch das Absingen bald lustiger, bald sentimentaler Volksweisen krönten.

"Sie ist und bleibt doch nun einmal meine und meiner Frau leibliche Tochter," vernahm sie plötzlich eine gleißnerische Stimme, deren erster Ton ihr alles Blut jäh zum Herzen trieb. Versiegt waren ihre Tränen, verscheucht die fast überwältigende Zaghaftigkeit. "Trotzdem könnte es nicht schaden, wenn Sie etwas offener zu Werke gingen. Zum Beispiel die in ihren Händen befindlichen Beweismittel –"

"Wenn Sie mit mir, wie mit einem einfältigen Schulbuben verhandeln, erreichen wir allerdings nie unsern Zweck," versetzte der Fremde höhnisch, "und welche andere Beweismittel verlangen Sie noch? Ist es nicht genug, daß ich seit Monaten nach Ihnen forschte und jedes mir erreichbare elende Provinzialwochenblättchen zu Rate zog, um auf die Spuren der grünen Arche zu gelangen? Heute ist freilich alles überflüssig, denn ich müßte mich sehr täuschen, gesellte der Flüchtling sich je wieder zu Ihnen. Nun, vielleicht bin ich selbst so glücklich –"

Die beiden Männer waren vorüber. Ihre Stimmen fielen als Gemurmel mit dem Geräusch ihrer Schritte zusammen. Nicht lange, und auch diese verhallten und an deren Stelle trat das Poltern der beiden herbeirollenden Wagen.

Schärfer spähte Maßlieb nach der Chaussee hinüber.

Regungslos blickte sie dem sich schwerfällig einherwälzenden Gebäude nach. Da störten sie wiederum Schritte in ihren planlos durcheinanderwogenden Betrachtungen. Einige Sekunden lauschte sie. Dann erhob sie sich hastig, und gleich darauf befand sie sich neben dem heruntergekommenen Ästhetiker.

"Onkel Kappel," redete sie den freudig Erstaunten leise an, "ich konnte nicht in die Welt gehen, ohne dich zuvor noch einmal gesprochen, dir Lebewohl gesagt zu haben."

"So ist es dein ernster Wille, dich von uns zu trennen?" fragte Kappel schwermütig.

"So wahrhaftig mein Ernst, wie die Sterne da oben vom Himmel auf uns niederblicken," versetzte Maßlieb, indem sie Hand in Hand mit dem alten Freunde den Wagen folgte, "sie nannte mich unehrliches Landstreicherkind, und wenn andere Menschen mich ebenso nennen, so haben sie es von ihr."

"Eine Schmach war es von dem Weibe," erwiderte Kappel zähneknirschend, "eine Schande und eine Schmach, dein armes, junges Gemüt zu verbittern und zu vergiften. Und dieses Scheusal will deine Mutter sein? Hoho! Die Mutter ihrer hölzernen Drachen und sonstigen Mißgeburten mag sie sein, aber nicht die eines lieben, herzigen Mädchens. O, Maßliebchen, ich hätte dem Weibe die Zunge ausreißen mögen, als es die teuflischen Worte an dich richtete! Und dennoch als ich beobachtete, wie du dadurch ergriffen wurdest, fühlte ich mich doppelt beruhigt. In deinem Stolz erblickte ich deinen sichersten Schutz. Vergiß daher das Weib samt seinen Schmähungen und sei überzeugt, daß es überall wohlwollende Menschen gibt, die dir gern mit Rat und Tat zur Seite stehen werden."

Maßlieb lachte spöttisch. Sie war in der letzten Stunde um Jahre gealtert.

"Freunde, meinst du, Onkel Kappel?" hob sie an, "als ob nicht jedermann das unehrliche Landstreicherkind mir ansähe! Doch ich will deshalb den Mut nicht verlieren; mein Leben setze ich daran, dereinst selbst triumphierend in die Welt hinauszurufen: Seht hier ein Landstreicherkind!"

Schweigend verfolgten sie ihren Weg. Sie hatten ihre Schritte gemäßigt, daß die Entfernung zwischen ihnen und dem Wagen sich vergrößerte. Hand in Hand gingen sie, wie unzählige Male in ihrem Leben. So legten sie eine lange Strecke zurück, als Maßlieb wieder das Wort ergriff.

"Aber du, Onkel Kappel," sprach sie sinnend, "wenn du die Lenkharts in so hohem Grade verachtest, warum trennst du dich nicht ebenfalls von ihnen?"

Kappel seufzte tief.

"Du zwingst mich zu einem schmerzlichen Geständnis," antwortete er zögernd, "allein du lernst vielleicht daraus, und da soll es mir nicht schwer werden."

"Von einem leichtsinnigen, toll ins Leben hineinstürmenden, jede ernste Beschäftigung verachtenden Studenten bis zum Vagabunden ist nur oft ein Schritt. Wenn aber die Menschen erst das Vertrauen zu einem Mitmenschen verloren haben und ihm dadurch der Eintritt in den bescheidensten Wirkungskreis erschwert wird, so ist er nur zu geneigt, das Vertrauen zu sich selbst zu verlieren. Seltener und matter werden die Versuche, sich emporzuarbeiten, bis ihm schließlich kein anderer Ausweg mehr bleibt, als mit den letzten Erinnerungen an seine hoffnungsreiche Jugendzeit zu brechen und das erste beste Los willkommen zu heißen, das ihm ein nur einigermaßen sorgloses Hinvegetieren sichert. So erging es mir. Von den Lenkharts kann ich nicht fort; das unstete, mühelose Umherschweifen ist mir zu sehr zur anderen Natur geworden, und dann – nun, es muß heraus – bin ich zu nichts anderem mehr zu gebrauchen. Mit solchen Erfahrungen steht es mir wohl an, dir zuzurufen: Werde nicht wankend in deinem Entschluß; fliehe bevor es auch für dich zu spät ist! Bitter werde ich deine Abwesenheit empfinden; denn solange ich dich kenne – und über die vierzehn Jahre ist es her, seitdem ich mein Los an das des Karussells knüpfte –, bist du mein Liebling, meine Herzensfreude gewesen. Auf meinen Armen habe ich dich getragen, auf dem Rasen unter Blumen und bunten Steinen mit dir gespielt. Gemeinschaftlich haben wir gehungert und gefroren und uns gegenseitig unser Leid geklagt. Wir gingen nebeneinander im Unwetter wie im heiteren Sonnenschein; zusammengekauert saßen wir nebeneinander unter dem dürftigen Zeltdach, munter plaudernd oder auf den Sturm horchend, wenn er die Schloßen auf die straffe Leinwand trieb oder der Gewitterregen in den Baumwipfeln brauste. Wir zählten die Blitze in schwarzer Nacht, zählten an milden Sommerabenden die Stimmen der wetterverkündenden Frösche. Ja, Maßliebchen, so flossen unsere Tage dahin, und niemals und durch nichts ist unsere Freundschaft erschüttert worden. Der professionierte Vagabund und heruntergekommene Korpsbursche eignete sich wenig zum Erzieher, trotzdem habe ich mich bemüht, dein Wissen zu bereichern, und in einer Beziehung ist mir das ganz besonders gelungen: Du sprichst ein reines Deutsch und hast gelernt, dich stets anmutig zu bewegen. Infolgedessen vermagst du dich auch in gebildeten Kreisen zu bewegen, ohne daß du fürchten brauchst, Anstoß zu erregen. So mußt du denn notgedrungen den Kampf mit dem Geschick allein aufnehmen, mein gutes Maßliebchen, auf deine eigenen Kräfte dich verlassen. Aber sei guten Mutes; du besitzest viel Stolz, und so lange du ihn zügelst, wird dieser Stolz dein sicherster Schutz sein. Laß dich nicht schwach finden, wenn Unglück und harte Prüfungen an dich herantreten, hüte dich vor Überhebung, wenn das Glück dich begünstigt. Vergiß nicht diese meine letzten Worte: Bei deinem Charakter vermögen Glück und Unglück gleich nachteilig auf dich einzuwirken; dagegen wird andererseits eine richtige Würdigung beider dir zum Segen gereichen, deine Anschauungen läutern, deinem jugendlichen Gemüte einen immer festeren Halt gewähren."

Den letzten Rat des alten Korpsburschen schien Maßlieb zu überhören, so ausschließlich beschäftigte ihr Geist sich mit der nächsten Zukunft. Wie träumend schritt sie an Kappels Hand einher.

"Wenn nur die erste Nacht überstanden wäre," seufzte sie plötzlich emporschreckend.

"Noch einmal in der Arche zu übernachten, rate ich dir nicht," versetzte Kappel zweifelnd, "ich bin überzeugt, sie ließen dich nicht wieder aus den Händen. Allein in unserer Nähe magst du dich halten, und findest du kein anderweitiges Obdach – nun, Kind, ich werde munter bleiben und auf dich warten, um die Nacht entweder mit dir zu verplaudern oder über dich zu wachen, während du ein paar Stunden zwischen dem abgeladenen Gerümpel schläfst." Erschrocken blieb er stehen. Indem seine Blicke die Straße hinunterschweiften, entdeckte er den Admiral, der, offenbar um seinen erprobten Stallmeister nicht zu verlieren, im Scheine der nächsten Gaslaterne auf ihn wartete.

"Noch kann er dich nicht bemerkt haben," flüsterte er ängstlich, und fester drückte er Maßliebs Hand, "aber die höchste Zeit ist es, daß wir voneinander scheiden. Lebe also wohl, mein teures Maßliebchen; solange du nichts Bessers weißt, halte dich im Bereich der Arche, um im Falle der Not deine Zuflucht zu mir nehmen zu können. Und hier, Maßliebchen – er legte dem zitternden Mädchen seine Börse in die Hand – trotz meines Leichtsinns sparte ich die Kleinigkeit für unvorhergesehene Gelegenheiten, und eine solche ist jetzt gekommen. Ein Jahr meines Lebens gebe ich darum, vermöchte ich die paar Pfennige in ebenso viele Taler zu verwandeln."