Die Mandanenwaise - Balduin Möllhausen - ebook

Die Mandanenwaise ebook

Balduin Möllhausen

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Opis

Ein Abenteuer- und Indianerroman in zwei Bänden, der erste spielt im Rheinland und der zweite im Stromgebiet des Missouri wo der Stamm der Mandanen beheimatet war.

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Die Mandanenwaise

Erzählung aus den Rheinlanden und dem Stromgebiet des Missouri

Balduin Möllhausen

Inhalt:

Balduin Möllhausen – Biografie und Bibliografie

Die Mandanenwaise

Erste Abtheilung: Am Rhein.

Einleitung.

Am Mineralbrunnen.

Die Weissagung.

Der Oberstlieutenant.

Die geheime Verbindung.

Der arme Anton.

Die Botschaft.

Aus vergangenen Tagen.

Der Schwur.

Die Entscheidung.

Im Kerker.

Die Flucht.

Ein freund in der Noth.

Die Entdeckungen.

Die Berathung.

Das Wiedersehen.

Der Abschied.

Auf dem Jesuitenhofe.

Zweite Abtheilung: Am Missouri.

Die Mandanenwaise.

Eine neue Bekanntschaft.

Der Brief.

Ein Nachtmarsch.

Die Ueberfahrt.

Getäuschte Hoffnungen.

Die Landung.

Das Lebewohl.

Der Weingärtner.

In Landen.

Der Medicinmann.

Die Töchter des Medicinmannes.

Ein Heirathsantrag.

Die Befreiung.

Auf der Farm.

Schluß.

Die Mandanenwaise, B. Möllhausen

Jazzybee Verlag Jürgen Beck

Loschberg 9

86450 Altenmünster

ISBN: 9783849631895

www.jazzybee-verlag.de

[email protected]

Balduin Möllhausen – Biografie und Bibliografie

Reise- und Romanschriftsteller, geb. 27. Jan. 1825 in Bonn, gest. 28. Mai 1905 in Berlin, erlernte in Pommern die Landwirtschaft, begab sich 1850 nach Amerika, wo er sich 1851 der Reise des Herzogs Paul von Württemberg nach den Felsengebirgen anschloss. Hier wurde er unter die Omahaindianer verschlagen, bei denen er fünf Monate verbrachte, fuhr dann den Mississippi herab nach New Orleans, wurde später auf Verwenden A. v. Humboldts einer amerikanischen Expedition nach dem fernen Westen als Topograph und Zeichner beigegeben und kehrte 1854 über San Francisco und den Isthmus von Panama nach Deutschland zurück, wo ihn König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen zum Kustos der Bibliotheken in den Schlössern von Potsdam ernannte. Eine abermalige Reise nach Nordamerika 1857–58 führte ihn in Gesellschaft des Ingenieurs Ives in die noch unbekannten Gegenden am mittlern Colorado. Seit 1886 lebte er in Berlin. Er gehörte zur Tafelrunde des Prinzen Friedrich Karl von Preußen, dessen Andenken er die »Dreilinden-Lieder« (Berl. 1896) widmete. Die Ergebnisse seiner Reisen legte er nieder in den Werken: »Tagebuch einer Reise vom Mississippi nach den Küsten der Südsee« (Leipz. 1858; 2. umgearbeitete Aufl.: »Wanderungen durch die Prärien und Wüsten des westlichen Nordamerika etc.«, das. 1860) und »Reisen in die Felsengebirge Nordamerikas« (das. 1861, 2 Bde.). Außerdem verfaßte er zahlreiche Romane und Novellen, die meist in der Neuen Welt spielen, wie: »Die Halbindianer« (1861), »Der Flüchtling« (1862), »Der Mayordomo« (1863), »Das Mormonenmädchen« (1861, 3. Aufl. 1871), »Reliquien« (1865), »Der Meerkönig« (1867), »Der Hochlandpfeifer« (1868), »Der Piratenleutnant« (1870, 3. Aufl. 1902), »Der Fanatiker« (1883), »Der Trader« (1884), »Wildes Blut« (1886), »Das Geheimnis des Hulks« (1889), »Der Fährmann am Kanadian« (1890), »Haus Montague« (1891), »Die beiden Jachten« (1891), »Die Söldlinge« (1892), »Der Spion« (1893), »Kaptein Meerrose und ihre Kinder« (1894), »Welche von beiden?« (1897, 2 Bde.), »Der alte Korpsbursche« (1898), »Das Fegefeuer in Frappes Wigwam« (1900) u.a. M., der mit Gerstäcker verglichen werden kann, war diesem in der Darstellung der Zustände und der Charaktere nicht ganz ebenbürtig, besaß aber ein bemerkenswertes Talent zu ansprechender Naturschilderung.

Die Mandanenwaise

Erste Abtheilung: Am Rhein.

Erstes Capitel.

Einleitung.

Es war im Winter des Jahres 1852, als ich von einem Jagdtrupp von Ottoe-Indianern in der beschneiten Prairie am Sandy Hill-Creek aus einer mehr als mißlichen Lage erlöst wurde.1

Sechs Wochen, von Mitte November bis Anfang Januar, hatte ich an jener Stelle in einem kleinen Lederzelt im beständigen Kampfe gegen die unerbittliche Kälte, die furchtbarsten Schneestürme und die halbverhungerten Wölfe zugebracht, und während dieses ganzen Zeitraums, außer zwei feindlich gesinnten Pawnees, kein menschliches Wesen gesehen.

Seit Wochen waren meine Nahrungsmittel auf das zähe Fleisch der Wölfe und einen kleinen Vorrath von Mais beschränkt gewesen, welchen mir meine beiden von der Kälte getödteten Pferde übrig gelassen hatten, als durch das Erscheinen von sechs rüstigen Ottoe-Jägern, die mit Weib und Kind und mit Hülfe von einem Dutzend abgehärteter Mustangs ihrem Dorf am Missouri zueilten, neue Luft zum Leben in mir wachgerufen wurde.

Wie die guten Leute ohne Aussicht auf Belohnung mich bei sich aufnahmen, pflegten und, meinen durch die unglaublichsten Entbehrungen siech gewordenen Körper berücksichtigend, mir das Reisen durch die winterliche Wüste, so viel als möglich, erleichterten, habe ich bereits bei früheren Gelegenheiten geschildert; ebenso, wie sich allmälig ein herzliches Verhältniß zwischen meinen Gastfreunden und mir bildete, welches darin seinen Höhepunkt erreichte, daß Wakitamone, der Zauberer und Medicinmann und zugleich Führer des Trupps, mir erklärte, daß eine eheliche Verbindung zwischen seinen beiden ältesten Töchtern und mir ein für ihn sehr erfreuliches und schmeichelhaftes Ereigniß sein würde.

Selbstverständlich lehnte ich diese Ehre ab, indem ich vorgab, nicht im Besitz von hinlänglichen Mitteln zu sein, um in angemessener Weise das übliche Geschenk an Pferden, Decken und Waffen für die beiden niedlichen Mädchen an ihn entrichten zu können, doch erlitt das gute Einvernehmen zwischen uns dadurch keineswegs eine Störung.

Wakitamone blieb nach wie vor mein guter Freund, seine Töchter pflegten mich mit unveränderter Zuvorkommenheit, und ich wieder legte meine aufrichtige Theilnahme und ungeheuchelte Dankbarkeit dadurch an den Tag, daß ich getreu zu Allen hielt, mich in ihre seltsamen Gebräuche fügte und mich sogar an ihren Medicinmahlzeiten, deren Hauptbestandtheil gewöhnlich ein geschlachteter Hund, betheiligte.

Aber auch um meiner selbst willen stellte ich mich mit meinen rothhäutigen Gefährten auf gleichen Fuß. Ich wollte so viel, wie nur immer möglich, von ihren Sitten, Gebräuchen, überhaupt von ihrer ganzen Lebensweise kennen lernen, und keine Gelegenheit ließ ich vorübergehen, ohne nach dem Grunde dieses oder jenes Verfahrens zu fragen, und in demselben Grade, in welchem ich mich mit meinen Gastfreunden immer besser verständigen lernte, wurde es mir auch erleichtert, meine Wißbegierde zu befriedigen.

Die rege Theilnahme für die ihrem Untergange mit schnellen Schritten entgegeneilende Race, welche ich auf diese Weise an den Tag legte, lohnten die Indianer dadurch, daß sie mir bereitwillig über Alles, was ich wünschte, Auskunft ertheilten und mich sogar auf Manches hinwiesen, was im entgegengesetzten Fall meiner Aufmerksamkeit entgangen wäre.

Unter den Gegenständen, welche vorzugsweise meine Neugierde erweckten, stand Wakitamone's Medicinkasten obenan.

Schon bei unserm eisten Zusammentreffen war mir der eigenthümliche Behälter aufgefallen, dergleichen ich zwar schon vielfach bei andern Stämmen wahrgenommen, jedoch nie genauer hatte prüfen können.

Dieser Medicinkasten, Zauberranzen, oder vielleicht richtiger bezeichnet: indianische Feldapotheke, hatte genau die Form und Größe eines Mantelsacks, wie sie von berittenen Reisenden und Soldaten auf den Sattel geschnallt werden, und aus steinhart gegerbtem Büffelleder bestehend, wurde er in ähnlicher Weise wie diese verschlossen und geöffnet. Dagegen sah ich ihn nie anders, als entweder auf Wakitamone's Schulter hängen, oder vor seinem Zelt gleichsam als Aushängeschild auf einem einfachen Gerüst, oder endlich bei bösem Wetter und zur Nachtzeit als Kopfkissen oder Rückenlehne meines sein Heiligthum mit der Wachsamkeit eines Cerberus hütenden Gastfreundes.

Schon am zweiten Tage meines Zusammenseins mit den Ottoes fühlte ich mich hinlänglich heimisch unter ihnen, um mit meinen Forschungen und Erkundigungen zu beginnen, und machte ich damit den Anfang, daß ich zur gelegenen Stunde meine Hand auf Wakitamone's Feldapotheke legte und ihn durch Zeichen bat, mir gütigst gestatten zu wollen, seine Heilmittel und zu Beschwörungen von Geistern unerläßlichen Amulete einer sorgfältigen Prüfung unterwerfen zu dürfen.

Wakitamone beantwortete mein Ersuch weniger höflich. Er entriß mir nämlich den Zauberranzen mit Heftigkeit und verdeutlichte mir zugleich, daß mein Einblick in sein Heiligthum mir nicht nur unfehlbar das Leben kosten, sondern auch, was noch bei weitem bedauernswerther, seinen Amuleten die Zauberkraft rauben würde.

Ich mußte daher von dem Versuch, auch in dem indianischen Medicinalwesen meine Kenntnisse zu bereichern, abstehen. Mit allen äußeren Zeichen der Achtung vor meines weisen Freundes Ansichten und Überzeugungen trat ich mit meiner ihm so ungebührlich erscheinenden Forderung zurück, obwohl ich in derselben Minute fest beschloß, selbst auf die Gefahr hin, mein Leben zu verlieren, nicht eher wieder von den Ottoes zu scheiden, bis es mir gelungen sein würde, den grimmen Krieger zu überlisten und mein Verlangen zu befriedigen.

Wakitamone's entschiedene Weigerung, meinem Wunsche zu willfahren, hatte also meine Neugierde, doch nennen wir es lieber: Wißbegierde, noch verdoppelt, doch hütete ich mich wohlweislich, meine heimlichen Absichten auch nur im Entferntesten durchblicken zu lassen. Ich stellte mich sogar, als habe seine Erklärung mir eine unüberwindliche Scheu vor dem gefährlichen Instrument eingeflößt, und um sein gegen mich erwachtes Mißtrauen vollständig einzuschläfern, würdigte ich den alten, seltsam geschmückten Behälter in nächster Zeit gar keines Blickes mehr. –

Sieben oder acht Tage hatten wir uns unterwegs befunden, als Wakitamone sich durch meine dringenden Vorstellungen bewogen fühlte, einen Rasttag zu halten. 

Die scharfe Eiskruste, welche den Schnee bedeckte und nicht stark genug war, die Last eines Menschen zu tragen, hatte meine Füße durch die weichen wildledernen Mokasins hindurch derartig zerschnitten und wund gerieben, daß ich nur noch unter den größten Schmerzen zu wandern vermochte. Der Tag der Rast sollte also vorzugsweise dazu dienen, mich mit einer festeren, aus Büffelleder hergestellten Fußbekleidung zu versehen, und hatte Warukscha, die zweite Tochter des Medicinmannes, beiläufig bemerkt, mein Liebling, es freiwillig und anscheinend mit großer Freudigkeit übernommen, mir ein Paar derbere Mokasins anzufertigen. –

Die Männer waren bereits in aller Frühe ausgezogen; die Einen, um auf den spärlich bewaldeten Ufern des nahen Baches dem Hirsch nachzustellen; die Andern, um die dort sehr häufig vorkommenden Waschbären aus ihren hohlen Bäumen herauszuräuchern, und wiederum Andere hatten die Fährte eines Luchses aufgenommen, um demselben, wer weiß wie weit, bis in seinen Schlupfwinkel nachzuspüren.

Den Freuden der Jagd entsagte ich an diesem Tage sehr gern; ich lag auf einer zottigen Bisonhaut vor der in der Mitte des Zeltes ausgehöhlten Feuergrube, abwechselnd mit Rauchen, Zeichnen, Schreiben und dem Putzen meiner Waffen beschäftigt, und da alle Frauen und Kinder sich in dem andern, etwa zwanzig Schritte entfernten Zelte, zum Zweck des Maisstampfens und Ausbratens von Bärenfett, zu einer heitern Gesellschaft vereinigt hatten, so befand sich außer einem halben Dutzend Hunde nur noch Warukscha bei mir in Wakitamone's Wigwam.

Ich hätte also die schönste Gelegenheit gehabt, die geheimnißvolle Feldapotheke zu untersuchen, wenn nicht eben Wakitamone die Vorsicht gebraucht hätte, dieselbe mitzunehmen. Ich glaube indessen, daß er seinen Schatz weniger aus Furcht vor meiner Hinterlist mit sich führte, als weil er von demselben einen günstigen Einfluß auf den Erfolg seines Jagdausfluges erhoffte. –

Das Plaudern und Schnattern der Weiber und Kinder drang nur als dumpfes Gemurmel aus dem andern Zelte zu mir herüber; Warukscha arbeitete ämsig an meinen Mokasins; die in ein Knäuel zusammengekrochenen Hunde stöhnten, grunzten und bellten auch wohl im Traume, und ich endlich lehnte meinen Rücken gemächlich an ein großes Bündel Pelzwerk und betrachtete abwechselnd die bläulichen Ringe, welche sich meiner mit einer Mischung von süß duftenden Sumachblätlern und gedörrter Weidenrinde gefüllten Pfeife entwanden, und die Holzscheite, die über dem hellen Gluthhaufen allmälig in Kohlen und Asche zerfielen.

Auch zu Warukscha blickte ich gelegentlich hinüber, und indem ich die Tagereisen berechnete, welche uns noch von dem Missouri, unserm nächsten Ziel, trennten, und dabei des geheimnißvollen Medicinranzens gedachte, gelangte ich zu dem Resultat, daß Warukscha vielleicht die einzige Person sei, die Geheimnisse der gefährlichen Feldapotheke vor mir aufzudecken.

Schnell hatte ich meinen Plan entworfen, und etwas weiter um das Feuer herumrückend, rief ich die Indianerin laut bei Namen.

Auf meinen Ruf schleuderte Warukscha durch eine kurze Bewegung ihres Hauptes die ihr bei der Arbeit über die Stirn gesunkenen Haare zurück, und indem sie das ihr ziemlich geläufige englische Wort »Jes« aussprach, richtete sie ein Paar Augen auf mich, die an Glanz und Feuer gewiß den allerkostbarsten geschliffenen schwarzen Diamant übertrafen.

»Mädchen,« fuhr ich darauf mit feierlichem Ausdruck fort, »ich für meine Person halte Dich für eine Perle unter den Ottoe-Weibern, ich würde Dich indessen für noch viel anmuthiger und liebenswürdiger halten, wenn Du mir behülflich wärst, zum Frommen der Wissenschaft Deinen Vater in einer für ihn höchst unschädlichen Angelegenheit zu hintergehen.«

»Jes,« antwortete Warukscha lächelnd. Das arme Kind hatte mich nicht verstanden und spähte mit rührender Einfalt im Zelt umher, um den Gegenstand zu entdecken, nach welchem ich vielleicht verlangt haben könne.

Mit Worten war also nichts auszurichten und mußte ich daher zu andern Mitteln meine Zuflucht nehmen.

Ohne zu zögern ergriff ich eine mir zur Hand liegende Decke, und nachdem ich sie unter Warukscha's gespannten Blicken in die Form des Medicinkastens zusammengerollt und mit dem entsprechenden Riemenwerk umgeben hatte, hielt ich ihr dieselbe hin.

Einen Augenblick betrachtete Warukscha das Bündel sinnend; dann aber brach sie in ein geräuschloses aber herzliches Lachen aus, und ihre kleinen schmalen Hände mit lautem Schall zusammenschlagend, gab sie mir zu verstehen, wie sehr sie meine Kunstfertigkeit bewundere.

Nachdem sie erst das Ebenbild von ihres Vaters Zauberranzen erkannt hatte, kostete es keine große Mühe, ihr mit Hülfe der zusammengerollten Decke meine frommen Wünsche begreiflich zu machen.

Mit ängstlicher Aufmerksamkeit war sie allen meinen Bewegungen gefolgt; doch in demselben Grade, in welchem ihr meine Wünsche klar würden, verlor ihr Antlitz den freundlichen, arglosen Ausdruck; und als sie dann endlich gewahrte, wie ich mit ruchloser Hand die Riemen von der Decke löste und vorsichtig in den geöffneten Scheinmedicinranzen hineinschaute, starrte sie sprachlos vor Entsetzen zu mir herüber. Sie schien meine Verwegenheit gar nicht fassen zu können, und unwillkürlich streckte sie mir ihre Hände entgegen, wie um mich an der Ausübung eines so furchtbaren Verbrechens, dem nach ihrer Meinung die Strafe auf dem Fuße nachfolgen mußte, zu verhindern. 

Sie hatte mich also vollständig errathen und begriff, daß ich es nicht bei dem vorläufigen Schauspiel mit der Decke bewenden lassen wolle. Es bedurfte daher von meiner Seite nur einiger geringfügigen Zeichen, um ihr zu erklären, daß ich bei meinem gefährlichen Unternehmen ihr die Hauptrolle zugedacht habe. 

Meine Zumuthung, das Original, nach welchem ich das Bündel geformt hatte, auf einige Stunden für mich zu entwenden, traf die arme Warukscha abermals wie ein Wetterschlag; sie zitterte am ganzen Körper und sich schmollend von mir abwendend, begann sie mit großer Aemsigkeit an den Mokasins zu nähen, ihre Arbeit, um mir ihre Nichtachtung meiner Vorschläge zu beweisen, mit einer leisen monotonen Melodie begleitend.

»Kero–Kero–Kero–li–la,« sang Warukscha, und ich, um ihr nichts nachzugeben, kehrte ihr ebenfalls den Rücken zu, worauf ich das Lied von der schönen Lorelei anstimmte. Kaum aber hatte ich zu singen angefangen, so schwieg sie still.

Sie liebte nämlich Melodie'n civilisirter Nationen über Alles, und keine größere Freude konnte ich meinen damaligen Gastfreunden bereiten, als wenn ich ihnen irgend ein deutsches Liedchen vortrug und mit zwei klingenden Stäben auf einem dritten Stück Holz den Takt dazu trommelte.

Da es nun keineswegs in meiner Absicht lag, Warukscha für ihren Aberglauben und Eigensinn noch angenehm zu unterhalten, im Gegentheil, ich sie meinen ganzen Zorn wollte fühlen lassen, so schwieg auch ich sogleich wieder, und um überhaupt nicht ganz unbeschäftigt zu sein, begann ich mit vielem Bedacht meine Pfeife zu füllen.

Wie gewöhnlich reichte auch dieses Mal das aufmerksame Mädchen mir mit der eigentümlichen Unterwürfigkeit einer indianischen Frau einen Feuerbrand dar.

Ich aber hatte mich mit aller mir zu Gebote stehenden Grausamkeit gewappnet, und den Feuerbrand mit Verachtung zurückweisend, suchte ich mir selbst unter der heißen Asche eine geeignete glimmende Kohle hervor.

Traurig und mit dem Ausdruck getäuschter Hoffnung begab Warukscha sich wieder an ihre Arbeit, und in den nächsten zehn Minuten herrschte in unseren Wigwam das tiefste Schweigen.

Die Hunde dagegen seufzten und schnarchten nach wie vor; das Feuer knisterte; in dem von einem galgenartigen einfachen Gerüst niederhängenden Kessel brodelte und schäumte es, und halb auf dem Rücken liegend beobachtete ich die meiner Pfeife entströmenden blauen Wölkchen, wie dieselben, in mancherlei bizarren Formen emporwirbelnd, sich mit dem Rauch des Feuers und dem Dampf des Kessels vereinigten und mit diesen in der äußersten Spitze des pyramidenförmigen Zeltes durch eine sinnig angebrachte Oeffnung das Freie suchten.

Auch auf dem siedenden Inhalte des Kessels hafteten meine Blicke zuweilen, und auf den langfingeringen Tatzen von Waschbären, die eine so merkwürdige Aehnlichkeit mit kleinen Händen trugen und gemeinschaftlich mit gelben und rothen Maiskörnern von den zischenden Blasen gelegentlich emporgeworfen wurden, um eine Weile mit komischer Beweglichkeit auf der brodelnden Oberfläche zu tanzen, daß es sich ausnahm, als hätten sie noch Leben besessen und sich mit aller Gewalt gegen das ihnen bestimmte Loos gesträubt.

Dann spähte ich auch heimlich zu Warukscha hinüber, um aus ihrem Wesen zu errathen, wie lange sie es wohl ertragen würde, mit mir auf gespanntem Fuße zu leben, und von Warukscha wendete ich meine Aufmerksamkeit wieder den blauen Tabakswölkchen zu, unbekümmert darum, daß die Indianerin recht tief aufseufzte und die Wildflechsen, mittelst deren sie die festen Lederstücke in Schuhform zusammenfügte, mehrfach ihren Händen entglitten und sogar mit lautem Geräusch entzweisprangen.

»Nahanga!« rief endlich nach einer langen Pause Warukscha im Flüsterton zu mir herüber.

Nahanga war der Name, welchen mir meine Ottoe-Freunde beigelegt hatten.

»Nahanga!« ertönte es zum zweiten Male und etwas lauter.

Ich stellte mich, als ob ich den Ruf wohl vernommen habe, jedoch keine Lust hege, ihn zu beachten.

»Nahanga!« rief Warukscha wieder, und als ich auch jetzt noch immer störrisch schwieg, erhob sie sich, und in der nächsten Minute kniete sie an meiner Seite, die zusammengeschnürte Decke in ihren zitternden Händen haltend.

Anfangs errieth ich nicht, was sie bezweckte; sobald sie aber, ihre ängstlichen Blicke auf mich gerichtet, die Decke auseinander rollte, begriff ich, daß der Wunsch, Frieden mit mir zu schließen, den Sieg über ihre abergläubische Furcht davongetragen habe.

Ich gab ihr daher meine vollste Zufriedenheit zu erkennen, worauf ich sie dadurch wieder einigermaßen tröstete und beruhigte, daß ich ihr durch leicht verständliche Zeichen versprach, ihrem Vater nichts entwenden, sondern nur einen Blick in seine Apotheke werfen zu wollen.

Unser freundschaftliches Verhältniß war somit wieder hergestellt, und wenn die Indianerin meinen Worten vollen Glauben beimaß und mein Versprechen ihre Besorgnisse zum größten Theil verscheuchte, so wußte ich, daß ich nicht minder fest auf ihre Zusage rechnen durfte. Ich nahm mir daher gar nicht mehr die Mühe, darnach zu forschen, wann, wo oder wie sie ihren Plan auszuführen gedenke. Durch unmännliche Kundgebungen von Mißtrauen und Ungeduld hätte ich überhaupt nur die Achtung meiner Mitverschworenen und damit auch meinen Einfluß auf sie verscherzen können. –

Nur einmal, und zwar noch am Abend desselben Tages befürchtete ich, daß Warukscha sich als zu schwach für ihre Aufgabe ausweisen würde. Es war, als der heimkehrende Wakitamone in's Zelt eintrat und, nachdem er seine Jagdbeute, einen prächtigen Luchs, in einen Winkel geworfen und seine Waffen zusammen mit dem Zauberranzen behutsam auf seine Lagerstätte niedergelegt hatte, mir mit einem sehr jovialen: »Hau Antarro, Nahanga« – was so viel bedeutet, wie: ich habe die Ehre, Ihnen einen guten Abend zu wünschen – die Hand kräftig schüttelte.

Ich begrüßte den riesenhaften Krieger mit aller, seinem Stande und seiner Würde gebührenden Achtung, indem ich ihm meine brennende Pfeife darreichte, um ihn einige Züge aus derselben thun zu lassen, was er mit entsprechender Förmlichkeit ausführte und mit verschiedenen, gewiß sehr schwungvollen Komplimenten in der Ottoe-Sprache begleitete.

Durch seine Höflichkeit fühlte ich mich veranlaßt, ihm in gutem Deutsch zu erwidern, wie außerordentlich schmeichelhaft es mir sei, mit einem so berühmten Krieger und weisen Zauberer abermals Brüderschaft geraucht zu haben, daß ich aber trotzdem nicht umhin könne, im Verein mit seiner schönsten schwarzäugigen Tochter, den fürchterlichsten Verrath gegen ihn und seine Feldapotheke zu spinnen.

Wakitamone gab sich das Ansehen, als habe er jedes einzelne meiner Worte verstanden, denn er drückte seine nackte, mit feuerrothen Wellenlinien und einer gelben Hand geschmückte Brust noch weiter heraus, und indem er sich mit der Faust auf dieselbe schlug, daß sie wie ein kupferner Kessel dröhnte, sagte er Etwas, das nicht nur aufrichtig klang, sondern auch ehrlich gemeint sein mußte. Ich glaubte nämlich dies annehmen zu dürfen, weil Warukscha sich schnell abwendete, um einen Ausdruck des Bedauerns und der Furcht vor ihrem Vater zu verbergen, und übersetzte daher seine tiefen Gurgellaute mit: »Auf Ehre, mein Freund, Treue bis zum Tode, und ewige Verdammniß demjenigen, der den Andern hintergeht.«

Zum Glück hielt er es unter seiner Würde, sich speciell um die Gefühle von Weibern zu kümmern; es wäre ihm sonst wohl kaum entgangen, daß seine schuldbewußte Tochter sorgfältig vermied, seinen durchdringenden Blicken zu begegnen, und sich ihres Uebereinkommens mit mir schämte oder auch gar dasselbe bereute.

Doch bei den Indianern ist es, wie bei vielen andern Menschen: sie gewöhnen sich sehr bald an den Gedanken, eine Sünde begangen zu haben, namentlich aber, wenn dieselbe ungestraft bleibt; und so hatte auch ich noch an demselben Abend die Genugthuung, zu bemerken, daß Warukscha's böses Gewissen sich schnell beruhigte und sie sich allmälig mit dem Gedanken aussöhnte, mir bei dem Durchkramen des gefährlichen Heiligthums behülflich zu sein. –

Sechs Tage waren wieder verstrichen, den Missouri hatten wir nach fünf mühevollen Märschen durch Schnee und Eis erreicht und unterhalb der das breite Thal begrenzenden Hügel in einem Dickicht von Weiden und Pappelbäumen unser Lager aufgeschlagen.

Von dort aus brauchte ich nur über den fest zugefrorenen Strom zu wandern, um mich bei einem hart am Ufer angesiedelten Pelztauscher mit einigen Lebensbedürfnissen zu versehen, deren Mangel sich bereits seit langer Zeit sehr fühlbar gemacht hatte.

Des Anschlages auf den Medicinranzen war zwischen Warukscha und mir nicht wieder gedacht worden. Das Mädchen schien sogar absichtlich jede Unterhandlung mit mir zu vermeiden, und hätte ich nicht hin und wieder in ihren Augen das Gegentheil gelesen, so wäre wohl Grund zu dem Verdacht vorhanden gewesen, daß sie in ihrem Entschluß wankend geworden sei.

Wakitamone zeigte sich gnädiger gegen mich, denn je. Er hatte mich wohlbehalten an den Missouri gebracht und damit seine Aufgabe gelöst, und zu genau wußte er, daß ich nicht verfehlen würde, ihn für seine geleisteten Dienste auf einem weiter oberhalb gelegenen Handelsposten nach meinen besten Kräften zu belohnen.

Der gute Wakitamone, wenn er nur geahnt hätte, wie sein Vertrauen mißbraucht werden sollte; gewiß würde er mit den Beweisen seiner wohlwollenden Gesinnungen weniger verschwenderisch gegen mich gewesen sein.

Ja, der gute Wakitamone, mit seinem steil emporgewöhnten halblangen Haar und der zierlich geflochtenen Skalplocke, mit seinem ausdrucksvollen, feuerroth gefärbten Antlitz und den blitzenden Augen, mit dem stattlichen Halskragen von sinnig aneinandergereihten Bärenkrallen und dem scharf geschliffenen Tomahawk; was half ihm sein Ruf als Krieger und Medicinmann, was half ihm sein Geisterseher- und Teufelbeschwörer-Talent? Er wurde hintergangen, schmählich hintergangen von seiner eigenen Tochter und einem fremden Eindringling, mit dem er vor dem Feuer in seinem Wigwam so manche Mahlzeit getheilt, so manche Brüderschaftspfeife geraucht hatte! –

Der Morgen war irisch, die Atmosphäre klar; ein scharfer Nordwind fegte erstarrend durch das Thal des Missouri und trieb die losen feinen Eiskrystalle auf der spiegelglatten Decke des regungslosen Stromes lustig vor sich her.

Ich stand im Begriff, den auf dem andern Ufer wohnenden Weißen einen Besuch abzustatten und war eben aus dem Dickicht in's Freie getreten, als ich von Warukscha durch ein lautes Zischen in den Schutz der dicht stehenden Weiden zurückgerufen wurde.

Natürlich leistete ich augenblicklich Folge, und meine freudige Ueberraschung war nicht gering, als die junge Indianerin mich benachrichtigte, daß nunmehr die Zeit zum Handeln gekommen sei.

Meine Freude über ihre Mittheilung beachtete sie nicht; dagegen forderte sie mich mit ängstlicher Geberde auf, bald nach Einbruch der Dunkelheit in der Nähe von ihres Vaters Wigwam auf weitere Zeichen von ihr zu harren, woran sie die wiederholte Versicherung schloß, daß meine Neugierde befriedigt werden würde.

»O, Weiber!« rief ich entzückt aus, indem ich Warukscha zärtlich umarmte und einen Kuß auf ihre Lippen – den einzigen unbemalten Theil ihres sonst gewiß recht anmuthigen Gesichtes – drückte, »o Weiber, selbst die indianischen Squaws nicht ausgenommen, wie viele Millionen Jahre muß Mutter Eva im Fegefeuer brennen, wenn sie alle Erbsünden, welche sie auf ihre weibliche Nachkommenschaft übertrug, abbüßen soll?«

»Jes,« antwortete Warukscha, sich fester in ihre warme Büffeldecke hüllend.

»Und Du Mädchen,« fuhr ich scherzhaft fort, mich herzlich ergötzend an dem fragenden Ausdruck, mit welchem die Indianerin mir in die Augen schaute, »Du Perle aller listigen Ottoe-Squaws; Du edle Tochter eines edlen Medicinmannes, und wäre Mutter Eva so weiß gewesen, wie frisch gefallener Schnee, so würde ich in Dir, trotz Deiner schönen Mahagonyfarbe, stets eine würdige, vollendete Evastochter erkennen und begrüßen!«

»Jes,« entgegnete Warukscha, mit einem beifälligen Kopfnicken.

»Du pflichtest mir bei?« rief ich in der besten Laune aus, »wohlan, ich entdecke darin Deine großen und hervortretenden Anlagen zu einer verfeinerten Bildung; mögest Du indessen in Deinem Leben nie eine schwerere Sünde begehen, als Diejenige, zu welcher ich Dich verleitete, und Dir wird in den glückseligen Jagdgefilden gewiß kein zu verachtender Platz angewiesen werden!«

»Jes, jes, jes,« wiederholte Warukscha, indem sie zum Zeichen der Vorsicht den niedlichen Zeigefinger quer über ihre Lippen legte und gewandt, wie ein Wiesel, in das Dickicht zurückglitt.

Ich dagegen wanderte frohen Muthes über den Missouri, und trotzdem ich mich in der warmen Stube und der heiteren Gesellschaft des gastfreien Pelztauschers und seiner Gehülfen außerordentlich wohl befand, sehnte ich doch den Abend herbei, an welchem mir endlich das Heiligthum des großen Medicinmannes erschlossen werden sollte. –

Zur verabredeten Stunde traf ich auf der bezeichneten Stelle mit Warukscha zusammen.

Viel mit einander sprechen konnten wir nicht, unsere beiderseitige Sprachkenntniß reichte dazu nicht aus, doch verstand ich, daß weiter oberhalb, hart an der Mündung des Nebraska, wo die Wigwams der Ottoes gedrängter standen, das glückliche Eintreffen des letzten Jagdtrupps durch einen großen Medicintanz gefeiert und verherrlicht werden solle.

Schließlich ermahnte sie mich zur Geduld, und ihre Kühnheit war während meiner kurzen Abwesenheit in so hohem Grade gewachsen, daß sie mich sogar auf einem Umwege an die Rückseite des Zeltes führte, wo ich durch eine kleine Oeffnung in dem straff gespannten Leder das ganze Innere ziemlich genau übersehen konnte.

In dem Zelte befanden sich nur Wakitamone und zwei schlanke, schön gebaute Jünglinge, alle drei sehr ämsig damit beschäftigt, ihre nackten Oberkörper, Arme und Gesichter festlich zu bemalen. Die übrigen Bewohner des Zeltes hatten sich bereits dahin begeben, wo ein großer Feuerschein, der einem mächtigen Scheiterhaufen entströmte, Zuschauer wie handelnde Mitglieder von nah und fern zusammenlockte.

Ob Warukscha befohlen worden war, zur Bewachung des Wigwams zurückzubleiben, oder ob sie sich freiwillig dazu bereit erklärt hatte, ging weder aus ihrem, noch aus dem Benehmen Wakitamone's hervor; jedenfalls erhielt ich sehr bald den untrüglichsten Beweis, daß ihr die Erfüllung meiner Wünsche mehr am Herzen lag, als das Wohlwollen ihres Vaters.

Eine halbe Stunde war nämlich vorstrichen, nachdem die Indianerin sich von mir getrennt hatte und wieder in's Zelt geschlüpft war, als ich von meinem Posten aus bemerkte, daß die drei Krieger sich erhoben und die zu dem Tanz notwendigen Waffen und Zierrathen auf ihren Körpern befestigten.

Der Medicinranzen schien ebenfalls seine Rolle bei den Festlichkeiten spielen zu sollen, denn Wakitamone hatte ihn neben sein Lager auf die Erde gelegt, offenbar mit der Absicht, ihn ganz zuletzt, wenn er sich in seine Büffelhaut gehüllt haben würde, um seine Schultern zu schlingen.

Alle waren fröhlich und guter Dinge, und mit manchen, ohne Zweifel sehr verbindlichen Redensarten nahmen die Krieger die großen Fleischstücke in Empfang, welche Warukscha mittelst eines gabelförmigen Stabes aus dem brodelnden Kessel fischte und ihnen zur Stärkung mit auf den Weg gab. Dabei blitzten des Mädchens Augen ängstlich und verstohlen im Kreise herum, als wenn es mit einem kühnen Entschluß umgegangen wäre und nur auf die geeignete Gelegenheit, denselben auszuführen, gelauert habe.

Mit wachsender Spannung verfolgte ich jede einzelne Bewegung der Indianerin; doch vergeblich bestrebte ich mich, aus denselben ihre heimlichen Absichten herauszulesen, und immer näher rückte der Zeitpunkt, in welchem Wakitamone voraussichtlich seine Hand nach dem Medicinränzel ausstrecken würde.

Endlich, ganz zuletzt, als ich Warukscha's Plan bereits als gescheitert betrachtete, trat sie handelnd auf, und zwar mit einer solchen Gewandtheit und einer so schlauen Berechnung, daß ich kaum ein verrätherisches Lachen zu unterdrücken vermochte.

In demselben Augenblick nämlich, in welchem Wakitamone seinen Schatz an sich nehmen wollte, verlor der über dem Feuer hängende Kessel durch eine geschickte Bewegung des Mädchens das Gleichgewicht, so daß ein großer Theil des siedenden Inhaltes herausstürzte und nicht nur Wakitamone's Lagerstätte, sondern auch den so heilig gehaltenen Medicinranzen überströmte.

Der Medicinmann, um nicht verbrüht zu werden, sprang unter dem schallenden Gelächter seiner beiden jungen Geführten zurück; gleich darauf bewegte er sich aber wieder mit derselben Schnelligkeit nach vorn, um sein Heiligthum vor Schaden zu bewahren; allein er kam zu spät. Das steife Leder, von welchem kaltes Wasser vollständig harmlos abgetrieft wäre, war durch die siedende Flüssigkeit zum Theil aufgeweicht worden und befand sich in einem Zustande, daß es vielleicht Stunden des vorsichtigsten Trocknens bedurfte, um dem Zusammenschrumpfen desselben vorzubeugen.

Wakitamone's Schreck über den Unfall war so groß, daß er vergaß, seiner Tochter wegen des von ihr verübten Verbrechens Vorwürfe zu wachen; daß Warukscha aber wirklich eine harte Strafe erwartet hatte, bekundete sie durch die ungeheuchelte Verwirrung und Angst, welche aus ihren Zügen wie aus ihrer ganzen Haltung sprachen.

Alles lief also glücklicher ab, als ich im ersten Augenblick zu hoffen gewagt hätte. Wakitamone beruhigte sich, sobald er die Ueberzeugung gewann, daß von der zerstörenden Flüssigkeit nichts in das Innere des Behälters eingedrungen war, und leicht fügte er sich in die Notwendigkeit, ohne die äußeren Embleme eines weisen Zauberers der nächtlichen Festlichkeit beizuwohnen. Wie mir schien, betrachtete er den Vorfall als eine höhere Weisung, welche er, anstatt darüber zu hadern, dankbar entgegen zu nehmen habe. Seine beiden jüngeren Gefährten waren unterdessen schon ungeduldig geworden, und gemahnt durch deren Bitten, wie auch durch das wilde Gellen und Heulen, welches von dem Ufer des Nebraska sogar bis zu ihm in's Zelt drang, belehrte er nur noch Warukscha, wie sie, ohne den Behälter zu öffnen und ohne Nachtheil für dessen Inhalt, mit dem Trocknen zu Werke zu gehen habe, worauf er die Büffelhaut fester um seine Schultern zusammenzog und den beiden vorausgeeilten jungen Leuten schnell nachfolgte.

Hätte er mich, den er auf der andern Seite des Missouri glaubte, in der Nahe gewußt, so würde er sich schwerlich ohne Bedenken von seinem Medicinranzen getrennt haben. Von seiner Tochter aber, die den geheimnißvollen Behälter mit einer gewissen Scheu anzusehen gewohnt war, befürchtete er nicht, daß die Neugierde den Sieg über ihren Aberglauben davontragen könne. –

Kaum befand sich Wakitamone aus der Hörweite, als ich, durch ein Zeichen Warukscha's dazu aufgefordert, zu ihr in's Zelt schlich.

Mit vieler Sorgfalt breiteten wir zunächst die nassen Decken des Medicinmanns zum Trocknen vor dem Feuer aus, und nachdem wir einen ausreichenden Vorrath von Holz zur Unterhaltung des Feuers in unsere Nähe gelegt, nahmen wir die alte Feldapotheke zwischen uns, um mit kühner Stirne allen bösen Geistern der indianischen Unterwelt Trotz zu bieten und mit unsern ungeweihten Händen nach Herzenslust zwischen den verborgenen Heiligthümern zu wühlen.

Vor Wakitamone, dessen Heimkehr innerhalb der nächsten fünf Stunden nicht zu erwarten stand, brauchten wir uns nicht zu fürchten und noch weniger vor den übrigen Hausgenossen, die lieber, wer weiß was geopfert, als auch nur eine Viertelstunde des Anblicks des erheiternden und aufregenden Medicintanzes eingebüßt hätten. –

Der Medicinranzen hatte, wie schon erwähnt, die Form und Größe eines Reiterfelleisens. Derselbe wurde durch drei zähe Riemen zusammengehalten, deren jeder einzelne an der niederwärts hängenden Seite eine lange schwarze Skalplocke als Verzierung trug. Die Skalpe waren noch mit dem freilich schon sehr zerstörten Schmuck versehen, welchen deren ursprüngliche Besitzer einst auf ihrem Wirbel befestigt hatten. Namentlich fiel mir die größte dieser unheimlichen Trophäen auf, in welcher sich eine Strähne weißer Haare befand. Bei näherer Untersuchung der gedörrten Kopfhaut stellte sich heraus, daß die Haare in Folge einer schweren Verwundung, deren Narbe noch deutlich erkennbar, diese Farbe angenommen hatten.

Während ich mich nun mit den alten Siegestrophäen beschäftigte, betrachtete Warukscha die Riemen und Knoten aufmerksam, und erst nachdem sie deren Lage und Verschlingungen ihrem Gedächtnis; genau eingeprägt, gestattete sie mir, den merkwürdigen Behälter zu öffnen.

Als ich das Deckelleder zurückschlug, erblickte ich zuerst die getrocknete Haut einer der großen, rautenförmig gezeichneten Klapperschlangen.

Dieselbe lag so, daß sie den übrigen Inhalt verbarg und mir nicht nur ihre achtzehn, bei der leisesten Berührung schnurrenden Klappern, sondern auch den weitgeöffneten, mit mächtigen, indeß nur zur Hälfte aus den getrockneten Giftschläuchen hervorragenden Fangzähnen bewaffneten Rachen entgegenstreckte.

Es war also der triftigste Grund vorhanden, mit äußerster Vorsicht zu Werke zu gehen; denn konnte uns die sichtbare Haut auch nicht weiter gefährlich werden, so blieb doch sehr fraglich, ob nicht noch andere, mit tödtlicher Verletzung drohende Köpfe im Innern als Wächter des Heiligthums angebracht seien. Jedenfalls hielt ich für gerathen, meine Hand mit meinem Gürtel zu umwinden, eh' ich meine Forschungen fortsetzte.

Mit leichter Mühe entfernte ich also die Klapperschlangenhaut, wobei Warukscha mir, offenbar sehr schweren Herzens, Hülfe leistete. Nachdem ich sodann noch den kostbaren weißgegerbten Balg eines schwarzen Fuchses, der statt der Augen, zwei messingene Uniformsknöpfe an der Stirne trug, hervorgezogen, lagen endlich die zur Beschwörung von Geistern und Heilung von Kranken erforderlichen und unfehlbaren Zaubermittel vor mir.

Mit größtem Interesse betrachtete ich die wunderliche Sammlung eine Weile, ohne sie anzurühren. Warukscha gewann dadurch Zeit, sich die Ordnung, in welcher sie verpackt waren, zu merken, worauf ich ein Stück nach dem andern, in meine profanen Hände nahm, die einzelnen Sachen von allen Seiten sehr bedächtig prüfte und sie meiner dienstfertigen Gefährtin darreichte, welche sie wieder in bestimmter Reihenfolge neben sich auf die Erde legte.

Manche Gegenstände waren mir fremd, und es gelang mir auch nicht, von der jungen Indianerin Aufschluß über dieselben zu erhalten; was ich aber erkannte, genügte vollkommen, um mir einen ziemlich klaren Begriff von dem Indianischen Medicinalwesen zu verschaffen. Zum Beispiel die auf einen Riemen gestreiften Weißen Schnäbel großer schwarzer Spechte, die Füße einer Landschildkröte, Fängen und Schnabel eines Kriegsadlers, mehrere getrocknete Eidechsenleichen, ein in Blut getauchter Lederstreifen, eine Probe von dem berühmten rothen Pfeifenkopffelsen, eine alte Quittung über empfangenen Sold vom Jahre 1816, Beutelchen mit Asche, und andere, welche menschliche Fingerknochen und noch mit blechernen Zierrathen geschmückte Ohrzipfel enthielten. Als ich dann aber wieder die Haut einer kleinen Prairieklapperschlange hervorzog und dadurch die unterste Schicht der seltsamen Apotheke bloßlegte, verloren die kleineren Gegenstände plötzlich allen Werth für mich, und ich glaubte meinen Augen nicht trauen zu dürfen, als ich eine dicke Rolle vergilbten und engbeschriebenen Papiers entdeckte.

Behutsam nahm ich die Rolle zur Hand, denn auch sie wurde von den Giftzähnen der Klapperschlange und der gefährlichen Kopperhead bewacht, deren abgeschnittene Köpfe mittelst eines Streifens Otterfell sinnig an derselben befestigt worden waren. Es ging daraus hervor, daß Wakitamone einen hohen Werth auf »sprechendes Papier« legte und einen großen Theil seiner Erfolge auf Jagdzügen und Kriegspfaden der Wirkung der Zauberrolle zuschrieb.

Trotz Warukscha's abwehrender Zeichen, trotzdem sie mit warnender Geberde nach der Richtung hinüberwies, in welcher ihr Vater zur Zeit wohl schon mit wildem Gellen um das hellflackernde Feuer herumtanzte, ließ ich mich nicht abhalten, die Schlangenköpfe von der Papierrolle zu entfernen, um wenigstens einen Blick in die alte Schrift zu werfen.

Das Mädchen war ja meine Mitschuldige und ein Verrath von ihrer Seite nicht zu befürchten, weil im Fall einer Entdeckung sie selbst zuerst von dem Zorn ihres Vaters getroffen worden wäre. Sie beruhigte sich denn auch, sobald sie sich überzeugt, daß ich unerbittlich sei, und in der nächsten Minute entrollte ich meinen kostbaren Fund.

Derselbe bestand aus mehreren Hundert Quartblättern, die, obgleich von verschiedener Größe, Güte und Farbe, doch sehr sorgfältig nummerirt und nach den Nummern geordnet und zusammengeheftet waren. Augenscheinlich um Raum zu ersparen, waren sie sehr eng beschrieben, und nach der bald sehr blassen, bald dunkleren und bräunlich oder bläulich gefärbten Dinte zu schließen, mußte der Schreiber bei der Beschaffung der erforderlichen Materialien mit zahlreichen Hindernissen zu kämpfen gehabt haben. Am meisten überraschte mich indessen, daß der Verfasser, wer er auch immer gewesen sein mochte, sich der deutschen Sprache und deutscher Schrift bedient hatte.

Ich schlug die Blätter auseinander und las bei dem flackernden Licht der Flammen eine mir zuerst in die Augen fallende Stelle. Ich las die erste Seite, die zweite, die dritte und vierte, und vergessen waren der Zauberer und seine Tochter, vergessen meine Umgebung und die Gefahr, welche mir drohte, wenn mein Gastfreund zufällig heimgekehrt wäre.

Ich las, und je weiter ich las, um so mehr befestigte sich in mir der Entschluß, die Rolle um keinen Preis wieder aus den Händen zu geben, sogar, um dieselbe zu behalten, vor einem ernstlichen Zank mit dem Zauberer selbst nicht zurückzubeben.

Warukscha saß neben mir; ich fühlte, daß ihre besorgnißvollen Blicke auf mir hafteten, aber ich las ruhig weiter.

Da trug ein Windstoß den tollen Lärm bei dem Medicinfeuer lauter und deutlicher zu uns herüber. Erschreckt fuhr ich empor, und ebenso erschreckt langte Warukscha nach der geöffneten Rolle.

Erst eine Stunde war seit Wakitamone's Aufbruch verstrichen, seine Rückkehr also in nächster Zeit noch nicht zu befürchten. Aber ich mußte auf alle Fälle vorbereitet sein, und die Blätter wieder zusammenrollend und in meine Kugeltasche schiebend, traf ich Anstalt mit dem Einpacken der umherliegenden Gegenstände zu beginnen.

So leichten Kaufs sollte ich indessen nicht davonkommen, denn Warukscha bemerkte nicht sobald meine Abficht, das Manuskript als gute Beute erklären zu wollen, da wurde auch ihre abergläubische Furcht rege, und mich mit allen Zeichen des Entsetzens umklammernd, suchte sie mir den aufgefundenen Schatz zu entreißen.

Da halfen keine Liebkosungen, keine Vernunftgründe, sie bestand darauf, daß die Zauberkraft ihres Vaters nicht zerstört werden dürfe und die alte Feldapotheke unter jeder Bedingung in ihren ursprünglichen Zustand zurückversetzt werden müsse.

Verdrießlich blickte ich umher; zur Gewalt meine Zuflucht zu nehmen, erschien mir undankbar und widerstrebte den freundschaftlichen Gefühlen, welche ich im Allgemeinen gegen Indianer hegte, und so wählte ich denn einen Ausweg, der mich zwar einige Blätter des Manuscriptes kostete, dafür aber die der Verzweiflung nahe Indianerin wieder einigermaßen beruhigte.

Ich riß nämlich mehrere Weiße Bogen aus meinem von mir unzertrennlichen Skizzenbuch, ferner nahm ich einige uralte Nummern des New-York-Herald, die ich zum Verpacken von präparirten Vogelbälgen bei mir führte, hierzu fügte ich noch ein Stück von meiner sehr schadhaften Weste, und nachdem ich alle diese Gegenstände in eine ähnliche Rolle, wie die entwendete, zusammengedreht hatte, wickelte ich zuletzt die beiden äußersten und am wenigsten leserlichen Blätter des Manuscriptes um dieselbe; dabei ging ich so behutsam und geschickt zu Werke, daß es bei einem oberflächlichen Hinblick gewiß nicht leicht gewesen wäre, die falsche Rolle von der echten zu unterscheiden.

»Von zwei Uebeln muß man stets das kleinere wählen,« dachte Warukscha unstreitig, als sie mit kundiger Hand die Schlangenköpfe an das untergeschobene Amulet befestigte. »Von zwei Uebeln muß man stets das kleinere wählen,« dachte auch ich, als ich blutenden Herzens die beiden beschriebenen Blätter unter dem Pelzstreifen verschwinden sah. So trösteten wir uns in gleicher Weise; was wir aber in nächster Zeit noch weiter dachten, ging verloren in der Eile und Vorsicht, mit welcher wir Alles wieder an seinen gewohnten Platz brachten.

Das Schürzen der Knoten übernahm Warukscha, und nachdem sie sich, noch einmal dicht an die Flammen herantretend, überzeugt, daß selbst das schärfste Auge keinen Unterschleif zu entdecken vermöge, hing sie den Medicinranzen, wie ihr von ihrem Vater geheißen worden war, in angemessener Entfernung von dem Feuer zum Trocknen auf, durch gelegentliches Umdrehen verhütend, daß das feuchte Leder in der Hitze zusammenschrumpfte.

Meiner eigenen Sicherheit wegen, wie auch um Warukscha zu beruhigen, ging ich noch in derselben Nacht, und zwar recht zufrieden mit dem Erfolg meines Unternehmens, über den Missouri zurück.

Damals ahnte ich nicht, welchen Werth die alten Schriften dereinst noch für mich haben würden. Ich war nur froh, mitten in tiefster Wildniß eine Unterhaltung für die langen Winterabende gefunden zu haben. Später aber, als ich den Inhalt des ganzen Manuscriptes kannte und noch andere, den Werth desselben erhöhende Umstände hinzutraten, betrachtete ich es als eine wunderbare Fügung des Geschicks, in den Besitz desselben gekommen zu sein.

Von Wakitamone, den ich am folgenden Morgen noch einmal in seinem Wigmam besuchte, und von seiner Familie und namentlich von Warukscha, trennte ich mich nach einem, nach dortigen Begriffen, sehr herzlichen Abschied, auf längere Zeit.

Am Mineralbrunnen.

Der eisige Novembersturm streift die letzten braunen Blätter von den Bäumen und wirbelt sie mit vereinzelten kleinen Schneeflocken durcheinander. Bleifarbig hängt der Himmel über der öden Landschaft, als ob er sich in jedem Augenblick auf die Erde niedersenken wolle, um das letzte im Freien zurückgebliebene Leben gewaltsam zu erstarren.

Ohne Furcht oder Bedauern über meinen Entschluß sehe ich dem Winter entgegen, den langen einsamen Nächten und den kurzen Tagen. Ohne Furcht oder Bedauern stehe ich im Begriff, mich aus Monate in diese Wildniß zu vergraben, in eine Wildniß, in welcher keine menschliche Stimme an mein Ohr dringt, der Ton meiner eigenen Stimme von Niemand gehört, unheimlich in den endlosen Räumen verhallt.

Doch nein, ich darf nicht ungerecht sein; denn während ich die Geschichte meines wechselvollen Lebens niederschreibe, werde ich mit schüchterner Anhänglichkeit beobachtet, und wenn ich von meiner Arbeit zufällig emporschaue, blicke ich in die dunklen melancholischen Augen eines indianischen Kindes, meines Schützlings, wahrscheinlich einer der Letzten des einst so mächtigen und glücklichen Mandanenstammes.

Das arme Mädchen, welches mit dankbarem Herzen zu mir, wie zu einer Gottheit emporblickt, mildert das traurige Gefühl der gänzlichen Vereinsamung, welches mich bei dem Gedanken an den langen, unerbittlich strengen Winter beschleicht. Ich kann mir wenigstens sagen: »ich bin nicht allein;« und ist es mir auch nicht vergönnt, mit dem armen, von der ganzen Welt verlassenen Wesen eine meiner Vergangenheit entsprechende Unterhaltung anzuknüpfen, se vermag ich es doch zu belehren, zur Aufnahme in eine Mission vorzubereiten und damit einen guten Zweck zu erfüllen.

Doch das Kind allein ist es nicht, was mich so ruhig das allmälige Erstarren der Natur beobachten läßt, sondern auch das Bewußtsein, fortan mein Leben nicht ohne jede geistige Beschäftigung vertrauern zu müssen.

Das verflossene Jahr war für mich ein glückliches, wenigstens in so weit, als ich mehr, wie hinreichend erübrigte, um abgesondert von andern Menschen und unbelästigt von den Anforderunzen selbstsüchtiger Handelsgesellschaften den Winter verbringen zu können. Auch besser ausgerüstet habe ich mich, denn was mir in früheren Jahren mangelte, das besitze ich jetzt in Fülle, nämlich die Mittel, mein wechselvolles Leben zu beschreiben, und dabei meine ganze Vergangenheit gewissermaßen noch einmal zu durchleben.

O, was hätte ich nicht in dem verflossenen Winter für einen kleinen Vorrath Papier hingegeben! Aber es ist vielleicht besser so; ich hatte Muße, die ernstesten Betrachtungen über die verschiedenen Begebenheiten und Erlebnisse anzustellen, die Charaktere, welche, hier zum Guten, dort zum Bösen, einen entscheidenden Einfluß auf mich und meine Zukunft ausübten, bis in die kleinsten Einzelheiten zu zerlegen und mir einen klaren Einblick in Manches zu verschaffen, was mir einst unerklärlich erschien.

Ich beginne daher meine Arbeit nicht unvorbereitet; ich werde erzählen können, als hätte ich mich an allen Orten zu gleicher Zeit befunden, und einen, wenn auch trüben Genuß soll es mir gewähren, mich dadurch im Geiste um so lebhafter in jene Zeiten zurück zu versetzen.

Ich schreibe, aber »für wen?« frage ich mich. Werden jemals die Blicke eines andern Sterblichen auf diesen Schriftzügen haften? Vielleicht nach vielen langen Jahren; denn da ich beim Beginn des Frühlings wieder fort muß in andere Gegenden, meine Arbeit aber auf meinen mühevollen Wanderungen nicht mit mir herumtragen kann, so gedenke ich sie hin zu verbergen. – Werde ich selbst noch einmal hierher zurückkehren, oder ist dies der letzte Winter, welchen ich hier verlebe? Doch wozu in die Zukunft denken, so lange die Vergangenheit mir so reichen Stoff zu Betrachtungen bietet? Die Sorge um die Zukunft soll mich nicht stören, nicht verhindern, mein Vorhaben auszuführen. –

Welch seltsamer Kontrast zwischen dem Früher und dem Jetzt; zwischen dem Knaben, der einst in jugendlicher Vermessenheit wähnte, den Himmel erstürmen zu können, und dem ernsten Mann, der als einsamer Pelzjäger die wilde, freie Natur durchstreift, um sein kärgliches Brod zu erwerben!

Eine selbstgeschaffene Erdhöhle bildet meinen Palast, ein von Bibern und Ottern reich belebtes Nebenflüßchen das Feld meiner Thätigkeit, und in geringer Entfernung, meinen Augen erreichbar, wälzt der Missouri seine gelben Fluthen auf tausendjähriger Bahn dem Golf von Mexiko zu.

Wie der Himmel so schwer, so bleifarbig niederhängt; wie der Sturm mit dürren Blättern und Schneeflocken spielt und heulend zwischen den Hügeln hindurch auf den majestätischen Strom niederfahrt! Wie die Raben und Krähen unheimlich krächzen und ihre starken Schwingen im Kampfe gegen den heftigen Wind prüfen! Wie lange wird es noch dauern, und der Missouri träumt unter einer starren, zusammenhängenden Eislast, während tiefer Schnee Wald und Flur ungangbar macht und mir jede Verbindung mit andern, fern ab lebenden Menschen vollständig abschneidet?

Mit Ruhe sehe ich dieser Abgeschiedenheit entgegen; sie schreckt mich nicht. Ich fühle mich so glücklich, wie dies nach meinen Lebenserfahrungen nur immer möglich ist, oder ich würde die Einsamkeit nicht aufgesucht haben.

Das verkohlende Holz knistert auf dem glühenden Aschenhaufen und verbreitet eine angenehme Wärme in meiner wenig umfangreichen Hütte; die junge Mandanenwaise arbeitet mit einer für ihre Jahre ungewöhnlichen Fertigkeit an weichen Mokasins, und zu ihren Füßen spielt ein gezähmter Waschbär gar anmuthig mit einer Büchsenkugel. Ich selbst aber sitze vor einem Felsblock und mit leisem, schnarrendem Geräusch fliegt die Feder über das Papier.

Wie merkwürdig die Buchstaben sich zu Worten, die Worte sich zu Gedanken und Sätzen aneinander reihen! Lange, lange ist es her, seit ich zum letzten Male schrieb, so lange in der That, daß ich schon befürchtete, das Schreiben verlernt zu haben.

Doch wie ich sehe, daß es mir noch gelingt, meine Gedanken festzubannen, stürmen auch die Bilder der Vergangenheit mit fast erdrückender Wucht auf mich ein, so daß ich sie kaum von einander zu scheiden und zu ordnen vermag.

Mögen die Bilder aber eine Färbung tragen, welche sie wollen, bei allen tritt in den Vordergrund der erste Genosse meiner Jugend, der liebe, rebenbekränzte, alte Vater Rhein, der Rhein mit seinen anmuthigen Thälern und alterthümlichen Städten, mit seiner malerischen Felseinfassung und den grauen Ritterburgen, der Rhein endlich mit seinen schönen Sagen und den edlen Weinen, und vor Allem mit der heiteren, warmherzigen Bevölkerung, welche den majestätischen Strom mit Stolz ihren Vater nennt.

Ja, am Rhein bin ich geboren, und zwar an einem Punkte, der sich, hinsichtlich seiner romantischen Schönheit, kühn mit allen hervorragenden Stellen seiner Ufer in einen Vergleich einlassen darf. Weß Kind ich sei und wo meine Wiege einst stand, wenn ich überhaupt je in meinem Leben gewiegt wurde, dürfte kaum in meiner Erzählung von Wichtigkeit sein. Ebenso bieten meine glücklichen Kinderjahre nichts, was sie vor der Jugendzeit anderer Kinder besonders auszeichnete.

Ich war einziger Sohn meiner Eltern, liebte, wie andere Knaben meines Alters, die Freistunden mehr, als den Unterricht, hielt, ebenfalls wie andere Knaben, die Aepfel in den Gärten der Nachbarn für schmackhafter, als die im eigenen Garten, und neigte, nicht minder wie andere Knaben, zu der Ueberzeugung hin, daß es dringend geboten sei, den vom Markt heimkehrenden Bauerfrauen angezündete Schwärmer in die auf ihren Köpfen schwankenden Körbe zu werfen und demnächst davon zu laufen, – in den Dämmerungsstunden an den Klingeln der Herren Präceptores zu reißen, oder auch das Taschengeld für schlechte Cigarren hinzugeben und mich in eine höchst unbehagliche Stimmung hineinzurauchen.

Ich war also, wie die meisten Knaben, keiner von den besten, keiner von den schlechtesten. Es prägte sich dies bereits auf der Schule sehr scharf aus, indem ich keineswegs für die letzten Bänke schwärmte, aber auch kameradschaftlichen Sinn genug besaß, nicht durch angestrengtes Hinarbeiten auf den Primusplatz mir ein gewisses Uebergewicht über meine Mitschüler anmaßen zu wollen. Die Bezeichnung »ziemlich gut« erschien mir als vollkommen genügend, und ich glaube nicht zu irren, wenn ich behaupte, daß ich das Abiturienten-Examen ziemlich gut bestand und ziemlich gut vorbereitet zur Universität abging.

Leider hatte ich meine Eltern frühzeitig verloren. Sie waren, als ich noch die untern Klassen des Gymnasiums besuchte, in dem kurzen Zeitraum von zwei Jahren gestorben, mir gerade so viel hinterlassend, wie nothdürftig ausreichte, um mit ruhigem Gewissen mich für das kostbare und vorläufig sehr wenig versprechende Studium der Rechtsgelahrtheit entscheiden zu dürfen.

In meinen äußeren Verhältnissen bewirkte der Tod meines Vaters die in solchen Fällen fast gewöhnliche Veränderung: Ich erhielt einen Vormund, wurde in Pension gegeben, und zum Ueberfluß entdeckten alle Menschen, namentlich aber die Gattin meines Herrn Pensionsvorstehers, plötzlich in mir so viele Anlagen zum Bösen – was in solchen Fällen ebenfalls nicht ganz selten – und prophezeite man mir so oft die ehrenwerthe Carriere eines Rinaldo Rinaldini, daß ich selbst an mir hätte verzweifeln müssen, wenn ich nicht schon frühzeitig mir geschmeichelt hätte, mich und meine Neigungen selbst am besten und ohne alle fremde Einmischung beurtheilen zu können.

Daß mein Urtheil wenigstens nicht weit von der späteren Wirklichkeit abwich, unterliegt jetzt keinem Zweifel mehr; dagegen läßt sich nicht leugnen, daß diejenigen, die einst in mir einen vielversprechenden Wegelagerer, Kirchenschänder und blutgierigen Demagogen erblickten, recht oft Veranlassung gefunden und genommen haben, kopfschüttelnd den weisen Ausspruch zu thun: »Ich habe es vorhergesehen und gesagt, daß aus dem Jungen nie etwas werden würde.«

Eine rühmliche Ausnahme von Denjenigen, die mich nie ansehen Konnten, ohne einen vorwurfsvollen Blick gen Himmel zu senden und mit einem erschütternden, frommen Stoßseufzer mich vollständig aufzugeben, bildete mein Vormund.

Derselbe, ein alter Kriegskamerad meines Vaters und von diesem schon bei Lebzeiten zu meinem Vormunde bestimmt, fand Gefallen an meinem lebhaften Temperament und meinen tollen Streichen. Er schleuderte mir zwar gelegentlich die ganze Auswahl von Flüchen, welche er seit 1790 im Felde erlernt und höchst sorgfältig in seinem Gedächtniß aufgestapelt hatte, im grimmigsten Commandotone entgegen, dieselben klangen aber drohender, als sie gemeint waren und endeten gewöhnlich damit, daß er mir eigenhändig eine Pfeife stopfte, mich einen verdammten Sansculotten nannte – zu welcher Bezeichnung übrigens nicht der geringste Grund vorhanden war – und schließlich bei allen Granaten und Bomben, die seit Julius Cäsar's Zeiten jemals platzten, beschwor, daß er noch nie einen gesunden Knaben gesehen, der nicht hundertmal verdient habe, gehangen zu werden.

Auf diese Weise sprach er sich gegen mich aus. Dagegen wurde es ihm nicht so leicht, sich »aus der Affaire zu ziehen,« wenn Klagen über meinen unregelmäßigen Schulbesuch einliefen, welches unerhörte Verbrechen, wie man mit sittlicher Entrüstung erklärte, einzig und allein meinem heimlichen Umherstreifen in Wald und Flur und auf den Ufern des Rheins zuzuschreiben sei.

In solchen Fällen behauptete er kaltblütig, bereits in meiner allerfrühesten Kindheit eine große Vorliebe für die Natur an mir entdeckt zu haben, eine Vorliebe, die, wenn man sie nicht gewaltsam unterdrücke, von bedeutender Tragweite für meinen ganzen künftigen Lebensberuf werden könne, und daß höchst wahrscheinlich ein hervorragendes Genie in mir verborgen sei. Er bedauerte dann auch wohl, daß die Leiter der Schulen nicht besser verstanden, die Jugend durch das Baud der Liebe an sich und die Bänke zu fesseln, und verfehlte nie, hinzuzufügen, daß er selbst zu seiner Zeit der nichtswürdigste Galgenstrick gewesen sei, und es dennoch bis zum Oberstlieutenant und zum eisernen Kreuze gebracht habe.

Gegen derartige schlagende Beweise ließ sich freilich nichts einwenden; die Leute gingen, doch glaube ich nicht, daß sie einen sehr hohen Begriff von der Erziehungsmethode des alten Kriegers mit fortnahmen.

Unter solchen Umständen konnte es nicht fehlen, daß ich mit innigster Liebe an meinem Vormunde hing und ihm zu Gefallen, wer weiß was hätte aus mir machen lassen.

Leider sah ich ihn nur selten, indem ich der Schule wegen in der Stadt wohnte, während er, mit dem Posten eines Oberförsters betraut, an einem der anmuthigsten Punkte des Siebengebirges sein Domicil aufgeschlagen hatte. Ich brachte indessen, zur größten Genugthuung meiner sparsamen Pensionsvorsteherin, stets die Ferienzeit bei ihm zu, und beobachtete sehr strenge das zwischen uns stillschweigend getroffene Uebereinkommen, ihm erst am Tage meiner Abreise nach der Stadt und schon mit der Mütze in der Hand, meine Censur zur gefälligen Unterschrift zu überreichen.

Der gute, alte Vormund, durch seine Nachsicht und Milde bin ich wahrhaftig nicht schlechter geworden. Leider, leider war er nur zu bejahrt, als daß ich hätte hoffen dürfen, ihn bis in mein reiferes Alter hinein als meinen Katechismus betrachten zu können.

Ja, er zählte damals, als ich zur Universität abging, bereits einundsechszig Jahre; doch mochte die Zeit seine spärlichen Haare und den mächtigen Schnurbart hagelweiß gefärbt haben, mochten Runzeln sein ausgewettertes, gutes Gesicht nach allen Richtungen hin durchkreuzen und die männliche Fülle der Glieder allmälig einer mumienartigen Hagerkeit gewichen sein, eine straffere Haltung und einen festeren Schritt hätte man bei einem jungen Gardelieutenant nicht finden können. Dabei blitzte das eine graue Auge – das andere war ihm bei Jena von einem »unvorsichtigen Granatsplitter« ausgeschlagen worden – so jugendlich und doch so wohlwollend unter der buschigen, roth und weiß gemischten Braue hervor, und klirrten die Sporen – er hatte bei der Kavallerie gestanden – so lustig an seinen Stiefeln, und prangte das schönste aller Ehrenzeichen so stattlich auf seiner hohen, breiten Brust, daß der leibhaftige Kriegsgott Mars über den alten Helden in Extase hätte gerathen können, und die selige Bellona sich nicht gescheut haben würde, ihn persönlich an den Pforten des Himmels mit einem derben Handschlag zu begrüßen und zu ihrem Adjutanten beim nächsten Manöver zu ernennen.

Doch im Himmel wird ja nicht manövrirt, und damals befand sich mein lieber alter Vormund ja noch nicht in der Lage, die himmlischen Freuden für sich herbeizuwünschen. Er nahm das Gewisse für das Ungewisse und lebte so glücklich und sorglos auf seiner Oberförsterei, wie es seine Mittel nur immer gestatten wollten, und ihm zur Seite lebte ebenso glücklich und zufrieden seine bejahrte Gattin, eine herzensgute, alte Dame, der man vielleicht nur den einzigen Vorwurf machen konnte, daß sie die himmlischen Freuden zu sehr von der strengen Beobachtung irdischer kirchlicher Formen abhängig glaubte. Sie war Katholikin, betrachtete die Geistlichkeit als etwas Ueberirdisches, glaubte an Wunder und betete und beichtete sehr viel, obwohl sie kaum andere Sünden zu beichten hatte, als etwa, daß sie ihrem »Allen« hin und wieder einmal nicht rechtzeitig den brennenden Fidibus zu seiner stereotypen Morgenpfeife darreichte, oder in ihrem Eifer, Alles zugleich zu besorgen, die Milch überkochen ließ.

Zu welchem Glauben der Oberstlieutenant sich bekannte, gab er vor, selbst nicht zu wissen. Er schwur aber darauf, an seinem Einsegnungstage mit einigen Kameraden über alle Berge gelaufen zu sein, in Folge dessen sein älterer, schon eingesegneter Bruder ihn habe vertreten müssen und zum zweiten Mal eingesegnet worden sei, während er, um die Sache nicht ruchbar zu machen, sich mit dem auf seinen Namen lautenden Konfirmationsschein begnügt habe.

Trotzdem hoffte er sehr stark auf die ewige Seligkeit, um so mehr, da sein zweimal konfirmirter Bruder bei Jena gefallen war und, nach seiner festen Ueberzeugung, die kleine Verwechselungsgeschichte beim lieben Gott bereits rapportirt und zu Aller Zufriedenheit geordnet habe.

Nach solchen Aeußerungen zu schließen, war mein Vormund also Protestant. Doch was er auch immer sein mochte, die Form der Gottesverehrung hatte nie Veranlassung zu Mißhelligkeiten zwischen den beiden ehrwürdigen Leuten gegeben. Der alte Herr ließ seine Gattin für sich mit beten, und dafür erlaubte er sich, – wie er sich sehr zart ausdrückte – gelegentlich für seine treue Ehehälfte ein kleines Donnerwetter unter das Hausgesinde zu dirigiren und auf diese Weise das Gleichgewicht wieder herzustellen.

Mein Vormund war also duldsam und liberal in Religionsangelegenheiten, und nachsichtig gegen Holzfrevler, namentlich wenn sie die Kriegsdenkmünze trugen und ihn, statt mit »Herr Oberförster,« »Herr Oberschleitnamp zu Befehl« anredeten.

Bei aller seiner Güte und Nachsicht besaß er aber auch eine empfindliche Seite – was übrigens ganz natürlich und erklärlich – die man nur schief anzusehen brauchte, um die ganze Hölle mit allen nur denkbaren Generationen von Teufeln, väterlicher sowohl, als mütterlicher Seits, auf den Leib gehetzt zu erhalten.

Für ihn gab es nämlich nur zwei Farben: schwarz und weiß; nur zwei Melodien: »Heil Dir im Siegerkranz« und »So leben wir;« nur einen Musterstaat: Preußen, und nur einen König: Friedrich Wilhelm den Dritten. Wäre er aber bevollmächtigt worden, in dem abgegriffenen Litaneibuch seiner Gattin einige Berichtigungen vorzunehmen, so würde er ganz gewiß die Namen aller Heiligen, vom heiligen Nepomuck bis herab zu den heiligen Schuhnägeln des heiligen Ambrosius ausgestrichen, und dafür obenan den alten Fritz, die Königin Louise, Friedrich Wilhelm den Tritten, demnächst alle preußischen Prinzen, Prinzessinnen, Generale und sonstige ausgezeichnete preußische Helden eingetragen, und sich sogar nicht gescheut haben, statt der elftausend Jungfrauen, zu schreiben: Die Brigade so und so, die Division so und so, und dann, wenn noch einige Köpfe fehlten, die Schaar der Heiligen durch Namen aus der während des letzten Krieges von ihm selbst geführten Escadron vollzählig zu machen.

Dies sind also die beiden Leute, die mir nach dem Tode meiner Eltern am nächsten standen und welchen ich ein ganzes Herz voll kindlicher Liebe entgegentrug.

Sie selbst waren kinderlos, konnten mir also mehr Theilnahme zuwenden, wie es vielleicht im andern Falle geschehen wäre; und wenn es mir auch nicht beschieden ist, ihnen in ihrer letzten Stunde wie ein treuer Sohn zur Seite zu stehen, nicht schmerzbewegt in ihre brechenden Augen zu schauen, so weiß ich doch, daß beim Scheiden aus dieser Welt sie meiner segnend gedenken, ein Gebet für mein Lebensglück auf ihren Lippen schwebt. Ist es aber den Menschen vergönnt, mit fernen Lieben geistig in Verbindung zu treten, dann müssen sie längst wissen, daß meine treue, dankbare Anhänglichkeit, weit, weit über ihr, über mein Grab hinausreicht. –

Seit sechs Monaten war ich im schwarzen Sammetrock mit weißseidenem Futter als flotter Bursche in den krummen Straßen Bonn's umherstolzirt, seit sechs Monaten hatte ich mit lobenswerther Regelmäßigkeit den Fechtboden des Herrn Seger besucht, seit sechs Monaten, wenn es mir die Zeit erlaubte, auch den Collegien meine Aufmerksamkeit zugewendet, und nicht weniger als sechsmal war ich in den sechs Monaten auf der Mensur gewesen.

Eine sehr sauber geheilte Schmarre zierte meine rechte Wange, ein stattlicher Bart Mund und Kinn, meine starken braunen Haare fielen in Locken bis auf meine Schultern nieder, mein Kopf ragte noch eine gute Handbreit über die Köpfe anderer mittelgroßer Menschenkinder empor, kein Wunder daher, daß ich im jugendlichen Uebermuthe mich für eins der gelungensten Schöpfungswerke hielt und schließlich zu der Ueberzeugung gelangte, meine Blicke nur in die schüchternen Augen einer Jungfrau senken zu brauchen, um sie vor Liebesgram, wie eine frühzeitig geknickte Blume, dahinwelken und sterben zu machen.

Dergleichen Gefühle beseelten mich denn auch, als ich am zweiten Pfingsttage des Jahres 1832 vor dem Dorfe Godesberg mich von ewigen heiteren Commilitonen trennte und meine Schritte geraden Weges dem Mineralbrunnen zulenkte. Wir hatten verabredet, gegen Abend in einem der öffentlichen Gärten wieder zusammenzutreffen und von dort aus so geräuschvoll, wie möglich, die nächtliche Wanderung zurück nach Bonn anzutreten. Es blieben mir also noch mehrere Stunden, die ich ganz nach meinem eigenen Geschmack verbringen konnte, und da ich schon damals liebte, auf einsamen Spaziergängen mich rücksichtslos und so recht aus vollem Herzen dem kühnen Fluge meiner Gedanken hinzugeben und mich mit dem Ausbau der phantastischsten Luftschlösser zu beschäftigen, so konnte eine romantische Umgebung, wie die von Godesberg, nur anregend auf mich einwirken.

Als mein Vormund behauptete, eine besondere Vorliebe für die Natur in mir entdeckt zu haben, hatte er die Wahrheit vollkommen getroffen, nur mit dem Unterschiede, daß er diesen Schluß aus meiner Abneigung gegen die Schulbänke zog, während der eigentliche Grund dafür richtiger in den Empfindungen zu suchen gewesen wäre, mit welchen ich Alles, was in den Bereich der Natur und ihrer still wirkenden Kraft gehörte, zu beobachten Pflegte.

So erfüllte mich auch ein unbeschreibliches Wohlbehagen, als ich in der alten, im heitersten Frühlingsgrün prangenden Allee dem Mineralbrunnen zuschritt. 

Die knorrigen Baumstämme und das reiche Laub, die üppig wuchernden Gräser und die sich entfaltenden Blumen, die wunderbar schön gelegene Ruine Godesberg und den auf derselben mit tiefen Schatten malerisch abwechselnden Sonnenschein, die scharlachfarbig gesattelten Reitthiere und die sonntäglich geputzten Bäuerinnen, Alles, Alles hätte ich vor Freude und Wonne umarmen mögen, ohne mir so recht eigentlich Rechenschaft darüber ablegen zu können; nicht zu gedenken, daß meine Arme zu solchen Zwecken viel zu kurz waren und eben nur weit genug reichten, um hier einer mit Gebetbuch und Rosenkranz sittsam zur Nachmittagsmesse eilenden Dorfschönen schäkernd unter das runde Kinn zu fassen, dort einem allen, in wollener Zipfelmütze, kattunener Jacke, Kniehosen und Schnallenschuhen prangenden »Bestevader«1 freundschaftlich die Hand zu drücken und von allen Professoren der Universität auf das Angelegentlichste zu grüßen.