Die Familie Melville - Balduin Möllhausen - ebook

Die Familie Melville ebook

Balduin Möllhausen

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Opis

Roman aus der Zeit des nordamerikanischen Bürgerkrieges. Möllhausen war mit diesen abenteuerlichen und exotischen Sujets einer der populärsten Schriftsteller seiner Zeit und zusammen mit Friedrich Gerstäcker, Karl May und Charles Sealsfield einer der bedeutendsten Autoren im Bereich des deutschen ethnologischen Abenteuerromans des 19. Jahrhunderts.

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Die Familie Melville

Balduin Möllhausen

Inhalt:

Erstes Kapitel. Am Dardanell-Felsen.

Zweites Kapitel. Der Anschlag.

Drittes Kapitel. Das Ende eines Verräters.

Viertes Kapitel. Ein Krankenlager.

Fünftes Kapitel. Tsung-Tsang.

Sechstes Kapitel. In den Außenwerken von Vicksburg.

Siebentes Kapitel. Der Kaper.

Achtes Kapitel. In Fort Napoleon.

Neuntes Kapitel. Der Pferdebändiger.

Zehntes Kapitel. Melvillehouse.

Elftes Kapitel. Eine Fahrt aufs Land.

Zwölftes Kapitel. Miß Sarah.

Dreizehntes Kapitel. Im Zirkus.

Vierzehntes Kapitel. Im Hause eines Landagenten.

Fünfzehntes Kapitel. Kapitän Stocton.

Sechzehntes Kapitel. Klein-Melvillehouse.

Siebzehntes Kapitel. Die Flucht.

Achtzehntes Kapitel. Besuch im Strandhause.

Neunzehntes Kapitel. Die beiden Verwandten.

Zwanzigstes Kapitel. Eine Irrenstation.

Einundzwanzigstes Kapitel. Nach dem Fort.

Zweiundzwanzigstes Kapitel. Die Befreiung.

Dreiundzwanzigstes Kapitel. Am Grabe der Tochter.

Vierundzwanzigstes Kapitel. Im neuen Heim.

Fünfundzwanzigstes Kapitel. Zur Entscheidung.

Sechsundzwanzigstes Kapitel. Der erste Versuch.

Siebenundzwanzigstes Kapitel. Unerwarteter Besuch.

Achtundzwanzigstes Kapitel. Die Entscheidung.

Neunundzwanzigstes Kapitel. Die Uhr ist abgelaufen.

Dreißigstes Kapitel. Schluß.

Die Familie Melville, B. Möllhausen

Jazzybee Verlag Jürgen Beck

Loschberg 9

86450 Altenmünster

ISBN: 9783849631871

www.jazzybee-verlag.de

[email protected]

Balduin Möllhausen – Biografie und Bibliografie

Reise- und Romanschriftsteller, geb. 27. Jan. 1825 in Bonn, gest. 28. Mai 1905 in Berlin, erlernte in Pommern die Landwirtschaft, begab sich 1850 nach Amerika, wo er sich 1851 der Reise des Herzogs Paul von Württemberg nach den Felsengebirgen anschloß. Hier wurde er unter die Omahaindianer verschlagen, bei denen er fünf Monate verbrachte, fuhr dann den Mississippi herab nach New Orleans, wurde später auf Verwenden A. v. Humboldts einer amerikanischen Expedition nach dem fernen Westen als Topograph und Zeichner beigegeben und kehrte 1854 über San Francisco und den Isthmus von Panama nach Deutschland zurück, wo ihn König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen zum Kustos der Bibliotheken in den Schlössern von Potsdam ernannte. Eine abermalige Reise nach Nordamerika 1857–58 führte ihn in Gesellschaft des Ingenieurs Ives in die noch unbekannten Gegenden am mittlern Colorado. Seit 1886 lebte er in Berlin. Er gehörte zur Tafelrunde des Prinzen Friedrich Karl von Preußen, dessen Andenken er die »Dreilinden-Lieder« (Berl. 1896) widmete. Die Ergebnisse seiner Reisen legte er nieder in den Werken: »Tagebuch einer Reise vom Mississippi nach den Küsten der Südsee« (Leipz. 1858; 2. umgearbeitete Aufl.: »Wanderungen durch die Prärien und Wüsten des westlichen Nordamerika etc.«, das. 1860) und »Reisen in die Felsengebirge Nordamerikas« (das. 1861, 2 Bde.). Außerdem verfaßte er zahlreiche Romane und Novellen, die meist in der Neuen Welt spielen, wie: »Die Halbindianer« (1861), »Der Flüchtling« (1862), »Der Mayordomo« (1863), »Das Mormonenmädchen« (1861, 3. Aufl. 1871), »Reliquien« (1865), »Der Meerkönig« (1867), »Der Hochlandpfeifer« (1868), »Der Piratenleutnant« (1870, 3. Aufl. 1902), »Der Fanatiker« (1883), »Der Trader« (1884), »Wildes Blut« (1886), »Das Geheimnis des Hulks« (1889), »Der Fährmann am Kanadian« (1890), »Haus Montague« (1891), »Die beiden Jachten« (1891), »Die Söldlinge« (1892), »Der Spion« (1893), »Kaptein Meerrose und ihre Kinder« (1894), »Welche von beiden?« (1897, 2 Bde.), »Der alte Korpsbursche« (1898), »Das Fegefeuer in Frappes Wigwam« (1900) u.a. M., der mit Gerstäcker verglichen werden kann, war diesem in der Darstellung der Zustände und der Charaktere nicht ganz ebenbürtig, besaß aber ein bemerkenswertes Talent zu ansprechender Naturschilderung.

Die Familie Melville

Erstes Kapitel. Am Dardanell-Felsen.

Es war zu Beginn des amerikanischen Bürgerkrieges. Die ersten Schlachten, gleichsam Schulschlachten, waren zwischen den beiden sich wild aufrüttelnden mächtigen Gegnern mit wechselndem Glück geschlagen worden, und bis in die entferntesten Gebiete der Union hinein fanden Gefechte und Scharmützel von geringerer Bedeutung statt. Am entsetzlichsten wütete die Kriegsfurie in ihrem jähen Erwachen westlich vom Mississippi. Im Staate Missouri zeugten brennende Ortschaften, ausgeplünderte und verwüstete Farmen, kühne Guerilla- oder vielmehr Räuberbanden und obdachlose Flüchtlinge von einer Erbitterung und Erbarmungslosigkeit, wie sie eben nur in einem Bürgerkriege gezeitigt werden können.

Auf seiten des Nordens wie auf seiten der Rebellen fochten Indianerstämme. Die Tage des Unabhängigkeitskrieges der Union schienen zurückgekehrt zu sein. Sogar bereits halbzivilisierte Eingeborene griffen zum Skalpiermesser und huldigten altem barbarischem Brauch. Im Staate Arkansas stießen die Rebellen unter Cooper und die Cherokesen unter ihrem Häuptling Opoth-lei-hoho aufeinander. Bald in größeren Abteilungen, bald in kleineren Gruppen stellten sie sich gegenseitig nach. Wo die Übermacht auf seiten der Rebellen war, da glichen Scharfsinn und Verschlagenheit der braunen Krieger und Jäger das Mißverhältnis wieder aus.

Eine entscheidende Wirkung auf das Ganze war von dem Treiben dieser nur wenig zahlreichen Gegner allerdings nicht zu erwarten; wohl aber erhöhte es die Unsicherheit des von ihnen beherrschten Bodens.

Es war im Spätsommer des Jahres 1861, an dem Tage, an dem der Dardanellfelsen, ein Punkt etwa 150 englische Meilen oberhalb der Mündung des Arkansas in den Mississippi, als Marke für eine nächtliche Zusammenkunft galt!

Schäumend und wirbelreich wälzte der nach schweren Regengüssen geschwollene Arkansas seine jetzt beinahe ziegelfarbigen Fluten dem Vater der Flüsse, dem Mississippi, zu.

Es war ein wildes, unheimliches Tosen und Brausen; doppelt unheimlich unter dem Mantel einer stürmischen Nacht und in der wechselnden Beleuchtung des zeitweise zwischen jagendem Gewölk hervorlugenden Mondes.

In dem breiten Kamin des am Dardanellfelsen gelegenen, nur ein einziges Gemach umschließenden Fährhauses brannte seit langer Zeit zum ersten Male wieder ein mit Holz verschwenderisch genährtes Feuer. Unstet beleuchteten die in den schwarzen Schlot hineinschlagenden Flammen vier nackte Blockwände und zwei mit diesen gewissermaßen aus einem Stück bestehende rohgezimmerte leere Bettstellen. Außer einem elenden Tisch, zwei lahmen Schemeln und zwei Bänken waren keine Möbel sichtbar. Was nur irgend fortzuschaffen gewesen war, hatte der frühere Bewohner, sobald er sich dort nicht mehr sicher fühlte, mitgenommen, den eintreffenden Reisenden anheimgebend, ihren Übergang über den Strom bei der weiter westlich gelegenen Stadt Van Buren zu bewerkstelligen.

Zwei Gestalten saßen vor dem Kamin, die eines älteren, bereits etwas ergrauten Mannes im hellblauen Soldatenmantel und entsprechender Kopfbedeckung, und eine junge Frau, die zum Schutz gegen das Unwetter einen roten Baschlick um Haupt und Hals geschlungen hatte. Beide trugen im Äußeren die unverkennbaren Spuren eines langen Rittes auf morastigen Wegen und unter einem regnerischen Himmel. Nur selten fielen einige Worte zwischen ihnen, und diese klangen wie beiläufige Bemerkungen.

Eine längere Pause des Schweigens war verronnen. Das Holz in dem Kamin knisterte und knackte unter dem verzehrenden Feuer und sandte dumpf polternd seine Flammen in den schadhaften Lehmschornstein hinein.

Da erscholl an der Außenseite der Kaminwand das Stampfen und Scharren eines Pferdehufes, dem mehrfaches Schnauben folgte.

»Die Tiere werden ungeduldig,« bemerkte der Mann, ohne die Blicke von dem Feuer abzuziehen, »kein Wunder bei diesem Wetter. Wir hätten einen günstigeren Tag wählen sollen.«

Die junge Frau warf das Haupt empor. Ihre Augen sprühten förmlich in feindseliger Erregung. Um den lieblichen Mund vertiefte sich dagegen der Leidenszug, indem sie antwortete: »Deinetwegen und um der Tiere willen wäre ein anderer Tag mir recht gewesen. Ich selbst aber hätte um keinen Preis die letzte Entscheidung auch nur um eine Stunde weiter hinausschieben mögen. Lange und schwer genug habe ich gelitten. Entweder alles oder nichts! Einen Mittelweg kenne ich nicht.«

Der Offizier wiegte billigend das Haupt. Auf seinem verwitterten Antlitz einten sich ein Anflug von Befriedigung und der Ausdruck fanatischer Entschlossenheit.

»Recht so,« sprach er finster in den Kamin hinein, »du bewährst dich als meine Tochter, als eine Melville, als ein echtes Kind deines südlichen Vaterlandes. Das soll dir und deinen Kindern gesegnet sein, wie auch immer alles enden mag.«

Er sah empor und rief laut: »Wigham!«

»Herr!« antwortete es von draußen herein.

Schwere Schritte wurden vernehmbar. Gleich darauf trat durch die offene Tür ein Mann, der in seinem blauen Militärmantel und dem wasserschweren Filzhut als Mittelding zwischen Soldat und Diener erschien.

»Die Pferde stehen doch unter ihren Decken?« fragte Melville halb über die Schulter.

»Zu Befehl, Kolonel, eingehüllt wie ein krankes Sechswochenkind,« erklärte der gelbhaarige, vierschrötige Bursche mit scharf ausgeprägtem irländischen Akzent.

»Gut, Wigham,« hieß es zurück, »es mag noch Stunden dauern, bevor wir von hier fort kommen. Bis dahin werden die Gäule nicht zugrunde gehen. Sage das den anderen und rate ihnen, die Augen offen zu halten. Dann begib dich nach der Fähre hinunter und erkundige dich, ob von der anderen Seite des Stromes her noch kein Signal erfolgte.« »Dem Kolonel zu Befehl,« versetzte Wigham, indem er sich der Türe zukehrte, worauf Vater und Tochter wieder in ihr finsteres Brüten versanken.

Wigham war nach dem Kamingiebel herumgeschritten, wo in geringer Entfernung eine auf starken Pfählen ruhende einfache Bedachung eine Art Schuppen bildete. Ein kleines Feuer brannte auf einer durch aufgetürmte Zweige gegen den Wind geschützten Stelle. Es beleuchtete unstet ein halbes Dutzend gesattelter und aufgezäumter Pferde, ferner drei blaumäntelige Soldaten, die sich mit ihren Tonpfeifen die Zeit verkürzten.

»Dauert's noch lange?« fragte der eine gedämpft, als Wigham herantrat. »Die Nacht mag darüber hingehen,« antwortete dieser mißvergnügt. »Beim heiligen Patrik, ich wartete lieber an jeder anderen Stelle, als gerade hier.«

»Weshalb?« fragte ein anderer.

»Bei Jesus,« flüsterte Wigham, und den feuchten Hut vom Haupte nehmend, strich er mit den gespreizten Fingern durch sein langes, wirres Kraushaar, »ich gehöre gerade nicht zu den Verzagten, allein wir befinden uns hier in dem Bereiche des verdammten Cherokesen Opoth-lei-hoho. Erhält der Wind von unserer Anwesenheit, so gebe ich keine Pfeife Tabak für unserer aller Leben, Mr. Stocton mit eingerechnet. Der streift Euch die Haut schneller vom Schädel, als Ihr eine Nuß knackt.«

»Zum Skalpieren gehören gemeinhin zwei,« spöttelte der Soldat, »nämlich einer, der's Messer hantiert, und einer, der stillehält. Und überall zugleich kann der schlaue Häuptling nicht sein. Gestern erst hörte ich, daß er vier Tagereisen von hier einige der Unsrigen abgefangen habe.«

»Ich will hoffen, daß der rothäutige Schurke etwas weniger schnell reiste, als die Nachricht, und die hat doch denselben Weg zurückgelegt,« versetzte Wigham nachdenklich. »Der Kolonel meint selber, Ihr möchtet die Augen offen halten. Ich soll zur Fähre hinunter, um auszukundschaften, wie's dort steht.«

Wigham hatte kaum die Hälfte des Weges nach der Fähre zurückgelegt, als ein Schatten vor die offene Türe hinglitt. Nach kurzem argwöhnischen Umherspähen trat ein hochgewachsener Mann geräuschlos auf die Schwelle, wo er abermals säumte, offenbar um sich mit der vor ihm liegenden Räumlichkeit vertraut zu machen.

Der flackernde Schein des Feuers streifte ihn nur teilweise, jedoch hinlänglich, um einen Indianer in ihm erkennen zu lassen. Sein braunes Antlitz charakterisierte eine eigentümliche, an Stumpfheit grenzende Ruhe.

Nachdem der geheimnisvolle Fremde sich von der Sicherheit der nächsten Umgebung überzeugt hatte, glitt er auf seinen nassen hirschledernen Schuhen mit einer Gewandtheit und Sicherheit in das Gemach hinein, daß die beiden in ihren Betrachtungen versunkenen Gestalten vor dem Kamin seine Annäherung selbst dann noch nicht merkten, als er schon auf Armeslänge hinter ihnen stand.

»Kolonel Melville,« hob er mit vorsichtig gedämpfter Stimme in fließendem, wenn auch etwas entstelltem Englisch an, »ich bin hier, um Ihnen einen guten Rat zu erteilen. Sie und die junge Lady da schweben in großer Gefahr, wenn Sie nicht vernünftig zu Werke gehen. Still,« fügte er dringend hinzu und legte die Hand flüchtig auf seine Lippen, als Melville und seine Tochter, die beim ersten Ton seiner Stimme aufgesprungen waren und sich ihm zugekehrt hatten, Miene machten, die Wachmannschaft herbeizurufen, »still; die draußen brauchen meine Botschaft nicht zuhören, oder sie mögen ebensogut wieder dahin gehen, woher sie gekommen sind.«

Der Kolonel beruhigte sich, wogegen seine Tochter den braunen Krieger fortgesetzt mißtrauisch, sogar ängstlich betrachtete.

»Wer seid Ihr und wer schickt Euch?« fragte der Offizier nach kurzem Sinnen, »ich vermute, Ihr gehört zu einem der getreuen Stämme, die sich dem für seine und ihre Freiheit kämpfenden Süden angeschlossen haben.«

»Wer ich bin, kümmert niemand, auch nicht, wer mich schickt und wem ich diene,« erwiderte der Indianer gleichmütig, »ich denke, Sie können zufrieden sein, wenn ich Sie warne –«

»Vor wem?« fiel Melville lebhaft ein, und er sandte seiner Tochter einen besorgten Blick zu.

»Ich habe nicht viel Zeit,« versetzte der Indianer spöttisch, »solange gefragt wird, kann ich nicht reden. Ohren und Mund arbeiten nicht gern zugleich. Wollen Sie mich hören, ist es gut; sonst kann ich gehen; mein Weg ist offen.«

»Das klingt vernünftig, Freund,« sprach der Kolonel nunmehr zuversichtlich, und nicht ohne Teilnahme betrachtete er die kriegerische Gestalt, »offenbart daher, was Euch hierher führt.«

»Warnen will ich Sie. Opoth-lei-hoho und seine Cherokesen weilen in der Nachbarschaft. Sie sind hier, um den Kapitän Stocton, den Mann der jungen Lady da, zu erwarten. Kapitän Stocton ist ein Freund Opoth-lei-hohos. Opoth-lei-hoho duldet nicht, daß seine Freunde verraten werden. Kolonel Melville brachte vier Soldaten hierher mit sich. Vier Soldaten warten unten bei der Fähre. Viermal vier und mehr halten sich im Walde verborgen. Kapitän Stocton kommt allein. Will man ihn verraten, verläßt kein Soldat diesen Wald lebendig.«

Sobald der Indianer schwieg, glitt ein Lächeln der Überlegenheit über Melvilles wettergebräunte Züge; dann sprach er in gehässigem Tone: »Ihr bekennt also, auf seiten der Unionisten zu stehen? Gut; niemand kann es Euch verwehren. Mich kann dagegen niemand zwingen, Euren Worten zu trauen. Erstens befindet der Cherokesen-Häuptling sich mehrere Tagereisen weit von hier, und ferner würde ich ihn nicht fürchten, wäre er mit seiner ganzen Bande zur Hand.«

Um den sich zuspitzenden Blick zu verheimlichen, senkte der Indianer die Lider träge über seine Augen und mit einem Anfluge von Spott erwiderte er: »Opoth-lei-hoho ist wie der Wind. Niemand sieht ihn, bevor er ihn fühlt. Seine Männer tun, was er ihnen anbefiehlt. Sagt er, die Cherokesen stehen zu den Nördlichen, so ist es gut. Die Cherokesen wollen in Frieden ihre Äcker bestellen und den Hirsch jagen. Die Südlichen sind Feinde der Cherokesen: sie haben um nichts den Krieg begonnen.«

»Was würdet Ihr sagen, wenn ich daraufhin meinen Leuten den Befehl erteilte, Euch als Feind zu behandeln und unschädlich zu machen?« fragte Melville gespannt.

»Es würde mit dreißig Kugeln beantwortet werden,« erklärte der Indianer ruhig.

»Wir sind also umstellt?«

»Umstellt, Kolonel Melville. Sie trauen mir nicht, ich traue keinem Südlichen. Geht Kapitän Stocton ungestört von hier fort, so erfährt kein Soldat, daß inzwischen die Büchse eines Cherokesen auf ihn gerichtet gewesen. Sie mögen ungestört hingehen, woher sie gekommen sind.«

»Wer behauptet, daß man Verrat gegen Kapitän Stocton plant?« fragte die junge Frau, die solange gespannt und mit wechselnden Empfindungen gelauscht hatte, nunmehr entschlossen. »Niemand behauptet es,« lautete die ruhige Antwort, »aber unter den Leuten des Kolonel Melville mag es einen Verräter geben, der ihm hinterrücks eine Kugel zusendet. Geschieht das, so mögen die Pferde ohne ihre Reiter heimkehren; das Weib des Kapitän Stocton dagegen soll die Gastfreundschaft der Cherokesen kennen lernen.«

Das Antlitz der jungen Frau erhielt eine noch bleichere Farbe, ohne indessen den eigentümlichen Ausdruck fanatischer Entschlossenheit zu verlieren.

»Ich bürge für seine Sicherheit,« sprach sie, und gewaltsam unterdrückte sie das Beben ihrer Stimme, »ich selbst würde ihn mit meinem Leben verteidigen. Eure Vorsicht ist daher überflüssig. Das hätte Kapitän Stocton selber wissen müssen.«

Der Cherokese lächelte geringschätzig.

»Kann die junge Lady eine Kugel zurückrufen, nachdem sie den Pistolenlauf verließ?« fragte er ruhig; »kann sie Stahl in Blei verwandeln, daß eine Messerspitze sich auf warmem Menschenfleisch umlegt? Nein. Ihre Bürgschaft ist nicht wert ein welkes Blatt. Geladene Büchsen sind eine bessere Bürgschaft. Aber auch ich rufe keine abgeschossene Kugel zurück; jede muß an ihr Ziel gehen.«

Ratlos sah die junge Frau auf ihren Vater. Dieser starrte einige Sekunden finster vor sich nieder und kehrte sich dem Indianer wieder zu.

»Gilt die Bürgschaft meiner Tochter nicht, so ist die meinige kaum mehr wert. Ich will indessen noch einmal den Befehl an meine Leute erteilen, daß derjenige, der Verrat an dem Kapitän Stocton begeht – und das könnte nur hinter meinem Rücken geschehen – sein Tun mit dem Leben büßt. Ich hoffe, dies Versprechen genügt Euch.«

»Es genügt, wenn Kapitän Stocton wohlbehalten von hier fortgeht,« antwortete der Indianer gelassen.

»Seine Sicherheit kann nur mein Wunsch sein,« versetzte der Kolonel kalt, »im übrigen hatte ich ihm mehr Mut zugetraut, mehr Zuversicht in das Wort eines Ehrenmannes. Nicht zum Zweck gegenseitiger feindlicher Angriffe ist diese Zusammenkunft verabredet worden. Es lag für ihn daher die Notwendigkeit nicht vor, hinter einer Rotte Eingeborener Schutz zu suchen.«

Der Cherokese zuckte die Achseln und erklärte geringschätzig: »Kapitän Stocton ist ein Mann; einem furchtsamen Weibe würde Opoth-lei-hoho seinen Beistand nicht leihen. Kapitän Stocton weiß nicht, daß Opoth-lei-hoho ihn überwacht; er hätte es ihm verwehrt. Opoth-lei-hoho kennt seine Freunde, kennt seine Feinde; er weiß, wem er trauen darf,«

»Zum Henker mit Eurem ewigen Opoth-lei-hoho,« versetzte der Kolonel ungeduldig, »er ist kein Gott, daß er einen freien Mann zu etwas zwingen dürfte.«

»Kennt der Kolonel Melville den Cherokesen-Häuptling?« fragte der braune Krieger.

»Leider sah ich ihn nie, hoffe aber, über kurz oder lang einem Manne zu begegnen, der in kindischer Verblendung wähnt, mit einer Handvoll Jäger dem Süden Abbruch tun zu können. Vielleicht vergeht ihm dann die Kriegslust.«

»Sie vergeht ihm nicht, Kolonel,« nahm der Cherokese wieder das Wort, und schärfer prägte sich Spott in seinen braunen Zügen aus, »an Mut fehlt es ihm ebenfalls nicht, oder er stände jetzt nicht vor dem Kolonel Melville.«

»Opoth-lei-hoho?« sprach der Kolonel erstaunt, indem er den sich nachlässig auf seine Büchse lehnenden Krieger ungläubig betrachtete.

»Opoth-lei-hoho,« bestätigte dieser, und den Büchsenkolben wieder unter seine Decke bergend, schritt er in zuversichtlicher Haltung zur Türe hinaus.

Erst nachdem er aus der nächsten Nachbarschaft verschwunden war, ohne die Aufmerksamkeit der Soldaten auf sich gezogen zu haben, kehrte der Kolonel sich seiner bestürzten Tochter zu.

»War es der verschlagene Häuptling selber,« sprach er zweifelnd, »so sind wir in der Tat umstellt. Unmittelbare Gefahr droht uns indessen nicht – wer möchte wagen, gegen meine Befehle zu handeln – aber ein eigentümliches Licht wirft es auf den Unionisten-Kapitän Stocton, daß er sich zum Freunde und Genossen wilder Eingeborener herabwürdigte.«

»Es kann nur geschehen sein, um die Zusammenkunft überhaupt zu ermöglichen,« versetzte die junge Frau noch immer heftig erregt, »ich kenne ihn; nach dieser Richtung hin trifft ihn kein Vorwurf; er ist zu stolz. Du hörtest, was der Häuptling sagte: Stocton ahnt nicht, daß ihn jemand überwacht.«

»Gleichviel,« erwiderte Melville düster, »meine Hoffnung, der Konföderation einen begabten Offizier, dir den Gatten und deinen Kindern ihren Vater zu erhalten, ist vernichtet. Hinge es von mir allein ab, so ließe ich sofort die Pferde vorführen –«

»Nein, Vater,« fiel Mrs. Stocton leidenschaftlich ein, »ich will ihn sehen, muß ihn sehen. Ein letztes Wort will ich an ihn richten, bleibt er auch dann noch ungerührt, so bin ich nicht verantwortlich für die Folgen, und ergebungsvoll beuge ich mich unter das Verhängnis. Aber des Häuptlings Worte klangen so zuversichtlich, zeugten von einer so genauen Kenntnis aller Vorgänge: sollte er nicht dennoch ausgekundschaftet haben, daß einer der Unsrigen in blindem Eifer oder im Auftrage eines weniger gewissenhaften Patrioten sich mit irgendeinem unheilvollen Plane trägt? Ich zittere bei dem Gedanken, daß die Zusammenkunft, zu der ich selbst ihn herbeirief, ihm zum Verderben gereichen könne,« und als hätte ein ihr vorschwebendes Schreckensbild sie erschüttert, ließ sie sich schwerfällig auf ihren Schemel nieder.

»Fürchte nichts,« beruhigte sie der Kolonel finster, »Möglichkeiten, wie sie deine Phantasie schafft, sind ausgeschlossen. Ich wäre ja entehrt, wenn – doch nein, meine Befehle lauteten unzweideutig; aber ich will sie erneuern, mag es immerhin überflüssig sein.«

Er schritt aus dem Gemach und nach dem Schuppen hinüber.

»Korporal!« rief Melville in den Schuppen hinein, »besteigen Sie Ihr Pferd und reiten Sie zum Nachtrab. Schärfen Sie den Leuten ein, daß der Kapitän Stocton unter meinem eigensten persönlichen Schutz stehe. Eine feindselige Handlung gegen ihn wäre gleichbedeutend mit einem Angriff auf mich oder meine Tochter selbst!«

»Dem Kolonel zu Befehl,« lautete die Antwort des Korporals, der aufgesprungen und neben sein Pferd hingetreten war. Er hatte die Decke vom Sattel genommen, als Melville streng hinzufügte:

»Raten Sie zur größten Wachsamkeit. Der Teufel traue dem listigen Cherokesen-Häuptling, Er kann ebenso gut in der Nachbarschaft, wie auf jeder anderen Stelle lauern. Was sich auch ereignen mag, es wird nicht angegriffen. Kein Schuß darf, vor einem unzweifelhaften feindlichen Angriff abgegeben werden.«

»Zu Befehl,« wiederholte der Korporal, indem er sein Pferd aus dem Schuppten führte, und gleich darauf trabte er davon.

»Es ist nichts mehr zu befürchten, selbst wenn der braune Schurke die Wahrheit gesprochen haben sollte,« begann Melville, als er wieder neben seiner Tochter vor dem Kamin Platz genommen hatte, »Fasse also Mut; zeige dich auch fernerhin als eine würdige Tochter des Südens, die nicht schwankt, sogar ihr Herz auf den Altar des Vaterlandes niederzulegen.«

Zweites Kapitel. Der Anschlag.

Während Opoth-lei-hoho in dem Fährhause weilte, war Wigham nicht müßig geblieben. Von dem natürlichen Drange beseelt, wieder in den Schutz des Schuppens zu gelangen, beschleunigte er seine Schritte. Die weniger morastige Mitte des Weges haltend, hatte er die Hälfte der ihn von der Fähre trennenden Strecke zurückgelegt, als er plötzlich in der nahen dichten Straßeneinfassung seinen Namen nennen hörte. Bestürzt blieb er stehen, und sich dahin kehrend, von woher die Stimme zu ihm gedrungen war, fragte er mißtrauisch, wer ihn rufe.

»Jemand, der Sie für einen tapferen und getreuen Burschen hält, jedoch Ursache hat, seine Anwesenheit hier vor allen, außer vor Ihnen, zu verheimlichen,« hieß es zurück.

Zögernd trat Wigham bis an das von hohen Bäumen überdachte Gebüsch vor. Wohl entdeckte er am Rande desselben eine schattenähnliche Gestalt, allein vergeblich mühte er sich, sie zu erkennen.

»So müssen Sie auch eine Ursache haben, mich hier zu erwarten,« meinte er, »da möchte ich zunächst wissen, mit wem ich rede.«

»Das ist vorläufig unwesentlich,« lautete die Erwiderung, »es handelt sich in erster Reihe darum, ob Sie hinlänglich Unerschrockenheit besitzen, dem Lande, welchem Sie jetzt angehören, einen Dienst zu leisten, der Ihnen zugleich eine hübsche runde Summe einträgt.«

»Sie selber können's nicht?« fragte der schlaue Irländer.

»Nein,« antwortete der geheimnisvolle Fremde kurz, »wenigstens nicht im ganzen Umfange. Doch ich traue Ihnen und will daher offen sein. Ich kann ein wichtiges Ereignis wohl einleiten, dagegen würde die letzte Entscheidung durch meine Hand mir an maßgebender Stelle verdacht werden. Ihnen dagegen brächte sie als die gerechtfertigte Handlung eines blindlings für eine gute Sache kämpfenden Patrioten Ehre und schließlich Vorteil ein. Stelle ich Ihnen aber eine klingende Belohnung in Aussicht, so geschieht es, um Sie zu entschädigen, wenn eine schnelle Tat hier oder da einen ernsten Verweis zur Folge haben sollte.«

Argwöhnisch säumte der Irländer einige Sekunden, bevor er listig berechnend antwortete: »Der Kolonel Melville erwartet mich bald zurück, daher möchte der Herr sich mit seinen Aufschlüssen lieber beeilen.«

»In dieser Zeit und in diesem Teil des Landes ist jede Verspätung leicht entschuldigt,« versetzte der Fremde ungeduldig, »damit Sie aber begreifen, daß ich's ernstlich meine, und die Angelegenheit von hoher Wichtigkeit ist, nehmen Sie das,« und er drückte dem Irländer eine Münze in die Hand, an deren Form und Gewicht dieser ein goldenes Zwanzigdollarstück erkannte.

»Was habe ich dafür zu tun?« fragte Wigham eifrig.

»Für diese Anzahlung nicht mehr, als daß Sie das Geld in die Tasche stecken und, im Falle mein Vorschlag Ihnen nicht behagt, darüber schweigen, hier überhaupt jemand gesehen und gesprochen zu haben. Ich finde wohl einen anderen, der sich als ein zuverlässiger Sezessionist ausweist und gern ein halbes Dutzend solcher Münzen mit in den Kauf nimmt.«

»Zuvor müßte ich wissen, was bezweckt wird. Der Henker mag sich in einer Sache entscheiden, die ihm so dunkel ist, wie das Innere einer leeren Tonne.«

»Recht so, Mann, anderes erwarte und verlange ich nicht. Des Kolonels Schwiegersohn, der Kapitän Stocton, ist Ihnen nicht fremd?«

»Sah ihn zwar nur einmal und flüchtig obenein, aber auf hundert Ellen würd' ich ihn wiedererkennen, und wär's nicht heller, als 'ne halbe Stunde vor Sonnenaufgang. Nebenbei ein Verräter erster Klasse, der Kapitän –«

»Ohne Zweifel,« fiel der Fremde gehässig ein, »ein so hinterlistiger Landesverräter, wie nur je einer verdiente, gehangen zu werden. Und einen solchen ehrlosen Menschen erwarten der Kolonel und seine Tochter noch in dieser Nacht.«

»Ich befand mich eben auf dem Wege, nachzuforschen, ob er von der anderen Seite des Stromes her noch kein Signal gab.«

»Er kann also in der nächsten halben Stunde auf dieser Seite landen? Wohlan denn, den Zweck dieser Zusammenkunft errät jeder. Man will versuchen, ihn zu seiner Pflicht zurückzuführen. Das weitere ist zweifelhaft. Gesellt er sich seinen Angehörigen wieder zu, so ist der Süden um eine vorzügliche Kraft bereichert; lehnt er dagegen die Einigung ab, so mag der Kolonel ihn als Gefangenen mit fortnehmen, was gleichbedeutend damit ist, daß er vor ein Kriegsgericht gestellt und nach kurzem Prozeß füsiliert wird. Daran glaube ich indessen nicht. Der Kolonel, und mehr noch seine Tochter, werden nie die Hand zu einem derartigen Verfahren bieten, man wird ihm vielmehr freien Abzug gewähren, das soll aber nicht geschehen. Wo und wie nur immer möglich, müssen die Unionisten geschädigt und geschwächt werden, und deshalb darf dieser Stocton, wenn er starrsinnig auf seinem ersten Entschlusse beharrt, das jenseitige Ufer nicht mehr erreichen. Ich weiß nicht, ob Sie mich verstehen?«

»Sie meinen, daß eine sich zufällig entladende Pistole ihre Kugel durch seinen Schädel sendete?«

»Nicht genau das. Der Schuß würde den Kolonel herbeirufen und damit dessen Tochter; welche Szenen sich dann aber abspielen würden, ist nicht abzusehen, zumal es mehr als wahrscheinlich ist, daß der Kolonel sein Ehrenwort für des Verräters Sicherheit verpfändete.«

»Da möchte er es dem schlechten Dank wissen, der sein Ehrenwort vor die Hunde warf,« wendete Wigham mürrisch ein.

»Für das, was ohne sein Dazutun geschieht, wird dem Kolonel keine Schuld zugemessen,« erklärte der Fremde etwas dringlicher, »sein Ehrenwort bleibt unangetastet, und wer weiß, ob er die einfachste Lösung des ihn selbst und seine Tochter entwürdigenden Verhältnisses nicht nachträglich willkommen heißt. Am wenigsten trifft den Täter ein Vorwurf. Will der eine oder der andere sich durch eine kühne Tat auszeichnen, bleibt's ihm unbenommen. Wer kann überhaupt einen Täter zur Rechenschaft ziehen, wenn alles geräuschlos erledigt wird? Bedürfte es doch nur einer kleinen Nachhilfe, um jemand vom Uferrande aus in dem wütenden Strome verschwinden zulassen.«

»Sie selbst möchten die kleine Nachhilfe nicht übernehmen?«

»Mit wahrer Lust wollte ich nicht nur Stocton, sondern alle nordstaatlichen Offiziere auf einen Schlag vernichten – im Kriege gilt ja jedes Mittel – wäre ich nicht gezwungen, dem Kolonel gegenüber Rücksichten walten zu lassen. So darf dieser auch nie erfahren, daß er selber überwacht wurde; das ist zugleich Ursache der Verheimlichung meiner Anwesenheit hier. Also entscheiden Sie sich, ob ich auf Ihren Dienst zählen kann oder nicht.«

»Die Angelegenheit möchte ich mir zuvor ein wenig überlegen,« versetzte Wigham nachdenklich, doch offenbarte sich in seiner Stimme, daß der Vorschlag eines Mordes, den er als im Einklang mit dem Kriegsrecht stehend betrachtete, nicht mißfällig von ihm beurteilt wurde, »ich kalkuliere, bevor der Kapitän wirklich auf dieser Seite landete, läßt sich nicht viel machen –«

Er verstummte erschrocken. Mit dem Brausen des Sturmes einte sich der Ruf der großen Ohreule, der von der Höhe des Dardanellfelsens herniederzudringen schien. Geisterhaft hohl und dennoch scharf vibrierend glich er dem unheimlich klagenden Lachen, von einem Wahnwitzigen entsendet.

»Das klingt grausig,« flüsterte Wigham, und ängstlich spähte er die vom Monde notdürftig beleuchtete Straße aufwärts und abwärts. Plötzlich kehrte er sich dem ihn gespannt beobachtenden Fremden zu. »Es kommt jemand,« sprach er noch leiser, als hätte er bereits den Mordstahl auf jemand gezückt gehabt, »da – jetzt befindet er sich im Schatten – vielleicht der Kolonel selber –«

»Unsinn,« fiel der Fremde ein, und sich nach vorn neigend suchte er ebenfalls die Straße aufwärts zu überblicken, nicht achtend, daß ein Streifen Mondlicht sein Antlitz voll traf und Wigham dasselbe mit einem Ausdruck des Erstaunens und des Verständnisses betrachtete. »Unsinn, Mann,« wiederholte er, »was sollte den Kolonel bewegen, Ihnen nachzuschleichen? Ich sehe niemand. Sie haben den Schatten eines vom Winde geschwungenen Zweiges für einen Menschen angesehen.«

Wighams Erstaunen war bereits wieder hinter neu erwachender Besorgnis zurückgetreten. Den zum Teil beleuchteten Weg entlangspähend, raunte er dem Fremden zu: »Nein, nein, ich verschwöre meine Seele, daß ich einen Mann sah –«

»So müßte er wieder zum Vorschein kommen, denn in den nassen Wald einzudringen, hätte er sicher keine Veranlassung.«

»Wüßte ich nicht, daß diese Gegend augenblicklich frei von dem schuftigen Gesindel, möcht ich vermuten, daß da drüben eine Rothaut herumkroch.«

»Woher sollte die kommen? Das Mondlicht spielte Ihnen einen Streich, das ist alles.«

Wigham, der keine weitere Bewegung entdeckte, hatte sich beruhigt und kehrte sich dem Fremden wieder zu.

»War mir doch, als hätte ich Ihre Stimme schon früher gehört, Mr. Slowfield,« begann er, scheinbar nicht bemerkend, daß dieser unwillkürlich einen Schritt zurücktrat, »es bedurfte also nur einer Probe Mondlicht, um einen alten Freund des Kolonels festzustellen, und das ist ein Vorteil obendrein. Weiß ich doch, woran ich bin, und ein ordentliches Vertrauen zu Ihnen besitze ich ebenfalls. Das erleichtert nämlich die ganze Angelegenheit. Aber ich muß fort. Sagen Sie mir, wo ich Sie finde, nachdem ich mir die Angelegenheit gehörig überlegt habe.«

Slowfield hatte sich gefaßt und antwortete, als wäre es ihm gleichgültig, erkannt worden zu sein: »Hier auf dieser Stelle, höchstens etwas weiter abwärts der Fähre zu. Halten Sie sich auf dieser Seite des Weges. Ich rufe Sie wieder an.«

»Gut, gut,« versetzte der Irländer hastig, und einen letzten scheuen Blick nach der Stelle hinüber sendend, auf der er eine verdächtige Bewegung entdeckt zu haben glaubte, begab er sich eiligen Schrittes nach der Fähre.

Gleich darauf tönte ihm ein kurzes: »Wer geht da?« entgegen, begleitet von dem Knacken eines Büchsenhahns.

»Wigham selber,« antwortete der Ire, »strapaziere dein Schießholz nicht ohne Not.«

»Verdammtes Wetter,« hieß es aus dem Schatten der mit den Kronen dicht ineinander verschlungenen Bäume zurück, »der Kolonel hätte immerhin 'nen besseren Tag zu seinem Ausfluge wählen Können.«

»Wo steckt Moulder?« fragte Wigham nach der ersten flüchtigen Begrüßung.

»Steht Wache auf dem Ufervorsprung,« lautete die Antwort, »das ist der einzige Punkt, von dem aus man 'nen Blick um den Dardanellfelsen herumwerfen kann, und was hier landen will, muß von oben herunter kommen.«

»Dem Alten wird die Zeit lang,« nahm Wigham wieder das Wort, »ich soll fragen, ob noch kein Signal erfolgte.«

»Bis jetzt nichts zu hören oder zu sehen. Nur da oben auf dem Dardanellfelsen schreit ein Höllenvogel. Man sollte glauben, des Teufels Großmutter lache in den Wind hinein.«

»Also nichts,« sprach Wigham verdrossen, »freilich, es gehört schon viel Lust dazu, sich dem wilden Wasser anzuvertrauen; aber Kapitän Stocton ist nicht der Mann, vor einer Gefahr zurückzuschrecken.«

»Soll mich wundern, ob die beiden sich aussöhnen,« bemerkte der eine Soldat.

»Viel Glauben daran habe ich nicht, wenn's auch der beste Ausweg wäre,« sprach Wigham zögernd, wie in Gedanken, »eine Schande nenn ich's obendrein, solch seinen Offizier an die Nördlichen abzutreten. Ihr sollt ihn wohl wie 'nen Deserteur behandeln?«

»Gerade das Gegenteil. Er käme im Vertrauen, hieß es, und das müsse geachtet werden. Das Fährhaus findet er ohne uns; aber seine Begleiter sollen wir nicht von dannen lassen und scharf überwachen. Es gehören schon ein gut halb Dutzend Paar Hände dazu, den Prahm, oder welcher Art Fahrzeug es sein mag, durch die Strudel und zwischen dem Treibholz hindurchzulotsen.«

Der Mann, der so lange auf dem Ufervorsprung gestanden hatte, erschien vor dem Feuer.

»Es meldet sich jemand,« sprach er, während er in dem Feuer störte, und einen armdicken Ast, dessen oberes Ende rote Kohlen umhüllten, aus der Glut ziehend, fügte er hinzu: »Der hält eine Weile aus, und 'ne Ewigkeit dauert's ja nicht.«

Er schwang ihn vor sich im Kreise, bis er flammte und flackerte, und träge kehrte er auf seinen Posten zurück.

Wigham, aus doppelten Gründen neugierig, folgte ihm nach.

Sich über den Uferrand vorbeugend, gewahrte er stromaufwärts in der Entfernung von etwa tausend Ellen auf dem jenseitigen Ufer ein schnell an Umfang gewinnendes Feuer, neben dem ein fackelartig brennendes Holzscheit geschwungen wurde.

»Das ist das richtige Signal,« bemerkte der Posten, seinen Feuerbrand ebenfalls schwingend, »werden ihre Not haben, den Strom zu kreuzen. Wir können nicht mehr tun, als ihnen den Weg zeigen.«

»So will ich's dem Kolonel melden,« erwiderte Wigham, und er kehrte sich der Lagerstätte wieder zu, »er mag schon ungeduldig geworden sein.«

Indem er an dem Feuer vorüberschritt, tönte von dem Gipfel des Dardanellfelsens abermals das Lachen des Uhu nieder.

»Das Vieh hat mehr Vergnügen an dem Hundewetter, als unsereins,« sprach der eine Soldat unwirsch.

»Eine irische Nachtigall singt lieblicher, beim heiligen Patrik,« versetzte Wigham, und um das Strauchdickicht herumbiegend begab er sich in den Hohlweg hinunter.

Wiederum wurde er unterwegs angehalten.

»Ihre Augen haben Ihnen einen Streich gespielt,« redete Slowfield ihn an, als er zu ihm in den Schatten des Gebüsches trat, »seitdem Sie gingen, wendete ich keinen Blick von der verdächtigen Stelle; die Ohren spitzte ich, wie der Fuchs vor dem Hühnerstall, aber ich sah weder eine Bewegung, noch hörte ich eine solche.«

Dann, nachdem Wigham ihn über das Aufflammen des Signalfeuers belehrt hatte, kam er auf das früher geführte Gespräch zurück. Wohl fünf Minuten verhandelten sie flüsternd miteinander; als Wigham sich endlich von ihm trennte, geschah es mit einem kräftigen Händedruck.

Ein wenig später trat der Irländer bei dem Kolonel ein, seine längere Abwesenheit damit entschuldigend, daß er das Signal abgewartet habe.

»So muß er bald hier sein,« antwortete Melville. Er erhob sich und warf einen Blick des Zweifels auf seine Tochter, die bei dieser Kunde schauderte und Haupt und Nacken etwas tiefer beugte. Erzwungen gleichmütig fügte er hinzu: »Es ist gut, Wigham; geh' hinaus zu den anderen und sorge dafür, daß während des Kapitäns Anwesenheit niemand den Schuppen verläßt. Sobald er eingetreten ist, begib dich nach der Fähre hinunter und rufe die Wache hierher. Es soll auch der Schein gemieden werden, als mißtrauten wir ihm oder seiner Eskorte.«

Er säumte, bis der ???unleserlich aus der Tür getreten war, und sich Mrs. Stocton zuwendend fuhr er fort: »Auch ich gehe; ungestört sollst du mit ihm verhandeln. Du aber zeige dich stark. Vergiß nicht, daß du eine Melville bist, daß das Vaterland ein heiliges Recht besitzt, Gut und Blut, Leib und Leben von seinen Kindern zu fordern.«

Da richtete die junge Frau sich stolz empor. Matte Röte breitete sich über ihr schönes Antlitz aus. Die aus den großen braunen Augen sprühende Begeisterung verlieh demselben einen feindseligen Charakter.

»Ich vergesse nichts,« sprach sie fest, »nicht, daß die Gemeinschaft mit den verhaßten Feinden unserer südlichen Institutionen ihm höher galt, als seine Familie, nicht, daß er durch Mitnahme seiner Kompagnie zum doppelten Verräter an uns wurde. Nein, ich vergesse nichts.«

»Du denkst und sprichst wie eine edle Römerin des Altertums,« versetzte Melville, und zügelloser Fanatismus trieb auch ihm das Blut bis in die Schläfen hinauf, färbte sein Antlitz braunrot; »trotzdem besitzest du ein Herz, ein zärtliches Gemüt, welches nicht immer gewappnet ist gegen verweichlichende Regungen. Wenn du also derartige Anwandlungen befürchtest, verschollene Kinderträume deinen klaren Blick zu trüben, dein Urteil zu beeinflussen drohen, dann vergegenwärtige dir, daß durch jenes Fenster die Augen deines Vaters mit Stolz auf dich gerichtet sind, daß ich jedes einzelne deiner Worte höre und verstehe. Ja, meine Tochter, das tue in den Minuten der Anfechtung, und neue Kraft wird dich durchströmen, deinen Willen zu dem einer wirklichen Heldin erhärten.«

Er drückte Mrs. Stocton die Hand, die die seinige ehrerbietig an die Lippen hob; dann schritt er in aufrechter, zuversichtlicher Haltung ins Freie hinaus.

Das Signalfeuer, nach welchem der Wachtposten ausschaute, hatte sich gleich nach Wigharns Entfernung vom Ufer getrennt und war der Mitte des Stromes zugeglitten. Bald darauf erwies sich, daß dasselbe auf dem Vorderteil eines Prahms brannte, der heftig gegen die wütende Strömung kämpfte.

Inzwischen ertönte ???hoch das geisterhafte Lachen des Uhus. Niemand achtete darauf, noch weniger unterschied jemand, daß ein Mann, der so lange neben dem die Spitze des Felsens krönenden halbverwitterten Baumskelett gestanden hatte, seine Warte verließ und, behutsam den Schatten suchend, in das den natürlichen Bau umringende Dickicht hinabkletterte.

Die Soldaten, denen die Bewachung der Fährstelle oblag, waren unterdessen auf den äußersten Rand des Vorsprungs getreten, von wo aus sie den Prahm scharf im Auge behielten. Bis auf etwa zwanzig Meter trieb er heran, als es zu ihnen herüberschallte: »Achtung! Fangt die Leine!«

Gleich darauf fiel ein Tau, im Fluge sorgfältig zusammengelegten Ringen sich entwindend, zwischen den Männern nieder. Hastig ergriffen sie es und schlangen es einige Male um den nächsten Stamm. Indem das Seil sich aber anspannte, erschütterte die Strömung den Prahm in einer Weise, daß er umzuschlagen drohte und das seitlängs von ihm sich stauende Wasser in einer breiten Welle über Bord schlug. Doch kundige Arme handhabten Ruder und Stangen; in einigen Sekunden war das Gleichgewicht wieder hergestellt, der Prahm schwang vor dem straffen Tau herum, und dieselbe Strömung, die eben noch dem unbeholfenen Fahrzeug verderblich zu werden drohte, preßte es nunmehr ans Ufer, um es dort festzuhalten.

»Ist Kapitän Stocton an Bord?« fragte der mit der Führung der Wache beauftragte Gefreite, sobald das Fahrzeug zum Stillstand gelangt war.

»An Bord!« tönte eine tiefe, befehlshaberische Stimme zurück, und aus einer Gruppe von acht Männern, anscheinend bewaffnete Indianer zivilisierterer Stämme, trat eine hohe, breitschulterige Gestalt bis dicht an das Ufer vor.

»So wird Kapitän Stocton gebeten, sich nach dem Fährhause zu begeben,« erklärte der Gefreite, »seine Begleitung wird dagegen auf dem Prahm zurückbleiben. Ich soll vermelden, in Kriegszeiten müßte auf die Formen der Sicherheit gehalten werden.«

»Ich verstehe,« antwortete Stocton bitter, »hegte ich selber ähnliches Mißtrauen, wie diejenigen, die mich erwarten, so würde die Zusammenkunft schwerlich stattgefunden haben.« Dann kehrte er sich nach seinen Begleitern um.

»Verliert nicht die Geduld,« rief er ihnen zu, »eine Stunde mag's dauern und länger. Sollte ich bei Tagesanbruch nicht zurück sein, so laßt's Opoth-lei-hoho wissen.«

Dann wendete er sich wieder zu dem Gefreiten: »Ihr seht, mein Freund, auch ich weiß die Formen der Sicherheit zu beobachten; wir leben ja in einem Kriege, in dem Hinterlist und Verrat an der Tagesordnung sind.«

»Ich erfüllte nur den mir erteilten Befehl,« versetzte der Gefreite, sich unwillkürlich der Autorität des feindlichen Offiziers unterordnend.

»Ich weiß, ich weiß,« beruhigte Stocton, »diejenigen aber, die Euch den Befehl erteilten, müssen mich wenig kennen,« und den weiten Militärmantel, den ein Windstoß ihm von den Schultern zu reißen drohte, um sich zusammenschlagend, schritt er davon.

Stocton schien nicht unempfindlich gegen das Wetter zu sein; denn soweit gelangt, daß die erhellte offene Tür des Blockhauses in seinem Gesichtskreise lag, blieb er plötzlich stehen, als ob Unentschlossenheit und Zweifel sich seiner bemächtigt hätten. Der heftig gepeitschte Regen traf ihn ins Gesicht, doch er rührte sich nicht. Kleiner wurde seine Gestalt, indem er, wie vor Ermattung, Haupt und Schultern beugte, unsicherer, schlaff seine Haltung. Erst nach einer längeren Pause ermannte er sich wieder und festen Schrittes ging er auf das Fährhaus zu. Mit derselben erzwungenen, beinahe an Trotz grenzenden Ruhe trat er durch die Türe und bis in die Mitte des Gemaches vor, wo er stehen blieb.

Durch einen flüchtigen Blick überzeugte er sich, daß außer der jungen Frau niemand anwesend war, dann kehrte er ihr seine ungeteilte Aufmerksamkeit zu.

Mrs. Stocton hatte sich erhoben und betrachtete ihn ohne das leiseste Zeichen innerer Erregung.

Wohl eine Minute standen die einst so innig Vertrauten einander schweigend gegenüber. Einer sonnigen Vergangenheit, der Tage eines ungetrübten glücklichen Familienlebens gedachten sie schwerlich. In der tödlichen Spannung dagegen, die sich in den Zügen beider ausprägte, in der Scheu, das peinliche Schweigen zu brechen, offenbarte sich, daß jene Regungen, die sie einst jauchzenden Herzens zusammenführten, noch in ihnen lebten.

»Marianne, welch ein Wiedersehen,« hob Stocton endlich an, und seine bewegte Stimme übertönte kaum das Prasseln des Regens auf dem Schindeldach und das Rauschen in den schwankenden Baumwipfeln, »und doch ist die letzte Hoffnung nicht ausgeschlossen, oder du hättest die schreckliche Reise hierher nicht unternommen.«

»Ja, ich unternahm sie,« antwortete Marianne herbe, »ich wollte nicht den Vorwurf auf mich laden, dir die Überbrückung der uns scheidenden Kluft, deine Rückkehr zu Frau und Kind unmöglich gemacht zu haben.«

Tiefer prägte sich nach diesen Worten der Leidenszug auf dem Antlitz des Kapitäns aus. Enthielten sie doch alles, was eine weitere Unterredung eigentlich überflüssig machte. Eine Weile betrachtete er die Gattin, die Mutter seiner Kinder, wie sich fragend, ob es denn Wirklichkeit sein könne, daß in einer mit so vielen holden Reizen geschmückten Gestalt ein derartiger fanatischer Starrsinn wohne, dann bemerkte er sichtbar ergriffen: »Nein, Marianne, die letzte Hoffnung gab ich nicht auf. Ich fühle sie sogar wachsen, indem ich erwäge, daß dein Vater, der dich hierher begleitete, sich mit unzweideutiger Absicht fern hält. Dankbar erkenne ich seinen dadurch offenbarten Wunsch an, dich in keiner Weise zu beeinflussen. Es fände wohl gar seine Billigung, wenn wir nach der schweren Prüfungszeit aufs neue geeinigt dieses Haus verließen.«

In Mariannes Antlitz schoß jähe Röte. Es bestürmte sie das Bewußtsein, zurzeit von ihrem Vater überwacht zu werden und also eine Täuschung an dem zu begehen, der ihr gegenüber nur die hingebendste Offenheit kannte. Doch fast ebenso schnell machte sich gerade jener Einfluß, den Stocton heimlich fürchtete, bei ihr geltend, und so antwortete sie entschlossen: »Gewiß, Charles, es würde meinen Vater hoch beglücken, verließen wir dieses Haus Hand in Hand. Er würde die Stunde segnen, in der ich mich entschloß, deiner Aufforderung Folge zu leisten, trotz aller Hindernisse und Gefahren ein Wiedersehen herbeizuführen. Ich begriff ja, daß briefliche Erörterungen zum Ausgleich von Gegensätzen nicht genügen, das geschriebene Wort uns kalt entgegenstarrt, wo die Stimme inniger zum Herzen spricht. Ja, Charles, wie damals unser erstes heimliches Verlöbnis, o, höher noch würde es mich beglücken, gingen wir vereinigt von dannen; dieses Glück aber mir zu bereiten, unseren Kindern den Vater zurückzugeben – alles, alles liegt allein in deiner Hand.«

»Mit anderen Worten: du verlangst, ich soll auf dem von mir eingeschlagenen Wege umkehren,« versetzte Stocton düster; »du übersiehst, daß nicht ich von dir ging, sondern du meine Abwesenheit benütztest, unter Mitnahme der Kinder dich von deinem Heim zu entfernen, unserer Kinder, an die du kein heiligeres Anrecht hast, als ich. Du übersiehst, daß mit der von dir herbeigeführten Trennung du eine schwere Verantwortlichkeit auf dich ludest, dich versündigtest an dem Gebot, unter dem unsere Hände einst ineinander gelegt wurden, an dem Gebot: Du sollst dem Manne deiner Wahl folgen, ihm untertan und treu sein unter allen Wechselfällen des Lebens. Kehre daher um, Marianne; laß es wieder so sein, wie es gewesen.«

»Und was übersiehst du?« fiel Marianne bitter ein, und ein Zornesblitz zuckte aus ihren großen, glanzvollen Augen. »Wohl war es ein schöner Tag, als ich mit dir vor den Altar trat; wohl folgten schöne Jahre, in denen du, der in der Welt vereinsamt Dastehende, dich aus vollem Herzen als Mitglied der Familie der Melvilles bekanntest, Freud und Leid getreulich mit uns allen teiltest, ich selbst mein höchstes Glück darin fand, in deinen Augen innige Zufriedenheit zu lesen, und doch war alles nur ein Traum. Der Süden zerbrach im hehren Bewußtsein unerschütterlicher Kraft und stolz auf die Institutionen, die seinen Eigentümlichkeiten angepaßt worden, die Fesseln, die der krämerische, von innerer Korruption angefressene Norden ihm anzulegen trachtete. Das aber genügte, dich zu einem Verräter an deiner Familie und allen denjenigen zu machen, die so lange mit unerschütterlichem Vertrauen auf dich geblickt hatten. Ja, ich wiederhole es ausdrücklich, du wurdest zum Verräter, und zwar nicht nur für dich allein, sondern hundertfach für andere, indem du deine Stellung mißbrauchtest, deine Untergebenen mit in das feindliche Lager hinüberzogst. Und dennoch, Charles, ist es zur Sühne nicht zu spät,« und wärmer klang ihre Stimme und milder blickten ihre Augen, »es soll alles vergeben und vergessen sein, wenn du jetzt noch umkehrst. In unseren Kreisen werden dich offene Arme als einen der Unsrigen empfangen, als einen Mann, dazu auserkoren, in den bevorstehenden Ereignissen eine ruhmvolle Rolle zu spielen. Und dann deine Kinder, Charles – von mir nicht zu reden – bedenke, deine Kinder, die kleinen süßen Geschöpfe, die nicht dazu geboren wurden, vaterlos heranzureifen.«

»Du hast sie mir geraubt. Ich stand im Felde, ich konnte es nicht hindern. Die aber, die dir ihren Beistand liehen, werden sich dereinst dafür vor dem höchsten Richter zu verantworten haben,« erwiderte Stocton zähneknirschend. »Und vaterlos meinst du? Mögen sie vaterlos heranreifen – eine mitleidige Kugel wird mich ja zu finden wissen – so ist es besser, als wenn sie von denjenigen, denen ein Urteil über mein Verfahren rechtlich zusteht, den Namen ihres Vaters als den eines Abtrünnigen genannt hören. Nein, mag mir das Teuerste, was ich auf Erden besitze, vorenthalten werden: eine solche Schmach soll meinen Kindern erspart bleiben. Und du selbst hast mich wohl nie geliebt,« stieß er dann förmlich hervor.

»Doch, doch, Charles,« erwiderte die junge Frau sanfter, »treu und wahr liebte ich dich; und mehr noch: ich liebe dich heute noch, werde dich lieben immerdar. Doch welche Höhe du mit deiner Begabung auf seiten unserer Feinde ersteigen magst: ich werde dich beweinen wie einen Toten, dich beweinen in Liebe und unverbrüchlicher Treue, zu deinen Kindern von dir sprechen, wie von einem teuren Verstorbenen.«

»Und dies alles nur, weil ich die Ehre als meinen Leitstern betrachtete, weil ich dem auf das Banner der Union geschworenen Eide treu blieb, weil ich meinen Namen rein und frei von einem Schandflecken erhalten wollte!« versetzte Stocton bitter. »Freilich, unter solchen Verhältnissen darf ich nicht darauf rechnen, wie unnatürlich auch immer eine auf Grund politischer Meinungsverschiedenheiten zwischen Eheleuten erfolgte Trennung sein mag, schon jetzt eine Einigung zu erzielen. Meine Hoffnung, daß über kurz oder lang du dennoch zur besseren Einsicht gelangst, dich an mein Herz flüchtest, welches nie aufhören wird, in heißer Liebe für dich zu schlagen, kann indessen dadurch nicht gänzlich vernichtet werden.«

»Du verkennst mich,« erwiderte Marianne, sich etwas höher emporrichtend, »so fest, wie du an deinen Grundsätzen hängst, hänge ich an den meinigen, und daran müssen unsere beiderseitigen Hoffnungen scheitern.«

Der Kapitän starrte sinnend vor sich nieder. Er gewahrte daher nicht, daß Mariannes Blicke mit einem Ausdruck tiefer Wehmut an ihm hingen. Es war ersichtlich, ihre Zuneigung zu ihm, den sie heute vielleicht zum letzten Male in ihrem Leben sah, hatte noch keine Wandlung erfahren.

Ihren planlos durcheinander schwirrenden Betrachtungen hingegeben, erschrak sie, als Stocton endlich wieder emporsah und mit schmerzlicher Entsagung anhob: »Wollte Gott, unser Wiedersehen wäre von einem anderen Ergebnis begleitet gewesen. Doch der Würfel ist gefallen, und nach deinem entscheidenden Ausspruch wäre es Torheit, noch weiter in dich dringen zu wollen. Ist es dir lieb, daraufhin eine gerichtliche Scheidung eintreten zu lassen, so bin ich auch dazu bereit. Diesen Vorschlag nimm hin als einen letzten Beweis meiner Liebe zu dir. Fesseln, die dich drücken, sollst du nicht tragen.«

Da flackerte, es in dem schönen Antlitz der jungen Frau auf, und schärfer gelangte ein eigentümlicher Ausdruck unerschütterlicher Willenskraft um die emporgekräuselten Lippen zum Ausdruck.

»Nein,« sprach sie fest, »ich trage deinen Namen, und weit, wie unsere Ansichten auseinandergehen mögen, durch mich soll kein Schatten auf denselben geworfen werden. Ich weiß nicht, was du damit meinst, daß ich frei sein soll. Auf alle Fälle beteuere ich, daß ich dieser Freiheit nicht bedarf, sie nicht wünsche. Im Gegenteil, das zwischen uns bestehende Band soll mein Schutz sein vor der Welt, soll mich davor bewahren, daß unsere Trennung eine falsche Auslegung erfährt.«

»Dein Wille ist der meinige,« erklärte Stocton schwermütig und doch mit innerer Befriedigung, »zugleich ist deine Entscheidung mein letzter Hoffnungsanker. Die Rückgabe der Kinder, wenn auch nur des Knaben, strebe ich nicht an. Die kleinen Herzchen dürfen nicht voneinander gerissen werden; außerdem sind sie bei der Mutter am sichersten aufgehoben. Denn meine Heimat ist fortan das Feldlager, mein Sehnen die Schlacht: und wer weiß, wie bald ich von einer Kugel hingerafft werde. Und nun meine letzte Bitte: küsse die Kinder, lege deine Hand auf ihre Häupter und segne sie in meinem Namen. Mich werden sie bald genug vergessen haben.«

Bei den letzten Worten zitterte Stoctons Stimme merklich. Marianne kehrte ihr Antlitz ab, um die sich auf demselben spiegelnde Bewegung zu verheimlichen. Ruhig kehrte sie sich dann Stocton wieder zu und ernst floß es von ihren Lippen: »Deinen Segen trage ich ihnen aus vollem Herzen zu. Auch meine Hoffnung, dich über kurz oder lang auf die dir gebührende Stelle zurückkehren zu sehen, will ich sorgsam pflegen und mit meinen Gebeten begleiten.«

Stocton zuckte die Achseln. Das Gespräch in dieser Richtung weiterzuspinnen, erschien ihm überflüssig, und so bemerkte er beinahe ausdruckslos: »Bevor wir, und wohl auf Nimmerwiedersehen, voneinander gehen, möchte ich einiges über Personen erfahren, mit welchen ich so lange in innigem Verkehr stand. Da ist dein Bruder Gilbert. In wahrer Freundschaft hingen wir aneinander, bis die dem unheilvollen Kriege vorausgehenden öffentlichen erbitterten Verhandlungen zu einem Zerwürfnis zwischen uns führten. Wie ergeht es ihm?«

Harsch klang Mariannes Stimme, indem sie antwortete: »Heldenmütig kreuzt er mit seinem Kaper auf dem Meere. Lachend trotzt er den Elementen wie den Feinden, die sich vergeblich mühen, seinem vernichtenden Treiben Einhalt zu tun.«

»Ich wünsche ihm das Beste,« fuhr Stocton düster fort, »aber Edith, seine Frau, das sanfte liebe Wesen; ich hoffe, sie befindet sich wohlbehalten auf der Plantage?«

Und noch metallener, sogar feindselig ertönte Mariannes Erwiderung: »Dorthin hätte sie gehört, allein es sollte nicht sein. Sie rühmte sich deutscher Abkunft; kein Wunder, daß sie einer hinterlistigen Handlung an ihrem Adoptivvaterlande und mittelbar an ihrem Gatten sich schuldig machte. Aufgefangene Briefe lieferten den Beweis, daß sie einem Unionistenweibe Auskunft über Truppenbewegungen erteilt hatte –«

»So hat sie es in ihrer Unschuld getan,« fiel Stocton ein, »was versteht Edith überhaupt von Truppenbewegungen? Wer weiß, die Auskunft mag den Angehörigen einer Freundin oder Verwandten betroffen haben. Ich hoffe, es erwuchsen ihr daraus keine bösen Folgen?«

»Sie wurde verhaftet,« hieß es scharf zurück. »Da der Vater und Gilbert abwesend, also nicht für sie eintreten konnten, nahm Tante Sarah die Sache in die Hand –«

»Arme Edith,« bemerkte Stocton mitleidig einfallend, »wenn die über dich entschied, so bist auch du ein Opfer heilloser Ränke geworden.«

»Ein Opfer ihrer eigenen Charakterlosigkeit,« nahm Marianne schnell wieder das Wort und ein strafender Blick schoß aus ihren dunklen Augen, »es lag sonst nicht in deiner Natur, Abwesende zu schmähen. In diesem Falle kann ich indessen noch besonders beteuern, daß Tante Sarah die größte Schonung walten ließ, wenigstens so weit es die Ehre unseres Hauses gestattete. Im Süden war Edith unmöglich geworden, und jemand unseres Namens, eine Melville, im Gefängnis zu wissen, wäre eine Schmach für uns alle gewesen. Es wurde ihr daher die Flucht nach dem Norden erleichtert; drei Monate ist's jetzt her. Ihr kleines Kind gönnte man ihr großmütig. Auch Geld erhielt sie zur Reise.«

»Aber Gilbert, der sie stets mit so viel ungeheuchelter Liebe umfing?«

»Ich wiederhole: er befand sich zu derselben Zeit auf See. Als er die Kunde von ihrem Verrat erhielt, beauftragte er Tante Sarah, die traurige Angelegenheit in ihrem eigenen Sinne zu ordnen. Er selbst würde nicht anders gehandelt haben.«

Stocton sah wieder vor sich nieder.

»Arme Edith,« wiederholte er wie in Gedanken, »also auch über dich ist ein schreckliches Verhängnis hereingebrochen. Arme Edith: dir mit deiner zarten Gesundheit gab das den Todesstoß.« Er blickte auf, und in Mariannes Antlitz den Ausdruck einer gewissen Härte entdeckend, sprach er weiter: »Da ist noch dein Vetter, Gregor Melville. Ich liebte den Knaben von jeher wegen seines männlichen Wesens. Ich hoffe, er hat sich nicht verleiten lassen, in Kriegsdienste zu treten, er ist noch zu jung.«

»Auch er weilt nicht mehr auf der Plantage,« erteilte Marianne gedämpft Auskunft, wie befürchtend, von dem lauschenden Kolonel verstanden zu werden. »Der Vater hatte ihn freilich zum Soldaten bestimmt, sobald er ein oder zwei Jahre älter sein würde, aber die Vermutung liegt nahe, daß Ediths Einfluß auf ihn ein verderblicher gewesen ist und er sich mehr zu unseren Feinden hingezogen fühlte. Der strengeren Aufsicht seines Onkels und Wohltäters ledig, wurde er zunächst aufsässig gegen Tante Sarah, und bevor jemand ahnte, daß irgendwelche bestimmte Pläne ihn beschäftigten, war er eines Tages verschwunden. Vielleicht führte heimlich glühende Begeisterung ihn dennoch zu einem südlichen Regiment.«

Teilnahmlos, wie von den Lippen einer Somnambulen, klangen Mariannes Worte.

Träumerisch, als ob sein Geist nicht dabei beteiligt gewesen wäre, bemerkte Stocton: »Eine Begeisterung, die bei seiner Jugend durch einen jähen Tod vielleicht ihren verfrühten Abschluß erhält.«

»So stirbt er den Tod eines Helden,« versetzte Marianne gelassen, »ein goldenes Los im Vergleich mit dem Ende eines Verräters –«

»Halt ein, Marianne,« unterbrach Stocton sie wie beschwörend, »entstelle das Bild, das ich von dir mit fortnehme, nicht dadurch, daß du Herzlosigkeit zur Schau trägst. Die Wunden, die du meiner Seele schlugst, brennen hinlänglich; es bedarf keiner neuen mehr. Dir kann ich nicht antworten, wie es ein Fremder von mir zu gewärtigen hätte; füge daher nicht neue Schmähungen zu den alten. Der Abschied wird mir ohnehin schwer genug.«

»Indem ich meine verborgensten Gedanken rückhaltlos vor dir offenbare, bezwecke ich nur, uns beiden die Trennung zu erleichtern,« gab Marianne kalt zu. »Je schwärzer mein Bild in deiner Erinnerung fortlebt, um so lieber soll es mir sein, um deinetwillen und – um meinetwillen.«

»So weilte ich schon zu lange hier,« erklärte Stocton lebhaft, und auch auf seinem Antlitz begann es nunmehr feindselig zu zucken; »überflüssig wäre es, noch irgendwelchen besänftigenden Vorstellungen Raum zu geben. Lebe wohl. Möge die Reue dereinst, wenn es zur Sühne zu spät, nicht zu unbarmherzig an dir nagen. Dann aber mag dir tröstlich vorschweben, daß ich, schon allein um meiner lieben Kinder willen, alles Leid verzieh, das du in heilloser Verblendung auf mich, auf uns alle herabbeschworst.«

Hastig, als hätte er nur unter äußerster Anstrengung seine Fassung bewahrt, kehrte er sich ab, und den Mantel um die Schultern werfend, schritt er aus der Hütte.

Eine Erwiderung erstarb Marianne auf den geöffneten Lippen. Wahre Leichenfarbe hatte sich über ihr Antlitz ausgebreitet. Indem sie sich nach vorn neigte, wie um den Scheidenden zurückzurufen, erstarrten gleichsam ihre Augen; und als er ihren Blicken entschwand, da lauschte sie ihm nach mit angehaltenem Atem und ohne ihre Stellung zu verändern.

Tiefer beugte sie sich, wie unter einer erdrückenden Last; das Haupt auf Arme und Knie neigend, weinte sie krampfhaft. Was um sie her vorging, sah sie nicht. Sie hörte nicht, daß Melville eintrat, neben ihr stehen blieb und sie finster betrachtete. Es war seine einzige Tochter, die sich vor seinen Augen in Seelenqual verzehrte, und doch blieb er unbewegt bei ihrem Anblick. Einem in seine Beobachtungen vertieften Arzte ähnlich, berechnete er aus den Zuckungen der gebrochenen Gestalt die Dauer des wilden Paroxysmus

Als das Schluchzen kein Ende nahm, der Körper fortgesetzt in mitleiderregender Weise sich wand, legte er endlich seine Hand auf das gebeugte Haupt.

Als wäre es ein Zauberschlag gewesen, sprang Marianne bei der ersten Berührung empor. Ein Ausruf schwebte ihr auf den Lippen, die Arme breitete sie weit aus, aber wie vor einem Schreckgebilde prallte sie zurück, sobald sie ihren Vater erkannte.

»Ich sehe, wie es steht,« hob dieser an, bevor sie Worte zu einer Entschuldigung fand, »ja, ich sehe es, ich habe deine Kraft überschätzt. Aber ich tadle dich nicht, wenn in dir die Regungen des Weibes die einer Heldin überwuchern. Gelang es dir nicht, den Abtrünnigen zu seiner Pflicht zurückzuführen, so verstand er dafür um so besser, dich den angestammten Grundsätzen untreu zu machen. Doch ich wiederhole, ich verdamme dich deshalb nicht, sondern trage allen Verhältnissen Rechnung. Und noch ist es ja nicht zu spät. Ich selbst will ihn zurückrufen, auf daß er dich mit fortnehme, zur Wahrheit werde das Wort, daß das Weib dem Gatten zu folgen habe, und wäre es in Schande und Schmach. Ja, du magst gehen, wohin es dein Herz zieht. Du trägst ja nicht meinen Namen; deine Kinder dagegen gehören mir, gehören dem Lande –«

So lange hatte Marianne den Kolonel angestarrt, wie ihren Sinnen nicht trauend. Seine wohlberechneten Worte schienen sie versteinert zu haben. Sobald er aber ihrer Kinder erwähnte, unterbrach sie ihn leidenschaftlich.

»Nein!« rief sie aus, »ich konnte wohl unter der Wucht des auf mich hereingebrochenen Verhängnisses zusammensinken, ich konnte vorübergehend jenen Regungen ohnmächtig nachgeben; mein Sinnen und Denken aber, meine ganze Natur konnte sich nicht verwandeln. Getrost sehe ich der Zukunft entgegen, und wenn dieses Brechen mit der Vergangenheit nicht ohne Seelenkampf sich vollzog, so dürfte mir dies wohl kaum zum Vorwurf gereichen. Jetzt verfüge über mich; keinen anderen Herrn erkenne ich an, als das Vaterland.«

»Jetzt erkenne ich dich wieder,« sprach der Kolonel düster und küßte Marianne auf die Stirne; »in dir wohnt die Seele eines Helden – doch setze dich, der Kampf, welchen du eben siegreich bestandest, war schwerer, als hättest du Tod und Verderben sprühenden Feuerschlünden die Stirne geboten. Du bedarfst der Ruhe, um auch den Anforderungen, welche an Deine körperlichen Kräfte gestellt werden, gewachsen zu sein.«

»Ich bedarf keiner Ruhe,« antwortete Marianne entschlossen, »je eher wir von dannen ziehen, um so willkommener soll es mir sein. Sturm und Regen wirken wohltätiger auf mich ein, als die erstickende Atmosphäre in dieser Hütte. Fort, nur fort von hier.«

»Gut, so wollen wir keine Zeit verlieren. Der Posten bei der Fähre ist bereits eingezogen; der Regen hat nachgelassen, es hindert uns also nichts, die Pferde zu besteigen. Bevor neue Wolken heraufziehen, mag der Tag angebrochen sein, ein wirtliches Obdach vor uns liegen.«

Er trat ins Freie und rief nach Wigham. Dieser war nicht anwesend. Er weilte noch, wie es hieß, bei der Fähre, um Kapitän Stoctons Abfahrt zu überwachen und die Meldung davon dem Kolonel zu überbringen.

»So mögen zwei Mann ihn hier erwarten und uns nach seinem Eintreffen ohne Säumen folgen,« befahl der Kolonel, dann ließ er die Pferde vorführen.

Marianne wandelte unterdessen in dem Fährhause wie um durch lebhafte Bewegung marternden Betrachtungen den Boden zu entziehen, ungeduldig auf und ab. Erst als sie im Sattel saß und an ihres Vaters Seite, gefolgt von der kleinen Eskorte, auf morastigem Wege in den triefenden Wald eindrang, gewann sie ihre Ruhe einigermaßen zurück. Der ihr Antlitz peitschende Sturm schien in der Tat eine wohltätige Wirkung auf sie auszuüben.

Drittes Kapitel. Das Ende eines Verräters.

Durch den Befehl, die Wache bei der Fähre abzuberufen, war es Wigham erleichtert worden, sich abermals unbemerkt mit Slowfield in Verkehr zu setzen. Wie zuvor, traf er mit ihm im Schatten der die Landstraße begrenzenden Vegetation zusammen. Das niedrighängende Gewölk und der strömende Regen hatten die Atmosphäre verfinstert. Freier bewegten die beiden sich daher auf der Mitte des Weges dem Strome zu. In eifrigem Gespräch legten sie eine kurze Strecke zurück, dann stellte Slowfield sich in der Mündung eines von weidendem Vieh getretenen Seitenpfades auf und wartete dort, bis Wigham der Fährwache den Befehl des Kolonels überbracht hatte, worauf beide schweigend in den Pfad einbogen.

Das Brausen des Windes wie das Rauschen des Regens umhüllten gewissermaßen ihre Schritte, daß weder die vorbeireitenden Soldaten, noch die in dem Prahm befindlichen Cherokesen aufmerksam auf sie wurden.

Aber auch ihnen selbst entging, daß ein Mann, dessen Bewegungen man mit dem Einherschleichen einer Wildkatze hätte vergleichen können, ihnen fast auf dem Fuße nachfolgte. So erreichten sie das Ufer etwa sechzig Ellen weit unterhalb der Fähre. Die Vegetation war dort ein wenig lichter; dagegen hatten große Waldbäume ihre Wurzeln tief in das Erdreich hinabgesenkt, wodurch das unterspülte Ufer den anprallenden Fluten ausgiebigen Widerstand leistete. So durften die beiden Genossen auch unbesorgt bis auf den äußersten Rand vortreten, von wo aus sie einen notdürftigen Blick auf das vereinsamt niederbrennende Wachtfeuer und den matt beleuchteten Prahm gewannen.