Die beiden Jachten - Balduin Möllhausen - ebook

Die beiden Jachten ebook

Balduin Möllhausen

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Opis

Ein Seeabenteuer ganz im Stil von Möllhausens bekannter und teilweise genial trivialer Abenteuermanier. Möllhausen war mit diesen abenteuerlichen und exotischen Sujets einer der populärsten Schriftsteller seiner Zeit und zusammen mit Friedrich Gerstäcker, Karl May und Charles Sealsfield einer der bedeutendsten Autoren im Bereich des deutschen ethnologischen Abenteuerromans des 19. Jahrhunderts.

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Auf der Insel. Die drei Kreuze. Seltsame Tafeln. Eine letzte Ehrung.

Nachdem das Boot sich der Insel bis auf etwa vierhundert Meter genähert hatte, handhabten die Matrosen ihre Riemen in gemäßigterem Takt, und parallel mit dem zerrissenen Ufer einhergleitend, lugten alle scharf nach einer Stelle aus, an der sie ungefährdet würden landen können. Simpson hatte das Steuer ausgehangen und kniete im Vorderteil. Eine Einbuchtung im Auge, teilte er seine Aufmerksamkeit zwischen dieser und dem wunderbar durchsichtigen Fahrwasser. Obwohl außerhalb des Bereiches der eigentlichen Meeresströmung, herrschte auch auf dieser Seite der Insel allerwärts schwere Brandung. Deren Gefahr wurde indessen dadurch gemäßigt, daß die ermattenden Dünungen in längeren Pausen aufeinander folgten und der nach den Gestaden hinaufgetriebene Gischt jedesmal Zeit fand, zurückzusinken, bevor eine neue Schwellung heranrollte und dann einen dumpf brausenden und dröhnenden Kampf erzeugte.

Endlich befahl Simpson, das Boot so weit herum zu schwingen, daß dessen Kiel auf die Rückwand der Einbuchtung wies. Langsamer noch ruderten die Männer nunmehr bis in die Einfahrt hinein. Dort kämpften sie angestrengt gegen eine zurückweichende Dünung. Eine kurze Pause der Ruhe folgte, bis eine neue, landwärts stehende Dünung das Boot hoch emporhob. Zugleich gebrauchten die Matrosen ihre Riemen wieder mit äußerster Gewalt, und auf dem Gipfel des mächtig emporwachsenden Schaumhügels gelangte das Boot wohlbehalten über etwaige verborgene Klippen hinweg. Bevor es am Strande aufstieß, sprangen die Männer über Bord, und auf beiden Seiten zugreifend, nutzten sie die letzte Kraft der Strömung aus, ihre Last vollends trocken zu legen.

Mit unerschütterlicher Ruhe und einem Kennerblick hatte die Gräfin das Verfahren der Leute überwacht. Mit demselben Gleichmut verließ sie das Boot, sobald es zum Stillstand gelangte, und Simpson anheimgebend, den Leuten ihr ferneres Verhalten vorzuschreiben, schritt sie ihm voraus den Abhang hinauf. Tussokgras bedeckte diesen; zwischen dem Grase aber lagen schieferartige Steintrümmer in einer Weise zerstreut umher, daß sie nur langsam und nicht ohne Mühe vorwärts kam. Auch über die Entfernung bis zu den Kreuzen hatte sie sich vom Meere aus getäuscht, denn zu der Strecke, die sie glaubte, in wenigen Minuten zurücklegen zu können, gebrauchte sie eine volle Viertelstunde. Kurz bevor sie in der Nachbarschaft der Kreuze eintraf, gesellte Simpson sich zu ihr.

»Ich fürchte, meine Erwartungen waren zu hoch gespannt,« redete die Gräfin ihn alsbald an, »abgesehen davon, daß wir eines der unwirtlichsten Eilande des Atlantischen Ozeans betreten haben, werden wir schwerlich mehr erfahren, als daß einst eine ähnliche Windstille, wie die zurzeit herrschende, den Kommandanten irgend eines Schiffes verleitete, drei Verstorbene, anstatt sie ins Meer zu versenken, hier zu beerdigen.«

»Auf alle Fälle genug, um mit einer gewissen Befriedigung wieder an Bord zu gehen und die rätselhaften Kreuze aus der Erinnerung zu streichen,« erwiderte Simpson.

Die Gräfin kehrte sich um und sandte einen Blick über das trostlose Eiland. So weit dieses in ihren Gesichtskreis fiel, war die Farbe des Tussokgrases vorherrschend. Hier und da türmte sich schwärzliches Schiefergestein auf, in manchen Fällen wie von Menschenhänden geordnet. Dürftiges Leben erzeugten nur Wasservögel, die familienweise die alten Brutstätten umschwärmten, oder, nachdem sie gescheucht worden, sich seewärts wendeten.

»Ein trauriger Aufenthalt sogar für Tote,« bemerkte die Gräfin träumerisch, »um wie viel schrecklicher müßte er für Lebende gewesen sein, wenn wirklich Schiffbrüchige hierher verschlagen wurden. So birgt jedes Fleckchen Erde, das die Oberfläche der Weltmeere durchbricht, seine Geheimnisse. Die meisten sind freilich im ewigen Ozean begraben, und was dem einmal anvertraut wurde, das gibt er nicht mehr heraus bis zum jüngsten Tage.«

Die letzten Worte sprach sie mit scharf hervorklingender Bitterkeit, so daß Simpson, vertraut mit ihrer Weise, rücksichtsvoll vermied, durch eine Gegenbemerkung ihren Gedankengang zu stören.

Sie standen vor den Kreuzen. Diese waren von Schiffstrümmern roh, aber fest zusammengefügt und tief in die Erde gesenkt worden. Außerdem hatte die Beschaffenheit des harten, teergetränkten Holzes sie gegen das Verwittern geschützt. Sinnend betrachteten sie die drei Wahrzeichen. Augenscheinlich Verstorbenen errichtet, war bei der Wahl der Stätte der Boden maßgebend gewesen, der gerade hier nachgiebig genug war, um eine Gruft schaufeln oder scharren zu können. Von Grabhügeln fanden sie dagegen keine Spur mehr. Hatten sich solche erhoben, so waren sie von der Zeit und durch atmosphärische Einflüsse längst geebnet worden. Vor dem einen Kreuz zeigte sich sogar eine Senkung des Bodens, als hätte das geöffnete Grab vergeblich auf seinen stillen Bewohner gewartet. Erfolglos suchten sie auf den Kreuzen nach einer Inschrift. Erst nach einer Weile, als sie die weiteren Nachforschungen bereits aufgeben wollten, entdeckte Simpson, halb überwuchert von Rasen, eine Schieferplatte, deren äußere Form dafür zeugte, daß sie von Menschenhänden mit den einfachsten Mitteln bearbeitet worden war. Gleich darauf hielt er sie in den Händen. Sie aufmerksam prüfend, überzeugte er sich, daß auf der glatten Seite Schriftzeichen sie bedeckten, die mittels eines spitz geschliffenen Nagels oder Messers tief in das nachgiebige Gestein eingeschabt worden waren. Neben die Gräfin hintretend, zeigte er der Erstaunten die noch deutlich erkennbare Schrift, dann entzifferten sie gemeinschaftlich die englischen Worte:

»Hier ruht Erich Larsen von der Insel Utstein im Bukn-Ford, Norwegen. Wenn ein Christ diese Worte liest, so möge er sich einen Gotteslohn erwerben und nach dem Heimatsort des Toten die Kunde tragen, daß er nicht mehr unter den Lebenden weilt. Er starb als Opfer einer unerhörten Verräterei.«

Hier folgte die Angabe des zweiundzwanzig Jahre zurückliegenden Todestages.

Die Gräfin hatte die Inschrift laut gelesen. Ernst sah sie in Simpsons Augen. Dieser, nicht minder ergriffen, harrte ehrerbietig darauf, daß sie das Schweigen brechen sollte. Ewige Sekunden sann sie nach, bevor sie anhob: »Welch' furchtbares Ereignis mag sich hier abgesponnen haben. Uns aber ist die Aufgabe erwachsen, den letzten Wunsch des armen Toten zu erfüllen.« Ihr Antlitz verfinsterte sich, indem sie fortfuhr: »Nicht genug, in seiner Heimat zu verkünden, wo er sein Ende fand, soll auch nachgeforscht werden, von wem die Verräterei ausging. Lebt der Verbrecher noch, und wir entdecken ihn, so wird er zur Rechenschaft gezogen werden.«

Simpson legte die Tafel auf den Rasen. Nach kurzem Suchen fanden sie am Fuße des zweiten Kreuzes eine andere Platte. Ähnlich behauen, trug sie fast wörtlich dieselbe Inschrift, nur daß sie hier auf den Namen John Holiday aus New York lautete und der Sterbetag ein etwas späteres Datum nachwies. Auf dem unteren Rande war eingekratzt worden: »Selig sind die Toten, die in dem Herrn sterben.«

Auch die dritte Tafel entdeckten sie, und auf dieser entzifferten sie mit leichter Mühe den Namen Spencer Sherburn. Dann folgten die Worte:

»Wer auch immer hierher verschlagen werden mag, und er betrachtet diese Kreuze, der erweise einem armen Toten die letzte Ehre, indem er dessen Gebeine neben diejenigen der bis in den Tod getreuen Gefährten bettet. Tritt er auf die Rückseite der Kreuze und wendet seine Blick südlich, so wird er einen Felshügel bemerken. Schreitet er auf diesen zu, so erreicht er nach kurzer Wanderung eine Talsenkung. Dort steht eine Hütte. In ihr findet er die Lösung des Rätsels.«

Als Simpson wieder aufsah, erschrak er heftig. Eine unheimliche Wandlung hatte sich während des Lesens auf dem Antlitz der Gräfin vollzogen. Der letzte Blutstropfen war aus ihm zurückgetreten. Wie zu Marmor erstarrt, blickte sie auf die in ihren Händen befindliche Tafel nieder. Nur noch mit Mühe schien sie sich aufrecht zu erhalten.

»Vielleicht kehren Sie lieber an Bord zurück?« fragte er teilnahmvoll.

Die Gräfin schüttelte sich leicht, wie eines Schauders sich erwehrend, dann ihre ganze Kraft zusammenraffend, richtete sie sich höher auf.

»Ich hielt mich für gestählt gegen die grauenhaftesten Eindrücke,« sprach sie, gewaltsam nach Fassung ringend, »und doch übermannten mich fast die ergreifenden Bilder, die durch den letzten Klageruf des Unglücklichen vor mir heraufbeschworen wurden. Aber sorgen Sie nicht. Der Anfall von Schwäche wird gleich überwunden sein. – Und umkehren, meinen Sie?« fuhr sie mit festerer Stimme, jedoch in eigentümlicher Hast fort, »umkehren – jetzt umkehren, fernerhin mit dem Bewußtsein mich tragen, eine Sache, mit der ich seit Jahren umging, nur halb getan zu haben? Das kann Ihr Ernst nicht sein.«

Sie schritt um die Kreuze herum und richtete die Blicke südlich. Über die einzuschlagende Richtung belehrte sie die Lage des Felsenhügels, und ohne Säumen setzte sie sich in Bewegung. Simpson hielt sich ihr zur Seite. Eine mäßige Strecke legten sie schweigend zurück. Simpson beobachtete die Gefährtin nicht ohne Besorgnis. Wohl beruhigte es ihn, zu gewahren, daß sie nach den empfangenen Eindrücken sich allmählich wieder aufrichtete; allein die Farbe wollte nicht auf ihr Antlitz zurückkehren; es verschärfte sich der Zug herber Strenge und Verschlossenheit um die fest aufeinander gepreßten Lippen.

Bald darauf befanden sie sich an ihrem Ziel. Aus sorgsam übereinander geschichteten Steinen errichtet, hielt der kleine Bau bei sechs Fuß Höhe etwa zehn im Geviert. Zur Bedachung war widerstandsfähiges Wrackholz verwendet worden. Um ihr größere Festigkeit zu verleihen, hatte man sie noch mit breiten Schieferplatten bedeckt. Der schmale, niedrige Eingang öffnete sich gegen Norden. Gras, eine feste Narbe bildend, wucherte ringsum, davon Zeugnis ablegend, daß eine lange Reihe von Jahren entschwunden sein mußte, seitdem zum letztenmal ein menschlicher Fuß im Ab- und Zugehen das Wachstum der bescheidenen Vegetation hemmte. Eine mit Kraut durchschossene Anhäufung fast zu Asche verwitterten Brennholzes lag seitwärts von der Tür, daneben eine Axt, die indessen kaum noch als solche erkennbar war, in so hohem Grade hatte der Rost das Eisen zerfressen. Muschelschalen und gebleichte Knochen von Robben gaben Kunde von der Art, wie die dorthin Verschlagenen einst ihr Leben gefristet hatten.

Nachdenklich betrachteten die beiden Gefährten die Hütte und deren nähere Umgebung. Es war, als hätte Scheu sie beseelt, den Schleier des vor ihnen liegenden Geheimnisses zu lüften. Simpson suchte die Augen der Gräfin. Diese verstand die stumme Frage. Sie neigte das Haupt zustimmend, und ohne Säumen betrat er den höhlenartigen Bau.

Mehrere Minuten dauerte es, bevor er wieder in der niedrigen Türöffnung erschien. Verstört sah er zu der Gräfin auf, und wie mit Widerstreben brach er in die Worte aus: »Wenn Sie glauben, einem grausigen Anblick gewachsen zu sein, so treten Sie ein; sonst lassen Sie es sich an meinen Mitteilungen genügen –«

»Vor welchem Anblick könnte ich zurückschrecken?« fragte die Gräfin einfallend. Ihre Stimme klang gedämpft, wie im Selbstgespräch; auf ihren fahlen Zügen spiegelte sich der in ihrem Innern tobende Kampf um Selbstbeherrschung. Sie sprach noch, da stand sie bereits vor der Tür, und sich bückend, glitt sie zu Simpson hinein.

Dort bedurfte sie einiger Zeit, um sich an die matte Beleuchtung zu gewöhnen. Erst allmählich erkannte sie die durch das Entschwinden der Jahre abgeschwächten Merkmale, daß hier wirklich Menschen gehaust hatten. Einzelne Schiffsgeräte lehnten noch an den Wänden, unter diesen Picke und Schaufel; die Holzteile waren vermorscht, das Eisen mit dickem Rost überzogen.

Plötzlich bedeckte sie die Augen mit der Hand. Ihre Blicke waren auf ein Skelett gefallen, das am Fuße der einen Seitenwand lang ausgestreckt lag. Kaum noch als solche erkennbare Lumpen hingen hier und da an den letzten irdischen Überresten eines Unglücklichen; dazwischen erhoben sich bleiche Grashalme, die, des Lichtes beraubt, dem längst verwesten elenden Heulager kränkelnd entsprossen waren. Kein Laut entwand sich der heftig arbeitenden Brust der Gräfin; starr hingen ihre Augen an dem unheimlichen Bilde.

»Das Rätsel ist gelöst; es konnte nicht anders sein,« fiel es endlich tonlos von ihren Lippen.

Sich abkehrend, entdeckte sie eine Anhäufung ähnlicher Schieferplatten, wie diejenigen, die sie bei den Kreuzen vorfanden. Eine einzelne lag in Armeslänge von dem Toten und auf dieser der Rest eines allmählich bis auf eine kurze Spitze abgeschliffenen Messers. Auf ihren Wunsch nahm Simpson beides an sich, ebenso die oberste Platte von der Anhäufung, und schweigend begaben sie sich wieder ins Freie hinaus. Dort lasen sie zunächst die offenbar mit letzter, schwindender Kraft geschriebenen Zeilen auf der abgesondert vorgefundenen Tafel.

»Abermals zieht ein Tag herauf,« hieß es da. »Will das Leben denn gar kein Ende nehmen? Will das Herz nicht endlich aufhören zu schlagen? Käte, reiche mir die Hand. Schatten blenden meine Augen – Käte, bleibe bei mir. – – – Käte – gute Nacht, fahre wohl – auf Wiederse–«

Hier endigte die Inschrift. Die letzten Züge verrieten eine ermattende Hand, einen sich verdunkelnden Blick.

Hastig, als hätte sie sich keine Zeit gönnen wollen, den sich an den traurigen Klageruf anknüpfenden Betrachtungen nachzuhängen, nahm die Gräfin die andere Platte aus Simpsons Händen, und schnell senkte sie die Blicke auf diese.

Oben in der linken Ecke stand die Zahl sechsundvierzig. Darunter folgten dichtgedrängte Zeilen, die veranschaulichten, daß der Schreiber im Einkratzen sich allmählich eine gewisse Fertigkeit angeeignet hatte. Um indessen die Schrift geläufig zu lesen, war es nötig, die erblindeten Linien zuvor durch Nachfahren mit einem spitzen Werkzeug aufzufrischen. Die Gräfin gab daher alle weiteren zeitraubenden Versuche der Entzifferung auf, und die beiden Platten bei sich behaltend, beauftragte sie Simpson, die Vorbereitungen zur Beerdigung der verwitterten Gebeine zu treffen. Dieser belud sich mit der kaum noch benutzbaren Schaufel und Picke und begab sich ungesäumt auf den Rückweg.

»Bringen Sie mir Schal und Mantel!« rief die Gräfin ihm nach, »im Boot ließ ich beides liegen,« und seiner Antwort nicht achtend, wählte sie die verrottete Holzanhäufung zur Rast. Dort saß sie, die Hände auf den Knien gekreuzt, die Blicke starr vor sich auf den Rasen geheftet. Jetzt, in dem Bewußtsein, von niemand beobachtet zu werden, legte sie sich äußerlich keinen Zwang mehr auf. Was in ihrem Herzen webte, fand seinen verständlichen Ausdruck auf den hageren, sich seltsam anspannenden Zügen. Eine auf die Vernichtung des Menschengeschlechtes sinnende Rachegöttin hätte nicht finsterer, nicht feindseliger dreinschauen können. Hin und wieder ballte sie die schmalen Hände krampfhaft. Wer in solchen Minuten den gelispelten Worten sein Ohr geliehen hätte, der würde scheu zurückgebebt sein vor der Erbitterung, mit der sie die Vergeltung des Himmels auf den oder die herabbeschwor, von deren teuflischem Wirken sie eben ein so entsetzliches Bild gewonnen hatte.

Simpson verfolgte unterdessen eilfertig seinen Weg nach der Landungsstätte. Bei den Kreuzen legte er die unzureichenden Werkzeuge nieder, und bald darauf erteilte er den acht Seeleuten die nötigen Befehle. Vier beauftragte er, auf der durch Kreuz und Vertiefung bezeichneten Stelle eine Gruft auszuwerfen, wogegen die anderen ihn nach der Hütte begleiteten. Er selbst hatte den Sammetschal und Regenmantel über den Arm gehangen. Die Männer führten zwei Riemen mit sich, auf denen sie, eine Art Bahre herstellend, die beiden Sitzkissen des Bootes mittels Schnüren befestigt hatten.

Der Gräfin sich wieder nähernd, glaubte Simpson, daß sie, erschöpft nach den erschütternden Eindrücken, eingeschlafen sei. Tief gebeugt saß sie, das Haupt auf Armen und Knien ruhend. Sobald aber das Geräusch der schweren Schritte ihr Ohr erreichte, erhob sie sich. Ihre Haltung war wieder die alte, zuversichtliche; auf ihren Zügen thronte nach alter Weise undurchdringliche, kalt abmessende Strenge. Ihre Befehle waren kurz und bündig. Einen prüfenden Blick warf sie auf die einfache Bahre. Wie Hohn zuckte es um ihre Lippen. Sie mochte sich die gebleichten, fast gewichtlosen Gebeine, auf den Kissen ruhend, vergegenwärtigen. Als Simpson ihr den Schal umhängen wollte, wies sie ihn zurück.

»Benutzen Sie ihn als Leichentuch und umhüllen Sie alles noch besonders mit dem Gummistoff des Mantels,« sprach sie vollkommen ausdruckslos. »Der arme Tote soll uns nicht vergeblich um eine christliche Beerdigung gebeten haben. Was in unseren Kräften steht, seinen letzten Wunsch zu erfüllen, soll geschehen.« Und ein unheimlicher Blitz zuckte aus ihren Augen, indem sie gedämpft hinzufügte: »Vielleicht noch mehr.«

Sie schritt einer nahen Bodenerhebung zu, von der aus sie die Blicke über das Eiland schweifen ließ. Sie wollte nicht Zeugin der Tätigkeit der Seeleute sein.

Kaum eine Viertelstunde war verronnen, als Simpson ihr meldete, daß alles bereit sei. Festen Schrittes begab sie sich nach der Hütte zurück. Die Bahre stand vor der Tür. Auf ihr lag der anscheinend lose zusammengerollte Mantel. Zwei Matrosen warteten auf den Befehl, die kaum fühlbare Last aufzunehmen; die beiden anderen und Simpson hatten sich mit den beschriebenen Schieferplatten und sonstigen Gegenständen beladen, die noch nicht der gänzlichen Verwesung anheimgefallen waren.

Auf ein Zeichen der Gräfin setzte der kleine Zug sich in Bewegung. Sie selbst beschloß ihn. Als er bei den Kreuzen eintraf, hatten die dort zurückgebliebenen Männer sich bereits über drei Fuß in den Boden hineingearbeitet. Die Gruft noch zu vertiefen, reichten die vorhandenen Werkzeuge nicht aus. Der Mantel wurde daher mit seinem Inhalt behutsam hinabgesenkt. Die Häupter entblößten sich. Jeder sprach ein stilles Gebet: dann warf die Gräfin die erste Handvoll Erde in das Grab. Simpson folgte ihrem Beispiel, und schnell füllte die Grube sich unter den rege schaffenden Armen der Matrosen. Geduldig wartete die Gräfin, bis das Werk vollbracht war, und das Haupt im Nachdenken geneigt, folgte sie den voraufschreitenden Männern zum Boot hinab nach. Man hätte sie für eine Leidtragende halten mögen, die eben von dem Grabe eines teuren Angehörigen fortgetreten war, der vor Tagen noch des Sonnenlichtes sich erfreute.

Mit achtungsvoller Scheu sahen die rauhen Männer zu ihr auf. Es ergriff sie wohltuend, einen in der Ferne verstorbenen Seefahrer von ihrer Gebieterin so hochgeehrt zu sehen.

Die Hälfte des Nachmittags war verstrichen, als man sich anschickte, an Bord der Pandora zurückzukehren. Wohlverstaut lagen in dem Boot die beschriebenen Platten und alles übrige, was der Hütte entführt worden war. Die Gräfin hatte sich im Stern niedergelassen. Neben ihr stand Simpson, die Blicke seewärts gerichtet. Auf jeder Seite des Bootes hielten vier Matrosen dessen Bord gepackt. Ähnlich wie beim Landen nutzte man auch jetzt die Dünungen wieder aus. Einen kurzen, angestrengten Kampf der Ruderer mit den brausenden Schaumkämmen kostete es noch, und hinaus auf die freie See schoß das Boot, als wäre es mit den Schwingen eines Sturmvogels ausgerüstet gewesen.

Die Pandora war seit dem Morgen eine halbe Meile weiter nördlich getrieben. Beinahe eine Stunde dauerte es daher, bevor das Boot seitlängs von ihr anlegte. Wohlbehalten gelangte die Gräfin an Bord, wo sie von Maud und Sunbeam, der jungen Hindu, fröhlich willkommen geheißen wurde und die beiden Geparde sich wieder zutraulich an sie anschmiegten. Doch bevor sie in ihre eigentlichen Wohnräume hinabstieg, überwachte sie das Verladen der Schieferplatten, die vorsichtig von Hand zu Hand nach oben gereicht wurden. Eine halbe Stunde später, da hing das mit geteertem Segeltuch überzogene Boot wieder an den Davids; und damit war die letzte Spur des Ausfluges nach der Insel verwischt.

Die Sonne neigte sich dem Untergange zu. In demselben Grade, in dem sie sich der Linie des Horizontes näherte, veränderte sie ihr Angesicht. Wie die Schnecken ihre Hörnchen, hatte sie die Strahlen einen nach dem anderen eingezogen; dunkler, in Rubinrot spielend, wurde ihre Färbung. Kurz bevor sie ins Meer hinabtauchte, begann sie plötzlich unten an ihrer Scheibe zu verlieren. Eine schwere Dunstschicht, die bis dahin nicht zu unterscheiden gewesen, war im Begriff, sie in sich aufzunehmen. Nur wenige Minuten, und es setzte das Abendrot ein. Wie durch Zauber entwickelten sich unter dessen Beleuchtung die Umrisse fern im Süden stehender, die Wasserlinie nur wenig überragender Wolkengebirge.

»Das Wetterglas fällt. Viel länger hätten wir auf der Insel nicht bleiben dürfen,« bemerkte die Gräfin, die nach kurzem Aufenthalt in den unteren Räumen wieder auf dem Quarterdeck erschien, zu Simpson.

»Ein Gewittersturm ist im Anzuge,« antwortete dieser, »bevor eine Stunde vergeht, weht es scharf aus Südost. Ich konnte es nicht voraussehen, oder ich hätte kaum gewagt, zu der Fahrt zu raten.«

»Und doch ein Glück, daß wir dort gewesen sind,« versetzte die Gräfin düster. »Da – es meldet sich etwas an,« verfiel sie in einen helleren Ton, als ein matter Windstoß über das Schiff hinhauchte und die von ihm gestreiften Segel gedämpftes Poltern erzeugten; »das ist mehr, als die gewöhnliche Abendbrise.« Sie überblickte die Takelage, in der anderthalb Dutzend Matrosen eifrig beschäftigt waren, und fügte hinzu: »Sie treffen Vorkehrungen zum Empfang einer ernsten Bö?«

»Ich lasse die Masten verkürzen,« antwortete Simpson. »Gestatten es Zeit und Überfluß an Händen, so geht mit etwas mehr Vorsicht nichts verloren. Über ein neues Ziel sind Sie noch nicht schlüssig geworden?«

»Halten Sie den nordöstlichen Kurs, so lange das Wetter es nicht hindert, damit verlieren wir nichts, wohin auch immer wir uns wenden mögen,« riet die Gräfin. »Ich schwanke nämlich in der Wahl. Nach allen Windrichtungen ruft es mich; da bedarf es zuvor reiflichen Erwägens und Überlegens.«

Träumerischen Blickes betrachtete sie die Insel. Die Sonne war ganz in die Dunstschicht hinabgetaucht. Ein grellroter Saum schmückte diese. Rosig angehaucht erschien das sich langsam emporarbeitende Wolkengebirge. Die Möwen waren rege geworden. Wie zwischen dem öden Eiland und der sich noch schwerfällig wiegenden Jacht vermittelnd, umkreisten sie diese schreiend. Unterhalb des Spiegels, wo das Wasser um das Steuerruder perlte, zwitscherten behaglich die kleinen Sturmschwalben, »Mutter Karrys Küchlein«, wie sie der Seefahrer nennt. Ein falber Schein zuckte über das Wolkengebirge hin.

Die Gräfin wandte sich Simpson zu, der die Arbeit der Matrosen überwachte, hin und wieder einen Befehl über Deck sandte oder an die ihm untergebenen Steuerleute richtete. »Wir werden schwerlich viel Segel führen können,« bemerkte sie.

»Ich beschränke mich auf so viel Leinwand, wie gerade notwendig ist, die Pandora in stetigem Kurs zu erhalten,« erwiderte ihr langjähriger Freund und Vertrauter höflich, »reffen wir jetzt mit Bedacht, brauchen wir uns später nicht zu übereilen.«

Billigend neigte die Gräfin das Haupt. Eine Minute bot sie ihr bleiches Antlitz noch der sich wiederholenden Luftströmung dar, dann begab sie sich in die unteren Wohnräume hinab.

Bei ihrem Eintritt zeigte sich ihr ein überaus liebliches Bild. Maud und die junge Hindu saßen an einem runden Tisch unterhalb der großen Hängelampe. Jede hatte vor sich eine der von der Insel herbeigeschafften Schieferplatten und war eifrig beschäftigt, mit der Spitze einer Segelnadel die erblindeten Schriftzüge zu verfolgen. Was Maud mit Verständnis ohne große Mühe ausführte, das vollbrachte Sunbeam, die des Lesens und Schreibens unkundig war, beinahe ebenso schnell. Es kamen ihr zu Hilfe die scharfen Augen und die in den zartesten Handarbeiten geübten Hände. Und so bildeten die so verschiedenartigen Gestalten mit den ihnen zu Füßen lagernden Jagdpanthern eine unbeschreiblich anmutige Gruppe. Es kam der Kontrast beiden zustatten: hier dem lachenden Frühlingsröslein, dort der ernsten Lotosblume. Als Tochter der heißen Zone zum Frösteln geneigt, hatte die junge Hindu ein hellblaues Tuch in malerischen Falten um Hals und Schultern geschlungen.

Im Einklang mit den charakteristischen Gestalten stand die Umgebung. Die ganze Breite der Pandora ausfüllend, bildete das geräumige Gemach ein längliches Viereck, an das nach der Mitte des Schiffes hin die Schlafkammern und Küchenräume sich anschlossen. Wohin man blicken mochte, überall begegnete man einer Ausstattung, bei der echt orientalischem Geschmack verschwenderisch gehuldigt worden war. Ein kostbarer persischer Teppich bedeckte den Fußboden in seinem ganzen Umfange. Obwohl mit den Planken fest vereinigt, standen schwellende Diwans, Polstersessel und Tische in einer Weise umher, als ob beim Ordnen eine vornehme, nur die Bequemlichkeit berücksichtigende Nachlässigkeit gewaltet habe. Wie die Tische schmückten farbenreiche Decken auch die Wände.

Unregelmäßig und doch nach einem bestimmten System aufgeschürzt, ließen sie die mit matter Vergoldung verzierten schwarzen Ebenholzflächen, wie die durch zolldicke Glasscheiben geschützten kleinen runden Fenster hervorlugen. Auf den Ebenholzflächen waren kostbare Schränke mit Büchern und Konsolen festgeschraubt worden, in deren sinnig durchbrochenen Brettern auch blitzende Kristall- und Silbergeräte sogar bei rauher See unbeeinflußt durch das Schwanken des Schiffes blieben.

Als die Gräfin eintrat, stellten die beiden Freundinnen ihre Arbeit ein. Sich zurücklehnend, boten sie die unter ihren Händen befindlichen Platten ihr zur Ansicht dar. Die Gräfin neigte das Haupt. In ihren ernsten Zügen machte sich nicht die leiseste Wandlung bemerklich. Ihre Stimme klang dagegen wohlwollend, sogar zärtlich, indem sie sprach: »Ich bewundere die Geduld des Mannes, der offenbar unter den größtes Schwierigkeiten jeden einzelnen Buchstaben so tief einschabte, daß er im Laufe vieler Jahre nicht verwischt werden konnte. Jetzt, nachdem ihr sie auffrischtet, sollte man glauben, daß die Zeilen erst gestern geschrieben wurden.«

»Verhieße der Inhalt nur nicht, so unsäglich traurig zu werden,« versetzte Maud, während der jungen Hindu wunderbar große Glutaugen gleichsam flehend an der Gräfin Lippen hingen; »mir ist, als starrte mir aus jedem einzelnen Wort eine Welt des bittersten Leids entgegen.«

Der Gräfin Züge verhärteten sich. Wie die aus ihr ruhenden Augen scheuend, ließ sie die Blicke an den reichgeschmückten Wänden herumschweifen.

»Der Eindruck erklärt sich, wenn man sich in die Lage eines von Gott und aller Welt Verlassenen hineindenkt,« sprach sie eintönig. »Doch gleichviel. Das Herz, das einst beim Niederschreiben dieser Zeilen sich qualvoll wand, hat längst, längst zu schlagen aufgehört; damit erreichte der Jammer sein Ende.«

Bevor eine aus Mauds Lippen schwebende Frage laut, wurde, ließ sie eine auf dem Tische stehende Klingel ertönen.

Im Inneren des Schiffes ging eine Tür. Der das Gemach nach dorthin abschließende Vorhang wurde zurückgeschlagen, und hinter ihm hervor trat eine ältere Frau in einfachem Anzuge mit weißer Spitzenhaube und Latzschürze.

»Unwetter zieht herauf,« wendete die Gräfin sich ihrer Dienerin zu. »Höchstens noch eine Stunde, und mit der Ruhe ist's vorbei. Sorge dafür, daß wir den Tee vorher einnehmen, oder wir erleben, daß die armen Kinder hungrig zu Bett gehen müssen.«

Die Dienerin verschwand geräuschlos. Als die Gräfin sich den beiden Mädchen wieder zukehrte, glitt ein Lächeln gutmütigen Spottes über ihr Antlitz. Die junge Hindu sah wieder flehend zu ihr auf, wie sie beschwörend, dem Unwetter zu gebieten, wogegen Maud in die Worte ausbrach: »Gewiß ein fürchterlicher Sturm –«

»Was ist fürchterlich?« fiel die Gräfin ein. »etwa, daß wir die Aussicht haben, ein wenig geschüttelt zu werden? Ich dächte, das wäre dir nichts Neues mehr. Nach dem Essen begebt euch zur Ruhe, und ihr werdet erstaunen, wie bald das Meer euch in den Schlaf wiegt. Erhebt ihr euch wieder, so lacht euch die goldene Sonne vom blauen Himmel entgegen.«

Die zuversichtliche Haltung und Sprache der Gräfin beschwichtigte die ängstlichen jungen Gemüter. Bemerkungen wurden zwar noch gewechselt, jedoch wie beiläufig, indem die Mädchen ihre Arbeit wieder aufgenommen hatten. Die Gräfin, offenbar tiefernsten Betrachtungen hingegeben, schritt langsam auf und ab. –

Das Mahl war kaum beendigt, als das erste dumpfe Rollen sich vernehmen ließ: zugleich neigte die Pandora sich auf die Seite. Der Wind, der so lange stoßweise bald aus dieser, bald aus jener Richtung geweht hatte, blies nunmehr scharf aus Südost. Die Pandora gewann dadurch stetigere Fahrt, jedoch nur auf kurze Zeit; denn nachdem das Meer erst aufgewühlt worden, stampfte sie schwer unter dem Andrange der wachsenden Seen. Dazu grollte der Donner unablässig. und heftiger wurden die Schläge, die das Feuer sprühende schwarze Gewölk entsendete. Zagend hatten Maud und Sunbeam ihre Lager aufgesucht.

Eine Weile wandelte die Gräfin noch auf und ab. Ihr Geist beschäftigte sich mit den jüngsten Erfahrungen. In ihrem streng verschlossenen Antlitz spiegelten sich zwei verschiedene Strömungen; abwechselnd herrschten tiefes Leid und unversöhnlicher Haß darauf vor.

Erst zwei schnell aufeinander folgende Donnerschläge gaben sie der Gegenwart wieder zurück. Nachdem sie sich überzeugt hatte, daß nichts lose umherrollte, trat sie in ihr Schlafgemach. Kurze Zeit verweilte sie dort. Wieder in dem Prunkgemach erscheinend, umhüllte ein bis zu den Füßen niederreichender wasserdichter Rock ihre Gestalt. Einen gefirnißten Matrosenhut hatte sie aus ihrem Haupt befestigt. So begab sie sich nach dem Deck hinauf.

Ohrenbetäubendes Krachen begrüßte sie beim Hinaustreten. Als habe das Firmament in Flammen gestanden, leuchtete es aller Enden. Dazu brausten die sich mächtig aufbäumenden Wogen, heulte und pfiff der Sturm durch die Takelage, klatschte hin und wieder eine Sturzsee über Bord herein.

Tief auf atmete die Gräfin. Der ihr ins Gesicht schlagende Regen schien sie zu erquicken.

Aus dem Quarterdeck dicht an die vordere Balustrade herantretend, prüfte sie bei der flackernden Beleuchtung der Blitze die Takelage. An Segeln standen nur der Klüver, das dicht gereffte Großsegel und Gaffelsegel, ein Zeichen, daß Simpson einen ernsten Kampf mit den Elementen vorgesehen hatte. Die Matrosen hatten, so gut es gehen wollte, hier und da auf Deck Schutz gegen den strömenden Regen gesucht. Nur den sich weithin auszeichnenden Ghastly erkannte sie. Auf der Luvseite stand er, die Regeling, auf die er sich mit beiden Armen stützte, mit Kopf und Schultern überragend. So viel die Gräfin zu unterscheiden vermochte, starrte er in die Richtung, in der die Insel hinter der Pandora zurückgeblieben war. Indem die helleren Blitze ihn voll beleuchteten, erhöhte sich das Gespenstische seiner Erscheinung.

Eine Weile betrachtete die Gräfin ihn sinnend; dann schritt sie nach dem Steuerrad hinüber. Zwei Matrosen hielten mit nervigen Fäusten dessen Speichen umspannt. Einige Sekunden beobachtete sie aufmerksam das leise Schwingen der transparenten, von unten beleuchteten Scheibe mit der Magnetnadel in dem Kompaßhäuschen. Da trat Simpson, unter dem Arm das Sprachrohr, heran.

»Halt stetig,« befahl er den Matrosen.

»Halt stetig,« antworteten diese wie aus einem Munde.

Die Blicke nach oben gerichtet, entdeckte er, begünstigt durch einen heller sprühenden Blitz, einen Fehler an der Oberbramraae. Fast gleichzeitig kommandierte er über Deck: »Die Luvschote des Großoberbramsegels hat sich gelöst! Zwei Mann nach oben!«

Der Befehl wurde unten wiederholt. Das Poltern einiger herbeieilender Matrosen folgte; doch bevor einer von ihnen sich nach der Regeling hinaufschwang, befand Ghastly sich bereits in den Wanten. Wie eine riesenhafte Spinne zeichnete er sich in der unsteten Beleuchtung aus, indem er von Mars zu Mars emporkletterte.

»Ein seltsamer Mensch,« bemerkte die Gräfin träumerisch, »trotz seiner Jahre drängt er sich jedesmal vor, so oft es ein gefährliches Stück Arbeit gibt.«

»Ich werde nicht klug aus ihm,« versetzte Simpson, seine Lippen dem Ohr der Gräfin zuneigend, um sich bei dem Höllenlärm verständlich zu machen. »Oft gewinne ich den Eindruck, als suchte er die Gelegenheit, über Bord gesendet zu werden. Er trägt sich entweder mit einem bösen Gewissen, oder er erlebte Dinge, die ihm das Leben verleideten.«

»Wäre das der Fall, so besitzt er wenigstens hinlänglich Christensinn, um nicht zum Selbstmörder zu werden, « erwiderte die Gräfin, eine kurze Pause des Donnerns ausnutzend. »Gewissenhaft, wie er mir dient, will ich auch seiner Zukunft gedenken. Er soll kein klägliches Ende in dem ersten besten Spital finden.«

Schärfer spähten beide nach oben, wo Ghastly auf der Raae sich festgeklammert hatte und mit unerschütterlicher Ruhe die gelockerte Segelnocke wieder befestigte. Damit zustande gekommen, trat er den Rückweg an, jedoch zögernd, auch wohl hier und da ein Weilchen rastend, als hätte er ungern seinen Aufenthalt in luftiger Höhe ausgegeben.

Der Donner krachte, Feuersäulen verbanden sekundenlang das tosende Meer mit dem niedrig hängenden Gewölk. Schwer prasselte der Regen auf das triefende Deck nieder; Sturzsee folgte auf Sturzsee, ohne daß die Gräfin es beachtete. Das Heulen, Pfeifen, Brausen und Poltern schien wie Musik in ihre Ohren zu klingen.

Stunde verrann auf Stunde. Der Donner verstummte endlich, abwärts zog das Flammen sprühende Gewölk, und noch immer weilte die Gräfin oben. Die Regenwand folgte dem Wetterleuchten nach, es klärte sich der südliche Himmel. Stern auf Stern schlich hinter dem scheidenden Gewölk hervor. Wie grüßend schimmerten die magelhaenischen Wolken herüber; geheimnisvoll funkelte das prächtige Sternbild des südlichen Kreuzes.

Drittes Kapitel.

Der Inhalt der Tafeln. Die Meuterer. In Todesnöten.

Tag für Tag hatten Maud und Sunbeam den größten Teil ihrer Zeit mit der ihnen übertragenen Aufgabe verbracht; Tafel auf Tafel ging unter ihren Händen mit neu belebter Schrift hervor. Ebenso benutzte die Gräfin alle ihre Mußestunden, die mit so viel Qual und endloser Geduld , der Vergessenheit entrissenen Aufzeichnungen abzuschreiben. Die flinke Pandora überschritt den Wendekreis, und noch immer schafften die drei befreundeten Gestalten an dem gemeinsamen Werk. Sie schlüpfte unter dem Äquator hindurch und näherte sich der nördlichen gemäßigten Zone, ohne daß der Eifer erlahmte, mit dem man Wort auf Wort zu einem verständlichen Ganzen aneinander reihte. Wenn aber die beiden Freundinnen ihre Arbeit mit holdem Geplauder begleiteten und Maud nur zeitweise dem Einfluß der ergreifenden Schilderungen unterworfen war, so schienen sie auf die Gräfin einen unheimlichen Zauber auszuüben. Verschlossener wurde sie und ernster, tiefer prägte sich auf ihrem farblosen Antlitz ein eigentümlicher Zug der Erbitterung aus, der sich vorübergehend sogar zu dem der Grausamkeit verschärfte.

In dem Prunkgemach brannte nur die Hauptlampe oberhalb des runden Tisches. Melancholisch beleuchtete sie die prächtige Ausstattung. Nach einem der Wandschränkchen hinüberschreitend, entnahm die Gräfin diesem ein Paket zusammengehefteter Blätter. Flüchtig betrachtete sie die letzte Seite, auf der sie vor Stunden erst den Schluß der geheimnisvollen Mitteilungen niedergeschrieben hatte; dann ließ sie sich vor dem Tisch nieder, um alles noch einmal im Zusammenhange durchzulesen.

Um dem Schwanken des Schiffes leichter zu begegnen, hatte sie sich in einem Armstuhl festgesetzt. Eine Weile hielten ihre Hände das Heft regungslos. Es schien sie Überwindung zu kosten, es zu öffnen. Endlich aber richtete sie sich etwas auf, schlug das erste Blatt zurück und las:

»Käte Dale! Dein holdes Bild taucht vor meiner Seele auf; dein teurer Name zittert in meinem Herzen; in der Erinnerung an dich umfloren sich meine Augen. Indem ich an die Erfüllung meiner letzten Lebensaufgabe mich anklammere. fühle ich meinen Mut wachsen. Es trägt mich die Hoffnung, daß die Kunde von meinem traurigen Ende dich dennoch über kurz oder lang erreicht, du die Überzeugung gewinnst, daß mit meinem letzten Atemzuge die Sorge um dich, aber auch meine unverbrüchliche Liebe zu dir vereinigt gewesen ist. Findet mein heißes Gebet Erhörung: wann wird es geschehen? Vielleicht erst, wenn dein von Gram und Alter gebeugtes Haupt sich zitternd dem Grabe zuneigt. Doch wie Gott will, ich habe mich in mein Los ergeben, in das Los, auf einer öden Insel im ewigen Ozean, die von den Schiffern wie ein Fluch gemieden wird, in tödlicher Einsamkeit langsam zu sterben. – Wie wird mein Ende sein? Wann wird es erfolgen? Lange kann es unmöglich dauern, das ist mein Trost. Wie beneide ich die Gefährten! Ihnen wurden die Augen von Freundeshand zugedrückt; Freundeshände bereiteten ihnen die letzte Ruhestätte, wogegen ich selber – fort mit diesen Bildern des Grausens; sie lähmen meinen Geist, führen mich auf die Bahnen des Wahnwitzes.

Vielleicht stand im Schicksalsbuche geschrieben, daß gerade ich der letzte Überlebende sein sollte, um der Welt zu verkünden, daß es Höllengeister auf Erden gibt, die, alle menschlichen und göttlichen Gesetze verhöhnend, um irdischen Vorteils willen die Leben ihrer Nächsten, ohne sie zu zählen, frevelhaft in den Staub treten. Und abermals frage ich: wird überhaupt jemals ein Sterblicher dieses fluchbelastete Eiland betreten, jemals versuchen, die Bedeutung der drei Kreuze, die vielleicht aus der Ferne seine Aufmerksamkeit erregten, kennen zu lernen? Wird er sich dann aber berufen fühlen, dem letzten Flehen eines Sterbenden Folge zu geben? Doch gleichviel: Ich richte mich an dem Glauben auf, daß mein zum Himmel entsendeter Klageruf nicht ungehört verhallt, früh genug da eine teilnahmvolle Aufnahme findet, wo man geneigt ist, begangene Verbrechen zu strafen, unverschuldetes Leid zu mildern. –

»Wie ist es still um mich her! Gedämpft dringt das Brüllen der wütenden Brandung zu mir herüber. Hier und da unterscheide ich den Schrei eines Seevogels. So ist es heute, so wird es sein nach vielen Jahren, wenn der Sturm über meine bleichenden Gebeine hinfegt. – Immer wieder diese schwarze Gedanken; sie vorübergehend von mir abzuwehren, gelingt mir nur, indem ich mit ganzer Seele der Aufgabe mich weihe, meine und der beiden Gefährten Leidensgeschichte der Nachwelt zu erhalten. Als ich einige der umherliegenden Schiefersteine dazu benutzte, den voraufgegangenen. Kameraden weniger leicht vergängliche Gedenktafeln zu errichten, ahnte ich nicht, daß ich damit das Mittel erprobte, meinen letzten Gedanken einen Weg zu den Menschen anzubahnen. Erst die tödliche Einsamkeit und die aus dieser hervorgehende Verzweiflung reiften in mir den Plan, wenigstens die Möglichkeit des Verkehrs längst Verstorbener mit den noch Lebenden zu eröffnen.

Als Kapitän der Bark ›Emilia‹ war mir der Auftrag geworden, mit Stückgut nach Hongkong zu gehen und dort Seide, Tee und Gewürze in Fracht zu nehmen. Da sich Gelegenheit bot, die Ladung durch Waren für Kalifornien zu vervollständigen, glaubte ich meinen Reedern zum Vorteil

zu handeln, wenn ich auf das Angebot einging. Wohlbehalten traf ich in San Francisco ein, hatte aber den Verlust des ersten Steuermanns, eines gewissenhaften Menschen, der einer klimatischen Krankheit erlag, zu beklagen. Als ein Glück betrachtete ich es daher, daß ein zwar junger, jedoch befahrener und gewandter Seemann, ein Schotte, namens Mac Lear, sich um die frei gewordene Stelle bewarb. Außerdem meldete sich ein gewisser Parson, ein englischer Baronet, um, einer seltsamen Laune folgend, auf meinem Schiff um Kap Horn herum nach England zurückzukehren. Als Sohn eines sehr reichen Landbesitzers war er vor Jahresfrist ausgezogen, um fremde Länder und Leute kennen zu lernen; zugleich hatte er die Gelegenheit benutzt, im Auftrage seines Vaters in Madras eine Erbschaft von zweiundzwanzigtausend Pfund Sterling zu erheben. Unvorsichtigerweise führte er diese Summe in Banknoten und geprägtem Golde mit sich. Meinen Rat, Wechsel auf London zu kaufen, verwarf er lachend. Er meinte, daß, wenn er selbst zugrunde gehe, an dem Gelde nichts verloren sei. Er war ein freundlicher, gefälliger und lebhafter junger Mann, mit dem ich gern verkehrte; nur die an Leichtfertigkeit grenzende Vertrauensseligkeit, die sich auf eine unabhängige Stellung und mangelnde Kenntnis der Welt begründete, tadelte ich an ihm. So mißfiel mir auch, daß er, bestochen durch die glatte Außenseite Mac Lears, sich besonders zu diesem hingezogen fühlte, konnte aber nicht hindern, daß sich allmählich ein gewisses Freundschaftsverhältnis zwischen ihnen entwickelte. Ich fühlte mich um so weniger berufen, störend dazwischen zu treten, weil Mac Lear sich als ein gewissenhafter und umsichtiger Seemann erwies, gegen den einen Vorwurf zu erheben ich nie Ursache fand. Sein Blick hatte freilich etwas Unstetes, sogar Scheues. So glaubte ich auch zu entdecken, daß seine Liebe zum Gelde zuweilen in Habsucht ausartete, die nur wenig im Einklang mit seinen sonstigen, für ihn sprechenden Eigenschaften stand; allein dadurch durfte ich mich nicht in der Beurteilung seiner Dienstleistungen bestimmen lassen. Im Gegenteil, mein Vertrauen in seine Fähigkeiten wuchs von Tag zu Tag, bis ich endlich so weit gelangte, daß ich seine Ratschläge, die von ungewöhnlichem Scharfsinn zeugten, vielfach beachtete.

Nachdem wir glücklich um das Kap Horn herumgekommen waren, entschied ich mich für den Kurs an den Falkland-Inseln vorbei. Da aber Mac Lear auf Grund seiner Erfahrungen behauptete, auf der Ostseite der Aurora-Inseln die Strömungen mit besserem Erfolg ausnutzen zu können, so gab ich seinem dringenden Zureden nach. –

Es war gegen Abend. Nachdem ich durch das Fernrohr einen letzten Blick über die nördlichste der öden Inseln geworfen hatte, wo ein von der Brandung überschüttetes Wrack meine Aufmerksamkeit erregte, begab ich mich in die Kajüte hinab. Ich befand mich in einer gedrückten Stimmung. Wie schwarze Ahnungen lastete es auf meinem Gemüt. Ohne mir darüber Rechenschaft ablegen zu können, bereute ich, nicht den von mir ursprünglich ins Auge gefaßten Weg gewählt zu haben.