Wanderungen durch das westliche Nordamerika - Balduin Möllhausen - ebook

Wanderungen durch das westliche Nordamerika ebook

Balduin Möllhausen

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Möllhausens Unternehmungen führen ihn hier vom Mississippi nach den Küsten der Südsee im Gefolge der von der Regierung der Vereinigten Staaten unter Lieutnant Whipple ausgesandten Expedition.

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Wanderungen durch das westliche Nordamerika

Balduin Möllhausen

Inhalt:

Balduin Möllhausen – Biografie und Bibliografie

Wanderungen durch das westliche Nordamerika

Vorwort von Alexander von Humboldt

I. Auf dem Mississippi.

II. Fort Smith.

III. Die Ländereien am Poteau.

IV. Sculleville, die Choctaw-Agentur.

V. Fraeser, der indianische Schmied.

VI. Gaines Creek.

VII. Das alte Fort Arbuckle.

VIII. Die Waekow-Indianer.

IX. Erzählung der Abenteuer am Nebrasca. (Fortsetzung.)

X. Die Antelope Hills.

XI. Der Dry River und seine Eigenschaften.

XII. Weiterreise der Expedition am Canadian hinauf.

XIII. Fortsetzung der Erzählung des Naturaliensammlers.

XIV. Westliche Grenze von Texas.

XV. Fortsetzung der Erzählung des Naturaliensammlers.

XVI. Anton Chico.

XVII. Das Thal des Rio Grande del Norte.

XVIII. Aufenthalt in Albuquerque.

XIX. Die Führer.

XX. Colonel Frémont und seine erste und zweite Reise

XXI. Mr. Campbell's Reise nach Fort Defiance.

XXII. Die geweihte Quelle.

XXIII. Colonel Frémont's dritte Reise und seine Kämpfe mit den Eingebornen.

XXIV. Rio Secco.

XXV. Die Blattern in der Expedition.

XXVI. Aufenthalt der Expedition an Leroux Spring.

XXVII. Aufbruch einer Recognoscirungs-Abtheilung.

XXVIII. Turkey Spring.

XXIX. Tonto-Indianer.

XXX. Reise im Thale der Bill Williams Fork.

XXXI. Reise am Colorado hinauf.

XXXII. Ruhetag bei den Ansiedelungen der Mohaves.

XXXIII. Ruhetag auf dem westlichen Ufer des Colorado.

XXXIV. Theilung der Expedition; Wassermangel.

XXXV. Rückkehr der beiden Mohave-Führer in ihre Heimath.

XXXVI. Die californischen Rancheros.

XXXVII. Das Dampfboot Frémont.

XXXVIII. Die Riesenbäume.

XXXIX. Bericht des Kriegsministers der Vereinigten Staaten, Mr. Jefferson Davis über die von der Expedition durchforschte Route. – Schluß des Werkes.

Wanderungen durch das westliche Nordamerika, B. Möllhausen

Jazzybee Verlag Jürgen Beck

Loschberg 9

86450 Altenmünster

ISBN: 9783849631932

www.jazzybee-verlag.de

[email protected]

Balduin Möllhausen – Biografie und Bibliografie

Reise- und Romanschriftsteller, geb. 27. Jan. 1825 in Bonn, gest. 28. Mai 1905 in Berlin, erlernte in Pommern die Landwirtschaft, begab sich 1850 nach Amerika, wo er sich 1851 der Reise des Herzogs Paul von Württemberg nach den Felsengebirgen anschloß. Hier wurde er unter die Omahaindianer verschlagen, bei denen er fünf Monate verbrachte, fuhr dann den Mississippi herab nach New Orleans, wurde später auf Verwenden A. v. Humboldts einer amerikanischen Expedition nach dem fernen Westen als Topograph und Zeichner beigegeben und kehrte 1854 über San Francisco und den Isthmus von Panama nach Deutschland zurück, wo ihn König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen zum Kustos der Bibliotheken in den Schlössern von Potsdam ernannte. Eine abermalige Reise nach Nordamerika 1857–58 führte ihn in Gesellschaft des Ingenieurs Ives in die noch unbekannten Gegenden am mittlern Colorado. Seit 1886 lebte er in Berlin. Er gehörte zur Tafelrunde des Prinzen Friedrich Karl von Preußen, dessen Andenken er die »Dreilinden-Lieder« (Berl. 1896) widmete. Die Ergebnisse seiner Reisen legte er nieder in den Werken: »Tagebuch einer Reise vom Mississippi nach den Küsten der Südsee« (Leipz. 1858; 2. umgearbeitete Aufl.: »Wanderungen durch die Prärien und Wüsten des westlichen Nordamerika etc.«, das. 1860) und »Reisen in die Felsengebirge Nordamerikas« (das. 1861, 2 Bde.). Außerdem verfaßte er zahlreiche Romane und Novellen, die meist in der Neuen Welt spielen, wie: »Die Halbindianer« (1861), »Der Flüchtling« (1862), »Der Mayordomo« (1863), »Das Mormonenmädchen« (1861, 3. Aufl. 1871), »Reliquien« (1865), »Der Meerkönig« (1867), »Der Hochlandpfeifer« (1868), »Der Piratenleutnant« (1870, 3. Aufl. 1902), »Der Fanatiker« (1883), »Der Trader« (1884), »Wildes Blut« (1886), »Das Geheimnis des Hulks« (1889), »Der Fährmann am Kanadian« (1890), »Haus Montague« (1891), »Die beiden Jachten« (1891), »Die Söldlinge« (1892), »Der Spion« (1893), »Kaptein Meerrose und ihre Kinder« (1894), »Welche von beiden?« (1897, 2 Bde.), »Der alte Korpsbursche« (1898), »Das Fegefeuer in Frappes Wigwam« (1900) u.a. M., der mit Gerstäcker verglichen werden kann, war diesem in der Darstellung der Zustände und der Charaktere nicht ganz ebenbürtig, besaß aber ein bemerkenswertes Talent zu ansprechender Naturschilderung.

Wanderungen durch das westliche Nordamerika

Vorwort von Alexander von Humboldt

Die Verhältnisse gegenseitigen Wohlwollens und eine gewisse Gleichheit der Bestrebungen in dem Laufe ernster und wichtiger Unternehmungen haben, wie ich schon mehrmals geäußert, allein mich bewegen können, die innere Scheu und die Abneigung zu überwinden, welche ich, vielleicht mit Unrecht, von jeher vor den einleitenden Vorreden von fremder Hand hege. In der so langen Dauer eines bewegten Lebens habe ich diese Vorreden nur überaus selten, zweimal für deutsche und zweimal für französische, vielgelesene Werke geschrieben. Es waren diese Werke der Zeitfolge nach: unseres großen Geologen, Leopold's von Buch, Reise nach dem Nordcap in der französischen Uebersetzung; der englische Reisebericht von Sir Robert Schomburgk's gefahrvollem fünfjährigen Unternehmen, um die Küste der Guyana bei Essequibo astronomisch mit dem östlichsten Punkte des Ober-Orinoco bei der Mission Esmeralda zu verbinden, an den ich von Westen her gelangt war; die Original-Ausgabe der sämmtlichen Werke meines unvergeßlichen Freundes François Arago; endlich die ostindische und tibetanische Reise des so früh dahingeschiedenen, liebenswürdigen Prinzen Waldemar von Preußen.

Die Schrift, welche ich jetzt unaufgefordert, aus Achtung für die rastlose und ausdauernde Thätigkeit des Verfassers in einer großen Expedition, für die bescheidene Einfachheit seines kräftigen, überaus ehrenwerthen Charakters und für ein ausgezeichnetes, durch den Anblick der freien Natur fast allein ausgebildetes Kunsttalent, mit einem empfehlenden Vorwort begleite, macht keine Ansprüche auf physikalische Wissenschaftlichkeit, ob sie gleich über die äußere Bodengestalt und die geographischen Verhältnisse so wenig durchforschter Gegenden viel Interessantes, Selbstbeobachtetes oder bisweilen den mitreisenden Fachgelehrten Entlehntes, darbietet. Herr Möllhausen, früher angestellt als Topograph und Zeichner bei der Sendung, welche unter dem Befehle des muthigen und einsichtsvollen Lieutenant Whipple zur Bestimmung der südlichen Eisenbahn-Richtung nach den Küsten des Stillen Oceans von der Regierung der Vereinigten Staaten veranstaltet wurde, veröffentlicht ein Tagebuch, in dem er, gleichsam als Commentar zu seinen landschaftlichen Aufnahmen und historischen Skizzen, empfangene lebensfrische Natureindrücke wiedergiebt. Ueberall, wo die Darstellung des Reisenden das Resultat einer sicheren und gewissenhaften Anschauung der Gegenwart ist, gewährt sie eben dadurch schon und besonders in dem, was die Zustände der Eingeborenen auf den verschiedenen Stufen ihrer Uncultur betrifft, ein wichtiges, rein menschliches Interesse.

Die Nähe nordamerikanischer und europäischer Ansiedler gereicht den unabhängigen Stämmen, wie eine traurige Erfahrung fast in allen Zonen lehrt, zum Verderben. Allmälig auf engere Räume zusammengedrängt und, wo der nahe Contact Beute verheißt, an Verwilderung zunehmend, reiben sie sich meistentheils in ungleichen Kämpfen auf. Wenn im frühesten Anfange des Inca-Reiches von Peru, in den Cordilleren von Quito, auf der Hochebene von Neu-Granada (dem alten Cundinamarca) und in dem mexikanischen Anahuac, südlich von dem 28sten Parallelkreise, die alte indianische Bevölkerung sich erhalten, ja sogar an einigen Punkten ansehnlich vermehrt hat, so ist die Ursache davon größtentheils darin zu suchen, daß viele Jahrhunderte lang vor der spanischen Conquista die Bevölkerung dort aus friedlichen ackerbauenden Stämmen bestand. Alles, was sich in Herrn Möllhausen's Reisebericht auf Ethnographie und auf die physischen und sittlichen Verhältnisse der, selten kupferfarbigen, häufiger mehr braunrothen, Ureinwohner zwischen dem Missouri und den Rocky Mountains, zwischen dem Rio Colorado und dem Littoral der Südsee bezieht, ist auf zwiefache Weise anziehend. Es berührt entweder allgemeine Betrachtungen über die bald fortschreitende, bald in ihrem Fortschritt gehemmte Cultur; oder besondere, locale, mit historischen Erinnerungen zusammenhängende Verhältnisse. Bei Verallgemeinerung der Ansicht reizen die mannichfaltigen Stufen unentwickelter Intelligenz in dem Urzustände der Horden, welche man so unbestimmt und oft so unpassend Wilde ( Indios bravos) nennt, die Einbildungskraft dazu an, aus der eng begrenzten Räumlichkeit der Gegenwart zu einer geheimnißvollen Vergangenheit, zu der Zeit aufzusteigen, wo ein großer Theil des Menschengeschlechts, der jetzt sich einer hohen Blüthe der Cultur, in Wissenschaft und bildender Kunst, erfreut, in eben solcher Rohheit der Sitte lebte. Wie oft habe ich selbst die lebendigste Anregung zu diesen Betrachtungen erfahren auf einer Flußschifffahrt von mehr als 380 deutschen Meilen in den Wildnissen des Orinoco, südlich von den Cataracten von Atures, auf dem Atabapo, Cassiquiare und Rio Negro! Aber auch in den Zuständen der Ungesittung erkennt man hier und da mit Erstaunen einzelne Spuren des Erwachens selbsttätiger Geisteskraft; man erkennt sie in dem gleichzeitigen, den Verkehr zwischen nahen Stämmen erleichternden Besitze mehrerer Sprachen; »in Ahnungen von einer überirdischen, furcht- oder freudebringenden Zukunft; in traditionellen Sagen, die kühn bis zur Entstehung des Menschen und seines Wohnsitzes aufsteigen.«

Die Horden, welche zwischen Neu-Mexiko und dem Rio Gila leben, ziehen aus örtlichen Ursachen noch darum die Aufmerksamkeit auf sich, weil sie auf der Straße der großen Völkerzüge zerstreut sind, die, von Norden gegen Süden gerichtet, vom sechsten bis zum zwölften Jahrhundert unter den Namen der Tolteken, der Chichimeken, der Nahuatlaken und der Azteken das südliche tropische Mexiko durchwandert und theilweise bevölkert haben. Bauwerke und Reste des Kunstfleißes dieser, zu einer Art höherer Cultur gelangten, Nationen sind übrig geblieben. Man bezeichnet noch, durch alte Traditionen und historische Malereien geleitet, die verschiedenen Stationen, d. h. das Verweilen der Azteken am Rio Gila und an mehreren süd-süd-östlichen Punkten. Es sind dieselben in meinem mexikanischen Atlas angegeben, und die 1846 vom Ingenieur-Lieutenant W. Abert und später von Möllhausen gesehene, vielstöckige Bauart großer Familienhäuser (Casas grandes), zu denen man durch, nächtlich eingezogene, Leitern aufstieg, bietet noch jetzt Analogien der Construction bei einzelnen Stämmen.

Da die übrig gebliebenen, zum Theil gigantesken Sculpturen, wie die Unzahl religiöser und historischer Malereien der pyramidenbauenden, der Jahrescyclen kundigen Tolteken und Azteken sehr übereinstimmend menschliche Gestalten darstellen, deren physiognomischer Charakter besonders in Hinsicht der Stirn und der außerordentlich großen, weit hervortretenden Habichtsnasen von der Bildung der jetzt Mexiko, Guatemala und Nicaragua in der Zahl vieler Millionen bewohnenden, ackerbautreibenden Eingeborenen abweicht: so ist von großer ethnographischer Wichtigkeit die Lösung des, schon von dem geistreichen Catlin behandelten, Problems, ob und wo unter den nördlichen Stämmen sich Gestalten und Gesichtsbildungen finden lassen, die nicht blos als Individuen, sondern racenweise mit den älteren monumentalen übereinstimmen. Sollten nicht bei der amerikanischen nord-südlichen Völkerwanderung, wie bei der asiatischen ost-westlichen, zu welcher der Anfall der Hiungnu auf die blonden Jueti und Usün den frühesten Anstoß gab, nördlich vom Gila, wie dort im Caucasus (auf dem pontischen Isthmus), einzelne Stämme zurückgeblieben sein? Alles, was in dem Neuen Continent mit den gewagten Vermuthungen über die Quelle eines gewissen Grades erlangter Civilisation, was mit den Ursitzen der wandernden Völker (Huehuetlapallan, Aztlan und Quivira) zusammenhängt, fällt bisher wie in den Abgrund der historischen Mythen, Unglaube an eine befriedigende Lösung des Problems bei dem bisherigen noch so bedauernswürdigen Mangel von Materialien, darf aber nicht dem fortgesetzten Bestreben nach muthiger Forschung Schranken setzen. Die Frage nach solchen Ueberbleibseln der wandernden Völker im Norden findet in Catlin's auf dem Berliner Museum aufbewahrten Oelbildern wie in Möllhausen's Zeichnungen mannichfaltige Befriedigung. Auch hat sie eine werthvolle Arbeit auf dem Felde der Sprachen veranlaßt, welche die Spuren des Azteken-Idioms (nahuatl) auf der Westseite des nördlichen Amerika verfolgt. Professor Buschmann, mein talentvoller, vieljähriger Freund, hat in einem von ihm unternommenen Werke einige vor einem halben Jahrhundert von mir geäußerte Überzeugungen bekräftigt und in Arbeiten, die er gemeinschaftlich einst mit meinem Bruder, Wilhelm von Humboldt, unternommen, seine tiefen Kenntnisse der alten Azteken-Sprache historisch nutzbar gemacht.

Neben dem ethnologischen und historischen Interesse, das sich an den so wenig bekannten Erdraum knüpft, dessen genauere Beschreibung der Gegenstand der nachfolgenden Blätter ist, tritt in gleichem Maße anregend hervor das politische Interesse des allgemeinen Weltverkehrs, wie der Culturverhältnisse des Bodens, welche durch jenen Verkehr mittelbar begünstigt werden. Die reichen atlantischen Staaten, die am Ohio und Mississippi, fühlen sich durch den Lauf der Begebenheiten gedrängt, die geeignetsten Wege nach den neu errungenen und in den mächtigen nordamerikanischen Staatenbund aufgenommenen Küstenländern des Stillen Meeres zu finden. Diese Küstenländer sind reicher, als das Europa gegenüberliegende östliche Litteral, mit sicheren und schönen Häfen, mit Schiffsbauholz und dem gesuchtesten aller Mineralproducte versehen. Die neue Heimath, lange von Mönchen, streng aber friedlich, regiert, und dem einträglichen Fischotter-Fange geöffnet, ist durch ihre natürlichen Verhältnisse und in den Händen einer rastlos thätigen, unternehmenden, intelligenten Bevölkerung berufen, eine wichtige Rolle in dem chinesischen, japanischen und langsam aufkeimenden ost-sibirischen Handel zu spielen.

Wenn zu der Zeit der zweiten Entdeckung von Amerika durch Christoph Columbus Ackerbau, bürgerliche und staatliche Einrichtungen, weite Verbreitung derselben Form des religiösen Cultus: wenn Verkehr, durch Kunststraßen über hohe Gebirge befördert: monumentale Sculpturen, wie große Bauwerke (Tempel, Treppen-Pyramiden, Wohnungen der Fürsten und Befestigungsmittel) sich vom mexikanischen Anahuac bis Chili allein Asien gegenüber, im westlichen Theile des Neuen Continents, fanden: so war der vielfach größere, verhältnißmäßig flachere, von Flußnetzen durchzogene, östliche Theil ein Sitz der Wildheit, von Volksstämmen bewohnt, welche, vereinzelt, selten in Conföderationen zu kriegerischen gemeinsamen Unternehmungen verbunden, sich fast allein vom Jagdleben und Fischfänge ernährten. Dieser sonderbare alte, nach den Weltgegenden zu bezeichnende Contrast der Cultur und Uncultur begann aufgehoben zu werden, seitdem in zwei, durch ein halbes Jahrtausend getrennten Epochen, von dem nördlichsten und südlichsten Theile Europa's aus, das große oceanische Thal überschritten wurde, welches zwei Continente scheidet. Die erste, scandinavisch-isländische Ansiedelung, veranlaßt von Leif, dem Sohne Erik's des Rothen, war schwach, von vorübergehender Art und sittlich fruchtlos gewesen, ohne alle Einwirkung auf den Zustand der Eingeborenen, obgleich die amerikanischen Küsten in der kalten und gemäßigten Zone vom dreiundsiebzigsten Grade (von der kleinen Gruppe der westgrönländischen Weiber-Inseln) bis zu 41 ½ º der Breite von kühnen christlichen Seefahrern besucht wurden.

Erst zu der Zeit der zweiten Entdeckung von Amerika, durch Christoph Columbus, der Entdeckung innerhalb der tropischen Zone, hat sich recht eigentlich eine Erdhälfte der anderen zu offenbaren angefangen. Des Astronomen und Arztes Toscanelli alte Verheißung: buzcar el levante por el poniente, den goldreichen Orient durch eine Schifffahrt nach Westen aufzufinden, wurde erfüllt. Steigt man in der Erinnerung zu den Weltaltern hinauf, in welchen den Culturvölkern, die das Becken des Mittelmeeres umwohnten, durch die Gründung von Tartessus und die wichtige Irrfahrt des Coläus von Samos die gadeirische Pforte, die mittelländische Meerenge, geöffnet wurde: so erkennt man in derselben ostwestlichen Richtung ein unausgesetztes Streben atlantischer Seefahrer nach der jenseitigen Ferne. Die weltgeschichtlichen Begebenheiten, in denen sich ein großer Theil der Menschheit von einer gewissen Gleichmäßigkeit der Tendenz belebt zeigt, bereiten Großes langsam und allmälig, aber um so sicherer, vor; sie entwickeln sich aus einander nach ewigen Gesetzen; ganz wie die, welche walten in der organischen Natur.

Obgleich die Südsee erst sieben Jahre nach dem Tode des Christoph Columbus von dem Gipfel der Sierra de Quarequa auf dem Isthmus von Panama durch Vasco Nuñez de Balboa gesehen, und wenige Tage darauf in einem Canot von Alonzo Martin de Don Benito beschifft wurde, so hatte doch schon Columbus im Jahre 1502, also eilf Jahre vor Balboa, auf der vierten Reise, in welcher er am meisten die Thatkraft seines Geistes erwiesen, im Puerto de Retrete an der Ostküste Veragua's eine genaue Kenntniß von der Existenz der Südsee erhalten. Er bezeichnet in der Carta rarissima vom 7. Julius 1503, in dem Briefe, in welchem er so poetisch seinen großartigen Wundertraum beschreibt, auf das Deutlichste die zwei einander gegenüberliegenden Meere oder, wie der Sohn in der Lebensbeschreibung des Vaters sagt, die gesuchte Verengung (estrecho) des Festlandes.« Dieser ihm durch die Eingeborenen offenbarte Ocean sollte nach seiner Meinung ihn führen nach dem Gold-Chersones des Ptolemäus, nach dem ost-asiatischen Gewürzlande; dahin, wo einst in großer Zahl, durch Chronometer geleitet, nordamerikanische, in San Francisco gebaute Schiffe segeln werden. In einer Zeit, wo Entwürfe zu riesenhaftem Bau sowohl von Eisenbahnen (die geradlinige Entfernung der atlantischen Küste zu der Küste von San Francisco in Californien ist ohngefähr 550 deutsche Meilen), als von oceanischen Canälen: durch den Naipi und Cupica, durch den Atrato und Rio Truando, durch den Huasacualco und den Chimalapa, durch den Rio de San Juan und den See Nicaragua, auf das Lebhafteste den Menschengeist beschäftigen, gedenkt man gern an den ersten kleinen Anfang der Kenntniß vom Stillen Meere, an das, was Columbus auf seinem Todtenbette davon wissen konnte. Der große, schon von seinen Zeitgenossen, wie ich an einem anderen Orte erwiesen, halb vergessene Mann, starb in Valladolid den 20. Mai 1506 in dem festen Glauben, welchen auch noch Amerigo Vespucci bis zu seinem Tode in Sevilla (am 22. Februar 1522) theilte, nur Küsten des Continents von Asien und keines neuen Welttheils entdeckt zu haben. Columbus hielt das Meer, welches den westlichen Theil von Veragua bespült, für dem Gold-Chersones so nahe, daß er das Lagenverhältniß der Provinz Ciguare in West-Veragua zum Puerto Retrete (Puerto Escrivanos) verglich mit dem von »Venedig zu Pisa, oder von Tortosa an der Mündung des Ebro zu Fuenterabia an der Bidassoa in Biscaya;« auch rechnete er von Ciguare bis zum Ganges (Gangues) nur 9 Tagereisen. Sehr beachtungswerth scheint mir dazu noch der Umstand, daß heutiges Tages der Goldreichthum (las minas de la Aurea), welchen die Carta rarissima des Columbus in den östlichen Theil Asiens setzt, in Californien, an der Westküste des Neuen Continents, zu finden ist.

Eine übersichtliche Schilderung dieser Contraste zwischen der Jetzt- und Vorzeit, wie des großen Gewinnes, welchen verständige Durchforschungen der Terra incognita des fernen Westens in dem Gebiete der Vereinigten Staaten der allgemeinen Länderkenntniß noch für viele Jahrzehente werden darbieten können, ist der Hauptzweck dieses Vorwortes gewesen. Es bleibt mir am Schlusse desselben noch die angenehme Pflicht zu erfüllen übrig, den Leser daran zu erinnern, daß der Verfasser des nachfolgenden Reiseberichtes vom Mississippi und Arkansas zu den Ufern des Stillen Meeres den Vortheil gehabt hat, durch eine frühere Reise nach dem Nebraska-Flusse an das Leben unter Indianer-Stämmen lange gewöhnt zu sein. Nachdem er, der Sohn eines preußischen Artillerie-Officiers, den Militairdienst im Vaterlande mit belobenden Zeugnissen seiner Oberen verlassen, ging er, kaum 24 Jahre alt, nach dem westlichen Theile der Vereinigten Staaten: unabhängig, allein; unwiderstehlich getrieben (wie es bei strebsamen und kräftigen Gemüthern vorzugsweise der Fall ist) von einem unbestimmten Hang nach der Ferne, nach dem Anblick einer wilden, freien Natur. Nahe bei den Ufern des Mississippi erhielt er Kunde von dem schönen, vielversprechenden naturhistorischen Unternehmen, das Sr. K. H. der Herzog Paul Wilhelm von Württemberg nach dem Felsengebirge (den Rocky Mountains) eben vorbereitete. Der junge Mann bat um die Erlaubniß, sich diesem Unternehmen anschließen zu dürfen, und erhielt sie auf eine edle, wohlwollende Weise. Die Expedition gelangte ohne Unfall bis in die Gegend des Forts Laramie am Platte-Fluß, als große Unwegsamkeit des Bodens, ein furchtbarer, allgemeines Augenübel erregender Schneefall, wiederholte Raubanfälle der Eingeborenen und das Absterben der so notwendigen Pferde den Herzog für jetzt zum Aufgeben des Unternehmens nöthigten. Von diesem getrennt, aber sich anschließend vorbeiziehenden Ottoe-Indianern, die ihn mit einem Pferde versahen, wandte sich Herr Möllhausen nun nördlicher nach Bellevue, dermalen dem Sitze einer Agentur und Niederlage des Pelzhandels. Nach einem dreimonatlichen Aufenthalte und thätigen Jagdleben bei den Omahas schiffte er den Mississippi herab und hatte die Freude, wieder mit dem Herzog Paul Wilhelm von Württemberg zusammenzutreffen und in mehrfachen Excursionen an der Vermehrung der wichtigen zoologischen Sammlungen dieses Fürsten mit zu arbeiten. Im Jahre 1852 schiffte er sich in New-Orleans nach Europa ein, von dem verdienstvollen preußischen Consul, Herrn Angelrodt, in St. Louis an der Mündung des Missouri, beauftragt, während der Reise für die glückliche Ueberkunft einer Zahl interessanter, dem Berliner zoologischen Garten bestimmter Thiere einige Sorge zu tragen.

Der muthigste Entschluß, mit vermehrten Kenntnissen und vermehrter künstlerischer Ausbildung, wenn gleich mit sehr beschränkten Mitteln, eine zweite Excursion nach dem Westen der nordamerikanischen Freistaaten zu wagen, stand bei Herrn Möllhausen fest. Meinem innigen und vieljährigen Freunde, dem Geh. Medicinalrath und Professor Lichtenstein, verdanke ich die Bekanntschaft des jungen Reisenden. Wie sollte ich, vielleicht der älteste unter den Reisenden dieses Jahrhunderts, der ich mich in frühester Jugend von ähnlicher, unbestimmter Wanderungslust gedrängt fühlte, nicht Interesse für den mir so warm Empfohlenen gewonnen haben? Die Huld des hochherzigen, jedem aufkeimenden Talente gern hülfreichen Monarchen gestattete es, daß Balduin Möllhausen seine sehr ausgezeichneten, physiognomisch wahren Reiseskizzen aus dem Leben der Indianer Ihm persönlich vorlegen durfte. Bei dem wachsenden Wohlwollen, dessen meine Arbeiten und Bestrebungen sich in den Vereinigten Staaten von Nordamerika zu erfreuen haben, bei den edlen Aufopferungen, welche so viele der einzelnen Regierungen dort zur Beförderung des freien geistigen Fortschrittes, besonders in allen Theilen des astronomischen, geographischen und naturhistorischen Wissens machen, durfte ich hoffen, daß Empfehlungen von mir, vereint mit denen eines anderen mir theuren Freundes, des preußischen Gesandten, Herrn von Gerolt, dem Zurückkehrenden bei den obersten Behörden und bei der edeln Smithsonian Institution von ersprießlichem Nutzen sein würden. Unsere Hoffnungen sind bald erfüllt worden. Herr Möllhausen hat selbst im Eingange zu dem Reiseberichte seine Anstellung als Topograph und Zeichner bei der, auch wissenschaftlich wohl ausgerüsteten, Expedition des Lieutenant Whipple erzählt.

Trotz der Mühseligkeiten, die von einem, blos auf dem Landwege eilf Monate dauernden, ernsten Unternehmen unzertrennlich sind, hat der Reisende doch während desselben mehrmals Abhandlungen an die geographische Gesellschaft zu Berlin gesandt, unter denen zwei von allgemeinem Interesse waren. Die eine Abhandlung betraf die Sitten und die Verschiedenheit des Körperbaues der am Großen Colorado und im nahen Gebirge lebenden, wenig bekannten Indianerstämme: der Mohawes, Cutchanas und Cosninos; die andere den sogenannten versteinerten Urwald zwischen der »alten Stadt« (Pueblo de Zuñi) und dem Kleinen Colorado. Dieses merkwürdige Phänomen, in welchem Coniferen mit einigen baumartigen Farren vereinigt sind, ist auch von dem Geologen der Expedition, Herrn Jules Marcou, jetzt Professor an der föderalen polytechnischen Schule zu Zürich, in seiner so überaus lehrreichen »allgemeinen Orographie von Canada und den Vereinigten nordamerikanischen Staaten« beschrieben worden. Der nachfolgende Reisebericht hat durch wissenschaftliche Auszüge aus den gelehrten, bereits gedruckten Arbeiten des Herrn Marcou bereichert werden können. Der Zweck der großen Expedition unter den Befehlen des Lieutenant Whipple ward glücklich erreicht am 23. März 1854 durch die Ankunft an der Küste der Südsee bei dem Hafen San Pedro, nördlich von dem californischen Missionsdorfe San Diego. Die schnelle Rückreise ging von San Francisco über den Isthmus von Panama nach New-York, so daß Herr Möllhausen nach einer Abwesenheit von einem Jahre und fünf Monaten mit seinen Sammlungen aus dem Far West und einer großen Zahl interessanter, im Angesicht der Naturscenen sinnig aufgefaßter, malerischer Entwürfe, in Berlin ankam. Diese Studien hatten sich wieder des aufmunterndsten Beifalles und der huldreichen Anerkennung des Königs zu erfreuen. Sr. Majestät hatten die Gnade, zu beschließen, den jungen Reisenden in Ihre Dienste zu nehmen und als Custos der Bibliotheken in den Schlössern von Potsdam und der Umgebung anzustellen. Seine lebensfrischen Schilderungen der wilden Natur in der Mannichfaltigkeit ihrer Gestaltungen, des Zustandes der Uncultur eingeborener Stämme und der Sitten der Thierarten, erinnern daran, wie in empfänglichen Gemüthern tiefe Gefühle die Sprache veredeln. Was Balduin Möllhausen in einem so vielbewegten Leben, unter mannichfaltigen Entbehrungen, doch Ersatz gewährenden Naturfreuden erfahren, ist für seine geistige Ausbildung nicht verloren gegangen; denn, wie Schiller in so schöner Einfachheit sagt, »der Mensch wächst mit seinen Zwecken.«

Berlin, im Monat März 1857.

I. Auf dem Mississippi.

– Fort Napoleon. – Arkansas River. – Ufer des Arkansas. – Little Rock. – Van Buren.

Wer jemals auf einem der riesenhaften, dabei aber in gleichem Maße prächtig und bequem eingerichteten Mississippidampfer diesen Strom hinuntergefahren ist und Tage lang kein anderes Geräusch vernommen hat als das gleichmäßige Arbeiten der Maschinen, das zeitweise Rasseln der Tafelzurüstungen, und das betäubende Geläute der Tischglocke, mit welcher ein Neger in grinsender Freude über seine Virtuosität auf diesem klangvollen Instrumente zu den verschiedenen Mahlzeiten ruft; wer sich sodann nach schneller Befriedigung des Appetits durch noch schnellere Wahl unter den dicht gedrängten Schüsseln auf die geräumige Gallerie begeben und dort inmitten seiner schweigsamen Gefährten die Erfahrung gemacht hat, daß man sich nirgend und unter keinerlei Verhältnissen mehr vereinsamt fühlen kann, als in der Reisegesellschaft auf Flüssen: wer also in dieser Weise auf sich selbst und seine Beobachtungen angewiesen den Mississippi hinuntergefahren ist, in dem regte sich auch sicherlich oftmals ein lebhaftes Verlangen, in das Geheimniß der dunklen Wälder eindringen zu können, die wie das lebendigste und bilderreichste Panorama zu beiden Ufern seinen Weg begleiten; bald einer Schonung nicht unähnlich als niederes Holz, bald als der eigentliche mächtige Urwald, über welchen wieder einzelne Hickory (Juglans tomentosa Mich.) und Sykomoren (Platanus occidentalis Willd.) von der erstaunlichen Höhe, wie sie nur die Neue Welt kennt, emporragen. Doch unaufhaltsam wird man weiter getragen, und – während der Blick noch entzückt an einer malerischen Gruppe im dichten Walde, mit seinen weitverzweigt über den Strom schattenden Weiden (Cottenwood – Populus angulata) oder den zahlreichen Inseln und Inselchen haftet, die dem Mississippi, trotz der Niedrigkeit seines Thales unterhalb St. Louis, eine so überaus anziehende Abwechselung verleihen, gleitet, man schnell an der Mündung eines Nebenflüßchens vorbei, an der ein einsames Blockhaus aus dem bergenden Gebüsch herausschimmert, neue Aufmerksamkeit erheischt und nach einem flüchtig gebotenen Anblick bereits wieder weit hinter dem schnaubenden Dampfer zurückgeblieben ist. Man ist überhaupt oft in Versuchung, dem hölzernen Bau eine Art neidischer Eigenwilligkeit beizumessen, mit solcher Absichtlichkeit scheint er förmlich einzelnen schönen Punkten aus dem Wege zu gehen, indem er theilnahmlos den Windungen des Hauptcanals folgt, bald das eine oder das andere Ufer sucht, bald zwischen beiden die Mitte hält, ohne sich im entferntesten um schöne Aussichten und malerische Gruppen zu kümmern. Ebenso wenig stören ihn in seinem Gange die Flöße des Treibholzes, die langsam vor ihm hintreiben und die er jeden Augenblick einholt. Prasselnd zieht der Dampf durch den Schlot, schnaubend und stöhnend jagt er die trägen Schwimmer aus einander oder verfolgt über dieselben hinweg ruhig seine Straße, gleich als ob ihm schon von seinen Baumeistern genug Verstand mitgetheilt worden sei, um zu wissen, daß der vortheilhasteste Weg der ist, welcher über die Schultern der Anderen führt und am wenigsten Zeit erfordert, die ja nach amerikanischer Geschäftsweisheit nicht allein Geld, sondern sogar besser ist als solches.

Dieses sind die beiden Hauptlehren für einen großen Theil des amerikanischen Verkehrlebens, sie drehen sich um die gemeinsame Are des »Geldmachens,« dieses beständigen Leiters und Begleiters für jeden ächten Geschäftsmann, der, mag er thun und treiben was er wolle, doch nie die kleine Frage außer Augen läßt, was er dabei wohl verdienen könne. Man braucht sich nur auf dem Deck des Dampfbootes umzuschauen, um die Richtigkeit solcher Behauptung einzusehen. Was geht in der Seele jenes jungen Mannes vor, der, den Kopf und Rücken auf zwei neben einander gestellten Stühlen wiegend, die Füße hoch über die Gallerie hinausgestreckt, seine Blicke anscheinend so träumerisch und tiefversunken bald auf den herrlichen Wäldern, bald auf dem prächtigen Strom haften läßt? Die eben beschriebene Stellung, obgleich zu solchem Zweck etwas eigenthümlich gewählt, würde ihrem Inhaber dennoch erlauben, sich nach Herzenslust an den Schönheiten der Natur zu erfreuen; aber, welch ein Irrthum! – der junge Mann berechnet eben, wie viel Pferdekraft wohl die Wassermassen vor ihm bieten würden, um in einem so und so hohen Sturz bei Anlage einer ungeheuren Wassermühle die Dampfmaschine zu ersetzen; und wie viel wohl dieser ganze herrliche Wald, zu Brennholz geschlagen, auf dem Markte zu New-York werth sein würde! Dieser junge Mann repräsentirt die ganze eben zur Selbstständigkeit gelangte amerikanische Jugend, die überall Wege finden will, mit möglichst wenigem Zeitaufwande möglichst große Reichthümer zu erlangen. Der ernste speculirende Mann dagegen wendet sein Auge ab von Gegenständen, die ihm keinen Vortheil bringen, sondern höchstens nur ihn zerstreuen können, wiegt sich nachlässig auf seinem Stuhle hin und her, kaut seinen Tabak, schnitzt anscheinend gedankenlos und müssig an einem Stückchen Holz, und fährt, sobald dasselbe verschnitzt ist, rücksichtslos an der Stuhllehne fort. Er denkt dabei aber weder an Tabak noch an Stuhllehne, sondern nur an die vielen Hunderte und Tausende, die ihm dieses oder jenes Geschäft einbringen könnte, und die Beschäftigung, der er sich auf eine anscheinend so emsige Weise hingegeben hat, dient einzig nur dazu, seinen Blick den Augen der mit ihm handelnden Gefährten zu entziehen, damit auch nicht durch die kleinste Bewegung seine Gefühle sich verrathen und nachtheilig auf einen vortheilhaften Handel einwirken können.

Dieser bei einem großen Theile der Nation fast gänzliche Mangel an Sinn für die Schönheiten der Natur ist dem Europäer ebenso unbegreiflich, wie dem Amerikaner die laute Begeisterung der Europäer bei einem derartigen erhabenen Anblicke spaßhaft dünkt. Wer übrigens durchaus wünscht, diesen oder jenen reizenden Punkt genauer in Augenschein zu nehmen, oder im Schatten der dunklen Ufer zu lustwandeln, dem steht es frei, sich an einer beliebigen Stelle an's Land setzen zu lassen, da die Mississippidampfer einen so geringen Tiefgang haben, daß sie überall an's Ufer zu stoßen vermögen; aber gewartet wird auf Niemand, das Boot setzt seinen Weg ruhig fort und überläßt den Naturbewunderer seinem Entzücken und dem demnächstigen Erwachen zu einer Wirklichkeit, der das Rascheln einer flüchtigen Schlange und der leise Gesang der Mosquito-Schwärme alle Poesie zu benehmen im Stande ist. Selbst da, wo Holz eingenommen wird, hat der das letzte Stück herantragende Arbeiter oft einen kühnen Sprung zu wagen, um noch den Dampfer zu erreichen, der sich in seiner Ungeduld bereits wieder in Bewegung setzte. Es ist daher sehr rathsam, etwaige Forschungen auf einer solchen Reise nicht zu weit ausdehnen und zu genau anstellen zu wollen, sondern mit demjenigen zufrieden zu sein, was man vom Schiffe aus mit den Blicken erreichen kann, wenn es gleich zuweilen schwer fallen mag, sich von einem schönen Punkte so schnell wieder trennen zu müssen.

Hat der hölzerne Renner in dieser Weise die Stelle erreicht, wo der Arkansas sein röthlich gefärbtes Wasser dem Mississippi als treuen Begleiter bis an den Golf von Mexico übergiebt, so scheidet der Reisende, der den fernen Westen aufsuchen will, unbeschwerten Herzens, aber auch ohne schwere Herzen zu hinterlassen, von seiner bisherigen Reisegesellschaft, um auf dem Arkansas sein viele hundert Meilen entferntes Ziel weiter zu verfolgen. Einige abgedankte alte Dampfer bilden nicht nur die Landungsplätze bei dem an der Mündung dieses Flusses gelegenen Städtchen Fort Napoleon, sondern dienen zugleich auch als Waarenhäuser und Gasthöfe. Die Güter werden in aller Eile hinübergeschafft, die Reisenden springen nach, der Steuermann zieht von seinem Thurme herab an den verschiedenen Klingelzügen, die zwischen ihm und den Maschinisten vermitteln, die Signalglocke ertönt, die Räder beginnen, das eine rechts das andere links herum zu arbeiten, das Boot neigt sich auf die Seite, beschreibt einen durch weißen Schaum bezeichneten Bogen, und eilt stolz und majestätisch seiner Endstation New-Orleans zu, ohne eine andere Spur hinter sich zu lassen, als das zu hohen Wellen aufgewühlte Wasser, das geraume Zeit gebraucht, um sich wieder zu beruhigen.

Das flach gelegene Fort Napoleon hat einer so wunderreichen Natur gegenüber für den Reisenden nichts Einladendes, und wehe ihm, wenn er in den heißen Sommermonaten gezwungen ist, in Fort Napoleon oder dessen Werftbooten einen längeren Aufenthalt zu nehmen. Dann ist die Hitze in dieser sumpfigen Gegend in hohem Grade unerträglich und die kühleren Abend- und Morgenstunden, die sich am ehesten für Spaziergänge und Geschäfte eigneten, muß man zur Ruhe verwenden, denn schwer ist es, während der Nacht die Augen zu einem wirklich erquickenden Schlummer zu schließen. Man sucht sein Lager, dessen Flornetz vor der leidigen Plage dieser Gegenden, den Mosquitos, Schutz gewähren soll; man hat der nächtlichen Kühle Thüren und Fenster geöffnet, ein leichter erquickender Hauch weht durch die Gemächer. Aber ach! auch ein Mosquito-Netz hat seine zwei Seiten, es schützt vor jenen grimmigen Blutsaugern, wehrt aber zu gleicher Zeit dem kühlenden Lüftchen und läßt es nicht bis an den schlafsuchenden Müden gelangen; ungeduldig wälzt sich derselbe in der erstickenden Hitze des kleinen Raumes, in welchem er eingeschlossen ist, hin und her, bis er endlich, von Müdigkeit übermannt, auch wirklich die Augen zu einem leisen Halbschlummer schließt. Inzwischen ist aber der Mosquito auch nicht müssig gewesen: er hat sich das Netz rings durchforscht und die Möglichkeit entdeckt, durch eine etwas weitere Masche zu dem Menschen durchzuschlüpfen, der ihm in dem freien Amerika die freie Passage versperren will. Er giebt dann durch eintönigen, bald leis und leiser verschwindenden, bald wieder in unmittelbarster Nähe des Ohres vernehmbaren Gesang seine quälende Gegenwart kund. Das Unheil vermehrt sich bald. Ein zweiter Mosquito hat denselben Durchgang entdeckt, die Sache wird bekannter, und in kurzer Zeit sammelt sich im Inneren des Netzes ein ganzer wohlbesetzter Chor von blutgierigen Dilettanten an. Der Gemarterte sieht zähneknirschend die Unmöglichkeit ein, sich mit seinen Angreifern auf gütlichem oder gewaltsamen Wege auseinanderzusetzen, er schleudert das keinen Schutz gewährende Netz von sich und giebt sich ihnen ganz hin, um wenigstens die Kühle der Nacht genießen zu können. Am Morgen endlich erbarmt sich ein unruhiger Schlaf seiner Erschöpfung, er erwacht bei hoher Sonne, und hat für sein verschwollenes Gesicht wenigstens die Genugthuung, daß er an seinen Quälern, die in Folge des übermäßigen Genusses den rechtzeitigen Rückzug versäumten, seine üble Laune auslassen kann.

Es ist daher eine wonnige Nachricht für den harrenden Reisenden, wenn ihm die Abfahrtsstunde des kleinen Propellers angekündigt wird, der ihn in die fernen westlichen Gegenden bringen soll. Freilich hat er die eigentlichen Mosquito-Regionen noch zu durchreisen, doch halten die Schnelligkeit des kleinen Dampfers, der Tag und Nacht unausgesetzt seinem Ziele zueilt, und der dadurch auf demselben entstehende fortwährende bedeutende Luftzug das Boot von dergleichen Plagen frei.

Als ich am 12. Juni 1853 in Fort Napoleon landete, traf ich daselbst mit mehreren Mitgliedern von Lieut. Whipple's Expedition zusammen, die ebenfalls auf Reisegelegenheit nach Fort Smith harrten. Natürlich schloß ich mich ihrer Gesellschaft an, doch mußten wir noch zwei Tage warten, ehe der Capitain des Arkansas-Dampfbootes die Anzahl der gemeldeten Passagiere groß genug fand, um ihretwegen die Fahrt anzutreten. Am 15. Juni gelangten wir endlich gegen Abend in die Einmündung des Arkansas und folgten nun diesem Flusse aufwärts gegen Westen. Der Arkansas ist in mehr als einer Hinsicht interessant. Am überraschendsten ist dem Reisenden die merkwürdige Schnelligkeit, mit welcher der Fluß seinen Wasserstand wechselt. Man kann gestern noch die lehmigen Ufer weit über den Spiegel emporragen gesehen haben und findet heute schon Alles in vollkommen veränderter Gestalt wieder; das Wasser, welches eine dunklere röthliche Farbe angenommen, netzt die Wurzeln und theilweise den Stamm der den Strom einfassenden Bäume und schießt mit entfesselter Gewalt dahin, indem es hier mächtige Haufen von Treibholz ( snags) zusammenträgt, dort derartige hölzerne Barricaden, an deren Aufbau er Jahre lang zu arbeiten hatte, wieder zerreißt und weiter führt; hier einen abgestorbenen Stamm, von dem man gestern wähnte, die Fluthen würden ihn nie erreichen, gierig unterwühlt, dort einen bereits halb entwurzelten Baum in gewaltigem Andrang umknickt, um ihn als eine Art Tribut dem Mississippi zu übergeben. Doch nach kurzer Zeit schon deutet die Abnahme des Treibholzes auf das Zurücktreten und Sinken der Gewässer. Die Ufer tauchen wieder empor und nach Verlauf weniger Stunden bedarf das Boot einer vorsichtigen Hand, um zahlreiche Untiefen und jene so gefährlichen Holzklippen vermeiden zu können, die, unter der Oberfläche verborgen, nur durch die Wirbel und Strudel in ihrer Nähe die drohende Gefahr verrathen.

Von seiner Mündung bis nach Little Rock, der Hauptstadt des Staates Arkansas, haben die Ufer des Stromes, der diesem Staate den Namen gegeben hat, durchgängig denselben imposanten Charakter. Auf dieser Strecke von ungefähr 80 deutschen Meilen ist der Urwald in seiner ganzen Ueppigkeit und Pracht, mit allen seinen Wundern und allen den Schauern, die der Reisende aus den Beschreibungen eines Cooper und Irving ahnt, der beständige Begleiter des Arkansas-Flusses.

Es giebt keine Feder, die dieses wunderbare, seit Jahrtausenden noch unberührte Werk einer üppig verschwenderischen Schöpfung in seiner erhabenen Ruhe und großartigen Majestät würdig genug zu beschreiben im Stande wäre. Wer vermöchte allein die Legionen von Gräsern und Kräutern, von Sträuchern und Schlinggewächsen aufzuzählen, deren farbige Blüthenpracht ohne Wahl und im buntesten Durcheinander vor dem entzückten Auge flimmert? Wer könnte alle die verschiedenen Baumarten namhaft machen, die sich hier familienweise zusammendrängen, und deren mannigfaltiges, vom hellsten bis zum tiefdunklen Grün absteigendes Laub, dem Walde die prachtvollste und vollständigste aller Schattirungen malerisch verleiht? Alte graubemooste, vielleicht tausendjährige Stämme heben ihre weit überdachenden Kronen hoch über das undurchdringliche Unterholz, so stolz, so frisch und jugendgrün wie ihre schlanken Nachkommen, die erst unlängst aus ihrem Saamen emporsproßten und unter dem Schutz ihrer ehrwürdigen Erzeuger auch bereits zu ansehnlicher Höhe aufstiegen.

Die ersten Ansiedler scheuten sich vor dieser fast undurchdringlichen Wildniß, vermieden thierreiche Waldung und Moorboden, und selten nur verräth eine kleine Klärung die Anwesenheit oder Nachbarschaft von Menschen; der Schall der Axt ist hier eben so selten wie das Stöhnen des Dampfers, und Neugierde nimmt hier noch die Stelle der Furcht ein. Der Hirsch sieht verwunderungsvoll und ohne zu entfliehen, den großen Ruhestörer an sich vorüberschwimmen, der Papagei klettert plaudernd von Zweig zu Zweig, der Truthahn reckt seinen blauen Kopf durch das Laub, um eine bessere Aussicht auf ein so neues Schauspiel genießen zu können, und der sich im Wasser abkühlende schwarze Bär richtet sich auf die Hinterfüße auf, mißtrauisch bald nach dem schwimmenden Ungethüm, bald nach dem zurückbleibenden langen Rauchstreifen hinüberschauend. Die hohen Wellen, die ihn endlich erreichen, stören ihn in seinem Sinnen, er schüttelt seinen zotligen Pelz und trabt verdrossen brummend ins Dickicht. Der Ansiedler des Westens fühlte sich bewogen, diese furchtbar prächtige Natur einstweilen noch hinter sich liegen zu lassen, um sich erst dort, wo ihm die Felsen, denen er jenseits des Waldes begegnete, ein Ansteigen des Landes bekundeten, eine neue Heimath zu begründen.

(Anmerkung 1) Westlich vom Mississippi und vor Erreichung der Felsengebirge findet man in den Ebenen und Prairien der südlichen Regionen fünf abgesonderte Gruppen, die ziemlich weit von einander entfernt sind, und aus Granit, Quarz und talkigem Schiefer (schistes talqueux) gebildet sind. Diese Massen haben nichts mit dem Ozark-Gebirge gemein, und obgleich drei von diesen in denselben Regionen liegen, kreuzen sie die Bruchlinien (lignes de brisements) dieses Bergsystemes, dessen Richtung durchaus verschieden ist und welches einer anderen Verlegungsepoche angehört. Die nördlichste dieser Massen befindet sich in dem südwestlichsten Theile des Staates Missouri, bei Potosi und Perryville, wo ein Theil derselben unter dem Namen »Eisenberg« (Iron Mount) bekannt ist. Drei dieser abgesonderten Gruppen liegen auf einer ebenfalls von Osten nach Westen laufenden Linie. Die erste in der Nähe von Little Rock erstreckt sich bis zum Hot Spring und Sulphur Spring im Staate Arkansas; die zweite von geringem Umfang liegt in den Ländern der Chickasaw Indianer, östlich vom Fort Washita; die dritte endlich, welche durch ihre Ausdehnung und ihre Erhebung über dem Meeresspiegel (einige Gipfel übersteigen 3000 Fuß) die bedeutendste ist, ist bekannt unter dem Namen der Witchita Gebirge. Dieses letztere Gebirge nimmt die Ländereien zwischen dem Nordarme des rothen Flusses und dem False Washita-Flusse ein, und dient den Cheetaw- und Comanche-Indianern als Grenze. Da es sich in der Mitte der Prairie erhebt, so bildet es eine ausgezeichnete Landmarke für die Reisenden, welche diese weiten Oeden durchziehen. Die fünfte dieser Granitmassen und zu gleicher Zeit die südlichste, ist durch Mr. Ferdinand Römer bezeichnet worden, der in Texas zwischen den Flüssen Llano und San Saba, nicht weit von Fredericksburg auf dieselbe gestoßen ist.

(Jul. Marcou, Résumé explicatif d'une carte géolog. des États Unis. etc. S. 107.)

Alle Anmerkungen über die geologische Bildung der in diesem Buche beschriebenen Territorien von Mr. Jules Marcou sind wiederzufinden in dem Report of Captain Whipple, indem dieser einen vollständigen Bericht des Mr. Marcou, der als Geologe der Expedition angehörte, seinem Report beigefügt hat.

Dort fällte er den Baum zu seinem Blockhause; dort riß er den Schooß der Erde auf, um die Triebkraft eines üppigen Bodens, der bisher nur gleichsam seiner eigenen Laune gehorcht hatte, von nun an auf bestimmte Producte anzuweisen, wie sie der Nutzen und das Bedürfniß des neuen Herrn erheischte; dort sprengte und meißelte er später die Steine zum Gouvernementshause, nachdem das Territorium von Arkansas, durch alle Vortheile der Natur und der Verhältnisse begünstigt, zu einer hinreichenden Bevölkerung und Blüthe gelangt war, um sich als neuer Staat in die Union aufnehmen zu lassen.

Einen nicht geringen Theil seines schnellen Aufschwunges verdankt Little Rock den heißen schwefelhaltigen Quellen, die südlich von diesem Ort entdeckt wurden, und über deren fast fabelhafte Heilkraft bald in allen Zeitungen die abenteuerlichsten und übertriebensten Berichte zu lesen waren. In großer Zahl langten auch bald aus allen Theilen der Union Lahme, Blinde und Sieche an, welche die hier so liberal versprochene Genesung suchten und, weniger durch Verdienst irgend eines improvisirten Heilkünstlers als durch die Gunst des gesunden Klimas und durch die Wohlthätigkeit der Wasser, auch theilweise wirklich fanden. Selbst Kranke sind willkommen, um den Ruf einer neu angelegten Stadt begründen, neue Kolonisten anziehen und den Werth des Grundbesitzes vervielfachen zu helfen.

Auf diese Weise breitet sich die Civilisation mehr und mehr nach Westen hin aus und bemüht sich die Reichthümer des Landes kennen zu lernen, die sie einstweilen noch unbenutzt liegen lassen muß, bis die Zeit einer lohnenden Ausbeute anhebt. Und wie lange wird es dauern, bis die unerschöpflichen, oberhalb Little Rock bei dem Berge Petit Jean beginnenden Steinkohlenlager angebrochen, und die Locomotive heizen werden, welche in nicht so sehr ferner Zeit beide Weltmeere mit einander verbinden soll?

(Anmerkung 2) Doctor Shumard in Fort Smith hat den Kohlenkalk (calcaire carbonifère) in der Grafschaft Washington, Staat Arkansas, bezeichnet und beschrieben. Es ist ein blauer oder dunkelgrauer Kalkstein, der eine große Anzahl von Fossilien enthält, welche alle die untere Kohlenformation des Mississippi-Thales characterisiren. Es ist wahrscheinlich, daß diese Formation noch an mehreren Punkten von Arkansas gefunden werden wird. Ich habe sie bei Shawnee Town wiedererkannt, in den westlichen Prairien, wo sie den Delaware Mount bildet, indem sie sich auf dem rechten Ufer des Canadian-Flusses erhebt. Die Fossilien, die ich auf dem Delaware-Berge sammelte, sind: ein neuer Productus, abgebildet von M. Hall in dem Rapport des Capitain Stansbury, unter dem falschen Namen Orthis Umbraculum; dann ein wirklicher Orthis, ebenfalls neu und mit zahlreichen Röhren von Crinoïden (tiges des Crinoïdes).

(Marcou a. a. 0. S. 39. – Randolph B. Marcy: Report of the Red River of Louisiana. Append. D. S. 106 und 179.)

Dem Reisenden wird dann nur noch ein kurzer Blick auf die in geologischer Beziehung so interessanten Dardanel- und Bee-Rocks gestattet sein, an denen ihn jetzt das Dampfschiff mit so großer Eilfertigkeit vorüberträgt. Ersterer besteht aus einer mächtigen Sandstein-Niederlage von fünf Schichten, deren jede sechs Fuß in der Dicke mißt, und die in ihrer ursprünglichen Höhe nur bis zum Spiegel des Arkansas reichte. Durch eine Erderschütterung ist das Sandstein-Flötz an dieser Stelle gesprengt und in die Höhe getrieben worden. Während nun das westliche Ende desselben tief im Boden wurzelt, neigt sich das andere, einer gewaltigen Säule nicht unähnlich, in einem Winkel von 45 Grad gegen Osten. Auf seiner Kuppe, in einer Höhe von 75 Fuß, zeigt der Felsen die Ueberreste eines einstmals hohen Baumes, der von den Indianern auf ihren Kriegszügen als Wartthurm benutzt wurde.

Weiter aufwärts vom Dardanel-Rock folgen die Bee-Rocks (Bienen-Felsen), eine Reihe steilabschüssiger Wände, deren Ritzen und Gangklüfte vielleicht seit Jahrtausenden schon als Aufenthaltsort und Sammelplatz ungeheurer Schwärme wilder Bienen dienten, die auch der ganzen Felskette den Namen gaben. Wenige Meilen hinter den Bee-Rocks öffnet sich das Thal des Arkansas etwas, um die aufblühende Stadt Van Buren dem Reisenden vor Augen zu führen, einen Ort, der ebenso sehr durch seine Freundlichkeit, wie durch seine Einsamkeit in diesen wilden Regionen überrascht.

Vier Meilen aufwärts von Van Buren, bei dem auf dem rechten Ufer gelegenen Städtchen Fort Smith, tritt der Strom endlich aus dem Gebiete der Vereinigten Staaten hinaus und in das Indianer-Territorium ein. Das eigentliche Fort, unter dessen Schutze die gleichnamige Stadt gedieh, liegt bereits auf dem Gebiete der Choctaw-Indianer. Gleich oberhalb des Forts mündet der Poteau in den Arkansas, und verleiht der Ansiedelung nicht nur einen überaus reizenden Anblick, sondern auch, da dieselbe auf dem östlichen Winkel, den der kleinere Fluß mit dem Arkansas bildet, angelegt ist, eine sehr vortheilhafte Lage.

II. Fort Smith.

– Ausrüstung der Expedition. – Lagerleben bei Fort Smith. – Bill Spaniard. – Bändigen der Maulthiere.

In Fort Smith, das wie jede Stadt in Amerika kaum entstanden zu sein brauchte, um sofort auf Eisenbahnverbindungen zu sinnen, ward dieses Eisenbahnfieber im Sommer des Jahres 1853 auf seinen Höhepunkt gebracht, als in der Expedition unter dem Commando des Lieut. Whipple eine kleine Schaar von Leuten hier eintraf, die auf ein nicht geringeres Unternehmen auszog, als zwischen diesem Punkte und Pueblo de los Angeles am stillen Ocean eine Straße aufzufinden, auf welcher in Zukunft die schnaubende Locomotive furchtlos durch die Territorien der feindlichsten Indianer dringen, zwischen den beiden Weltmeeren vermitteln und die Goldminen Californiens näher bringen sollte.

Lange schon hatte man in allen westlichen Ansiedelungen die Anlage einer Eisenbahn nach dem stillen Ocean zum Gegenstand der Unterhaltung und sogar ernster Berathungen gemacht. Auch hatte keine der vielen kleinen Städte versäumt, in den Zeitungen die erschöpfendsten Beweise dafür beizubringen, daß der Weg schlechterdings durch ihre Marken zu legen sei, wenn man durch die Vortheile einer guten Steinkohle, eines sehr empfehlenswerthen Holzmaterials und eines sich durchaus gut eignenden Wassers unterstützt werden wolle. Seit geraumer Zeit waren Rathsversammlungen deshalb gehalten, Beschlüsse gefaßt, Deputationen von Colonie zu Colonie geschickt, die Ansichten mit Hartnäckigkeit verfochten und die Beweise nicht selten durch einiges Boxen bekräftigt worden, als endlich die Regierung der Vereinigten Staaten drei Expeditionen ausrüstete, die unter Leitung von Ingenieur-Officieren und mit angemessener militairischer Bedeckung auf verschiedenen Wegen das Land durchziehen und die günstigste Möglichkeit für die Anlage dieses Riesenwerkes aufsuchen sollten.

Die südlichste Expedition, zu der ich gehörte, hatte den 35. Grad nördlicher Breite zu verfolgen und ihre Arbeiten von Fort Smith aus zu beginnen. Endlich war man zu den geeignetsten Mitteln geschritten und hatte den Vorstellungen der kleinen Stadt Fort Smith, die berührt sein wollte, nachgegeben. Die Ausführer des ersehnten Unternehmens waren bereits in Gestalt von Geologen, Feldmessern, Botanikern, Astronomen und Zeichnern, zwölf Personen im Ganzen erschienen; sie waren da mit Sack und Pack, Wagen und Geschirren, Instrumenten und Provisionen, nur fehlte es noch zur großen Befriedigung der Einwohner an Maulthieren und Arbeitern, zwei Artikeln, die sogleich mit der größten Bereitwilligkeit angeboten wurden, erstere gegen gute Bezahlung, letztere umsonst, und wo möglich noch mit den besten Empfehlungen begleitet. Die Ansiedelung liegt nämlich zu weit westlich, als daß sich ihr oft Gelegenheit darbieten sollte, überflüssige Maulthiere und unbeschäftigte Arbeiter los zu werden.

Die Maulthiere in dortiger Gegend sind theurer als anderswo und größtentheils noch ungebändigt, doch unentbehrlich zu einer Reise durch die endlosen Steppen des Westens, da sie mit einem gedrungenen markigen Bau die unverwüstlichste Ausdauer verbinden. Was die Arbeiter betrifft, so findet man dort unter dieser Menschenrasse nur handfeste, trotzige Bursche, die, wenn sie gleich meist wild und von geringem moralischen Werthe sind, rege Hand anzulegen verstehen, wenn es ihr eigenes Interesse erfordert, Leute, welche die Gefahren einer solchen Reise erkennen und für ihre und ihrer Gefährten Haut zu fechten wissen.

Der längere Aufenthalt, den die mannigfaltigen Vorbereitungen für eine so langwierige Reise in Fort Smith nöthig machten, wurde von unserer jungen lebenslustigen Schaar dazu angewendet, an der Grenze der Civilisation zu guterletzt noch einmal in vollem Maße alle die Freuden und Annehmlichkeiten zu genießen, denen wir nun so bald und auf so lange Zeit entsagen sollten. Die Einwohner des Städtchens fanden dadurch Gelegenheit, einerseits von ihren Gästen noch manchen pecuniären Vortheil zu ziehen, andererseits sich auch als freundliche Wirthe zu zeigen, die allein schon wegen ihrer Liebenswürdigkeit einen Bahnhof in ihrer Nähe zu haben verdienten. Da sie überdies die Leute, die ihnen zu einer Eisenbahn verhelfen sollten, bei guter Laune und frischem Muth erhalten zu müssen glaubten, so wurden wir mit Lobeserhebungen und Schmeicheleien überschüttet; es wurden Bälle gegeben und Feste gefeiert, welchen Vergnügungen wir uns mit aller Ausgelassenheit und Sorglosigkeit hingaben.

Bei einem Mr. Rogers, der früher Major in der Miliz gewesen und jetzt als Gasthofsbesitzer und Hauptautorität in Fort Emith auf seinen Lorbeeren ruht, hatten wir uns einquartirt, und fühlten uns unter dem schattigen Dache des alten gemüthlichen Herrn für den Kostpreis von zwei Dollar täglich für den Kopf überaus zufrieden und glücklich. Sobald der Abend gekommen, und die tropische Hitze des Tages einer erquickenden Kühle gewichen war, konnte man die Gesellschaft in der einfach und bequem eingerichteten kühlen Trinkstube lachend und scherzend um den alten Herrn versammelt sehen, der gern auf ihre Späße einging, von manchen harten Scharmützeln erzählte, die er in früheren Tagen mit feindlichen Indianern zu bestehen gehabt hatte, und der die jungen Leute wiederholt zur Energie und Ausdauer in den ihnen bevorstehenden Arbeiten ermahnte. »Meine Jungen ( my boys),« sagte er, »Ihr habt eine lange und gefahrvolle Reise vor Euch, aber seid unverdrossen! Ihr müßt durchaus eine geeignete Straße für den Schienenweg nach Californien finden. Und wenn Ihr eine solche gefunden habt, so vergeßt nicht, daß Ihr nicht ohne Freunde in Fort Smith seid, die sich für Eure Mühe erkenntlich zeigen werden! Kommt dann nur hierher zurück, ich habe noch sehr viel Land übrig, das durch die Eisenbahn einen tausendfachen Werth erhält, und werde jedem von Euch in der Stadt einen Bauplatz schenken, den Ihr Euch selber aussuchen könnt, wenn Ihr Bürger unserer dann erst recht aufblühenden Stadt werden wollt.«

Alle nahmen das wohlgemeinte Anerbieten des alten Herrn mit lautem Jubel entgegen, verpflichteten sich, einen Eisenbahnweg zu finden, und wenn sie über Legionen von Chimborasso's und Niagara's zu klettern und zu schwimmen hätten, tranken in ausgelassener Fröhlichkeit auf eine glückliche Reise, auf die Eisenbahn, auf Fort Smith, auf den alten Major, auf ihr neu erworbenes Bürgerthum, und wählten sich in ihrem Uebermuthe je nach ihren Neigungen und Eigenthümlichkeiten im Voraus ihre Baustellen aus. Ein junger Mann aus New-York speculirte gut, er ersah sich den Platz neben dem dereinstigen Bahnhofe, um in einer gut eingerichteten Restauration die zurückkehrenden Californier für kostbares Erz und Goldstaub recht freundlich zu bewirthen; ein Franzose erkor sich einen nahe bei der Stadt gelegenen Hügel, der sich vorzüglich zum Weinbau eignete, und kelterte bereits in Gedanken Burgunder und Champagner; zur Linken neben der Trinkstube des Majors legte ein Irländer eine große Brennerei an, und zur Rechten derselben prunkte das Luftschloß eines Deutschen, der sich in Gedanken eben eine Brauerei darin eingerichtet hatte und seine Freunde mit köstlichem bairischen Biere bewirthete.

Der Major erklärte sich mit den getroffenen Wahlen durchaus einverstanden, und bis in die späte Nacht hinein dauerte die laute Fröhlichkeit; die Gläser klirrten, Hurrahs erschallten und die rasselnden Klänge eines schnell zusammengesetzten Orchesters wurden noch durch unsere Stimmen übertönt. Die Pausen füllten Rundgesänge und Volkslieder der verschiedensten Nationen aus, doch es war dem Deutschen eine hohe Genugthuung, zu bemerken, welchen tiefen Eindruck die einfachen und gemüthlichen Weisen: »In einem kühlen Grunde« und »Ich weiß nicht, was soll es bedeuten«, selbst an den Grenzen der Civilisation, im fernen, fremden Lande hervorzurufen vermochten.

Aber die lustigen, kühlen Nächte von Fort Smith sollten ein baldiges Ende erreichen. Einestheils um uns im Voraus mit dem Lagerleben vertraut zu machen, anderntheils, um auf praktischem Wege die etwaigen Mängel der Ausrüstung entdecken und, so lange es Zeit und Ort noch gestatteten, beseitigen zu können, entschlossen wir uns, ein kleines Lager zu beziehen, welches zu diesem Zwecke in der Nähe des Fort in einer Lichtung des Waldes aufgeschlagen war, und durch die überhängenden laubigen Bäume den größten Theil des Tages hindurch vor der sengenden Sonnengluth geschützt war. Mit Einschluß einer unter dem Commando des Lieutenant Johns stehenden Escorte von Infanterie waren es siebenzig und einige Personen, die sich im Lager zusammengefunden hatten. Die ganze Expedition ward von dem Ingenieur-Lieutenant Whipple geleitet, einem Manne, der sich schon früher bei ähnlichen Unternehmungen ausgezeichnet hatte, und mit seinen besonderen Fähigkeiten ein überaus liebenswürdiges und vertrauenerweckendes Wesen verband.

Nur kurze Zeit dauerte es, und jeder war in dieser neuen Lebensweise zu Hause; ehe noch der Reiz der Neuheit geschwunden, war bereits die Gewohnheit eingetreten und verdeckte schonend die kleinen und großen Unbequemlichkeiten mancherlei Art, die von einem Leben unter freiem Himmel unzertrennbar sind. Es ruht sich sanft auf der harten Erde, und Skorpione wie Taranteln verlieren ihre Schrecken, wenn man kein anderes Lager finden kann. Die Hitze erscheint nicht mehr so unerträglich, wenn man unfähig ist sich ihr zu entziehen; der Regen kann nicht weiter als bis auf die Haut dringen, wenn die Kleidungsstücke zum Wechseln mangeln, und geröstetes Fleisch und schwarzer Kaffee mit Ahornzucker schmecken vortrefflich, wenn nichts Anderes zu erwarten ist. Zwischen den Mitgliedern unserer Gesellschaft war in kurzer Zeit ein freundliches, ja brüderliches Verhältniß eingetreten, obgleich dieselbe aus Leuten mancher Herren Länder zusammengewürfelt war und aus den verschiedenartigsten Elementen bestand. Es waren nicht die vergnügten Nächte von Fort Smith, die ein solches Verhältnis, herzustellen vermocht hätten, auch nicht der Wein, der die Herzen erfreut und öffnet, es war der Gedanke, Monate, vielleicht Jahre lang Einer auf den Andern angewiesen zu sein, und das stillschweigende Einverständniß, sich die gemeinsamen Gefahren und Mühseligkeiten einer Reise in den endlosen Einöden des fernen Westens durch ein herzliches Einvernehmen und gegenseitiges Rathen und Helfen erleichtern zu wollen.

So konnte man die Gesellschaft alle Morgen fröhlich und wohlgemuth das friedliche Lager verlassen sehen, um sich durch allerhand kleine Uebungsarbeiten vorzubereiten. Doch nach kurzer Zeit waren die einzelnen Mitglieder nach allen Richtungen hin zerstreut. Der Geologe hat den Fluß zu erreichen gesucht und arbeitet emsig mit seinem Hammer zwischen dem Gestein, daß es im Walde wiederhallt. Der Botaniker hat auf einem Baume einen merkwürdig gebildeten Parasiten entdeckt und bahnt sich ohne Schonung für seine Kleidung mühsam einen Weg durch die Hecken dichtverwachsener Dornen und Schlingpflanzen, um die noch schwierigere Reise den dicken Stamm hinauf zu unternehmen. Der Naturaliensammler hat eine Eidechse bemerkt, die ihn in's Dickicht lockt, und sich vor ihm bald in das raschelnde Laub des letzten Herbstes, bald unter einen modernden Stamm flüchtet, bis sie endlich unter einem unbewegbaren Blocke Schutz gewinnt, und vielleicht höchstens die Spitze ihres leicht zerbrechlichen Schwanzes im Stiche läßt, die ihr Verfolger noch vor ihrem Eintritt in das bergende Asyl erhaschte. Die Feldmesser und Kettenträger verfolgen die ihnen vom Compaß angedeutete Richtung, bis sie durch die scheitelrecht fallenden Strahlen der Mittagssonne an die Heimkehr in's Lager gemahnt werden, wo die ganze Gesellschaft ermüdet von der noch ungewohnten Arbeit zusammentrifft.

Kaum sind die erbeuteten Frösche, Kröten, Eidechsen und Schlangen in die Spiritusbehälter, die Schmetterlinge und Käfer an ihre Stecknadeln, die Pflanzen und Blumen zwischen das Papier gewandert, kaum ist das jetzt wohl noch mit einigem Luxus ausgestattete Mahl beendigt: so sucht sich jeder im Schatten seines luftigen Zeltes ein bequemes Plätzchen, auf dem er möglichst unbelästigt die Mittagsstunden verschlafen kann. Leise hört man noch hin und wieder eine beliebte Negerromanze brummen, zu der sich das Geschwätz spielender Papageien auf den nächsten Bäumen, das Zirpen der Heuschrecken, das Schwirren der Goldkäfer und das Summen honigsuchender Bienen gesellt, – und bald verräth das schwere Athmen rings umher den tiefen Schlaf nach des Morgens anstrengender Arbeit. Nachlässig und sorglos lehnt sich der bei den Schläfern wachende Posten an einen Baumstamm, während die beiden ablösenden Nummern (ein Irländer und ein Franzose) im Schatten eines größern Gezelts, das als Wachtstube dient, ein Spiel altersgrauer, kaum noch erkennbarer Karten handhaben.

In einiger Entfernung von den Zelten lagen unter einem Sassafrasstrauche ausgestreckt zwei Männer, die, nach dem lebendigen Gespräche zu urtheilen, durchaus nicht von der erschlaffenden Gluth der hohen Sonne belästigt zu werden schienen. Das schlicht auf die Schultern herabfallende Haar, der eigenthümlich markirte Schnitt ihrer Gesichter, die dunkle Farbe der Haut, die bilderreiche Ausdrucksweise, alles würde sie zu Indianern gestempelt haben, wenn ihnen nicht ein dichter struppiger Bart einiges Anrecht an europäische Abstammung verliehen hätte. Sie waren mit größter Nachlässigkeit gekleidet, ein breiter lederner Gürtel umschloß eine Art Rock oder Ueberwurf von rothem Flanell, und hatte zu gleicher Zeit die Bestimmung, dem einzigen absichtlich augenfälligen Schmuck als Halter zu dienen: einem Paar Pistolen und Messern, an denen man die Sorgfalt wohl erkannte, mit welcher ihre Besitzer sie gegen die zerstörenden Einflüsse des Rostes zu schützen suchten. Beide hatten erst vor wenigen Stunden, als sie zur Expedition geworben wurden, mit einander Bekanntschaft gemacht und nachdem sie sich durch einen Blick überzeugt, daß sie fast unter denselben Verhältnissen und in derselben Lage geboren wären, gelebt hätten und auch noch fortleben würden, waren sie eben im Begriff, vertrauensvoll einzelne ihrer Erlebnisse auszutauschen. »Mein Name ist Bill«, begann der Eine, ein finsterer Mann von mittler, untersetzter Statur, der durch die Breite seiner Schultern eine riesige Stärke verrieth, und dessen hohe Stirn eine tiefe Narbe zierte »mein Name ist Bill, doch nennt man mich auch Bill Spaniard, weil mein Vater über das große Wasser von Spanien her gekommen war. Meine Mutter war eine Cherokesen-Frau und ich bin, so viel ich weiß, der einzige Sohn. Mein Vater kam um's Leben, ich weiß nicht wo; meine Mutter starb, ich weiß nicht wie. Ich ward groß in den Hütten der Cherokesen und verdiente und sparte mir in meiner Jugend so viel bei den Weißen in den Ansiedelungen, daß ich mir zwei Pistolen, Pulver und Blei kaufen konnte. Zuerst freute ich mich nur über den lustigen Knall, bald aber noch weit mehr über die Sicherheit, mit der ich dem Vieh der Blaßgesichter den Tod ins Herz schickte, um mit der Zunge und so vielem Fleisch, als ich tragen konnte, nach Hause zurückzukehren. Die Ansiedler nannten mich darum einen Dieb; ich hielt mich nicht für einen solchen, ich bin ja Halbindianer und unter den Indianern aufgewachsen, ich habe viele Pferde gestohlen und ich rühme mich dessen. Ich habe aber nie von meinem Bruder und Freunde genommen.«

Nach einer kleinen Pause nahm er seine Erzählung wieder auf:

»Da, wo ich überall zu Hause war, trieb sich bei den Ansiedlern ein großer Bösewicht umher; er bestahl seinen Freund, er bestahl seinen Bruder und sagte: das hat Bill Spaniard, der helle Cherokese, gethan, und er machte mich zum großen Diebe. Er war ein Lügner und ich sammelte mir Beweise dafür; er wollte mir den Mund schließen und schwor mir den Tod; er folgte mir mit einer doppelläufigen Flinte, zwölf Rehposten und zwei Kugeln waren darin, ich habe sie gezählt. Er traf mich auf der andern Seite des Arkansas, er nannte mich einen rothhäutigen Schurken und legte seine Flinte auf mich an; doch meine Hand ist schnell, mein Auge noch schneller und ehe sein Finger den Drücker berührte, war ihm die Kugel dieser kleinen Pistole zwischen die Augen gefahren. Ich hatte nicht vergebens diese Pistolen gekauft und sie führen gelernt: mein Feind lag zu meinen Füßen.« Wieder schwieg er, ließ wohlgefällig die Hähne seiner kleinen Pistolen knacken, steckte sie wieder in seinen Gürtel, zog dann eine Tafel schwarzen Tabaks aus der Tasche, schnitt ein Stück davon ab, schob es zwischen seine weißen Zähne und fuhr dann fort. »Ein Verwandter meines Feindes klagte mich als Mörder an, ich wurde in's Gefängniß geschickt, sechs Jahre hindurch zog sich mein Prozeß hin, da starb mein Kläger, und ich wurde frei. Ich will jetzt fort aus diesem Lande, ich hasse alle Menschen hier, ich gehe mit dieser Expedition nach Californien, ich werde ein guter Arbeiter sein, ich will Gold graben, ich will reich werden.«

» Bill,« hob sein Gefährte an, ebenfalls ein baumstarker Halbindianer, » Bill, Du mußt nur dem Unglück aus dem Wege zu gehen wissen; siehe, ich gehe auch mit dieser Compagnie nach Californien, es ist mir unheimlich zu Muthe hier, die Leute sagen, ich habe einen Choctaw-Indianer und einen weißen Mann erstochen, daher gehe ich aus dem Bereiche solcher üblen Nachreden.« »Du bist ein großer Bösewicht,« erwiederte Bill, »man wird Dich noch aufhängen; doch siehe, da kommen die Maulthiere, laß uns an unsere Arbeit gehen.« Bei diesen Worten erhoben sich beide und entfernten sich nach der Richtung hin, wo lautes Getrappel die Annäherung der Heerde anzeigte. Sie sollten nun bei der Bändigung der noch rohen Thiere ihr Geschick und ihre Kraft beweisen.

Zu den schwierigsten Aufgaben nämlich bei den Vorbereitungen zu einer Reise durch die Steppen gehört unstreitig das Bändigen und Beschlagen