Zycie i twórczosc Gabrieli Zapolskiej -  - ebook

Zycie i twórczosc Gabrieli Zapolskiej ebook

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Opis

Das vorliegende Buch unter dem Titel Leben und Werk von Gabriela Zapolska ist ein Sammelband von Skizzen, die 2011 während der vom Institut für polnische Literatur organisierten wissenschaftlichen Konferenz an der Nikolaus Kopernikus Universität zu Thorn (Polen) vorgetragen wurden. Gabriela Zapolska (1857-1921) ist eine der bekanntesten Autorinnen der polnischen Moderne. Ihr Leben und Werk wirkt inspirativ auf den Geist der nachfolgenden Generationen der Literaturforscher. Zapolska ist nicht nur als Autorin von Malaszka, Przedpiekle [Die Hölle der Jungfrauen], Ich czworo [Dummheit im Quadrat], Zabusia [Die kleine Kröte] oder Moralnosc Pani Dulskiej [Die Moral der Frau Dulska] bekannt, sondern auch als Schauspielerin und Schülerin des Meisters des französischen Theaters – Antoine sowie als Kunstsammlerin. Ihre Sammlung der europäischen Malerei erregte nicht nur in Polen Aufsehen. Als Schriftstellerin führte Zapolska in die Literatur der polnischen Moderne einen neuen Heldentypus ein – einen gewöhnlichen Menschen: Einen Arbeiter, einen Bewohner einer Häuserzeile, einen Lakaien. Die Autorin von Malaszka griff in ihren Romanen vornehmlich diejenigen Themen auf, in denen der Gefühle Reichtum, schwere Lebensentscheidungen zum Vorschein kamen. Ihre realistische Prosa war von psychologischen Elementen gesättigt, wohingegen das Drama die Konflikte des bürgerlichen Lebens schilderte. Zwei Perspektiven: Durch die psychologische Strömung und den bürgerlichen Realismus bestimmt, die in Zapolskas Werk gegenwärtig sind, lassen sie als eine Repräsentantin der europäischen künstlerischen Strömungen sehen.

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EPUB

Liczba stron: 331




ibidem Press, Stuttgart

Hanna Ratuszna

„Auf dem Weg zum Parnass“– Eine Erinnerung an Gabriela Zapolska

Das Schaffen von Gabriela Zapolska gehört der Epoche des polnischen Modernismus an. Die Künstlerin debütierte in der Zeit des späten Positivismus. In ihren Werken analysierte sie die schwierige Lage der Frauen, die am häufigsten den „gesellschaftlichen Niederungen“ entstammten. Ebenfalls interessierte sie sich fürdieProbleme des künstlerischenMilieus, insbesonderefür die des Theaters. Mit dem Theater verband sie ihr Los ziemlich früh. Sie debütierte auf den polnischen Bühnen als eine sog. Charakter-Schauspielerin (sie spielte die Rollen einer Liebhaberin). Zapolska – außer dem schlechten Ruhm (die damalige Lage der Frauen, insbesondere derKünstlerinnen,war nicht die beste), wurde jedoch nicht berühmt. Für viele Künstler der polnischen Bühne war sie keine nennenswerte Person. In zahlreichen Memoiren, Tagebüchern der Gründer des polnischenModernismuswie Przybyszewski, Miciński oder Żeromski fehlen Erwähnungen über ihre Tätigkeit. Sie verbrachte viele Jahre in Paris, wovon die reiche Korrespondenz u. a. mit Stefan Laurysiewicz zeugt. Die Pariser Zeit gestaltete sie als eine bewusste Künstlerin, die sich den neuen Strömungen öffnet, eine Freundin der Bildkunst.

Der europäische Werkkontext

Die Pariser Briefe an Stefan Laurysiewiczumfassen die Zeit der Ankunft der Künstlerin in der Hauptstadt Frankreichs bis zum Jahre 1892 (zu dieser Zeit sind die Beziehungen der beiden am intensivsten, später ändert sich der Ton der Korrespondenz). Es lohnt sich, diese Briefe als ein wertvolles Material für Zapolskas Biographie zu betrachten – trotz vieler wichtiger Arbeiten (Rurawski, Czachowska) –, die voll von Lücken und nicht zu Ende Gesagtemist.

Eigentlich weiß man nicht, in welchen Umständen die Künstlerin den jungen, vielversprechenden Künstler – Kaufmann kennen lernte? Er war u. a. einer der Teilnehmer an den Aufführungen, die von einer sog. Kolonie organisiert wurden– einer Gruppe von Polen, die vorübergehend in Paris wohnten. Indem Zapolska am Leben dieser Gruppe teilnahm, knüpfte sie neue Bekanntschaften an, die häufig zu ungewöhnlichen, emotional intensiven Beziehungen wurden. Zu dieser Zeit war sie bereits eine bekannte Person, eine Schauspielerin vonpolnischen Wandertheatern und eine Romanautorin (etwaMałaszka). IhreAnkunft in Paris war mit dem Wunsch verbunden, eine Berühmtheit zu erlangen, obgleich sie gleichermaßen eine Flucht von Menschen und Situationen war.[1]

Die Ankunft und dann auch die Beziehung mit dem zehn Jahre jüngeren Stefan Laurysiewicz fanden keine Zustimmung der Umgebung. In einem der Briefe belehrt Zapolska ihren Freund folgendermaßen:

„Vernichte alle meine Briefe, ich bitte Dich darum. Die Väter haben in solchen Fällen keinerlei Skrupel. Sietun, alsgingeesum des Kindes Glück und stöbern in allen Ecken! Man soll sich in der Hinsicht keine Illusionen machen. Auf diese Weise kann der Vater auf die Spur unserer Beziehung stoßen und drauf los auf den Soplica! Unterschätze meine Ratschläge nicht, ich bitte Dich!Ich flehe Dich an! Mach es auch nachher, immer wieder bei Erhalt, vernichte sie! Trage nie einen Brief bei Dir, weil Du tief schläfst, und die Kleidung zieht man für die Nacht aus!“[2]

Die Vorwarnungen hatten nicht nur den „Schutz“ des Sohnes vor dem Vater zum Ziel, sie waren auch verzweifelte Versuche, seinen eigenen durch die früheren Ereignisse stark in Mitleidenschaft gezogenen Namen zuverteidigen. In einem anderen Brief an Laurysiewicz schrieb Zapolska:

„…Meine zwei Tanten,alte Jungfer, von denen ich Dir erzählte, sagten, ‚es sei entsetzlich, was vor sich gehe! Jetzt riss Lunia den jungen Laurysiewicz an sich und ließ ihn nicht wegfahren, zu seiner Verlobten zurückkehren.‘Weiter erzählten sie, dass Du meinetwegen ein sehr ehrliches und rechtschaffenes Fräulein gemein verließest (!), dass Du von mir benommen ihre Zukunft zerschlügest…“[3]

Stefan Laurysiewicz wurde in einer Adelsfamilie großgezogen. Sein Vater Władysław war Zuckerfabrikdirektor in Dobrzelin, und eben in diese Richtung forcierte er die Ausbildung seines Sohnes, mit ihm verband er große Hoffnungen.

Noch als Student warLaurysiewicz inbildungssozialistischen Geheimgesellschaften tätig, was im Endeffekt zu einer Zwangsemigration führte. Im Jahre 1889, in Angst vor Verhaftungen, wurde er zur Ausreise nach Paris gezwungen. Hier blühte eben seine Beziehung mit Gabriela Zapolska auf, die 1890 in der Stadt an der Seine erschien.

Welch großen Eindruck auf ihn die Stadt der Freiheit, Ungebundenheit und Kunst sowie das Treffen mit einer außergewöhnlichen Frau machte, davon kann ein Fragment eines nächsten Briefes zeugen, in dem sich Zapolska für die unverhoffte Romanze entschuldigt:

„Ich sagte mir: Er ist jung!Hier in Paris hat er niemanden. Er hat mich herzlich gern, es stimmt, doch dafür haben andere Gegebenheiten einen Einfluss. Die Vereinsamung, das Vergessen seiner Nächsten, der Kampf mit dem Vater…“[4].

Die Briefe an StefanLaurysiewicz umfassen eine überaus reiche Sammlung, in der neben Persönlichem, das unmittelbar mit den erlebten Gefühlen verbunden ist, auch interessante Reflexionen über die Bildkunst, moderne Tendenzen in der Malerei, über die Bühnenkunst (die Bemühungen der Künstlerin um einen Platz auf der Pariser Szene, der Aufenthalt im Theater von Antoine) sowie die Literatur auftauchen.

Die Pariser Periode ist für Zapolska eine Zeit ungewöhnlicher künstlerischer und gesellschaftlicherErfahrungen. Die Beziehung mit Laurysiewiczsensibilisiertsiefür die Bildkunst, lässt sie sich den modernen Tendenzen in der Malerei öffnen, mit denen zusammen die Diskussion über die damalige Kunst, Literatur beginnt. Die Künstlerin, „erzogen in der Schule des Naturalismus“, findet als Schauspielerin „naturalistische Lösungen“ im Theater von Antoine. Durch die Kontakte mit der Weltmalerei, dank Laurysiewicz’ Unterstützung, beginnt sie, den Symbolismus zu verstehen, sie öffnet sich auch der impressionistischen Kunst.

Die Schauspielerin und die Kritikerin

Zapolska gewinnt Laurysiewicz für die Zusammenarbeit mit Adam Wiślicki, dem Redakteur der Wochenrevue „Przegląd Tygodniowy“. Die Künstlerin selbst ist eine unermüdliche Korrespondentin der „Revue“, sie schickt nach Polen ihre neuen Werke sowie „Pariser Briefe“, Künstler – Feuilletons.

Laurysiewicz veröffentlichte dankdieser Vermittlung drei Skizzen: „Die Ausstellung der Unabhängigen in Paris“ und „Im Salon der französischen Pastellmaler“ (Nr. 17. und 20.) sowie „Neue Richtungen der Malerei in Frankreich“ (Monatsbeilage zur Wochenrevue „Przegląd Tygodniowy“, S. 597, Erstes Halbjahr)[5].Aus Zapolskas Briefen geht hervor, dass ihr junger Freund ebenfalls damit liebäugelte, eine Skizze über ihr Schaffen zu schreiben. Laurysiewicz war zweifellos von der impressionistischen Kunst bezaubert, obwohl er sich über Impressionisten nicht schmeichelhaft äußerte:

„Ich werde nicht weit von der Wahrheit entfernt, wenn ich sage, dass die Mehrheit von diesen Bildern einer Wüste ähnelt, welche die Kinder aufden Landkarten mithilfeeiner kleinen Bürste machen, die in eine entsprechende Farbe getaucht wird, von der sie einen filigranen Regen spritzen lassen, indem sie diese gegen die Borsten ziehen, oder – besser noch –es ist ein Wettbewerb, den man für Zimmermaler veranstaltet, indem man sie auf den Wanderwegen marmoriertes Muster machen lässt, der durch den Schlag eines nass gemachten Pinsels gegen ein Stück Holz entsteht“[6].

Dieser Widerwille, wie Ewa Korzeniowska imVorwortder publizistischen Schriften vermuten lässt, entsprang wahrscheinlich den „Rezipienten-Erwartungen“[7].Zapolska zeigte anfangs kein Interesse für bildende Künste[8]. Wie anzunehmen ist,wurde eben der gebildete Laurysiewicz ihr Leiter, Orakel im Bereich der Kunst. Durch ihn engagierte sie sich in die Reflexionen über die Bildkunst, analysierte Meisterwerke, nahm an Ausstellungen teil, begann die Kunstwerke zu sammeln. In einem der Briefe an Laurysiewicz gab Zapolska sogar zu:

„Du gabst mir viel, Licht und Farben“[9]

sowie

„Mit Dir ist etwas anderes.Man konnte eine Empfindung teilen und das, was man mit Dir sieht, und obwohl ich manchesmal einen ästhetischen Fauxpas beging, Du repariertest ihn stets und berichtigtest…“[10].

In privaten Briefen sprach Zapolska ungezwungen über die Kunst, kommentierteauch Laurysiewicz’ Äußerungen, benutzte seine Notizen und Anmerkungen:

„Schreib mir was auch immer, eine kleine Notiz über Pissarro –Du weißt, über diesen Impressionisten“[11].

In einem Brief unter dem Titel „Neue Richtungen in der Kunst“ an die Wochenrevue „Tygodnik Powszechny“ rekonstruiert Zapolska die Impressionismusquellen, sie schreibt auch über die herrschenden Unterschiede zwischen einem „Maler-Handwerker“ und einem „Maler-Künstler“. Indem sie diese zwei Strategien analysiert, ruft sie positivistische Gesichtspunkte in Erinnerung, laut deren die Kunst einen gesellschaftlichen Widerhall, ein Engagement erlangen muss, sie stellt auch Künstler dar. Unter ihnen erscheint Pissarro – von ihr hoch geschätzt. Dieser Maler: „…, da er sich an eine Doktrin nicht blindlings hält, verwendet Pointilismus und erreicht positive Ergebnisse“[12].

Zapolska schreibt ebenfalls interessant über die Bilder von Van Gogh,bemüht sich, ihre Einzigartigkeit zu erfassen, etwas, was sie vor dem Hintergrund der Errungenschaften von Impressionisten unterscheidet. Eine Originalität findet sie in einer in den Bildern dieses Künstlers gegenwärtigen symbolistischen Landschaft, einer symbolischen Objektkonfiguration wieder.Es sei erwähnt, dass die Künstlerin den Symbolismus in den Bildern von Van Gogh „sehr modern auffasst“, beinahe im Geiste der Lehren von Przybyszewski. In einem der Feuilletons schreibt sie:

„Der Symbolismus ist also ein vollkommenster Individualismus und jeder der Symbolisten gibt uns in seinem Bild, indem er das Können in Beherrschung von Farben und deren Verbindung zu Hilfe ruft, ein Stück des Zustands seiner Seele, einer solchen,wie sie im Moment des Schaffens war – d. i. keiner Photographie-Sklavin, sondern einer freien, ungezwungenen Seele, die im Augenblick der Inspiration nicht zögert.“[13].

In dieser Äußerung, in der das Prinzip einer photographischen Wiedergabe kritisiert wird, erscheint die Kategorie der Eingebung. Die Modernisten betonten ziemlich konsequent dieEingebung als ein „schöpferisches Element“, ein „Element“, ohne das es nur schwer fällt, über einen schöpferischen Akt zu sprechen. Ignacy Matuszewski schrieb im Artikel „Kunst und Gesellschaft“:

„...Lässtder Künstler dieEingebung rücksichtslos auf sich wirken,d. h. aufrichtig und ehrlich die Eindrücke wiedergeben, welche die Welt und das Leben auf ihn ausüben, so kann er kein unmoralisches Werk erschaffen, denn die Welt und das Leben sind für sich allein weder moralisch noch unmoralisch...“[14].

Der Kritiker verband also diesen Begriffmit einem allgemeinen Verständnis von Kunstaufgaben, Kunstzielen, insbesondere aber mit den Ethikfragen. Ebenfalls wird für Artur Górski das Kunsterlebnis eine „lebende Wahrheit“[15]. Zapolska verbindet diese Fragen; die höchste, wahre Kunst zeigt sich also durch die Originalität und Eingebung. Sie nennt Van Gogh einen Wahnsinnigen – sie schreibt über die Seele eines Wahnsinnigen, der aber die Dinge „mit Verstand und nüchtern“[16]schaut, zugleich aber betont seine Kunst, die sich in der Naturbetrachtung offenbart, in einem Können symbolischer Darstellung. In der Analyse des Bildes „Gaugins Sessel“ aus dem Jahre 1888, die eines der Feuilletons beinhaltet, machte Zapolska auf die Darstellung der Objekte aufmerksam, auf ihre Konfiguration, gänzlich überging sie aber die Fragen der Form, der künstlerischen Technik; mit Recht interpretierte sie aber das Thema als „Abwesenheit“[17].In ihrem Bildkunstverständnis kommt eine gewisse Oberflächlichkeit zum Vorschein. In den Äußerungen fehlen jedoch überraschende Feststellungen, die sich auch auf die formale Werkanalyse beziehen:

„In meinem Atelier hängt auchein Bild vonVan Gogh, ein Juwel, das in etlichen zehn Jahren keinen Preis haben wird, auf dem die Bäume orangen-, die Blätter saphirfarben sind, die Erde schwarz und in der Ferne verliert sich eine Frauengestalt im bläulichen Nebel. Van Gogh nahm die Formen der Bäume, der Frau – und warf sie in einen harmonischen Regenbogen von Farben“[18].

In den Briefen an Stefan Laurysiewiczfehlt es an eingehenden Reflexionen über Impressionisten und Neoimpressionisten, es erscheinen allerdings zahlreiche Anmerkungen über die gegenwärtigen polnischen Künstler, z. B. Pankiewicz, dessen Bilder Zapolska alleine ebenfalls sammelte. Pankiewicz’ Name kehrt in der Reflexion über die Lage der gegenwärtigen Boheme zurück. Aus dem Zusammenhang geht hervor, dass Laurysiewicz um den unbemittelten Maler sorgte, versuchte eines seiner Bilder zu verkaufen.Zapolska erwähnt auch die Porträts von Loevy[19](sie diente für ein Salome-Porträt[20]),dem Ehemann von Maria Szeliga, sowie das Schaffen von Makowski[21].

Sie urteilt in den Briefen über die Werke dieser Künstler nicht. Diese Beurteilungen erscheinen in den an die Redaktion der „Wochenschrift“geschriebenen Feuilletons. Die Faszination für die Kunstwerke bleibt jahrelang bestehen. In einem Brief an Laurysiewicz vom 16. Nov. 1894 schrieb Zapolska:

„Meine Wohnung verwandelt sich in ein Museum. Ich habe Van Gogh, Gaugin, Denis, Vuillard, Anquetin, Plastiken von Lacombe, Riotto und anderen. Ich habe eine solche Menge von Gemälden und Reliefs, dass mir an Wänden fehlt, sechs Bilder stehen imcabinet de toilette und harren besserer Zeiten, wenn ich eine größere Wohnung haben werde“[22].

Ihreungewöhnliche Sammlung, über die es hieß, sie sei „eine der wertvollsten“[23],wurde in Polen vorgestellt. Die Reaktion der Besucher war enthusiastisch. Es fehlte allerdings auch nicht an kritischen Stimmen derjenigen, welche die neuen Tendenzen in der Kunst nicht begriffen. In der Lemberger Zeitung „Gazeta lwowska“ erschienen Vorwürfe japanischer Einflüsse und eines Fehlens an Individualität.[24]Diese Stimmen bezogen sich jedoch auf neue Kunsttendenzen, nicht aber auf die Idee der Ausstellung selbst.

1906 (ein Jahr nach der Rückkehr nach Polen) wurde in den Sälen der Gesellschaft der Schönen Künste in Lemberg eine Ausstellung aller in Parisgesammelten Werke veranstaltet. Dort befanden sich u. a. Bilder von Van Gogh, Pissarro, Van Mois; von den polnischen Werken waren es Bilder von Pankiewicz, Boznańska, undDie Melancholievon Peszka. Zapolskas Sammlung wurde noch einmal in Krakau bei der XIV. Ausstellung der Gesellschaft der Polnischen Künstler „Kunst“ gezeigt, wo sie ebenfalls enthusiastisch aufgenommen wurde. 1910, wegen finanzieller Schwierigkeiten, verkaufte die Künstlerin die Bilder von Van Gogh, Gaugin und Seurat an eine Pariser Galerie. Nach ihrem Tode kam die Sammlung an die Erben[25].

Die szenische Kunst

Ein weiteres, wichtiges Thema, das in den Briefen an Laurysiewicz zurückkehrt, stellt die szenische Kunst dar. In den privaten Briefen an den Geliebten beschreibt Zapolska ausführlich ihre Bemühungen um die Aufnahme in Antoines schauspielerische Truppe. Über den Regisseur desThéâtreLibre schreibt sie ziemlich rätselhaft, er sei ein Mensch von einer geradezu genialen Intuition, doch: „Dumm wie Stroh, dabei weiß man nicht, auf welchem Wege nur er solche Effekte erzielt, dass man aus dem Staunen nicht herauskommt“[26].Eine Spur Überhebung kann womöglich daher rühren, dass Zapolska, gleichzeitig mit dem Schauspielen, schriftstellerisch geehrt wird, in Parisfür ihr Oeuvre wichtige Werke veröffentlicht, langsam eine unabhängige Künstlerinwird. In den Briefen an Laurysiewicz beschreibt sie mit Pietät Ereignisse, an welchen sie als eine geschätzte Person teilnimmt. So behandelt sie u. a. Stanisław Rzewuski, der sich über sie auf den Seiten PariserTageszeitungenschmeichelhaft äußert (der erste Artikel erschien 1900 in L’Evenement); ebenfalls bemüht er sich, ihre Werke auf den französischen Markt zu bringen[27].Rzewuski macht auf den europäischen Charakter ihrer literarischen Errungenschaften aufmerksam, indem er sie „George Sand der Epoche in den slavischen Ländern“[28]nennt; auch in der literarischen Beilage zu „Le Figaro“ vom 22.Febr. 1908 erwähnt er ihr Werk. Seine Reflexionen umfassen das ganze Schaffen Zapolskas, auch die Bühnenrollen, insbesondere diejenigen, in denen die Schauspielerin imThéâtreLibre auftrat. Die Künstlerin erinnert sich an sein Wohlwollen in einem Brief an Laurysiewicz:

„Antoine, der Köter, ging zu Rzewuski, um sich zu erkundigen, wer ich bin. Natürlich hob mich Rzewuski in den Himmel und nannte mich‚une femme geniale‘. Antoine war sprachlos“[29].

Die Rezensionen von Rzewuski–, den,wie Czachowska[30]sagt, Zapolska1883wahrscheinlich noch in Petersburg kennen lernte (während der Gastaufführungen), als sie in seinem Stück „Von den Gegenlagern“ [„Z przeciwnych obozów“] spielte –, gehörten jedoch zu einer Ausnahme. Interessant kann in diesem Fall die Tatsache erscheinen, dass eine wesentliche Rolle in ihrem Schaffen auch ein „Sittenaspekt“ spielt; Rzewuski schreibt über Zapolska, sie sei eine „ungewöhnliche Person“, er betont ihren Mut undModernität. Eine wichtige Rolle in einer Gesamtbewertung spielte ebenfalls die publizistische Tätigkeit von Zapolska, welche die Welt als eine Anhängerin der Modernität, eine Frau, die einen Erfolg erlangen will, kennen lernen sollte.

In und außerhalb Europas, mit der gleichzeitigen Entwicklung der emanzipatorischen Bewegung, triumphierten hervorragende Frauen, die einen künstlerischen Dialog mit den Männern aufnahmen, Lou Andreas-Salome, Frida Kahlo oder Isadora Duncan. Diese Frauen bildeten diekünstlerische Avantgarde,zugleich aber, dank ihrer Tätigkeit, beeinflussten die Änderung in der Auffassung über ihre Rolle in der Welt.

Rzewuskis Äußerungen über Zapolska lassen vermuten, dass der Kritiker ihre Person eben derart wahrnahm, als eine Wegbereiterin gewisser Haltungen, die für Frauen typisch sind, welche „zur Feder greifen“ und aufdiesem Gebiet Erfolge genießen. Zapolska hatte jedoch kein Glück mit der Kritik, weder im Ausland noch in Polen. Nicht gerade schmeichelhaft drückte sich über sie u. a. Adam Grzymała-Siedlecki[31]aus.

Während ihres Parisaufenthaltserlebte die Künstlerin eine große Euphorie, die mit der Auftrittmöglichkeitauf der ausländischen Bühne verbunden war.[32]Doch die Rollen, die sie erhielt, Bühnen, auf denen sie spielte, stellten sie nichtganz zufrieden. Es waren meistens zweit- und drittrangige Rollen und obwohl die Künstlerin in den Briefen an Laurysiewicz darüber mit Enthusiasmus sprach (z. B. über die Rolle im StückLes deux Camilles, die in Montmorency gespielt wurde, erwähnt im Brief vom 16. Apr. 1891), so wurde er ziemlichschnell von Entmutigung verdrängt.

In einem Brief vom 19. Juli 1891 schreibt sie: „Ich habe es satt. Ich will nichts, sehen will ich nicht mehr diese widerlichen französischen Kulissen, voller Prostituierten und Zuhälter. Das ist nichtsfür mich. Ich würde wohl verrückt werden, würde ich da mit ihnen sitzen.Ich! Ich! Die französischen Kulissen abwischenwie irgendeine Prostituierte, die es zu einemPosten bringen will! Und das sofort! Ich bedauere die Lehre nicht, da mich dies als Schauspielerin entwickeln ließ“[33]. Wesentlich erweist sich für sie die Erfahrung selbst, wenngleich ihre schauspielerischen Ambitionen sehr groß sind. In einem Brief an Maria Szeliga vergleicht sich Zapolska mit Modrzejewska:

„...Wie stand es um Modrzejewska, als sie die englische Bühne betreten sollte: Sie war vierzig, der schwierigsten Sprache unter der Sonne ganz und gar nicht mächtig. Doch der starke Wille war in ihr groß. Diesen starken Willen habe ich, ich will ihn haben“[34].

Der große schauspielerische Ehrgeiz ging also nicht in Erfüllung, wiewohl es auch erfolgreiche Rollen gab (z. B. die Rolle bei Antoine im Bühnenstück von Bourget, Zapolska schreibt darüber in einem Brief an Laurysiewicz vom 9.Jan. 1892). Die Künstlerin greiftsogar zur Hilfe eines Theateragenten. Im Brief vom 11. Mai 1891 erwähnt sieeinen Besuch von Anetroselli, „diesen in ganz Europa berühmten Theateragenten […] Er empfing mich herrlich und sagte, mir würde es mit meiner Anmut und sogar mit meinem Akzent nichtschwerfallen, etwas zu finden, die erfürsehr angenehmhält. Er gab mir zweiBriefe: für Ambig und Chatelet“[35]. Wie sich später herausstellte, erbrachten die Empfehlungsschreiben nicht das erhoffte Ergebnis. Auch der Unterricht bei Miss Samary und Antoine selbst halfen nicht.

Zapolska überarbeitet zu dieser Zeit ebenfalls eigene Romane. In einem Brief vom 22. Sept. 1891 erwähnt sie eine ungewöhnliche Begegnung auf dem Bahnhof, während deren sie Paul Renard kennen lernte, den einstigen Besitzer desEden. Renard empfahl ihr die szenische Bearbeitung vonMałaszka(„Geld hat er, der Rest kommt leicht“[36], schrieb sie). Gleichzeitig fanden Verhandlungen mit Tatarkiewicz und Kotarbiński statt, die ihr die Rollen nach Paris schickten.Im Brief vom 24. Sept. 1891lesen wir: „Siewählten aus, was sie problemlos wieder aufnehmen und ohne Verwirrung im Repertoire geben können […] Sie gaben mir also nach Rakiewiczowa die Rolle von Joanna inDie Arbeitervon E. Manuel. Ich lernte sie mit Samary, dannDie Frau von Sokratesin Duchińskas Übersetzung, eine herrliche Komödie,Marie-Jeannevon A. Dennery und J. Mallian und die Rolle vonJustineinMann und Frauvon Fredro. Sie schrieben, sie würden dann mit mirGerminie Lacerteuxvon E. Goncourt undSapphovon A. Daudet und A. Belot auf die Bühne bringen. Ich will ihnen nicht widersprechen, ich sehe, dass sie das Beste für mich wollen, ich mache also, was sie sagen“[37].Zapolska kauft ebenfalls Bühnenwerke für die Warschauer Theater, arbeitet an ihren Übersetzungen.[38]Über ihre Übersetzungen äußerte sich nicht gerade schmeichelhaft u. a. Bolesław Prus[39].

Die wichtigste Etappe der künstlerischen Entwicklung ist aber das Theater von Antoine, das von einer veristischen Darbietung der Bühnenwerke (zahlreichen Anknüpfungen an den Naturalismus) bekannt war. Antoine verzichtete auf das Prinzip der Vereinbarung von Inszenierung. Das Bühnenbild, die Kleidung der Schauspieler sollten die Ereignisse, Spielorte, den gesellschaftlichen Stand der Figuren treu widerspiegeln. Wie Ewa Korzeniowska schreibt, kamen in Antoines Aufführungen ebenfalls „drastische Requisiten“ – Fleischstücke, von denen das Blut träufelte, vor. Das Theater von Antoine hatte einen „Studio-Charakter“, die Stücke wurden an verschiedenen Orten in gemieteten Sälen, in unterschiedlichen Zeitabständen gespielt.

Das Theaterrepertoire wurde auch kritisiert.In den Rezensionen erscheinen Bemerkungen hinsichtlich der in den Stücken verwendeten naturalistischenMethoden, die mit dem Naturalismus nicht allzu viel zu tun hatten. Antoine verzichtete auf die Rollenbesetzung durch einen Star, dadurch gestaltete er – gemäß den naturalistischen Prinzipien – einen Spielstil von einer Schauspielertruppe, die ein „dichtes Ensemble“[40]werden sollte. Der Aufenthalt bei Antoine markierte nicht nur eine wichtige Etappe im Schaffen von Zapolska, er war ein Moment der „Konfrontation von Haltungen“. Die in der Literatur,in derfranzösischen(europäischen)Kunstvorhandenen naturalistischenTendenzen trafen auf moderne Lösungen, die für die literarischen und künstlerischen Strömungen typisch waren.

Dieses Aufeinanderprallen war auch im Theater selbst zu sehen. NebenThéâtreLibre waren in Paris auch andere Theater tätig, in ihrem Spielstil und im Herangehen an den schauspielerischen Individualismusinnovativ, so das Theater d’Art und de l’Oeuvre. Zapolska, als eine von Antoine engagierte Schau­spielerin, identifizierte sich mit den von ihm vertretenen Ansichten, die auch in den Aufführungen realisiert wurden; zugleich aber interessierte sie sich für neue Kunstrichtungen (ihre Faszination für die Gemälde der Impressionisten, lobende Meinung über das Schaffen von Van Gogh, den sie als Symbolisten wahrnahm). In den zu Pariser Zeit geschriebenen Werken griff sie zu neuartigen Lösungen wie Erzählung in der 1. Person, Wortimpressionen. Gleichzeitig achtete sie aberauf den Verismus der Handlungselemente. In einem der Briefe an Laurysiewicz schrieb sie:

„Mir ist imKopf ein sehr schönerRomanentstanden,betitelt: ‚Grabgeheimnis‘ - aus dem Leben von Złotnicki […] Mein Handwerk ist der Seziersaal! Man nimmt eine Leiche und schneidet sie. Die Seele zittert wie Froschschenkel. Ich schreibe dieses Zitternnieder. Dann liest es der Plebs und isst dabei die Käsenudeln ohne zu ahnen, dass dies aus wahren, blutigen Tränen entstand!...“[41].

Die Künstlerin besuchteebenfalls das sog.„Rote Diebeswirtshaus“[42].

Zapolskas Bezugzum Programm von Zola und den modernen Strömungen bezeichnete Cezary Jellenta als „verkappten Idealismus“[43].Bemerkenswert, dass die Künstlerin, worauf im Vorwort zur Publizistik ebenfalls Ewa Korzeniowskaaufmerksam macht, in der frühen Pariser Zeit nur selten zu selbständigen Urteilen greift, „indem sie neue Theorien, neue Namen und Probleme aufnahm, konntesiesich im Chaos dieser Informationen noch nicht zurechtfinden“[44]. Diese Urteile schimmerten dagegen in den Briefen durch. Zapolska, die z. B. Ibsens Besuch im Théâtre Libre erwähnt, macht auf die Neuartigkeit von Antoineaufmerksam. Ibsen selbst wurde von ihr kritisiert:

„Es ist ein Ungeheuer, ein schieres Gespenst mit zerzaustem Haar. Er sagte, er habe nie als nur betrunken etwas geschrieben“[45].

In Antoines Theater traf die Künstlerin auch Emil Zola, Jules Goncourt, Catulle Mendes. In den „Pariser Briefen“, die dem Théâtre Libre gewidmet sind, verherrlicht Zapolska ihren Meister. Für die wichtigste „Kategorie“seiner Stücke hält sie die Wahrheit, die, wie sie schreibt, „zu den einfachen, nicht analysierenden und im Gaslichte der Cafés nicht verbrannten Seelen leichter einen Zugang fand“[46]. Die Wahrheit in der szenischen, schauspielerischenKunst fasst sie etwas anders als in den bildenden Künstenauf.

Im Angesicht der polnischen Gemeinschaft in Frankreich

Ein essenziellesThema, das in den Briefen erscheint und einen Individualitätszug der Künstlerin sowie den Bezug-Charakter zum Vorschein kommen lässt, der sie mit Laurysiewicz verband, war die polnische Kolonie in Paris.

Zapolska, was sie in den analysierten Briefen deutlich erkennen lässt, identifiziert sich nicht mit der „Kolonie“, derpolnischen Boheme,die in Paris weilt. Bewusst beschränkt sie Kontakte und nähert sich nur einigen wenigen, etwa Oksza-Orzechowski, der sie finanziell unterstützt, Lorentowicz,Makow­ski, Łoziński, den Krakowows. Befreundet ist sie ebenfalls mit denLimanowskis undmitMaria Sulicka (Medizinstudentin).

Im ersten Pariser Jahr nimmt Zapolska an den Unternehmungen derGesell­schaft für die gegenseitige Hilfe der polnischen Studenten „Spójnia“[„Das Band“] teil. Am 18. Jan. 1890 spielte sie u. a. die Rolle von Jadwiga in der Komödie von SienkiewiczCzyja wina?[Wessen Schuld][47](auf der Bühneim Saal des Fantaisies Parisiennes traf sie Laurysiewicz, der Leons Rolle spielte). Auch trug sie patriotische Gedichte vor und nahm an der Gedenkfeier des Kościuszko-Aufstandes[48]teil. Diese Aktivitäten kann man aber als eine „momentane Beschäftigung“, als Versuche behandeln, „auf dem Pariser Straßenpflaster“ einen Platz zu finden. In einem Brief an Wiślicki, geschrieben am 20. Dez. 1890, lesen wir: „Ich leide jetzt wie ein fortgejagter Welpe, ich leide sehr“[49].

Zapolska nahm seit den ersten Momenten ihres Pariser Aufenthalts eine unglaubliche Mühe auf sich, um einen künstlerischen Erfolg zu erzielen. Alle Bestrebungen, eine „angestrengte Arbeit“ – in einem Brief vom 20. Apr. 1891 schrieb sie: „Ich arbeite wie ein Tier“[50]–,soZbigniew Rurawski in Zapolskas Monographie[51], brachten jedoch nicht dasersehnte Ergebnis. Im Januar 1890beschloss sie, nach vier Monaten, nach Polen zurückzukehren.[52]Letztlichjedoch, dank der wertvollen Ratschläge von Wiślicki, dem Redakteur der Wochenrevue „Przegląd Tygodniowy“, mit dem sie sich befreundete, blieb sie. Den Briefen an Laurysiewicz aus dieser Zeit lässt sich sehr oft ein Zweifel, ein großer Wunschentnehmen, „sich das Leben zu ordnen“: „Ich weiß, dass dein jetziges Leben eine Qual und ein Herumirren ist, meins hier – einfach Verbannung“[53]

Es sei daran erinnert, dass die Künstlerin vor der Abreise nach Paris eine Lebensenttäuschung erfuhr. Józef Rurawski erwähnt in Zapolska-Buch ein uneheliches Kind, das der Romanze mit Marian Gawalewicz entsprang. Die Ereignisse waren von einer Skandalatmosphäre umgeben, und dies wurde durch die Aura vom Leben einer Wanderschauspielerin begünstigt (- die zwischen 1885 und 1887 im Posener Theater auftrat. Im Juni 1887 trat sie im Warschauer Sommertheater im Saski-Garten auf). Im Oktober 1888 in einem Hotel in Piotrków versuchte sie den Selbstmord.

Józef Rurawski machte darauf aufmerksam, dass Zapolska „im Theater lebte und im Leben das Theater schuf“[54], sogar in den Briefen, so Rurawski, war sie nicht authentisch. In den Briefen an Laurysiewicz erscheint ein Ton einer Autokreation. In den akkuraten Alltagsbeschreibungen,an welchen die Briefe reich sind, spricht Zapolska aber auch „aus sich“, des Öfteren erwähnt sie finanzielle Angelegenheiten (Laurysiewicz unterstützt sie materiell), erzählt von ihrem Aussehen und kritisiert das Milieu der französischen Schauspieler. Die Kritik der Schauspielermilieus ging aus dem Entmutigungsgefühl hervor, welches die Schriftstellerin erlebte, die eines Erfolgs harrte. Ihre ungewöhnliche berufliche, gesellschaftliche Aktivität lässt sich vornehmlich dadurch erklären, dass die Künstlerin nach den Skandalen in Polen nun in Paris „nichts zu verlieren“ hatte.Allein der Ruhm konnte die hinterlassenen beunruhigenden Gefühle verwischen. In den Briefen bemüht sie sich, ihre Tätigkeiten im besten Lichte erscheinen zu lassen, doch häufig wirft sie die Maske ab, schreibt über finanzielle Schwierigkeiten und über sie plagende Krankheiten. Die Briefe an Laurysiewicz können somit als „ehrlich“ betrachtet werden. Die Kategorie der „Ehrlichkeit“ gewinnt in diesem Falle eine ästhetische Bedeutung. Sie ist nicht nur ein Wahrheitsmaß der gegebenen Inhalte, sondern bezieht sich auf die Lageund die Rolle des Künstlers um die Jahrhundertwende. Die Modernisten bezogen sich gerne auf die „Ehrlichkeit“ als Begriff, der die Kunst eines bestimmten Werkes beschreibt.Der Künstler war dann ehrlich, wenn er die „Vorgefühle sprechen“, die Ängstezu Wort kommen ließ, der zugleich aber die Tagträume zum Ausdruck brachte. Wie Artur Górski inMonsalvatschreibt, ist „ihre reale Sicherheit ein Bewusstsein der gefühlsbedingter Überzeugungen“[55]. Zapolska fand in Paris viele neue Themen, beendete einige Erzählungen und Romane, arbeitete ebenfalls als Übersetzerin. Die literarische Tätigkeit, wenngleich sie ihren Briefen an Laurysiewicz zu entnehmen ist, wird von ihr selbst etwas zweitrangig behandelt, sie wird eine Beilage zum Schauspielen. Zapolska schreibt u. a.: „Noch etwas Herrliches. Ich betrete die Bühne [im Stück von Fievre]. Ich habe ein weißes blumiges Kleid an, am Mieder graue Federn, die Haare vom Friseur gerichtet, mit einem Wort: Schick“[56].Allerdings finden sich in den Briefen kaum Bemerkungen über die geschriebenen Werke. Zapolska nennt lediglich ihre Titel[57], erwähnt zuweilen deren Schicksal (einen eventuellenDruck). Manchmal informiert sie aber den Geliebten überEreignisse, Erfahrungen, die in die kommenden Werke ihren Eingang finden. So war im Falle des ungewöhnlichen Besuchs der Diebschenke „Château Rouge“ (in der Begleitung von Kazimierz Kelles-Krauz) im April 1892. Dieses Ereignis beschrieb Zapolska im Brief an Laurysiewicz vom 6. Apr. 1892: „Ich kann Dir diesen Anblick nicht beschreiben. Ganze Menschenschichten schlafen in Lumpen an den Ecken […] Plötzlich beginnt ein Riese, sich zu entkleiden und will uns seine Tätowierung zeigen“[58]. Der Brief, aus dem das zitierte Fragment stammt, ist in der betrachteten Korrespondenz einmalig. Zapolska wechselt nämlich die Perspektive der bishergegebenenErzählung, der Brief beinhaltetfeuilletonistische Fragmente, die Autorin berichtet über die Ereignisse, die Stimmung wird im Schauer-Ton gehalten.

Die erschütternden Ereignisse wurden im RomanJankaverwendet, genauso wie die Besuche im Krankenhaus Salpêtrière (diese wurden zum Gegenstand derKorrespondenz für die Wochenrevue „Przegląd Tygodniowy“. Die Erinnerungen daran tauchen in den Briefen an Laurysiewicz nur gelegentlich auf). Zapolska fügt sich ins Leben der Stadt ein und beginnt gleichzeitig, ihre eigene Existenznach Vorbildder Kunst zu stilisieren. Die „Pose“einerKünstlerin erscheint in den Briefen zu der Zeit, in der Zapolska an den Abbruch der Freundschaft mit Laurysiewicz denkt. Die Briefe nehmen dann eine dramatische Forman. Der Grund für den Abbruch ist „der Wunsch nach einer Weltkarriere“. Zapolska schreibt: „Das Leben einer Schauspielerin, und besonders einer, die einen solchen Weg wie ich betrat, d. i., die sich eine Weltkarriere ersehnt, kann mit niemandem verbunden sein…“[59]. Die Antworten der nächsten Briefe zeugen davon, dassLaurysiewicz die Beziehung retten wollte, seit vielen Monaten bereitete er Zapolskas Besuch in Moskau vor, des Öfteren stand er ihr finanziell bei, beschenkte, half endlich neue Richtungen in der Kunst zu verstehen.Zapolska wollteaber keine gemeinsame Zukunft, sie plante eine Reise mit Antoines Theaternach Amerika für eine achtmonatige Tournee.

Die Freundschaft endete jedoch nicht, Laurysiewicz bat um die Möglichkeit einer weiteren Korrespondenz. Seine Briefe kann man ebenfalls in der Korrespondenzsammlung aus dem Jahre 1905 finden. Darin ändert sich der Ton. Zapolska ist nicht mehr die einzige, geliebte Frau (Laurysiewicz heiratet zweimal), sondern eine Vertraute der Geheimnisse, eine Künstlerin, die ihre Erfahrungen, Beobachtungen mit einem Freund teilt. Die Geschichte der Pariser Bekanntschaft (Laurysiewicz kehrt 1903 nach Polen) ist also zugleich die Geschichte einer künstlerischen Suche.

Zapolska ist vor allen Dingen eine Künstlerin mit großem Ehrgeiz. In den im Sommer 1892 geschriebenen Briefen an Laurysiewicz stellt sie die Rollen-, Kleiderbeschreibungen, Berichte der Aufführungen und Reaktionen der Kritiker dar. Die Schriftstellerin informiert den Geliebten über die geschicktenZeitungsausschnitte und den Enthusiasmus der befreundeten Kolonievertreter (Sulicka, Szeliga, Makowski, Złotnicki sowie Lorentowicz, den sie trotzig Hikstryk [Hysteriker] nennt). Sie stellt sich als eine „zweite „Modrzejewska“ dar, die,wie sie schreibt, „mehr als Modrzejewska“ erreichen will, sie habe „dazu Nötiges und eine vollkommene Grundlage“[60].So beurteilt Zapolska eigene Leistungen: „Ich war freilich ein ungewöhnliches Phänomen. Ein wohl besterSchriftsteller vonunseren zeitgenössischen und ich strebe danach, eine der besten gegenwärtigen europäischen Schauspielerinnen zu werden“[61].

Die Frauenfrage

In den Pariser Briefen erscheint auch die im Werk und Leben von Zapolska gegenwärtige – Frauenfrage.

Es fällt schwer, sich des Eindrucks zu erwehren, dass die Schriftstellerin die Rolle einer Frau anders wahrnahm, als sie die Positivisten sahen, denn sie machte auf etwas andere Fragen aufmerksam als es Orzeszkowa oder Konopnicka taten. Die Protagonistinnen ihrer Werke entstammen unterschiedlichen Milieus: den Salons, einem bürgerlichen oder einemArbeitermilieu. Die Künstlerin führt in die Literatur Frauen aus den gesellschaftlichen Niederungen ein. Damit bereichert sie zugleich das literarische Bild der Stadt. Die Arbeiterinnen, Schauspielerinnen erfahren häufig dasselbe Schicksal, sie werden zu Maitressen oder sterben vor Hunger in den Kellerstuben.

Zapolska bereichert das Frauenbild, indem sie u. a. die mit der Physiologie verbundenen Themen aufgreift (etwa Kindergeburt im WerkO czym sie nawet myśleć nie chce, 1914 [Woran man nicht denken mag]). Ihre Protagonistinnen, wenngleich für gewöhnlich‚wirklich‘ (Zapolska gebraucht in den Briefen oft Worte, die sich auf das Schreiben beziehen, etwa „einen Charakter skizzieren“), wurden zuweilen in einem etwas ironischen Lichtedargestellt. Sowohl der Charakter ihrer Heldinnen, deren literarische Existenz als auch eine klar umrissene Persönlichkeit, eine detaillierte Verhaltensbeschreibung verrieten eine Ähnlichkeit mit realen Personen.

In den Briefen an Laurysiewicz erscheinen am häufigsten Beschreibungen von Begegnungen zur Verteidigung der Frauenrechte. In der Zeit, aus der die betrachteten Briefe stammen, nahm Zapolska an zwei Kongressen teil. Den ersten (ein Treffen im Rahmen der Weltunion der Frauen) beschrieb sie auf eine sehr ironische Weise im Brief vom 27. Apr. 1891[62].Der zweite Bericht betraf den Kongress, der vom 3. bis zum 5. Mai1892tagte[63].Er war in einem ähnlichen Ton gehalten. Zapolska schrieb: „Skandal über Skandale“. Die Frauentreffen endeten sogar mit Handgreiflichkeiten. In den Briefen fehlen Berichte, die sich auf die Thesen der Vorträge beziehen. Man kann sie dagegen in den publizistischen Schriften finden, in denen Zapolska die Organisatorinnen darstellt, etwaPotonnie Pierre, Maria Deraismes, Klemencja RoyersowieMaria Szeliga. Der Artikel:Der Frauenkongress in Pariswird vom folgenden Satz gekrönt: „Aberdie Frauen– das ist eine Großmacht!“[64].

In den Reflexionenüber die Frauen schimmert für gewöhnlichein didaktischer Ton durch. Zapolska konfrontiert des Öfteren dieunterschiedlichsten Standpunkte miteinander, wichtig ist ihr die Wahl einerrichtigen Stellungnahme. In einem ähnlichen Ton wurden diejenigen Artikel gehalten, die in Polen unmittelbar vor der Abreise nach Paris geschrieben wurden. In der im „Warschauer Kurier“ veröffentlichten Skizze mit dem TitelIn Sache der Emanzipationverteidigt die Autorin die Lage der Frauen, die nach Wissen streben (sie knüpft an das Erlangen der Doktorwürde für Medizin von Karolina Szulc in Paris des Jahres 1888an.). Im Brief vom 2 Okt. 1891 schreibt Zapolska: „Ich sage, ich bin keine emanzipierte Frau, doch einen Mann, der die Frau schlägt, halte ich für ein gemeines Tier und eine niedere Gattung“[65]. Eineemanzipierte Frau zu sein, erinnerte an eine bereits zu dieser Zeit verklungeneTradition,an denLebensstil einer Frau, über welche die Künstlerin selbst schrieb: „Ein Androgyne mit einer langen Krawatteauf deneingefallenenBrüsten“[66]. Diese „Perspektive“ entsprach in keiner Weise dem Lebensstil, den Zapolska führte.

Sie erwähnt ebenfalls herausragende, interessante Frauen aus ihrer Umgebung. Eine von ihnen war Anna Bilińska, dargestellt im Brief vom 24. Mai 1891, eine Malerin und Porträtzeichnerin (sie weilte in Paris von 1882 bis 1892, für ihr Schaffen in der Kunst erhielt sie sogar einen Preis für das Jahr 1889, sie studierte an der Academie Julien). Ihr Gemälde, wie Zapolska schreibt, wurde vom Salon der Unabhängigenzurückgewiesen, die die neue Kunst förderten, vorallem die Impressionisten. Es war, so die Künstlerin, ein„desperater“Akt.

In einem der Briefe, vom 5 Juni 1891, schrieb Zapolska: „Mit den Polen treffe ich mich nicht“[67], in einem anderen, vom 9.Jan. 1892, erinnerte sie sich: „Antoine verbot mir unter schwerer Strafe, Polnisch überhaupt zu sprechen“[68]. Sie unterhielt jedoch nahe Kontakte zu Maria Szeliga. Zapolskahoffte auf die Hilfe der polnischen Romanautorin, Publizistin, doch verliefen die Beziehungen im ersten Pariser Jahr nicht gut. In den Briefen an Laurysiewicz wurde Szeligaim ungünstigen Lichte dargestellt, vornehmlich als eine Feministin, die ihre Ansichten hartnäckig verteidigt. Auch macht Lorentowicz in seinen Erinnerungen an die Pariser Kolonie darauf aufmerksam, dass Maria SzeligaZapolska in ein Netz von Intrigen und Verleumdungen hin und wiederverwickelte und sie anfangs als eine Konkurrentin betrachtete.[69]

In die3.Nummerder Wochenrevue „Przegląd Tygodniowy“ aus dem Jahre 1890setztZapolska eine kurze Notiz über Maria Szeliga. Ihre Beschreibung ist nur oberflächlich. Szeliga sei vor allem die Redakteurin der Frauenschrift „Bulletin de l’Union des Femmes“.– Zapolska beschreibt ihre Tätigkeit nicht, erwähnt dagegen die „Verfechterinnen der Emanzipation“ und das Bedauern darüber, dass Szeliga ihr Talent „auf fremdemBoden zum Vorschein kommen ließ. Doch daran ist sie nicht schuld. Bei ins – fügt sie hinzu – liegen die Frauenschriften brach…“[70].

Sieidentifiziert sich nicht einmal mit den neuesten, modernen Stellungen. In einem der Briefe schreibt sie:

„Ich bin keine emanzipierte Frau“[71], in einem anderen beschreibt sie wiederum das Treffen der Weltunion der Frauen, wo sie die Stimme ergriff:

„Ich hatte einen Platz für die Presse an einem eigenen Tisch unter den Redakteuren. Es war ein widerliches und dummes Affentheater. Szeliga ließ den Blick nicht vom Blatt schweifen und stichelte gegen die Männer. Dann schlug sie vor, Orzeszkowa zum Ehrenmitgliedzu nennen. Oh Grauen!!! Keine Seele im Saal votierteso! Die Kandidatur wurde fallen gelassen.Ich schämte mich für Orzeszkowa angesichts dieses französischen Viehs. Unter den Reden fand sich… Frau Majewska. Sie sprach über die Lage von studierenden Frauen und sagte, dass diese Frau ihren Bourget noch nicht fand! Ich wand mich buchstäblich vor Lachen. Alle Männer von der Presse starben, zeichnetenKarikaturen von den Weibern, die auf der Bühne saßen,sprachenObszönes, wie es Französen können, du weißt! Sie zeichneten Szeliga mit einer Pfeife und die Präsidentin Clemence Royer mit Fes und einem Schnurrbart. Ich war aus ihrem Spott natürlich ausgeschlossen und erntete freilich allerlei Komplimente von der ganzen Clique, da ich ihnen gleich meine Theorien darlegte…“[72].

Ein Ton des Spotteserweckt eine Verwunderung bei der Künstlerin, die hoch hinaus wollte, sich eine „Weltkarriere“ wünschte, sich ihrer Anmut, des Wertes der eigenen Person bewusst war.Gleichzeitig aber arbeitete sie intensiv,indem sie für andere schrieb, auch arbeitete sie an sich,nahmUnterricht, der sie auf die künstlerischen Auftritte vorbereiten sollte. Die mit dem Kongress verbundenen Ereignisse hatten eine ganz andere Aussage im Brief, der an die AllgemeineWochenschrift „Tygodnik Powszechny“ geschicktwurde („Der Frauenkongress in Paris“). Zapolska schrieb darin: „Wie wir sehen, hatte der ganze Kongress zur Aufgabe, das Schicksal der Frauen wirklich zu verbessern. Diese Aufgabe wurde sicherlich nicht ganz erreicht.Das Schicksal der Frauenbefreiung ist allzu sehr mit dem Schicksal der gesamten Menschheit verbunden“[73].

Die Distanz gegen Maria Szeliga und ihre Tätigkeiten ändert sich im nächsten Jahr 1892; Zapolska wird dann eine „Freundin des Hauses“. In den Briefen an Laurysiewicz erwähnt Zapolska zahlreiche Begegnungen und u. a. eine Malsession, die in Szeligas Atelier stattfand. Im Brief vom 23. Okt. 1891erwähnt sie sogar eine gemeinsame Arbeit an einem Drama: „Ich werde mit Szeliga ein Drama zu einem Wettbewerb schreiben“[74].

An viele Freundschaften, die zu dieser Zeit angeknüpft wurden, verzichtete Zapolska. Nach Laurysiewicz’Abreise nach Moskau im April 1891, wo er sich u. a. mit der Organisierung derfranzösischen Ausstellung beschäftigte, ändert sich der Ton der Briefe. Es kehrt ein Alltagsthema zurück und die Zukunftspläne tauchen auf. Mehrmals erwähnt Zapolska, dass sie die „schwierige Wirklichkeit“ nur aus Rücksicht auf eine gemeinsame Zukunft erträgt: „Gäbe es nicht Dich, würde ich mich so abquälen? Schon längst würde ich eines späten Nachts an einem Haken hängen“[75]Auch ändert sich der Freundeskreis. Es erscheinen darunterbekannte französische Künstler und Philosophen, welche größtenteils die einstigen Bekannten ersetzen. Im Brief vom 10.Juli 1891 nennt Zapolskamit Scherz die Namen von drei französischen Künstlern, mit denen sie sich gerade befreundete, es waren:Austen, Władysław Ratuld (Augenarzt)undEmile Meyerson (Philosoph).Im Brief vom 23. Febr. 1892 erwähnt die Künstlerin dagegen ein Treffen, während dessen sie Max Nordau kennen lernte: „Ich amüsierte mich herrlich. EswarenMax Nordau und eine ganze Menge von Größen. Ich werde in ‚Evenement‘, ‚France‘, ‚Radical‘und‚Echo de Paris‘zitiert.“[76]Zu ihren Aufführungen imThéâtreLibre kamenLa Bruyere,SeverineundRzewuski: „Hinter die Kulissen kamen zu mirSeverine, La BruyereundRzewuski“[77].Der Erfolg, der ihre künstlerischen und gesellschaftlichen Tätigkeiten in Paris begleitete, spiegelte sich in Polen jedoch nicht wieder, wo sie letztlich nach fünf Jahren Frankreichaufenthalt zurückkehrte.

Die erlangten Erfahrungen, Eindrücke, Freundschaften fruchteten aber in der in Polen geführten Tätigkeit und beeinflussten ihr Bild einer „Künstlerin – befreiten Frau“ im Lande.

Der vorliegende Band mit den Skizzen unter dem TitelLeben und Werk von Gabriela Zapolskaist ein Versuch, die Biographie und das Schaffen einer Künstlerin der Jahrhundertwende von der gegenwärtigen Perspektive aus zu betrachten. Zapolska und ihr Werk entziehen sich schematischen Analysen. Die Künstlerin ist zweifellos eine Vertreterin der europäischen Boheme (ihre Parisreise soll als eine Initiation betrachtet werden). Das mit ihren Augen gesehene Paris ist jedoch weit von seinem Musterbild entfernt. Die Bühnenerfahrungen, die Einsamkeit hinterließen deutliche Spuren in den Vorstellungen einer modernen Stadt, der Kunsthauptstadt des damaligen Europas.