Wildwasserpolka - Michaela Küpper - ebook

Wildwasserpolka ebook

Michaela Küpper

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Opis

Ein scheinbar alltäglicher Auftrag entpuppt sich für Privatdetektivin Johanna Schiller als brandgefährliche Angelegenheit: Während sie in Sachen ehelicher Untreue ermittelt, wird sie Zeugin eines angekündigten Doppelmordes. Kurz darauf entdeckt sie eine Leiche im Kofferraum ihres Wagens - aus der Jägerin Johanna ist eine Gejagte geworden. Hals über Kopf flieht sie aus ihrer Heimatstadt Siegburg flussaufwärts entlang die Sieg bis ins Siegerland, doch ihre Verfolger sind ihr dicht auf den Fersen …

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Michaela Küpper

Wildwasserpolka

Kriminalroman

Impressum

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Besuchen Sie uns im Internet:

www.gmeiner-verlag.de

© 2013 – Gmeiner-Verlag GmbH

Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch

Telefon 0 75 75 / 20 95 - 0

[email protected]

Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Katja Ernst

Herstellung und E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © studio cm – Fotolia.com

ISBN 978-3-8392-4174-5

Für Lothar

WAHRHEIT. KLARHEIT. FAIRNESS

Haben Sie den Eindruck, dass man Ihr Vertrauen missbraucht?

Fürchten Sie, dass jemand Ihnen gegenüber unaufrichtig ist?

Fühlen Sie sich hintergangen?

Erhalten Sie nicht, was Ihnen zusteht?

Wurden Sie bestohlen?

Vermissen Sie eine Ihnen nahestehende Person oder ein lieb gewonnenes Tier?

Werden Sie bedrängt oder gar erpresst?

Haben Sie Liebeskummer?

Wir garantieren Diskretion, Professionalität und psychologisches Feingefühl. Gerne vereinbaren wir mit Ihnen ein kostenloses, unverbindliches Beratungsgespräch.

Detektivbüro Johanna Schiller –

Die Kompetenzagentur

Frankfurter Straße, 53721 Siegburg

www.KompetenzagenturSchiller.de

Observation – Personensuche – Beweissicherung – Identitätsprüfung

1

Und wie wir eben Menschen sind, wir schlafen sämtlich auf Vulkanen.

Johann Wolfgang von Goethe

Er sitzt in einem der beiden Loungesessel am Fenster, keine drei Schritte entfernt. Gespreizte Knie, aufgeknöpfter Hemdkragen, die Hände lässig auf den Armlehnen ruhend.

»Du weißt ja«, sagt er in sanftem Ton, »wer nicht hören kann …« Gedankenverloren, beinahe zärtlich streicht er über die glatte Lederhaut, um ihr plötzlich einen Schlag zu versetzen. Sein Kinn ruckt nach oben. »Ich habe jetzt genug von unserem Dr. No – und vor allem von seinen beiden Freunden. Schalte sie aus, so schnell wie möglich.«

Im selben Moment klatscht mir etwas in den Nacken. Eiskalt. Ich japse nach Luft, will mir an den Hals greifen, doch ich darf mich nicht bewegen: Unter mir gähnt der Abgrund, unmittelbar vor mir Waskovic.

Nein, der gähnt nicht, sondern dreht den Kopf und blickt hellwach zum Fenster hinüber. Genau in meine Richtung. »War da was?«, fragt er.

Der Dicke tritt vor und drückt seine Nase gegen die Scheibe. Ich kann mich nur aus seinem Blickfeld retten, indem ich mich an den eisernen Stäben des Balkongeländers nach unten rutschen lasse. Es tut höllisch weh, und jetzt hänge ich höchst unkomfortabel auf Bodenhöhe des Balkons, die Stäbe fest mit den Armen umschlossen, mit gut und gern sechs Metern Luft zwischen meinen Füßen und der Grasnarbe.

Schräg über mir klebt der Dicke am Fenster: voluminöses Doppelkinn, kleine, huschende Äuglein, salatblattgroße Ohrmuscheln, von dunklem Stoppelhaar umrahmt. Eine Augenweide ist er wirklich nicht, und er sollte sich niemals – wirklich niemals – aus der Froschperspektive fotografieren lassen.

Falls er nach unten schaut, ist es aus, denke ich, dann wird er mich entdecken.

»Es taut wie verrückt«, höre ich ihn sagen. »Wahrscheinlich ist was vom Dach runtergekommen.«

Sein Gesicht verschwindet wieder. Gerade rechtzeitig, denn mir splittern fast die Ellbogen, länger kann ich mich in dieser Position nicht halten. Mir bleibt nichts übrig, als mich vollends hängen zu lassen. Meine Arme werden lang wie Besenstiele, die Beine rudern wild in der Luft. Endlich finde ich irgendwo Halt, kann mich ein Stück hochziehen, mein Gewicht abstützen, Luft holen, mich für einen Augenblick sortieren.

Ja, ich lebe noch. Es war nur ein fetter Tauwassertropfen, der mich getroffen hat. Nein, Waskovic hat mich nicht entdeckt, über mein Headset höre ich ihn drinnen munter weiterplaudern. Auch dem Dicken kann ich jetzt nicht mehr ins Auge stechen, die Reflexion der Tischleuchte verhindert den Blick nach draußen.

Ja, ganz richtig, er hat soeben den Befehl erhalten, zwei Menschen zu töten. Und ich habe es gehört. Grund genug, mich subito aus dem Staub zu machen.

Im Schutz der Dunkelheit ziehe ich mich am Geländer herauf und versuche, den Nachbarbalkon zu erreichen – aufgepasst! Auf keinen Fall möchte ich den beiden ins Blickfeld geraten. Ich höre, wie die Minibar geöffnet und wieder geschlossen wird, direkt darauf ein angenehmes Gurgeln, Flüssigkeit, die in ein Glas plätschert – nicht viel, es muss was Hartes sein. Der Dicke räuspert sich, bedankt sich artig.

»Auf die Zukunft!«, sagt Waskovic, mit leicht ironischem Unterton, der dennoch erkennen lässt, dass er nicht wirklich etwas zu befürchten hat. Ich höre seinen Atem, Schluckgeräusche. Er muss ganz nah bei dem Mahagonisekretär stehen, unter dem sich der Papierkorb mit der Wanze befindet.

»Sie wissen ja, dass Sie sich auf mich verlassen können«, schleimt der Dicke und räuspert sich erneut.

»Daran habe ich nicht den geringsten Zweifel, mein lieber Ernst.« Dann Schweigen, sie widmen sich offenbar ihren Drinks.

Als ich schon fast drüben bin, sagt Waskovic noch etwas, ohne große Betonung, fast nebenbei, aber so deutlich, als spräche er direkt in mein Ohr. Er sagt: »Pass mir ein bisschen auf Galina auf. Allmählich fängt sie an, mir lästig zu werden.«

Und mit diesem schlichten Nachwort sollte das Theater erst richtig losgehen.

2

Greife nicht in ein fallendes Messer.

Börsenweisheit

Die Geschichte hat allerdings ein Vorspiel, und das begann ungefähr drei Wochen zuvor, an jenem Tag, an dem mich die Kaulquappe zum ersten Mal aufsuchte.

Ich saß gerade am Küchentisch und studierte Mr. Q’s Secrets, den englischsprachigen Bestellkatalog für modische Nachtsichtbrillen, Kugelschreiber mit eingebauten Miniaturkameras, Kunstblumengestecke mit integrierten Abhörgeräten und zahlreiche weitere Verrücktheiten, als mich meine Türklingel mit ihrem wohlbekannten Fanfarenstoß aufschreckte – jenes Signal, alles stehen und liegen zu lassen und hinüber in den Anbau zu hechten, in dem mein Büro untergebracht ist. Dort angekommen, mäßigte ich mein Tempo und schritt bedächtig zur Eingangstür, um der potenziellen Kundschaft zu öffnen.

Die potenzielle Kundschaft kam in Gestalt einer durchgestylten Lady undefinierbaren Alters: langes helles Haar, Pelzkrägelchen, weiße Stiefel mit Absätzen wie Schaschlikspieße. Sie studierte angestrengt die Messingtafel neben der Tür, als gelte es, den Hippokratischen Eid in altgriechischer Originalversion zu entziffern, dabei stehen lediglich drei Worte darauf: ›Wahrheit. Klarheit. Fairness.‹ Mein Credo in allen Lebenslagen, sozusagen. Ihres nicht, wie ich jetzt weiß – kein Wunder, dass sie dran zu knabbern hatte.

»Frau Schiller? Johanna Schiller?«

»Die bin ich.« Ich bat sie herein und forderte sie auf, sich zu setzen. Später war ich unschlüssig, ob ich meiner spontanen Eingebung, sie ›Kaulquappe‹ zu nennen, folgen oder ihr lieber den Decknamen ›Donatella‹ verpassen sollte, nach dieser blond-brutzeligen Versace-Schwester, blieb dann aber bei meiner ersten Idee. Doch eins nach dem anderen.

Ich fragte also, was ich für sie tun könne, und sie berichtete von gewissen ehelichen Zwistigkeiten – das heißt, bevor sie damit herausrückte, saß sie eine zähe Minute lang kerzengerade vor mir und sagte gar nichts. Solch bockiges Schamschweigen kann mich allerdings nicht schrecken. Ich nehme meine Therapeutenhaltung ein: bequeme, nicht allzu lässige Sitzposition und den speziellen Gesichtsausdruck aufsetzen, den ich mir in langjähriger Übung erarbeitet habe – eine Mischung aus professioneller Anteilnahme, sachlicher Distanziertheit und diesem gewissen Blick, der erahnen lässt, dass mir nichts Menschliches fremd ist. Mit dieser Miene relativiere ich den ersten Eindruck, den die meisten von mir haben, ich verschaffe mir sozusagen ein größeres geistiges Gewicht. Und ich bringe meine Kunden damit gewöhnlich zum Sprechen, die Kaulquappe bildete da keine Ausnahme.

Es war die übliche Geschichte – ich sollte ihren Ehemann der Untreue überführen. Allerdings war sie bereit, dafür eine solch unanständige Summe zu zahlen, dass ich sofort hätte stutzig werden müssen. Bei jedem weiblichen Wesen schlägt die sparsame Hausfrau durch, wenn sie für den Beweis ihrer eigenen Niederlage auch noch Geld auf den Tisch legen soll. Zwar verhandelt nicht jede knallhart über meinen Stundensatz, gewöhnlich erkundigt sie sich jedoch danach. Die Kaulquappe dagegen versäumte es nicht allein, sich zu erkundigen, sondern nannte von sich aus eine Anzahlungssumme, die viel zu hoch war, und schob gleich noch einen Umschlag über den Tisch.

»Normalerweise habe ich einen festen Stundensatz«, erklärte ich und gab mir Mühe, das Kuvert zu ignorieren. »Hinzu kommen gewisse Extras, die im Vorfeld zu klären sind. Wir setzen einen Dienstleistungsvertrag auf, dann …«

Sie wolle keine Extras klären, fiel sie mir ins Wort und bedachte mich mit einem strengen Blick aus ihren gelblichen Hexenaugen, die so gar nicht zum Rest ihrer Erscheinung passten. Klarheit über die Angelegenheiten ihres Mannes wolle sie. Weiter nichts.

Und ich wollte den Auftrag, weiter nichts. Mein Portemonnaie wollte ihn. Nicht dass die Geschäfte schlecht liefen, aber sie liefen auch nicht gerade gut. Vor meinem geistigen Auge materialisierte sich bereits seit einigen Wochen das Interieur der Kaufhof-Miederwarenabteilung, im rhythmischen Wechsel mit der Parfümerie. Bebrillte ältere Herren beim Klauen feiner Damenunterwäsche festzunageln, ist einfach nicht mein Ding. Noch schlimmer sind allerdings die wabernden Duftwolken, in die sich junge Mädchen hüllen, bevor sie teure Wässerchen in ihren Handtaschen verschwinden lassen. Penetrante Gerüche lösen bei mir unweigerlich einen Migräneanfall aus. Kurz gesagt: Mich als Kaufhausdetektivin zu verdingen, ist so ziemlich das letzte meiner Karriereziele, das ich allerdings gerade mal wieder auf ziemlich hartem Kurs ansteuerte. Und plötzlich hockte die Kaulquappe vor mir und versprach, sich in einen Frosch mit einer fetten Goldkugel zu verwandeln. Wer könnte da widerstehen?

Ich jedenfalls nicht. Innerlich scharrte ich bereits mit den Hufen wie ein Rennpferd, bereit, sofort loszustürmen; ein schöner Batzen Geld ist noch immer das beste Dopingmittel. Leider auch der häufigste Grund, Fehler zu begehen – und diesen Auftrag anzunehmen, war ganz entschieden einer, aber hinterher ist man bekanntlich schlauer.

Normalerweise bearbeite ich derlei Aufträge nicht allein, sondern ziehe meine zauberhafte Assistentin Denise hinzu. Denise vereint alle Eigenschaften einer guten Observantin in sich, außerdem hat sie ein hervorragendes Personengedächtnis und kann Berichte ohne orthografische Mängel verfassen. Sie ist wirklich gut. Seit der Geburt ihrer Tochter steht sie allerdings lediglich für dringliche Sonderaufgaben zur Verfügung, wobei ihre Definition einer dringlichen Sonderaufgabe recht eigenwillig ausfällt. Sollte beispielsweise Robbie Williams in der Stadt weilen und ein Fan dessen langjährige Tagebuchaufzeichnungen geklaut haben, wäre sie gern bereit, zu helfen, erklärte sie unlängst. Vorausgesetzt natürlich, Robbie würde sich an uns wenden.

Leider weilt Robbie Williams nie in Siegburg, und ob er ein Tagebuch führt, ist fraglich. Der letzte große Star, der sich hierher verirrte, war Kevin Costner, aber nicht in seiner Eigenschaft als Tänzer mit dem Wolf, sondern als Hobbybarde, und ich bin nach wie vor unentschlossen, wer besser singen kann: er oder ich.

Neben Denise gehört auch Herbert zu meinem Team, ein mit allen Wassern gewaschener Expolizist und Frührentner mit exzellenten Beziehungen. Leider hat er seit Wochen Rücken und kommt kaum aus seinem Fernsehsessel hoch.

Andererseits kriegt man Seitensprünge auch gut allein hin, überlegte ich. Dazu bedarf es in der Regel weder eines Superhirns noch eines Linienbusses voller Observanten. Und in dem Moment, in dem ich mich entschied, der Kaulquappe gar nicht erst von meinem Dreamteam zu berichten, sagte sie: »Ich möchte bitten, dass das hier unter uns bleibt.«

»Selbstverständlich!«

»Ich meine damit, dass Sie allein arbeiten sollten.«

»Warum das denn?«, entfuhr es mir.

»Eine Vertrauensfrage. Mein Mann ist eine bekannte Größe, und ich möchte nicht mehr Personen in die Angelegenheit hineinziehen als nötig.«

»Eine Observation allein durchzuführen, ist unprofessionell!«, widersprach ich, weil ich mir prinzipiell ungern etwas vorschreiben lasse. »Verstehen Sie doch: Es müssen gewisse Vorermittlungen durchgeführt werden, man muss Ihren Mann beschatten, es gibt womöglich weitere Zielpersonen, die im Auge behalten werden müssen, und von all dem darf selbstverständlich niemand etwas merken. Das ist allein nicht leicht zu bewerkstelligen.«

»Jemanden beim Fremdgehen zu erwischen, kann wohl nicht so schwer sein«, meinte die Kaulquappe abschätzig und setzte hinzu: »Entweder Sie machen es allein oder gar nicht.« Doch dann merkte sie offenbar, dass sie nicht nur mit der Peitsche knallen, sondern mir auch ein bisschen Zucker geben musste, und schwenkte um. »Selbstverständlich hätte ich mich an eine große Detektei wenden können, aber ich wollte es gern … persönlicher. Ich wollte Sie«, schmeichelte sie mir und rang sich sogar ein Lächeln ab. »Immerhin haben Sie sich einen gewissen Ruf erarbeitet.«

Hört, hört, einen gewissen Ruf! Fragte sich jedoch, was für einen. Danach fragte ich allerdings nicht, sondern wollte wissen, ob sie selbst bereits aktiv geworden sei. Kunden, die sich als Sherlock Holmes betätigt haben, bevor sie eine Detektei einschalten, haben die Sache meist dermaßen versaut, dass auch professionelle Arbeit zum Scheitern verurteilt ist. Und jeden Schuh will man sich dann doch nicht anziehen.

Aber die Kaulquappe beteuerte ernsthaft, in dieser Richtung nichts unternommen zu haben. »Da verlasse ich mich völlig auf Ihr professionelles Auge.«

Also gut. »Eine Frage habe ich allerdings noch. Nehmen Sie sie nicht persönlich, ich stelle sie in derartigen Fällen immer«, erklärte ich, und das entsprach sogar der Wahrheit, denn sie gehört standardmäßig zu dem für meinen Beruf unerlässlichen psychologischen Feingefühl.

»Nur zu«, ermunterte mich die Kaulquappe.

Ich schaute in ihre gelben Augen: »Sind Sie sicher, dass Sie die Wahrheit wissen wollen?«, fragte ich ernst. »Ich meine, ist Treue für Sie entscheidend? Bedenken Sie: Niemand ist hundertprozentig glücklich in einer Ehe, dafür sind wir Menschen nun mal nicht gemacht. Ich bin selbst verheiratet, ich weiß, wovon ich rede. Irgendwann kommt unweigerlich der Punkt, an dem einem das Gras auf der anderen Seite des Zaunes grüner erscheint. Vielleicht sollte man dann einfach mal naschen. Oder den anderen naschen lassen – meinen Sie nicht? Ich verlange keine Antwort, es soll nur ein Gedankenanstoß sein. Man muss die Wahrheit ertragen können, das ist alles, was ich zu bedenken gebe. Aber Sie scheinen sich ja bereits entschieden zu haben.«

»Sonst wäre ich nicht hier«, gab die Kaulquappe kurz angebunden zurück. »Alles, was ich will, ist Bescheid zu wissen, und zwar so genau wie möglich.«

»In Ordnung«, stimmte ich zu und hatte damit für meinen Geschmack genug psychologisches Feingefühl bewiesen.

»Dann haben wir uns ja verstanden.«

»Ich denke schon.«

»Aber kommen Sie mir nicht mit Busserl-Serien vom Firmenparkplatz.«

»Wie bitte?«

»Na, keine Sekretärinnen-Begrüßungsgeschichten – Küsschen links, Küsschen rechts, und tralala.«

Aha. Tralala. Es klingt merkwürdig, wenn diese weichen Silbenwellen mit jenem harten, trockenen Akzent vorgetragen werden, der der Kaulquappe eigen ist.

Wie schnell sie ihre anfängliche Verstocktheit überwunden hatte! Keine Busserl also, die Hüllen mussten fallen. Vermutlich erhoffte sie sich von den nackten Tatsachen irgendwelche strategischen Vorteile, doch sie äußerte sich nicht weiter dazu, und ich fragte nicht danach. Hinzu kam, dass ich grundsätzlich ein Problem mit gut betuchten älteren Herren habe, die sich als taufrisches Gemüse verkaufen, ihre reifen Ehefrauen hingegen behandeln wie schimmliges Obst. Die Kaulquappe tat offensichtlich einiges dafür, um knackig zu bleiben, da hatte sie etwas Respekt verdient. Wenn sie den nicht mehr bekäme, sollte sie doch für sich rausschlagen, was sie kriegen könnte. Sollte sie ihrem Gatten ordentlich in den Hintern treten. Und mich ordentlich bezahlen.

»Ich zahle sehr gut«, bekräftigte sie wie aufs Stichwort. »Dafür verlange ich allerdings gute Arbeit. Bilder, Videos, Tondokumente – alles, was möglich ist.«

»Sie wissen, dass das unter Umständen illegal ist?«, wandte ich ein. »Dieses Material hat juristisch keinerlei Relevanz, und Tonaufnahmen sind schlichtweg verboten.«

Sie zuckte die Achseln. »Wo kein Kläger, da kein Richter. Ich beabsichtige nicht, ein Gericht hinzuzuziehen.«

»Okay, das mag sein. Aber ich laufe Gefahr, mich strafbar zu machen.«

Statt zu antworten, betrachtete sie eingehend den Umschlag auf dem Tisch. Ich konnte nicht anders, als es ihr gleichzutun.

Im Weiteren gestaltete sich unsere Zusammenarbeit harmonisch. Die Kaulquappe füllte meinen Fragebogen über die Lebensumstände ihres Mannes gewissenhaft aus und schickte mir ein paar Fotos des Gatten per E-Mail. Ich erledigte meinen Teil der Arbeit und erhielt bald ein rundes Bild meiner Zielperson: Bert Waskovic, 52 Jahre alt, gebürtig in Waldbröl. Ein Holzhändler aus dem Bergischen Land, seinem Aussehen und Auftreten nach eher Investmentbanker als Hinterwäldler.

Als Verwaltungssitz seines Unternehmens dient eine schicke Gründerzeitvilla nahe des Alten Friedhofs in Eitorf, in der zudem die hill & valley GmbH residiert, die sich vorwiegend auf Auslandsgeschäfte konzentriert und deren Vorsitz Waskovic ebenfalls führt. Doch all das interessierte mich nur am Rande, ich hatte es schließlich auf sein Privatleben abgesehen. Auch dazu hatte die Kaulquappe nicht mit Informationen gegeizt und meinen Fragebogen sogar mit einigen zusätzlichen Anmerkungen versehen. So erfuhr ich beispielsweise, dass ihr Gatte einen Hang zur Pedanterie hat und ein Kontrollfreak ist, was sich mit meiner physiognomischen Gesichtsanalyse deckte. Außerdem erfuhr ich, dass er nie vor Mitternacht ins Bett geht, sich als Einschlafhilfe ein Glas Single Malt Whisky gönnt und eine Schwäche für Torten aller Art hat.

Bestens instruiert machte ich mich also an die Arbeit, und – was soll ich sagen? Unser Feinschmecker gönnt sich nicht ein, sondern gleich zwei Sahneschnittchen: die Kleinere geht in Richtung Buttercremetorte, die Größere erinnert an Schwarzwälder Kirsch. Ihre Namen: Chantal Schuster und Vanessa Behrendt.

Chantals Aura verrät Gedankenlosigkeit und Daseinsfreude, gepaart mit einer ausgeprägten Genusssucht und dem Bedürfnis nach Harmonie. Bei der Behrendt widersprechen sich eine gewisse Askese und der Hang zum Luxus, Zielstrebigkeit und Faulheit – sie ist also leidensfähig, strengt sich jedoch nur ungern an.

Beide Damen verfügen über viel Freizeit und einen illustren Freundeskreis, der sich aus Türstehern, Kampfhundbesitzern und Gebrauchtwagenhändlern zusammensetzt – nicht gerade die Klientel, mit der Waskovic sich sonst zu umgeben pflegt. Vorzugsweise hält er sich nämlich auf dem Golfplatz auf, wie die Kaulquappe mir mitteilte, doch seine Liebe zum Sport scheint nicht so ausgeprägt zu sein, wie sie vermutet, denn während sie ihn beim Einlochen auf Gut Heckenhof wähnt, lümmelt er meist in ganz anderen Ecken herum. Ich fand heraus, dass er sich ungefähr ein- bis zweimal pro Woche mit seinen Gespielinnen traf. An jenem Montag, gut drei Wochen, nachdem die Kaulquappe in meinem Büro aufgetaucht war, lag wie üblich eine Reservierung in der Rheinperle vor, einem kleinen Hotel vor den Toren Kölns, das mit seinen schmiedeeisernen Balkonen zur Rheinseite hin wie geschaffen für Einblicke aller Art ist.

An jenem besagten Abend wollte ich Waskovic heimlich zu seinem amourösen Stelldichein begleiten und meinen Auftrag damit abschließen: Ich im Verborgenen auf dem Balkon, er in flagranti in der Nobelsuite. Ein paar aussagekräftige Bilder untermalt von O-Ton-Einspielungen, und die Beweislage wäre komplett – so der Plan.

Mein Equipment im Gepäck, eilte ich Waskovic ins Hotel voraus, nahm ein Zimmer neben dem seinen in Beschlag und brachte mich in Stellung. In derlei Fällen ist es gut, der Igel und nicht der Hase zu sein, und ich konnte mein Glück kaum fassen, als ich die Balkontür weit geöffnet vorfand. Offenbar wollte man noch einmal ordentlich durchlüften, bevor der Gast eintraf. Also schlüpfte ich hinein und steuerte den schwarzen Papierkorb unter dem Schreibsekretär an der Wand an. Ich klebte die ebenfalls schwarze, selbsthaftende Wanze hinein, eine Errungenschaft von Mr. Q’s Secrets, und wieder ab nach draußen. Wenige Sekunden später kam ein Zimmermädchen, um die Balkontür zu schließen, blickte dabei allerdings so verträumt drein, dass sie wohl nicht einmal einen Elefanten im Handstand auf dem Balkon bemerkt hätte. Soweit alles bestens. Bis dahin jedenfalls.

Doch dann entpuppte sich das vermeintliche Schäferstündlein unversehens als waschechter Männerabend – kurz, aber heftig –, statt der langbeinigen Schönen tauchte der kurze Dicke mit der Ernie-Frisur auf, und zum krönenden Abschluss dieser Verwechslungstragödie textete Waskovic mir den Auftragsmord aufs Band. Oder vielmehr zwei Morde, denn es waren zwei Personen, die ausgeschaltet werden sollten. Bert Waskovic schien in allen Lebenslagen eine Vorliebe für Paarungen zu haben.

Offenbar ging es um zwei Angestellte seiner Firma – Thomas und Stefan mit Namen –, die irgendeinen Deal an ihm vorbei gemacht hatten. Der Dialog war ziemlich kryptisch, und die genauen Zusammenhänge erschlossen sich mir nicht, der Dicke hingegen schien keinerlei Verständnisschwierigkeiten zu haben. Waskovic blieb ruhig, während er die Sachlage erörterte, als spräche er von zwei uneinsichtigen Schülern, die man zu ihrem eigenen Besten von der Klassenfahrt heimschicken wollte. Auch Salatohr-Ernie wirkte so gefasst, als nähme er den Auftrag zum Brötchenholen entgegen, er nickte immerzu, und als er fertig war mit Nicken, ging Waskovics Daumen runter.

»Ich habe jetzt genug von unserem Dr. No – und vor allem von seinen beiden Freunden«, resümierte er. »Schalte sie aus, so schnell wie möglich.«

Der Dicke blähte die Nasenlöcher. Mir klatschte ein Tautropfen in den Nacken. Kurz darauf Waskovics Nachsatz: »Pass mir ein bisschen auf Galina auf.«

Genau. Genau das habe ich auch getan, oder gemeint, es tun zu müssen: nämlich aufzupassen, auf seine Frau. Auf Galina, die Kaulquappe. Schließlich ist sie meine Klientin, und Klienten gegenüber hat man eine gewisse Fürsorgepflicht, insbesondere, wenn deren Ehemänner mit dem Gedanken spielen, sie auszuschalten. Es ging nicht länger um irgendwelche feuchtfröhlichen Matratzenspielchen, sondern um Mord. Und wenn herauskäme, dass die Kaulquappe mich auf ihren Mann angesetzt hat, wäre sie in höchster Gefahr; Waskovic hatte deutlich genug ausgesprochen, wie überdrüssig er ihrer ohnehin war.

Was mir selbst blühen könnte, daran mochte ich gar nicht denken. Aber ich tat es unweigerlich.

Tief durchatmen. Ruhe bewahren. Nachdenken.

Was nun? Mein erster Reflex ist, schnurstracks zur Polizei zu laufen. Doch was soll ich der erzählen? Meine O-Ton-Aufnahme ist schlicht und einfach illegal.

Gut, ich bräuchte sie nicht vorzuspielen. Ich könnte sagen, ich hätte die Unterhaltung mit angehört. Das wäre nur noch relativ illegal, dann hätte ich allerdings absolut keine Beweise – und die sind in dieser Angelegenheit zwingend notwendig.

Im besten Fall würde ich mich lächerlich machen und in Erklärungsnöte geraten; im schlimmsten eine Menge Ärger bekommen und womöglich mein Geschäft ruinieren. Deutlich klingen mir noch Richter Bernhards Worte im Ohr; jenes echt kölsche Urgestein vom Siegburger Amtsgericht, bei dem man nie sicher ist, ob er eine Büttenrede hält oder ein Urteil spricht. Wenn man sich ein bisschen reingehört hat, ahnt man allerdings doch, in welche Richtung es geht, und bei unserer letzten Unterredung hatte er recht eindeutige Worte gefunden.

»Junge Frau, diesmal habe ich ein Auge zujedrückt, aber nächstes Mal versteh ich keinen Spaß mehr. Also wäre et jut, wenn et kein nächstes Mal jäbe. Habe ich mich klar ausjedrückt?«

Ja, er hatte sich klar ausgedrückt. Beim nächsten Mal wäre ich reif, hieß das. Hintergrund der Geschichte war, dass ich einer Zielperson einen GPS-Sender ans Auto geklemmt hatte. Ein Kunde hatte mich beauftragt, einen seiner Mitarbeiter ins Visier zu nehmen, der seit Monaten krankfeierte. Der Kunde hatte besagten Mitarbeiter im Verdacht, in Wahrheit heimlich zu arbeiten, und ich sollte der Sache nachgehen. Da Denise gerade entbunden hatte und Herbert an einem anderen Fall dran war, entschied ich mich für die Kurz-und-schmerzlos-Version in Sachen Ermittlung und brachte das GPS zum Einsatz. So fand ich schnell heraus, dass die Zielperson einen recht beachtlichen Aktionsradius hatte, was schon einmal verdächtig war. Von da an war es nur ein kleiner Schritt zu der Erkenntnis, dass besagter Mitarbeiter private Häuslebauer in der ganzen Region ansteuerte, um ihnen bei der Verlegung der Elektrik auszuhelfen. Schwarz, versteht sich. Und trotz seiner zerrütteten Nerven.

Der umtriebige Kranke erhielt eine fristlose Kündigung, focht diese jedoch an, unter anderem, weil sein Anwalt die Observation für unrechtmäßig hielt, und ich wurde als Zeugin vor Gericht geladen. Nichts Ungewöhnliches, wie überhaupt der Fall nicht ungewöhnlich war. Die Beweislast war erdrückend, und die Zielperson verdiente die Kündigung durchaus, das sah auch Richter Bernhard so. Nicht einverstanden war er hingegen mit meiner Ermittlungsmethode gewesen, die zwar für das Verfahren keine direkte Relevanz gehabt hatte, da die entscheidenden Fakten auf anderem Wege gewonnen worden waren – ich hatte das GPS-Gerät schließlich entfernt, war der Zielperson hinterhergefahren und hatte sie auf zwei Baustellen in Aktion fotografiert –, hinter verschlossenen Türen hatte Bernhard mir jedoch einen Warnschuss erteilt. Beim nächsten Mal würde mir womöglich ein Ermittlungsverfahren wegen ›vorsätzlich unbefugt erhobener personenbezogener Daten‹ drohen, wie es so schön heißt. Die Rechtslage ist in diesem Fall nicht eindeutig, doch sollte man mich deswegen drankriegen, kann ich einpacken. Geradezu ideale Voraussetzungen also, um mit meiner Wanzen-Nummer aufzuwarten. Zumal es nicht einmal eine Leiche gibt – oder noch nicht gibt. Man würde Waskovic keine Unrechtmäßigkeiten vorwerfen können. Aber mir.

Während ich aus meinem Hotelzimmer zu meinem Wagen flüchte, den ich ein paar Straßen weiter in der Nähe des Rheinufers geparkt habe, schießen mir all diese Überlegungen durch den Kopf, allerdings nicht wohlgeordnet und sortiert, sondern in einer Art chaotischer, Blitze zuckender Ursuppenversion. Meine Konzentration leidet außerdem darunter, dass Ernie und Bert in meinem Ohr gerade lebhaft über den möglichen Ausgang eines Spiels der Windecker Kicker debattieren.

Ich steige in meinen Mondeo und muss all meinen Mut zusammenkratzen, um den Anweisungen des Navis zu folgen: Zielrichtung Kaulquappe, zum Heim der Waskovics – direkt in die Höhle des Löwen sozusagen. Trotz meiner weichen Knie scheint mir das Risiko kalkulierbar, der Löwe weilt ja noch in seiner Hotelsuite, wo er sich nach getaner Arbeit ohne Zweifel seinen Brennpunktplaymates widmen wird. Sein Date steht nach wie vor, mit eigenen Augen habe ich die Behrendt eintreffen und in der Hotelbar abtauchen sehen. Ich war einfach nur zu früh dort, verdammt!

Ernie verlässt gerade das Hotelzimmer, als ich auf die L 269 abbiege. Kurz vor der Autobahnauffahrt klopft es, und ich höre Waskovic die Tür öffnen.

»Tut mir leid, Engelchen«, schnurrt er. »Manchmal bin ich nicht Herr über meine Zeit.«

»Macht nichts, ich habe mich angeregt mit dem Barkeeper unterhalten«, antwortet die Behrendt. Exakter: Eine Frauenstimme, die ich für die der Behrendt halte.

»Na, na! Hat er dir schöne Augen gemacht?«

»Sind wir hier, um über den Barkeeper zu reden?«

Schallendes Lachen. »Nein, Engelchen, uns fällt bestimmt noch etwas Besseres ein.«

Dann ein paar Takte Coldplay, die mir inzwischen gut vertraut sind – Waskovics Handy.

»Ja?«

-

»Und das sagst du jetzt erst?«

-

»Ich habe verstanden.«

Stille.

»Ärger?« Erneut die Frauenstimme.

Sie wiederholt ihre Frage.

»Wie? Nein, nein, alles bestens.« Ich höre Waskovic im Zimmer umhergehen. »Jetzt trinken wir erst mal was.« Seine Stimme kommt näher. »Herrje, wie ich diese kleinen Fläschchen hasse! Willst du vielleicht …«

In dem Moment knallt es so heftig, als hätte in meinem Ohr gerade ein Düsenjäger die Schallmauer durchbrochen. Ich verreiße das Lenkrad und krache um ein Haar gegen die Leitplanke.

Du meine Güte! Die Flasche, die Waskovic offensichtlich soeben entsorgt hat, mag zwar klein gewesen sein, ihr Gewicht hat allerdings voll und ganz ausgereicht, meine Wanze in die ewigen Jagdgründe zu schicken.

Was auch immer Waskovic von nun an tut, es wird ohne meine akustische Begleitung geschehen.

3

Der dich betrügt, ist nahe bei dir.

Aus Uganda

Die Kaulquappe erwartet mich bereits, als ich in Eitorf eintreffe; ich habe sie angerufen und über mein Kommen informiert. Stumm, ohne eine Miene zu verziehen, ohne das geringste Zeichen von Überraschung oder gar Entsetzen lauscht sie dem Gesprächsmitschnitt, den ich ihr vorspiele, bis ich die Aufnahme unmittelbar nach dem Mordauftrag stoppe.

»Haben Sie davon gewusst?«, frage ich in einer Schärfe, die mir angesichts der Sachlage geboten erscheint.

»Um Himmels willen, nein!« Sie hebt abwehrend die Hände. »Aus den geschäftlichen Angelegenheiten meines Mannes halte ich mich heraus.«

Geschäftliche Angelegenheiten? Soll das ein Witz sein? Wohl kaum, ihr fehlt jeglicher Sarkasmus in der Stimme. Und jegliche Bestürzung. Mein Gott, diese Frau kann ihre Dummheit nicht einmal auf ihre Haarfarbe schieben, denn die ist ohne Zweifel noch weniger echt als ihre mit Glitzersteinchen gespickten Fingernägel. Kein Wunder, dass sie Waskovic zum Hals raushängt.

»Es geht um Menschenleben.« Ich sehe ihr ernst ins Gesicht. »Wir können nicht so tun, als wüssten wir von nichts.«

Sie beginnt, sich in einer Art Endlosschleife eine Haarsträhne um den Finger zu wickeln.

»Wir müssen zur Polizei«, präzisiere ich und gebe ihr einen Moment Zeit, damit sie mit dem Denken nachkommt. Ein paar Mal klimpert sie mit ihren falschen Wimpern und ist plötzlich hellwach.

»Was wollen Sie der Polizei erzählen?«, fragt sie mit hartem Zungenschlag. »Dass mein Mann ein geschäftliches Gespräch mit einem seiner engsten Mitarbeiter geführt hat?«

»Bei dem es darum ging, zwei weitere Mitarbeiter umzubringen. Genau.«

Sie lacht auf. »Ich bitte Sie! Bert ist eben a bisserl derb g’worden, weil er empört war und wütend. Weiter nichts.«

Empört und wütend g’worden ist gerade noch jemand. »A bisserl derb?«, fauche ich. Mein unverdauter Schrecken schlägt in Aggressivität um. »Sagen Sie, warum geben Sie sich eigentlich manchmal so bajuwarisch, Frau Waskovic? Ihre Heimat liegt doch sicher weiter östlich.« Ohne Zweifel, mir gehen gerade die Pferde durch, aber das passiert mir immer, wenn sich ein gewisser Dialekt mit überheblicher Ignoranz paart. Mein erster Chef, Fisimatenten-Brandl, von Brandl & Kuhnert, einer der angeblich renommiertesten deutschen Detekteien, hat mich in dieser Hinsicht fürs Leben versaut.

»Ich wüsste nicht, was das hier zur Sache tut«, schmollt die Kaulquappe, und sie hat völlig recht. »Aber es stimmt, ich stamme aus der Ukraine. Mein Deutschlehrer kam allerdings aus Garmisch.«

Welch haarsträubende Diskussion habe ich da angezettelt! »Sorry, ich war unverschämt. Lassen wir das und kommen zum Thema zurück: Was Ihren Mann betrifft: In meinen Ohren klang er weder wütend noch empört, sondern einfach nur kaltblütig.«

»Ach was, Sie kennen ihn eben nicht!« Die Kaulquappe wirft demonstrativ ihr Haar zurück. »Bert weiß sich zu beherrschen, aber unter der Oberfläche brodelt es, da kocht sein Temperament. Wenn er gereizt ist, sagt er gern einmal unschöne Dinge.«

»Und erteilt gern unschöne Aufträge«, füge ich hinzu, wofür ich einen tadelnden Blick ernte.

»Der Mann, mit dem er gesprochen hat, ist Ernst Kemper, die rechte Hand meines Mannes, falls Sie das noch nicht selbst herausgefunden haben«, erklärt die Waskovic gereizt. »Er ist diplomierter Betriebswirt oder Bankkaufmann oder was auch immer – jedenfalls kein Killer.«

»Als diplomierter Killer wird er sich auch kaum beworben haben«, wende ich ein, sie lässt sich jedoch nicht beirren.

»Kemper trägt Personalverantwortung«, fährt sie fort, »das heißt, er hat Konsequenzen zu ziehen, wenn der Laden nicht läuft. Und der Laden ist, was die beiden Herren betrifft, offenbar nicht gelaufen. Ich kann Ihnen die Zusammenhänge nicht genau erklären, wie gesagt, aus den geschäftlichen Dingen halte ich mich heraus, es hört sich allerdings sehr danach an, als hätten diese Mitarbeiter meinen Mann hintergangen und ihre Vertrauensstellung missbraucht. Folglich hat Kemper dafür zu sorgen, dass sie nicht weiter in die Geschäftsprozesse integriert werden. Er wirft sie raus aus dem System. Er schaltet sie ab, schaltet sie aus – was auch immer. Das heißt allerdings noch lange nicht, dass er sie umbringt!«

»Genau das habe ich allerdings herausgehört.«

Erneut schüttelt Galina den Kopf, mit resignierter Miene, als sei jedes ihrer Worte verschwendet gewesen, da bei mir ohnehin Hopfen und Malz verloren sei. »Was sollen denn diese Mafiosi-Theorien, Frau Schiller? Wir sind hier nicht auf Sizilien! Mein Mann handelt mit Holz, nicht mit Waffen. Aber laufen Sie ruhig zur Polizei mit Ihrem Mitschnitt, wenn Sie es für Ihre Pflicht halten.« Ihre Hand vollführt eine fahrige Geste, als sei ihr das alles einfach nur lästig, doch nach einer kurzen Pause fügt sie hinzu: »Sie sollten allerdings nicht davon ausgehen, dass mein Mann sich das bieten lassen wird. Private Gespräche aufzuzeichnen, ist illegal, das sagten Sie selbst.« In ihrer Stimme liegt plötzlich neue Kraft. »Sollten Sie ihn trotzdem irgendwelchen falschen Verdächtigungen aussetzen, kassieren Sie garantiert eine Strafanzeige; fleißige Anwälte hat mein Mann genug.« Sie beugt sich vor und fixiert mich mit ihren gelben Hexenaugen. »Und ich sage Ihnen gleich, wie die Sache ausgehen wird: Sie können Ihren Laden dichtmachen. So wird es enden.«

Ich suche nach einer Erwiderung, doch mir will keine einfallen. Zugegeben: Mir wächst die Sache über den Kopf. In welchen Schlamassel habe ich mich da nur reingeritten!

»Wissen Sie, welche Schwierigkeiten es derzeit in der Firma gibt?«, beharre ich in dem Bemühen, einen Rest Professionalität zu wahren. »Besondere Vorkommnisse, Umbrüche, Neuerungen?«

»Nein.«

»Sie können mir nichts über die aktuelle Lage des Unternehmens sagen?«

»Nein. Ich sagte doch: Aus den geschäftlichen Angelegenheiten halte ich mich heraus!«

Soll ich das glauben? Worüber reden die Waskovics denn beim Abendbrot? Nur über ihre Maledivenreisen? Und warum, zum Kuckuck, wirkt die Waskovic viel geschäftstüchtiger, als sie sich gibt? Hat sie womöglich ihre Berufung nicht erkannt, oder ignoriert sie sie einfach?

Wenn ich es mir recht überlege, kann von Ignoranz allerdings gerade keine Rede sein. Sie legt sich vielmehr unheimlich ins Zeug, ihrem Bert die Flecken von der Weste zu reiben. Und ich habe sie unterschätzt. Eindeutig. Ich habe ihre gelben Augen nicht ernst genug genommen, mich von all der Schminke und dem falschen Flitter blenden lassen, hinter dem sie ihren Verstand verbirgt. Ich bin auf einen der ältesten Tricks der weiblichen Welt reingefallen.

»Wie erklären Sie sich, dass Ihr Mann mit Kemper nicht in seinem Büro, sondern außer Haus gesprochen hat?«, nehme ich einen neuen Anlauf, in dem festen Willen, mich nicht unterkriegen zu lassen.

Die Kaulquappe zieht eine Augenbraue in die Höhe, als sei meine Frage höchst absonderlich und kaum der Mühe wert, darüber nachzudenken, ringt sich dann schließlich doch zu einer Antwort durch. »Ganz einfach«, erklärt sie. »Bert hatte einen Termin in Köln, der ziemlich lange dauern sollte, wie er mir zuvor sagte. Anschließend wollte er wohl nicht extra ins Büro fahren und hat Kemper ins Hotel bestellt, da es offensichtlich dringliche Angelegenheiten zu klären gab.«

»Gut. Aber warum ins Hotel, warum nicht beispielsweise zu Ihnen nach Hause?« Ich denke an das riesige Himmelbett im Hotelzimmer. Nicht gerade eine alltägliche Umgebung für Dienstgespräche.

Wieder zuckt die Augenbraue, diesmal braucht meine Klientin jedoch keine Bedenkzeit, um mich anzufahren: »Diese Frage sollten eigentlich Sie mir beantworten, Frau Schiller!«

Nein, ich werde mich nicht provozieren lassen. »Wa­rum wollten Sie Tondokumente?«, bohre ich weiter. »Fo­tos hätten schließlich als Beweismittel gereicht.«

Das habe sie mir alles bereits bei der Auftragsvergabe erklärt, schnappt sie. Sie habe wissen wollen, ob sich ihr Ehemann lediglich amüsiere oder ob er ernsthafte Absichten hege, und da würden Fotos allein nun einmal nicht weiterhelfen. »Ich wollte die ganze Wahrheit wissen«, resümiert sie, jetzt wieder leidlich gefasst, und setzt nach einer kurzen Pause hinzu: »Ich will nicht, dass mein Mann schlauer ist als ich, okay?«

Okay, das Anliegen ist nachvollziehbar, und ich bringe durchaus Verständnis dafür auf, trotzdem will sich meine Unruhe nicht legen. Die Kaulquappe sieht es mir an.

»Ich wiederhole nochmals: Mein Mann sagt unschöne Dinge und hat oft einen rauen Ton am Leib, aber er ist kein Mörder.«

»Na gut«, lenke ich ein. »Vielleicht hören Sie sich erst noch diese unschönen Worte an, den eigentlichen Grund, weshalb ich gekommen bin.« Ich spiele ihr den Rest der Aufnahme vor, die entscheidenden beiden Sätze, die ihre Person betreffen.

»Was sagen Sie dazu?« Ich kann meinen Triumph kaum verbergen, doch zu meiner Überraschung zuckt sie nur ungerührt die Achseln. »Zwischen meinem Mann und mir steht es momentan nicht zum Besten, wie Sie wissen. Er hat sich über mich geärgert, weiter nichts.«

»Er lässt Sie beschatten!«, entfährt es mir.

»Na und? Ich ihn doch auch!«

Schon wieder ein Tor für die Kaulquappe, dieses ganze Spiel droht vollkommen aus dem Ruder zu laufen. Aber noch will ich mich nicht geschlagen geben.

»Ich dachte, dieser Kemper ist Personalchef«, sage ich. »Aber Sie gehören doch gar nicht zum Personal. Oder liegt seine Aufgabe womöglich darin, das Personal anzuheuern, das sich um Sie kümmern soll?«

»Sie stellen Fragen! Woher soll ich das wissen?«

»Sie sollten die Angelegenheit nicht auf die leichte Schulter nehmen«, beharre ich. »Womöglich wird Ihr Mann bald wieder a bisserl derb – und dann lässt er Sie ausschalten, Frau Waskovic.«

»I wo!« Sie lacht auf, und ihre prallen Lippen spannen sich bedenklich. »Um mich brauchen Sie sich nicht zu sorgen!«

Also gut. Dann werde ich damit aufhören. Auf der Stelle. Game over. »Ich schließe daraus, dass Sie mich nicht zur Polizei begleiten werden?«

»Zur Polizei? Nein, Frau Schiller, ich werde nicht zur Polizei gehen. Und wenn Sie auch nur einen Funken Verstand haben, werden Sie das genauso wenig tun. Sagten Sie nicht, Sie haben Familie? Denken Sie an Ihre Verantwortung!«

»Das lassen Sie mal meine Sorge sein, Frau Waskovic. Ich gehe davon aus, dass Sie unsere Zusammenarbeit als beendet betrachten?«

»Das scheint mir in der Tat das Beste zu sein«, stimmt die Kaulquappe zu. »Zumal Sie Ihrer Aufgabe nicht nachgekommen sind.«

»Wie bitte?« Ich fahre aus dem Sessel hoch.

»Sie hatten einen klaren Arbeitsauftrag, stattdessen tischen sie mir Klatschgeschichten aus dem Firmennähkästchen auf! Sie sollten mir sagen, mit wem sich mein Mann im Hotel trifft – und kommen mir mit dem dicken Kemper. Darum hatte ich Sie nicht gebeten!«

»Nein, das hatten Sie nicht, aber ich bin kein Wunschautomat!«, empöre ich mich. »Das heißt – Moment mal, da haben wir doch noch was!« Ich lasse den Magnetverschluss meiner Handtasche aufschnappen, ziehe einen Stapel Fotos heraus und knalle sie auf den Tisch: Obenauf liegen Waskovic und die kleine Blonde, die sich gerade auf Zehenspitzen zu ihm hochreckt, ein Bein anmutig abgewinkelt und ihn aufs Kinn küsst, während er seine Hände gemütlich auf ihrem Hintern platziert hat. Da­runter Waskovic und die Brünette, die gerade Victoria-Beckham-like seinem BMW entsteigt: Man sieht deutlich ihren Slip unterm Röckchen.

Die Kaulquappe greift nach den Fotos und begutachtet sie mit Kennerblick, als gelte es, das schönste Motiv für eine Klatschillustrierte auszusuchen. Unvermittelt schiebt sie die Bilder beiseite und steht auf.

»Sie bekommen Ihr restliches Honorar.«

›Das können Sie sich sonst wohin schieben!‹, rutscht es mir beinahe heraus, doch ich kann mich gerade noch beherrschen. Sie holt eine Geldkassette hinter der protzig-geschmacklosen Hausbar hervor und zählt zehn 200-Euro-Scheine auf den Tisch.

»Reicht das vorerst? Mehr habe ich leider nicht im Haus.«

Mehr habe ich leider nicht mal auf meinem Sparkonto, aber das sage ich nicht, sondern schnappe mir die Scheine und erkläre, ich würde ihr eine Quittung zukommen lassen. Man soll mir schließlich keine Schwarzarbeit vorwerfen können.

»Schicken Sie mir bloß keine Rechnung ins Haus«, witzelt sie, und ich frage mich plötzlich, ob sie sich nicht schon die ganze Zeit über heimlich amüsiert hat. Nur weiß ich verdammt noch mal nicht, worüber. »Bemühen Sie sich nicht, ich finde allein heraus.«

Die Kaulquappe glaubt mir offenbar nicht und begleitet mich zur Hintertür, durch die ich auch hereingekommen bin. Von hier aus gelangt man über eine großzügige Terrasse in den Park, dem sich unmittelbar der Wald anschließt.

»Vielen Dank, dass Sie mich so schnell informiert haben«, meint sie brav zum Abschied, offenbar ist ihr doch an einer versöhnlichen Trennung gelegen.

»Seien Sie vorsichtig«, mahne ich. »Im Zweifelsfall sollten Sie sofort die Polizei einschalten. Und mich auf jeden Fall benachrichtigen.«

»Selbstverständlich«, sagt sie. »Mir kommt kein Wort über unser Gespräch über die Lippen, schon gar nicht gegenüber meinem Mann. Und sollte mir der leiseste Zweifel kommen, mache ich alles genau so, wie Sie es mir geraten haben.«

Wer’s glaubt, wird selig.

Ratlos und verwirrt, mit dem unklaren Gefühl, in die Pfanne gehauen worden zu sein, verlasse ich ihr Haus, durchquere die Parkanlage, quetsche mich durch die Koniferenhecke und schlage mich durchs Unterholz. Auf der Kuppe des bewaldeten Hügels treffe ich auf einen Forstweg, der auf das Feld hinausführt, an dessen Rand mein Mondeo parkt. Ein letzter Sonnenstrahl hat sich im Seitenspiegel verfangen und lässt ihn aufblitzen wie einen Fingerzeig Gottes – der bei dieser Geschichte aber wohl kaum seine Hand im Spiel haben dürfte.

Sorgfältig taste ich Kotflügel und Stoßstangen ab und halte es in Anbetracht der Umstände für ratsam, einen Blick auf den Unterboden zu werfen. Mit einer Plastiktüte unter dem Rücken und einer leistungsfähigen Mag-Lite in der Hand, die ich für Zweifelsfälle aller Art im Handschuhfach aufbewahre, rutsche ich unter den Wagen, kann jedoch nichts Auffälliges entdecken. Der Vollständigkeit halber schaue ich obendrein in den Motorraum, finde aber auch dort nichts. Schließlich steige ich ein und fahre los. Auch mein Mobifinder, ein Detektor für GSM-Funksi­gnale, ortet während der Fahrt nichts, das auf ein verborgenes Standorterkennungsmodul deutet. Immerhin in diesem Punkt kann ich also einigermaßen beruhigt sein. Höchste Zeit, über meine eigene, reichlich prekäre Lage nachzudenken.

Mag die Kaulquappe behaupten, was sie will, mag sie ihren Ehemann noch so sehr in Schutz nehmen, die Situation ist und bleibt gefährlich – vor allem für mich. Schließlich bin ich Zeugin eines Mordkomplotts geworden, und man weiß ja aus dem Fernsehen, wohin das führen kann.

Wie zum Teufel ist das Verhalten der Kaulquappe zu erklären? Stecken die Waskovics unter einer Decke? Ist diese Frau an den Machenschaften ihres Mannes beteiligt? Dann hätte sie wohl kaum einen Detektiv engagiert. Nein, sie kann nichts gewusst haben. Es muss diese verquere Art Treue sein, die manche Frauen sogar an Vergewaltiger und Kindsmörder kettet. Soll der Göttergatte doch die ganze Welt ausrotten, Hauptsache, er geht nicht fremd – oder plant zumindest keine neue Ehe.

Aber auch diese Variante erscheint mir wenig wahrscheinlich, die Kaulquappe wirkte zu gefasst, als sie die Fotos der Mädchen sah.

Oder reichen ihr genau diese Bilder, um ihn unter Druck zu setzen? Hat sie deshalb alles andere von sich gewiesen? Ich werde einfach nicht schlau aus dieser Geschichte. Vor allem quält mich die Frage, ob ich nicht bereits verbrannt bin, ob Waskovic mich nicht seinerseits beschatten lässt, schließlich ist er ein Profi in jeder Beziehung, wie ich nun weiß, ob es ums Fremdvögeln geht oder um Mord. Und mit Sicherheit ist er nicht scharf auf eine Zeugin.

Vielleicht ist er längst hinter mir her, vielleicht lässt er mich in diesem Augenblick verfolgen. Dass ich keinen Peilsender oder dergleichen an meinem Wagen gefunden habe, muss nichts besagen. Es ist kein Geheimnis, wo ich wohne. Und womöglich hat es sich Salatohr-Ernie bereits auf unserer Gästecouch bequem gemacht.

4

Der Feind geht um und suchet, wo er sich einen fange.

Clemens Brentano

Zuhause ist alles dunkel. Ich stelle den Wagen im Hof ab und betrete das Haus durch den Hintereingang, gerüstet mit meiner Mag-Lite-Stablampe. Bereit, jeden x-beliebigen Fremden niederzuknüppeln, wage ich mich durch die Küche in die angrenzenden Räume vor, schalte überall das Licht ein und sehe mich misstrauisch um. Alles sieht normal aus. Am Unheimlichsten ist mir der Keller, dort steht allerdings das Bier, weshalb ich wohl oder übel in den sauren Apfel beißen muss. Nachdem ich heldenhaft zwei Flaschen erobert habe, ohne dass mich Ernie von hinten überwältigt und niedergestreckt hat, deponiere ich das Honorar der Kaulquappe zwischen den Seiten der Grimmschen Märchen, gehe rüber in mein Büro und fahre den Rechner hoch. Ich google Familie Waskovic, entdecke allerdings nicht viel, was ich nicht bereits weiß.

Die Kaulquappe finde ich auf einem Foto vom Weihnachtsbasar der Kirchengemeinde wieder sowie auf dem Gruppenbild der Jahresabschlussfeier des Eitorfer Tennisclubs. Einem Onlinebeitrag des Rhein-Sieg-Anzeigers entnehme ich außerdem, dass sie mal Schönheitskönigin von Saporischschja gewesen ist, und ich frage mich, ob sie da unten alle solche Hexenaugen haben. In dem Artikel ging es eigentlich um eine Spendenaktion für hungernde Zirkustiere, die die Kaulquappe unterstützte, und bei der Gelegenheit nutzte der Redakteur die Chance, auf ihre von exotischem Glanz angehauchte Vergangenheit hinzuweisen.

Über Waskovic selbst finde ich eine Menge. Er ist nicht nur ein überaus erfolgreicher Unternehmer, sondern zudem ein aktiver Umweltschützer. Als Mitglied zahlreicher Gremien und Verbände setzt er sich für eine nachhaltige Forstwirtschaft ein und geht selbst mit gutem Beispiel voran: Die Waskovic Holz GmbH handelt vorrangig mit regionalen Erzeugnissen, die außerdem strenge Umweltstandards erfüllen. Außerdem wirbt Waskovic unermüdlich für entsprechende freiwillige Selbstverpflichtungen der privaten Waldbesitzer, wie mehreren Interviews und Artikeln in diversen Fachorganen zu entnehmen ist. Die hill & valley GmbH, deren Geschäfte sich auf den Import von Edelhölzern konzentrieren, hat sich ebenfalls die Wahrung der Natur und die Einhaltung ökologischer und sozialer Standards auf die Fahnen geschrieben. In einem Aufsatz eines Fachmagazins, in dem das Unternehmen porträtiert wird, finde ich ein Foto, das Waskovic mit einem malaysischen Waldbauern zeigt. Waskovic hat dem ihm kaum bis ans Kinn reichenden Männlein freundschaftlich den Arm um die Schulter gelegt, und beide strahlen um die Wette in die Kamera. Was mir unweigerlich dazu einfällt, sind sepiabraune Relikte aus der Kolonialzeit. Auf diesen Aufnahmen hat der Kolonialherr allerdings gewöhnlich nicht die Hand auf der Schulter, sondern den Fuß auf dem Kopf des Objekts seines Heldentums platziert. Derartige Assoziationen beruhen wohl vor allem auf meiner tendenziösen Voreingenommenheit gegenüber Waskovic und sind in keiner Weise relevant für das, was gerade passiert.

Was ich sonst noch über den Typen finde, ist nichts Neues, und es hellt meine Stimmung nicht gerade auf: Waskovic ist Duzfreund der lokalpolitischen Prominenz aller Couleur, ein Mann, mit dem man gern gesehen wird. Außerdem ist er Mitglied und Mäzen zahlreicher Kultur- und Sportvereine und als großzügiger Veranstaltungssponsor in der Region nicht mehr wegzudenken. Einem wie ihm pisst man nicht ans Bein. Also ein Verbrecher, wie er im Buche steht.

Na prima.

Ich versuche es mit diesem gewissen Thomas und seinem Kollegen Stefan – die beiden Mitarbeiter, die auf der Abschussliste stehen. Ein Stefan Salzmann arbeitet im Rechnungswesen der Waskovic Holz GmbH. Er ist bei Facebook registriert und sieht für einen Buchhalter gefährlich verwegen aus, aber aus seiner Freundschaftsliste lassen sich nicht ohne Weiteres mafiöse Verstrickungen ableiten. Außerdem ist er Mitglied der ›Holzhacker-Buben‹, ein Kegelklub, wie ich der vereinseigenen Website entnehme. Die gibt es tatsächlich, auch wenn sie jeglicher technischen wie designerischen Finesse entbehrt und wortwörtlich aus einer einzigen Seite besteht. Offenbar hat hier jemand mit dem Basteln angefangen und wenig später festgestellt, dass es sinnvollere Freizeitbeschäftigungen gibt.

Nachdem ich es geschafft habe, das ›Kleiner Feigling‹-Werbefenster kleinzukriegen, werde ich mit einer Namensliste der Mitglieder belohnt, die sich vorrangig aus der Waskovic’schen Belegschaft zu rekrutieren scheint. Außerdem gibt es ein Gruppenfoto, auf dem alle Mitwirkenden Entenmasken tragen. So schlecht kann das Betriebsklima ja nicht sein, denke ich übellaunig. Von Mordaufträgen gegen unliebsame Mitarbeiter mal abgesehen.

Auch ein entenschnabeliger Thomas Müller mit Baseball-Cap gehört den Holzhackern an. Auf der Firmenwebsite der hill & valley GmbH wird er als Diplom-Betriebswirt geführt, zuständig für ›international management & foreign sales‹, was ich mir als eine Art Import-Export zusammenreime. Vor meinem inneren Auge ist dieser Begriff untrennbar mit heruntergekommenen Ladenlokalen verknüpft, in denen Klorollen-Barbies in orientalischen Hochzeitskleidern, Springmesser und Micro-Musikanlagen feilgeboten werden, was mit Holzhandel herzlich wenig zu tun hat, aber meine Kenntnisse dieses Gewerbes sind nun wirklich nicht besonders ausgeprägt. Mehr erfahre ich nicht über meine Zielperson, was allerdings nicht etwa an einem Mangel an Informationen liegt, sondern am genauen Gegenteil: Im Internet existieren schätzungsweise 36 Millionen Thomas Müllers.

Okay, entscheide ich, machen wir mit Ernst Kemper weiter, ebenfalls Kegelklubmitglied. Er ist tatsächlich Personalchef, wie die Kaulquappe sagte. Irgendwo in den Tiefen des Netzes stoße ich auf ein Foto, das ihn zeigen könnte, bin mir aber nicht sicher. Das Bild ist unscharf, und die Person, die ihm ähnlich sieht, steht zu weit weg. Hinzu kommt, dass ein Schwarm riesiger blauer Falter die Sicht nimmt. Ich stoße einen tiefen Seufzer aus. Selbst wenn die Person Kemper wäre, was würde es mir nützen? Tatsächlich scheinen alle drei Herren geradezu auffällig unbeschriebene Blätter in der großen, sonst so geschwätzigen Welt des World Wide Web zu sein.

Was, wenn die Kaulquappe tatsächlich recht behielte, wenn sich Waskovic einfach nur unfein auszudrücken pflegte? Vielleicht gehört ein gewisser Holzhändler-Jargon zur Firmenkultur: ›Meyer, wenn die Akte nicht bis elf Uhr auf meinem Tisch liegt, werden Sie eliminiert. – Klimmek, wenn ich Sie noch ein Mal rauchend auf dem Herrenklo erwische, können Sie Ihre Kippe demnächst mit den Füßen festhalten. – Frau Schröder, noch einmal zu spät am Arbeitsplatz und Ernie hilft Ihnen ein bisschen beim Frischmachen – sagt Ihnen der Begriff »Eistauchen« etwas?‹

Ich schnappe mir mein Smartphone und höre mir erneut jene entscheidenden Sätze an, die im Hotelzimmer gefallen sind. Danach lausche ich ihnen nochmals. Und nochmals. Und wieder komme ich zu dem eindeutigen Schluss: Ich habe richtig gehört, Waskovic hat genau das gemeint, was er gesagt hat. Und umgekehrt.