Totenklang - Sinje Beck - ebook

Totenklang ebook

Sinje Beck

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Opis

Wenn man tot ist, hat man seine Ruhe. Denkt man, wenn man ohne Ansprüche auf ein Leben nach dem Tod stirbt. Doch weit gefehlt: Die Lebenden lassen einen noch lange nicht in Frieden. Besonders dann, wenn der Tod unter ungewöhnlichen Umständen eintrat. Dass ein alter Artist sich selbst erhängt, ist noch vorstellbar. Aber nicht, dass er sich zuvor drei Knochen entfernte: Elle, Speiche und Schlüsselbein. Das findet auch Heiner Himmel, der unfreiwillig in das Ableben des alten Mannes verwickelt wird, da er sich zur selben Zeit am selben Ort befindet - unter einer Autobahnbrücke im Siegerland. Eigentlich ganz glücklich mit seinem neuen Job in einem Bestattungsinstitut muss Heiner sich nun damit auseinander setzen, dass allerorten um ihn herum Knochen und andere Leichenteile zu verschwinden scheinen.

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Titel

Sinje Beck

Totenklang

Heiners neue Verwicklung

Impressum

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Besuchen Sie uns im Internet:

www.gmeiner-verlag.de

© 2008 – Gmeiner-Verlag GmbH

Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch

Telefon 07575/2095-0

[email protected]

Alle Rechte vorbehalten

1. Auflage 2008

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von Sinje Beck

Gesetzt aus der 10,4/13,3 Punkt GV Garamond

ISBN 978-3-8392-3096-1

Bibliografische Information

der Deutschen Bibliothek

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese

Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;

detaillierte bibliografische Daten sind im Internet

über http://dnb.ddb.de abrufbar.

1

Freitag

Heute sei kein Tag zum Töten. Das sehe ich anders. Die Hose hochgekrempelt, stehe ich bis weit über die Knie im siebzehn Grad kalten Wasser des Landeskroner Weihers unweit der schweren Brückenpfeiler, die es beinahe trotzig felsenfest in dem grünlichen Gewässer aushalten. Dabei sind die Betonbeine erfreulich unmarkiert von jugendlichen Spraydosenergüssen.

Da schwimmt er vor mir her, wendet behände mit seinem glänzenden Schuppenkleid, wedelt sich mir entgegen, in meinem Kopf spielt eine Melodie aus dem weißen Hai – duudum duudum duudum – jetzt sieht es so aus, als wolle der Monsignore mit dem herablassenden Blick und dem arroganten Zug um den Mund mir durch die Schenkel gleiten. Stoisch und mit ruhigen Bewegungen hält er auf mich zu, das ist meine Chance, mein Petri Heil. Das steife Warten in der Kälte hat sich gelohnt, ich bringe den Kescher in Stellung und mit einem Wusch durchsiebt er das Wasser. Mir ist, als hätte ich den kapitalen Weiherkönig erwischt.

»Kein Tag zum Töten heute«, beharrt der Alte am Ufer. Nur unmerklich zucke ich zusammen, kaum dass sein Satz begonnen hat. Einen Moment unkonzentriert, der Moment, der dem Fisch das nackte Leben rettet, und weg ist er. Was bleibt, jedoch nur kurz, ist das Abebben der kleinen Wellen, die mein Manöver gegen den Fisch ausgelöst haben, die halberfrorenen Extremitäten und das beständige mannsgroße Loch in meinem Magen. Der Tag hätte so schön ausklingen und der Karpfen in meinem Bauch schwimmen können. In einem See aus Rotwein, garniert mit einem Scheibchen Zitrone, ein wenig Schnittlauch und einem Sträußchen Petersilie. In meinem Mund bildet sich eine Pfütze des Begehrens. Vor meinen Augen erscheint der alte Mann am Ufer, der sich gerade keckernd lachend über meinen Lambrusco hermachen will. Das geht zu weit. Mir das Essen verjagen und mich dann trocken trinken wollen. Steifbeinig kämpfe ich mich durch das Wasser, Wut steigt in mir hoch. Jetzt bloß aufpassen, dass ich am Ufer nicht im Matsch ausrutsche. Schnaubend kommt die hungrige Kampfmaschine Heiner, das bin ich, vor dem Alten zum Stehen. Der schaut aus lustiglistigen Augen zu mir auf, zieht eine Stange Weißbrot aus seinem Mantel, grinst und sagt:

»Kein Tag zum Töten. Fisch und ich lieben das Leben.«

Meine Güte, wie der redet, der ist auch nicht von hier. Seine Bewegungen und seine knochigen Finger erinnern mich an Catweazle, den zerzausten Zauberer aus der englischen Kult-Kinderserie der Siebzigerjahre.Es würde mich nicht wundern, wenn ihm gleich seine treue Gefährtin Kühlwalda unkend aus der Tasche spränge.

»Von hier bist du aber nicht«, bemerke ich und greife nach dem Brot, zerteile es in der Mitte und gebe dem Mann eine Hälfte zurück. Der öffnet die Flasche, schnallt sich eine verbeulte Blechtasse vom Gürtel und füllt sie bis zum Rand. Ich schütte mir ebenfalls meinen Kaffeebecher voll. Da sitzen wir nun. Abwartendes Schweigen umgibt uns.

Der Alte nickt und prostet mir zu, ich erwidere die Gesten.

»Kannst du sie hören?«, fragt er. Oha, denke ich, wo der wohl ausgebüchst ist. Ganz eins mit der Umgebung, mich nicht berücksichtigend, spricht er weiter:

»Die Natur. Ich kann sie hören. Sie erzählt Geschichten. Die Bäume raunen und zanken, früher wäre es besser gewesen. Sie wären bunt gemischt, hätten sich nicht gegenseitig das Futter streitig gemacht, sich nicht um das Licht gestritten. Das Wasser beschwert sich rauschend über seinen Gehalt an Metall. Die Pfeiler wären wie Speerspitzen und obenauf paddelt der Mensch, kitzelt und pisst – ha.«

»Ja, ich kann es hören. Doch am lautesten höre ich den Fisch. Der lacht uns schallend aus.«

In Wahrheit höre ich nur den Strom des vorbeirasenden Verkehrs hoch oben auf der A 45, das Plätschern des herabprasselnden Wassers des Weihers in einen kleinen Bach und das Schäumen und Gurgeln meines penetrant knurrenden Magens.

»Ach was«, der Alte macht eine wegwerfende Handbewegung, »warum solltest du anders sein als all die anderen Ahnungslosen?« Ich bin nicht mehr wütend und auf Krawall aus, lasse seine Provokation vorbeiwehen. Der italienische Wein auf nüchternen Magen stimmt mich milde.

Ich schenke nach und zwischen den Schlucken überwiegen Kaugeräusche. Besonders die des Alten. Sein Gebiss wackelt. Klappernd und knackend mahlt es aufeinander wie Waschkies zwischen Mühlsteinen, wenn er die Kruste kaut. Beim Abbeißen muss er gleichzeitig geräuschvoll ansaugen, sonst ist das Gebiss weg und würde außerhalb seines Mundes eine neue Existenz beginnen. Ich kann meinen Blick kaum von den künstlichen Zähnen, die ein Eigenleben zu führen scheinen, abwenden.

»Die Straße macht derb. Wie lang lebst du schon draußen?«, will er wissen, nachdem er den letzten Bissen hinuntergespült hat.

2

Hier liegt ein Irrtum vor. Ich lebe nicht auf der Straße. Mein Domizil ist fahrbar und steht auf dem Parkplatz zum Weiher. Ich erzähle dem Alten, dass ich stolzer Bauwagenbewohner bin, Tagelöhner mit sozialen Bindungen in der waldreichen Region des Siegerlandes. Seit ich denken, wirklich frei, unkommentiert, unzensiert, unwidersprochen, auch mal laut denken kann, also seit meiner Scheidung von Marie vor einigen Jahren, bin ich 44 Jahre alt und das wird mental so bleiben. Das sei beschlossene Sache, erzählt es aus mir heraus.

Meinen Aushilfsjob an der Tankstelle Kalteiche bei Rudi habe ich immer noch. Ich bin da quasi nicht mehr wegzudenken, das meinen auch Rudi und seine Frau Susanne. Bei den beiden bin ich auch offiziell gemeldet, denn ich habe ja die Hoffnung auf eine feste Arbeit noch nicht aufgegeben. Daran halte ich fest, wie auch an meinem Zopf, der mir nun schon weit bis über den Rücken reicht und mit jedem Zentimeter meine ungebundene Lebensart deklariert. Vierundsechzigeinhalb Einheiten Single, Gelegenheitsjobber, Camper, frei, möchte man sagen. Nach unten hin dünnt sich die wallende Pracht allerdings arg aus.

Im Überschwang des neuen Lebensgefühls nach der Scheidung und nach dem festen Wohnsitz habe ich mir gedacht, dass es gut passe, wenn ich endlich ein Instrument beherrschen könnte. Seit nun zwei Wochen versuche ich, Mundharmonika zu lernen. Da braucht es erst mal keine Noten. Einer geschenkten Blues-Harp entlocke ich die ersten Töne nach einem gebrauchten Selbstlernbuch. Meine Zuversicht, das Ding irgendwann einmal bluesig erklingen zu lassen, ist noch ungebrochen.

»Grau dein Schopf, leer das Konto, reich an Illusionen«, fasst der alte Mann zusammen. »Dein Name?«

»Heiner Himmel.«

»Das ist gut«, sagt er daraufhin, weiter nichts. Was daran gut sein soll, erschließt sich mir nicht, da ich als Kind zu gerne von anderen Kindern blöder Heini gerufen wurde. Der Letzte, der das zu mir sagte, hieß Mario Nümer. Der hatte es gerade nötig, er schlug bereits zu, sobald sich bei einem ein Mundwinkel anschickte, nach oben zu gehen, wenn sein Name fiel. Die Mädchen standen trotz oder gerade deswegen total auf ihn. Ich dann auch, wobei ich mehr auf ihm kniete, während ich ihm seine Schneidezähne mit einem durchgeseichten Tafellappen polierte. Von Haus aus bin ich sehr friedlich, beinahe trottelig friedlich, das weibliche Geschlecht wusste dies stets auszunutzen, doch in dem Moment flossen alle aufgestauten Frustrationen meines sechzehnjährigen Lebens in meine rechte Faust und trieften durch den Lappen in den Schlund des Großmauls. Eine Fünf in Deutsch, ein Furunkel in der Achsel, eine fiebrige Erkältung im Anmarsch und eine fies lachende Schwester im Anhang, dazu die feixende Fratze des Mädchenschwarms, das war ein Tick zu viel. Nümer, früher auch nach seinem Standardspruch angekündigt: Achtung, da kommt Willst-n-paar-aufs-Maul-Mario, ist heute Polizist mit Schmerbauch, meine Schwester verheiratet mit einem Holländer, hütet ein Rudel Kinder und mein zweiter Name könnte Toleranz lauten. Das nennt man wohl Entwicklung.

3

»Mit wem habe ich die Ehre?«, frage ich, nachdem die Flasche Wein geleert ist. Reginald heiße er. Das überrascht mich, er sieht mehr wie ein getaufter Hermann oder Werner aus, bevor er Catweazle wurde. Richy nenne er sich, das passe besser zu seinem Beruf. Ein Künstler der alten Schule sei er. Er habe den Spaß von der Pike auf gelernt. Na, das erklärt so einiges, denke ich. Hier muss ich einhaken und frage, was für eine Art Kunst er betreibe.

»Entertainer, sagt man dazu. Klingt besser als Unterhaltungskünstler. Ich musiziere, singe, tanze, bin Clown, Artist, Idiot, was gerade so gebraucht wird. Das ist so eine Sache mit dem Gebrauchtwerden. – Überflüssig, ja, von Beruf überflüssig. Das gefällt mir!«, lacht er kurz und bitter auf, kippt zur Seite weg und liegt still. Erschrocken will ich aufspringen, doch dann halte ich in der Aufwärtsbewegung inne, denn der Mann schnarcht. So ein friedliches Schnarchen. Leise Grunzgeräusche beim Einatmen und ein zischendes Pu beim Ausatmen. Hoffentlich rutscht ihm das Gebiss nicht in den Hals, wenn er sich auf den Rücken dreht, und hoffentlich stiehlt es sich nicht klappernd davon, sobald er mit offenem Mund auf dem Bauch liegt. Hingegen: Was geht’s mich an.

Man könnte meinen, der Alte hätte gewusst, dass ich mich kümmern würde, kippt hier einfach in den Tiefschlaf und das, wo es nachts schon empfindlich kalt wird. Es ist zwar erst Ende August, doch der Hochsommer ist vorüber. Von unten her wird mir feucht um den Hintern. Einerseits sind dafür die vom Weiherwasser klamme Hose und andererseits die Abkühlung des Waldbodens verantwortlich. Des Alten Knochen dürften auch auskühlen, wenn ich ihm keine Decke bringe. In den Bauwagen lasse ich ihn nicht, beschließe ich, während ich mich ihm nähere, um ihm seinen Filzmantel überzuwerfen. Jesses, der Kerl hat länger kein Wasser, vielmehr keine Seife gesehen. Künstler. Die Kunst des derben Überlebens scheint sein Gebiet zu sein. Nun ja, darin wären wir uns ähnlich. Abgesehen davon, dass es mir bisher immer gelungen ist, einigermaßen anständig zu riechen. Von meiner letzten Episode als Duftstofftester, Aufpasser und Burglakai einmal abgesehen. Eine aufregende kurzfristige Beschäftigung im weit gesteckten Feld der Gastronomie: Mädchen für alles auf einer Jugendburg an der Sieg. Immerhin war die Bezahlung okay. Gerne wäre ich länger geblieben.

Zur Zeit bin ich frei. Freiheit sei der Zustand, in dem man nichts mehr zu verlieren habe, heißt es. Mit kleinen Einschränkungen trifft das auch auf mich zu. Als Exblechschlosser und umgeschulter erfolgloser Werbekaufmann stehe ich seit einigen Jahren dem Arbeitsmarkt sehr frei zur Verfügung. So frei, dass es bisher keinem Vermittler gelungen ist, mich in irgendein Profil der, da haben wir es wieder: freien Wirtschaft, zu pressen. Mal bin ich zu alt (nein, finde ich nicht), mal zu unerfahren (das kann ich nun wirklich nicht bestätigen, entschieden nein), mal passe ich nicht in die Firmenphilosophie (so was sülzen vornehmlich Werbeagenturen in ihren Absagen) und ein einziges Mal war ich überqualifiziert. Das betraf eine Stelle als Müllsortierer. Ich wusste nicht, ob sich da jemand lustig macht. Wahrscheinlich wollten die eine Kraft, die sich für drei Euro fuffzig pro Stunde die Hände schmutzig macht. Man verstehe mich nicht falsch. Ich habe nichts gegen ehrliche Arbeit und ich hätte diesen Job auch angenommen, doch den sauberen Müllbossen war ich wohl zu teuer. Das vermutete mein Vermittler Schmidt. Den traf ich neulich wieder. Der stand doch tatsächlich in der Siegener Unterstadt und verteilte Handzettel einer Versicherungsagentur. Er wollte von mir nicht erkannt werden, vertiefte sich in die Kleiderständer eines Dessous-Ladens für die reifere Frau, begutachtete hautfarbene Miederwaren, die volumenmäßig an ausgehöhlte Schweinehälften herankamen.

Ist doch nichts, weshalb man sich schämen müsste, wenn man jede Arbeit verrichtet, seien es auch Versicherungen. Sicher, das ist schon hart an der Grenze, je nach Geschäftsgebaren der Typen. Ich war gerade achtzehn Jahre alt, da schwätzte mir so ein geschniegelter Kerl ein Schutzpaket auf. Darin eine Haftpflicht für meine Kinder, die alle nie geboren wurden, eine Familienrechtsschutzversicherung (die im Scheidungsfall nicht eintritt), eine Unfall- und Risikolebensversicherung über vier Millionen Mark und, fast zu vernachlässigen, Anteile eines asiatischen Aktienfonds. In dem Jahr sollte die japanische Börse das Rennen machen. Der Versicherungsschlumpf schimpfte sich auch Anlageberater. Ich hätte damals einen Ablageberater gebraucht. Ich war völlig übernächtigt und zu meiner Verteidigung muss ich sagen, dass ich sehr verkatert war bei der Unterzeichnung der Verträge. Was mich letztlich wohl dazu bewogen hat, überhaupt dem Manne zuzuhören, war die Aussicht auf eine kostengünstige Sterbeversicherung, Stiftung Warentest: Sehr gut. Hundeelend war mir. Wer sich mal mit Apfelkorn betrunken hat, kann das nachempfinden.

Meine Mutter hat das dann alles wieder gekündigt, nicht ohne mich einen dummen, unselbstständigen Deppen zu nennen. Würde ich noch mit ihr reden, dann würde sie mir die Versicherungs-Affäre heute noch aufs Brot schmieren.

Brot schmieren – ich fühle mich schlecht ernährt. Auch meinem Magen muss die Freiheit schmecken. Er weiß die fett- und kalorienarme Kost noch nicht zu schätzen. Es gibt heute nichts mehr. Von Luft und Liebe leben, fällt mir ein idiotischer Spruch ein. Die Luft muss reichen. Meine Vorräte sind bis auf einige Gewürze zusammengeschmolzen. Ich registriere, dass das klamme Gefühl stärker wird, ich aber trotzdem hier neben dem alten, gelernten Spaßmacher kleben bleibe. Die Erdanziehung versucht mich zu übertölpeln.

Mein Blick schweift über die Landschaft im Dunkeln, mein Gehör vernimmt aggressives Hupen oben auf der Bahn. Wenn da jetzt einer einen Fahrfehler beginge, käme er hier unten vor meinen Füßen an. Was, wenn es sich dabei um einen Lebensmitteltransporter handelte? Jetzt aber mal halblang. Doch auch meine Gedanken sind frei. In mir zupft Hannes Wader seine Gitarre und stimmt an: Die Gedanken sind frei, wer kann sie erraten … Vor meinem inneren Auge fliegt ein Laster vorbei, ohne Essen, stattdessen ist er beladen mit Katzenstreu.

Ein nächtlicher Schatten huscht hinter mir. Es könnte ein Marder gewesen sein. Neben mir röchelt der Alte. Ich werde ihm eine Decke bringen.

Das Wochenende steht ebenfalls unter dem Motto ›frei‹. An den Werktagen, vielmehr den Werknächten jobbe ich bei Rudi. Samstags und sonntags bin ich auf Abruf. Dieses Wochenende und die kommende Zeit allerdings nicht, denn Susannes Neffe will sich unbedingt einige Euros für sein Auslandssemester verdienen. Er müsse ihm das gestatten, sonst gebe es Ärger mit den Schwiegereltern. Den will Rudi nicht, denn den betagten, aber noch fitten Schwiegereltern, sie hängen am Geld und am Leben, gehört eine gut gehende Baufirma. Die Entscheidungen meines Arbeitgebers sind nicht sehr frei, er scheint es aber zu glauben. Ich denke, das in seiner Familie ausgeprägte Geiz-Gen wird dominant vererbt und setzt sich somit durch. Da kann er dann gar nichts gegen machen. Ich mag ihn und seine Frau. Ehrliche, berechenbare Leute.

Der Alte lässt einen kraftlosen Furz und rollt auf den Rücken, dabei schlägt sein Mantel wieder auf. Er scheint das Schlafen unter freiem Himmel gewohnt zu sein. Doch der Himmel hält sich im Moment bedeckt. Das erinnert mich an die Decke, die ich holen wollte. Der ausschlaggebende Impuls, mich endlich zu erheben. Es steht 1:0 im Spiel um die Trägheit ›Heiner gegen Schwerkraft‹. Bis zu meinem Bauwagen sind es nur ein paar Schritte. In der Zeit wird Catweazle wohl nicht ins Wasser rollen. Ich sollte ihn gleich ein Stück weiter vom Ufer wegschaffen.

Die Weltmeisterschafts-Decke, ein Werbegeschenk aus der Tankstelle, passt so halbwegs über den alten Mann. Den ersten Gedanken, den ich hatte, als er sagte, er sei Musiker, hatte ich eben schon ganz schnell verworfen. Ich werde ihn nicht fragen, ob er mir das Bending auf der Harp erläutern kann. Seine faulige Fuselfahne lässt meine Nase kraus werden. Während ich mich über ihn beuge, fällt mein Blick auf eine verschlissene Brieftasche, die ein wenig aus dem Innenfutter des Mantels ragt. Ich kann dem Sog nicht widerstehen und nehme sie vorsichtig an mich. Obwohl man die Sterne nicht funkeln sehen kann, reicht das fahle Mondlicht, um eine Ahnung vom Inhalt der Brieftasche zu bekommen. Es ist mehr eine kleine Mappe. Ausschließlich Fotografien scheinen sich darin zu befinden und altes, merkwürdig bedrucktes, ganz dünnes Papier. Das fasse ich lieber nicht an, am Ende zerbröselt es mir zwischen den Händen. Das erste Foto zeigt ein Frauengesicht. Ob es schön ist, vermag ich nicht zu bestimmen, dazu reicht das Licht nicht. Die Frau wurde sicherlich oft betrachtet, denn das Bild fühlt sich weich und zerknittert an. Auf einem weiteren Foto ist eine Familie zu erkennen. Eltern und drei Kinder nebst Hund, der nach einem Stock zu springen scheint, den eines der Kinder, ein Junge, in die Höhe hält. Jetzt kommt eine neuere Aufnahme. Hierauf ist eine junges Paar mit Baby im Grünen zu sehen. Der Park im Hintergrund könnte zum oberen Schloss Siegens gehören. Der Alte gibt einen Grunzlaut von sich. Ich fühle mich ertappt und stecke ihm die Brieftasche flugs wieder in den Mantel. Dabei erhasche ich einen scharfen Geruch nach Urin. Frischen und gut durchgezogenen. Inkontinent, auch das noch. Soll so das Ende sein? Na, vielleicht hat er sich nur die Nieren oder die Blase verkühlt. Ich muss an meine Oma denken, so ein böses Ende gönnt man seinem schlimmsten Feind nicht. Klaren Verstandes und körperlich intakt einschlafen und morgens nicht mehr aufwachen oder einen heimtückisch endenden Hinterwandinfarkt beim Sex mit einer begehrten Frau, das ein oder andere wünschen sich viele.

Selbstbestimmt in den Tod. Um alles darf man sich in der freien Gesellschaft kümmern. Ums Lernen, das Ergreifen eines Berufs, die Versicherungen, die Verdauung, die Partnerwahl, die Frisur, die Größe der geschlechtsprägenden Organe, die Zeugung neuen Lebens. Wer versucht, den eigenen Tod in die Hand zu nehmen, für immer aussteigen will, wird von den Kindern entmündigt, vom System weggesperrt. Für einen Abgang nach eigenem Drehbuch gibt es kein freies Feld auf dem Spielbrett. Der Selbstmörder als Spielverderber.

4

Spielverderber, so hat mich meine Schwester auch oft genannt, wenn ich keine Lust hatte, ihre Lügen zu lügen. Ja, Mama, sie hat gut auf mich geachtet. Wir waren die ganze Zeit auf dem Spielplatz. Nein, Mama, da waren keine großen Jungs, die ihre Zungen in Schwesterchens Mund gesteckt haben. Nein, Mama, ich habe auch keine Kaugummis für mein Weggucken bekommen. Woher ich die Bonbons habe? Welche Bonbons? Schluck. Ach die, die habe ich gefunden.

Später dann gab’s Marie, die aus mir den Spielverderber machte. Bereits zu Beginn hätte ich es ahnen können. Da war die Sache im Vatikan, na, vielmehr davor. Keine nackte Haut. Ich kam rein in die heiligen, goldenen Hallen und konnte mir die Schätze und den Prunk ansehen. Marie musste draußen bleiben. Sie wollte dann, dass wir tauschen. Ich sollte ihr meine lange Hose geben, damit sie angemessen züchtig gekleidet an den Wächtern mit den Argusaugen vorbei zum sakralen Prunk gelangen konnte. Ich könne in der Zeit ihren rosa Minirock haben. So entschieden habe ich selten Nein gesagt und das zu einer Zeit, als ich noch so richtig scharf auf sie war. Bei aller Liebe, das Opfer wäre zu groß gewesen. Ich im rosa Minirock am Brunnen stehend vor dem Amtssitz des urkatholischen, installierten reinen Gewissens. Spielverderber, hat sie da zu mir gesagt. Der blieb ich dann auch für sie. Besonders gegen Ende der Tortur, die man Ehe nennt, bis dass der Tod und so fort. Man sollte eine zweite Klausel einfügen: Bis dass der finanzielle Ruin euch scheidet. Nein, Marie, ich werde weder den Stepper noch den Bauchtrainer und schon gar nicht die Gemüsesaftpresse, durch deren Erzeugnisse, täglich genossen, man gesund, fit und frei von Falten und Radikalen 93 Jahre alt werden kann, auf Pump kaufen. Nein, Marie, du bekommst meine Kreditkartennummer nicht. Sie hat sie sich dann doch beschafft und ich war eine kurze Zeit lang beinahe Eigentümer dieses Tele-Shops, so kam es mir vor, als ich die Position des offenen Rechnungsbetrages sah. Ich zwang die liebe Gattin dazu, alle Waren zurückzusenden. Ich Spielverderber. Immerhin habe sie dabei auch an mich gedacht, sagte sie und überreichte mir feierlich einen silbernen Nasenhaarentferner (die Prämie für Powerbesteller).

Heute kann ich frei entscheiden, wie ich meine Nasenhaare trage. Auch das wird von niemandem mehr kommentiert, genauso wenig wie die Geräusche, die mein Körper in völlig entspanntem Zustand unkontrolliert von sich gibt. Da muss ich mich für nichts mehr entschuldigen. Meine Wohnsituation habe ich im Nachhinein als freie Entscheidung umetikettiert, denn mittlerweile campiere ich sehr gerne im Bauwagen. Ich habe die Vorzüge erkannt. Ruckzuck bin ich vor Ort, an dem meine Arbeitskraft gebraucht wird, egal wo auch immer in Deutschland oder den angrenzenden Wirtschaftsräumen. Gut, ob meine Flexibilität bis in den ehemaligen Ostblock hineinreichen würde, weiß ich nicht zu sagen. Der zum jeweiligen Zeitpunkt subjektiv empfundene Leidensdruck entscheidet über das Maximum der Mobilität.

Von Beruf: Überflüssig. Das hatte der Alte gesagt. Bisweilen trifft das auch auf mich zu. Die nächsten Wochen hätte ich schon gerne eine Aufgabe. Da bin ich dann wieder Gefangener meiner Erziehung. Nur für Leistung gibt es Liebe, nur für Leistung gibt es Geld. Wer A sagt, muss auch B sagen, was bei mir dazu führt, dass ich einmal Begonnenes zu Ende bringe. Was nicht immer ein Segen ist. Doch stoische Hartnäckigkeit und Ausdauer über lange Strecken sind Eigenschaften, die mich nicht nur für die Zeugen Jehovas interessant machen, sondern auch für zukünftige Auftraggeber. Nur wissen sie noch nichts davon.

Ich klemme die Decke so gut es geht, ohne den Alten zu wecken, um ihn herum fest, wobei Weltmeisterschaftsmaskottchen Goleo darauf sein Gesicht verzieht. Gleichzeitig bugsiere ich den Clown vorsichtig ein wenig herum, dass er nicht ins Wasser rollen kann. Der kühle Nachtwind weht einen Zeitungsschnipsel an mir vorüber. Das bringt mich auf eine Idee. Eilig gehe ich in meinen Wagen, zähle die Münzen im Beutel unter dem Kopfkissen und beschließe, eine Anzeige aufzugeben. Drei Zeilen werde ich mir leisten können. Wie fasse ich meine geballten Vorzüge in drei kleine Zeilen, circa drei mal dreiunddreißig Zeichen? Bevor mir die Augen zufallen, hab ich’s, Werbefuzzi-Umschulung sei Dank: Fit, tüchtig, handwerkl. begabt, ideenreich, flexibel, mobil, Mitte 40, morgen der Ihre: 027xx/97XX. Hundert Zeichen mit Punkt. Vielleicht sollte ich statt des Alters die Männlichkeit herausstellen … männlich, müde … Schlaf gut, Heiner. Ein guter Plan. Damit schläft es sich gleich leichter ein. Morgen geht’s direkt in meinen alten Heimatort Burbach, wo ich die Anzeige in der Niederlassung der Siegener Zeitung aufgeben werde.

5

Samstag

Mein Wasserrohr zwingt mich bereits vor dem Aufstehen und der beginnenden Morgendämmerung hinaus. Barfuß und nur mit einem T-Shirt bekleidet drücke ich meinen gelben Strahl gegen eine junge Tanne. Man stelle sich vor, alle Bäume würden einmal zurückstrullern. Boah, wat sein ich möh. Während ich das vorletzte Tröpfchen abschüttle, streift mein Blick durch das kleine Tal. Aus einer Art diffusem Pflichtgefühl heraus gehe ich zum Weiherufer. Den Alten kann ich nicht entdecken. Schmatzgeräusche vernehme ich. Das müssen die Fische sein, die nach den Mücken und dem Insektengetier schnappen. Vielleicht ist es eine Nacht zum Töten, wenn schon der Tag sich nicht eignete. Kurz überlege ich, einen erneuten Fischzug zu starten. Mein herzhaftes Gähnen entscheidet dagegen über die Frage: essen oder schlafen.

Ich werde in den Wagen zurückgehen. Auf dem Weg dorthin höre ich auf der Höhe des Anglerheims ein Klappern. Der Alte wird sich in den Schutz der Hütte gelegt haben. Dort ist es sicher windstiller und weniger nass.

Jetzt habe ich’s, ich werde in die Anzeige statt ›Mitte 40‹ ›m. (für männlich), 44 J.‹ schreiben, dann hätte ich mein Geschlecht als zusätzlichen Anstellungsgrund für die Heben-Bringen-Tragen-Jobs auch erwähnt und habe mit den wenigen Zeichen alles gesagt. Passt genau und mein Werbebudget wird nicht überschritten.

Hinter mir höre ich etwas schnaufen. Kurz stellen sich mir die Nackenhaare auf. Aus den müden Augenwinkeln sehe ich einen großen und mehrere kleine Schatten den Weg kreuzen. Leise schleiche ich in den Wagen und die wilde Schweinsfamilie streift weiter durch den Wald. Jetzt bin ich wach. Beinahe hellwach und das zur Unzeit. Hier gibt es definitiv nichts für mich zu tun, außer noch zwei, drei Stündchen zu schlafen. Da ist der Plan im Kopf, der nach sofortiger Umsetzung schreit, doch der Startschuss fällt erst mit Öffnung der Anzeigenannahme. Bis dahin, halt Ruhe, Heiner.

Gleich wird es passieren: Das ist der Moment, auf den die nagenden Zweifel gewartet haben. Der Moment, in dem ich ihnen die volle Aufmerksamkeit schenken muss. Nichts zu tun, zum Lesen ist es zu dunkel, Ablenkungsessen ist keines da. Heimtückisch werden die Zweifel ihre Armee an bösartigen Fragen aus der Deckung ins Feld lassen. Aus vollen Rohren werden sie mit negativen Konjunktivfragen auf meine Illusionen und Ideen schießen. Was wäre wenn … Was ist, wenn keiner auf deine Anzeige antwortet? Hättest du das Geld doch lieber verfuttert. Was ist, wenn dir ein grober Fehler unterläuft? Du bist nicht versichert. Was, wenn Rudi den Wagen bald zurückhaben will … Ich werde mich wappnen müssen, den Konjunktiven eine Falle stellen. Gegenkonjunktive abfeuern: Was ist, wenn nicht … Was also, wenn Rudi den Wagen gar nicht wiederhaben will? Dann musst du den Winter in dem Ding verbringen. Falsche Frage. Was also, wenn Rudi den Wagen nicht wiederhaben will, du einen tollen Job bekommst, dir genug Brennstoff leisten kannst für die Beheizung oder sogar eine Festanstellung, eine Wohnung … Das Gefecht betreibe ich dann so lange, bis ich vor Wiederholungen einschlafe. Die kenne ich noch aus dem Fernsehen, zurzeit bin ich eher medienfern, doch jedwede Wiederholung eignet sich immer zum Einschlafen. Für Fernsehfilme ist es günstig, mal den Anfang zu verpennen, mal den Mittelteil, mal den Schluss. So ist gewährleistet, dass man dreimal eine Wiederholung anschaut, immer mit dem Gefühl, dass noch etwas Neues kommt. Doch das funktioniert nur in einem begrenzten Zeitraum. Ähnlich kann man auch innerhalb der Kommunikation mit Ehefrauen vorgehen, je nach Kaliber. Es ist bisweilen ratsam für beide Seiten, der Gattin wohl dosiert zuzuhören, dann fällt es leichter, bei der dritten Bemerkung über die Essgewohnheiten ihrer besten Freundin oder ihrer eigenen wachsenden Fetteinlagerungsrolle so zu tun, als wäre es eine interessante Neuigkeit. Mir unterlief leider, oder soll ich sagen zum Glück, ein grober Schnitzer. Am Ende stellte ich nur noch bei für mich bedeutungsvollen, ganz bestimmten Reizwörtern auf Empfang, eines davon hieß ›kaufen‹.

Wie würde es dir heute gehen, wenn du Marie noch hättest? Ein leicht abzufangendes Konjunktivgeschoss: Ich würde mir die Welt erträglich saufen. Das habe ich seit Jahren nicht mehr nötig. Davon mal abgesehen, gehöre ich zu den Menschen, die Alkoholexzesse körperlich ganz schwer verkraften und am Katermorgen flüstern: Nie wieder Alkohol. Ich gestehe, mit dem damaligen Verhalten in meine eigene Wiederholungsfalle getappt zu sein. Das ist ja nun rum, nicht Rum, sondern rum. Noch mal rumdrehen, schön.

Erstes Vogelgezwitscher umflattert meinen Wagen. In der warmen Koje ich, über dessen Haupt sich ganz sanft ein kleines, weiches Mützchen Schlaf legt.

6

Plötzlich bin ich wach, mit einem Schlag. So, als hätte mich ein bestellter Weckruf erreicht. Der Wagen wackelt. Nicht stetig. Langsam und sacht zunächst und jetzt schneller und heftiger. Was geht denn hier ab? Horch, was kommt von draußen rein … Kann ja sein, dass der Wagen Wald- und Wegarbeiten stört. Wären dort Bauarbeiter, dann ginge die Werktätigkeit lauter vonstatten. Von draußen höre ich lediglich das Singen der Vögel, das Rauschen des Verkehrs auf der Autobahn, das heftige Schnaufen eines Mannes und das leisere Stöhnen einer Frau. Was? Sogleich will ich aus dem kippelnden Wagen stürzen und der Dame in Not aus der Bedrängnis helfen, doch halt, ruft ein Stimmchen aus der Versenkung. Heiner, denk nach: Wie oft hast du diese Art Gestöhn gehört und es hat sich dabei um Mord gehandelt? Okay, ich komm schon drauf, ist halt schon eine Weile her, muss ich zugeben. Je länger etwas vergangen ist, desto verschütteter sind die Verknüpfungswege der neuronalen Verbindungen im Gehirn, was bedeutet, dass die Erkenntnisse und das Wissen um etwas nicht spontan zugänglich sind. Mein kleines dafür zuständiges Areal im Kopf muss erst mal unter dem Plumeau hervorgeholt werden, bevor ich zweifelsfrei die Geräusche schwerer Atmung dem Kopulationsvorgang zuordnen kann.

Wie erfreut wäre wohl das Gespann über dein Erscheinen? Vorausgesetzt, beide haben ihren Spaß, okay, aber was, wenn da doch jemand gegen seinen Willen … Eine letzte Eruption und ein ›Uff‹ beenden das Geschiebe am Bug meines Bauwagens. Ich kann mich nicht zurückhalten und werfe einen Blick durch den Spalt zwischen den Schlagläden. Die zwei sind relativ nah und mir ist, als röche ich heiß gewordenes Gummi. Jetzt sehe ich, wie die zweifellos jungen, weiblichen, pfirsichrunden Hinterbacken einen String verschlingen, die Frau, sich aufrichtend, ihr kurzes Röckchen zurechtzupft und der Herr sein weißes Hemd in die Hose stopft, wobei mir die glänzende, fette Boss-Gürtelschnalle ins Auge springt. Er wendet sich ab und geht zum Siebener, sie folgt mit Abstand, bückt sich nach etwas, greift es, begreift es und wirft es, spitz schreiend, ins nächste Gebüsch. Der Mann dreht sich irritiert zu ihr um und sie (irgendwie auch mich) trifft ein verständnisloser, beinahe wütender Blick. Aha, hier besteht ein Machtgefälle, wahrscheinlich ein Abhängigkeitsverhältnis. Er kann es sich leisten, sie so missbilligend anzusehen. Er ist sich ihrer sicher, glaubt er. Sie stellt sofort ihren schrillen Ton ab und geht ohne ein Wort, aufrecht, wiegenden Ganges, an ihm vorbei. Na, vielleicht war das die letzte Besprechung dieser Art für ihn. Ich konnte ihr Gesicht nicht sehen, weiß nicht, ob ihre Augen sich für einen Sekundenbruchteil zu Schlitzen verengt haben, dafür höre ich jetzt die Türen des BMWs schlagen. Ihre knallt einen Tick intensiver zu. Er gibt hart Gas, lässt den Dreck hinten wegspritzen, und im Nu hat der Wald zu beiden Seiten des Weges sie verschluckt.

Jetzt habe ich mir das Kennzeichen nicht gemerkt außer dem SI für den Kreis Siegen-Wittgenstein. Ob ich den Standplatz wechseln sollte, obwohl ich erst einen Tag quasi im Urlaub bin? Das ist das Schöne an einem Mobilheim: Heute hier, morgen dort, bin kaum da, muss ich fort … Seit ich im Wald bin, fallen mir nur noch Mundorgel-Lieder ein. Ich muss an meine Grundschulzeit denken, ›Im Frühtau zu Berge wir ziehn fallera‹, Wandertag zum Großen Stein, einer bewachsenen Halde mit großen Brocken, die zum Klettern einlud. Später ging es dann gesanglich ein wenig internationaler weiter mit ›What shall we do with the drunken sailor‹ und wandertagsmäßig über die Grenze ins Sauerland zur Tropfsteinhöhle. Noch internationaler und politisch korrekter wurde es dann in der Realschule, gesanglich mit dem ›Hevenu shalom alejchem‹, die Wandertage wurden zu Busfahrtagen ins Phantasialand und der Geschichtsunterricht bestand beinahe ausschließlich aus der Zeit um 1945. Insgesamt eine wilde Mischung, die überschattet wurde von einem Testosteronüberschuss, der das Denken bisweilen stark blockierte, besonders in Französischarbeiten. Französisch war ein Fach, das ich sobald wie möglich abgewählt hatte. Die Französischlehrerin bestand darauf, jeden Schüler auch französisch anzusprechen. Versuchen Sie das mal mit Heiner: Einääär. Entsetzlich. Entsetzlich auch, dass mit zunehmendem Alter meinerseits die schlichte Morgenlatte von komplexen steifen Gehirnkrämpfen bezüglich der Vergangenheit verdrängt zu werden scheint. Sehr bedenklich.

Das bringt mich zum eben Erlebten zurück. Wären nicht noch die Reifenspuren im Schlamm, würde ich daran zweifeln, ob die Episode nach meinem Erwachen tatsächlich stattgefunden hat und es sich nicht um eine durchgeknallte Fantasie aus den Tiefen meines Unterbewusstseins handelt. In letzterem Falle sollte das Unterbewusste schön unten bleiben. Doch auf dem Boden sind die Spuren, und der schrille Schrei klingt noch in meinen Ohren. Jetzt will ich auch wissen, was die Lady in Entsetzen versetzt hat. Einmal draußen, kann ich auch gleich nachsehen, was aus dem Alten geworden ist.

Während das Kaffeewasser auf dem Campingkocher heiß wird, durchstöbere ich das Unterholz schräg hinter meinem Wagen. Irgendwo dorthin hat sie das Etwas geschleudert. Es scheint ein herrlicher Tag zu werden. Am Himmel grasen Schäfchenwolken, aus dem Wald riecht frisch das feuchte Moos und neben den Stockschwämmchen eines faulenden Baumstumpfs schimmert etwas, das nicht in einem Wald wächst: ein Gebiss im Gebüsch. Ich suche mir ein Stöckchen und angle das Ding hervor. Es handelt sich um eine obere Zahnreihe. Die Frau muss kurzsichtig gewesen sein, es für etwas anderes gehalten zu haben. Vielleicht dachte sie, es wäre ein Stück Perlenkette.

Ich schiebe das Teil auf ein Ahornblatt und nehme es vorsichtig an mich. Wenn das mal nicht dem Alten gehört. Hoffentlich hat er den Verlust noch klaren Verstandes bemerkt. Ich überfliege den Platz vor meinem Wagen, wo die Frau das Teil gefunden hat, suche nach weiteren Spuren. Vom Gegenstück des Gebisses ist nichts zu sehen. Die Zähne lege ich auf den Stein, der meine Behausung am Wegrollen hindert und mache mich auf die Suche nach dem alten Mann.

Auf dem Flecken, wo er gelegen hat, muss ein Wildschwein gewühlt haben. Davon zeugen ungleichmäßige Erdanhäufungen und Vertiefungen mit den Abdrücken eines Paarhufers. Hier hat er des Nachts, als ich austreten musste, schon nicht mehr gelegen. Erfolglos suche ich das Ufer nebst allen Bänken auf dieser Seite des Landeskroner Weihers ab. Dann durchstreife ich das Wiesengelände bis oben unter die Autobahnbrücke, ohne einen Hinweis auf den Verbleib des Alten zu entdecken. In der Nähe der Angler-Hütte ist auch keine Spur von ihm. Auf das Schlimmste gefasst, durchkämme ich selbst die Stelle des Weiherabflusses und dabei finde ich nicht einmal meine Decke. Der Mann ist weg. Ich durchsuche die von den Wildschweinen umgewälzte Erde etwas genauer und finde eines der Fotos aus seiner Brieftasche. Es ist das abgenutzte mit dem Frauenporträt. Ein hübsches Gesicht lächelt mich durch einen Schleier feuchter Erde schüchtern an.

Ich fühle mich beunruhigt.

Auf dem Weg zum Wagen kommen mir zwei ältere Herren in Anglerkluft entgegen. Nein, sie haben niemanden gesehen und wenn das mein Bauwagen wäre, der könne dort nicht stehen bleiben. Danke, sehr freundlich, denke ich und beschließe, in Ruhe einen Instant-Kaffee zu trinken und mich zunächst um meine eigenen Angelegenheiten zu kümmern.

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