Theologie und Sprache bei Anselm Grün -  - ebook

Theologie und Sprache bei Anselm Grün ebook

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Opis

Anselm Grün ist ein Phänomen: Mit 18 Mio. Büchern in mehr als 30 Sprachen ist er der wirkmächtigste lebende Zeuge der Glaubensbotschaft im deutschsprachigen Raum. Eine theologische Auseinandersetzung mit Grün steht aus. Die Beiträge dieses Bandes möchten an Grüns Theologie und Sprache wertschätzend und kritisch beleuchten, was Christentum und Theologie, die unter Sprachlosigkeit und Enge des kirchlichen Ghettos leiden, von Grün lernen können.

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Theologie und Sprachebei Anselm Grün

Herausgegeben vonThomas Philipp, Jörg Schwaratzki undFrançois-Xavier Amherdt

Impressum

© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2014

Alle Rechte vorbehalten

www.herder.de

Umschlaggestaltung: Verlag Herder

Umschlagmotiv: © Sarah Hornschuh

ISBN (E-Book) 978-3-451-80135-8

ISBN (Buch) 978-3-451-30918-2

Inhalt

Einleitung

Thomas Philipp, Jörg Schwaratzki und François-Xavier Amherdt

Ein Begleiter auf meinem Weg ins Theologiestudium

Basil Schweri

Wegstationen meiner theologischen Sprache

Anselm Grün OSB

Heute das Neue Testament verstehen. Ein Gespräch

Anselm Grün OSB und Ulrich Luz

Ohne Empathie keine Erkenntnis des ganzen Menschen.Die erkenntnistheoretische Option hinter der subjektiven Wahrheit Anselm Grüns

Thomas Philipp

Möglichkeiten und Grenzen einer inneren Wahrheit in der Theologie. Eine fundamentaltheologische Erschließung der geistlichen Schriften von Anselm Grün

Margit Eckholt

Esoterische Elemente im Menschenbild Anselm Grüns?Wurzeln seiner Anthropologie zwischen Karlfried Graf Dürckheim und der katholischen Mariologie

Helmut Zander

Zwischen Theologie und Psychotherapie.Ein psychoanalytischer Blick auf die Sprache Anselm Grüns

Gerd Rudolf

Heilt Anselm Grün unseren Seelenverlust? Eine jungianische Antwort auf Grüns Konzept von der Seele

Eckhard Frick SJ

Der Umgang mit sich selbst. Anselm Grüns Anleitungen zum guten Leben in sozialethischer Sicht

Dietmar Mieth

Askese und Verwandlung. Der Umgang mit sich selbst bei Anselm Grün aus moraltheologischer Sicht

Jochen Sautermeister

Christlicher Glaube und Lebenshilfe. Theologische Ethik zwischen normativem Anspruch, geistlicher Begleitung und Lebensberatung

Josef Römelt CSsR

Der christliche Glaubensweg als Heilungsweg.Zum spirituellen Konzept Anselm Grüns

Ruth Fehling

Mit Gott verschärft sich alles! Unheil und Heil:in Gottes unendlicher Liebe entfesselte Differenz

Ottmar Fuchs

Wahrnehmungen – Beobachtungen – Klarstellungen

Anselm Grün OSB

Lebenslauf von Pater Anselm Grün

Verzeichnis der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter

Personenregister

Sachregister

Einleitung

von Thomas Philipp, Jörg Schwaratzki und François-Xavier Amherdt

Die Tagung zu Theologie und Sprache bei Anselm Grün vom 26./27. April 2013 im schweizerischen Freiburg war die erste ihrer Art. Bislang waren Werk und Wirken Grüns kein Thema der Wissenschaft; die Veröffentlichungen ließen sich an den Fingern einer Hand abzählen.1 Der vorliegende Band versammelt die Tagungsbeiträge, deren Vortragscharakter beibehalten ist, ergänzt durch zwei weitere Perspektiven2. Die ihnen allen gemeinsame Aufgabe erschließt sich durch drei Fragerichtungen: Eine – vor allem theologische – Auseinandersetzung mit Grün muss zuallererst begründet werden (1.). Dann sind ihre Sprach-Form (2.) und nicht zuletzt die relevanten Gesprächsthemen (3.) zu bestimmen. Die folgende Einleitung zu diesem Band möchte anhand dieser drei Problemstellungen zum Weiterlesen einladen. Zudem werden die neuralgischen Punkte der geführten Diskussionen eingetragen, zum besseren Verständnis hier und da aber auch atmosphärische Eindrücke von der Tagung.

Die Beiträge möchten die Leistung der Theologie Grüns würdigen und ihre Grenzen benennen. Wie jede Theologie haben Grüns Positionen ihren Ort in der Zeit und in einem Milieu. Daraus ziehen sie ihre Stärken, dadurch werden sie aber zugleich begrenzt. Folglich dürfen die Biografie Grüns und die Adressaten seiner Schriften nicht unberücksichtigt bleiben. Anselm Grün konturiert deshalb zu Beginn seinen wissenschaftlichen und spirituellen Werdegang und entwirft ein eigenes Bild seiner theologischen wie therapeutischen Haltung. Zudem nimmt er die Gelegenheit zu einer Antwort auf die Beiträge am Ende des Bandes wahr. In dieser Vielstimmigkeit gewinnt sein Werk Profil, wird durchsichtig, kann rezipiert und weiterentwickelt werden.

1. Warum soll die Theologie mit Anselm Grün reden?

Wären da nicht diese enormen Auflagen von Grüns Büchern, gäbe es dieses Buch wohl nicht. Eine Gesamtauflage von über 19 Millionen gibt der Theologie Grüns Gewicht, auch dann, wenn man nichts mit ihr anfangen kann. Wichtiger ist indes, dass sich der Dialog mit dem Werk Grüns aus der Sendung der Christen selbst ergibt. Es ist, wie Papst Franziskus es vorlebt, Aufgabe der Christen, ihre Frohe Botschaft an die Ränder, an die Bruchstellen zu bringen. Dabei ist es Aufgabe der Theologie, diese Botschaft je neu in die Sprachen dieser Milieus zu übersetzen. Ihre Sendung, ihre Identität selbst treibt die Theologen, sich für die Sprachen dieser Zeit zu interessieren, in sie einzutreten, in ihrem Licht die Botschaft neu zu verstehen. Es geht dann nicht einfach um den Bestsellerautor und gelehrten Benediktinerpater Anselm Grün, sondern auch darum, Menschenbild und Sprache der Psychotherapie zu begegnen, die in den westlichen Gesellschaften erheblichen Einfluss auf die Interpretation des Daseins gewonnen haben und Grüns Werk stark beeinflussen.

Wird Anselm Grün hauptsächlich von Menschen gelesen, die eher ihre Befindlichkeit pflegen als nachdenken möchten? Das wäre ein Vorurteil. Als P. Anselm in den 1980er Jahren für die Jugendarbeit der Abtei Münsterschwarzach verantwortlich war, strömten zu den Kursen über Silvester, Ostern und Pfingsten regelmäßig 200 bis 300 junge Leute zusammen, überwiegend Studierende aus Würzburg, Frankfurt a. M., München, Tübingen und von noch weiter her. Die anspruchsvollen Kurse boten viele Stunden Gebet und Anbetung neben Gemeinschaft, Austausch und Fest. Es war ein lebendiges und begeistertes Milieu, das nach mehr Tiefe und nach geistlicher Erfahrung suchte. Von daher lohnt sich zunächst die Perspektive einer noch jüngeren Generation: So reflektiert Basil Schweri die Bedeutung der Schriften Grüns für seine Entscheidung, Theologie zu studieren. Grün habe ihm gezeigt, dass Gerechtigkeit nicht nur die Außenbeziehungen prägen soll, sondern auch den Umgang mit sich selbst. Diese Kopf und Herz erreichende Ethik gewinnt den Zusammenhang zwischen Gutund Glücklichsein zurück und öffnete einem jungen Mann einen vitalen Zugang ins Theologiestudium. Es bedeutet etwas, ob die Kirche die Sprache der Zeit spricht, auch für ihren eigenen beruflichen Nachwuchs.

Von daher darf noch weiter gedacht werden, welche Rolle Theologen ihrer eigenen spirituellen Haltung und derjenigen ihrer Schüler zumessen, aber auch jener der Heranwachsenden insgesamt. Es könnte zum Ertrag einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Grüns Werk gehören, Konsequenzen für eine christlich formulierte Bildungsidee zu ziehen, die am Stellenwert von Authentizität im säkularen Zeitalter nicht vorbeisehen kann.

Wer nach der Anziehungskraft Grüns fragt, hört immer wieder: Pater Anselm sei ein so authentischer Mensch, der in sich ruhe. Dem man, was er sagt, voll und ganz abnehmen könne. Hier leuchtet eine Einheit zwischen Sein und Wort, zwischen Ausstrahlung und Sprache. Der Münsterschwarzacher Pater nimmt sich aus wie eine lebendige Illustration von Charles Taylors Religion in einem säkularen Zeitalter: Authentizität als leitender Wert einer Religion, welche Antwort gibt auf die Zerrissenheit der technisierten Gesellschaft, die das Selbst diszipliniert, rational kontrolliert und instrumentalisiert. Taylor versteht unter der Kultur der Authentizität eine Auffassung des Lebens,

wonach jeder seine eigene Art hat, sein Menschsein in die Tat umzusetzen, und wonach es wichtig ist, den eigenen Stil zu finden und auszuleben, im Gegensatz zur Kapitulation vor der Konformität mit einem von außen – seitens der Gesellschaft, der vorigen Generation oder einer religiösen oder politischen Autorität – aufoktroyierten Modell.3

Grün wirkt hier als Wegweiser, als Ideal. Die Hörerschaft zeigt sich von seiner Authentizität berührt und begeistert, ohne dass damit unter den Christen schon eine Kultur der Authentizität wüchse, die für alle wirksam würde. Veränderungen im institutionellen Gefüge des Christentums, wie das Münsterschwarzacher »Recollectio-Haus«4, stehen noch weitgehend aus.

2. Wie soll die Theologie mit Anselm Grün reden?

Das Gespräch zwischen der 120 Jahre alten Psychotherapie und der Theologie der Christen hat eine Geschichte – bis jetzt keine allzu glückliche: wenige neugierige Grenzgänger, aber Jahrzehnte bitteren Streits um die Rolle der Sexualität und um die Schuldfähigkeit des Menschen. Dahinter stand die unwillkommene Konkurrenz der Therapeuten, welche die Beichtväter schließlich verdrängte. Dann die fordernden, oft steilen Thesen Eugen Drewermanns, und das lähmende Schweigen, das ihm seitens der Schultheologie entgegenschlug. Sein Scheitern. Eine deutschsprachige theologische Rezeption der zeitgenössischen einfühlenden (psychodynamischen) Psychotherapie, wie sie etwa Gerd Rudolf vertritt5, gibt es gar nicht. Und jetzt: Anselm Grün.

Als auf der Tagung nach den ersten Vorträgen die Diskussionen begannen, machte sich in der Aula Magna der Universität Freiburg (Schweiz) Verblüffung breit. Wie mit Händen zu greifen hatte die Erwartung im Raum gestanden: druckreife, aber gestanzte Sätze, an denen jedes Gespräch abprallt. Doch weit gefehlt! Hier antwortete ein hellwacher Jemand, humorvoll, bodenständig, selbstkritisch und theologisch auf Augenhöhe. Ja, es gibt einen Unterschied zwischen der gesellschaftlichen Rolle »Pater Anselm« und der Person des Benediktiners. Eine öffentliche Person ist holzschnittartiger, näher am Klischee. Manche Züge treten hervor wie farbig markiert, Differenzierungen in den Schatten.

Der Fernsehmoderator und promovierte Theologe Erwin Koller, der spritzig und gekonnt durch die Tagung führte, hatte am kommunikativen Miteinander erheblichen Anteil. Immer wieder entstand so jene geschwisterliche Atmosphäre, die sich auch unter Christen selten genug einstellt: eine vorbehaltlose Anerkennung des anderen, die indes in der Sache dem Partner nichts schenkt (z. B. erlebbar im Gespräch zwischen Anselm Grün und Ulrich Luz, einem gefühlten Höhepunkt der Tagung). Diese Gesprächshaltung der Kinder Gottes ist das Erste. Doch auch mit ihr gibt es reichlich Gelegenheit, einander misszuverstehen. Kommunikation folgt ja stets Regeln: nicht nur formalen, sondern auch solchen, die sich aus der Pragmatik, dem Vollzug des Sprechens selbst, aus der lebendigen Beziehung zwischen Wort und Erfahrung ergeben. Ohne Beziehung zu diesem Vollzug erfassen Hörende auch die Bedeutung der Worte, also den Sinn der Sache, um die es geht, nicht.6 Das gilt auch auf der Zeitachse: Begriffe ändern ihren Sinn. Zum Beispiel heißt »Natur« bei Thomas von Aquin, bei René Descartes und in der heutigen Naturwissenschaft je etwas ganz anderes.

Diese Grammatik wird oft unbewusst befolgt, so wie einer seine Muttersprache ohne explizite Kenntnis ihrer Regeln beherrscht. Dennoch hat der jeweilige Umgang mit diesen Regeln eine Geschichte, im vertrauend Öffnenden ebenso wie im verletzt Verschließenden. Kommunikationsverhalten kann auf Leiderfahrungen zurückgehen, die als Überforderung erlebt wurden. Der Dialog kann es erforderlich machen, die eigene Geschichte neu zu bedenken und ihrer tiefer bewusst zu werden, um verschließende Haltungen loslassen zu können.

Legen die Theologen gegenüber der Psychotherapie, deren Menschenbild, Ethik und Wissenschaftsbegriff eine gewisse Schwerhörigkeit an den Tag? Sie verhaken sich an Äußerlichkeiten, Gespräche misslingen oder finden erst gar nicht statt. Es scheint sie nicht einmal jemand zu vermissen. Haben die Theologen Mühe, eine veränderte Grammatik zu erfassen? In der Tat gibt hier ein völlig anderer Erfahrungsraum der Sprache Boden. Nicht (mehr) die Kirche, die eine Wahrheit, die Bibel oder das Lehramt – unhintergehbarer Ausgangspunkt ist zunächst das Subjekt: seine Wahrnehmung, seine Beziehungen, auch seine Erfahrung von Leere. Zum Gemeinplatz ist die Einsicht geworden, dass sich die Wahrheit subjektiv oder plural ausspricht. Und das nicht nur in der Psychotherapie, man frage nur die Wegbegleiterinnen der jungen Generation, die Eheberater, frage, welche Themen in Bildungshäusern und im Buchhandel »gehen« und welche nicht – oder man lese: Anselm Grün.

Wie aber redet man mit einem Subjekt? Indem man es anerkennt, nicht wertet; indem man dem Sprechen des Subjekts mit sich selbst, das überwiegend in Bildern, nicht in Begriffen erfolgt, entgegenkommt. Deshalb nimmt Anselm Grün sprachliche Bilder und die gleichnishaften Reden Jesu so ernst. Ohne Einfühlung geht zwischen uns Menschen nichts. Wer nur sieht und denkt, ohne hörendes Herz, ohne Spüren des Gegenübers, wird an der Beziehung scheitern. Diesen Fragen geht Thomas Philipp nach.

Wie können die Christen in dieser Sprachwelt ihre Wahrheit verkünden? Indem sie, wie Grün, die anthropologische Wende Karl Rahners psychologisch vertiefen, so Margit Eckholt. Grün liest nicht einfach Carl Gustav Jung, weil es gerade gut ankommt. Er liest ihn von Rahner her: Der Mensch, sein innerer Raum ist der Ort, an dem sich die Begegnung mit dem Wort Gottes abspielt. Mit Rahner setzt Grün in diesem Raum immer schon die Gnade als anwesend voraus. Die Sprache Grüns geht dann inkarnatorisch weiter und begleitet in die Einmaligkeit einer menschlichen Geschichte, in deren Intimität der Gottesgeist immer schon gegenwärtig ist. Doch wo liegen Grenzen dieser Sprache innerer Erfahrung des Selbst: in der Schwester, im Leidenden …?

Wenn Theologen den therapeutischen Zugang zum Menschen studieren, ist es sinnvoll, Fachleute einzubeziehen: Der renommierte Psychosomatiker Gerd Rudolf begegnet dem Phänomen Pater Anselm zugleich mit Distanz und Sympathie. In einem Dreischritt – allerlei Quellen, Übersetzung in Jung’sche Begriffe, überraschend beherzte Therapie – gibt er den Leseeindruck wieder, den die Texte Grüns hinterlassen. Grün wirkt therapeutisch, indem er das gute innere Objekt stärkt und es im Gebet aktiviert. In der Seele ruhe ein unentdeckter Reichtum, der auf Entdeckung und Nutzung wartet: Rudolf qualifiziert diese Aussage als theologisch und diskutiert ihren Wert für die Psychotherapie. Rudolfs Anerkennung des Vorgehens Grüns und seine Differenzierungen gegenüber idealisierenden Lösungen bieten eine grundlegende Vermittlung an, auf der das Gespräch zwischen Theologie und einfühlender Psychotherapie zukünftig aufbauen könnte.

3. Worüber soll die Theologie mit Anselm Grün reden?

In seinen Büchern legt Grün zu weiten Teilen Schriftauslegungen vor. Die wissenschaftliche Theologie wird an Grün deshalb eine methodische Frage stellen müssen, nämlich nach seiner Form der tiefenpsychologischen Exegese, die vom Werk Drewermanns inspiriert ist. In welches Verhältnis tritt die wissenschaftliche, historisch-kritische Exegese zu ihr? Für Ulrich Luz gibt es genau wie für Grün eine Vielzahl legitimer Auslegungen der Bibel. Ein Ausleger kann nicht anders, als etwas in den Text hineinzulegen. Mehr Diskussionsstoff besteht über das Maß der Kritik, mit dem der liberale Exeget dem Neuen Testament begegnet. Gibt es hier auch schlechte, ja, böse Texte? Muss ein Christ sich jeden Text gefallen lassen? Darf der Leser eine Wahl treffen, zum Beispiel paulinischer Christ zu sein und nicht so sehr matthäischer? In ihrer gegenseitigen Anerkennung, in der Bereitschaft, den eigenen Standpunkt zu relativieren, Sinnüberschüsse anzusprechen und zu erlauben, verlassen Luz und Grün den Raum der objektiven Wahrheit. Der Ort, an dem sich die Wahrheit zeigt, ist hier die lebendige Kommunikation. Beiden Autoren ist mit Augustinus wichtig, dass die Bibel nicht nur bezeugt, was historisch objektiv ist, sondern den Hörern zugleich einen Spiegel ihrer inneren Haltung, gleichsam Rollen anbietet: Die Bibel will auch zur Selbsterkenntnis führen.

Immer wieder kam das Gespräch auf die Frage zurück: In welchen Begriffen kann die Wissenschaft der Innenseite des Menschen begegnen? Kann sie heute noch von der Seele sprechen? Oder kann sie es heute wieder? Eckhard Frick SJ bestimmt die Seele biblisch als Erfahrung der Lebendigkeit. In der Depression, im Symptom, in der Leere wird diese Lebendigkeit als fehlend erfahren. Doch auch das sind noch Erfahrungen der Seele. Auch in Neurobiologie, Philosophie und Psychologie gibt es eine Leerstelle, eine Seelenlosigkeit, insofern diese Disziplinen dazu neigen, die menschliche Person wie ein Ding zu betrachten. Fricks Vortrag führte zu einer intensiven Debatte mit Rudolf, für den die Begriffe der empirischen Wissenschaft klar definiert und operationalisierbar sein müssen, wenn Therapieformen auf ihren Nutzen hin evaluiert werden. Der Begriff der Seele erfüllt diese Kriterien nicht; er scheint in dieser Hinsicht zumindest unbrauchbar. Dass es ein Mehr des Menschen gibt gegenüber dem empirisch Greifbaren, stellt aber auch Rudolf nicht in Abrede. Jeder müsse ja selbstreflexiv herausfinden, wer er eigentlich sei. Für die Wissenschaft jedoch sei das aus seiner Sicht ohne Relevanz.

Können wir auf das Wort Seele verzichten? Kann die Empirie den Rahmen unseres gesamten Erkennens, unseres Menschenbildes bilden? Ist das, was sich mit operationalisierbaren Begriffen beschreiben lässt, schon der ganze Mensch? Oder entgeht uns dann etwas, jenes Stück Individualität, das mehr aus uns macht als berechenbare Wesen? Entgeht uns ein Mehr, das durchaus auf die Selbstwahrnehmung Einfluss nimmt, ohne durch eine Selbstwertskala greifbar zu sein? Ist also eine Psychologie, die nicht von der Seele sprechen will, seelenlos? Dass der Mensch mehr ist, als was sich greifen lässt, ist Grundüberzeugung der Theologie. Aber wie dieses Mehr zum Ausdruck bringen und zugleich wissenschaftlichen Kriterien entsprechen?

Anselm Grün spricht von einem innersten Raum, der von Sünde und Schuld unberührt ist. Hier ist der Mensch in Berührung mit dem unversehrten Bild, das Gott sich von ihm gemacht hat. Dieser Raum ist erfahrbar, ein Mensch kann in Gebet und Meditation in ihn eintreten. Grün kann so klingen, als sei dieser Raum ganz gegenständlich da; auf Nachfrage machte er klar, dass er ihn als Metapher versteht. Kaum zufällig sucht der Benediktiner, den sein Gelübde an einen Ort bindet, die Metapher in der räumlichen Welt. Doch nicht nur er: Nach dem Philosophen Taylor streben im säkularen Bewusstsein Gläubige wie Nichtgläubige nach größerer Erfüllung, sehen sich auf dem Weg zu etwas und setzen damit immer schon einen Ort der Fülle voraus.7 Doch hebt Grüns These den Unterschied zwischen Gott und Mensch esoterisch auf? Helmut Zander geht ihren Wurzeln nach und befragt Grün zu seiner Schülerschaft bei Karlfried Graf Dürckheim. An der Esoterik möchte Grün die Sehnsucht hören, um dann eine christliche Antwort zu geben, die Dogmen wie die Unbefleckte Empfängnis Mariens ins Spiel bringt.

Setzt Grüns Sprache der Innenwelt dabei zu sehr auf das Greifbare? Ruth Fehling fragt nach den Grenzen der Metapher des innersten Raumes. Wenn das Ganzwerden als unmittelbar realisierbare Option erscheint, als könnte der Mensch aktiv über sie verfügen – treten dann Gericht, Reinigung und Passivität zu weit zurück? Auch Margit Eckholt mahnt zur Vorsicht beim Zugriff auf die innere Welt und erinnert an das Noch-Nicht der erwarteten Vollendung.

Die Euphorie eines unkomplizierten Mit-sich-eins-Seins relativiert Dietmar Mieth vor allem aus seiner an Meister Eckharts Schriften gewonnenen Perspektive: Nur wer sein Selbst verliere, werde es gewinnen! Es gehe um Läuterung, um Durchbruch zum wahren Selbst, darum, das Selbst aus einer anderen Dimension zu empfangen. Ziel sei nicht, das Selbst zu begreifen, sondern es gerade nicht mehr zu kontrollieren, befreit davon, sich selbst leisten zu müssen. Dadurch wird die räumlich-stabilisierende Metapher eines inneren Raumes problematisch. Und es kommt darauf an, wem ich mich überlasse: Die Konkurrenz der Gottesbilder wird zum ethischen Thema.

Und steht überhaupt jedem Menschen ein solcher innerster Frieden, eine innerste Geborgenheit zu Gebote? Ottmar Fuchs stellt neben Grüns heilen innersten Raum jenen höllischer Unterwelt und Zerstörungswut. Den gibt es auch. Wie verhält sich der eine Raum zum anderen? Grün macht die Erfahrung stark, dass das Schwierige vor Gott verwandelt und heil werden kann. Aber gehört auch das zur Gotteserfahrung, was ein Mensch nicht integrieren kann? Für Fuchs dürfen die Grenzen dessen, was Menschen hier und jetzt integrieren können, nicht die Grenzen der Gottesvorstellung umschreiben. Um der oft so dunklen, bleibend dunklen Selbsterfahrung des Menschen gerecht zu werden, bedürfe es einer negativen Anthropologie. In derselben Tendenz setzt sich Ruth Fehling von Grüns Vorstellung ab, schon der Gekreuzigte sei der Erlöste.

Nun kennt auch Grün aus der geistlichen Begleitung die Erfahrung, dass Menschen mit Borderline-Symptomatik in ihrem Inneren nur Finsternis begegnen, vor der sie fliehen müssen – ohne deshalb seine These vom heilen innersten Raum zu relativieren. Hier wird deutlich, dass eine Auseinandersetzung mit Grün die Adressaten seiner Schriften im Blick behalten muss, die ihm in einer therapeutischen Situation vor Augen stehen, aus einem bestimmten Milieu stammen und oft inneres Leid mit sich herumtragen. Zudem hat er ein therapeutisches Verständnis von Dogmatik.8

Für die einfühlende Psychotherapie kann Heilung nur durch neue, andere Kommunikation erhofft werden. Psychodynamisch entsteht die innere Struktur des Menschen in der Kommunikation des Säuglings und Kleinkindes mit Mutter und Vater. Im Guten wie im Bösen ist der innere Raum ein internalisierter Abdruck stützender oder im Stich lassender Beziehungen.9 Wäre es – ohne damit über jedes (extreme) Leid des Menschen generell eine Aussage treffen zu wollen – demzufolge oft doch sinnvoll, das Unzerstörte und Unzerstörbare als je neu zugängliche Beziehung zu beschreiben, als Fähigkeit zu beten, die auch dann noch bleibt, wenn ein Menschenherz nur noch Verzweiflung spürt? Eine Beziehung, welche die Wunden in der inneren Struktur zunächst unterfängt, mitträgt und so einem möglichen Heilwerden den Raum öffnet?

Wenn die innere Welt derart an Bedeutung gewinnt, soll die Ethik, so Jochen Sautermeister, das Subjekt als Ort des Glückssehnens ernster nehmen und aufmerksamer mit emotionalen und vitalen Kräften umgehen. Bis in die 1950er Jahre habe die Moraltheologie objektive Pflichten im Umgang mit sich selbst gekannt, doch hinter der Pflicht stehe die Angst vor Strafe. Deshalb hemme seitdem der Respekt vor der personalen Würde des Einzelnen diese Sprache. Demgegenüber spreche Grün von der persönlichen Suche. Grüns Weigerung, Verhalten zu werten, verdanke sich einer therapeutischen Haltung. In andere Zusammenhänge, etwa in Erziehung und Ethik, sei sie so nicht übertragbar.

Nach Josef Römelt haben die Christen menschliches Handeln immer auch durch geistliche Begleitung und Lebensberatung geprägt, die mehr beabsichtigen als schlichte Anwendung feststehender ethischer Prinzipien. Angesichts immer verworrenerer Lebenslagen sind Begleitung und Ethik weit auseinandergetreten. In dieser Not schlage Anselm Grün eine Brücke: Er verstehe die christliche Glaubenskultur als umfassende ressourcenorientierte Hilfe für das Leben. Grün vermittle Spiritualität von oben mit Spiritualität von unten. Seine Ethik wolle nicht nur einfach das Tun des Richtigen lehren, sondern zugleich eine Schule der Authentizität sein.

Hier ließe sich, gleichsam als Denkanstoß einer Beschäftigung mit Grün, weiterfragen: Was bedeutet es für die Bildung der christlichen Multiplikatoren, wenn die Authentizität derart ins Zentrum des Wertesystems tritt? Die persönliche Durchdringung, das Durcharbeiten der eigenen Geschichte und ihrer Schatten vor dem Licht der Auferstehung gewinnen zentrale Bedeutung. Hat es da noch Sinn, dass die Seelsorger von morgen nur akademisch und praktisch ausgebildet werden?

Die Theologie Grüns empfängt von der therapeutischen Kultur der Gegenwart ihre Frage: von der Mühe der Subjektivität mit sich selbst, um sich selbst; und von der Hilfe, die Menschen einander in dieser Lage sein können. Grün kommt aus einer streng asketischen Tradition. Er hat sie mit Ehrgeiz beschritten, scheiterte aber. Nun wurde der barmherzige Umgang Jesu mit den Menschen zum Vorbild des Umgangs mit sich selbst. Das ist etwas anderes als Wellness. Grün schöpft aus der monastischen Tradition Antworten mit einiger Plausibilität. Zugleich setzt er sich Zweideutigkeiten aus. Es spricht aber womöglich nicht gegen Grün, dass sich seine Theologie als Epiphänomen der Seelenlosigkeit lesen lässt, als Teilhabe an der Bodenlosigkeit der Epoche. Genau das macht gute Theologie aus: dass sie die Inkarnation weiterführt, eintritt in die Werkstätten, in denen die Epoche versucht, sich zu finden und eine Zukunft zu bauen.

Die Wirkung Grüns hat mit der Verlagerung des Interesses von der Theologie zur spirituellen Sehnsucht zu tun. Für Ulrich Luz spricht Anselm Grün zu kleinen Menschen, in einer verunsicherten Epoche. In einem neuen Raum geht es erst einmal darum, überhaupt Vertrauen zu fassen. Gegenüber dem gläubigen Vertrauen treten bei Grün Hoffnung und Liebe markant zurück, und mit ihnen das Engagement, nicht zuletzt das politische. Grüns Sprache antwortet dabei mit einer besonderen Aufmerksamkeit für die Kommunikation. Diese Sprache möchte einfach sein, ohne banal zu werden. Sie sucht sich der Bewertung von Menschen zu enthalten, sodass sich etwas öffnen und verwandeln kann. Die psychologische Sprache wird so nicht zum Selbstzweck, wie es bei Drewermann klingen konnte.

Nur langsam kann ein neues Bewusstsein mit dem Christentum zur Synthese reifen. Grüns Werk und Wirken darf auf eine eingehende Rezeption hoffen. Ein Anfang ist gemacht. Die Tagung Theologie und Sprache bei Anselm Grün war eine gemeinsame Veranstaltung des Lehrstuhls für Pastoraltheologie, Religionspädagogik und Homiletik der Universität Freiburg (Schweiz) und des aki, der katholischen Hochschulseelsorge Bern. Sie ist aus Mitteln des Schweizer Nationalfonds gefördert worden, weitere Unterstützung kam von der Theologischen Fakultät, dem Rektorat und dem Hochschulrat der Universität Freiburg (Schweiz) sowie dem römisch-katholischen Dekanat Region Bern. Dafür sei herzlich gedankt.

Wir möchten schließen mit dem Andenken an Michael Felder (1966–2012), dem nur zwei Jahre auf dem Lehrstuhl für Pastoraltheologie, Religionspädagogik und Homiletik in Freiburg (Schweiz) blieben. Michael Felder hatte wesentlichen Anteil an der Entwicklung der Idee der Tagung, an ihrer Planung, an Auswahl und Einladung der Vortragenden. Ohne seine offene Katholizität, sein Ohr für die Zeichen der Zeit, ohne sein kommunikatives Geschick wäre die Tagung nicht zustande gekommen. Wir haben einen Freund verloren, die Kirche der Schweiz einen Hoffnungsträger. Wir bleiben zurück, dankbar, dass wir ihn unter uns hatten. Im Licht des Auferstandenen sind wir mit ihm verbunden.

Ein Begleiter auf meinem Weg ins Theologiestudium

von Basil Schweri

In diesem Beitrag möchte ich zeigen, welchen Einfluss die Bücher von P. Anselm Grün auf meine Studienwahl hatten und wie sie mir theologische, philosophische und ethische Fragen zugänglich machten. Die Funktion der Schriften Grüns für meinen Weg ins Theologiestudium vergleiche ich mit einer Brücke und mit einer Schnitzeljagd.

1. Die Brücke

Nach der Matura suchte ich ein Fach, das mich persönlich und auf meine Erfahrungen anspricht, etwas, wofür ich Leidenschaft entwickeln kann und bei dem es mich drängt, weiter zu forschen. Bei der Lektüre von Grüns Büchern wurde mir bewusst, dass theologische, philosophische und ethische Fragen ganz konkret mit unserer alltäglichen Erfahrung zu tun haben. Er schafft für mich die Brücke zwischen Theologie, Philosophie und Ethik auf der einen Seite und meinem Leben auf der anderen Seite.

Bevor ich Anselm Grüns Schriften las, verstand ich Gerechtigkeit als moralische Forderung, die mit viel Idealismus umzusetzen sei. Aber den direkten Bezug zu mir selbst sah ich nicht wirklich. Laut Anselm Grün heißt hingegen Gerechtigkeit mit Platon zunächst,

sich selbst gerecht werden, seinem Wesen gerecht werden, seinen Leib, seine Seele und seinen Geist auf rechte Weise würdigen. Wer sich selbst gerecht wird, der lässt sich nicht verbiegen, der geht aufrecht und aufrichtig seinen Weg. Er wird andere aufrichten, und dann hat Gerechtigkeit eine soziale Komponente: dem anderen Menschen gerecht werden.1

Mir gefiel, dass Grün Gerechtigkeit in erster Linie nicht utilitaristisch, deontologisch oder sonstwie begründete. Vielmehr beginnt Gerechtigkeit bei meiner Erfahrung und dem Umgang mit mir selbst und führt zu einem gerechten Umgang mit den Mitmenschen.

Wie Anselm Grün die Brücke zwischen Theologie und meinem Leben schlägt, möchte ich an seiner Exegese von Mk 3 veranschaulichen. Hier geht es um die Heilung eines Mannes, der eine verdorrte Hand hat. Sehr interessant an Grüns Auslegung finde ich die Art und Weise, wie er sich in die einzelnen Akteure dieser Perikope einfühlt und sie so unserer Erfahrung zugänglich macht.

Ich kann mir vorstellen, was das Problem dieses Mannes war: Mit der Hand gestalte und forme ich mein Leben und packe ich etwas an. Mit ihr nehme ich mein Leben in die Hand. Ich nehme mir, was ich brauche. Und ich gebe, was ich zu geben habe. Mit der Hand berühre ich andere Menschen. Ich gebe ihnen die Hand. Ich nehme Beziehung auf. Ich gebe ihnen Halt. Mit der Hand drücke ich Zärtlichkeit und Liebe aus. Die verdorrte Hand weist auf einen Menschen hin, der sich angepasst hat, der seine Hand zurückgezogen hat. Er will sich die Finger nicht verbrennen, sie sich nicht schmutzig machen.2

Zuerst fällt Grüns Einfühlung in den Kranken und dessen Leid auf; dann die Übertragung des körperlichen auf das seelische Leid. Denn sinnbildlich steht für ihn die verdorrte Hand für Überanpassung ans gesellschaftliche Umfeld – diese Tendenz mag mancher bei sich selbst wiederfinden. Diese bildliche und lebensnahe Auslegung der Bibel ermöglicht mir, einen direkten Bezug zu meinem Leben herzustellen. Grüns Texte und Anschauungen öffneten mir also eine Brücke zwischen meinem Leben und theologischen, ethischen und philosophischen Fragen. Ich fühlte mich angesprochen und wusste immer mehr: Theologie ist mein Fach.

Im Studium wurde bald klar, dass Grüns Texte wenig Platz an der Universität haben. Und trotzdem versuchte ich à la Anselm Grün, die Brücke zu meiner Erfahrung zu schlagen. Eine zentrale Frage, die mich deshalb auch während des Studiums immer wieder beschäftigte, war: »Welche Erfahrung steckt hinter diesen theologischen Inhalten?« Sei es Dogmatik, Kirchengeschichte, Ethik oder Exegese, ich fragte mich: Welche Erfahrung steckt hinter Franz von Assisis Ordensidealen wie dem Ideal der Armut? Oder welche Sehnsucht steckt hinter Martin Luthers Theologie?

Meine Erfahrung als Hochschulseelsorger zeigt mir: Wenn Menschen Lebensfragen haben, reicht rein theoretisches Wissen über Philosophie, Theologie und Ethik nicht aus. Sie möchten wissen, was diese Theorie mit ihrem Leben und ihren Erfahrungen zu tun hat. Anselm Grüns Bücher haben mir so geholfen, wieder eine Brücke zurück von der Theologie in die Praxis zu schlagen.

2. Die Schnitzeljagd

Vergleicht man meine theologische Entdeckungstour mit einer spannenden Schnitzeljagd, war ich derjenige, der neugierig und freudig den interessanten Hinweisen folgte, die mir Anselm Grün vorangehend auslegte. Die Hinweise waren die vielen Zitate und Verweise auf andere Autoren, die mich zunehmend zu interessieren begannen. So fing ich an, unterschiedlichste Autoren zu lesen: Theologen wie Karl Rahner, die Kirchenväter oder Wüstenväter wie Evagrius Ponticus, Mystiker wie Meister Eckhart, Ordensregeln wie diejenige Benedikts.

Grüns Schriften eröffneten mir viele Einblicke in die Werke anderer Autorinnen und Autoren und bauten mir so eine Brücke zu anderen Welten, die ich nur allzu gerne überquere. Dank Anselm Grüns Erläuterungen gelang mir der Einstieg in schwierig geschriebene Werke. Er hat für mich die Gabe, komplizierte Inhalte verständlich und klar zu erläutern. Wie stark mich die Hinweise von Anselm Grün gepackt haben, wurde mir bewusst, als ich bei der Lektüre eines der Bücher von Anselm Grün über Ernst Blochs Zitat stolperte: »Die Sehnsucht scheint mir die einzige ehrliche Eigenschaft des Menschen.«3 Daraufhin führte ich mir prompt Blochs Prinzip Hoffnung zu Gemüte.

Besonders gefallen haben mir die Engelbücher. Nicht unbedingt wegen der Engel, sondern wegen des tugendethischen Inhalts, denn jeder Engel steht für eine Tugend. Mich fasziniert da vor allem der Zusammenhang zwischen Gut-Sein und Glücklich-Sein. Tugenden werden da nicht bloß als moralische Gebote deklariert, sondern Anselm Grün zeigt sie auch als Wege zu gelungenem Leben. Durch die positive, praxisnahe Sichtweise motiviert, befasste ich mich anschließend mit der Nikomachischen Ethik von Aristoteles und machte die schöne Entdeckung, dass auch Aristoteles die Tugend als Weg zur Glückseligkeit beschreibt.

Geprägt hat mich zudem Anselm Grüns Buch Herzensruhe, welches behutsam aufzeigt, wie man in Einklang mit sich selbst kommen kann. Anhand von neun sogenannten logismoi, also der neun Laster, die die Wüstenväter darlegten, wird aufgezeigt, was Menschen unglücklich und unruhig macht. Mich beeindruckte die große Lebensweisheit dieser Wüstenmönche so sehr, dass ich unbedingt mehr wissen wollte und auch nach der Lektüre der übersetzten Originaltexte noch immer voller Neugier war. Also machte ich mich mit einem Freund auf die Suche nach dem Übersetzer der Bücher. Zu unserer Freude wurden wir im Tessin fündig und erlebten mit dem Einsiedler Gabriel Bunge einen äußerst interessanten Gedankenaustausch über die Wüstenväter und griechischen Kirchenväter.

Das Studium an der Universität war natürlich anders als dieser freie Suchprozess. Man kann die beiden Welten nur teilweise vergleichen. Aber Grüns Bücher weckten in mir ein Interesse, immer weiterzugehen, neue theologische Welten kennenzulernen. Dieses innere Feuer zeigte mir, dass Theologie mein Fach ist, das ich studieren will.

Wegstationen meiner theologischen Sprache

von Anselm Grün OSB

Da nach den Wegstationen meiner theologischen Sprache gefragt wird, möchte ich im ersten Teil meinen theologischen Entwicklungsweg nachzeichnen, bevor ich dann im zweiten Teil systematischer darlegen möchte, wie ich meine eigene theologische Sprache verstehe.

1. Stationen meiner theologischen Entwicklung

1.1 Mein Studium der Philosophie und Theologie

Schon im Gymnasium hat mich die Theologie interessiert. Unser Religionslehrer hat uns begeistert vom Aufbruch des Konzils erzählt. So wuchs schon mit 17 Jahren in mir der Ehrgeiz, im Sinn des Konzils eine theologische Sprache zu finden, die die Menschen von heute anspricht. Damals hat mich vor allem der Dialog mit der Naturwissenschaft interessiert, vor allem mit der Biologie und Physik. So habe ich von den Jesuiten Paul Overhage und Adolf Haas Bücher darüber gelesen, wie Naturwissenschaft und Theologie zusammengehen.

Nach dem Noviziat habe ich dann zwei Jahre Philosophie in St. Ottilien studiert. Die offiziellen Vorlesungen waren natürlich die Metaphysik und Logik im Sinn der Scholastik. Doch P. Quirin Huonder dozierte auch Existenzphilosophie. Sie hat mich damals interessiert. So habe ich vor allem Sein und Zeit von Martin Heidegger genau gelesen und mir die wichtigsten Passagen herausgeschrieben. Daneben las ich Albert Camus, Karl Jaspers, Ladislaus Boros und Ernst Bloch. Und ich war ehrgeizig, wollte eine Theologie entwickeln, die auf die Probleme heutiger Philosophie eingeht. Immer wieder habe ich damals mit meinem Onkel, P. Sturmius Grün, korrespondiert und diskutiert. Er war auch Mönch in Münsterschwarzach. Und er war immer hellwach und hat immer moderne Theologie studiert. Bei ihm habe ich mich oft beschwert, dass die Hochschule nur durchschnittlich ist. Ich war damals ehrgeizig, wollte möglichst gut und viel studieren, um dann eine andere Art und Weise der Theologie zu entwickeln. Mein Onkel hat mich immer wieder auf wichtige Themen hingewiesen und mich ermutigt, auch die Philosophie gut zu studieren. Ohne deren Grundlage gibt es keine gute Theologie.

Dann kam ich nach Rom und studierte an der Benediktinerhochschule Sant’Anselmo vier Jahre Theologie. Damals waren die Vorlesungen noch lateinisch. Ich las damals vor allem deutsche exegetische Bücher, aber auch niederländische Bücher und vor allem niederländische Zeitschriften, in denen Edward Schillebeeckx OP und Piet Schoonenberg SJ schrieben. Am meisten interessierte mich die Frage nach der Erlösung. So habe ich schon meine Lizenziatsarbeit zu diesem Thema geschrieben. Dabei habe ich mir Paul Tillich ausgesucht, der ja auch Philosophie, Psychologie und Theologie miteinander zu verbinden suchte. Und es interessierte mich die Frage, warum wir sagen, dass Jesus uns durch seinen Tod am Kreuz erlöst hat. Die Antworten, die ich bisher gehört hatte, befriedigten mich nicht. Nach meiner Lizenziatsarbeit wollte ich darüber auch die Doktorarbeit machen. Zuerst dachte ich daran, das Thema bei protestantischen Theologen wie Albrecht Ritschl oder Friedrich D. E. Schleiermacher zu behandeln. Aber ein erstes Anlesen zeigte mir, dass mir deren Theologie doch fremd blieb. So habe ich mich für Karl Rahner entschieden. Meine Doktorarbeit war dann: Erlösung durch das Kreuz. Karl Rahners Beitrag zu einem heutigen Erlösungsverständnis. Der transzendentale Ansatz von Karl Rahner, der jede theologische Aussage als Erfüllung menschlichen Denkens verstand und die Beziehung zwischen dem Wesen des Menschen und seines Denkens und der Botschaft der Bibel aufzeigen wollte, hat mich fasziniert. Außerdem hat mich die Fähigkeit Rahners begeistert, die alte nüchterne Theologie der Scholastik mit dem heutigen Denken zu verbinden. Es war kein Bruch, sondern eine Fortschreibung der Theologie. Aber zugleich war mir der Ansatz Rahners zu intellektuell. Den konnten nur Philosophen verstehen, aber nicht der normale Leser. In seinen Predigten konnte Rahner die Menschen unmittelbar ansprechen. Aber seine Theologie war doch akademisch. Und so war es mir ein Anliegen, seinen Ansatz weiterzuführen, aber mehr den Dialog mit der Psychologie zu wagen.

Ich habe meine Promotion 1974 abgeschlossen. Kurz danach bat mich der Abt, Cellerar zu werden und dazu noch Betriebswirtschaft zu studieren. Das lag damals ganz und gar nicht in meinem Denkhorizont. Aber es war eine bewegte Zeit. Im Kloster waren viele junge Mitbrüder ausgetreten.

1.2 Graf Dürckheim, C. G. Jung und die alte Mönchstradition

Mit einigen anderen jungen Mitbrüdern waren wir oft in Rütte bei Karlfried Graf Dürckheim, versuchten dort, Zen-Meditation und Jung’sche Psychologie zusammenzubringen. Die Begegnung mit Graf Dürckheim gab uns damals Mut, unsere Revolution gegenüber der alten Klosterdisziplin und Klostertheologie in eine konstruktive Neuerarbeitung mönchischen Denkens umzusetzen. P. Fidelis Ruppert, der dann später Abt wurde, hatte seine Promotion über den Gehorsam bei Pachomius geschrieben. Ihn interessierte, wie man die Jung’sche Psychologie und die mystische Tradition des Christentums, auf die uns die Zen-Meditation gestoßen hatte, miteinander verbinden konnte. So gab er mir den Auftrag, einen Vortrag zu halten bei einer Tagung, die 1975 stattfand: Beten im Mönchtum. Zu dieser Tagung luden wir Ordensleute und zugleich Psychologen aus dem Umkreis von Graf Dürckheim ein. Mir gab er das Thema Reinheit des Herzens zur Bearbeitung. Da las ich mich in die Schriften der Mönchsväter ein, in die Apophthegmata Patrum und in die Schriften von Evagrius Ponticus und Johannes Cassian. Es war für mich eine neue Welt, denn im Noviziat hatten mich diese alten Texte nicht interessiert. Ich war nur für moderne Theologie offen gewesen. Aber auf dem Hintergrund der Jung’schen Psychologie erschlossen sich mir die alten Texte aufs Neue. Und wichtig war mir immer der Ansatz, den P. Fidelis ständig betonte: Welche Erfahrung steckt hinter diesen Aussagen? Und: Wie macht man das, was da beschrieben wird? Diese beiden Fragen haben seitdem alle meine theologischen Schriften mitgeprägt. Damals habe ich nicht nur die Mönchsschriften gelesen, sondern auch viele Kirchenväter wie Origenes, Clemens von Alexandrien, Gregor von Nyssa und Augustinus. Immer ging es mir um ihre Erfahrungen. Und ich war fasziniert von ihrer bildhaften Theologie. Diese bildhafte Theologie bleibt immer eine moderne Theologie. Denn Bilder bleiben offen. Das hat mir vor allem das wunderbare Buch von Hugo Rahner Die christliche Deutung griechischer Mythen gezeigt. Hier wird auch deutlich, wie gerade die griechischen Kirchenväter einen Dialog geführt haben mit der griechischen Literatur und Mythologie.

Aus jenem Vortrag ist die erste Kleinschrift entstanden, damals noch in einem anderen Verlag, der sich dafür interessiert hatte.1 Dann wurde ich 1977 Cellerar und die nächsten Themen aus dem monastischen Umkreis, die ich entweder alleine oder mit P. Fidelis zusammen geschrieben habe, haben wir dann im eigenen Verlag veröffentlicht. Es waren: Gebet und Selbsterkenntnis, Christus im Bruder, Der Umgang mit dem Bösen, Der Anspruch des Schweigens und Bete und arbeite. Bei all diesen Schriften haben wir versucht, möglichst viele Zitate aus den frühen Mönchsschriften zu sammeln und sie dann in einer einfachen Sprache, die immer die Erfahrung mitbedachte, darzustellen und zu kommentieren. Es war also der Versuch, alte Schriften für uns heute zugänglich zu machen, indem wir sie mit der Brille der Psychologie und der geistlichen Praxis lasen.

1.3 Schreiben für konkrete Menschen

Ein anderer Ansatz meiner theologischen Sprache ist aus der Jugendarbeit erwachsen. Seit 1978 habe ich Jugendarbeit in der Abtei gemacht, insgesamt 25 Jahre lang. Wir haben Jugendliche eingeladen, mit uns die Karwoche, das Pfingstfest und die Tage vor Silvester zu verbringen. Damals kamen zwischen 200 und 300 Jugendliche zu den Kursen. Nach jedem Kurs habe ich einen Rundbrief an die Jugendlichen geschrieben. Und das Schreiben dieser Rundbriefe hat meinen künftigen Schreibstil geprägt. Ich habe immer konkrete Menschen vor Augen gehabt. Und ich glaube, meine Sprache war eine dialogische Sprache. Ich habe im Schreiben mit den Jugendlichen einen inneren Dialog geführt. Ich habe versucht, ihre Stimmungen aufzugreifen, ihre Fragen anzusprechen und ihnen eine ermutigende Antwort zu geben. Das hat seither mein Schreiben geprägt. Wenn ich schreibe, habe ich immer konkrete Menschen vor Augen. Ich versuche mich in sie hineinzuversetzen und ihre Fragen zu erahnen. Dann antworte ich ihnen so, dass sie es verstehen können. Und es ist eine ermutigende Sprache, keine moralisierende, keine missionierende, sondern eine Sprache, die die Menschen dort abholt, wo sie stehen, und ihnen einen Weg zeigen möchte, wie sie gut weitergehen können.

1.4 Die Quellen und Themen meiner Bücher

Mein Entwicklungsweg ging dann weiter. Nach und neben den monastischen Themen griff ich auch Themen der Liturgie und der Volksfrömmigkeit auf. Ich schrieb über das heilende Kirchenjahr, über die 14 Nothelfer, über den Kreuzweg, über die Eucharistie und über die wichtigsten Festzeiten im Kirchenjahr: Adventszeit, Fastenzeit, Karwoche und Osterzeit. Immer aber war mir der Ansatz von C. G. Jung wichtig, die Feste und Rituale der christlichen Tradition in ihrer Symbolik zu verstehen und ihre heilende Wirkung darzustellen.

Eine andere wichtige Quelle war für mich die Bibel. Beim Theologiestudium schwankte ich lange, ob ich in Dogmatik oder in neutestamentlicher Exegese promovieren sollte. Immer aber hat mich die Bibel interessiert. Ich habe sehr viele biblische Kommentare gelesen. Dabei hat mich aber auch immer die dogmatische Frage interessiert: Was wird da gesagt? Wie kann ich es verstehen? Und welche Erfahrung steckt dahinter? Dabei hat mich der tiefenpsychologische Ansatz von Eugen Drewermann befruchtet, obwohl ich ihn nicht einfach übernommen habe. Mir war der tiefenpsychologische Ansatz nur eine Hilfe, die spirituelle und die therapeutische Dimension der biblischen Texte zu verstehen und aufzuzeigen. So habe ich zu allen vier Evangelien einen Kommentar geschrieben. Beim Schreiben habe ich die einschlägigen Kommentare gelesen. Bei der Vorbereitung des Matthäusevangeliums habe ich alle Bände von Ulrich Luz gelesen, bis auf den letzten, der war noch nicht erschienen, außerdem von Walter Grundmann, Joachim Gnilka, Rudolf Schnackenburg, François Bovon, Hermann-Josef Venetz usw. Die historisch-kritische Methode war mir immer ein wichtiges Fundament, auf dem ich dann die mehr spirituelle Auslegung aufbaute. Und ich habe immer wieder biblische Einzelthemen behandelt, so die vier Beziehungsgeschichten Vater – Tochter, Mutter – Tochter, Vater – Sohn und Mutter – Sohn oder die Seligpreisungen als den achtfachen Pfad Jesu zum gelingenden Leben als Antwort auf den achtfachen Pfad Buddhas, oder Jesus als Therapeut, seine Heilungsgeschichte, seine Gleichnisse und seine Worte als therapeutische Wege. In den beiden Büchern Verwandle deine Angst. Spirituelle Impulse und Wege durch die Depression habe ich auf dem Hintergrund psychologischer Einsichten biblische Texte meditiert und überlegt, inwiefern sie uns helfen können, mit der Angst und mit der Depression umzugehen. Dabei möchte ich keinen Gegensatz zwischen der Psychotherapie und biblischer Therapie aufbauen, sondern von der Psychologie her die biblischen Texte lesen und die biblischen Texte fruchtbar werden lassen für die psychischen Probleme wie Angst und Depression.

Und dreimal habe ich noch systematische Bücher geschrieben, zwei zum Thema Erlösung und eines über die gesamte christliche Dogmatik mit dem Titel Der Glaube der Christen. Da ging es mir darum, das Unterscheidende des christlichen Glaubens gegenüber den östlichen Religionen darzustellen. Übrigens war das eine andere wichtige Quelle meines theologischen Denkens: die Begegnung mit dem Buddhismus, vor allem mit der Zen-Meditation, die ich bei Graf Dürckheim und dann beim Jesuiten Hugo Lassalle lernte. Dabei ging es mir nie um Vermischung, sondern immer darum, welche christliche Antwort wir auf die Fragen haben, die andere Religionen uns stellen. Dazu auch eines meiner letzten Bücher: Was glaubst du? Christentum und Buddhismus im Gespräch, zusammen mit der taiwanesischen Zen-Meisterin Shih Chao-Hwei. Dabei ist mir eben der personale Ansatz des Christentums wichtig. Aber wie verstehen wir Gott als Person?

Daneben habe ich auf Drängen der Verlage Geschenkbücher geschrieben. Die haben natürlich keinen theologischen Anspruch. Sie wollen einfach christliche Haltungen so beschreiben, dass sie einladend sind für die Menschen. Dazu gehören die Engelbücher. Es sind eigentlich Bücher über christliche Tugenden. Oder ich habe Texte über die Trauer geschrieben, die einfach seelsorglich Menschen begleiten möchten in ihrer Trauer. All das sind eher seelsorgliche Texte. Manchmal haben die Verlage aus meinen Schriften Texte zusammengestellt und sie unter modischen Themen herausgegeben, wie Glück und Ruhe.

2. Mein theologischer Ansatz

Die Geschichte meines Studiums und meines Schreibens möchte verständlich machen, was ich heute unter Theologie und theologischer Sprache verstehe. So möchte ich einige Gedanken über meine Theologie systematisch darlegen.

2.1 Dogmatik ist die Kunst, das Geheimnis offen zu halten

Zunächst versuche ich immer, eine Lanze für die Dogmatik zu brechen. Viele meinen ja, Dogmatiker seien sterile Denker, die wüssten alles ganz genau. Für manche ist Dogmatiker schon ein Schimpf