Sprache: Geht das gute Deutsch zugrunde? (GEO eBook Single) -  - ebook

Sprache: Geht das gute Deutsch zugrunde? (GEO eBook Single) ebook

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Opis

Gutes Deutsch ist auch nicht mehr das, was es einmal war. Darüber klagte schon Goethe. Unsere Sprache ändert sich ständig, ohne dass wir Sprecher bewusst darauf hinwirken. Warum ist das so? Ein wissenschaftliches Großprojekt liefert neue Antworten. Und nutzt dazu einen lange verkannten Wort-Schatz: die deutschen Dialekte. Die großen Themen der Zeit sind manchmal kompliziert. Aber oft genügt schon eine ausführliche und gut recherchierte GEO-Reportage, um sich wieder auf die Höhe der Diskussion zu bringen. Für die Reihe der GEO eBook-Singles hat die Redaktion solche Einzeltexte als pure Lesestücke ausgewählt. Sie waren vormals Titelgeschichten oder große Reportagen in GEO.

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Liczba stron: 28

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Herausgeber:

GEO

Die Welt mit anderen Augen sehen

Gruner + Jahr AG & Co KG, Druck- und Verlagshaus,

Am Baumwall 11, 20459 Hamburg

www.geo.de/ebooks

Inhalt

Was reden wir denn da?

Sprachverfall? Sechs Antworten

No problem mit Neu-speak

Deutsch 2.0? HDGDL!

Das Fräuleinwunder von ehegestern

Klingt voll gut, ey

Dütsch, i liäbä di!

Macht euch kein sone Sorgen

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Sprache

Was reden wir denn da?

Gutes Deutsch ist auch nicht mehr das, was es einmal war. Darüber klagte schon Goethe. Unsere Sprache ändert sich ständig, ohne dass wir Sprecher bewusst darauf hinwirken. Warum ist das so? Ein wissenschaftliches Großprojekt liefert neue Antworten. Und nutzt dazu einen lange verkannten Wort-Schatz: die deutschen Dialekte

von Johanna Romberg

Verstehen Sie Deutsch?

Sagen Sie jetzt nicht gleich Ja. Lesen Sie zuerst die folgenden Sätze. Am besten laut:

Bef i Hüss stonn tre Opelboamen me roa Opele.

Min lew Kind, bliw hia unna stahn, de böse Gös bitn di dot.

Mar muss laure kräische, sost v’rschdere ins net.

D’Füaß tein mer recht weh, i glab, i hob mers deihiglaffa.

Was verstehen Sie? Und woher, glauben Sie, stammen die Sprecher dieser Sätze? Falls Ihnen das Entziffern zu mühsam ist – am Ende dieses Kapitels finden Sie die hochdeutsche Übersetzung. Und bevor Sie lange rätseln, von welchen Apfelbäumen und bösen Gänsen hier die Rede ist: Die Sätze haben keine tiefere Bedeutung. Sie gehören zu einer Sammlung von 40 Sätzen, die der Marburger Dialektforscher Georg Wenker im Jahr 1876 zusammengestellt hat. Diese „Wenker-Sätze“ sind noch heute so etwas wie die Fruchtfliegen und Erlenmeyerkolben der deutschen Sprachwissenschaft: bewährte, vielseitig einsetzbare Versuchselemente für die Forschungsarbeit. Dazu später mehr.

Zunächst schulde ich Ihnen eine Antwort auf Frage zwei.

Die Dialektversionen der vier Sätze wurden an vier Orten aufgezeichnet, die über den gesamten deutschen Sprachraum verteilt sind: von Helgoland über Starsow in Mecklenburg, Schönstadt in Nordhessen bis nach Peterskirchen im Chiemgau.

Ich habe die Orte eher willkürlich ausgewählt; selbst wenn ich mich auf Nordhessen beschränkt hätte, wäre jeder Wenker-Satz in Dutzenden Versionen noch heute verfügbar gewesen. Tonaufnahmen – es sind rund 3600 – stammen überwiegend aus den vergangenen 40 Jahren. Sie beweisen: Die deutsche Sprache gehört bis heute zu den variantenreichsten in Europa; ihre Dialekte erweisen sich als erstaunlich beständig – trotz wachsender Mobilität und allgegenwärtigem Medien-Standarddeutsch.

Seit einiger Zeit werden diese Dialekte neu entdeckt. Nicht als liebenswerte Kuriositäten aus einer Zeit, als die Menschen noch Tracht trugen und Kühe von Hand gemolken wurden. Sondern als ein Datenschatz, der weltweit einzigartig ist. Denn Sächsisch, Rheinländisch, Fränkisch und ein gutes Dutzend anderer Deutsch-Varianten haben etwas gemeinsam, das sie von allen anderen lediglich mündlich überlieferten Sprachen unterscheidet: Sie werden seit mehr als 120 Jahren systematisch schriftlich dokumentiert. Und zwar so lautgetreu, dass man noch heute rekonstruieren kann, wie die Bewohner des Erzgebirges um 1880 ihre Vokale formten und welche Worte Leute aus der Eifel wählten, wenn sie sich über Wetter, Verwandte oder Pferde unterhielten.

Dieses Wissen nutzt eine Forschungsdisziplin, die sich mit einem für viele irritierenden Phänomen befasst: dem Wandel der Sprache. Die „Sprachdynamikforschung“ beobachtet, wie sich unser wichtigstes Kommunikationsmittel unablässig verändert, und sie fragt, welche Kräfte dafür verantwortlich sind.

Auf den ersten Blick ist das eine banale Frage. Schließlich ist jeder Satz, den wir aussprechen, ein bewusster Akt. Also müssten auch wir Sprecher für den Wandel der Sprache allein verantwortlich sein.