MERKUR Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken - 2017-06 -  - ebook

MERKUR Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken - 2017-06 ebook

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Opis

"Über das Flüchtlingszeit und die Conditio humana" lautet der Untertitel von Jan M. Piskorskis Klagegesang, der den Aufmacher des Junihefts (Nr. 817) bildet. Und genau darum geht es, im Lauf der Zeiten und geografischen Breiten. Der zweite Essay dreht sich (wie ein Text weiter hinten) um Karl Marx und Das Kapital – und darin um ein Detail, das bei näherem Hinsehen weit mehr als das ist: nämlich die Frage, wie der US-Kolonialismus und die native Americans bei Marx (nicht) erscheinen. Im dritten und letzten Essay des vorderen Teils geht der Jurist Florian Meinel Fragen rechtlicher Gleich- und Ungleichbehandlung nach, grundsätzlich, aber auch sehr konkret an einem jüngeren Urteil zum Erbrecht. Heide Volkenings erste Popkolumne dreht sich um Pop und Politik, genauer gesagt: um Trump und Beyoncé. In seiner Designkolumne nimmt Christian Demand Neuerscheinungen zur Designphilosophie auseinander – und lobt Gert Selle als lebenden Klassiker des Felds. Patrick Eiden-Offe hat Gareth Stedman Jones‘ neue Marx-Biografie gelesen, nimmt sie aber zum Anlass recht eindringlicher Überlegungen zur Aktualität von Marx‘ Werttheorie. Und Julika Griem kann sich den Lobeshymnen auf Hanya Yanagiharas Roman „Ein wenig Leben“ ganz und gar nicht anschließen. Was Donald Trump mit dem englischen König Jakob gemeinsam hat, erklärt der Soziologe Wolfgang Fach. In Günter Hacks Reihe der Vogelporträts geht es diesmal um die Taube. Und Harry Walter schreibt über zwei Fotos: ein nackter Mann, eine nackte Frau.

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EPUB

Liczba stron: 180




Gegründet 1947 als Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken
  
Heft 817, Juni 2017, 71. Jahrgang
  
Der Merkur ist eine Kulturzeitschrift, wobei der Begriff der Kultur in denkbar weitem Sinne zu verstehen ist. Er erscheint monatlich und wendet sich an ein anspruchsvolles und neugieriges Publikum, das an der bloßen Bestätigung der eigenen Ansichten nicht interessiert ist. Mit kenntnisreichen und pointierten Essays, Kommentaren und Rezensionen hält der Merkur gleichermaßen Distanz zum Feuilleton wie zu Fachzeitschriften. Die Unterzeile »Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken« formulierte bei der Gründung im Jahr 1947 das Bekenntnis zu einer weltanschaulich unabhängigen Form von Publizistik, die über kulturelle und nationale Grenzen hinweg alle intellektuell relevanten Debatten ihrer Zeit aufnehmen wollte. Auch wenn der Horizont für ein solches Unternehmen sich mittlerweile deutlich erweitert hat, trifft das noch immer den Kern des Selbstverständnisses der Zeitschrift.
  
Herausgegeben von Christian Demand und Ekkehard Knörer
Gegründet 1947 von Hans Paeschke und Joachim Moras
Herausgeber
      1979–1983 Hans Schwab-Felisch      1984–2011 Karl Heinz Bohrer      1991–2011 Kurt Scheel
Gastredakteur: Marcus Twellmann
Lektorat/Büro: Ina Andrae
Redaktionsanschrift: Mommsenstr. 27, 10629 Berlin
Telefon: (030) 32 70 94 14   Fax: (030) 32 70 94 15
Website: www.merkur-zeitschrift.de
E-Mail: [email protected]
  
Der Merkur wird unterstützt von der Ernst H. Klett Stiftung Merkur.
Partner von Eurozine, www.eurozine.com
  
  
  
Verlag und Copyright: © J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH, Postfach 106016, 70049 Stuttgart, Tel. (0711) 6672-0, www.klett-cotta.de · Geschäftsführer: Philipp Haußmann, Tom Kraushaar, Michael Zöllner · Leiter Zeitschriften: Thomas Kleffner, [email protected] · Media-Daten: s. www.merkur-zeitschrift.de · Manuskripte: Für unverlangt und ohne Rückporto eingesandte Manuskripte kann keine Gewähr übernommen werden. · Redaktionsschluss dieser Ausgabe: 25. April 2017 · Gestaltung: Erik Stein · Satz und E-Book-Umsetzung: Dörlemann-Satz GmbH & Co. KG, Lemförde
  
Bezugsbedingungen: Der Merkur erscheint monatlich. Preis 12 €; im Abonnement jährlich 120 € / 131 sFr; für Studenten gegen Vorlage einer Bescheinigung 80 € / 87 sFr; alle Preise jeweils zzgl. Versandkosten. · Die elektronische Version dieser Zeitschrift finden Sie unter www.volltext.merkur-zeitschrift.de. Preis für das Herunterladen eines einzelnen Artikels 2 €, eines einzelnen Heftes 9,99 €; im elektronischen Abonnement (E-Only) 120 €; für Studenten und Postdocs gegen Vorlage einer Bescheinigung 48 €; für Privatkunden, die gleichzeitig die gedruckte Version im Abonnement beziehen, 20 €. Im jeweiligen Preis der elektronischen Abonnements ist der Zugriff auf sämtliche älteren digitalisierten Jahrgänge enthalten. Preise für Bibliotheken und Institutionen auf Anfrage. Alle genannten Preise enthalten die zum Zeitpunkt des Kaufs gültige Mehrwertsteuer. In Drittländern (außerhalb der EU) gelten die angegebenen Preise netto. · Die Kündigung des Abonnements muss spätestens vier Wochen vor Ende des Bezugszeitraums in schriftlicher Form erfolgen. Ansonsten verlängert es sich automatisch um ein Jahr. Die Mindestbezugsdauer beträgt ein Jahr.
Abonnementverwaltung (falls vorhanden, bitte Kundennummer angeben): Verlag Klett-Cotta Aboservice, Heuriedweg 19, 88131 Lindau, Telefon (0 83 82) 2 77 57-923, Fax (0 83 82) 2 77 57-655, E-Mail: [email protected]; Downloads, Einzelheft- und auch Abobestellungen unter www.merkur-zeitschrift.de
  
ISBN 978-3-608-11141-5

Autorinnen und Autoren

 

Zu diesem Heft

 

BEITRÄGE

Jan M. Piskorski

Klage.

Über das Flüchtlingsleid und die Conditio humana

Matthias Rothe

Die Haudenosaunee und Marx

Florian Meinel

Gleichheitsschutz für die Mehrheit.

Das Verfassungsrecht und die Rückkehr der sozialen Frage

KRITIK

Heide Volkening

Popkolumne.

Pop und Politik (mit Trump und Beyoncé)

Christian Demand

Designkolumne.

Theoriemüdigkeit

Patrick Eiden-Offe

Der alte Karl Marx

Julika Griem

Zwischen Hölle und Hygge.

Ein wenig Leben

MARGINALIEN

Wolfgang Fach

The Man Who Would Be King.

Die Rückkehr der Alten Welt in der Neuen

Günter Hack

Heimat der Tauben

Harry Walter

Doppelporträt

Jan M. Piskorski, geb. 1956, Professor für Vergleichende Geschichte an der Universität Stettin. 2013 erschien Die Verjagten. Flucht und Vertreibung im Europa des 20. [email protected]

Matthias Rothe, geb. 1966, Associate Professor of German an der Universität von Minnesota. 2009 erschien Wissenschaftsgeschichte als Begriffsgeschichte (Mitherausgeber)[email protected]

Florian Meinel, geb. 1981, Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der juristischen Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin. 2011 erschien Der Jurist in der industriellen Gesellschaft. Ernst Forsthoff und seine [email protected]

Heide Volkening, geb. 1968, Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Deutsche Philologie der Universität Greifswald. 2006 erschien Am Rand der Autobiographie. Ghostwriting – Signatur – [email protected]

Patrick Eiden-Offe, geb. 1971, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum für Literatur- und Kulturforschung. Im Sommer 2017 erscheint Die Poesie der Klasse. Romantischer Antikapitalismus und die Erfindung des [email protected]

Julika Griem, geb. 1963, Professorin am Institut für England- und Amerikastudien der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Demnächst erscheint Politische Tiere. Zoologie des Kollektiven (Mitherausgeberin)[email protected]

Wolfgang Fach, geb. 1944, Professor emer. für Politikwissenschaft an der Universität Leipzig. 2008 erschien Das Verschwinden der [email protected]

Günter Hack, geb. 1971, Journalist und Schriftsteller. 2009 erschien sein Roman ZRH.

Harry Walter, geb. 1953, Autor und Künstler. 2015 ist Max Bense als Zeichner seiner Zeichen erschienen (in: Jonnie Döbele, Max Bense 06. 12. 76)[email protected]

Zu diesem Heft

Wenn einer nicht totzukriegen ist, dann Karl Marx, all den in seinem Namen begangenen Verbrechen zum Trotz. Nächstes Jahr stehen die Festspiele zum zweihundertsten Geburtstag an, noch in diesem Herbst hundert Jahre Oktoberrevolution. Es gibt offenkundig gute Gründe, ihn nicht zu vergessen: Seine ökonomischen Theorien und die aus ihnen entwickelten politischen Konsequenzen regen nach wie vor zu heftigen Auseinandersetzungen an. Zwei Texte im aktuellen Heft nähern sich dem Denker auf eher unkonventionelle Weise.

Der Literaturwissenschaftler Patrick Eiden-Offe hat die jüngste, bislang nur in englischer Sprache erschienene Marx-Biografie gelesen, der bedeutende schottische Historiker und Marx-Kenner Gareth Stedman Jones hat sie verfasst. Eiden-Offe liest sie kritisch, sucht nicht den großen Bogen, sondern die Auseinandersetzung im Detail – vor allem im Detail der bis heute zwischen den Marx-Schulen umstrittenen Werttheorie. Gerade weil er es so genau wissen will, die Termini technici dabei aber auch für den Laien erklärt und zur Marx-Scholastik ironisch Distanz wahrt, ist das ein exemplarischer Text für den Merkur.

Für Matthias Rothes originellen und mindestens so detailverliebten Essay Die Haudenosaunee und Marx gilt das nicht minder. Er nähert sich Marx, dem Kapital genauer gesagt, von einer unerwarteten Seite. Wie, so seine Frage, erscheint eigentlich die Kolonisierung der Vereinigten Staaten in Marx’ Werk? Tauchen die Verbrechen gegen die native Americans überhaupt auf? An welcher Stelle und in welcher Form? Und welche Schlüsse zieht Marx daraus? Auch Rothe ist Literaturwissenschaftler. Er liest Marx Satz für Satz und kann so schlüssig zeigen, wo der Denker mit seinem Latein an ein Ende gerät – und warum es ihm an entscheidender Stelle die Sprache verschlägt.

CD/EK

Jan M. Piskorski

Klage

Über das Flüchtlingsleid und die Conditio humana

Prolog

Ort der Handlung: Mittelmeer. Zeit der Handlung: vor 33 Jahrhunderten. Informant: Vergil, Römer und Bürger des seit 15 Jahrhunderten nicht mehr existierenden »ewigen Staates« namens Imperium Romanum, wahrscheinlich Nachfahre von Vertriebenen. Vergils Grab bei Neapel, im Altertum das Ziel von Pilgerreisen, geriet im Durcheinander der Völkerwanderungen, von denen Europa zwischen dem 4. und dem 6. Jahrhundert heimgesucht wurde, in Vergessenheit.

Auf seiner Irrfahrt über das Mittelmeer zwischen dem asiatischen Troja, dem afrikanischen Karthago und dem europäischen Italien stieß Aeneas (seine Feinde auf der Apenninenhalbinsel nannten ihn »Flüchtling aus Asien«) mit seinen Gefährten aus dem niedergebrannten Troja auf einen einsamen griechischen Krieger. Er gestand, ein Waffenbruder des Odysseus zu sein, des Bezwingers der Stadt am Skamandros. Am Kriegszug gegen Troja hatte er zum Broterwerb teilgenommen. Er bat um Vergebung und darum, auf das Schiff gelassen zu werden, weil er sonst dem Tode geweiht sei. »Nicht erst viel zaudernd«, reichte Aeneas’ frommer Vater seine Hand »selber dem Jünglinge dar, dem das Pfand gleich besseren Mut leiht«. Der Grieche konnte gefahrlos an Bord gehen, obwohl Aeneas’ geliebte Frau im Chaos der Flucht umgekommen war.

Die trojanischen Schiffe fuhren weiter. Als sie in die Nähe der italienischen Küste kamen, trieb sie Gegenwind in Richtung Libyen. Dort herrschte gerade Dido, die aus dem phönizischen Tyros geflohen war. Sie wusste, was Leid bedeutete, und verschloss die Tore des erblühenden Karthago nicht vor den Flüchtlingen, von deren Unglück man überall hörte. Sie nahm sie auf und hieß sie, sich zu erholen, ja am besten zu bleiben. Sie wollte ihre kleinen Schiffe nicht wieder dem tosenden Meer ausliefern.

Kommos 1

Ort der Handlung: sizilianischer Hafen. Zeit der Handlung: wie zuvor.

»Dies ist der siebente Sommer bereits nach Troias Zerstörung, || Seit wir Länder und Meer, so viel ungastliche Klippen, || Alle Gestirne durchmessen und weit durch die See wir verfolgen || Fliehendes Italerland«, klagten die Trojanerinnen, allein zurückgelassen im Hafen bei den Schiffen. Sie hatten genug von der Wanderschaft. Sie wollten Boden unter den Füßen. Ein Zuhause. In einem Anflug von Wahnsinn griffen sie nach den Fackeln und setzten die Schiffe in Brand, worauf sie, erschrocken von der eigenen Tat, flohen und sich in der Nähe versteckten. Wäre den Trojanern nicht Jupiter selbst mit einem starken Gewitter zu Hilfe gekommen, hätten die Frauen ihre eigene Hoffnung verbrannt.

Epeisodion 1: Auf der Flucht

Ort der Handlung: Griechenland, Kongo-Zaire, Deutschland, Polen. Zeit der Handlung: 5. Jahrhundert v. Chr. sowie 20. und 21 Jahrhundert. Informanten: Herodot, Vater der europäischen Geschichtsschreibung; Nicholas Gage, amerikanischer Reporter, geboren im Dorf Lia der griechischen Region Epirus; Hanna Krall, polnische Schriftstellerin, die den Zweiten Weltkrieg im Versteck überlebt hatte und anschließend in ein Waisenhaus kam; Zeugen, denen Swetlana Alexijewitsch eine Stimme gab oder die von Henryk Grynberg zitiert werden; die Zeitung »Jakarta Post« mit einem Bericht über die Versöhnung im Kongo.

Als die Armee Xerxes’ 480 v. Chr. die Spartaner bei den Thermopylen besiegte, stand ihr der Weg nach Griechenland offen. Asien nahm Rache für Troja an Europa. Nicht von ungefähr ließ sich der persische König durch die Ruinen führen. Die Perser »verbrannten und zerstörten alles, was sie fanden, und legten Feuer an Städte und Tempel«, versichert der Zeitgenosse Herodot. Die schlimmsten Erfahrungen standen den Phokern bevor, die in die unweit gelegenen Berge geflohen waren. So manche Frau bezahlte die Gruppenvergewaltigungen mit dem Leben. Andere gebaren persische Nachkommen. Es ist nicht bekannt, welches Schicksal sie und ihre Kinder ereilte. Zweieinhalbtausend Jahre später wurde die kleine Sabina aus dem jüdischen Waisenhaus, die bei einer Vergewaltigung von einem Deutschen gezeugt worden war, von allen als »Schwäbin« bezeichnet – so lautete die verächtliche Bezeichnung für Deutsche in Polen. Die infolge von Vergewaltigungen im Kongo, der Welthauptstadt sexueller Gewalt, an der Wende vom 20. zum 21. Jahrhundert geborenen Kinder werden »Schlangen« genannt.

Die Höhlen in den Bergen waren seit jeher das Versteck der Balkanvölker, ähnlich wie die unzugänglichen Sümpfe und Schilfgebiete den Bewohnern des europäischen Tieflands jahrhundertelang Schutz boten. Ein Exodus vor Jahrtausenden sah nicht anders aus als während des letzten großen europäischen Kriegs, als die Einwohner des griechischen Dorfs Lia vor den deutschen Soldaten flohen. Kostbarkeiten, der wichtigere Besitz und Lebensmittel wurden auf Lastesel geladen. Was man nicht mitnehmen konnte, wurde in der Erde vergraben und in Baumlöchern in der Umgebung versteckt. In einer schmalen Kolonne zogen die Menschen in die Berge zu den Höhlen, mit ihnen ihre Esel, Ziegen und Schafe. Kranke und kleine Kinder wurden getragen. Was zurückgeblieben war, wurde vom Pazifizierungskommando in Brand gesteckt, einschließlich derjenigen, die nicht hatten fliehen können.

»Auf dem Vormarsch … Die ersten deutschen Dörfer … Wir waren jung. Stark. Vier Jahre ohne Frauen. In den Kellern Wein, Essen. Wir fingen deutsche Mädchen ein und … zehn Mann vergewaltigten eine … Es gab nicht genug Frauen, die Bevölkerung lief vor der Sowjetarmee davon. Wir griffen uns ganz junge, Kinder … zwölf, dreizehn Jahre alt … Wenn eine weinte, dann schlugen wir sie, stopften ihr was in den Mund … aber wir lachten«, gestand vierzig Jahre nach dem Krieg ein Offizier der Roten Armee voller Scham Swetlana Alexijewitsch.

Der junge Adam Bromberg, ein polnischer Kommunist aus einer jüdischen Familie, beobachtete im Jahr 1945 die Kolonnen der verjagten Deutschen, die Wagen mit ihren Habseligkeiten zogen, und notierte nachdenklich, aber ohne Mitgefühl: »Sie gingen wie wir zu Beginn dieses Krieges.«

Kommos 2

Ort der Handlung: Punjab. Zeit der Handlung: Sommer 1947. Informant: Amrita Pritam, indische Schriftstellerin, geboren im Punjab, in der Familie eines Sikh-Predigers. Nach der Aufteilung der Provinz zwischen Indien und Pakistan verließ sie das pakistanische Lahore und ging nach Neu-Delhi.

Wird Erde, die von so viel Menschenblut getränkt wurde, noch goldenes Korn hervorbringen? Wird der Mais weiterhin duften, wenn er auf Leichen wächst? Werden Frauen, deren Schwestern vergewaltigt werden, Söhne auf die Welt bringen wollen? Diese Fragen stellt sich Hamida, eine junge Muslima vom Dorf mit hinduistischer Abstammung, nach den August-Pogromen im indisch-pakistanischen Grenzgebiet. Im Zuckerrohrfeld begegnete sie einer Hindu-Frau, die ihr erzählte, dass sich die pakistanischen Soldaten, abgestellt zum Schutz der Flüchtlingslager, für die Nacht die hübschesten Mädchen auswählten. Hamida versteckte die Frau und brachte sie, unbemerkt von den Nachbarn, zu einer Flüchtlingskolonne, die auf dem Weg nach Indien war. Sie kam jedoch zu dem Schluss, dass es Sünde sei, in einer Welt zu leben, die so voll von Bösem sei, und dass es nichts Schlimmeres gebe, als bei der Geburt als Mädchen das Licht der Welt zu erblicken.

Epeisodion 2: Asyl

Ort der Handlung: Griechenland. Zeit der Handlung: Altertum. Informanten: Homer, König der Dichter, der etwa im 8. Jahrhundert v. Chr. lebte, sowie Euripides, Athenischer Dramatiker aus dem 5. Jahrhundert v. Chr.

Als sich die Athener im Angesicht der persischen Gefahr auf den benachbarten Inseln in Sicherheit brachten, war gewiss auch Euripides unter ihnen. Die Bilder der brennenden Stadt und der erschrockenen Flüchtlinge haben sich seiner kindlichen Erinnerung für das ganze Leben eingeprägt. Obwohl er wie jeder Athener Soldat gewesen sein muss, versetzte er sich wie kaum ein anderer Dichter des Altertums in die Lage der Kriegsopfer – der Einwohner der von der Soldateska zerstörten Städte, der entführten Frauen, der um Asyl bittenden Flüchtlinge. Bettler und Exilanten jage man nicht fort, schrieb er und lobte die Wohltaten des Heiligtumsasyls, gegen das niemand verstoßen dürfe, wenn er nicht seine Ehre verlieren wolle. Es sei nicht schlimm, dass die Welt vor die Hunde gehe. Das demokratische Athen könne das nicht betreffen. »Gerechten Menschen, wenn sie hilflos sind, || Wird allzeit unser Land zur Seite stehn.« Könne man sich, fragte er, frei fühlen in einem Land, das Flüchtlingen und Vertriebenen keine Freiheiten gewähre? Könne man in dieser Angelegenheit schweigen, oder sei schon allein das Schweigen Niedertracht?

»Denn Zeus gehören ja alle Fremdling’ und Darbende an«, ließ mehrere Jahrhunderte früher Homer die schöne Nausikaa aus dem Land der Phäaken sagen, als die am Meeresufer die Wäsche besorgenden Mädchen den erschöpften Schiffbrüchigen finden. Es sei keine Kunst, fügte er hinzu, Fremde aufzunehmen, die dem Land nützlich sind, Propheten, Ärzte, Zimmermänner, Barden. Fachleute finden immer Platz. Wichtiger sei es, einen Ankömmling in Lumpen nicht abzuweisen.

Epeisodion 3: Rückkehr

Ort der Handlung: Griechenland, Staaten des sogenannten Horns von Afrika, Deutschland, Polen. Zeit der Handlung: die letzten drei Jahrtausende. Informanten: Journalisten der afrikanischen Informationsagentur in Kakuma, Chronisten, Schriftsteller, Reporter und Zeugen.

Als die hellenische Insel Thera in der Ägäis von einer mehrjährigen Dürre heimgesucht wurde, beschlossen die Bewohner der dortigen Städte, einen Teil der Bevölkerung zwangsweise in die Emigration zu schicken. Pythia riet ihnen zur Gründung einer Kolonie in Libyen. Da es den Siedlern dort nicht besonders gut erging, beschlossen sie, zurückzukehren. »Die Theraier aber schossen nach ihnen«, informiert Herodot, »als sie in den Hafen einfuhren, und ließen sie nicht landen; vielmehr befahlen sie ihnen zurückzusegeln.«

»Unser Leben in Kakuma ist das reine Warten, aber ein Warten auf nichts. Wir haben einfach den Anschluss verpasst und wurden vergessen«, sagte Taban Malwei, einer der 20000 lost boys aus dem Sudan, den Reportern von Kanere Refugee Newspaper. In seinem Dorf waren die Erwachsenen ermordet worden. Es gelang ihm, mit einer Gruppe anderer Kinder nach Äthiopien zu gelangen. Von dort kehrte er in den Südsudan zurück, aber er musste gleich wieder fliehen. Er kam in das Flüchtlingslager im kenianischen Kakuma, wo er seit 1992 darauf wartet, in ein sicheres Land überführt zu werden. In den Ländern am Horn von Afrika – die seit Jahrzehnten von Kriegen und ökologischen Katastrophen heimgesucht werden – kommt es vor, dass die Rückkehr der Verjagten entsetzlich ist. Sie kommen nicht zurück, weil sich die Situation in ihren Heimatländern verbessert hat, sondern weil sich die Lebensbedingungen in den Ländern ihres Exils verschlechtert haben. Im Sudan wurden die aus Äthiopien eintreffenden Heimkehrer angegriffen und bombardiert.

»Großpolen für die Großpolen« oder »Pommern für die Pommern« bekamen manche polnische Vertriebene aus den östlichen Landesteilen auf den Bahnhöfen Nachkriegspolens zu hören. »Wir haben von unseren Bauern die Nase voll!«, zischten deutsche Evakuierte aus den Städten des Ruhrgebiets zur selben Zeit voller Empörung. »Das muß man sich vorstellen«, wandten sie sich an Stig Dagerman, »Landsleute, die Landsleute ausweisen«. Sie beschwerten sich über die bayerischen Behörden, die sie ein Jahr nach dem Krieg auswiesen. In den zerstörten Städten im Norden bestand noch immer Zuzugsverbot. Die Züge mit zurückkehrenden Evakuierten, ebenso die mit Vertriebenen aus dem Osten, standen wochenlang auf dem Abstellgleis. Die Passagiere dieser Transporte, fügte der schwedische Reporter hinzu, hassen die Bayern, sie glühen vor Hass auf die Polen und Russen, »gelten jedoch selbst als Eindringlinge«.

Epeisodion 4: Klimaflüchtlinge

Ort der Handlung: Somalia. Zeit der Handlung: letzte Jahre. Informanten: der polnische Reporter und der somalische Zeuge.

Als die Dürre im östlichen Afrika zum wiederholten Mal die Weiden vernichtet hatte, ging Ibrahim mit seiner Familie in das überfüllte Flüchtlingslager. »Ich gab auf«, sagte er Robert Stefanicki und versicherte mit resignierter Stimme, dass er »nicht mehr auf das Land seiner Vorfahren zurückkehrt«. Was er tun wird, weiß er nicht. Die Chance, wieder ein normales Leben zu beginnen, hat er faktisch nicht. Ein ähnliches Schicksal droht mit der Zeit allen kleinen Hirten in der Region.

Die großen Wanderungen, ausgelöst durch Klimawandel und Naturkatastrophen, haben das Gesicht der Welt geprägt. Auch das Europas, wohin ständig neue Nomaden kamen auf der Suche nach Weidegründen. Erst nach der Aufteilung aller Landressourcen zwischen den Nationalstaaten hat man begonnen, sich gegenüber Armutsmigranten verächtlich zu verhalten. Als wären Hunger und Chaos kein ausreichender Grund zur Emigration.

Epeisodion 5: Das Zusammenleben

Ort der Handlung: Ägypten, China, Eritrea, Griechenland, Indonesien, Israel-Palästina, Polen, Sudan, Schweden, Tschechien. Zeit der Handlung: die vergangenen drei Jahrtausende. Informanten: Chronisten, Liedermacher, Reporter, Wissenschaftler und Zeugen.

Nachdem die Boatpeople von Thera von ihren Landsleuten aus der Heimat verjagt worden waren, zogen sie jahrelang über das Mittelmeer. Schließlich kehrten sie nach Libyen zurück und ließen sich in Kyrene nieder. Sie erstarkten und vertrieben die Nachbarn von ihrem Land. Jene Menschen aus Thera sind, neben den vor der Hungersnot nach Ägypten fliehenden Israeliten, nicht nur die ersten bekannten Armutsmigranten. Sie zählen ebenfalls, wieder neben den Israeliten, zu den Ersten auf einer langen Liste von geschädigten Völkern und Menschen, die sich in Unterdrücker verwandelten.

Jakob und seine Söhne wurden gastfreundlich in Ägypten aufgenommen. Solange, wie die israelitischen Ankömmlinge nicht eine solche Stärke erlangten, dass die Ansässigen begannen, sie als Bedrohung zu betrachten. »Aber die Söhne Israels waren fruchtbar, so dass das Land von ihnen wimmelte. Sie vermehrten sich und wurden überaus stark«, heißt es im Buch Exodus. Als immer mehr gegen die Israeliten gerichtete Anordnungen erlassen wurden, führte Mose das ihm anvertraute Volk zurück ins Gelobte Land. Die Übernahme Palästinas, nicht die erste und nicht die letzte, ging einher mit der Vertreibung und Unterwerfung seiner Bewohner.

Die Rückkehr in das Land der Väter galt einst als gerechtfertigt. Sie stellte zugleich eine reale Bedrohung für die örtlichen Gemeinschaften dar. Als die Verjagten von der Insel Lemnos auf der Peloponnes eintrafen und sich auf vaterländische Rechte beriefen, bekamen sie Frauen und Höfe von den Spartanern. Doch die Ankömmlinge hätten jeden Tag mehr gewollt, schreibt Herodot. Die Ortsansässigen beschlossen daraufhin, sie zu töten. Die Frauen, die aus den besten spartanischen Familien kamen, retteten sie aber mit einer List. Die deutschen Ankömmlinge, so lautet die Klage in tschechischen und polnischen Liedern des Mittelalters, hätten immer demütig in einheimische Familien eingeheiratet, um mit dieser List deren Besitz zu übernehmen. »Die schwedischen Männer litten Armut, || lieber wäre ihnen jedoch der Tod, || als länger solche Gäste zu ertragen«, ließ Bischof Thomas Simonsson im Jahr 1439 vernehmen. Er wandte sich gegen die Siedler aus Deutschland. In Stockholm, so verkündeten Flugschriften mit der für Medien typischen Übertreibung, würde man die Ortsansässigen nur noch als Henker und als Totengräber arbeiten lassen.

Sima Qian, ein chinesischer Historiker und Märtyrer für die Wahrheit, berichtet über das Jahr 239 v. Chr. von einem gewaltigen Ermittlungsverfahren, das die Vertreibung aller Ausländer aus dem Reich der Mitte zum Ziel hatte. Verordnungen und Ausschreitungen gegen Immigranten kannten alle Kontinente und Epochen. Im Jahr 1975 wurden die Flüchtlinge aus Eritrea wohlwollend von den Bewohnern der sudanesischen Bundesstaaten Gedaref und Kassala empfangen. Zwei Jahre darauf ließ eine langanhaltende Dürre die Felder und Weiden versengen. Zu dieser Zeit, informiert der britische Wissenschaftler Gaim Kibreab, war die Mehrzahl der Schulbänke und Krankenhausbetten schon von Flüchtlingen belegt. Die Abneigung gegen die Neuankömmlinge nahm zu und entlud sich weitere zwei Jahre später. Die Hütten der Eritreer wurden niedergebrannt, und ihr Besitz wurde geraubt.

»Die Fischer sind Malaien, die Käufer der Fische Chinesen«, erläuterte ein indonesischer Übersetzer dem italienischen Reporter Tiziano Terzani. »Wenn die Fischer nichts fischen, leihen die Chinesen ihnen Geld zum Überleben, das sie später mit Zinsen vom Fang zurückverlangen.« Den Emigranten aus China, die in Indonesien mehrere Prozent der Bevölkerung ausmachen, gehört ein beträchtlicher Teil des Volksvermögens. Man beschuldigte sie, Atheismus und Kommunismus zu propagieren, ließ ihnen keine Chance auf Assimilierung und zwang sie, sich mit bestimmten Tätigkeiten zu befassen, darunter Handel und Bankwesen, erklärt der in Indonesien geborene und in Malaysia aufgewachsene chinesische Wissenschaftler Wang Gungwu. »Manchmal laufen die Malaien Amok und erschlagen ein paar Chinesen«, fährt der indonesische Übersetzer gegenüber Terzani mit seiner Darstellung fort. Er sagte das mit einer solchen Ruhe in der Stimme, bemerkt der Reporter, als würde er über ein Phänomen informieren, das zum natürlichen Rhythmus der Welt gehört. Im großen Massaker des Jahres 1965 sind eine halbe Million Menschen umgekommen. Das sei eins der größten Gemetzel des 20. Jahrhunderts zu Friedenszeiten gewesen, rufen der kanadische Historiker Geoffrey Robinson und der indonesische Politik-Ethiker Baskara T. Wardaya in Erinnerung. Es wurden angeblich Kommunisten getötet, nur zeigte sich, dass es fast durchweg Chinesen waren, die überhaupt nicht zwingend kommunistische Ansichten hatten.

Kommos 3