MERKUR Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken - 2017-04 -  - ebook

MERKUR Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken - 2017-04 ebook

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Opis

Im ersten Essay des Aprilhefts (Nr. 815) fragt Reinhard Brandt nach der Schönheit, die in der Verneinung liegt. Ausgehend von der antiken Konkurrenz zwischen Harmonie und Melodie zeichnet er nach, warum „schön“ und „hässlich“ in der zeitgenössischen Auseinandersetzung mit Kunst keine relevanten Kategorien mehr sind. Roland Reichenbach hat so seine Zweifel an der Fetischisierung politischer Partizipation. Was es bedeutet, vom Wissenschaftler zum Uni-Rektor und dann vom Uni-Rektor wieder zum Wissenschaftler zu werden, lotet Jürgen Fohrmann in seinem Essay aus. Und Daniel Graf liefert mit seinem Essay über Unübersetzbarkeit einen theoretisch-praktischen Nachtrag zur inter_poems-Reihe. Roman Köster erörtert in der Ökonomiekolumne die Möglichkeiten und Grenzen, die Ideen und Wirklichkeiten des Freihandels. In ihrer Rechtskolumne setzt sich Gertrude Lübbe-Wolff mit der Fernsehverfilmung von Ferdinand von Schirachs „Terror“ auseinander und begegnet dem Stück und der aufgeregten Rezeption seiner Ausstrahlung gleichermaßen kritisch und unaufgeregt. Kay Ehling begibt sich in seinem Text auf die Spuren des Philosophen Karl Löwith und von dessen Verhältnis zu Heidegger. Kai Marchal setzt sich in seinem Essay sowohl mit der „Global Novel“ als auch mit dem kürzlich verstorbenen britischen Schriftsteller John Berger und dessen Roman „G.“ auseinander. Valentin Groebner ist in Südtirol unterwegs – und Thomas Bernhard ist auch ein bisschen dabei. Anlässlich des Brexit denkt Pól Ó Dochartaigh über deutsch-deutsche und britisch-irische Grenzverhältnisse nach. Harry Walter spekuliert über Gebäck und Bierkrüge auf einem vermeintlich misslungenen Foto aus dem Nachlass seines Vaters.

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Liczba stron: 170




Gegründet 1947 als Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken
  
Heft 815, April 2017, 71. Jahrgang
  
Der Merkur ist eine Kulturzeitschrift, wobei der Begriff der Kultur in denkbar weitem Sinne zu verstehen ist. Er erscheint monatlich und wendet sich an ein anspruchsvolles und neugieriges Publikum, das an der bloßen Bestätigung der eigenen Ansichten nicht interessiert ist. Mit kenntnisreichen und pointierten Essays, Kommentaren und Rezensionen hält der Merkur gleichermaßen Distanz zum Feuilleton wie zu Fachzeitschriften. Die Unterzeile »Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken« formulierte bei der Gründung im Jahr 1947 das Bekenntnis zu einer weltanschaulich unabhängigen Form von Publizistik, die über kulturelle und nationale Grenzen hinweg alle intellektuell relevanten Debatten ihrer Zeit aufnehmen wollte. Auch wenn der Horizont für ein solches Unternehmen sich mittlerweile deutlich erweitert hat, trifft das noch immer den Kern des Selbstverständnisses der Zeitschrift.
  
Herausgegeben von Christian Demand und Ekkehard Knörer
Gegründet 1947 von Hans Paeschke und Joachim Moras
Herausgeber
      1979–1983 Hans Schwab-Felisch      1984–2011 Karl Heinz Bohrer      1991–2011 Kurt Scheel
Redaktion: Ekkehard Knörer
Lektorat/Büro: Ina Andrae
Redaktionsanschrift: Mommsenstr. 27, 10629 Berlin
Telefon: (030) 32 70 94 14   Fax: (030) 32 70 94 15
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Der Merkur wird unterstützt von der Ernst H. Klett Stiftung Merkur.
Partner von Eurozine, www.eurozine.com
  
  
  
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Bezugsbedingungen: Der Merkur erscheint monatlich. Preis 12 €; im Abonnement jährlich 120 € / 131 sFr; für Studenten gegen Vorlage einer Bescheinigung 80 € / 87 sFr; alle Preise jeweils zzgl. Versandkosten. · Die elektronische Version dieser Zeitschrift finden Sie unter www.volltext.merkur-zeitschrift.de. Preis für das Herunterladen eines einzelnen Artikels 2 €, eines einzelnen Heftes 9,99 €; im elektronischen Abonnement (E-Only) 120 €; für Studenten und Postdocs gegen Vorlage einer Bescheinigung 48 €; für Privatkunden, die gleichzeitig die gedruckte Version im Abonnement beziehen, 20 €. Im jeweiligen Preis der elektronischen Abonnements ist der Zugriff auf sämtliche älteren digitalisierten Jahrgänge enthalten. Preise für Bibliotheken und Institutionen auf Anfrage. Alle genannten Preise enthalten die zum Zeitpunkt des Kaufs gültige Mehrwertsteuer. In Drittländern (außerhalb der EU) gelten die angegebenen Preise netto. · Die Kündigung des Abonnements muss spätestens vier Wochen vor Ende des Bezugszeitraums in schriftlicher Form erfolgen. Ansonsten verlängert es sich automatisch um ein Jahr. Die Mindestbezugsdauer beträgt ein Jahr.
Abonnementverwaltung (falls vorhanden, bitte Kundennummer angeben): Verlag Klett-Cotta Aboservice, Heuriedweg 19, 88131 Lindau, Telefon (0 83 82) 2 77 57-923, Fax (0 83 82) 2 77 57-655, E-Mail: [email protected]; Downloads, Einzelheft- und auch Abobestellungen unter www.merkur-zeitschrift.de
  
ISBN 978-3-608-11139-2

Autorinnen und Autoren

 

Zu diesem Heft

 

BEITRÄGE

Reinhard Brandt

Schönheit in der Verneinung

Roland Reichenbach

Kult der Inkompetenz

Jürgen Fohrmann

Stellungswechsel.

Eine Art persischer Brief an unbekannte Adressen

Daniel Graf

»Unübersetzbar!«

Noten zur Begriffspolyphonie oder Nachtrag zu inter_poems

KRITIK

Gertrude Lübbe-Wolff

Rechtskolumne.

»Terror« im Fernsehen, Populismus vor den Toren der Justiz?

Roman Köster

Ökonomiekolumne.

Freihandel

Kay Ehling

Biografische Notizen zu Karl Löwith

MARGINALIEN

Kai Marchal

Das Gedächtnis der Welt.

Zu John Berger

Valentin Groebner

Historischer Ortstermin: Gipfelglühen

Pól Ó Dochartaigh

Der Brexit, Irland und Deutschland

Harry Walter

Tortenspitzen

Reinhard Brandt, geb. 1937, Professor em. für Philosophie an der Universität Marburg. 2013 gab er den Band Die Macht des Vierten. Über eine Ordnung der europäischen Kultur heraus.

Roland Reichenbach, geb. 1962, Professor für Allgemeine Erziehungswissenschaft an der Universität Zürich. 2013 erschien Für die Schule lernen wir. Plädoyer für eine gewöhnliche [email protected]

Jürgen Fohrmann, geb. 1953, war von 2009 bis 2015 Rektor und ist jetzt wieder Professor für Neuere Deutsche und Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Universität [email protected]

Daniel Graf, geb. 1980, Literaturagent bei Graf & Graf Berlin.www.danielgraf.net

Gertrude Lübbe-Wolff, geb. 1953, lehrt Öffentliches Recht an der Universität Bielefeld.  Von 2002 bis 2014 war sie Richterin des Bundesverfassungsgerichts. Jüngste Veröffentlichungen u.a. Wie funktioniert das Bundesverfassungsgericht? (2015) und Das Dilemma des Rechts. Über Härte, Milde und Fortschritt im Recht (2017)[email protected]

Roman Köster, geb. 1975, wissenschaftlicher Mitarbeiter für Sozial- und Technikgeschichte der Universität der Bundeswehr München. 2014 hat er den Band Die Große Depression [email protected]

Kay Ehling, geb. 1962, Professor für Alte Geschichte an der Universität Augsburg, Oberkonservator an der Staatlichen Münzsammlung München/Museum für Geldgeschichte. 2014 erschien Hellenistische Königreiche (Mitherausgeber); im Juni 2017 erscheint der Ausstellungskatalog Luther imagines 17 (Herausgeber)[email protected]

Kai Marchal, geb. 1974, Sinologe und Philosoph, Professor für Philosophie an der Universität Taipeh. 2011 erschien Die Aufhebung des Politischen. Lü Zuqian (1137-1181) und der Aufstieg des Neukonfuzianismus.

Valentin Groebner, geb. 1962, Professor für Geschichte mit Schwerpunkt Mittelalter und Renaissance an der Universität Luzern. 2015 erschien Ich-Plakate. Eine Geschichte des Gesichts als [email protected]

Harry Walter, geb. 1953, Autor und Künstler. 2015 ist Max Bense als Zeichner seiner Zeichen erschienen (in: Jonnie Döbele, Max Bense 06. 12.76)[email protected]

ZU DIESEM HEFT

Ungewöhnlich ist vielleicht nicht, dass ein (Literatur)Wissenschaftler Rektor einer traditionsreichen Universität wird. Ungewöhnlicher ist schon, dass er auf eigenen Entschluss auf dem Posten nicht die Karriere beschließt, sondern noch einmal auf seinen Lehrstuhl zurückkehrt. Es ist dieser doppelte Stellungswechsel, über den Jürgen Fohrmann, von 2009 bis 2015 Rektor der Universität Bonn, in seinem Essay reflektiert. Wie es nicht anders sein kann, geht es dabei um vieles zugleich. Um die divergierenden Perspektiven zwischen dem System Verwaltung und dem System Wissenschaft. Um Stile des Denkens und Schreibens, die im einen System taugen, im anderen nicht – etwa die Frage, was einen Essay eigentlich ausmacht. Und es geht auch um die veränderte Perspektive, die die Rückkehr ins eigene Fach erlaubt, in dem sich in der Zeit der Abwesenheit manches gewandelt hat, anderes nicht. Wie nebenbei stellt Fohrmann dabei die jüngeren Diskussionen um den vermeintlichen Niedergang der Germanistik in den Rahmen, in den sie gehören: die Veränderungen des gesamten Wissenschaftssystems im Zeichen von Effizienz- und Messbarkeitsfetischismus.

Im Januar endete unsere Reihe inter_poems. Sie präsentierte jeweils ein fremdsprachiges Gedicht und seine deutsche Übersetzung, ergänzt um einen Essay der Übersetzerin oder des Übersetzers. Konzipiert hatte die Reihe, auch die öffentlichen Lesungen und Diskussionen der Beteiligten, die wir im Merkur erweiterten und ergänzten, der Literaturwissenschaftler und Literaturagent Daniel Graf. In seinem Essay Unübersetzbar! denkt er, ausgehend von den inter_poems, über die Chancen und Grenzen des Übersetzens von Lyrik nach. Ein Schlusswort zu dieser Reihe, aber ganz sicher nicht das letzte Wort zur Lyrik in dieser Zeitschrift.

CD/EK

Reinhard Brandt

Schönheit in der Verneinung

 

»Was aber schön ist, selig scheint es in ihm selbst.«1 Was aber ist schön? Auch: Wer ist schön? Und wer oder was ist nicht mehr schön, und weniger schön? Da die Schönheit selbst, so meinten die alten Griechen zunächst, sich nicht zählen, messen oder wägen lasse, entschieden sie in ihrer Weisheit, vorweg nicht das Schöne, sondern die Schönsten zu ermitteln und richteten dazu Wettbewerbe ein. Diese Schönheitswettbewerbe sind älter als die Olympischen Spiele, sie lassen sich zurückverfolgen bis in das vorgeschichtliche Kreta. Der bekannteste ist der Wettbewerb der drei Göttinnen Aphrodite, Hera und Athene, das Urteil fällt Paris, Hirte am Berg Ida und Sohn des trojanischen Königs Priamos. Das Ergebnis wird sein: Paris wählt Aphrodite als Schönste, Aphrodite spricht ihm die schönste aller Frauen zu, Helena, die Gattin des Königs Menelaos. Es folgt der Krieg von Troja und Trojas Zerstörung. Der Streit, Eris, begleitet die Schönen, die Flammen beenden ihren Triumph und vernichten sie.

Bei Homer gibt es einen Gegenspieler zum Helden, zum Schönen und Guten (kalós kagathós), den exquisit hässlichen Krieger und Feigling Thersites, der ausführlich in seiner physischen und moralischen Verworfenheit geschildert wird. Es ist jedoch nicht bekannt, dass es einen Wettbewerb um den Preis der größten Hässlichkeit der Antihelden gab. Diesen verzeichnen die Quellen der Neuzeit. Männer und Frauen wurden zugelassen und zeigten sich in allem Elend ihrer Gesichter und Gestalten. Die erste Monografie der Deformity schrieb in England der verwachsene William Hay 1754. Kant berichtet von einem Hässlichkeitswettbewerb in London. Die Schönheitswettbewerbe dauern bis heute fort. Über Wettbewerbe der Hässlichen wird nichts mehr berichtet.

»Was aber schön ist, selig scheint es in ihm selbst.« Das Schöne ist unvergleichlich. Es ist schön in sich und erweckt Lust im Betrachter und Hörer, unerklärt, einfach so. Die ästhetische Lust ist für den modernen Interpreten nicht bestimmbar und folglich nicht existent. Sie verschwindet aus dem modernen Kunstgeschehen, worüber am Schluss zu sprechen ist.

Hier interessiert nicht der Rangstreit von Menschen und Tieren, sondern von Künsten. Zuerst soll berichtet werden von der Rivalität zweier Instrumente, Lyra und Flöte, damit der Rivalität von mathematisch bestimmbarer Harmonie und nur hörbarer Melodie. Im Mythos wird dieser Rangstreit von Apoll und Marsyas blutig ausgetragen, dabei stehen sich im »clash of civilisations« Griechenland und Phrygien, Europa und Asien gegenüber. In der Neuzeit flammte der Streit wieder auf mit deutlich politischer Konnotation, die egalitäre Melodie gegen die elitäre Harmonie. Zwischen beiden Streitfällen liegt der Wechsel von der ptolemäischen Weltsicht hin zur kopernikanisch-newtonischen. Eine Weltharmonie und der Sphärenklang des Kosmos sind damit nicht mehr möglich. Alle Schönheit ist, wenn es sie denn gibt, auf diesen Planeten beschränkt.

Neben dem Antagonismus von Harmonie und Melodie gibt es einen analogen Streit zwischen Linie und Farbe; er wird von Platon bis Winckelmann und Wölfflin geführt. Er stellt dem Zeitphänomen der Musik und ihrer Harmonie und Melodie das Raumphänomen begrenzter und farblich erfüllter Erscheinungen gegenüber. Dieser Parallelstreit soll mit kurzen Strichen angefügt werden.

Am Schluss steht die Moderne mit ihren nicht mehr schönen Künsten. Diese verlassen im Prinzip das Terrain der beaux arts und der schönen Dichtung, bleiben aber im Urteil der Zeitgenossen Werke der Kunst. Aber was wollen Künste, die nicht mehr schön oder auch hässlich sind? Welchen Zweck verfolgen sie? Wonach sind sie im Vergleich zu beurteilen?

Apoll und Marsyas

Der Mythos erzählt, dass der Gott Apoll und Marsyas, der Satyr aus Phrygien, in einen musikalischen Wettstreit traten. Ihre Instrumente waren die Lyra und die Flöte. Athene hatte die Flöte erfunden, sie aber fortgeworfen, weil sie ihr Gesicht beim Spiel entstellte. Marsyas, an alle Entstellung schon durch seine Natur gewöhnt, lernte betörend auf der Flöte zu spielen, alle Waldtiere waren hingerissen. So wagte er es, Apoll, den Lyraspieler, zum Wettstreit herauszufordern. Apoll entscheidet, dass er selbst gesiegt hat, er hängt Marsyas zur Strafe für seine mangelnde Ehrerbietung kopfüber an einem Baum auf und zieht ihm seine Haut vom lebendigen Leib. Er schindet ihn. Aus den Tränen, die die Mitbewohner des Waldes weinen, entsteht der Fluss Marsyas, der durch die Stadt Kelana fließt.2 Dasselbe Grundthema wird auch in anderen Fassungen überliefert. So tritt Pan gegen Apoll auf, wieder mit den beiden Instrumenten der Flöte und der Lyra. Es kommt hinzu König Midas als Schiedsrichter; weil er sich für Pan entscheidet, lässt Apoll ihm Eselsohren wachsen.

Woher kommt die barbarisch maßlose Grausamkeit des Gottes gegen Marsyas? In dem Wettstreit zeigen sich die Konturen eines blutigen Kampfes der Zivilisationen. Auf der einen Seite steht das Griechenland, das seine Identität und Humanität in den Auseinandersetzungen mit den Persern gewinnt, auf der anderen Seite Phrygien im wilden Osten, von hier kommen die Barbaren, Bacchus (Bakchos) und die Satyrn mit Marsyas.

Bei Apuleius Florides heißt es von Marsyas: »Dieser Einwohner des barbarischen Phrygien, mit seinem bestialischen Gesichtsausdruck, seinem verwilderten, borstigen Bart, sein Körper war von Narben und Haaren bedeckt. So wie er war, wagte er es – frevlerische Unbesonnenheit – sich mit Apoll zu vergleichen: ein Wettbewerb zwischen Hässlichkeit und Schönheit, Bäuerlichkeit und Wissen, dem Biest und dem Gott.«

Griechisch ist das Instrument Apolls, die mehrsaitige Lyra, phrygisch ist die Flöte. Mit späterer Zuweisung: Hier die Musikform der Harmonik, die Flöte vertritt dagegen die Melodie. Hier die Musik in mathematischen Verhältnissen, dort die Musik als unmittelbarer Ausdruck von Gefühlen. Der Mythos verdichtet die Alternative zum tödlichen Wettstreit, am Ende steht der Triumph des Gottes und die Tortur und Tötung des Gegners.

Apoll vertritt die »harmonia mundi«, die von den pythagoreischen Mathematikern näher bestimmt wird. Die Idealform des Kreises wird durch die Sonne und die kreisförmigen Bahnen der Planeten und Fixsterne verwirklicht. Platon: »Astronomie und Musik sind verschwisterte Wissenschaften, wie die Pythagoreer sagen, und wir, lieber Glaukon, stimmen darin mit ihnen überein.«3 So ist es möglich, dass harmonische Intervalle durch Zahlenverhältnisse dargestellt werden können, veranschaulicht durch Streckenmessung; die Tonhöhe ist eine Funktion der Länge der schwingenden Saite. In der Astronomie lässt sich eine Sphärenharmonie wenn nicht hören, so doch erschließen, erzeugt von den Planeten bei ihren Kreisbewegungen. Zu Beginn der Neuzeit wird dieses Konzept destruiert, die harmonische Schönheit hat am Himmel keinen Sitz mehr.

In der Renaissance wird das Apoll-Marsyas-Motiv noch vielfach in der Bildenden Kunst aufgenommen, Raffael und Ribera stellen es dar. Das Thema »Apoll und Marsyas« wird zum harmlosen Dekor an den Wänden der Adligen.

Interludium: Kopernikus, Kepler, Newton

1686 publizierte Isaac Newton seine Philosophiae naturalis principia mathematica und setzte damit eine Weltzäsur. »Nature and Nature’s laws lay hid in night: || God said, Let Newton be! And all was light«, schrieb Alexander Pope als Epitaph des 1727 gestorbenen Physikers. Einer der Drehpunkte seiner Revolution lag in der Entdeckung der Gravitation. Zählen, messen und wägen (wiegen, gravitas) konnte man natürlich im Orient und in Griechenland, in der Bibel heißt es in der Weisheit Salomons: »Du schufst alles nach Maß, Zahl und Gewicht«. Gewicht als eine Eigenschaft von Körpern, die sie nach unten streben lässt. Gänzlich unbekannt war die gesetzlich bestimmbare instantane Wechselwirkung von Massen. Es gab Kausalanalysen von Naturvorgängen in allen antiken und mittelalterlichen Schulen, aber das Prinzip der Gleichheit von actio und reactio war in Griechenland, im Mittelalter und eben bis zum Jahr 1686 unbekannt.

Newton konnte mit der Formel, dass der Betrag der Gravitationskraft proportional zum Produkt von Massen und umgekehrt proportional zum Quadrat des Abstands der Massen ist, die von Kopernikus und dann verbessert von Kepler bestimmten Planetenbewegungen physikalisch begründen und damit die sogenannte Kopernikanische Revolution aus einer bloßen Hypothese zu einer wissenschaftlich bewiesenen Tatsache oder Wahrheit erheben. Damit war der »point of no return« erreicht; wer hier noch Platoniker oder Pythagoreer oder Aristoteliker ist, geht ins wissenschaftliche Exil.

Newtons Schüler erweiterten rasch den Geltungsbereich des Gravitationsgesetzes über das Planetensystem hinaus und bestimmten es als Gesetz des gesamten Universums, und zwar sowohl in seiner Genese wie auch im jetzigen und künftigen Bestand. Die Gravitation, woher immer sie kam, machte Gott überflüssig; überall gegenwärtig war nicht Gott, sondern die instantane Wechselwirkung aller Körper dieser Welt. Sie gewährleistete ein verlässliches »Zugleich« für alle nahen und fernen Weltzustände, ein gehaltvolles »Jetzt«. Die Gravitation regelte jetzt die Beziehung zwischen den größten und den kleinsten Massen egalitär, des Apfels zur Erde und der Erde zum Apfel; das Erdinnere als der Strebepunkt aller Schwere hatte physikalisch so ausgedient wie die Himmelssphären, in deren Zentrum man die Erde vor Kopernikus meistens gesetzt hatte.

Zwischen Kopernikus und Newton höchst wichtig Kepler: Er zeigte, dass die göttlichen Kreisbewegungen der Planeten in Wirklichkeit Ellipsen sind. Welche innerplanetarischen Kräfte erzwingen diese Bewegung? Während der Kreis über alle Kausalfragen erhaben war, öffnet die Ellipse das Tor zur modernen Welt. Physik und Astronomie werden eine Einheit.

Rameau und Rousseau

In der Antike und der Renaissance scheint es am Urteil im Streit von Harmonie und Melodie keinen Zweifel zu geben: Apoll siegt über Marsyas, die numerisch bestimmte Musik der Lyra über die nicht messbaren barbarischen Töne der Flöte. Die Lyra stimmt ein in die Harmonie der Sphären, die Flöte dringt mit ihrer Melodie kaum über den Waldrand hinaus.

Die Neuzeit bringt hier eine revolutionäre Wende. Jean-Philippe Rameau schärft ein, dass das zentrale Prinzip der Musik in der Harmonie liegt. Der Titel seiner ersten einschlägigen Schrift aus dem Jahr 1750 lautet: Démonstration du principe de l’harmonie: servant de base à tout l’art musical théoretique et pratique. Sein Gegner ist jedoch kein flötender Waldschrat, sondern Jean-Jacques Rousseau.

Rousseau ist in seiner unendlichen Absorptions- und Gestaltungskraft ein Vertreter der Modeströmung, die vielfältigen Dinge auf ein Prinzip zu reduzieren. Ob den Staat, die Gesellschaft, die Musik: Rousseau entfaltet sein Genie, wenn er die unübersichtliche Vielheit auf ein Prinzip reduzieren kann. Er wird zum Sophisten und rhetorischen Blender, wenn er das eine, einheitliche Prinzip gegen die überbordende Wirklichkeit stellen kann.

Unter seiner Feder wird der griechisch-phrygische Kulturkampf zwischen Apoll und Marsyas zum Klassenkampf zwischen der natürlichen Gesellschaft der Menschen und den auseinanderdividierten Ständen und Repräsentanten der jetzigen Staaten. Die urtümliche Melodie des naturnahen einheitlichen Menschen steht gegen die Herrschaft der berechneten Harmonie der Franzosen. Als Nationen dieser oder jener Seite dienen die Franzosen und Italiener, ganz abwegig aus heutiger Sicht, aber wirksam in der Polemik. Als sachliches Fundament im Dissens dient die Differenz von Harmonie und Melodie, »um die Frage, welcher der beiden Parameter das Wesen und der Ursprung der Musik sei und damit auch der dominierende Faktor in einer gelungenen Komposition sein soll. – Die sangliche Melodie, die ›Einheit der Melodie‹ (Rousseau) wird musikalisch den Verteidigern der Harmonie, der barocken Akkordlehre, der mathematischen Architektur von Musik gegenüber gestellt.«4

Rousseau steht auf der Seite des Marsyas, aber es scheint, dass der antike Streit zwischen Harmonie und Melodie unter den mythischen Figuren von Apoll und Marsyas in der neuen Kontroverse nicht präsent ist. Die Protagonisten wissen offenbar nicht, dass ihr Streit schon einmal in der Antike ausgetragen wurde. Jetzt nimmt Rameau die Position von Apoll, Rousseau dagegen die des phrygischen Satyrs ein.

Johann Mattheson (1681 bis 1764) fasst den Kontrast von Harmonie und Melodie so zusammen: »Allein, zu glauben, und andere lehren zu wollen: daß die Mathematik der Musik Herz und Seele sey; daß alle Gemüths-Veränderungen, so durch Singen und Klingen hervorgebracht werden, bloß in den verschiedenen äusserlichen Verhältnissen der Töne ihren Grund haben, solches ist viel ärger und irriger, als obiger Ausspruch.«5 Mattheson ist um Ausgleich bemüht, er sieht die Rolle der Harmonie, aber bei der Rangfrage hat die Melodie den Vortritt. Er ist ein biederer Musiker, aber in der theoretischen Position trägt er die Phryger-Mütze der Revolution.

Rousseau geht darüber hinaus; er denunziert die Verteidiger der Harmonie: »daß unsere ganze Harmonie nichts als eine gotische und barbarische Erfindung ist, die uns niemals in den Sinn gekommen wäre, wenn wir sensibler für die wahren Schönheiten der Kunst und für die wirklich natürliche Musik gewesen wären«. Hinzuzufügen sei, »daß die reinen harmonischen Schönheiten künstliche Schönheiten sind, die nur kunstversierte Menschen begeistern; während die wahren Schönheiten der Musik, die aus der Natur stammen, allen gebildeten und ungebildeten Menschen gleichermaßen erfahrbar sind und sein müssen«.6

Johann Gottfried Herder nimmt die Debatte auf: »Was die Melodie betrifft (ich gestehe es gern), haben mich weder Rameau noch Tartinie ganz befriedigt; Rousseau’s Zweifel gegen diese und andere Theoristen scheinen mir begründet. Ueberhaupt will mir das bloße Zählen der Verhältnisse, das Messen der Intervalle, als Erklärung des Wohlgefallens der Seele an der Musik, so wenig zu Sinn, daß ich vielmehr durch diese Zahlenmeisterei, wenn die Musik nichts anderes wäre, auf immer von ihr abgeschreckt würde. Wer zählt, wer mißt wohl, wenn er die Freuden der Musik aufs innigste und lebhafteste empfindet? Höre man einen Tonkünstler im glücklichsten Feuer phantasiren, sehe man ihn mit Genie und Enthusiasmus componiren; er ist mit andern Dingen beschäftigt, als mit Rechnen und Zahlenschreiben.«7

Die Musik wird als Politikum genommen. »Man will uns die italienische Musik verbieten, weil sie zu viel Freiheit bedeutet – so d’Alemberts Behauptung«, resümiert Nicklaus. »Man möchte uns die Sprache der ersten Menschen als eine Sprache von Mathematikern hinstellen; wir aber sehen, daß es eine Sprache von Dichtern war. Es mußte so sein. Man beginnt nicht mit dem Nachdenken, sondern bei der Empfindung.« In der Melodie liegt die unvordenkliche Einheit der Musik. Nicklaus fasst die politische Dimension dieser Parteinahme zusammen: »Was schafft die Einheit einer Gesellschaft, was hält sie zusammen, was sichert den Gesellschaftsvertrag? Eben nicht eine Rechtsordnung, die den Einzelnen verpflichtet, sich dem Ganzen zu unterwerfen, sondern ein ›gemeinsamer Wille‹, Rousseaus viel beschworene ›volonté générale‹. Musiktheoretisch liegt die ›Idee des Ganzen‹ … in der Melodie. Sie muss herrschen und alles zusammenhalten.«