MERKUR Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken - 2016-11 -  - ebook

MERKUR Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken - 2016-11 ebook

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Opis

Im Aufmacher des Novemberhefts (Nr. 810) berichtet Stephan Wackwitz aus Tiflis und darüber, wie sehr sich die Stadt (und vor allem ihre Architektur) in den letzten fünf Jahren zum Schlechteren verändert haben. Dieter Gosewinkel geht der Frage nach, ob das Staatsbürgerschaftsrecht noch zeitgemäß ist. Und Ernst-Wilhelm Händler stellt fest: Das Universum ist auch nicht mehr das, was es einmal war. Dann geht er in Sachen Astronomie und Physik ins Detail. In seiner Theologiekolumne schreibt Friedrich Wilhelm Graf über die »Letzten Gespräche« Benedikts XVI. Christina Dongowski porträtiert die unlängst verstorbene britische Autorin Jenny Diski, deren letzte Texte über ihr Sterben nun als Buch vorliegen. Julika Griem zieht den Vergleich zwischen zwei großen Erzählprojekten, nämlich den vielbändigen Erzählungen Elena Ferrantes und Karl Ove Knausgårds. In unserer »inter_poems«-Reihe übersetzt Achim Wagner ein Gedicht der türkischen Lyrikerin Müesser Yeniay – und erklärt, warum einen die Übersetzung aus dem Türkischen ins Deutsche vor besondere Herausforderungen stellt. Über Selbstradikalisierung in Bibliotheken und vor Bildschirmen denkt Heiko Christians nach. Christoph Schönberger liest Carl Schmitt als Literaten. Und Harry Walter blättert durch ein Fotoalbum von Wehrmachtssoldaten.

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Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken
  
Heft 810, November 2016, 70. Jahrgang
  
Der Merkur ist eine Kulturzeitschrift, wobei der Begriff der Kultur in denkbar weitem Sinne zu verstehen ist. Er erscheint monatlich und wendet sich an ein anspruchsvolles und neugieriges Publikum, das an der bloßen Bestätigung der eigenen Ansichten nicht interessiert ist. Mit kenntnisreichen und pointierten Essays, Kommentaren und Rezensionen hält der Merkur gleichermaßen Distanz zum Feuilleton wie zu Fachzeitschriften. Die Unterzeile »Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken« formulierte bei der Gründung im Jahr 1947 das Bekenntnis zu einer weltanschaulich unabhängigen Form von Publizistik, die über kulturelle und nationale Grenzen hinweg alle intellektuell relevanten Debatten ihrer Zeit aufnehmen wollte. Auch wenn der Horizont für ein solches Unternehmen sich mittlerweile deutlich erweitert hat, trifft das noch immer den Kern des Selbstverständnisses der Zeitschrift.
  
Herausgegeben von Christian Demand
Begründet 1947 von Hans Paeschke und Joachim Moras
Herausgeber
      1979–1983 Hans Schwab-Felisch      1984–2011 Karl Heinz Bohrer      1991–2011 Kurt Scheel
Redaktion: Ekkehard Knörer
Redaktionelle Mitarbeit / Büro: Ina Andrae
Redaktionsanschrift: Mommsenstr. 27, 10629 Berlin
Telefon: (030) 32 70 94 14   Fax: (030) 32 70 94 15
Website: www.merkur-zeitschrift.de
E-Mail: [email protected]
  
Der Merkur wird unterstützt von der Ernst H. Klett Stiftung Merkur.
Partner von Eurozine, www.eurozine.com
  
  
  
Verlag und Copyright: © J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH, Postfach 106016, 70049 Stuttgart, Tel. (0711) 6672-0, www.klett-cotta.de · Geschäftsführer: Philipp Haußmann, Tom Kraushaar, Michael Zöllner · Leiter Zeitschriften: Thomas Kleffner, [email protected] · Media-Daten: s. www.merkur-zeitschrift.de · Manuskripte: Für unverlangt und ohne Rückporto eingesandte Manuskripte kann keine Gewähr übernommen werden. · Redaktionsschluss dieser Ausgabe: 30. September 2016 · Gestaltung: Erik Stein · Satz und E-Book-Umsetzung: Dörlemann-Satz GmbH & Co. KG, Lemförde
  
Bezugsbedingungen: Der Merkur erscheint monatlich. Preis 12 €; im Abonnement jährlich 120 € / 131 sFr; für Studenten gegen Vorlage einer Bescheinigung 80 € / 87 sFr; alle Preise jeweils zzgl. Versandkosten. · Die elektronische Version dieser Zeitschrift finden Sie unter www.volltext.merkur-zeitschrift.de. Preis für das Herunterladen eines einzelnen Artikels 2 €, eines einzelnen Heftes 9,99 €; im elektronischen Abonnement (E-Only) 120 €; für Studenten und Postdocs gegen Vorlage einer Bescheinigung 48 €; für Privatkunden, die gleichzeitig die gedruckte Version im Abonnement beziehen, 20 €. Im jeweiligen Preis der elektronischen Abonnements ist der Zugriff auf sämtliche älteren digitalisierten Jahrgänge enthalten. Preise für Bibliotheken und Institutionen auf Anfrage. Alle genannten Preise enthalten die zum Zeitpunkt des Kaufs gültige Mehrwertsteuer. In Drittländern (außerhalb der EU) gelten die angegebenen Preise netto. · Die Kündigung des Abonnements muss spätestens vier Wochen vor Ende des Bezugszeitraums in schriftlicher Form erfolgen. Ansonsten verlängert es sich automatisch um ein Jahr. Die Mindestbezugsdauer beträgt ein Jahr.
Abonnementverwaltung (falls vorhanden, bitte Kundennummer angeben): Verlag Klett-Cotta Aboservice, Heuriedweg 19, 88131 Lindau, Telefon (0 83 82) 2 77 57-923, Fax (0 83 82) 2 77 57-655, E-Mail: [email protected]; Downloads, Einzelheft- und auch Abobestellungen unter www.merkur-zeitschrift.de
  
ISBN 978-3-608-11134-7

Autorinnen und Autoren

 

Zu diesem Heft

 

BEITRÄGE

Stephan Wackwitz

Traumstadt.

Tiflis, fünf Jahre später

Dieter Gosewinkel

Staatsbürgerschaft – ein Relikt europäischer Rechtskultur?

Ernst-Wilhelm Händler

Das Universum ist auch nicht mehr das, was es einmal war.

Zur modernen Kosmologie der Möglichkeiten

KRITIK

Friedrich Wilhelm Graf

Religionskolumne.

Plaudertasche emeritus

Christina Dongowski

Das letzte Buch.

Über Jenny Diski

Julika Griem

Nahkampf auf der Langstrecke.

Elena Ferrante und Karl Ove Knausgård

LYRIK

Müesser Yeniay

Üvey Dünya

Achim Wagner

Diese Welt ist stief

MARGINALIEN

Heiko Christians

Radikalisierung und Medienbildung.

Eine Bibliotheksgeschichte

Christoph Schönberger

Carl Schmitts literarische Jurisprudenz

Harry Walter

»Juden, beim Holzsägen«

Stephan Wackwitz, geb. 1952, Direktor des Goethe-Instituts Tiflis und Schriftsteller. 2015 erschien Die Bilder meiner [email protected]

Dieter Gosewinkel, geb. 1956, Leiter des Center for Global Constitutionalism am Wissenschaftszentrum Berlin. 2016 erschien Schutz und Freiheit? Staatsbürgerschaft in Europa im 20. und 21. Jahrhundert. – Der Beitrag ist angelehnt an einen Vortrag, den der Autor als Fellow des Käte-Hamburger-Kollegs »Recht als Kultur« am 21. Juni 2016 in Bonn gehalten [email protected]

Ernst-Wilhelm Händler, geb. 1953, Unternehmer und Schriftsteller. 2016 erschien München. Gesellschaftsroman.

Friedrich Wilhelm Graf, geb. 1948, Professor emeritus für Systematische Theologie und Ethik an der Ludwig-Maximilians-Universität München. 2014 erschien Götter global.

Christina Dongowski, geb. 1969, Ghostwriterin und [email protected]

Julika Griem, geb. 1963, Professorin am Institut für England- und Amerikastudien der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Demnächst erscheint Politische Tiere. Zoologie des Kollektiven (Mitherausgeberin)[email protected]

Müesser Yeniay, geb. 1984, Lyrikerin, Übersetzerin, Essayistin. Herausgeberin der Lyrikzeitschrift Şiirden.2011 ist Yeniden Çizdim Göğü erschienen.

Achim Wagner, geb. 1967, freier Autor. 2014 erschien şiir sokakta (Das Gedicht ist auf der Straße), ein fotodokumentarischer Band über den Gebrauch von Lyrik als Straßenkunst und Protestform in der Türkei.

Heiko Christians, geb. 1963, Professor für Medienkulturgeschichte an der Universität Potsdam. 2016 erschien Crux Scenica. Eine Kulturgeschichte der Szene von Aischylos bis YouTube.www.uni-potsdam.de/medienkulturgeschichte

Christoph Schönberger, geb. 1966, Professor für Öffentliches Recht, Europarecht, Vergleichende Staatslehre und Verfassungsgeschichte an der Universität Konstanz. 2015 erschien Der »German Approach«. Die deutsche Staatsrechtslehre im [email protected]

Harry Walter, geb. 1953, Autor und Künstler. 2015 ist Max Bense als Zeichner seiner Zeichen erschienen (in: Jonnie Döbele, Max Bense 06. 12. 76)[email protected]

ZU DIESEM HEFT

Noch vor fünf Jahren wirkte Tiflis auf sympathische Weise wie aus der Zeit gefallen. Als Stephan Wackwitz im Merkur (Heft 754) über seine ersten Eindrücke von der georgischen Hauptstadt berichtete, in die er im Herbst 2011 versetzt worden war, schilderte er ein teils pittoreskes, teils bizarres In-, Durch-, Auf- und Übereinander heterogenster architektonischer Formen, die zusammen eine fremdartige und widersprüchliche, aber zugleich auch markante und faszinierende Stadtgestalt ergaben: »In Baseballschussweite von meinem Bett entfernt steigt im Morgenlicht ein felswandartig steiler Hügel in die Höhe, ganz bedeckt und fast überwachsen mit Hütten, Villen und Gärten in irgendwie indischer oder japanischer Formgesinnung. Baugerüste sind allgegenwärtig. Aus gediegen gemauerten oder aus Blech zusammengelöteten Schornsteinen raucht es. Zementmischer sind schon zwischen acht und neun in Betrieb, anderswo wird gehämmert. Viel Schuppenartiges, unfertige Stockwerke, Bauruinen. Hunde schlagen an, Hähne krähen. Autos bewegen sich auf Geröllstraßen aufwärts. Unverputzte Backsteinhäuser zeigen die solide Bauweise der Chruschtschow-Zeit, zeitgenössische Eigenheime daneben haben avantgardistisch angeschrägte Fenster, pistazienfarbene, gelbe oder hellrosa Anstriche, auffallende Gauben und Balkone, perfekte rote Ziegeldächer. Das sind die Wohlstandsmonumente einer noch nicht lang arrivierten Tifliser Middle Class.«

Nachträglich betrachtet waren diese hastig errichteten, effekthascherischen Gebäude zugleich die Vorboten des beispiellosen Bau- und Investitionsbooms der vergangenen fünf Jahre, der das Gesicht der Stadt vollständig verwandelt hat: »Paradoxerweise ist der vorherrschende Bautyp der neuen Tifliser Gigantomanie das Hotel. Dort sollen künftig die zahlenden Touristen wohnen, die bei ihrem ersten Besuch, zu Beginn des Jahrhunderts, bezaubert waren von den Volksarchitekturen, die genau da gestanden haben, wo sie jetzt ratlos aus dem Fenster schauen und sich wundern, wo das Tiflis, das sie besuchen wollten, einmal gewesen sein mag.«

CD/EK

Stephan Wackwitz

Traumstadt

Tiflis, fünf Jahre später

Fünf Jahre wohne ich jetzt schon hier. Es ist ein diesiger Samstagvormittag im verregneten Tifliser Frühsommer 2016. In der Nacht bin ich ein paar undeutliche Momente lang davon wach geworden, dass unaufhörlich Regenmassen, von Windböen gegen die Fensterscheiben getrieben, von Blitzen erhellt und von Donner theatralisch überhöht, aus dem Himmel auf das Plastikdach vor meinem Schlafzimmerfenster gestürzt und dann in meine Träume weitergeflossen sind. Verwischte Bilder einer großen Überschwemmung haben mich über dem morgendlichen Tee heimgesucht. Die Palmen auf der Terrasse werde ich heute nicht gießen müssen. Der Staub von den Großbaustellen ringsumher, sie hüllen die Straße seit zwei Jahren in Dreck und Lärm, ist weggewaschen von den Blattfächern. Sie werden ein paar Stunden lang wieder ganz grün sein.

Eine Armlänge von der Brüstung der Terrasse entfernt erhebt sich linker Hand seit einigen Wochen das Stahlbetonskelett einer straßenblockbreiten Großinvestition, die schon weit über die acht Stockwerke meines Apartmenthauses hinaus in die Höhe vorgetrieben ist. Mein Haus sieht neben seinem neuen Nachbarn klein und unansehnlich aus, hoffnungslos in den 1990er Jahren zurückgeblieben. Bauschutt und getrocknete Betonspritzerfladen fallen von der ungesicherten Höhenbaustelle zu mir herab und liegen am Abend zwischen den Pflanzenkübeln. Das Plastikdach neben dem Küchenbalkon ist neulich von einem herabfallenden Bauteil durchschlagen worden. Wenn ich mir morgens einen Tee mache, denke ich verschlafen darüber nach, welch schwerer und spitzer Gegenstand ein so scharf umgrenztes Loch in dem mürben, gewellten Plastik hinterlassen haben könnte und wie es auf dem Balkon darunter aussehen mag. Das Bedrohungsgefühl durch Baugeschehen ist nicht nur eine ästhetische Empfindung. Meine Schlafzimmertür wage ich nachts längst nicht mehr geöffnet zu lassen, weil ich die Vorstellung nicht loswerde, wie leicht es jemandem fallen würde, nachts durch die völlig unbewachte Baustelle auf dem Nebengrundstück bis zu mir herauf vorzudringen, von einem der Betonbalkone dort mit einem Schritt auf meine Terrasse herüberzusteigen und mir im Schlaf die Kehle durchzuschneiden.

Auch die aufgesteilte Stadtlandschaft des Abhangs vor meinem Fenster hat sich verändert, seit ich sie vor fünf Jahren zum ersten Mal gesehen habe. Zwar entfalten sich auf den halsbrecherischen Hanggrundstücken morgens immer noch allerlei dörfliche Genreszenen. Der schwarze Hund zum Beispiel, der schwanzwedelnd wartet, bis sich, immer gegen halb acht, die Tür eines hüttenartigen Küchengebäudes öffnet und die Hausmutter sein Fressen herausstellt. Die für die Arbeit zurechtgemachten jungen Frauen, die hüftschwingend die Treppen hinab zur Straße nehmen. Ein kleines Mädchen fliegt auf einer Schaukel in die Luft. Ältere Männer mit Bäuchen und dünnen Oberarmen zeigen sich in ärmellosen Unterhemden; sie sind beschäftigt mit der ersten Zigarette des Tages. Wo der Steilhang nur leichte Holzhäuser mit Blechdächern trägt, hat sich das alte dörfliche Tiflis halten können. Aber der Höhenkamm vor den Macchiahügeln bietet ausreichend stabilen Untergrund für die Großbauten, deren Skelette und Fassaden meine Gegend inzwischen prägen. Und so sind die Bäume, Felsen, Grashügel und Abhänge der Hügel von Tiflis aus meinem Gesichtsfeld verschwunden bis auf eine schmale (wahrscheinlich vorläufige) Baulücke in einer Phalanx fünf- bis zehnstöckiger Apartmenthäuser. Unförmiger Beton, nicht mehr die bergige Landschaft, bildet neuerdings den Horizont meines Ausblicks. Bauleiter oder Wohnungsmakler stehen auf einem Balkon in der Höhe über dem Stadttal.

Auch von der kleinen Straße unter mir dringen Baugeräusche herauf. Hölzer werden zusammengenagelt. Es wird auf Metallbauteile gehämmert, Arbeiter rufen sich etwas zu. Bis auf die Höhe meines Wohnzimmerfensters ist auf der gegenüberliegenden Straßenseite eine cremefarben verputzte Apartmentaufgipfelung emporgewachsen. Manche der Betonskelette ringsum sind schon verblendet mit Backsteinflächen, Holzverschalungen, Marmorplatten, gläsernen Balkonbegrenzungen. An anderen wird seit Monaten schon nicht mehr weitergebaut; vermutlich ist den Besitzern das Geld ausgegangen. Ein Aufzug steigt und sinkt in einem verglasten Turmanbau oben auf der Hangkante. Ein Bungalowgefühl internationaler Luxusarchitektur aus glänzendem Glas, mattlackierten schwarzen Geländern, Backstein, hellem Granit und Glasbausteinen breitet sich von den vorgehängten Fassaden der schon fertiggestellten Wohntürme ganze Straßenzüge weit aus.

Der architekturgeschichtliche Quellpunkt der neuesten Tifliser Baugesinnungen scheint auf der arabischen Halbinsel zu liegen, irgendwo zwischen den modernistischen Kuben von Tel Aviv und dem Neubarock saudischer Herrscherresidenzen. Es ist der internationale Stil des Südens. Zumindest die georgische Ausführung dieser Mischung aus gemäßigt bauhaushaften Anmutungen und Luxusprätention wirkt allerdings schon im baufrischen Zustand irgendwie brüchig. Man wird den Eindruck nicht los, das werde alles nicht sehr lange halten oder jedenfalls bald in eine schwer dingfest zu machende Vernachlässigung und Schäbigkeit abstürzen. Diese Architektur flößt kein Vertrauen ein. Glanzpapierbroschüren von Immobilienmaklern, hat man das Gefühl, sind oberflächlich, kurzzeitig und unzuverlässig in die Wirklichkeit getreten. Bald werden ihre Farben in Sonne und Regen ausbleichen. Man soll sich in offene, demonstrativ überdimensionierte Musterhausinterieurs hineinfantasieren, die sich uns, wenn wir zahlungskräftig und zahlungswillig wären, hinter der Fassadenglätte schlüsselfertig auftun könnten. Die gut ausgeleuchteten, computergenerierten renderings dieser Fantasmen sind, mit Quadratmeterpreisen versehen, auf Plakatwänden an Bauzäunen zu bestaunen. Spektakuläre Ausblicke eröffnen sich über verschwenderisch weiten Ebenen aus hellem Teppichboden. Photoshop-Wolken segeln in Himmelstiefen, die so blau sind, wie man sich den Himmel über den Vereinigten Arabischen Emiraten vorstellt. Tagesdecken sind malerisch auf freistehende Sofalandschaften geworfen. Große Blumensträuße stehen in durchsichtigen Vasen auf freistehenden Glastischen vor bodentiefen Fensterfronten. Und der Wind, der die Bäume zwischen den Holzzäunen, Blechdächern, Wellblechschuppen und gusseisernen Balkongeländern aus den sechziger Jahren bewegt, riecht an vielen Tagen immer noch nach Mist oder frischgemähtem Gras. Im Morgengrauen kräht, immer noch, irgendwo am Steilhang ein Hahn.

Wer wohnt in den Investitionspalästen rings um mein Haus? Man hat den Eindruck: eigentlich niemand. Nachts sind die Fassaden fast lückenlos dunkel. Nur ganz vereinzelt sieht man eine sommerliche Sitzgruppe auf einer der Höhenterrassen, oder bunte Wäsche hängt auf einem Balkon. Das sind die Wohnungen der früheren Grundstücksbesitzer. Sie haben seit Generationen in den kleinen, oft eigenhändig am Feierabend gebauten Holz- und Backsteinhäusern gewohnt, die mit ihren Gärten, Zypressen, Holzzäunen, Obstbäumen, Weinlauben und Treppen vor fünf Jahren noch den Abhang vor meinem Haus als Bergbauerndorf erscheinen ließen. Die Investoren haben sie jetzt mit einer oder zwei Etagen in den neuen Projekten für ihre Parzellen bezahlt. Eine der Wohnungen, hat man den Besitzern des jetzt zerstörten Hauses gesagt, deren Familie dort seit den zwanziger Jahren zuhause war, könnt ihr vermieten. In der anderen könnt ihr wohnen. Die Alternative (die von wohlmeinenden Westlern und einheimischen Progressiven in allen Gesprächen über die Zerstörung von Tiflis ahnungslos und selbstgerecht vertreten wird) wäre gewesen, die ererbte, malerische, aber kaum heizbare, in jeder Hinsicht grundsanierungsbedürftige und demütigend rückständige Baufälligkeit »behutsam« zu renovieren. Aber für die meistens ziemlich armen Besitzer war das eben keine Alternative. Sie haben das Angebot der Herren mit den Aktenkoffern sofort angenommen. Und jetzt wohnen sie in dieser vage saudi-arabisch wirkenden Raumfülle und kennen sich in ihrer eigenen Straße und in ihren eigenen Möbeln nicht mehr aus. Der Rest steht zum größten Teil leer. Vor allem im Ausland zu Geld gekommene Georgier, hört man, haben sich vorsorglich und perspektivisch in der Heimat eingekauft mit Ersparnissen, die sie vor dem tatsächlichen oder drohenden Verfall des Rubel, des Dollar, des Renminbi in Sicherheit bringen wollen. Sie bereiten ihre Rückkehr nach Tiflis (Gott weiß wann) vor. Allenfalls daheimgebliebene Mitglieder der Großfamilie wurden hier fürs Erste mit Wohnraum versorgt. Wahrscheinlich können sie mit der Weitläufigkeit und dem Protz ihrer neuen Behausungen gar nichts anfangen, jene in Tiflis studierenden Kinder, jene arbeitslos alleinerziehenden Cousinen. Oder die allein in der Heimat zurückgebliebenen Eltern, die vor kurzem noch in verrottenden sowjetischen Plattenbauten am Stadtrand leben mussten (wo sie wenigstens jede Ecke und alle Nachbarn seit Jahrzehnten kannten). Man hat den Eindruck, dass plötzlicher Wohlstand auch etwas Deprimierendes haben kann.

Jedenfalls etwas Zerstörerisches. Neben dem neuen Apartmenthaus gegenüber liegt eine handballfeldgroße Parzelle hinter einer hohen ockerfarbenen Mauer, in der sich eine solide, bleigrau gestrichene Metalltür hervortut. Ein kompakter Hügel aus undurchdringlicher Biomasse wächst dahinter empor und dringt mit Schlingpflanzen und über die Mauer hängenden Zweigen auf die schmale Straße hinaus: Palmen, umeinander verwachsene Zweige, mit Weinranken verbundene Blätterdächer. Dahinter steht, fast schon unsichtbar, ein kleines Haus mit drei großen Fenstern zum Garten, eigentlich nur eine größere einstöckige Datscha. Das Blechdach ist vor vielen Sommern mit ziegelroter Farbe gestrichen worden; sie ist zu einem rostigen Rosa verblasst. Vor ein paar Jahren war der Gedanke, dort zu wohnen, eine romantische Fantasie beim Hinabschauen von meiner Terrasse. Heute erweckt der Anblick der überwucherten Kleinbürgerparzelle im Schatten des großen Gebäudenachbarn (ein alter, aber sorgfältig gepflegter Mittelklassewagen steht einsam davor) nur noch die Überlegung, wie lang sich dieses Idyll noch halten wird. Wohnen möchte man dort nicht mehr.

Ich gehe in meinem Stadtteil spazieren. In jeder der kleinen, unübersichtlich voneinander abbiegenden Straßen und in jeder Woche wieder woanders blinkt einem ein neublitzender Bauzaun aus Blech entgegen, an dem ein Bild des dort geplanten Apartmenthauses hängt. Zuerst werden die Bäume gefällt. Jahrzehntealte Wurzelstöcke liegen auf Lastwagen. Dann kommen die schweren Abrissmaschinen. Wände stürzen ein. Hohe Schutthaufen entstehen, aus denen verschnörkelte Balkongeländer ragen. Dann sind die Bagger und die an- und abfahrenden Lastautos an der Reihe. Dann, meistens in der Nacht, kommen Betonmischer mit an Kränen hängenden Pumpen, die tonnenweise zähflüssigen Baurohstoff in das winzige, nur noch aus Matsch bestehende Grundstück füllen. Die graue Masse trocknet zwischen glatten braunen Sperrholzplatten und um Stahlstangen, erstarrt und wächst sich aus zu einem viel zu hohen, schmutzig in den Himmel starrenden dreidimensionalen Betongitter, bevor jene Verblendungen luxuriöser Sachlichkeit an ihm emporwachsen werden.

Tiflis, so charmant seine kleinen Gärten, geschnitzten Holzveranden, Zypressengärten und schattigen Gassen vor ein paar Jahren noch gewesen sind, war nie eine schöne Stadt, wie Florenz, Krakau oder Siena schöne Städte sind. Der mittelalterliche Kern ist aus dauernden kriegerischen Zerstörungen alle paar Jahrzehnte wieder neu hervorgegangen und hatte kaum je Zeit, ein prägnantes Bild zu entwickeln. Die letzte flächendeckende Katastrophe fand im späten 18. Jahrhundert statt, als die Perser 1795 Tbilissi mit einer Strafexpedition in Schutt und Asche legten, worauf sich die Könige Erekle II. und sein Sohn Giorgi XII. bald dazu entschlossen, das Land als unselbständiges Kronland (als Kolonie, wenn man die Dinge beim Namen nennen will) unter den Schutz des russischen Zarenreichs zu stellen. Überall im Land kann man, wenn man weiß, wie man hinkommt (einleuchtende Beschilderungen und kompetente Reiseführer fehlen meistens), aus winzigen Dörfern heraus über verwachsene Pfade die Ruinen großer mittelalterlicher Städte erwandern (Samschwilde, Dmanissi, Uplisziche), die sich von den Mongoleneinfällen des 13. Jahrhunderts nie wieder erholt haben. Ganze Landstriche sind damals entvölkert und bis heute von Wald, Wüste und Steppe zurückerobert worden. Die stehengebliebenen Chorapsiden großer Kathedralen ragen über Gestrüpp und Wiesen, Raubvögel segeln im warmen Höhenwind über verfallenen Stadtmauern, und es ist vollkommen still.

Aber nicht nur die mittelalterliche Architektur Georgiens hat etwas seltsam Provisorisches. An das Gassengewirr der Altstadt, sie besteht inzwischen weitgehend aus historisierenden Neubauten, schließt sich in halber Höhe über dem Fluss die zaristische Kolonialstadt des 19. Jahrhunderts an: Gouverneurspaläste, Gründerzeithotels, ein Rathaus in persisch-maurischen Formen, ein klassizistischer Ruhmestempel für die russische Armee, in dem heute die Sammlungen des Nationalmuseums aus dem 19. und 20. Jahrhundert untergebracht sind. Die Prestigebauten der russischen Kolonialmacht sind aufgereiht an einem Hauptboulevard, der nach dem mittelalterlichen Nationaldichter Rustaveli benannt ist. Auch dieses Ensemble aus dem vorletzten Jahrhundert, das in den 1980er Jahren noch fast vollständig erhalten war (eine Seltenheit in der Sowjetunion), ist seit einigen Jahren nicht mehr vor der Zerstörung durch Neubauten geschützt. Hinter dem historischen Gymnasium – die Erfinder des modernen Georgien Tschawtschawadse und Zereteli stehen, wie Schiller und Goethe, als Denkmal davor – erhebt sich weiß, ornamentüberladen, unproportioniert, den historischen Vorbau in gigantischen Formen nachäffend und sozusagen der Lächerlichkeit preisgebend, ein luxuriöses und natürlich ebenfalls weitgehend leerstehendes Apartmentgebäude. Die Silhouette des Boulevards ist unwiderruflich zerstört. Dem stalinistischen Regierungsgebäude gegenüber wiederum nähert sich ein modernes (wenn auch denkbar unzeitgenössisches) Geschäftshaus in hochzeitstortenhaft überladenen Jugendstilformen seiner Fertigstellung. Es steht an der Stelle eines nur noch auf historischen Fotografien zu sehenden Gründerzeithotels von schlichter Eleganz. Der Neubau dagegen ist ein architektonisches Konditorenfantasma. Ausgedacht. Von Ornamentkringeln überwuchert. An den Haaren herbeigezogen. Es hat ästhetisch oder geschichtlich so wenig mit seiner Umgebung (oder mit überhaupt irgendetwas) zu tun, dass der dort spazierende Betrachter nicht weiß, ob er lachen oder weinen soll.

Weiter stadtauswärts steht von einem historischen Gebäude nur noch die Fassade; wie man hört, soll es durch einen Neubau um zwei Etagen aufgestockt werden. Schräg gegenüber ist das ehemalige Institut für Marxismus-Leninismus von Alexei Wiktorowitsch Schtschussew, dem Chefarchitekten der stalinistischen Sowjetunion (er entwarf, neben anderen spektakulären Bauten überall im Sowjetreich, das Lenin-Mausoleum auf dem Roten Platz), durch einen fünfzig Meter hohen, verglasten Hotelturm ergänzt (will sagen: ästhetisch annulliert) worden. Das Institut für Marxismus-Leninismus ist jetzt das Foyer des »Biltmore Hotel Tbilissi« (»7 Sterne«), entworfen und finanziert von Architekten und Investoren der Vereinigten Arabischen Emirate. Und eine der klassizistischen Nachbauten der Saakaschwili-Zeit auf dem Freiheitsplatz hat einen Flügel, der nur aus Fassade besteht. Hinter der Wand mit den sinnlosen Fenstern ist, wie man es von Filmkulissen kennt, schlechterdings gar nichts.

Die letzte jener periodischen Neuerfindungen von Tiflis – sie war im Gegensatz zu der heutigen zentral geplant und über Jahrzehnte mit allen Ressourcen eines mächtigen Staats ins Werk gesetzt – ist diejenige unter Stalins späterem Geheimdienstchef Beria gewesen. Dieser interessante, gebildete und über alle menschliche Vorstellungskraft entsetzliche Mann hatte sich in seiner Zeit als georgischer KP-Chef vorgenommen, die erste Wirkungsstätte Stalins zu einer italianisierenden klassizistischen Idealstadt umzubauen. Ich betrachte einen Bildband aus dem Jahr 1958 mit dem russischen Titel Die Architektur des sowjetischen Georgien. Er dokumentiert den fast vollendeten stalinistischen Umbau. Die Lenin-Statue steht auf dem heutigen Freiheitsplatz. Sie wurde inzwischen ersetzt durch eine hohe Säule, auf der ein goldener St.Georg mit seiner Lanze den Drachen ersticht.

Beim Betrachten der schlechten Schwarzweißabbildungen von 1958 muss man die bunten Bilder der Gegenwart eine Weile lang bewusst zur Seite schieben, bis man innerlich in der Vergangenheit angekommen ist. Die hohen Blendbögen an den Regierungsgebäuden sind von schmalen Säulen eingefasst, große alte Bäume stehen davor. Piranesihaft unterirdisch wirkende Säulenwälder bilden das Atrium des sowjetischen Regierungspalasts. Die Straßen sind leer auf den grobkörnigen Abbildungen. Modernistische Geschäftshäuser zeigen großflächige, durch Stahlstreben gegliederte Fensterfronten. Vor allem aber ist die Stadt 1958 geprägt gewesen durch die Phantasmagorien der stalinistischen Architektur. Sie musste, dem Diktum des großen Schülers und Vereinfachers Lenins folgend, sozialistisch im Inhalt und national in der Form sein. Die Tradition war als Figurenschmuck zugleich entmachtet und hineingenommen in den gebauten Selbstausdruck des proletarischen Weltreichs. Mit ihren Statuen, Säulen, Architraven, Freitreppen und Zypressenhainen sehen die Ensembles der vierziger Jahre auf den Schwarzweißfotografien wie ein Traum von Italien aus. Im Gegensatz zu ihrer soziologischen Rezeptur bestand die georgische Stadtbaukunst der Stalinzeit aus Traumarchitekturen.