Medienpsychologie -  - ebook

Medienpsychologie ebook

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Opis

In diesem Lehrbuch und Nachschlagewerk werden 61 zentrale Konzepte der Medienpsychologie in kurzen Texten vorgestellt, die das aktuelle Wissen zu spezifischen Annahmen und Theorien bündeln. In der Neuauflage werden vor allem aktuelle Konzepte aus dem Bereich der Social Media integriert. Die einzelnen Kapitel sind nach einem einheitlichen Schema gestaltet und enthalten eine kurze Darstellung des jeweiligen Konzepts, eine detaillierte Erläuterung der zentralen Annahmen, eine Beschreibung der typischen Methodik, eine Zusammenfassung der aktuellen empirischen Ergebnisse sowie eine kritische Würdigung.

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Nicole C. Krämer

Stephan Schwan

Dagmar Unz

Monika Suckfüll (Hrsg.)

Medienpsychologie

Schlüsselbegriffe und Konzepte

2., überarbeitete und erweiterte Auflage

Verlag W. Kohlhammer

Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwendung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechts ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und für die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Die Wiedergabe von Warenbezeichnungen, Handelsnamen und sonstigen Kennzeichen in diesem Buch berechtigt nicht zu der Annahme, dass diese von jedermann frei benutzt werden dürfen. Vielmehr kann es sich auch dann um eingetragene Warenzeichen oder sonstige geschützte Kennzeichen handeln, wenn sie nicht eigens als solche gekennzeichnet sind.

2., überarbeitete und erweiterte Auflage 2016

Alle Rechte vorbehalten

© 2008/2016 W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Print:

ISBN 978-3-17-026137-2

E-Book-Formate:

pdf:       ISBN 978-3-17-026138-9

epub:    ISBN 978-3-17-026139-6

mobi:    ISBN 978-3-17-026140-2

Für den Inhalt abgedruckter oder verlinkter Websites ist ausschließlich der jeweilige Betreiber verantwortlich. Die W. Kohlhammer GmbH hat keinen Einfluss auf die verknüpften Seiten und übernimmt hierfür keinerlei Haftung.

Inhalt

 

Vorwort

Teil I Motivation

Einführung Motivation

Dagmar Unz

Traditionelle Medien

Uses-and-Gratifications-Ansatz

Lisa Aelker

Selective Exposure

Stephan Winter

Mood Management

Lisa Aelker

Sad-Film-Paradoxon

Uli Gleich und Ines Vogel

Evolutionäre Erklärungsansätze

Frank Schwab und Christine Hennighausen

Individualmedien

Media Richness

Oliver Fischer

Modell des sozialen Einflusses

Oliver Fischer

Teil II Kognition

Einführung Kognition

Stephan Schwan

Aufmerksamkeitsprozesse

Aufmerksamkeitsprozesse beim Fernsehen

Markus Huff

Change Detection/Change Blindness

Markus Huff

Information-Foraging-Theorie

Yvonne Kammerer

Verarbeitungsprozesse im Arbeitsgedächtnis

Cognitive-Load-Theorie (CLT)

Maike Tibus und Alexander Eitel

Cognitive Theory of Multimedia Learning (CTML)

Maike Tibus und Alexander Eitel

Perzeptuelle Disfluency

Martin Merkt

Medienbezogene Kompetenzen

Medienkompetenz

Sabine Trepte

Repräsentationale Einsicht

Stephan Schwan

Perceived Reality

Margrit Schreier

Interpretationsprozesse

Rezeptionsmodalitäten

Monika Suckfüll

Narratives Verstehen

Manuela Glaser

Multiple Dokumente

Martin Merkt und Yvonne Kammerer

Falschinformation

Tobias Richter und Sascha Schroeder

Hostile Media Effect

Nicole C. Krämer

Moral Disengagement

Jens Martin Heuer

Mediale Präsentation

Framing

Dagmar Unz

Präsenzerleben

Lisa Aelker

Beabsichtigte kognitive Medienwirkungen

Cultivation of Mental Skills und Supplantation

Dagmar Unz

Multiple externe Repräsentationen

Daniel Bodemer

Konstruktivistische Lernumgebungen

Dagmar Unz

Medienspezifische kognitive Verarbeitungs- und Lernprozesse

Carmen Zahn

Nicht beabsichtigte kognitive Medienwirkungen

Displacement

Dagmar Unz

Wissenskluft-Hypothese und Digital Divide

Martina Mauch

Agenda Setting

Dagmar Unz

Kultivierung (Cultivation of beliefs)

Dagmar Unz

Teil III Emotion

Einführung Emotion

Frank Schwab

Neugier und New Experimental Aesthetics

Astrid Carolus und Frank Schwab

Narratives Erleben und Transportation

Freya Sukalla und Helena Bilandzic

Involvement

Frank Schwab und Benjamin P. Lange

Excitation Transfer

Frank Schwab und Elisabeth Königstein

Drei-Faktoren-Emotionstheorie und affektive Disposition

Frank Schwab und Isabelle Menne

Spannung

Michael Brill und Frank Schwab

Unterhaltung

Leonard Reinecke und Diana Rieger

Teil IV Kommunikation

Einführung Kommunikation

Nicole C. Krämer

Traditionelle Medien

Parasoziale Interaktion (PSI)

Holger Schramm

Soziale Vergleichsprozesse

Nicole C. Krämer und Jessica M. Szczuka

Medienpsychologische Aspekte der sozial-kognitiven Lerntheorie

Nikol Rummel

Third Person Effect

Astrid Carolus und Frank Schwab

Die Theorie der Schweigespirale

German Neubaum

Two-Step Flow of Communication

Dagmar Unz

Der Sleeper-Effekt

Markus Appel und Tobias Richter

Individualmedien

Reduced Social Cues/Cues Filtered Out

Nicola Döring

Social Identity Model of Deindividuation Effects (SIDE)

Nicola Döring

Hyperpersonal Communication und Social Information Processing Theory

Oliver Fischer

Impression Management und Self-Disclosure in sozialen Medien

Sabrina C. Eimler und Stephan Winter

Privacy Paradox

Sabine Trepte und Doris Teutsch

Social Capital in elektronischen Medien

Sonja Utz

Mass Interpersonal Persuasion

Tina Ganster und German Neubaum

Common Ground und Grounding

Nikol Rummel und Anne Deiglmayr

Immersive virtuelle Umgebungen: Transformed Social Interaction, Proteus-Effekt und Persuasion

Sabrina Sobieraj und Nicole C. Krämer

Media Equation

Nicole C. Krämer und Laura Hoffmann

Uncanny Valley

Astrid Rosenthal-von der Pütten

Teil V Verhalten

Einführung Verhalten

Nicole C. Krämer

Gewalt

Malte Elson

Prosoziales Verhalten

Leonie Rösner

Gemeinsame Wissenskonstruktion im Internet

Ulrike Cress und Joachim Kimmerle

Internetsucht

Matthias Brand

Verzeichnis der Autorinnen und Autoren

Stichwortverzeichnis

Personenverzeichnis

Vorwort

 

 

 

 

 

Das vorliegende Lehrbuch entstand vor dem Hintergrund der Idee, ein übergreifendes Werk zur Verfügung zu stellen, das möglichst nicht redundant zu anderen Lehrbüchern der Medienpsychologie sein, sondern diese ergänzen sollte. Daher wurde das Buch als Lehrbuch und Nachschlagewerk konzipiert, das zentrale Konzepte der Medienpsychologie in kurzen Texten vorstellt. Damit soll das aktuelle Wissen zu spezifischen Annahmen und Theorien gebündelt werden. Das Buch hebt sich von anderen kürzlich erschienenen Lehrbüchern zur Medienpsychologie ab, da Letztere jeweils umfangreiche Kapitel zu übergreifenden Themengebieten beinhalten (z. B. Unterhaltung, Computer- und Videospiele, Lernen mit Medien, Nachrichten). Die einzelnen Theorien, Konzepte und Annahmen der Medienpsychologie (z. B. Mood Management, Parasoziale Interaktion, Sleeper-Effekt, SIDE-Theorie etc.) werden in diesen Büchern selbstverständlich auch geschildert, aber lediglich im Rahmen der Darstellungen zu übergreifenden Themen aufgegriffen. Die Konzepte selbst können in diesem Rahmen allerdings nicht umfassend mit Bezug auf die jeweilige Methode, empirische Bewährung und Kritik geschildert werden. Dies soll das vorliegende Lehrbuch leisten, indem die einzelnen »Schlüsselbegriffe« auf wenigen Seiten ausführlich dargestellt werden. Das Lehrbuch kann insofern als Ergänzung der bisherigen Lehrbücher verstanden werden. Die einzelnen Kapitel sind nach einem einheitlichen Schema gestaltet und enthalten eine kurze Darstellung der jeweiligen Konzepte, eine detaillierte Erläuterung der zentralen Annahmen, eine Beschreibung der typischen Methodik, eine Zusammenfassung der aktuellen empirischen Ergebnisse sowie eine kritische Würdigung des Konzepts.

Die Gesamtgliederung des Buches sieht vor, dass die Schlüsselbegriffe geordnet nach den psychologischen Grundkonzepten Motivation, Kognition, Emotion, Kommunikation und Verhalten aufgeführt werden. Ein kurzer Text zu Beginn jedes Grundkonzeptes gibt eine Übersicht zu den darunter gefassten Schlüsselbegriffen und setzt diese miteinander in Beziehung. Aufgenommen wurden neben genuin medienpsychologischen Theorien auch Annahmen aus anderen Teildisziplinen der Psychologie, soweit diese in der Medienpsychologie eine hohe Bedeutung erlangt haben (z. B. sozial-kognitive Lerntheorie, soziale Vergleichsprozesse). Ebenso werden kommunikationswissenschaftliche Konzepte aufgegriffen, sofern diese in der Medienpsychologie genutzt werden und nachhaltigen Einfluss nehmen (Agenda Setting, Kultivierungsthese, Two-Step-Flow of Communication).

Gegenüber der 2008 erschienenen Erstausgabe konnten umfangreiche Änderungen und Aktualisierungen vorgenommen werden. Während die grundsätzliche Gliederung und das Gros der Schlüsselbegriffe erhalten blieben, wurden zahlreiche Konzepte, die in den vergangenen zehn Jahren an Bedeutung gewonnen haben, neu aufgenommen. Im Einklang mit sowohl gesellschaftlichen Entwicklungen sowie dem Fokus medienpsychologischer Forschung wurden beispielsweise verstärkt Ansätze aus dem Bereich der Internetforschung und vor allem sogenannter »social media« berücksichtigt. Während in der Ausgabe von 2008 insgesamt 58 Schlüsselbegriffe thematisiert wurden, werden nun 61 Schlüsselbegriffe beschrieben, darunter mehr als 10 neue.

Wir hoffen, dass das Buch auf Grund dieses Aufbaus sowohl als klassisches Lehrbuch genutzt werden kann als auch als Nachschlagewerk dient. Ein Buch wie das vorliegende kann selbstverständlich nur durch die engagierte Mitarbeit zahlreicher Personen entstehen. Hier möchten wir in erster Linie den Autoren für die hervorragenden Beiträge danken. Besonderer Dank gilt den Autoren darüber hinaus für die Bereitschaft, die Rückmeldungen von zahlreichen Reviewern zu berücksichtigen und die Kapitel, soweit erforderlich, entsprechend zu überarbeiten. Jeder Beitrag wurde nicht nur von mindestens einem Herausgeber kommentiert, sondern auch von einem der übrigen Autoren sowie zwei Studierenden. Letztere wurden in den Reviewprozess miteinbezogen, um die Verständlichkeit der Kapitel für die Hauptzielgruppe der Studierenden sicherzustellen. Die mitwirkenden Studierenden wurden für die Ausgabe von 2008 an den Universitäten in Köln, Tübingen und im Saarland rekrutiert. Die neuen Kapitel der zweiten Auflage wurden von Studierenden der Universität Duisburg-Essen gelesen und kommentiert, denen wir herzlich für ihr Engagement danken. Für Formatierungsarbeiten und Korrekturen danken wir Katharina Alt und Raffael Kaminski. Darüber hinaus danken wir Dr. Ruprecht Poensgen, Ulrike Albrecht, Stefanie Reutter und dem Kohlhammer-Verlag für die Unterstützung und die Möglichkeit das vorliegende Lehrbuch und Nachschlagewerk verwirklichen zu können.

Nicole Krämer, Stephan Schwan, Dagmar Unz und Monika Suckfüll

im Juni 2016

 

 

 

 

 

Teil I   Motivation

Einführung Motivation

Dagmar Unz

Menschen nutzen Medien sehr selektiv. Sie sind selektiv in der Medienwahl, in der Aufmerksamkeit, in der Wahrnehmung und der Interpretation der Medienbotschaft. Dementsprechend sind die Entscheidungen zum Einschalten des Fernsehgerätes, die Programmauswahl, die Wahrnehmung und Verarbeitung der dargebotenen Informationen und die Entscheidung zur Beendigung des Medienkonsums komplexe psychologische Vorgänge. Die Beiträge des folgenden Buchabschnittes beschäftigen sich mit der Motivation von Rezipienten bzw. Nutzern, bestimmte Medien bzw. Programmangebote zu nutzen, sowie mit den Einflussfaktoren solcher Selektions- und Auswahlentscheidungen. So beeinflussen einerseits auf Seiten der Rezipienten beispielsweise Motive und Bedürfnisse, vorangegangene Erfahrungen und die angestrebte Stimmungslage solche Auswahlprozesse. Andererseits spielen auch mediale Faktoren, wie z. B. die Reichhaltigkeit des Mediums, die Art und Funktion der Kommunikationsaufgabe sowie soziale Faktoren, eine wichtige Rolle.

Der Uses-and-Gratifications-Ansatz nimmt an, dass sich Zuschauer in Erwartung der Befriedigung spezifischer Bedürfnisse für bestimmte Sendungen bzw. Medien bewusst entscheiden. TV-Nachrichten beispielsweise werden sowohl zum Zwecke des Informationsgewinns als auch aus Gründen der Unterhaltung, des Sozialkontakts und des Zeitvertreibs konsumiert. Während der Uses-and-Gratifications-Ansatz eher davon ausgeht, dass Rezipienten aktiv, zielgerichtet und bewusst Programme und Sendungen auswählen, geht der Selective-Exposure-Ansatz stärker von unbewussten Prozessen aus; Programmselektion erfolgt danach weniger durch gezieltes Auswählen als vielmehr nach einem Ausschluss- und Vermeidungsprinzip. Der klassische Selective-Exposure-Ansatz geht davon aus, dass Personen sich vor allem solchen Medieninhalten zuwenden, die ihren bereits bestehenden Einstellungen und Überzeugungen entsprechen. Die Mood-Management-Theorie greift die Überlegungen des Selective-Exposure-Ansatzes auf und fokussiert auf Stimmungen als relevante Aspekte des Auswahlprozesses. Menschen, so die Annahme, streben danach, einen positiven Gefühlszustand zu erreichen bzw. beizubehalten. Dementsprechend betreiben Medienrezipienten Stimmungsmanagement, indem sie Medienangebote so auswählen, dass sie eine positive Wirkung auf ihre Stimmung haben. Allerdings lässt sich mit diesen Annahmen nicht erklären, warum Menschen freiwillig traurige Filme oder ähnlich emotional belastende Medienangebote nutzen – und dies oft sogar als genussvoll erleben. Erklärungen für dieses sogenannte Sad-Film-Paradoxon greifen u. a. die Frage auf, welche Funktion das Erleben negativer Gefühle wie Trauer während der Medienrezeption für das psychische Wohlbefinden haben kann.

Versucht die herkömmliche Psychologie solche mentalen Prozesse im Rahmen akut wirksamer psychischer Mechanismen zu verstehen, fokussiert die Evolutionspsychologie auf die Phylogenese der mentalen Architektur. Evolutionspsychologische Erklärungsansätze gehen davon aus, dass eine Vielzahl vor allem unbewusst arbeitender mentaler Mechanismen als Anpassung während der Geschichte der Menschwerdung entstanden ist und bis heute Selektion, Rezeption und Wirkeffekte der Medien prägt. Vor allem vermeintlich irrationales Rezipientenverhalten kann in einem evolutionären Erklärungsrahmen verständlich werden.

Eine zweite Gruppe von Theorien, die im folgenden Buchabschnitt behandelt werden, betrifft weniger Massenmedien, sondern eher Individualmedien. Diese Theoriengruppe beschäftigt sich mit der Wahl von Kommunikationsmedien und fragt in erster Linie danach, von welchen medialen, personalen und situativen Faktoren die Wahl von Medien zur Individualkommunikation abhängt. Das Media-Richness-Modell geht davon aus, dass unterschiedliche Medien für unterschiedliche Aufgaben unterschiedlich gut geeignet sind: Aufgaben mit hoher Komplexität benötigen eher reichhaltige Medien (z. B. Videokonferenz), Aufgaben mit niedriger Komplexität eher wenig reichhaltige Medien (Briefpost, E-Mail etc.). Im Gegensatz zu den eher objektiven Aufgaben- und Mediencharakteristika, um die es im Media-Richness-Ansatz geht, betont das Modell des sozialen Einflusses die Rolle persönlicher Erfahrungen, der individuellen Informationsverarbeitung und des sozialen Umfelds bei der Medienwahl.

Traditionelle Medien

 

 

 

Uses-and-Gratifications-Ansatz

Lisa Aelker

Worum geht es?

Der Uses-and-Gratifications-Ansatz versucht zu beschreiben und zu erklären, wie und warum Menschen sich bestimmten Medienangeboten zuwenden und diese für ihre Zwecke nutzen. Dabei richtet sich der Fokus auf Gratifikationen (d. h. Bedürfnisbefriedigungen), die aus Sicht der Rezipienten mit der Nutzung einzelner Angebote einhergehen und die somit als motivationstheoretische Aspekte zur Beschreibung und Erklärung von Mediennutzung und Medienwirkung herangezogen werden können.

Gratifikationsforschung wurde bereits Anfang der 1940er Jahre betrieben, insbesondere von einer Forschergruppe um Lazarsfeld (siehe zusammenfassend Lazarsfeld & Stanton, 1941, 1944, 1949), dem Leiter des 1939 gegründeten »Office of Radio Research«. Während sich ein großer Teil der damaligen Untersuchungen entsprechend mit der Nutzung von Radiosendungen beschäftigte (z. B. Herzog, 1940; Mendelsohn, 1964; Warner & Henry, 1948), wurden Bedürfnisse und Gratifikationen in den folgenden Jahren und Jahrzehnten in Bezug auf die Nutzung von Medien(-angeboten) verschiedenster Art untersucht. Bis heute hat sich die Gratifikationsforschung beständig weiterentwickelt und viele verschiedene Ansätze hervorgebracht. In den 1970er Jahren erlebte der Uses-and-Gratifications-Ansatz einen großen Aufschwung und wurde in der Massenkommunikationsforschung als Paradigmenwechsel gefeiert (vgl. Jäckel, 2005). Durch seine publikumszentrierte Perspektive (vgl. Renckstorf, 1989) wandte er sich gegen das lange Zeit vorherrschende Stimulus-Response-Paradigma und das damit einhergehende Postulat der »starken Medien«. Seine Anhänger widersprachen der Annahme, Rezipienten seien Medieneffekten unmittelbar ausgeliefert. Die Frage »What do media do to people?« wurde umgewandelt in die Frage »What do people do with the media?« (Katz, 1959, S. 2).

Darstellung der Annahmen

Katz, Blumler und Gurevitch (1974) fassten die Grundlagen des Uses-and-Gratifications-Ansatzes folgendermaßen zusammen:

•  Es wird davon ausgegangen, dass der Mensch bei der Nutzung von Massenmedien als aktives, zielorientiertes Subjekt handelt, und zwar auf Grund von individuellen Bedürfnissen und Erwartungen an die einzelnen Medienangebote.

•  Damit wird der Mensch zu einer Schlüsselfigur im Wirkungsprozess, da er darüber entscheidet, welchen Medien und Inhalten er sich überhaupt aussetzt. Von unmittelbaren Medieneffekten auf Einstellungen und Verhalten kann vor dem Hintergrund dieser Perspektive nicht ausgegangen werden.

•  Medien sind nicht die einzige Quelle, die der Mensch in seiner Umwelt nutzen kann, um seine Bedürfnisse zu befriedigen. Sie stellen nur eine von vielen konkurrierenden Möglichkeiten dar.

•  Der Mensch ist sich seiner Bedürfnisse und Ziele bewusst und daher auch in der Lage, diese zu artikulieren.

•  Mediennutzung wird aus Sicht der Rezipienten und in deren eigenen Kategorien erhoben und verstanden, »also so, wie sie ihre Nutzung der Massenmedien selbst verstehen« (Schenk, 2002, S. 631).

Mediennutzungs- und -auswahlverhalten zeigt sich diesem Ansatz zufolge also auf Grund von Motiven, die wiederum aus einer bestimmten Bedürfnislage und antizipierten Erwartungen der Rezipienten resultieren. Werden die Erwartungen an ein bestimmtes Medienangebot tatsächlich erfüllt, so steigt die Wahrscheinlichkeit, dass dasselbe Auswahlverhalten bei ähnlicher Bedürfnislage erneut gezeigt wird (Rosengren, Wenner & Palmgreen, 1985). Diesen Annahmen entsprechend beschäftigt sich die Uses-and-Gratifications-Forschung mit »(1) the social and psychological origins of (2) needs, which generate (3) expectations of (4) the mass media or other sources, which lead to (5) differential patterns of media exposure (or engagement in other activities), resulting in (6) need gratifications and (7) other consequences, perhaps mostly unintended ones« (Katz et al., 1974, S. 20).

Eine wichtige Erweiterung des Ansatzes stammt von Palmgreen und Rayburn (1982, 1985; Rayburn & Palmgreen, 1984). Sie unterscheiden erstmals zwischen gesuchten Gratifikationen (gratifications sought) und erhaltenen Gratifikationen (gratifications obtained). Damit konkretisieren sie die Annahmen zur Entstehung von Mediennutzungsmotiven in der Hinsicht, dass nicht mehr nur die Suche nach Bedürfnisbefriedigung in den Blick genommen und stillschweigend vorausgesetzt wird, dass die Menschen dabei auf ein befriedigendes Angebot stoßen. Stattdessen werden nun auch die (Miss-)Erfolge der Suche, also (nicht) gefundene Gratifikationen, zur Erklärung von zukünftiger Mediennutzung hinzugezogen. Bestehende Erwartungen an ein Medienangebot werden nach Ansicht der Autoren durch eine Übereinstimmung von gesuchten und erhaltenen Gratifikationen verstärkt, was wiederum zur Folge hat, dass sich die Wahrscheinlichkeit derselben Medienwahl bei ähnlicher Bedürfnislage erhöht.

Um ihr Verständnis von gesuchten Gratifikationen zu erläutern, greifen Palmgreen und Rayburn (1982, 1985; Rayburn & Palmgreen, 1984) auf Erwartungs-Wert-Modelle, wie zum Beispiel die Theorie des geplanten Verhaltens von Fishbein und Aizen (1975; vgl. auch Atkinson, 1957; Rotter, 1954; Tolman, 1932; Vroom, 1964), zurück. In Anlehnung daran sind gesuchte Gratifikationen als eine Funktion von erwarteten Effekten eines Medienangebotes einerseits und einer affektiven Bewertung dieser Effekte andererseits zu verstehen. Die subjektive Bedeutung eines erwarteten Medieneffektes wird also in die theoretischen Überlegungen zur Mediennutzung mit einbezogen.

Während dieses »expectancy-value model of gratifications sought and gratifications obtained« (Palmgreen & Rayburn, 1985; Rayburn & Palmgreen, 1984) die Beziehung zwischen Bedürfnissen, Erwartungen und der Selektion von Medienangeboten näher beschreiben und erklären soll, gehen Palmgreen, Wenner und Rosengren (1985) einen Schritt über diesen Rahmen hinaus und integrieren es in ein »General Media Gratifications Model« (Abb. 1.1), »an attempt to locate gratification processes within an overall societal perspective« (Palmgreen et al., 1985, S. 16). Neben der (sozialen) Situation werden hier auch individuelle Einstellungen und Eigenschaften sowie die jeweilige (mehr oder weniger habituelle) Art der Nutzung als weitere Einflussfaktoren betrachtet. An der Elaboriertheit dieses Modells wird deutlich, wie umfangreich Gegenstandsbereich und Erklärungsanspruch des Uses-and-Gratifications-Ansatzes zu diesem Zeitpunkt bereits sind (vgl. Vorderer, 1992).

Abb. 1.1: A General Media Gratifications Model (nach Palmgreen, Wenner & Rosengren, 1985)

Typische Methodik und zentrale empirische Befunde

Entsprechend umfangreich ist auch die Forschungsarbeit, die im Rahmen des Uses-and-Gratifications-Paradigmas über Jahrzehnte hinweg geleistet wurde. Rubin (2002) fasst insgesamt sechs Forschungsbereiche zusammen:

1.    die Typologisierung von Mediennutzungsmotiven,

2.    den intermedialen Vergleich von Motiven,

3.    die Erforschung der unterschiedlichen sozialen und psychologischen Umstände der Mediennutzung,

4.    die Bestimmung und Verbesserung der Gütekriterien von Motiv-Erhebungen,

5.    die Untersuchung des Zusammenhangs zwischen erwarteten und erhaltenen Gratifikationen und

6.    den Zusammenhang zwischen Mediennutzung und Medienwirkungen.

Die anfängliche Gratifikationsforschung hat sich vorwiegend der Typologisierung von Mediennutzungsmotiven gewidmet und rein deskriptiv gearbeitet (vgl. Ruggiero, 2000). Es wurde versucht, Motive zu identifizieren und zu katalogisieren. Die dabei am häufigsten verwandte Methode ist der Selbstbericht (Self-Report) von Seiten der Rezipienten (vgl. Becker, 1979), was auf die Annahme zurückzuführen ist, jeder Mensch sei sich seiner Bedürfnisse jederzeit bewusst und in der Lage, diesbezüglich valide Aussagen zu machen. Mit Hilfe von offenen oder geschlossenen Fragen wurde somit in vielen Studien direkt nach den Gründen für die Mediennutzung gefragt. Folgende Motive ließen sich dabei immer wieder identifizieren (Schramm & Hasebrink, 2004):

1.    das Bedürfnis nach Information (Orientierung, Ratsuche, Lernen etc.),

2.    das Bedürfnis nach Unterhaltung (Eskapismus, Entspannung, sexuelle Stimulation etc.),

3.    das Bedürfnis nach persönlicher Identität (Suche nach Verhaltensmodellen, Bestärkung persönlicher Werte etc.) und

4.    das Bedürfnis nach Integration und sozialer Interaktion (Geselligkeitsersatz, Rollenmodell, Gesprächsstoff etc.).

Im Laufe der Zeit ging die Forschung dann aber mehr und mehr über die reine Beschreibung und Kategorisierung von Nutzungsmotiven hinaus und man machte sich stärker auf die Suche nach Erklärungen für und Effekten von Mediennutzungsverhalten. Zudem wurden die Ideen des Uses-and-Gratifications-Ansatzes von einigen Autoren mit anderen Theorien kombiniert (z. B. Joo & Sang, 2013; Shin, 2011) und so weiterentwickelt und für verschiedene Anwendungsbereiche nutzbar gemacht (für weitere Beispiele siehe auch Rubin, 2009). In den vergangenen Jahren erfuhr der Ansatz dann eine Wiederbelebung (West & Turner, 2014), indem vor allem die Gratifikationen neuer Medien in den Blick genommen wurden. So findet sich mittlerweile eine ganze Reihe an Studien zum Beispiel zu den Nutzungsmotiven von Smartphones (Joo & Sang, 2013), SMS (Grellhesl & Punyanunt-Carter, 2012), Online Games (Wu, Wang & Tsai, 2010), Ebooks (Shin, 2011) sowie von Sozialen Netzwerken (Whiting & Williams, 2013) wie Twitter (Chen, 2011), Facebook (Park, Kee & Valenzuela, 2009) und MySpace (Bonds-Raacke & Raacke, 2010).

Kritik

Palmgreen et al. (1985) liefern einen Überblick über bis dato verfügbare Forschungsergebnisse und verwenden diese als Basis für ihr General Media Gratifications Model (Abb. 1.1). Sie merken jedoch an, dass die vorliegenden Studien immer nur einzelne Elemente des Modells in den Blick nehmen und bivariate Zusammenhänge analysieren, die Komplexität des Gegenstandes aber multivariate Verfahren erfordere. »The process may be likened to examining an elephant through a magnifying glass: One may learn much about various parts of the anatomy, but it may be difficult to discern the nature of the beast« (Palmgreen et al., 1985, S. 36).

Des Weiteren wurde an den vorhandenen Studien die vorherrschende Methode der Befragung und die dahinter stehende Charakterisierung des Auswahlverhaltens als »bewusst« kritisiert (vgl. Vorderer, 1992). Die methodischen Bedenken richten sich dabei vor allem auf eine mögliche Rationalisierung des eigenen Verhaltens durch den Probanden und eine damit einhergehende Verzerrung des Self-Reports in Richtung einer sozialen Erwünschtheit (vgl. Schenk, 2002). Palmgreen hat im Jahre 1984 vorgeschlagen »die Arbeitshypothese, wonach sich die Rezipienten ihrer »Medienmotivationen« vollständig bewusst seien, erneut zu überprüfen« (zitiert nach Vorderer, 1992, S. 22).

Nicht nur die Voraussetzung einer »bewussten Nutzung«, sondern auch die einer »aktiven Nutzung« bescherte dem Ansatz kritische Einwände (vgl. Vorderer, 1992). Neben der Tatsache, dass unter den Forschern kein einheitliches Verständnis von einem »aktiven Publikum« vorzufinden ist (vgl. Blumler, 1979), werden durch die Konzentration auf das Individuum weitere Faktoren ausgeblendet, die den Auswahlprozess beeinflussen, wie zum Beispiel gesellschaftliche oder das Angebot betreffende Aspekte (vgl. Elliott, 1974; Schenk, 2002; Sundar & Limperos, 2013). In Bezug auf die Missachtung der Medienseite gibt Schönbach (1984) zum Beispiel zu bedenken, dass die (Suche nach) Bedürfnisbefriedigung häufig viel mehr von den (verfügbaren) Stimuli abhängt als von einem mehr oder weniger aktiven Rezipienten. So geben auch Sundar und Limperos (2013) zu bedenken: »the gratifications that we derive from media need not necessarily be driven by innate needs, but could be triggered by features we experience while using particular media« (S. 510; Hervorhebung im Original). Neben externen Faktoren, die aus der Beschreibung und Erklärung von Auswahlprozessen ausgeklammert werden, ist es laut Vorderer (1992) zudem problematisch, nicht aktive oder nicht bewusste Auswahlprozesse, wie sie zum Beispiel vom Selective-Exposure-Ansatz (Zillmann & Bryant, 1985; vgl. Beitrag zum Selective-Exposure-Ansatz in diesem Band) postuliert werden, aus allen Überlegungen und Untersuchungen auszuschließen.

Einer der wichtigsten Angriffspunkte, der bezüglich des Uses-and-Gratifications-Ansatzes häufig diskutiert wurde, stellt dessen Theorieschwäche dar (vgl. Elliott, 1974; Swanson, 1977; Vorderer, 1992). Sie mündet in einer gewissen theoretischen Beliebigkeit, die es erlaubt, jedes Mediennutzungsverhalten mit jeder Art von Bedürfnis zu kombinieren und zu erklären. Es fehlt der Rückbezug auf eine Theorie menschlicher Bedürfnisse, welche die Zusammenhänge näher beleuchtet und konkretere Vorhersagen zulässt. Der Bedarf an präziseren Aussagen zur Auswahl einzelner Medien(-angebote) wird nicht zuletzt verstärkt durch das Auftreten immer neuer Massenkommunikationsmedien: »As new communication technologies rapidly materialize, the range of possible topics for U&G research also multiplies« (Ruggiero, 2000, S. 28). Obwohl bis dato eine ganze Reihe sogenannter neuer Medien im Lichte des Uses-and-Gratification-Ansatzes untersucht worden sind (s. o.), fehlt es nach wie vor an Konkretisierungen, das heißt an spezifischen Aussagen zur Nutzungsmotivation neuer Medien (Rubin, 2009). Dies mag unter anderem daran liegen, dass auch in neueren Studien immer wieder dieselben abgewandelten Messinstrumente eingesetzt werden und so für neue Medien dieselben Gratifikationen wie bereits für traditionelle Medien untersucht werden (Sundar & Limperos, 2013). Gleichzeitig besteht aber auch die Gefahr, dass mit jedem neuen Medium neue, exklusive Gratifikationen zum Vorschein kommen: »while it is certainly true that different media have different motivations for use, generating typologies with little attempt to integrate them at a broader level may do little to forward uses and gratifications as a meaningful approach« (Krcmar & Strizhakova, 2009, S. 56).

Trotz der vielfältigen Einwände und Desiderata darf der Verdienst des Uses-and-Gratifications-Ansatz allerdings nicht unterschätzt werden. Durch ihn wurde der Blick auf den Rezipienten gelenkt und geschärft – weg von einer stimulusfixierten Black-Box-Forschung hin zu einer umfassenderen Betrachtung der Einflussvariablen im Mediennutzungs- und -wirkungsprozess.

Literatur

 

Atkinson, J. W. (1957). Motivational determinants of risk-taking behavior. Psychological Review, 64, 359–372.

Becker, L. B. (1979). Measurement of Gratifications. Communication Research, 6(1), 54–73.

Blumler, J. G. (1979). The Role of Theory in Uses and Gratifications Studies. Communication Research, 6(1), 9–36.

Bonds-Raacke, J. & Raacke, J. (2010). MySpace and Facebook: Identifying dimensions of uses and gratifications for friend networking sites. Individual Differences Research, 8(1), 27–33.

Chen, G. M. (2011). Tweet this: A uses and gratifications perspective on how active twitter use gratifies a need to connect with others. Computers In Human Behavior, 27(2), 755–762.

Elliott, P. (1974). Uses and Gratifications Research: A Critique and a sociological alternative. In J. G. Blumler & E. Katz (Eds.), The Uses of Mass Communication (pp. 249–268). Beverly Hills: Sage.

Fishbein, M. & Ajzen, I. (1975). Belief, Attitude, Intention and Behavior: An Introduction to Theory and Research. Reading, MA: Addison-Wesley.

Grellhesl, M. & Punyanunt-Carter, N. M. (2012). Using the uses and gratifications theory to understand gratifications sought through text messaging practices of male and female undergraduate students. Computers In Human Behavior, 28(6), 2175–2181.

Herzog, H. (1940). Professor Quiz: A Gratification Study. In P. F. Lazarsfeld (Ed.), Radio and the printed page (pp. 64–93). New York: Duell, Sloan and Pearce.

Jäckel, M. (2005). Medienwirkungen. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Joo, J. & Sang, Y. (2013). Exploring koreans’ smartphone usage: An integrated model of the technology acceptance model and uses and gratifications theory. Computers In Human Behavior, 29(6), 2512–2518.

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Katz, E., Blumler, J. G. &Gurevitch, M. (1974). Utilization of Mass Communication by the individual. In J. G. Blumler & E. Katz (Eds.), The Uses of Mass Communication (pp. 19–32). Beverly Hills: Sage.

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Lazarsfeld, P. F. &Stanton, F. N. (1941). Radio Research, 1941. New York: Duell, Sloan & Pearce.

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Selective Exposure

Stephan Winter

Worum geht es?

Ob beim Blick ins Zeitschriftenregal, beim »Zapping« durch verschiedene TV-Sender oder beim Surfen im Internet: Jederzeit stehen Mediennutzer vor einer (oft unerschöpflichen) Vielzahl an Inhalten, mit denen sie sich beschäftigen könnten, so dass allein die schiere Menge dazu führt, dass eine Auswahl getroffen werden muss. Selektion ist damit Grundvoraussetzung und fester Bestandteil jeglicher Form von Mediennutzung (Eilders, 1999). Die Beschäftigung mit der Frage, welche Inhalte von Rezipienten bevorzugt ausgewählt und welche eher vermieden werden, kann somit als zentral für die Analyse von Medienwirkungen gelten, da diese nur zustande kommen können, wenn Rezipienten den entsprechenden Botschaften tatsächlich ausgesetzt sind.

Der Grundstein für die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit medialem Selektionsverhalten wurde von Lazarsfeld, Berelson und Gaudet (1944) gelegt (»Exposure is always selective«, S. 164): In einer Befragung zur US-Präsidentschaftswahl fanden sie heraus, dass sich Personen vor allem den Wahlkampf-Informationen der von ihnen bereits bevorzugten Partei aussetzen. Unter dem Schlagwort Selective Exposure (selektive Zuwendung) werden seitdem die Kriterien, nach denen Mediennutzer mediale Angebote zur näheren Rezeption auswählen, untersucht.

Zillmann und Bryant (1985) beschreiben Selective Exposure zunächst allgemein als Prozess der Informationsauswahl, in dem Rezipienten aus der Vielzahl an verfügbaren Reizen bestimmten Stimuli Aufmerksamkeit widmen und diese näher betrachten. Wie Donsbach (1991) erläutert, finden Selektionshandlungen auf allen Ebenen der Mediennutzung statt – sowohl in der präkommunikativen Phase vor der eigentlichen Nutzung, z. B. beim Kauf einer bestimmten Zeitschrift, als auch in der kommunikativen Phase, wenn bestimmte Artikel zum genaueren Lesen ausgewählt werden. In einem breiteren Verständnis kann auch die selektive Erinnerung an bestimmte Inhalte nach der Mediennutzung als Auswahlhandlung aufgefasst werden. In der Selective-Exposure-Forschungstradition wird vor allem die Auswahl medialer Informationen (im Gegensatz zu rein unterhaltenden Inhalten, die von Rezipienten beispielsweise ausgewählt werden, um sich in eine bessere Stimmung zu versetzen, vgl. Beitrag zu Mood Management) betrachtet.

Darstellung der Annahmen

In ihrem einflussreichen Werk »Selective Exposure to Communication« heben Zillmann und Bryant (1985) hervor, dass die Auswahl medialer Inhalte sowohl von Prädispositionen des Nutzers (z. B. Einstellungen und Persönlichkeitseigenschaften) als auch von der spezifischen Nutzungssituation (z. B. aktuelle Stimmung oder Ziele der Informationssuche) abhängen kann. Diese Faktoren (und insbesondere deren Interaktionen mit Merkmalen der verfügbaren Inhalte) sorgen in der Regel dafür, dass sich die Aufmerksamkeit der Rezipienten nicht gleichmäßig auf alle Inhalte verteilt, sondern bestimmte Muster von Publikumspräferenzen zum Tragen kommen (Sears & Freedman, 1967). Im Gegensatz zum Uses-and-Gratifications-Ansatz (vgl. Beitrag in diesem Band) wird im Rahmen des Selective-Exposure-Paradigmas davon ausgegangen, dass sich Mediennutzer ihrer Selektionsentscheidungen nicht immer vollständig bewusst sind (vgl. Knobloch-Westerwick, 2015), sondern Inhalte auch spontan und ohne größeres Nachdenken zur näheren Rezeption auswählen.

Eine zentrale Annahme der klassischen Selective-Exposure-Forschung besteht darin, dass sich Personen Medieninhalten zuwenden, die ihren bereits bestehenden Einstellungen und Überzeugungen entsprechen. Jemand, der die Todesstrafe ablehnt, würde beispielsweise häufiger Inhalte zur Rezeption auswählen, in denen Exekutionen als unmenschlich beschrieben werden, und Artikel, in denen für die Todesstrafe argumentiert wird, vermeiden. Dieses Muster des einstellungskonsistenten Selective Exposure (Confirmation Bias) wurde bereits in der Pionierstudie von Lazarsfeld et al. (1944) beschrieben und später mit der Dissonanztheorie von Festinger (1957) in Verbindung gebracht: Aus der Grundannahme, dass Menschen nach einem Gleichgewicht in ihren Kognitionen streben, wurde abgeleitet, dass Informationen, die dem eigenen Weltbild entsprechen, bevorzugt werden (z. B. um bestehende Dissonanzen zu reduzieren) und widersprechende Informationen, die Dissonanzen auslösen könnten, weitgehend vermieden werden. Folgt man dieser Annahme, wäre der Einfluss der Medien stark begrenzt (Klapper, 1960): Wenn Informationen, die der eigenen Einstellung widersprechen, nicht rezipiert werden, wäre es kaum möglich, die Meinung der Bevölkerung entscheidend zu beeinflussen – stattdessen würden Massenmedien allenfalls zu einer Verstärkung bestehender Einstellungen führen.

Ein breiteres theoretisches Modell von Atkin (1973) sagt eine Auswahlhandlung voraus, wenn der erwartete Nutzen einer Information (Informational Utility) höher ist als die erwarteten Kosten bzw. der erwartete Aufwand. Unterschieden wird hierbei zwischen der konkreten Informationssuche, bei der eine spezifische Frage im Vordergrund steht, und dem Zustand einer generellen Empfänglichkeit für neue Informationen, ohne dass ein spezifisches Ziel vorliegt. Eine Information kann laut Atkin nützlich sein, wenn sie dem Empfänger dabei hilft, das Geschehen in seiner Umwelt zu interpretieren, bestehende Unsicherheiten zu reduzieren oder seine eigenen Überzeugungen zu verteidigen. Während der letzte Punkt mit den dissonanztheoretischen Überlegungen in Verbindung steht, kann aus Atkins Modell abgeleitet werden, dass Inhalte zu Ereignissen, die mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit eintreten und für den Rezipienten relevant werden, aufgesucht werden (Knobloch, Patzig & Hastall, 2002) – auch wenn sie möglicherweise den bisherigen Einstellungen des Rezipienten widersprechen.

Typische Methodik

Mediales Selektionsverhalten kann durch Befragungen der Rezipienten, durch Auswahlszenarien oder durch Beobachtungen der Mediennutzung erfasst werden.

In Fragebögen wird typischerweise erhoben, wie oft Personen bestimmte Medienangebote konsumieren, und anschließend ermittelt, ob diese Muster mit ihren Einstellungen oder Persönlichkeitseigenschaften in Verbindung stehen. In einer repräsentativen Befragung untersuchten Gil de Zuñiga, Correa und Valenzuela (2012) beispielsweise den Zusammenhang zwischen Parteipräferenz und der Nutzung von US-Nachrichtensendern.

In sozialpsychologischen Studien zur Selektion nach Entscheidungen (z. B. nachdem Versuchspersonen aus einer Reihe von Optionen eine vorläufige Entscheidung für ein Produkt getroffen haben) stehen in einem Auswahlszenario oft Kurzzusammenfassungen von Texten zur Verfügung: Die Teilnehmenden kreuzen dabei diejenigen Artikel an, die sie gern ausführlicher lesen würden (vgl. Hart et al., 2009). Erkenntnisse aus diesen Szenarien lassen sich nicht immer ohne Weiteres auf Mediennutzung übertragen – einige Studien mit dieser Methodik setzen hingegen auch Medienprodukte als Stimuli ein. So zeigten Jonas, Graupmann, Fischer, Greitemeyer und Frey (2003) Kurzzusammenfassungen von Zeitungsartikeln, die sich entweder positiv oder negativ zur Politik von CDU und SPD positionierten. Die Art der Information (z. B. pro vs. contra) wird typischerweise als Within-Subject-Faktor variiert (d. h. jeder Versuchsperson stehen unterschiedliche Arten von Inhalten gleichzeitig zur Verfügung), während Eigenschaften der Person (z. B. ihre Einstellung zu einem spezifischen Thema oder ihre politische Richtung) vorher erfragt (oder seltener als Between-Subject-Faktor experimentell variiert) werden.

Stärker auf realistische Szenarien der Mediennutzung bezogen, setzte Donsbach (1991) in einer Untersuchung zum Leseverhalten in Tageszeitungen sogenannte Copy-Tests ein: Dabei wurden den Lesern nach der Rezeption Kopien aus Zeitungen vorgelegt, anschließend gaben die Teilnehmenden an, welche Texte sie davon gelesen hatten.

Neuere Untersuchungsmethoden, insbesondere in computergestützten Settings, ermöglichen bereits während der Rezeption eine Aufzeichnung der konkreten Mediennutzung, etwa per automatischer Erfassung des Klickverhaltens auf Online-Nachrichtenseiten (z. B. Knobloch-Westerwick & Meng, 2009). Da diese nicht von der möglicherweise verzerrten Erinnerung an eigene zurückliegende Auswahlentscheidungen betroffen sind, bieten solche non-reaktiven Messverfahren oder Beobachtungsstudien Vorteile gegenüber reinen Befragungen.

Zentrale empirische Befunde

Nach der Pionierstudie von Lazarsfeld et al. (1944) konnte die Bevorzugung einstellungskonsistenter Inhalte in verschiedenen Studien empirisch gestützt werden, es gab jedoch auch gegenteilige Befunde, so dass Freedman und Sears (1965) in einem ersten Überblicksartikel zu einer kritischen Einschätzung der Gültigkeit der dissonanztheoretischen Hypothese zum Confirmation Bias gelangten. Neuere Meta-Analysen kommen hingegen zu dem Schluss, dass es einen schwachen, aber signifikanten Zusammenhang zwischen persönlichen Überzeugungen und der Richtung der ausgewählten Informationen gibt (z. B. Hart et al., 2009), wobei in den betrachteten Studien vielfach die Situation der Informationsauswahl nach Entscheidungen und weniger typische Mediennutzung betrachtet wurde. Studien mit konkreten Medienstimuli, etwa die oben genannte Studie zum Selektionsverhalten von Tageszeitungslesern (Donsbach, 1991), entsprechen aber ebenfalls dem Muster, dass es eine (eher geringe, aber nachweisbare) Bevorzugung von konsonanten Informationen gibt. Ähnliches zeigte sich auch bei der Selektion von Online-Nachrichten (Knobloch-Westerwick & Meng, 2009). Ebenso wurden Zusammenhänge zwischen politischen Präferenzen und der Nutzung von Fernsehsendern, die eher dem konservativen oder dem linken Spektrum entsprechen, aufgezeigt (Gil de Zuñiga et al., 2012; Stroud, 2008). Neuere Untersuchungen beschäftigen sich vor allem mit Moderatoren des Confirmation Bias: So konnte beispielsweise gezeigt werden, dass die Tendenz zur Auswahl einstellungskonsistenter Medieninhalte höher ist, wenn Versuchspersonen unter Zeitdruck stehen oder erwarten, sich anschließend zu ihrer Meinung äußern zu müssen (Smith, Fabrigar, Powell & Estrada, 2007), oder wenn das spezifische Thema besonders stark mit ihrem Weltbild verbunden ist und eine hohe Wichtigkeit besitzt (Westerwick, Kleinman & Knobloch-Westerwick, 2013).

Im Sinne des Information-Utility-Ansatzes (Atkin, 1973) wurde der Geltungsbereich der dissonanztheoretischen Hypothese insofern eingeschränkt, als Situationen entdeckt wurden, in denen auch Inhalte aufgesucht werden, die nicht mit den eigenen Überzeugungen übereinstimmen: Dies war in der Studie von Donsbach (1991) insbesondere dann der Fall, wenn ein Artikel von der journalistischen Aufmachung her als wichtig gekennzeichnet wurde. Ebenso zeigte sich, dass Wähler, die eine Niederlage ihrer bevorzugten Partei bei der nächsten Wahl erwarten, auch offen für Informationen der gegnerischen Partei sind (Knobloch-Westerwick & Kleinman, 2011) und Personen, für die eine wissenschaftliche Debatte persönlich relevant ist, häufiger ausgewogene Nachrichten (sowohl mit Pro- als auch mit Contra-Informationen) auswählen (Winter & Krämer, 2012). Diese Befunde können dahingehend interpretiert werden, dass bei hoher Nützlichkeit oder hohem Nachrichtenwert (Eilders & Wirth, 1999) die Schranken der selektiven Auswahl überwunden werden. Im Gegensatz zu Klappers Annahme der wirkungsschwachen Medien (1960) würde dies bedeuten, dass Medien durchaus stärkere Effekte auf die Meinung der Bevölkerung ausüben könnten.

Unabhängig von der Einstellungskonsistenz oder Relevanz der Informationen befassen sich neuere Studien auch mit stärker selbstbezogenen Zielen, die Personen mit selektiver Zuwendung zu Informationen verfolgen können, etwa eine Verbesserung des Selbstwertgefühls. So konnte gezeigt werden, dass jüngere Leser Nachrichten, in denen Protagonisten der eigenen Altersgruppe positiv dargestellt werden, bevorzugen und negative Nachrichten über die eigene Altersgruppe vermeiden – darüber hinaus wählen Rezipienten im Sinne eines sozialen Vergleichs häufiger Nachrichten mit Protagonisten des eigenen Geschlechts (Knobloch-Westerwick & Hastall, 2006; 2010). Mit Bezug auf gesundheitsrelevante Verhaltensänderungen fanden Knobloch-Westerwick und Sarge (2015) am Beispiel von Texten zu gesunder Ernährung heraus, dass Artikel mit Fallbeispielen (betroffenen Personen) länger als Artikel mit statistischen Informationen gelesen werden. Darüber hinaus zeigten sich Effekte auf späteres Verhalten: Wer im Experiment entsprechende Texte gelesen hatte, gab in einer späteren Befragung häufiger an, im Alltag auf seine Ernährung geachtet zu haben.

Kritik

Kritisiert werden kann, dass die Faktoren, die das Auftreten eines Confirmation Bias verstärken oder abschwächen können, bislang nicht umfassend systematisiert worden sind. Zwar gibt es mittlerweile viele Belege für die Existenz einer solchen Präferenz, doch gibt es zum Teil unklare Befunde zu Moderatoren wie persönlicher Relevanz, Zeitdruck, Art der dargestellten Informationen, aktueller Stimmung und kognitiver Belastung (vgl. Smith, Fabrigar & Norris, 2008), die sich nur schwer mit einer übergreifenden Theorie verbinden lassen. Unklar ist außerdem, ob der zugrundeliegende Mechanismus tatsächlich auf Reduzierung bzw. Vermeidung von kognitiver Dissonanz beruht. Alternativerklärungen führen beispielsweise an, dass sich Rezipienten in ihrer Glaubwürdigkeitseinschätzung von ihrer eigenen Meinung beeinflussen lassen und demnach einstellungskonsistente Inhalte als glaubwürdiger einschätzen (Flanagin & Metzger, 2014) – eine Präferenz für konsistente Inhalte könnte demnach auch auf vorläufige Glaubwürdigkeitsbeurteilungen und weniger auf Dissonanz zurückzuführen sein.

Aus methodischer Sicht ist anzumerken, dass Selective-Exposure-Experimente selten reale Medienstimuli einsetzen und vielfach in Szenarien, die von natürlichen Situationen der Mediennutzung abweichen, durchgeführt wurden. Untersuchungen mit Umfrage-Daten sind dagegen durch möglicherweise verzerrte Erinnerungen an zurückliegende Mediennutzung begrenzt. Während sich die Selective-Exposure-Forschung bislang auf die Frage, ob oder unter welchen Umständen ein Confirmation Bias zustande kommt, konzentrierte, gibt es weniger Erkenntnisse zu den Auswirkungen, die eine solche Informationsauswahl auf Rezipienten hat (z. B. eine Festigung oder Polarisierung bestehender Überzeugungen, vgl. Donsbach & Mothes, 2012), ebenso sind Erkenntnisse zu weiteren Einflussfaktoren der Selektion rar. Neuere Ansätze (z. B. Knobloch-Westerwick, 2015) heben in diesem Sinne nicht nur das Streben nach Konsistenz, sondern auch das Streben nach einer Erhöhung des Selbstwerts oder nach einer Verbesserung der eigenen Fähigkeiten als zentrale Motivationen der Selektion medialer Informationen hervor.

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Mood Management

Lisa Aelker

Worum geht es?

Die Mood-Management-Theorie von Zillmann (1988a, 1988b) soll die Frage beantworten, welchen Medienangeboten sich Menschen aus welcher Motivation heraus zuwenden. Der Fokus richtet sich dabei auf Stimmungszustände, die in diesem Forschungskontext sowohl als Ursache als auch als Wirkung von Mediennutzung verstanden und analysiert werden. Als allgemeinere theoretische Grundlage des Mood-Management-Konzepts kann der Selective-Exposure-Ansatz von Zillmann und Bryant (1985) verstanden werden (vgl. Schramm, 2005; vgl. Beitrag zu Selective Exposure in diesem Band). So wurden die Grundannahmen der Mood-Management-Theorie zunächst in dem Buch Selective exposure to communication (Zillmann & Bryant, 1985) veröffentlicht. Zu diesem Zeitpunkt noch als »theory of affect-dependent stimulus arrangement« bezeichnet, wurde die Mood-Management-Theorie drei Jahre später ausführlich und unter ihrem heutigen Namen von Zillmann (1988a, 1988b) vorgestellt.

Darstellung der Annahmen

Laut Zillmann (1988a, 1988b) sind Menschen jederzeit bestrebt, positive Stimmungen zu maximieren und negative Stimmungen zu minimieren. Um dieses Ziel zu erreichen, beeinflussen und nutzen sie häufig Stimuli aus ihrer Umwelt. Medienangebote stellen Außenreize dar, die relativ leicht zugänglich und kontrollierbar sind. Sie eignen sich daher besonders gut zum Stimmungsmanagement. Medienauswahl und -nutzung sind entsprechend dieser Funktion als abhängig von der jeweiligen Verfassung des Rezipienten zu verstehen und dienen in erster Linie der Regulation von physiologischen und emotionalen Zuständen. Präferenzen bei der Auswahl von Medienangeboten entstehen dabei laut Zillmann (1988a, 1988b) durch operante Konditionierung: Zunächst werden Medienangebote zufällig ausgewählt. Stellt sich im Verlauf der Rezeption heraus, dass sie der Aufrechterhaltung oder weiteren Verbesserung von positiver Stimmung oder der Verminderung oder Beendigung von schlechter Stimmung dienen, erhöht sich damit die Wahrscheinlichkeit, dass unter ähnlichen Umständen auf dasselbe oder ein vergleichbares Medienangebot zurückgegriffen wird. Ausgangspunkt ist dabei die Überlegung, dass man sich in einer vergleichbaren Situation an die früheren Effekte eines Medienangebotes erinnert und darauf basierend bewusste oder unbewusste Auswahlentscheidungen trifft. Im Vergleich zu anderen Modellen wie zum Beispiel dem Uses-and-Gratifications-Ansatz (vgl. Beitrag zum Uses-and-Gratifications-Ansatz in diesem Band), wird nicht davon ausgegangen, dass sich die Rezipienten ihren Nutzungsmotiven in jeder Situation bewusst sind. Im Gegenteil wird betont, dass die meisten Auswahlprozesse unbewusst ablaufen (Zillmann, 1988a, 1988b).

Zillmann (1988a) formuliert konkrete Hypothesen bezüglich einer solchen stimmungsabhängigen Medienauswahl. Vier Faktoren bzw. Eigenschaften des Medienangebotes werden dabei als zentral angesehen:

1.    Die hedonische ValenzEs wird angenommen, dass die hedonische Valenz, also in diesem Fall die Unterhaltungsqualität eines Umweltreizes, die Qualität des Affektes bestimmt. Demnach erzeugen hedonisch negative Reize negative Emotionen, wohingegen hedonisch positive Reize die Stimmung eines Menschen positiv beeinflussen. Daraus leitet Zillmann (1988a) die Hypothese ab, dass Individuen in akut aversiven Zuständen eher Medienangebote mit hedonisch positiver Valenz auswählen. In positiver Verfassung zeigt sich diese Tendenz hingegen weniger oder gar nicht.

2.    Das ErregungspotenzialMedienangebote werden von Menschen auch ausgewählt, um ihr aktuelles Erregungsniveau zu regulieren und zu normalisieren. Grundannahme hierbei ist, dass ein mittleres Erregungsniveau als angenehm empfunden wird. Befinden sich Menschen durch zu hohe Erregung in einem unangenehmen Spannungszustand, so setzen sie sich potenziell beruhigenden Medienangeboten aus, um die Erregung auszugleichen und auf ein angenehmes Niveau zu bringen. Sind sie stattdessen unterstimuliert und befinden sich in einem Zustand der Langeweile, was ebenfalls als aversiver Spannungszustand empfunden wird, so wählen und rezipieren sie potenziell anregende Medienangebote.

3.    Das AbsorptionspotenzialUnter dem Absorptionspotenzial eines Medienangebotes ist dessen Fähigkeit zu verstehen, Kognitionen zu unterbrechen und einen Menschen somit in seinem anfänglichen Erleben zu stören. Zillmann (1988a, 1988b) vermutet, dass in akut aversiven Zuständen Medienangebote ausgewählt werden, die über ein möglichst hohes Absorptionspotenzial verfügen, um negative Emotionen abzuschwächen. Im Gegensatz dazu sind Menschen bestrebt, positive Stimmungen beizubehalten, und werden sich daher in entsprechender Verfassung eher weniger absorbierenden Programmen aussetzen. Diese Voraussagen relativieren sich jedoch im Hinblick auf das vierte Angebotsmerkmal, welches die Programmauswahl beeinflusst.

4.    Die semantische AffinitätAuch die Ähnlichkeit zwischen Medienangebot und Stimmung entscheidet mit darüber, ob der Rezipient ein Angebot nutzt oder nicht. Negative Stimmung hat zur Folge, dass ein Programm ausgewählt wird, welches möglichst wenig semantische Affinität zum aktuellen Stimmungszustand aufweist. Dagegen wird bei positiver Stimmung auf ein Angebot zurückgegriffen, welches möglichst viele Parallelen zum emotionalen Zustand aufweist, auch wenn es sich dabei um ein stark absorbierendes Programm handelt.

Typische Methodik und zentrale empirische Befunde

Zillmann und Mitarbeiter haben vor allem in experimentellen Laborstudien versucht, die Hypothesen zur stimmungsabhängigen und stimmungsregulierenden Auswahl und Nutzung von Medienangeboten zu prüfen. Entsprechend ihrer Vermutung, dass sich Menschen ihrer Bedürfnisse und Motive in vielen Situationen nicht bewusst sind, verzichteten sie dabei auf Befragungen und Selbsteinschätzungen von Seiten der Untersuchungsteilnehmer. Stattdessen induzierten sie experimentell verschiedene Stimmungen oder erschlossen den Stimmungszustand aus Situationsinformationen und erfassten den Umgang der Versuchspersonen mit verschiedenen Fernsehprogrammen, welche jeweils spezifische Attribute aufwiesen (z. B. ein besonders hohes oder niedriges Erregungs- oder Absorptionspotenzial).

Um die Aussagen der Mood-Management-Theorie in Bezug auf eine erwünschte Erregungsneutralisation durch Mediennutzung zu testen, führten Zillmann und Bryant (1984) ein Experiment durch, in dem die Versuchspersonen zunächst künstlich in unangenehme Erregungszustände versetzt wurden. Ein geringes Erregungsniveau (Langeweile) wurde bei einem Teil der Probanden durch eine sehr anspruchslose, monotone Aufgabe herbeigeführt. Ein anderer Teil der Versuchspersonen wurde durch eine Prüfungssituation und Leistungsdruck in Stress versetzt. In einer angeblichen Überbrückungspause gab man den Versuchspersonen im Anschluss die Möglichkeit fernzusehen. Das Erregungspotenzial der einzelnen Programme wurde in einem Pretest von Personen in homöostatischem Erregungszustand, also von weder gestressten noch gelangweilten Personen, eingeschätzt. Auf Grund dieser Beurteilung konnten drei aufregende und drei entspannende Programme identifiziert und für das Hauptexperiment ausgewählt werden. Erfasst wurden die Auswahl der Programme und die jeweilige Verweildauer.

Die Resultate der Untersuchung zeigten einerseits, dass die unterstimulierten Personen signifikant mehr aufregendes Material rezipierten als die hochgradig stimulierten Personen, während Letztere sich signifikant länger beruhigenden Inhalten aussetzten als die unterstimulierten Personen. Betrachtet man die einzelnen Personengruppen, so zeigt sich nur bei den unterstimulierten Personen ein hypothesenkonformes Bild: Sie wandten sich stark dem anregenden Material zu und mieden die beruhigenden Programme. Die stark erregten Personen dagegen setzten sich den beruhigenden und den erregenden Programmen in gleichem Maße aus. Dass das beruhigende Material auch von gestressten Versuchsteilnehmern in einem unerwartet geringen Umfang ausgewählt wurde, versuchten Zillmann und Bryant (1984) mit dem jungen Alter der Probanden zu erklären, in welchem derartige Programme angeblich als unattraktiv angesehen und somit generell gemieden werden.

In einer Studie von Meadowcroft und Zillmann (1987) wurde untersucht, ob Menschen Medienangebote tatsächlich abhängig von der hedonischen Valenz und ihrer aktuellen Stimmung auswählen. Letztere wurde bei ausschließlich weiblichen Versuchsteilnehmern anhand des Menstruationszyklus ermittelt. Diesem Vorgehen liegt die Annahme zugrunde, dass Frauen sich während der prämenstruellen und menstruellen Phase in einer emotional schlechteren Verfassung befinden als in der übrigen Zeit und daher ein stärkeres Bedürfnis nach Aufheiterung empfinden. Eine ganz ähnliche Vorgehensweise findet sich auch bei Helregel und Weaver (1989), die schwangere Frauen und junge Mütter untersuchten und einen bedeutsamen Zusammenhang zwischen hormonell bedingten Stimmungszuständen und der Zuwendung zu Comedy-Formaten berichteten. Tatsächlich bestätigten auch die Ergebnisse von Meadowcroft und Zillmann (1987) die Hypothese, dass vor und während der Menstruation zumeist Comedy-Formate gewählt werden. Allerdings wurde das Comedy-Genre auch schon vor der prämenstruellen Phase relativ häufig präferiert. Das wurde damit erklärt, dass Frauen sich angeblich schon in Anbetracht der Vorstellung dessen, was ihnen unmittelbar bevorsteht, quasi »präventiv« aufheiternden Programmen aussetzen.

Auch in anderen Studien zum Mood Management durch Nutzung von Comedy-Formaten offenbarten sich Unklarheiten. In einer Untersuchung von Zillmann, Hezel und Medoff (1980) konnten zum Beispiel keine stimmungsabhängigen Unterschiede in der Auswahl von Comedy-Sendungen gefunden werden. Es stellte sich jedoch heraus, dass es sich beim Inhalt des Stimulusmaterials um feindselige Comedy handelte. Somit führten die Autoren die von den Annahmen abweichenden Effekte bei negativer Stimmung auf die semantische Affinität zwischen Inhalt und Stimmung zurück. Nicht ausreichend erklärt werden konnte dagegen das Ergebnis von Medoff (1979), dass sich Männer in schlechter Stimmung nicht für Comedy-Formate interessieren (vgl. Zillmann, 1988b).

Zillmann und Mitarbeiter haben in verschiedenen Untersuchungen auch ihre Annahmen zur Medienwirkung auf Stimmungen (bzw. Erregungszustände) überprüft (z. B. Bryant & Zillmann, 1977; Zillmann, Hoyt & Day, 1974; Zillmann & Johnson, 1973; für einen ausführlichen Überblick siehe Zillmann, 1988a). Dabei haben Zillmann und Bryant (1984) zum Beispiel in einer Studie zur Erregungsregulation durch erotische Stimuli festgestellt, dass Individuen sich an erregende Angebote gewöhnen und ihr Auswahlverhalten entsprechend anpassen.

Die meisten empirischen Ergebnisse zur Überprüfung der Mood-Management-Theorie resultieren aus sehr künstlichen Laborsituationen, die der Komplexität von tatsächlichen Alltagssituationen nicht gerecht werden. In einer Reihe von Feldstudien wurde daher versucht, die Ergebnisse unter ökologisch valideren Bedingungen zu replizieren (Donsbach & Tasche, 1999; Schmitz & Lewandrowski, 1993; Schramm, 2005; Pisinger, 2003). Dazu gehören laut Schmitz und Lewandrowski zum Beispiel »die Situation zu Hause, das reale Angebot der Fernsehanstalten und die übliche Rezeptionsdauer« (1993, S. 71). Zudem kamen in diesen Untersuchungen Tagebücher und Befragungen zum Einsatz. Abgesehen von der ungeklärten Frage, ob Selbstauskünfte von Seiten der Probanden tatsächlich zu valideren Resultaten führen (vgl. Schramm, 2005), wurden die Annahmen der Mood-Management-Theorie in den meisten dieser Studien nicht oder nur teilweise bestätigt.

Kritik

Auch wenn sich durch die Mood-Management-Theorie insgesamt viele Untersuchungsergebnisse vorhersagen und erklären lassen, so stößt ihre Aussagekraft doch an Grenzen. So stellt es zum Beispiel ein Problem dar, dass Medienangebote viele verschiedene Charakteristika in sich vereinen, die sich zum einen wechselseitig beeinflussen und zum anderen in verschiedenem Maße und abhängig von ihrer Kombination unterschiedliche Effekte herbeiführen (Zillmann, 1988a). Die konkrete Zuordnung von Attributen und Effekten und eine damit einhergehende Vorhersage der Mediennutzung sind also in vielen Fällen nur sehr schwer möglich.

Weitere Zuordnungsprobleme entstehen durch konkurrierende Umwelteinflüsse. Zillmann (1988a) selbst weist darauf hin, dass nicht nur Medien(-inhalte) zur Stimmungsregulation genutzt werden, sondern auch alternative Angebote, wie zum Beispiel Sport oder der Konsum von Drogen. Zudem gibt er an, dass auch das soziale Umfeld das Stimmungsmanagement und Auswahlverhalten beeinflusst.

Auf die Tatsache, dass sich die Mood-Management-Forschung zunächst sehr einseitig dem Fernsehen gewidmet hat, hat man bereits reagiert und die Forschungsarbeit auf weitere Medien ausgeweitet, z. B. auf Musik (z. B. Day, 1980; Knobloch & Zillmann, 2002; Schramm, 2005; Wünsch, 2001) und auf Computerspiele (z. B. Ferguson & Rueda, 2010; Park, 2007; Reinecke, Tamborini, Grizzard, Lewis, Eden & Bowman, 2012).

Ein weiterer Faktor, der in der Mood-Management-Forschung stärker berücksichtigt werden muss, sind interindividuelle Präferenzen (vgl. Oliver, 2003; Schramm, 2005; Zillmann, 2000), zum Beispiel in Bezug auf ein optimales bzw. angenehmes Erregungsniveau (s. o.). Auch Geschlechterunterschiede (Masters, Ford & Arend, 1983; Medoff, 1979) oder altersabhängige Unterschiede zum Beispiel hinsichtlich bestimmter Genrepräferenzen sollten mehr Beachtung finden. Insgesamt müssen die Motive der Rezipienten also differenzierter betrachtet und untersucht werden, anstatt sie unmittelbar aus vordergründigen Medieneigenschaften zu erschließen.

Auch wenn die Mood-Management-Theorie bereits als »empirisch gut bestätigt« (Schramm, 2005, S. 35) betrachtet (vgl. auch Oliver, 2003) und ihre empirische Bestätigung sogar als »durchaus beeindruckend« (Vorderer, 2004, S. 550) bezeichnet wurde, so sprechen die neueren Ergebnisse doch für eine Erweiterung bzw. Differenzierung des Konzeptes. Eine solche sollte nicht zuletzt auch eine Erklärung für die Nutzung trauriger Filme (Oliver, 1993, 2003; vgl. Beitrag zum Sad-Film-Paradoxon in diesem Band), trauriger Musik oder spannender Filme (vgl. Vorderer, 2003) liefern, da die freiwillige Rezeption von derartig belastendem Material bisher nicht mit den Aussagen der Mood-Management-Theorie vereinbar sind.

Literatur

 

Bryant, J. &Zillmann, D. (1977). The mediating effect of the intervention potential of communications on displaced aggressiveness and retaliatory behavior. In B. D. Ruben (Ed.), Communication yearbook 1 (pp. 291–306). New Brunswick, NJ: ICA-Transaction Press.

Day, K. D. (1980). The effect of music differing in excitatory potential and hedonic valence on provoked aggression. Doctoral dissertation, Indiana University.

Donsbach, W. & Tasche, K. (1999). When mood management fails: a field study on the relationship between daily events, mood and television viewing. Paper presented at the ICA 1999, San Francisco.

Ferguson, C. J. & Rueda, S. M. (2010). The Hitman study: Violent video game exposure effects on aggressive behavior, hostile feelings, and depression. European Psychologist, 15(2), 99–108.

Helregel, B. K. & Weaver, J. B. (1989). Mood Management during pregnancy through Selective Exposure to television. Journal of Broadcasting & Electronic Media, 33(1), 15–33.

Knobloch, S. & Zillmann, D. (2002). Mood Management via the digital jukebox. Journal of Communication, 52(2), 351–366.

Masters, J. C., Ford, M. E. & Arend, R. A. (1983). Children’s strategies for controlling affective responses to aversive social experience. Motivation and Emotion, 7, 103–116.

Meadowcroft, J. M. & Zillmann, D. (1987). Women’s comedy preferences during the menstrual cycle. Communication research, 14, 204–218.

Medoff, N. J. (1979). The avoidance of comedy by persons in a negative affective state: a further study in selective exposure. Doctoral Dissertation, Indiana University.

Oliver, M. B. (1993). Exploring the paradox of the enjoyment of sad films. Human Communication Research, 19(3), 315–342.

Oliver, M. B. (2003). Mood Management and Selective Exposure. In J. Bryant, D. Roskos-Ewoldsen & J. Kantor (Eds.), Communication and emotion: Essays in Honor of Dolf Zillmann (pp. 85–106). Mahwah, NJ: Lawrence Erlbaum.

Park, Y. (2007). The effect of media interactivity on mood regulation: An experimental study. Doctoral Dissertation, Florida State University.

Pisinger, E. (2003). In the mood. Magisterarbeit, Ludwig-Maximilians-Universität München. Verfügbar unter: http://epub.ub.uni-muenchen.de/archive/00000377/01/MA_Pisinger_Eva.pdf [01.02.2008]

Reinecke, L., Tamborini, R., Grizzard, M., Lewis, R., Eden, A. & Bowman, N. D. (2012). Characterizing mood management as need satisfaction: The effects of intrinsic needs on selective exposure and mood repair. Journal Of Communication, 62(3), 437–453.

Schmitz, B. & Lewandrowski, U. (1993). Trägt das Fernsehen zur Regulierung von Stimmungen bei? Intraindividuelle Analysen zur »Moodmanagement«-Hypothese auf der Grundlage eines dynamisch-transaktionalen Modells. Medienpsychologie,5(1), 64–84.

Schramm, H. (2005). Mood Management durch Musik. Köln: Herbert von Halem.

Vorderer, P. (2003). Entertainment theory. In J. Bryant, D. Roskos-Ewoldsen & J. Kantor (Eds.), Communication and emotion: Essays in Honor of Dolf Zillmann (pp. 131–153). Mahwah, NJ: Lawrence Erlbaum.

Vorderer, P. (2004).Unterhaltung. In R. Mangold, P. Vorderer & G. Bente (Hrsg.), Lehrbuch der Medienpsychologie (S. 543–564). Göttingen: Hogrefe.

Wünsch, C. (2001). Musik für jede Stimmungslage. Wissenschaftliche Zeitschrift der Technischen Universität Dresden, 50(1/2), 40–46.

Zillmann, D. (1988a). Mood management: Using entertainment to full advantage. In L. Donohew, H. Sypher & E. T. Higgins (Eds.), Communication, Social Cognition and Affect (pp. 147–171). Hillsdale, NJ: Lawrence Erlbaum.

Zillmann, D. (1988b). Mood management through communication choices. American Behavioral Scientist, 31, 327–340.

Zillmann, D. (2000). Mood management in the context of selective exposure theory. In M. E. Roloff (Ed.), Communication yearbook, 23 (pp. 103–123). Thousand Oaks, CA: Sage.

Zillmann, D. &Bryant, J. (1984). Effects of massive exposure to pornography. In N. M. Malamuth & E. Donnerstein (Eds.), Pornography and sexual aggression (pp. 115–138). Orlando, FL: Academic Press.

Zillmann, D. &Bryant, J. (1985). Selective-Exposure Phenomena. In D. Zillmann & J. Bryant (Eds.), Selective exposure to communication (pp. 1–10). Hillsdale, NJ: Lawrence Erlbaum.

Zillmann, D. & Johnson, R. C. (1973). Motivated aggressiveness perpetuated by exposure to aggressive films and reduced by exposure to nonaggressive films. Journal of Research in Personality, 7, 261–276.

Zillmann, D., Hezel, R. T. & Medoff, N. J. (1980). The effect of affective states on selective exposure to televised entertainment fare. Journal of Applied Social Psychology, 10, 323–339.

Zillmann, D., Hoyt, J. L. & Day, K. D. (1974). Strength and duration of the effect of aggressive, violent, and erotic communications on subsequent aggressive behaviour. Communication Research, 1, 286–306.

Sad-Film-Paradoxon

Uli Gleich und Ines Vogel

Worum geht es?

Dramen und Tragödien gehören zu den erfolgreichsten Filmkategorien überhaupt. Damit entscheiden sich viele Menschen für die Rezeption von Medieninhalten (wie z. B. Titanic oder The Green Mile), die negative Emotionen wie etwa Trauer, Kummer, Mitleid oder Furcht auslösen. Nach der Mood-Management-Theorie (Zillmann, 1988) steht ein solches Verhalten im Widerspruch zur hedonisch motivierten Selektion von Medienangeboten (vgl. Beitrag zum Mood Management in diesem Band). Als »Paradox of the Enjoyment of Sad Films« (1993, S. 315) bezeichnete Mary Beth Oliver dieses Phänomen Anfang der 1990er Jahre. Ihr Beitrag markiert den Beginn einer Forschung, die sich mit der Frage auseinandersetzt, was die Zuschauer zur Rezeption von Dramen und Tragödien, so genannter »Sad films«, motiviert und welche Gratifikationen bzw. Funktion(en) damit einhergehen. Inzwischen wurde eine Reihe von Arbeiten vorgelegt, die das Erleben negativer bzw. gemischter Emotionen im Rahmen der Unterhaltungsnutzung aus unterschiedlichen Perspektiven in den Blick nehmen.

Darstellung der Annahmen

Die Ansätze zur Erklärung der Selektion bzw. Rezeption trauriger Medieninhalte spielen in der aktuellen Forschungslandschaft eine mehr oder weniger bedeutsame Rolle. Einige wenige Autoren sahen die Anziehungskraft von Sad films in ihrer kathartischen Funktion begründet, das heißt, die Zuschauer können sich durch den Prozess des Nachvollziehens von eigenen negativen Emotionen »reinigen« (für eine Übersicht vgl. Feagin, 1983). Widersprüchliche bzw. uneindeutige empirische Belege für eine kathartische Funktion trauriger Filme (vgl. Vogel, 2007) führten dazu, dass dieser Ansatz aktuell kaum mehr eine Rolle spielt (vgl. Khoo & Oliver, 2013). Von kulturanthropologischen Überlegungen ausgehend, wird die Nutzung trauriger Medieninhalte im Rahmen der Terror-Management-Theorie