Märchen aus Österreich -  - ebook

Märchen aus Österreich ebook

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Erleben Sie die Märchen und Sagen aus aller Welt in dieser Serie "Märchen der Welt". Von den Ländern Europas über die Kontinente bis zu vergangenen Kulturen und noch heute existierenden Völkern: "Märchen der Welt" bietet Ihnen stundenlange Abwechslung.

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Märchen aus Österreich

Inhalt:

Geschichte des Märchens

Märchen aus Österreich

Sagen von der Stadt Wien.

I. Der Stadt Wien Ursprung, Gründung und Name.

II. Von Wiens Thoren.

III. Wiener Wahrzeichen.

IV. Sagen vom Münster zu St. Stephan.

Aus Wiens Umgegend.

1. Die Spinnerin am Kreuz.

2. Die Spinnerin am Kreuz.

3. Der Markgräfin Schleier,

Die Gründung von Kloster-Neuburg.

Sagen aus Böhmen.

1. Die Brüder Czech und Lech.

2. König Samo.

3. Krok und seine Töchter.

4. Libussa.

5. Libusa's Gericht.

6. Primislaw und seine Wahrzeichen.

7. Die Gründung Prags.

8. Libussens Bad.

9. Libussens Bette.

10. Die Teufelssäule auf dem Wischerad.

11. Die Säule der Drahomira.

12. Die Prager Brücke und ihre Wahrzeichen.

Sagen aus Salzburg und seiner Umgegend.

1. König Watzmann.

2. Von Juvavia.

3. Der Mönchsberg bei Salzburg.

4. Der Untersberg bei Salzburg.

5. Der Wanderer in den Untersberg.

6. Der Birnbaum auf dem Walserfeld bei Salzburg.

7. Die Riesen und die wilden Frauen im Untersberge.

8. Der Fuhrmann und die Bergmännlein im Untersberge.

9. Das Bergmännlein beim Tanz.

10. Die verzauberten Goldschätze auf dem Untersberg.

11. Die goldenen Kohlen.

12. Der in den Untersberg entrückte Jäger.

13. Der Schlangenfänger zu Salzburg.

14. Doktor Faust in Salzburg.

15. Sage vom St. Johanniskirchlein am Kapuzinerberge bei Salzburg.

Gasteiner Sagen.

1. Die Auffindung des Wildbades Gastein.

2. Die drei Waller.

3. Die wilden Männer im Thale Gastein.

4. Der Zauberer.

5. Der alte Weitmoser.

6. Die frevelnden Bergknappen.

7. Der Bettlerin Fluch.

8. Der Schacht der Frau Maierin.

9. Peter Pezoli.

10. Irmentritt und die elf Hunde.

11. Der Kaputzer.

Vermischte Sagen.

1. Der Herrmannstein bei Wien.

2. Schreckenwalds Rosengarten bei Mölk.

3. Die Sage von Grätz.

4. Schloß Greifenstein.

5. Der Stock im Schlosse zu Greifenstein.

6. Die Wiege aus dem Bäumchen, bei Baaden.

7. Die Jungfrau auf Pärenstein.

8. Der Seehirte von Endersdorf.

9. Von der Burg Falkenstein und dem Prämonstratenser-Stift Schlägel.

10. Der Teufelsthurm am Donaustrudel bei Crain.

11. Margaretha Maultasch.

12. Dietrichstein in Kärnthen.

13. Die Maultaschschutt bei Osterwitz.

Sagen aus Ungarn, Slavonien, Dalmatien und Kroatien.

1. Des alten Ungarlandes Name und Einwohner.

2. Attila, Gottes Geisel.

3. Der Namensursprung von Siebenbürgen.

4. Herzog Swatoplug und Arpad.

5. Berg Zobor bei Neutra.

6. Sanct Zoërards Höhle am Berge Zobor.

7. Der Geierstein.

8. Das versunkene Dorf.

9. Der Meermann bei Ragusa.

10. Die Willi.

11. Die Casa santa zu Tersatto.

12. Die Schlacht der Vögel bei Wichitsch.

Löwe, Storch und Ameise

Das Bäuerlein

Der Gang zur Apotheke

Schneider Freudenreich

Hansl Gwagg-Gwagg

Der schlafende Riese

Die Kröte

Der Klaubauf

Das fromme Kind

Das Birkenreis

Die Heugabel

Die drei Soldaten und der Doktor

Die zwei Künstler

Die zwei Schächtelchen

Die rätselhaften Antworten

Warum ist der Tod so dürr?

Wer bekommt das Haus?

Die Fanggen

Die zwei Hafner

Vom armen Bäuerlein

Die vier Tücher

Die Drachenfedern

Vom reichen Ritter und seinen Söhnen

Der glückliche Schneider

Der Hirtenknabe

Der Schafhirt

Der Ziegenhirt

Warm und kalt aus einem Mund

Die drei Holzhacker

Der Advokat

Noch ein Märchen von der Krönlnatter

Der Bettler

Die zwei Königskinder

Der Riese

Der gescheite Bauer

Die schöne Wirtstochter

Der Menschenfresser

Das Berggeistl

Beutel, Hütlein und Pfeiflein

Die Wette

Der Vogel Phönix, das Wasser des Lebens und die Wunderblume

Die Schlange

Der Stinkkäfer

Der Fürpaß

Der Esel

Der Grindkopf

Der Bauernbursche

Die Drude

Das Kasermännlein

Das Gromoaser Mannle

Eichhörnchen, Käfer, Maus

Der starke Hansl

Das verzauberte Schloß

Der gehende Wagen

Der daumenlange Hansl

Die verwunschene Prinzessin

Sauerkraut und Totengebeine

Die Schleifersöhne

Die verstorbene Gerechtigkeit

Kugerl

Die Furchtlerner

Griseldele

Die zwei Beutelschneider

Der Wurm

Der Blinde

Der Schmiedlerner

Stiefmutter

Die Kröte

Die Wirtin

Die drei Soldaten

Die Bauernmagd

Die seltsame Heirat

Der Bär

Der Aschentagger

Von drei Deserteuren

Der blinde Metzger

Schwesterchen und Brüderchen.

Zistel im Körbel1.

Die Krönlnatter.

Fischlein kleb an!

Der Schmied in Rumpelbach.

Teufel und Näherin.

Der höllische Torwartel.

Geschwind wie der Wind, Pack-an, Eisenfest.

Der Königssohn.

Der Bärenhansel.

Vom reichen Grafensohne.

Mädchen und Bübchen.

Vom armen Schuster.

Bauer und Bäuerin.

Luxehales.

Hennenpfösl.

Der Krämer.

Starker Hans'l.

St. Petrus.

Die zwei Jäger.

Der Mesnersohn.

Müllers Töchterlein.

Die drei Schwestern.

Der gescheite Hans'l.

Der Fischer.

Unser Herr als Bettler.

Was ist das Schönste, Stärkste und Reichste?

Werweiß.

Riese und Hirte.

Die singende Rose.

Notwendigkeit des Salzes.

Goldener.

Der tapfere Ritterssohn.

Nadel, Lämmlein und Butterwecklein.

Die zwei Fischersöhne.

Purzinigele.

Der gläserne Berg.

Der Holzhacker.

Der Müllerbursch und die Katze.

Gottes Lohn.

Wie ein armes Mütterchen zu vieler Wäsche kam und dieselbe wieder verlor.

Das kluge Ehepaar.

Der Knabe und die Riesen.

Die drei Königskronen.

Die drei Raben.

Die faule Katl.

Das Totenköpflein.

Der gescheite Hans.

Der blinde König.

Der tote Schuldner.

Der verzauberte Grafensohn.

Die drei Pomeranzen.

Das Mädchen ohne Hände.

Warum die Schweine Ringelschwänze haben.

Von der Erschaffung des Mondes.

Märchen aus Österreich

Jazzybee Verlag Jürgen Beck

Loschberg 9

86450 Altenmünster

www.jazzybee-verlag.de

[email protected]

Frontcover: © Sweet Angel - Fotolia.com

Geschichte des Märchens

Ein Märchenist diejenige Art der erzählenden Dichtung, in der sich die Überlebnisse des mythologischen Denkens in einer der Bewußtseinsstufe des Kindes angepaßten Form erhalten haben. Wenn die primitiven Vorstellungen des Dämonenglaubens und des Naturmythus einer gereiftern Anschauung haben weichen müssen, kann sich doch das menschliche Gemüt noch nicht ganz von ihnen trennen; der alte Glaube ist erloschen, aber er übt doch noch eine starke ästhetische Gefühlswirkung aus. Sie wird ausgekostet von dem erwachsenen Erzähler, der sich mit Bewußtsein in das Dunkel phantastischer Vorstellungen zurückversetzt und sich, vielfach anknüpfend an altüberlieferte Mythen, an launenhafter Übertreibung des Wunderbaren ergötzt. So ist das Volksmärchen (und dieses ist das echte und eigentliche M.) das Produkt einer bestimmten Bewußtseinsstufe, das sich anlehnt an den Mythus und von Erwachsenen für das Kindergemüt mit übertreibender Betonung des Wunderbaren gepflegt und fortgebildet wird. Es ist dabei, wie in seinem Ursprung, so in seiner Weiterbildung durchaus ein Erzeugnis des Gesamtbewußtseins und ist nicht auf einzelne Schöpfer zurückzuführen: das M. gehört dem großen Kreis einer Volksgemeinschaft an, pflanzt sich von Mund zu Munde fort, wandert auch von Volk zu Volk und erfährt dabei mannigfache Veränderungen; aber es entspringt niemals der individuellen Erfindungskraft eines Einzelnen. Dies ist dagegen der Fall bei dem Kunstmärchen, das sich aber auch zumeist eben wegen dieses Ursprungs sowohl in den konkreten Zügen der Darstellung als auch durch allerlei abstrakte Nebengedanken nicht vorteilhaft von dem Volksmärchen unterscheidet. Das Wort M. stammt von dem altdeutschen maere, das zuerst die gewöhnlichste Benennung für erzählende Poesien überhaupt war, während der Begriff unsers Märchens im Mittelalter gewöhnlich mit dem Ausdruck spel bezeichnet wurde. Als die Heimat der M. kann man den Orient ansehen; Volkscharakter und Lebensweise der Völker im Osten bringen es mit sich, daß das M. bei ihnen noch heute besonders gepflegt wird. Irrtümlich hat man lange gemeint, ins Abendland sei das M. erst durch die Kreuzzüge gelangt; vielmehr treffen wir Spuren von ihm im Okzident in weit früherer Zeit. Das klassische Altertum besaß, was sich bei dem mythologischen Ursprung des Märchens von selbst versteht, Anklänge an das M. in Hülle und Fülle, aber noch nicht das M. selbst als Kunstgattung. Dagegen taucht in der Zeit des Neuplatonismus, der als ein Übergang des antiken Bewußtseins zur Romantik bezeichnet werden kann, eine Dichtung des Altertums auf, die technisch ein M. genannt werden kann, die reizvolle Episode von »Amor und Psyche« in Apulejus' »Goldenem Esel«. Gleicherweise hat sich auch an die deutsche Heldensage frühzeitig das M. angeschlossen. Gesammelt begegnen uns M. am frühesten in den »Tredeci piacevoli notti« des Straparola (Vened. 1550), im »Pentamerone« des Giambattista Basile (gest. um 1637 in Neapel), in den »Gesta Romanorum« (Mitte des 14. Jahrh.) etc. In Frankreich beginnen die eigentlichen Märchensammlungen erst zu Ende des 17. Jahrh.; Perrault eröffnete sie mit den als echte Volksmärchen zu betrachtenden »Contes de ma mère l'Oye«; 1704 folgte Gallands gute Übersetzung von »Tausendundeiner Nacht« (s. d.), jener berühmten, in der Mitte des 16. Jahrh. im Orient zusammengestellten Sammlung arabischer M. Besondern Märchenreichtum haben England, Schottland und Irland aufzuweisen, vorzüglich die dortigen Nachkommen der keltischen Urbewohner. Die M. der skandinavischen Reiche zeigen nahe Verwandtschaft mit den deutschen. Reiche Fülle von M. findet sich bei den Slawen. In Deutschland treten Sammlungen von M. seit der Mitte des 18. Jahrh. auf. Die »Volksmärchen« von Musäus (1782) und Benedikte Naubert sind allerdings nur novellistisch und romantisch verarbeitete Volkssagen. Die erste wahrhaft bedeutende, in Darstellung und Fassung vollkommen echte Sammlung deutscher M. sind die »Kinder- und Hausmärchen« der Brüder Grimm (zuerst 1812–13, 2 Bde.; ein 3. Band, 1822, enthält literarische Nachweise bezüglich der M.). Unter den sonstigen deutschen Sammlungen steht der Grimmschen am nächsten die von L. Bechstein (zuerst 1845); außerdem sind als die bessern zu nennen: die von E. M. Arndt (1818), Löhr (1818), J. W. Wolf (1845 u. 1851), Zingerle (1852–54), E. Meier (1852), H. Pröhle (1853) u. a. Mit M. des Auslandes machten uns durch Übertragungen bekannt: die Brüder Grimm (Irland, 1826), Graf Mailath (Ungarn, 1825), Vogl (Slawonien, 1837), Schott (Walachei, 1845), Asbjörnson (Norwegen), Bade (Bretagne, 1847), Iken (Persien, 1847), Gaal (Ungarn, 1858), Schleicher (Litauen, 1857), Waldau (Böhmen, 1860), Hahn (Griechenland u. Albanien, 1863), Schneller (Welschtirol, 1867), Kreutzwald (Esthland, 1869), Wenzig (Westslawen, 1869), Knortz (Indianermärchen, 1870, 1879, 1887), Gonzenbach (Sizilien, 1870), Österley (Orient, 1873), Carmen Sylva (Rumänien, 1882), Leskien und Brugman (Litauen, 1882), Goldschmidt (Rußland, 1882), Veckenstedt (Litauen, 1883), Krauß (Südslawen, 1883–84), Brauns (Japan, 1884), Poestion (Island, 1884; Lappland, 1885), Schreck (Finnland, 1887), Chalatanz (Armenien, 1887), Jannsen (Esthen, 1888), Mitsotakis (Griechenland, 1889), Kallas (Esthen, 1900) u. a. Unter den Kunstpoeten haben sich im M. mit dem meisten Glück versucht: Goethe, L. Tieck, Chamisso, E. T. A. Hoffmann, Fouqué, Kl. Brentano, der Däne Andersen, R. Leander (Volkmann) u. a. Vgl. Maaß, Das deutsche M. (Hamb. 1887); Pauls »Grundriß der germanischen Philologie«, 2. Bd., 1. Abt. (2. Aufl., Straßb. 1901); Benfey, Kleinere Schriften zu Märchen-forschung (Berl. 1890); Reinh. Köhler, Aufsätze über M. und Volkslieder (das. 1894) und Kleine Schriften, Bd. 1: Zur Märchenforschung (hrsg. von Bolte, das. 1898); R. Petsch, Formelhafte Schlüsse im Volksmärchen (das. 1900).

Märchen aus Österreich

Sagen von der Stadt Wien.

I. Der Stadt Wien Ursprung, Gründung und Name.

Vom Ursprung der uralten Stadt Wien ist viel geschrieben und gefabelt worden, und es haben die Chronikenschreiber der früheren Jahrhunderte mancherlei ausgesagt, was nicht glaubhaft klingt. Einer behauptete, Wien sey nicht jünger als Rom; ein Anderer erzählte, daß nicht allzulange nach der Sündfluth ein Fremdling, mit Namen Abraham, sich mit den Seinen am Ufer der Donau, und zwar da niedergelassen, wo heutzutage der Markt Stockerau gelegen ist; welcher Abraham dann zur Erbauung Wiens den ersten Grund gelegt. Noch Andere haben geschrieben, daß ein naher Nachkomme des Erzvaters Noah, der ein König der Deutschen gewesen und Suevus geheißen, bereits im Jahr der Welt Zweitausend zweihundert und achtzig den Anfang zur Erbauung Wiens gemacht habe. Auch sind viele Schriftsteller der Meinung gewesen, daß die Römer bei ihrem mächtigen Vordringen in die germanischen Wälder da, wo heute Wien liegt, eine Colonie begründet und eine Stadt gebaut, das alte Faviae, in welcher eine Reihe der römischen Kaiser bisweilen residirt, daß aber diese Römerstadt in späterer Zeit durch die feindlichen Völkerschwärme der Hunnen, Gothen und Avaren bis auf die geringste Spur vernichtet, worden sey. Nicht minder wird Wien eine Stadt der Winden oder Wenden genannt, daher ihr lateinischer Name Vindobona.

Klarer und fester gestaltet tritt die Stadt Wien zur Zeit Kaiser Heinrichs des Städtegründers in die Geschichte. Dieser stiftete das Markgrafenthum von Oesterreich, und Leopold der Heilige wurde des Landes erster Markgraf und Schirmvoigt gegen die feindlichgesinnten Nachbarvölker, von denen die Ungarn die gefährlichsten und gefürchtetsten waren, die Leopold mit tapferer Hand besiegte. Er baute auf die Vorderseite am äußersten Rücken des Kahlenberges, die heute noch nach ihm Leopoldsberg genannt wird, ein stattliches und starkes Schloß, das die Gegend umher beherrschte, das freien Umblick über die gesegneten Auen und sanftgehügelten Gefilde Panoniens und Noricums bis zu den höheren Gebirgen hin gewährte und jetzt bis auf die Ringmauern in umbuschten Trümmern liegt. Bald fanden sich Anwohner in Menge, die in der reizenden Ebene am Ufer des gewaltigen Stromes und geschirmt von der nahen Fürstenburg sich Häuser bauten, und so wuchs allmählig das schöne, heitere, lebensfrohe Wien. Doch soll die Stadt diesen Namen nicht alsobald geführt haben, sondern von der alten Römerstadt Faviae oder Favianae genannt worden seyn. Daraus wurde Vianae, Viennae, Wienn, wie es eigentlich noch heute heißt und gesprochen wird, und nicht Wihn, wie die Ausländer sagen.

Andere halten jedoch für wahrscheinlicher, daß das kleine Flüßchen, die Wien, welches nahe der innern Stadt vorbeifließt und unterhalb derselben in die Donau fällt, ihr den Namen verliehen habe, was billig an seine Ort gestellt bleibt.

II. Von Wiens Thoren.

Die harmlosen und scherzfröhlichen Bewohner der Kaiserstadt hatten vor Alters ein Sprüchwort, und haben dasselbe vielleicht heute noch, das lautete, wie ein Reisender um die Mitte des siebzehnten Jahrhunderts erzählt: "Wien hat starke Mauern und feste Basteien und sechs wohlbewachte Thore, und doch kann man in die Stadt herein kommen, ohne ein Thor zu passiren." – Dieß sind die Namen der Thore: Das Stubenthor, (das Ungarische) das Kärnthnerthor, das Burgthor, das Schottenthor, das Neuthor und der rothe Thurm, und weil der rothe Thurm nicht den Namen eines Thores führte, obwohl er eins war, da er noch stand, so zielte darauf hin der Scherz. Gerade durch diesen Thurm ging die stärkste Passage in die innere Stadt, denn Alles, was zu Schiffe anlangte oder vom jenseitigen Donau-Ufer herüberkam, das mußte hierdurch seinen Weg nehmen.

An diesem rothen Thurme stand auch gleich eine gute Lehre für die fremden Einwanderer:

Welcher kommt durch diese Port,

Dem rath ich mit getreuem Wort,

Daß er halt Fried in dieser Stadt,

Oder er macht ihm selbst Unrath,

Daß ihn zwei Knecht' zum Richter weisen

Und schlagen ihn in Stock und Eisen.

III. Wiener Wahrzeichen.

Kaum wird es eine Stadt im lieben deutschen Vaterlande geben, welche so vieler Wahrzeichen sich zu erfreuen hätte, als das alte Wien. Wer kennt nicht sein edelstes, höchstes, schönstes, den Stephansthurm? Wer kennt nicht die weitgenannte Spinnerin am Kreuz, das kunstvolle gothische Denkmal, das von der Höhe des Wienerberges hinabschaut auf die weithin zu des Berges Füßen reizvoll hingelagerte Stadt? Diese Wahrzeichen allzumal sind umblüht von Sagen des Volkes, theils heiterer, theils ernster Art, und wunderlich sind manche dieser Denk-und Erinnerungszeichen ausgedeutet worden. Oft versuchte sich an den einfachen Ueberlieferungen aus dem Volksmunde gelehrter Scharfsinn und schuf, auf Ab- und Irrwege gerathend, unnatürlichen Aberwitz aus der kunstlosen Blüthe des Volkswitzes.

Zwischen dem vorhin genannten Stephansthurme und der eben auch genannten Spinnerin am Kreuze auf dem Wienerberge findet nach dem Volksmunde diese Beziehung statt, daß die Spitze des Thurmes genau so hoch aufragt, als die Spitze des kunstvollen Kreuzstockes auf dem Berge, dessen Höhe vom Boden auf sechs Fuß drei und einen halben Zoll Wiener Maaß hält.

Manche alte Wahrzeichen hat auch die Zeit hinweggedrängt, und nur an den dauernden Fels der Erinnerung ist das sagenhafte Verweilen der Kunde von ihnen gebannt. Eines derselben war.

1. Die Speckseite im rothen Thurme.

Der Reisende, welcher sonst aus dem innern Deutschland sich der Kaiserstadt näherte, betrat sie durch dasjenige Thor, welches der rothe Thurm hieß. Dieser Thurm an sich war schon merkwürdig durch die an ihm angebrachte Steinbildnerei, die zum Träger einer Sage geworden. Man erblickte an ihm zwei steinerne Statuen, deren eine Herzog Leopold den Fünften von Oesterreich darstellte, die zweite aber den vom Erstgenannten gefangen gehaltenen König von England, Richard Löwenherz, und es soll von dem Lösegelde des gefangenen Königs eben dieser Thurm erbaut worden seyn. Inwendig aber am Thorgewölbe hing eine Speckseite, von der wird Folgendes erzählt.

Man sagte sonst allgemein den guten Wienern nach, daß bei ihnen und über sie die Weiber das Regiment hätten und die Männer vor ihnen in beständiger Furcht lebten. Diesen Spott nahmen sich die Männer endlich dermaßen zu Herzen, daß sie sich darüber bei ihrer Obrigkeit beklagten und beschwerten, und um Abhülfe baten, da es doch gar nicht auszuhalten sey, in Aller Munde für Feiglinge und Leute zu gelten, die unterm Pantoffel. Da ließ der Magistrat eine rohe Speckseite unter das Thorgewölbe des rothen Thurmes hängen und zwei große Schrifttafeln daneben, auf welchen deutlich zu lesen war:

Befind't sich irgend hier ein Mann,

Der mit der Wahrheit sprechen kann,

Daß ihm sein' Heirath nicht gerauen

Und fürcht sich nicht vor seiner Frauen,

Der mag diesen Backen1 herunter hauen.

und:

Welche Frau den Mann oft rauft und schlägt,

Und ihn mit kalter Lauge zwägt2,

Der soll den Backen lassen henken,

Ihr ist ein andrer Kirch-Tag3 zu schenken.

Auch wurde durch die ganze Stadt Wien ausgerufen, daß dieses Zeichen aufgehangen sey, und jedermänniglich aufgefordert, sein Hausregiment zu documentiren, allein – die Männer schwiegen still und duckten, nach wie vor, – den Backen keiner holen will, er blieb im rothen Thor.

Endlich kam ein kecker, junger Ehemann, der sich einbildete, weil noch die Flitterwochen, und das Weiblein ihm aus Liebe Alles zu Liebe that, er sey ein rechter Hausherr, erbot sich demnach kecklich, die Speckseite herunterzuholen, nahm eine Leiter, rief viele Zeugen und klomm im Thorgewölbe empor. Da es aber gerade ein heißer Sommertag war und die Speckseite was weniges triefte, so stieg er rasch wieder von der Leiter und zog den saubern neuen Rock aus, den er trug. Auf Befragen, warum er denn seinen Rock ausziehe? antwortete er:

"Ei, ich will den Rock erst ausziehen, denn wenn ich ihn unsauber mache und heimkomme, so werde ich von meiner Frau übel gescholten."

Da lachten alle Zuschauer laut auf, sahen, daß er ein Aufschneider und ein Pantoffelritter war, zogen ihn mit einigen trockenen Rippenstößen von der Leiter hinweg und litten nicht, daß er den Backen hole. Dieser blieb nachher noch ein Paar hundert Jahre hängen, wurde als ein Wahrzeichen gezeigt, darnach kein Wiener Mann Verlangen trüge, und kam hinweg, als im Jahr 1776 der rothe Thurm abgetragen wurde.

2. Der Stock im Eisen.

Das eigentliche und älteste Wahrzeichen Wiens, von dem mehr als eine Sage erzählt wird, ist der sogenannte Stock im Eisen, an dem Hause gleiches Namens, nicht weit von St. Stephans Münster.

Ein armer Schlosserlehrling entwandte seinem Meister einen überaus künstlichen Nagel, welcher bei dem Bau eines Jagdschlosses Herzog Leopold des Heiligen verwendet werden sollte, das im Wiener-Walde errichtet wurde. Bei der Heimkehr verirrte er sich in das Walddickicht.

Im Walde stand ein besonderer Baum, zu dem der Verirrte immer wieder gelangte, so daß er endlich ganz erschöpft und weinend unter diesen Baum auf das weiche Moos sank, und da wurde er inne, daß er sich eines großen Fehlers schuldig gemacht durch den Diebstahl, schämte sich aber doch, sein Verbrechen einzugestehen, wollte jedoch auch den Nagel nicht behalten und schlug ihn in den Baum.

Und wie er den Nagel in den Baum geschlagen hatte, so stand der böse Feind neben ihm, und sprach: "Den gestohlenen Nagel kannst Du wohl einschlagen; könntest Du aber einen solchen Nagel und ein Schloß machen, das diesen Baum vor Axt und Säge schützte, so wäre Dir geholfen."

Der Junge erschrak zwar sehr, doch faßte er einen frischen Muth und sprach: "Ich habe deß wohl Lust und Muth, solch Schloß fertigen zu lernen, so Ihr mir's lehren wollt und könnt."

Der Teufel sagte: "Topp!" und hieß den Jungen mit sich gehen, der nun einen Bund mit ihm machte und von ihm Lehre und Unterweisung erhielt, so künstliche Schlösser zu verfertigen, wie Niemand in der Welt. Diese Schlösser vermochte kein anderer Schlossermeister zu öffnen, und so verdiente der junge Meister viel Gut und Geld und wurde ein reicher und angesehener Mann. Neben jenem Nagel schlug er einen ganz gleichen ein, zum Zeichen, daß er seinem Meister gleich sey an Kunstfertigkeit, und umgab den Baum, dessen obern Theil er absägte, so daß nur noch ein Stock dastand, mit einem starken Eisenringe, hing auch ein Schloß daran, welches kein Mensch zu öffnen vermochte, und lebte herrlich und in Freuden.

Endlich so kam die Zeit, daß der Pact um war, den der Schlosser mit dem Bösen geschlossen, und dieser gedachte ihn zu holen. Jedoch der Schlosser hatte längst bereut, sich mit dem Feinde eingelassen zu haben, und ging jeden Morgen in die Kirche, eine Messe zu hören. Die Kraft der Messe aber schützte den Frommen je vierundzwanzig Stunden lang, das wußte er gar wohl, und deshalb hörte er sie täglich, und der Böse, der auf ihn lauerte, konnte ihm nichts anhaben. Eines Tages ging er in einen Keller auf St. Peters Platze, allda vor Anfang der Kirche ein Glas Wein zum Morgenimbiß zu trinken, und verspätete sich in etwas. Als er endlich doch zur Kirche schritt, begegnete ihm ein altes Weib, das rief ihm zu: "Zu spät! zu spät! Die heilige Messe ist schon gelesen!" Da ließ sich der Schlosser bethören und kehrte um, und ging wieder in den Keller, noch ein Glas Wein zu trinken; kaum aber setzte er den Becher an die Lippen, so trat das alte Weib von vorhin, das Niemand anders, als der Teufel war, auch herein, faßte und würgte ihn, drehte ihm den Hals um und hing ihn an die Wand an einen Haken.

Nach der Hand kamen gar viele geschickte Schlosser und probirten, das Schloß zu öffnen, doch vergebens, und als später Wien sich immer mehr anbaute und vergrößerte, ließ man den Stock im Eisen zum Wahrzeichen stehen, daß bis in diese Gegend sich der Wiener-Wald vor Zeiten erstreckt, und jeder wandernde Schlossergesell schlug einen Nagel hinein, so daß er voller Nägel wurde.

3. Der Stock im Eisen.

Zweite Sage.

Als der Stock mit den wunderkünstlichen Nägeln schon lange stand und ihn um und um die Stadt Wien umgab, da ließ der hochweise Rath gemeiner Stadt an sein Eisenband ein gar künstlich Schloß machen und anlegen. Dieses Schloß verfertigte ein fremder Geselle, der von weiter Ferne hergekommen war, so weit, daß Niemand recht eigentlich wußte, wo dessen Heimath sey. Wie nun das Schloß am Stocke hing, so fragte der Stadtrath nach dem Preise für die schöne und künstliche Arbeit. Da forderte der Gesell einen gar hohen und schier unerschwinglichen Lohn. Deß erschraken der Rath und die Stadtältesten und weigerten dem Gesellen die Zahlung. Darauf ergriff dieser sofort den Schlüssel, schleuderte ihn mit einem Fluche hoch in die Luft und hub sich von dannen. Der Schlüssel soll heute noch herunterfallen. Nun schrieb der Rath einen hohen Preis aus für Den, welcher im Stande sey, das Schloß zu öffnen und einen dazu passenden Schlüssel anzufertigen. Viele Schlosser wollten den Preis gewinnen, fertigten Schlüssel auf Schlüssel, aber es begab sich, daß jedesmal, so oft einer den Schlüssel in die Esse brachte, eine unsichtbare Hand den Bart umdrehte, so daß er nicht schließen konnte. Dieß that der Böse, der, und kein Anderer, damals der Geselle und Verfertiger des Schlosses gewesen war, den Stadtrath und die Schlosser zu äffen. Nun war bei einem Schlossermeister ein pfiffiger und listenreicher Lehrbub, der simulirte bei sich selbst, wie es wohl anzufangen sey, einen Schlüssel zum Schloß und den Preis dazu zu gewinnen, und fand richtig das Mittel. Er verfertigte in der Feierabendzeit, als Meister und Gesellen die Werkstatt verlassen hatten, in aller Stille einen Schlüssel, setzte den Bart mit dem Loth verkehrt an, brachte ihn in die Kohlen und zog den Blasebalg, daß rings die hellen Funken wie knisternde Blitze durch die Schmiede sprühten. Der immer lauernde Böse war gleich unsichtbar zur Hand, drehte den Bart des Schlüssels um, und – war betrogen, denn nun paßte der Schlüssel. Der Lehrbub empfing Lobsprüche über Lobsprüche, empfing den Preis, den der Magistrat ausgesetzt, ward gleich zum Gesellen und bald darauf zum Meister gesprochen und heirathete des Meisters sittsames und bildschönes Töchterlein, das er schon geraume Zeit heimlich liebte.

Zwar ist in späterer Zeit der Schlüssel wieder abhanden gekommen, aber der Stock im Eisen steht immer noch in der Nische eines Hauses an dem Platze, da er vor Alters stand, und der seinen Namen "Am Stock im Eisen" führt. Jeder wandernde Schlossergeselle, der nach Wien kam, schlug einen Nagel in den Stock, dem dummen Teufel zum Hohn, und davon hat der Stock ordentlich eine eiserne Rinde bekommen, so daß er mit vollem Rechte den Namen: Stock im Eisen führt.

4. Der Stock im Eisen.

Ein Gedicht.

(Spindler's Damenzeitung, 1830, Nr. 269. – Duller's Donau, S. 90.)

O, lieber Stock im Eisen,

Du warst ein Baum zumal,

Mit Blättern und mit Zweigen

Im grünen Gartenthal.

Der Städter wohnt im Frieden

In hoher Häuser Pracht,

Seit dich hier anzuschmieden

Der Schlosser war bedacht.

Gleich einem müden Greisen

Was lehnst du am Gestein?

O, lieber Stock im Eisen,

Wo sind die Zweige dein?

Es scheint der Mond herunter,

Der Stern auf Wolken hängt;

Die Nachtgespenster munter,

Der Mensch in Schlaf versenkt.

Die Eule weint, die Eiche

Hoch in den Winden saust,

Der Schlosser naht zum Streiche,

Die Axt in schwerer Faust.

Er leget an die Zweige

Die Axt rothglühend an, –

Da weint der Stock im Eisen;

Was hat man dir gethan?

"Herr Gott! auf meinen Zweigen

Der Vogel dich lobprieß!"

Der Schlosser heißt ihm schweigen

Und macht ihm ein Gebiß.

Der Schlosser liegt im Flaume,

Vom schweren Handwerk müd'.

Die Seele von dem Baume

Durch's Eisen glänzt und glüht.

In schauerlichen Weisen

Der Adler oben schreit:

"Macht flink aus Holz und Eisen

Ein'n Sarg, ihr Zimmerleut'!"

Und die vorüber reisen,

VielNägel schlagen ein;

O, lieber Stock im Eisen,

Das ist die Rinde dein.

Es schau'n den Stock im Traume

Die kleinen Junker an; –

Wer zog, wer zog dem Baume

Die schwarze Rüstung an? –

Fußnoten

1 Backen, das halbe Hinterviertel, Schinken vom Hintertheil.

2 Zwägt, den Kopf wäscht.

3 Hochzeittag.

IV. Sagen vom Münster zu St. Stephan.

Fast in Mitten der Stadt Wien ragt St. Stephans hochalterthümlicher Bau mit seinem wunderbaren Riesenthurme empor, geziert mit mannichfaltigem Bildwerk alter Kunst, mit Wahrzeichen mancher Art geschmückt und von Sagen mannichfach umklungen.

1. Des Münsters Erbauung.

An derselben Stelle, wo jetzt der Dom zu St. Stephan steht, erbaute des heiligen Leopold Sohn, Heinrich II., Jasomirgott genannt, um die Mitte des zwölften Jahrhunderts zuerst eine Kirche und weihte sie dem Märtyrer St. Stephanus. Dieses Gotteshaus brannte ab, wurde wieder aufgebaut und sank im Jahr 1275 zum zweiten Male in Asche. Der Böhmenkönig Ottokar ließ die Kirche von Neuem aufbauen, und in ihr dankte schon 1278 König Rudolph dem Himmel für den ihm über Ottokar verliehenen Sieg. Das folgende Jahrhundert sah des Tempels Vergrößerung, doch nur langsam wuchs der gigantische Bau. Herzog Albert II. schrieb 1339 von jedem Unterthan einen Groschen Steuer aus zum Münsterbau, davon selbst die Kinder in der Wiege nicht ausgenommen waren.

Nicht nur das hohe Hauptportal dieser ehrwürdigen Kathedrale, sondern auch die übrigen Thüren und Pfeiler der Außenseite sind mit Bildsäulen und andern Erinnerungszeichen vielfach ausgeschmückt, und es reden diese Steine von der alten Zeit, von der Väter Sitte und Sinnesart. Bilder des Erlösers, seiner gebenedeiten Mutter und vieler Apostel, Heiligen und Märtyrer sind, nebst Scenen aus der heiligen Geschichte, an unzähligen Stellen angebracht und dienen den Andächtigen zu ernster und frommer Betrachtung.

Daneben ist manches symbolische Zeichen befindlich, das verschiedentliche Deutung zuläßt; ein Löwenbändiger, ein geflügelt Ungeheuer mit Jungen und vieles Andere.

Die Kirche ist ganz aus Quadersteinen aufgeführt; ihre Wandpfeiler sind sieben Schuh dick, ihre Länge beträgt 55 Lachter 3 Schuh, die Breite 37 Klafter.

Außerhalb dem eisernen Gitter zeigen sich zwei große eiserne Haken. Das Volk erzählt, der Umfang ihrer Krümmung zeige die Größe des Brodes an, die zur Zeit der Erbauung üblich gewesen.

2. Meister Pilgram.

Wenn man von der Seite des Riesenthores oder Haupteinganges der Kirche an der linken Seitenwand bis ungefähr in die Mitte des Schiffes kommt, so zeigt sich ein äußerst künstlicher, aus einer steinernen Knospe entwickelter, von unten nach oben sich ausbreitender Blumenkelch, welcher, oben mit leichten zierlichen Spitzbögen umrandet, einst als Chor eine Orgel trug. Daran erblickt man unten eines Mannes Bild, altergrau, ja geschwärzt, aus einer Fensteröffnung hervorgelegt, das hält in der Rechten einen Zirkel, in der Linken ein Winkelmaaß. Buschige Haare überwallen Haupt und Rücken, und erstere deckt ein altdeutsches Baret. Der Hals ist bloß und offen, das Oberkleid zeigt Bauschärmel, das Untergewand ist an der Brust mit Riemen zugeschnürt. Das Gesicht ist bartlos, mager und hager, zeigt lebenvolle, starke Züge, hervorragende Backenknochen, eingefallene Wangen und breites Kinn. Darunter die Buchstaben M.A.P.

Dieses Bild stellt den Meister Anton Pilgram dar, den Schöpfer dieses kunstvollen Orgelchors der prachtvollen und über alle Maaßen kunstreichen steinernen Kanzel und – des weltberühmten Stephansthurmes.1

Zum Thurme wurde zwar bereits im Jahre 1360 durch Herzog Rudolph der Grund gelegt, aber den Hochbau begann und setzte Meister Pilgram von 1407 an fort, und vollendete ihn 1433.

Eine alte Chronik sagt aus, daß bis zu 1407 kein behauener Stein an und in dem Thurme sey, der nicht an Werth und Arbeit einen Dukaten halte, und daß bis zu jener Zeit bereits am Thurme allein mehr als vierundvierzigtausend Gulden verbaut worden.

Der Taglohn für einen Steinmetzen war 5 Pfennige, für die übrigen Werkleute und Handlanger nur 3 Pfennige.

Hoch oben unter der Spitze des kunstreich durchbrochenen Münsterthurmes brachte Meister Pilgram an den vier Ecken Hirschgeweihe an, und nicht weit davon abwärts eine in Stein gehauene Viehweide, zum Wahrzeichen, daß vor Alters in dieser Gegend nur Wald und Weide gewesen sey. Von diesen Zeichen soll der Gebrauch stammen, daß man alljährlich zur Zeit des Kirchweihfestes an die Fahnen, welche an den vier Ecken des Thurmes aufgesteckt wurden, Viehschellen hing, die harmonisch im Winde tönten.

Der Thurm neigt sich an seiner Spitze merklich nordwärts, die Abneigung beträgt über 3 Schuh; das habe er gethan, geht die Sage, bei der ersten Belagerung Wiens durch die Türken.

In der Nähe des großen und kunstreichen Uhrwerkes ist ein kleines Stübchen für die Feuerwächter und vor demselben so viel Raum, daß man darauf bequem Kegel schieben kann, was sonst für eine gar große Merkwürdigkeit des Stephansthurmes erachtet wurde.

3. Der vom Münster gestürzte Lehrling.

An des Münsters Ostseite erblickt man den unausgebauten Thurm, der an Kunst und Zierlichkeit der Sculpturen, die verschwenderisch an ihm angebracht sind, den ausgebauten Thurm noch übertrifft. So geht nun die Sage: Als Meister Pilgram den großen Thurm gebaut hatte, bethörte ihn der Stolz über alle Maßen, und er vermaß sich hoch, daß Keiner es ihm nachthun könne. Da wettete der Lehrbub, daß er den zweiten Bau noch schöner aufführen wolle, und der Meister nahm die Wette an. Der Lehrling baute nun rüstig und guten Muthes, brachte auch den Thurm bis zu einer gewissen Höhe, und alle Welt bewunderte den erfindungsreichen Fleiß des Jünglings; darüber erweckte der böse Feind Groll und Neid im Herzen des Meisters und das Gift der Eifersucht; denn der Meister sah gar wohl, daß der Lehrling ihn übertreffen werde. Und Meister Pilgram legte dem treuen und fleißigen Gesellen Buchsbaum eine Falle auf dem Gerüst; darauf ist dieser unversehens getreten und hat sich zu Tode gestürzt.

Als Wahrzeichen dieser so untreuen That zeigt man außen an der Kirche überm Portal des Riesenthores unter andern abenteuerlichen Gestalten die Steinfigur eines Menschen, der seinen Fuß auf dem Knie eines andern aufstemmt.

4. Neidhart Fuchs, der Bauernfeind.

Gegenüber den Häuserfronten des Stockameisenplatzes ist links neben einem Eingange in den Münster das steinerne Grabmal eines fränkischen Ritters, Otto Fuchs, genannt Neidhart, ersichtlich. Dieser Ritter war wegen seiner Scherzhaftigkeit und seines fröhlichen Wesens gar sehr beliebt bei dem Herzog Otto von Oesterreich, und war des Fürsten lustiger Rath. Er vexirte mannichfach die Bauern und turbirte sie auch bisweilen über die Maaßen.

Nun war es damals Hof- und Landsitte, daß, wer zuerst zur schönen Frühlingszeit ein Veilchen fand, den Ort sich heimlich merkte, wo das Veilchen blühte, und schnell davon den Freunden Nachricht gab. Dann zog des Hofes oder der Dörfer scherzfreudige Jugend mit Sang und Klang hinaus zu dem Orte und grüßte durch Tanz und Becherlust den freudenbringenden Frühling.

So fand nun eines Märztages Herr Neidhart das erste Veilchen, deckte es sorgsam mit seinem Hute und eilte nach Hofe, des Fundes frohe Mähr kund zu thun.

Siehe, da trat aus dem Gehölz ein Bäuerlein, dem Ritter Otto oft Schimpf angethan, nahm den Hut, pflückte das Veilchen, setzte ein ganz anderes übelriechendes hin, deckte den Hut darauf und schlich hinweg.

Nicht lange, so kamen aus der Stadt Wien die fröhlichen Junggesellen, an ihrer Spitze der Herzog und Ritter Fuchs, zogen um den Hut den üblichen Reigen, und Einer deckte den Schatz auf, welcher darunter lag. Gelächter mischte sich mit Ausrufen des Unwillens; Alle glaubten, daß der Ritter sie geäfft mit diesem plumpen, bäuerischen Scherze, und der Herzog schaute ungnädig drein. Beschämt und beschimpft enteilte von Schauplatz seines Glücksfundes Herr Neidhart und kam in das nächste Dorf.

Schon von weitem hörte er lustigen Gesang und Reigenklang, und als er näher kam, sah er sein Veilchen an einen Stab gebunden, um den sich Alt und Jung mit fröhlichen Sprüngen drehte.

Schrecken ergriff den Bauer, der den Raub begangen; in seinem Antlitz stand das Geständniß seiner unsaubern Schimpfthat, und Ritter Otto entbrannte vor Zorn.

Er schlug den Bauer todt und ein Paar andere noch dazu.

Solche Thaten sind an seinem Grabsteine abgebildet und verewigt worden.

5. Der Hahnrei.

Ohnweit der Küsterwohnung, nahe beim Thore, auf St. Stephans Kirchhof wurde ein Denkmal erblickt aus einem röthlichen Steine, das sie im Volke den Hahnrei nannten. Es stellte dar einen Mann, ein Weib und ein Kind, und ist auf der Frauen Untreue und Wankelmuth gemünzt.

Der Mann legt auf die Brust die rechte Hand, damit zeigt er seine Treue an; die Frau aber macht mit ihren Fingern an seiner Stirn das Zeichen des Hörnertragens, andeutend, daß sie ihm keine Treue gehalten und das Kind nicht das seine sey.

Verwitterte Schrift umgab den Stein, der vielleicht wohl auch heutiges Tages nicht mehr gefunden werden mag. Sollte aber heutiges Tages jeder Hahnrei solchen Stein bekommen, hätten traun die Steinmetzen kaum Hände genug.

6. Capistranus Kanzel.

Am Münster zu St. Stephan wird noch die Steinkanzel gezeigt, auf welcher im Jahre 1454 der heilige Johannes Capistranus, vom Orden des heiligen Franziskus, gepredigt gegen die Sündhaftigkeit der Welt und ihre Freuden, der gewaltiglich eiferte gegen Putz und Spiel, gegen Schimpf und Scherz. So wundersam wirkte, wie die Sage geht, sein Wort, daß, obgleich er lateinisch predigte, doch von allem Volke, Männern, Frauen, Mägdlein und Knaben, seine Rede ebenso verstanden wurde, als ob er in deutscher Sprache geredet. Da strömte Alles hinzu, und die Männer brachten herbei vor die Kanzel ihre Schachzabel, Bret- und Pochspiele, ihre Karten und Bälle, die Frauen Perlen und Ringe, Schmuck und Geschmeide, Hauben und Zierkleider, Gold und Agtstein, Silber und Edelgesteine, und die holdseligen Jungfrauen schnitten ihre langen Zöpfe ab, die der eifernde Capistranus auch als sündlich verdammte. Und wenn ein großer Haufe von Schmuck und Zierrath, Spiele und Tand beisammen war, da ließ der Heilige es mit Feuer anstoßen und brannte den ganzen Haufen zu Asche.

Viele der Zuhörer thaten sich ihrer Sünden ab, thaten zerknirscht Buße, legten das härene Gewand des Pater Seraphicus, Franz von Assissi an, oder griffen zum Schwerte gegen den Erbfeind der Christenheit und folgten dem heiligen Manne, der voranzog, die Schaaren gegen Mohamed zu Kampf und Sieg zu führen.

7. Mirakelbilder des Münsters.

Im Innern des Domes zu St. Stephan, und zwar in der Kapelle des heiligen Kreuzes, steht ein lebensgroßes Crucifix, und es ist daran merkwürdig, daß das Bild des Erlösers mit einem struppigen, staubigen, schwarzen Haarbart versehen ist. Die Sage geht, daß diesem Bilde der Bart wachse und alljährlich am Charfreitage abgeschnitten werden müsse.

Ein anderes Mirakelbild ist dasjenige der Gottesgebärerin, welches genannt wird: Unsrer lieben Frauen Bild von Pötsch. Im Dorfe gleiches Namens, das in der Grafschaft Zabolz in Ungarn gelegen ist, stand dieses mit geringer Kunst auf Holz gemalte Bild, ohne sich sonderlicher Verehrung zu erfreuen. Da geschahe es gegen das Ende des siebzehnten Jahrhunderts, daß ein dortiger Bauersmann, Namens Michael Cory, als er in der Kirche seine Andacht übte, wahrnahm, daß das Bildniß Thränen vergoß. Sogleich theilte er diese Wahrnehmung andern Gläubigen mit, und es wurde beobachtet, daß das Bild ganzer vierzehn Tage weinte, am meisten aber am Tage von Mariä Empfängniß. Der Ruf vom Bilde der lieben Frau von Pötsch erscholl weit und breit in alle Umgegend und zog viele Andächtige herbei; aber die Kaiserin Eleonora ließ es nach Wien bringen, wo es in mehreren Klöstern und Kapellen zur Verehrung ausgesetzt wurde, bis es auf allerhöchste Verordnung auf dem Hochaltare zu St. Stephan zu immerwährender Verehrung aufgestellt wurde.

Anderer miraculöser Bilder, wie der "Hausmutter" etc., vor welchen die Frommen gern ihre Andacht verrichten, nicht zu gedenken, muß noch ein Stein erwähnt werden, der sich in Messing an der Halle der Siegerpforte des Münsters, auf der Sakristeiseite, rechter Hand vom Ausgange, eingemauert zeigt.

Auf diesem weißen Steine floß einst das Blut des heiligen Colomann, als diesem Blutzeugen Gottes in der Marter beide Beine abgesägt wurden.

Eine lateinische, jetzt kaum noch lesbare Inschrift sagt aus, daß Herzog Rudolph IV. von Oesterreich den Stein hier aufbewahren lassen.

Von den Berührungen und Küssen des Gläubigen, die ihre Finger küssen, den Stein damit bestreichen und wieder küssen, ist er ziemlich ausgehöhlt.

8. Des treuen Vorlauf und seiner Gefährten Grabmal.

Vor dem Eingange zur kaiserlichen Gruft im Münster ist ein rothmarmorner Denkstein ersichtlich mit messingeingelegter Schrift. Dieser zeigt die Namen Conrad Vorlauf, Kunz Rampersdorfer und Hans Rock, der Erste Bürgermeister, die beiden Andern Rathsherren der Stadt Wien.

Die Herzoge Leopold und Ernst, Brüder, hatten sich entzweit auf Tod und Leben um die Vormundschaft des Knaben Albrecht, nachherigen römisch-deutschen Kaisers. An dieser Entzweiung nahm auch das Volk Antheil, spaltete sich in zwei Parteien, und während das niedere Volk und die Handwerker zu Leopold hielten, standen der Stadtrath und die Patricier zu Herzog Ernst. Es geriethen aber die obengenannten drei Männer in die Gewalt Herzog Leopolds, und er ließ sie alle drei hinrichten. Dieß geschah im Jahrt 1408.

Wie die drei Todesgenossen auf dem Blutgerüste standen, umarmten sie einander zärtlich, und es griff der Nachrichter zuerst nach dem Ersten, Aeltesten, dem Rathsherrn Rampersdorfer; da trat aber der Bürgermeister Vorlauf vor und sprach laut: "Der Vorlauf war Euer Aller Vorläufer in dieser Sache, womit wir zwar nicht meinen konnten, den Tod zu verschulden gegen Albrecht, unsern rechten Herrn, und auch jetzt noch soll mein Name wahr bleiben durch die That! Euer Bürgermeister soll Euer Vorläufer seyn im Tode, wie im Leben!"

Damit fiel er auf die Kniee, des Todesstreichs gewärtig, und empfahl Gott seine Seele.

Starr und bebend stand der Nachrichter, und das Schwert zitterte in seiner Hand, und vermochte es nicht zu schwingen gegen den Nacken des Gerechten.

Aber Vorlauf blickte nach ihm um und ermahnte ihn: "Zage nicht, sondern warte Deines Amtes! Ich verzeihe Dir von Herzen den Streich, der mich unschuldig trifft! Führe ihn herzhaft und rasch!"

Als die drei Männer enthauptet waren, blieben ihre Leichen noch bis gegen Abend auf dem Schaffot, dann wurden sie nach St. Stephans Friedhof gebracht.

Noch heute rühmt der Grabstein ihren treuen Tod.

9. Reifbeißer, ein Wein.

Im Jahre 1450 wuchsen im Lande Oesterreich so sauere Trauben, daß die meisten Bürger den gekelterten Wein in die Straßen ausschütteten, weil sie ihn seiner Herbheit halber nicht trinken mochten. Da ließ Friedrich III., römischer König, ein Gebot ausgehen, die Gottesgabe nicht also schmählich zu verschütten, sondern wer sie nicht trinken möchte, solle sie auf den Stephansfreithof führen. Damals war es, daß Meister Hans Buchsbaum, am Tage Hippolyts, den neuen Grund legte zu dem zweiten, unausgebauten Thurme, und da wurde der Mörtel mit Wein gefeuchtet, der Kalk mit Wein gelöscht.

Der Witz des Volkes zu Wien nannte den Wein Reifbeißer, weil seine Säure die Dauben und Reife der Fässer abbeiße und durchfresse.

10. Des Stahrembergers Sitz.

Auf Sankt Stephans Riesen

In dem Söllergang,

Wird ein Sitz gewiesen,

Dem nur ehrfurchtvoll

Jeder nahen soll.

Auf dem Stephansthurme

Saß Graf Stahremberg

Bei dem Türkensturme,

Auf dem Stuhl von Stein,

Starren Blicks – allein.

Ha, wie scharf du blicktest,

Kommandant von Wien!

Und zum Himmel schicktest

Flammendes Gebet:

"Herr! komm nicht zu spät!"

Ringsum lagern Heere

Kara Mustapha's;

Ringsum blinken Speere,

Und der Türke droht

Unerhörte Noth.

Schlachtendonner toben,

Und der Kommandant

Auf dem Thurme droben

Fliegt vom Sitz von Stein

In die Schlachtenreih'n.

Bald im blutgen Tanze

Kämpft der Stahremberg

Auf bedrohter Schanze.

Muthig allerwärts

Schlägt sein Heldenherz.

Bald im Feld vernichtend

Mäht des Grafen Schwert;

Bald auch straft er richtend,

Und allenden zeigt

Er sich ungebeugt.

Bald auch wieder eilt er

Hoch empor zum Thurm,

Spähend dort verweilt er;

Ueber Stadt und Feld

Blickt vom Thurm der Held.

Vierzig lange Tage!

Sturm erfolgt auf Sturm.

Lauter wird die Klage;

Armes Wien! Du bangst

Ach, in Todesangst.

Flammend wie Gebete

Rauscht vom Stephansthurm

Hoch auf die Rakete.

Und ihr Leuchten fleht:

"Herr! Komm nicht zu spät!"

Ha! wie ferne Blitze

Flammt's dort überm Berg.

Auf von seinem Sitze

Fährt der Kommandant:

"Gott hat es gewandt!"

"Das sind gute Zeichen!

Morgen! o brich an,

Morgen ohne Gleichen!

Gottes Trost ist da,

Sobieski nah!" –

Seit dem Türkensturme

Trug der Stahremberg

Von dem Stephansthurme

Frank im Wappenschild

Das erhabne Bild.

11. Der kleinste Stein am Münster.

An den Ecken des Münsters erblickt man die Bildsäulen Herzog Rudolphs IV. und seiner Gemahlin Katharina, beide auf Löwen stehend, mit Wappenträgern von Oesterreich und der Stadt Wien. An dem Pfeiler, auf welchem Katharina steht, befindet sich ein weißlicher Stein, von der Länge eines halben Schuhes, den zeigt man den Fremden als ein Wahrzeichen, und sagt, daß er von allen den vielen tausend zum Münsterbau verwendeten Steinen der kleinste sey.

12. Das letzte Viertel.

Auf dem Stephansthurme befindet sich ein großes Uhrwerk, das jedoch nur Stunden schlägt; die Viertel werden von den Wächtern mittelst eines Drathzuges am Primglöckel angeschlagen, bis auf das letzte, das schlagen sie nicht an.

Als zum letzten Male, so geht die Sage, Wien von den Türken belagert wurde, da erscholl die Nachricht, der Feind habe geschworen beim Barte Muhameds, er wolle die Stadt inne haben, bevor noch die Uhr das letzte Viertel töne. Sogleich unterließ man, das letzte Viertel anzuschlagen, und die Stadt blieb unerobert.

Solchem Ereigniß zum Gedächtniß wurde fortan das Anschlagen des letzten Viertels für immer unterlassen. Das geschah im Jahre 1683.2

Fußnoten

1 Neuere Forschungen vindiciren dieses Bild am Chor und Kanzel dem Meister Buchsbaum. Wir folgen hier den Angaben Primissers, v. Hormayrs und dem Werke: Neueste Geschichten und Beschreibungen der merkwürdigsten Gotteshäuser, Stifte und Klöster, Wallfahrtskirchen, Gnadenörter, Calvarienberge, Grabmäler und Gottesäcker in der österreichischen Monarchie etc. Brünn, 1821.

2 Die vielen, zum Theil sehr anziehenden Sagen von den Türkenbelagerungen folgen in den nächsten Heften, so wie noch mehrere Sagen von Wiener Wahrzeichen.

Aus Wiens Umgegend.

1. Die Spinnerin am Kreuz.

Dicht bei Wien, wenn er die Vorstadt Landstraße hinter sich hat, erblickt der Wanderer auf dem Rücken des Wienerberges ein steinernes Denkmal von ziemlich hohem Alter und schöner, künstlicher Arbeit. Es ist eine verzierte gothische Kreuzsäule, die von allem Volke die "Spinnerin am Kreuz" genannt wird. Mancher fromme Pilger verrichtete dort und verrichtet noch an dem Gnadenbilde seine Andacht, sey es, daß er dem reizenden Wien Valet und Lebewohl für lange Zeit sagte, sey es, daß er, heimkehrend, mit höher klopfender Brust die mächtige und geliebte Heimathstadt in ihrer ganzen Schöne entfaltet vor Augen liegen sieht.

Vor Zeiten stand an dieser Stelle nur ein einfaches Holzkreuz, dem Verfall nahe; nun wohnte in geringer Ferne davon eine arme, aber fromme Frau, welche täglich bei dem Kreuze betete; diese nahm sich's sehr zu Herzen, daß das Kreuz den Einsturz drohte, und beschloß, zu Ehren Gottes das Kreuz zu erhalten oder ein neues aufrichten zu lassen.

2. Die Spinnerin am Kreuz.

Zweite Sage.

Ein Müller, Spiner mit Namen, stand nahe beim Hochgericht auf dem Wienerberge, welches sich ohnweit der Stelle erhob, wo jetzt die "Spinnerin am Kreuz" erhöht ist, und drängte sich in die vordersten Reihen des Volkes, das einen Dieb henken sehen wollte. Der arme Sünder stand schon auf der Leiter, da hörte er ganz deutlich, daß der Müller die Worte sprach: "Ich möchte wohl wissen, wie dem dort alleweile zu Muthe ist!" Schon legte Meister Hämmling die Schlinge um des Diebes Hals, als dieser schrie: "Halt! Ich habe noch etwas zu bekennen! Ich habe noch einen Mitschuldigen!" Alles horchte auf und lauschte voller Erwartung der fernern Rede. "Der dort ist's!" fuhr der Dieb fort, hindeutend auf den erschrockenen Müller, den alsobald die Schergen und Henkersknechte anfaßten. Vergebens betheuerte er seine Unschuld. Die Hinrichtung wurde aufgeschoben und der Müller mit seinem Ankläger zu Gefängniß gebracht. Letzterer blieb bei seiner Aussage, und da man vor Alters immer sehr kurze Prozesse zu machen pflegte, so sprachen die Richter das althergebrachte "Mitgegangen, mitgehangen" aus, und daß der Müller vor dem Diebe gehenkt werden sollte.

Schon legte Meister Hämmling die Schlinge um des Müllers Hals, als der Ankläger ausrief: "Halt! Ich habe noch etwas zu bekennen!" Alles horchte hoch auf und lauschte wieder voller Erwartung der fernern Rede. Da wandte sich gegen den in Todesangst zitternden Müller der Dieb und fragte ihn: "Weißt Du nun, wie Einem zu Muthe ist auf der Galgenleiter?" und zu den Richtern gewandt, sprach er: "Dieser Mann ist unschuldig! Da aber sein Fürwitz darnach verlangte, zu wissen, wie Einem sey, der auf dieser Himmelsleiter steht, so hab' ich ihm zur Lehre und mir zur Lust den Spaß gemacht. Denke, er wird sein Lebetag nicht mehr hier herauf verlangen!" Der alsobald freigesprochene Müller fiel auf sein Angesicht, lobte Gott für die Offenbarung seiner Unschuld und gelobte zu ewigem Gedächtniß seiner Rettung von dem gewissen, schmählichen Tode dankbar die Errichtung einer Kreuzessäule. Dieses Gelübde hielt er, und so entstand die Denksäule, welche man nach ihm das Spinerskreuz nannte, daraus allmählig die jetzt übliche Benennung geworden seyn soll.

3. Der Markgräfin Schleier,

oder

Die Gründung von Kloster-Neuburg.

Auf dem Söller seines Schlosses auf dem nach ihm genannten Leopoldsberge stand der heilige Leopold, Markgraf von Oesterreich, und neben ihm sein frommes Ehegemahl, Agnes, Kaiser Heinrich des Vierten Tochter, am achten Tage nach ihrer Hochzeit. Das war im Jahre 1124. In voller Eintracht ihrer liebenden Herzen besprachen die Neuvermählten die Gründung eines Klosters, und waren nur noch unentschieden über den Ort, an welchem sie das dem Himmel geweihte Gebäude errichten lassen sollten.

Mit einem Male erhob sich während ihres Gespräches ein Windstoß und nahm der Gräfin den Schleier vom Haupte, durch die Lüfte ihn hoch empor und von dannen führend.

Die junge Markgräfin war bestürzt über diesen Verlust, denn sie hielt den Schleier sehr werth, doch suchte der Gatte sie freundlich zu trösten und eilte mit seinem Gefolge in den Wald, nach welchem der Wind den Schleier getragen hatte.

Aber wie sie auch suchten im Walde, auf alle Bäume blickten, durch alle Büsche spähten, sie fanden den Schleier nicht.

Endlich kam er in Vergessenheit, und auch die damals besprochene Gründung eines Klosters, obgleich der Markgraf seiner Neuvermählten gelobt hatte, ein solches da zu gründen, wo der Schleier sich finde.

Acht Jahre waren schon vergangen, als einst der Markgraf im Walde jagte, da schlugen mit einem Male an einer heimlichen Stelle die Rüden laut an, und als der Markgraf, in der Meinung, daß sie ein Wild gestellt, hinzukam, fand er zu seiner größten Verwunderung an einem Hollunderstrauche den völlig wohl erhaltenen Schleier Agnesens hängen. Ein Wunder hatte ihn durch die lange Reihe von Jahren unversehrt bewahrt, und dieses Wunder bewegte den Markgraf, sogleich zur Gründung eines Klosters alle Anstalten zu treffen.

Und so erhob sich denn das weitberühmte Stift Kloster-Neuburg, das unter seinen vielen und kostbaren Schätzen den zum unvergänglichen Andenken in Metall gefaßten Hollunderbaumstamm, auf dem der Markgräfin Schleier hing, so wie diesen Schleier selbst als heilige Erinnerungszeichen der Fundation bewahrt, nicht minder eine kostbare Monstranz in Form eines Hollunderstrauches, dessen Blüthen durch Perlen nachgebildet sind, über welche ein zarter Schleier geworfen ist. Am Fuße dieser Monstranz, die man über 30,000 Gulden schätzt, kniet mit zwei Windhunden der heilige Leopold.

Und in dem Kloster Neuburg ruhen auch die Gebeine des Stifters und der Stifterin mit denen ihrer Kinder.

So reich ist das Kloster begabt mit Gütern und vornehmlich Weinbergen, daß man es vordem nur den "rinnenden Zapfen" nannte. In einer dreifachen Kellergewölbreihe über einander ruhen in reicher Fülle, nach den Jahrgängen wohlgeordnet, die köstlichen Gaben des Weingottes, und ein Riesenfaß, das neunhundert und neunundneunzig Eimer hält, gibt vom dortigen Vorrath Zeugniß.

Das Faß, welches den tausendsten Eimer hält, steht als Spund oben drauf.

Sagen aus Böhmen.

1. Die Brüder Czech und Lech.

Wir lesen in den alten Chronikenbüchern und Geschichten, daß in dem Lande um die Karpathen zwei Brüder als Fürsten gesessen in der Frühe der Zeiten, die hießen Czech und Lech. Czech, der älteste Bruder, wohnte auf einem Schlosse Namens Psary, am Wasser Krupa, und man weiß noch heute des Schlosses Stätte und des Dorfes Gelegenheit. Lech bewohnte ein Schloß Namens Krapima, welches lange gestanden hat.

Es entstand aber zwischen der Brüder Verwandten Uneinigkeit und Zwiespalt wegen manchen Anspruches auf den Grundbesitz, so daß sie sich gemeinsam beriethen und beredeten, die Unfriedlichen zu verlassen und sich anderes Besitzthum zu suchen. Darum beriefen nun Beide ihre Sippen, mit Frauen und Kindern, Dienern und Knechten, mit Vieh und Fahrniß, und zogen mitternachtwärts von Walde zu Walde, an der Zahl sechshundert Personen. Mitten unter der Schaar ritten stattlich die Fürsten Czech und Lech, und vor ihnen her wurde ein gelbes Panier getragen mit dem Feldzeichen eines schwarzen Adlers.

So kamen sie endlich in der Bojer oder Bojemer Landschaft unter einen hohen Berg, lagerten sich allda und ruheten, besahen das Land und fanden es fruchtbar und wohlgelegen. Am Morgen stiegen beide Brüder auf des Berges Gipfel, schauten sich um und erblickten ein wäldervolles, fruchtbares Land, fanden darauf auch fischreiche Wasser, und sagten solches den Ihrigen an. Dann erforderte Czech am andern Morgen bei Sonnenaufgang sein ganzes Geschlecht und Alle, die mit ihm gekommen waren, setzte sich auf einen Stock und sprach zu dem Bruder, den Freunden und Genossen: "Ruhet hier und bringet den Göttern, die hierher uns führten, ein Dankopfer. Das ist das Land, welches ich Euch verheißen, und weil es so fruchtbar und angenehm, so gebt nun dem Lande einen Namen!" Da riefen Alle, die mit dem Sprecher gekommen waren, gleichsam aus einem Munde und wie durch göttliche Eingebung: "Von wem sollte das Land bessern Namen bekommen, als von Dir, dem Czech, unserm Führer? Billig ist es und recht, daß es Deinen Namen führe, Czechowa, das Land des Czech."

Da erhob sich der Führer und blickte zum Himmel; dann warf er sich nieder auf die Erde, küßte den Boden, stand wieder auf und hob die Hände gen Himmel und grüßte das Land, das göttergegebene, mit segnenden Worten.

Und blieb mit seinem Volke allda und breitete sich aus, und das Volk lebte in Sitteneinfachheit, friedsam und fleißig, ehrlich und gastfrei.

Neun Jahre nach der Ankunft, da es wieder an Raum gebrach, schied der Lech sich ab von seinem Bruder und zog mit seinem Volk und Gesinde gen Aufgang der Sonne, und sprach zu jenen, von denen er schied, da sie ihn baten, nicht allzuweit hinwegzuziehen: "Liebe Brüder und Genossen! Steiget am dritten Morgen vor Aufgang des Morgensterns auf den Berg Rzip, da will ich, wo ich sey, ein mächtiges Feuer entzünden, wo Ihr das sehet und den Rauch, dort habe ich mit den Meinen mich niedergelassen."

Solches geschahe, und gründete der Lech die erste Stadt im Lande Böhmen, die nannte er Kaurzim, von dem Worte Rauch.

Der Berg Rzip, an dessen Fuße zuerst der Czech mit den Seinen sich ansiedelte, ist der heutige St. Georgenberg. Czech aber lebte noch siebenzehn Jahre, dann starb er, beweint von allem Volke lange Zeit.

2. König Samo.

Die neuen Ansiedler im Lande der Bojen, das die Umwohner immer noch mit dem alten Namen Bojenheim nannten, daraus später Böheim geworden ist, blieben nicht ohne Bedrohung und Kämpfe, denn das Land war rings von feindseligen und kriegerischen Nachbarn eingegrenzt. Westwärts saßen die zum Theil verdrängten Bojer und Franken, südwärts Longobarden, ostwärts Avaren und mitternachtwärts Thüringer. Die Avaren bedrängten am meisten und unterjochten am Ende gänzlich das Czechenvolk.

Endlich erhob sich ein Mann, fränkischen Stammes, den die Sage einen Kaufmann nennt, Namens Samo; der befreite mit siegreicher Hand Land und Volk von dem Joche der Hunnen, wurde zum König erhoben und herrschte über alles Volk slavischen Stammes, so weit dasselbe außer den Grenzen des heutigen Böhmen verbreitet war.

Zu diesen Zeiten geschahe es, daß Dagobert, ein König der Franken und Thüringer, sein Regiment auch über die Länder Böhmen, Mähren, Schlesien und die Lausitz erstrecken wollte und vom König Samo Unterwerfung forderte, welche dieser jedoch verweigerte. Da nun eine Anzahl fränkischer Kaufleute auf einem Handelszuge von den Wenden, über welche Samo auch herrschte, erschlagen wurde, so schickte König Dagobert einen vertrauten Boten an Samo, Bestrafung jener Räuber zu heischen. Dieser Gesandte hieß Sichar, und König Samo wollte ihn nicht vor sich lassen. Doch der Bote überlistete Samo, indem er die Tracht der slavischen Männer anlegte, so vor den König trat und seine Klage anbrachte und auf augenblickliche Bestrafung der angeklagten Männer drang. Unwillig hörte Samo ihn an und sprach: "Ehe wir richten und strafen, müssen wir die Verklagten hören und ihre Vertheidigung!"

Dieses weise Wort erbitterte Sichar, und er rief aus: "Du und Dein Volk seyd Unterthanen meines Königs!"

"Mit Nichten!" sprach Samo; "nicht Unterthanen sind wir, aber Freunde wollen wir ihm seyn, so er selbst will, und in Freundlichkeit wollen wir den Zwiespalt schlichten."

Darauf versetzte Sichar: "Unmöglich kann es geschehen, daß wir als Christen, des wahren Gottes Kinder und Knechte, Freunde heidnischer Hunde seyen!"

"Wohlan denn," rief nun Samo erzürnt aus, "sind wir Hunde, so sollt Ihr fühlen, wie wir beißen und Euch zerreißen!" und jagte den Boten von dannen.

Bald darauf zog nun König Dagobert heran mit großer Streitmacht und führte ein Heer von Austrasiern, Thüringern, Longobarden und Allemannen gegen Samo. Dieser aber rüstete sich muthvoll, zog dem Feind entgegen bis in das heutige Voigtland und schlug bei Voigtsberg drei Tage lang eine furchtbare Schlacht, aus welcher er als Sieger hervorging. Darauf fiel er in Thüringens Marken ein und verheerte das Nachbarland weit und breit.

Als Samo gestorben war, blieb Volk und Land der Böhmen eine Zeitlang ohne Haupt; jeder Stamm gehorchte seinen Aeltesten, den Wladyken. Einer derselben hieß Krok, und der Ruf seiner Weisheit und Gerechtigkeit erscholl durch das ganze Land.

3. Krok und seine Töchter.

Der Czechen Volk erwählte zu seinem Richter und Oberhaupte den weisen Krok, dessen Ruhm weit erschollen war. Er wurde über dem Grabe des Czech auf dessen Stuhl gesetzt, man gab ihm den Stab des Czech in die Hand, bedeckte sein Haupt mit dessen Mütze und huldigte ihm, indem man versprach, seinen Gesetzen und Anordnungen willige Folge zu leisten.

Alle Liebe erwies das Volk seinem weisen Regierer und erbaute ihm ein Schloß, freilich nur von Holz, ziemlich hoch an einem Berge, baute sich selbst um den Berg her an und nannte Schloß und Stadt Budecz; nach der Hand gründete Krok durch die Seinen an allen Orten und Enden im Lande Böhmen feste Wohnsitze, darunter auch sein Lieblingsschloß Psary, an der Stelle, wo sich hernachmals der Wischerad erhob, das den Namen führte von dem heimathlichen Schlosse des Czech.

Krok war als erster Richter und Fürst des Landes auch dessen erster Priester; er besaß die Gabe der Weissagung, die er von Geistern und Pilweisen lernte und seinen Töchtern lehrte, deren sein Weib, Nina, ihm drei geboren, die, von wundersamer Schönheit, auch an Geist und Verstand den Vater noch überragten. Die älteste hieß Kassa (sprich Kascha); diese kannte alle Tugenden und Kräfte der Kräuter, Steine und Metalle, und war eine erfahrene Aerztin und kundige Wahrsagerin. Die zweitgeborene Tochter hieß Tetka; diese war eine Pilweise und lehrte das Volk, den Göttern der Haine, der Gewässer und Gebirge dienen und Opfer bringen. Die dritte Tochter, die jüngste und schönste ihrer Schwestern, hieß Libussa (sprich Libuscha), war eine Prophetin und übertraf an Weisheit und Vorsichtigkeit ihre Schwestern weit, und es war an hoher Einsicht nirgend ein Weib oder ein Mann, der ihr zu vergleichen gewesen wäre.

Und Krok, als er neununddreißig Jahre regiert hatte, da starb er, und das Volk, als es seinen Tod vernahm, lief aus Häusern und Hütten, wie Bienen nach ihrem Weisel, mit großer Klage, und die Töchter riefen zu den Göttern, den Geist des Vaters auf lichten Wegen zu führen.

Dann setzte das Volk den Leichnam Kroks neben dem Herzog Czech und seinem vor ihm gestorbenen Weibe Nina bei, legte viele und reiche Gaben in den Hügel, thürmte einen Stein darauf, entzündete ein Opferfeuer und erhob ihm die Todtenklage.

4. Libussa.

Als nach dem Tode Kroks seine drei Töchter ihres Vaters Erbe in Besitz genommen, loseten sie um dessen Theilung. Da erhielt Kassa das Land gen Mitternacht, Tetka das gen Niedergang, und Libussa das ganze Gebiet gen Aufgang mit des Vaters Hochburg Psary. Weit im Lande breitete sich Libussa's Ruhm aus, und alles Volk kam, sich in Streitigkeiten von ihr Recht sprechen zu lassen oder ihre Verkündigungen zukünftiger Ereignisse zu vernehmen. Sie selbst lebte jungfräulich, züchtig, ein Beispiel den Ihrigen und allem Volke, und dieses wählte sie einstimmig zu einer Richterin und Königin.

Libussa erweiterte und befestigte das Schloß Psary. Oft saß sie dort auf einem hohen Felsen über dem Kreise ihrer Jungfrauen, blickte sinnend in die Gegend hinab und sprach Recht oder Worte der Weissagung. Eines Tages gebot sie, das Schloß nicht mehr Psary, sondern Libin zu nennen.

Silber und Gold, welches man in rohen Klumpen im Lande fand, wurde der Königin zugesendet und sie begründete den Bergbau.

Einst begab es sich, daß zwei Brüder uneins wurden über Aecker und sonstiges Besitzthum und zu Libussa kamen, daß sie Recht spreche. Dieser Richterspruch wurde zur Ursache, daß Böhmen einen Fürsten bekam. Ein uraltes böhmisches Gedicht singt und sagt davon, wie Libussa urtheilte und Recht sprach.

5. Libusa's Gericht.

(Anhang der Königinhofer Handschrift, herausgegeben v. Hanka, übersetzt von Swoboda, Prag 1829.)

Ei, was trübst du, Wletawa, dein Wasser?

Was trübst du dein silberschäumig Wasser?

Hat empört die Wellen wilder Sturmwind,

Rings vom Himmel Wettergüsse schüttend,

Ab die Häupter grüner Berge spülend,

Fort den Lehm und fort den Goldsand spülend?

Wie doch sollt' ich nicht die Wasser trüben?

Liegen doch im Zwist zwei eig'ne Brüder,

Eig'ne Brüder um des Vaters Erbe.

Grimmen Hader führen mit einander

An der Otawa der wilde Chrudos,

An der Otau, die sich goldreich schlängelt,

An der Radbuza der kühne Staglaw,

Beide Brüder, beide Klenowice

Alten Stamms von einem Zweig des Popel,

Der da kam mit Cech und seinen Schaaren

Durch drei Ström' in dieses Land voll Segen.

Flog herbei nun eine kirre Schwalbe,

Flog herüber von der Otau Krümmung,

Ließ sich nieder auf dem breiten Fenster

An Libusa's güldnem Vatersitze,

Auf dem Wyserad, des Vaters Hochburg;

Und sie klaget, und sie stöhnt im Grame.

Als es hört der Beiden eig'ne Schwester,

Ihre Schwester in Libusa's Hofburg,

Fleht sie auf dem Wysegrad die Fürstin,

Hier im off'nen Saal Gericht zu halten,

Vorzuladen ihre Brüder beide,

Recht zu sprechen beiden nach Gesetzen.

Boten heißt die Fürstin nun entsenden

Nach Zutoslaw von der Weißlubice,

Wo sich stämm'ge Eichenforste dehnen,

Nach Lutobor von Dobroslaw's Kulme,

Wo der Adler Wellen trinkt die Elbe,

Nach Ratibor von den Riesenbergen,

Wo den grimmen Drachen Teut erschlagen,

Nach Radowan von der Felsenbrücke,

Nach Jarozir von den ström'gen Bergen,

Nach Strezibor von Sazawa's Au'n, nach

Samorod zur Mies, der silberström'gen,

Nach den Grafen, Rittern, Stammeshäuptern,