Kurschattenerbe - Sigrid Neureiter - ebook

Kurschattenerbe ebook

Sigrid Neureiter

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Opis

PR-Beraterin Jenny Sommer nimmt an einem Symposium in Meran teil, das sich mit dem Ritter und Minnesänger Oswald von Wolkenstein beschäftigt. Als einer der Wissenschaftler verschwindet, beginnt sie auf eigene Faust zu ermitteln. Noch ahnt sie nicht, dass in unmittelbarer Nähe ein Mord geschehen ist. Haben beide Vorfälle etwas miteinander zu tun? Jenny verfolgt eine Spur, die sie zum Schloss Tirol führt. Die Suche im Schatten des Wahrzeichens von Südtirol führt sie weit in die Vergangenheit.

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Sigrid Neureiter

Kurschattenerbe

Kriminalroman

Impressum

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Besuchen Sie uns im Internet:

www.gmeiner-verlag.de

© 2013 – Gmeiner-Verlag GmbH

Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch

Telefon 0 75 75/20 95-0

[email protected]

Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Sven Lang

Herstellung: Julia Franze

E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © Edith60 – Fotolia.com

ISBN 978-3-8392-4180-6

Für meine Eltern

Südtiroler Heimatmaler tot aufgefunden

Einen schrecklichen Fund machte gestern die Haushälterin des bekannten Südtiroler Heimatmalers Peter Mitterer aus St. Michaela in Dorf Tirol. Die Frau kam wie jeden Morgen zum Aufwarten in das Haus des Mannes. Eine Blutspur ließ sie Schlimmes ahnen. Schließlich fand sie Mitterer an der Schwelle zu seinem Atelier tot auf.

Die Sanitäter des Rettungskommandos konnten nur den Tod des Malers feststellen. Die Polizei geht von einem Verbrechen aus. Genaueres könne man erst nach Vorliegen des Obduktionsbefundes sagen, erklärte Vizequästorin Franca Bertagnoll demMeraner. Laut der Haushälterin wurde nichts gestohlen.

Peter Mitterer war ein geschätzter Künstler. Sein letzter großer Zyklus wurde vor zwei Jahren im Südtiroler Landesmuseum auf Schloss Tirol gezeigt. Seither war es ruhig um den Maler geworden. Geschäftsführung und Belegschaft desMeranertrauern um einen Sohn Südtirols.

Der Meraner, 30. Mai 2011

Montag

Eins

Gerade mal zehn Jahre alt,

wollt’ ich mir die Welt anseh’n.

Bei Christen, Moslems und Orthodoxen

fand ich Unterschlupf

mal frierend, mal schwitzend, mehr schlecht als recht.

Drei Pfennig und ein Stück Brot im Sack

war alles, was ich von zu Hause mitnahm.

Laufbursche war ich, Pferdeknecht und Koch,

sogar zum Ruder musst’ ich greifen.

Bis Kreta ging’s, hin und retour,

ich pfiff schon aus dem letzten Loch.

Nach Oswald von Wolkenstein›Es fügt sich‹

Jenny Sommer betrat den Burghof von Schloss Tirol nahe der Kurstadt Meran. Durch das offene Fenster des Rittersaales klangen Singstimmen und Instrumente. Das Ensemble probte. Ein kräftiger Bariton unterbrach die schwungvolle Darbietung: »Viola, dein Einsatz war zu spät. Bitte von vorn.«

Die hohe Frauenstimme, die zu vernehmenwar, gehörte mit Sicherheit der Angesprochenen. »Nein, ich war nicht zu spät. Ihr anderen wart zu früh.« Gemurmel setzte ein, das stetig an Lautstärke zunahm. Jenny vermeinte ein »Natürlich, wir sind schuld« herauszuhören. Die Männerstimme erhob sich wieder. »Ruhe bitte, wir probieren es noch einmal.«

Jenny zog die Augenbrauen hoch. Das fing ja gut an. Hoffentlich einigten sich die Musiker bis zu Beginn des Konzerts. Eine misslungene Aufführung wäre das Letzte, was sie heute Abend gebrauchen konnte. Immerhin traten die ›Freudenklänge‹, so der Name des Ensembles, ja nicht vor irgendwelchen Banausen auf, die ohnehin keinen Unterschied zwischen richtig und falsch bemerkten. Die gesamte Elite der Forschung über Oswald von Wolkenstein versammelte sich heute Abend. An die 200 Experten aus Europa und Übersee waren zu dem Symposium über den berühmten Dichtersänger angereist, der im 15. Jahrhundert in Südtirol gelebt und gewirkt hatte. Diesen Leuten konnte man kein D für ein E vormachen. Viola würde gut daran tun, an ihrem Tempo zu feilen, um mit den anderen Ensemblemitgliedern Schritt halten zu können.

Wozu sonst hatten sie die ›Freudenklänge‹ engagiert? Die Gruppe, die samt und sonders aus Absolventen der Hochschule für Alte Musik in Basel bestand, war in Fachkreisen berühmt für seine gelungenen Interpretationen mittelalterlicher Lieder. Momentan machten sie allerdings keinen besonders professionellen Eindruck. Da konnte man nur hoffen, dass der Chef der Truppe seine störrische Interpretin bis zu Beginn der Vorstellung zur Räson brachte.

Jenny setzte sich auf eine der Bänke im Burghof von Schloss Tirol. Nur einige wenige Fahrzeuge und Taxis mit einer speziellen Genehmigung durften den schmalen Weg, der von Dorf Tirol zum Schloss führte, befahren. Der Großteil der Besucher zog es daher vor, die etwa 20-minütige Strecke bis zur Burg per pedes zu bewältigen.

Der Fußmarsch erforderte gute Kondition. Zwar ging es zunächst recht eben dahin, und der Wanderer konnte das herrliche Panorama mit Blick auf Meran und die umliegenden Berge genießen. Doch je näher Jenny dem mächtigen Gebäude, das die Grafen von Tirol im 11. Jahrhundert erbaut hatten, kam, desto steiler ging es bergauf. Wer auf dem Weg entlang des vor allem im Frühjahr und Sommer meist feuchtschwülen Sonnenhanges nicht ins Schwitzen geriet, dem trieb die letzte steile Serpentine, die zum Burgtor führte, mit Sicherheit den Schweiß auf die Stirn.

Wenn man Pech hatte, auch in die Achselhöhlen. Jenny hob diskret den rechten Arm, um sich zu vergewissern, dass ihr Deo die Strapazen ausgehalten hatte. Schließlich war sie nicht zum Vergnügen hier, sondern in offizieller Funktion. Als PR-Beraterin hatte sie sich um die Öffentlichkeitsarbeit für das Symposium zu kümmern. Ihr ehemaliger Doktorvater Arthur Kammelbach, Germanistikprofessor aus Salzburg und wissenschaftlicher Leiter des Symposiums, hatte ihr diesen Auftrag verschafft. Die Pressekonferenz würde morgen im Kurhaus von Meran stattfinden, wo auch das Symposium tagte. Jenny wollte heute am Eröffnungsabend auf der Burg einen guten Eindruck machen.

Eigens für die Kongressteilnehmer waren Shuttlebusse eingesetzt worden. Jenny hätte den Service nutzen können. Doch sie hatte es vorgezogen, sich alleine auf den Weg zu machen. Mit dem Bus der Linie 221 war sie von Meran nach Dorf Tirol heraufgefahren und von dort zu Fuß auf die Burg gegangen.

In Wien, wo sie ihre PR-Agentur betrieb, hatte sie keine Gelegenheit zu ausgedehnten Wanderungen in der freien Natur. Daher war sie fest entschlossen, bei ihrem Aufenthalt das Nützliche mit dem Angenehmen zu verbinden und möglichst viel Südtiroler Bergluft einzuatmen.

Mittlerweile bezweifelte sie allerdings, dass der Fußmarsch eine gute Idee gewesen war. Nach den starken Regenfällen der vergangenen Tage hatte sich die Sonne ihren Weg durch die Wolken gebahnt und verbreitete eine drückende Schwüle.

Jenny wiederholte den Achselhöhlentest, diesmal auf der linken Seite. Schweißgeruch war definitiv das Letzte, was sie heute Abend gebrauchen konnte – abgesehen von einer glänzenden Nase.

Rasch nahm sie die Puderdose aus ihrer Handtasche und betrachtete sich in dem kleinen runden Spiegel. Kein Zweifel, es gab Renovierungsbedarf.

Nachdem sie das Döschen wieder zugeklappt und verstaut hatte, machte sie sich auf den Weg zur Toilette. Dabei fiel ihr Blick auf den Bergfried, der die imposante Anlage überragte. Sie hatte im Vorfeld einiges über die Burg gelesen und wusste, dass dort das einstige Verlies lag. Die Haftbedingungen in dem Kerker waren so hart gewesen, dass kaum einer der Verurteilten je wieder lebend herausgekommen war.

Jenny schauderte. Es war gar nicht so lange her, dass sie unfreiwillige Bekanntschaft mit einem Verlies gemacht hatte.

Die Stimme des Baritons rief sie zurück in die Gegenwart: »Bitte von vorn.« Viola hatte offenbar noch immer nicht das richtige Tempo gefunden.

*

»Krischtl, du kannsch die Becher herstellen. Na, Walther, du tuasch nimmer die Tisch hin- und herrucken, sonscht fallt all’s wieder obi.«

Martha Tappeiner stieß die Kommandos stakkatoartig hervor. Bis zum Eintreffen der Gäste dauerte es nicht mehr lange, und nach wie vor herrschte hier das reinste Chaos. Dabei hatte sich die Betreiberin eines Buschenschanks in St. Michaela ursprünglich sehr über den Auftrag gefreut. Bei der heutigen Soirée sollte sie für das leibliche Wohl der Anwesenden sorgen. An die 200 Doktoren, die alle an einem großen Kongress über Oswald von Wolkenstein teilnahmen, galt es zu verköstigen. Dazu kamen einige wichtige Leute aus der Gegend. Der Bürgermeister hatte sich angesagt, der Direktor des Tourismusvereins und sogar die Vizequästorin vom Kommissariat in Meran.

Fehlte nur, dass der Landeshauptmann höchst persönlich auftauchte. Immerhin war er oberster Chef des Südtiroler Landesmuseums, das auf Schloss Tirol beheimatet war. Er stand, soviel sie wusste, allerdings nicht auf der Gästeliste.

Auch so brachte die heutige Veranstaltung Martha Tappeiner beinahe an die Grenzen ihrer Kapazitäten. Aperitif mit Spezialitäten von Burg und Berg, in der Pause Schmankerln aus Kammer und Kessel – so hatte der Auftrag gelautet.

Normalerweise arbeiteten die Betreiber der Burg fix mit einer Gastwirtschaft der Umgebung zusammen. Doch ihr einflussreicher Arbeitgeber, bei dem Martha ihr saisonal schwankendes Einkommen im Buschenschank aufbesserte, hatte dafür gesorgt, dass diesmal sie zum Zug kam.

Inzwischen bereute sie ihre Zusage allerdings. Zuerst hatten die Auftraggeber von ihr verlangt, dass sie und ihre Helferinnen sich in grobe Leinenkittel kleideten. Die beiden Burschen im Team mussten lederne Kniehosen und lose herabfallende Baumwollhemden tragen. Das alles, um dem Ganzen eine authentische, mittelalterliche Note zu geben.

Doch die sackartige Bekleidung passte hinten und vorne nicht, der derbe Stoff kratzte und die langen Röcke waren bei der Arbeit eher hinderlich. Den Burschen schien es mit ihren um die Schenkel flatternden Hosen auch nicht besser zu gehen. Damit nicht genug, lautete der Auftrag, dass sie neben Bier – von der altehrwürdigen Brauerei Forst – und Wein – von den Hängen hinter Schloss Tirol – auch etwas Typisches ohne Alkohol ausschenkten.

Apfelsaft hatte sie vorgeschlagen, schließlich war die ganze Umgebung voller Apfelbäume. Zu wenig originell, hatte es geheißen. Sie möge sich etwas anderes einfallen lassen. Bis sie auf die Idee mit dem Rosenwasser gekommen war, das sie aus Rosenblüten selbst hergestellt hatte.

Ein polterndes Geräusch ließ Martha aufschrecken. Ah, Walther und Luis rollten das Bierfass herein. War ja auch Zeit geworden. Es musste rechtzeitig aufgebockt werden, damit der Bürgermeister den Anstich vornehmen konnte. Martha fragte sich, ob hier nicht ein wenig zu viel Aufwand für die gelehrten Gäste betrieben wurde. Andererseits war es ihr recht. Einen Zuverdienst konnte sie wirklich gut gebrauchen, gerade jetzt, wo …

»Kann i scho zum Einschenken anfangen, Mama?« Die Stimme ihrer Tochter riss Martha aus ihren Gedanken. Mit geröteten Wangen stand die Kleine da und versuchte gerade, einen mit Wein gefüllten Krug zu stemmen. »Na, wart no a bissl, bis die Gäscht kemmen.« Martha blickte liebevoll auf das Mädchen. Eine Schönheit war sie zwar nicht – die flachsblonden Haare hingen ihr strähnig auf die Schultern und die Krankenkassenbrille schmeichelte ihr auch nicht gerade. Dafür war die Gitsch1tüchtig. Erst zwölf Jahre alt und half bereits überall mit. Aus der würde was werden, da war sich Martha sicher.

*

Eine andere Mutter betrachtete ihre Tochter gerade weniger wohlwollend. Kateryna Maximowa saß im Fonds des Wagens, der sie zum Schloss Tirol brachte. Neben ihr hatte sich die 13-jährige Sascha in den Sitz gelümmelt. Man sah ihr den Widerwillen deutlich an. So sehr Kateryna dazu tendierte, ihre Tochter zu verwöhnen und ihr ihren Willen zu lassen – hatte sie diesmal darauf bestanden, dass das Mädchen sie zur heutigen Soirée begleitete. Sie wollte sie nicht der Obhut von Victor und Juri überlassen, der beiden Bodyguards, die sie auf Wunsch ihres Managers und Vertrauten Tony Perathoner engagiert hatte.

Sie müsse der Tatsache, dass sie als Millionärin Personenschutzbenötige, endlich ins Auge sehen, hatte Tony wiederholt gesagt. Bis sie ihm schließlich nachgegeben hatte. Daraufhin war er mit Victor und Juri, zwei ehemaligen Olympioniken aus der Ukraine, aufgetaucht, mit denen er bereits während seiner Zeit in Hollywood zusammengearbeitet hatte.

Sie seien absolut zuverlässig, zu ihnen habe er vollstes Vertrauen, hatte er gemeint, und Kateryna hatte ihn gewähren lassen. Sie war nach wie vor überzeugt, dass sie keine Leibwächter nötig hatte. Zumindest konnten sie ein Auge auf Sascha haben, die ein wahrer Wildfang war und sich ständig irgendwo herumtrieb.

Mittlerweile zweifelte Kateryna allerdings an der Fähigkeit der beiden Bodyguards. Sie hatten in erster Linie ihren Sport im Kopf und wollten unbedingt am Wildwasserwettbewerb teilnehmen, der nächstes Wochenende in Meran stattfand. Jede freie Minute nutzten sie, um zu trainieren. Und Sascha verschaffte ihnen genug Freizeit, indem sie die beiden ständig an der Nase herumführte, sie gegeneinander ausspielte und ihnen auf diese Art immer wieder entwischte.

Kateryna hatte das Treiben ihrer Tochter sehr wohl bemerkt. Sie scheute sich jedoch, Saschas Freiheitsdrang allzu sehr einzuschränken. Daher weigerte sie sich auch konsequent, eine Erzieherin für Sascha einzustellen, wie dies in ihren Kreisen üblich war. Immerhin hatte Kateryna die Lehramtsprüfung gemacht und ein paar Jahre unterrichtet. Sie wusste am besten, wie man mit jungen Menschen umging. Aus diesem Grund kam ihr eine Nanny nicht ins Haus, denn sie konnte es selbst nicht leiden, wenn man ihr Vorschriften machte, wie sie sich zu verhalten hatte. Wozu hatte sie denn das ganze Geld erworben, wenn sie es nicht genießen konnte und auf ihre Sicherheit bedacht sein musste?

Kateryna lehnte sich in den Sitzpolster zurück. Neben ihr sah Sascha missmutig aus dem Wagenfenster. Wenigstens mit ihrer Kleidung hätte sie sich ein wenig Mühe geben können. Wie sah ihre Tochter denn aus? Eine fadenscheinige und ausgebleichte Jeans, die ihr zu weit war, darüber ebenfalls ein viel zu weites T-Shirt in einer scheußlich grellen Farbe. Dazu der kurze, dunkelblonde Lockenschopf, über den sie eine Basecap gestülpt hatte.

Die Kleine legte es darauf an, wie ein Bub auszusehen. Dabei war sie so ein hübsches Kind, fast ein Teenager. Doch von Schminke, Stöckelschuhen und Jungen, wie das bei ihren Altersgenossinnen gang und gäbe war, wollte Sascha absolut nichts wissen. Das Einzige, was sie interessierte, war ihr Fahrrad. Ob zu Haus im südrussischen Sotschi, wo Kateryna, nachdem sie die Ukraine verlassen hatte, seit ein paar Jahren wohnte, oder hier in Meran: Ständig sauste sie mit dem Rad durch die Gegend. Was es ihr natürlich besonders leicht machte, Victor und Juri, die mit dem Auto unterwegs waren, abzuhängen.

Vielleicht sollte sie die beiden auch mit Fahrrädern ausrüsten.Das wäre gar keine so schlechte Idee. Sie könnten endlich besser auf Sascha aufpassen. Obwohl die beiden es sicher unter ihrer Würde betrachteten, von ihrem Mietwagen auf Fahrräder umzusteigen. Sie würde das mit Tony besprechen.

Kateryna nahm eine Bewegung wahr: Sascha geruhte endlich, den bisher starr zum Fenster gewandten Kopf in die Richtung ihrer Mutter zu drehen. »Wird Tony heute Abend auch da sein?«

Mein Gott, wenn das ihre einzige Sorge war. Wann würde Sascha ihre Aversion gegen den Mann an der Seite ihrer Mutter ablegen?

»Natürlich wird er da sein. Und wir drei werden einen sehr schönen Abend miteinander haben, mein Liebling.« Kateryna beugte sich zu ihrer Tochter hinüber und wollte den Arm um sie legen. Doch das Mädchen hatte sich wieder weggedreht und starrte aus dem Wagenfenster.

*

»Du willst nicht lieber den Shuttle nehmen?« Universitätsassistent Lenz Hofer war besorgt. Sein Chef, Professor Arthur Kammelbach hatte erklärt, den Weg von Dorf nach Schloss Tirol zu Fuß gehen zu wollen. Doch Lenz wusste, dass der ältere Mann gesundheitliche Probleme hatte.

Wenn man fit war, war die Strecke kein Problem. Für jemanden mit einem schwachen Herzen, wie es bei Arthur laut Gerüchten unter den Kollegen der Fall war, konnte der Weg zur Strapaze werden – vor allem bei der Schwüle, die immer drückender wurde. Doch Arthur hatte darauf bestanden, zu Fuß zu gehen. »Mein Arzt hat mir Bewegung verordnet«, hatte er hinzugefügt.

Nun näherten sie sich dem Schloss. Arthur holte mit seinen langen Beinen zügig aus und legte ein beachtliches Tempo vor. Neben ihm ging Professor Maurice Jungmann. Der kleinere, aber sportlich durchtrainierte Kollege hielt mühelos Schritt. Knapp dahinter folgte Lenz.

Eine Dreierreihe wäre sich auf dem schmalen Weg, auf dem auch jetzt am Abend ein reger Besucherstrom in beide Richtungen herrschte, nicht ausgegangen, ohne ständig ausweichen zu müssen. Da hielt er sich lieber im Hintergrund.

Die beiden Wissenschaftler – der eine, Arthur, Experte auf dem Gebiet der mittelhochdeutschen Dichtung, der andere, Spezialist für Alte Musik an der Hochschule in Basel – leiteten gemeinsam das Symposium. Sie hatten sicher einiges zu besprechen, sollte doch morgen die Eröffnung des Kongresses und die Pressekonferenz stattfinden.

Im Gegensatz dazu hatte Lenz das Gröbste hinter sich. Seine Aufgabe war es gewesen, in Meran alles für den Kongress vorzubereiten. Arthur hatte ihn dazu abkommandiert, weil der Professor der Meinung war, dass Lenz, ein gebürtiger Bozner, sich auch in Meran auskennen müsse. Was ja bis zu einem gewissen Grad auch der Fall war. Immerhin war es seine Idee gewesen, das Symposium, das ursprünglich auf Schloss Tirol hätte stattfinden sollen, in das Meraner Kurhaus zu verlegen.

Die Teilnehmer hatten sich derart zahlreich angemeldet, dass der Kongress auf der Burg nicht mehr möglich war. Allein 200 Leute täglich per Shuttle zwischen den Hotels in Dorf Tirol und dem Schloss hin und her zu karren, hätte die Logistik überfordert. Auf Lenz’ Empfehlung hin wurde das Symposium in das Meraner Kurhaus, in dem längst keine Kuren, sondern Kongresse, Konzerte und andere Veranstaltungen stattfanden, verlegt. Lediglich die musikalische Auftaktveranstaltung sollte heute Abend auf dem Schloss, der ›Wiege des Landes Tirol‹, stattfinden.

Gedankenverloren betrachtete Lenz das beeindruckende Bauwerk. Von dort aus verwalteten die Grafen von Tirol einst ein Territorium, das vom Inntal über die Alpen bis zum Gardasee reichte. Auch die berühmt-berüchtigte Margarete Maultasch hatte dort regiert. Als ihr verhasster erster Gatte Johann Heinrich nach einem Jagdausflug heimkehren wollte, sperrte ihn Margarte kurzerhand aus und ließ ihn nicht mehr in die Burg. Bei dem Gedanken an die resolute Frau musste Lenz unwillkürlich an Jenny Sommer denken, die er im vorigen Jahr kennengelernt hatte.

»Hast du Frau Dr. Sommer schon getroffen? Sie ist heute angekommen.« Arthurs Frage riss Lenz aus seinen Gedanken. »Noch nicht. Werd’ ich sie ja auf der Burg treffen«, beeilte er sich zu antworten.

Kaum hatte er den Satz zu Ende gesprochen, bemerkte er, dass Professor Jungmann sich zu ihm umgedreht hatte und ihn prüfend musterte. Hatte er wieder im Word-Rap gesprochen?

Lenz wusste um seine Angewohnheit, Subjekt und Prädikat zu vertauschen. Das war zu einer Zeit entstanden, in der er sich als Poet mit großer Zukunft gesehen hatte. Er hatte an Poetry Slams teilgenommen und seinen eigenen Vortragsstil entwickelt, indem er die deutsche Grammatik auf originelle Art abwandelte.

Die Marotte war ihm bis heute geblieben. Gegenüber Außenstehenden wie Professor Jungmann bemühte Lenz sich normalerweise um eine korrekte Ausdrucksweise. Jetzt war er offenbar wieder in das alte Muster gefallen.

Er musste sich zusammenreißen. Die Kongressteilnehmer würden es sicher als äußerst unangebracht empfinden, wenn der Assistent eines der beiden wissenschaftlichen Leiter kein korrektes Deutsch sprach.

Bevor Lenz Gelegenheit hatte, seinen guten Vorsatz in die Tat umzusetzen, betraten sie den Burghof. Viele der Kongressteilnehmer hatten sich schon eingefunden und labten sich am Aperitif, den bäuerlich gekleidete Frauen, Mädchen und Burschen aus großen Krügen in Steingutbecher schenkten.

Lenz sah Arthur mit ausgestreckten Armen auf eine Frau zugehen: Jenny Sommer. Da stand sie, genau so, wie er sie in Erinnerung hatte: klein, zierlich und ungemein energisch. Gerade mal einen Meter sechzig groß und 50 Kilo schwer drückte ihre ganze Haltung eine Kraft und Entschlossenheit aus, die er an sich selbst bisher vergeblich suchte.

Sie trug die kastanienbraunen Haare kürzer als beim letzten Mal, was ihr ein besonders jugendliches Aussehen verlieh. Wenn er es nicht besser gewusst hätte, er hätte sie für eine Studentin gehalten. Arthur hatte sie gerade am Arm genommen und führte sie zu ihnen.

»Maurice, ich möchte dich mit Frau Dr. Sommer bekannt machen, unsere PR-Expertin. Schade, dass du bei der Besprechung heute Nachmittag nicht dabei sein konntest. Ich bin sicher, ihr habt heute im Laufe des Abends Gelegenheit, euch vertraut zu machen.« Während die beiden einander die Hand schüttelten, wandte Arthur sich an Lenz: »Du und Jenny, ihr kennt euch ja bereits.«

Jenny wechselte ein paar Wort mit Professor Jungmann, bevor sie sich Lenz zuwandte.

»Hallo, wie geht es dir?« Die Floskel schien ihm betont förmlich. Auch der Blick, mit dem sie ihre Worte begleitete, war ganz und gar nicht freundschaftlich. Im Gegenteil, Lenz hatte den Eindruck, sie würde ihn am liebsten, wie weiland Margarete ihren Gatten, der Burg verwiesen.

Was war los? Hatte er sie beleidigt? Er wusste aus Erfahrung, dass sie leicht eingeschnappt war. Dabei hatte er nichts gesagt oder getan, das sie hätte verletzen können.

Vielleicht lag es daran, dass er bei der Besprechung am Nachmittag nicht dabei gewesen war. Sie hatten im Zuge der Vorbereitung des Kongresses diverse Mails ausgetauscht und er hatte sein Kommen zu dem Meeting, bei dem letzte Details für die morgige Pressekonferenz geklärt werden sollten, angekündigt.

Ihm war jedoch etwas dazwischengekommen: Ein hochrangiger ausländischer Teilnehmer war nicht wie vereinbart vom Taxidienst am Flughafen in Bozen abgeholt worden. Lenz hatte sich darum gekümmert und die Besprechung vergessen. Schließlich ging ihn die Pressekonferenz ja auch nichts an. Er würde sowieso nicht am Podium sitzen. Er hatte eigentlich nur die Gelegenheit nutzen wollen, Jenny vor dem heutigen Abend wiederzusehen – was nicht geklappt hatte. Wahrscheinlich war sie deshalb sauer auf ihn. Er kannte sie gut genug, um zu wissen, dass sie ihm sein unentschuldigtes Fernbleiben übel nahm.

Gerade wollte er ihr die Sache erklären, da machte sie auf dem Absatz kehrt und erklomm die Stufen zum Eingang des Südpalas, jenem Trakt der Burg, in dem das Konzert stattfand. Im nächsten Moment war Professor Jungmann an ihrer Seite und bot ihr höflich den Arm, den sie entgegennahm. Lenz zuckte die Schultern. »Versteh einer die Frauen«, murmelte er vor sich hin und folgte der Menge, die in den Konzertsaal strömte.

1 Südtirolerisch für Mädchen

Zwei

Kreuz und quer hab’ ich das Meer befahren,

in alle Himmelsrichtungen, auch wenn Stürme tobten.

Am Schwarzen Meer jedoch gab’s nur eine Rettung:

Ein Fass, das ich umklammerte, als mein Schiff versank.

Mit ihm ging auch mein Kapital den Bach hinunter.

Ich und ein Russe überlebten.

Zusammen schwammen wir ans Ufer.

Nach Oswald von Wolkenstein ›Es fügt sich‹

In der Burgkapelle, die für die Dauer des Konzerts zum Aufenthaltsraum für die Ensemblemitglieder umfunktioniert worden war, legte Viola Vielle den Bogen neben sich auf die Kirchenbank. Liebevoll blickte sie auf das Instrument in ihrem Schoß, das weniger Versierte Geige oder Violine bezeichnet hätten. In Wahrheit handelte es sich jedoch um eine Vielle, etwas länglicher als eine Geige und das mittelalterliche Pendant zu dem Streichinstrument, wie man es heute kannte.

Vielle. Viola ließ sich den Begriff auf der Zunge zergehen. Was für ein glücklicher Zufall, dass der Name mit ihrem eigenen übereinstimmte. Zugegeben, ein wenig hatte sie nachgeholfen. Künstlernamen waren schließlich erlaubt.

Sie war eine Künstlerin, und was für eine! Bereits im Kindesalter war sie durch ihre außerordentliche Musikalität aufgefallen und hatte Flöten- und Klavierunterricht bekommen. Trotzdem wäre sie lieber Balletttänzerin geworden. Violas großzügige Eltern hatten sie in dieser Hinsicht gefördert und mit ihren langen schlanken Gliedern war sie geradezu prädestiniert für eine Tanzkarriere. Das dachten auch ihre Trainer – bis sie eine Schwäche an Viola, die damals Margrit Peterle hieß, entdeckten: Sie konnte das Tempo nicht halten. Ein fatales Manko für eine Tänzerin. Wie sehr sich auch ihre Trainer bemühten, sie in ein Ensemble einzubinden, stets tanzte sie aus der Reihe. Irgendwann gab man ihr eine Chance als Solistin, in der Hoffnung, dass hier ihre Temposchwäche weniger auffallen würde. Doch die Elevenvorstellung wurde zum Desaster. Selbst der unmusikalischste Besucher bemerkte, dass Margrit dem Orchester hinterherhinkte. Der Applaus war entsprechend spärlich ausgefallen. Zudem hatte Margrit die Häme in den Gesichtern der ehrgeizigen Mütter ihrer Kolleginnen genau gesehen. Man gönnte ihr den Misserfolg von ganzem Herzen. Sie hängte ihre Ballettschuhe an den Nagel und nahm Geigenunterricht. Wenn sie ihren Körper nicht beherrschen konnte, sollte ihr dies zumindest mit einem weiteren Instrument gelingen.

Tatsächlich machte sie schnell Fortschritte. Mit dem Bogen wusste sie umzugehen, bald entlockte sie dem Instrument die wundervollsten Töne.

Ihre Probleme mit dem Tempo hatte sie allerdings nicht ganz beheben können. Doch sie hatte so hart an sich gearbeitet, dass diese Schwäche fast nicht mehr auffiel. An der Hochschule für Alte Musik in Basel überzeugte sie mit ihrer Virtuosität. Bald wurde sie Mitglied eines Studentenensembles, das sich der Wiederaufführung von Liedern Oswalds von Wolkenstein verschrieben hatte. Seine Liedtexte waren in zwei Handschriften, die er selbst in Auftrag gegeben hatte, überliefert. Dazu Melodien von solcher Fülle und Vielfalt, dass man sich Jahre damit beschäftigen und immer neue Interpretationsvarianten entdecken konnte.

Mit dem Eintritt in das Ensemble war der Zeitpunkt gekommen, die biedere Margrit Peterle abzustreifen und sich den Künstlernamen Viola Vielle zuzulegen. Fortan trommelten, sangen und fiedelten sich die fünf Studenten in die Herzen ihrer Zuhörer. Tobias Winkler, der Rührigste unter ihnen, übernahm die Aufgabe, die Gruppe auf professionelle Beine zu stellen. Anstatt des bisherigen Namens ›Basler Oldies‹, der an einem feucht-fröhlichen Abend in einer Studentenkneipe entstanden war, nannten sie sich fortan ›Freudenklänge‹. Tobias war es auch, der Sponsoren auftrieb, die ihnen die Produktion ihrer ersten CD ermöglichten, und der für sie die Verträge aushandelte.

Bald waren die einstigen Newcomer weit über die Schweizer Grenzen hinaus eines der gefragtesten Ensembles für Alte Musik. Selbst im Fernsehen waren sie bereits mehrfach zu sehen gewesen. Viola Vielle dachte mit Genugtuung an die Ballettmütter von früher zurück. Was für Gesichter die wohl machten, wenn sie Viola im Fernsehen sahen? Erfreut waren sie sicher nicht, denn keine ihrer ehemaligen Kolleginnen war auch nur annähernd so erfolgreich wie sie.

Mit 28 Jahren hatte Viola in ihrer Musikkarriere viel erreicht. Von ihr aus hätte es so erfolgreich weitergehen können. Wenn da nicht plötzlich ihre kleine Schwäche wieder aufgetaucht wäre. In den vergangenen Wochen hatte es deswegen in der Gruppe Feindseligkeiten gegeben.

Viola wusste sehr wohl, dass es ihr Fehler war, wenn sie mit ihrem Einsatz zu spät kam. Doch das hätte sie nie zugegeben. Sie beschuldigte die anderen, zu früh dran zu sein, und forderte sie auf, sich gefälligst ihrem Tempo anzupassen.

Tobias hatte bisher verhindert, dass der Streit offen ausgebrochen war. Doch sie hatte bemerkt, dass er der Einzige war, der zu ihr hielt. Das Verhalten der anderen drei wurde zunehmend dreister. Besonders Clara van Alt, die Mezzosopranistin, machte ihr mit giftigen Bemerkungen das Leben schwer. Viola vermutete, sie sei vor allem neidisch auf ihr gutes Aussehen. Kein Wunder, während Viola immer schlanker wurde, legte die andere an Umfang zu.

Viola betrachtete die Kollegin, die sich gerade ihr Seidenkleid über der üppigen Taille zurechtzupfte. Plötzlich beugte sie sich zu Viola. So leise, dass Tobias es nicht hören konnte, zischte ihr die Sängerin ins Ohr: »Das ist heute das letzte Mal, dass ich mich nach dir richte. In Zukunft hältst du das Tempo – oder du kannst deine Geige ein für alle Mal einpacken.« Damit erhob sich Clara, machte einen letzten vergeblichen Versuch, ihr Kleid über dem Bauch glatt zu streichen, und folgte Tobias. Der hatte gerade das Zeichen zum Auftritt gegeben. Viola nahm ihre Vielle und folgte den anderen durch die Kapellentür. Sie würden sie kennenlernen. Wenn es sein musste, konnte sie auch andere Saiten aufziehen.

*

Ein hoher, scharfer Ton ließ Jenny zusammenzucken. Gleich darauf vernahm sie ein Schnarren, das ihr Gänsehaut verursachte. Die Musiker hatten ihre Plätze auf der Bühne eingenommen und stimmten ihre Instrumente. Sie fragte sich, warum es nicht möglich war, dies vor dem Auftritt zu erledigen? Wahrscheinlich gehörte es zur Show. Das Publikum sollte ruhig sehen und vor allem hören, wie sich die Musiker Dompteuren gleich über ihre scheinbar wild gewordenen Instrumente hermachten, bis diese schließlich gezähmt waren und die lieblichsten Klänge verströmten.

Jenny sah sich im Raum um. Von ihrem Sitz im Seitenflügel des Rittersaales war die Sicht auf die Bühne wegen eines Stützpfeilers etwas beeinträchtigt. Dafür hatte sie die Sitzreihen im Mittelteil des Saales umso besser im Blickfeld. Ganz vorn in der ersten Reihe saßen Arthur Kammelbach und Maurice Jungmann. Die Professoren hätten, obwohl beide zwischen Mitte und Ende 50 und damit an Jahren fast gleich, nicht unterschiedlicher sein können. Arthur, groß und stattlich, sah man sein Alter allein aufgrund der stahlgrauen Haare, die er sich gerade wieder mit der für ihn typischen Geste in die Stirn strich, an. Wie immer war er trotz des heutigen festlichen Anlasses mit seinem rot-weiß karierten Hemd und dem etwas speckigen Ledersakko nachlässig gekleidet.

Daneben Maurice Jungmann: Kleiner als Arthur, dafür schlank, drahtig und gut trainiert. Jenny hatte, nachdem er sich beim Hineingehen sein Sakko aus feinem Tuch ausgezogen und um die Schultern gelegt hatte, die Muskeln unter dem zweifellos maßgeschneiderten blassrosa Hemd hervortreten sehen. Um den Hals trug er eine fliederfarbene Seidenkrawatte, aus der Brusttasche seines Jacketts lugte ein Stecktuch im passenden Farbton.

Der Mann legte Wert auf sein Äußeres und sah blendend aus. Braungebrannte, markante Gesichtszüge und dunkelblonde, mit hellen Glanzlichtern gesprenkelte Haare, die er etwas länger hinter das Ohr gekämmt trug, unterstrichen seine gepflegte und zugleich jugendliche Erscheinung. Mit übereinandergeschlagenen Beinen und geschlossenen Augen saß er da und wiegte den Kopf wie selbstvergessen zu den Klängen der Musik, die nun in voller Pracht den Raum erfüllte.

»Ist Platz?« Ein hochaufgeschossenes Mädchen mit einer Basecap auf dem Kopf stand vor Jenny und deutete auf den freien Sitz neben ihr. Mit einem knappen Nicken beantwortete sie die Frage. Der Teenager setzte sich. War das nicht die Tochter von Kateryna Maximowa, alte Bekannte von Arthur und großzügige Sponsorin des Symposiums? Heute Nachmittag hatte sie mit der Ukrainerin und Arthur die morgige Pressekonferenz besprochen. Das Kind war wie aus dem Nichts aufgetaucht. ›Meine Tochter Sascha‹, hatte die Mutter sie vorgestellt. Jenny ließ ihren Blick schweifen, um nach Kateryna Ausschau zu halten. In der Mitte der ersten Reihe entdeckte sie die auffallende Erscheinung der Ukrainerin neben einer streng aussehenden Dame im biederen Kostüm. Das musste die Vizequästorin sein, die oberste Polizeibeamtin der Region. Arthur hatte deren Kommen zum heutigen Konzert angekündigt.

Jenny unterdrückte ein Grinsen. Das war typisch für die Gegend. Wenn in Wien ein hoher Polizeibeamter in offizieller Mission an einer Veranstaltung teilnahm, tat er das, um zu ermitteln. Hier dagegen spielte der Vizequästor oder in dem Fall die Vizequästorin auch eine gesellschaftliche Rolle. Nur so war deren heutiges Erscheinen erklärbar. Oder hegte sie etwa einen Verdacht gegen einen der hier Anwesenden?

Plötzlich war Jenny nicht mehr zum Lachen zumute. Sie erinnerte sich an ihren letzten Aufenthalt in Südtirol, wo sie auf Einladung von Arthur an einer Forschungsreise auf die Burg Runkelstein bei Bozen teilgenommen hatte. Damals hatte sie aufgrund der Ereignisse unliebsame Bekanntschaft mit der Polizei gemacht. Das wollte sie nicht noch einmal erleben. Die Erinnerungen genügten ihr.

»Sie hören ein Liebeslied, das Oswald für seine Frau Margareta geschrieben hat. Anschließend verabschieden wir uns mit seiner großen Lebensbeichte ›Es fügt sich‹ in die Pause.« Der Leiter des Ensembles hatte wieder eine seiner kurzen Erläuterungen eingestreut, mit denen er durch das Programm führte. Die stämmige Sängerin gesellte sich zu ihm, gemeinsam stimmten sie das Duett an. Ob das diese Viola war, die bei der Probe mit dem Tempo gekämpft hatte? Jenny blätterte im Programmheft, konnte jedoch die winzige Schrift nicht entziffern. Bei den Lichtverhältnissen ließen ihre Kontaktlinsen sie im Stich. Diskret zückte sie ihre Lesebrille, die sie für solche Notfälle dabeihatte, und setzte sie auf. Da stand es ja: Viola Vielle, Instrument: Vielle. Aha, das war die große schlanke Geigerin mit der langen blonden Mähne. Eine aparte Person, das musste Jenny zugeben. Wenn sie auch mit ihrem länglichen Gesicht, der kurzen, nach oben gereckten Nase und der etwas vorstehendem Oberlippe ein wenig an ein Pferd erinnerte.

Der Name musste ein Künstlername sein. Er war geschickt gewählt, wenn auch vielleicht etwas zu dick aufgetragen. Die anderen Ensemblemitglieder schienen Viola in nichts nachzustehen. Clara van Alt, Mezzosopran. Das war die rundliche Sängerin. Der Nachname jedenfalls klang sehr gekünstelt. Und woher kam das van? War sie Holländerin? Eher erinnerte sie Jenny an eine behäbige Schweizer Milchkuh. Allerdings konnte sie auch als dralle holländische Käsefrau durchgehen.

Tobias Winkler, der Chef des Ensembles, hatte einen normalen Namen. Drehleier, Gesang und Laute stand bei ihm auf dem Programmzettel. Urs Maier, Flöte und Percussion. Auch dieser Name klang recht bodenständig. Aber was war das? Jean Cornemuse, Sackpfeife. Der Nachname war eindeutig eine Erfindung, handelte es sich dabei um die französische Bezeichnung für Dudelsack. Und dass der Vorname echt war, bezweifelte Jenny ebenfalls. Wahrscheinlich hieß der Dudelsackspieler in Wirklichkeit Johann Müller.

Ob Maurice in Wahrheit Moritz hieß? Jenny traute dem Professor, der so großen Bedacht auf sein Image legte, zu, dass er bei seinem französischen Vornamen ein wenig nachgeholfen hatte. Andererseits, die Schweiz war drei-, sogar viersprachig. Da konnte eine solche Kombination durchaus in der Geburtsurkunde stehen.

Jenny konzentrierte sich wieder auf den musikalischen Vortrag. Mittlerweile war das Ensemble bei Oswalds Lebensbeichte angelangt. Wenn man dem glauben konnte, was der große Dichtersänger da berichtete, musste er ein richtiger Haudegen gewesen sein. Mit zehn Jahren hatte er das Elternhaus verlassen, wurde Koch und Pferdeknecht, bevor er in Kreuz- und Feldzügen das Kriegshandwerk erlernte. Zehn Sprachen hatte er angeblich gesprochen und zahlreiche Instrumente gespielt. Die Königin von Aragon war so angetan von ihm, dass sie ihm ›Ringlein in den Bart flocht‹.

Doch auch die edle Dame konnte den unsteten Ritter nicht zum Bleiben verführen. Um zu Geld zu kommen – Oswald war meist knapp bei Kasse –, schiffte er sich als Kaufmann ein. In Trapezunt – einem ehemaligen Kaiserreich, das heute zum kleinasiatischen Teil der Türkei gehört – bestieg er wieder eine Brigantine, um übers Schwarze Meer in die Handelsmetropole Kaffa auf der Krim zu gelangen. Wein sollte gegen Pelze getauscht und diese auf dem Rückweg in bare Münze verwandelt werden. Doch ein Seesturm machte Oswald einen Strich durch die Rechnung: Das Segelschiff war mit Maus und Mann versunken. Nur Oswald und ein Russe hatten sich retten können. Auf einem Weinfass treibend waren sie ans Ufer gelangt.

Das klang für Jenny sehr abenteuerlich. Ob sich das wirklich so zugetragen hatte? Jenny hegte ihre Zweifel. Hatte der Dichter da vielleicht etwa Seemannsgarn gesponnen? Nein, ihr fiel ein, dass es handfeste Beweise für die wundersame Rettung auf dem Weinfass gab – beinahe jedenfalls. Denn Oswald hatte nach seiner Rückkehr von dieser Fahrt ein Votivbild malen lassen, das ihn auf einem Fass schwimmend zeigte. Lange Zeit hing es im Brixner Dom, bevor es einem Brand zum Opfer fiel. Ein Nachfahre Oswalds hatte es jedoch gesehen und eine genaue Beschreibung hinterlassen. Wenn der Sänger sogar Geld in die Hand genommen hatte, um das Bild zum Dank für seine Rettung malen zu lassen und der Kirche zu stiften, musste an der Geschichte etwas Wahres dran sein.