Kommunikation -  - ebook

Kommunikation ebook

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Opis

Dieses Buch mit Beiträgen von Psychologen, Medien- und Wirtschaftswissenschaftlern bietet im ersten Teil einen ausführlichen Überblick über die theoretischen Grundlagen der verbalen und nonverbalen Kommunikation zwischen Personen und Gruppen, in Face-to-Face-Interaktionen und in unterschiedlichen Medien. Der zweite Teil ist anwendungsorientiert und behandelt Kommunikation detailliert in verschiedenen Praxisfeldern: im gesellschaftlichen Kontext, in der Nutzung und Wirkung neuer Medien, in der Wirtschaftspraxis und in der psychosozialen Beratungspraxis.

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Mathias BlanzArnd FlorackUrsula Piontkowski (Hrsg.)

Kommunikation

Eine interdisziplinäre Einführung

Verlag W. Kohlhammer

Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwendung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechts ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und für die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Die Wiedergabe von Warenbezeichnungen, Handelsnamen und sonstigen Kennzeichen in diesem Buch berechtigt nicht zu der Annahme, dass diese von jedermann frei benutzt werden durfen. Vielmehr kann es sich auch dann um eingetragene Warenzeichen oder sonstige geschütze Kennzeichen handeln, wenn sie nicht eigens als solche gekennzeichnet sind.

Es konnten nicht alle Rechtsinhaber von Abbildungen und Texten ermittelt werden. Sollte dem Verlag gegenüber der Nachweis der Rechtsinhaberschaft geführt werden, wird das branchenübliche Honorar nachträglich gezahlt.

1. Auflage 2014

Alle Rechte vorbehalten

© 2014 W. Kohlhammer GmbH Stuttgart

Umschlag: Gestaltungskonzept Peter Horlacher

Gesamtherstellung:

W. Kohlhammer Druckerei GmbH + Co. KG, Stuttgart

Print:

ISBN 978-3-17-021992-2

E-Book-Formate:

pdf:     ISBN 978-3-17-023892-3

epub:  ISBN 978-3-17-024793-2

mobi:  ISBN 978-3-17-024794-9

Inhalt

Vorwort

I   Grundlagen

1   Definitorische und deskriptive Aspekte von Kommunikation

Mathias Blanz

2   Sprachliche Kommunikation: Psycholinguistische Grundlagen

Monika Schwarz-Friesel und Konstanze Marx

3   Sprachliche Kommunikation: Sprache als Mittel der Beeinflussung

Klaus Fiedler und Tobias Krüger

4   Nonverbale Kommunikation: Grundlagen, Funktionen und Eigenschaften

Nicole C. Krämer, Sabrina Sobieraj, Sophia Grundnig und Leonie Rösner

5   Interpersonale Kommunikation

Margarete Boos und Martin Riethmüller

6   Gruppenkommunikation

Ursula Piontkowski

7   Mediale Kommunikation und Massenkommunikation

Dagmar Unz und Mathias Blanz

II   Anwendungsfelder

Kommunikation im gesellschaftlichen Kontext

8   Kommunikation in sozialen Netzwerken

Katrin Wodzicki und Ulrike Cress

9   Gesundheitsbezogene Kommunikation

Daniela Lange und Ralf Schwarzer

10   Interkulturelle Kommunikation

Anette Rohmann und Agostino Mazziotta

Kommunikation und Medien

11   Mediennutzung – Was machen die Menschen mit den Medien?

Dagmar Unz

12   Medienwirkungen

Holger Schramm und Johannes Knoll

Kommunikation in der Wirtschaftspraxis

13   Kommunikationspolitik im Handel

Peter Kenning und Marion Steffen

14   Werbekommunikation

Oliver B. Büttner, Arnd Florack und Martin Scarabis

15   Kommunikationstraining für Mitarbeiter und Führungskräfte

Sonja Öhlschlegel-Haubrock

Kommunikation in der Beratungspraxis

16   Das Beratungsgespräch mit Klienten

Dieter Schmelzer

17   Kommunikationstraining für Paare und Familien

Mirjam Kessler und Guy Bodenmann

18   Fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker: Die Psychologie der Experten-Laien-Kommunikation

Rainer Bromme und Regina Jucks

Literaturverzeichnis

Stichwortverzeichnis

Autorenverzeichnis

Vorwort

Kommunikation ist ein zentrales Element des alltäglichen Lebens. Alle wesentlichen sozialen Interaktionen und Beziehungen basieren auf Kommunikation, und ihre Bedeutung wird schnell sichtbar, wenn es zu Verständigungsproblemen und Missverständnissen kommt.

Kommunikation ist daher auch ein zentraler Begriff in vielen wissenschaftlichen Disziplinen, und sie spielt eine wichtige Rolle in einer Vielzahl von Berufsausbildungen und Anwendungsfeldern, bei denen der direkte Umgang mit Menschen im Mittelpunkt steht.

Kommunikation ist ein facettenreiches Gebiet, das sich zunehmend weiter entfaltet. Insbesondere durch die neuen Medien haben sich sowohl die theoretischen Zugänge als auch die Anwendungsaspekte sehr erweitert.

Unser Buch stellt im ersten Teil die Grundlagen sozialer Kommunikation vor und zeigt im zweiten Teil die Vielfalt der Anwendungsmöglichkeiten und den Forschungsstand in unterschiedlichen Bereichen. Der Grundlagenteil bietet Lehrenden und Lernenden einen Überblick über die theoretischen und methodischen Zugangsweisen und die zentralen empirischen Befunde einer schwerpunktmäßig sozial- und wirtschaftswissenschaftlich orientierten Kommunikationswissenschaft. Wesentliche Themen neben der sprachlichen und nichtsprachlichen Kommunikation sind dabei die interpersonale und Gruppenkommunikation sowie die Massen- und mediale Kommunikation. Der Anwendungsteil umfasst Beiträge zu gesellschafts- und berufsrelevanten Themen. Er ist gegliedert in vier Abschnitte, in denen die Rolle von Kommunikation im gesellschaftlichen Kontext, in ihrer Beziehung zu Medien und ihre Bedeutung in der Wirtschafts- und in der Beratungspraxis dargestellt und diskutiert werden. Viele Aspekte davon sind auch von unmittelbarem Interesse für Praktiker und lassen sich beispielsweise für Beratungsgespräche und Kommunikationstrainings ebenso nutzen wie für die Kommunikation von Unternehmen in Werbung und Handel.

Wir freuen uns, dass wir Autoren und Autorinnen mit höchster Kompetenz für das jeweilige Thema gewinnen konnten, und danken ihnen für ihr Engagement, ihre Kooperations- und Kompromissbereitschaft.

In einigen Beiträgen wird zur leichteren Lesbarkeit des Textes nur eine der beiden Geschlechtsformulierungen verwendet, die jeweils andere ist dabei selbstverständlich immer mitgedacht.

Würzburg, Wien und Münster, im Herbst 2013

Mathias BlanzArnd FlorackUrsula Piontkowski

I   Grundlagen

Der erste Teil des Buches befasst sich mit den Grundlagen sprachlicher und nichtsprachlicher menschlicher Kommunikation. In sieben Kapiteln wird ein Überblick über die theoretischen und methodischen Zugangsweisen und den Forschungsstand einer schwerpunktmäßig sozial- und wirtschaftswissenschaftlich orientierten Kommunikationswissenschaft gegeben.

Kap. 1Definitorische und deskriptive Aspekte von Kommunikation analysiert die Begrifflichkeit und die Modelle dieser noch relativ jungen Wissenschaft und fragt, welche Komponenten in einer Interaktion gegeben sein müssen, um dem informationellen, sozialen und publizistischen Charakter von Kommunikation gerecht zu werden. Zugleich bildet dieses Kapitel einen Rahmen für die Verortung der weiteren Grundlagenkapitel, indem die für die Bereiche interpersonale Kommunikation und Massenkommunikation spezifischen Kommunikationsmodelle dargestellt werden.

Der sprachlichen Kommunikation als Grundlage aller wesentlichen sozialen Interaktionen widmen sich zwei Kapitel. Sprache ist ein Fenster zur Welt und eine Straße in den Geist. Diese zentrale These steht am Anfang des Kap. 2Sprachliche Kommunikation: Psycholinguistische Grundlagen. Sprache als kommunikatives Handlungsinstrument und Sprache als mentales Kenntnissystem bilden daher die Schwerpunkte dieses Kapitels, unter denen die Aspekte Handeln durch Sprache, pragmatische Kompetenz, Spracherwerb, Sprachrezeption und Sprachproduktion vertieft werden.

Soziale Einflussnahme durch Sprache ist Thema des Kap. 3Sprachliche Kommunikation: Sprache als Mittel der Beeinflussung. Standen lange Zeit kognitive, motivationale und emotionale Faktoren in Erklärungsansätzen der Persuasionsforschung im Vordergrund, so zeigt neuere Forschung, welche Einflusskraft genuin linguistische Merkmale besitzen. Sowohl lexikalische als auch konversationslogische Ansätze untersuchen soziale Beeinflussung als Ergebnis von Wortwahl einerseits und impliziten Übereinkünften über Kommunikationsregeln andererseits. Wirksame Beeinflussung muss informativ hinsichtlich der Ziele sein, zugleich aber Bedrängung vermeiden.

Das komplexe System nonverbaler Kommunikationskanäle wird in Kap. 4Nonverbale Kommunikation: Grundlagen, Funktionen und Eigenschaften dargestellt. Neben einem Überblick über den Forschungsstand bietet das Kapitel eine Analyse der Funktionen nonverbalen Verhaltens und diskutiert, welche Rolle Faktoren wie Geschlecht, Alter und Kultur spielen. Die Bedeutung nonverbalen Verhaltens für soziale Beziehungen lässt sich nicht nur an der Forschungsintensität erkennen, sondern auch am alltäglichen Interesse an dieser Thematik und an den vielfältigen Kontexten, in denen es von Nutzen ist – vom Führungsverhalten in Organisationen über Arzt-Patient-Beziehungen bis zum Einsatz beim E-Learning und der Mensch-Computer-Interaktion.

In den letzten Kapiteln des Grundlagenteils werden drei klassische Forschungsbereiche der Kommunikationswissenschaft vorgestellt. Zunächst steht in Kap. 5 die Interpersonale Kommunikation im Fokus. Kommunikation als soziales Handeln hat entscheidenden Einfluss auf die Entwicklung und Aufrechterhaltung sozialer Beziehungen. Ob eine Bekanntschafts-, Freundschafts- oder eine Liebesbeziehung entsteht, ist auch eine Frage des Verhältnisses von eingesetzter sozialer Kontrolle und Affiliation. Wichtig dabei ist, inwieweit es den Interaktionspartnern gelingt, kommunikative Strategien und Verhaltensweisen einzusetzen, die sowohl den eigenen interpersonalen Zielen entsprechen als auch den Partner berücksichtigen. Dies ist eine Frage ihrer kommunikativen Kompetenz.

Kap. 6Gruppenkommunikation befasst sich mit der besonderen kollektiven Realität von Gruppen, die mehr ist als die Summe der Merkmale und Verhaltensweisen ihrer Mitglieder. Einerseits sind Gruppen zu Leistungen in der Lage, die von Einzelpersonen nicht erbracht werden können, wie etwa der Aufbau eines transaktiven Gedächtnisses. Andererseits können Gruppen leider oft das Potential ihrer Mitglieder nicht hinreichend nutzen und bleiben hinter ihren Leistungsmöglichkeiten zurück. Die Gründe liegen oft in Kommunikationsdefiziten. Verzerrungen beim Austausch und in der Bewertung von Informationen schmälern die Gruppenproduktivität. Ein weiterer Aspekt dieses Kapitels behandelt die Kommunikation zwischen Gruppen. Hier werden sprachliche Mittel eingesetzt, um durch soziale Kategorisierungs- und Vergleichsprozesse die eigene soziale Identität positiver zu gestalten.

Im Zentrum des Kap. 7Mediale Kommunikation und Massenkommunikation stehen die Fragen: Wie kommen Nachrichten zustande? Was beinhalten Nachrichten? Wie verbreiten sich Nachrichten? Diese Fragen charakterisieren drei wichtige Forschungsfelder der Publizistik: die Journalismus-, Inhalts- und Medienforschung. Untersucht wird, was die Kommunikatoren, Journalisten bzw. Medienakteure auszeichnet und wie journalistische Prozesse und Produktionsprozesse ablaufen, welche Selektionsprozesse bei der Nachrichtenberichterstattung vorliegen und schließlich welche Wege und Faktoren für die Verbreitung von Nachrichten von Bedeutung sind.

1          Definitorische und deskriptive Aspekte von Kommunikation

Mathias Blanz

1.1       Kommunikationswissenschaft als wissenschaftliche Disziplin

In Anlehnung an eine Charakterisierung von Merten (1999) stellt Kommunikation ein Phänomen des Alltags dar (Profanität; Jeder hält sich für einen Experten), das nahezu alle Lebensbereiche tangiert (Universalität; Was zählt nicht zu Kommunikation?), ohne direkt »greifbar« zu sein (Flüchtigkeit; Kommunikation ist keine Substanz, sondern ein Prozess). Weiterhin impliziert Kommunikation ein In-Beziehung-Setzen (Relationalität; Kommunikation entsteht zwischen einer Quelle und einem von ihr adressierten Ziel), sie kennzeichnet unterschiedliche Abläufe (Heterogenität; Sind Tier- und Humankommunikation dasselbe?) und weist für uns Menschen Selbstbezüglichkeit (Beck, 2010, S. 14) auf, d. h., Kommunikation kann zugleich Mittel und Gegenstand sein (wie im vorliegenden Buch). Man kann die Bedeutung von Kommunikation demnach kaum überschätzen.

Für die Deutsche Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft (DGPuK) steht die »indirekte, durch Massenmedien vermittelte, öffentliche Kommunikation« im Zentrum der Kommunikationswissenschaft (Pürer, 2003, S. 49). In einschlägigen publizistischen Lehrbüchern – im deutschsprachigen Bereich zum Beispiel Burkhart, 2002; Pürer, 2003; Beck, 2010 – steht folglich die mediale, d. h. technisch vermittelte Massenkommunikation im Vordergrund. Maletzke (1998) beklagt in diesem Zusammenhang eine »einseitige Akzentuierung in der Kommunikationswissenschaft« (S. 13): Die direkte, d. h. nicht mediale Kommunikation zwischen Menschen (face to face, FTF-Kommunikation) stellt die ursprüngliche Kommunikationsart dar, sie wird von der Massenkommunikation erst seit relativ kurzer Zeit ergänzt.

Die Kommunikationswissenschaft ist eine noch relativ junge Disziplin, in Deutschland erst etwas mehr als ein halbes Jahrhundert alt. Obwohl sich das Fach zunehmend als »Einzelwissenschaft« (Maletzke, 1998, S. 15) versteht, erscheint es bis heute weniger als einheitliche wissenschaftliche Disziplin mit exakt definiertem Inhalt und vorwiegend eigenständig entwickelten Methoden, sondern mehr als eine Schnittstellendisziplin mit enger Vernetzung zu einer Reihe unterschiedlicher »Teildisziplinen« (Beck, 2010, S. 162) und deren Forschungsmethoden. Zu diesen zählen u. a. die Publizistik, die Psychologie und die Linguistik (Sprachwissenschaft), deren Forschungsgebiete – zusammen mit weiteren Disziplinen – in Box 1.1 dargestellt sind.

Box 1.1: Auswahl relevanter Bezugswissenschaften der Kommunikationswissenschaft

1.2       Definition von Kommunikation

Bis heute existiert keine einheitliche Definition des Begriffs Kommunikation. Merten zählte bereits in einer Studie aus dem Jahre 1977 einhundertsechzig verschiedene definitorische Ansätze, von denen er neun Arbeitsmodelle ableitete. Darunter fallen beispielsweise Kommunikation als (einseitiger) Prozess der Informationsübertragung oder als (zweiseitiger) Prozess des sozialen Austausches. Ein Begriff, durch den der Gegenstandsbereich einer Wissenschaft definiert werden soll, dessen Bedeutung jedoch keine klaren Grenzen aufweist, ist wissenschaftstheoretisch inakzeptabel. Es ist deshalb notwendig, den Kommunikationsbegriff so zu definieren, dass damit gleichzeitig verdeutlicht wird, was keine Kommunikation darstellt.

Das Wort »Kommunikation« stammt von den lateinischen Begriffen communis, communicare und communicatio ab, die als gemeinsam (machen), vereinigen, (mit-)teilen, teilnehmen (lassen), Anteil haben oder Verständigung übersetzen werden können (vgl. Bentele, Brosius & Jarren, 2006, S. 126). Dabei wird neben dem informationellen (mitteilen) und dem sozialen (gemeinsam machen) Charakter von Kommunikation ihre publizistische Seite (teilnehmen lassen) deutlich.

1.2.1     Komponenten des Kommunikationsprozesses

Diese Definition verweist zudem auf drei Minimalkomponenten von Kommunikation: Es sind mindestens zwei Instanzen involviert, A und B, zwischen denen es zu einer Mitteilung kommt. »A kommuniziert mit B, wenn zwischen A und B etwas geteilt oder von A nach B übertragen wird« (MacKay, 1972, S. 4; übersetzt vom Verfasser). Der Kommunikationsprozess weist darüber hinaus eine zeitliche Struktur auf: Zu einem gegebenen Zeitpunkt werden aus den Instanzen Kommunikationsquelle und Kommunikationsziel.

Zwischen Quelle und Ziel werden jedoch nicht direkt Mitteilungen, sondern Signale übermittelt, was aus heutiger Sicht für jeden Kommunikationsvorgang gilt, da »alle Kommunikation des Mittels oder Mediums bedarf« (Graumann, 1972, S. 1182). Dies wird in dem berühmten Modell der Signalübermittlung von Shannon und Weaver (1949), das in Abb. 1.1 dargestellt ist, berücksichtigt. Dabei wird bei einer Kommunikation eine Mitteilung (oder Botschaft, message) der Kommunikationsquelle (source) von einem Sender (transmitter) in ein Signal (Zeichen, signal) übersetzt (Enkodierung), dieses dann über einen Kanal (channel) an einen Empfänger (receiver) geschickt. Dort wird das empfangene Signal (received signal) schließlich rückübersetzt (Dekodierung) und kommt als empfangene Botschaft (received message) beim Kommunikationsziel (destination) an. Störungen können dabei in zwei Formen auftreten (Krippendorff, 1986): Während Rauschen (noise) Reize kennzeichnet, die vom Empfänger registriert, vom Sender aber nicht verschickt wurden, bezieht sich Äquivokation auf solche Signale, die vom Sender zwar abgeschickt, vom Empfänger jedoch nicht registriert wurden.

Abb. 1.1: Modell der Signalübertragung von Shannon und Weaver (1949)

Wird eine Instanz zu einer Kommunikationsquelle, indem sie absichtlich einen Sender zur Zeichenübermittlung verwendet, und eine andere Instanz zum Kommunikationsziel, da sie die von einer Quelle absichtlich an sie übermittelten Signale empfängt, entsteht eine Kommunikationseinheit. Entscheidet sich das Ziel daraufhin, selbst zur Quelle zu werden, indem es Signale mit kommunikativer Absicht zurücksendet, und werden diese Signale vom korrekten Ziel empfangen, kann von einer Kommunikationssequenz gesprochen werden.

1.2.2     Was ist keine Kommunikation?

•  Keine Kommunikation ohne Quelle: Es reicht für eine Definition von Kommunikation nicht aus, dass eine Instanz behauptet, die (nicht belegbare) Botschaft einer (nicht belegbaren) Quelle zu empfangen (z. B. »Gott hat zu mir gesprochen« oder wenn ein Psychiatriepatient Stimmen hört). Damit wird die sogenannte Kontaktfunktion von Kommunikation verletzt (Jakobson, 1960): Quelle und Ziel müssen tatsächlich existieren und einen Kontakt herstellen.

•  Keine Kommunikation ohne Sender: Selbst wenn eine potentielle Quelle vorhanden ist, muss diese absichtlich eine Botschaft mit Hilfe eines Senders enkodieren und verschicken. Ist dies nicht belegbar, besteht keine Kommunikation (z. B. »Meine Pflanzen kommunizieren mit mir« oder wenn man im Aufzug, statt zu kommunizieren, seine Brille putzt).

•  Keine Kommunikation ohne Signal: Geht ein Signal verloren, z. B. durch eine Störung (Lärm) oder zu große Entfernung (das Signal ist zu schwach), kommt es nicht zu Kommunikation (z. B. »Ich habe nicht gehört, dass du etwas zu mir gesagt hast« oder wenn das TV-Signal durch ein Unwetter gestört wird).

•  Keine Kommunikation ohne Empfänger: Verfügt das adressierte Ziel nicht über einen (geeigneten) Empfänger oder ist dieser nicht aktiv (z. B. überhören, dass man angesprochen wird, oder das TV-Gerät ist ausgeschaltet), entsteht ebenfalls keine Kommunikation (so werden die von Menschen ins All gesandten Signale von Aliens möglicherweise nicht wahrgenommen).

•  Keine Kommunikation ohne Ziel: Ins Weltall zu »rufen« ist ebenfalls keine Kommunikation, wenn es gar keine Aliens gibt, da auch in diesem Falle die Kontaktfunktion unerfüllt bleibt (z. B. das Rufen im leeren Haus oder das Besprechen eines Anrufbeantworters). Zwischen Menschen entsteht auch dann keine Kommunikation, wenn das Signal ans falsche Ziel gerät (z. B. zufälliges Mithören oder wenn die E-Mail an eine falsche Adresse geschickt wird).

Auf der anderen Seite erscheint eine erfolgreiche Verständigung (Burkart, 2002) zur Definition von Kommunikation nach dem Shannon-und-Weaver-Modell nicht notwendig, da die ausgesandte und die empfangene Botschaft nicht identisch sein müssen. Das Ziel muss nur wissen, dass die Quelle mit ihm kommuniziert (Bentele & Beck, 1994, S. 22): Auch eine un- oder missverstandene Kommunikation stellt Kommunikation dar.

Eine weitere Eingrenzung des Kommunikationsbegriffs ergibt sich aus einer näheren Betrachtung dessen, was bei einer Kommunikation gesendet wird, also das Signal. Der Begriff stammt vom lateinischen signum ab, das mit Zeichen oder Daten übersetzt werden kann. Signale stellen »sinnlich wahrnehmbare und/oder technisch übertragbare und verarbeitbare Zeichen« dar (Beck, 2010, S. 19), die als Stellvertreter (Repräsentanten) für etwas Bezeichnetes (Referent) stehen. Mit den unterschiedlichen Typen von Signalen beschäftigt sich die Zeichentheorie (Semiotik), die Differenzierung zwischen Index, Ikon und Symbol geht auf Pierce (deutsche Übersetzung von Pape, 1983) zurück: Während sich ein Index auf die Interpretation unwillkürlicher natürlicher Zeichen bezieht (Rauch weist auf Feuer hin), stellen Ikons und Symbole künstliche (vom Menschen geschaffene) Zeichen dar (bei Ikons mit hoher und bei Symbolen mit geringer Ähnlichkeit zum Bezeichneten), die absichtlich, also willkürlich von der Quelle produziert werden (siehe Box 1.2, S. 18; vgl. Burkart, 2002, S. 48–51).

Auf der Grundlage der Klassifikation von Pierce ergeben sich für den Kommunikationsbegriff folgende Schlussfolgerungen (vgl. Beck, 2010):

•  Anzeichen-Interpretationen stellen keine Kommunikation dar, da ein Index auf natürlichem Wege und somit nicht intentional auftritt. Nicht jeder Zeichenprozess ist Kommunikation, wie z. B. unwillkürliche nonverbale Reaktionen (Erröten; MacKay, 1972). Lediglich Ikons und Symbole stellen kommunikative Zeichen dar, da sie nicht zwingend auftreten (z. B. Gesten, Sprache, Schrift).

•  Maschinen wie z. B. Computer können weder zu einer Kommunikationsquelle (es fehlt die Intentionalität) noch zu einem Kommunikationsziel werden (es fehlt die Unterscheidungsfähigkeit zwischen unwillkürlich entstandener Information und kommunikativen Zeichen). Sie können im Kommunikationsprozess höchstens als Sender und/oder Empfänger fungieren, also die Signalübertragung übernehmen. Die Bezeichnung technische Kommunikation ist demnach nur im Sinne von technisch-vermittelter Kommunikation zu verstehen, ein Beispiel ist die computervermittelte Kommunikation.

•  Bei Tieren geht Beck (2010, S. 25) beim heutigen Wissensstand davon aus, dass die Bedeutung von Zeichen weitgehend genetisch festgelegt bzw. durch Instinkte gesteuert ist (z. B. Mimikry). Dabei haben Tiere kaum eine Wahlmöglichkeit, solche Formen der natürlichen Informationsübermittlung willentlich zu unterdrücken. Bei höheren Tieren kann die Zeichenbedeutung durch Konditionierungsprozesse erlernt werden (z. B. von Schimpansen; zur Kritik siehe Grimm, 2000), wodurch jedoch ein unnatürliches Verhalten entsteht, das in der Natur sonst nicht vorkäme. Der Begriff animalische Kommunikation betrifft also vorwiegend natürliche Zeichenprozesse oder Lernprozesse mit stark eingeschränkten Freiheitsgraden und ist somit von der Humankommunikation abzugrenzen. Intentionalität bezieht sich im Hinblick auf den Informationsaustausch zwischen Tieren in erster Linie auf einen angenommenen »kommunikativen Zweck« der Evolution (s. a. Six, Gleich & Gimmler, 2007).

Box 1.2: Drei Typen von Signalen

Die Peirce’sche Semiotik (Wissenschaft von den Zeichen) untersucht den Zusammenhang von Zeichen (z. B. Sprachen, Gesten, Tierspuren, physiologische oder physikalische Signale usw.) und Objekten sowie dessen Interpretierbarkeit (Bedeutung). Peirce unterscheidet zwei Klassen von Signalen (Zeichen), natürliche und künstliche, sowie drei Zeichentypen (siehe Pape, 2004):

•  Ein Index (Anzeichen oder Kennzeichen) stellt das natürliche Korrelat eines Phänomens (z. B. Objektes) dar, etwa dunkle Wolken, die mit einem Tiefdruckgebiet zusammenhängen (und die möglicherweise Regen versprechen), oder Symptome, die auf eine Krankheit hindeuten (Wiener, De- voe, Rubinow & Geller, 1972, S. 86). Ein Index setzt somit die Existenz eines Objektes voraus, weist aber selbst kaum Ähnlichkeit mit dem Objekt auf. Solche Korrelate werden dabei kausal verursacht, d. h. unabsichtlich hervorgebracht. Ein Index wird zu einem natürlichen Zeichen durch den einseitigen Prozess der Informationskonstruktion seitens der wahrnehmenden Instanz.

•  Ein Ikon (ikonisches oder bildhaftes Zeichen) ist ein künstliches, von Menschen geschaffenes Zeichen mit hoher Ähnlichkeit zum Bezeichneten, wie z. B. das Foto einer Person oder lautmalerische Wörter (Uhu). Ein Ikon ist nicht unbedingt an die Existenz des Objektes gebunden (z. B. das Bild eines Geistes), hängt aber von den (vorgestellten) Eigenschaften des Objektes ab. Es wird von einer Kommunikationsquelle mit Absicht (willkürlich) verwendet.

•  Ein weiteres künstliches Zeichen ist das Symbol, bei dem keine Ähnlichkeit mit dem Referent gegeben ist, wie z. B. die Buchstaben des Alphabets. Es ist maximal abstrakt, beruht auf Konvention und muss erlernt werden. Auch Symbole können Sachverhalte, die nicht materiell existieren, bezeichnen (z. B. Freiheit; Beck, 2010); sie sind somit weder an die Existenz des Objektes noch an die Eigenschaften des Objektes gebunden. Auch Symbole werden willkürlich von der Kommunikationsquelle produziert.

1.2.3     Sprachliche Kommunikation

Auch wenn die weltweit beachtete Monographie von Karl von Frisch aus dem Jahre 1923 den Titel »Über die ›Sprache‹ der Bienen« (Anführungszeichen im Original) trägt, verfügen Tiere nicht über eine mit der Humankommunikation vergleichbare Sprache, da sie keinen intentionalen Symbolgebrauch aufweisen: Tiere können Symbole weder generieren (ihnen fehlen z. B. Begriffe für Ereignisse, die in der Vergangenheit oder Zukunft liegen; Günther, 2003) noch komplex kombinieren (es fehlt ihnen eine innere Grammatik). Die Verwendung von Symbolen ist eine »genuin menschliche Kulturleistung«, schreibt Beck (2010, S. 25), und definiert Kommunikation als Prozess wechselseitig aufeinander bezogener, reflexiver und intentionaler Symbolverwendung. Auch Maletzke (1998) plädiert dafür, »als Sprache nur die Verständigung mithilfe von Symbolen zu bezeichnen« (S. 44). Gerade die Entwicklung der Sprache grenzt die Humankommunikation von anderen Zeichenprozessen ab.

Eng an das Shannon-und-Weaver-Modell angelehnt ist das auf Carroll und andere (zitiert in Hörmann, 1977, S. 12) zurückgehende Schema der sprachlichen Kommunikation (im Sinne gesprochener Sprache). Danach entsteht sprachliche Kommunikation, wenn (1) eine Person den Entschluss fasst (Intention), etwas mit Hilfe von Sprache mitzuteilen (und somit zur Kommunikationsquelle wird), (2) die Botschaft mit Hilfe des Sprechorgans enkodiert wird (artikulatorische Phase), (3) die kodierte Mitteilung (als Signal) in einem Kanal (beim Sprechen ist das Luft) übermittelt wird (akustische Phase mit eventuellen Störeinflüssen), (4) das Signal mit Hilfe des Hörorgans der adressierten Person dekodiert und (5) schließlich durch das Kommunikationsziel interpretiert wird (auditive Phase). Nicht jede lautliche oder verbale Äußerung stellt somit sprachliche Kommunikation dar: Auszunehmen sind z. B. Äußerungen, die ohne – zumindest aktualgenetische – kommunikative Intention auftreten (z. B. Schmerzausdruck im Sinne eines Anzeichenprozesses) oder kein Kommunikationsziel aufweisen (Selbstverbalisationen). Auch wenn nicht adressierte Personen die sprachlichen Äußerungen anderer aufnehmen, sei es durch Zufall (im Warteraum) oder mit Absicht (Belauschen), sind sie nicht Teil des Kommunikationsprozesses; die Instanz hat hier lediglich Informationen abgegriffen.

Da Sprache auf Zeichen beruht, die (wie oben ausgeführt) als Repräsentanten (Stellvertreter) etwas anderes bezeichnen (Referenten wie z. B. Gegenstände, Personen, Geschehnisse, Zustände, Aufforderungen usw.), weist jede Sprache eine übergeordnete Leistung auf, die als Darstellungsleistung bezeichnet werden kann. Diese Darstellungsleistung stellt ein »zentrales und konstitutives Wesensmoment« (Kainz, 1982, S. XV) von Sprache dar. Von dieser allgemeinen Leistung von Sprache zu unterscheiden sind spezifische Sprachfunktionen: Dabei geht es um die Frage, welche Zwecke, Ziele, Motive usw. die Quelle situativ mit der Verwendung des Zeichens verbindet. Nach dem Organon-Modell von Bühler (1982, S. 24 ff.; die Originalausgabe erschien 1934) kann sich ein Zeichen (im Modell mit Z abgekürzt; betrifft i. d. R. Mehrwortproduktionen) auf die Quelle (bei ihm als Sender bezeichnet) beziehen (»Ich bin glücklich«; Ausdrucksfunktion: Das Zeichen fungiert hier als Symptom), auf Gegenstände und Sachverhalte (»Es regnet«; Darstellungsfunktion im engeren Sinne: Das Zeichen fungiert als Symbol) oder auf das Ziel (bei ihm als Empfänger bezeichnet; »Geh weg!«; Appellfunktion: Das Zeichen fungiert als Signal).

Die doppelte und somit unklare Bedeutung des Terminus Darstellung in Bühlers Modell – einmal als allgemeine Leistung, einmal als spezifische Funktion – ist ein Nachteil, der in anderen Funktionsmodellen vermieden wird. Im Modell der Sprachfunktionen von Kainz (1965) beispielsweise werden neben der allgemeinen Darstellungsleistung von Sprache vier sogenannte I-Funktionen unterschieden: die interjektive Funktion (Kundgabe), die indikativ-informierende Funktion (Bericht), die imperative Funktion (Appell) und die interrogative Funktion (Frage). Andere Modelle differenzieren zwischen weiteren Einzelfunktionen, wie z. B. das von Jakobson (1960). In diesem werden sechs Funktionen beschrieben, darunter die eingangs erwähnte Kontaktfunktion. Die einzelnen Funktionen dieser Modelle können auch in Kombination miteinander auftreten. Dies ist beispielsweise der Fall, wenn die Äußerung »Mir ist kalt« von der Quelle gleichzeitig als »Ich friere«, »Die Temperatur ist niedrig« und »Gib mir Deine Jacke!« gemeint ist (siehe Kap. 2 in diesem Band). Man kann hier von einer Multifunktionalität von Kommunikation sprechen (Wiemann & Giles, 1996). Die Annahme Schulz von Thuns (2003) jedoch – der unter Bezugnahme auf Bühler (1934) und Watz- lawick, Beavin und Jackson (1969) zwischen den vier Funktionen Selbstoffenbarungsseite, Sachseite, Appellseite und Beziehungsseite unterscheidet –, die Quelle sende »immer gleichzeitig auf allen vier Seiten« (S. 31), erscheint nicht zwingend: Die Äußerung einer Sportreporterin »Die Begegnung endete unentschieden« beinhaltet weder eine Selbstoffenbarung noch einen Appell oder eine Beziehungsbotschaft.

Die Zuweisung (Attribution) von Funktionen zu Sprachzeichen kann darüber hinaus durch eine Perspektivendivergenz (Quelle und Ziel weisen den Zeichen unterschiedliche Funktionen zu) sowie eine strategische Motivation gekennzeichnet sein. Eine strategische Kommunikation liegt z. B. dann vor, wenn Quellen unzutreffende Selbstauskünfte einsetzen, um damit instrumentell bestimmte Ziele zu erreichen. Dies kann im Kontext einer interpersonalen Kommunikation (z. B. Partnerschaft) und/oder einer öffentlichen Kommunikation (z. B. Public Relations) auftreten. Solche Prozesse werden im Rahmen der Theorie der Eindruckssteuerung (Impression Management Theory) beschrieben (z. B. Tede- schi, 1981; vgl. auch die Kap. 3, 4 und 5 in diesem Band).

1.2.4     Nonverbale Kommunikation

Nonverbale Kommunikation liegt nach Wiener et al. (1972) dann vor, wenn (1) zwischen Quelle und Ziel ein sozial geteilter Code (ein Signalsystem) besteht, (2) der Enkodierer (die Quelle) mit Hilfe dieses Codes (Intentionalität) etwas (die Nachricht) öffentlich macht und (3) der Dekodierer (das Ziel) systematisch (also unter Bezugnahme) auf diesen Code reagiert (S. 186; übersetzt und ergänzt vom Verfasser). Durch diese (eher enge) Definition wollen die Autoren eine Trennung zwischen dem nonverbalen Kommunikationsverhalten der Quelle auf der einen Seite und den Interpretationen des Zieles auf der anderen Seite betonen, da beides häufig miteinander verwechselt wird (»Too often, … the oberserver’s own inferences are interpreted as communication on the part of the subject«, Rimé, 1983, S. 87). Box 1.3 enthält verschiedene Formen nonverbalen Verhaltens, wie zum Beispiel Bewegungen der Gesichtsmuskeln oder der Extremitäten, die zur nonverbalen Kommunikation verwendet werden können (vgl. Bekmeier, 1989; Schugk, 2004). Im Unterschied zum Alltagsverständnis von Kommunikation bzw. vieler Publikationen, die dieses Alltagsverständnis mitgeprägt haben (z. B. Watzlawick et al. 1969), stellt aber nicht jedes Verhalten auf diesen Dimensionen automatisch Kommunikation dar (beispielsweise wenn das nonverbale Verhalten während eines Gespräches der Selbstregulation dient, wie z. B. das Suchen einer bequemeren Sitzposition, oder wenn es im Rahmen einer Sekundärtätigkeit, wie z. B. Essen, auftritt).

Box 1.3: Verhaltensbereiche nonverbaler Kommunikation

Nonvokal-körperlicher Bereich:

•  z. B. Mimik, Gestik, Blickverhalten, Körperhaltung, Grobkörperbewegungen, Körperkontakt (Kinesik)

•  z. B. intime, persönliche, soziale und öffentliche Distanzzonen (Proxemik)

Nonvokal-materieller Bereich:

•  z. B. äußerer Habitus, Statusobjekte, Einrichtung der Wohnung, Geschenke etc.

Vokaler Bereich:

•  Stimmmerkmale wie z. B. Tonfall, Tonhöhe, Lautstärke (Paralinguistik)

•  Sprachmerkmale wie z. B. Sprachmelodie (Prosodie) und Betonung (Intonation)

Anmerkungen: Die Zuordnung des vokalen Bereiches zur nonverbalen Kommunikation erscheint diskutabel; Kunczik (1979) z. B. gruppiert ihn in seinem Modell der interpersonalen Kommunikation zusammen mit dem verbalen Bereich. Begriffe wie »Körper- oder Raumsprache« werden hier vermieden, da die Verwendung der Bezeichnung »Sprache« im nichtsprachlichen Bereich widersprüchlich erscheint und zudem eine Gleichwertigkeit mit Sprache (als ein komplexes System von Symbolen) suggeriert wird, welche zumeist – mit Ausnahme der Gebärdensprache – nicht eingelöst werden kann.

»Eine Geste oder eine Miene sagt uns mehr darüber, wie ein anderer über uns denkt, als hundert Worte«, schrieben Watzlawick et al. (1969, S. 64) und formulierten damit die Hypothese, nonverbales Verhalten sei grundsätzlich informationshaltiger bzw. glaubwürdiger (Günther, 2003, S. 25) als verbales. Möglicherweise steht diese Erwartung damit in Zusammenhang, dass nonverbales Verhalten im Schnitt etwas schwerer zu steuern gilt als verbales (Delhees, 1994), was allerdings viele verhaltensmodifikatorische Interventionsprogramme (wie z. B. Medien- oder Bewerbungstraining) durch Übung zu verändern suchen (vgl. Blanz, Como-Zipfel & Schermer, 2013; siehe auch Kap. 17 in diesem Band). Nach der sogenannten »Mehrabian Rule« beruht die direkte Kommunikation zwischen Menschen angeblich zu über 90 % auf den nonverbalen Kanälen (Mehrabian, 1972). Diese Schussfolgerung hält jedoch einer näheren Analyse der durchgeführten Untersuchung nicht Stand: Die Befunde beziehen sich lediglich auf die Interpretationspräferenz von Kommunikationszielen (insbesondere in affiliativen Kontexten oder Kommunikationssituationen, in denen Bewertungen im Vordergrund stehen), nicht jedoch auf die Verwendung verbaler und nonverbaler Kanäle seitens der Kommunikationsquelle. Betrachtet man die verbalen und nonverbalen Kommunikationskanäle isoliert voneinander, so kann die Annahme, nonverbale Botschaften einer Quelle (wenn man die Person zwar sehen, aber nicht hören kann; z. B. in einer großen Menschenmenge) seien generell informationshaltiger als verbale (wenn man die Person sprechen hört, ohne sie zu sehen; z. B. am Telefon), kaum aufrechterhalten werden (Girgensohn-Marchand, 1996).

Allerdings rückt die Bedeutung der nonverbalen Kanäle dann in den Vordergrund, wenn es um die gleichzeitige Verwendung der nonverbalen und verbalen Kanäle geht, wie z. B. im Rahmen einer FTF-Kommunikation. Dies betrifft sowohl die direkt in der Kommunikation Beteiligten (z. B. die Gesprächspartner in einer Beratungssituation) als auch die Beobachter einer Kommunikation (z. B. bei TV-Darstellungen). Ein erheblicher Teil der Relevanz der nonverbalen Kanäle in solchen Situation besteht darin, dass durch sie die Bedeutung der verbalen Botschaften beeinflusst werden kann (z. B. Knapp & Hall, 2002). Müller (1998) hat sich besonders mit den Funktionen redebegleitender Gesten befasst. Zu diesen zählen (nach Scherer, 1984; Argyle, 1988):

•  Parasemantische Funktionen: Substitution (ersetzt Sprache), Amplifikation (veranschaulicht Sprache), Modifikation (verändert Sprache), Kontradiktion (widerspricht Sprache).

•  Parasyntaktische Funktionen: Segmentation (z. B. Gliederung des Sprachflusses), Synchronisation (z. B. Ankündigung verbaler Zeichen).

•  Parapragmatische Funktionen: Ausdrucksfunktion (z. B. von Bewertungen), Reaktionsfunktion (z. B. von Aufmerksamkeit).

•  Dialogische Funktionen: Regulationsfunktion (z. B. Sprecherwechsel), Relationsfunktion (z. B. Ausdruck der wahrgenommenen Beziehung).

Für solche Kommunikationssituationen ist eine generelle Überlegenheit einer der beiden Kommunikationsbereiche derzeit nicht feststellbar, da deren relative Bedeutung in Abhängigkeit vom gegebenen Kontext erheblich variieren kann (siehe Kap. 4 in diesem Band). Darüber hinaus bezweifelt Müller (1998) aus Sicht der Gestikforschung, dass verbale und nonverbale Kanäle immer sinnvoll getrennt werden können, da man »Gestik und Sprache als zwei Seiten eines einzigen Äußerungsprozesses« (S. 71) betrachten kann (s. a. Wiemann & Giles, 1996; Rimé, 1983).

1.3       Deskriptive Charakteristika menschlicher Kommunikation

Auch wenn das Shannon-und-Weaver-Modell die Grenzen des Kommunikationsbegriffs – im Sinne seiner Definition – aufzuzeigen vermag, erscheint es doch unvollständig als ein beschreibendes Modell der menschlichen Kommunikation. Zu diesem Zweck sind Erweiterungen unumgänglich, die im Folgenden beschrieben werden.

1.3.1     Information und Bedeutung

Das Wort Information stammt vom lateinischen Begriff informare, den man als darstellen (im Sinne von formen, bilden, gestalten), einprägen oder mitteilen übersetzen kann. Es weist in der Informationstheorie einen etwas anderen Begriffsinhalt auf (dort bezieht es sich auf die Auftretenswahrscheinlichkeit eines Zeichens) als in der Publizistik (wo es eher im Sinne von Nachricht verstanden wird). Mit der mathematischen Bestimmung von Information befasst sich die Shannon und Weaver’sche Monographie »The mathematical theory of communication« aus dem Jahre 1949. Shannon, als Mathematiker bei der Firma Bell beschäftigt, suchte nach der Definition eines Maßes zur Bestimmung der Leistungsfähigkeit von Fernmeldesystemen. Dabei ist zwischen Information und Bedeutung einer Information zu unterscheiden. So hat beispielsweise ein Münzwurf zwei Möglichkeiten, Kopf oder Zahl, was einem bit (binary digit) an Information entspricht (1 bit entspricht 2 Alternativen). Die Bedeutung des Münzwurfes für die beteiligten Personen steht auf einem anderen Blatt, sie kann zum Beispiel die Spielfeldwahl beim Fußball betreffen oder über Leben und Tod entscheiden (vgl. Hörmann, 1977). Die mathematische Herleitung der Shannon’schen Formel für das Informationsmaß ist in Box 1.4 (S. 24) dargestellt.

Informationen und Zeichen sind nicht unbedingt gleichzusetzen, denn Informationen verbleiben bei der Quelle, Zeichen (wie z. B. ein Bild oder ein Buch) hingegen nicht (Beck, 2010). Für die Informationstheorie wird der Wert einer Information durch die Vorhersagbarkeit eines Zeichens bestimmt. Dementsprechend definierte MacKay (1972) Information als Reduktion von Unsicherheit (vgl. Hörmann, 1977, S. 20): Information liegt vor, wenn ein Ereignis uns veranlasst, etwas zu wissen oder zu glauben, was wir vorher nicht gewusst oder geglaubt haben; »Information-über-X bestimmt, wie wir mit X unter gegebenen Umständen umgehen« (S. 8). Die Wiederholung eines Signals wird dabei nicht als neue Information, sondern als Redundanz aufgefasst. Aus der Perspektive der Publizistik hingegen ergibt sich der sogenannte Nachrichtenwert einer Information aus einer Reihe unterschiedlicher Charakteristika, wie z. B. ihrer Nähe zum Rezipienten (vgl. Box 1.5, S. 25): Aus einer Information wird eine Nachricht, wenn eine hohe Bedeutung der Information für den Rezipienten anzunehmen ist. Die Wiederholung eines Signals, wie z. B. »Ich liebe Dich«, kann also auf der Bedeutungsebene sehr »informativ« sein.

Eine erste Erweiterung des in Abb. 1.1 dargestellten Shannon-und-Weaver- Modells bezieht sich folglich auf die fehlende Semantik (Herrmann & Grabowski, 1994): Humankommunikation impliziert meist einen wenigstens teilweise identischen Zeichen- und Bedeutungsvorrat bei Quelle und Ziel (dies wurde in der o. g. Definition nonverbaler Kommunikation von Wiener et al., 1972, bereits impliziert). Der Code wird bei Maschinen programmiert, beruht bei Tieren auf einem gemeinsamen genetischen Erbe und bei Menschen größtenteils auf Lernprozessen (Beck, 2010). Hier wird nachvollziehbar, warum Maletzke (1998) Kommunikation als »Bedeutungsvermittlung zwischen Lebewesen« (S. 37) definiert. Die Bedeutungskonstruktion konstituiert sich bei der Humankommunikation jedoch nicht allein durch den gemeinsamen Zeichenvorrat, sondern auch durch weitere Einflüsse wie z. B. Vorwissen (über den Kommunikationspartner). Solche Einflussfaktoren werden häufig als kommunikativer Kontext verstanden (siehe Kap. 1.4.5).

Box 1.5: Nachrichten- und Informationswert von Ereignissen

In der Publizistik ist der Nachrichtenwert eine wesentliche Größe zur Bestimmung dessen, was als berichtenswert eingeschätzt wird (vgl. Kap. 7 in diesem Band). Dies wird nach Schulz (1976) weniger durch die Merkmale des Ereignisses (passiver Redakteur) als durch die Hypothesen des Journalisten von der Realität bestimmt: Der aktive Redakteur schreibt den Ereignissen Eigenschaften zu, die letztlich zu deren Publikation führen. Schulz systematisierte folgende Dimensionen (sog. Nachrichtenfaktoren):

•  Zeit: Dauer und Thematisierung des Ereignisses

•  Nähe: räumlich, politisch, kulturell, existentiell (für den Rezipienten)

•  Status: geographische Zentralität der Ereignisregion, Einfluss und Prominenz der beteiligten Personen

•  Dynamik: Überraschung, Struktur bzw. Komplexität der Verlaufsform

•  Valenz: Konfliktpotential, Kriminalitätsgrad, Schadensausmaß, erzielter Erfolg

•  Identifikation: Personalisierung, ethnischer Bezug (zur Rezipientengruppe)

Für den praktischen Journalismus weisen Ereignisse einen Nachrichtenwert auf, wenn sie für den Rezipienten einen Neuigkeitswert und zugleich einen Informationswert aufweisen, wobei sich Letzterer aus drei Faktoren ergibt: dem Wissens- und Orientierungswert, dem Gebrauchswert (Nutzwert) und dem Unterhaltungs- und Gesprächswert. Weisen Ereignisse Neuigkeits- und zugleich Informationswert auf, gelten sie als aktuell.

1.3.2     Feedback und Simultanität

Des Weiteren weist Humankommunikation zumeist die Möglichkeit einer Rückkopplung (Feedback) auf. Die beiden involvierten Instanzen nehmen abwechselnd die Rollen der Kommunikationsquelle und des Kommunikationsziels ein. Ein solches »Ping-Pong«-Modell birgt jedoch zwei potentielle Nachteile: Zum einen wird suggeriert, dass ein Zirkulationsvorgang zur Installation (bzw. Definition) einer Kommunikationseinheit notwendig sei, zum anderen erscheint die Annahme einer Gleichzeitigkeit (Simultaneität) von Senden und Empfangen angemessener, insbesondere zur Charakterisierung nichtmedialer Kommunikation. Für Forgas (1987) ist Face-to-Face-Kommunikation ein »dynamischer Prozess in zwei Richtungen, wobei die Beteiligten gleichzeitig Botschaften senden und darauf achten, was der Partner signalisiert« (S. 107). Beim Back-channelling zum Beispiel zeigt der Hörer, dass er oder sie versteht, was der Sprecher mitteilen möchte (Nicken oder »OK«), während beim Turn-requesting Kommunikationsziele mittels verbaler und/oder nonverbaler Zeichen dem Sprecher anzeigen, dass sie das Wort übernehmen möchten (Wiemann & Knapp, 1975). Auch in der Massenkommunikation berücksichtigen viele Modelle Rückkopplungen (z. B. Leserbriefe) und Interaktivität (z. B. Multimedia), was in Kap. 1.5 näher dargestellt wird.

1.3.3     Formen der Humankommunikation

Man kann Humankommunikation unterschiedlich klassifizieren, je nachdem welchen Gesichtspunkt zur Einteilung man heranzieht. Abb. 1.2 enthält drei Kriterien, die häufig Verwendung finden. Das erste Kriterium bezieht sich darauf, wie viele Personen am Kommunikationsprozess beteiligt sind. Dabei kann zwischen Individualkommunikation (zwei Personen; vgl. Kap. 5 in diesem Band), Gruppenkommunikation (drei oder mehr Personen; vgl. Kap. 6 in diesem Band), Organisationskommunikation (viele Personen, die Ober- und Untergruppen angehören) und Massenkommunikation (eine potentiell unbegrenzte Anzahl von Kommunikationszielen, die sich ebenfalls in Gruppen strukturieren; siehe Riley & Riley, 1959; vgl. Kap. 7 in diesem Band) unterschieden werden.

Abb. 1.2: Formen der Humankommunikation

Das zweite Kriterium betrifft die Frage, wie die Beteiligten des kommunikativen Prozesses sich und die anderen definieren. Tajfel und Turner (1986) unterscheiden im Rahmen der Theorie der sozialen Identität folgende Kategorisierungsebenen: Bei der interpersonalen Kommunikation nehmen sich die Personen als einzigartige Individuen wahr, während bei der Intragruppenkommunikation eine gemeinsame und bei der Intergruppenkommunikation eine unterschiedliche Gruppenmitgliedschaft salient ist, d. h. im Vordergrund steht (Blanz, 1999). Das dritte Kriterium bezieht sich auf den Aspekt, ob im kommunikativen Prozess technische Medien beteiligt sind. Per Definition ist bei einer FTF-Kommunikation kein technisches Medium involviert (eine Ausnahme wäre allerdings die Verwendung eines Hörgerätes), während mediale Kommunikation ein technisches Gerät mit dem Ziel der Speicherung und/oder Verbreitung von Signalen verwendet.

In diesem Zusammenhang erscheint auch die Unterscheidung zwischen Kommunikations- und Medienkompetenz von Relevanz. Der Begriff Kommunikationskompetenz bezieht sich häufig auf allgemeine Aspekte der Kommunikation (vgl. Wiemann & Giles, 1996; Hartung, 2006); dazu zählen zum Beispiel:

•  Ressourcenorientierung: Einsatz erlernter Fähigkeiten und sozialer Wissensbestände.

•  Zielgerichtetheit: schrittweise Annäherung des Ist- an einen Sollzustand; Wirksamkeit bzw. Effizienz von Kommunikation.

•  Angemessenheit: normativ-kulturelle Angepasstheit, Zufriedenheit mit der Kommunikation und deren adaptiv-flexibler Ausgestaltung.

Die Bezeichnung Medienkompetenz betrifft hingegen speziell Aspekte der Verwendung technischer Medien in der Kommunikation (vgl. Six & Gimmler, 2007); dazu zählen u. a.:

•  Medienwissen: z. B. gesellschaftlich-rechtliche Rahmenbedingungen.

•  Technikkompetenz: Umgang mit Medien.

•  Reflexions- und Bewertungskompetenz: z. B. Einschätzung einzelner Medienprodukte.

•  Nutzungs- und Verarbeitungskompetenz: z. B. zielorientierte und verträgliche Mediennutzung.

•  Kommunikatorkompetenz: z. B. Anwendung von Medien in der eigenen Kommunikation.

In der Theorie der Medienreichhaltigkeit werden die interpersonale Kommunikation (z. B. FTF-Kommunikation; media rich) und die Massenkommunikation (z. B. Postwurfsendungen; media poor) als Pole eines Kontinuums begriffen (vgl. Grosser, 1988). Auf diese beiden »Grundformen« der menschlichen Kommunikation soll im Folgenden näher eingegangen und dabei die jeweiligen deskriptiven Spezifika weiter herausgearbeitet werden.

1.4       Interpersonale Kommunikation

1.4.1     Wahrnehmung und Mehrkanalität

Aufbauend auf seiner oben dargestellten Definition von Information hat MacKay (1972) folgende Definition für interpersonale Kommunikation vorgeschlagen: »Damit das Individuum A das Individuum B als kommunizierend erlebt, muss A den B als zielgerichtet handelnd erkennen. Ohne diese Erkenntnis des zielgerichteten Handelns gibt B zwar Informationen an A ab, aber er kommuniziert nicht« (zitiert nach Hörmann, 1977, S. 20). Daraus ergeben sich folgende Schlussfolgerungen:

•  Jede Kommunikation baut auf einem Wahrnehmungsprozess auf, aber nicht jeder Wahrnehmungsprozess beinhaltet Kommunikation.

•  Jede Kommunikation stellt Verhalten dar, aber nicht jedes Verhalten ist Kommunikation.

•  Es ist möglich, nicht zu kommunizieren (siehe Box 1.6).

Box 1.6: Man kann nicht kommunizieren

Ein bekanntes Postulat über interpersonale Kommunikation, das von Watzlawick u. a. 1969 publiziert worden ist (die Idee geht auf Goffman zurück; vgl. Girgensohn-Marchand, 1996), lautet »Man kann nicht nicht kommunizieren« (S. 53). Um ein Beispiel der Autoren zu verwenden (S. 51): Sie sitzen in einem Wartesaal und blicken zu Boden, wodurch Sie an die anderen Anwesenden kommunizieren »Sprecht mich nicht an!« (ähnlich bei Schulz von Thun, 2003, »Das Schweigen im Zugabteil«, S. 35). Das Axiom geht dabei argumentativ davon aus, dass (a) jedes Verhalten Kommunikation darstellt (Watzlawick u. a., 1969, S. 23), (b) deshalb auch schon die Wahrnehmung von Verhalten einen kommunikativen Prozess konstituiert und dass (c) Verhalten kein Gegenteil aufweist, d. h., dass man sich nicht nicht verhalten kann (Watzlawick u. a., 1969, S. 51), was dann ebenso für Kommunikation gilt.

Dieses Axiom genießt bis heute große Popularität, gleichzeitig behindert es Bemühungen, den Kommunikationsbegriff einzugrenzen. Inhaltlich ist die Argumentation von Watzlawick u. a. (1969) aus folgenden Gründen zu kritisieren. (a) Es ist nicht sinnvoll, jedes Verhalten mit Kommunikation gleichzusetzen, weil nicht jedes Verhalten kommunikativen Zwecken dient (siehe auch Bentele & Beck, 1994; Burkart, 2002). (b) Gleichermaßen stellt die simple Wahrnehmung des Verhaltens anderer Personen zwar eine Informationsaufnahme, aber noch keinen kommunikativen Prozess dar (MacKay, 1972, S. 18). (c) Zudem hat Verhalten, und somit Kommunikation, durchaus ein »Gegenteil«: Ein in Situationen operationalisiertes Verhalten kann auftreten (z. B. Rauchen) oder nicht auftreten (Nichtrauchen). Das sogenannte Metakommunikative Axiom von Watzlawick u. a. (1969) kann am ehesten als eine Attributionstendenz aufgefasst werden: Kommunikatoren neigen dazu, jedem Verhalten des Partners Bedeutung für den Kommunikationsprozess zuzuweisen (und damit als »Kommunikation« zu interpretieren), selbst wenn die Quelle ihrerseits mit dem Verhalten keine kommunikative Bedeutung verbindet.

Jede Kommunikation basiert auf den Prozessen der muskulären Bewegung (Motorik) und der Sinneswahrnehmung (Sensorik) – zwei Systeme, die allerdings noch weitere, teilweise hoch komplexe Aufgaben zu bewerkstelligen haben, die mit Kommunikation nicht oder nicht direkt in Zusammenhang stehen. Der Begriff Kommunikationskanal (channel) wird deshalb häufig an den Sinneskanälen verankert, z. B. wenn vom sichtbaren (»visible«) Kanal gesprochen wird (Rimé, 1983, S. 85), worunter der optisch-visuelle Kanal zu verstehen ist. Wahrnehmbar ist Verhalten in allen fünf »klassischen« Sinnesqualitäten (siehe Box 1.7). Während für die Quelle das motorische Verhalten (Bewegungen der Muskulatur) im Vordergrund steht, das sowohl verbale Aktivitäten (z. B. Sprechmuskeln) als auch nonverbales Verhalten (z. B. Mimik, Gestik) umfasst, sind für das Ziel der visuelle (Sehen), der auditive (Hören) und der taktile (Berühren) Kanal von besonderer Bedeutung. Darüber hinaus kann sich der Kanalbegriff auch auf das physikalische Medium beziehen, wie z. B. auf Luft für verbale und Licht für nonverbale Signale.

Box 1.7: Sinnesorgane, Sinneskanäle und vermutete Informationsaufnahme

Die in der Physiologie darüber hinaus unterschiedenen vier Sinne – Gleichgewichts- und Tiefensinn, Temperatur- und Schmerzempfinden – spielen in der Kommunikation in der Regel keine bedeutsame Rolle (vgl. Pürer, 2003, S. 65).

Häufig besteht in der direkten, persönlichen Kontaktsituation zwischen den Kommunikationspartnern Mehrkanalität, also eine gleichzeitige Beteiligung mehrerer Sinne. Bei Verwendung von Massenkommunikationsmitteln ist die Kanalität hingegen immer eingeschränkt (zum Beispiel beim Telefonieren, wo nur der auditive Kanal gegeben ist). Dies kompensieren die Menschen aber offensichtlich gut, da es sie in der heutigen Zeit nicht abhält, immer ausgiebiger medial zu kommunizieren (Beck, 2010).

1.4.2     Interaktion und Kommunikation

Der Begriff Interaktion bezeichnet nach Graumann (1972) einen Prozess »der Wechselwirkung zwischen zwei oder mehreren Größen« (S. 1110): Die Aktivität der einen Größe wirkt sich auf die der anderen aus (und umgekehrt). Sind solche Prozesse in der Natur zu beobachten, wie z. B. zwischen Wind und Wolken, können sie als natürliche Interaktion bezeichnet werden. Treten Maschinen und technische Geräte zueinander in Kontakt, z. B. Thermostat und Heizung, dann kann von einer technischen Interaktion gesprochen werden. Allerdings werden dabei nur Signale übertragen, da Maschinen nicht miteinander kommunizieren. Das gilt auch für Geräte, die von Menschen bedient werden, wie z. B. Computer oder Spielekonsolen, da die Geräte auf dieselbe Eingabe immer gleich reagieren müssen: Hier ist die Bezeichnung Mensch-Maschine-Interaktion angebracht (s. a. Krämer, 2004).

Vom Kommunikationsbegriff auszuschließen sind weiterhin Interaktionsprozesse zwischen biologischen Instanzen, welche außerhalb (z. B. zwischen Bakterien) oder innerhalb (zwischen Organen) des Menschen auftreten; man könnte hier von Biointeraktion sprechen. Der Begriff soziale Interaktion bezeichnet »ganz allgemein Austauschprozesse zwischen Menschen« (Graumann, 1972, S. 1117) im Sinne ihrer wechselseitigen Beeinflussung. Bei Ballspielen besteht eine soziale Interaktion zwischen den Spielern, aber nicht notwendigerweise auch eine Kommunikation. Diese liegt erst dann vor, wenn die Spieler kommunikative Signale austauschen, sei es verbal (z. B. »Gib ab!«) oder nonverbal (z. B. durch Winken). »Kommunikation beschränkt sich auf den Ausschnitt sozialer Interaktion, der sich auf die Vermittlung bzw. den Austausch von Informationen bezieht« (Graumann, 1972, S. 1117). Nicht jede soziale Interaktion ist auch Kommunikation, aber jede Kommunikation stellt eine soziale Interaktion dar, sie ist »eine spezifische Form der sozialen Interaktion« (Graumann, 1972, S. 1110).

1.4.3     Kommunikation und Intentionalität

Die Intentionalität des Verhaltens einer Instanz stellt den Übergang von reiner Information zu Kommunikation dar. Das Konzept der Absichtlichkeit impliziert zum einen eine Absichtsfähigkeit bei der Quelle (im Sinne einer willkürlichen Selbststeuerung; vgl. Blakar, 1985) sowie zum anderen die Fähigkeit zur Absichtswahrnehmung beim Ziel (im Sinne einer Ursachenattribution; s. Fincham & Hewstone, 2001). Die Attribution (Zuweisung) von Absichtlichkeit zum Verhalten einer Person kann auf beiden Seiten erfolgen, der Seite der Informationsquelle und der Seite des Informationszieles. Daraus ergeben sich nach MacKay (1972, S. 24) vier unterschiedliche Möglichkeiten für den interpersonalen Kontakt, die in Box 1.8 wiedergegeben sind.

Box 1.8: Attribution von kommunikativer Absicht zum Verhalten einer Informationsquelle

Anmerkung: Das Modell ist angelehnt an die Signalentdeckungstheorie von Green und Swets (1966), in der zwischen Treffern (kein Signal und keine Entdeckung, Signal und Entdeckung), Falschpositivmeldungen (kein Signal und Entdeckung) und übersehenen Signalen (Signal und keine Entdeckung) unterschieden wird.

•  Kommunikation findet statt: Interpersonale Kommunikation ist gegeben, wenn Kommunikationsquelle und -ziel konsensual dem Verhalten der Quelle kommunikative Absicht (bezogen auf das Ziel) zuweisen (»doppelte Intention«, Beck, 2010, S. 29).

•  Es findet keine Kommunikation statt: Hier weisen beide Instanzen dem Verhalten des Handelnden keine kommunikative Absicht zu.

•  Ein Kommunikationsversuch misslingt: Zeigt die Quelle Verhalten mit kommunikativer Absicht, erkennt das Ziel darin jedoch keine kommunikative Intention, dann liegt ein gescheiterter Kommunikationsversuch vor (Burkart, 2002, S. 29).

•  Eine Kommunikation wird irrigerweise angenommen: Eine umgekehrte Situation ist gegeben, wenn die informationsaufnehmende Instanz dem Verhalten einer Person kommunikative Absicht zuweist, diese Person es jedoch nicht tut.

Ob sich Kommunikation vollzieht, hängt demnach von den Wahrnehmungs- und Urteilsprozessen beider beteiligter Instanzen ab: Kommunikation stellt eine gemeinschaftliche soziale Konstruktion dar. Menschen managen ihre Kommunikation und berücksichtigen dabei die Perspektive der informationsaufnehmenden Instanz. Der Begriff Kommunikationsmanagement lässt sich auf die gleichzeitige Organisation von »absichtlicher Mitteilung und nicht-absichtlicher Informationsabgabe« (Beth & Pross, 1976, S. 71) beziehen.

1.4.4     Kommunikation und Metakommunikation

Während bei Watzlawick et al. (1969) der Begriff Metakommunikation insbesondere zur Bezeichnung von »Kommunikation über Kommunikation« im Rahmen von Paar- und Familienberatungen verwendet wird (die griechische Präposition meta kann als über, in/mitten bzw. nach/her übersetzt werden), verstehen Wiemann und Giles (1996) darunter in erster Linie die Interpretationen der Kommunikanten in Bezug auf Charakteristika ihrer sozialen Beziehung. Metakommunikation stellt demnach bei Watzlawick et al. (1969) eine explizite Kommunikation dar, bei Wiemann und Giles hingegen eine implizite Kommunikation.

Auch für Metakommunikation gilt: Erst beim Vorliegen einer »doppelten Intention« wird aus diesen Interpretationen Kommunikation (vgl. Box 1.8). Die explizite Ebene von Kommunikation (z. B. »Bring mir gefälligst etwas zu trinken«) wird bei Watzlawick et al. (1969) als Sachebene bezeichnet. Sie erfüllt eine kontextgebundene, d. h. spezifische Funktion. Man kann damit ein Bedürfnis (Durst) ausdrücken, einen Gegenstand (Getränk) bezeichnen und/oder eine Reaktion (etwas zu trinken erhalten) verlangen (vgl. Bühlers Organon-Modell in Kap. 1.2.3). Demgegenüber bezieht sich die implizite (die metakommunikative) Ebene auf eine kontextübergreifende, d. h. allgemeine Funktion von Kommunikation. Beispiele sind die Regulierung der Statusrelation (»Du hast mir zu gehorchen«) oder des affektiven Verhältnisses (»Ich kann Dich nicht leiden«) zwischen den Kommunikationspartnern. Watzlawick et al. (1969) bezeichnet dies als Beziehungsebene. Allerdings muss nicht jede Kommunikation bedeutsame metakommunikative Aspekte aufweisen. Dies hängt insbesondere von der Intention der Quelle ab. Zudem wird die Beziehung zwischen zwei Personen auch durch explizite Kommunikation beeinflusst. So wird z. B. im Kommunikationsmodell von Knapp (1983, 1984; vgl. Kap. 5 in diesem Band) beschrieben, wie durch Selbstöffnungen strategisch Einfluss auf den Affiliationsgrad einer Beziehung genommen wird. Die Beziehung zwischen zwei Personen wird darüber hinaus von Einflüssen außerhalb der Kommunikation bestimmt (z. B. durch Beobachtungsprozesse).

Das Thema Metakommunikation berührt auch die Frage nach dem Verhältnis zwischen Kommunikation und Bewusstsein (vgl. Wiemann & Giles, 1996, S. 332). Unter Bezugnahme auf die Zwei-Faktoren-Theorie der Informationsverarbeitung von Schneider und Shiffrin (1977) kann eine Unterscheidung zwischen kontrollierten und automatischen Kommunikationsprozessen vorgenommen werden. Unter kontrollierter Kommunikation ist solche Kommunikation zu verstehen, die hohe Aufmerksamkeit erfordert (viele kognitive Ressourcen verbraucht), die nicht jederzeit unbegrenzt einsetzbar ist (sie unterliegt kognitiven Kapazitätsbegrenzungen; deshalb kann man kaum zwei »vernünftige« Gespräche auf einmal führen), die aber dafür eine schnelle und spontane Anpassung an wechselnde Kommunikationserfordernisse gewährleistet (hohe Flexibilität, tiefe Informationsverarbeitung). Um Ressourcen einzusparen, verläuft ein Teil der Kommunikation deshalb auf automatischem Wege (nachdem sie zuvor über die kontrollierte Route erlernt wurde). Automatische Kommunikation verbraucht wenig oder gar keine Aufmerksamkeit. Sie unterliegt kaum Kapazitätsbegrenzungen und baut in der Regel auf eingeschliffenen Routinen auf (eingeübte Kommunikationssequenzen, geringere Verarbeitungstiefe). Während einer Kommunikation ist die Aufmerksamkeit nicht auf alle Kanäle gleich verteilt. Sie kann sich im Verlauf der Kommunikation verändern und es können Quelle-Ziel-Unterschiede auftreten (Knapp & Daly, 2002). Häufig konzentrieren sich Quellen mehr auf ihre verbalen Produktionen (die sie auch selbst hören können) als auf ihre nonverbalen (die sie i. d. R. nicht selbst sehen können), während Ziele für die nonverbalen Signale von Quellen, die für sie leicht sichtbar sind, aufmerksamer sind.

1.4.5     Kommunikation und Kontext

»Weder gibt es interaktionsfreie Individuen noch kontextfreie Interaktionen« (Graumann, 1979, S. 297), was verdeutlicht, dass interpersonale Kommunikation immer in einen situativen Kontext – eine »sprachliche Gesamtsituation« (Herrmann, 1972) – eingebettet ist, was den kommunikativen Prozess erheblich beeinflussen kann. Wie die Äußerung »Sie hat sich bemüht« gemeint ist (als Lob oder Hohn), entscheidet der soziale Kontext (hier die Wahrnehmung der adressierten Person durch die Quelle). Graumann und Wintermantel (1984) thematisieren drei Gruppen an Kontextfaktoren. Zum einen die Merkmale des situativen Rahmens (des settings), in dem die Kommunikation stattfindet. Hierzu zählen soziale Merkmale (z. B. Rollenverteilung, interpersonale Beziehungen), personale Merkmale (wie z. B. die wahrgenommene Glaubwürdigkeit) und sächliche Merkmale (z. B. die raum-zeitlichen Gegebenheiten). Zur zweiten Gruppe gehören Merkmale des Diskurses, also z. B. das Thema, über das gesprochen wird, sowie die Einbettung einer sprachlichen Äußerung in das zuvor Gesprochene. Die dritte Gruppe besteht einerseits aus Vorwissen, das die Kommunikationspartner in den Dialog hineintragen, und andererseits aus der Inferenztätigkeit, die durch die Äußerungen erst in Gang gesetzt wurden.

1.5       Massenkommunikation

1.5.1     Eigenschaften von Massenkommunikation

Maletzke (1963) hat eine Reihe charakteristischer Eigenschaften von Massenkommunikation expliziert, in denen sie sich von interpersonaler Kommunikation unterscheidet. Dazu zählen: (a) Die Quelle besteht meist aus mehr als einer Person (häufig ist es eine Gruppe oder Organisation von Personen, die sich auf die Sendung einer gemeinsamen Aussage verständigt), (b) was erst recht auf das Ziel zutrifft, das aus einer Masse, also einer potentiell unbegrenzten Anzahl unabhängiger Individuen oder Gruppen (zum Beispiel Familien) besteht, (c) Massenkommunikation ist öffentlich, sie kann im Prinzip von jedem empfangen werden, (d) Massenkommunikation ist einseitig (der Sender empfängt nicht und der Empfänger sendet nicht) und (e) Massenkommunikation ist medial, d. h., sie verwendet technische Hilfsmittel zur Signalübertragung.

1.5.2     Einteilung von Medien

Der Begriff medium (lat.) bedeutet in der Mitte befindlich, Vermittler. Grob kann zwischen natürlichen Medien, dazu zählt insbesondere die Sprache (Graumann, 1972), und technischen Medien (von Menschen hergestellte Geräte) unterschieden werden. Nach einer Einteilung von Pross (1972) werden Sprache, Mimik und Gestik als primäre Medien aufgefasst, da Quelle (Produktion) und Ziel (Rezeption) keine technischen Hilfsmittel benötigen. In Bezug auf technische Medien unterscheidet Pross (1972) weiter zwischen sekundären Medien, bei denen nur bei der Produktion technische Hilfsmittel benötigt werden (z. B. Print), und tertiären Medien, bei denen sowohl für die Produktion wie für die Rezeption technische Geräte notwendig sind, wie beispielsweise bei der Telekommunikation (Telefon, Fernschreiber, Funkanlagen etc.) oder bei elektronischen Massenmedien (Radio, Fernsehen, Film, Schallplatte, Personal Computer usw.).

Während jede moderne Massenkommunikation technisch-mediale Kommunikationsmittel benötigt, gilt dies nicht umgekehrt. Mediale Kommunikation ist auch in der interpersonalen Kommunikation weit verbreitet. Eine Systematik von Medien wurde von Winterhoff-Spurk (2004) ausgeführt, in der Medien nach der Gleichzeitigkeit (Simultaneität) und Gleichörtlichkeit (Kopräsenz) des Kommunikationsprozesses eingeteilt werden. Findet eine Kommunikation simultan (zur gleichen Zeit) und kopräsent (am gleichen Ort) statt, dann liegt FTF-Kommunikation vor. Ist eine Kommunikation simultan, jedoch nicht kopräsent (halten sich also Quelle und Ziel an verschiedenen Orten auf), dann ist das nur mit Hilfe von Transport- oder Übertragungsmedien möglich. Transportmedien finden sich heute sowohl für die Massen- (Rundfunk) wie für die Individualkommunikation (Handy). Verläuft eine Kommunikation kopräsent, aber nicht simultan (Sendung und Empfang liegen zeitlich auseinander), werden Fixier- oder Speichermedien benötigt (z. B. der Notizzettel am Kühlschrank). Darüber hinaus gibt es Medien, die beide Eigenschaften in sich vereinen, den Transport und die Speicherung von Information (z. B. eine Videobotschaft). Schließlich differenziert die Systematik noch zwischen Sprachmedien (in der Individualkommunikation sind das z. B. Briefe) und Signalmedien (in der Massenkommunikation beispielsweise Fotos von Prominenten).

Eine alternative Systematik von Medien orientiert sich an den beteiligten Medienbausteinen. Während Monomedien nur ein Medium verwenden (z. B. Handschriften, Bücher, Bilder oder CDs), verbinden dualen Medien zwei Medien miteinander (wie z. B. bei Videoaufnahmen mit Bild- und Tonspur). Bei Multimedia schließlich besteht eine Verknüpfung mehrerer Medien auf einer gemeinsamen Plattform (z. B. ein digitales Lexikon mit Text, Grafik, Ton und Animation). Als drei zentrale Eigenschaften von Multimedia gelten nach Weidenmann (2001) Interaktivität (Navigationsmöglichkeit, eine Suchfunktion etc.), Multikodalität (z. B. Kombination von analogen Fotos und digitalen Schriftzeichen) und Multimodalität (Einbezug mehrerer Sinneskanäle). Das Internet kann als Hybridmedium aufgefasst werden (Winterhoff-Spurk, 2004, S. 18), da es eine Plattform für unterschiedliche Kommunikationsformen darstellt (Multifunktionalität): Während z. B. Internettelefonie oder Videokonferenzen Formen medialer Individualkommunikation darstellen, sind Chatrooms oder Internetspiele massenkommunikative Formen, da hier viele Nutzer simultan als Quellen und Ziele Signale austauschen (das wird auch als interaktive oder partizipative Massenkommunikation bzw. als Netcasting bezeichnet).

Massenkommunikation stellt also einerseits eine Erweiterung der Kommunikationssituation dar (im Vergleich zur FTF-Kommunikation), da sie die Beschränkungen von Zeit und Ort medial überwindet. Andererseits impliziert sie zugleich eine Einschränkung der Kommunikationssituation, da sie selektiv nur wenige menschliche Sinne ansprechen und viele Medien eine reduzierte Interaktivität aufweisen (Einseitigkeit).

1.5.3     Komponenten der Massenkommunikation

In Anlehnung an Lasswells Formel Who says what in which channel to whom with what effect? aus dem Jahre 1948 definiert Pürer (2003) folgende Komponenten bzw. Forschungsbereiche der modernen Publizistik: (1) die Kommunikator- bzw. Journalismusforschung, die sich auf die Medienschaffenden selbst bezieht (also die Journalisten, Programmgestalter, PR-Beauftragten usw.), (2) die Medieninhalts- und Medienaussagenforschung, die sich insbesondere mit der Analyse der Inhalte von Medienaussagen beschäftigt, (3) die Medienforschung, die die Strukturen, Organisationsformen und Funktionsweisen von Massenmedien untersucht, (4) die Rezipientenforschung, welche die Gewohnheiten, Motive und Erwartungen der Leser, Hörer oder Zuschauer erforscht, und (5) die Wirkungsforschung, die sich speziell mit den Manifestationen der Medienrezeption auf individueller und sozialer Ebene befasst. Auf die letzten beiden Komponenten konzentriert sich zudem die Medienpsychologie. Diese befasst sich u. a. mit der Erforschung von Motivation und Kompetenz zur Mediennutzung, der Erarbeitung und Überprüfung von Modellen zur Medienrezeption (Wahrnehmung und kognitive Verarbeitung von Medieninhalten) sowie der Durchführung und Analyse von Studien (oft Meta-Analysen) zu Medienwirkungen auf kognitiver, emotionaler und verhaltensbezogener Ebene.

Als deskriptives Modell der Massenkommunikation weist der Ansatz von Lasswell (1948) jedoch mehrere Einschränkungen auf. Zum einen ist das Modell linear (Schugk, 2004), da es kein Feedback der Rezipienten vorsieht, zum anderen werden auf Seiten der Kommunikationsquelle und des Kommunikationszieles keine Ausdifferenzierungen vorgenommen. Diese Lücken werden durch andere Modelle geschlossen. Im Modell der Massenkommunikation von Westley und McLean (1957) beispielsweise wird ein mehrstufiger Prozess zwischen den initialen Ereignissen und den Rezipienten angenommen. Dabei wählt ein Berichterstatter (z. B. ein Reporter) zunächst aus der Vielfalt von Informationen diejenige(n) aus, die er für berichtenswert erachtet, und gibt sie anschließend an den eigentlichen Kommunikator (z. B. eine Redaktion) weiter, welcher dann seinerseits entscheidet, welche der ihn erreichenden Informationen an den Rezipienten weitergegeben werden. Über das gleiche Ereignis können so in den Massenmedien unterschiedliche Informationen kursieren.

Eine Ausdifferenzierung auf der Rezipientenseite nimmt das Modell von Schramm (1954) vor. Die von einem Rezipienten dekodierte massenmediale Information wird von ihm anschließend wieder enkodiert und an weitere Personen weitergegeben. Die Ausbreitung (Diffusion) der Information kann sich auf der Basis interpersonaler Kommunikation und/oder als Intra- oder Intergruppenkommunikation vollziehen. Auf diese Weise können sich Informationen aus den Massenmedien über mehrere Vermittler ausbreiten.

In den Modellen von Westley und McLean (1957) und Schramm (1954) sind zudem Rückkopplungsprozesse vorgesehen: Rezipienten können Feedback an die Kommunikatoren richten, beispielsweise in Form von Leserbriefen (direkte Rückmeldung; Eurich, 1981) oder durch Quoten (indirekte Rückmeldung). Außerdem können die Kommunikatoren ein eigenes Feedback an ihre Informationsquellen senden. Mittlerweile liegen mehrere deskriptive Modelle der Massenkommunikation vor, in denen die beschriebenen Ausweitungen berücksichtigt werden. Dazu zählt z. B. das sehr verbreitete »Feldschema« von Maletzke (1963), das ein weit gespanntes Bedingungsgefüge expliziert, in dem auch psychische und soziale Einflüsse auf Kommunikator und Rezipient berücksichtigt werden (vgl. Burkart, 2002, S. 501; siehe Kap. 7 in diesem Band).

Kommunikatoren müssen allerdings nicht immer Journalisten sein, gelegentlich sind es Personen(gruppen), die sonst auf der Rezipientenseite stehen. Zum Beispiel nutzen Politiker, Funktionäre, Prominente und andere Interessensvertreter die Medien zur öffentlichen Kommunikation – sie bedienen sich ihrer, so wie Krieg führende Staaten häufig die Berichterstattung korrumpieren. Hier werden also die Kommunikationsrollen des Kommunikators und des Rezipienten getauscht, die Medien nehmen die Vermittlungsrolle ein. Diese Rollenunterscheidung wird in einem neueren Ansatz zur Massenkommunikation, dem Modell der sozialen Zeitkommunikation (Wagner, 1998), berücksichtigt (siehe für weitere Modelle im Überblick Beck, 2010).

Weiterführende Literatur

 

Beck, K. (2010). Kommunikationswissenschaft (2. Auflage). Konstanz: UVK-Verlag.

MacKay, D. M. (1972). Formal analysis of communicative processes. In R. A. Hinde (Ed.), Non-verbal communication (S. 3–25). Cambridge: University Press.

Wiener, M., Devoe, S., Rubinow, S. & Geller, J. (1972). Nonverbal behavior and nonverbal communication. Psychological Review, 79, 185–214.

Übungsfragen

1.  Welche Komponenten müssen gegeben sein, damit Kommunikation stattfindet? Geben Sie Beispiele für menschliches Verhalten, das keine Kommunikation darstellt.

2.  Erläutern Sie unter Bezugnahme auf die Begriffe Anzeichen, Ikon und Symbol die Unterschiede zwischen technischer, animalischer und menschlicher Kommunikation.

3.  Wie ist sprachliche Kommunikation definiert? Geben Sie Beispiele für sprachliche Äußerungen, die keine Kommunikation darstellen.

4.  Welche Verhaltensweisen können zur nonverbalen Kommunikation verwendet werden? Unter welchen Bedingungen stellt dieses Verhalten nonverbale Kommunikation dar?

5.  Definieren Sie die Begriffe Information und Nachricht und grenzen Sie diese Begriffe voneinander ab.

6.  Definieren Sie den Begriff Interaktion und grenzen Sie ihn von Kommunikation ab. Geben Sie Beispiele für soziale Interaktion, die keine Kommunikation darstellt.

7.  Warum wird Kommunikation als gemeinsame soziale Konstruktion bezeichnet? Geben Sie Beispiele, in denen Kommunikation misslingt bzw. irrigerweise angenommen wird.

8.  Definieren Sie die Begriffe kontrollierte und automatische Kommunikation und geben Sie Beispiele für beide Kommunikationsarten.

9.  Definieren Sie den Begriff Massenkommunikation und grenzen Sie ihn von der Individualkommunikation ab.

10.  Führen Sie unterschiedliche (technische) Kommunikationsmedien auf und leiten Sie verschiedene Ordnungsgesichtspunkte her, nach denen man diese klassifizieren kann.

2          Sprachliche Kommunikation: Psycholinguistische Grundlagen

Monika Schwarz-Friesel und Konstanze Marx

Sprachliche Kommunikation ist Grundlage jeder Gesellschaft. Die Möglichkeit, mittels Sprache Gedanken und Gefühle auszudrücken, gehört zu den wichtigsten geistigen und sozialen Fähigkeiten des Menschen. Alle wesentlichen sozialen Interaktionen, Strukturen und Institutionen basieren auf sprachlichen Prozessen. Sprachliche Äußerungen vermitteln allgemeine und individuelle Kenntnisse, speichern kollektives Wissen, ermöglichen komplexe Denkprozesse, Gedankenaustausch und Bezugnahme auf die Welt. Die Sprache ist in einer Gemeinschaft das bei allen individuellen Unterschieden und subjektiven Ausrichtungen menschlicher Existenzen von allen gemeinsam benutzte, überindividuell verstandene Kenntnis- und Kodierungssystem. Sowohl im privaten wie auch im sozialen Leben wäre ein Miteinander ohne Sprache nicht vorstellbar.

Wenn wir uns mit der Sprache beschäftigen, stellen wir Fragen nach uns selbst, unserem Geist, unseren Fähigkeiten, unserer Wesensart, unserer Interaktion mit anderen Menschen, unserer Onto- und Phylogenese.