Islam, Frauen und Europa -  - ebook

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Die Debatte über "islamischen Feminismus" und "Gender Jihad" gewinnt im europäischen, in den letzten Jahren besonders auch im deutschsprachigen Raum an Intensität und handlungsbezogener Relevanz. Im Kontext des westlichen Feminismus und westlicher feministischer Theologie wird der interkulturelle bzw. interreligiöse Dialog, vor allem auch im Prozess politischer Entscheidungsfindung, immer wichtiger. Die Beiträge dieses Bandes geben einen umfassenden Einblick in diesen Diskurs mit folgenden thematischen Schwerpunkten: Weibliche Koranexegese und Texthermeneutik - Islamischer Feminismus und die Diskussion über soziale und politische Handlungsstrategien - Frauenrechte als Menschenrechte und die Situation der Musliminnen mit und ohne Migrationshintergrund - Formen, Aufgaben und Problem-/Konfliktzonen des interkulturellen und interreligiösen Dialogs.

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Die Debatte über 'islamischen Feminismus' und 'Gender Jihad' gewinnt im europäischen, in den letzten Jahren besonders auch im deutschsprachigen Raum an Intensität und handlungsbezogener Relevanz. Im Kontext des westlichen Feminismus und westlicher feministischer Theologie wird der interkulturelle bzw. interreligiöse Dialog, vor allem auch im Prozess politischer Entscheidungsfindung, immer wichtiger. Die Beiträge dieses Bandes geben einen umfassenden Einblick in diesen Diskurs mit folgenden thematischen Schwerpunkten: Weibliche Koranexegese und Texthermeneutik - Islamischer Feminismus und die Diskussion über soziale und politische Handlungsstrategien - Frauenrechte als Menschenrechte und die Situation der Musliminnen mit und ohne Migrationshintergrund - Formen, Aufgaben und Problem-/Konfliktzonen des interkulturellen und interreligiösen Dialogs.

Prof. Dr. Dr. Ina Wunn, Universität Hannover. Prof. Dr. Mualla Selçuk, Universität Ankara.

Ina Wunn Mualla Selçuk (Hrsg.)

Islam, Frauen und Europa

Islamischer Feminismus und Gender Jihad – neue Wege für Musliminnen in Europa

Alle Rechte vorbehalten © 2013 W. Kohlhammer GmbH Stuttgart Umschlag: Gestaltungskonzept Peter Horlacher Satz: Andrea Siebert, Neuendettelsau Gesamtherstellung: W. Kohlhammer Druckerei GmbH + Co. KG, Stuttgart Printed in Germany

Print: 978-3-17-021152-0

E-Book-Formate

pdf:

978-3-17-026407-6

epub:

978-3-17-027068-8

mobi:

Inhaltsverzeichnis

Geleitwort

Vorwort der Herausgeberinnen

Frauen, Islam und Religiosität

Ina WunnundDaphne PetryZur Einführung: Von der „Rolle der Frau“ zum „Gender Jihad“ – ein historischer Abriss

Mualla SelçukDie Definition von „Jihad“ und die Bedeutung für die religiöse Erziehung in einer Welt des religiösen Pluralismus

Constantin KleinSind Frauen grundsätzlich religiöser als Männer?

Adem AygünReligiosität muslimischer Frauen in Deutschland: zwischen Säkularität, Frömmigkeit und Wertekonservativismus

Theologische Grundlagen

Bertram SchmitzReflexion über die theologischen Prämissen der Methoden feministischer Koraninterpretation

Bertram SchmitzVom Koran zu Muhammad und Maria

Nahide BozkurtFrauen im Koran und der historische Kontext

Beyza BilginDie Stellung der Frau im Islam

Islam und Feminismus im sozialen Kontext

Beyza BilginDie Verschleierung der Frau aus der Sicht meiner Erfahrung

Birgit RommelspacherFeminismus, Säkularität und Islam

Corrina Gomani„Rittlings auf den Barrikaden“ – Zur komplexen Lage islamischer Pro-Glaubensaktivistinnen und Feministinnen

Nina Clara TieslerVerlust der Begriffe, Fixierung auf Religion und Tradition: Zur Konstruktion muslimischer Identität in öffentlichen und sozialwissenschaftlichen Diskursen

Feministische Netzwerke und Organisationen

Claudia DerichsTransnationale Netzwerke muslimischer Frauen – Eindrücke am Beispiel von Muswah for Equality in the Family

Zrinka ŠtimacIslamische Frauenorganisation Kewser: Zwischen spiritueller Erweckung und Frauenemanzipation

Abstracts

Die AutorInnen

Geleitwort

Recht hat das Ziel, den Menschen ein Leben in Offenheit, Sicherheit und Ordnung unter sozialen und menschlichen Bedingungen zu ermöglichen und bestimmt aus diesem Grunde die Rechte und Pflichten des Individuums. Um dieses Ziel zu erreichen, ist es unvermeidbar, dass sich die Werte und Normen der Gesellschaft in diesem Recht widerspiegeln.

Aus diesem Grund weisen die rechtliche Lage der Frauen sowie die Einstellung und Ansichten über ihre Rechte und Pflichten Unterschiede auf, je nachdem, in welchem Zeitalter oder Umfeld diese Frauen leben und gelebt haben. Bis auf wenige Ausnahmen waren Frauen im Lauf der Geschichte von der politischen Macht ausgeschlossen. Selbst heute kann man noch feststellen, dass Frauen teilweise nicht die gleichen zivilen und politischen Rechte wie Männer besitzen. Mehr noch als religiöse Gründe spielen dabei jedoch die sozio-kulturellen und wirtschaftlichen Bedingungen eine wichtige Rolle.

Um zu verstehen, welche Bedeutung und Wertschätzung der Islam den Frauen zuerkennt, muss man die Lage der Frauen in der prä-islamischen Gesellschaft betrachten und mit den Aussagen des Koran vergleichen. Im islamischen Glauben gibt es, was Menschlichkeit oder die Hingabe zu Gott betrifft, keinen Unterschied zwischen Mann und Frau. Ebenso wenig gibt es bedeutende Unterschiede hinsichtlich der grundsätzlichen Rechte und Verantwortung von Mann und Frau. Dennoch haben manche islamischen Gelehrten im Laufe der Geschichte behauptet, dass Frauen keine Führungsrolle im politischen und gesellschaftlichen Leben übernehmen können. Dies hing jedoch immer mit den jeweiligen sozio-ökonomischen und kulturellen Gegebenheiten zusammen.

Abgesehen von der säkular geprägten Türkei, wo die Frauen heute sowohl im wirtschaftlichen als auch im gesellschaftlichen Leben eine Vielzahl von Führungspositionen besetzen, ist es Frauen auch in stark islamisch geprägten Ländern wie Pakistan oder Bangladesch möglich, bis zur Staatsspitze aufzusteigen. Der Islam hat die hierfür nötigen Grundvoraussetzungen geschaffen, während alles weitere der Entwicklung der Gesellschaft überlassen wurde. Religiöse Interpretationen, die besagen, dass Frauen keine öffentlichen Aufgaben übernehmen oder nur begrenzt am sozialen Leben teilnehmen sollen, sind daher nur bedingt einzelnen religiösen Gelehrten mit ihren eigenen Erfahrungen und kulturellen Hintergründen zuzuschreiben. Es ist daher offensichtlich, dass Gerechtigkeit und Frieden zwischen Mann und Frau auf je der Ebene für ein friedliches Zusammenleben und das Wohlbefinden einer Gesellschaft unerlässlich ist.

Gemeinsames wünschenswertes Ziel ist es, jede Diskriminierung sowohl von Frauen als auch von Männern abzuschaffen, den Mensch als solchen zu respektieren und ihn in jeder Umgebung, unabhängig vom Geschlecht und unter allen Bedingungen als gleichgestellt zu betrachten.

Tunca Özçuhadar, Generalkonsul der Republik Türkei

Vorwort der Herausgeberinnen

Während in den Medien unverändert das Bild der unterdrückten und misshandelten muslimischen Frau für hohe Einschaltquoten und Auflagen sorgen soll,1 hat sich unbemerkt von der Öffentlichkeit sowohl in der Einwanderungsgesellschaft als auch in den muslimischen Ländern ein entscheidender Wandel vollzogen: Muslimische Frauen begehren auf und fordern ebenso energisch wie selbstbewusst ihr Recht auf gesellschaftliche Teilhabe ein. Während sich der Kampf um Gendergerechtigkeit – von den Betroffenen klug und wortgewaltig geführt unter dem Schlagwort Gender-Jihad als Begriff für das sich Bemühen auf dem Pfad Gottes (→ M. Selçuk) – in den islamischen Ländern vorwiegend gegen das altüberkommene Patriarchat, aber auch generell gegen jede Form von Ausbeutung und gegen westliche Kulturdominanz richtet, haben muslimische Frauen in Europa einen Kampf an mehreren Fronten zu führen: In ihren Familien möglicherweise benachteiligt durch ein veraltet es Frauenbild, sehen sie sich in ihrer neuen Heimat als Muslimin immer wieder mit Vorurteilen konfrontiert und haben möglicherweise sogar Diskriminierungserfahrungen machen müssen. Während säkulare Musliminnen durchaus auf die Unterstützung feministischer Kreise bzw. politischer Parteien setzen können, wird religiösen Frauen diese Solidarität verweigert. Trotz dieser Widerstände und Schwierigkeiten haben sich muslimische Frauen emanzipieren können. Längst haben sie den Aufstieg aus dem Arbeiter-Migrantenmilieu in die bürgerliche Mittelschicht geschafft. Sie sind Ärztinnen, Lehrerinnen, Anwältinnen und Politikerinnen, die, weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit, dokumentieren, dass muslimische Frauen inzwischen ein Wort mitzureden haben – in der europäischen bzw. deutschen Gesellschaft, aber auch und besonders in muslimischen Organisationen einschließlich Moscheegemeinden.

Diesen Einsatz muslimischer Frauen für ihre Rechte nachzuzeichnen, haben sich die Autorinnen und Autoren dieses Bandes zur Aufgabe gemacht. Auslöser war hierbei eine internationale und hoch karätig besetzte Tagung mit dem Titel „Frauen, Islam und Europa“, die im November 2008, initiiert von der Sozialwissenschaftlerin Corrina Gomani und unter der Leitung von Ina Wunn, an der Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Universität in Hannover stattfand. Der Kongress hatte sich das ehrgeizige Ziel gesetzt, diejenigen Frauen zusammenzubringen, die sich für die Rechte muslimischer Frauen einsetzen, angefangen von renommierten Wissenschaftlerinnen über Vertreterinnen muslimischer Organisationen bis zu kampferprobten Aktivistinnen. Der Kongress war ein Erfolg: Nicht nur brachte er alle diejenigen Frauen zusammen, die sich aus unterschiedlichster Perspektive für die Rechte muslimischer Frauen einsetzen, sondern konnte auch die Vielfalt und Fruchtbarkeit der verschiedenen wissenschaftlichen Ansätze deutlich machen. Der Kampf für die Rechte muslimischer Frauen findet heute auf unterschiedlichsten Ebenen statt: Während Sozialwissenschaftlerinnen wie Birgit Rommelspacher die Defizite und Vorurteile der christlich-säkularen Mehrheitsgesellschaft verdeutlichen und Historikerinnen wie Margot Badran eine westliche Welt darauf aufmerksam machen, dass es so etwas wie einen islamischen Feminismus überhaupt gibt, arbeiten muslimische Frauen selbst aktiv in der Wissenschaft und in Netzwerken und tragen so zur Umgestaltung der Gesellschaft bei. Der entscheidende Wandel vollzieht sich jedoch in der islamischen Theologie (tafsir): Nach einer langen (Religions-)Geschichte, in der sich kulturell bedingte frauenfeindliche Vorstellungen verfestigen konnten, kehren heute muslimische Theologinnen, Soziologinnen und Historikerinnen zu den Wurzeln ihrer Religion zurück und betreiben Koranexegese. Die Ergebnisse sind ebenso ungewohnt wie verblüffend: Der Islam entpuppt sich hier im Vergleich zu den Schwesterreligionen Judentum und Christentum nicht nur als eine ursprünglich frauenfreundliche Religion, sondern zeigt sich darüber hinaus als unglaublich beweglich und anpassungsfähig an die Erfordernisse eines neuen Zeitalters in einer globalisierten Welt.

Die wichtigsten Ergebnisse des Kongresses sind in dem vorliegenden Buch festgehalten. Dabei geht das ursprüngliche Buchkonzept ebenso wie die Tagung selbst auf die Sozialwissenschaftlerin Corrina Gomani zurück: selbst engagierte Frauenrechtlerin und bekennende Muslimin, hat sie sowohl den Kongress als auch die Idee, die Ergebnisse festzuhalten, initiiert und die Themenauswahl entscheidend beeinflusst. Für ihre Mitarbeit und vor allem ihren fachlichen Input, der kaum hoch genug einzuschätzen ist, sei an dieser Stelle herzlich gedankt.

Um die Herausgabe dieses Bandes verdient gemacht haben sich darüber hinaus Constantin Klein und Patrick Urban, Mitarbeiter der Abteilung Theologie der Universität Bielefeld. Während Constantin Klein, selbst erfahrener Herausgeber qualitätvoller religionswissenschaftlicher Fachbücher, über seinen eigenen wissenschaftlichen Beitrag hinaus einen Großteil der Kommunikation mit den Autorinnen und Autoren übernommen hat, verdanken wir Patrick Urban sowohl die Übersetzung zweier Artikel aus dem Englischen sowie unschätzbare Hilfe bei diversen technischen Belangen. Beide – Constantin Klein und Patrick Urban – waren auch in die inhaltliche Diskussion intensiv eingebunden und haben in dieser Hinsicht einen wertvollen Beitrag geleistet – auch dafür herzlichen Dank. In diesem Zusammenhang möchten wir uns auch bei Davina Grojnowski, King’s College London, für die Korrektur der englischsprachigen abstracts herzlich bedanken.

Nicht unerwähnt lassen möchten wir an dieser Stelle unseren Kollegen bzw. verehrten akademischen Lehrer Peter Antes, der nicht gezögert hat, sich des sperrigen Themas anzunehmen und bei der Tagung als Veranstalter zu fungieren: viele seiner Ideen und Anregungen sind, auch wenn nicht exemplarisch vermerkt, in dieses Buch mit eingeflossen.

Ein letztes Dankeswort gilt dem Verlag Kohlhammer, der nicht nur uns, sondern vielen muslimischen Frauen durch die Veröffentlichung dieses Buches eine vernehmbare Stimme gegeben und ein Forum geliehen hat, sowie besonders der Dr. Buhmann-Stiftung, die den Druck dies es Buches großzügig finanziell gefördert hat

Mualla Selçuk

Ina Wunn

Im August 2011

1 Hier seien beispielhaft nur zwei momentan aktuelle Themen aus der Presse und dem Unterhaltungsprogramm des öffentlichen Rundfunks genannt. So heißt es in der Kritik eines am 31.7.2011 gesendeten Unterhaltungsfilm: „Der Ehrenmord ist mittlerweile ein gern gesehener Gast im ‚Tatort‘“, http://www.kino.de/kinofilm/tatort-familienaufstellung/114232.html (2.8.2011), während sich ein bekanntes Magazin mit dem Opfer eines Säureanschlags, Amene Bahrani, auseinandersetzt. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,777543,00.html (2.8.2011).

Frauen, Islam und Religiosität

Zur Einführung: Von der „Rolle der Frau“ zum „Gender Jihad“ – ein historischer Abriss

Ina Wunn und Daphne Petry

Als sich in den neunzehnhundertundsiebziger Jahren im Zuge der iranischen Revolution muslimische Frauen freiwillig in den Tschador, den Ganzkörperschleier hüllten, um gegen das Schahregime zu protestieren und letztlich ein Staatsmodell zu protegieren, in dem Geistliche die oberste politische Instanz darstellten, wandte sich das Interesse der politischen und intellektuellen westlichen Öffentlichkeit einem Phänomen zu, das für sie bislang nur am Rande existiert hatte: dem neuen Selbstverständnis muslimischer Frauen.1

Muslimische Frauen, die ein romantisierendes Orientbild in einem der Märchen aus tausendundeiner Nacht entlehnten Szenario zwischen Harem und Hamam angesiedelt hatte,2 wurden plötzlich zu einer maßgeblichen politischen Kraft, und das ausgerechnet in Namen einer Religion, die der Westen als rückständig zu empfinden gelernt hatte.

Mit diesen Ereignissen kam erstmalig ein neues, ein ganz anderes Interesse an der muslimischen Frau auf: Zum ersten Mal befasste sich der Westen mit frauenemanzipatorischen Bewegungen in den muslimischen Ländern des östlichen und südlichen Mittelmeerraumes und des nahen bis mittleren Ostens und interessierte sich gleichzeitig für die traditionelle Rolle der Frau im Islam, die als grundsätzlich und fundamental anders als in den westlichen Ländern christlicher Prägung gedacht wurde.

Es war hier (wie auf so vielen anderen Feldern der Islamforschung) die deutsche Islamwissenschaftlerin Annemarie Schimmel, die einer breiten Öffentlichkeit deutlich machte, dass die tatsächliche und durchaus auf islamischen Traditionen fußende Rolle der islamischen Frau sehr viel komplexer gedacht werden musste als das undifferenzierte Bild von Rückständigkeit und Rechtlosigkeit, das die öffentliche Diskussion in den westlichen Ländern bislang beherrscht hatte und bis heute noch weitgehend Gültigkeit zu haben scheint. Während Schimmel nicht nur auf die starke Stellung vor allem der Mutter und Schwiegermutter in traditionellen islamischen Gesellschaften verwies, sondern gleichzeitig die Bedeutung herausragender Frauengestalten in der Geschichte des Islam wie z. B. die Prophetentochter Fatima oder die große Mystikerin Rabia betonte,3 also danach fragte, wie die Machtverhältnisse in der islamischen Familie und Gesellschaft tatsächlich waren und sind (der Religionswissenschaftler Peter Antes spricht hier zutreffend von „Schwiegermutterkultur“), ging die marokkanische feministische Soziologin Fatima Mernissi einen Schritt weiter: In ihrem Buch „Der politische Harem“ unterzog sie die Frühzeit des Islam einer Revision und kam zu dem Ergebnis, dass der Prophet selbst den Frauen seiner unmittelbaren Umgebung eine herausragende Position sowohl im privaten als auch öffentlichen Leben zugebilligt hatte und dass die nachgeordnete Stellung der Frauen in den späteren islamischen Gemeinwesen demnach als Rückfall in vorislamische Gebräuche zu werten sei, der sich darüber hinaus an konkreten Personen und Interessen festmachen lasse.4

Die Positionen der beiden genannten Autorinnen umreißen recht genau die Spannweite, in deren Rahmen sich die Diskussion um die Rechte bzw. das Selbstbestimmungsrecht der muslimischen Frauen bewegt, aber auch die Brisanz der damit verknüpften Fragen, geht es doch einmal darum, sich gegenüber einem Vorurteil der westlichen Welt von der entrechteten Frau in einer insgesamt aufgrund ihrer Religion und deren ungebrochener Dominanz bestimmten Welt (→ B. Rommelspacher) zu behaupten, d. h. sich der Interpretationsdominanz säkularer westlicher Wissenschaft zu entziehen, zum anderen aber gleichzeitig die eigenen Rechte als islamische Frau innerhalb eines genuin islamischen Kontextes zu begründen und durchzusetzen; letzteres aber so, das es sowohl in den kritischen Augen des innerislamischen Diskurs es als auch im Rahmen der internationalen und damit durch westliches Gedankengut geprägten Wissenschaft Bestand hat (→ C. Gomani).

In diesem Zusammenhang ist die Geschichte der muslimischen Frau einschließlich herausragender muslimischer Frauen nicht nur ein Spiegel des Wandels des Frauenbildes in islamischen Ländern, sondern gleichzeitig ein politisches Manifest der jeweiligen Autorinnen.

Frauen der islamischen Geschichte

Fatema Mernissi, die „Mutter des islamischen Feminismus“5, widmet sich in diesem Zusammenhang intensiv der Frühzeit des Islam und untersucht vor allem die Rolle der Frauen, die im Leben des Propheten eine besondere Rolle gespielt haben. Da war zunächst einmal Chadidscha bint Khuwailid, die wohlhabende Kaufmannswitwe, die im vorislamischen Mekka ihre Geschäfte selbstbestimmt führte. Sie war es, die dem deutlich jüngeren Muhammad, der für sie erfolgreich geschäftlich tätig war, die Ehe antrug. Sie war es auch, die für den Beginn des Islam eine entscheidende Rolle spielte, indem sie ihren Mann nach seinen beunruhigenden ersten Auditionen der Authentizität seiner Erlebnisse versicherte, „um ihn zu überzeugen, dass das, was ihm geschah, wunderbar und einmalig war,“ und die sich als erste zum Islam bekannte. Der erste Muslim war demnach eine Frau, und erst auf sie folgte Ali ibn Abi Talib, Vetter und Schwiegersohn des Propheten. Nicht nur Chadidscha, die erfolgreiche Geschäftsfrau, spielte im Leben ihres Mannes, in der sich formierenden islamischen Gemeinschaft und in der Öffentlichkeit eine unübersehbare Rolle, auch die späteren Ehefrauen des Propheten (nach dem Tode Chadidschahs führte Muhammad eine polygame Ehe mit zuletzt neun Frauen) hatten in dieser Ehe eine bedeutsame Stimme und wurden von ihm in wichtigen Fragen konsultiert. So galt Umm Salma nicht nur als eine Frau von außergewöhnlicher Schönheit, sondern soll sich auch durch einen „scharfen Verstand, rasche Auffassungsgabe und eine unerhörte Fähigkeit, zutreffende Urteile zu formulieren“ ausgezeichnet haben; Eigenschaften, aufgrund derer ihr ein uneingeschränktes Mitspracherecht in den Angelegenheiten der Gemeinschaft eingeräumt wurde. Von ähnlich starkem Charakter war Hind bint Utba, die Frau Abu Sufyans, eines der entschiedenen Gegner Muhammads, die aus ihrer Abneigung gegen die Muslime keinen Hehl machte und sich auch nach Muhammads Einzug in Mekka und ihrer knappen Begnadigung keineswegs unterwürfig und demütig gezeigt, sondern auf ihrer Freiheit (Selbstbestimmungsrecht und freie Meinungsäußerung) auch im Moment der Niederlage bestanden hatte. Dem Einfluss und dem energischen Vorgehen der Frauen in Medina war es zuzuschreiben, dass Muhammad die Ayat der Sure an-Nisa (Die Frauen) offenbart wurden, in denen die Rechte der Frauen als eigenständiges Individuum (und nicht als Eigentum des Mannes oder seiner Sippe) einschließlich ihres Rechtes zu erben ein für alle Mal verankert wurden. Auch nach dem Tode Muhammads spielten Frauen im religiösen und politischen Geschehen entscheidende Rollen. Auf Aischa gehen einige der wichtigsten Ahadith zurück – um die 2000 Aussprüche und Handlungen des Propheten sollen von ihr kolportiert worden sein; Aufnahme in die Hadithsammlungen Bucharis und Muslims fanden aber nur etwa 200. Zur religiösen und gleichzeitig moralischen Institution in dieser Frühzeit des Islam prädestinierte sie nicht nur ihre Stellung als (Lieblings-)Frau des Propheten, sondern ihre vorzüglichen Kenntnisse altarabischer Dichtung und islamischer Ethik. Gerade ihr diesbezügliches Ansehen gab ihr die Autorität, nach dem Tode ihres Ehemannes seinen zweiten Nachfolger, den Kalifen Umar, zu tadeln, wenn sie seine Politik und hier vor allem seine Personalpolitik für verfehlt hielt. Aber auch vor direktem Eingreifen scheute die Prophetenwitwe nicht zurück: Als im Jahre 656/35 nach der Ermordung Uthman ibn Affans Ali zum Kalifen gewählt wurde, setzte sich die damals 45jährige Aischa an die Spitze der Unzufriedenen, sammelte ein Herr und zog nach Mesopotamien, wo die Gruppen der Aufständischen und des Kalifen Ali aufeinandertrafen. Nach vergeblichen Verhandlungen kam es in der Nacht zum 9. Dezember 656/34 zur Schlacht, in deren Verlauf sich die Kämpfer um Aischa selbst scharten, nachdem ihre wichtigen Verbündeten und Heerführer ausgefallen waren. Erst indem es den Truppen Alis gelang, zu Aischa selbst vorzudringen und sie gefangenzunehmen, konnte Ali die Schlacht für sich entscheiden.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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