Indianische Märchen -  - ebook

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Erleben Sie die Märchen und Sagen aus aller Welt in dieser Serie "Märchen der Welt". Von den Ländern Europas über die Kontinente bis zu vergangenen Kulturen und noch heute existierenden Völkern: "Märchen der Welt" bietet Ihnen stundenlange Abwechslung.

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Indianische Märchen

Inhalt:

Geschichte des Märchens

Indianische Märchen

1 Das weiße Steinkanu

2 Onawutakuto

3 Schinschibiss

4 Unätsi

5 Die Osagen

6 Von dem Knaben, der die Sonne in einer Schlinge fing

7 Omakaki Ikwe

8 Boschkwädosch

9 Miskwandib

10 Wäwäbisowin

11 Matschi Manitu

12 Der kleine Geist

13 Ängodon und Näwadaha

14 Muwis

15 Das Nordlicht

16 Memoiren der Tschigeunegon-Prophetin Odschi Wein Akwot Okwä

17 Der Magier vom Huronsee

18 Kosmogonische Traditionen der Wyandot-Indianer

19 Kosmogonie der Algonkins

20 Eine "medizinene" Insel

21 Wie der Ontonagon-Fluß seinen Namen bekam

22 Ein Großschnabel

23 Der Rabe und der Specht

24 Der Häuptling Eschkwägonäbei

25 Eine Geschichte, die mit einer Moral endet

26 Nebäkwäms Traum

27 Ein teuflischer Tanzmeister

28 Die Geschichte des Rotfuchses

29 Schischib

30 Tschibi

31 Pakwadschininis

32 Bibon und Sigwan

33 Akukodschisch

34 Opitschi

35 Die himmlischen Geschwister

36 Odschig Annang

37 Schihm

38 Mitscha-Makwe

39 Der rote Schwan

40 Tauwautschiheskwä

41 Jena der Wanderer

42 Mischoscha

43 Die sechs Falken

44 Wing

45 Boquena

46 Aggodägadä

47 Lilina

48 Onwi Bämondang

49 Iskodä

50 Heno der Donnerer

51 Rede eines Seneca-Medizinmanns an den Großen Geist beim Opfern des weißen Hundes

52 Der Seneca-Riese

53 Eine Schöpfungsgeschichte

54 Wie der Piqua-Stamm entstand

55 Die Schawanos

56 Die Sintflut und die Erschaffung der Menschen

57 Wie Nantucket bevölkert wurde

58 Wie es gekommen ist, daß ein Indianerstamm in Oregon kein Bärenfleisch ißt

59 Eine Versteinerungsfigur

60 Das heilige Feuer der Natchez

61 Der Ewige Jude und die Seeflinte

62 Die Teilung der Welt

63 Mitschabu

64 Das böse Gewissen

65 Kosmogonie der Creeks und der Muskogees

66 Die Geschichte der Odjibwas

67 Die Auswanderung der Chickasaws

68 Menabuscho

69 Kosmogonie der Potawatomis

70 Der Untergang des Mundua-Stammes

71 Eine Kriegsgeschichte

72 Bei den Blaßgesichtern

73 Sayadio

74 Kosmogonie der Navajos

75 Die Kojoten

76 Kosmogonie der Winnebagos

77 Eine andere Schöpfungsgeschichte der Winnebagos

78 Wie Mais, Bohnen usw. entstanden sind

79 Die fünf Nationen

80 Kosmogonie der Miamis

81 Sonne und Mond

82 Ansichten eines Tuscarora-Indianers über die Erschaffung der Welt

83 Die Strafe Gottes

84 Die Geschichte eines Riesen

85 Von einer zweiköpfigen Schlange

86 Ein Tier des Unglücks

87 Wie einer ein berühmter Doktor wurde

Indianische Märchen

Jazzybee Verlag Jürgen Beck

Loschberg 9

86450 Altenmünster

www.jazzybee-verlag.de

[email protected]

Frontcover: © Sweet Angel - Fotolia.com

Geschichte des Märchens

Ein Märchenist diejenige Art der erzählenden Dichtung, in der sich die Überlebnisse des mythologischen Denkens in einer der Bewußtseinsstufe des Kindes angepaßten Form erhalten haben. Wenn die primitiven Vorstellungen des Dämonenglaubens und des Naturmythus einer gereiftern Anschauung haben weichen müssen, kann sich doch das menschliche Gemüt noch nicht ganz von ihnen trennen; der alte Glaube ist erloschen, aber er übt doch noch eine starke ästhetische Gefühlswirkung aus. Sie wird ausgekostet von dem erwachsenen Erzähler, der sich mit Bewußtsein in das Dunkel phantastischer Vorstellungen zurückversetzt und sich, vielfach anknüpfend an altüberlieferte Mythen, an launenhafter Übertreibung des Wunderbaren ergötzt. So ist das Volksmärchen (und dieses ist das echte und eigentliche M.) das Produkt einer bestimmten Bewußtseinsstufe, das sich anlehnt an den Mythus und von Erwachsenen für das Kindergemüt mit übertreibender Betonung des Wunderbaren gepflegt und fortgebildet wird. Es ist dabei, wie in seinem Ursprung, so in seiner Weiterbildung durchaus ein Erzeugnis des Gesamtbewußtseins und ist nicht auf einzelne Schöpfer zurückzuführen: das M. gehört dem großen Kreis einer Volksgemeinschaft an, pflanzt sich von Mund zu Munde fort, wandert auch von Volk zu Volk und erfährt dabei mannigfache Veränderungen; aber es entspringt niemals der individuellen Erfindungskraft eines Einzelnen. Dies ist dagegen der Fall bei dem Kunstmärchen, das sich aber auch zumeist eben wegen dieses Ursprungs sowohl in den konkreten Zügen der Darstellung als auch durch allerlei abstrakte Nebengedanken nicht vorteilhaft von dem Volksmärchen unterscheidet. Das Wort M. stammt von dem altdeutschen maere, das zuerst die gewöhnlichste Benennung für erzählende Poesien überhaupt war, während der Begriff unsers Märchens im Mittelalter gewöhnlich mit dem Ausdruck spel bezeichnet wurde. Als die Heimat der M. kann man den Orient ansehen; Volkscharakter und Lebensweise der Völker im Osten bringen es mit sich, daß das M. bei ihnen noch heute besonders gepflegt wird. Irrtümlich hat man lange gemeint, ins Abendland sei das M. erst durch die Kreuzzüge gelangt; vielmehr treffen wir Spuren von ihm im Okzident in weit früherer Zeit. Das klassische Altertum besaß, was sich bei dem mythologischen Ursprung des Märchens von selbst versteht, Anklänge an das M. in Hülle und Fülle, aber noch nicht das M. selbst als Kunstgattung. Dagegen taucht in der Zeit des Neuplatonismus, der als ein Übergang des antiken Bewußtseins zur Romantik bezeichnet werden kann, eine Dichtung des Altertums auf, die technisch ein M. genannt werden kann, die reizvolle Episode von »Amor und Psyche« in Apulejus' »Goldenem Esel«. Gleicherweise hat sich auch an die deutsche Heldensage frühzeitig das M. angeschlossen. Gesammelt begegnen uns M. am frühesten in den »Tredeci piacevoli notti« des Straparola (Vened. 1550), im »Pentamerone« des Giambattista Basile (gest. um 1637 in Neapel), in den »Gesta Romanorum« (Mitte des 14. Jahrh.) etc. In Frankreich beginnen die eigentlichen Märchensammlungen erst zu Ende des 17. Jahrh.; Perrault eröffnete sie mit den als echte Volksmärchen zu betrachtenden »Contes de ma mère l'Oye«; 1704 folgte Gallands gute Übersetzung von »Tausendundeiner Nacht« (s. d.), jener berühmten, in der Mitte des 16. Jahrh. im Orient zusammengestellten Sammlung arabischer M. Besondern Märchenreichtum haben England, Schottland und Irland aufzuweisen, vorzüglich die dortigen Nachkommen der keltischen Urbewohner. Die M. der skandinavischen Reiche zeigen nahe Verwandtschaft mit den deutschen. Reiche Fülle von M. findet sich bei den Slawen. In Deutschland treten Sammlungen von M. seit der Mitte des 18. Jahrh. auf. Die »Volksmärchen« von Musäus (1782) und Benedikte Naubert sind allerdings nur novellistisch und romantisch verarbeitete Volkssagen. Die erste wahrhaft bedeutende, in Darstellung und Fassung vollkommen echte Sammlung deutscher M. sind die »Kinder- und Hausmärchen« der Brüder Grimm (zuerst 1812–13, 2 Bde.; ein 3. Band, 1822, enthält literarische Nachweise bezüglich der M.). Unter den sonstigen deutschen Sammlungen steht der Grimmschen am nächsten die von L. Bechstein (zuerst 1845); außerdem sind als die bessern zu nennen: die von E. M. Arndt (1818), Löhr (1818), J. W. Wolf (1845 u. 1851), Zingerle (1852–54), E. Meier (1852), H. Pröhle (1853) u. a. Mit M. des Auslandes machten uns durch Übertragungen bekannt: die Brüder Grimm (Irland, 1826), Graf Mailath (Ungarn, 1825), Vogl (Slawonien, 1837), Schott (Walachei, 1845), Asbjörnson (Norwegen), Bade (Bretagne, 1847), Iken (Persien, 1847), Gaal (Ungarn, 1858), Schleicher (Litauen, 1857), Waldau (Böhmen, 1860), Hahn (Griechenland u. Albanien, 1863), Schneller (Welschtirol, 1867), Kreutzwald (Esthland, 1869), Wenzig (Westslawen, 1869), Knortz (Indianermärchen, 1870, 1879, 1887), Gonzenbach (Sizilien, 1870), Österley (Orient, 1873), Carmen Sylva (Rumänien, 1882), Leskien und Brugman (Litauen, 1882), Goldschmidt (Rußland, 1882), Veckenstedt (Litauen, 1883), Krauß (Südslawen, 1883–84), Brauns (Japan, 1884), Poestion (Island, 1884; Lappland, 1885), Schreck (Finnland, 1887), Chalatanz (Armenien, 1887), Jannsen (Esthen, 1888), Mitsotakis (Griechenland, 1889), Kallas (Esthen, 1900) u. a. Unter den Kunstpoeten haben sich im M. mit dem meisten Glück versucht: Goethe, L. Tieck, Chamisso, E. T. A. Hoffmann, Fouqué, Kl. Brentano, der Däne Andersen, R. Leander (Volkmann) u. a. Vgl. Maaß, Das deutsche M. (Hamb. 1887); Pauls »Grundriß der germanischen Philologie«, 2. Bd., 1. Abt. (2. Aufl., Straßb. 1901); Benfey, Kleinere Schriften zu Märchen-forschung (Berl. 1890); Reinh. Köhler, Aufsätze über M. und Volkslieder (das. 1894) und Kleine Schriften, Bd. 1: Zur Märchenforschung (hrsg. von Bolte, das. 1898); R. Petsch, Formelhafte Schlüsse im Volksmärchen (das. 1900).

Indianische Märchen

1 Das weiße Steinkanu

Vor vielen, vielen Jahren lebte am Michigansee ein wunderschönes Mädchen, das mit einem tapferen, jagdtüchtigen jungen Mann verlobt war. Der Tag ihrer Hochzeit war auch bereits festgesetzt worden; als aber dieser endlich herankam, starb die hübsche Braut plötzlich. Das raubte denn dem Bräutigam alle Ruhe und alle Lebenslust. Stundenlang saß er unter dem Totengerüst, auf das die alten Frauen ihren Leichnam zur Verwesung hingelegt hatten, und nahm weder Speise noch Trank zu sich. Seine Kameraden kamen häufig zu ihm und sagten, er sollte doch klüger sein und seine Gedanken lieber auf die Jagd oder den Krieg lenken, als seine jungen Tage so mit unnützem Trauern zu vergeuden. Aber sein Herz war tot für solche Beschäftigungen, und unwillig schleuderte er Keule, Pfeil und Bogen von sich, da sie ihm keinen Ersatz für das Verlorene zu gewähren vermochten.

Nun hatte er einst von alten Leuten gehört, daß es einen geheimen Pfad gäbe, der zum Land der Seelen führe. Diesen gedachte er nun zu verfolgen. Er bereitete sich also vor und marschierte südwärts, was der Tradition nach die rechte Richtung war. Für eine Weile begegnete ihm weiter nichts Außergewöhnliches; Berge, Täler und Bäume sahen geradeso aus wie bei ihm und die Tiere und die Vögel ebenfalls.

Als er seinen Wigwam verlassen hatte, lag rundum alles in Schnee und Eis, welch winterliche Zeichen sich jedoch allmählich verloren; der Schnee schmolz durch die Strahlen der erstarkenden Sonne, die Bäume bekamen nach und nach grüne Blätter, und ohne daß er wußte, wie es eigentlich zuging, stand rings um ihn her die ganze Natur in der anmutigsten Frühlingspracht. Die Blumen erglänzten in ungeahntem Farbenschmuck, und die Vögel erfüllten die Luft mit den herrlichsten Liedern. Unser Wanderer war also auf dem rechten Weg.

Bald entdeckte er auch einen geebneten Fußpfad, der ihn durch ein allerliebstes Wäldchen auf eine Anhöhe führte, auf der er eine sorgfältig gebaute Hütte wahrnahm. Ein alter Mann mit schneeweißem Haar und eingesunkenen Augen, aus denen aber doch noch das Feuer der Jugend zu lodern schien, kam ihm freundlich entgegen und hieß ihn willkommen. Um seine Schultern hing ein weiter Mantel aus den feinsten Tierfellen, und in seiner Hand führte er einen silberglänzenden Stab.

Der junge Mann nahte sich dem Alten ehrfurchtsvoll und brachte in ehrerbietigster Weise sein Anliegen vor.

"Oh", sagte der Greis, "ich kenne deinen Wunsch bereits; ich habe dich schon lange erwartet und war eben ausgegangen, um nach dir zu sehen. Diejenige, die du suchst, hat sich vorgestern bei mir ausgeruht und neue Kräfte zu ihrer Reise ins Land der Seelen gesammelt, und das mußt du denn auch tun."

Darauf setzten sie sich zusammen vor die Tür des Wigwams, und der Alte fuhr fort: "Sieh – dort, wo sich die große blaue Ebene bis ins Unendliche ausdehnt, dort ist das Paradies, ihre Heimat. Hier stehst du an der Grenze; mein Haus bildet die Eingangspforte. Deinen Körper aber kannst du nicht mit hinnehmen, auch deinen Hund und deine Waffen nicht; ich werde dir daher dies alles bis zu deiner Rückkehr treulich aufbewahren."

Darauf zog sich der Greis in seine Wohnung zurück, und der junge Mann marschierte rüstig weiter. Sein Gang war so leicht, als ob er plötzlich Flügel bekommen hätte, und je weiter er ging, desto heller glänzte alles um ihn. Die Tiere gingen so traulich an ihm vorbei, und die Vögel flogen so nahe an ihn heran, daß es ihm vorkam, als sähen sie ihn gar nicht. Weder Berg noch Baum nötigte ihn zu einem Umweg; er ging gerade mittendurch, denn es waren ja auch nur die Geister der Bäume und der Berge, die sich ihm entgegenstellten.

Als er so eine halbe Tagesreise hinter sich hatte, kam er an das Ufer eines breiten Sees, in dessen Mitte ein wunderschönes Eiland lag. Er setzte sich in ein weißes Steinkanu, von dem ihm der Alte vorher beim Abschied einige Worte nachgerufen hatte, und ergriff die Ruder, um hinüberzufahren. Beim Herumdrehen sah er jedoch auf einmal seine Geliebte in einem anderen Kanu neben sich. Die Wogen des Sees gingen immer höher und höher, vermochten aber nicht über den weißen Rand der Schifflein zu schlagen. Viele andere Seelen begegneten ihnen auch noch, und einige davon wurden von den schäumenden Wellen verschlungen. Nur die Kanus der kleinen Kinder blieben von diesen Stürmen vollständig verschont.

Auch unser Paar überstand glücklich alle diese Gefahren und betrat freudig das himmlische Eiland, wo es keine Stürme und keinen Regen mehr gab; wo keiner fror, keiner Hunger litt und keiner über einen Todesfall zu klagen brauchte. Dort sah man keine Gräber; auch hörte man von keinem Krieg. Auf die Tiere wurde nicht Jagd gemacht, denn die nahrhafte Luft des Paradieses sättigte alle vollkommen.

Gern wäre der junge Krieger hiergeblieben, aber der Meister des Lebens rief ihm plötzlich zu: "Geh zurück in das Land, aus dem du gekommen bist, da du deine Pflichten dort noch nicht erfüllt hast. Höre dann auf die Lehren, die dir mein Türhüter geben wird, wenn er dir deinen Körper zurückerstattet; und wenn du danach handelst, dann wirst du auch späterhin den Geist wiedersehen, den du jetzt zurücklassen mußt; er wird dann noch so jung, schön und glücklich sein wie an dem Tag, als ich ihn zu mir rief!"

Als diese Rede des Großen Geistes verhallt war – erwachte der rote Jüngling. Seine schöne Reise in das Land der Seelen war nur ein glücklicher Traum gewesen, während er in Wirklichkeit mit Hunger, Kälte und bitteren Tränen zu kämpfen hatte.

2 Onawutakuto

Es ist schon sehr lange her, als am Ufer des Huronsees ein alter, zum Totem der Biber gehöriger Odjibwa lebte, der einen einzigen Sohn besaß, dem er den Namen Onawutakuto – d.h. einer, der die Wolken fängt – gegeben hatte. Dieser Knabe war sein einziger Stolz, und er gedachte ihn daher auch zu einem berühmten Medizinmann zu erziehen. Doch als er das bestimmte Alter erreicht hatte, wo er fasten sollte, wollte er sich unter keiner Bedingung dazu bequemen. Die Kohlen, die ihm sein Vater vorlegte, um sein Gesicht damit zu schwärzen, berührte er nicht, und als ihm darauf alle Speise verweigert wurde, suchte er sich Vogeleier oder abgeschnittene Fischköpfe, die zahlreich am Seeufer umherlagen. Als ihn aber sein Vater auch dieser Nahrungsmittel beraubte, verließ er traurig den elterlichen Wigwam, und zwar, um nie wieder zurückzukehren.

Die erste Nacht brachte er in einem hohlen Baum zu. Dort erschien ihm eine wunderschöne Frau im Traum und sprach zu ihm: "Onawutakuto, ich habe deinetwegen eine weite und beschwerliche Reise unternommen; steh auf und folge mir!"

Der junge Mann erhob sich und folgte ihr, und bald sah er sich hoch über den Bäumen und den Wolken. Eine Öffnung am Firmament führte ihn auf eine unermeßliche Ebene, auf der er ein niedliches Häuschen erblickte. Dieses bestand aus zwei geräumigen Zimmern; in dem einen hingen allerlei feine Jagd- und Kriegs Werkzeuge, und in dem anderen lagen kostbare Frauensachen.

Onawutakuto ließ sich in dem letzteren nieder, und seine schöne Führerin breitete eine glänzende, schön bestickte Decke über ihm aus und sagte: "Ich muß dich, mein lieber Knabe, eine Zeitlang verbergen, denn mein Bruder wird bald hier sein; er darf dich nicht sehen."

Kaum hatte sie diese Worte gesprochen, so trat auch schon ein munterer Jüngling herein, dessen Kleider so hell strahlten, als ob sie aus Sonnenstrahlen geflochten seien. Er nahm den Beutel mit Apakosekun oder Tabaksblättern von der Wand, stopfte dann seine kunstvoll verzierte Steinpfeife und sprach: "Nemissa, hast du schon wieder vergessen, daß dir der größte der Geister streng verboten hat, Kinder der Erde heraufzuholen? Oder denkst du etwa, daß ich nicht weiß, wen du dort unter deiner Decke verborgen hältst? Wenn du mich also nicht beleidigen willst, dann bringe Onawutakuto schnell wieder in seine Heimat!"

Aber die Schwester kümmerte sich wenig um diese Worte und wollte um keinen Preis ihren liebenswürdigen Gefangenen wieder freilassen. Als der Bruder nun einsah, daß sie einmal mit aller Gewalt ihren Willen haben wollte, rief er den jungen Mann aus seinem Versteck hervor und überreichte ihm eine prächtige Pfeife. Dies war das Zeichen, daß er ihn als Schwager anerkannte.

Onawutakuto blieb also, war es ja doch in jeder Beziehung so wunderschön und angenehm hier, und er hatte weder Sorgen noch Hunger, noch Kälte auszustehen. Etwas war ihm jedoch unerklärlich: Sein Schwager verließ jeden Morgen in aller Frühe die Hütte und kam erst spät am Abend wieder zurück, und dann ging seine Frau weg und kam erst am anderen Morgen wieder. Da er nun gar zu gerne hinter dieses Geheimnis zu kommen wünschte, so erlaubte ihm einst sein Schwager, ihn zu begleiten.

Als sie einen halben Tag über eine grenzenlose Ebene gegangen waren, verspürte Onawutakuto Hunger und wollte wieder zurückkehren.

"Noch einen Augenblick Geduld, mein Lieber", sagte sein Schwager, "denn wir werden bald eine Stelle erreichen, an der ich gewöhnlich mein Mittagsmahl verzehre."

Bald darauf kamen sie an einen mit den feinsten Matten belegten Platz, auf dem sie sich niederließen. Onawutakuto bemerkte hier ein Loch, durch das er auf die Erde hinabsehen konnte. Da sah er die fünf Großen Seen mit den vielen Dörfern an den Ufern vor sich, sah auch mehrere Haufen wilder Krieger und eine Menge junger Knaben, die sich am Ballspiel ergötzten. Auf den schönsten dieser Knaben ließ sein Schwager plötzlich ein Sandkörnchen fallen, worauf jener gleich hinfiel und leblos in die Hütte getragen wurde.

Nun gab es ein allgemeines Durcheinander auf der Erde; eine Masse alter Weiber sammelte sich vor dem Wigwam, und die Medizinmänner schrien und rasselten aus Leibeskräften, um den Knaben wieder ins Leben zurückzurufen. Darauf schrie Onawutakutos Begleiter zu ihnen hinab: "Opfert mir schnell einen weißen Hund!"

Augenblicklich arrangierten die Eltern des toten Kindes ein großartiges Fest; alle Medizinmänner der Umgebung wurden zusammengerufen, der weiße Opferhund wurde getötet und sein Fleisch gebraten.

"Siehe", sagte Onawutakutos Schwager darauf, "dort unten sind viele Medizinmänner, die wegen ihrer Kunst in großem Ansehen stehen; aber das kommt nur daher, daß sie ihre Ohrlappen stets nach oben richten und hören, was ich ihnen zuflüstere. Habe ich einen der Erdenbewohner mit Krankheit geschlagen, so befehlen sie den Leuten, mir ein köstliches Brandopfer zu schicken, und ich nehme darauf meine strafende Hand wieder von ihm weg."

Darauf nahm der Meister des Festes den Hundebraten, sah in die Höhe und rief: "Das opfern wir dir, Meister des Lebens, damit du uns deinen Beistand nicht versagst!" Sogleich flog das gebratene Tier hinauf, und beide hatten oben ein köstliches Mittagsmahl.

Auf diese Art lebten sie lange Zeit fort. Aber endlich schien Onawutakuto dieses Leben doch unerträglich und langweilig zu werden; er sehnte sich innigst zu seinen Freunden und Eltern zurück und bat seine Gemahlin eines Tages um seinen Abschied.

Nach langem Bitten sagte diese: "Wenn dir einmal die Sorgen und die Krankheiten der Erde besser behagen als die Freuden des Himmels, dann geh zurück. Da ich dich hierher gebracht habe, so werde ich dich auch auf deinem Heimweg begleiten. Aber bedenke, daß du stets mein Ehemann bist und daß ich dich ständig an einem geheimen Faden halte, an dem ich dich zu jeder Zeit wieder heraufziehen kann. Hüte dich aber hauptsächlich, eine Tochter der Erde zu heiraten, wenn du meine Macht nicht fühlen willst!"

Darauf leuchteten ihre Augen so hell wie die Sonne, sie wurde immer größer und größer, bis Onawutakuto zuletzt von seinem Traum erwachte. Seine Mutter stand neben ihm und erzählte ihm, er sei ein ganzes Jahr lang weg gewesen. Aber Onawutakuto glaubte ihr nicht, vergaß auch, was ihm seine himmlische Gemahlin befohlen hatte, und ging hin und heiratete ein junges Mädchen aus seinem Stamm. Doch schon nach vier Tagen war jene Frau eine Leiche.

Tief betrübt verließ Onawutakuto seinen Wigwam und kehrte nie wieder zurück. Man sagt, daß ihn seine Traumgemahlin zu sich hinaufgezogen habe.

3 Schinschibiss

Der Wigwam von Schinschibiss stand am Ufer des Eriesees. Es war ein grimmig kalter Winter, doch da sich Schinschibiss vier große Baumstämme herbeigeschleppt hatte, von denen jeder wenigstens einen Monat brannte, so war er immer guten Mutes und unbesorgt und pfiff und sang den ganzen lieben Tag. Wenn er Hunger hatte, hackte er das Eis des Sees auf, tauchte unter und fing sich Fische, so viele er nur brauchte. Ob das Wasser kalt oder warm war, kümmerte ihn wenig.

Dies ärgerte nun Kabibonocca, den Nordwind, ganz gewaltig, und er sprach: "Dieser Schinschibiss ist doch ein Teufelskerl; das kälteste Wetter, das ich auf ihn herabschicke, geniert ihn nicht im geringsten, und er ist immer so vergnügt und zufrieden dabei, als ob es ewig Sommer bei ihm wäre. Versuchen will ich's aber doch noch einmal, ob ich nicht Herr über ihn werden kann." Und damit schickte er den kältesten Sturmwind zu ihm, den er je über die Erde sausen ließ.

Doch das Feuer von Schinschibiss erlosch nicht, und obwohl seine ganze Kleidung nur aus einem einzigen dünnen Fell bestand, das ihm notdürftig die Lenden bedeckte, ging er nach wie vor aus und fing sich seine Fische.

Da beschloß denn Kabibonocca, ihm einen Besuch abzustatten, und er kam am Abend zum ihm. Schinschibiss lag neben einem brennenden Baumstamm und sang:

"Blase, Windgott, immerzu,

Bist ja doch nur meinesgleichen!

Daß du mich erfrieren machst,

Wirst du nimmermehr erreichen;

Vor Hunger, Wind und Schlangenbiß

Da fürchtet sich kein Schinschibiss."

Schinschibiss wußte, daß Kabibonocca an seiner Tür war, denn er merkte es an seinem kalten Atem; aber er sang ruhig weiter. Nun trat Kabibonocca herein in die Hütte und setzte sich ihm gegenüber; Schinschibiss tat, als sähe er ihn nicht, schürte lustig sein Feuer und sang: "Bist ja doch nur meinesgleichen!"

Da wurde es Kabibonocca zuletzt doch ein wenig zu langweilig; grimmig verließ er die Hütte wieder und schickte darauf eine solche Kälte, daß das Eis auf dem See noch dreimal so dick gefror. Schinschibiss wußte sich aber immer wieder zu helfen, so daß Kabibonocca zuletzt den Kampf aufgab und sagte: "Schinschibiss ist ein seltsamer Mensch; ich kann ihn weder erfrieren machen noch ihn aushungern; er muß von einem gewaltigen Manitu beschützt sein, und es ist wohl das Beste, ich lasse ihn in Ruhe!"

4 Unätsi

Unätsi war das schönste Mädchen unter den Wyan-dot-Indianerinnen. Alle jungen Männer dieses Stammes machten ihr daher auch fleißig den Hof, doch keiner davon konnte sich einer besonderen Begünstigung rühmen. Die heiratslustigen Jünglinge beriefen daher eine heimliche Versammlung ein, um über die Art und Weise zu konferieren, wie Unätsi zu einer bestimmten Erklärung zu zwingen sei. Nach langem Debattieren wurde dann beschlossen: erstens, daß jeder von ihnen seine Bewerbungen einzustellen habe, und zweitens, daß ihr alter Chief beredet werden sollte, die schöne Jungfrau zu freien.

Der letzte Beschluß gefiel dem alten Häuptling außerordentlich; gleich bemalte er sich mit den schönsten Farben und nahm seine besten Waffen zur Hand, als ob er in einen gefährlichen Krieg zöge. Aber er marschierte sichtlich doch nur halb so freudig, als wenn er der Kriegstrommel folgte oder dem fliehenden Feind nachjagte. Der Gang kam ihn offenbar recht hart an; aber der erste Tag des Liebäugelns und Scharmierens noch härter. Am zweiten wurde es ihm schon bedeutend leichter ums Herz, und am dritten schwor er sogar bei Homendisu und Dairschuuruno, der liebenswürdigen Unätsi jeden Wunsch zu erfüllen, den sie an ihn richten würde.

Das war denn gerade, was die Schöne wollte; sie nahm ihn daher auch gleich beim Wort und befahl ihm, ihr in Bälde den Skalp eines bestimmten Seneca-Chiefs zu bringen, den sie bitter haßte.

Nun bereute der verliebte Wyandothäuptling seine Voreiligkeit zu spät und suchte sie mit dem ganzen Aufwand seines Rednertalents und der untertänigsten Liebenswürdigkeit, deren er fähig war, zu bewegen, doch um alles in der Welt davon abzustehen, denn jener Chief sei sein bester und intimster Freund, sie seien zusammen aufgewachsen, hätten zusammen gegessen, getrunken und sich in ihrem Leben noch nie beleidigt; einen solchen Freund könne er unmöglich umbringen.

Aber er predigte tauben Ohren; das einzige, was Unätsi erwiderte, war, daß, wenn er nicht bei allen Leuten seines Stammes als unverschämter Lügenhund ausgeschrien werden wolle, er schleunigst sein Versprechen erfüllen müsse.

Und er erfüllte es auch. Gegen Abend schlich er sich ungesehen in die Hütte seines Freundes und skalpierte ihn. Doch als er den erschütternden Skalpruf ertönen ließ, wurde er von einigen schnellfüßigen Senecas ergriffen und ebenfalls skalpiert. Darauf entspann sich zwischen beiden Stämmen ein dreißigjähriger Krieg, der damit endete, daß die Wyandots fliehen und ihre Weiber und Kinder größtenteils zurücklassen mußten, die dem unbarmherzigen Tomahawk und dem Skalpiermesser der Senecas zum Opfer fielen.

Auch Unätsi teilte dieses Schicksal.

5 Die Osagen

oder der Stamm, der einer Schnecke entsprang

Nahe am Ufer des Missouri lebte einst eine junge Schnecke sorgenfrei und mühelos. Sie amüsierte sich köstlich nach Schneckenart, streckte ihre Fühlhörner so weit aus, wie sie konnte, und labte sich reichlich an stärkender Nahrung, die ringsum im Überfluß vorhanden war. Plötzlich aber kam über Nacht eine starke Überschwemmung, und das arme Tierlein mußte schnell, um nicht zu ersaufen, auf einen nahe liegenden Baumstamm klettern, mit dem es nun weit fortgetrieben wurde.

Als sich nach drei Tagen das Wasser so ziemlich wieder verlaufen hatte, blieb die Unglückliche in Schlamm und Dreck stecken, und zwar so tief, daß sie sich gar nicht bewegen konnte. Dann kam auch noch die Sonne und trocknete sie mit ihren brennenden Strahlen so fest ein, daß sie alle Hoffnung aufgab und sich in großer Resignation mit dem Gedanken an den Hungertod vertraut machte.

Als sie so eine Weile besinnungslos dagelegen hatte, öffnete sich auf einmal auf geheimnisvolle Art ihr Häuschen; sie fühlte ihre Lebenskräfte wieder erwachen, ihr Kopf wuchs merkwürdig schnell in die Höhe, und unten bildeten sich zwei Beine daran. An beiden Seiten erschienen Arme mit vollständigen Gelenken und Fingern, und so war in wenigen Augenblicken ein schöner Jüngling fix und fertig.

Anfangs war er etwas unbeholfener Natur und hatte sehr unklare Gedanken; doch entwickelte er sich bald unter dem Einfluß der Sonne so weit, daß er sich zur Reise in seine Heimat vorbereiten konnte. Aber er war nackt und in vielen Dingen unwissend, auch fühlte er unbeschreiblichen Hunger in seinem Magen. Er sah eine Masse fetter Tiere und Vögel an sich vorüberziehen, wußte aber nicht, wie er sie töten sollte. Da wurde er denn abermals sterbenstraurig und legte sich, von Anstrengungen und Entbehrungen zu Tode ermattet, nieder und wünschte sich wieder in seinen ehemaligen Schneckenzustand zurück, in dem er doch wenigstens die Kunst verstand, sich ernähren zu können.

Als er sich nun wieder mit dem Gedanken an den baldigen Tod zu befreunden suchte, kam es ihm vor, als höre er jemand neben sich rufen. Er wandte sich um und sah den Großen Geist vor sich auf einem ganz weißen Pferd sitzen. Seine Augen leuchteten wie blendende Sterne, und sein langes Haar bestand aus lauter Sonnenstrahlen. Der Schneckenmann zitterte am ganzen Leib und wagte kaum seine Augen aufzuschlagen.

"Wascha1", sagte der Große Geist in freundlichem Ton, "mein Sohn, warum fürchtest du dich so sehr?"

"Ach", erwiderte er, "es wird mir schwer, meinen Schöpfer anzusehen; auch bin ich elend und hungrig, denn seitdem mich die Wasserflut forttrieb, habe ich noch keinen Bissen zu mir genommen."

Da hob der Große Geist seine Hand, zeigte ihm Pfeil und Bogen und winkte ihm, auf ihn zu sehen. In kurzer Entfernung saß ein großer Vogel auf einem Baum, den schoß er herunter, und dann erschien ein fetter Hirsch, den er mit einem zweiten Pfeil erlegte. "Das sei in Zukunft deine Nahrung", sagte er darauf und gab ihm jene Waffen. Auch lehrte er ihn, wie man den Tieren das Fell abzieht und sich Kleider daraus macht, und er gab ihm Feuer, damit er sich das Fleisch braten konnte. Zum Abschied hing er ihm eine glänzende Wampumschnur um den Hals, wodurch er ihn zum König über alle Tiere machte. Darauf verschwand der Große Geist.

Nachdem sich Wascha wieder gründlich restauriert hatte, setzte er seine Reise fort und kam an das Ufer eines großen Flusses. Als er sich dort eine Weile hinsetzte, um ein wenig auszuruhen, kam ein großer Biber aus dem Wasser und sagte: "Wer bist du, der sich erfrecht, hierherzukommen, um mein Königreich zu zerstören?"

"Ich bin ein Mensch und war ehemals eine unglückliche Schnecke", antwortete Wascha. "Aber wer bist du denn eigentlich?"

"Ich bin der König aller Biber und führe mein Volk stromaufwärts und stromabwärts, und dieser Fluß hier bildet mein Königreich."

"Dieses Reich muß ich mit dir teilen", erwiderte Wascha, "denn der Große Geist hat mich zum Beherrscher aller Tiere, Vögel und Fische gemacht und mir auch Mittel und Kraft verliehen, meinen Rechten Geltung zu verschaffen." Dabei deutete er auf Pfeil, Bogen und Wampum.

"O komm her!" sagte darauf der Biber in äußerst mildem Ton. "Ich glaub' es ja gerne, daß wir Brüder sind; wir müssen uns daher näher kennenlernen. Komm mit mir in meine Wohnung, und erhole dich von deiner langen Reise."

Wascha folgte der freundlichen Einladung des Biberchiefs und ging mit ihm in seine Hütte. Diese bestand in einem geräumigen, fein ausstaffierten Zimmer, dessen Boden mit fein geflochtenen Matten belegt war. Als sie sich niedergesetzt hatten, befahl der Chief seiner Frau und seiner Tochter, dem Gast ein recht nahrhaftes Mahl zu bereiten.

Während nun wacker gekocht und gebraten wurde, sann der alte Biber hin und her, wie er mit Wascha einen dauernden Freundschaftsbund schließen könne, und er erzählte ihm allerlei vom großen Fleiß seines Volkes, wie seine Untertanen mit ihren Zähnen die dicksten Bäume fällten, große Dämme bauten usw. Darauf erschienen Mutter und Tochter mit saftigem Weidenholz und köstlichem Sassafras, und alle setzten sich nieder und aßen.

Wascha aß jedoch sehr wenig, denn die Biberkost mundete ihm nicht recht. Desto mehr Gefallen fand er aber an der schönen, reinlichen und folgsamen Tochter, die ihm gerade gegenüber saß. Beide gewannen sich lieb, und zur größten Freude des alten Biberkönigs wünschten sie sich, zu heiraten. Darauf wurde das großartigste Fest, das je das Biberreich gesehen hatte, veranstaltet, und alle Biber der ganzen Welt wurden dazu eingeladen.

Als Wascha und die Bibertochter eine Zeitlang Mann und Weib gewesen waren, wurden sie, wie alte Medizinmänner erzählen, die Stammeltern der Osagen.

Fußnoten

1 ein anderer Ausdruck für Osage

6 Von dem Knaben, der die Sonne in einer Schlinge fing

Zur Zeit, als noch die Tiere auf der Welt die Oberhand hatten, waren sie sehr grausam gegen die Menschen und töteten sie alle mit Ausnahme eines Mädchens und eines Knaben. Dieser Knabe war ein Zwerg und nahm wohl täglich zu an Alter, aber nie an Kraft und Größe. Deshalb mußte die Schwester alle Arbeiten allein verrichten; sie mußte Holz holen, die nötigen Kleider anfertigen und den Wigwam rein halten. Wenn sie ausging, nahm sie ihren schwächlichen Bruder jedesmal mit, damit ihn nicht etwa während ihrer Abwesenheit ein großer Vogel wegschleppe oder ihm ein sonstiges Unglück passiere.

Eines Tages machte sie ihm Pfeil und Bogen und sagte ihm, er solle damit die Guanadsch-Binessiwag oder die schönen großen Vögel schießen, die bald herbeikommen würden, um die Würmer aufzupicken, die sie aus dem dürren Holz gezogen habe. Er versuchte es, konnte aber am ersten Tag mit seinen Waffen nichts ausrichten. Die Schwester ermahnte ihn darauf, nicht gleich zu verzagen und den Mut zu verlieren, sondern am folgenden Tag sein Glück abermals zu probieren.

Da schoß er denn auch einen mächtigen Vogel und sagte zu seiner Schwester: "Höre, ich wünsche, daß du mir die Haut davon aufhebst, um mir, wenn ich deren mehrere habe, ein stolzes Kleid daraus zu machen."

"Aber was sollen wir mit dem Fleisch tun?" fragte sie darauf; denn die Menschen jener Zeit aßen noch kein Fleisch, sondern:

Schmausten lauter Pflanzenkost

Und tranken würz'gen Blütenmost.

"Vermische es mit unserer Suppe; ich denke, das wird sie nahrhafter und schmackhafter machen", meinte der Zwerg, und sie folgte ihm auch.

Als er zwölf Vögel geschossen hatte, machte sie ihm auch ein stattliches Röcklein ganz nach seinem Geschmack.

"Schwester", fragte eines Tages darauf der Kleine, "sind wir denn so ganz allein in der Welt, und lebt außer uns kein menschliches Wesen mehr?"

Die Schwester erzählte ihm von einigen bösen Verwandten, die sich in einer entfernten Gegend aufhielten, wohin er um keinen Preis gehen sollte. Aber er kümmerte sich wenig um die Entfernung, nahm Pfeil und Bogen und ging.

Als er eine Weile gegangen war, wurde er müde, legte sich nieder und schlief ein. Die Sonne schien aber so heiß auf ihn, daß sie ihm alle Federn seines Rocks versengte und außerdem noch ein großes Loch hineinbrannte. Als er nun darauf erwachte und seinen Schaden besah, wurde er sehr zornig und schwor bei allen Raubvögeln und Raubfischen, sich an der unverschämten Sonne zu rächen, und wenn sie noch einmal so hoch am Himmel hinge. Grimmig eilte er darauf nach Hause, aß nicht und trank nicht und beantwortete die tröstenden Zusprüche seiner Schwester mit den racheschnaubendsten Blicken.

Zehn Tage lang legte er sich regungslos mit der linken Seite auf die Erde, und dann drehte er sich um und legte sich noch weitere zehn Tage auf die rechte Seite. Danach stand er auf und sagte seiner Schwester, sie möge ihm eine Schlinge machen, damit er die Sonne damit fangen könne. Sie verfertigte ihm auch, so gut sie konnte, eine aus starken Schlingpflanzen, aber der Kleine war damit nicht zufrieden. Da schnitt sie ihre langen Zöpfe ab und gab sie ihm.

Dies gefiel ihm schon besser; er nahm sie, zog sie, um sie etwas anzufeuchten, durch seine Lippen, wodurch sie ganz rot wurden und sich allmählich ein langes metallenes Seil daraus bildete, das er um seinen Körper wickelte. Um Mitternacht begab er sich auf die Reise, damit er die Sonne noch vor ihrem Aufgang erwische. Und richtig – er hatte Glück! Er fing sie und hielt sie so fest, daß sie sich weder regen noch bewegen und also auch nicht aufgehen konnte.

Nun war große Not im Tierreich. Die Vögel sahen die Bäume und die Felsen nicht vor sich und zerschlugen sich die Köpfe daran, und die übrigen Tiere liefen bei dieser Finsternis größtenteils in den nahen See und ertranken.

Es wurde also eine große Versammlung aller Vierfüßer abgehalten und beschlossen, das verhängnisvolle Seil abzuschneiden. Aber das war keine Kleinigkeit, denn jeder, der sich in die Nähe der Sonne wagte, wurde von ihrer Glut beinahe völlig geröstet.

Zuletzt übernahm denn der Hamster diese lebensgefährliche Aufgabe. Er war zu jener Zeit das stärkste und größte Tier der Welt und sah, wenn er sich aufrichtete, wie in hoher Berg aus. Er kam auch wirklich an die betreffende Stelle und befreite die Sonne, wurde aber dabei zu jener unbedeutenden Figur zusammengebrannt, in der wir ihn heute noch sehen.

7 Omakaki Ikwe

oder die Krötenfrau

Eine schöne junge Frau lebte einsam und verlassen im Wald, und das einzige lebende Wesen, das sie um sich hatte, war ein treuer Hund. Doch sie konnte von großem Glück sagen, denn jeden Morgen, nachdem sie aufgestanden war, fand sie ein großes Stück Fleisch vor ihrem Wigwam liegen. Da sie nun die Neugier plagte, wer ihr dieses eigentlich bringe, so stand sie einst sehr früh auf und bemerkte einen schönen Jüngling, der sich langsam ihrer Hütte nahte. Sie begegneten sich, grüßten sich – und heirateten auch bald danach. Nach Verlauf eines Jahres waren sie auch im Besitz eines munteren Sohnes.