Fräulein Monas Suche nach dem Sinn - Eva Maria Hoffmann - ebook

Fräulein Monas Suche nach dem Sinn ebook

Eva Maria Hoffmann

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Opis

Was tun, wenn das Leben von einem Moment auf den anderen die Spielregeln ändert? Genau vor diesem Problem steht Mona, als sich an einem ganz normalen Freitagnachmittag ihr Leben aus den Fugen gerät und ihr Plan Ärztin zu werden wie eine Seifenblase zerplatzen lässt. Ein Plan B muss her. In ihrer Verzweiflung wendet sich Mona an ihre Schwester Lena und deren Mitbewohnerin Lucia. Doch anstelle eines offenen Ohrs, bekommt sie Rotwein und deren Beziehungsprobleme serviert. Ehe sie sich versieht, fällt damit auch der Startschuss für eine turbulente Suche nach dem Sinn. Durch exzessive Party-Nächte, auf einen Kurztrip nach Ibiza und zu guter Letzt in eine sehr verwirrende Liebesgeschichte ...

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Das Buch

„Dieses Bein konnte keiner Frau gehören! Keine Frau dieser Welt hatte eine solchen Behaarung verdient...“

Im Sezierkurs ihres Medizinstudiums macht Mona eine einschneidende Erfahrung mit formalingetränktem Menschenmaterial und beschließt daraufhin ihr Glück woanders zu suchen. Ihre Mutter droht ihr mit Zwangsarbeit in der väterlichen Metzgerei, sollte sie binnen vier Monaten keinen Plan B für ihr Leben entwickelt haben. Am Plan B versucht sie sich – vom Yogakurs übers Friseurlehrlings-Casting bis hin zu Liebeständeleien, die ihre Gefühle in größte Wallung versetzen.

Begleitet wird sie dabei von ihrer beziehungsgeschüttelten Schwester Lena und deren buddhistischer Mitbewohnerin Lucia, die sich von Drogenparadiesen ab- und der Erleuchtung zugewandt hat.

Als die Geschehnisse daheim zu chaotisch werden, fliegen die drei jungen Frauen last minute nach Ibiza. Das Rauschen des Ozeans und Engländerinnen im Walformat, die den Strand säumen, geben die Kulisse ab für Lenas und Lucias Einstieg ins Partyleben inklusive brennender Betten, lebender Billardkugeln und liebestoller Balkongemeinschaften. Mona entzieht sich genervt den partywütigen Chaosfrauen und steuert zielgenau auf die nächste Liebesverwirrung zu ...

Die Autorin

Eva Maria Hoffmann wurde in den 80er-Jahren in einem Vorort von Graz geboren und wollte schon immer einen weißen Mantel tragen. Als aber ihre medizinische Karriere bereits während des Sezierkurses ein schnelles Ende nahm, entschloss sie sich für das Studium der Molekularen Mikrobiologie. Aktuell ist sie im Auftrag von Bakterien unterwegs und schreibt.

Nach „Angefangen, Abgebrochen, Neu erfunden – 33 wahre Geschichten von Menschen die ihr Leben verändert haben“, 2013, Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag, erscheint nun ihr erster Roman „Fräulein Monas Suche nach dem Sinn“.

Fräulein Monas Suche nach dem Sinn

ROMAN

EVA MARIA HOFFMANN

DER KLEINE BUCH VERLAG

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar. Fräulein Monas Suche nach dem Sinn, Eva Maria Hoffmann Der Kleine Buch Verlag, Karlsruhe

Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck, auch auszugsweise, ohne Genehmigung des Verlags nicht gestattet. Erschienen November 2013 Lektorat: Lutz Brien Korrektorat: Angela Hahn © Der Kleine Buch Verlag, Karlsruhe Redaktion, Satz, Umschlagfotos, und -gestaltung:Sonia Lauinger

eISBN 978-3-942637-77-0

Dieser Titel ist auch als gedrucktes Buch erschienen:

ISBN 978-3-942637-27-5

www.derkleinebuchverlag.de

Der Mensch ist vielerlei. Aber vernünftig ist er nicht. Oscar Wilde

Inhalt

1. Mona

2. Mona

3. Mona

4. Mona

5. Lena

6. Mona

6. Mona

7. Mona

8. Mona

9. Mona

10. Mona

12. Lena

13. Mona

14. Mona

15. Mona

16. Mona

17. Lena

18. Mona

19. Mona

20. Lena

21. Mona

22. Mona

23. Mona

Danksagung

1. Mona

(Freitag, 12. Oktober 2013; 11Uhr, 3 Minuten und 52 Sekunden)

Schuld an allem war der völlige Horror des Sezierkurses.

Alle Menschen, die das miterlebt haben und dennoch mit einem weißen Mantel eifrig in den Gängen eines Krankenhaus herumwuseln, machen mir Angst. Im Ernst, seien wir mal ehrlich! Welcher Mensch, in dieser Phase des Menschseins gerade erst mal 19 oder 20 Jahre alt, empfindet es als in Ordnung, Teile eines anderen Menschen zu zerstückeln? Mit dem Skalpell Fettgewebe zu entfernen, Subcutis von Epidermis oder wie auch immer zu trennen und nebenher die Studentenparties des Wochenendes zu diskutieren?

Nachdem wir die letzten Wochen damit zugebracht haben einzelne Gelenke bis zum Knochen abzuschaben, um dabei die Bänder und Muskeln genau studieren zu können, geht es heute richtig ans Eingemachte, denn heute ist der Tag, an dem wir ganze Körperteile auf den Tisch bekommen sollen.

Zu Beginn dieses Kurstages schiebt der Sezierkursmensch einen Wagen, voll beladen mit Beinen und Armen, in den Raum. Ich stehe inmitten des weiß verfliesten, mit Neonröhren beschmückten Saals, das Formalin brennt in meiner Nase und ich warte darauf, dass mein Name aufgerufen wird. Ein Gefühl zwischen Hoffen und Bangen macht sich in mir breit. Hoffen, dass ich jede Sekunde bitte umfallen möge – Bangen, dass es nicht passiert.

„Was zum Teufel mache ich hier?“, frage ich mich – keine neue Frage, sondern eine, die mich bereits seit dem Moment verfolgt, als ich mich auf dieses Studium eingelassen habe.

„Mona Hofer!“

Alle Blicke wandern zu mir. Jetzt bin ich also an der Reihe. Jetzt darf ich nach ganz vorne schreiten und mein Bein, oder wenn ich Glück habe meinen Arm abholen, der mir die nächsten Wochen viele schöne Stunden bescheren wird.

Langsam mache ich mich auf den Weg, bin mir meines Schicksals bewusst und fasse den Entschluss, spätestens, wenn ich nach Hause kommen werde, das Studienbuch zur Hand zu nehmen und einen Fluchtplan zu entwerfen. So kann das echt nicht weitergehen.

„Bitte hier eine Unterschrift zur Bestätigung, dass Sie das Präparat entgegengenommen haben!“, schnauzt mich der rotgesichtige Anatom an und hält mir eine Liste vor die Nase. In der Zwischenzeit hat der Mensch, der zuvor den Wagen schieben durfte, in seinem Berg aus Fleisch zu wühlen begonnen, greift nun nach einem fetten weißen Unterschenkel und zieht daran. Durch das entstehende Loch im Fleischberg beginnt dieser auf einer Seite einzubrechen und einige Hände fallen patschend aufeinander, als wollten sie mir zu meinem Präparat applaudieren. Man hält mir ein Bein entgegen.

„Ja ... ähh … danke!“ Ungeschickt will ich das Bein auf meine linke Schulter hieven. Immerhin brauche ich eine freie Hand, um auf der Liste unterschreiben zu können. Doch das klappt nicht so, wie ich es mir vorgestellt habe. Das Bein ist so nahe an meinem Gesicht, stinkend nach Formalin, die Haut gelblich–weiß verfärbt und eindeutig männlichen Ursprungs, denn keine Frau dieser Welt sollte eine solche Beinbehaarung ertragen müssen.

Plötzlich erscheinen schwarze Punkte vor meinen Augen und der untersetzte Anatom, der aussieht, als wolle er sich zu Lebzeiten bereits durch übermäßigen Alkoholkonsum selbst konservieren, beginnt zu verschwimmen. Die kleinen Flecken breiten sich aus, werden noch größer, verwandeln sich in eine schwarze Wand … Begleitet von einem lauten Surren in meinen Ohren und dem verwirrenden Gefühl, dass der Boden unter meinen drei Beinen sich auflöst, verliere ich schließlich das Bewusstsein.

„Hallo? Hallo, junges Fräulein! Sind Sie in Ordnung?“ Der untersetzte Mann mit dem schütteren Haar fächert mir mit der Unterschriftsliste Luft zu.

„Hallo … Frau Hofer! Können Sie mich hören?“

„Natürlich, mir geht’s blendend – war nur ein langer Tag“, verstört greife ich an meinem Kopf und versuche mich zu orientieren. Das mit dem Wunsch, umzufallen, war so ernst auch wieder nicht gemeint.

Vierzig auf mich gerichtete Augenpaare warten auf irgendeine Reaktion, die plötzlich und ganz heftig einsetzt, als ich beim Absetzen meiner Hand dieses kalte, behaarte weiß–gelbe Bein berühre. Plötzlich beginnt mein Magen ganz unten zu krampfen und das Krampfen wandert weiter nach oben, um sich dort in ein Würgen zu verwandeln. „Ach du Scheiße! Bitte nicht! Nicht vor all diesen fremden Menschen …“, schießt es mir noch durch den Kopf, während mein Frühstück auf den sterilen Boden schießt. Ausgerechnet inmitten des Rudels Weißmäntel.

(13 Uhr, 10 Minuten und 5 Sekunden)

Schwungvoll fällt meine Wohnungstür ins Schloss und ein unbeschreibliches Gefühl von Sicherheit durchströmt mich. Endlich ist dieser Tag vorüber! Mit einem tiefen Seufzer lasse ich mich entlang der alten, rissigen Mauer auf den morschen Holzboden sinken und so fest ich meine Augen schließe, ich habe immer das gleiche Bild vor ihnen: Die teure Hose des Professors für Anatomie, geziert von meinen Müsli-Frühstücksflocken …

Wie konnte das nur passieren?

Wie, um alles in der Welt, kann man in Ohnmacht fallen, nur weil man ein Bein halten soll?

Ich lege meine Arme auf die Knie, stütze meinen Kopf darauf und lasse ihn immer wieder dagegen knallen. Dabei konzentriere ich mich auf meinen Atem. Einatmen … Ausatmen … Einatmen … Nicht mehr daran denken, nicht mehr daran denken!

Wie soll ich jemals wieder meine Wohnung verlassen? „Verschwinden Sie, Sie törichtes Huhn!“, das waren die erbosten Worte, die er mir aus dem Seziersaal nachgerufen hat. Ob sie jemals damit aufhören werden, in meinen Ohren zu hallen?

Eine Träne läuft über meine Wange. Sie ist die Mutige. Sie wagt sich als erstes heraus. Sie muss testen, ob sie sofort mit dem nach Formalin stinkenden Ärmel meines türkisen Kapuzensweaters vertrieben oder ihre Anwesenheit toleriert werden wird. Nachdem sie bis zum Kinn rinnen durfte, fühlt sich der Rest der Tränenfamilie sicher und wagt sich auch ans Tageslicht.

Irgendwann starte ich den Versuch, mein tränennasses Gesicht mit meinen Händen trocken zu wischen. Ein säuerlicher Geruch steigt mir in die Nase, der es schafft, das Würgen zum zweiten Mal an diesem Tag zum Leben zu erwecken. Diesmal lässt er sich jedoch wegatmen und ich beschließe angeekelt, mich sauber zu machen, bevor ein erneutes Unglück passiert.

Schwerfällig erhebe ich mich aus meiner Trauerposition und wandere in kleinen Schritten über den knarrenden Boden, ins Badezimmer.

Halleluja, sehe ich scheiße aus!

Nichts in meinen Augen ist weiß geblieben, knallrot bringen sie das Türkis meiner Iris noch mehr zum Strahlen. Meine Nase hat sich farblich angeglichen, strahlt ebenso im schönsten Rot und rinnt noch immer ein bisschen. Die Melodie von Rudi dem Rentier kommt mir in den Sinn und zaubert ein winziges Lächeln in mein Gesicht. Meine blonden Haare, die immer kurz und strubbelig in alle Himmelsrichtungen abstehen, haben alle Aufrichtigkeit verloren und hängen wie welker Schnittlauch in mein Gesicht.

Den Wasserhahn wollte ich mal entkalken, fällt mir ein, als das Wasser in tausend kleinen Strömen aus dem Hahn schießt und damit das ganze Badezimmer bewässert. Auf eine – für meinen Geschmack – zu feuchte Art werde ich erneut daran erinnert, wenn ich nicht jedes Mal aufs Neue das Badezimmer unter Wasser setzen will. Was bei der Quadratmeterzahl des Raumes kein Kunststück ist. Er ist wirklich winzig. Er beherbergt lediglich eine kleine Dusche, deren Glaskabine von langen Sprüngen durchzogen ist, eine Toilette und ein Waschbecken, das, um den Stil nicht zu brechen, ebenso winzig klein ist. Der Spiegel, der in seinem goldenen, verschnörkelten Rahmen über dem Waschbecken hängt, ist das Einzige, was man in diesem Raum nicht als klein bezeichnen kann und aus dem blickt mir gerade mein verheultes Gesicht entgegen. Aus Wut und Schamgefühl und weil ich es einfach nicht anders verdient habe, strecke ich mir selbst die Zunge entgegen und schleppe mich weiter ins Wohnzimmer.

Der Piepston meines Handys erschreckt mich fast zu Tode.

„DEN KURS HAST JA ECHT ZUM KOTZEN GEFUNDEN☺. HEUTE WEGGEHEN? BUSSI, LENA“

Na bravo! Jetzt weiß es bereits die ganze Welt!

Genervt werfe ich das pinkfarbene Telefon auf die Couch und mich gleich hinterher.

Wütend schlage ich auf das erstbeste grüne Kissen ein, das zufällig neben mir liegt. Ich nehme es in die Hand und schleudere es durch das ganze Zimmer. Bis es einen Meter weiter am Schreibtisch abrupt landet und dort beinahe den Bildschirm meines PCs vom Tisch fegt.

Werfen und Fangen von Gegenständen hat noch nie zu meinen Stärken gehört.

Vom grünen Kissen am Schreibtisch fällt mein Blick auf den rosaroten Bilderrahmen über meinem Schreibtisch an der Wand. Ein Foto von Lena und mir im Urlaub in Ägypten vor ein paar Monaten. Beide grinsen wir in die Kamera. Braungebrannt, mit glänzenden Gesichtern und einem riesigen Cocktail in der Hand. Lena hat ihr langes, dunkelbraunes Haar am Hinterkopf zu einem Dutt gewickelt und erinnert mit ihrer riesigen Sonnenbrille an die Stubenfliege Puck. Die Farben der Tätowierungen an ihrem rechten Oberarm sehen auf dem Foto noch viel intensiver aus als in Wirklichkeit. Aus welchem Grund sie sich diese kleinen bunten Schwimmenten zwischen ihre Blüten hat stechen lassen, habe ich nie verstanden, doch sie meinte, das wäre hip und ich würde das schon auch noch begreifen.

Lena ist einen guten Kopf kleiner als ich, ohne Sonnenbrille schauen einen große braune Augen an. Außerdem hat sie hervortretende Wangenknochen, die ihrem Gesicht die Konturen eines Supermodels verleihen und zu allem Überdruss sitzt neben ihren Lippen ein Muttermal, welches dem der guten Marylin Monroe zum Verwechseln ähnlich sieht. Sie ist zwei Jahre älter als ich und besucht die Fachhochschule für soziale Arbeit, bei der sie hauptsächlich Instrumente bastelt und bei Exkursionen an einem Lagerfeuer ihre schlechten Eigenschaften in Form von Holzstücken verbrennt. Ob sie dafür ihr eigenes Lagerfeuer haben darf?

Neben ihr fühle ich mich oft wie eine graue Maus. Sie ist laut, so was wie Schamgefühl kennt sie überhaupt nicht und die skurrilsten Kleiderkombinationen wirken an ihr, als würde sie gerade aus einem Katalog herausspringen.

Ich, im Gegensatz dazu, habe Angst vor Nadeln, Angst davor, im Mittelpunkt zu stehen und kann den Tag nur dann beruhigt beginnen, wenn ich mir morgens zweimal hintereinander gründlich die Zähne putze und mit antibakteriellem Mundwasser spüle.

Ich bin schlank, fast knochig und mit 174 cm etwas größer als die durchschnittliche steirische Frau. Ich style mein unspektakulär-blondes Haare mit vier verschiedenen Mittelchen, damit sie einigermaßen voluminös aussehen und meine Nase ist etwas zu markant für meinen Geschmack.

Kaum zu glauben, dass Lena und ich Schwestern sind …

„Hey, du kleiner Kotzbrocken!“ sagt sie, als ich nach dem fünften Läuten ans Telefon gehe.

Ich spüre wie die Schamesröte, über meinen Hals hinweg, ins Gesicht aufsteigt und bereue es sofort, den Anruf überhaupt entgegengenommen zu haben.

“Selber Kotzbrocken!“, kontere ich und komme mir vor wie damals, als wir gemeinsam in den Kindergarten gegangen sind.

„Konrad hat mir erzählt, dass du heute früher mit dem Kurs aufgehört hast.“ Während sie spricht, bläst sie Zigarettenrauch ins Telefon.

Natürlich! Konrad, diese miese Ratte! Wie konnte ich den nur vergessen.

Konrad ist Tutor in dem beknackten Sezierkurs und unsterblich in meine Schwester verliebt. Sie haben sich in irgendeinem Lokal im Grazer Uni-Weggeh-Viertel kennengelernt und weil er genau das verkörperte, was er ist, nämlich ein Superstreber, hat sich meine immer lässige Lena natürlich nicht für ihn erwärmen können. Erst als er zur späteren Stunde begann mit dem Geld, das er sich mit dem „Tote-Menschen-Aufschneiden“ dazuverdient hatte, sie auf diverse Getränke einzuladen, fand sie ihn sympathisch und gab Konrad ihre Nummer. Seit fast fünf Monaten ist ihm jeder Grund recht, mit ihr in Kontakt zu treten. Meine Einlage war somit ein gefundenes Fressen.

Wieder fühle ich einen Kloß in meinem Hals, wieder treten mir die Tränen in die Augen …

„Du hättest das auch nicht gekonnt …“, bringe ich noch über die Lippen, bevor das Geheule von vorne beginnt.

„Aus diesem Grund kam ich ja gar nicht auf die bescheuerte Idee, Medizin zu studieren, Mona!“

„Ich hab ja nicht gewusst, dass es SO wird!“, schluchze ich in mein Telefon.

„Hör auf damit, die arme Maus zu spielen, mach dich hübsch, biete der Welt die Stirn und geh mit mir tanzen“, antwortet sie bestimmt.

„Bist du verrückt? Ich kann da nicht mehr raus gehen.“

„Willst du, bis du alt und muffig bist, in deiner 40-Quadratmeter-Wohnung sitzen bleiben? Keine Widerrede, wir gehen heute weg! Aus Basta! Ich bin um acht Uhr bei dir!“

„Nein Lena, bitte nicht!“

„Mach dich schön! Bis später! Tschüüüsss!“ und die Leitung ist tot.

2. Mona

(immer noch Freitag, 12. Oktober 2013; 19 Uhr, 52 Minuten und 22 Sekunden)

In der Küche, auf dem alten, schwarz lackierten Sessel meines Vormieters sitzend, beobachte ich, wie alles um mich lebt.

Dinge passieren, ohne dass man sie beeinflussen kann, ganz egal, ob man hinhört oder nicht, sie sind da.

Das Ticken der silbernen Ikea-Uhr, die seit der letzten Zeitumstellung leicht nach links verdreht über der Küchentür hängt. Die Autos, die auf der Straße gleich vor dem alten Mehrfamilienhaus vorbeirauschen, in dem ich nun seit fast drei Jahren wohne, die das Fernsehen oder Telefonieren bei geöffnetem Fenster in den Bereich des Unmöglichen verdrängen. Ebenso die Frau Nachbarin, die mit der Leichtfüßigkeit und Eleganz eines Babyelefanten in ihrer Wohnung über mir herumtrampelt.

All das passiert, auch wenn ich nicht darüber nachdenke. Daraus schlussfolgere ich, dass man Dinge durch Nachdenken nicht beeinflussen kann – also würde es auch nichts bringen mir noch mehr Gedanken zu machen.

Nein, ich schüttle meinen Kopf, dadurch wird es nicht weniger peinlich.

Ich klappe mein Notizbuch zu. In schönster Schrift versammeln sich hier meine verwirrten Gedanken. Ein Versuch, sie auf einen grünen Zweig zu packen.

(19 Uhr 59 Minuten 04 Sekunden)

Das schrille Läuten der Türglocke schreckt mich auf. In meiner grauen Jogginghose und immer noch stinkenden Kapuzenpulli, kombiniert mit dicken gelben Wollsocken, die ich von Oma zu irgendeinem Weihnachtsfest bekommen habe, schleppe ich mich zur Tür.

„Ich bin nicht zu Hause!“, rufe ich der klapprigen, braunen Tür entgegen.

„Mach dich nicht lächerlich und lass mich rein!“, kommt es gedämpft von der anderen Seite der Tür zurück.

Ich habe zwei Möglichkeiten: 1.) Ich stelle mich tot, Lena packt ihren Schlüssel aus und kommt herein oder 2.) ich öffne ihr die Tür und lasse den Dingen ihren Lauf.

Widerwillig entscheide ich mich für Letzteres.

„Was hast du bitte vor? Willst du heute den Oskar für die beste Maske entgegennehmen?“ Verdutzt starre ich sie an und gleichzeitig tut es mir leid, sie so unfreundlich in Empfang genommen zu haben.

„Wenn Oskar, dann hättest du gute Chancen für die beste Hauptdarstellerin in einem Horrorfilm, meine liebe Mona!“

Taktgefühl ist in der Tat keine ihrer besonderen Eigenschaften!

Sie zieht ihre braune Lederjacke aus, befreit ihren langen, dünnen Hals vom bunten Tuch, das sie mehrmals um ihn gewickelt hatte, und schleudert ihre Stiefel in Richtung Garderobe.

Ihr langes Haar fällt in Locken über ihren Rücken, riesige Ohrringe aus vielen bunten Steinchen schmeicheln ihrem Gesicht und durch ihr Make-up leuchten ihre grünen Augen. Das braune, kurze Kleid sieht aus, als wäre sie darin zur Welt gekommen. Wie unfair ist das denn?

Seit ihrem Erscheinen fühle ich mich noch elender als zuvor. Ich sehe auf mich runter. Wenn ich mich so in den Garten stellen würde, hätten wir die nächsten zwei Jahre kein Problem mit Samen stehlenden Vögeln.

Plötzlich nimmt Lena mich fest in die Arme und sagt: „Wenn dich deine Grundsätze traurig machen, dann kannst du sicher sein, sie sind falsch! Bei sich ankommen!“

„Was bei sich ankommen?“, frage ich sie verdutzt.

„Keine Ahnung. In dem Buch, in dem ich den Spruch gefunden habe, stand das so. Irgendwie passt es nicht richtig, aber wenn es so gedruckt wurde, dann wird das schon stimmen, oder?“

Wenn sie schon diejenige war, die bei der Verteilung des guten Aussehens in der ersten Reihe gestanden hatte, so bin ich zumindest in puncto Intelligenz ihr vorgezogen worden.

Sie nimmt ihre Tasche, holt ein Päckchen Zigaretten sowie eine beschlagene Flasche mit Sekt heraus, platziert alles auf dem kleinen wackeligen Küchentisch direkt neben den kleinen braunen Kerzen und den Serviettenständern mit den bunten Papierservietten. Dann spaziert sie fünf Schritte weiter zum Fenster und holt den Aschenbecher von der Fensterbank, wandert zurück und setzt sich auf den zweiten Holzsessel, den ich rosa lackiert habe.

„Was machst du jetzt?“, fragt sie in meine Richtung, während sie erneut aufsteht und ein Feuerzeug aus der Krimskramslade meiner Küche fischt, eine Zigarette aus ihrem silbernen Etui fingert und mir einen mitleidigen Blick zuwirft.

„Du machst mich so nervös mit deinem Herumgerenne! Kannst du nicht eine Minute sitzen bleiben? Ich weiß nicht, was ich machen werde – ehrlich nicht! Dorthin zurückgehen und mich dem Spott der anderen stellen möchte ich wirklich nicht. Obwohl die Studenten und mein Gekotze ja nicht einmal das Hauptproblem sind.“ Müde lasse ich mich auf den Stuhl neben sie fallen und nehme ihr die Zigarette aus der Hand.

„Sondern?“

„Ach Lena, wenn ich echt überzeugt davon wäre, dass es das ist, was ich tun will, dann könnte ich mich damit arrangieren. Ich habe mich danach so miserabel gefühlt, aber als ich meine Sachen nahm und aus der Uni spazierte, überkam mich eine unglaubliche Erleichterung. Weißt du? Mit jedem Schritt von der Uni weg ein Stückchen befreiter. Doch kaum hatte ich das Alles hinter mir gelassen, riss mir der Umstand, den Plan für mein Leben verloren zu haben, den Boden unter den Füßen weg.“

Sie nimmt sich ihren Glimmstängel zurück, zieht daran.

„Wahh, dass du immer so feucht rauchen musst! Du sollst daran ziehen – nicht lutschen! Nimm dir gefälligst eine Eigene, das ist ja grauslich! Übrigens kann man die neuerdings auch kaufen.“

„’Tschuldige …“. Ich ignoriere den Vorwurf und hole mir eine eigene Zigarette.

„Mona überleg’ mal. Wenn es sich besser anfühlt, wenn du aus dem Kurs raus gehst, als drinnen zu sein, dann ist es vielleicht nicht das Richtige für dich.“

„Aber was soll ich denn sonst machen? Es war doch immer klar, dass ich Medizin studieren werde.“

„Dann waren dir scheinbar die falschen Dinge klar. Schau, es sind noch vier Monate bis zum Beginn des neuen Semesters, die Zeit könntest du nutzen, in dich zu gehen und zu überlegen, wer du wirklich bist und was du vom Leben willst.“

„Wahrscheinlich hast du recht. Aber ich fühl’ mich so leer. Alles, wofür ich die letzten Monate gearbeitet habe, erweist sich als furchtbar sinnlos. Ich bin 21 Jahre alt und ich habe keine Ahnung, was ich machen soll!“

„Eben, du bist erst 21 und nicht 31 oder 41. Dein Leben liegt vor dir und du solltest es so gestalten, dass es für dich auch lebenswert ist.“

„Ich werde wohl darüber nachdenken müssen“, antworte ich und schlucke die aufsteigenden Tränen hinunter.

„Und jetzt schwing’ dich ins Badezimmer, wasch den Formalingestank ab, wirf dich in ein hübsches Kleid und geh mit mir tanzen. Ich schenk’ mal den Sekt ein. Husch, Husch!“

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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