FLUCHSPUR - Gordon Kies - ebook

FLUCHSPUR ebook

Gordon Kies

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Opis

Drei Generationen verfluchter Seelen. Das Leben einer Familie. Ein einziger Albtraum. Es ist wie verhext. Im Wahnsinn des Zweiten Weltkrieges liegt der Ursprung allen Übels. Eine Odyssee durch die Vergangenheit ist der einzige Ausweg aus dem Trümmerhaufen der Gegenwart … FLUCHSPUR. Jemand muss ihr folgen …

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FLUCHSPUR

von Gordon Kies

Engelsdorfer Verlag Leipzig 2015

Gordon Kies, 1974 geboren, lebt mit seiner Familie in Bad Schwartau. Neben seiner Tätigkeit in der Musikbranche, widmet er sich vermehrt dem Schreiben und dokumentiert mit der Videokamera den Wahnsinn des Alltäglichen.

Nach IRRLEBEN ist FLUCHSPUR der neue Roman des dreiteiligen „Search & Destroy“- Zyklus, der mit LEIDZEIT seinen Abschluss finden wird.

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Copyright (2015) Engelsdorfer Verlag Leipzig

Alle Rechte beim Autor

Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)

1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2015

www.engelsdorfer-verlag.de

Inhaltsverzeichnis

Cover

Titel

Über den Autor

Impressum

1

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pretty hate machine

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Dank

hold your head up high

and don't be afraid of the dark

at the end of the storm there's a golden sky

Oscar Hammerstein II

1

Großvater. Ein Anstrich von Haut auf einem Skelett.

- Verflucht! Dafür schmoren wir in der Hölle …

Großvaters Blick löste sich von den Flammen und fixierte das verdreckte Gesicht seines Kameraden, der wie ein Tier, das sich auf einen Angriff vorbereitet, die Augen zu Schlitzen formte und ungestüm durch die Nase atmete. Großvater hatte in unzählige solcher Gesichter geblickt, die von Grauen und Angst gezeichnet, neben ihm in der Schlacht auftauchten und dann für immer verschwanden. Ausgelöscht aus dem Antlitz einer Welt, die alle Farben verloren und das graue, körnige Aussehen eines Zeitungsfotos angenommen hatte.

- Für uns geht’s in den Himmel. Unsere Zeit in der Hölle haben wir schon hinter uns …

Sicher war sich Großvater dieser These nicht, denn niemand weiß Alles und eine These bedarf immer eines Beweises und in diesem Fall … wer braucht schon eine Grundsatzdiskussion über das Leben nach dem Tod, beziehungsweise über die Existenz von Himmel und Hölle. Hier ging es um Auslöschung, nicht um die daraus resultierende Konsequenz. In der Schützendivision herrschte der Wahnsinn. Die moralische Welt des Gewissens, war der Anarchie zum Opfer gefallen. Die Destruktivität des Erlebten hatte ihnen die Menschlichkeit entrissen. Das Fallen in ein tiefes schwarzes Loch im vollen Bewusstsein der Unabänderlichkeit des Sturzes. Großvater fokussierte sein Denken auf das Bevorstehende, während ihm Wind und Schnee die Gesichtshaut von den Knochen zu schmirgeln schienen.

Das namenlose Dorf brannte. Im Schutz einer zerstörten Kirche hatte die kleine Einheit beobachtet, wie die Flammen die Hütten auffraßen und die Einwohner ins Freie stolperten, wo sie ein leichtes Ziel für die Scharfschützen abgaben. Als keine Gefahr mehr bestand, stürmten die Soldaten den Hügel hinab. Die vom Führer geforderte, sukzessive Ausrottung des niederen Menschengeschlechts musste vorangetrieben werden. Es galt, der sich nach Stalingrad zurückziehenden und dabei verbrannte Erde zurücklassenden, russischen Armee schnellstmöglich zu folgen. Exekutionen anstatt Verhöre. Verdächtige gab es nicht, nur Schuldige. Es war schließlich Russland, wo die von Männern in ordensbehängten Uniformen geschriebene Haager Landkriegsordnung einen Dreck wert war und das Völkerrecht so eingefroren, wie die russische Schwarzerde unter Großvaters Stiefeln.

Großvater stieg über eine von Granatsplittern durchtriebene Kinderleiche. Er hatte sich an solche Anblicke gewöhnt. Er hatte schon lange nicht mehr geweint und hätte es jemanden interessiert, Großvater hätte geantwortet, dass er mit Sicherheit keine Tränen mehr in sich habe. Für einen kurzen Moment betrachtete er das viele Blut, das sich deutlich vom Schnee abhob und hätte es ein Jackson Pollock schon zu Ruhm gebracht, hätte Großvater sicher an eines seiner Bilder gedacht. So sah er lediglich die verstörende Realität des Krieges. Großvater schluckte den Klos in seinem Hals hinunter und stapfte weiter durch den Schnee, den Flammenwerfer im Anschlag und bereit, ihn jederzeit willenlos einzusetzen. In den Abdrücken, die seine Stiefel im Schnee hinterließen, sammelte sich Blut. Jenseits der niedergebrannten Hütten hörte er vereinzelte Schüsse. Rauch brannte ihm in den Augen, bissig wie ausgehungerte Hunde. Der Gestank von verbrannter Haut schnürte ihm die Kehle zu. Die Schreie der Überlebenden bohrten sich in seinen Schädel, als wollten sie sein Gehirn zur Detonation bringen. Sie übertönten die Maschinen der Luftwaffe, die hoch oben den Himmel zerschnitten. Aus dem Augenwinkel nahm er eine Bewegung wahr und fuhr herum. Eine Frau zog sich mit den Armen über den Schnee und versuchte sich hinter einen eisernen Pflug zu retten. Ihr rechtes Bein war unter dem Kniegelenk abgetrennt, ihr Körper war rohes Fleisch und dort, wo noch Reste der Haut waren, schlug diese Brandblasen. Großvater folgte der Blutspur und ging neben der Frau in die Knie. Einem inneren Impuls folgend, drehte er sie vorsichtig auf den Rücken und legte ihr seine geschundene Hand auf die Stirn. Das Gesicht wies entsetzliche Verbrennung auf. Nur vereinzelt standen noch gekräuselte, graue Haarbüschel auf der verkohlten Kopfhaut. Die Lider der Alten hoben und senkten sich und ihre Augen huschten unruhig umher, während die Pupillen erfolglos versuchten, sich zu justieren. Mit den Fingerspitzen zupfte Großvater die Reste eines Tuches von dem lippenlosen Mund und spähte hinab in das schwarze Loch. Er sah, wie sich das Zäpfchen bewegte und sich der Eingang zur Luftröhre gurgelnd schloss und wieder öffnete. Die Frau begann zu zucken, bäumte sich auf und Großvater merkte, wie sich Finger in seinen Hemdsärmel krallten. Röchelnde Laute drangen an sein Ohr. Ihr Griff wurde intensiver und aus den Lauten wurden Vokale und Konsonanten. Unverständliche Worte drangen aus dem Inneren der Frau, deren starrer Blick nun auf Großvater haftete. Er riss sich los, kam auf die Beine, zog seine Waffe und schoss. Die Augen der Alten schlossen sich für immer. Ohne den Blick von dem Einschussloch oberhalb des rechten Auges abzuwenden, steckte Großvater die noch rauchende Luger in den Halfter. Eine eisige Kälte schlug ihre Reißzähne in seine Eingeweide und ein Schauer durchlief Großvaters Körper von den Zehen bis zur Kopfhaut. Er ertastete den Flammenwerfer und stürmte weiter. Weder bemerkte Großvater den Schmetterling, der sich auf seiner Schulter niederließ, einmal mit den Flügeln schlug und in den Winter entschwand, in dem er gar nicht hätte existieren dürfen, noch das kleine Mädchen, das zur Leiche der Frau krabbelte und den Boden mit ihren Tränen tränkte.

2

- Er war glitschig wie ein Aal!

- Du warst einfach ungeschickt!

Großvater saß in seinem Rollstuhl und nickte. Sein Sohn schüttelte protestierend den Kopf. Großmutter hockte im Schaukelstuhl, häkelte und konnte sich ein kurzes Auflachen nicht verkneifen. Vom Kaminsims, in einem Bilderrahmen gefangen, lächelte Uta auf ihren kleinen Ludwig hinab, der in seiner Wiege vor dem Kaminfeuer schlief. Niemand der Anwesenden bemerkte den Funkenflug.

3

Der Kessel auf dem Feuer verströmte den Geruch von gekochtem Schweinefleisch. Großvater knurrte der Magen. Außerhalb des Lichtkegels, in der Dunkelheit jenseits eines Panzerwracks, den Blicken der Kameraden entzogen, lagen die Leichen. Fein säuberlich in Reih und Glied, wie es sich für einen Deutschen gehört. Sie waren so abgemagert, dass man lediglich das Fleisch ihrer Gesäßbacken verwerten konnte.

Marschieren. Frieren. Resignieren. Hungern. Schreien. Beten. Morden. Sterben. Verfluchen. Die Schüsse zerfetzten die unerträgliche Stille, die den Zug seit Stunden begleitete. Nebelschwaden erschwerten die Sicht. Mit jedem Schritt, die sie der Waldgrenze näher gekommen waren, hatte sich das ungute Gefühl in Großvaters Eingeweiden verstärkt. Die psychische Anspannung übertraf die physische Anspannung. Es ist jemandem, der nie an solch einem Wahnsinn teilgenommen hat, schwer zu vermitteln, wie enorm belastend es ist, jeden Moment damit zu rechnen, niedergeschossen zu werden.

Die russischen Gefangenen marschierten an der Spitze des Zuges. Ein menschliches Schutzschild. Die viel zu kleinen Stiefel, die er einem der Russen abgenommen hatte, quetschten seine Zehen zusammen. Doch dafür waren sie mit Fell gefüttert. Die Moral der Schützendivision lag am Boden, das Fiasko von Stalingrad hatte ihrem ganzen Tun den Sinn genommen. Frustration und Hoffnungslosigkeit lähmten den Männern die Sinne und ihre Entscheidungsfähigkeit. Die 6. Armee war Geschichte und die, die überlebt hatten, befanden sich auf dem Weg in sibirische Gefangenenlager, um dort auf den Tod zu hoffen oder taumelten wie Großvaters Division durchs Nirgendwo. Kraftlose Schritte durch die Verwüstung zurückliegender Schlachten, in denen sich die Deutschen noch auf der Siegerstraße wähnten. Immer wieder schnitten ihnen die Russen den Weg ab und verwickelten sie in dezimierende Kämpfe. Der Westen, das Reich und seine Heimat erschienen Großvater unendlich weit entfernt. Die Russen waren wie Geister, plötzlich waren sie da und erschreckten die Division im wahrsten Sinne des Wortes zu Tode.

Feindkontakt! Der Kopf des Russen (aka menschliches Schutzschild) zerplatzte wie eine reife Melone. Großvater schmiss sich zu Boden. Das Pferd, das das Feldgeschütz zog, bäumte sich auf und fiel dann auf die Seite. Der Beschuss war vernichtend. Es gab keine Chance zu entkommen.

Großvater drückte sein Gesicht in den Dreck, verschränkte die Arme über dem Kopf und betete.

Die Russen kamen, ihre Stimmen wurden lauter.

Er wurde hochgerissen.

Er blickte dem Tod ins Auge.

4

Jeder andere hätte es als Pech bezeichnet, aber Ludwig wusste es besser. Im Neonlicht des Krankenhausflurs sah sein kleiner Finger aus wie ein groteskes Fragezeichen ohne Punkt. Sicher, er hätte dem Kerl aus der Reparaturwerkstatt die Schuld geben können, aber er tat es nicht. Er lehnte seinen Kopf gegen die Wand und wartete auf einen Arzt, der ihm seinen Finger wieder in Ordnung bringen würde, wie es schon so oft geschehen war. Siebenundzwanzig. Er überlegte. Nein, Neunundzwanzig. Knochenbrüche zogen sich durch sein Leben, wie bei anderen Leuten Erkältungen. Nicht, dass er keine Erkältungen gehabt hatte, er konnte sie nur nicht mehr zählen, nicht ansatzweise. Ganz zu schweigen von all den anderen Krankheiten. Ludwigs Blick fiel auf eine Broschüre. Lebe gesund, lebe deinen Traum. Er schmunzelte. Das Leben hatte Ludwigs Träumen schon in frühen Jahren die Flügel gestutzt.

- Herr Fuhrman?

Ludwig nickte. Der Arzt schaute auf sein Klemmbrett.

- Hier steht, Sie haben sich ihren kleinen Finger gebrochen.

- Ja, richtig.

- Wie ist das passiert?

- Ein Automechaniker hat etwas zu schnell die Motorhaube geschlossen.

Der Arzt steckte den Kugelschreiber in die Brusttasche seines Kittels und lächelte.

- Das nennt man dann wohl Pech. Folgen sie mir, bitte!

Am liebsten hätte Ludwig diesem Kerl sein überhebliches Lächeln aus dem Gesicht geschlagen, aber dann hätte der Arzt sich nicht nur um einen gebrochenen Finger kümmern müssen, sondern höchstwahrscheinlich auch um eine gebrochene Hand. Ludwig erhob sich und folgte dem Arzt in den Raum, in dem er letzten Monat elf Blutegel von seinem Körper hatte entfernen lassen. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte es nicht einen dokumentierten Fall von Blutegelangriffen in einem deutschen Badesee gegeben, aber es gibt immer ein erstes Mal, das wusste Ludwig nur zu gut.

Vorsichtig bewegte Ludwig den kleinen Finger, den eine Schiene nun in der richtigen Position hielt.

- In Anbetracht ihrer Krankenakte, muss ich wohl bis bald sagen …

Ludwig zwang sich zu einem Lächeln.

Der Bus kam quietschend zum Stehen und Ludwig stieg ein. Die Sommerhitze hatte den Bus in einen Ofen verwandelt, in dem die Gehirne der Fahrgäste auf kleiner Flamme köchelten. Schweiß, Parfum und andere Ausdünstungen verschmolzen zu einem Geruch, der jeder Müllverbrennungsanlage gut zu Gesicht gestanden hätte. Ein Sitzplatz war so unrealistisch wie die Zeitreisemaschine, die sich Ludwig in regelmäßigen Abständen wünschte, um an den Ort zurückzukehren, an dem das Unheil seinen Lauf genommen und sich über die Fuhrmanns gelegt hatte. Der Bus setzte sich ruckelnd in Bewegung und Hände griffen hinauf zu den Halteschlaufen. Ludwig sah Achselhaare und Alterswarzen. Er zog sein Taschentuch aus der Hosentascheund hielt es sich vor Mund und Nase. Sein Penis drückte sich schlaff gegen den Hintern eines fetten Mannes, der es trotz der beklemmenden Enge schaffte, von einem Sandwich abzubeißen. Mayonnaise tropfte von seinem Mundwinkel auf sein nassgeschwitztes Hemd. Der Fette drehte sich um und streifte mit seinem Oberarm Ludwigs Gesicht.

- Verdammt, passen sie doch auf!

- Entschuldigung.

Schmatzend schlang er den Rest des Sandwichs herunter und drehte sich weiter, bis sein über dem Gürtel hängender Bauch zwischen Ludwig und einer jungen Mutter feststeckte, deren Baby unablässig schrie, als habe es schlimme Koliken. Angewidert versuchte die Mutter sich abzuwenden. Erfolglos. Der Fette hob entschuldigend seine Schultern.

- Platz da!

Etwas Spitzes bohrte sich Ludwig in den Rücken. Den Regenschirm wie eine Lanze vor sich her gestreckt, hatte sich eine Hundertjährige eine Gasse durch die Leute gebahnt.

- Ich muss an der nächsten Haltestelle raus! Machen Sie Platz!

Ihre Stimme war krächzend und duldete keinen Widerspruch. Empörtes Raunen begleitete ihren Weg zum Ausgang. Ludwig fragte sich, warum um alles in der Welt die Alte einen Regenschirm mit sich führte? Es hatte seit Wochen nicht geregnet und der Wetterdienst prognostizierte auch für die nächsten Tage nichts als Sonne. Meteorologen sprachen von einem Jahrhundertsommer, Bauern von einer Katastrophe. Die Alte steckte fest, die fette Hyäne stellte ein unüberwindbares Hindernis dar.

- Bewegen Sie ihren fetten Hintern! Ich muss raus!

- Ich kann nicht, Sie müssen warten …

Mit einer nicht für möglich gehaltenen schnellen Bewegung, ansatzlos und doch voller Kraft, nutzte die Alte den zwischen Ludwig und ihr entstandenen Freiraum, um mit ihrem Regenschirm auszuholen. In letzter Sekunde riss Ludwig den Kopf zur Seite und anstatt ihm ein Auge auszustechen, schlitzte ihm die Spitze des Schirms nur die Haut seines rechten Ohres auf. Noch bevor Ludwig schreien oder protestieren konnte, sah sich der Busfahrer gezwungen, mit seinem gesamten Gewicht auf die Bremse zu steigen, um einem unachtsamen Kind nicht das Leben zu nehmen. Im Inneren des Busses fielen Körper übereinander und verschmolzen zu einer sich windenden Masse, aus der Gliedmaßen hervorragten und nach Halt suchten. Das schwarze Kleid der Alten war hochgerutscht und Ludwig lag mit seinem Gesicht zwischen zwei welken Pobacken, die in einem verwaschenen Schlüpfer mit stilisierten, blumigen Ornamenten steckten. Ludwig versuchte sich aufzurichten, aber das von oben drückende Gewicht von zwei Jugendlichen, hielt ihn unten. Übelkeit stieg in ihm auf, wie Kohlensäure in einer geschüttelten Flasche.

Ludwig betrachtete die Mulde auf der Bettseite seiner Frau. Die Matratze musste einiges ertragen.

- Ich finde es nicht.

Die Stimme von Renate drang aus dem Badezimmer zu ihm. Regen prasselte gegen das Fenster und hin und wieder erhellte ein Blitz die Raufasertapete. Ludwig dachte an den Regenschirm der Alten. So viel zu Wetterprognosen …

- Im Schränkchen hinter dem Mundwasser!

 Renate erschien im Türrahmen und verharrte.

- Findest du mich fett, Ludwig?

Er hatte ihr schon unzählige Male auf diese Frage geantwortet.

- Nein.

- Ich bin aber fett!

- Nein, bist du nicht.

Renate war fett. Ihre Frage überflüssig. Warum fragte sie ihn überhaupt? Warum zwang sie ihn zu einer Lüge? Warum war sie so, wie sie war? Warum hatte er sie geheiratet?

- Wirklich?

- Wirklich. Komm jetzt her.

Sie setzte ihre Kilos in Bewegung, gab ihm das Jod und wälzte sich über ihn hinweg auf ihre Seite des Bettes. Warum hatte er sie noch gleich geheiratet? Er kramte im Archiv seines Gehirns und fand eine Antwort. Zum Zeitpunkt ihrer Hochzeit hatte sie etwa 30 Kilo weniger gewogen. Auch ihren Charakter konnte man zum Zeitpunkt der Hochzeit nicht als böswillig, egozentrisch, launisch und depressiv bezeichnen. Damals hatte sie einen Job, der sie erfüllte, hatte Zukunftspläne und war fähig, Liebe zu geben. Sie liebte sogar seine Tollpatschigkeit. Als er bei der Hochzeitszeremonie stolperte und auf ihr Kleid trat, konterte sie das Kichern in der Kirche mit einem Lächeln. Als er seinen Job zum ersten Mal verlor, bezeichnete sie es als Pech. Beim zweiten Mal fand sie es weniger witzig und als der Arzt ihnen mitteilte, dass Ludwigs Spermien zu langsam seien, brach für Renate eine Welt zusammen. Ihren Kummer erstickte sie mit Süßem und Fettem. Ludwig war nicht in der Lage ihr zu helfen, sie projizierte all ihre Wut auf ihn und seine Unfähigkeit.

Warum hatten sie sich nicht scheiden lassen? Weil sie sich tief in ihrem Inneren liebten, sich brauchten? Auf manche Fragen gibt es keine Antworten. Vielleicht war es noch nicht der richtige Augenblick? Vielleicht hatten sie ihn auch schon verpasst? Vielleicht hatte es auch finanzielle Gründe? Was für ihn außer Frage stand, war die Tatsache, dass er für ihren Zustand mitverantwortlich war.

- Was läuft im Fernsehen?

Ludwig schmierte etwas Jod auf die Wunde und ein stechender Schmerz durchzuckte sein Ohr.

- Keine Ahnung … schalte doch mal durch.

Renate schaltete durch die Programme und blieb bei einer dieser Casting-Shows für Gesangstalente hängen. Ludwig hätte lieber die Reportage über die Massenmorde in Kambodscha gesehen, aber anstatt nach unten ins Wohnzimmer zu gehen, wartete er, bis sie eingeschlafen war. Sie schlief immer beim Fernsehen ein, jedenfalls seitdem sie verheiratet waren. Voller Vorfreude, Reportagen waren seine Passion, schaltete er auf den Kanal, auf dem die Roten Khmer ihr Gemetzel begingen, doch das Unwetter machte ihm ein Strich durch die Rechnung. Der Empfang war gestört. Ludwig schaltete den Fernseher aus und legte die Fernbedienung auf den säuberlich zusammengelegten Stapel seiner Kleidung. Donnergrollen begleitete ihn ins Land der Träume.

5

Die Schlange vor dem Kessel wurde von Tag zu Tag kürzer, dennoch fror Großvater und konnte es nicht erwarten, seine Hände um den warmen Teller zu legen. Atemwolken hingen zwischen den Männern. Es gab eine Brühe, nicht mehr als warmes Wasser mit Salz und Gewürz. Dazu eine Kartoffel. Endlich! Die Wärme ließ Großvater seine Fingerkuppen spüren.

- Bitte … ich verhungere … nur ganz wenig …

Kraftlose Hände griffen nach Großvaters Beinen. Er blickte auf den Mann hinab. Für Güte gab es hier keinen Platz. Der Mann würde die Nacht ohnehin nicht überstehen. Großvater schüttelte ihn ab und blickte sich nicht mehr um.

Großvaters Fingernägel kratzten über das Blech des Tellerbodens. Er seufzte, als er sich die Kartoffelkrümel in den Mund schob. Sein Zahnfleisch war wund und schmerzte beim Kauen, dennoch zermahlte er jeden Bissen, bis es nichts mehr zu kauen gab. Er schmeckte den eisernen Geschmack seines Blutes. In der Mitte des Raumes brannte in einem alten Ölfass ein kleines Feuer, malte Formen und Figuren an die Balkendecke und spendete ein wenig Wärme. Der Geruch des nur schwerlich abziehenden Rauches hatte sich in den Kleidern der Gefangenen festgesetzt. Großvater verspürte nach wie vor ein quälendes Hungergefühl. Unweit von ihm weinte ein Kamerad, mehr Junge als Mann, beim Betrachten eines vergilbten Fotos seiner Mutter. Großvater wandte den Blick ab. In die Holzwand hatte jemand das Bild einer nackten Frau geritzt. Großvater mochte sich nicht vorstellen, wie viele arme Schweine schon vor ihm hier gelegen hatten. Großvater betrachtete das Bild und floh sich zwischen die gespreizten Beine einer schönen Phantasie. Keiner sagte ein Wort, was hätte man auch sagen sollen und zudem war es ohnehin verboten. Dennoch wurde hin und wieder eine Geschichte erzählt, im Flüsterton und im engsten Kreise. Großvater mochte die Geschichte über eine Reise zum Mittelpunkt der Erde oder die, über einen Mann, der auf einer einsamen Insel gestrandet war. Dieser Crusoe hatte durchgehalten. Großvater und seine Kameraden waren am Ende. Ihre grauen Hemden und Hosen waren mit der Zeit einige Nummern zu groß geworden und Großvater zog den Gürtel Woche für Woche enger um seine knochige Hüfte. Monotonie, Schmerz und Verzweiflung dominierten diesen Ort. Suizid war eine Möglichkeit, die Erosion des Körpers, den schleichenden Zerfall zu stoppen. Irgendwie überleben, eine weitere Option, wenn auch eine weitaus schwierigere. Die Glocke erklang. Mühsam richtete Großvater sich auf und griff nach dem Arm seines Kameraden. Er lag auf dem kalten Lehmboden und röchelte. Sein Brustkorb hob und senkte sich hektisch, seine Rippen zeichneten sich deutlich unter der pergamentartigen Haut ab. Es käme einem Wunder gleich, wenn er die nächsten Tage überleben würde. Rasselnder Atem drang in sein Ohr, als er sich den Arm seines Kameraden auf die Schulter legte und ihn zum Platz vor der Baracke führte.

- Reiß dich zusammen!

- Ka … kann … nicht.

- Du bist wertlos für sie, wenn du nicht arbeiten kannst.

Jeden Abend um Zehn mussten die Männer antreten. Es gab keinen Grund dafür. Zwanzig Minuten, nichts als Kälte und das Lachen der Russen.

Die Steinbrocken kamen aus einem nahegelegenen Bergwerk, das bei den Arbeitern als die Hölle bezeichnet wurde. Hier im Lager wurden sie zerkleinert und dann mit Lastwagen in die zerstörten Städte transportiert. Russland brauchte neue Mauern. Trotz der Kälte schwitzte Großvater. Der Schuss hob sich klar und deutlich von dem Geräusch wenn Spitzhacken auf Stein trifft ab. Großvater hatte es kommen sehen. Der Mann hatte keine Kraft mehr gehabt, seine Arme zu heben, geschweige denn, eine Spitzhacke. Der Schütze bellte einen bekannten und unmissverständlichen Befehl in Richtung Großvater und seinem Nebenmann. Sie nickten, legten ihre Spitzhacken nieder und zogen den Leichnam an den Armen vom Steinhaufen. Er war leicht wie eine Feder. Sie legten ihn zu den Anderen. Auf den Wachtürmen patrouillierten bewaffnete Soldaten. Sie hatten nicht viel zu tun. Blickte man durch die Maschen des Zaunes, hätte man denken können, die Welt sei tatsächlich eine Scheibe. Niemand hatte in den neun Monaten, seit Großvater hier war, einen Fluchtversuch unternommen. Gleich zum Anfang der Inhaftierung hatte man ihnen demonstriert was passieren würde. Ausgehungerte Hunde sind schnell und erbarmungslos und die Wachen nicht die lausigen Schützen, als die sie Goebbels Propaganda stets hingestellt hatte.

Am Abend kauerte Großvater an der Wand der Baracke unter einer dünnen Filzdecke und versuchte seine Socken zu trocknen, indem er sie an seinem Körper rieb. Eine Lektion, die ihm auf der ostpreußischen Infanterieschule eingebläut wurde: Immer auf trockene Socken achten! Fußfäule war bei der klammen Kälte eine nicht zu unterschätzende Bedrohung. Sein Magen knurrte. Er tastete im Dunkeln nach dem Karamellbonbon. Er hatte es all die Monate gehütet wie einen Schatz. Nicht einmal die Russen hatten es gefunden. Das Bonbon, eingewickelt in buntem Papier, war ein Geschenk einer liebreizenden Schwester, die es ihm bei seinem letzten Aufenthalt im deutschen Soldatenheim bei Pillau gegeben hatte. In all dem Leid, der Kälte, dem Sterben, das um ihn herum herrschte, schenkten ihm die bunten Farben des Bonbonpapiers ein wenig Hoffnung. Großvater erschrak, das Versteck hinter seiner hölzernen Pritsche war leer. Großvater suchte. Vergebens. Tränen liefen über sein Gesicht. Nicht zum ersten Mal kam ein Verlangen in ihm auf. Ein starkes Verlangen. Ein Verlangen nach einer geladenen und entsicherten Waffe, deren Lauf er sich in den Mund stecken konnte. Man hörte die Russen singen und lachen. Großvater hätte seinen linken Arm für einen winzigen Schluck des wärmenden Wodkas gegeben, den sich seine Peiniger einverleibten. Er betete, dass er auch diese Nacht überleben würde. In den letzten Wochen starben immer mehr seiner Kameraden. Jemand hatte mal gesagt, dass die Tatsache, dass das Leben aufhört, es so wertvoll macht. Großvater hätte diesen Jemand gerne an diesen Ort geholt und ihn gefragt, wie wertvoll das Leben hier sei. Jeder Tag war wie der andere und der Tag an dem man stirbt ebenso … nur kürzer. Großvater schloss die Augen, sehnte die guten Träume herbei. Meistens kamen die anderen, die Bösen. Die Hunde in ihrem Verschlag bellten, sie waren hungrig, gierig auf die Jagd. Gejagte gab es hier genug. Für die Russen war es ein netter Zeitvertreib, ein Spektakel. Tier gegen Mensch. Gnadenlos. Sinnlos. Die Waldgrenze war unerreichbar. Bei diesem Spektakel gab es nur die Option auf Tod, keine Alternative. Die Hoffnung stirbt immer zuletzt, aber sie stirbt. Die Gejagten stolperten um ihr Leben. Vor den Augen ihrer Kameraden, begleitet vom Gejohle der Peiniger, starben sie immerhin als freie Männer.

Der Kasten diente zur Abschreckung. Er war gerade so groß, dass ein Mann darin hocken konnte. Die untere Hälfte bestand aus dickem Glas und die obere Hälfte aus dicken Gitterstäben. Jeden Morgen mussten die Gefangenen davor zum Appell antreten. Jeden Morgen war der Anblick entsetzlicher. Der Mann in dem Kasten bekam ein Laib Brot und einen Krug Wasser. Er sollte nicht sterben. Noch nicht. Die gebogene Wirbelsäule bohrte sich durch das aufgeweichte Fleisch. Der Kasten war zur Hälfte mit Wasser gefüllt. Exkremente und Urin verbreiteten einen bestialischen Gestank. Während ein Soldat erfasste, wie viele der Gefangenen in der letzten Nacht gestorben waren, versuchte Großvater sich dem Anblick vor ihm zu entziehen. Da er nicht essen wollte oder konnte, bearbeiteten die Soldaten den Mann mit einer Klemme, die an eine Autobatterie angeschlossen war. Das dreckige Wasser schwappte gegen das Glas, der Mann zuckte und öffnete den Mund. Seine Augen lagen in dunklen, tiefen Höhlen und sein Aussehen hatte alles Menschliche verloren. Die Haut war weiß und rissig, aufgedunsen und aus den Wunden, die ihm zugefügt wurden wuselten Maden in das Wasser. Überall waren Fliegen. Großvater schloss die Augen und hörte die kraftlosen Proteste des Mannes. Die Russen wollten noch ein paar Tage ihren Spaß. Die Glocke erklang. Drei Tote. Steine schlagen. Warum? Darum.

Ein neuer Tag, das gleiche Leid. Großvater nahm die Beine des Toten, ein Anderer die Schultern. Sie trugen die Leiche hinter die Baracke und schmissen sie auf den Haufen. Großvater sah das bunte Bonbonpapier. Unwirklich. Zusammengeknüllt. Am falschen Ort. In der Hand des Toten.