Eine ungeplante Reise nach Wien - Ingrid Walter - ebook

Eine ungeplante Reise nach Wien ebook

Ingrid Walter

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Opis

Judiths Großmutter, die der wichtigste Bezugspunkt in ihrem Leben war, stirbt. Eine Geschäftsreise, ein Familienring und eine alte Schallplattenaufnahme der Lehár-Operette Giuditta führen die Enkelin nach Wien, wo die Großmutter während der Nazizeit eine gefeierte Operettensängerin war. Eine ungewöhnliche Spurensuche beginnt: Cafés, Hotelkulissen, Opernhäuser und das Wiener Flair versetzen Judith in vergangene Epochen zurück. Als sie auch noch den faszinierenden Heurigenlokal-Betreiber Leo kennenlernt, beginnt die junge Frau über Lebensläufe und das eigene Glück nachzudenken. Erst jetzt wird sie sich bewusst, wie eingefahren ihre Ehe ist, wie sehr sie und ihr Mann sich auseinandergelebt haben und wie unglücklich sie in ihrem Job ist. Und je tiefer Judith nach den Geheimnissen ihrer Großmutter gräbt, je mehr sie dem Wiener Charme verfällt, desto mehr stellt sie auch ihr eigenes Leben auf den Prüfstand. Eine Entscheidung über ihre Zukunft rückt immer näher, eine Entscheidung, die alles zu verändern verheißt. Ingrid Walter inszeniert ein farbenprächtiges Wiener Dekor und bettet darin die Geschichten zweier strahlender Frauen: Auf der einen Seite die der gefeierten Operettensängerin in der Nazizeit, verlobt mit einem jüdischen Tenor, und auf der anderen, Jahre später, die der Enkelin, die nicht nur ein Stück verschütteter Familiengeschichte entdeckt, sondern auch sich selbst. Ein einfühlsamer und gleichzeitig kraftvoller Roman über Liebende, Musik und die Frage nach dem Preis, den jeder bezahlen muss, um sich glücklich zu fühlen.

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Eine ungeplante Reise nach Wien

Die Deutsche Nationalbibliothek – CIP-Einheitsaufnahme.Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet dieses Buchin der Deutschen Nationalbibliografie;detaillierte bibliografische Daten sind im Internet überhttp://dnb.d-nb.de abrufbar.

Erste Auflage Oktober 2016© Größenwahn Verlag Frankfurt am Mainwww.groessenwahn-verlag.deAlle Rechte vorbehalten.ISBN: 978-3-95771-110-6eISBN: 978-3-95771-111-3

Ingrid Walter

Eine ungeplante Reise nach Wien

Roman

IMPRESSUM

Eine ungeplante Reise nach Wien

AutorinIngrid Walter

SeitengestaltungGrößenwahn Verlag Frankfurt am Main

SchriftenConstantia und Lucida Calligraphy

CovergestaltungMarti O´Sigma

Coverbild© Ingrid Walter

LektoratThomas Pregel

Druck und BindungPrint Group Sp. z. o. o. Szczecin (Stettin)

Größenwahn Verlag Frankfurt am MainOktober 2016

ISBN: 978-3-95771-110-6eISBN: 978-3-95771-111-3

Für Margarete,die Faszination in mir weckte,

und

Christa,die mich Vernunft lehrte.

Inhalt

Erster Teil Das Geheimnis der Schallplatte

Die Soubrette

Ein Businesstrip nach Wien

Schneekugeln

Tingeltangel

Recherchen in der verbotenen Stadt

Kaffeehausmusik

Sammelsurium

Man müsste nochmal zwanzig sein

Alles Liebe

Hotel Orient

Zu den Akten

Madame Butterfly

Zweiter Teil Die Rückkehr des anderen Rings

Leise Töne

Ein gewisses Talent

Aufforderung zum Tanz

Soloprogramm

Der Duft von Othello

Zwei Briefe

Die zwei blauen Augen

Ich weiß nicht, zu wem ich gehöre

Der Auftritt

Biographisches

Erster Teil

Das Geheimnis der Schallplatte

Die Soubrette

Obwohl klein von Wuchs, war meine Großmutter eine Frau von Welt. Sie sprach Französisch, besaß einen Ozelot-Hut und servierte mir zu Silvester ein Getränk, das sie Kullerpfirsich nannte, bestehend aus Sekt und einem ganzen Pfirsich, der durch die Kohlensäure im Glas auf- und abstieg. Von ihr lernte ich, dass schöne Dinge wie Musik, Parfüm und Schuhe wichtig sind im Leben. Eine Welt ohne Großmutter konnte ich mir einfach nicht vorstellen.

An einem wolkenverhangenen Apriltag, der belanglos begonnen hatte und versprach, sich ebenso fortzusetzen, rief mein Vater an. Er meldete sich am späten Vormittag in der Agentur, in der ich damals arbeitete. Allein das war schon beunruhigend genug.

Ohne zu fragen, wie es mir ginge, sagte er: Oma liegt im Krankenhaus.

Was ist passiert?, fragte ich, ohne dass ich das eigentlich wirklich hören wollte.

Sie hatte einen leichten Schlaganfall, sagte mein Vater.

Ich sog Luft ein. Wie geht es ihr?

Sie ist nicht bei sich.

Mir schien, als schwang da ein wenig Genugtuung mit in seiner Antwort. Mein Vater hatte seine Schwiegermutter nie recht leiden können. Mit ihrer Herkunft und ihrem Interesse für die Musik und das Theater war sie ihm, einem Beamten auf Lebenszeit, immer suspekt geblieben.

Was soll das heißen?, fragte ich ungeduldig und ängstlich zugleich.

Man weiß es nicht. Sie liegt im Koma.

Mein Herz begann spürbar zu schlagen, gleichzeitig war mein Hals wie zugeschnürt. Schließlich ließ ich mir die Zimmernummer geben und beschloss, sie sobald wie möglich zu besuchen.

Als ich nach Hause kam, saß Peter wie gewöhnlich an seinem PC und spielte ein Computerspiel. Ich hörte die bekannten Ballergeräusche aus dem Wohnzimmer und seine höfliche Begrüßung: Hallo Schatz, ich bin hier.

Ich war genervt von diesem Immergleichen. In solchen Momenten fragte ich mich, ob er nicht auch die wachsende Distanz zwischen uns spürte.

Ich betrat das Wohnzimmer, wo er eine Arbeitsecke hatte, und sagte ohne große Einleitung: Oma liegt im Krankenhaus.

Ach Gott, antwortete er und war ehrlich bestürzt. Er wusste, wie sehr ich an ihr hing. Was hat sie denn?, fragte er, während er sich zu mir herumdrehte.

Das ist noch nicht klar. Sie liegt nach einem Schlaganfall im Koma. Ich fahr’ gleich morgen ins Krankenhaus.

In mir stiegen Tränen auf.

Na, jetzt beruhige dich erstmal, entgegnete er. Vielleicht ist es gar nicht so schlimm, wie du denkst.

Ich wandte mich ab und holte eine Flasche Wein aus der kleinen Vorratskammer neben der Küche. Wir tranken ein Glas zusammen, dann ging er wieder an seinen PC. Computerspiele waren sein Beruf. Er arbeitete bei Nintendo und musste sie testen.

Ich konnte kaum schlafen in jener Nacht und fuhr vor der Arbeit mit der S-Bahn ins Klinikum nach Frankfurt-Höchst. Als Großmutter da so weiß und winzig in ihrem Krankenbett lag, erkannte ich sie kaum. Ursprünglich hatte sie einen unverwechselbar schönen Kopf – slawisch, wie sie selbst sagte. Plötzlich sah sie aus wie alle anderen alten Frauen, das machte mir Angst. Schließlich erblickte ich dieses winzige Löchlein am Hals, das mich als Kind immer fasziniert hatte – wohl eine übergroße Pore. Sie musste es sein. Ihre Stirn war hoch und auch im Alter noch bemerkenswert glatt. Ihre Nase ein gleichschenkliges Dreieck, die Wangenknochen hoch und weit nach außen, ebenso die Kieferknochen. Ihr Haar war immer noch hellblond, mit wenig Weiß durchzogen. In der Sonne schimmerte es golden und silbern zugleich. Das auffälligste aber waren ihre Augen. Meist waren sie blau. Aber es war kein kaltes Hellblau, sondern ein rauchiges Blau, wie das von Tauben am Hals. Mit dem Star allerdings hatten der Grauschimmer und die Stärke ihrer Brillengläser zugenommen.

Es tat mir weh, nun bloß ihre verknitterten Lider zu sehen, ohne Aussicht auf eine Veränderung. Ich setzte mich behutsam aufs Bett und nahm ihre Hand. Sie zeigte keine Reaktion, und ich wusste nicht, ob sie mich überhaupt spürte. Es schien, als sei sie für mich unerreichbar geworden. So sieht also der Tod aus, dachte ich und wischte mir mit dem Handrücken die Tränen aus dem Gesicht.

Bereits als ich sieben Jahre alt war, gab mir Großmutter das Gefühl, eine Frau zu sein. Sie kaufte mir extravagante Kleider und spülte mein Haar mit Kamille, damit es seine hellblonde Farbe behielte. Die Kleider – an eines konnte ich mich besonders gut erinnern, es war rosa und trug applizierte Erdbeeren auf einem viereckigen Matrosenkragen – führten dazu, dass ich in der Schule als eingebildete Gans galt. Außerdem fiel ich auf, weil ich kleiner war als alle anderen. Wir sind immer begehrt worden, trotz unserer Größe, hatte meine Großmutter selbstbewusst gesagt, als ich ihr das erzählte. Ich konnte nur vage ahnen, was sie meinte, denn ich war beileibe noch nicht in dem Alter, um begehrt zu werden.

Sie war es auch, die mein Talent zum Singen erkannt hatte. Wenn wir bei ihr die Hitparade mit Dieter-Thomas Heck schauten, stand ich vor dem Fernseher und sang mit Mireille Matthieu von der Liebe. Das amüsierte meine Großmutter. Sie sagte meinen Eltern, dass ich musikalisch sei, und so erhielt ich eine Zeitlang Gesangsunterricht.

Damals bewohnte sie noch die große Altbauwohnung im Frankfurter Westend, in der Straße, die hinunter auf die Bockenheimer Landstraße und zum Café Laumer führt. Sie arbeitete halbtags in einer Pelzhandelsfirma am Hauptbahnhof als Fremdsprachenkorrespondentin. Diese lange Berufsbezeichnung faszinierte mich. Ich konnte mir nichts darunter vorstellen, aber es klang sehr kompliziert. Also musste doch auch der Beruf kompliziert sein, dachte ich, bis sie mir erzählte, dass sie meistens Briefe von einem Chef diktiert bekäme. Früher war mein Großvater Herbert Chef von dieser Firma gewesen. Aber ihn hatte ich nie kennengelernt. Er war bei einem Autounfall ums Leben gekommen, als meine Mutter noch sehr jung gewesen war.

Zuvor hatte Großmutter einen ganz anderen Beruf gehabt. Der nannte sich Soubrette. Darunter konnte ich mir ebenfalls wenig vorstellen, aber das klang irgendwie noch interessanter, nach Theater und auch ein bisschen verrucht. Mein Vater sagte, sie sei beim Tingeltangel gewesen und würde sich darauf auch noch was einbilden.

Einmal zeigte mir Großmutter eine alte Schallplatte. Der Umschlag war abgegriffen und eingerissen. Darauf war eine junge blonde Frau in einem Folklorekostüm zu sehen, weiße Bluse und schwarzer Rock mit roten Biesen, Florentinerhut und Kastagnetten in der Hand. Ich fand sie sehr schön. Mit Mühe konnte ich einen fremd klingenden Namen entziffern: Giuditta.

Das habe ich gesungen, sagte Großmutter und summte eine kleine Melodie mit einer zwar brüchigen, aber sehr hohen Stimme, von der ich überrascht war. Ich wollte die Platte gerne hören.

Die Platte ist zu alt. Wir können sie auf meinem Plattenspieler nicht spielen, sie braucht ein anderes Tempo und eine spezielle Nadel, sagte sie.

In den Ferien durfte ich oft ein paar Wochen bei ihr in Frankfurt verbringen, was ich sehr genoss. Während Großmutter arbeitete, war ich vormittags in der Wohnung allein. Weil auch ich etwas Nützliches tun wollte, gab ich vor, Staub zu wischen. Ich nahm mir aus der Nische hinter dem Vorhang ein weiches kariertes Tuch, den gefiederten Staubwedel und so ein Ding aus Blech, das man auf dem Teppich hin und her schieben konnte, um Krümel wegzumachen. In der Regel begann ich beim Bücherregal, pinselte ein wenig über die Bände, nahm den einen oder anderen heraus, las die Titel: Menschen im Hotel, Ich denke oft an Piroschka und Traumnovelle. Später las ich immer die erste und die letzte Seite, obwohl das, wie Großmutter sagte, Erwachsenenbücher waren. Ich wischte die Leisten des Wohnzimmerschranks ab und öffnete die Türen. Hier befanden sich die Schallplattensammlung und ein bunt gewebtes Beutelchen mit Kastagnetten aus dunklem Holz. Ich nahm sie heraus und klapperte zaghaft damit. Die eine Platte, die Großmutter mir gezeigt hatte, war etwas kleiner als die anderen und stand rechts. Ich entzifferte erneut den Titel Giuditta und war neugierig, hatte aber Angst, etwas kaputt zu machen. So hielt ich mich an die normalgroßen auf der linken Seite. Am liebsten hatte ich eine Doppel-LP von Marlene Dietrich: Die großen Erfolge.

Ich bin die kesse Lola, sang ich und tanzte mit dem grünen Federbusch durchs Wohnzimmer, von der Musikkommode zum Bücherregal, um den ovalen Tisch herum, am Wohnzimmerschrank mit seinen Vitrinenfenstern vorbei, nach links zum Balkonfenster hin.

In der Musikkommode hatte ich einen kleinen Schlüssel an einem roten Bändchen entdeckt. Den nahm ich immer wieder heraus, sah ihn an, steckte ihn in eins der Schlösser am Schrank, aber die waren viel zu groß. Eines Tages sah ich im Schrank eine schön geschnitzte Truhe aus dunklem Holz, deren Deckel sich nicht öffnen ließ. Ich holte den Schlüssel und steckte ihn hinein. Das Schlossschild fehlte, sodass ich in der Öffnung herumstochern musste. Aber schließlich konnte ich den Schlüssel drehen und die Truhe sprang auf. Unzählige Schwarzweißfotografien mit Büttenrand waren darin. Ich begann, die Fotos herauszunehmen. Es waren Leute darauf, die ich nicht kannte: Kinder auf kleinen Felldeckchen, junge Mädchen mit Holzreifen, eine dunkel, eine blond. Männer mit flachen Strohhüten, elegant bepelzte Damen in einem schwarzen Automobil. Dann, etwas weiter unten, kam ein ganzer Stapel mit Bildern auf festem Karton zum Vorschein. Sie zeigten allesamt ein und dieselbe junge Frau. Einmal stehend, in einem paillettenbestickten, ärmellosen hellen Kleid mit langen Perlenschnüren um den Hals. Ein andermal mit Zylinderhut und langen dunklen Strümpfen. Und schließlich in einem schwarzen Folklore-Rock mit abgesetzten Biesen und weißer Bluse. Es war ihr helles Haar, das in einer kessen Welle unter dem Florentinerhut hervorlugte. Ihre Augen, dunkel geschminkt unter schmalen Augenbrauen. Ihre ebenmäßige Nase, ihre hohen Wangenknochen, ihr kleiner Mund.

Ganz behutsam und ehrfürchtig blätterte ich in den Bildern, achtete darauf, sie in derselben Reihenfolge zurück in die Truhe zu legen, bevor Großmutter nach Hause kam. Ich spürte, dass diese Bilder und die kleine Schallplatte mit einem Geheimnis verbunden waren. Irgendwie wollte ich es ergründen, denn zu fragen traute ich mich nicht. So schaute ich die Bilder immer wieder an, und das wurde zusammen mit dem staubwedelnden Singen und Tanzen ein festes Ritual.

Daran musste ich denken, als ich an ihrem Bett saß, eine Stunde oder mehr, und hoffte, dass sie wenigstens meine Wärme spürte, wo auch immer sie sein mochte, da in sich drin. In den nächsten Wochen sah ich sie immer wieder so, die verknitterten Lider über den schönen blauen Augen. Ich hielt ihre Hand. Sie wachte nicht mehr auf.

Ein Businesstrip nach Wien

Die Beerdigung meiner Großmutter fand Anfang Mai auf dem Hauptfriedhof statt. Die Luft war blau und die Sonne jubilierte auf geradezu unangemessene Art und Weise. Es war seltsam. Meine Großmutter war im Mai geboren worden, im Mai neunzehnhundertzwölf, und nun ging sie in einem Mai wieder aus der Welt. Ein bestellter Pfarrer, den wir nicht kannten, sprach von einem erfüllten Leben als Mutter und berufstätige Frau. Die einstige Sängerin an Wiener Theatern blieb unerwähnt. Peter hielt meine rechte Hand und meine beste Freundin Kathrin, die sich extra freigenommen hatte, meine linke – doch das konnte mich auch nicht trösten.

Eine Geschäftsreise nach Wien, die nur eine Woche später anberaumt war, brachte mich schließlich auf andere Gedanken, aber eigentlich spülte sie mich ohne Absicht noch viel tiefer in die ganze Geschichte hinein.

Am zweiten Abend meines Aufenthalts war ich erschöpft von den immer etwas zu freundlichen Menschen und der immer etwas zu schönen Stadt, die mich mit ihrer Melange eingelullt hatte. Noch etwas unschlüssig stand ich vor dem Eingang eines Heurigenkellers. Es ging tief hinunter. Ob man da unten wohl ungestört wäre, ungestört von Sehenswürdigkeiten und »Gnä Frau«? Ich stieg also schließlich die unzähligen steilen Stufen hinunter und setzte mich an einen der hintersten Tische auf der linken Seite. Die waren kleiner als die auf der rechten.

Bleiben’s allein, die Dame? begrüßte mich eine Bedienung mit kecken schwarzen Augen. Ich ging über ihre Bemerkung mit einem Lächeln hinweg, bestellte einen Blaufränkisch und stöberte in meiner schwarzen Mandarina-Duck-Tasche nach dem neuen Gerät, das ich auf dem Kongress bekommen hatte. Ein neues Smartphone, typisch nichtssagender PR-Begriff. Bei solchen Gedanken wurde mir leise bewusst, wie mir mein Beruf mit seinen erfundenen Begrifflichkeiten mittlerweile auf die Nerven ging. Mal sehen, ob das Ding was taugte, dachte ich und wollte eine E-Mail schreiben an meinen Teamleiter Christian in Frankfurt und telefonieren mit Peter. Ich arbeitete mit zwei Kollegen in einer amerikanischen PR-Agentur in Frankfurt am Main. Wir waren das Technologie-Team, klägliche Überlebende der Dotcom-Blase – mit einem Büro an der Hanauer Landstraße, einer tristen, aber breiten Ausfallstraße im Ostend der Stadt.

Als ich die Tasche hochnahm, fiel das Gerät mit einem hellen Knall auf den Boden. Erschrocken hob ich es auf. Der viel gepriesene Touchscreen schien zwar unbeschädigt, aber die bunten Icons wurden plötzlich spitzwinklig wie Scherben dargestellt und hingen aneinander. Die glatte Fläche sah aus wie das bunte Innere eines Kaleidoskops. Ich drückte darauf herum, aber es tat sich nichts. Ich konnte nichts eintippen und nicht zu Hause anrufen. Mehrmals schaltete ich das Gerät ein und aus, aber das Kaleidoskop blieb. Mühsam versuchte ich, mit einer Haarnadel ins Innere des Gerätes vorzudringen, um nach der SIM-Karte zu sehen. Auch das erfolglos. Mit einer Nagelfeile bemühte ich mich, das Display zu lockern, das schließlich absprang. Nun waren Ober- und Unterteil zwar getrennt, wollten sich aber nicht mehr von mir zusammenfügen lassen. Der bunte Bildschirm war erloschen.

Die burschikose Bedienung stellte den Rotwein hin und bemerkte mit Blick auf das beschädigte Gerät: Machen’s sich nix draus, in dem Loch hier hat’s eh kein Netz. Ich sah sie überrascht und etwas ratlos an. Überhaupt nicht erreichbar zu sein, empfand ich als ärgerlich, vielleicht sogar als ein wenig beängstigend. Mein Privathandy hatte ich im Hotel gelassen.

Der geschäftliche Teil meiner kleinen Reise schien offenbar beendet zu sein. Was nun also, fragte ich mich kurz, nahm einen großen Schluck Wein und schob die beiden Teile des Geräts zur Seite. Wieder kramte ich in meiner großen Tasche und förderte die CD alter Aufnahmen und die Noten zutage, die ich zuvor in einem kleinen Musikaliengeschäft in der Dorotheergasse erstanden hatte. Ich freute mich über meine kleine Beute und darüber, dass ich noch zwei Tage drangehängt hatte an meinen Businesstrip. Das hatte ich sonst nie getan. Aber Wien war schließlich der Schaffensort meiner Großmutter gewesen und somit etwas Besonderes. Die meisten Titel kannte ich von ihr. Es waren Schlager von Friedrich Hollaender, Theo Mackeben und anderen Zeitgenossen. Am liebsten hätte ich die CD gleich auf der Stelle angehört oder zumindest Peter von meinem Fund erzählt. Weil das aber nun mal nicht möglich war, holte ich stattdessen das bunte Notizheft aus der Tasche hervor. Meine Freundin Kathrin hatte es mir geschenkt, und ich hatte es extra mitgenommen, um meine Eindrücke festzuhalten. Mit seinem bunten Umschlag, den eine indische Göttin zierte, kam es mir von Anfang an wie eine Art Geheimbuch für ungelebte Sehnsüchte vor.

Diese Verlängerung nach dem Businesstrip war seit vielen Jahren die erste private Reise, die ich allein unternahm. Eigentlich hatte Peter nachkommen wollen, aber keinen Urlaub bekommen, worüber ich mich zuerst geärgert hatte, weil er sich mal wieder nicht gegen seinen Chef hatte durchsetzen können. Inzwischen genoss ich meinen kleinen Ausflug aus der Zweisamkeit.

Am Vormittag war der Kongress über die Zukunft von mobilen Datengeräten im Radisson Blue, einem feudalen Ringstraßenhotel, das sich vergeblich darum bemühte, den alten Wiener Charme zu imitieren, zu Ende gegangen. Danach setzte ich meinen Kunden, den CEO eines amerikanischen Telekommunikationskonzerns, der dort einen Vortrag gehalten hatte, in ein Taxi zum Flughafen. Was für ein komischer Kauz! Fast zwei Meter groß und laut, aber linkisch. Als ich meine Großmutter erwähnte, taute er auf und fing an, von seiner Mutter zu erzählen, die auch in Wien gelebt hatte. Von da an folgte er mir wie ein Hündchen.

Die ganze Veranstaltung war so glatt gelaufen, dass ich mich fragte, ob es an dieser Stadt lag? An den Menschen, die so ganz anders waren als in Frankfurt? So liebenswürdig und freundlich, egal was man wollte. Das, worum sich in Frankfurt alles drehte, Business und Bonus, schien hier Nebensache. Auch wenn das vielleicht nur gespielt war, gefiel es mir. In Frankfurt nahmen die Leute sich selbst zu ernst, ging es mir durch den Kopf. Aber irgendwie konnte ich das nicht zu Ende denken, denn eine Stimme vom Nachbartisch, dunkel, melodisch und eine Spur wienerisch, lockte mich. Ein leicht verschlepptes Deutsch, das klang, als würde es sich vom Deutschen gerade ausruhen.

Ich musste hinschauen und fing seinen Blick auf, frech, fragend und viel zu lang. Ein Mann mit jungem Gesicht und kurzem, eisgrauem Haar stand dort und unterhielt sich mit einem Gast – jetzt nur noch wie nebenbei. Ich hielt stand, lächelte nicht und beugte den Kopf wieder über meine Notizen.

Er plauderte weiter in dieser mühelos, lässigen Melodie, als sei im Leben alles leicht, und starrte dabei in meine Richtung. Ich ließ meine Hand unaufhörlich über das Papier gleiten, schob meine Brille nach oben, strich mir meine hellste Haarsträhne hinters Ohr. Sein Verhalten, irgendwo zwischen Wollen und Zögern, machte ihn interessant, und ich wollte es irgendwie hinkriegen, dass er mich ansprach mit dieser Stimme, und blickte noch mal hoch. Ein Lächeln, aber nur mit dem Mund. Seine Augen, blau oder grün oder beides, suchten mich einzuschätzen zwischen zwei Lidschlägen. Auf dem Papier begann ich ihn zu beschreiben. Diese Stimme war ein Widerspruch zum braven Rest: frisch geschnittenes Igelhaar, fast weiß an den Spitzen, wie ein kleiner Strahlenkranz um den Kopf, rote Krawatte, grau meliertes Jackett, Jeans – womöglich Armani. Wirklich gutaussehend war er nicht.

Plötzlich wandte er sich von dem anderen Gast ab, als wollte er zu einem Gang durch das lange Gewölbe ansetzen, und steuerte direkt auf mich zu. Er blieb stehen und sprach mich tatsächlich mit dieser Stimme an.

Schreiben Sie alles auf?, fragte er und beschrieb mit der Hand ein vages Gebilde in der Luft. Das Alles betonte er so, dass ich sofort wusste, er meinte alles, was ich gerade gedacht und gesehen hatte. Mein Herz schlug mir im Hals, so sehr, dass ich befürchtete, er könnte es sehen. Ich hatte etwas über ihn geschrieben, und er hatte mich erwischt.

Seine Aufmerksamkeit gefiel mir und auch dieser kleine Aufruhr in meinem Inneren. Und dann gefiel mir, dass er älter war als ich. So gerade am Ende des Jungseins. Ich war durch den Aufenthalt hier in einer besonderen Stimmung. Noch einmal ein Feuer entfachen, ging es mir durch den Kopf, auch wenn man dabei selber Feuer fängt.

Alles nicht, sagte ich und sah nach oben in diese frechen Augen, die mir in ihrem Schillern zwischen Blau und Grün ein wenig unschlüssig vorkamen. Unschlüssig darüber, ob er sich setzen sollte oder nicht. Er beugte sich leicht über den Tisch, legte seine linke Hand auf die Tischplatte und sah sich mein Notizheft an. Am liebsten hätte er gelesen, was ich zuletzt geschrieben hatte, aber ich hatte es zugeklappt. Also sah er sich den Einband an, und der hob sich ziemlich ab von meinem Businessoutfit. Er zeigte die indische Göttin Lakshmi, purpurn und milde lächelnd, zwischen pinkfarbenen Seerosen und mit türkisfarbenen Elefanten im Hintergrund.

Sie hat eine schöne Ausstrahlung, Ihre indische Glücksgöttin, sagte er. Das war ein hinterlistiges Kompliment, aber die Hinterlist amüsierte mich, denn die meisten Männer, die ich kannte, würden sich nicht trauen, etwas über eine indische Göttin zu sagen, ohne sich blöd vorzukommen. Und Lakshmi stand tatsächlich für Glück. Ich lächelte nicht, obwohl es mir schwerfiel.

Gibt es eine Verbindung, fragte er, und ich verstand nicht gleich. Ich meine zwischen Ihnen und der indischen Göttin? Interessieren Sie sich für die indische Götterwelt?

Bisher nicht, sagte ich. Er schien ein wenig irritiert oder enttäuscht, und ich beeilte mich nachzuschieben: Nicht direkt, meine ich. Das Buch hat mir meine beste Freundin geschenkt, und natürlich habe ich die Bedeutung von Lakshmi nachgeschaut, weil ich nicht gern Sachen mit mir herumtrage, von denen ich nichts weiß.

Ist ja auch schöner, mal was mit der Hand zu schreiben, sagte er ausweichend. Zumal das hier – und er schaute mit einem Nicken zu meinem kaputten Smartphone hin – ein bissel lediert ausschaut. Lediert, dieses Wort hatte ich ewig nicht gehört, zuletzt von meiner Großmutter, und deshalb mochte ich es: Es klang eher nach einem Menschen als nach einem schnöden Gerät, nach einem Menschen, der sich eine Nacht um die Ohren geschlagen hatte oder ein Leben.

Schlimm?

Ach, das ist nur ein Testgerät, sagte ich und winkte ab.

Was denn für ein Test?, fragte er mit der Betonung auf dem Satzende. Unverschämt! Aber irgendwie amüsierte mich die offene Art, mit der er mich ansprach.

Na ja, sagte ich und bemühte mich, wieder sachlich zu werden. Ich soll es eine Weile ausprobieren für einen Kunden und später die Pressekonferenz zur Markteinführung organisieren.

Mhm. Hoffentlich noch eine Weile hin, sagte er und nach einer Pause: Dann sind Sie geschäftlich hier? In seinem Tonfall klang das Wort geschäftlich besonders hervor, und jeder, der uns sah, mochte immer noch denken, dass wir uns hier ganz beiläufig unterhielten. Und ich hätte einfach sagen können, dass ich einen sehr anstrengenden Tag gehabt hätte und müde sei. Aber er sah mich an, mit diesem unentschlossenen Schillern, dass irgendwo zwischen frech und fragend pendelte, und beide wussten wir, dass er in diesem Augenblick nach einem Grund für eine längere Unterhaltung suchte. Ich fragte mich, wie weit ich dann gehen würde.

Das war es wohl, was ich wirklich wissen wollte. Er hatte mit seiner Stimme irgendetwas angestoßen in mir, ein Sehnen nach einer gewissen Leichtsinnigkeit, das jetzt nachhallte, und so sagte ich schließlich: Nicht nur. Ein plötzliches Herzklopfen verriet mir, dass dieses kleine Wörtchen alles enthielt, um weiterzugehen. Da schnappte er es auch schon auf und fragte: Dann haben Sie schon etwas gesehen, von der Stadt?

Wie man’s nimmt, sagte ich und betrachtete seine Hand auf dem Tisch. Schön war sie, feingliedrig, mit erstaunlich langen Fingern. Noch ein Widerspruch zum restlichen Körper, der schlank war, aber nicht sehr groß.

Und was also? fragte er weiter.

Kongresszentren, Hotellobbys – ein Musikaliengeschäft, fügte ich hinzu und warf ihm damit zu meinem eigenen Erstaunen ein Thema hin, das etwas preisgab über mich und gleichzeitig ein Strohhalm zum Weiterreden war, so, als hätte ich gerade die Abzweigung aus dieser kleinen Begegnung verpasst.

Musik? Er strahlte mich an und schob nach: Machen Sie selbst Musik?

Ich nickte, sah ihn an und musste lächeln. Obwohl wir dieses kleine Spiel spielten und es beide wussten, war sein Interesse echt.

Warten Sie einen Moment, vielleicht habe ich was für Sie, sagte er und lief auch schon durch das Tonnengewölbe zurück in den Vorderteil des Restaurants. Er hatte einen beschwingten Gang, und ich fragte mich, ob er wusste, dass ich ihm hinterher sah. Was hatte er vor? Und ich? Nie hatte ich mich auf ein solches Intermezzo eingelassen, jedenfalls nicht weiter als bis hierher. Sollte ich nicht einfach die beiden Plastikteile in meine Tasche kehren und gehen? Ich zündete mir eine Zigarette an und blickte dem Rauch nach. Die Steine an den Wänden waren rußschwarz und hatten Jahrhunderte überdauert. An den größeren Tischen auf der anderen Seite standen Bänke mit geblümten Gardinchen. Wie in einem altmodischen Bahnabteil, aber irgendwie passte es hierher. Ob das sein Lokal war? Wenn ja, kann er wirklich stolz sein, dachte ich, aber da kam er schon wieder heran und hielt ein buntes Papier zwischen seinen langen Fingern.

Es war ein Folder, der einen Musikabend ankündigte, und die Visitenkarte des Weinkellers, wohl mit seinem Namen darauf: Leopold Lohninger. Leopold. Das klang so sehr nach Habsburg und Wien, dass ich mir ein Schmunzeln kaum verkneifen konnte.

Da bin ich leider nicht mehr hier, lenkte ich ab. Seine Augen wurden wie aus Furcht einen Wimpernschlag größer.

Nehmen Sie’s trotzdem, sagte er und zog den Stuhl zurück, als Erinnerung.

Darf ich? Lassen Sie mal sehen. Er nahm die beiden Plastikteile des Smartphones auf. Behutsam versuchte er, sie mit seinen langgliedrigen Fingern zusammenzusetzen. Tatsächlich machte es Klack und das Smartphone war wieder in einem. Er schaltete es ein, der Touchscreen leuchtete, zeigte aber nach wie vor sein kaleidoskopartiges Muster. Er schüttelte den Kopf und legte das Gerät wieder auf den Tisch, als habe er sein Möglichstes getan. Er schien tatsächlich anders zu sein als Peter, der keine Ruhe gab, bis er ein technisches Gerät wieder in Gang gebracht hatte, als müsste er damit seine Männlichkeit beweisen.

Ich griff danach und drückte noch mal den Einschaltknopf. Unsere Fingerspitzen berührten sich dabei kurz, wie beiläufig, und doch bemerkte es jeder von uns. Seine Hand kam zurück und streifte über meine drei Ringe an der rechten Hand. Ganz leicht, wie eine kleine Frage.

Eine richtige Sammlung, sagte er. Und kein Ehering?

Ganz schön direkt, dachte ich und fand, dass er dafür eine kleine Zurückweisung verdient hatte. So was Ähnliches, sagte ich und hielt ihm meinen linken Mittelfinger mit dem schmalen rotgoldenen Reif hin, den ich seit kurzem trug. Er stutzte.

Der Ring meiner Großmutter, sagte ich und lächelte wie zur Erlösung. Es ist eigentlich ein Verlobungsring, aber sie trug ihn die ganzen Jahre – obwohl sie danach dreimal verheiratet war. Das saß wohl, denn er sagte nichts, sah mich nur an, mit diesen Augen, die jetzt grün waren, dunkelgrün wie ein See an seiner tiefsten Stelle, und zu forschen schienen, ob ich etwas von ihr hätte. Und die anderen? fragte er schließlich.

Die anderen? Jetzt war ich völlig verblüfft und mir sicher, dass ich mich gleich um Kopf und Kragen reden würde. Die anderen haben ihr nicht so viel bedeutet, sagte ich, so gleichgültig wie möglich, aber er musste meine Irritation bemerkt haben.

Nein, nein, sagte er. Ich wollte nicht … ich meinte die anderen Ringe.

Ich musste lachen. Nein, die sind einfach nur schön.

Mein Mann wollte keine Ringe, schob ich nach.

Also doch, sagte er.

Was?

Verheiratet.

Ja, gab ich zu. Nun war es heraus und die Fronten geklärt.

Mhm, machte er, und es klang nachdenklich und ernst, so, als ob er es gleichzeitig anerkennenswert und schade fand, dass ich so ehrlich war.

Und Sie?, fragte ich nach einer kleinen Weile.

Geschieden, sagte er und atmete hörbar, als ob es ihm schwerfiele, darüber zu sprechen. Er erzählte von einem erwachsenen Sohn und von sporadischen Treffen, bei denen sie sich ganz nah waren und dann wieder ganz fremd. Mit der Frau sei das anders, sagte er, die sei ihm so fremd, als wären sie nie verheiratet gewesen, und diese ganze Situation empfinde er als Scheitern. Dieses Wort Scheitern, so wie er es sagte, mit all seinem Gewicht, klang wie eine ganz und gar vertane Lebenschance, die man nicht wiederbekam, so wie man die Jahre nicht wiederbekam, die man gelebt hatte. Und ich fragte mich, in diesem Augenblick, ob es Scheitern war, wenn man sich nach vielen Jahren von Frau und Kind trennte, weil man merkte, dass es einfach vorbei war, oder ob es nicht viel mehr ein Scheitern war, wenn man zusammenblieb, aus Angst und Gewohnheit?

Wir schwiegen eine Weile, und jeder wusste, dass der andere genau über diese Dinge nachdachte. Und jetzt?, fragte ich schließlich, weil es mir schien, als könnte das nicht alles sein. Er sprach von einer Freundin, mit der er seit kurzem zusammen war, und davon, dass er alles anders machen wollte, diesmal.

Wir sind sehr offen miteinander, erzählen uns alles, sagte er.

Und ich fragte mich, ob er ihr auch von diesen Abend erzählen würde.

Mein Blick fiel wieder auf das nicht funktionierende Gerät, und unsere Augen trafen sich. Wir sahen uns lange und ernst an, beide im Bewusstsein einer Möglichkeit, die zu spät kam im Leben. Ich zündete mir eine weitere Zigarette an und atmete den Rauch aus.

Er kam erneut mit seiner Hand und griff sich die azurblaue Schachtel.

Die sind stark. Rauchen Sie viel?

Es geht, antwortete ich. Wenn ich nervös bin.

Und jetzt? Sind Sie nervös? Doch nicht, weil wir …? Er hatte diesen leichten Tonfall wiedergefunden. Beide mussten wir lachen.

… hier sitzen und reden, ergänzte ich, und alles Ernste, das wir vorher gesprochen hatten, verlor an Gewicht. Wir lachten über unsere Worte, weil wir es offenbar nicht schafften, unser kleines Spiel zu beenden, aller Lebenserfahrung zum Trotz.

Er rief die Kellnerin und bestellte zwei Blaufränkisch.

Machen Sie das alles hier allein?, fragte ich mit einem Blick durch das Tonnengewölbe und bewunderte ihn im Stillen für seine Selbständigkeit. Den Mut würde ich wohl nicht aufbringen. Er erzählte, dass er vor kurzem nah daran gewesen war, alles aufzugeben, sich dann aber besonnen habe. Das klang ein bisschen so, als sei ihm das alles auch eine Last. Und das tröstete mich.

Was wollten Sie denn stattdessen tun?, fragte ich.

Ich habe eine Ausbildung begonnen, zum Ayurvedatherapeuten.

Ich war verblüfft und konnte erstmal gar nichts sagen. Daher also sein Interesse für meine indische Göttin. Ich warf einen Rundumblick durch dieses alte Kellergewölbe mit der rustikalen Einrichtung und versuchte, das in meinem Kopf zusammenzubringen. Er hatte meinen Blick bemerkt und fing ihn mit einem Lächeln auf. Genau deshalb, sagte er und ließ seinen Blick ebenfalls durch den Raum kreisen. Man sollte im Leben auch mal die Richtung ändern.

Entweder war er mutig oder er hatte gerade die Bodenhaftung verloren und war auf der Suche.

Und Sie? Was machen Sie?

Kommunikationsberatung bei einer amerikanischen Agentur. Genauer: Pressearbeit für Technologiekunden, sagte ich.

Technik?, kam es ungläubig von ihm.

Ich zuckte die Schultern. Ein Thema wie jedes andere auch, sagte ich.

Nun versuchte er, das von mir Erfahrene in seinem Kopf zusammenzukriegen. Viele Geschäftsreisen?, fragte er nach einer Weile, und mir ging durch den Kopf, dass er mit dieser Frage etwas ganz anderes wissen wollte. Ich blieb vage. Aber er fragte weiter, wollte wissen, wo ich lebte, und ich wusste nicht, ob er sich gerade ausrechnete, dass man sich dann nicht so oft sehen könnte, weil Frankfurt ewig weit weg war, oder ob er erleichtert war, weil ich dann ja sicher nicht so schnell wiederkäme und er deshalb Narrenfreiheit hätte. Jedenfalls fand ich, dass wir schon zu diesem Zeitpunkt ganz gehörig um den heißen Brei herumzureden begannen, und dieses Um-den-Brei-Reden war wie ein Spiel darum, wer zuerst hineintappte.

Und was haben Sie in dem Musikaliengeschäft gesucht?, fragte er unvermittelt. Ich freute mich über den Themenwechsel. Das Singen hatte ich nach Jahren wieder entdeckt und es machte mir viel Spaß. Ich fand es entspannend und erfüllend zugleich. Es gefiel mir so sehr, dass ich manchmal mit dem Gedanken spielte, es zu meinem Beruf zu machen.

Noten und alte Aufnahmen, sagte ich. Ich mag die Lieder der zwanziger Jahre und singe in einem Trio. Er lächelte und versuchte offenbar, sich das vorzustellen.

Warten Sie mal, ich hab’ ein Foto von unserem ersten Auftritt.

Ich blätterte in meinem Notizbuch und nahm das Foto heraus. Auf dem Bild war ich zu sehen, mitten in einer Tanzbewegung innehaltend, die Hände lang ausgestreckt nach links, zu Dirk, meinem Gesangspartner, der mit einem zerzausten Strohhut auf dem Kopf nach mir hinsah, auf seinen Einsatz wartend. Stephan am Klavier dagegen war ganz in sein Spiel vertieft. Es war ein witziges Bild, und trotzdem sah ich darauf schön aus. Vielleicht fiel mir das erst jetzt auf, aber es war ein Bild, auf dem man sah, dass ich ganz in meinem Element war.

Das fand offenbar auch Leo, denn er hatte keine Probleme, die Person auf dem Bild mit mir in Verbindung zu bringen. Spielt ihr auch eigene Sachen?, fragte er.

Nach einem kurzen Zögern nickte ich.

Meinen Namen kennst du schon, sagte er. Und wie heißt du?

Judith, sagte ich.

Ein schöner Name – mit einer grausamen Geschichte, wenn ich mich recht entsinne, fügte er hinzu.

Mir wurde ganz heiß bei seinen Worten.

Er bemerkte das und beeilte sich, da wieder herauszukommen:

Also, Leo, sagte er und lächelte. Dann machte er eine Kopfbewegung zu dem Foto hin. Mit kurzem Haar schaust’ jünger aus.

Nun wollte er offenbar mein Alter wissen. Aber so leicht wollte ich es ihm nicht machen und drehte den Spieß um.

Was glaubst du denn?

Er sah wieder auf das Foto. Sag’s halt. Das war nicht nur plumpe Vertraulichkeit. Das war Vertrautheit, die uns plötzlich so reden ließ, Vertrautheit, die mir fast unheimlich war.

Und du?

Achtundvierzig.

Achtunddreißig, sagte ich und holte wieder eine Zigarette aus der Schachtel. Eine gewisse Anerkennung lag in seinem Blick, aber er verkniff sich eine dumme Bemerkung, griff nach meiner Zigarette, nahm sie mir fort, drehte sie zwischen seinen langen Fingern und legte sie zurück auf die Packung. Das wollen wir doch sehen, dachte ich und streckte die Finger danach aus. Aber er war schon da und umfasste mit entschlossenem Griff mein Handgelenk, um das er leicht herumkam. Er hielt mich fest, sah mich an, fragend, was ich so zulassen würde, und drückte ein bisschen fester. Mein Herz begann, wie irre zu schlagen, und ich war sehr gespannt, was nun passieren würde. Um den Druck noch zu erhöhen, zog ich die Hand in meine Richtung. Er schloss nun alle Finger fest um mein Gelenk und sah mich gerade heraus an, als wollte er genau den Augenblick abpassen, an dem es mir zu viel wurde. Ich öffnete den Mund, aber bevor ich etwas sagen konnte, zeigte er mit der anderen Hand wieder zu dem Foto hin. Was machst’ da gerade?

Ich singe In der Bar zum Krokodil – und versuche die Hände wie eine ägyptische Tempeltänzerin zu bewegen.

So?, fragte er und zog meine Hand zur Seite, bestimmt, aber nicht heftig. Dabei sah er mich weiter an, jetzt mit vielen kleinen Wimpernschlägen, als fiele es ihm plötzlich schwer, meinem Blick standzuhalten.

Wie geht der Text?

Den kann man nicht erzählen, wich ich aus. Seine Augen wurden größer, und er sah ein bisschen enttäuscht aus. Es geht jedenfalls um eine untreue Gattin, versuchte ich so lapidar wie möglich dieses Thema abzutun und bemerkte, noch während ich sprach, dass ich genau das Gegenteil erreichte.

Ganz leicht zog er die Augenbrauen hoch und nickte mir zu, als wollte er fragen: Passt das? Die Zigarette war von der Packung heruntergerollt und lag neben dem noch immer defekten Smartphone. Ich schüttelte den Kopf und wurde rot, weil er immer noch meine Hand hielt, nicht fest, nicht leicht, sondern warm und angenehm.

Mit der anderen berührte er meine Ringe, betastete ihre Formen, nahm meine Fingerknöchel zwischen seine, fuhr mit den Fingerkuppen langsam über meine glatten, festen Nägel, strich an ihrer Rundung entlang, wie um zu prüfen, ob sie scharf waren. Nun sah er sich auch meine linke Hand genau an, drehte sie und strich über die Innenfläche. Meine Hände gefallen mir ausnehmend gut, deshalb war ich froh, dass er diese wohlgeratenen Gliedmaßen von mir zuerst betrachtete. Er nahm meine Hand, und nun saßen wir da, Handfläche an Handfläche auf der groben Tischplatte.

Ich gab Druck und versuchte einen Augenaufschlag. Druck. Blick. Dann wieder er. Frage – Antwort. Ja? Ja.

So ging es, bis die burschikose Kellnerin kam und die beiden vollen Weingläser mit Bedacht zwischen uns stellte. Er dankte, nannte sie Violetta, ein Name, den ich sehr passend fand, ließ meine Hände aber nicht los. Am Nebentisch waren Leute aufgestanden und grüßten beim Hinausgehen.

Stammgäste, sagte er, hob kurz eine Hand, die andere ließ er mir. Das erschien mir in diesem Augenblick wie ein Zugeständnis von ihm, als habe er sich für mich entschieden, ohne Rücksicht auf Verluste.

Unter dem Tisch stießen sachte unsere Fußspitzen aneinander, wie Pendel, die immer wieder zurückkommen, wenn man sie einmal angestoßen hat. Seine standen außen, und ich tastete mich heran, bis meine Knie an den Innenseiten seiner Beine waren. Ich konnte weder stillhalten noch zurückziehen, vielmehr drückten meine Knie und Schenkel gegen seine, erst leicht, dann stärker. Genauso kam es von ihm zurück. Ich spürte die Falten seiner Jeans, seine Kniescheiben. Es war ein Wollen mit den Beinen, und ich wunderte mich, dass ich offenbar genau wusste, was zu tun war, obwohl ich das früher nie ausprobiert hatte.

Du hast Kraft, sagte er, und sein Adamsapfel mit dem kleinen Leberfleck daran wanderte einmal von oben nach unten. Ja, verdammt, dachte ich und wollte am liebsten wissen, wie er seine Kraft dagegensetzen würde. Wenn wir uns liebten.

Ich mache Yoga, sagte ich stattdessen. Die Fünf Tibeter, jeden Morgen, ergänzte ich und war gespannt, ob er auch über mich lachen würde, wie Peter. Leo lachte nicht. Er nickte nur und sagte: Behalte dir das. Und ich wusste nicht genau, ob er das Yoga meinte oder meine Hartnäckigkeit, mit der ich das durchzog.

Ich sah mir seine Schultern an und fand, dass er erstaunlich schlank war. Wahrscheinlich schlanker als ich, ging es mir durch den Kopf, und ich genoss einen Moment den Gedanken, dass ihn meine Rundungen aus der Fassung bringen könnten.

Aber du machst sicher Sport, so schlank wie du bist?, fagte ich.

Er schüttelte den Kopf. Nur ab und zu eine Massage, um mich geschmeidig zu halten.

Ich grinste. Was brachte mich bloß dazu? Halb amüsiert über mich und halb über seinen Blick, der mich zu tadeln schien, sah ich ihn lange an. Ich konnte nicht aufhören. Es war, als habe er in mir eine Sehnsucht geweckt, die mich jetzt vorantrieb, nach etwas Unbestimmtem, aber ungeheuer Begehrenswertem zu trachten, vielleicht nach einem intensiven Gefühl, vielleicht nach dem Leben selbst, das ansonsten sichtbar und unwiederbringlich an mir vorbeiziehen würde.

Ich sah diesen Augenblick förmlich vor mir und wollte ihn anhalten. Jetzt! Langsam erhob ich mich und beugte mich vor, in seine Richtung, immer weiter, über diese schwere Eichenholzplatte hinweg, ging auf die Zehenspitzen, bis ich ganz nah war, an seinem Mund. Ich nahm den Geruch seiner Haut wahr, nach Holz und Nelken, die feinen, fältchenüberzogenen Lippen, die sich spitzten und mir so näher kamen. Ich küsste ihn warm und weich und so intensiv, wie es ohne Zunge geht – dazu fehlte mir dann doch der Mut. So wie auch ihm. Er fühlte sich gut an. Meine Gedanken fuhren Karussell, und für einen kleinen Moment hatte ich dieses ganz und gar köstliche Gefühl in mir, etwas Unerhörtes zu tun, an das wir uns erinnern würden. Für was soll unser Dasein schon gut sein, wenn nicht für solche kleinen Handlungen, die sich herausheben aus dem Einerlei von Jahr und Tag.

Mhm, machte er kaum hörbar. Und ich wusste, dass er ebenso fühlte, dass das ein Ausdruck seines Nachschmeckens dieses kleinen Moments war, den er für immer im Kopf behalten würde. Er nickte, als ob ihm klar gewesen wäre, dass ich das tun würde. Als ob dieser Kuss die einzig mögliche Antwort gewesen wäre auf die Frage, die er mit Worten nicht gestellt hatte.

Wir sahen uns an, sprachen mit den Augen, fragten uns stumm und überrascht, woher diese Anziehung kam und wie weit wir dafür gehen würden. Ich nahm einen Schluck Wein, weil ich seinem Blick nicht mehr standhalten konnte. Du riechst gut, sagte ich. Er räusperte sich. Mir gefiel es, ihm das jetzt zu sagen und ihn damit ein wenig in Verlegenheit zu bringen.

Um uns herum war es sehr leer geworden. Bis auf den vorderen Teil des Lokals, wo sich die Theke mit ein paar Stammgästen daran befand, war das Gewölbe entvölkert. Er nahm wieder mein Handgelenk und wanderte an meinem rechten Arm entlang. Wie die Fühler eines scheuen Tieres, das die Welt durch seinen Tastsinn begreift, krochen seine Fingerspitzen unter dem Wollstoff an meinem Arm empor. In der Nähe meiner Achselhöhle verweilten sie, tasteten, streichelten. Eine unerhört zarte Berührung, die von außen nicht sichtbar war und die mich, auch weil sie in aller Heimlichkeit geschah, aufs Äußerste erregte. Am liebsten hätte ich mich vor ihn hingelegt, auf diese schwere Eichenholzplatte. Er sah mich an, als wollte er ganz genau sehen, was seine Berührung mit mir machte, und ich stemmte unter dem Tisch meine Beine fester gegen seine.

Aber ich lebe gesund, versuchte er die Unterhaltung plötzlich wieder aufzunehmen, erzählte, dass er Vegetarier sei, nur selten Fisch esse und einmal in der Woche einen Enthaltungstag einlege, dann gebe es nur Obst. Diese kleine Ausführung wirkte wie ein letztmaliges Aufbäumen seiner hart erkämpften Selbstdisziplin.

Er schwieg plötzlich, als fände er seine Worte selbst unpassend. Beide wussten wir, dass er nicht für diese Art von Leben gemacht war. Genauso wenig wie ich. Wie überhaupt kein Mensch vielleicht. Oft hatte ich mir solche Dinge vorgenommen: gesünder essen, keine Süßigkeiten mehr, nur ein Glas Wein am Abend. Manchmal gefiel ich mir in so einer asketischen Lebenshaltung und war dann eine Woche lang sicher, auf dem Weg zu sein, ein besserer Mensch zu werden. Auch weil es einige Anstrengung kostete, die sich irgendwie gut anfühlte.

Ich bin beschwipst, sagte ich und nahm die Brille ab. Vielleicht um ihm zu zeigen, wie groß meine Augen wirklich waren, vielleicht um irgendetwas an ihm zu sehen, für das man keine Brille brauchte.

Von vorn wehte Musik nach hinten. Eine schwebend schöne Arie, gesungen von einer Frau in schmelzendem Italienisch. O mio babbino caro, drang eine Melodie, zerbrechlich schön und vollkommen untauglich für das Tageslicht, durch diesen moderigen alten Weinkeller.

Mir war zum Singen zumute, und ich sang mit, ohne die geringste Verlegenheit, sang italienische Worte, die irgendwie passten, obwohl ich den Text gar nicht kannte, und sie klangen weder klebrig noch süß, sondern aufrichtig. Seine Augen wurden groß und strahlten. Das ist jetzt schön, sagte er, und ich sang: Mi piace è bello, bello .… Sicher konnte er sehen, wie meine Wimperntusche langsam verlief, und spüren, dass das nicht irgendein Lied war, sondern die Wahrheit, die er eiswasserklar wie meine helle Stimme abbekam. Und dann, als diese hohe Stelle kam, wurde sein Blick seltsam traurig, als sei ihm gerade etwas verloren gegangen.